L Jahrgang. Ur.1. /yn i>)■ Donnerstag, 1. September 192L Zentralorgan der deutschen sozialdemokratischen Ardeiterpartei in der tschechoslowakischen Republik flebnkHoit nnb Verwaltung: Prag U Havlickovo n/im. 32. tieleson 6795, nachts 6799. Telegramm-Adresse: Sozialdemokrat Prag. Postsparkassakonto 57544. EinzelvreiS 70 Heller. Bezugsbedingungen: Bei.Zustellung in? Hans oder bei Bezug durch die Post monatlich 16— Kc, vlertelzährlich 48-— Ke, halbjährig 96— Kc. ganziäbrig 192— Kc. Für Deutichvsterreich monatlich 120- öK. für Deutschland 16-- Mk. Erscheint mit Ausnahme des Montag täglich früh. Unser Grus; In Eure Hände, Genossen und Genossinnen, legen wir die Erfüllung jahrelangen Sehnens, unser Zentralorgan. Einer Armee rastlos lZerklütlger sei sein erster Gruß geweiht. Der Zusammenbruch des morschen Oester- reich hat uns von unseren Brüdern gerissen; die Armut unserer Vereinsamung wurde uns so recht durch den Verlust eines teuren Mit- b>sitzcs bewußt, durch den der„Arbeiter- f ütung". Aber es wäre nicht proletarisch ge- Wesen, sich fruchtlos-trauernder Betrachtung hinzugeben. Die Welt des Sozialismus wird au» schöpferischer Tat. Und so hat sich die deutsche sozialdemokratische Arbeiterschaft in der Tschechoslowakei znkuustssicher über alle- Hindernisse hinweg, die sich immer wieder vor ukZ auftürmten, den„Sozialdemokrat" gc- schassen. Er wird furchtlos, mutig-zähe im Kampfe gegen jedwedes Ansbeutcrium wir- ken. Er wird nimmermüder Ankläger alles Ungerechten, das der Welt des Kapitalismus entspringen muß, Beschützer und Mund seiner Opfer sein; Bruder aller Arbeitenden, und im Streite der Proletarier versöhnlicher Genosse: So grüßen wir als Brüder Alle, mit denen uns Margens und Engels' Geist, Le.ss>M ,-.>d Bebel, Viktor Adlers Herz und Jaurös' rcvo- lutionärer Feucrgeist verbinden. Als Anwalt und Vorposten der arbeitenden Klasse eines großen, arbeitSsreudigen Volkes, das. der Frieden von Versailles vcrkncchtet hat, wollen wir mithelfen, seine, wie aller Bedrückten Fessel zu zerbrechen und eine wahre Internationale gleichberechtigter, werktätiger Nationen aufzubauen. Die Schaffung einer Internationale, die alle revolutionären Klassenkämpfe! umfaßt, sie ist die Lebensfrage des WcltprolctariatS. AuSeinandergerissen, sclbstgcschwächt in Bru- derkämpfen, von nationalistischen Ideologien durchtränkt oder im Banne vormarxistischer, baluninistischer Ideen, sind Teile dcS Welt- Proletariats unbcwehrt dem Ansturm der internationalen kapitalistischen Reaktion auS- geseht. Nicht zu teilen, wiederzuver- einigen, nicht neuen Haß unter Arbeitern zu schüren, neue Kräfte der Versöh- nung und Zusammenarbeit im Klassenkampfe zu wecken, dies soll unsere Sen- dung sein. Frei von nationalistischer Vcr- irrung, als revolutionäre Partei, wollen wir ht diesem Staate wirken, wo Mißverstehen und Irrtum unsere tschechischen Klassenge« uossen voneinander und auch von uns, deutschen Arbeitern, trennt. Wir wollen mit haß- loser, verständnisinniger Kritik den Weg derer beleuchten, die vom internationalen So- zialismus eines Marx und Engels abirren. Den Genossen in den Gewerkschaften und Gc- nossenschafte» wollen wir ein verläßlicher Freund werden. Wir wollen ihre schweren Kämpfe um das Lebenswohl der Arbeiterschaft in erster Reihe mitkämpfen, ihre Siege als die unseren feiern. Die Lüden der Arbeitslosen, der beklagenswertesten Opfer der kapitalisti- scheu Wirtschaftsordnung, werden wir in die Welt schreien, und durch Rat und Tat ihr Schicksal lindern. Aller, die der Haß und Kampf gegen den Kapitalismus vereint, sei diese» Blatt? Den Kapitalismus, diesen Erbfeind der' Menschheit, werden wir in seinen tausendfachen| Auswirkungen, seinen blutigen Verzerrungen! und in seinen Opfern aufzeigen. Wir werden darstellen, wie er ganze Völker, Millionen blü- hcnder Menschenleben vernichtet, wie er sich Staaten und Ideologien und Menschen als Werkzeuge der Ausbeutung schafft und mit dem erbärmlichsten Mittel, seiner Presse, Nn- hell über die Welt bringt. Ihm, unserem ein- zigen großen Feinde, sei auch hier erbar- mungsloser Kampf angesagt. Ter Weg, auf welchem wir das Proletariat durch seine Leidensgeschichte und durch die Historie des tschechischen Staates begleiten werden, ist voll Mühen und Kampf. Teilen wir doch das Schicksal unseres ganzen Volles, das sich fast alle Sicgcrstaatcn der„Kultur- Welt" Untertan gemacht haben. Nicht demo- kratische Selbstbestimmung ist das Los von dreieinhalb Millionen Deutschen in diesem Staate, sondern die Unterjochung durch die tschechische Bourgeoisie, durch ihre Büro- lratic und alle jene Parteien und Machtorga- nisationen, die in ihrem Banne stehen. Doch so unentwegt wir einst für die nationale Vc- freiung des tschechischen Volkes von dem Druck? des feudalen Habsburgtrstaulr-'-tin^r- trcten sind, so bestimmt wir damals Auto» nomic für alle Völler Oesterreichs gefordert haben, so hart und unbeirrbar kämpfen wir heute um unser eigenes Sclbstbcstimmnngs- recht.„Die Befreiung der Nationen von der drohenden neuen nationalen Fremdherrschaft ist hier die herrschende Frage der nnmittcl- baren Gegenwart, und diese muß zunächst cnt- schieden werden, bevor das Proletariat dazu schreiten kann, die Demokratie zu erkämpfen und die Sozialisicrung durchzusehen." Diese Worte unseres unvergeßlichen Seliger sind heute so gegenwärtig wie in den Tagen der Aufrichtung der tschechischen Bürgerrepublik. Ihre Wahrheit haben wir drei Jahre lang er- litten. Mühevoll ist unser Weg. Doch gerade des- halb muß er im rüstige» Kampf durchschritten werden. Kommt mit unS, Freunde! Dieser Weg sei jetzt unser Ziel! Den wechsclreichen Kämpfen der sozialen Revolution folgt das Reich der befreiten Arbeit, der wiedcrgc- wonnenen Menschenwürde, das Reich des So- zialismus! Seinen schimmernden Gestaden gilt unser zukunstsstarker Gruß. Der Gruß der Internationalen Arbeitsgemeinschaft. Berlin, 31. August.(Eigener Drahtbericht des„Sozialdemokrat".) Genosse Friedrich Ad- ler, der Sekretär der Internationalen Ar- beitsgemeinschaft sozialistischer Parteien, der augenblicklich in Berlin weilt, sendet folgen- den Gruß dem neuen Mitkämpfer der Jntcr- >'otic-..ul:^ Arbeitsgemeinschaft sozialistischer Parteien: Herzlichste« Glückauf zu unerschrockenem zähen Kampfe für die Klasseninteressen des Proletariat»! Der„Sozialdemokrat" wird an der großen Aufgabe mitwirken, die beut- sche Arbeiterschaft in der Tschechoslowakei unter dem Banner der internationalen, revolutionären Arbeiterschaft zu sammeln. Große Kämpfe stehen unS bevor. Die Sozialisten aller Lander freuen sich der neue» Waffe» die sie gewinne». Friedrich Adle«. Dem SoMdcmokrat Mm Willkomm von Kar! Kautsch. Mn großer Freude bringen wir den der erste» Nummer unseres Blattes gewidmeten Artikel dcS Altmeisters der deutschen Sozial- demokralie zum Abdruck. Ter Aufsah zeigt, wie die rcichSdcntschen Genossen, deren Blick freilich mehr aus die Geschehnisse in den für den proletarischen Bcsreiungslampf cnlschci- dcndcn Staaten gerichtet ist, die Verhältnisse in der Tschechoslowakei, die doch nur ein Kleinstaat ig, betrachten. Ein deutsches sozialdemokratisches Tagblatt in Prag ist ein kühnes Wagnis. Der Weg eines jeden Organs des proletarischen Bc- frciungSkampfcS ist ein Dornenweg, aber der eines deutschen sozialistischen OrganS in Prag verspricht besonders dornenvoll zu seilt. Ich habe hier nicht die Schwierigkeiten int Auge, die aus dem proletarischen K l a s s e n k a m p s erwachsen. Sic sind in Prag nicht größer als anderswo, und aus dem Kamps um unsere große sozialistische Sache gehen so viele erhebende, begeisternde Mo- mente hervor, daß alle Beschwernisse, die er mit sich bringt, leicht getragen werden. Widerlich kann dagegen der nationale Kampf werden, wenn er sich zum sozialisti- scheu hinzugcscllt. Er bringt uns nur zu leicht in eine widerspruchsvolle Stellung. Auf der einen Seite muß ein deutsches so- zialistischcö Organ in Mhmeti für die Selbst- bestimmung der deutsche» Nation eintreten, jegliche tschechische Vergewaltigung abwehren. Aber eS muß dabei stets ängstlich darauf bc- dacht sein, nicht selbst deutschem ChauviniS- muS zu verfallen und den Respekt, den es für die deutsche Nationalität verlangt, auch der tschechischen wie jeder anderen angcdeihcn zu lassen. Die deutsche sozialistische Politik muß im tschechoslowakischen Gemeinwesen sietS derart t sein, daß sie das Zusaniinenarbeiten mit dem I tschechischen Proletariat möglich macht. Denn i nur, wenn dem deutschen Proletarier der tschc- ! chische und dcnt tschechischen der deutsche näher ! steht, als der Kapitalist der eigenen Nation, tvird es möglich sein, den tschechoslowakischen Staat so zu gestalten, daß er ein Werkzeug proletarischer Befreiung wird. Die Dcutschböhmcn müssen mit diesem Staate rechnen. Er beruht aus dem Bedürfnis nach Selbständigkeit einer Nationalität, die in Jahrhunderten schwerster Kämpfe sich gestählt und ihre Kraft bewiesen hat. Aber dieser Staat ist kein Nationalstaat und wird kaum einer werden, wie immer man seine Grenzen gestalten mag, die sicher nicht einwandfrei sind. Wohl könnte der tschccho- slowakische Staat ohne Gefährdung seiner Selbständigkeit und Lebensfähigkeit manche fremdsprachlichen Gebiete abgeben, die er sich nur angeeignet hat, weil sie Machtpositionen darstellen. Aber andere von Nichttschcchcn bc- wohnte Gegenden lassen sich von ihm nicht leicht loslösen, ohne die Einheit seines Wirt- schastSgebieteS zu zerreißen. So lange staatliche Grenzen auch Zollgrenzen' und Wirtschaft^ grenzen darstellen, wird der tschechoslowakische Staat ein Nationalitätenstaat bleiben. Gelänge es, Europa zu einem einzigen Gcsamtstaat zu gestalten, wie es die Bereinigten Staaten in Amerika sind, dann würde es freilich möglich, das tschechoslowakische Gemeinwesen innerhalb dieses Rahmens als einen oder als zwei solcher vereinigten Staaten— einen tschechischen und einen slowakischen— auf das Gebiet dieser Nationalitäten zu reduzieren, mit einigen ge- ringfügigen Sprachinseln. Das würde eine schmerzlose Operation, da die Einzelstaaien die wichtigsten ihrer Funktionen dem Gcsamtstaat übergeben hätten.& Das kann schneller kommen, als man glaubt, vielleicht schon in wenigen Jahrzehnten. Leben wir ja in einem revolutionären Zeitalter. Einstweilen aber haben wir mit den. tschechoflowakischen Staat als einem Nationa litätenstaat zu rechnen. Ein solcher ist sicher ein unvollkommenes Gebilde. Im Zeitalter der Demokratie bleibt der Nationalstaat die vollkommenste Form eines Staatswesens. Aber mancher Nationali- tätenstaat ist historisch nottvcndig geworden und er kann sich behaupten und ohne nationale Kämpfe entwickeln, wenn die einzelnen seiner nationalen Gebiete das Recht frcicstcr Selbstverwaltung— Home Rille— bekommen, wie sie es in der Schweiz seit altcröher haben, wie es in Belgien jetzt die Flamen bekamen, wie es das britische Reich vor bald zwei Jal?r> zehnten den Buren einräumte und demnächst, wenn es klug ist, den Jrländern einräume» wird. Zu dem Kampf für eine derartige Auto nomic sind die deutschen Sozialisten der Tschechoslowakei wohl berechtigt. Sie sollten dabei die Unterstützung ihrer tschechischen Gc Nossen finden. Dagegen müßte ihnen verhängnisvoll tver den eine Annäherung an den deutschen Na tionalismus. I Tic Teutschnationalen sinnen auf Revanche ( auf einen Rachekrieg, in dem die deutsche Na ; tion alle ihre Gegner niederwirft. Das Predigen dieser Gesinnung bringt noch i lange nicht den Krieg, aber eS vermehrt das | Mißtrauen der Sieger gegen die Deutschen, laßt dun Haß pcgen d..s deutsche Wesen tu den Siegern nicht zum Abslauen bringen, bewirkt, daß die deutsche Nation fortfährt, in der Well als Friedensstörer zu gelten, daß sie isoliert bleibt und der Druck sich nicht mildert, der aus ihr lastet. Und Ivenn es dann schließlich wirklich zum Nevauchekrieg käme, welche Hoffnung hätte Teutschland auf Sieg? Eine zweite Niederlage in einem von den Deutschen bcraufbcschwore- ncn Weltkrieg würde den tatsächlichen Unter ! gang dcs deutschen Volkes bedeuten. Doch nehmen wir den günstigsten, aber sehr unwahrscheinlichen Fall a», daß Teutschland siegt. Was wäre gewonnen? Tie Deutschen j würden das Unrecht beseitigen, das ihnen auf erlegt wurde, um ihrerseits den Besiegten gleiches Unrecht aufzuerlegen, und damit den Nevauchekrieg der anderen vorzubereiten. Ter Sieger ist immer maßlos und der Krieg fast nie ein Nüttel, Unrecht in Recht zu verwan dein, sondern nur ein Mittel, das Unrecht der Einen durch das Unrecht der Anderen zu er setzen. Nie wieder Krieg! Kein Uebel kann größer sein als der Krieg. Er zerstört die einzige Kraft, die imstande ist, internationales Unrecht gut- i zumachen, die Internationale dcs Proletariats. Daß die Internationale im letzten Kriege zerriß, war nicht die Schuld dieser oder jener Personen oder dieser oder jener unzulänglichen Organisation, sondern die unvermeidliche Folge dcs Krieges selbst. Wo dieser ausbricht, erfaßt der nationale Paroxysmus stets auch die proletarischen Massen. Nur eine Minderheit wird sich von ihm freihalten. Ist die Internationale zu schwach, den Krieg zu verhindern, dann ich sie erst recht zu schwach, ihn zu über- danern. Sic ist kein Instrument für den Krieg, sondern für den Frieden. Sic im Frieden zu stärken, so stark z» machen, daß sie jeden Krieg zu verhindern vermag; daß sie ihn verhindert, indem sie internationales Unrecht beseitigt, das ist unsere wichtigste Aufgabe. Und es ist keine hoffnungS- lose Aufgabe, denn die Proletarier leiden über- all unter den Folgen dcs Krieges, bei den Sie- gern ebensogut wie bei den Besiegten, und allenthalben beginnen sie aus der nationalt» {tischen Hypnose zu erwachen. Wenn die Regierung Englands in der letzten Zeit so vernünftig geworden ist. so verdaten wir dqö dem Erstarken der englischen Arbeiter- Partei. ES ist daS größte Unglücks nicht um für C*'^2 Deutschland, sondern für die ganze Welt. Frankreich selbst inbegriffen, daß die franzö- fischen Sozialisien augenblicklich so schwach sind. Doch auch bei ihnen scheint der Niedergang überwunden und der Aufstieg bevorzustehen, i Eine starke, einige, allumfassende Intcr- nationale mit kräftigen, einigen sozialistischen Parteien wenigstens in den Großstaatcn, das und nicht der Revanchekricg ist das souveräne Mittel, aus dem vulkanisierten Europa eine Stätte gedeihlichen sozialistischen Aufbaues, all- gemeinen Wohlstandes und dauernden Völker- frieden« zu machen. Möge es dem Prager„Sozialdemokrat" gelingen, zur Lösung dieser großen Aufgabe sein redlich Teil beizutragen. Fast nölltnc Anfhtlnmq der staatlichen ßvot- und Mehl- mrloi'gnng. Bekanntlich haben sich die tschechischen Parteien in der Nationalversammlung auf den Erährungsplan nicht einigen können und die Ordnung des staatlichen PersorgungSdiensics der Regierung überlassen, die durch Vcrord- nuugen für das kommende Wirtschaftsjahr versorgen soll. Der Ernährungsminister, Dr. P r o h a S l a, hat im Ernährungsausschuh des Abgeordnetenhauses versichert, dah die Verordnungen ein mögliches Kompromiß zwi- scheu den Interessen der Produzenten und der Konsumenten darstellen und die berechtigten Wüsnchc der Konsumenten weitestgehend be- rücksichtigt werden. Nun zeigt c§ sich, daß die Regierung allen Ernstes gewillt ist, die staat' lichc Ernährungcwirtfchaft auf die Art zu organisieren, daß nur so viel Brot und Mehl verteilt werden soll, als Getreide im Inland aufgebracht wird und nach den Berichten des Ernährungsministcrs wird fast gar nichts ab- geliefert. In einer Kundmachung der politischen Laudeöverwaltung heißt es daß sogar die Zuerkennung des Anspruches auf die öffentliche Zuweisung von Mahlproduitcn, die tatsächliche volle Zutci- lung noch nicht verbürgt, weil die Erfüllung des Anspruches von den vorhandenen Vor- röten abhängt. Wie wir nun verschiedenen einlangenden Berichten entnehmen, wird tatsächlich versucht, ungefähr die Hülste der bisherigen Versorg- ten aus der staatlichen ErnähruiigSorganisa- tion auszuscheiden, sie zu zwingen, Brot und Mehl zu teueren Preisen im freien Handel zu kaufen. Zum Beispiel im Bezirke Helschen sollen statt für 52.000 nur für 27.000 Personen die Legitimationen zum Wcitcrbczug von Brot und Mehl ausgestellt werden. Heute Vormittag wird eine A b o r d- nung des Parteivorstandcs und des Klubs der deutschen s o z i a l d c m o kratischcn Abgeordneten, beim Mini st er Präsidenten und E r n ä h- r u n g S m i n i st e r vorsprechen, um von ih- neu die sofortige Einberufung des Parlame- tcs zu fordern, das sich mit der ErnährungS- situation und den Ncgierungöinaßnahmcn zu beschäftigen hat. Wir werden«nS in der morgigen Nummer unseres Blattes mit der Stellungnahme der Regierung eingehend beschäftigen. Vor dem Uegicrungswechsel. Sobald Herr Svehla wieder gesund und aktiv sein wird, das dürfte in einigen Wochen sein, soll die neue Regierung gebildet werden. Das Beamtenministerium Cerny wird durch ein Parlamentarisches Kabinett abgelöst, die Demokratie wird scheinbar wieder aus festere .Füße gestellt. Freilich für die politische Ent- Wicklung, die von den herrschenden Klassen des tschechischen Volkes so sehnlichst ge- wünschte Konsolidierung der Republik hat der beabsichtigte Regierungswechsel nicht die ge- ringst- Bedeutung. War die Regierung Cerny ein von allen tschechischen Parteien anerkann- tes Zwischenspiel, so wird die neue parlamen- tarische Regierung Svehla für die Geschichte dieses Staates dielleicht nur ein noch trauri- gereS Intermezzo bringen. Es herrscht kein ^Zweifel darüber, daß Svehla ein Ministerium der Konzentration aller tschechischen Parteien — selbstverständlich ohne die Kommunisten— sammeln wird. Diese Zusammensetzung der Regierung ist schon ein Programm, armselig, völlig ideenleer. Die neue Regierung ist da» Produkt der verschlten tschechischen Politik seit dem Oftober J918. Av? dem sogenannte« Re- £ ojlc i v volutionSauSschuß entstand da? erste Ministerium der nationalen Koalition, dessen Lei- tcr Kramarsch Ivar. Die Erinnerung an diese glorreiche Zeit, in der Raschin als Finanzmi- nistcr hantierte, die morschen Fundamente für die verhängnisvolle Zoll-, Handels- und Ba- lutapolitik gelegt wurde, wird durch die neue Vereinigung der unbelehrbaren Patrioten wieder lebhaft aufgefrischt. Nach den Wahlen zur Nationalversammlung, im Juli 3919, kam Tufar. Er hatte eine wirkliche parlamen- tarische Regierung zusammengebracht. In seinem Kabinett waren die Klerikalen und die Partei der tschechischen Großbourgeosic, die Nationaldcmolratcn, nicht vertreten. Eine Re- gicrung der Arbeiter- und Bauernvcrtrctcr sollte den neuen Kurs beginnen, sie hätte die Aufgabe zu vollführen gehabt, den Hau f.'» Schutt von Fcblcr und Dummheiten, der in der denn doch zu tollen Periode der Gründung des Staates,, des Wirkens des ernannten fa- Mosen RevolutionSParlamentes, aufgehäuft wurde, abzutragen. Die Mehrheit der Regie- rung Tusar war sehr knapp und wackelig. Tusar und Svehla, zwei gewandte Kulissen- Politiker, hatten ihre Arbeit doch leicht genom- mcn. Die Ahnung einer Idee, die vielleicht in diesem politischen System steckte und die da- rin bestand, daß durch mühevolle, unvcr- drosselte Arbeit, durch ein leise?, für den tschechischen Chauvinismus kaum merkbares Erwachen aus dorn nationalistischen Ucbcrmut, neue Verhältnisse geschaffen werden könnten, kam nicht zur Geltung. Die Politiker des tschc- chischcn Volkes, die meinten, von hinten her- um, ohne zu handeln, nach einigen höflichen Reden, käme auf leisen Sohlen über Nacht der Lenz der nationalen Verständigung gegangen, hatten sich geirrt. Sic waren der Anschauung, die Mcudaliiät de? tschechischen VolkcS mache es nicht möglich, an die großen Fragen des Staatsaufbaues, der Verfassungsänderung, der Schaffung der nationalen Selbstverwaltung usw., herzhaft heranzutreten, der Bevölkerung tapfere und mutig zu sagen: wir haben uns in froher SiegcSlaunc übernommen, wir sind nicht im Stande im geraumen Alltag, ans die granitenen Tatsachen stoßend, Weiler einen kranken Nationalstaat zu regieren, wir müssen umlernen und umkehren! Nun ist es Wohl psychologisch verständlich, daß es für Parteien, ja selbst für einzelne Männer mit einem gro- ßcn politischen Risiko verbunden ist, diese Er- kcnntnis, die Wohl heute schon allenthalben den meisten einsichtigen tschechischen Politikern aufdämmt, auch öffentlich und tapfer zu ver- treten. Mut, sehr viel Mut, ist zu dieser Leistung erforderlich. Wer im tschechischen Volke die Wahrheit, daß eS nur durch Beseitigung der schweren Systen'schler, auf denen der Staat beruht, dem Staate zu helfen ist, aus- sprechen wird, gegen den erhebt sich der blinde, wütende Riese Chauvin, um ihn zu erschlagen. Nun mag es streitig sein, auf welchem Wege die Umkehr eher möglich ist, darüber aber, daß nur der Umbau dos Staates ihn gesunden ließe, gibt c? für unS keinen Zweifel mehr. Infolge der Spaltung der tschechischen So- zialdcmokratic brach die Regierung Tusar, die ächzend und stöhnend ihr schmales Dasein fri- stete, zusammen. Die Bcamtenregierung war bereits eine schwere Krankheitserscheinung am Körper der jungen Republik. Da Svehla sich anschickt, gedankenlos, mir um rechnerisch eine vnrlamcntarische Mehrheit zu erbalten, alle tschcchsschen Parteien in seiner Regierung zu bereinigen, bekannten auch jene tschcchi- schen Parteien, die vielleicht doch die Träger für eine werdende Tschechoslowakei, für einen bürgerlich-moderncn Nationalitätenstaat— von der sozialistischen Nevublik gar nicht zu reden— hätten werden können, daß auch sie wieder von Tusar zurück auf Kramarsch ge- funken sind. Enie entscheidende Stunde. (Von unserem Berliner Mitarbeiter.) Die Schüsse, die in der vorigen Woche den Zcntrumsabgcordnetcn Erzbcrger niedcrst- ,k- tcn, haben mit einem Schlage die Nebel zcr- rissen, die bisher über dem innerpolitischen Le- bcn Teutschlands, lagen. ES kann keinen Zwei- fcl darüber geben, daß die Tat von deutsch»«- tionalen Mordbuben verübt worden ist. Sie hatten es nicht auf die Börse Erzbcrgers abge- sehen, sondern ans das Leben dieses Politikers, der der Reaktion so verhaßt war, wie nur je ein Führer des Proletariats. Die Mordtat hat in ganz Deutschland, über die Kreise der sozia- listischcn Arbeiterschaft hinaus, eine maßlose Erregung hervorgerufen, weil sie als Signal für die wiedcrcrstarkte Reaktion gilt, de» entscheidenden Kampf um die Macht zu wagen. Eine ungeheuere Teuerungswelle geht durch Deutschland. Die Zwangswirtschaft für das Brotgetreide ist bis auf den kümmerlichen Rest de» Umlageverfahrene abgebaut worden. Eine Steigerung de» rationierten BrotpreiscS auf daS Vierzehnfache, de? Preises für da? marken- freie Brot auf das Zwaiizigfache der Friedens? cmotrat höhe ist daS borläufige Ergebnis einer Wirt- schaftSpolitik, die vor allem die Interessen der Agrarier berücksichtigte. Die trockene Witterung d-S Sommers hat die Ernte an Kartoffeln und Futtermitteln beeinträchtigt, Knappheit und Verteuerung einer Reche anderer Lebensmittel ist die Folge hiervon. Dazu kommt die neue Verschlechterung der deutschen Valuta; für de» amerikanischen Dollar müssen heute etwa 85 Mark gezahlt werden, das Zwanzigfache der FricdeuLparität. Die Preise auf dem Weltmarkt sind beträchtlich in die Höhe gegangen, ihre volle Auswirkung auf die Lebenshaltung der Bcvöl- kcrung konnte bisher nur dadurch vermieden werden, daß die Wohnungsmietcn, die früher einen erheblichen Teil dcS Arbciterbudgcls für sich beanspruchten, infolge des ZwaugSmaßnah- nien des Reichs nur um etwa 20 Prozent ge- stiegen sind.?lber dieser eine günstige Faktor kann nicht verhindern, daß die hemmungslose Auswirkung der Weltmarktpreise für alle Wa- ren den LebenSbedarf der minderbemittelten Bevölkerung in der nächsten Zeit zwanzigmal so teuer machen wird, als es vor dem Kriege war. Demgegenüber haben die Löhne bisher im Durchschnitt höchstens daS 6 bis 7fachc dos Fric- densstandes erreicht. Große Schichten der Ar- bciterschaft sind kaum noch imstande, den nack- ten Unterhalt zu bestreiten, geschweige denn, daß sie Anschaffungen an Kleidung, Wäsche oder Hausrat machen könnten. Zu alledem hat die Regierung zur AuSfüh- rung des Ultimatums ein Stcucrbudget vorgelegt, da? neue Preissteigerungen für alle Produkte zur Folge haben muß. Wiederum sol- lcn die Lasten vorwiegend den besitzlosen Klas- seil auferlegt werden, während man die kapita- listischcn Kreise immer noch mit der größte» Schonung anfaßt. Tie einzige Möglichkeit, d.?s- Ul'imatum durchzufübr"n und da? Wirtschafte- leben wieder in Gang zu bringen, wäre die Erfassung der Sachwerte gewesen, nicht um sie au daS ausländische Kapital zu verschleudern, sondern um das Reich in be- trächtlichem Ausmaß an den Erträgnissen der Industrie und der Landwirtschaft zu beteiligen. Aber davor schreckte die Regierung bisher zurück. Sie will zwar den Gedanken der Sach- wcrtcrsassnng für spätere Zeiten aufrecht er- halten, zur entscheidenden und schnellen Tat fehlt ihr jedoch der Wille. Sie behauptet, daß die Heranziehung dcS Besitzes nach dem vollen Umfange seiner Leistungsfähigkeit nichts onde- res bedeuten würde als die Entfesselung des Bürgerkriegs. Um aber de» Kampf um die Sachwerte mit Aussicht auf Erfolg durchführen zu können, dazu fehlten ihr d'e politischen Krät- te. Die Arbeiterklasse sei zersplittert, die bürger- liihe Demokratie viel zu schtvach. Tcr Mord a» Erzbcrger hat diese unklare und zweideutige Situation geklärt. Durch die Arbeiterklasse geht ein Erwachen. Sie fühlt, daß wiederum einmal eine entscheidende Stun- de gekommen ist, in der sie zeigen soll, ob sie den Willen hat, ihre Forderungen durchzusetzen, oder ob sie endgültig und kampflos der Reaktion daS Feld überlassen soll. Tic jetzige Lage crin- ncrt an die Zeit des Kapp-Pntschcs 1020. Damals hatte sich die Arbeiterklasse zusammcnge- schlössen und die Gegenrevolution mit cntschlos- scncr Hand niedergeworfen. Aber die Zcr- splittcrung dcS Proletariats machte es unmög- lich, die Früchte des Sieges zu ernten. Bald hatten die reaktionären Tendenzen, wenn auch in verkleideter Form, wieder die Oberhand gewonnen. Jetzt besteht die Möglichkeit, daß das, was damals versäumt worden ist, wieder gutgemacht werden kann. Die Lehren der Nach- kriegSzcit sind an der deutschen Arbeiterklasse nicht spurlos vorübergegangen. Nicht umsonst ertönt heute überall der Ruf nach der Einigkeit. Jetzt ist Gelegenheit gegeben, die Einigkeit im Kampfe hcrznsiellen, und wenn sie auch nicht durch die Verschmelzung der sozialistischen Or- ganisationcn dokumentiert werden braucht, so muß doch schon der Wille des Proletariats, ein der ganzen Klasse gemeinsames Ziel zu crrei- chcn, die Vorbedingungen für die Einheit schaf- fcn. Tic kommunistiscqe Bewegung, die eine Zeit lang mit großem Geräusch auftreten konn- te, ist moralisch znsmmcngcbrochen. Sic kann zwar noch hier und da Verwirrung anstiften, aber die Arbeiterklasse als Ganzes lehnt den Kommunismus ab. Eine Anzahl ihrer bisher!- gen hervorragendsten Führer, wie Paul Levi, Kurt Geyer und Bernhard Düwell, bezeugen der kommunistischen Partei in aller Oeffcntlich- kcit, daß sie nichts anderes als eine a n a r ch i- st i f ch c Sekte darstellt. Wenn die Einigkeit der deutschen Arbeiterklasse im Kampfe gegen die Reaktion kommen sollte, so wird sie kommen ohne die anarchistischen Elemente, die jetzt noch den Rest der kommunistischen Partei bilden. In gewaltigen Demonstrationen, denen sich auch nichtsozialistische Arbeiter angeschlossen haben, hat daS Proletariat in diesen Tagen ge- zeigt, daß e? ihm ernst mit der rücksichtslosen Beseitigung der Reaktion ist. WaS sich jetzt in Deutschland vollzieht, sofern die Arbeiterklasse ihre völlige Geschlossenheit im Kampfe gegen 1. September 1021# die Revolution wiederfindet, das ist die Revolution, wenn in ihr auch Maschinengewehre und Minenwerfcr keine Rolle spielen sollten. Der Zusammenbruch im November 1018 hat erst die Vorbedingungen für die wirtschaftliche und politische Befreiung der Arbeiterklasse gebracht; jetzt müssen die weiteren Folgerungen daraus gezogen werden. Es gilt, die Verwaltung und die Justiz von jenen Elementen zu säubern, die die sicherste Stütze der Reaktion bilden. Die dcutschnationalcn Revanchcschrcier, die all- deutschen Säbclraßlcr, sie haben gerade auf die- sen Gebieten ihre stärksten Machtpunkte. Was ihnen hier noch fehlt, das ergänzt die kapital!- stische Korruption, die unter der Führung von Stinnes das ganze öffentliche Leben verseucht. Die Rcchtssozialisten, die bisher den reaktiv- närcn Elementen einen allzuwciten Spielraum gelassen haben, erklären jetzt mit erfreulicher Deutlichkeit, daß endlich Schluß mit dieser .Fortwurstele! gemacht werden müsse. Noch manche von ihnen haben bis in die letzte Zeit hinein mit der Deutschen Bolkspartci gclicbäu- gelt, die nicht viel besser ist als die Dcutschua- tionale Partei. Jetzt verlangen sie endlichKlar- heit von den bürgerlichen Mittelpartcicn, vom Zentrum, von den Demokraten and den Bolls- Partcilcrn. ob sie zur Rettung der Republik vor den Anschlägen der Gegenrevolution bereit seien. Die sozialdemokratische Partei könne nicht eine Stunde länger die Mitverantwortung tragen für eine Politik, die den Totengräbern der Republik und der Demokratie einen Frei- bricf gewäbre und die Verteidiger der Republik den dentschnationalcn Staatsanwälten und Meuchelmördern als Freiwild ausliefere. Es dürfte nicht länger geduldet werden, daß der RcichSlandbund die Landwirte offen zum L i c- f c r st r c i k, also zur Aushungerung der Be- völkcrnng auffordere, wenn die Landwirte von^ ihren hohen Gewinnen einen kleinen Bruchteil? herausgeben sollen. Könnte der sozialdemokrati-' sche RcichSinnenminister die Aushebung des Ausnahmezustandes in Bayern, diesem Schlupfwinkel der Reaktion, nicht durchsetzen, so müßten er und die sozialdemokratische Partei die Konsequenzen daraus ziehen. Es wird abzuwarten sein, ob die rechlssozia- listische Partei diese klare Stellungnahme in allen Konsequenzen beibehält, oder ob sie nicht doch wieder vor dem letzten Schritt zurück- schrecken und sich zu einem Kompromiß mit den reaktionären Elementen bercitfinden lassen wird. Die Arbeiterklasse als Ganzes genommen will den Kampf, und sie ist entschlossen, ihn bis zum Ende durchzuführen. Sie weiß, daß sie dem Lose vollständiger.wirtschaftlicher Bcrelen- dnng und politischer Versklavung anheimfallen muß, wenn sie nicbt jetzt den Kampf wagt. ES handelt sich zunächst nur um die Gewinnung solcher unmittelbarer Ziele, die allen Arbeitern gemeinsam sind, die ober den Boden vorbcrci- ten sollen für die Verwirklichung der grnudsätz- lichen Forderungen des Sozialismus. Gelingt cS in dieser entscheidenden Stunde, der Real- tion einige bandwiclltigste Stützpunkte zu ent- reißen, so wird die Bahn frei für einen neuen Aufstieg der Arbeiterklasse, dann ist aber auch die Gefahr beseitigt, daß anarchistischer Wahnwitz wie während dcS MärzputscheS je wieder im deutschen Proletariat Boden fassen könnte. Die proletarische Einlitits- front in Deutschland. Die proletarische Einheitsfront ist* in Deutschland Wirklichkeit geworden, weil dort die volle Wucht der Tatsachen den Streit der Meinungen in den Hintergrund gedrängt und der Arbeiterschaft drohend verkündet hat: Es ist an der Zeit! Ihr müßt Euch sammeln, sollen nicht die finsteren Mächte dcS Rück- schrittcS Euch in den Staub treten! Der Schuß aus Erzbcrger war dieser Alarmncf. Statt in Fraktionen gegeneinander zu kämpfen, haben sich von einer Stunde zur anderen, wie Kund- gedungen der„Freiheit", des„Vorwärts,,, der „Roten Fahne" und des„Allgemeinen deut» schen Gcwerkschaftsbundes" beweisen, die pro- lctarischcn Massen zueinander gcstinden. E i n einheitlicher Ton des heiligen Zornes klingt aus der„Roten Fahne" und der„Sozialist!» schen Korrespondenz", wenn man beider Aus- sührungen nebeneinander hält:. „Die Linksparteien können nicht schasSmäßig zusehen, bis der lebte Führer abgeschossen ist. Wir wissen, das, dieses Dentscblcmd, wie cS sich in Swinerniinde und sonstwo breitmacht, wenn cS wieder zur Herrschaft kommen sollte, den„Ruhm" Horcht,-Ungarns weit in den Schatten stellte... Wir rufen: Ventile auf! Kein Zögern! Entschlossene Taten! Nicht Mord- taten, sondern Reformen, längst überfällige Re« formen! Der Reichspräsident hat eine Reform erlassen zmn Schulz der Republik. Gut so, aber unS fehlt der Glaube, daß mit dieser Ber- ordnung ein wirklicher Schutz der Republik ae- schaffen wird... E» gibt keine Ruh« und keine Sicherheit für die Republik, w-nn nicht ein gesundes Gleichgewicht der Kräfte tn Ver» waltung, Justiz, Reichswehr, in allen Organe» des Reiches und der Länder hergestellt wird.^ 1. Scpremver 1321. \ «ozialdimotrat Seüe 2. Die Arbeiterschaft wird sich bicSinnl nicht wie-' der mit Versprechungen abspeisen lassen. Wenn man ihr die Männer, auf die sie Vertrauen setzt, wegknallt, dann dürfen sich die Mordschüt- zcn und ihre Freunde und Helfer nicht wnn- dcrn, wenn für den Verlust die Arbeiter andere Garantien verlangen."(„Soz. Korrespondent.") „Die Arbeiterschaft sieht, das, höchste Gefahr da ist. Will da? Proletariat nicht durch eine Diktatur der Reaktion, deren sofortige Ausrich- tunn die Rechtspresse heute in verstärkten Tönen "erlangt, an Gnaden und Füßen gefesselt, als willenloser Sklave der Bourgeoisie zur schräm kenloser Ausbeutung ausgeliefert werden, so mutz es die Reaktion verjage»— und das, che es zu spät ist. Die USP.» und die SPD.-Ar- bester stürmen vor. Das Drohen der Reaktion, die Kostproben ihrer Herrschaft, die sie immer wieder gibt, zwingt die sozialdemokratischen Ar- bester beider Parteien und auch große Schichten aukerbolb der Arbeiterparteien zum Kampfe um Entwaffnung der Reaktion. In diesem Kampfe stehen wir Kommunisten Seite an Seite mit dem übrigen Proletariat und von dem unerschütterlichen Willen beseelt, alles z» tun, um die Einheitsfront des revolutionäre» Proletariats zum Kampfe um die Entloaffntlitg der Reaktion, als der unerläßlichen Bedingung für die Durchsetzung aller anderen von»ns»nd auch von den anderen Arbeiterparteien anfgc- stellten Forderungen, herzustellen, llnd Ivo diese Einheit einmal hergestellt ist, dort werden wir mit aller Macht sie aufrechtzuerhalten ver- suchen. Ter Gegenrevolution fielen zwei Genossen zum Opfer. Ließe die Arbeiterschaft die Bildung der Einheitsfront verhindern, dann wäre ihr Blut vergeblich geflossen. Aber die Einheitsfront bildet sich. Ter.Kampf wird ausgenom- men und er darf kein Ende nehmen, bevor^die Reaktion nicht restlos entwaffnet ist. Ein Teil der Rechtspresse fordert zur sofortigen Ausrich- tung der Diktatur der Monarchistenbonde» auf. Ein Teil rät der Reaktion, sich wieder zu ver- kriechen vor dem Aufmarsch des Proletariats. So oder so. Diesmal werden sie es nicht ver- . hindern, daß die Arbeiterschaft ganze Arbeit macht. k„Rvte Fahne.") Ein einheitlicher Wille spricht aus Nnba- hängigen, Mchrheitlcrn und Kommunisten, wenn sie restlose Entwaffnung der reaktionären Formationen, Entfernung aller Monarchisten aus der Reichswehr und den öffentlichen Remtern, Freilassung der politischen Gelange- neu, Aufhebung der Unabsetzbarkeit der Richter und Richterwahl durch das Volk fordern. Tie Worte, mit denen die Parteien dies verlangen, lauten verschieden, der Geist ist derselbe. Ein einheitlicher Rhythmus endlich klingt aus dem Marschschritt der Arbeiterbataillone», die Sonntags in Potsdam der Heerschau der Re- äktionäre gegennbertraien und die heute im Berliner Lustgarten für die Republik denion- stricrcn werden. Tic Schlange des National!-- initL hat ihr Haupt erhoben zum lernen, tödlichen Biß gegen uns. Wir haben genug starte Füße, das Gifrhaupt zu zertreten. OicUitk'tttltttttdgelittng des gesamten berliner Proletariats. ® c ü^August.(Eigener Drahtbericht deZ„Sozialdemokrat".) Unter ungeheurer Beteiligung demonstrierte heute das arbeitende Berlin gegen die immer frecher auftretende Reaktion, die durch den Mord an dem Zen-> trnmSabgeordncten Erzbcrger ihr wahres^ Ge- ——— nimiwiin Pom fttndigtn Schaffe». Vom freudigen Schaffen wollen mir in der Stunde sprechen, in der wir unser Zentral- organ in die Welt hiiiaussenden; vom Schaffen, das nicht Mühe und Last, dos glückliches, bc- freiendes Erleben ist: vom Problem sozialistischer Arbeit. Denn nicht allein die Welt der Güiererzeu- gnng und die der Verteilung will der So- zialismus neugestalten, nicht nur die Mecha- nik der gesellschaftlichen Betriebsamkeit um- stellen, sondern auch den Menschen mit der Freude an seiner Arbeit erfüllen, mit der Verantwortung gegenüber seinem Werke und zegenüber der Gesellschaft beseelen. Seelenlos ist die ProduktionSsorm des Kapitalismus. Ans seinen Merken strömt der Masse der Arbeitenden nicht Freude zu, nicht tlntrieb, nicht Energie zu neuen Werken. Indem der Kapitalismus den Schaffenden vom Lefitz der Produkiionsmittcl getrennt und ihn sum Lohnsklavcn hcrabgcdrückt hat, zertrat er auch die produktive Arbcitkeele des Prolcta- riats, seinen Arbeitsgenuß. An Stelle frei schaffenden Geistes mittelalterlicher Meisterschaft setzte der industrielle Kapitalismus das Diktat, in seiner letzten Folge den TahloriS- wns. Erstorben sind die Lieder, die das Werk besingen; eö gibt kein Volkslied, das die Tur» bine, das den Dampfhammer, das den schlan- ken Leib deS Luftschiffes, das Surren des Mo- torS bejubeln würde. Die Wunder der Technik, die die Verwirklichung des Sozialismus be- dingen, entlocken dem Proletariat nicht die Freude, das Entzücken, die das Lied formen. Nur Operettenkomponisten haben sich bisnun azt den Wunderwerken moderner Technik ver- griffen. Der Anteil, den daS Proletariat an ihrem Werden hat, ist entpersönlichend. Mil- liarden gleichartiger.Handgriffe hat der indu- ficht aller Welt enthüllt hat. Es war eine Kundgebung, wie sie Berlin noch niemals bis- he rerlcbt hat. Dem Aufruf der sozialistische» Parteien und der Gewerkschaften waren Ricscnmassen von Arbeitern und Arbeite- rinnen, Angestellten und Beamten gefolgt. Es ist unmöglich, mich nur eine ungefähre Schätzung der Teilnchmcrzahl vorzunehmen, aber»tiudeslenS eine halbe Million war von vier bis fünf Uhr nachmittags auf den großen Plätzen versammelt, von denen daS ehemalige Kaiserschloß umgeben ist. Der Lustgarten, die Linden, alle Straßen im weitesten Umkreise, waren von Menschenmassen gefüllt. Unnnter. brachen kamen aus den einzelnen Teilen der Siad: die Züge der Demonstrierenden herbei. T a u s e n d c von Fahne n wurden von ihnen mitgeführt. Die rote Fahne des Sozialis- Mus gab den Ton an, aber auch scharz-rot-gol- dene Banner, die Farben der Republik, waren in großer Zahl vertreten. Auf besonderen To- fein wurde der Wille der Tcmonstriercndeii, mit der Reaktion in Teutschland endlich Schluß zu machen, verkündet. Unzähligcmalc wurden die Arbeiter in Inschriften ausgerufen, einig z«bleiben,' den Bruderkampf einzustellen und die Feinde des Proletariats gemeinsam niederzukämpfen. Und das war das wichtigste und zugleich entscheidende Merkmal der heutigen Kundgebung, das zum ersten Male die Ar- bei!« aller Richtungen zusammengetreten sind und dadurch erst der Riesenkundgebung ihre innere Stärke verliehen haben. Von der ll. S. P. sprachen unter anderem C r i ö p i c n, Tittinann, Ledebour, Dr. Rosen- f e l d und B r ü h l; von der S. V. D. Wel ö, Otto Braun, Richard Fischer und Heinrich S t r ö b e l. Sie schilderten die Gc- fahren der drohenden Situation, in der sich die deutsche Republik und die Arbeiterklacnc bc- finden und forderten die Versammelten auf, in dem jetzigen Kampfe alle Kräfte einzusetzen, damit das Ziel, die endgültige Niederwerfung der gegen revolutionären Elemente und die Verwirklichung der Forderung des Sozialis- »ms endlich erreicht werden könnte. Fetzt gelte es zunächst, die Deinokratificrnng von Verwal- iuiig, Justiz und Militär durchzuführen, da ini> die Grundlage» geschaffen werden können, auf denen das Proletariat sei» Befreiung?- Werk vollbringen kann.— Tie Demonstration verlief oh n e jede n Z w i s ch e n f a l l. Tie reaktionäre Presse befleißigt sich an- gcsichtS der Erregung der Bolksmassen einer gro ß e n M ä ß i g u n g. Oer Äikinpf um das Lurgenlaud. Tic magyarische Gentry fällt nicht aus stirer iiiolle. Seit dem Ausgleich von 1807 hat sie sie zu gut gelernt. Mit Pathos den kras- festen Egoismus als Bedürfnis des Volkes hinzustellen und gewalttätig, wie nur irgend ein Boxer, sich bei jedem selbstverschuldeten Unrecht als weißes Fricdenslamm hinzustellen, ist ihr zur zweiten Natur geworden. Ter arme Horthy mit seinen Unschuldlnabeii Hcjas, Ottenburg und Pronay wird also striche Kapitalismus ans dem Körper der Ar- bciterschafl herausgehoben, e i n Handgriff oft ein ganzes Leben rechtfertigt im Zeitalter d.v Kapitalismus eine Generation entseelter Meu- schein Habt ihr schon Kohlenschächie von Früh- lichtest widerhallen hören, in chemischen Fabri- ken, iit Spinnereien beglückte Gesichter ge- sehen? Habt ihr nicht jeder gefühlt, in Schreib- stube, Merkstatt und in den Tiefen der Erde, daß euch die Freude am Wtoste fehlt? Habt ihr nicht jeder in der Leere eurer zerarbeitcteu Seelen nach sittlicher Rechtfertigung eures Leidens gesucht? Tief in der mißhandelten Ar- beiterseele ist eingepflanzt, sich einzugraben in die Zeit, über sich, über ein flüchtiges Leben hinauszubaucit, sinn- und zwcckvoil zu schaffen. Und Geschlechter freudlos arbeitender Men scheu sind spurlos vergraben worden. Aber millionenfacher Aufschrei des Leidens an der entseelten Arbeit übertönt Hämmern und Kreischen, Klappern und Snrreu und wird aus dem menschlichen Triebe, wieder sinnvoll zu schassen, zum Sozialismus. So ist das Leiden ein Bundesgenosse des Sozialismus geworden. Aber die Gewißheit der Ueberwindnng des Kapitalismus, die wir aus Marxens Lehre schöpfen, wandelt dieses Leiden in tätiges revolutionäres Erwarten, Vorbereiten. Unzählige Männer, Frauen, Jünglinge und Mädchen stehen vom Sozialis- mns beseelt in den Kampfreihen des Prolcta- riats, sie bilden seine Parteien, die Riesen- bauten der Gewerkschaften, die die freie Arbeit sichern, sie bilden mächtige Gencsscnschaften. Proletarstcher Bildungseifer schafft Schulen, Bibliotheken, Theater. Noch steht der Bau der bürgerlichen Gesellschaft scheinbar gesichert durch die Macht zahlloser Mordwaffen und ihrer Träger, noch ahnt die bürgerliche Welt nicht« von den elementaren Organisationen, die am Horizonte einer neuen Welt sichtbar auch immer verfolgt und eigentlich ist er doch so gut, so friedliebend, so„christlich", jederzeit wahrt er nur sein gutes Recht. Ter alte Schwindel soll auch im Streit umL Burgen- land neuerlich verfangen. Ten Vertrag von Trianon, der das Gebiet ohne vorherige Bolls- abstimmung Dcntschösterreich zusprach, mußte man zwar unterschreiben. Aber ihn auszuführen und das gegebene Wort zu halten, liegt den edlen Herren durchaus fern. Namentlich den Antrag der österreichischen Regierung, nach der Räumung des Landes dort eine Bc- fragiuig der Bevölkerung durchzuführen, foulten sie nicht brauchen. Denn wie sollte je- »land, der seine gesunden Glieder und statt des Kerkers die Freiheit liebt, sich nach dem De- tachement des Ivan Hcjas zurücksehnen? Also wurden wieder einmal die Brachialtruppen mobilisiert und als„Rechtsgrundlage" des Vertragsbruches eine phantastische Achtmilli- ardcnfordcrnng für allerlei Sachgüter konstril- icrt, daneben der vom Streit um die Doku- meiste der„Arbeiterzeitung" der wohlbekannte Lügeuapparat im volle» Umfang in Tätigkeit gesetzt. Glauben soll und braucht die Begründungen und Lügen niemand. Zeit gewonnen, heißt alles gewonnen. Solange wie D'Annun- zio in Finiiic kann sich, so Gott will, Stefan Friedrich in Ocdciibnrg auch halten»nd mittlerweile kann(denn Hazadeurc waren die un- garischcn Magnato immer) die Enteiste längst in die Fransen gegangen sein. Ter diplomatische Rat der Ententevcrtrclcr an Deutsch- Österreich, sich nicht gewaltsam in den Besitz des Gebietes zu setzen, ist, so gewiß er den einzigen für Oesterreich möglichen und ver- nüiiftigcn Weg vorzeichnet, wohlgceignet, Hör- thys und Baufsys Berechnungen zu unter- stützen: Oesterreich kann und darf, die große und kleine Entente will und mag nicht die Räumung des Burgcnlandes mit Gewalt er- zwingen»nd im diplomatischen Ränkespicl wissen sich die Grafen Meister. Viel, wenn nicbt alles, scheint ihnen gewonnen. Und es ist ihnen auch gewonnen, solange mit dem al- !cu Staaiensystem die alten Zünden im Bäk- kerverkchr erhalte» bleiben. Solange werden Gewalt, Lüge und Verrat immer wieder sie- gen. erst die Verständigung der Nationen, nicht ihre kapitalistischen Regierungen werden hier einen Mandel schaffen. Budapest, 31. August. Das wcslungarische Lberkommissariat hat Stefan Friedrich aufgefordert, er möge Westungarn sofort bcr- lassen, da er nicht dorthin zuständig sei. und durch seine Aktionen auf eigene Faust die Maßnahmen der Regierung nicht zu stören, die den Interessen der Nation dienen. Dick Meldungen, daß Friedrich Ocdcnbnrg verlassen habe, sind bisher nicht bestätigt, im Gegenteil,„Pa- sti Naplo" veröffentlicht heute sogar folgende Kundgebung Stefan Friedrichs: „Menü ich eine Aufgabe übernommen habe, so führe ich sie auch durch. I ch lasse in i ch weder weg s ch i c? c n, n och verhafte n. Wenn jemand kcmim, der Westungarn besser oder unter günstigeren Umständen verteidigen werden, und schon schlägt Proletarische Kultur in der alten Welt tiefe Wurzeln: S o l i d a r i- i ä t heißt der Nährboden unseres Ringens und Wachsens, Solidarität ist die Leüidee proletarischer Tat und proletarischen Erfolges. Was für den Individualisten Gefühl und Hilfsfreudigkeit, das ist für das Proletariat Solidarität: Klassenbewußtsein und kollektive Hilfsbereitschaft. lieber den starren Begriff der Klasse wird zum Proletarier der Leidgeguältc, der vom Schicksal Mißbrauchte, der Hilflose, der Hungernde. Daß heute Millionen Proletarier Europas einen Teil ihres dürftigen Er- werds hingaben, um den russischen Brüdern zu helfen, ist ein Akt proletarisch-seelischer Knl- tur, die ungebunden ist an die Grenzen einer Partei oder Gewerkschaft; einer Kultur, die daS kostbarste Gut der proletarischen Seele ist. Wo proletarische Solidarität tiefe Wurzeln geschlagen hat, wo solidarisches Fühlen die Blassen leidender Menschen durchpulst, dort muß den geistigen Kämpfen des Proletariats, die sich leider oft im Irrtum befangen in extatische Gehässigkeit gesteigert haben, Ver- stehen und Sichwicderfinden folgen. Diesem Ziele muß die Arbeiterpresse zustreben, wenn sie sich nicht selbst untreu werden will. Ter geistige Kampf» den sie gegen ihr eigen Blut führt, darf nicht zum»«geistigen Blutvergießen werden. So zerspalten das Mcltprolc- tariat auch ist, die Achtung vor der ehrlichen Ueberzcnguiig des K l a s s e n g c n o s s c n, auch wenn sie unserer widerstrebt, darf nicht verletzt werden. Es gibt auch eine Solidarität unter streitenden Brüdern. Von dieser Idee soll auch daS Blatt erfüllt sein, daS wir heute al« tägliches Zeugnis des Millens unserer Ge- mcinschaft in die Welt senden: ein Ruf der HoffnnngSfrettde, ein Appell an die Solidari« tät Aller, die Proletarisch fühlen und denken. DieZ ist der Adel der sozialistischen Presse: kann, werde ich ihm bereitwillig die Führung der Angelegenheit übergeben."— Die gewesenen Minister des Acußcrn Dr. Gratz und Graf Csaky hoben gemeinsam mit dem Präsidenten der magyarischen Landesverteidigung (Movc) Jgcnböscn bei der Enteniekommission in Ocdenburg im Namen der magyarischen Regierung ihr Bedauern über die Ereignisse in Westungarn ausgesprochen.(Aufs Konto- dicuspiel verstehen sich die Herren wirklich ausgezeichnet.) Budapest, 31. August. Nach einer Meldung des Verordnungsblattes hat der Rcichsvcr- wcscr den Obersten Baron L c h a r auf Grund des Ergebnisses der Ueberprüfung mit 1. September in den Ruhestand versetzt und den Husaren-Oberstleutnant Paul von Pro»an auf eigenes Ansuchen aus dem Verbände der Armee entlassen. Wien» 31. August. Insurgenten haben bei Hof im Lcithagebirge die alte Grenze übers ch ritte n. Wien, 33. August. Amtlich wird mitgeteilt: Auf Grund des heute der österreichischen Re- gierung zur Kenntnis gebrachten B e s ch l u s- scs der interalliierten General» k o m in i s s i o n in Ocdenburg wurde von der Verwendung des D u n d c 5 h e e» res im Bürgenlande z u nä ch st Ab- stand genommen. Tic Garnison von Wiener-Neustadt wurde durch ein Bataillon verstärkt. Die für eine Assistenz im Burgen- laude in Betracht kommenden Teile des Bun- desHeeres halten auch weiterhin strenge Be- reitschaft. W i c ii, 31. August. Ter frühere ungarische Minister des Acußcrn Tr. Gustav Gratz trifft heute in Wien ein und wird in einer Spezialmiffion der ungarischen Regierung beim Bundeskanzler Schober vorsprechen. W i c n, 31. August. Heute um 3 Uhr nachts sind einige weitere Wehrmachtformationen zum Schutze der alten Grenze in das Gebiet von Wiener Neustadl abgegangen. Wien, 31. August. Der österreichische Gc sandte in Paris hat dem Präsidenten der Bot- schafterkonsercn; eine Denkschrift überreicht, die eine Schilderung der Vorgänge i.. Westungarn gibt und nachdrücklichst gegen die Störung der Ucbcrgabc protestiert. Ter Präsident der Bot- schafterkoiifcrenz hat Intervention zugesagt. Demission des ungarischen Außenministers. Wien, 31. August. Nach einer Bubapcstet Meldung der„Neuen Freien Presse" bat der ungarische Minister des Aeußcrn Graf B a u f f y demissioniert. Vis zur Ernennung seines Nachfolgers wird Ministerpräsident Graf Bcthlcn das Ministerium des Acußcrcn leite«. Graf Banffy soll später als Gesandter nach Paris gehen. Einfälle in sieirischcS Gebiet. Graz, 31. August. Im Laufe des heuli. gen Vormittags trafen hier beunruhigende Nachrichten von der stcirische» Grenze über ungarische Einfälle auf stcirisches Gebiet ein, insbesondere ans Dechantskirchcn. Diese Gerüchte sind dadurch entstanden, daß in De- daß sie sich nicht als Ware lüsternem Sensa« tioiisbedürfnis darbietet, daß sie als beseelen- der Freund in das Leben des Proletariers tritt. Wenn ich beute die Reihe meiner In« gendsreiiiide in Geoanken an mir vorüberziehen lasse, und überdenke, wer mir von ihnen am meisten gab und mich fast nie enttäuschte, wessen Leben ich glühend miterlebte, so ist es die„Arbeitcr-Zcittlng" gewesen, der ich an der Wiege unseres Werkes nicht ohne tiefere» Sinn gedenke. Wenn der Spießer eine scli» s ch e Beziehung zu dem Blatte, das er rcgcl- mäßig liest, herausfinden will, so läßt er es bezeichneitderweise zu seinem Leib blatte avaneiercii. Es ist für ihn geschrieben, wie so ein Braten mit Beilage», der für ihn zubereitet ist, etwa bis zur Verdauung. Aber fern liegt es ihm, sich mit sei.iein Zeitungsschreiber in einen geistigen Kampf zu ivageii, in ihm mehr zu sehen als einen Genußmittelerzeuger und literarischen Friseur, jedenfalls sieht er im Wesen das Richtige: Ideen- und Druck« zcilenpr dnzenten nach Bestellung. Was dem sozialistischen Tagschriftsteller die sittliche Kraft gibt, unermüdlich zu schaffen, ist das Bewußt- sein, als Wortführer des Proletariats für die Idee seiner Befreiung zu ringen. Dies ist der Unterschied vom bürgerlichen Journalisten: erst ist die sittliche Idee niid dann das Wort. TaS Wort selbst aber ist im Namen von hun- derttaiisenden Menschen mit der Ehrlichkeit deö Bekenners gesprochen. Bon verantwortungsvollem Schaffen haben wir an der Wiege unseres Blattes gesprochen. Mit dcnsckben Gefühlen, mit denen die Ar- beitcrschaft dieses Werk gründet, wird sie ihre Welt erbauen. TaS Problem sozialistischer Ar- beit läßt sich auch schon begreifen, wenn wir daran denken, wie wir dieses eine sozialistische Werk vollführe« wollen: Wir werden freudig schaffen! F.a Seite 4. kanökirchen zahlreiche Flüchtlinge aus dem burgcnländischcn Gebiet angekommen sind. Bei Hohcnbrugg, in der Nähe von Feh- ring, waren aber tatsächlich ungarische F r e i s ch ä r l e r a n f steirischcs G e- biet eingedrungen, wurden jedoch wieder zurückgetrieben. DaS Burgenland und die tschechischen Kommunisten. Das„Rüde Pravo" schreibt in seinem gestri- gen Leitartikel, den eS mit der Frage betitelt: „Geht die Tschechoslowakei in ein kriegerisches Abenteuer?"...„... Was bedeutet dies a.lcS? Tag wir unmittelbar vor bedeutsamen inter- nationalen Vcrwicklre.^i stehen. Daß wir .Hineingezogen werden sollen in einen Gebiets- streit zwischen der reaktionären ungarischen Nc- gierung und der christlichsozialcn Wiener Rc- gicrung, der uns überhaupt nichts angeht. Tag e>.> nicht ausgeschlossen ist, dag unsere pro- letarischcn Brüder und Söhne schon in den nächsten Tagen mit den Marschbataillonen ins Burgenland abgehen werden, um es mit ihrem Blut für die Wiener christlichsozialen Fabrikan- ten und Bankhcrrcn zu erobern..."— So weir das„Nudc Pravo". Es mag befremden, dag gerade diese Partei das Wüten der Horthy- banden nichts angehen sollte. Tic Horthysten vergewaltigen vor allem dasProlctariat des BurgcnlandeS. Tcutschösterrcich dagegen ist auch im Vergleich mit der Tschechoslowakei die vollendeteste Demokratie Europas. Den un- wahrscheinlichen Fall vorausgesetzt, dag tsche- chischcs Militär das Burgenland von Horthys Mörderbande säubern würde, so würde diese Aktion sicherlich mehr im Interesse einer von den blutigsten Reaktionären terrorisierten Ar- bciterbcvölkcrung als im Interesse der Wiener Bourgeois geschehen. Denn wenn eS auf diese allein angekommen wäre und wenn sich nicht unsere Wiener Genossen ganz entschieden ins Mittel gelegt hätten, dann wäre wahrscheinlich das Burgenland zur Hälfte für christlichsozialc Parteiintercssen verschachert worden. Ver- schachert an Horthv, der erst durch einen Bela 'Ahmt möglich wurde. Und für Horthys„Aus- leben" im Burgenland soll das tschechische Pro- lctariat durch absolute Passivität sein? Tie Mauer soll cS Horthy machen? Zu ganz eigen- tümlichen Schlüssen kommt das Blatt der tsche- chischcn Kommunisten! Was die Wiener Kommunisten sage». Die Wiener„Note Fahne", die Schwester des „Nudc Pravo", ichreibt über die Arbeiterschaft Europas(also auch der Tschechoslowakei) wie folgt: Das Blut, das im Burgenland gcflollcn, die Schüsse, die dort gefallen, haben eine Illusion der sozialdemokratischen Arbeiter zerstört, ober höchste Gefahr droht der Arbeiter- > a s s c n i ch n u r Ocstcrrcick> s, s o n- dcrn aller Staaten, wenn diese blutigen Ereignisse nicht mehr bewirken, wenn sie nicht die Arbcitcrmasscn auS ihrem sorglosen Schlaf erwecken. Horthy-llngarn lagt die Maske fallen, es zeigt offen, das; es den blutigen Konflikt mit Oesterreich will, das, es den Anlcck sucht, hier einzufallen, um auch hier„Ordnung" zu machen. Die Reaktionäre Ungarns willen ganz genau, das; ihr Blutrcgiment bald zusammen- brechen muß, sie wissen, von welcher Bedeutung die H^orthhsieru» g Oesterreichs für den Sieg der Weltreaktion ist, und ver- folgen mit zäher Konsequenz und Energie ihren Plan, die a l t e n b s b u r q c r M o n a r- ch i o wieder aufzurichten. Das Bor- geben Ungarns im Burgenland, das vielen so überraschend kommt, ist nur eine der biete» Er- scheinungen, die sich in lcbtcr Zeit so Sinsen und beweise», dnfi sich die Reaktion überall zum Angriff vorbereitet. Und im Anblick des Treibens der Horthysten, gegen welche die„Rote Fahne" die Arbeiter der Welt etwas stürmisch zu den Waffen ruft, bcrfällt das„Rüde Pravo" in das cnigcgcngc- setzte Extrem: Es eifert gegen jede Slufmcrk- samkcit, die die Demokratie Europas den Schändlichkeit?» eines Horthy zuwendet. Ein Herz, eine Internationale und zwei Brüste, ach, in einer Seele! Die russische Hungerkatastrophe. Der Rigacr Sonderkorrespondent der„Volja fliossia" meldete am 30. August: Taü Allrussische lkommnniftische) Zcntralexckutiv- konnte? beschloß die Auflösung des H i l f s a u s s ch u s s e s für die Hungcrkata- strophe und die Uebergabe seiner Geschäfte an den Kommunisten Smilovic.— Das„Ceske Slovo" knüpft an diese etwas vage Meldung einen ganzen aufgeregten Leitartikel. Es bleibt natürlich abzuwarten, ob sich die Mitteilung der„Vol. Ross." bestätigt und welche Gründe ^gegebenenfalls die russische Regierung für die Ilmorganisierung ihrer Hungerhilse anzuführen hat. Die Korrespondenz„East Express" weiß aus Moskau zu berichten, das; dort letzten Sanistag um vier Uhr nachmittags eine entscheidende Sitzung'des HauPtkomitceS für die Hungerhilse hätte stattfinden sollen. Außer den Mitgliedern de? Komitees haben sich etwa hundert Gäste eingesunden. Um fünf Uhr war das Sitzungszimmer von der Tfcheres- Soziald witschaika und von Soldaten der roten Armee unizingelt. Alle Anwesenden wurden einer Leibesvisitation unterzogen, die Mehrheit ver- haftet und die Akten des Hilfskomitees und seine Kasse beschlagnahmt. Das Schicksal der Verhafteten ist ungewiß. Die verhafteten eng- tischen und Polnischen ZcitungSkorresPondenten wurden auf Befehl der Tschcrcswitschaika nach vierzig Minuten in Freiheit gesetzt.— Auch diese Meldung ist so vage und unvcrläßlich, das; nur Blätter wie der offiziöse„EaS" lange erregte Kommentare an sie knüpfen. Der hiesige Vertreter der Sowjctrcgierung wird gut daran tun, diese Meldungen ans ihre Stichhaltigkeit zu prüfen und den Berichten der beiden Kor- respondcnzcn die Ergebnisse seiner Nachfor- schlingen entgegenzusetzen. Paris, 30. August. kHavas.) GesundhcitS- ministcr Lcredu präsidierte bei der konsti- tuicrcnden Sitzung der Internationalen Kam- Mission für die Unterstützung der Hungernden in Rußland. Er erklärte, das Ziel der sranzösi- scheu Regierung sei absolut humanitär, frei v o n j c d e r pvlitischcn Absicht. ES handle sich darum, dem russischen Volke z» zeigen, daß man ihm in seiner Not zu Hilfe eile, ohne es für daS Regime verantwortlich zu machen, das cS in die unglückliche Lage, in der es sich befindet, gebracht bat. Prag, 31. August. Inder Sitzung des ständigen'nierministeriellen Ausschusses wurde über die Vcrhandliigcn referiert, die ncit dem Vertreter des VankenverbandcS über die Teil- nähme der tschsl. Geldinstitute au der HilfS- aktion und mit Vertretern des Arbeiter-Zen- tralausschusscs wegen Koordinierung der Sammlungsaktion dieses Ausschusses mit der staatlichen sowie mit der Aktion geführt wnr- den. welche die tschsl. Lcgionürgcmeinde gc- ineinsam mit den allnationalen bürgerlichen Organisationen ins Werk setzt. Tic Mitbürger deutscher Nationalität sollen darauf anfmerk- sam gemacht werden, daß die Bevölkerung des Wolgagcbietes, wo die deutschen Kolonien kon- zentriert sind, den größten Anteil an der Hilfe erhalten. Die Arbeiten der lokalen Komitees wurden bereit? aufgenommen. Die Organisa- tion der Samml»ngen soll erfahrenen Oraa- neu der lokalen Selbstverwaltung überlassen werden. Helsingfor s, 30, August. Da? allrussische Hilfskomitee für die Opfer der Hungersnot ist von der Sowjctrcgicrnng ans- gelöst worden, da es trotz der Weigerung,der Sowjctrcgierung, den Mitgliedern des Komi- tccs die Reiscerlaubnis zu erteilen, ans der Reise bestand. Die russische Regierung erklärt, daß sie die Beteiligung der Delegation an konterrevolutionären Umtrieben befürchtet. Nacki einer Hclsingforscr Meldung auS Moskau beträgt die Sterblichkeit der Kinder bis zu einem Jahre im Hungcrgcbicie 75 Prozent. Proletarische Einigung in Jugoslawien. Das Laibacher sozialistische Blatt„N a- prcj" bringt eine Kundgebung der sozial- demokratischen Parteien Jugoslawiens, in welcher die Vertreter der Vollzugsausschüsse dieser Parteien vorschlagen, es möge bis zur endgültigen Einigung eine einheitliche Organi- sation für ein gemeinsames Vorgehen in allen wichtigen politischen und sozialistischen Fragen geschaffen werden. Im Parlament werden die Abgeordneten dieser Parteien einen einhcit- lichen Klub bilden. Ein zwölfglicdrigcr Aus- schuß stellt das oberste Organ der zu gemein- sanier Aktion verbundenen Parteien dar. Dieser„Ausschuß d c r E i n h c i t" wird den Einignngskongrcß vorbereiten. DaS zu schaffende Programm wird sich in seinem prin- zipiellen Teil an das Erfurter Programm der deutschen Sozialdemokratie anlehnen. Ter Einigungskongreß wird sich auch mit der Frage der Internationale befassen, bis dahin können die einzelnen Parteien in ihrem Verhältnis zu den sozial'stischen Parteien des Auslandes selbständig entscheiden.— In Jugoslawien bestanden bisher selbständige sozialistische Par- teicn im slowenischen, kroatischen und serbischen Gebiet des Staates und in Bosnien. Der kam- mcndc EinigunaSpartcitag wird diese Parteien zu einer einheitlichen südslawischen sozialdemokratischen Partei zusammenschweißen. Irlandskampf. Der Berichterstatter der„Westminstcr Ga- zette" meldet ans Dublin: Das Sinnfeiner- Parlament hat seine bevollmächtigten Vertreter für die geplante Konferenz mit der britischen Regierung bereits ernannt.—«Evening News" erfährt aus Dublin, daß 20 im Inter» nierungSlagcr von Spike-Jsland befindliche Personen seit Sonntag die Nahrungsaufnahme verweigern. 400 weitere Sinnfeiner würden ebenfalls in den Kungerstreik treten, falls sie imokrat nicht bedingungslos freigelassen würden. Dublin, 31. August. Infolge von N n- ruhen in Belfast wurden in der Nacht zum 30. d. M. einige Personen getötet und ver- wundet. 8 Tote in Belfast. London, 31. August,(Reuter.) Bei den ge- strigcn Kämpfen zwischen den Sinnfcincrn und Ulstcrlciitcn in B c l f a st wurden 3 P e r s o- neu getötet und 54 verwundet. In den Straßen der Stadt wurden Sandsackbarrikadcn errichtet. In den Hauptstraßen patroullieren Panzerwagen. Die Verhandlungen dcö österreichischen Finanz- Ministers ergebnislos. W i c n, 31. August. Nach Meldungen an? parlamentarischen Kreisen hat Dr. G r i m m seine Ankunft in Wien angekündigt. Die Ver- handlugen in Paris und London haben nicht zum Ziele geführt, aber sollen ehestens beendigt werden. Polnische Noten an Rußland und Ukraine. W a r s ch a u, 31. August.(Havas.) Die pol- nische Regierung hat an Tschitschcrin eine Rote gerichtet, worin gegen die Ver- l c tz u n g d e s R i g a c r V c r t r a g e s durch die Sowjctrcgicrnng protestiert wird. Die Note hebt vor allem die Tätigkeit der„Jnkordot" gc- nannten Organisation liervor, die von der Sowjetregierung in Rußland und in der Ukraine geschaffen wurde. Die Note betont dann, daß die Tätigkeit d:r Organisation von der Sowjctrcgierung finanziell zu dem Zwecke nnterstü^t werde, um die Grundlagen des pol- irischen Staates und der polnischen Regierung zu untergraben. Sie verlangt die Auflösung dieser Organisation.— Eine ähnliche Note wurde an den Kommissär für auswärtige An- gelegcnhciten in der Ukraine gesandt. Zusammenstoß britischer Streitkräfte mit indischen Eingeborenen. 2 o n d o n, 30. August.(Reuter.) Das indische Amt meldet, daß die Truppen und Poli- zeistreitkräfte auf dem Marsche von C a l l i c u t nach M a l a p u r am 20. August von einer bedeutenden Streitmacht der Moplah, die mit Karabinern, Jagdflinten, Schwertern und Dolchen bewaffnet waren, an- gegriffen wurden. Die Rebellen stürmten mit ihrer traditionellen Wildheit und Tcdcsverach- tnng in den Kampf, der 5 Stunden dauerte. Ihre Verluste werden auf 500 Tote geschätzt. Auf britischer Seite fielen ein Offizier und zwei Soldaten. 0 Soldaten wurden verletzt. Die Abteilung hat M a l a P u r erreicht und die dortige Garnison nach Eallicut zurückgebracht. Der griechisch-türkische Krieg. Nach Meldungen aus türkischer und gricchi- scher Quelle ist die S ch l a ch t a in S a k a r i a- f l ii s s e mit voller Wucht im Gange. London, 31. August. Aus Smyrua wird gemeldet, daß die Schlacht am Sakariaflussc andauert. Tic Türken hätten ans dem Kau- kasns und Cilicien Verstärkungen erhalten. Die türkischen Kräfte, die am Sakariaflussc stehen, sollen 00.000 Mann umfassen. Die Verluste auf beiden Seiten seien schwer. K o n st a n t i n o P e l, 31. August.(Amtlicher Bericht.) Die letzten Nachrichten bestätigen die griechische Schlappe. Die Griechen beginnen Eski S ch c ch i r zu räumen. In ihrer Bcr- zwciflnng haben sie die Stadt angezündet. Dtutschburgerliche Parole: Jeder kann machen, was cr will... Die„Rcichcnbcrgcr Zeitung" ist sehr hau- fig nnt der Führung der Dcutschbürgcrlichcn nicht zufrieden. Erstens, well sie auf jeden Fall alles besser versteht als alle anderen Po- litischcn Quacksalber der deutschen Bourgeoisie und zweitens erkennt sie doch in lichten Mo- rnenten den schreienden Widerspruch zwischen den großmäuligen Phrasen und den ach so kleinen Taten der deutschen Nationalisten. Sehr heiter wirkte daher folgender Rüffel, den die Ncichenbergcrin also austeilt: In ihrer Aufregung sind freilich der„Nei- chenberger Zeitung" auch einige kleine Irr- tümer und Dummheiten passiert. So z. B. ist es einfach kindisch zu behaupten, daS deutsche Volk hätte eine Niederlage erlitten, weil die Inhaber von Telcphonapparatcn die Ver- kehrSanleihe gezeichnet haben. Eine Blamage haben nur jene hohe» Politiker erlitten, die in Versammlungsreden und Entschließungen zur Verweigerung der Zeichnung der Anleihe auf- forderten, ohne zu bedenke», baß sich keine Te- lephonbesitzer finden werden, die ihrer Auf- forderung zu entsprechen bereit sind. DaS Ge- setz bestimmt, daß jenen, die die Anleihe ver- weigern, daS Telephon abmontiert wird. Die Frage, ob die Regierung gewillt äst, die Ge. fetze, die ihr passen, durchzuführen, ist bereit« wiederholt und in unzweideutiger Weife von ihn beantwortet worden. Mfo konnte jeder- 1. September 1921, mann, der über fünf Sinne verfügt, voraus- sehen, daß die Befolgung jener Entschließung den Verlust des Tclcphonapparatcs zur Folge haben wird. Da die Herren Redner in den dentschbürgerlichcn Versammlungen doch ihr Publikum kennen müssen, konnte cS ihnen nicht verborgen sein, daß eine Sabotage des Gesetzes nicht durchzusetzen ist. Wären sie ehrliche Politiker, dann hätten sie also sagen müssen, wir sind zwar Gegner der Verkehrs- anlcihe, haben aber ebensowenig die Kraft, die Durchführung dieses Gesetzes zu verhindern, als wir imstande waren, uns seinerzeit ge- gen die Besetzung der Städte mit tschechischen Truppen zu wehren, gegen die Notcnabstcm- pclung anzukämpfen, die Einrückung der dent- schen Rekruten zu vereiteln usw. Wenn aber ein Dcutschbürgcrlichcr diese Tatsachen ausspricht, ans leere Phrasen, denen der Katzenjammer folgen muß, verzichtet, dann ist er eben der„Rcichcnberger Zeitung" wieder zu wenig radikal. Der Widerspruch, in dem die dcutschbürgcrliche Politik seit dem Be- stände der tschechoslowakischen Republik lebt, klafft eben bei jeder Gelegenheit ans. Ten wollen sie aber nicht erkennen, sondern tan- meln, sobald sie wieder einmal anS einem Ent- schlicßungSrausch erwacht sind, in die tiefste Niedergeschlagenheit und Verzweiflung, in der sie dann ihren P a r t e i j a m m c r als Schwäche deS deutschen Volkes ausgeben. Die Massen der deutschen Arbeiterklasse haben ihr Ziel und ihre Richtung, sie sind glücklicher- weise nicht auf die famose„Führung" durck die alten Hcilschreicr, die nichts gelernt und alles vergessen haben, angewiesen, weshalb also für sie die Klagctönc der„Reichenbcrger Zeitung" wie lustige Musik erklingen. Bcdrän-zuiig deS dcnischcn Schulwesens in Troppau. Aus Troppau wird uns berichtet: Vor zwei Jahren hat man hier zum ersten Male den Deutschen eine Schule mit elf Klassen, und zwar eine Vorstadtvolksschule abgenommen. Im Vorjahr eine zweite Schule mit neun Klassen. Damals wurde den Vertretern der Stadtverwaltung das feierliche Versprechen ge-> geben, daß in Zukunft keine weiteren Anfor- deriingen kommen werden. Aber waS in diesem Staate die Zusicherungen und Versprechungen der Bürokraten wert sind, davon haben wir genügend Beweise: Und richtig: Drei Tage vor Schulbeginn kommt ein Erlaß des Landes- schnlratcs, in welchen: der Bezirksschulrat auk- gefordert wird, dreizehn Lehrkräfte der Bolls- schulen namhaft zu machen, die mit Wartegebühr zu beurlauben oder zu entlassen sind. Das ist gleichbedeutend mit der Auflassung von 13 VolkSschulklasscn! Ein zweiter Erlaß, in welchem die Auflassung von fünf Bürgcrschul- klaffen gefordert wird, ist noch zu erwarten. Im deutschen Gymnasium wurden drei Klassen für die tschechische Maurcrfachschule in Be- schlag gelegt. Heute beträgt bereits die Durch- schnitiszisfcr einer Volksschnlklasse 43. Es trifft also der eventuell zu erwartende Hinweis auf eine schwache Frequenz der deutschen Schulen absolut nicht zu. Dabei ist der gcgönwärtige Schülerstand eine vorübergehend« Erscheinung. Durch die heute schon konstatierbare Steige- rung der Geburten werden in zwei Jahren die heute verfügbaren deutschen Schulen zu klein sein. Sind doch heute schon alle deutschen Kindergärten überfüllt. Das Unerhörteste liegt aber in der Verfü- gung des Landcsschulratcs, daß insolange die angekündigte Auflassung der Klassen nicht er- folgt ist, keine- Kinder von auswärts aufgc- nommen werden dürfen. Daß diese Anordnung eine direkte Verletzung des Gesetzes ist, darf niemanden verwundern. Hat sich der Landes- Präsident jemals um die Gesetze gekümmert, wenn cr im Auftrage der tschcchischnationalcn Drahtzieher einen Gewaltakt gegen das deutsche Schulwesen unternahm? Dieses Verbot richtet sich hauptsächlich gegen die Hul- ischincr, die ihre Kinder nach Troppau in die deutsche Schule senden. Obwohl selbst schon von tschechischer Seite auf die verfehlten Ver- waltungsmcthodcn im Bezirk Hultschin auf- merksam gemacht worden ist, scheint der Landespräsidcnt von Schlesien noch immer an die Gewalt als einzige RegicrungSwciSheit zu glauben. Dieses Verbot muß umso erbitternder wirken, wenn man sieht, daS in den tschcchi-' schen Schulen TroPPauS fast nur Kinder aus der tschechischen Umgebung Troppaus sind. Diesen Gemeinden ist das sehr recht, denn sie ersparen die Ausgaben für die Erhaltung uni Ausgestaltung eigener Schulen. Wir habe« gar nichts dagegen, wenn sich die Tschechen ih, Schulwesen ausgestalten. Aber wogegen wir nicht nur Protest einlegen, sondern auch den schärfsten Kampf— einen Kulturkampf im vollsten Sinne des Wortes— führen werden, daS ist, daß man auf Kosten der geistigen Eni- Wicklung deS deutschen Proletariats dies« AuS-, gestaltung vornimmt. 1 September 1921. Einen Einblick in die slowakischen Verhältnisse gibt folgende Notiz der slowakischen Zeitschrift „SlovcnSkh Tyzdeunik":„Es ist bekannt, mit wel- chcn Schwierigkeiten alle slowakischen Zeitungen kämpfen. ES gibt keine slowakische Zeitung, wel- che I>eutc aktiv wäre; aNe ringen mit ungclieneren finanzielle» Schwierigkeiten und das nur deswegen, weil sie nur eine geringe Anzahl Abonnenten haben. Jede slowakische Zeitung, ob sie nun Tag- blatt oder Wochenblatt ist, hat nur einige wenige tausend Abonnenten und erhält sich mit Anspan- nung aller Kräfte. Werfe» wir dagegen einen Blick ans die ungarischen Zeitungen, wie große Auslagen sie haben. Betrachten wir bei derSin- kuiist der Frühziigc wie viel Pakete ungarischer Zeitungen expediert werden. Eine einzige dcrar. tige Sendung beträgt mehr, als die ganze Auslage so mancher slowakischer Zeitung." Kundgebung der öergarbetter-Dcrbiiude. Geyen jede Senkung der Lebenshaltung.— Für die Sonalisierung des Lergbaueo. Wie bekannt, wird schon seit einiger Zeit zwischen den Bergarbeitern des Ostrauer Bc- zirkcS und den Unternehmern verhandelt, ohne daß die Verhandlungen bisher zu einem Ergeb- nis geführt hätten. Die Unternehmer in der Tschechoslowakei reden in letzter Zeit in demagogischer Weise von einer Senkung der Preise der Lebensmittel und Gebrauchsartikel, uin so die öffentliche Meinung in ihrem Bestreben, die Löhne herabsetzen zu können, zu gewinnen. Tie nachstehende Kundgebung der drei großen Berg- arbcitcrorganisationen der tschechoslowakischen Republik ist eine ernste Warnung an Regierung und Unternehmer. Die Arbeiter in der tschechoslowakischen Republik werden es nicht dulden, daß ihre Lebenshaltung auf das Niveau der Kricgszeit hcrabgcdrückt wird. Die Zeiten, da man mit Maschinengc- wehren die Bergarbeiter niederhielt, sind vor- bei. TaS mögen sich die Regierung und die BcrgwcrkSbcsitzcr gesagt sein lassen. Wir lassen nun die beschlossene Kundge- b u n g folgen: Tie Sitzung der drei koalierten Bergarbeiter- verbände, und zwar Union der Bergarbeiter, Svaz ccskoslovcnskych horniku und Srnzcni horniku, welche am 31. August 1921 in Prag tagte und an der auch Vertreter der Bergbau- revicre teilnahmen, befaßte sich mit der gegenwärtigen" Situation im Bergbau und faßte nachstehende Beschlüsse: Für den Fall, daß die Kündigung der Lohn- Verträge durch die Unternehmer in Mährisch- Ostrau und Rossitz eine Verschlechterung der Lebenshaltung der Bergarbeiter zur Folge hätte, werden die Bergarbeiter dieser Reviere aufgefordert, diesbezüglichen Verhandlungen nicht beizutreten und einen vertragslosen Zu- stand nicht zu akzeptieren. DaS Ergebnis der im Zuge befindlichen Vcr- Handlungen ist auf jeden Fall vor der Unter- Zeichnung einer Sitzung der koalierten Berg- arbcitcrvcrbände vorzulegen. Sind diese Per- Handlungen ergebnislos, oder ist das Ergebnis unannehmbar, werden die Verbände unverzüg- lich eine Bergarbeitc r-R c i ch s k o n f c- r e n z einberufen, welche ausschließlich über die weiteren zu unternehmenden Maßnahmen beschließen wird. Die Bergarbeiter können und werden unter keinen Umständen in eine Vcr- schlechtcrung ihrer Lebenshaltung einwilligen. Einem Lohnabbau muß der Preisabbau vor- ausgehen. Die neuerlich einsetzende Preissteigerung, welche infolge Umsatzsteuercrhöhung, Aufhe- bung der Brot- und Mchlkartcn und anderer Ursachen ein weiteres Fortschreiten sicher er- warten läßt, muß notgedrungen durch Loh n fi t h 5 H u n g e n ausgeglichen werden. Die Beseitigung oder Milderung der Krise im Bergbau läßt sich nicht durch Lohnhera b- sctzungcu erzielen. Die Bergarbeiterverbände urgieren die Durchführung der Bcs^-'üsse!"r Bcrgarbciter-Reichskonferenz vom, 20. Mai d. I. und verlangen: 1. Sofortige Aufhebung aller Arten Ausfuhr- Prämien sowie aller die KohlenauSfuhr be- hindernden Verfügungen und Förderung der KohlenauSfuhr. 2. Aenderung der B a h n t a r i f e für Kohlen unter Berücksichtigung des Heizwertes und der Tarifverhältnifse in den einzelnen Revieren. 3. Herabsetzung der K o h l e n st e u c r. 4. Aenderung der Kohlenbewirtschaftung int allgemeinen, volkswirtschaftlichen und staat» lichcn Interesse im Wege von Kohlen- zwangSshndikaten, durch welche sowohl eine gleichmäßige Verteilung der Austräge, wie der Gestehungskosten ermöglicht wird. Alle Bergarbeiter der Republik sind zum aktiven Kampfe bereit, wenn es gilt, Verschlechterungen der Lebenshaltung der Bergarbeiter abzuwehren. An sämtliche Berg- arbeite? richten die Verbände die dringende Aufforderung, die im Zuge befindlichen Per- Handlungen und die Beschlüsse ihrer Organisa- tionen abzuwarten. Sollen die gewerckschast- «oztafdi lichen Organisationen der Bergarbeiter ihre schweren und verantwortungsvollen Aufgaben erfüllen, ist restlose und strengste Disziplin erforderlich. Die Verbände erwarten, daß sich die gesamten Bergarbeiter hinter ihre Organi- sationen stellen und sich alle Ratschläge nnvcr- antwortlichcr Politiker und Zeitungen ent- schieden verbitten und ablehnen. Die Krise im Bergbau ist ein Beweis dafür, daß die privatkapitalistische Produktionsweise im Bergbau auf die Dauer unmöglich ist. Die unhaltbaren Zustände können dauernd nur durch die S o z i a l i s i c r u n g der Gruben gc- bessert und überwunden werden, weshalb die Bergarbeiter die eheste Sozialisierung der Bergwerke fordern. Tages-Neuigkeiten. Die erste Nnmmer dcS„Sozialdemokrat", die heute in die Welt hinausgeht, die schon mittags ihren Platz auf dem Tische deS Ar- Deiters droben im Erzgebirge einnehmen, nach- mittag? im letzten fchlcsischen Marktflcckchcn genau so wie im südlichsten Zipfel der Republik zu den Arbeitern sprechen wird, diese erste Nummer, die unsere Genossen draußen im Reich und unsere Brüder in Oesterreich noch heute in Händen halten ivcrdcn, ist der stolzeste Beweis für den unvergleichlichen Sicgckzug der deutschen Sozialdemokratie in den Sudeten- ländcrn. Heute wollen wir unseren Blick zu den Anfängen unserer Partcibewcgung zurück- lenken, die ersten Seiten unserer Partcige- schichte ausschlagen und der Leiden des kleinen Häufleins sozialistischer Vorkämpfer gedenken, die vor vierzig Jahren schwach, fast ohnmächtig, mit glühendem Herzen den Kampf gegen die finstere, brutale Gewalt des altösterreichischcn Klasscnstaatcs und des reaktionären Bürger- tum? aufnahmen. Wenn wir verfolgen, wie jene Männer mit dem Einsah ihres ganzen Seins, trotz aller Unterdrückungen und Per- folgungen, für die Verbreitung und Vertiefung des sozialistischen Gedankens kämpften, immer größere Scharen um unsere rote Fahne sam- nickten, wie im Laufe der Jahrzehnte ans dem kleinen, verachteten, mit Kerker verfolgten Häuflein die riesige Armee deS klassenbewußten revolutionären Vrolctariats der Sudetcnländcr ocwordcn ist, erlaßt uns daS behrc Gefühl des Stolzes, dcS Vertrauens in unsere eigene Kraft, mit dem wir auch weiter alle Hindernisse nehmen werden, die sich uns auf unserem schweren Wege bis zur Erreichung des Endziels entgegenstellen werden. Der „Sozialdemokrat" ist nicht das erste deutsche sozialdemokratische Blatt, das in Prag erscheint, sondern er hat seinen Vorläufer im„A r- beiterfreun d", dem ersten deutschen Blatte der sozialdemokratischen Partei in Vöh- mcn. daS in den Ollertagen des Jahres 1871 inPrag erschien. Genosse I o s c f H a n n i ch, der Nestor der dcntschböhmsschen Arbciterbcwc- g»ng. erzählt uns in einer Zuschrift, in der er das Erscheinen des„Sozialdemokrat" herzlich begrüßt, wie es zur Gründung des„Arbeiter- freund" in Prag kam. Rücksichtslos wurde damals das sozialistische W"rt unterdrückt, seine Sprecher brutal verfolgt. Nech mehr aber war die Presse geknebelt. In dem„freiheitlich" ge- sinntcn Dcutschbohmen fand sich kein Drucker, der den Mut aufgebracht hätte, eine sozialdemokratische Zeitung herzustellen. Hannich und der alte Albrecht aus Rcichcnbcrg fgndcn in dem Präger I u n g t s ch e ch e n V i l i m c k endlich einen Mann, der den Druck d"§„Arbeiter- freund" übernahm. Zwischen den Öfter'a-wn de? JahrcS 1 und heute kirnt fall ein halbes Jahrhundert der schwersten Kämpfe, die wir siegreich bestanden Halen, in denen unllre Beil wegü'-g, untere Partei, die Gewerkschaften, di. Gcnossculchaftcn und a"c andereen Arbeiter organisattanen so gewaltig gewachsen sind Dieser Bewegung zu dienen, ibr weiteres »-st»"en Kräften zu fördern, ist die große Aufgabe, die uns gestellt ist. Die Gelben rühren sich wieder.„Da? poli- tische Rückgrat der Sozialdemokraten ist ge- brachen". TieS anzuzweifeln oder gar mit der Tatsache zu widerlegen, daß sich diese ver. dämmten Sozialdemokraten eben setzt ein Zentralorgan geschaffen haben, bätte wenig Sinn, denn der Dürer nationalsozialistische „T a g" l?at gestern in einem Leitartikel,„So ziakdemokrotilche Politik in der Tschcch-slowa- kei" unser gebrochenes Rückorat derart gründ- lich seziert, daß kein Mensch me^r von dem Körper der Sozialdemokratie eine Lebens- äußerung erwarten wird. Nach der Meinung, die das gelbe Blatt feinen wenigen Lesern beibringen will, hat die Sozialdemokratie nach dem„Ausbleiben der Weltrcvolution" überall vollständig abgewirtschaftet, ganz besonders aber in der Tschechoflowakci. Es fällt uns nicht ein. auf das sinnlose Geschwätz im„Tag" näher einzugehen oder uns mit dieser Art Presse überhaupt auch nur eine» Augenblick länger als unbedingt notwendig zu befchäfti- gen. Dafür aber werden wir schon sorgen, daß sie, die Bedeutungslosen, in ihren Zei- «»trat tungen nicht allzu üppig werden. Der Artikel 'Pöttelt über die„Junggeburt" des Proleta- ricrkougrcsses und reibt sich vergnügt die Hände, weil die internationale Proletarier- front in der Tschechoslowakei noch nicht her- gestellt ist. Den Gelben und ihren bürgerlichen Geldgebern wird der Prolctaricrkon- grcß, wann immer er Wirklichkeit wird, stets zu früh kommen. Woher aber nehmen die Gel- ben die Kühnheit, den'Bericht unserer Abgc- ordneten und Senatoren an ihre Wähler als einen„gottsjämmerlichen, meterlangen Recht- fertignngSbricf" zu bezeichnen? Unsere ge- wählten Vertreter haben dem Präger Schein- Parlament und der Prager— Gott sei's geklagt!— Regierung abgerungen, was durch zähe Arbeit nur abzuzwingen war. W a S aber haben die Gelben, waS haben ü be r h a u p t die Herrschaften, die im Parlamentarischen Verband b e i s a m m e n s i tz e n, für ihre W ä h- lcr geleistet? Tie deutschen Nationalsozia- listen sollen ihren Parteifreunden nur die Wahrheit eingestehen und ihnen sagen, daß sie im Parlament n i ch 18 geleistet haben; s i e sollen einen Rcchifcrtignngsbricf verfassen und zwar des Inhalte?, daß sie wegen der nationalen„Belange" Pnltdcckel zerschlagen und Sitzungen schwänzen mußten und daß sie (nämlich die National Sozialisten) leider nur hie und da Gelegenheit hatten, mit den d e u t s cki e n und t s ch e ch i s ch e n k a v i- talistischen Vertretern gegen die Forderungen der?lrbeitersckiaft zu sti m in e n. Der Schreiber im„Tag" sieht in seiner wunderbaren Phantasie die deutsche Sozialdemokratie ein Jahr lang„mit ver- schränkten Armen" zwischen den Trüm- mern ihrer in die Luft gegangenen Theorie „h e r n m w e d e l n." Wir wedeln nicht, mit verschränkten?lrrnen können wir c? auch nicht. Aber zuschlagen können wir und zwar kräftig; die Nationalsozialisten mögen zuschm daß sich dann unter den Trümmern und in der Luft nicht allzuviel von dem„Gebäude" ihrer Par- tci befindet. Ter Ma^enfestzug der SiebenilNdzivanzig. Die Lcitmeritzer Gruppe der kommnni- stischen„Massen"-Partei hatte in ihrer Presse und ans großen Plakaten wochenlang für ein Arbcitcrfcst Reklame gemacht, das am letzten Sonntag auf der Lcitmdriher Schützeninsel stattfand— d. h. stattfinden sollte. Denn als sich der„Masscnfcstzng" in Bewegung fetzte, konnte die große Musikkapelle, die ihm voranmarschieren sollte, nur auf 2 7 Erwach- sene und 10 Kinder zurückblicken. ES erregte bei den Unbeteiligten einigermaßen Heiterkeit, als der Massenfestzug der Sieben- undzwanzig zur Schützeninsel abmarschierte, während die kommunistischen Macher selbst über diese Blamage solche Trauer zeigten, daß sie beim Abmarsch das Weite suchten, jeden- falls, um so ungestörter ibre Tränen trocknen zu können. Wir hoffen aber, daß sie sich in- zwischen beruhigt baten— e? wäre auch zu traurig, wenn bei der nächsten Gelegenheit, die wiederum den Massencharakter der kom- munistischen Partei offenbaren sollte, nickt einmal siebenni'dzwanzig Demonstranten auf die Beine zu bringen wären. Die erste gedruckte Zeitung. Prag geborte zu jenen Städten des alten denischen Reiches, stc denen die ersten gedruckten Zeitungen er- schienen, d'e durch die Bereinigung von Nach- richten und durch periodisches Erscheinen nn- strcm Begriff vom Zeitunaswescn naherückten. Etwa löst Jaf're nach der Erfindung der Puchdnlckerkunst(um 1449) erschienen zu- nächst sogenannte Messcrclnti'nen, die zu den Messen von Frankfurt a. M., Leipzig und anderen Handelsplätzen halbjährig die Ncuig- leiten der letzt verfangenen sechs Monale zn- 'ammenftellten. Dieser Erfindung der halb- jährigen Zeitung folgten nun sehr bcchd Mo- uatSzeitnngen und zwar verfügte im Jcckre 1597 Kaiser Rudolf II., vermutlich um die Verbreitung falscher Nachrichten über seinen Türkenkrieg zu verhindern, da« die„Zcitnn- "cn" über diesen(daS Wort„Zeitung" bedeutete ursprünglich wörtlich so viel wie beute .Nachricht",„Neuigkeit") nur monatlich ge- druckt werden sollten. So erschienen denn zu Prag in tschechischer und in deutscher Sprache während der Jahre 1597 bis 1598 MonaiSzeitungen. die allerdings nicht lange Bestand gehabt haben dürften. Die ältesten eigentlichen gedruckten Zeitungen in unserem Sinne stammen erst ans dem Anfang des sieb- zehnten Jahrhunderts. Postknriosa. Wo Karlsbad liegt, weiß in Mitteleuropa jeder Schulbub und in der übri- gen Welt wohl jeder halbwegs gebildete Mensch. Mo Karlovy-Vary liegt, weiß man einzig und allein in der Tschechoslowakei, und da bisher nur sehr spärlich. Ein köstliches Schicksal erlebte dieser Tage ein Briest der von Prcßburg aus folgendermaßen adressiert war: Sl. Maua Ehrbolk.va Karlovy Vary, Morgenzeile vi Lcdcrrr— dum Chicago. Seite ff Der tschechische oder slowakische Postbeamte in Prcßburg, der diesen Brief zu erledige» hatte, wußte zweifellos, daß„dum" HautS heißt, dagegen war ihm jedenfalls unbekannt, daß alljährlich zehntansende Menschen Heilung ihrer Leiden in Karlovy Vary suchen und s» kam eL, daß der Brief nach einigen Wochen in Chicago einlangte. Die dortige Postverwal- tnng fand aber in der Millionenstadt keine Chrbolkova, weshalb der Brief nach längerer Zeit wiederum die Reise über daS große Wasser znrückmachcn mußte. Bon Pceßburg aur. kam dann nach vielen Strapazen und Leidens stationen(von denen ein Dutzend Poststempel der verschiedensten Orte Zeugnis geben) daS Schreiben, das im I u n i in Preßburg aufgegeben worden war, endlich im August in Karlsbad— Verzeihung: Karlovy Vary— an. Ja, die tschechoslowakische Postverwaltirng macht eS eben den Staatsbürgern nicht leicht, die in Städten mit uralt-deutsche» Namen wohnen. Trägt ein Schreiben an sie die Adresse in deutscher Sprache, so heißt* „zpet" und der Brief gelangt womöglich nie- nmls in die Hände dessen, an den er gerichtet ist; lautet aber die Adresse tschechisch, so muß der Adressat geduldig warten, bis das Schrei- ben von einer Wellreise heimgekehrt ist. velriigereien mit AnSsnhrbewilligungen. D>iS Prager Wucheramt teilt mii: In der leywn Zeil beschwerten sich Geschäftsleute, aus der Leder brauche darüber, die Gesuche nm AnSfuhrbewilli- gnngen für Ziegenhäu.te vom Amt für Außenhandel abgewiesen werden, daß ei aber möglich sei, gegen einen größeren vetra» e i n e A nS f n b r b e w i l l i g nn g für jede beliebige Menge zu erhalten. Weil nun festgestellt wurde, daß auf den Namen einer gewissen Firma eine AuSfubrbewilligung für lö.lllll? Stück Ziegenfelle ausgestellt worden war, wurde die Untersuchung eingeleitet, ans welche Weise die Firma die Bewilligung erhalten hat. ES wurde fcstoestellt, daß frühere Beamte der tschechoslowakischen Kommission für Leder und Käute Franz N y b a r eine Ausfuhrbewilligung für die Firma Heinrich Kneifet in ZbraSlawitz ebne deren Wiss-n erhalten hatte, welche er dann einer anderen Firma nm 12.000 Kronen der kaufte. Tiefe AuSfiihrbewillignng wurde vom Amt- für Außenhandel auf Grund der Bestätigung der Mitglieder der Lederkommission deS genann- ten Amtes M. Mautner und deS Fabrikanten Karl Msi'ka in Prag ausgestellt, welche bestätigten. daß sie die Ziegenfelle in ZbraSlawib unter sucht und d-n gese"lichen Vorschriften entsprechend befunden hätten, ohne daß die?, der Wahrheit eni sprach. Tie Kerreu Mautner und Mibta empfinge» auch die Gebuhr für die Durchsicht in der Hohe von Wäll Kron-n. Die Lederhnnte e r i st i e r t e n überhaupt nicht. Durch eine KauSdurchsuchung bei Nvbar wurde festge> sielst. daß er schon laiwe mit verschiedenen Waren »n Groß-n handelt, obgleich er keine Bewilligung, bi-zu besi"t. Nybar und Mautner wurde» verhaltet und dem LandeSsirasgerichte eingeliefert und aeaen sie wie auch gegen-den Fabrikanten Mibka die Strafanzeige erstattet., Knust nnd Wissen. Neues DcnifcheS Theater.„Don EarloS". Oper in vier Akten von Giuseppe Verdi. Ein histo- storischeS Dokument vom Wege Verdis aus dem Reiche der italienischen Arien-Oper zum Mit- sikdrama. Damit ist in der Hanpisachc gekenn- zeichnet, waS der Referent gelegentlich dieser Neu-Ausführung über daS Werk selbst sagen zu müssen glaubt. DaS Lied, daS Verdi vom Schick- sal de? unglücklichen Prinzen EarloS sang, bewegt iinS vielleicht weniger als daS dramatische Denkmal. do.S ihm der»igendliche Fencrgeist Schiller erriclve'e. Die Vielheit der Konflikte erfuhr durch die Musik keine Konzentrierung, während da» Spirituelle des Philipp-EarloS-DramaS in der Form des OperntexibucbeS untergehen mußte. Wenngleich an jedem Takt, in den Soli» und En semb'eS die virtuose Hand deS genialen Meister^ zu bewundern ilt, bleibt das Ganze dcS Werken- an Schwung und Tiefe hinter seinem Vorwurst zurück. Vlvß dnS Rezitativ Philipps am Anfange d.-S dritten Aktes mit seinen Tönen tiessten Leides iit oh 3 dem großen dramatischen Können deS MeisterS geschöpft, da» erst später zur vollen Entfaltung gelangen sollte.— Die Aufführung de# Werkes war gut. weun man auch eine innigere Geschlosienheii deS EusembleS und stellenweise mehr Schwung hätte wünschen dürfen. Die AnS- stattung war, d'» Mitteln deS Deutschen ThiaierS angemessen, bescheiden aber geschmackvoll. DaS Orchester sand sich i'nier der erfahrenen Führung bei Kapellmeisters Jalvwen»iemlich mit zu- stimmen, nur hätte man die Bläser etwas«äßi- aer zu hören gewünscht. Iderr Mach»(Don E a r l o Ss hat merklich zugelernt und wirkt« mit seinem fein-n, luriswen Tenor sebr sumpatikch. Bei besserer Beherrschung seiner Stimme würde Eei- lich sein Ton an.Klang und Tragkraft, sein Spiel an Freiheit gewinnen. Gr. 5. Philharmonisches Konzert. Samstag 7 I'hr Deutsches Theater, Dirigent Dr..Aainrich Ja lo wetz. Programm: Dberon-Ouvertii« von Weber. Nactnrno für 4 Streichorchester von Mozart, Kindertotenlieder kGesang Mm; Klein) und 4. Svmbhonie(Solo Marei Müller von Gustav Möhler. DaS verstärkte Orchester deS Deutschen LandeSIHcaterS. Kartenverkauf täglich^ NeueS Theater, v e u t« Donnerstag(lvS—.4) und Sonntag Gib. anfg.) die Opercttenneuheiti „Ter Tanz iuS Glück",„Schwester Angelica",.,Gi» Kramer„Sperrsechserl", Gastspiel Aline Banden- anni Schicei"(104— 2), SomStag nacht» 10 Uhr Nachtvorstellung der„VsarrbauSkomödie^ Krämer„Sperrsechserl, Gastspiel Aline Sauden- Sonntag nachmittag Gastspiel Pepi Glöckner« Richard Kiibla, Montag„Carmen" mit Alinrj Sandcn in der Titelrolle und Richard Kubla«! in seinen Wirkungen für die Arbeiterschaft»och verschärft ivurde durch die Spannung in den Beziehungen der europäischen Staaten. Seit dem Ende des Krieges aber ist der Abstand zwischen Konjunktur und KrisiS noch kürzer ge- worden.?cnt Ende de? Kriege? folgte ein guter Geschäftsgang, zu den KriegSgewinnern gesellten sich die Nachkriegsgewinnrr, im Herbst 1020 aber, kaum zwei Jahre nach dem.Kriegs- ende, wurde die kapitalistische Welt abermals von einer schweren wirtschaftlichen Krise heimgesucht. In der tschechostowakischeu Republik wurde die aus weltwirtschaftliche?! Ursachen aufgetretene Krise noch verschärft durch die unglückliche Handelspolitik aller Regicrun gen seit der Entstehung dieses Staates. Die iunge Staatlichkeit der Republik mußte nach der Meinung ihrer Schöpfer ihren Ausdruck finden in der Errichtung hoher Zollschranken, welche den Staat von den„bösen" Nachbarn absperrten. In den Köpfen der tschechischen Staatsmänner entstand das trügerische Bild von der„westlichen Orientierung", man vcr- meinte, daß es nur im Willen der neuen Machthaber läge, die politischen Freundschaften mit den Siegerstaaten Frankreich. England und Amerika durch enge wirschaftliche Bande z» festigen. TaS hat unserer Volkswirtschaft schwere Wunden geschlagen. Tie tschechoslowa tische Republik hat«inen Großteil der In- dustrie des alten Oesterreich übernommen, sie (am als ausgesprochener Erportstaat zur Welt und die Weisheit unserer Regierungsmänner verhinderte ein guics Einvernehmen mit unserer besten Kundschaft, mit Teutschland und Teutschösterreich, die im Jahre 1020 uns allein AI Prozent, also mehr als drei Viertel unserer Ausfuhr abgenommen haben. Tank den Maß- nahmen unserer Handelspolitiker sind die Schläge der Wirtschaftskrise aus die Arbeiter dieses Staates mit einer Wucht niedergesaust, wie es noch den natürlichen Prodnktionsbcdin- gnugen der Tschechoslowakei nicht notwendig gewesen wäre. Ten Schab, der ihnen in den schoß fiel, haben die tschechischen Regierung?- > länner schlecht verwaltet. Tie gegen 1010 veränderte Situation zeigt> uns nichts so klar, wie die Lage Im Berg- t> a n. Nach dem Kriege war der Hunger der Menschheit nach Kohle nicht zu stillen, der Bergbau erlebte eine nie dagewesene Konjunk Mir, den Bergarbeitern gelang es bedeutsame Forderungen durchzusehen, sie bekamen als erste Arbciterschichte die Betriebsräte, während sich die anderen Arbeiter mit einen, Mangel- haften, in der Zeit der Wirtschaftskrise cnt- begnügen müssen. Gegen Ende 1950 jedoch war begnügen müssen. Gegss Ende 1020 jedoch war die Zeit des guten Geschäftsganges im Kohlen- bergbau vorüber, es begannen Arbcsterent- lassungen, insbesondere in den Gruben, wo minderwertige Kohle gefördert wurde, und im Frühsommcr erreichte die Krise ihren Höhepunkt. Im April gob es über 0000 arbeitslose Bergarbeiter und 10.000 arbeiteten mit verminderter Tchichtzol'l. Im Juli scheint die Krise sedoch bereits zurückgegangen zu sein: während die Union der Bergarbeiter noch im Juni über 130.000 Kronen an Arbeitslosenunterstützung auszahlte, sank die Dumme im Juli aus etwa? über 70.000 Kronen. Schlimmer ist die Situation in der Metall» i n d u st r i e. Nach einer Erhebung des intcr- nationalen Mctallarbeiterverbandes, die mehr als 83 Prozent seiner Mitglieder umfaßte, waren 23.6 Prozent der Mitglieder von der Krise betroffen, 6 Prozent sogar völlig arbeits- loS, die anderen arbeiteten 3 bis 5 Tage in der Woche. Seither sind die Verhältnisse noch ärger geworden, in Witkowih allein wurden vor einigen Tagen 1363 Arbeiter entlassen, ebenso in Nesselsdorf und im Prager In- dustriegebiet. Bei den ManneSmannröhren- Werken in Komotau ist die Arbetteranzahl von 8000 auf 1700, in der Poldihütte von 1800 auf 700 zurückgegangen. Die Erzeugung landwirt» schastlicher Maschinen steht fast vollständig, sie zählt 8000-Arbeitslose nnd 6000 nur teilweise Beschäftigt«. Im Baugewerbe ist die Lage in den verschiedenen Gegenden des Staates verschieden. Im tschechischen Gebiet ist die Ar beitslosigkeit geringer, im-deutschen Gebiet größer. Doch auch hier nicht gleich. Im mitt leren Nordböhmen ist die Beschäftigung besser, in Ost- und Westböhmcn schlechter. Jedoch scheint auch da der Tiefpunkt bereits über- wunden zu sein, seit Mai haben sich die Per- Hältnisse einigermaßen gebessert. Wider Erwarten haben sich in letzter Zeit— und zwar nicht nur bei uns, sondern auch in Deutschland— die Verhältnisse in der T ex- t i l i n d u st r i c gebessert. In der Leinen- nnd Seidenindustrie werden nur 20 Prozent der 1914 erzeugten Mengen produziert, in der Baumwollbranchc 30 Prozent, in der Tuch- brauche jedoch 60 Prozent. Während die Seidenindustrie Mährens nnd Schlesiens fast stillsteht, beginnt sich das Geschäft inNord- böhmen merklich zu bclehxn.^Insbesondere die Wirk- und Strickwareniiidn^lne haben in der letzten Zeit größere Aufträge erhalten nnd auch der Erfolg der Reicheuberger Messe wird sich in einer wenn auch mäßigen Verminderung der Arbeitslosigkeit äußern. E§ besteht nur die Gefahr, daß, wenn die gute Konjunktur ein- fclit, was nach der Verarbeitung der Zwangs- baumwollr zu erwarten sein dürfte, da die Batimwollindiistrie dann wieder billigere Roh- stosfe. haben wird, die Textilindustrie nicht gc- nug geschulte Arbeiter finden wird, weil diese seit.Kriegsende in anderen Industrien, insbesondere im Bergbau, Unterkunft gesunden haben. Eine besonders schwere Krise macht die Hutindnstrie durch, in der Ncutitscheiner Ge« gend allein feiern 2400 Hutarbeiter. Schlecht sieht es in der Ol I a 5 i n d n si r i c ans. Im Haidacr Gebiet, wo insbesondere Luxusglas erzeugt wird, steht alles still, der Hunger ist bei den Arbeitern dort ständig zu »last. Auch in der Taselglasindusiric stehen viele Betriebe still, der ErPort hat fast völlig aufgehört. In der Flaschenindustrie ist die Be- schäftigung etwas besser. ES hat deen Anschein, als ob in der Glasindustrie die Krise ihren Tiefpunkt noch nicht erreicht hat. In der Holzindustrie können wir ebenfalls noch beständig Arbeiterentlassungen wahrnehmen. Tic Sägewerke arbeiten nur we- nig. die Möbelerzeugnng stockt. In Nordböhmen stehen etwa 26 Prozent der Sägewerke völlig,»0 Prozent arbeiten reduziert nnd nur 26 Prozent arbeiten voll. In der Lebens- m i t t e l i n d u st r i c gehen bloß die Braue- rcieu gut, die Zuckerwaren- und Schokoladen« erzengung ist verringert, die sogenannten Kriegsindustrien sind überhaupt auf dem AnS- sterbeetat: Ter Kaffee-Ersatz unseligen Auge- beulen? und die einstige treue Gefährtin jedes Arbeiterhaushaltes, die Marmelade, erfreuen sich immer geringerer Beliebtheit. In der che tuische n Industrie arbeiten die Be- triebe stark eingeschränkt, in der kerami- schcn I ndn st r i e arbeiten bloß die Groß- betriebe einigermaßen, die Mittel- und Klein- betriebe nur wenig. Tie Situation ist atso, wie dieser kleine Ueberblick lehrt, in den einzelnen Industrien nicht gleich. Während die Arbeitslosigkeit im Bergbau ein wenig nachgelassen hat, die Tex- Ölindustrie sich in der letzten Zeit langsam be- lebt, scheinen den Metall- und Glasarbeitern noch schlimme Tage bevorzustehen. Tic Metallindustrie erliegt der deutschen Konkurrenz, die Glasindustrie ist am Export gehindert. Die binnen kurzem einsetzende neue T e u e- r u n g, herbeigeführt durch die teilweise Frei- gäbe des Getrcidebandcls und die famose zwei- prozeutigo Umsatzsteuer, werden die Produk- iionsbedingungcn der Industrie verschlechtern, die Kaufkraft der Bevölkerung schwächen. Ter innere Markt wird sich nicht so bald erholen, weil die Arbeiter ihren Lohn für die allernot- wendigsten Lebensmittel brauchen und nur in geringem Maße Jndustrieartikcl kaufen lön- neu. Erst muß man leben, dann kann man wieder daran denken, sich Kleider und Wäsche zu lausen und den durch die Kriegszeit ansgc- plünderten Arbcitshausbält wieder in Stand zu setzen. Bor allem ist aber notwendig, unserer Industrie die Erportwege zu ebnen. Nur wenn wir exportieren, können wir unsere Arbeiter vor dem Elend der Massenarbeitslosigkeit be- wahren, nur durch den Export von Industrie- artikeln können(vir d. Einfuhr v. Lebensmitteln bezahlen, unser Lebensutitteldefizit decken. Dazu bedarf es eines guten wirtschaftlichen und poli- tischen Einvernehmens mit unseren Nachbar- staaien, den Abbau der Siegerideologie im tsche- chischen Volke, das die Freundschaft mit Staa- ten sucht, mit denen wir keine Geschäfte machen und die Staaten als Feinde ansieht, die un- sere Kundschaften sind. Nur durch eine konse- quent«, alle nationalen Sympathien und Antipathien abstreifende Exportpolitik können wir den Abbau der Wirtschaftskrise und die Herbei- ftihrung einer neuen Prosperität beschleunigen. Die Entwicklung der wirtschaftlichen Verhält- nisse nach dem Kriege scheint freilich zu lehren, daß die Zeiten der Prosperität nur kurze sind, und daß die neue Krise bald wieder die gute Konjunktur ablösen wird. Auch die beste Wirt- ( schaftspolitik ans kapitalistischer Grundlage kann i eine neue Krise und damit neue Arbeitslosigkeit, neuen Hunger fiir die Arbeiter, neues Elend für die Frauen und Kinder der Arbeiterschaft nicht bannen. Der Wechsel von Konjunktur nnd Krise steckt im ganzen Aufbau der kapita- listischen Wirtschaft. Nur die Beseitigung der kapitalistischen Profitwirtschaft und die Herbei- ftihrung einer sozialistischen Bedarfsdeckung?- Wirtschaft kann Krisen, mit ihren furchtbaren wirschaftliche» Folgen für die Arbeiterschaft be- fertigen. V* Volkswirtschaft nnd Sozialpolitik. Zusammenschluß der italienischen GeWerk- schaften und Genossenschaften. In allen Län- der» zeigt sich seit Beendigung des Krieges eine Annäherung der verschiedenen Zweige der Ar- beiierbcwegung. Dadurch, daß sowohl Genossen- schaften, als auch Gewerkschaften sich zu der Erkenntnis der bedeutsamen Rolle durchringen, die sie beim Aufbau des Sozialismus zu spielen berufen sind, nähern sie sich den sozialistischen Parteien. In Italien wurde auf einer jüngst in Mailand abgehaltenen Konferenz die Schaf- fung einer neuen Zentralorga nsation der Ar- beitcrbcwegung beschlossen. Dt• zu gründende Verband umfaßt die im(tilgen: inen italienischen Gewcrkschafisbund zusammengeschlossenen Gewerkschaften, die Liga der Genossenschaften und den Verband der Versicherungsgesellschaft teu aus Gegenseitigkeit, welch letztere in der ita- lienischen Arbeiterbewegung eine große Rolle spielten. Alle drei Organisationen bleiben in der inneren Verwaltung autonom, gehen aber in den Fragen allgemeiner Arbeiter-Politik so- lidarisch vor. An der Spitze der neuen Organi- sation steht ei» Zentralkomitee, das sich aus den Vertretern der drei genannten Gruppen zusam- mcnsctzt und seinen Sitz in Mailand hat. Aus dem internationale» Gcwerkschasts- kongreß in Basel, der soeben beendet wurde nnd über welchen wir noch ein zusammensas- sende? Referat bringen werden, kam es zu einem Zusammenstoß der Delegierten einer Reihe von Ländern mit dein Vertreter der christlichen GenossenschaftSzeittralc in Bnda- Pest. De? italienische Genossenschafter Pit- loni schlug eine Resolution vor, die sich ge- gen das Horthhschc Regime in Ungarn richtete. Der holländische Vertreter wollte die Resolution dem Vorstand des internationalen GcnossenschaftsbundeS zuweise», wogegen aber mit Energie Genosse Tr. R c n n e r auftrat. Schließlich wurde die Resolution mit allen gegen vier Stimmen angenommen, worauf die Ungarn den Kongreß verließen. Zum Vorstände des internationalen Genossenschasts- bundes wurde der Holländer Goodhart gewählt, zu Mitgliedern des Vorstandes des internationalen Gcnosscnschastsbundes wur- den auS der Tschechoslowakei die tschechischen Genossen Lustig und Fischer und unser Genosse D i c t l gewählt. Das Schicbertum erschlägt den Außenhandel. Ein gerade aus Wladivojtol zurückgekehrter tschechischer Geschäftsmann erzählt im„Bravo Lidn" intereenante Einzelheiten darüber, wie tschcchoslovakischc Schieber nnd Wucherer den Handel mit dem fernen Osten schädigen. Das tschechische Fabrikat hat in Ostasicii einen solchen Ruf, daß„weenn ein Chinese das tsche- chisclie Zeichen mit dein Löwen erblickt, er gleich wegläuft". Gegenwärtig lagern in Wla- divostok eine ganze Menge landwirtschaftlicher Maschinen, welche aber bereits vollständig un- brauchbar sind, da sie dein Regen preisgegeben waren. Nach Charbin sollte tullängst eine Sendung Trikotware gehen, als die Ware je-! doch ankam, stellte es sich heraus, daß eS' lauter zerfressene Hadern tvaren. Im Zoll- Hut von Wladiwostok erklärten die Beamten, daß sie noch nie solchen Schund, wie er aus der Tschechoslowakei komme, gesehen hätten. So kommt eS, daß die englische und amerika- nische Konkurrenz den'tschechoslowakischen Handel vollständig ans dem Felde schlägt. Muß find) der Arbeiter den Stand der Krone verfolgen? Bor dem Kriege war es bloß für Kapitalisten und insbesondere siir die Börseaner von Jnter- esse, die Kurse der fremden Zahlungsmittel zu verfolgen; für den Arbeiter waren die Schwankungen um einige Heller, um die es sich in normalen Zeiten handelte, nichts We- sentliches. Auch hier hat der Krieg vollkom- men neue Verhältnisse geschaffen. Die ständige Entwertung unseres Geldes hatte zur Folge, daß alle ausländischen Produzenten die Liefe- rung von Waren stets von der Bezahlung in ihrer, also der fremdländischen Währung, ab- hängig machten, und dies hat naturgemäß eine neue Steigerung der fremden Valuten und damit ein weitere» Sinken des Kronen- kurses bewirkt. So sind die Wechselkurse der einzelnen Länder vielleicht die merkwürdigsten Kennzeichen der Krieg«, und Nachkriegszeit, so bezeichnet man heute direkt den Dollar, den Schweizer Franken, den Hollandgulden, kurz dir Währungen der Siegerstaaten und der Neutralen als voll-, als hochwertig, auch als Westdeviseu, während man von dem Gelbe der österreichischen Nachfolgestaaten als min- dcrwertigem oder Ostdevisen spricht. Welche Bedeutung haben nun die Schwan- kungen der Wechselkurse für die Arbeiterschaft?. Da die Tschechoslowakei nicht die Möglichkeit hat, ihren Bedarf an Lebensmitteln au§ der eigenen Produktion zu decken, da sie weiters die Rohstoffe für ihre Industrie aus dem Aus. lande beziehen muß und da schließlich die tschechoslowakische Industrie auf den Export angewiesen ist, bedeutet jede, noch so kleine Schwankung des Kronenknrses in Zürich, denn dies ist der maßgebende Platz, eine Berten?- rung, bzw. Verbilligung der Waren im In- lande. Jede Steigerung der fremden Valuten, also jede Abschwächnng der Krone, verteuert das ausländische Mehl und damit unser Brot, sie verteuert die Baumwolle und alle unsere Bckleidungsartikel; das Steigen der Krone und damit daS Sinken der ausländischen Zahlung? Nüttel hat wohl niedrigere Preise im Inland? zur Folge, verursacht aber— und dies ist wohl eine der eigenartigsten Erscheinungen der Gegenwart— ein Ansteigen der Arbeits- losi gleit. Denn unsere Industrie ist int Auslaiide bloß dann konkurrenzfähig, wenn die Krone derart niedrig notiert, daß sich die Ware trotz Fracht, Zöllen?e. immer noch billiger stellt als das ausländische Produkt; dann sind die Fabriken mit Aufträgen überhäuft und die. Arbeiter beschäftigt; aber ein Ansteigen um einige Centimes unterbinde! den Export und macht den Arbeiter und Angestellten brotlo?. Wir konnten dies am besten in der süngsten Entwicklung unserer Glasindustrie feststellen, wir machen gegenwärtig in der Eisenindustrie (Entlassungen in Wiflowitfl die gleiche Mahr- nehmung. Ml diese Tatsachen machen c? auch dem Arbeiter zur Pflicht, sich durch genaue Beobachtung der Kursschwankungen mit diesen Vorgängen zu befassen. Stabilisierung der Föhne. Neben diese jedem Industriellen liebe Frage spricht sich der Sekretär deS tschechischen In- dustriellenverbandes, Dr. B e r u u a c, in dem Blatt deS tschechischen Finanzkapitals, der „Narodni Liiih", aus. Er befürchtet als Folg« der neuen Getreidewirtschaft Lohnerhöhungen der Arbeiterschaft.„Mir können uns nicht des Eindrucks erwehren(!)," sagt der gemütliche Herr Sekretär,„daß es in einigen Industrie- zweiaen unbedingt notwendig sein wird, die Erhöhung der Preise ohne weitere Lohnerhö« Hungen anzunehmen. Ich will nicht der Entz' Wicklung der Verhältnisse vorgreifen, aber ich bin mir dessen bewußt, daß bei der gegcnwär« tigeu industriellen Situation in vielen Zweigen der Produktion die Lösung große Schwierig- leiten bereiten wird, und die gewerkschaftlichen Arbeiterorganisationen müssen sich Wohl bewußt sein, daß heule selbst die geringste finan- zielte Belastung für einen großen Teil der in« bustrieften Betriebe ein unglückliches Experi» ment bedeutet." Des weiteren setzt sich der Herr Jndw striellensckrctär für die Erörterung der Frag« der Familien- und Kinderzuschläge ein, was nichts anderes heißen soll, als diese sozialen Errungenschaften zu beseitigen. Die Frage de» Existenzminimums erklärt der Herr Sekretär, der wirklich sehr witzig sein kann— vorläufig beiseite zu lassen. Wenn er darauf hin- weist, daß auch in anderen Ländern ein Lohn- äbbau eintrete, so möchten wir ihm doch die selbstverständliche Tatsache ins Gedächtnis rufen, daß sich auch die Lebensmittelpreise in anderen Ländern bedeutend gesenkt haben, während die tschechoflowakische Regierung durch die teilweise Freigabe des Getreidehandels und die erhöhte Umsatzsteuer redlich bemüht ist, da« Gegenteil, nämlich eine Verteuerung aller Lebensmittel und Gebrauchsartikel hervorzu- rufen. Wenn der Herr Sekretär sein eigene» Organ, den„Obscrvcr" vom 4. Mai 1921 zur Hand nimmt, wird er daraus entnehmen, daß sich nach den Angaben der Unternehmer eine Erhöhung der Nahrungsmittel nnd Bedarfs- artikcl um 1800 bis 2000 Prozent gegenüber der Vorkriegszeit ergibt, während die Löhne— das alles sind Angaben der Unternchmerorga- nisation— um 538 bis 660 Prozent erhöht haben. Dazu kommt nun im Herbst eine neue Teuerungswelle, vom Lohnabbau wagt der Herr Jndustriellcnsckretär nicht mehr zu reden, weil ihn jeder Arbeiter auslachen würde, des- wegen klammert er sich an das Schlag, wort der Stabilisierung der Löhne. Der Stabilisierung der Löhne muß jedoch voraus- gehen die Stabilisierung der Preise. Mögen die Herren Industriellen mit ihren Beschwerden zur tschechoflowakischen Regierung gehen; du alles tut, um den Abbau der Preise zu der- hindern. ® Ö8.2lt«tti(h..stkgoslow. SandtkSobk>>mm«n v» langert. AnL Belgrad wird gemeldet: Da« pro« visorische Handelsabkommen zwischen Oesterreick und Jugoslawien ist bis Ende Oktober verläng-? worden. { 1. September 1S21. T^PotBfiTT SfffpelattOK zusammen, welche«u* bn# Spiel oljnc Benützung der Hände betrieb, wäh. rcnd die Anhänger der ankeren Richtung im Jänner 1871 die Rugby Football Union grün» deten. DaS von diesen gepflegte Spiel mit dem eisprmigen Ball. fnr, N„gby genannt, bat am kontinent wemg Anhänaer gefunden. Die Ein- fübrnng eines Schiedsrichters erfolgte im Jahre 1881; seit 1894 darf der Schiedsrichter nach eigenem tyutdnnfcn entscheiden. Turnen und Sport Die Geschichte des Fußballsports reicht bis inZ Altertum zurück. frühere Forschungen ergaben, daß ein den» ff» Hb all ähnliches Spiel schon von den alten Griechen und Römer» gc- pflegt wurde. Nach neueren Forschungen soll schon vor mehreren tauscnd Jahren in China bekannt gewesen sein. Alte chinesische Dicht»»- gen bringen eingehende Schilderungen dieses Spieles. Seine fetzige Grundlage als Sviel obnc Aufnahme des BallcS erhielt der Fußball- Sport im Jahre 1PG3 in England. Bis dahin wurde das Spiel in gemischter Farn, betrieben, zum Teil mit Benutzung der Hände, mit vcrschic- denen Dallfornien und mit sehr verschiedener Anzahl von Spielern. Schon dainals hatten sich jedoch zwei Spielarten besonders herauSge- bildet: da§ reine Fußballspiel ohne Benützung der Hände mit gleichmäßig rundem Ball nnd doS gemischte Spiel mit Benützung der Hände wit eiförmigen Ball. Im Jahre 18G3 traten die Bereine von London und Cambridge zur Prag II., Nrkiwinka 7. 9flfi&8*v2S MAa««- to Möckern« Drillen, Zwicker, Reisszeuge. Bürgerliche Küche, erstkl. Biere u. Weine. Sehenswürdigkeit Prags:„Kreurelkeller". Mitteilungen aus dem pnblittum. Für die Schule. Marineanzüge für g> bis 12- jährige Knaben von 144 R. Sportanzüge von 190 Kronen. Belvethosen von 74 R. Westenanzüge mtS Modecheviot mit Wollserge für g bis 15 Fahre von 270 R, aNeS bis zur feinsten Gattung. Echte Lederanziige und Lederhosen, RaglanS, Pe- lerinen. Winterröcke in erstklassiger Ausführung mit bestem Zubehör billiger als überall. Sig- mund StranZky. Prag. Hybernske. Genossen! Gedenkt des Fonds )nr Erhaltung des Jentralorgans! 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