1. Jahrgang. Nr. 21. Samstag, 24. September 1921. , ozialöemokmt i? 1£ m* or 8 an der deutschen sozialdemokratischen lroetterpartei in der tschechoslowakischen Republik. Telefon^L79b""acht?*K7g7'T^bära^m-Akreg^'fimlaflumiife^"In 52* I® t\"f' 4f" bin« nn t1tn: Bei Zustellung in? Sau? oder bei Bezng dnrch die Vost nionntlich Ii.'- Kö '" P°st va^ost°^n?° b7Ä!' S°ji°ldemokat Prag. viatel,«hrlich 4L- Kc, halbj-hrig Off- Kf, fianjWtin INS- KS. stfllt Denlsck.Ssterr.Ich monatlich 12»- öK, für Deutschland lff- Mk ^°>''p°nail-»ont° 5754-1. I Erscheint mit Ausnahme des Montag täglich früh. TrilMnkolyentratiou um Steinamanger. Patrouillengefechte— Schützengraben. Wien, 23. September.(Iftfj. P.-B.) Die Abendblätter berichten, daß seit gestem die B a n den beweg» ng wieder im Z« n e h- «teil begriffen sei. An manchen Teilen der wcstiingarischen Grenze ist eS sogar zu kleine- rc» Patronillengcfechten gekommen. Immer mehr verdichten sich die Nachrichten, daß im Räume nm Steinamanger nicht nur eine Ban- dcnbewegung, sondern auch eine starke Trup- pcnkonzentration im Zuge ist. In der Linie K i t t s e e biö C s 0 r n a sind st a r k e T r u p- Pen angesammelt. An der steierischen Grenze heben ungarische Banden im Ver- ein mit regulären Militär Graben ans. Kriegerische Vorbereitungen der Karlisten. Wien, 23. September.(Eigenbericht des „Sozialdemokrat".) Nachrichten aus dem Bur- gcnlande berichten von den kriegerischen Vorbereitungen der Karlisten, die das Burgcnland besetzt haben. Es wird gemel- tct, daß in W 0 l s s h a u ungarisches Militär eingerückt ist, dem Handgranaten und sonstige Munition nachgefühlt werden. Die Bevölkerung wird drangsaliert und eS werden auch Kontributionen eingehoben. Der«ngari- sche Kommandant hat Befehl gegeben, daß nach acht Uhr niemand auf der Straße fein dürfe. In der Gegend von A n h a n wurden Schützen- grüben ausgehoben, die mit Militär besetzt sind. Auch in Oberwörth und Notturm hat ungarisches Militär das ganze Gebiet abge- sperrt. Die magyarischen Truppen exerzieren täglich. Der Bahnhof Pahreudorf wurde gestern von etwa Zog bewaffneten Ungarn, die von B n d a p e st gekommen waren, besetzt. Sie hatten auch Maschinengewehre mit und haben einen Zug der von Budapest kam, am Weiterfahren verhindert. Sie sprachen die Ab- sicht aus, in der kommenden Nacht Bruck a. L. anzugreifen. „Sofort räumen!" Eine Note der Botschafterkonferenz. Paris, 23. September.(Agence Havas.) Die Botschafterkonferenz hat dem Vorsitzenden der magyarischen Delegation aus der Frle- denskonfcrenz PrasznovSky eine Note über- sandt, worin Magyarien aufgefordert wird, das Burgenland ehebaldig st und zurGSnzeznräumen. Sollte sich Ma» gyarien weigern, so wären die verbündeten Regierungen z« Zwangsmaßnahmen genötigt. Die Zufammenkur^t Benesch mst dem öfter- reichischen Kanzler. Preßburg, 23. September.(Tsch. P.-B.) Heute um die 10. Bormittagsstunde traf Minister Dr. Bcncs mit dem Bundeskanzler Schober in Hainburg zusammen, wo er lsich bis in die Nachmittagsstunden aufhielt. Er war vom Ministerialrat Strimpl und Le° gationsrat Masaryk begleitet. Die Konferenz begann um dreiviertel 10 Uhr Vormittag. In den Besprechungen der Minister wurden neben ken Fragen der allgemeinen Pol.- it i k, die w e st u n g a r i s ch e F r a g e und die Möglichkeit einer raschen, die Ruhe und den Kriedcn in Mitteleuropa verbürgenden Losung eingehend erörtert. Die Konferenz dauerte Ks gegen 1 Uhr Nachmittag, worauf der tschechoslowakische Ministn des Aeußern nach Preßburg zurückfuhr mittags die Beratungen fort und nahm den Bericht des Bundeskanzlers Scho- ber über seine Unterredung mit Minister B e n e s entgegen. An die Ausführungen des Bundeskanzlers schloß sich eine Debatte, in der die Abgeordneten Scitz, Renner, Ding- hofer, Mataja, Scipcl, Bauer, Miklas, Leuth- ncr und Bundesminister Vaugoin sprachen. Im Lause der Debatte stellte Seipel den An- trag, die Sitzung des Ausschusses bis morgen Bormittag zu vertagen. Dieser Bertagungs- antrag wurde mit Stimmenmehrheit angenommen. Nächste Sitzung morgen 10 Uhr vormittag. Die Demission des Ministers Hotowe!;. Die Zeitungen berichten, Minister Hotowctz habe seine Demission überreicht, weil der Mi- nisterrat seinen Antrag, das Gesetz betreffend die Erhöhung der Zölle aus Automobile und Autoniobilbcslandtcile an die Nationalver- sammlung zurückzuleiten, ablehnte. Die Mel- dung dürfte in dieser Fassung für das Publi- knm ziemlich unverständlich sein. Tie Angele- genheit, um die es hier geht, hat aber eine so große sachliche und prinzipielle Bedeutung, daß sie einer näheren Aufklärung dringend bedarf Im Abgeordnetenhause brachte der national- demokratische Abg. Jng. Novak einen Antrag ein, durch welchen die Einfuhrzölle auf Auto mobile und Automobilbcstandtcile in solchem Maße erhöht werden, daß eine Einfuhr der- selben nahezu unmöglich gemacht wird. Die Folge davon ist, daß die im Inland erzeugten Automobile ungeheuer verteuert werden. Es handelt sich also zum ersten Male seit dem Um- stürz um die Einführung eines Prohibitiv zollcs für eine bestimmte Industrie, eines Zok- lcs somit, der dieser Industrie die ausländische Konkurrenz vom Halse hält und ihr eine solche Monopolstellung schafft, daß sie die Preise dik ticrcn kann. Sic wird natürlich einen großen Teil des Zolles auf die Preise zuschlagen, gc- radc soviel, als notwendig ist, um die anslän- dische Konkurrenz zu verhindern. Das Gesetz wurde in beiden Häuser» gegen die Stimmen der deutschen Sozialdemokraten angenommen; in Senate war es insbesonderS Gen. Dr. Heller, der in eindringlichen Worten vor der Annahme dieses Gesetzes warnte. Nun hat sich offenbar im Ministerrat Dr. Hotolvetz gegen dieses Gesetz ausgesprochen, fand aber nicht die Zustimmung seiner Kollegen und dcmissiouirtc. Uns kann es gewiß gleichgiltig sein, ob Lu- xusautomobile teuer oder billig sind. Darum handelt es sich aber hier nicht. Denn Automo- bile u. z. sowohl Personen- als ganz besonders Lastwagen sind heute zum weitaus größten Teile keine LuxuSgcgenstände mehr, sondern unumgänglich notwendige Betriebsmittel zahl- reicher Industrie««, aber auch zahlreicher öf- fentlicher Korporationen, wie des Staates(wo- bei wir nicht an die vielen überflüssigen Autos ge der ausländischen Konkurrenz brotlos. Das Interesse der Gesamtarbeitcrschaft fordert aber die Zulassung dieser Konkurrenz, nm bcs- scre und dauerhaftere Ware zu erlangen. Es war ganz bezeichnend, daß während der De- batte im Senat ungefähr 40 Arbeiter der Fir- ma Laurin& Klemcnt auf der Gallerte zuhör« tcn in den KuloirS ein Agent der Firma die tschechischen Parteiführer bearbeitete. Es ist fraglos, daß hier die Arbeiter im besten Glan- den handelten und doch nur Werkzeuge der ka- pitalistischen Interessen der Fabriksleitung waren. Bon der eckelhaften Tcinagogie, mit der die tschechischen sozialistischen Parteien an- gesichts der auf der Gallerte befindlichen Arbeiter einander in der Verteidigung dieses ar- beiferfeindlichen Gesetzes, dessen Urheber der Abg. Jng. Novak eine leitende Nolle ini In- dustriellenvcrband spielt, überboten, soll hier weiter nicht gesprochen werden. ES wiederholt sich hier ein Vorgang, der im alten Oesterreich so oft beobachtet wurde— nämlich die Absperrung gewisser Jndustriecn vor der ausländischen Konkurrenz. Wir crin- ncrn an das berüchtigte Eisenkartell, das durch Hochschutzzöllc geschützt, nicht nur die Preise diktierte, so daß der österreichische Staat jeden Waggon doppelt so teuer bezahlen mußte als Deutschland, sondern auch durch Verweigerung der Lieferung die Gründung jeder Eisen ver arbeitenden Industrie hindern konnte. Eine weitere, ungemein schädliche Folge der Hoch schutzzölle bestand aber auch darin, daß die bc treffende Industrie infolge Mangels einer Konkurrenz technisch zurückblicb, keine Jnter- esse daran hatte, den Produktionsprozeß zu bc- schleunigen, zu verbilligen und zu verbessern. Es ist erwiesen, daß diese Industrie durch die ungeheuer hohen, die übrige Industrie schwer schädigenden Preise, die ihr im Inland infolge ihrer Monopolstellung bezahlt werden mußten, ins Ausland zu weit billigeren Preisen licfer- tc— eine Erscheinung, die ja nicht Nur in Oesterreich beobachtet wurde, sondern auch in den anderen Ländern, in denen dieses Zollsy- stein herrschte. Eine ganz ähnliche Stellung wußte sich die chemische Industrie, insbcsou- ders die chemische Fabrik in Aussig zu verschaffen. Dieser unerträgliche Zustand wurde in Oesterreich nicht nur von den Sozialdcmokra- ten, sondern auch von den Tschechen heftig be- kämpft. Der Kampf, den sie gegen den allmäch- tigcn Leiter der Präger Eisen-Jndnstriegcsell- schaft, Kestranck führten, ist noch in unserer Erinnerung. Und das, was die Tschechen in Oesterreich bekämpften, unterstützen sie nun in ihrem Staate. Daß dies die bürgerlichen Par- tcicn tun, ist weiter nicht verwunderlich, wenn es auch eine ungemein kurzsichtige Wirtschaftspolitik ist, die sie treiben. Aber die Aktien der Firma Laurin keiner RevölkernnaS-abl in klei- nämlich eine offene Tatsache, daß die inländi- schen Fabriken minderwertige Fabrikate lic- fern, deren Lebensfähigkeit bei weitem nicht jene der Ausländer. inSbcsondcrs der Deut- schen, Franzosen, Italiener und Oesterrcicher erreicht. Dies hatte zur Folge, daß die inländi- heueren, zu seiner Bevölkerungszahl in klei- nem Verhältnis stehenden Industrie. 80% der Industrie des früheren Oesterreich-Ungarn bc- findet sich im Bereiche unserer Republik. Ein geringer Bruchteil der Produkte dieser Indu- strie kann im Inland abgesetzt werden, der weitaus größte Teil ist auf Export angewiesen. schen Fabriken keinen Absah hatten und viel- Wir glauben nicht, zu hoch zu schätzen, wenn sack»n großen Bctriebseinschränkungen schrei-: wir behaupten, daß mindestens 70—80% der cn mußten. Hiedurch wurden Hunderte von Erzeugnisse unserer Textil- und Maschinenin- Metallarbeitern brotlos. DieS trifft insbeson- i dustric im derzeitigen Inlands nicht abgesetzt, ..... x»» sondern ausgeführt werden müssen. Dem ge- genübcr reicht die Produktion der Landwirt- schaft nicht aus, um die Bevölkerung zu ernäh- ren. Getreide und Futtermittel müssen impor- ders bei der größten inländischen Fabrik, der Firma Laurin& Klemcnt A.-G. in Jung- bunzlau zu. Und hier liegt nun die große Bc- Wie«,"23. September.(K.^B.) 3,",^ j ArbAter.^Eine Schichten Arbeitern ist infol-| tiert werden. Dasselbe gilt von zahllosen Roh- stoffen, welche unsere Industrie braucht wie z. B. Wolle, Baumwolle, Kautschuk, Zinn. Zink und zahllose andere. Diese Waren— Lebensmittel, Futter und Rohstoffe— müsse» aber zum sehr großen Teile aus Ländern bezogen werden, welche eine hochwertige Valuta haben, welche also immens teuer sind. Dazu kommt aber noch, daß wir auch viele Maschi- neu, Bestandteile und Werkzeuge, die im In lande nicht oder in nicht entsprechender Qua lität erzeugt werden, importieren und teuer be zahlen müssen. Wie erfolgt diese Bezahlung? Doch nur auf die Art, daß wir exportieren. Bon Zucker und Holz abgesehen sind wir aus den Export von Jndustricprodnktcn angcwic- scn. Wir müssen daher alles tun, um den Export zu fördern. Wir sind nicht der Ansicht, daß immer und unter allen Umständen der abso- lnte Freihandel am Platze ist. Ein Land mit einer sich erst entwickelnden Industrie braucht vielleicht bis zu einem gewissen Grade sogar Schutzzölle. Ein Land, mit einer so entwickelten Industrie, ein Land, das geradezu an einer Hypertrophie an Industrie leidet, wie eS bei der Tschechoslowakei der Fall ist, ruiniert diese Industrie und damit eine der Hauptgruudlagen seiner Wirtschaft, wenn es sich absperrt und das Ausland zu VergcltuitgSmaßregeln treibt. Für ein solches Land ist die Politik der Ha»- delsverträgc, eine Politik mit möglichst gerin- gen Zöllen eine Selbstverständlichkeit. Und wenn es eine Industrie gibt, welche die ans- ländischc Konkurrenz nicht anShält, so ist ihr nicht mit Prohibitivzöllen, sondern nur von innen heraus zu helfen, durch Verbesserung und Vcrbilligung der Produktion, durch An- Passung ihrer technischen Einrichtungen an die modernen Fortschritte und Erfahrungen. Kann oder will sie das nicht, so ist der Unter- gang einer einzelnen Industrie noch immer wirtschaftlich vorteilhafter, als die gesamte Industrie der Gefahr des Ruins auszusetzen. Wir haben ein Beispiel auS den jüngsten Ta gen. Die Tschechoslowakei hat die Einfuhr von Pflaumen aus Jugoslavicn verboten. Dieses antwortete sofort mit einem Einfuhrverbot für die wichtigsten Exportartikel unserer Industrie. Die Folge ist, daß sich dort die ausländische Konkurrenz festsetzen wird, daß dieser Markt unserer Industrie verloren gehen wird. Solche Beispiele einer verfehlten Wirtschaftspolitik ließen sich vervielfält.gcn. Und so gewinnt dieses Gesetz als d:e erste Schritt auf einem unheilvollen Wege eine ungeheure Bedeutung. Sowie wir vom ersten Tage an gegen die von der Regierung betriebene Absperrungspolitik gewarnt haben, so erheben wir auch heute un> scre warnende Stimme gegen diesen ersten Versuch, im Interesse einer Kapitalisten- gruppe eine Zollpolitik zu treiben, die daS Ausland erbittert, zu BergeltungSmaßregclu zwingt und alles das, was wir aus dem Auslände beziehen müssen, ungeheuer verteuert. Wir fordern vielmehr Handelsverträge, vor allem das Inkrafttreten des mit Teutschland schon vor mehr als einem Jahre abgeschlossenen, Handelsverträge niit Rußland, mit Dcutschöstcrrcich, Polen, Ungarn, Rumänien, kurz allen jenen Staaten, die uns geben kön- ncn, was wir brauchen, und an die wir un- sercn Ucbcrschuß absetzen können..f. So verschafft sich Minister Hotowctz, der gc- gen dieses Gesetz allstritt, und dem wir sonst wahrhaftig keine Träne nachweinen» wenigl stcnö einen anständigen Abgang. Daß aber auch in dieser Frage, die doch wirklich mit na! tionalen Dingen nicht das mindeste zu tun hat, die sozialistischen Parteien verschiedene, Meinung sind und im Parlament gcgcneinan! der stimmen, zeigt, daß die Differenzen zivil schen ihnen viel tiefer gehen, daß sie nicht nu] die nationale Frage trennt, sondern grundliZ gcnde Auffassungen in wirtschaftlichen und politischen Dingen. Hierüber ein andermal. I Seite 2. SelWestimumugsrecht und Klassenkampf. Das SclbstbcstiinmungSrccht der Völker war eine der Hauptforderungen der bürgerlichen llicvolution.„?lllc Souveränität dem Volke", so lautete der Grundsatz, den die französische Nationalversammlung von 1780 an die Spitze der Verfassung stellte. Nicht Könige n»d Kai- scr, sondern das Volk selbst sollte seine Kc- schicke bestimmen, sein Schicksal formen. Aber das Bürgertum verriet, sobald es einmal ge^ siegt hatte, seine eigenen Forderungen. Im Kampfe gegen die nachdrängende, vom Bür- gcrtum ausgebeutete Arbeiterklasse konnte es seine einstigen Parolen von Freiheit, Gleich- heit und Brüderlichkeit nicht brauchen. DaS deutsche Proletariat wurde damit nicht nur der Erbe der klassischen deutschen Philosophie, Kants, FichteS und Hegels, sondern der Erbe auch der bürgerlichen Revolution. Als in den sechziger Jahren des 10. Jahrhunderts Polen seinen dcnkivürdigeu Befreiungskampf gegen den blutigen Zarismus führte, trat Marx mit seiner ganzen Leidenschaft für Polens Seilst ständigkeit ein, und verlangte für Polen daS Sclbstbestimmungsrccht. Es war eine der ruhmvollsten Aufgaben der Arbeiterklasse, sich zu allen Zeiten der Unterdrückten aller Völker anzunehmen und gegen die nationale Unter- drückung eines Volkes durch daS andere ebenso zu kämpfen, wie gegen die soziale Unterdrück- knng des Arbeiters durch die Bourgeoisie. An diese Tradition hat auch Leuin angeknüpft, als er die Parole vom Selbstbestimmungsrecht der Völker annahm, Geist von diesem sozialistischen Geiste war der Kampf, den die deutschen Sozialdemokraten Böhmens, Mährens und Schlc- sicns in den Tagen zwischen dem Krstgscnde und den Friedensschlüssen von Versailles und Ct. Germain um ihr Sclbstbestimmungsrccht als ein Teil der gcsamten deutschen Sozial- demokratic führten. Tie sozialistische Interna, tionalc hat auf ihrer Konferenz in Bern 1019 den sozialistischen Charakter und die sittliche Berechtigung dieses Kampfes anerkannt. Durch den Frieden von St. Gcrmaiu sind die Deutschen der Sudetenlander dem tsche- choslowakischcn Staat einverleibt, Staatsbür- gcr dieser Republik geworden. Obzwar dies nicht aus ihrem freien Willen hervorging, war es doch eine geschichtliche Tatsache geworden und es hieß nun für die deutsche Sozialdcmo- kratic dazu Stellung nehmen. Welche Aufgabe erwuchs uns aus den geänderten Verhält- nisten? Wir mußten auf einen anderen histo- tischen Boden den Klassenkampf führen, unter geänderten historischen Bedingungen die Sach- Walter_ der kämpfenden Arbeiterklasse sein. Das Ziel des Klassenkampfes des Proletariates gegen die Bourgeoisie, zu dem wir uns be- kennen, ist kein anderes, als die Beseitigung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung i n Gemeinsamkeit mit den Prolet a- r i c r n der ganzen Welt, in erster Linie naturgemäß Schulter an Schulter mit den Proletariern des neu entstandenen Staates, mit der tschechischen, slowakischen, magyari- schen und polnischen Arbeiterschaft. Dazu ist jedoch notwendig die Verständigung mit den Arbeitern der anderen Nationen über die nächsten Kampfziele. Wir standen also 1919 vor demselben Problem, vor dem die deutsche Sozialdemokratie Oesterreichs 20 Jahre vorher gestanden hatte, als sie ihr nationales Pro- gramm zu geben sich anschickte. Unter Anlch- nung an das damals zustande gekommene so- genannte Brünner Programm von 1800 schu- [eit wir uns das Tcplitzcr Programm, welches in Wahrheit nichts anderes ist, als die An- Passung des alten Brünncr Nationalitäten- Programmes an die 1918 geänderten europä- ischcu Verhältnisse. Wir gingen hiebe! nicht ?twa einzig und allein vom Interesse der »rutschen Arbeiter dieses Staates aus, sondern vom gcsamtproletarischcn Jntercste, wie dies Seliger damals in seiner großen Rede anfgc- zeigt hat:„Wir haben bei der Bestimmung unseres Verhältnisses zu diesem Staate und »er nächsten Politik auszugehen von dem 5) c s a mt i n t c r e s s c des intcrnatio- nalen Proletariats, weil wir uns desten bewußt sind— und das ist die Grund- sage unserer Politik überhaupt— daß wir nichts anderes sind, als ein Teil des gesamten Proletariates und auf dem Boden, auf dem wir gestellt sind, nichts anderes zu tun haben, Ks für unseren Teil ans diesem Boden unter seinen bestimmten Verhältnissen den Kampf »es internationalen revolutionären Proletariates zu führen". Diesen internationalen stampf zu ermöglichen, sollte das Tcplitzcr Programm dienen. Es sollte ein Mittel sein, >ic nationale Frage als Hindernis des Zu- ommenwirkens deutscher und tschechischer Ar- weiter ans dem Wege zu räumen, ein Pro- stramm auszuführen, das in Brünn deutsche nid tschechische Sozialdemokraten gcmei u- sam beschlossen haben, dem Lande sollte es den nationalen Frieden geben und damit den Kaden für den internationalen Klassenkampf schaffen. Es ist daher ganz falsch, tvenn komntunisti- che Blätter, wie der Reichenberger„Bor- värts" vom 17. September behaupten, daß sich die Sozialdemokratie„heute ans den Standpunkt stellt: erst die Regelung der natio- nalen Frage, dann der Kassenkampf". Wir wundern uns nur, wie Leute, die einst Sozial- demokratcn gewesen sind, so rasch vergessen können. Die Sozialdemokratie ist stets für eine ganze Reihe von Forderungen aufgetre- ten, aber nie ist uns eingefallen, zu sagen, die oder jene Forderung wollen wir z u c r st er- stillt haben, dann können wir über alles an- dcrc reden. Wir haben im alten Oesterreich gleichzeitig um das allgemeine Wahlrecht, den Achtstundentag, die Alters- und Invalidität^ Versicherung, die Demokratisierung der Bcr waltung, die Lösung der nationalen Frage durch Umwandlung Oesterreichs in eine demo- kratischc Staatcnfördcration gekämpft und haben diese Forderungen niemals numeriert, wenngleich wir auch im Sinuc Lassallcs zu gewissen Zeiten zur Erreichung einer bestimm- ten Etappe unsere Hauptkräftc auf die Durch- sctzung einer Forderung vereinigten. Denn wir wußten, die Erfüllung dieser Forderun- gen, die Reihenfolge, in der sie geschehen kann, hängt nicht von uns, sondern auch von nn- screm Klassengegner, der ganzen Entwicklung der Machtverhältnisse und der C'taltnng der Weltsituation ab. Wir haben für die Regelung der nationalen Frage gekämpft und-«gleich mit aller Schärfe die bürgerlichen Klassen des alten Oesterreich bekriegt. Und auch ein zweites Argument, das uns die Kommunisten entgegenhalten, ist ganz falsch. Sic vertrösten uns mit dem SclbstbestimmnngSrccht auf das Kommen der sozialistischen Gesellschaft. Wenn die? heißen soll, daß die wahre Selbstrcgiernng der Völker erst der Sozialismus bringen wird, da die Menschen frei über ihr politische? und wirtschaftliches Schicksal entscheiden werden, da sie den"Arbeits-und Verteilungsprozeß auf der ganzen Welt nach einheitlichen Gesichts- Punkten regeln werden, dann ist dies für uns leine neue Wahrheit, denn das weiß jeder von uns, seitdem er Sozialist ist. Es ist dies keine kommunistische Hcilslehrc, die erst jetzt neu entdeckt wurde. Diese allgemeine Wahrheit darf aber nicht dazu bcnützt werden, um eine andere Wahrheit zu verbergen, daß näm- lich die nationale Frage auch innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft einer gewissen Lö- snng zugeführt werden kann, einer solchen Bc- reinigung, die das internationale Zusammen- wirken der Arbeiter, den gemeinsam in ciscr. ner Geschlossenheit geführten Kampf gegen den Kapitalismus ermöglicht. Mit der nationalen Autonomie muß man nicht warten» bis zu dem Tage, da die letzte Schlacht zwischen Kapitalismus und Proletariat geschlagen werden wird. Man möge doch nur die Ge- schichte des tschechischen Volkes betrachten. Die Tschechen haben für ihre Nation daS Sclbstbc- stimmungsrccht dadurch verwirklicht, daß sie die habsburgisckic Knechtschaft abwarfen und einen eigenen Staat begründeten. Deswegen ist auch die Durchführung des Sclbstbestim- mungsrechtes der Deutschen nicht eine For- deruug, die man verschiebe» muß bis zur so- zialen Revolution des Proletariats gegen die Bourgeoisie, zur Durchführung der sozialisti- schen Gesellschaft, sondern eine politische For- derung, deren Erfüllung innerhalb der kapitalistischen Ordnung sehr wohl möglich ist. Und es irren auch diejenigen, die uns wie, die tschechischen Genossen, vorwerfen, daß unter solchen Umständen ein gemeinsamer Kampf des deutschen und tschechischen Proletariates nicht möglich sei, wenn die deutsche Sozialde- mokratie an dem Selbstbestinimungörecht fest- hält. Eine solche Politik i st nicht, wie man jetzt zu sagen pflegt, eine P o l i- tit der Negation. Auch das hat bereits Seliger in seiner Eröffnungsrede auf dem Tcplitzcr Vartcitag am 89. August 1919 klar ausgesprochen und diese Worte haben heute ebenso Geltung, wie damals:„Wenn die Tschechen versuchen, ihren Staat so zu bauen, daß sich alle, wie Deutsche. Polen, Ruthcncn, Slo- waken, Magvarcn wie zu Hause fühlen, als Freie unter Freien, als Gleiche unter Glci- eben, so werden sie zwar niemals ein schrift- lichcs Bekenntnis von einem dieser Völker be- kommen, aberin ihren Handlungen, in ihrem ganzen Verhältnis zum Staate wird sich ausdrücken das Bekennt- n i s z u i h m". Das ist eben der Unterschied zwischen einer demokratischen Politik, wie sie die deutsche Sozialdemokratie und zwischen einer imperialistischen Poli- tik, wie sie etwa die tschechischen Nationaldemo- kraten verfolgen. Während die letzteren glaitben, die einzige Möglichkeit, die Deutschen zu loyalen Staatsbürgern zu machen, bestehe darin, sie mit Gewalt niederzuhalten und ein- znschüchtcrn, glauben wir, daß wenn das tsche- chischc Volk getrieben und gedrängt durch die tschechische Sozialde- mokratie gegenüber den Deutschen in die- fem Staate eine Politik verfolgt, deren Wir- kung es wäre, daß sich alle Völker in diesem Staate als Freie unter Freien, als Gleiche unter Gleichen fühlen, daß es dann ein Bc- kenntnis zu seinem Staate in den Handlun- gen der anderen Völker bekommen wird, das tausendmal wertvoller ist als alle papierenen Deklarationen. Daß die Kommunisten gerade jetzt im Ge- gensatz zu Marx und Lenin eine Ideologie kon- strittcre« wollen, wonach sich SelbstbestimmungSrecht und Klassenkampf gegenseitig auS- schließen, hat seinen guten Grund. Sic stehen jetzt vor der Vereinigung mit Bohumir S m c- r a l, der auf dem September-Parteitag 1920 mit Emphase die Integrität der Grenzen der tschcchosiowaksschen Republik al? komntunisti- schen Grundsatz verkündet hat. Der erwähnte Artikel im„Vorwärts" und die ganze jetzt in allen kommunistischen Versammlungen ver- zapfte Ideologie ist nichts anderes als das Eindringen des Smeralismus in die Reihen der deutschen kontmu- nistischen Partei. Nicht aus irgend einem Prinzip heraus, sondern aus reinem Opportunismus, aus Gelegenheit s- Politik verwerfen die deutschen Komntu- nisten jetzt den Kampf um das Selbstbestim- mungSrecht der Völker. Man sollte glauben, daß Staatsgrenzen für Kommunisten, die sich doch in allem so radikal gebärden und sich für die Anhänger der reinsten Lehre des Sozialis- muS halten, noch weniger Bedeutung haben, als für uns. Aber dem ist nicht so. Die Kom- munistcn haben es sich auch sehr leicht gemacht. Sic haben sich überhaupt kein natio- nalcs Programm geschaffen, wenn man von ein paar allgemeinen nichtssagenden national- politischen Bemerkungen— und nichts anderes sind die Beschlüsse ihres Reichenberger Partei- tagcs— absieht. In Wirklichkeit haben sie kein konkretes, den gegen- wältigen Verhältnissen ent- sprechendes Programm, weil Sme- ral so etwas nicht brauchen kann. Wir aber halten fest an unserem Tcplitzcr Programm. Wir haben unS von den heutigen Führern der Kommunisten im Jahre 1918 nicht dazu hinreißen lassen, Schützcngrä- bcn am Jeschkcn und am Jaberlichcr Berge zu bauen, weil wir wußten, daß ein so nn- überlegtes Vorgehen zu einem nutzlosen Blut- bade unter der deutschen Arbeiterschaft ge- führt hätte. Auf uns kann es daher beim besten Willen, uns in den Gedankengang der deutschen Kommunisten hineinzudenken, keinen Eindruck machen, wenn dieselben Leute, die damals nach Pulver und Blei gerufen haben, heute das Sclbstbeftimmungsrecht als einen historischen Irrtum hinstellen. Auf die Bahn der opportunistischen Opferung eines alten sozialistischen Prinzips, das schon Karl Marx verfochten hat, können wir den Kommunisten nicht folgen. Aber auch unseren tschechischen Genossen möchten wir sagen, daß sie die Idee des Selbst- bcstiminungSrcchteS, für die das tschechische Volk jahrhundertelang einen heroischen Kampf geführt hat, nicht als einen Popanz betrachten mögen, als eine Tc.iselci, die den tschechischen Staat täglich und stündlich bedroht. Unsere tschechischen Genossen mögen sich einmal in das Studium des Brünner Programms Versen kcn, es mit dem Tcplitzcr Programm vcrglci chcn und uns dann sagen, ob nicht in beiden Programmen dasselbe Prinzip verfochten ist. Eingedenk der alten ruhmvollen Kampfgcmein schaft mögen sie uns endlich einmal in Pro grammatisch zugeschnittener Form sagen, wie sie sich die Lösung der nationalen Frage in diesem Staate vorstellen, die daS Hindernis des gemeinsamen Vorgehens zwischen der deut- schen und tschechischen Arbeiterschaft geworden ist. Nicht nur für uns, sondern auch für die tschechische Sozialdemokratie ist die Hinweg- räumnng dessen was uns trennt, eine Frage von der allergrößten Bedeutung und ange- sichtS der immer drohenden sich erhebenden europäischen Reaktion von Dringlichkeit. Sind die beiden Auffassungen einmal Program- inatisch formuliert, dann ist die nächste Etappe, ein gemeinsames Programm zur Lösung der nationalen Frage in diesem Staate anzu- streben, hinter das wir die geeinte proletarische Kraft dieses Staates und damit den Gesamt- willen des internationalen P r o l e t a r i a- tes der ganzen Welt stellen werden. Wahr- lich, es wäre Zeit, an diese große historische Aufgabe, die uns beiden gesetzt ist, heranzu- treten, denn die Einigung des deutschen und tschechischen Proletariates ist die bcson- dcre historische Sendung des Sozialismus in diesem Staate. Inland. Da? moralische Recht auf Herrschaft. Das Abendblatt des„Ccske Slovo" vom Donners- tag wendet sich gegen den von uns im gestri- gen Blatte wicdcrgcgcbencn Artikel der„Tri- buna", in welchem erklärt wurde, daß es nie- mals gelingen wird, aus dem tschcchoslowaki- scheu Nationalitätenstaat einen Nationalstaat zu machen und daß es deshalb nötig sei, daß die Tschechen nunmehr nach den vielen Reden cm genau detailliertes Programm zur Lösung der nationalen Frage ausarbeiten. Der Ar- tikclfchrciber des„Ccske Slovo" weist diese Aufforderung an die Tschechen weit von sich. Und es ist leider sehr bezeichnend dafür, bis zu Welchem Grade die Verwirrung morali- scher Begriffe den Geist der heutigen Tsche- chischnattonalen aller Schattierungen bereits und vergiftet hat, daß der nationalsozialistische Autor vernimmt, moralische Grunde gegen die Ansicht der„Tribuna" gel- tcnd machen zu können. Die Moral, die diese Grunde stützen soll, ist allerdings sehr anfocht- bar.„Der tschechosiowakifche Staat", heißt es in bem Artllrl,„ist ein Nationalstaat in dem Sinne des Staates, daß sich in ihm und rnn in ihm daS Selbstbestimmungsrecht des tsche. choslowakischen Volkes erfüllt. Der Ausglcict mit den Deutschen hat gerade dadurch ei, scharf abgegrenztes Feld, daß dieser Staat alt Nationalitätenstaat seine raison d'etre z, deutsch:(Existenzberechtigung) verlieren würd und Betrachtungen über das tschechoslowakisch deutsche Verhältnis können keine zahlen, mäßigen Betrachtungen sein, sondern st müssen stets erfließen aus dem sittlichen Rech unserer„Nation auf Selbstbestimmung." Wo rin aber dieses Recht der tschechischen Ratio, auf Selbstbestimmung bestehen soll, ersieh man aus einer anderen Stelle des Artikel? in der es heißt, daß jeder, der im tschcchoflo wakischen Staat politisch tätig sein will, un> auswcichlich anerkennen muß. daß die tsche, chosiowakische Nation um jeden Preis ver. hindern wird, daß ihre Republik ein Werkzeug fremden Willens werde." Es wird also dat Recht des tschechoslowakischen Volkes auf dü ausschließliche diskretionäre Gewalt in die fem Staate ethisch zu begründen gesucht unl gefordert, obwohl es jedem, der nicht durck nationalistisch- imperialistischen Machtrausck verblendet ist, auf den ersten Blick einleuchte, muß, daß ein Staatsgebildc, zu dem meisten Nationen und noch dazu von angemessene! Stärke gehören, nur dann seine moralisch! Existenzberechtigung nachweisen kann, wenn et in keiner wie immer gearteten Weise den aus. schließlichen Interessen, seien diese nun geisti ger, sittlicher oder materieller Natur, blos einer von diesen Nationen dient, sonder, gleichmäßig die Förderung aller seiner Völle: zum Ziele hat. Die einseitige Bevorzugung einer Nation in einem tatsächlich gemischtna, tionalcn Staat kann seine Existenz nicmalt moralisch begründen, wohl aber gewaltpolb tisch, imperialistisch. Die Ausbeutung uni Botmäßigkeit der politisch ohnmächtigen Völ> kcr ohne Rücksicht auf Recht und Moral durch, zusetzen trachten. Dagegen wird der natür, liche Freiheitssinn aller aufrechten Menscher sich stets zur Wehr zu setzen wissen, Darum täten die Tschechen wahrlich besser, statt dem verbesserten Muster des magyarischen Na. tionalstaates nachzujagen, was schließlich anck ihren nationalen Interessen zum Unheil ge. reichen muß, sich in einem freien Völkerstaat mit der Rolle des Primus inter parcs, bes Ersten unter Gleichen, zu begnügen, eine Stell lung, die ihnen zahlenmäßig zukommt, und allen eitlen Firlefanz(„to fanglickarstvi"! wie es die Masaryksckmle seiner Zeit treffend nannte), endlich im Interesse des eigenen nationalen Gedeihens und kulturellen Aufstieg aufzugeben. Die gelungene Probe. Die Brünner kom« munistischc„Rovnost" hat eine Probe auf die tschechoslowakische Prcßfrcihcit gemacht und in einwandfreier Weise das zweierlei Maß, nach dem die Zensur gehandhabt wird, festgestellt. Tie Brünncr nationaldcmokratischen„Lidove Noviny" brachten am Montag, wie auch wir erwähnten, wegen der Nichtteilnahmc an den Huldigungen für Masarhk einen Hctzartikcl, in welchem sie die Wegnahme der Gebäude der Deutschen Technik, des Deutschen Theaters, den Hinauswurf der deutschen Mitglieder aus der Laudcsverwaltuugskommission und aus der Handelskammer verlangten. Der Artikel blieb in den„Lidove Noviny" unkonfis- ziert. Die„Rovnost" druckte nun diesen Ar- tikel ab, doch setzte sie überall statt des Wortes „Deutsche" das Wort„Bourgeoisie". Sofort setzte sich der Staatsanwalt in Bewegung und beschlagnahmte den derart bearbeiteten, in seinem Sinn und seiner Tendenz aber voll- kommen unveränderten Artikel. Treffend sagt darüber Edmund Burian in der„Rovnost: „Die„Lidove Noviny" dürfen gegen eine ganze Nation schreiben, die„Rovnost" dagegen gegen die Klasse der Ausbeuter des arbeitenden Vol- kcs nicht. Die„Lidove Noviny" dürfen schrei- beu über die Notwendigkeit von Vergcltuugs- maßnahmen gegen die Deutschen wegen ihrer Nichtteilnahme an den Hnldigungen für Masa- ryk, die„Rovnost darf nicht schreiben über die Vergeltung der Arbeiter gegen die Kapi- talisten wegen Arbeitslosigkeit, Hunger, Not und Unbill. Die„Lidove Noviny" dürfen mit heiterem Lachen schreiben, daß mit fester Hand den Deutschen die Schulen, die Technik, die Theatervorstellungen u. a. geuommeu werden müssen, die„Rovnost" darf nicht schreiben, daß es notwendig ist, die großkapitalistischen und landwirtschaftlichen Unternehmungen zu enteignen, wie es dem tschechischen Bolle in feierlichen Kundgebungen versprochen wurde, ^ic„Lidove Noviny" dürfen schreiben, daß co notwendig ist, die Deutschen zu ohrfeigen, damit sie„Anlaß zum Greinen haben"/die „Rovnost" darf nicht schreiben, daß es notwen- -g'ss.""t den bürgerlichen Machthaber« ab- zurechnen. DaS ist der Sinn der letzten Kon- fiöfcition der„Rovnost".— Wozu man sich iede weitere Benlerknnq ersparen kann. Genossen! Gedenket des Fondes M Erhültung eures Ientralorgans. 24. September 1921. Bankerott. Bot wenige» Monaten hat der General- direktvr der Pcster Ungarischen Koinmcrzial- 5!.l a n d H eg ed ü s sein Amt als „königlich'Ungarischer Finanzminister ange- treten, begleitet von Wünschen und Hoffnun- gen der GeschäftSPatrioten MagharicnS und ihren Ablegern in Wien. Er konnte damals wahrlkch nicht über Mangel an Reklame und Vorschußlorbeeren klagen. Er hielt Propagan- darcdcn und die Claque stellte die christlich, nationale Presse Budapests und Wiens bei und im Neigen der„christlichen" Prcßmente paradierten damals würdig die„Nene Freie Presse" und das„Wiener Tagblatt", die alle die Konsolidierung MagharicnS, vielmehr das, was sie unter Konsolidierung verstanden, weissagten. Hcgcdüs hatte damals noch eine Art Programm, das freilich bei einigen ernsten Leuten bedenkliches Kopfschütteln erregte; eine„objektive" Vermögensabgabe, gemeint war eine von oben ohne Veranlagung diktierte Vermögens- ablösung, Herabsetzung der CtaatSschuldver- schreibung, sofortige Stillegung der Bank- notcnpressc und Hebung des Weltmarktpreises der ungarischen Krone. Besonders in der Tschc- chostowakci, die ja ihre Erfahrungen mit der Banknotenmenge und dem hypnotisierten Blicke ans Zürich bereits hinter sich hat, begegnete diese Wunderknr einiger Skepsis. Tatsäch- lich gelang es durch verschiedene Kniffe, welche der Börscnjargon so geschmackvoll als stimu- licrendc Momente bezeichnet, den Wert der una. Krone ans ein vielfaches hinaufzutreiben, cS gelang auch, den Kurs der deutschöstcrreichi- scheu„hcrnnterznohrfcigcn"— ein sclbstgc- prägtcr Ausdruck des seltsamen Finanzman- nes Hcgcdüs,— aber die Herrlichkeit währte nicht ewig. Es klingt geradezu unbegreiflich, daß für MagharicnS Finanzwirtschaft nach den Erfahrungen, die Deutschland, die Tschcchoslo- wakci und Dcutschösterreich mit der zcittvcise plötzlichen Steigerung der eigenen Währung auf den Weltmärkten gemacht haben, die nach- tciligen Wirkungen einer derartigen Devisen- Politik auf den Export überraschend sein konnten. Einlcnchtcndcrwcisc konnte trotz aller gc gcnteiligcn Anstrengungen der Höchstkurs der ungarischen Krone nicht erhalten werden und heute notiert sie rund ein Drittel ihres Höchst- kurscs. Die Hoffnung auf die Valuta ist aber nicht die einzige, die ZU Schanden geworden ist. Die NuSbalaiiziernng des Budgets ist mißlungen und mußte mißlingen, weil die Be- dürfuisse der„Erwachenden Ung'"n" über die Kräfte des verstümmelten Landes gingen, die Vermögensabgabe ist nur wenig über den Nahmen der Diskussion vorwärts gekommen und in der Frage der Verzinsung der Staats- Papiere mußte Hcgcdüs schon vor längerer Zeit einen Rückzug antreten, was im Interesse des StaatSkredits das Vernünftigste war, was er tun konnte. Magyaricn ist heute, so sagt der Minister- Präsident, in einer ernsten finanziellen Krise, Hcgcdüs hat seine Demission gegeben und daS ist ein unverkennbares Zeichen des Eingestand- nisses nicht nur des finanziellen, son- Sozialdemokrat Feuilleton. Der Leeg. Von Karl Capek.(L) Ter Kommissär benagte seine Finger an der Schwelle der Einschichte. Slavik näherte sich ihm.„Herr", begann er,„ich habe über die Cache nachgedacht— Sie haben die Zeugen gehört; alle redeten von ihm irgendwie merk- würdig. So als würde er immer größer. Er wächst uns in? Unendliche. Seltsame Sng- gcstion". Ter Kommissär hob die ermatteten Augen aus. „Vielleicht wirkt er so durch sein Betragen", fnhr Slavik fort.„Er bestürzt die Leute. ES ist ein Wahnsinniger, ein Mcgalotnanc. Alles wird dadurch aufgeklärt". Der Kommissär schüttelte den Kopf und senkte die Augen.^ Von der Geschichte entwickelt sich die Kette von Männern über die Breite des Aergplancs. Zehn, zwanzig Menschen. Sic ziehen langsam und wortlos, in mechanischer Umspinnung da- hin. Nur hin und wieder klirrt leise eine Waffe. Der Kommissär lockerte die festgebissenen AaHnö. //$$) ölN lttiibc, olfju Jititbc. Qfd) kann nicht weiter".,. Er lehnte sich an einen Baum und schloß die Augen. Er fühlte sich ganz winzig vor Ermüdung.„Ich kann nicht weiter- Du bist schon müde. Taugenichts? fragt Plötzlich des Vaters Stimme. Komin, ich nehme dich aus den Rücken. Ach, nichts andres hat das Söhnchen gewollt. Einen Nimen i hat der Vater wie ein Niese; sein und hoch fitzt UchS da, wie ans einem Pferd. Ter Weg verlaust. Dflf- Vater trieft von Tabak und Kraft. bcnt auch des politischen Bankrotts des ch r i st l i ch-n a t i o n a l c n S y st c m s. Außenpolitisch ist der Bankrott auch für den politisch nicht Geschulten sichtbar. Von einem Kranze feindlicher Siaatcn umgeben, an ^cutschösterrcich grenzend, das es sich mutwil- lig zum Feinde gemacht hat, hat Magyaricn in ganz Europa keinen einzigen Freund, außer einem sagenhaften Protektor innerhalb der großen Entente, der ihm aber kaum zu mehr verhelfen wird, als zu armseligen Scheinerfol- gen in der wcstungarischen Frage. Jnncrpoli- tisch ist das Land zerfleischt und zerrissen von Kämpfen zwischen den Anhängern Horthys und den Anhängern der Habsburger und diese beiden Obligarchciigrnppcn stehen in Passiver Abwehr im Kampfe gegen das Mörderregi- mcnt der„Erwachenden Ungarn" unter Pro- naYS, Hcjas und Oztcnburgs Führung, eines Gegners, dessen beide in Punkte moralischer Qualitäten durchaus ebenbürtig sind. Wäh- rend diese Mächte um die Herrschaft des arm- seligen Staatswesens ringen, während die Auflösungserscheinungen unverkennbar in Erscheinung treten, wartet die Arbeiterklasse, gc schlagen, gcdcmütigt und gewaltsam nicdcrgc- halten ans den Tag der Abrechnung. für neue Klassenprivclcgien und Vorrechte,' sondern für die Abschaffung der Klassen- Herrschaft und der Klassen selbst. Sie kämpfen für gleiche R c ch t c und gleiche Pfli ch- t e n aller ohne Unterschied des Geschlechtes und der Abstammung. Sie führt den Kamps in dein Bewußtsein, daß er das Schicksal der Deutschen entscheidet. Sic führt ihn in Reich, Staat und Gemeinde, in Gewerkschaften und Genossenschaften, in Werkstatt? und Hans. Für diesen Kampf gelten die Forderungen, die in den folgenden Einzelprogrammen ans- gestellt sind. Es folgen nun die Einzclpro- gramme, welche umfassen: Wirtschaftspolitik, Sozialpolitik, Finanz-, Verfassungs-, Verwal- tungs- und Gcmcindepolitik, Rechtsfrage, Kul- tur- und Schulpolitik. Die Prograinmdcbattc dürfte noch heute Vormittag beginnen. Die Kommission hat den Genossen Vorsitzenden Paul Lobe mit der Berichterstattung über den Entwurf beauftragt. Der Görliher Parteitag. Ter neue Programmentwurf. Berlin, 23. September(Tsch.P.-B.) Die Blätter melden aus Görlitz: Die Pro- gram m k o m m i s s i o n hat am 22. Scp- tcmbcr nachmittags nach dreitägigen Bcratun- gen mit 21 gegen 2 Stimmen bei 2 Stimmenthaltungen beschlossen, einen in seinen Zielen neu entworfenen in li Teilen abgeänderten Progrannnentwurf dem Parteitage zu empfch- lcn. Im Wortlaute des Entwurfes heißt eS: Die sozialdemokratische Partei-DentschlandS ist die Partei des arbeitenden Volkes in Stadt und Land. Sic erstrebt die Zusammenfassung aller körperlich und geistig Schaffenden, die auf den Ertrag ihrer eigenen Arbeit angc- wiesen sind, zu gemeinsamem Bekenntnis und gemeinsamen Zielen, zur Kampfgemeinschaft für Demokratie und Sozialismus. Nach einem Hinweis auf die kleine Zahl von Großbcsit- zcrn und die breiten Massen der Arbeiter wird der Klassenkampf für die Befreiung des Proletariates zur geschichtlichen Notwendigkeit und zur sittlichen Forderung erklärt. Der Welt- krieg und die Frieocnsdiktate hätten den Wcltprozeß noch verschärft. Während ein rücksichtsloses Gewinnstreben eine neue Bourgeoisie von Lieferanten und Spekulanten emporhob, sank der kleine und Mittelbcsitz, sank körperliche und geistige Arbeit, der Be amtc und Angestellte, Künstler und Schrift stellcr angehören. Ter Parteitag betrachtet einen Angriff ans die demokratische Republik als ein Attentat auf die Lebensfähigkeit des Volkes. Die Ilcberführung der großen kon- zentrierten Wirtschaftsbctriebc in die G e- m e i n w i r t s ch a f t, die fortschreitende Um- formung der gesamten kapitalistischen Wirt- schaff zur sozialdemokratischen Wirtschaft er- kennt er als notwendiges Mittel an, um das schaffende Volk aus den Fesseln der kapitalistischen Herrschaft zu befreien. Ter Entwurf schließt: Die sozialistischen Parteien Deutsch- lands erneuern ihr im Erfurter Programm niedergelegtes Bekenntnis. Sic kämpfen nicht Tages-Neuigkeiten. 0!c BoiMnMsn. Man hat ein Dokument von großem Wert gefunden: den französischen Geheimbericht vom Feber 1917. Der große Wert dieses Doknmcn tcs besteht in dem Beweise, daß es für die Nationalisten, die Massenmörder, Räuber und Dummköpfe einer Nation keine besseren Vcr- Bültbeten gibt, als die Massenmörder, Räuber nnd Dummköpfe der„feindlichen" Nation. Ohne Lndcndorff kein Briand, und(um hei- matlichcr zu sprechen) ohne Bacran kein Sajdl. Und wenn auch letzterer den crstcrcii gcohrfcigt hat, so stützt und rechtfertigt dessen tatkräftige Politik wieder die deö anderen. Und der andere könnte nicht sein, wenn der eine nicht wäre nnd weil der eine ist, muß auch der andere sein. Diese Zusammenhänge, daß sie sich näm lich gegenseitig bedingen, sind aber dem einen wie dem anderen bewußt.. DaS ist die Infamie. Sic rechnen mit ihrem„Verbündeten" sie setzen ihn als Pluö aus das Konto ihrer Niedertracht. Der französische Geheimbericht Nr. 7 gibt gleichsam das Rezept für die Aus nützung der alldeutschen Dummheit nnd Arn talität. Diese französischen Propaganda-Agcn tcn lauerten auf jede alldeutsche Aeußerung um sie als Willen des ganzen deutschen Vol tcs in alle Welt hinauszuschreicn. Sic bauten ans die Alldeutschen, ans ihre Heerführer, Pro- scssorcn und Literaten, und sie haben auf Erz gebaut. So lautet es in dem französische» Ge- hcimbcricht Nr. 7: „Die einzig richtige Taktik wäre, über die trügerischen Stimmen der deutschen Intelligenz leicht hinwegzugehen, falls- sie nicht ganz u» berücksichtigt bleiben können, dagegen den deutschen o n f n n t s I n l- r i 1) 1 o s, der „P o st",„T ägl. R>indscha tt",„K r e n z- z c i t n n g",„Deutschen Tageszeit g.", den alldeutschen Professoren, den Verfassern von Broschüren nnd Flugschriften, die gegen die Politik des Kanzlers gerichtet sind, die größte Bcachtnng zu schenken, auf diese Weise werden auch wir zur Er- s ch w c r n n g dieser Politik b c i t r a- gen und werden die a l l d c U t s ch e F r o n d e, welche uns so Ivcrtvolien Beistand leistet, durch das Gegenteil einer Reklame mittelbar, aber sehr wirksam unterstützen... Wohl hat man ein Riese. Keiner ist stärker. Da preßt sich der Knirvö, aufseufzend vor Zärtlichkeit, mit dem Gcsichtchcn an seinen feuchten Aucrochs- nacken. Der Kommissär riß sich lo?.„Ich bin müde. Könnte ich mich sammeln! Wie viel ist, zum Beispiel, siebenmal dreizehn?" Er rechnete, die Stirn runzelnd und die Lippen bewegend. Un- möglich, das auszurechnen. Qlme Ende wiederholte er sich beide Zahlen. Sic sind irgend wie besonders widerlich, unteilbar, ttnnachgie- big. Die schlimmsten von den Zahle». Hoffnungslos begab sich der Kommissär der Lösnng. Aus einmal hörte er klar und gegliedert: „Wieviel ist siebenmal dreizehn?" Sein Herz stockte vor Schrecken:„Das ist der Herr Lehrer. Jetzt ruft er mich auf, jetzt, jetzt... Christus, mein Herr wohin soll ich mich verstecken? Was fang ich an? Laß mich entrinnen, Gott! Laß mich entrinnen!" Da ertönte ein Schuß. Inzwischen wanderte Jevisck anf dem Berg herum, ohne zu wissen, woher und wohin. Butt Zeit zu Zeit horchte er; aber niemals war die Welt schweigsamer, niemals verdeckter; ein we- ttig schmerzt es und ein wenig berauscht es; nnd Jevisck ging weiter, ohne Gedanken, gar nicht wissend, wo er sei. Da ertönte ein Schuß. Bon Berg zu Berg flog alarmierend der Widerhall, immer cnt- fcrnter, stiller, schrecklicher. Wieder trat Stille, grausamer als vorher, ein; da erst begriff Je- visek, daß er ganz allein da tvar, unbedeutend und ziellos im Gebirge, daß er wieder heim- kehrte und daß feinem Herzen ständig durch einen Riß Sorge entströmte und unendliches Leid bang verrieselte. Pilbaner schlug sich durch das Dickicht hin- durch; das Wasser floß ihm hinter den Hals Seite 3. eine große Anzahl alldeutscher Zeitungsartikel in der Ententepresse abgedruckt, aber was in dieser Hinsicht geschah, ist nur ein schwacher Versuch davon, was man tun könnte und sollte. Es müßten diese Wiedergaben— die übrigens noch viel häufiger erscheinen sollten— mit Er- läntcrnngc» versehen werden, es wäre ans die Bedeutung dieser deutschen Stimmen hinzu- weisen und die Tntsache z» unterscheiden, daß es sich hier nicht um krankhafte Ausfälle einiger nbcrschnapptcr Sonderlinge handelt, sondern im Gegenteil um GlanbenSbekenn t- nisse wahrhaftiger D c»t j ch e r, die der Welt zeigen, wie die preußische Seele wirk- lich ist, die Wilhelm II., sein Kanzler und die gesamte deutsche Linke so gern in anderem Lichte erscheinen lassen möchten." Man beachte: Tie französischen Kriegshetzer änden es am zweckmäßigsten, die alldeutsche Fronde sehr wirksam zu unterstützen. Sic ge- tehcn, daß ihnen der„wertvollste Beistand" von Alldeutschen geleistet wird. Am liebsten halten sie beispielsweise so einem Professor Sombart, der seine„Händler und Helden" schrieb, eine lebenslängliche Rente und ein« Prämie auf jede neue„vaterländische" Publikation ausgesetzt. Denn unschätzbare Dienst« hat ihnen der deutsche Professor, lvic er sich in seine moralisch literarische Brust wirst, gclci- stet. So haben die französischen Kriegshetzer die Schriften Eduard Meyers, Wilamowitz, Gruber nnd wie alle die Ehrendoktoren heißen, geschätzt: „Die Schriften deutscher Professoren, die dt« Ausrottung aller Völker durch die germanisch« Rasse predigen, die wissenschaftlichen Erzeug- nisse von Gelehrten, ans denen hervorgeht, daß die alldeutsche Lehre das Evangelium der Well werden soll, diese gesamte Literatur, all dies« Kundgebungen, die nicht etwa die Erzcngniss« Geisteskranker sind, sondern ein Bild deS wahren Deutschland, die Stimme des Herzens, ein öffentliches Bekenntnis, Empsin- düngen, die die teutonische Intelligenz vergeblich zum Schweigen bringen möchte, all diese Acnßcrnngen sollten von jeder Familie in Frankreich, England, Belgien, Rußland, Polen, Serbien, Rumänien, kurz überall gesammelt und aufbewahrt werden. Die ganze Welt müßte sie kennen, die Kinder aller Lcin- der sollten sie auswendig lernen, diese Drohun- gen gegen die Ehre und Sicherheit deS Menschengeschlechts... Alan glaubt, allem Genüge getan zu haben, wenn man, übrigens wirklich ergreifende Berichte über deutsche Greuel vcr- breitet, die von uns selbst, also ihren Feinden, geschildert werden... Wie glaubwürdig und packend unsere Berichte aber auch immer sein mögen, ihre moralische Wirkung läßt sich doch nicht mit der vergleichen, welche die Bekennt- nisse deutscher Barbarei a u 8 dem M II II dc der Deutschen auslösen in ü s s c n... Der beschränkteste Verstand muß einsehen, daß die seelische R o h h c i t eines II n i v c r s i t ä t s p r o f c s s o r s den moralischen Verfall einer N a t i o n i n g a» z anderer Weise k c n n z e i ch- ü c t als s c l b st d a S schlimmste Verbrechen eines einfachen S o l d a t c it." Der beschränkteste Verstand auf der anderen Seile sah ein, daß die seelische Rohhcit eines Uuivcrsitätsprofcssors den moralischen Verfall einer Nation zu kennzeichnen vermag. Auf der anderen Seite hat man es»och nicht ringe- sehen. und in die Schuhe, bahnte sich überallhin flink den Weg, schlängelte sich, schlüpfte hinterlistig und feindlich hindurch; da begab sich Pilbaner aller Rücksichten anf sich selbst und durchbrach das Dickicht wie ein Widder. Da ertönte ein Schuß. Er krachte ans der Eulfcrmutg vor einigen Schritten direkt ihm entgegen.„Geben sie doch acht", murmelte der Detektiv und mußte sich anlehnen, um nicht zu sinken; so sehr bebten seine Knie. Es konnte schon heute sein, fühlte er plötzlich, um ein Kleines hat es geschehen können! Schon heute! Schon heute! Es konnte schon da sein! Endlich konnte es schon da sein! Da gewahrte Slavik einen ruckweise und automatisch wie eine Puppe schreitenden Schatten. Nur schwer erkannte er, daß cS der Kommissär sei, und eilte ans ihn zu. „Hören Sic, sagte er hastig,„soeben habe ich über die Sache nachgedacht. Ueber jene Monogramme. Die Sache ist klar. Der Ermordete ist ein Fremder". Slavik schien es, daß der Kommissär etwas flüsterte. „Ja", fuhr er fort,„zweifellos ein Fremder. Ein Mensch, nach welchem niemand fragen wird. Sonst hat die Sache keinen Sinn. Nie- mals wird seine Identität erkannt, niemals wird jemand vermißt werden.— Und falls der Mörder entkommt, so verrät ihn nichts mehr. Er ist nicht wahnsinnig. Er hat gut gewußt, was er tut. Er hat daS Leben, die Form und den Namen eines Menschen crmor- dct; vielleicht ist ihm vor allem daran gelegen, auch den Namen zu töten; v, vielleicht ist das Furchtbarste an der Sache gerade der Name gewesen. Ein Name, der mit dem Finger auf den Mörder gedeutet halle. Und selbst wenn ich niemals diesen- Namen erführe, jetzt, jetzt endlich ist mir alles klar". ,,Fa, ja", holte der Kommissär irre ans sich hervor,„ja— Haltet Distanz— In die Reihe. Marsch!" Jevisck ist schon z» Hanse; leise, warm stimmt die Lampe über dem entworfenen Quartett, wo der letzte Ton, übcrhoch und wie eine Lerche flatternd, nach Beendung ruft. Zögernd und bang vertieft sich Jevisck in sein Manuskript. Alles ist da, wie es gewesen: die jauchzende Freude des Satzes, die saiigbarc und freie Kantilenc— Nichts hat sich vcrän- dcrl. Nichts verändert die Schönheit und kann sie berühren; nichts ist erbebt, getrübt, verfin» slerl in dein zauberischen und flüchtigen Gc- webe der Töne; nichts garnichts ist geschehen. Selbst die alten Zweifel sind geblieben: Hier und da meldet sich Angst, ungebärdige und flatterhafte Beklemmung, die Anstrengung einer wirbelnden Tänzerin, von einem künst- lichcn Lächeln verhüllt... Jevisck begann sich an das Motiv der höhe- reu Stimme zu erinnern, das ihm auf dein Berge eingefallen war: au die Tonnerkadenz der in Ewigkeit gebietenden Stimme. Jebisek schüttelte den Kopf: das ist es nicht. Tic höhere Stimme befiehlt nicht. Tic höhere Stimme ruft deinen Schmerz an. ch Trauriger als die Nacht ist das Dämmern des Tags. Fernhin dunkel; allmählich, als erzitterte in der Spannung der Krise die Lust, reinigen sich die Umrisse der Dinge kahler und lühler. Die Mauern lcuchien in der eigenen Weiße ans, die Körper verblassen, und jedes Ding schwindet unklar und starr; je mehr du siehst, um so unwirklicher siehst du alles. Im Osten dämmert es; die Welt erwacht in fernem und mißtrauischem Dämmerlicht; du siehst alles mit seltsamer Klarheit, und doch ist es kein Licht.— Die Menschen erwachen in der schwülen Seite 4. Sozialdemokrat 24. September 192Ü Gilt Kuturbild ans der 2al;lmrgcr Mörder- zentrale. Die Salzburgcr alldeutsche Mörder- zentrale gleicht der bayerischen wie ein Ei dein andern, sticht nur die mörderischen reaktiv närcn Absichten sind dieselben, sondern auch der pnbizistischc Ton, in welchem die Salz- bnrgcr Mordgesellen zu sprechen und zu schrei bcn Pflegen, fügt sich mit denKlängen des bc kannten„Micsbacher Anzeigers" zu einer vortrefflichen Harmonie. Unser Salzbnrger Br» dcrblalt, das von dein Abgeordneten Genossen Witternigg redigiert wird und daß gegen ! die Reaktionäre im eigenen Lande den schwer stcn Kampf führt, erhielt dieser Tage von j einem dieser Mordbnben ein Schreibe», daß wir unserer Leserschaft nicht vorenthalten kön- neu. Nachstehend der volle Inhalt dieses Mordbriefcß: Jndenschnhtrnppe Oesterreichs! Plattenbrüder-Filiale Salzburg! Wie ich aus Eurem Schwei ncblatt entnehme, hat Euch meine HnldignngS adrcssc von gestern den Appetit zum koscheren Gabelfrühstück etwas verdorben und Ihr lechzt nnn blutrünstig nach meinem Namen. Ja, das glaub ich Euch recht gerne. Aber vorderband will ich Euren Wissensdurst noch unbefriedigt lassen, denn ich bin durchaus nicht so blöd, mich vor der nnn kommenden Abrechnung mit Euch Hall n n k e n und M c u ch e I in ö r d c r n, von Euch v'orhcr abschlachten zu lassen. Das ist nicht Feigheit, sondern Vorsicht. Aug' um Aug', Zahn um Zahn sehen wir uns, wenn wir Euch dann herausholen werden ans Euren FncgslLchern. Dem Briefe meines Kommilitonen an den Plattcnbrndcrhäuptling Wittcrnigg stimme ich freudigst bei— meine Kugel wartet seiner. Der Teufel freut sich bereits ans diese D r e ck s c c l e eines elenden Vaterlandsverräters. Heil Alldeutschland! Nieder mit der Judenbrut samt ihren vcr- ruchlen KncchtcSscclcn! Es lebe die freie deutsche Monarchie! .. meine Kugel wartet seiner!— Inhalt und Ton dieses Drohbriefes eines alldeutsch monarchistischen BerufsmördcrS sind so tief empörend, das; es schwer ist, Worte zu sin- den, die geeignet sind, dieses Scheusal und seine ganze Kligu.e dorthin zurückzustoßen, wo ihr alleiniger Platz ist: in den tiefsten Sumpf menschlicher und sittlicher Verkommenheit. Das gesamte Proletariat aber diesseits und jenseits der bayrischen Berge mag ans der Wacht bleiben, damit dieser Gesellschaft elendster Schurken endlich das Handwerk gelegt werde. «Allen Bürgern ohne Unterschied volle Gerechtigkeit...". Iii Aussig erhält sich das Gerücht, das; das Ministerium des Innern einen Wechsel in der Leitung der dortigen po- litischen Bczirksvcrwaltnng Plaut. Man dachte anfangs im Ernste nicht an die Möglichkeit einer solchen Maßregel, doch bestimmte Vor- kommnisse deuten darauf hin, das; das Gerücht seine Begründung hat. Der vor nicht langer Zeit zum Ministerialrat ernannte Amtslcilcr Sigl hat seit den Ereignissen des August nicht mehr Dienst gemacht und soll pcnsionierl oder versetzt werden. Bezirkshaiiptniann Kla- divko leitet zwar derzeit noch das Amt, doch verlautet, das; dies nur darauf znrückziiführc» ist, weil der vom Ministerium für den Leiter- Posten bestimmte tschechische Beamte gegen die Versetzung uacki Aussig Widerstand leistet. Ans ! einer Information der„Narodni Listh" geht ebenfalls hervor, das; die Versetzung der zwei genannten Beamten geplant ist. Obwohl es Hitze des Bettes und starren hinein in einen Tag, schlimmer und grausamer, als der gestrige gewesen. Als cS Tag geworden, Pochte jemand an Icviscks Tür. Ter kleine Geiger fuhr ans dem Halbschlaf empor, erschrak und lief öffnen. Auf der Schwelle standen Slavik, der Kommis- fär und Pilbaner. „Wohin sind Sie in der Nacht geraten?" rief Slavik.„Wir haben so viel Sorge um Sie ge- habt!" „Ist tr entflohen?" flüsterte Icvisck. „Entflohen," sagte Slavik ausweichend.„Er ist vom Felsen gestürzt und" „Ist er tot?" Slavik schüttelte den Kopf.„Tot. Er liegt dort mit dem Gesicht zum Boden... mit Nci- sig zugedeckt. Das Ende der Historie." Jcvisek ging schweigend Feuer machen, um den Gästen einen Kaffee zu kochen.„Da? Ende der Historie," wiederholte er für sich innd blickte in die Flammen:„tot, mit Reisig zugedeckt." Die Flammen brannten ihm in 'die Augen: da nahm er die Brille herunter und wischte sich die Tränen.„Das Ende der Historie." Slavik bemühte sich, dem Kommissär etwas von einem klaren Falle zu beweisen. Jcvisek verstand ihn überhaupt nicht und begriff nicht, weshalb er so lebhaft redete. Mit der zittern- den Hand streifte er eine Saile seiner Geige. Die Seite ertönte, und Jcvisek fuhr mit der Aand zurück, als hätte er sich verbrannt. Clavit »eckte in der Rede, der Kommissär erbebte, »nd Pilbaner erhob seine schweren Lider. „Verzeihen Sie," flüsterte Jcvisek. „Es klang wie eine Klage," sagte Stabil schier unergründlich ist, warum die Regierung die Gewalttaten verhetzter Legionäre gegen die deutsche Bevölkerung Aussig? dadurch sanktio- nieren sollte, indem sie die Forderungen der tschechischen Chauvinisten nach Entfernung aller deutschen und„nicht ganz verläßlichen" Beamten erfüllt, so ist bei den ucnschlveizcri- scheu Zuständen in der Tschechoslowakei, die erst vor einigen Tagen in Brünn so herrliche Blüten zeitigten, eine derartige Gcwaltmaß- reget immerhin nicht ausgeschlossen. Es wird zwar hin und da von der Gleichberechtigung der Staatsbürger oder gar von Gerechtigkeit ihnen gegenüber gesprochen, aber in der Prall s geschieht das Gegenteil. Deutsche Bürger des Staates werden in den Straßen einer friedlichen Stadt ermordet, der Miuisterpräsi dcnt verspricht den Opfern und deren Hinterbliebenen Entschädigung und das Ergebnis ist, das; verläßliche tschechische Beamte nach Aussig versetzt werden sollen. Eine Kommission zur Festsetzung der SchadeuSsnmmcn für die Opfer desAugust ist bisher nicht gebildet worden, aber ein„verläßlicher Amtslciter" soll loin- iiieii! So ist die Regierung bemüht, mitzu- helfen,„das; allen Bürgern ohne Unterschied volle Gerechtigkeit widerfahre". Ein VolkSbildnngSkonzert. Der Verein deutscher Arbeiter Prags veranstaltet am Sonntag, den 2. Oktober, ein Konzert, mit dem er den Versuch unternimmt, den deutsche» Arbeitern und Angestellten Prags, die nicht im Stande sind, die hohen Eintrittspreise son- stigcr Konzerte zu bezahlen, für geringes Eni- gelt wirklich gute Musik zu vermitteln. In diesem Konzert, das um halb 4 Uhr nachmittags in der Produktenbörse stattfindet, wird die bekannte Opern-Soubrette Licsl von T ch u ch von der Dresdener Landesbühne sin» gen. Sitzplätze zu 5.60, 6.90, 9.20, 11.50 K sowie Stehplatz zu 4.10 K ab Montag, den 20. September bei Optiker Deutsch, Prag, Graben 25(kl. Bazar) erhältlich. Französische Wanderbibliotheken. Wie die „Nene Züricher Zeitung" berichtet, hat sich in Frankreich ein Komitee gebildet, das besann- dcten Ländern mit niedriger Valuta— gemeint sind Polen, Rumänien, Ingoslavicn, die Tschechoslowakei und Italien— die Benutzung der teuren französischen Bücher er- möglichen will. Das Komitee beabsichtigt, aus freiwilligen Spenden sogenannte Wander- bibliotheken(bibliotheqncs circnlantcs) zu schaffen, welche die neuesten Erscheinungen der wissenschaftlichen Literatur enhaltcn sollen um sie den Hochschulen der genannten Länder leihweise zur Verfügung zu stellen. Vortrag Karl Lenthner. Heute um 8 Uhr abends findet im großen Saale der Urania, Prag IT., Smetschkagasse 22, der öffentliche Vortrag des Abgeordneten Genossen Karl Lciithncr-Wic» über„Die ultrainontanc Poli- tik der Gcgcntvart" statt. Rumänische Ministersorgen. Der Minister rat in Bukarest bewilligte einen Kredit von 0 Millionen Lei(das sind etwa 71- Milloncn tschechischer Kronen) für den Ankauf eines Pala st e s für die Familic deS Türo n» folgcrS. Fürwahr, die rumänischen Minister drücken schwere Sorgen. Das Proletariat de? Landes leidet furchtbar unter Tenc- rniig, Arbeitslosigkeit und W v h n n n g s n o t — und ans seinen Stcncrgcldern wird der Thronsolgerfamilie vor den Augen der hun- gcrndcn Obdachlosen ein»euer Palast erbaut. Es ist doch etwas Erhabenes um den monar- chischen Gedanken! Tr. Raschln und Frau alS— Pascher beanständet. Die Warnsdorfcr„Abwehr", der wir ans die Verantwortung für die Wahrheit zerstreut und unruhig. Ueberhaupt, eine trau- rigc Historie. Hätte ich geahnt" Niemand in der Stube regte sich. Slavik bis; sich vor Bitterkeit ans die Lippen. „Es war etwas Großes in ihm," begann er wieder:„ein jeder hat es gefühlt; es war, als ob er übermenschlich wüchse. Ich wollte ihn kennenlernen, und darum, nur darum habe ich ihn verfolgt. Ach, wir sollten es immer lieber mit dem Geheimnis halten als... als..." Slavik verfinsterte sich.„Er ist tot, zu Tode gehetzt." „Er hat es— wenigstens— überstanden," lies; sich Pilbaner vernehmen. In der Stube entstand eine drückende Stille. Jcvisek blickte himmelblau, kürzlich- tig auf seine Gäste; er sah Pilbaner regungs- los mit gesenkten Augen nachdenken, als crin- ucrte er sich an etwas; er sah Slavik sich in Vorwurfsgram und Sclbstguälcrci abhärmen; er sah den Kommissär, wie er geplagt, ermattet hinsank in Trauer und Schwäche eines kran- kcn Kindes. Ihr hättet euch ja mit ihm vcr- ständigen können, fühlte er, ihr alle! Er war so unglücklich und wollte nur entfliehen,— wie gut hättet ihr ihn verstehen können! „Ich habe mit ihm gesprochen," sagte er zögernd.„Er war gar nicht rätselhaft." Slavik blickte erstaunt auf:„Er war nicht...?" „Er war nicht," wiederholte Jevisck,„er hat ja geklagt; er hat furchtbar über alles geklagt." „Fürchteten Sie sich nicht vor ihm?" fragte der Kommissär plötzlich erweckt. „Nein. Hätten Sie ihn nur gehört— Ach, wie gut hätten Sie ihn verstehen können!" des folgenden Gcdichtchen? überlassen, läßt sich unter dem 21. d. aus Bodenbach schreiben: Vor einigen Tagen passierte, mit dem Berlin— Dresdener Zuge kommend, neben anderen Reisenden auch ein elegantes Ehepaar ans der Durchfahrt den Bodenbacher Grenzbahnhof. Tic übliche Frage des Zollorgancs:„Haben Sic nichts zollpflichtiges?", wurde sowohl von dem Herrn als auch von der Dame mit einem „Nein!" beantwortet. Bei der darauffolgenden Durchsuchung fand der Zollbeamte in der Manteltasche des Herrn 500 Stück Z i g a r c t- t c n und im Gepäck der Dame Seide und verschiedene andere zollpflichtige Gegenstände. Die Reisenden wurden daraufhin ordnungsgemäß beanständet und in den Berzollnngsranm geführt. Hier spielte sich nnn eine für die An- wescndcn sehr interessante Szene ab. Als die Reihe zum Verzollen an das Ehepaar kam, wurde der Herr aufgefordert, sich znlcgiti- micrcn. Er tat dies auch mit viel Würde und Selbstbewußtsein und wen nicht schon seine Grandezza davon überzeugt hatte, daß es sich hier um einen„Fehlgriff" der Amtsorganc handle, der konnte eS ans den Gesichtern der Beamten sehen. Das beanständete Ehepaar war Dr. Raschln und s e i n e F r a n.— Tie Folgen dieses, für Dr. Raschln und Ge- mahlin immerhin etwas peinlichen„Grenz- Zwischenfalles" stellten sich bereits am vierten Tage ein. Unter den Zollbeamten, die Pflichtgemäß die Revision und die Verzollung durch- zuführen hatten, befanden sich auch solche deut icher Nationalität. Gestern wurde nnn ans Trag die Versetzung mehrerer Beamter an- geordnet, weil sie„der Staatssprache nicht mächtig seien". Gleichzeitig vcr- öffentlichen die„Narodni Lisch" einen Brand- artikel über die Zustände am Bodcubacher Bahnhofe, wo es noch immer Beamte gibt, die die Reisenden iii deutscher Sprache ansprc che«.— Soweit die„Abwehr". Wenn all' das, was sie sich berichten läßt, wahr ist, dann hat sie damit einen interessanten Beitrag zum Kapitel„tschechoslowakische Demokratie und Gerechtigkeit" geliefert. So heiter und an sich harmlos das Geschichtchen vom Pascher Ra- ichin auch ist— die Nutza n wend n n g durch die Prager Zentralbcbörden ist jeden- falls solcher Art, wie man sich sie in einem anderen Staate nicht leicht vorstellen kann. Masarhk nach Prag zurückgekehrt. Der Prä- iident der Republik ist gestern nachmittags aus Karpathorußland nach Preßburg zurückgekehrt und trat von dort über Brünn die Reise nach Prag an, wo er vor Mitternacht einlangte. Der Kamps gegen die Sozialdemokratie ist einer der Programmpnnkte der komniunisti- chcn Parteitaktik. Die Aussigcr„I n t c r- nationale" packt diesen vorgeschriebenen Kampf am allcrverkchrtcstcn Ende an. Am Donnerstag brachten Ivir nämlich einen Artikel, in welchem wir die allgemeine Offensive gegen Rußland— sicher nicht zum Schaden der Sowjetrepublik— brandmarkten. Ein leitend legten wir den Gedankengang Frank- reichs bei dieser Offensive dar, was aus den ersten Worten„Herr Briand steht am Räderwerk" und einige Zeilen später ans dem Satz „Das ist die Rechnung" eindeutig hervorgeht. Die„Internationale" reißt mitten ans diesem Zusammenhang eine Bemerkung heraus, ichiebt, was wir den Franzosen in den Mund legen, ii n s unter, verdreht es noch ein bis- ehe», als ob den leitenden Männern Rußlands die Schuld am Hunger und nicht an der Not im allgemeinen zugeschrieben würde, und baut auf diesen Verdrehungen ein ganzes Gebäude von Beschiinpfiingcii auf. Wahrlich, wenn die Kommunisten keinen andern Anlaß, uns zu bekämpfen haben, steht es verdammt schlimm um sie. Erzherzog Wilhclm-Poppcr. Das gestrige Abendblatt der„Tribuna" bringt folgende lustige Notiz: Zur Zeit des Umsturzes tauchte in Amerika ein Mann auf, der sich für den österreichischen Erzherzog Wilhelm, einen Sohn des Erzherzogs Karl Wilhelm ausgab und bc- hanptcte, er sei der rechtliche Eigentümer des Hradschins, Konopischts und anderer Güter, welche ihm die tschechoslowakische Republik widerrechtlich vorenthalte. Er würde aber um die Rückgabe seines Eigentums gerichtlich ein- 'chatten, und es sei gewiß, daß er den Prozeß gewinnen müsse. So unbegreiflich es erscheint, fanden sich doch einige Amerikaner, meist mo- narchistisch gesinnte Tschechen, die sich immer gegen den Präsidenten Masaryk gestellt haben, die dem erlauchten Erzherzog nicht nur Gehör schenkten, sondern ihm auch materielle Unterstützung im Gesamtausmaße von unge- fähr 48.000 Dollar gewährten. Ungefähr ein Jahr trieb sich der Erzherzog in den Vereinig- ten Staaten frei, herum, aber schließlich wurde er doch den Behörden einigermaßen verdächtig und als auch die Gläubiger um ihr Geld zu fürchten begannen, wurde„Seine Hoheit" vcr- haftet. Nun war es nicht mehr schwer festzu- stellen, daß er zur Habsburgischen Dynastie als Wilhelm Popper, wie er tatsächlich heißt, in äußerst entfernten Beziehungen stehe. Popper fiel aber nicht aus der Rolle. Er behauptete weiter, er sei tatsächlich der Eigentümer des Hradschins und Konopischts. Nach amerikanischen Gesetzen aber kann ein Schuldner von den Gläubigern nur dann öffentlich verfolgt werden, wenn sie den Beweis erbringen, daß ihm das nicht gehört, wovon er behauptet, daß er dessen Eigentümer sei. Der Rechtsvertreter der Geschädigten fragte nun bei der tschcchoslv-" walischen Gesandtschaft in Washington an und erhielt die Antwort, daß der Hradschin als Eigentum des Wiener Hofes registriert wurde, weil er aber früher Eigentum des Königreiches Böhmen gewesen sei, übergehe er jetzt in den Besitz der Tschechoslowakischen Republik. Was die Konvpischter Gutshcrrschaft betrifft, so gehörte sie dem Erzherzog Franz Ferdinand. Der jetzige Rechtscigentümer sei der Gesandt- schaft unbekannt. Dein amerikanischen Advokaten wurde der Rat erteilt, sich durch Vor- mittlung der amerikanischen Gesandtschaft in Prag an die tschechoslowakische Regierung zu wenden, diese aber konnte ihm bisher keine definitive Antwort mit Bezug ans Konopischt erteilen, weil über dessen Rechtscigentümer bis jetzt noch immer nicht entschieden wurde. Und so müssen sich denn die amerikanischen Anhänger des„Erzherzogs Wilhelm-Popper" mit Geduld wappnen und es ist sehr Zweifel- Haft, daß sie ihnen etwas nützen wird und daß sie auch nur einen Teil ihres Geldes zurück- erhalten. „Die Internationale der sozialistischen Prolc- taricrjugend." Unter diesem Titel ist soeben die erste Nummer des Organs der Internationalen Arbeitsgemeinschaft sozialistischer Jugendorganisationen, die im Februar dieses Jahres in Wien gegründet wurde, erschienen. Das Blatt soll die Aufgabe erfüllen, die Ziele der Internationalen Arbeitsgemeinschaft, die var allem darin bc- stehen, die Ausrichtung einer alle sozialistischen Jugendorganisationen umfassenden Jugcndintcr- nationale vorzubereiten, weiten Kreisen des Pro- lctariats und der proletarischen Jugend zur' Kenntnis zu bringen. Außerdem stellt das neue Blatt ein wertvolles Organ zur Information über den Stand und die Entwicklung der intcr-. nationalen sozialistischen Jugendbewegung dar. Die vorliegende erste Rümmer der„Jnteriiatio- iinlc der sozialistischen Proletarierjngend" enthält Aussätze von Karl Hcinz-Wicn über„Die Eini- gmig der Arbeiterklasse", von Pierre L a i n c (Paris) und Ernst Paul(Tcplitz-Schönau), über die Entwicklung der Jugendbewegung in ihren Ländern, den Artikel eines in Paris weilenden russischen Genossen über„Die Arbeiterjugend in Sowjetrußlaiid" und verschiedene Notizen und Mitteilungen. Das Blatt kostet 1.— Kr. und ist durch das Sekretariat des Sozialistischen Jugend- Verbandes Tcplitz-Schönau, Seilcrstraßc 1, zu beziehen. Diebstähle. Der Tapezierer Josef Hrdlina aus Zizkow erstattete die Anzeige, das; ihm am 10. September in der Weinstube„U Tausch»" in Prag, Teingassc, vier Anweisungen auf 30.000* Kronen nebst anderen Papieren aus einer großen roten Brusttasche gestohlen worden waren. Als* des Diebstahls verdächtig wurden der Kellners Franz K o n v a l i n k a, der Chauffeur Jgnaz! Sradil, der Eisenbahner Iaroslav L o u l a und die Kellnerin?lnioiiic Moravcc verhaftet,, welche damals mit Hrdlina zechten. Sic wurden dem Landcsstrafgerichte ciiigclicsrt.— Der Mechaniker Viktor Tcsarik aus Lnblin in Polen kam am 10. September nach Prag und, da er kein Nachtlager finden konnte, schlief er am Ma- sarhkbahnhof ein. Als er erwachte, erkannte er, das; ihm sein Handkoffer mit Sachen im Werte von 2000 tschechischen.Kronen und außerdem 50.000 polnische Mark abhanden gekommen wa- an. Nach vier Tagen wurde durch einen Detektiv der 2-tjäbrigc bekannte Dieb und Landstrichcr Menzel Jclinek angehalten, der bei der Ein- vernahnic ans der Sichcrhcitswackie cinbckannte,! den Dicbstabl verübt zu haben. Die gestohlenen Sachen will er verkauft, die 50.000 polnische Mark aber in die Moldau geworfen haben, weil er angeblich nichts dafür bekommen hätte. Er wurde dem Landcsstrafgcricht eingeliefert. Kleine Chronik. Die Grubcnkatastrophc» in Queensland. Bris- baue, 23. September.(Reuter.) 2»>is den Trüm- incrn der vernichteten Gruben des Mount Willigem wurden bisher 74 Leichen geborgen. Wolkenbruch über Rom. R o m, 23. September. (AH.) Nach einem heftigen Gewitter, verbunden mit heftigem Wolkcnbriich, wurden einige Stellen der Stadt überschwemmt. Die elektrische Leitung ist mehrfach geschädigt, sodaß der elektrische B a h n v e r k e h r unter- brachen ist. Josse von ukrainischen Aufständischen erschossen? Berlin, 23. September. Das„8-Uhrabciidblatt" erfährt aus Riga, daß Adolf Joffe, der frühere Sowjctgcsandte in Berlin, vor etwa, einem Monat in der Ukraine von den Aufständischen auS einem Eisenbahnzuge heraus gefangengenommen und zur Vergeltung für die Morde der Bolschewisten an ukrainischen Gelehrten und Schriftstellern er- schössen wurde. Eine internationale Messe ans Java(1922). Das Tsch. P. meldet: DaS Ministerium des Acußern teilt auf Grund einer Meldung der Präger niederländischen Gesandtschaft mit, daß in der zweiten Oktoberhälstc 1022 ans Java, in B a ii d ö n g, eine internationale Messe stattfin- den wird, auf welcher Firmen der ganzen Welt ihre Erzeugnisse werden ,nr Ausstellung bringen können. Der rumänisch» Kommmcksteichrozeß. Bukarest, 23- September.(Tsch. P.) Der Prozeß gegen die wegen Verschwörung gegen die Sicherheit de« Staates verhafteten Kommunisten ist auf den 20. Oktober festgesetzt..~'—•-' 84."CflüemBcs 192L Sozialdemokrat Seite fi. V Gerechtigkeit und Menschlichkeit der GeHörden".- i. Manieren eines Bezirkshauptinamis. Einen unglaublichen Fall von Parteinahme cin-r Äehördc, den wir dem„Land- und Forstarb n- tcr" entnehmen, gegen streikende Arbeiter legen wir einer breiteren Oeffentlichkeit onr' Der K r u in in a u e r Bezirkshauptiiiann hat an das dortige Krcissekrctariat der Land- und Facharbeiter das nachstchende Schreiben ge- sau?: Politische Bezirksvcrwallnng Schattenhofen an, 2. August 1921'. Zl. 27.734-21' An das Ätrcißsclrctariiit der Land- und Forst- arbeiter i in K r u m m a». Laut tclephonischcr Meldung ist der Streik der landwirtschaftlichen Arbeiterschaft im Hartina- iliticr Bezirke heute ausgebrochen. Es ist im allgemeinen Interesse geboten, das, die Arbeit wieder chebaldigst aufgenommen wird. Die hiesige Behörde schlägt daher vor. die Streiksache der Paritätischen Landeskominission in Prag zu unterbreiten und die Arbeit wieder gleich aufzunehmen. , Falls das Angebot nicht binnen 24 Stunde» m,genommen wird, werden fremde Arbeitskräfte herangezogen werden. Ich warne vor jedem zur Einschüchlcrnng der Arbeitswilligen dienenden Versacke und mache auf die Vorschriften des Slrafgcscbcs Z§ 98 und 99 mit ollem Ernste aufmerksam, i Ich ersuche, die Streikenden ebenfalls vor nn- überlegten Taten zu warnen. Für den Statthaltereirat: Weger. Angesichts dieses unerhörten Briefes fragen wir den Herrn Statthaltcrcirat von Kriim- mau: Seit tvaiui ist es üblich, dasz Behörden in einer derartigen Weise drohen? Mus; der Herr Statiholtercirat darüber belehrt werden, dasz die streikenden Arbeiter genau dieselben staatsbürgerlichen Rechte genießen, wie die Un- icrnchnicr? Würde er es wagen, bei einem Streik den Unternehmern in einer derartigen Mise zu drohen. wie er es hier streikenden Landa.oc tern gigcnübcr tut? Seit wann ist es denn Sache eines politischen Beamten, streikenden Arbeitern cm U l t i in a t u m zu steilen und mit der Heranziehung von Streikbrechern zu drohen?! II.""">' Nichtanmcldung einer Versammlung— 10 Tage Arrest. Was seit gut dreißig Jahren kein österreichisches Gericht mehr wagte, das hat am 31. August das Bezirksgericht in Kralup fertig gebracht. Dort hat ein Arbeiter, Karl Krahulec, vor einiger Zeit in einem Nach- barorte eine Betriebsversammlung einberufen, chic wegen Lokalmangcl auf dem freien Platze -hinter dem Tor des Gutshofcs abgehalten wurde. Er wurde angeklagt und zu 10 Tagen Arrest wegen Nichtanmcldung einer öffcnt- lichcn Versammlung verurteilt. Die Verantwortung des Angeklagten, daß der Ziveck der Versammlung der war, daß sich die Arbeiterin- neu eine Bcrtrancnspcrson wählen luid^daß sie die Mitgliedsbeiträge zahlen, wie aittchönsz cr die Versammlung durch ein Zirkular nach dem Mttglicdcrvcrzcichnis einberufen habe, ließ das Gericht nicht gelten. Man muß schon reichlich dreißig Jahre in der Jnstizgcschichtc des alten Oesterreichs zurückgehen, um auf ein ähnliches reaktionäres Urteil zu stoßen. In den Nückschrittsbestrebniigen wird die Tschechoslowakei nachgerade das Land der un- -begrenzten Möglichkeiten. Die deutsche Neaktlon. Entdeckung einer Vcrschwörerorganisation. ^ Karlsruhe, 23. September.(Tsch. P.) Der Staatspräsident Trunk erklärte heute im Landtage, es sei eine große G c h c i in- Organisation aufgedeckt worden, der auch die beiden Mörder Erz- bergers angehören. Tic Statuten der Organisation bezeichnen als Ziele a) geistige, nämlich Pflege des nationalen Gedankens, 53c- kämpfung des Judentums, der Sozialdemo- Ereilte und der linksradikalen Parteien solvie der Weimarer Verfassung in Wort und Schrift und b) materielle, Sammlung von entschlösse ncn nationalen Männern zu dem Zwecke, bei großen Unruhen deren Niederwerfung zu erzwingen und durch Einsetzung einer nationalen Regierung die Wiederkehr der heutigen Verhältnisse unmöglich zu machen, die durch den Vcrsaillcr Vertrag angestrebte Entmannung und Entwaffnung unmöglich zu machen und dem deutschen Volke die Wehrmacht soweit als möglich zu erhalten. Tic Statuten Verlan gen weiter«„unbedingten Gehorsam, Zusani- mcnschlnß der Mitglieder zu einem Schutz und Trutzbüudnis und schließen frcmdrassigc Personen von der Mitgliedschaft aus. Alle Verräter verfallen der Fchmc." Keine neue Regierungsbildung in Deutschland. Berlin, 23. September.(Drahtbericht des „Sozialdemokrat".) Die Mitteilungen der bür gcrlichen Presse über die Regier,lngsbildnngcn im Reiche und in Preußen beruhen zum gro Ken Teil auf Kombinationen. Inzwischen wird in der rechtsstehenden Presse die Hetze gegen Wirth eifrig fortgesetzt, und daran beteiligen sich auch die Organe der Deutschen Volkspar tci. Das schwerste Geschütz hat der Abgcord ncte S t r c s e m a n n ausfahren lassen, indem cr erklärte, daß die Deutsche Bolkspartei sich zum Mitläufer für die Regierung nicht her gebe, sondern daß sie diejenige Berücksichtigung verlange, die ihr als der großen Partei des Wiederaufbaues zukomme. Ter„B o r wärt s" findet gegen die Treibereien des neuen Koalitionsgenossen nur sanfte Töne, da gegen rechnet die„Germania" mit aller Schärfe mit der Deutschen Volkspartei ab und sagt, Streseman» beginne seine Koalittons Mitarbeit damit, daß cr auf die Z e r st ö- r u n g des Kurses des K a b i n e t t e s Wirth hinarbeite. Dieser Minierarbeit werde aber ein sehr schnelles Ende bereitet werden. Regierung erklärt, vollkommen Ver Streit ums Gurgeuland. Der Völkerbund winkt Horthy ab. Genf, 23. September.(Wolffbureau.) Es wird immer wahrscheinlicher, daß Ungar n fein Llufnahmcgcsuch zurückziehen muß, falls es sich nicht einer?lblehnung aussetzen will, die auch von der Mehrzahl der Delegierten gerne vermieden würde. Graf Apponyi, der feit zwei Tagen in Genf weilt, soll bereits von verschiedenen Seiten ans die Aussichtslosig- feit seiner Bemühungen aufmerksam gemacht worden sein. Eine Schmuhgeschichte. Budapest, 23. September(MTKB. Ratio- tialvcrsanimlnng.) Abgeordneter Hadhazy un- verbreitete den Bericht des Jnimunitätsans- qchusses wcacn Sufpendicrung des Jmmuui- ttätsrechles der Abgeordneten Andreas Gai, Zemöke. Pakozdy und Zakany, tue her Teilnahme an dem Delikt der Amtsbc- iftcchnng beschuldigt werden. Ter Antrag hes Referenten, den Bericht dringend auf die Tagesordnung des Hauses zu stellen, wurde angenommen. Enthebung des SektionSchefs Tavh, Wien, 23. Sept. Ter Ministerrat hat das Gesuch des Scktionschcfs Tavh um Enthebung von der Stelle eines österreichischen Bevoll- m ä ch t i g t e n i n O e d e n b» r g ,n Wur dignng der von ihm hervorgehobenen^unde angenommen und an seine Stelle den General- l konsul Hei» mit dieser Funktion betraut, VektionSchef Davy behält seine Funktion al.- ^Verweser des Burgenlandes bei. Gute^nsslchtttt nnf Geilegung der dalierischeu Krise.' Verlin, 23. September.(Drahtbericht des „Sozialdemokrat".) Tcr neue bayerische Ministerpräsident v o>i Lc r ch c n f c l d hat in sei- ncr gestrigen Programnirede eine Verbeugung vor dem rechten Flügel der bayerischen 53olks- Partei gemacht, aber die Rede enthielt doch eine versöhnliche Rote, und mau muß anneh- men, daß eine Besserung des Verhältnisses zwischen 53ahcrn und dem Reiche eintreten wird. Halbamtlich wird in Berlin erklärt, daß man dem neuen bayerischen Kabinett mit allem Vertrauen entgegensehen könne. Es bestünden die b e st e n A u s s i ch t c», zu einer Verständigung zu kommen, bei der es weder Sieger, noch Besiegte gäbe. Die ueue luuicrische Uegieruttg und ihr Programm. München, 22. September. Tie Korrespon- dcnz„Hoffmaiin" meldet: I» der Abcndsitzliiig des Landtages teilte Graf Lcrcheufcld dein Hause die Vorschlagsliste für die 5k eitle« setzung der Ministerien mit. Sic lautet: Ministerpräsident und gleichzeitig Mini- stcr des?lcußcru und der Justiz Graf Lerchen- selb, Inneres Dr. Schwcycr, Unterricht und Kultus Dr. Matt, Finanzen Dr. Krausneck, Landwirtschaft Wntzlhofcr, Handel, Jndiistric und Gewerbe Hamm und soziale Verwaltung Oswald.(Dr. Roth ist also verschwunden, Wirlhs hämischer Gegner Oswald geblieben. D. Red.) Die bayrische Mittclpartci hat leine Mitglieder im Ministerium und scheidet auch ans der Koalition ans. Gegen die Zusammen- setzung erhob sich kein Widerspruch. Graf Ler- chcnfcld entwickelte hierauf in kurzen Zügen sein Programm und betonte, daß eine sei- uer ersten Aufgaben die Allfrechterhaltung der mühsam errungenen Ruhe und Ordnung im Staate sein werde. Tic T r c u c z n m R e i ch c stehe für ihn unverbrüchlich fest. Er werde sie auch nach der politischen Seite hin anfs beste pflegen. Tcr dritte große Gedanke, von dem er sich leiten lassen müsse, sei der der s o z i a- lcn Versöhnung. Ein Antrag Dr. Hilperts(bayrische Mittelpartei), sofort in die Er- örterung über die Regierungserklärung einzn- gehen, wurde abgelehnt, eine angebliche Spannung zwischen der rumä- Nischen Regierung und den Sowjets sowie bei- derfcitiger Kriegsvorbereitungcn verbreitet worden. Die rumänische daß diese G e r ü ch t e grundlos sind. Der polnisch-rumänische Dtfensiv- vertrag. Gegen Sowjctruszland. Wie», 23. September.(Eigenbericht des „Sozialdemokrat".) Das Bukarcfter Stints- blatt veröffentlichte vor einigen Wochen den Tcrst des polnisch-rumänischen Defeusivvertra- ges. Dabei handelt es sich um ein regelrechtes B ü n d u i s gegen die 5* o I- schewike n. Bukarestcr Oppositionsblätter schreiben große"Artikel unter der Ueberschrift: „Wohin führt unser Bündnis mit Polen? Will uns die Regierung in einen Krieg ver wickeln?" Die französischen und englischen Militärattachees haben i» letzter Zeit eine ?lrt Inspektionsreise in die Standorte der rumänischen Truppen am Dnjestcr unternommen, sollen aber vom Zustandc der Truppen sehr wenig erbaut sei». Das„friedliebende" Rumänien.—„Tie Tcmcilticrspntze. Das Tsch. P. B. in P r a g meldet: Die hic sige rn inänische Gesandtschaft ersucht uns NM Veröffentlichung folgender Meldung: In der letzten Zeit sind Nachrichten über Die Dölkcrbundsucrsammlung. Für»in freies Armenien. Gens, 21. September.(Wolfs.) In der Heu- Fgcn Bölkerbnndsversaminlnng gelangte eine Resolution zur Annahme, welche die Errich tung einer nationalen von der türkischen Herr schaft uiiabhängigcil a r m c n i s ch c u Hei m° st ä t t c verlangt. Der norlvegische Delegierte?! a n s e» er- stattete über die Heimbefördernng der Kriegs- gefangenen ans Rußland Bericht, wobei cr er klärte, daß es ihm möglich gewesen sei,»ngc fähr 400.000 Kriegsgefangene heim znbefördcrn. Der Freiheitskampf der Iren. Eine entgegenkommende"Antwort Lloyd Georges. London, 21. September. Presse"Association meldet, daß der Premierminister aiigcnblick lich damit beschäftigt ist, eine F o r in zu sin den, die von den S i n n s e i n e r u a n g e n o m m c n werden kann. Wie verlautet legt Lloyd George großen Wert darauf, den Gebrauch von Worten zu vermeiden, die von den Mitgliedern des Tail Eireann falsch aus gelegt werden könnten. Er habe den Wunsch kein Mittel unversucht zu lassen, um eine Kon kercnz zustande zu bringen, und wolle Venne! den, daß, wenn die Verhandlungen scblschla- gen, die Verantwortlichkeit für den Mißerfolg aus ihn fällt. Irland sott entschiedene Antwort erteilen. London, 23. September,(Rcnter.) Die Blät- tcr melden, daß in der Antwort, die Lloyd Gc- orge de Balera wahrscheinlich"Mitte nächster Woche senden wird, neuerlich betont sein wird, daß jede Konferenz unmöglich wäre, w c n Ii Irland n i cht anerke n n t, d a ß es ein Glied des britischen I in pe- r i u m s i st. De Balera wird aufgefordert werden, eine entschiedene Antwort zu erteilen, ans welchen Grundlagen cr zu verhandeln ge- denke. Die"Rote wird nicht den Charakter eines Ultimatums haben, doch wird darin der Wunsch ausgedrückt sei», unnötige Schreibereien zu verhindern. tischet S o b o t k a, Frantischek-M o r c l und "Adolf Skoda, welche bei de» Dczcmbcrvor fällen in Oslawan die Führerrolle gespielt Hai- tcn, statt. Die?! i ch t i g k e i b e s ch W e r- den w n r d e ii, betreffs der S ch» l d f r a g c verworfen. Ucber die Berufung betreffs des S t r a f a u s in a ß e s wird das Strafgericht in geheimer V c rhandl n n g eilt« scheiden. Die Entscheidung wird den Ver- tretern der Angeklagten schriftlich zugestellt werden. London, 23. September, Reuter erfährt: daß zwischen den B o l s ch c w i st e n von "A s s c r b c i d s ch a n und russische n T r u P P e ii, die in"Baku stehen, ein heftiger K a in p f stattgefunden hat. Die Zahl der Toten und Verwundeten beträgt 200. London, 23. September.(Rentcr.) Die Blatter melden, daß Gnnnaris in nächster Zeit nach London zu kommen beabsichtigt, um den Verbündeten die 53 edingungc n mit- zuteilen, unter denen die Griechen bereit wären, mit den K e m a l i st e n Frieden zu schließen. Wien, 23. Septeinber. In Wien ist eine ministerielle Abordnung Jugoslawiens eingetroffen, um mit der österreichischen Regierung über die Modalitäten zu verhandeln, unter welchen I n g o s l a w i e n in die A u f h e- b n n g dcS G c n c r a l P f a n d r c ch t c s an den"Aktiven Oesterreichs einwilligen würde. Die Delegation hatte bereits eine vorbereitende Besprechung im BnndeSmiiiistcrium des Aeiißern unter dem Borsitze des Scltioiis- chcfs Dr. Schüller. Volkswirtschaft und Sonalpolitik. Der katastrophale Kurssturz der dcutschöstcr- rcichischcn Krone ist am besten aus einem Vor gleich der Devisen von Mille Mai und Iii. September dieses Jahres zu ersehen, den»vir der„Frankfurter Zeitung" entnehmen. Danach ist der Dollar in der angesührten Zeit von 547 auf 1033, das Pfund Sterling von 3015 auf 0025, der französische Frank von 40 auf 112, der schweizerische Frank von 93 ans die Lire von 30 ans 69, die^Mark von 0 ans 14, die tschechische Krone von 3 ans 13 gestiegen. Bloß die polnische"Mark ist in dir- er Zeit von 0.00 auf 0.33 gefallen. Der Wert der von Deutschland abgelieferte» Schisse. Die Wiedcrherstellllngskommission teilt mit, daß der Wen der von Deuts ch- l a n d nach dem Vcrsaillcr"Bertrag gelieferten chisfe ans 740 M i l I i o n c n G vldinarl geschätzt wird. Tagcsncuigkeitcii. Die"Angst Italiens von der deutschen Kon- knrrenz schildert der Korrespondent des Berliner„Vorwärts" i» einem"Artikel des ge- nannten Blattes. Italien ist genötigt, seine Rohstoffe in Ländern mit hoher"Balnta zu kaufen, gleichzeitig aber sinke die deutsche Reichsmark, wodurch sich die deutschen Jndu-' strieprodnkte verbilligen. Die Konkurrenzfähigkeit der italienische» Industrie wird also gleichzeitig von zwei Seile» angegriffen und kann dem doppelten"Angriffe nicht Stand halte«. In der italienischen Glasindustrie sind die»leisten Betriebe geschlossen. Der itatieni- sehe Filminarkt wird von deutschen Produkten überschwemmt. Während 1020 nur 14 dcitt- schc Filme eingeführt wurden, wurden 1921 im ersten Halbjahr 270 eingeführt. 35 Pro zent der italienischen"Betriebe für die Herstellung von Films mußten geschlossen werden. Biel ärger noch ist die Lähmung der italienischen Industrie durch die deutsche Konkurrenz in der"Metall- und chemischen Industrie."Als am 1. Jänner 1920 die Grenzen geöffnet wur- de», belief sich im ersten Monat die Einfuhr ans Deutschland ans 20 Millionen Lire, dem eine italienische"Ausfuhr nach Teutschland für 25?Rillio»en gegenüberstand. Dann stieg aber die dcuische Einfuhr von Monat zu Mo- »at und betrug im Dezember schon 133 Mit- lioiicu. Im ganzen hatte Italien aus Deutsch- land für 821?Rillioncit eingeführt und nur für 360 Millionen ausgeführt. Im laufenden Jahr dürfte sich die deutsche Einfuhr schäl« ziliigsweisc ans 1 Milliarde und 300 Millionen erhöhen, die nicht zur Hälfte durch die italienische"Ausfuhr nach Deutschland gedeckt werden dürfte. Die Folge dieser Lage der italienische» Jndiistric ist, daß alle Industrielle» nach Schutzzöllen schreie», insbesondere die Metall industriellen. Andererseits aber ist Italien ans die"Ausfuhr von landwirtschaftlichen Pro- dickten angewiesen und fürchtet» das; die Läu- der, gegen die es hohe Schutzzölle anwendet, ihrerseits den italienische»"Ausfuhrwaren den Eingang in andere Länder verhindern könnten. Der internationale Welthandel. Nach einer Zusammenstellung der New".Yorker„National City Bank" stellte der internationale Welthandel im Jahre 1920 einen Wert von etwa 100 Milliarden Dollar(das sind nach dem jetzigen Kurs>8000 Milliarden tschechischer Krone») dar, während 1870 sein Wert etwa 10"Milliar den Dollar, 1900 20 Milliarden, 1913 40"Mit liarden, 1913 03 Milliarden Dollar betrug. Tie Umwandlung der Vereinigten Staaten ans einem 5lgrarstaat in einen Industriestaat veranschaulichen die folgenden Ziffern: Im Jahre 1880 betrug der"Anteil der Industrie. Produkte an der GesaintanSsnhr 15 Prozent, 1890 21 Prozent, 1900 35 Prozent, 1910 45 Prozent, 1920 52 Prozent. Die wirtschaftliche Entwicklung der Vereinigten Staaten im Kric- gc brachte einen derartigen iiidiistrieellen Aufschwung mit sich, daß zum erstenmal in der Entwicklung NordaineritaS die"AnSfnhr von Jndustricprodnktcn die?lilssuhr der landwirtschaftlichen Produkten überwog. Die amerikanischen Bergarbeiter fordern die Sozialisierung der Bergwerke. Zur Frage der Rational,sicrung der Bergwerke in den Gerichtsslm!. D ie in Dezembervorfälle Oslawan. Der Oberste Gerichtshof bestätigt das Urteil. Brün», 23. September.(Tsch. P.-B.) Heute unl 9 Uhr vormittags fand beim Obersten Gerichtshofe die Verhandlniig der NichugkeitS- beschwerden der verurteilten Kommunisten- sichrer Karel Votaya, Vladimir Buriau, Alois R e m u n d a, TvmaS K r a s n y, Frau- Vereinigten Staaten bringt Labor folgenden Artikel: Lille"Arbeiter sind überzeugt, daß das jetzige System der Bctriebssührung vollständig falsch ist. Dreiviertel der im 53ergbau bc- schäfligten Arbeiter sind arbeitslos zu einer Zeit, wo die Bergwerke mit aller Energie da- ran arbeiten sollten, den Bedarf für den kom- wenden Mutter zu decken. Diese Sachlage bringt es den Bergarbeitern deutlich zum Beimißt- lein, dag nur?!atio>uuisienlug oder Verstaut- immun der Bergwerke die Lösung der Ar- bcttSlosenfrage dringen wird. Unter dem ge- genwartigen System leiben sowohl die Arbeiter wie die Konsumenten, während die Seit« 6. Eigentümer NM» die Preise zu erhöhen brau- che», um während einer Depression entstehende Verluste wieder wett zu machen. Der Vcrtre- ter der vcrciitigteu Bergarbeiter, 60, 70, 80, 90. QO kleinere Treffen bestehend aas einer Schuhpntz- kassette, DOrste, Flanell, Creme usw. entfallen auf die übrigen Marken. Die Verlosung wird folgend geschehen: In eine jede lansendstc Dose„LihcnIa".Sclitihcr<5me,„Libln"-Metall- putzmitlel,„Llbenia-.Waschblau, wird vor Zeniten auf den hoden der Dose eine Marke mit Nummer versehen rc I ci», welche mit Angabe der genauen Adresse an die chemische Fabrik„Llbenln", Prag VIII., einzusenden ist, worauf der betreifende Treffer umgehend eingesandt wird. 12 erzeugt schnell, gut und billig Franz Ciimei, Pfau Ii jctonRä 13. Die nächste Prlnien-DerfeiliRi erfolgt am 30. Oktober 1921• 10000 Prämien 59 im Werte von K5 250.000 gelangen an ABADIE. u. AXA-Raucher zur Verteilung. Lctztor Termin für die Einsendung der Rcklamcmarken und Ziga- rcttcnpapicr-Umschlägc IS. Oktober 1921. .Auskunft erteilt das Prämienbureau der „Abadte" SocidttS& Rcsponsabilitd Limitdc, Prag VIII., Lipanskä 361. Telephon 3832, filitr alle WIssensce!i!c!e, pol. d. Beriiblriiocii usw. Täol. Konirollc von ca. 1000 Zeliunoco des In- o. Auslandes. 68 The Internat. Spectator PragIl.,Panskä 9. 31 Für Konsumvereine, Genossenschaften und gewerk' schaftliche Organisationen übernimmt zu Spezialkonditlonen die Import- und Export-Expedition J. H. BÄSCH, PRAG Internationale und Ubersee-Transporte. Likör- und Essig-Fabrik D. u. L. Windholz, Brünn. 2 Curacao Trlple Sec-Getreidekümmel. „Spaniola Qrlotte." OiüGiil! i talstno hrajcl in Frag. Hauptstelle: Rgterstä ul. Nr. 7. Uitnofl dOnu Telephon Nr. 5774. Erzeugt:«» Alle Arten von Herren- nnd Damen- Kleidern in erstklassiger Ausführung ans eigenen n. mitgebrachten Stoffen Liefert: Für samtliche Staats-, Landes- nnd Stadtämter, öffentliche oder Privatanstalten und Fabriken, Arbeits- und Strassen-Kleider in solider NnsMnmg zu billigen Preisen. Genossen! Leset und verbreitet euer Zentratorgau! Verlangen Sie überall ÄUS 1HARIENBAD. 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