Ar. 309. ' � Abomtements-Kedingungen: Abonnements- Preis pränumerando: Wierteljährl. S,zo Mk., monatl. 1.10 MI., wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Siummer S Pfg. Sonntag?- Nummer mit illustrirter Sonntags- Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: ZP0 Piarl pro Quartal. Eingelragen in der Post-Zettungs- Preisliste für 130» unter Hr. 7576. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, für da? übrige Ausland s Marl pro Monat. 13. Jahrg. Die Jnsertions-Geblllfv beträgt für die fechSgespaltene Kolonel- zetle oder deren Raum S0 Pfg., für BereinS- und Versammlung?-Anzeigen. fowie ArbettSmarlt 20 Pfg. Inserats für die nächste Nummer müssen biS t Uhr nachmittags in der Ervedition abgegeben werden. Die Erpeditton ist an Wochentagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis S Uhr vormittags geöfsnet. Erscheint täglich außer Wonkag», Devliner Volksbl�kk. Fernsprecher: Nmt I, Hr. 1508. Delegrauun- Adresse: «Sotialdrmostrak Berlin". Dentralorgan der sozialdemokratischen Partei Dentschtands. Redaktion: SW. 19, Veuth-Stratze 2. Mittwoch, den 7» September 1898. Expedition: SW. 19, Beuth-Steafze 3. Parteigenossen! Laut Beschluß des vorjährigen Parteitages findet der diesjährige in Stuttgart statt. Auf grund der Bestimmungen der§§ 7, 8 und 9 der Partei- Organisation beruft die Parteileitung den diesjährigen Parteitag auf Montag, den S. Oktober nach Stuttgart in den Dinkelacker'schen Saalbau, Hohen- staufen- und Tübingerstraße, ein. Als provisorische Tagesordnung ist festgesetzt: Montag, den 3. Oktober, morgens 9 Uhr und die folgenden Tage: t. Konstituirung des Parteitages. Wahl des Bureaus. Fest- setzung der Geschäfts- und Tagesordnung. Wahl einer Kom- Mission zur Prüfung der Mandate. 2. Geschäftsbericht des Vorstandes. Berichterstatter: I. A u e r und A. G e r i s ch. 3. Bericht der Kontrolleure. Berichterstatter: H. M e i st e r. 4. Bericht über die parlamentarische Thätiglcit. Berichterstatter: E. Wurm. 5. Die Maifeier 1899. Berichterstatter: W. Pfannkuch. 6. Die deutsche Zoll- und Haudelspolitil. Berichterstatter: M. S ch i p p e l. 7. Anträge zum Programm und zur Organisatton. 8. Sonstige Anträge. Für Sonntag, den 2. O k t o b e r, ist seitens der Sttittgartcr Parteigenossen eine Empfangs- und Begrüßungsfeier vorgesehen. Dieselbe findet nachmittags 3 Uhr, im ZirkuS, Marienplatz, statt. Parteigenossen l Wir fordern Euch nun auf, die erforderlichen Vorarbeiten zu treffen, insbesondere die Wahl der Dclegirten und die Einreichung der Anträge rechtzeitig zu bewirken. Die Anträge müssen spätestens den 15. September in den Händen des Vorstandes, Adresse: I. Auer, Berlin SW, K a tz b a ch st r. 9 I sein, wenn sie entsprechend den Bestimnmngen des Z 8 Absatz 2 der Parteiorganisation im„Vorwärts" veröffentlicht werden und in die gedruckte Vorlage für den Parteitag Aufiiahme finden sollen. Anträge von einzelnen Parteigenossen bedürfen der Gegen- Zeichnung des VcrttauensmanneS, falls sie zur Veröffentlichung und Berathung gelangen sollen. Die Adresse des Lokalkomitces ist: Karl Tvcrka, Stuttgart, Wcisicnburgstr. 10. Die Parteigenossen, die zuni Parteitag kommen, werden ersucht, von ihrer Delegation dem Vorstand und dem Lokalkomitee recht- zeitig Mittheilung zu machen, damitj dieses in bezug auf Quarttcr zc. die nothwendigcn Vorbereitungen treffen kann. Mandatsformulare, mit deren Versendung am 1. September begonnen wird, sind durch das Parteibureau, Adresse I. Auer, Berlin SW., Katzbachstr. 9 1 zu bezichen. Die Genossen, welche Anträge einreichen, werden darauf auf- merksam gemacht, daß etwaige, den Anträgen beigegebcne Motive weder im„Vorwärts" noch in der dem Parteitag vorzulegenden gedruckten Vörlage Aufnahme finden können. Die Genossen haben das Recht, ihre Anträge auf dem Parteitage entweder persönlich zu vertreten oder durch befreundete Genossen vertreten zu lassen; außerdem empfiehlt eS sich, wichtige Anträge vor dem Zusammentritt des Partettages in der Presse zu erörtern. Die Motive aber in die Parteitags- vorläge aufzunehmen, verbietet sich aus räumlichen Rücksichten und der damit verknüpften unvermeidlichen Wiederholungen willen. Berlin, den 13. August 1893. Mit sozialdemokratischem Gruß Der Parteivorstand. Der 31 Gewerkschaftskongreß.*) London, 3. September. Die englischen Gewerkschaftskongresse der letzten Jahre werden in der sozialen Geschichte Großbritanniens einen viel wichtigeren Platz einnehmen, als die Presse ihnen zu gewähren jetzt geneigt ist. Wo- der modern proletarische Gedanke sich nicht in eignen macht- vollen Organisationen ausspricht, sondern bestehende, älteren Perioden angehörende Arbeiterverbindungen durchdringt und umgestaltet, da wird man seinen Vormarsch im Wollen und Denken der Gewerkschafts- kongresse zu beobachten haben. Aeußerlich dieselben, wird ihr Inhalt immer neuer und revolutionärer. Ich habe hier nicht die Frage zu entscheiden, was einer ent- stehenden, zukunftsreichen Klasse besser nütze: sich von den alten Da in den letzten Tagen das politische Interesse auf die Kundgebung des Zaren und die Vorgänge in Paris konzcntrirt war, mußten wir die Verösfenttichung des Berichts über den Kongreß der Trade UnionS bis beute aufschieben. Gewohnheiten und Gedanken mit einem Schlage trennen und den alten politischen Rahmen durchbrechen, oder aber das geistige und moralische Erbe langsam überwinden und so zu sagen, sich unter der alten Hülle ungesehen entwickeln. Soweit ich sehen kann, wurde diese Frage nicht durch bewußtes Denken, sondern durch die gegebenen sozialen und politischen Verhältnisse gelöst. Das konttnentale Proletariat befolgt die elftere Methode, das englische Proletaritat die letztere. Die politischen Einrichtungen Englands gestatten es eben dem Proletariate, sich unter der alten Hülle eine Zeit lang weiter zu entwickeln. Daraus ergeben und erklären sich die Widersprüche, die wir in der englischen Arbeiterbewegung sehen: sozialistische Wähler und bürgerliche Abgeordnete, sozialisttscher Geist in so vielen lokalen und staatlichen Maßnahmen, die von Nichtsozialisten durchgeführt werden; sozialistische Resolutionen der Gewerkschaften und eine reaktionäre Exekutive. Und daraus die Komik so mancher Vorgänge auf dem soeben verflossenen Gewerkschaftskongresse in Bristol. Ein Lord Mayor und ein Geistlicher b cgrüßen den Kongreß, dessen Präsident eine ausgezeichnete sozialistische Rede hält; da vertritt eine Resolution den Bimetallismus, doch verlangt eine andere die Vergesellschaftung der Produktions- mittel; Gladstone, der tobte Arbeiterftcund, wird gefeiert, und darauf beschließt man die Nothwendigkeit des gesetzlichen Achtstundentages und der internationalen Verbindung des Proletariats,— es ist ein Gährungsprozeß, in dem das Alte sich auflöst und Neues, Lebens- kräftiges entsteht. Noch eine liberale Regierung und der Taiiz wird losgehen. Die junge Arbeitergeneration, deren sozialistisches Denken in der Rede des Kongreß-Präsidentcn so klaren und schönen Ausdruck gefunden hat, wird die Stelle der klugen Mawdsley und Burt, der Knight und Woods übernehmen. Die Enkel der Chartisten werden Englands Arbeiterklasse befreien. Das scheint mir die Lehre des 31. Gewerkschafts- Kongresses zu sein, der zu den wichtigsten Kongressen gezählt werden muß.— Als die Gewerkschaften vor genau zwanzig Jahren ihren Kongreß in Bristol abhielten, da waren 136 Delegirte anwesend, die 114 Ver- einigungen mit 623 957 Mitgliedern vertraten. Heuer waren dort 430 Delegirte, geschickt von 136 Vereinigungen r.iit über 1 250 000 Mit- gliedern. Außerdem waren zwei amerikanische, ein australischer und zwei j a p a n e s i s ch e Delegirte anwesend. Der Fortschritt ist indeß bedeutender als man aus den gegebenen Zahlen ersehen könnte. Nach der neuen Kongreßordnung, angenommen in Kardiff 1895, werden nur wirkliche Arbeiter und im Dienste der Gewerkschaft stehende und be- zahlteBeamte alsDelegirte zugelassen; GewerbcräthesTradeS Councils) sind von den Kongressen ausgeschlossen, so daß Doppelvertttungen jetzt unmöglich sind. Der Gewerkschaftskongreß war also im vollsten Sinne des Wortes ein Handarbeiter-Kongreß. Und doch übertraf er alle seine Vorgänger an Gedankenreichthum und praktischen Vor- schlägen. Nach beiden Richtungen hin ist der Klassencharakter der Bewegung schärfer denn je zum Ausdruck gelangt. Den Mittel- und Glanzpunkt des Kongresses bildete die Er- öffnungsrede des Kongreßpräsidenten O' G r a d y. Dieser, ein junger Mann von 32 Jahren, ist Mitglied des Holzarbeiter- Verbandes in Bristol. Sein Vater war Dockarbeiter. Seine Rede zeigt den Höhegrad der geistigen Entwickclung der jüngeren Arbeitergeneration Englands. Wenn wir uns bei dessen Rede etwas länger aushalte», so geschieht es nur, um zu sehen, ivas die Vorhut des englischen Proletariats denkt und wohin sie gehen will. Und die englische Arbeiterbewegung ist eine der wichtigsten Kräfte in der Geschichte der modernen Kultur. Nachdem O'Grady die ttcfen Uebcl der Kinderarbeit musterhaft beleuchtet und energisch vcrurthcilt hatte, überging er zu den industriellen Kämpfen des letzten Jahres und zum eigentlichen Ziele der Gewerkschaftsbewegung. Er sagte: „Seit dem letzten Kongresse kam ein Kampf zu Ende, der so schloß, wie wir es befürchtet hatten. Zum erstcnmale in der Geschichte unserer Bewegung hatten wir einer Ricscnverbindung des militärisch geleiteten Kapitals zu begegnen, dessen Absicht es war, die Ge- werlschaftskräste zu lähmen, wenn nicht ganz zu vernichten. Die Lehren, die Ivir aus dem Maschinenbauerstreik zu ziehen haben, sind klar. Was dieser Kampf bewiesen hat, ist die absolute Nutzlosigkeit, durch die gewerkschaftliche Aktton allein etwas erreichen zu wollen. Das Resultat dieses Kampfes ist die beste und vollständigste Antwort an unsere sogenannten Freunde(pseuäo friends), die uns liebevoll auf die Schulter klopfen, unseren männlichen Unabhängigkcitssinn preisen und uns den Rath geben, auf uns selbst und nicht auf den Staat zu verttauen. Die Bergarbeitcr-Föderation hat schon vor Jahren die Lektion erhalten, daß der Weg zum Achtstundentag durchs Parlament führt. Die Sache der Maschinen- bauer war unwiderlegbar. Und doch! Trotz aller Vcrnunstgründe und Thatsachen, aller Ansttengungen und Leiden stehen wir heute genau dort, wo wir vor dem Kampfe gestanden hatten.... Nein! Die Leiden und Opfer waren nicht vergeblich. Sie haben der Bewegung für Einführung des Achtstundentages durch Gesetz einen stärkeren Stoß nach vorwärts gegeben, als lange Jahre ruhiger Propaganda-Arbcit hätten geben können. Für diese Lehre sind wir den Maschinenbauern zu Dank verpflichtet. Diese Erfahrung ist das Gewinnkonto ihres Kampfes." Redner bespricht dann die Frage der Gewerkschaftsföderation und kommt zum eigentlichen Ziele der Arbeiter- bewegung. Und hier bitten wir unsere Leser, die Gedanken O'Grady's aufmerksam zu verfolgen. „Haben wir je ruhig überlegt," fragt er,„wohin alle unsere Anstrengung und Bethciligung in Wirthschaft und Politik uns un- widerstehlich zuführen? ' In ihrer gegenwärtigen Form kam die Gewerkschaftsbewegung ins Leben als Protest gegen den zügellosen Individualismus in der Industrie. Bislang war ihr ganzes Bestreben, dem Arbeiter einen gerechteren ilairer) Antheil ani Arbeitsprodukte zu sichern.) Aber ist dies ihr einziges Ziel? Wenn ja, dann muß es irgendwo eine Grenze geben, wo unsere Forderungen aufhören müssen. Aber ich behaupte, daß es keinen einzigen Trade-Unionisten gebe, der so närrisch wäre, diesen„gerechten Antheil" definiren zu wollen. Ich kenne niemand, der im stände wäre zu sagen, was eigentlich der gerechte Antheil am Arbeitsprodukt ist. Auch die be- kannte Forderung nach einer„livinA wage"(Lebenslohn, d. h. ein Lohn, der ein auskömmliches Leben gestattet) ist eine unbestimmte Formel.' Der Kulturfortschritt ändert alle unsere Begriffe über den Standard ol cornfort. Es wäre deshalb närrisch, unseren Forderungen nach besserem Lohne, kürzerer Arbeitszeit und besseren Bedingungen eine Grenze setzen zu wollen. Unter ernsten Forschern des sozialen Lebens gilt der allgemein angenommene Satz,„daß jeder Wechsel in der Produktionsmethode eineRevolution im sozialen Leben herbeiführt". Ausgehend von diesem Axiom, lassen sich alle Fragen, denen wir jetzt begegnen, auf eine Fundamental- frage rcduziren:„Arbeit und ihre Belohnung". Halten Sie diese Hauptwahrheit fest und Sie werden sehen, daß die meisten Argumente, die von so manchen Trade-Unionisten gegen Einmischung in soziale und politische Fragen angeführt werden, reiner Unsinn sind. � Der„gerechte Antheil" ist ebensowenig fixirbar, wie die Art des Arbeitsprozesses. Wenn der denkende Gc- werkschaftcr das wirthschaftliche Leben betrachtet, so werden ihm besonders die sich da manifestirendcn Tendenzen auffallen. Ereignisse sind nur greifbare Beweise der EntWickelung, die sich im sozialen Leben vollzog, vielleicht ungesehen, bis irgend ein Ereigniß vorkommt, das uns die Augen öffnet und uns die Ursachen zeigt, die zu deni Ereigniß führten. Nehmen wir das wirthschaftliche Leben. Als Folge der industriellen Revolution und der enornien Entwickclung des inteniationalcn Verkehrs, zeigt unsere Wirthschaft das Bestreben, Kleinbetriebe auszumerzen. Als Resultat sehen wir die Bildung von großen Unternehmungen, die die kleineren vom Markte jagen, und oft zur Monopolisirung gewisser Maaren führt. Dieses Gesetz von der Konzcnttation des Kapitals bildet einen Ring von Arbeitgebern, Ivelche nicht wissen und nicht wissen wollen, unter welchen Bedingungen ihre Dividenden erzeugt werden. Hier haben wir die Dividende als das einzige Verhältniß zwischen dem Kapitalisten und Arbeiter. Dies bedeutet wiederum die Einführung der neuesten Maschinen, die den Hand- und Gehirnverbrauch des Arbeiters ersetzen. Die Verwandlung der qualifizirten Arbeiter(skiiled) in unqualifizirte ist aufdcr Tagesordnung. Das Lehrlingssystem ist dadurch veraltet geworden- Hierzu kommt noch die Einführung eines Systems, das die Arbeiter zwingt, mit der Maschine Schritt zu halten. Die ganze Wirkung dieses Prozesses ist, die Summe der Handarbeit' auf ein Minimum zu rcduziren, die Produktionskosten zu vermindern und Ordres rasch auszuführen. Daraus die Zunahme der Arbeitslosen, die den ohnehin überfüllten Arbeitsmarkt noch anschwellen und den durch unseren Gewerkschastskanipf errungenen Standard ok cornfort ernstlich bedrohen.... Ich bitte Sie also, sich zu bemühen, diese Tendenz der modernen Industrie zu erkennen und daraus Schlüsse zu ziehen. Obgleich unbewußt, geht diese Tendenz ent- schieden zum Kollektivismus. Und wenn der Trade- Unionismus eine Kampfmacht bleiben will, so muß er kollektivistisch werden.... Wir nuissen vor allem eine bewußte Macht in der Politik werden und auf das Ziel hinarbeiten, lvohin unser wirth- schaftliches Leben strebt." Er schlägt dann vor, daß die Trade- Unionisten vorläufig ver- langen sollen: Minimallohn, stärkere Besteuerung des Grund und Bodens, Nationalisirung der Bergwerke und Eisenbahnen, allgemeines Wahlrecht, Diäten, Uebernahmc der Wahlkosten durch den Staat:c. Er fährt dann fort: „Nun zur letzten Frage: Angenommen, wir stimmen über dieses Programm überein, welche Methode ist nun zu wählen, um dieses Programm zu verwirklichen? An der Frage nach der politischen Methode ist das Schiff des TradeS-Unionismus zu wiederholten Malen gescheitert. Ich glaube, der Plan, unseren Forderungen Gesetzeskraft zu geben, ist wohl möglich und praktisch. Aber er ist nur möglich oder praktisch, wenn wir unsere Unabhängigkeit wahren und uns von den vor- ha n denen politischen Parteien loslösen. Das wird uns durchaus nicht zu allen übrigen politischen Strömungen in Opposition bringen. Ich glanbe vielmehr, daß der Trades-Unionis- muS nnt seinen tvohldisziplinirten Organisationen erst dann im stände sein werde, dem progressiven Gedanken aller Sekttonen der Gesellschaft Ausdruck und Kraft zu verleihen. Wenn jedes GeWerk- schastSmitglied nur einen Penny die Woche zum Wahlfonds beitragen würde, so hätten wir nach vier Jahren eine Summe von 896 000 Pfund Sterling, die wohl hinreichte, jeden parlamentarischen Sitz zu bedrohen." O'Grady schloß dann seine zweistündige Rede mit einer schönen Peroration, die— nach Art der englischen Redekunst— sich be- sonders an das Gefühl der Zuhörer wendete. Die Wirkung dieser Rede wird unter den Trade-Unionisten groß sein. Sie kommt von einem der ihrigen; sie wurde nicht in irgend einer Straßenecke gehalten, sondern auf der vernehmbarsten Stelle des Arbeiter-Parlaments. Und auch unsere hartarbeitenden Genossen, wie Hyndman, Tom Mann:c., die— ungleich den kontinentalen sozialistischen Arbeiter- sührern— nicht das Glück haben, auf machtvolle Organisationen zu blicken, werden mit dieser Rede zufrieden sein. Diesen Männern ist es zu verdanken, daß der sozialistische Gedanke- sich im Trade- Unionismus muner weiter Bahn bricht. Nicht minder klassenbewußt und international war die Rede tc5 auswärtigen Dclcstirten Harry Lloyd, der dem Kongresse die Grüße der amerikanischen Arbeiter überbrachte.„Die schwarze Sklaverei ist in Amerika überwunden, jetzt gilt's die weiße Sklaverei zu überwinden." Die übrigen Verchandkungen dcS Kongresses. wichtig wie sie waren, boten weniger Interesse. Gewisse sozialpolitische und demokratische Beschlüsse haben sich, durch ihre alljährliche Wiederkehr, das Bürgerrecht erworben und werden vom Kongresse ohne lange Debatten angenommen. Hierzu gehören: Ausdehnung des Ar- beiterschutzes, engere Verbindung zwischen Gewerkschaften und Genossenschaften; Gewerkschastslöhne für Arbeiter, die von Staats- lieferanten beschäftigt werden; Achtstundentag; Vergesellschaftung der Produktionsmittel; allgemeines Wahlrecht; Abschaffung der Plural- stimmen; Diäten und Uebernahme der Wahlkosten durch den Staat zc. Von den neuen angenommenen Resolutionen sind zwei wichtig: 1. Die Gewerkschaftsbewegung aller Länder in engere Verbindung zu bringen, durch Austausch von Berichten und Abhalten von inter- nationalen Fachkongressen, oder durch andere Mittel, die einer 5tonsolidiruiig der Arbeiter dienen; 2. Die alljährlichen Audienzen des Parlamentarischen Komitee's und der Gewerkschaftsführer bei den Ministrai und anderen„Arbeiterfreunden' als nutzlos auf- zugeben und sich damit zu begnügen, ihnen die Kongreßresolutionen einzusenden und ein kurzes Ja oder Nein zu verlangen. Das ist ein sehr weiser Beschluß, der dem unwürdigen Antichambriren der Arbeiterführer ein Ende macht. Dagegen ist es über zwei wichtige Punkte zu keiner aus- führlichen Aussprache gekommen. Wir meinen den Plan der Gcwerk- schafts-Föderation und den Bericht des Parlamentarischen Komitees. Der Föderationsplan wurde nach kurzer Debatte vertagt und der Beschluß gefaßt, eine spezielle Konferenz im Januar 1899 nach Manchester zur Erledigung dieser Frage einzuberufen. Die Debatte über die Thätigkcit dcS parlamentarischen Komitees wurde unter drückt, da man stürmische Szenen befürchtete. Einige Delegirte waren bereit, das parlamentarische Komitee wegen seiner Passivität anläßlich des Maschinenbauerstreiks zur Rechenschaft zu ziehen. Trotz einiger Dummheiten, die noch hier und da ausgesprochen und sogar beschlossen wurden, ist es unmöglich, nicht anzuerkennen, daß der soeben geschlossene Kongreß ein weiterer Beweis dafür ist, daß das organisirte Proletariat Englands sich auf dcni Punkte befindet, seinem ausgeprägt ökonomischen Klassenkampf auch den politischen hinzuzufügen. Es werden gewiß zuweilen noch Rückfälle vorkommen. Das ist in der Arbeiterbewegung unvcrnicidlich. Die Bahn zum Sozialismus ist eben rauh. Aber das Ziel ist gegeben und ihm wird zugestrebt. Als Delegirte zum nächsten amerikanischen Gewerkschaftskongreß wurden William Thorne und JnSktp gewählt. Die ncugewähltcn Mitglieder des Parlamentarischen Komitees sind: Cowey, Wakefield, Will. Thorne, London; Chandler, Mau chesier; Mitchell, Glasgow, W. I. Davis, Birmingham; Hudson, Darlington; Knight, Newcastle; D. Holmes, Burnley; W. Wilkie, Ncwcastle; W. Mullin, Manchester; W. JnSkip, Leicestcr, und C. W. Bowerman, London._ mb.- polikifche AebevMzk. Berlin, den 6. September. Die internationalen Abmachungen der Kabincte Ucber den Inhalt der neuesten deutsch- englischen Ver Handlungen bleibt man noch immer auf Vernmthungen aw gewiesen. Die Regierungen hüllen sich in Schweigen. Sicher erscheint nun, daß es sich wirklich um recht bedeutsame An> gelegenheiten gehandelt hat. Nach einer Berliner Korrespondenz der„Köln. Ztg." hat allerdings die Delagoa-Bai- Frage eine Rolle bei den Abmachungen in London gc spielt; es stünden aber dem deutschen Zugeständnisse auch englische gegenüber. Etwas Näheres will die„Intern. Corresp." von diplo malischer Seite erfahren haben. Dieselbe schreibt: „Die zwischen der deutschen und der englischen Negierung go führten Verhandlungen hatten nicht nur keine gegen Nußland ge kehrte Spitze, sondern sie wurden deutscherseits unter völliger Zw stimmung der Petersburger Regierung geführt, Iveshalb sie gewisser. maßen den ersten greifbaren Erfolg der Friedenskundgebung des Zaren darstellen. In dem Meinungsaustausch, welcher im Anschluß an die Note vom 24. August zwischen den Regierungen Deutschlands. Englands und Rußlands stattfand, betonte man russischerseits ausdrücklich, daß der Zar die Ausscheidung der elsaß-Iothringischen Frage aus der Politik Frankreichs als die Grundlage jeder europäischen Friedenspolitik ansehe. Da nun Frankreich durch seine gegenwärtigen inneren Wirrnisse gcnöthigt ist, sich diesem Wunsche des Zaren unbedingt zu unterlvcrffen, so erlangte hierdurch die deutsche Regierung freie Hand, um sich mit England über einige schwebende aftikanische Streitfragen zu verständigen, ohne hierbei auf Frankreich eine allzuweitgehcnde Rücksicht nehmen zu müssen. Das bisherige Ergebniß dieser Verhandlungen dürfte jedenfalls dann bestehen, daß Deutschland durch seine Zustimmung zur Aufhebung der gemischten Gerichtshöfe in Egypten die britische Herrschaft in Egypten als rcchtinäßig anerkennt, und daß andererseits Deutschland auf einen Einspruch gegen die englische Erwerbung der Delagoabucht verzichtet, wogegen England auf seine angeblichen Ober- hoh'eitsrechte über Transvaal formell Verzicht zu leisten verspricht. Bezüglich der Orientfragen werden voraussichtlich die Vcrhaud- lungen noch fortgesetzt werden. Auf diesem Gebiet dürfte man in Berlin besonders die Zurückziehung der englischen Pläne betreffend Erbauung von K o u k u r r e n z b a h n e n' i n K l e i n a s i e n er- warten, sodaß die Fortsetzung der deutschen anntolischen Bahn bis zum Euphrat erfolgen kann. Das britische Kabinel soll aber die Zustimmung Deutschlands auch zur englischen Kreta-Politik wünschen, wonach die Gouverneurfrage vertagt und die pro- visorische Verwaltung unter Mitwirkung sämmtlicher Mächte durch- geführt werden soll. In Petersburg sieht man jedenfalls eine Verständigung Deutschlands mit England um deswillen nicht ungern, weil durch eine genaue Abgrenzung der nichtrussischen Interessen im Orient für die russische Kolonisationsarbcit in Mittel- und Ostasien eine bessere Rückendeckung geboten und zugleich für die vom Zaren em- pfohlene Abrüstungskonferenz die Zahl der zu schlichtenden Streit- fragen wesentlich verringert wird." Sind schon diese Mittheilungen theilweise recht unsicherer Art, so laufen über die Gestaltung des Verhältnisses zwischen England und Rußland Nachrichten ein, die im vollsten Wider- spruche mit einander stehen, ohne daß eine Kontrolle im Augenblick möglich ist. Die„Times" melden aus Peking vom B. d. M., daß die Russen unter dem Schutze von bewaffneten Kosaken mit dem Bau einer Zweig-Eisenbahnlinie beschäftigt seien, welche den Hafen Niutschwang mit der Hauptlinie verbinden solle. Die Russen bestünden auf ihrem Rechte, für Eisenbahnzwecke Land durch Zwangskauf zuni Schätzungswerthe zu erwerben und sie gingen vor, als ob Niutschwang bereits unter russischer Herrschaft wäre; an der Mündung des Flusses heimsten sie auf Ländereien, welche Engländern gehörten, Feldfrüchte ein und errichteten starke Militärlager zum Schutze der Eisenbahnverbindung. J werde C di�Wo ''«Mchcr e Nei . waschend Ja,„Dailh Mail" berichtet sogar aus Shanghai von einem dort herrschenden Gerücht, daß die englischen Flotten Befehl erhalten hätten, bei Niutfchlvang sich zu versammeln. Dieser Zuspitzung der ostasiatischen Situation entspricht die kühle Sprache, mit welcher die englischen Regierungsblätter Balfour's Antwort auf die russische Einladung zur Friedens konfcrenz begleiten. Der„Standard" insbesondere bringt einen ausfälligen Artikel, der ausführt, die verschiedenen Nationen könnte» ihre Friedensliebe am besten beweisen, indem sie ihre Vorzugsrechte in China aufgeben. Ferner ver merkt das Blatt, daß der Zar den Bau der zu militärischen Zwecken dienenden Bahn vonMerw nach Herat, durch die ein England befreundeter Staat(Afghanistan) bedroht werde, einstellen lasse. Offenbar ist man in englischen Regierungskreisen längst außer Zweifel über die Hintergedanken der russischen Friedens- Posse- Im vollsten Gegensatz zu ihrer eigenen oben wieder- gegebenen Mittheilung behauptet„Daily Mail" andererseits, es sei in der chinesischen Frage zwischen England und Ruß- land eine vollständige Verständigung erzielt worden.— Zu der russischen Einladung hat jetzt anch die dänische Regierung ihre Einwilligung ausgesprochen. Aus Rom wird gemeldet: „Der„Popolo Romano" thcilt mit, daß die Regierung den Wort- kaut der Antwort auf die russische Note betreffend den Abrüstnngs- Vorschlag des Zaren festgestellt bat. Das Blatt fügt hinzu, die Antwort' drückte die höchste Befriedigung Italiens über die edele Initiative des Zaren aus und sage zum Schluß, die Regierung werde dieselbe gern auf jede mögliche Weise mNcrstützcn, damit ohlthaten'des Friedens allen Völkern auf lange Zeit hinaus 'chcrt würden."— Neininiszeuzen. Die Vorschläge des Zaren, so über- aschend sie gckonimen sind, haben ihre Vorläufer und nicht blos in der Literatur, sondern auch in den Verhandlungen der Diploniatie. Schon die heilige Allianz, die nach dem Wiener Kongresse abgeschlossen wurde und sich praktisch weit mehr gegen den„inneren Feind" zu bewähren suchte, war als eine Garantie des Weltfriedens gedacht. Sie scheiterte an dem Widerstände Englands, wie wir dies un- längst in unserem Artikel anläßlich des 75. Jahrestages der Proklamirung der Monroe-Doktrin auseinandersetzten. 1831 tauchte der Gedanke der Abrüstung in den diplomatischen Verhandlungen wieder auf. Damals unterzeichneten in Paris Sebastiani, Apponyi, Granville, Werther und Pozzo di Borgo als Vertreter Frankreichs, Oesterreichs, Englands, Preußens und Rußlandd ein Abrüstungsprotokoll, das folgenden Wort- laut hatte: „Die unterzeichneten Bevollmächtigten der fünf Großmächte in Paris haben, mit der Absicht, den allgemeinen Frieden zu bestärken und den Völkern die ihnen auf- erlegten außerordentlichen Rüstungslasten zu erleichtern, nach einer genauen Untersuchung der gegenwärtigen Lage Europa'S mit lebhafter Genugthuung erkannt, daß die Beziehungen der Einigkeit und guten Harinonie, welche glücklicherweise zwischen de» Mächten her gestellt und die auf der Unabhängigkcir der Staaten, sowie auf dem unabänderlichen Prinzip der Auftechterhalwng der Ver. träge beruhen, heute die Annahme einer Maßregel möglich machen, die seit langer Zeit den Gegenstand der glühendsten Wünsche ihrer Regierungen bildet, nämlich eine allgemeine A b r ü st u n g. Infolge dessen und auf grund der ihnen ertheilten Vollmachten sind die linterzeichneten übcreingekonimcn: 1. Daß die Land- und Seestreitkräfte Frankreichs, Oesterreichs Großbritanniens, Preußens und Rußlands auf den gewöhn- lichen Friedens st and vermindert werden. 2. Daß die Ausführung der A b r ü st ungs maßregeln am 1. Ja nuar 1832 beginnen und am 1. Mai desselben Jahres beendet sein soll." Tie Entwickelung deS Militarismus hat die völlige Werth losigkeit dieses Beschlusses dcmonstrirt. Auch aus uoch nähcrlicgcnderer Zeit läßt sich ein Vorschlag anführen, der mit dem jetzt die Welt erregenden eine gewisse Achnlichkeit hat. Wir zitiren im folgenden nach dem eben erschienenen Wcrkchcn„Bisniarck's Politik in den Jahren 1864 und 1866".») Zehn Tage vor König Frederiks(von Dänemark) Tode lEndc 1863) hatte Kaiser Napoleon III. in seiner Thronrede Worte gesprochen, die wie ein zündender Blitz in die politischen Kreise einschlugen: „Die Verträge von 181S haben aufgehört zu bestehen. WaS ist vernünftiger, als die Mächte E u r o p a' s zu einem Kongresse und damit zu einem höchsten Schiedsgerrcht über alle streitigen Fragen zu berufen." Noch an demselben Tage war eine Einladung an alle Souveräne Europa's ergangen, sich persönlich zu einem solchen Kongresse in Paris einfinden zu wollen. Das war die Ankündigung eines Schauspiels, neben welchem der Frankfurter Fürstentag sich wie der Zwerg neben den Riesen ausgenommen hätte. Der mächtigste und ehrsüchtigste der europäischen Monarchen, wofür damals Napoleon von aller Welt gehalten wurde, erklärte feierlich, daß die Rechtsgrundlage der Staaten Europa's, so weit sie auf den Bestimmungen des Wiener Kongresses beruhte, nicht mehr existire.„Die Rede. i st imper- t i n e n t", rief Königin Viktoria von England. „Der Streich i st hoch zu stark", sagte Kaiser Alexander von Rußland. Eine Verhandlung von zwanzig gekrönten Häuptern, ohne Bezeichnung des Gegenstandes, ohne Feststellung ihrer Kompetenz, gab wenig Aus- ficht auf friedliche Lösung. Niemand freute sich über die Einladung, aber niemand hatte auch Eile, durch eine Ablehnung den Zorn des gefürchteten Kaisers auf sich zu ziehen. Die kleineren Höfe, auch Papst und Sultan, wetteiferten in der Bereitwilligkeit. Unter den Großmächten wäre jede bereit gewesen, der anderen die Zurückweisung zu überlalsen. Rußland hoffte auf Oesterreich und England, der englische Minister meinte, Oesterreich und Preußen seien in erster Linie dazu berufen, und beschränkte sich darauf, in Paris die Giltigkeit der Verträge von 1815 zu betonen. Die natürliche Folge dieses Napoleonischen Kongreßvorschlages war ein allgemeiner Um- schwang in den gegenseitigen Beziehungen der Groß m a ch t e. Früher hatte England und Oesterreich auf Frankreichs Seite gegenüber Nußland und Preußen gestanden. Jetzt wurde es umgekehrt und von London und Wien aus auf ein festes Einverständniß der vier Großmächte gegen den Pariser Friedens st örer hingearbeitet. Der Fürstenkongretz kam nicht zu stände. Aber bald, nachdem die Einladungen ergangen waren, brach der Krieg gegen Dänemark aus, dann folgte nach zwei Jahren der deutsch- und der italienisch- österreichische Krieg und *) Auf grund des Sybol'schen Werke?„Die Begründung des Deutschen Reiches durch Wilhelm I." in gemeinverständlicher Form dargestellt von Dr. Franz Völker.(Gotha, Friedr.«ndr. Perthes.) 97 S. 80 Pf. 1870/71 der deutsch- französische Krieg und das Ende der Napolconischen Herrlichkeit. So manche Aehnlich- keit mit der Wirkung des Napolconischen Vorschlages dürfte der des jugendlichen Nikolaus haben. Die Neu- gruppirung der Mächte beginnt, das Mißtrauen gegen den in Waffen starrenden Friedensapostel ist im Steigen begriffen, die Furcht vor der Kriegsgefahr wächst. Nur ein Sedan jür das offizielle Rußland ist nicht zu erwarten.— »« » Deutsches Reich. Wahlstatistisches. Die„Köln. Volks-Ztg." giebt in Prozent- zahlen eine Darstellung der Entwickelung der Hauptparteien bei den ReichstagSwahlen von' 1871 bis 1893. Die verschiedenen nach links neigenden liberalen Elemente sind dabei als eir.e Partei der Linksliberalen zusammengefaßt worden. Die ftinf großen Parteien weisen dann folgende Prozentsätze der abgegebenen Stimmen auf: Zentrum Konserv. Linkslib. Nat.-Lib. Soziald. 1371 1874 1877 1378 1881 1884 1387 1890 1893 1898 pCt. 18,5 27,7 24,9 22,9 23 22,0 20,1 18,6 19,1 18,7 PCt. 13,8 6,8 9,7 12,9 15,9 15,2 15,2 12,4 13,5 11,2 pCt. 12,2 11,3 11,5 11,1 25,5 19,8 14,6 18,6 14,4 11,9 PCt. 29 24,9 20,8 22,5 12 17,6 22,2 16,3 13 12,6 pEt. 2,6 6,7 9,1 7,6 6,1 9,7 10,1 19,6 23,2 27,1 Gegen daö NcichSwahlrccht wühlen die Herren Konservativen lustig weiter. Herr v. Mirbach-Sorquitteu theitt in der„Krcuz-Ztg." mit,' Bismarck habe ihm gesagt: er hätte ftüher ein denrokratilchcs Band um das Deutsche Reich'für nöthig gehalten wegen der Gefahr partikularistischer Neigungen der deutschen Fürsten; diese Annahme sei aber irrig gewesen, und wenn in dem RcichstagSwahlrecht eine Gefahr für das deutsche Volk liege, so müsse es auch die Kraft haben, dieses Band zu zersprengen._ Nichts kann konnscher sein als die Idee, daß das deutsche Volk das höchste deutsche Volksrccht selbst zu vernichten Lust Häven könnte. Solche Gelüste mögen die um v. Mirbach haben, ein hoch- müthiger Adel, ein beutegieriges Junkerthum, eine herrschsüchtige Kapitälfftcnklasfe. Aber seit wann sind die Ausbeuter des Volkes— das Volk?— Agrarische Sorge». Die dcuffchcn Landwirthe haben bc« kanntlich vielfach den Getreidebau durch Rüben- und Kartostelban ersetzt und dann der Zuckerfabrikation und Branntweinbrennerei die größte Ausdehnung gegeben. Zugleich haben die Agrarier durch ihre Vertreter im Reichstage und Landtage dafür gesorgt, daß diese Produktion und Fabrikation durch Exportprämien und Liebesgaben ans dem Stcuersäckel besonders bedacht wurden. Unter diesem Liebcsgabcnscgen ist die deutsche SchnapSbrenuerei und Zucker- fabrikation die bedeutendste der Welt geworden. Während Deutsch- land pro Jahr etwa 1,8 Millionen Tonnen Zucker produzirt, beträgt die Produktion des nächststärksten Znckerproduzenten, Oesterreich- Ungarn, nur 1,05 Millionen Tonnen. Aber in neuerer Zeit werden in den verschiedensten anderen Ländern, und zwar unter iveit günstigeren Umständen, als sie Deutschland bietet, eine bedeutende Anzahl groß- artiger Zuckerfabriken errichtet, so bei Teheran in Persicn, in Rumänien, im Vilajet Adrianopel und in Egypten, daß die sich schon jetzt bemerklich machende Ucberproduktion bald zur Ein- schränkung der deutschen Betriebe zwingen wird. Am größten ist aber die Zunahme der Zuckerprodultion in den Vereinigten Staaten, wo neben der Ncubelebung der Rohrzuckcr-Fabrikasion ans Kuba und Portorico in Süd-Kalifornien, Utah, Ncu-Mexilo und Nebraska von kapitalkräftigster Seite der Rübenbau mit küiistlicher Vewässc« rung und die Nübenzucker-Fabrikation auf allergrößter Stufe ein- gerichtet wird, und wo dieselbe auch eine ungleich größere Ergiebig- keit als in Deutschland verspricht, so daß die Vereinigten Staaten. obivohl sie die bedeutendsten Zuckcrkonsumenicn der Welt sind, bald ganz den Import von europäischem Zucker werden entbehren können. Die Exportprämien für Zucker dürften imnier mehr eingeschränkt resp. abgeschafft werden. Bleibtnoch dcrKartoffclbraiiiitwcin.mil dcmDcutsch- laüd heute das Ausland am meisten beglückt, und für den die deutschen Brcimcrcibcsitzcr jedes Jahr ca. 44 Millioncii Mark Liebesgaben aus den Taschen der deutschen Steuerzahler ausgezahlt erhalten. Aber auch dem deutschen Braimtwcinimpvrt droht eine immer näher- rückende Konlurrenz, nämlich die Rußlands. Die Branntwein- fabrikation ist ja in Rußland seit jeher bedeutend, aber derselbe wurde früher hauptsächlich aus Getreide, namentlich Roggen und Mais, hergestellt. In den letzten Jahrzehnten hat sich daneben die russische Braniitweinproduktion hauptsächlich der Kartoffclbrcnnerei zu- gewandt und die russische Branntweingewiiinung aus Kartoffeln ist schon heute fast ebenso groß, wie die gesnmmte russische Braniitweingewiiimiiig aus Cercnlien. Im Jahre 1871/72 cxistirten im europäischen Ruß- land 677 Kartosselbreiinercicn, 25 pCt. aller russischen Brennereien, die 9 419 000 Pud(ä. 16,38 Kilogramm) Kartoffeln verarbeiteten. 1881/82 hatte sich die Zahl der Kartoffel- brciuicrcicn auf 1115 vermehrten. 64pEt. aller russischen Brennereien, und diese verarbeiteten schon 43 950 000 Pud Kartoffeln; im Jahre 1893/94 war die Zahl der Kartoffclbreiiiiereien auf 1391 gc- stiegen— 82 pCt. aller russischen Brennereien und dieselben ver« arbeiteten 96 270 000 Pud Kartoffeln. In 22 Jahren hatte sich also die Produktion von Kartoffelbraniitwcin in Rußland mehr als verzehnfacht. Dabei hat sich der russische Kattoffelbau für die Bremicrei mit der Zeit auf neue. für dieselbe günstigere Distrikte verlegt. Während früher sich die meisten Karloffelbreniiercien in dem unseren Osiseeprovinzen benachbarten Litthanen befanden und es dort schon vor 25 Jahren 260 solche Brenuercicii gab, verschwanden sie hier immer mehr, und 1887 gab es dort deren nur noch 131. Dagegen bestanden in den kleinrussischen Südwestgouveniements bis zum Jahre 1807 und im Uralgebict bis 1887 noch gar keine Kartoffel- vreiiiicreicn. 1893/94 vcrtheilten sich die russischen Kartoffclbrcnnereicn wie folgt: im Zentral-Ackerbaurayon 172, im mittleren und unteren Wolga- geöiet 94, in den neurussischcn Gouvernements 4. in den Industrie- gouvernemeuts 53, in den Südwestgouvernements 113, in den weiß- 'russischen Gouvernements 287, im Uraldistcikt 20, in den See- gouvernemeuts 37, in Litthanen 159 und in den baltischen Gouverne- mcnts 822. Schon heute ist die russische Braniitweinproduktion größer als die deutsche, und wenn sich dieselbe auf dein Weltmärkte weniger bemerklich niacht, so hat das seinen Grund dann, daß der Konsum in dem weiten Rußland selbst bedeutend größer ist, als in Deutschland, wo der Bicrlonsum immer noch bedeutender ist, als der Branntweinkonsiim. Aber der steigende Kwns- und Bierkousum vermindert den Branntweinkonsiim in Rußland selbst. Die Russen kommen auch immer mehr zu der Einsicht, daß der Ertrag der Kartoffeln und damit die Braiiiltweinproduktioii aus den- selben weit weniger Schwankungen unterworfen ist, als die Getreide- ernte. Wenn aber die Kartoffelbremierei i» Rußland in derselben Weise weiter zunimmt, so ist es nur eine Frage der Zeit, wenn auch der Export an rusischem Braiiiitweiii zunehmen und den deutschen Kattoffel-Brauut- wein auf dem Weltmärkte mehr oder weniger verdrängen wird. Daun werden auch die fetten Jahre der Liebesgaben aus der Kartoffel- schnaps-Fabrikation für unsere Agrarier sich ihrem Ende zuneige». Das Gefühl, daß sie dieser Zeit ciitgcgciigchcn, veranlaßt unsere Agrarier, als Ersatz für den zu erwattenden Ausfall au der Zucker- Prämie und Bramitlvein-Liebesgnbe ans möglichste Steigerung der Gctreide-Schutzzölle hinzuarbeiten, und sie baben um so mehr Aus- ficht dazu, als in den Regierungskrcisen jetzt vielfach ein ihnen günstiger Wind weht. Schlottcrnde Angst vor dem Vordringe» der Sozlaldcino- kratte ans dem Lande bekundet der heutige Leitartikel der„Kreuz- Zeitung". Als Mittel dagegen empfiehlt das Blatt in elfter Linie Verfebmung der sozialdemokratischen Partei von Staatöwegen, ferner Verbreitung guter christlicher Blätter und schließlich heißt es:„Aber auch das leibliche Wohl unserer Arbeiter möge uuS stets am Herze» liegen." Wir haben nichts gegen die beiden letzteren Vorschläge; gute christliche Blätter würden ja den Landarbeitern sofort zeigen, wie schändlich unchristlich das gcsammte private und öffentliche Leben des Agrarierthums beschaffen ist. lind wenn die Angst vor der Sozialdemokratie schon die Sorge für das leibliche Wohl der Land- arbeiter bei den Gutsherren hervorrufen sollte, so werden sich die Landarbeiter sagen: Je nrchr Sozialdemokratie, um so besser. Es freut uns, die„Krcuz-Zeitnng" so sehr in Angst zu sehen, daß die gehciligstcn Domänen des preußischen Junkerthums nicht mehr vor der Sozialdemokratie sicher sind.— Fleischschan-Gesetz. Die„Verl. Pol. Nachr." theilen mit, daß im Ncichsamt des Innern ein allgemeines deutsches Fleischschan- Gesetz ausgearbeitet ist und den'maßgebenden Ressorts zur Be- urtheilung vorliegt.— Von der Flcischthcucrung. Wie die Grenzsperre das Fleisch bcrtheuert, ergiebt sich aus nachstehender Zuschrift, die der„Boss. Ztg." aus Posen zugeht: Am Sonnabend kostete das Pfund Schweinefleisch in Posen 90 bis 100, in dem russischen Grenzstädtchen Boleslawice aber nur 40 Pf. f das Pstmd Kalbfleisch kostete in Posen 70 und in Boleslawice 20 bis 24 Pf.; das Pfund Haimnelfleisch wurde in Posen mit 70, in Boleslawice mit 20 bis 24 Pf. bezahlt.— Arbcitcrfrenndlichkcit des Zentrums. Am letzten Sonntag fand in Köln die Generalversammlung des Rheinischen Bauern- Vereins statt. Auf der Tagesordnung stand auch die ländliche Arbeiterfrage. Da i'agte nach' einem Bericht in Zentrums- blättern der bekannte Graf Hoensbroech: „... Bezüglich der ländlichen Arbeiter ist der Satz zum thcil richtig, daß die Gctreidepreise gehoben werden muffen, damit die Landwirthe auch ihren Arbeitern höhere Löhne zahlen können. Aber andererseits kann die Landwirthschaft die Kon- lurrcnz mit den von der Industrie gezahlten Löhnen nicht anshalten, und darum ist die Frage der ländlichen Ar- beiternoth durchaus nicht lediglich eine Lohnfrage. Wir haben mit einem dauernden Zustande zu rechnen; denn eine Aendevung des ländlichen Arbeitermangels wäre höchstens dann zu erwarten, wenn die Industrie stark zurückginge. Ein kleiner Erfolg wäre schon erzielt, wenn es der StaatSregierung gefallen wollte, die Schulpflicht in läudlichen Be- zirken um ein Jahr herabzusetzen. Aber das Hauptiibel liegt in der gesetzlichen Freizügig- k e i t. Es ist ja erfreulich, daß die Regierung ins Auge gefaßt hat. die Auswüchse derselben zu beschneiden; es wird indeß sehr darauf ankommen, was man unter Auswüchsen versteht. Ferner ist auch nicht zu verkennen, daß die philanthropische Ausbildung der Arbeiterschutz- Gesetzgebung zur Ver- schärfung der Rothlage der Arbeitgeber in hohem Maße beigetragen hat. Es mutz deshalb verlangt werden, daß neben der Ausbildung der Arbeiterschutzgesetze auch der Arbeit- geberschutz ins Auge gefaßt werd e." Die Versammlung begleitete diese Ausführungen mit Bravo. Andere Redner suchten die Forderungen des Grafen Hoensbroech etwas zu mildern, zum theil hießen sie dieselben gut. Graf Hoensbroech und der Rheinische Bauernverein haben aller- dings schon öfter mit den jetzt maßgebende» Gruppen des Zentrums in Fehde gelegen. Dennoch ist es höchst bemerkenslverth, daß der Magen der Partei gut genug ist, um auch derartige Befürworter der nllerungeheuerlichsten Reaktion ivie Graf Hoensbroech zu ver- tragen.— Zum deutsch- rnsflschen Handelsvertrag. Verschiedene Handelskammern hatten an den Handelsminister die Frage gerichtet, ob nicht auf grund des Absatzes 2 des Artikels 1 des deutsch-russischen Handelsvertrages einzelne vertraglich gebundene Zollsätze oder zu- gestandene Zollfreiheiten abgeändert werden könnten, wenn sich herausstelle, daß die Voraussetzungen, von denen man beim Abschluß des Vertrages ausgegangen sei, sich als irr- thümlich ettveiscn. Darauf hat der Minister erwidert, daß Artikel I des Vertrages ausschließlich die persönliche Stellung der beider- seitigen Staatsangehörigen behandele. Das gehe aus seinem Wortlaut wie besonders aus der Anordnung des Stoffes im Vertrage hervor. Die Angehörigen des einen Landes sollen nach diesem Paragraph im Gebiet des anderen Theiles keinen höheren oder anderen Abgaben unter- worfen sein als Inländer und dieselben Rechte im Handels- und Gewerbebetrieb genießen wie diese. Dieser Grundsatz, der sich auf die Zulassung zum Betriebe von Handel und Gewerbe und die Aus- Übung dieser Thättgkcit bezieht, erfahre allerdings im Absatz 2 eine Einengung. Danach können Deutsche in Rußland und Russen in Deutschland durch Gesetze oder Verordnungen in bezug auf den Betrieb von Handel und Gewerbe Beschränkungen unterworfen Iverden, denen die Inländer nicht unterliegen, sofern solche Be- stimmnngen auf alle Ausländer Anwendung finden. Auf die Be- Handlung der Waaren im Handelsverkehr beziehe sich der 8 1 nicht. Der Güterverkehr von Land zu Land sei vielmehr in den Arttkeln 6 u. ff. geregelt und nach Artikel 7 sei es zweifellos, daß die vertragsmäßig zugestandenen Zollfreiheiten und Bin- düngen für die Dauer des Vertrages festgelegt seien.— Herr v. PodbielSki ist zum wirklichen geheimen Rath mit dem Prädikat Exzellenz ernannt worden. Seine Verdienste sind uns nicht genügend bekannt, um die Veranlassung dieser ihm sicher werthvoll erscheinenden Auszeichnung erkennen zu lassen.— Politische Wandlung. Im neuesten Bande des„Bismarck- Jahrbuches" wird ein Brief des Gesandten v. Bismarck aus Peters- bürg vom November 1801 veröffentlicht, in dem folgende interessante Stelle vorkommt: „Von meinen Kollegen fehlt noch Ossuna, den man in Ver- dacht hat, durch irgend ein neues Verlobungsprojekt zurückgehalten zu werden. Graf Münster bleibt aus entgegengesetzten Gründen aus, indem er sich scheiden lassen will; ich bin nicht ungliicklich darüber, denn er spielt hier weniger den hannoverschen als a n t i- preußischen Agenten. Graf Miinster, der 1856 bis 1864 als hannoverscher Gesandter in Petersburg war, ist, wie das„Berk. Tagebl." erinnert, derselbe, der 1873 vom Fürsten Bismarck zum Botschafter in London aus- ersehen wurde und jetzt Botschafter in Paris ist. Charakteristisch ist, daß die Männer von der Mehrheit des Bürgerthnms— und nicht blos von diesem— hochgeehrt werden, die den Mantel nach dem Winde zu drehen verstanden, während konsequente Politiker, die ihre Anschauungen, Ideale und Treu- schwüre ohne Rücksicht auf Gunst und Glück hochhalten, angefeindet werden.— Der ilolu» im Kriegervcrcin. Aus G r e v es- mühlen in Mecklenburg wird unserem Lübecker Partei-Organ folgender Vorfall mitgethcilt. Drei dortige Einwohner sind durch nachstehendes Schreiben überrascht worden: Herrn Da Ihr ganzes Auftreten und Verhalten dem unterzeichneten Vorstande die Ileberzeugung hat verschaffen müssen, daß Sie trotz Ihrer neulich abgegebenen Erklärung der sozial- demokratischen Partei wenn auch vielleicht nicht an» gehören, so doch dieselbe unterstützen und Vorschub leisten und mit Angehörigen derselben in nahcr� Beziehung stehen, so stellen wir es Ihnen anhcim, binnen drei Tagen aus dem Kriegcrverein auszutreten, andernsalls sehen wir uns gezwungen, Sie aus Lemselben auszuschließen. Grcvesmühlen, 24. August 1898. Der Vorstand des KricgervereinS: Jhlefeld. Dr. Jahn. E. Kröncke. F. Heyden. F. Günther. G. Schönbohm. M. Lönnies. I. Schaeffer. G. Kauschen.� Das Schriftstiick ist ein Beweis dafür, welche unsinnigen Sprünge die ncudcutsche Gesinnungsschnüffelei zu machen im stände ist.— Ein ZcngniffzwangSvcrfahrcn ist gegen den Verleger der Danziger„Gazetta Gdanska" eingeleitet worden, nachdem gegen den verantwortlichen Redakteur Anklage erhoben ist. Der' Verleger weigerte sich, den Verfasser des unter Anklage gestellten Artikels zu nennen und wurde deshalb zu 100 M. Geldstrafe verurtheilt. Außerdem wurde er zum 17. September zu einem neuen Termin geladen mit der Aussicht auf Verhaftung bei fortgesetzter Weigerung, den Verfasser zu nennen.— Der Brcslauer Telcgirtentag des JnnungövcrbandcS deutscher Baugewerksmcistcr beschloß die Gründung eines „Deutschen Arbeitgeber-Verbandes" zur wirksamen Bekämpfung von Arbeiterausständen. Mit den Mitteln, auf die die Führer des Uuternehmerthums im Baugewerbe ihre Hoffnung setzen, als da sind: Aussperrung, schwarze Listen, Import ausländischer Arbeiter, werden die Streiks nicht nur nicht„wirksam" bekämpft, sondern geradezu gezüchtet.— Miihlhansen i. Th., 5. September.(Eig. Ber.) Die vom General von Spitz inaugurirte Sozialistenhetze in den Kriegervereinen hat hier eine ganz unerwartete Blüthe gezeitigt. Der Bezirks- komniandcur des hiesigen Landwchrbezirks, Oberstlieutenat Freiherr von Eckhardtstcin, und das Offizierkorps des hiesigen Landwehr- Bezirks beschlossen, sichan derSedanfeier der vereinigten Krieger- und Militärvereine Mühlhausens nicht zu betheiligen. Der Grund hierfür ist die Wiederwahl des Premier- Lieutenants a. D. Gustav Koethe zum Vorsitzenden des Kriegervereins- Bezirks Nordwest- Thüringen- Obereichsfeld, welche seinerzeit bekämpft worden war, weil Koethe einen Wahlauftuf zu gunsten der— freisinnigen Kandidaten unterzeichnet hatte! Das ist allerdings ein schreckliches Verbrechen.— Elberfeld," 5. September.(Eig. Ber.) Zu den Russen-Aus- Weisungen im hiesigen Industriegebiet berichtet die„Elberfeldcr Zeitung" nach„besten Informationen", daß cS sich nicht lediglich um russische Staatsangehörige, und um keine besondere Maßregel handele, sondern um eine periodisch wiederkehrende Maßregel gegen alle Ausländer,„welche sich�entwcdcr sehr lange Zeit im Deutschen Reiche aufhalten, ohne sich naturalisiren zu lassen, und solche, welche keine genügenden Ausweispapiere besitzen".—„Leute, die sich nie etwas zu Schulden kommen lassen und einen ordent- lichen Paß besitzen, können ruhig die Gastfreundschaft des Deutschen Reiches genießen." Dem widersprechen die That- fachen, wie ja der von nns angeführte Fall zur genüge beweist. Verwunderlich erscheint es nach solchen angeblichen Grund- sätzcn der Behörden immerhin, weshalb von Ausweisungen italienischer Staatsbürger nichts bekannt wird, die namentlich in den Bauberufen und sogar'seiteus der Eisenbahn-Behörde zu Bahnbauarbciten Ver- Wendung finden und im westlichen Jndustriebezirk zu Tausenden vertreten sind, mitunter so zahlreich, daß sie ganze Niederlassungen errichten. Bei diesen bedauernswerthen Opfern deutscher Profitgier treffen alle die Voraussetzungen zu, die für die Ausweisungen der � Behörden angeblich maßgebend sein sollen. Denn Messerstechereien', Diebstähle und ähnliche Ausschreitungen gehören bei den Söhnen des Südens infolge ihres hitzigen Tcinpcraments und ihrer gedrückten wirthschaftlich'en Verhältnisse zu den Alltäglichkeiten, das beweisen auch der Elberfelderin zur genüge die Gerichtsverhandlungen an Strafkammer und Schwurgericht. Und doch war von besonderen Maßregeln gegen italienische Staats- ungehörige bisher nichts bekannt.— Von der Maßregel gegen die Russen sind zum thcil Familien betroffen, welche sechs, zehn und mehr Jahre hier ansässig waren, und begreiflicherweise in eine oft geradezu verzweifelte Lage versetzt werden.— Dresden, 6. September. sEig. Ber.) Die Handhabung der neuen v e r e i n s g e s e tz l i ch e n Bestimmungen zeitigt wunderbare Blüthen. Gleich wie in Leipzig fängt man auch hier an, die Vorsitzenden von Gewerkschafts-Versammlungcn zu bestrafen, wenn sie es versäumen, bei Versammlungen, welche„politischen" Charakter tragen, etwa anwesende Minderjährige durch Auf- forderung aus der Versammlung hinauszuweisen. Dabei dreht es sich natürlich immer um die Definition des Begriffes„Politik". Und da liegt die Sache, wie es seinerzeit ganz richtig vorausgesagt wurde, immer so, daß darüber der Vorsitzende einer Versammlung und der Ucberwachendc getheilter Meinung sind. Da der Beamte aber nicht nothwendig hat, unter allen Umständen den Vorsitzenden darauf aufmerksam zu machen, daß er(der Beamte) die Versammlung für eine politische hält, so läßt der Vorsitzende die Aufforderung im guten Glanben, recht zu handeln, nicht ergehen, und Hintennach giebts ein Sttasinandat. So bekam der Vorsitzende einer Modclltischler-Versammlung, hier, ein solches auf 5 Mark lautend, weil in der betreffenden Versammlung darüber gesprochen wurde, wie sich die gewerkschaft- lichen Vereine unter den neuen Bestimmungen einzurichten haben, und der Vorsitzende die Aufforderung unterlassen hatte. Der Beamte war eben der Meinung, die Versammlung sei eine politische. In der Praxis wird es darauf hinauskommen, daß man schließ- lich jede Versammlung, welche sich mit Arbeiter- Angelegen- Heiken befaßt, für politisch erklärt. Bollständig unbegreiflich erscheint es aber, daß auch ein Minderjähriger, der in der erwähnten Versammlung miwesend war, ein Strafmandat erhalten hat. Die hiesige Behörde scheint also der Meinung zu sein, daß ein Minder- jähriger ganz von selbst zu beurtheilcn hat, was politisch ist oder nicht, und daß er dann event. auch unaufgefordert die Versammlung zu verlassen hat. Das steht freilich gar nicht im Gesetz drinn, und entspricht auch dem Sinn desselben nicht. Eine Konfusion ohne gleichen!— Chronik der Majestätsbeleidignngö-Prozcsse. Einmoralisch tief gesunkener Mensch wurde gestern der zweiten Ferienstrafkanmier des Landgerichts I in der Person des Anstreichers Richard Moritz Koch vorgeführt. Der erst 30jährige kräftig gebaute Angeklagte leidet, wie seine Vorstrafen beweisen, an chronischer Arbeitsscheu. Um sich Unterkunft im Gefängnisse zu verschaffen, griff er zum Mittel de r M a j e st ä t s b e I e i d i g n n g und verfuhr dabei in so energischer Weise, daß ihm eine lange Be- strafung in Aussicht stand. An? 4. August d. I. mndte er sowohl an das Militär- wie an das Zivilkabinet des Kaisers je einen Brief, der die gröbsten Schmähungen enthielt und ein drittes Schreiben gleichen Inhalts sandte er an die Redaktion einer hiesigen größeren Zeitung mit der Bitte um Veröffcntlichimg. Im Termin spielte der Angeklagte den Stumpfsinnigen, er gab zu. die Briefe geschrieben und abgesandt zu haben, war aber zu Erklärungen über den Beiveggrund nicht zu bewegen. Der Staatsanwalt Dr. Romen hatte keinen Zweifel an der vollen Zurcchnungsfähigkeit des An- geklagten, er beantragte gegen denselben eine Gesamintstrafe von drei Jahren Ge'fängniß. Der Gerichtshof erkannte nach diesem Antrage. Der Angeklagte erklärte, sich bei diesem Urtheil beruhigen zu wollen. Ungarn. Budapest, 6. September. In einer Konferenz der libe- ralen Partei äußerte der Mini st erPräsident Baron Banffy betreffend die Frage des Ausgleichs, eS herrsche zur Zeit keine Besorgniß darüber,' daß über die Ausgleichsvorlagen nicht verhandelt werden könne. Der Wunsch der großen Mehr- heit im Lande fei Aufrechterhaltung der Zoll- g e m e i n s a m k e i t, welche die Regierung zu erhalten bestrebt ge- ivcsen sei und noch sei. Die Regierung hoffe, daß sich der österreichische Reichsrath nicht aktionsunfähig erwcsicn werde. Wenn die Hoffnung sich nicht erfülle, so zeichneten die Gesetze für Ungarn den Weg des SelbstbestimmungSrechtcs vor, woraus jedoch eine Trennung nicht folge, welche weder politisch noch wirthschaftlich rathsam er- scheine. Die Regierung werde sich nicht überraschen lassen und bei Wahrung der wi'rthschaftlichen Interessen nicht vom gesetzlichen Wege abweichen. Auf Antrag des Abg. Hegedues sprach die Partei dem Ministerpräsidenten ihr Vertrauen ans und sagte ihre Unterstützung bei Ausführung dieses Programms zu. Budapest, 6. September. Banffy erklärte in der heutigen Abgeordnetcnhaus-Sitzung. die wirthschaftliche Zusammengehörigkeit mit Oesterreich sei unerläßlich. Ueber die Art der Vorkehrungen für die Eventualität, daß der österreichische Reichsrath nicht aktiv'nsfähig sei, dürfe er noch nichts mittheilen. Schweiz. Zürich, 5. September.?z und Mailai?d ist??un???chr a?!fgehobc?i. Spanien. Madrid, 5. Scpte???ber. D e p u t i r t e n k a m??? e r. Der Kriegs- ???i??ifter ä??tlvortct a?lf den A>?ariff gege?? das Nu??dschreiben des Madrider Generalkapitä??s?i??d sagt, das Rundschreiben habe den Zweck, zu verhindern, daß die Rede?? der Deputirten in den Blätter?? falsch gedeutet lvürde??. Die Regierung habe es zlveckmäßfy befunden, einer Veröffentlichung der Depesche des Generals Linares vorzubeugen. Gasset, der Direktor de?„J?nparcial", bezeichnet die gcgei?!värtige Lage der Presse als u??haltbar. Romero erklärt es für ui????ögi?ch, daß die vcrfass?l??gsi??äbigcn Gara??tten noch>vciterhin während der Session a?lfgehoben blieben; er behauptet ferner, die Rcgier?lng habe???it der Verhäng??ng des BeIager?l??gszustai?deS cii?e Ungesetzlichkeit bcga>?gei?,?u?d tadelt desgleichen die Art der Ausübung der Zensur. Der Miuister des Innern erwidert, es sei der Augenblick ??och??icht gekommen, die verfass?n?gs?näßigen Garantien iviederherz??- stelle??. Nach eii?er Erwiderung Romero's wird die Sitzung ge- schlössen.— Madrid, 5. September. Senat. Nach Mittheilung ei??iger Sei?atoren erklärte Rivera in der geheimen Sitzu??g des Senats im Name?? des dc?nokrntischen Prinzips, die Frage ivege?? territorialer Abtretungen müsse öffentlich bcrathcn iverden, da dies dcn Verya??d- lungei????cht schaden könne. Der Miicisterpräsidcnt Sagasta n?üsse lvie jede liberale Rcgicruiig mit der öffentlichen Meinung leben oder ai?der?ifalls zuritcktrete??. Sagasta erwiderte,-inter??atioi?ale Fragen seien immer geheim bcrathcn Ivorden. Die Lage sei eine c?n?ste, der Kriegszustand dauere fort, i??lr seien die Feindseligkeiten in Er- ivartung des Friedensschlusses eingestellt worden. Indiskretionen könnte??' den Vcrha??dl?l??ge?? schaden. Sobald der Friede geschlossen sei, lvürden alle Schriftstücke veröffe??tlicht Iverden; jetzt müsse iiran einig vor den Feinden erscheinen. Die Regierung appellire an den Patriotismus der Vertreter des Landes, damitJndiökrctionen die Verhandlungen nicht beeinträchtigen. Rivera erlviderte, er?nnche die Regierung für die Verluste der Kolonien verantwortlich. Toka �konservativ) erklärte, die geheime Sitzung sei eine Verletzung der Verfassung. Andere Senatoren äußerten sich in ähi?Iichem Sinne. Der Senat beschloß schließlich mit 57 gegen v Stimmen, die geheime Sitzung fortzusetzen. Die Konservativen stiininten?nit der Majorität, die Demokraten und Republikaner dagegen.— Madrid, 6. September. Die Regierung wird in der laufenden Session keinen Anleihc-Gesetzentwnrf vorlegen. Die Frage der Re- organisation der Finanzen soll erst nach Unterzeichnung des Friedens zur Erlvägung kommen.— Ende September sollen die Kaiuineri? sich bis Anfang nächsten Jahres vertagen.— Madrid, 6. September. Nach amtlichen Telegrammen miS Barcelona erachtet man dort die gemeldete Verhaftung einer kleinen, bewaffneten Bande als jeder Bedeutung entbehrend. Man glaubt, die Theilnehmer seien Anarchisten.— Heute Vormittag fand ein Ministerrath statt, der sich längere Zeit hindurch mit den für die nächste Zeit bevorstehenden Erörterungen in den Kammern und der Philippinenfrage beschäftigte. Es Ivurde beschlossen, Kriegsschiffe nach den Philippinen zu entsende??,?l>n diejenigen Spaicier, lvelche es>vü??schten, in die Heiinalh zurückzuschaffen. Der Minister des Auswärtigen theilte mit, daß der diesseitige Botschafter in Paris, Leon y Castillo, zu einer Besprechung mit ihm in Madrid erwartet Iverde.— Heute Abend werden die Direktoren der Madrider Blätter zusammenkominen, uin die Frage der Handhabung der Zensur zu bespreche??. Serbien, Belgrad, 6. September. Nach auS UeSkiib von serbischer Seite eii?gegangenen Nachrichten hat Sand Eddin Pascha, welcher mit der Unterfuchung der von Arnauten gegen Serben verübten Geivaltthntei? betraut ist, seine Thätigkeit bego?inen, ohne das Eintreffen der serbischen Delegirten abzüivarten.'— Afrika. Sndaufcldzng. Aus Oindurman wird vom 5. September ge- ineldet: Ein Thcil der englischen Armee verfolgt noch iinmer den Khalifen, die übrigen Truppen lagern in der Nähe des Nils, um a?lszunlhcn. Verschiedene Kavallerie-Regimenter haben 48 St??nden im Sattel zugebracht, darunter 14 Stunden im Ka?npfe. General Kitchener hat selbst den Befehl über die den Khalifen verfolgenden Truppen übernommen. Der Gesain?ntz?lsta??d der Ar?nce ist ein guter. Der Khalif ist nach Kordofan geflohe??. Rcformpläl?c in Marokko. Ueber Madrid wird der„Int. Korr." 'olgende Drahtmeldnng aus Tanger übermittelt: Die geplante Aussendung a?lßerordentlicher?narokkanischer Gesandtschaften nach Europa hat einen ernsten politischen Hintergrund. Sultan Abdul Aziz beabsichtigt, sein Heer nach europäischem Muster zu organisiren, Ivozu einerseits deutsche H e e r c s i n sl r u k t c u r e berufen und andererseits junge Marokkaner znr Ausbildung im europäischen Militärdienst entsandt iverden sollen. Gleichzeitig wünscht der Sultan die Schaffung einer Küstcnflotte, für deren Dienst er ebenfalls Ein- geborene in Europa ausbilden lassen will. Man sagt, das; sich Abdul Aziz zu diesen Plänen besonders auf Zureden des deutschen Gesandten entschlossen habe, weshalb es nicht unmöglich erscheint, daß die lürzliche Todtmeldung des Sultans auf diejenigen Kreise zurückzuführen ist, welche diese Pläne vereiteln möchten.— GemovkfrsMfklichjes. Berlin und Umgegend. An die Händler und Händlerinnen! Um über den Stand ' der jetzigen Bewegung Bericht zu erstatten und gleichzeitig um über neue Schritte zu bcrathen, welche zur Wahrung unserer Interessen nothwendig sind, finden in dieser Woche drei Versammlungen statt, und zwar am Mittwoch, den 7. d. M.. abends 8 Uhr, im„Kolberger Salon". Kolbergerstr. s am Freitag, den!>. d. M.. abends 8 Uhr, in „KriegcrP Festsälen", Wasscrlhorstr. 68. und am Sonntag, den lt. d. M., mittags ll Uhr, im„Englischen Garten". Alexander- straße 26 o. Es ist Pflicht eines jeden Berufskollegen, für den Besuch dieser Versammlungen zn agitircn und auch diejenigen Arbeiterkrcise zur Bewegung heranzuziehen, welche gegenwärtig noch in Arbeit, im Winter aber infolge der Arbeitslosigkeit zum Handel greifen müssen. Die Agitations-Kommission. I. A.: Karl P l e w e, Kl. Markusstr. 4 a. Zum internationalen Glasarbeiter- Kongrefi. Der inter- .nationale Glasarbeiter-Kongreß findet Sonntag, den 13. September, mittags 1 Uhr in Berlin im Saale des„Englischen Gartens", Alexandcrstr. 27c, statt. Da bis heute von keiner Seite Anträge ein- gelaufen sind, so hat das internationale Komitee beschlossen, die provisorische Tagesordnung wie folgt festzusetzen: 1. Wahl des Bureaus. 2. Feststellung der Geschäftsordnung. 3. Wahl einer Kommission zur Prüfung der Mandate. 4. Bericht des Sekretärs. S. Bericht der Dclegirtcn. 6. Die Lohnfrage. 7. Die Arbeits- zeit, 8. Die Schutzzoll- Frage. 9. Organisation der Glasarbeiter. 10. Anträge. 11. Internationales Sekretariat. 12. Der nächste Kon- grch.— Die unterzeichnete Kommission ersucht nun die Glasarbeiter aller Länder, so weit es noch nicht geschehen, ungesäumt die Zahl der gewählten Dclegirtcn und ihre Namen an unterzeichnete Adresse einzusenden. Auch sonstige Anfragen, die den Kongreß betreffen und eventuelle Wünsche betreffs des LogiS sind an Unterzeichneten zu richten.— Das Kongreßlokal befindet sich in der Nähe des Bahnhof Alexandcrplatz und werden die Delegirten direkt im Kongreßlokal enlpfangen.— Oskar L o e s ch, Berlin, Swiiicniüiidcrstr. 120. I. A. der Kongreßkommission. Achtnug, Bauarbeitcr! Da es vielfach vorgekommen ist, daß die Kollegen die Verhaltungsmaßregeln nicht innehalten, so bringen wir nochmals die Beschlüsse zur Kcnntniß. Sollten die Kollegen in Lohndifferenzen gcrathen, so hat der Deputirte die Pflicht, dcrKom- , nission sofort Mitthcilung zu machen. Ist selbiger nicht am Platz, so hat ein anderer Kollege cS zu veranlassen. Die Arbeit darf unter keinen Umständen niedergelegt iverden, bevor die Kommission die Sache rcchcrchirt hat. Dasselbe trifft bei Maßregelungen und Aus- sperrungen zu. Wird gegen diese Vorschriften verstoßen, so tvird die Unterstützung davon abhängig gemacht. Die Lohnkommissio n. I. A.: W. N o a ck. Die Täschner der Firma Schmidt, Berlin, Elisabeth-Ufcr 31, befinden sich im Ausstand. Der Zuzug ist sernztlhalten. Deutsches Reich. An die Arbeiter des In- nnd Anskandes wendet sich heut die Magdeburger„Volksstimme" in folgendem Aufruf: In Magde- bürg ist ein härter Kampf zwischen dem Verbände der Unternehmer des Maurer- und Zimmerergcwerbes und den auf Bauten be- ■ schäftigteil Arbeitern ausgebrochen. Der Streit dreht sich um die Frage, ob die Gleichberechttgung der Arbeiter anzuerkennen ist oder nicht. Die Arbeiter haben alles versucht, den Frieden herbeizuführen und zu festigen, sind aber mit allen Forderungen nur rauh abgewiesen; die Arbeitgeber haben ihr vor dem Herrn Obcrbürgerineister Schneider gegebenes Versprechen: eine Kommission einsetzen zu wollen, die Streitigkeiten schlichtet und Lohn- und Arbeitsbedingungen festsetzt, schnöde mißachtet und eigenmächtig bis zum Jahre 1900 die Lohn- und Arbeftsbedingungen festgesetzt. Infolge dieses Kampfes sind 1600 Personen ausgesperrt, denen sich durch Arbeitsniederlegung weitere 890 Personen angeschlossen haben— im ganzen' sind durch den Gewaltstreich der Unternehmer und deren Herrschergelüste zirka 3800— 4000 Personen dem Hunger und Elend preisgegeben. Arbeiter allerorts! Steht den Ausgesperrten und Streikenden thatkräftig bei. Die Solidarität der Magdeburger Arbeiterschaft ist oft genug er probt worden, sie stand nicht an letzter Stelle, wenn es galt, ihre kärnpfenden Brüder zu unterstützen. Vorerst ist nothwendig,' daß kein Maurer, Zimmerer und Bauarbeiter nach Magdeburg reist; jeder Zuzug erschwert den Kampf der Ausgesperrten und Streikenden, so- dann wolle man bedenken, daß der Kampf ungeheure Opfer ver schlingt. Wir wiederholen: Die Ausgesperrten haben versucht, die Streitigkeiten gütlich zu schlichten, aber alle Versuche mißlangen, der Kampf ist den Ausgesperrten aufgedrängt, er muß ausgcfochten werden. Arbcftsbrüder I Die Ausgesperrten und Streikenden appelliren an Euer Solidaritätsgefühl. Die streikenden Maurer in Frankftirt a. M. haben beschlossen, den Ausstand fortzusetzen. Wie bereits berichtet, haben eine große Anzahl Unternehmer durch öffentliche Bekanntmachung die Forde- rungen der Arbeiter indirekt zugestanden. Infolge dessen sind 700 Maiirer in Arbeit getreten. 240 befinden sich noch im Ausstand. Die Lohnkommission wird den Arbeitgebern den Antrag unterbreiten, die noch in Frage kommenden Punkte einer gemischten, von feiten der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer gewählten Kommission zur Erledigung überweisen, um eine Verständigung herbeizuführen. Ucbelftände in der Krnpp'sche» Fabrik in Essen. Der in Essen erscheinende„Weckruf" schreibt: Das Ueber stunden- u niv e s e n auf der Krupp'schen Fabrik bildet eine ständige Klage der Arbeiter. Bei Krupp besteht nämlich nur dem Namen nach eine lOstündige Arbeitszeit. Im Kanonenressort und in den Reparatur- Werkstätten regelmäßig, auch in den Feuerbetrieben nicht selten, werden zahlreiche Ueberstunden gemacht. Gewöhnlich wird zweimal in der Woche bis 11 Uhr abends gearbeitet, so daß an diesen Tagen eine 1 8 st ü n d i g e Arbeitszeit abgemacht werden muß. Es kommt sogar oft eine dreimalige wöchentliche Ucberzeit von einer halben Schicht vor und dazu gesellt sich eine, mit merk- ~"....... wiederkehrende Sonntagsarbeit. Wie bei Krupp manchmal monate- Sonntag nicht etwa Repa- Commissi onsarbeiten gemacht werden können, ist uns � unerklärlich. Die Gewerbc-Ordnung giebt den Inspektoren das Recht, für besonders dringende Fälle Sonntags- arbeit in beschränktem Maße zuzulassen. Nur Arbeiten, welche den Fortgang des Betriebes ermöglichen müssen, dürfen regel- mäßig an den Sonntagen fertiggestellt werden. Aber bei Krupp raubt man den Arbeitern monatelang jeden freien Sonntag, damit Geschütz- bestellungen irgend eines Staates schnell erledigt werden können— und oft hat man noch viele Wochen später das Vergnügen, seine Sonntagsarbeit im Schuppen am Schießstand-c. zu betrachten. Hier st e h e n dieselben Geschütze dann noch öfter monatelang, an denen Sonntag für Sonntag gearbeitet wurde. Ist dies der Behörde bekannt? Sie muß doch zu jeder sonntäglichen Ausnutzung der Arbeiter vorher um Genehmigung ersucht werden! Oder ist das in Essen keine Mode? r.„ Gewiß, die Ueberstunden geschehen ftcilvillig— nur frggt mich nicht warum. Der größte Thcil der Arbeiter verdient thatsächlich so wenig,— es wurden noch letzthin in einer mechanischcir Werkstatt an Schlosser 20—30 M. pro 14 Tage ausgezahlt!— daß er die Ueberstunden machen muß, will er cxistiren. Gern möchten die würdiger Regelmäßigkeit es möglich ist, daß lang Sonntag für ratüren, sondern Leute abends um 6 Uhr nach Hause, aber die Noth zwingt sie, ihre Gesundheit zu opfern. Lese man nur den Bericht des Fabrrkinspektors für Effen-Duisburg nach; der Beamte spricht ungeschminkt von der Verderblichkeit der Ueberstunden für die Arbeiter und schlägt vor, „eine längere Arbeitszeit wie 11 Stunden von der behördlichen Genehmigung abhängig zu machen". Wenn dem so sein würde, dann wäre viel geholfen. In der Buchbinderei von Barthel in Leipzig ist das gesammte Personal wegen Tarifstrcitigkeiten im Ausstand. In Rostock haben aus dem Platz des Steinmetzmeister Heinig 21 Steinmetzen die Arbeit eingestellt. Gelegentlich cincS kurzen Aufenthaltes im oberschlesischen Jndustticrevier gelang es dem Vorsitzenden der Generalkommission der Gewerkschaften, L e g i e n, in einer oberschlesischen Bergarbeiter- Versammlung in Dorotheenstadt bei Zabrze zu sprechen. Diese Vcr- sammlung sollte über die Absendung einer Petttion um Abänderung der Knappschaftsstattiten bcrathen und war gut besucht. Legten legte den Versammelten in längerer Rede dar. daß der Weg der Petifton wenig Erfolg verspreche, daß dagegen alles daraus an- komme, gute Organisätionen zu schaffen, die auf die Wahl tüchtiger Knappschaftsältesten Einfluß bekommen müßten. Er empfahl ihnen daher den Eintritt in den Deutschen Berg- und Hüttenarbeiter- Verband. Die Versammlung wird wahrscheinlich zu einem Nachspiele vor Gericht in Form eines Majestätsbeleidigungs-Prozesses führen; bei einem an recht ungeeigneter Stelle vom Vorsitzenden ausgebrachten Kaiserhoch blieb ein Arbeiter sitzen; er soll allerdings taub sein und nicht Deutsch verstehen, sodaß er wohl straflos bleiben mutz. Die Lcdcrfärber in der Fabrik von Holste u. Ko. in München haben wegen Maßregelung einiger Kollegen die Arbeit eingestellt. Die Lcderfärber Berlins werden ersucht, kein Leder für die genannte Firma herzustellen. Ausland. DaS Ende des BergarbcitcrstreikS in SiidwaleS. Aus London wird uns geschrieben: Es war einer der bittersten wirth- schaftlichen Konflikte, der am 3. September seinen Abschluß gefunden hat. An die 100 000 Bergleute haben 22 Wochen lang um bessere Bedingungen gekämpft. Sind sie siegreich oder besiegt aus dem Kampfe hervorgegangen? Anstatt einer kurzen Antwort geben wir lieber die Thatsachcn, so komplizirt sie auch sein mögen. Das südwalisische Ablohnungssystem beruht auf der' Gleitskala: der Lohn richtet sich nach dem Verkaufspreise der Tonne Kohlen. Von 1879 bis Ende März 1893 galt u. a. folgende Skala: Der Lohn stieg oder fiel um 83/4 pCt., je nachdem die Tonne Kohle im Ver- kaufSpreise um 1 Schilling gestiegen oder gefallen ist. Im März 1898 stand der Durchschnittslohn des Bergarbeiters unc 12ft„ pCt. höher als im Jahre 1879. Als nun Anfang April 1893 eine neue Gleit- skala festgesetzt werden sollte, da stellten die Bergleute solgcnde Forderungen: 1. Eine Skala von 10 pCt. anstatt der bisherigen von 83/4 pCt. 2. Die Festsetzung eines Minimal-Kohlcnprcises mit 10 Schilling pro Tonne, ivas eine Erhöhung von 21V» pCt. über den Stand im Jahre 1379 bedeutet hätte. 3. Die Aufftellung eines Schiedsrichters, um in Sachen zu entscheiden, über welche das Vereinte Komitee der Arbeitgeber und Arbeitnehmer sich nicht einigen könnte. 4. Eine sofortige Lohnerhöhung von 10 pCt., bis die neue Skala ein- geführt ist. Die Bergbesitzer verwarfen sämmtliche Vorschläge und boten dafür: 1. Eine Skala, die eine Reduktion von 2�2 pCt. der bisherigen Löhne bedeutet hätte. 2. Die Einführung von Abgangs- noten. 3. Die Abschaffung des Ruhetages am ersten Montag eines jeden Monats(Mabonday). Die Antwort der Besitzer war also ein Angriff auf die bis- herigen Errungenschaften der Bergleute. Sie gingen zur Offensive über, da sie wußten, daß die Bergleute über keine Organisation und keine Mittel verfügten. Der Kampf begann, und nachdem er einige Monate gedauert und ein VermittelungSvcrsuch fehlgeschlagen hatte, ver- loren die Bergbesitzer etwas von ihrem Kampsmuthe und schlugen folgende Bedingungen vor: a> Die alte Gleitskala soll als Grundlage des auf 4 Jahre abzuschließenden neuen Ucbereinkommens dienen. Dieses Ueber- einkommen kann sechs Monate vor seinem Ablauf gekündigt werden. b) Abschaffung des jlabcrnäay. c) Lohnerhöhung von 8 pCt. Das war am 13. Juli 1898. Diese Borschläge bedeuten gewiß einen Rückzug der Bergbesitzcr. Die Arbeiter schlugen jedoch diese Konzessionen aus und der Streik nahm seinen Fortgang. Erst am 29. August 1898 traten die Vertreter der streitenden Parteien zu einer Konferenz zusammen, die nach neunstündiger Dauer rcsultatloS zu verlaufen drohte. Die Bergbesitzer lehnten es entschieden ab, über die Vorschläge vom 18. Juli hinauszugehen. Schließlich ver- ständigten sie sich doch zu einer kleinen Modifikatton desVorschlages a, der jetzt lautet: „Sollten die Besitzer auf grund des neuen Uebereinkommens, nach denc 1. September 1399, die Löhne unter den Stand vom März 1898 reduziren, so steht den Arbeitern das Recht zu, das lieber- einkommen zu kündigen." Die Arbeitervertreter erklärten sich sodann zu einem Uebercinkommen bereit und legten den Streikenden die Vorschläge zur Abstimmung vor. Am 31. August fand die Ab- stimmung über Vorschlag a und c statt, die folgendes Resultat er- gab: 61 912 für, 37 077 gegen die Annahme. 8800 enthielten sich. Die Mehrheit für die Annahme der Vorschläge a und c betrug also 24 833. Dagegen wurde Vorschlag d einer besonderen Kommission zur Regelung anverttaut. Am 1. September wurde auch Vorschlag b angenommen, was den langwierigen Kampf zum Abschluß brachte. Wer hat da gesiegt? Darauf gaben die Arbeiter selber die Antwort. Sie fühlten sich als besiegt, trotz der zeitweiligen Lohnerhöhung von 3 pCt. Aber erschlagen ist der Begriff von der Jntcreffenharmonie zwischen Kapital und Arbeit, der in' Südwales bislang geherrscht hatte. Sogleich nach der Abstimmung wurde beschlossen, große Kancpforgani- sationc» zu bilden und sich der englischen Bergarbeiter- Föderatton anzuschließen.—_ /» Mlten Soziales. Aerztestreik in Remscheid. Wie aus Remscheid berichtet wird. llten dort sämmtliche, andcrOrtS-Krankenkasse angestellte Kassenärzte, 14 an der Zahl, am 4. September Knall und Fall ihre Thätigkect für die Kasse ein. Am selben Tage, und zwar noch ehe dem'Kassenvorstand diese Mahregel der Aerzte bekannt war, ver- öffentlichte die„Remscheider Zeitung" durch Maueranschlag den seitens der Aerzte an den Vorstand gerichteten Brief, der da lautet: „Remscheid, 4. September 1898. An den Vorstand der Allgemeinen Orts-Krankenkasse Remscheid. In Erwiderung Ihrer Zuschriften an einzelne Herren Kollegen theilen wir Ihnen mit, daß wir vom heuttgen Tage ab unsere Funttionen als Kassenärzte niedergelegt haben. Zu allen weiteren Verhandlungen steht Ihnen die von uns gewählte Kommission zur Verfügung. Im Austrage w. Dr. F i s ch e r. Dr. L ü d e k e. Dr. Boehnke' Zu dieser Angelegenheit wird uns geschrieben: „Die Allgemeine Orts-Krankenkasse in Remscheid regelte bisher die Arztfrage so, daß die Aerzte auf das Kalenderjahr für eine Pauschalsumme von rund 80 000 M. verpflichtet wurden, ohne daß ein schriftlicher Vertrag abgeschlossen wurde. Die Kasse beschränkte sich darauf, denjenigen Aerzten, die sie für das nächste Jahr zu verwenden gedachte, vor Ablauf des Vertragsjahres davon Mittheilung zu machen. Beim Abschluß der Verträge für 1898 beabsichftgte' die Kasse einen der Aerzte, gegen den Beschwerden der Mitglieder vorlagen, nicht mehr zu verwenden, weshalb sie für ihn Ersatz zu schaffen bemüht war. Da die Kasse nun, durch die jahrelangen Erfahrungen gewitzigt, zur Einsicht ge- kommen war, daß eine für die Krankenkasse ersprießliche Arzt- thätigkcit nur von solchen Aerzten zu erwarten ist, die sich ganz in dtn Dienst der Kasse stellen und auf jede Privatpraxis verzichten, so ivurde die Stelle dieses Arztes und die eines Augenarztes mit je 6000 M. Gehalt ausgeschrieben, wobei den Reflektanten der Verzicht auf Privatpraris zur Pflicht gemacht wurde. Es liefen auch 81 Offerten ein. Das Vorgehen der Kasse brachte die Aerzre aber so in Harnisch, daß sie ganz gegen den Vertrag, der sie ja bis I. Januar verpflichtet, die Th'ätigkeit einstellten, weil sie. jedenfalls aber ohne Grund, für ihre eigene Zukunft fürchteten. Auch hier scheinen die Aerzte im Einverständniß mit den Aussichtsbchörden zu handeln, da sie sofort am 4. September unter den Patienten zu einem Vorgehen gegen den Vorstand Unterschriften sammelten, noch ehe derselbe überhaupt von ihrem Vorgehen Kenntniß erhalten hatte. und damit am 8. September einige Herren nach der Regierung in Düsseldorf sandten. Wie übrigens jetzt bekannt wird, hat bei der letzten seitens der Regierung vorgenommenen Revision der Regierungs- beamte, dem die Meinung des Vorstandes in der Arztfrage bekannt war, zu einigen Interessenten geäußert, sie sollten sich gegenüber der Kasse vorsehen, ehe ihnen die Verhältnisse über den Kopf wüchsen. Es ist abzuwarten, welche Schritte die Regierung nun gegenüber dem augenscheinlich ungesetzlichen Vorgehen der Aerzte unternehmen wird. Welche Bedeutung dieser Aerztestreik für Remscheid hat, geht daraus hervor, daß die genannte Kasse 9000 Mitglieder hat und daß außerdem noch 14 000 Angehörige in betracht kommen, da auch diesen seitens der Ortskasse ärztliche Hilfe zu theil wird. Es gehört ein großer Grad von Frivolität dazu, wenn die Aerzte unter solchen Verhältnissen sich ihrer Pflichten entäußerten." Treu geblieben ist der Kasse ein älterer Arzt, fenier steht eine Aerztin zur Verfügung. Der Vorstand der Kasse hat vor die Wohnungen der früheren Kassenärzte Beauftragte postirt, die den die Aerzte lonsultirenden Patienten das Honorar verabfolgen und ihnen die Rezepte mit einer Marke bekleben, die die Rezepte als solche der Kasse kenntlich macht. Im übrigen hofft der Vorstand, daß der Kasse schon in einigen Tage» genügend Aerzte zur Ver- fügung stehen werden. Die übermäßige NnSbentung der Dreschmaschincnarbeitcr durch die Besitzer der Dreschmaschinen hat den Landrath des hol- steinischen Kreises N o r d e r d i t h in a r s ch e n. Herrn B e h n ck e, zu einer ancrkennenSwcrthen Polizeiverordnung veranlaßt. Die „Schleswig-Holsteimsche Volks-Zeitung" in Kiel hatte im Ottober v. I. die unmenschliche Behandlung jener Arbeiter zur Kenntniß der Oeffcntlichkeit gebracht. Von einer geregelten Arbeits- zeit der Dreschmaschincnarbeiter war von fjekjer keine Rebe. Bei mangelhafter Beköstigung und in undurchdringlichen Stand gehüllt, mußten die Arbeiter tagtäglich, auch des Sonntags, 16— 20 Stunden thätig sein. War die Tagesarbeit vollendet, so hatten die Arbeiter weder Zeit noch Gelegenheit, sich von Staub und Schmutz zu reinigen, denn noch mußten sie einen oft stundenweiten Weg, nicht selten bei strömendem Regen, bis zur nächsten Arbeitsstelle zurücklegen. Erst dann, Ivenn aus dem neuen Arbeitsplätze die Maschine„klar zum Drusch" wieder aufgestellt war, konnten sie daran denken, ihren ermatteten Körper etwa 3—4 Stunden auf einem elenden Strohlager ausruhen zu lassen. Bei dem übergroßen Angebot von Arbeitskräften war es den Unternehmern auch stets ein Leichtes, den Lohn beliebig fest- zusetzen. Er beträgt in den meisten Fällen 13—20 Pf. pro Stunde. Es ist erklärlich, daß unter solchen Umständen die Arbeiter recht häufig ein Opfer schwerer Unglücksfälle werden. Mit den schlimmsten Uebelständen räumt nun die Polizei- Verordnung des Landraths auf.§ 1 derselben verbietet das Dreschen vom Beginn der Dreschkampagne bis zum 1. Oktobrr in der Zeit v o r 8 Uhr morgens und n a ch 8 Uhr abends, in der übrigen Zeit des Jahres nach 7 Uhr abends. K 2 gestattet das Dreschen in den Scheunen nur dann, ivenn dieselben den Arbeiten» genügend Be- Wegungsfreiheit bieten. Nach§ 3 hat das Dreschen möglichst nur bei Tageslicht stattzufinden. Soll nach eingettetener Dunkelheit gedroschen werden, so sind die Arbeitsstellen genügend zu beleuchten. Das ist ein sehr wichtiger Punkt, denn gar häufig ist es vorgekommen, daß infolge der ungenügenden Beleuchtung die Arbeiter von dem Boden gc- stürzt sind.§ 6 besagt:„Den beim Dreschen beschäftigten Personen ist Gelegenheit zu geben, sich in den Pausen und nach der Arbeit zu waschen und vom Staube zu reinigen."§ 7 lautet: Fiir eine gesundheitlich einwandfreie Unterbringung der beschäfttgten Arbeiter während der Nachtzeit hat detjenige Landwirth, in dessen Betrieb gedroschen wird, zu sorgen. Von dem Dreschmaschinen-Besitzer ist jedem Arbeiter eine genügend große, wollene Decke zur Benutzung zu überweisen. Es wäre zu wünschen, daß die Regierung die Landrathsämter generell anwiese, in ähnlicher Weise, wie es der Landrath des Kreises Norderdithmarschen gethan hat, für den Schutz der Arbeiter zu sorgen. Arbcitcr-Risiko. Dem Handlanger Becker aus Girlen bei Freiburg in Schlesien fiel aus einer Höhe von 9 Metern ein Material- kästen auf den Kopf. Der Unglückliche erlitt einen Schädelbruch und innere Verletzungen, die seinen' Tod herbeiführten. Uvtzke«nd Vepesthvn. Blankenburg a. Harz, 6. Septbr. sW. T. B.) Die hiesigen Stadtverordneten haben zwei ihrer Mitglieder wegen unwürdigen Verhaltens ausgestoßen. Hiergegen legten die Ausgeftoßenen Be- schwerde beim Verwalttingsgcrichtshof ein und erkämpften ein ob- siegendes Urthcil, woraus alle übrigen Stadtverordneten ihr Amt niederlegten. Dieser Beschluß wurde von der herzoglichen Kreisdirektion nicht bestätigt. Nunmehr hat der Regent von Braunschweig die Auflösung der Versammlung verfügt. Budapest, 6. September. sW. T. B.) Abgeordnetenhaus. Zu Beginn der Sitzung legt Abgeordneter Berzeviczy die Würde des Vizepräsiidenten nieder. Die Berathung des Antrages Eötvös, der Regierung wegen ihrer Haltung in sder Ausgleichsfrage ein Mitzttauensvotti'm zu ertheilen, wird auf �nächsten Montag vertagt. Ministerpräsident Baron Bauffy beantragt, daß das Haus' in die Erledigung seines ArbeftSprogrammes einttete. Szentivanhi sNationalpartei') erklärt, daß das Votum seiner Partei von den Aufklärungen darüber abhänge, was die Regierung zu thun gedenke, falls es nicht gelingen sollte, das Zollbündniß mit Oesterreich aus parlamentarisch- konstttutioneller Grundlage zu erneuern. Der Ministerpräsident wiederholt in Beantwortung der Interpellation und zugleich der von Szentivanhi gestellten Anftage den Inhalt der gestern von ihm im liberalen Klub abgegebenen Erklärung. Er führt aus: In beiden Parlamenten werden die Ausgleichsvvorlagcn noch im September zur Verhandlung gelangen. Wenn sich das österreichische Parlament wieder attionsunfähig erweist, so schreiben die Gesetze den Weg vor, den Ungarn einschlagen müsse. Dieser Weg bedeute jedoch nicht die absottite Nothwendig- keit der wirthschästlichen Trennung. Die Regierung, wie auch die liberale Partei ständen auf dem Standpuntte, daß die Auftechthaltung der Zollgemeinsamkeit den Interessen Ungarns entspricht. So lauge die ÄktiouSunfähigkeit des Wiener RcichSraths nicht festgestellt ist, könne er sich' schon aus Gründen des politischen Anstandes nicht über das weitere Vorgehen äußern. Die Regierung werde dem Hause fiir diesen Fall rechtzeitig die nöthigen Vorlagen machen und das Haus werde dann in der Lage sein, Kritik zu üben.(Lebhafter Beifall rechts.) Die Antivort des Minister- Präsidenten wird von der Mehrheit zur Kenntniß genommen. Paris, 6. September.(W. T, B.) Der Sekretär des Advo- katcn Labori begab sich heute früh in das Justizministerium, um dem Direktor Lombard ein von Labori und Demange zur Unterstützung des Revisionsgesuches der Frau Drehfus verfaßtes Gutachten zu überreichen. Kauea, 6. September abends.(Meldung der„Agcnce Havas".) An mehreren Stellen der Stadt Kandia ist die muselmännische Be- völkerung im Kampfe mit den englischen Truppen. Der Zivil- und der Militär-Gouverneur von Kanea haben Admiral Pottier das Auerbieten gemacht, türkische Truppen zur Unterstützung der Engländer zu stellen, und haben dem Gouverneur von Kandia an- empfohlen, deu Versuch zu machen, die Bevölkerung zu beruhigen. Kanea, 6. September.(Meldung des Reuter'ichcn Bureaus.), Heute Abend 6 Uhr wurde Kaudia bombardirt. ' Veraiitworilicher Redalieur: Hugo Pocusch»i Berlin. Für den Jnseratenthcil verantwortlich: Th. Glocke in Berlin Druck und Verlag von Max Babing in Berlin. Hierzu 3 Beilagen Ii. Unterhaltnugsblatt. Nr. 209. 15. l.|filii!lf des Jwiitts" Serlim DcksM Demokratische und reaktionäre Zlbrüstuttg. Im neuesten Heft der„Neuen Zeit" finden sich Artikel von Mehring und Kantsky zu dem zarischen„Friedensmanifest". Es ist unmöglich, beide sehr bemerkenswerthe Artikel hier wiederzugeben; wir müssen uns auf die Wiedergabe eines großen Theiles der Kautsky'schen Ausführungen beschranken. Kantsky legt zunächst dar, daß dem angeblichen Friedensmanifest ein schlaues Jntriguenspiel der russischen Diplomatie zu gründe liege; er fährt dann fort: „Damit, daß man nachweist, der russischen Diplomatie sei die Idee der Abrüstung nur Mittel zum Zweck, nicht Selbstzweck, wird die Bedeutung dieser Idee natürlich um nichts verringert, ebenso wie der Nachweis, daß die russische Diplomatie sich der nationalen Be- strcbuugen der Balkanbölkcr zu ihrem Vortheil bediente, durchaus uicht bewies, daß diese Bestrebungen verwerflich oder künstlich ge- schaffen seien. In dem schon erwähnten Artikel(über die auswärtige Politik des russischen Zarenthums.„Neue Zeit" 1890) weist Fr. Engels darauf hin, daß„die russische Diplomatie für alle ihre Erfolge eine sehr handgreifliche materielle Unterlage hat". Ihre Kraft bestand darin, daß sie in den thatsächlichen Verhältni ssen tief begründete Strömungen in ihre Dienste nahm— ebenso wie die Jesuiten, während der Troß der anderen Diplomaten, gleich dem nichtjesuitischen Pfaffenthum, es liebt, sich dem Strome der Zeit ver- ständuißlos entgegenzustemmen." Tie Idee der Abrüstung entspricht einem in ganz Europa mächtig anwachsenden Bedürftütz; der leiseste Schimmer erner Möglichkeit ihrer Verwirklichung muß ihr zahllose Proselyten zuführen. Daß die jetzige Methode der steten Vermehrung der stehenden Heere und ihrer Rüstungen ein Wahnsinn ist, der entweder zum Bankrott oder zu einem noch größeren Wahnsinn führen muß: zum Kriege, um die unerträglichen Lasten des bewaffneten Friedens abzuschütteln— das sagt sich jeder Einsichtige seit langem. Man zweifelte blos an der Möglichkeit, unter den heutigen Verhältnissen eine allgemeine Ent- waffnnng durchzuführen. Jetzt ist diese Möglichkeit gegeben, und wie umvahrschcinlich es auch erscheinen mag, daß sie zur Wirklichkeit wird, wir müssen mit ihr rechnen. Die Idee der Abrüstung ist aber keine so einfache, wie sie auf !>cil ersten Blick erscheint. Viele Wege führen nach Rom, und auch zur Abrüstung kann man auf mehreren Wegen gelangen, die von- einander total verschieden sind. Der eine Weg besteht in der Herstellung des ewigen Friedens, in der einfachen Aufhebung aller Heere und der Austragung aller internationalen Differenzen durch ein Schiedsgericht. Dieser Weg wäre der wünschenswertheste und radikalste. Ihm zunächst kommt der Weg der Ersetzung des stehenden Heeres durch eine Bewaffnung des zur Wehrhaftigkeit erzogenen Volkes. Die Volksbewaffimng be- deutet keine so entschiedene Entlastung der Volksmasse, wie die Er- setzung des Heeres durch einen internationalen Gerichtshof, und sie schließt keincsivegs die Möglichkeit von Kriegen aus. Aber die Unter- werfung der Völker unter ein Schiedsgericht setzt einen Zustand vor- aus, in dem alle wichtigen internationalen Streitfragen bereits er- ledigt sind: einen Zustand voller Harmonie zwischen den Völkern in allen Lebensfragen, so daß nur noch über untergeordnete Punkte Streitigkeiten ausbrechen können, um derentwillen niemand einen Krieg riskiren würde. Wir erwarten, daß der Sozialismus diesen Znstand bringen wird, heute ist er sicher noch nicht da. Weit besser als mit den internationalen Schiedsgerichten steht es mit der Volksbewaffnung. Diese bedarf zu ihrer Durchführung keines von dem heutigen verschiedenen Zustandcs der internationalen Verhältnisse, ja sie bedarf nicht einmal eines internationalen Abkommens. Jede Nation kann die Volksbewaffnung für sich allein durchführen, ohne wehrlos zu werden, ja. unserer Ueberzeugung nach muß die Volksbewaffnung die kriegerische Kraft einer Nation noch steigern, wenn sie mit einer entsprechenden Volkscrziehung ver- bunden ist. Ist der Zar wirklich so tief von der Nothwendigkeit der Ab- rüstuug durchdrungen, hat er wirklich das grauenhafte Unheil voll- kommen begriffen, Ivelches das heutige System des bewaffneten Friedens mit sich bringt, dann kann er abrüsten, auch lvenn seine lieben Vettern nicht lvollcn; er braucht blos seinem Volke eine Wehr- Verfassung nach dem Muster der schweizerischen smit Verbesserung der Jugenderziehung) zu geben. Er wird sich freilich hüten, das zu thun. Die Volksbewaffnung, das i st die Grundlage der Demokratie. Sie ver- waudelr die Regierung aus dem Herrn in den Diener des Volkes, denn sie macht die Regierung wehrlos, freilich nicht dem äußeren, ivohl aber dein inneren Feinde gegenüber. Die VolkSwehr ist allerdings dazu zu gebrauchen,' einzelne lokale Krawalle niederzuschlagen, wie die Schweiz lehrt; aber sie versagt gegenüber einer großen, organisirten, andauernden Volksbewegung. Die Volkswchr bedeutet das Ende des verschämten ebenso wie des unverschämten Absolutismus. Daß sie in einem der europäischen Großstaatcn von Regierungslvegcn eingeführt wird, ist undenkbar. Ebenso undenkbar ist es aber, daß diese Rcgicrungen, selbst wenn sie zu voller Euiigkeit in allen schwebenden Fragen und zur lliiterwerfung unter ein internationales Schiedsgericht gelangten, zur vollständigen Aufhebung der stehenden Heere sich verstehen würden. Es ist absurd, anzunehmen, diese Art der Abrüstung werde ein Herrscher vorschlagen, der stets ein Armeekorps gegen seine geliebten Ilnterthanen mobil machen muß, so oft er eine einfache Eisenbahn- fahrt zu unternehmen gedenkt. Eine von den heutigen Regierungen durchgeführte Abrüstung kann weder die Volkswchr, noch die Aufhebung der st c h e n d e n Heere bedeuten; sie kann nur eines bedeuten: die Reduzirung dieser Heere ans Dimensionen, die eS ihnen noch ermöglichen, das eigene Volk niederzuhalten; sie bedeutet Entivaffnung gegen den äußeren, nicht aber gegen den inneren Feind, Bolksentwaffnung, nicht Volksbewaffnung. Die allgemeine Wehrpflicht fängt an, den herrschenden Klassen Furcht einflößen. Der stete Drang, einander in den Rüstungen zu überbieten, zlvingt zu immer stärkerer Heranziehung aller Wehr- fähigen in die Reihen der Armee; das ganze Volk wird, wenn auch nicht bewaffnet, so doch mit den Waffen vertraut. Die finanziellen Rücksichten erzwingen dabei eine Verkürzung der Dienstpflicht, während gleichzeitig die städtischen, industriellen, revoluttonären Volksschichten an Zahl und Kraft gegenüber den ländlichen, kon- scrvativcn wachsen. So wird unter dem System der allgemeinen Wehrpflicht und der Riesenheere die Armee immer unzuverlässiger und die Herrschenden sehen niit Entsetzen den Tag nahen, an dem sie versagt. Die Abrüstung gestattet ihnen, das Heer der allgemeinen Wehr- Pflicht durch eine" P r ä t o r i a n e r g a r d e zu ersetzen, durch eine Armee angeworbener Lumpenproletarier, unter deren Obhut die heiligen Güter unserer Kultur ivohl geborgeir sind. Nur eine unangenehme Seite hat dieser schöne Plan: während die Abrüstung durch' Volksbewaffnung jeder Staat für sich durchführen kann, weil sie ihn nicht wehrlos nach außen macht, erfordert die Ersetzung des stehenden Heeres der allgemeinen Wehrpflicht durch ein kleineres Berufsheer die vorherige Vereinbarung aller Großmächte des europäischen Kontinents, denn ein Heer von Berufs- soldaten genügt nicht gegen eine aus der allgemeinen Wehrpflicht hervorgegangene Armee. Und so muß denil der hochherzige Jung- liiig auf dem Zarenthron einen Appell ait die Großmächte erlasse», sie inöchtcir sich init ihm über die allgemeine Abrüstung einigen. Er spricht dabei von Menschlichkeit und Kultur, aber er kann dcit Regierungen auch mit weniger schönen, dafür aber um so wirk- sanieren Argumenten zu gunsten der Abrüstung dienen. Das eine haben wir schon kennen gelernt: die wachsende Gc- fährlichkeit der allgeincinen Wehrpflicht. Das andere ist der wachsende H a ß g e g c u En g l a n d. � 1 Die herrschenden Klassen in Europa find aus ihrer revolutto- nären Epoche herausgetreten. Wohl sind die historischen Aufgaben auch in der internationalen Polittk noch nicht alle gelöst, dte zu lösen die historische Mission der Bourgeoisieherrschaft war. Aber der Bourgeoisie graut vor jeder revolutionären Aktion, denn sie weiß, von jetzt an mutz iede große Veränderung nicht ihr, sondern dem Proletariat zu gute kommen.(Zuieta, non movere, ist ihr Grundsatz. Rußland läßt den Panslavismus fallen, denn es kann kein österreichisches Gebiet mehr verdauen, ja selbst ein Zuwachs von Bulgaren oder Rumänen, die doch eine Spur europäischer Freiheit genossen, müßte dem russischen Absolutismus schwere Verlegenheiten bereiten. Schon gar nicht kann er daran denken, deutsches Gebiet zu annektiren. Das Deutsche Reich anderseits hat auch andere Sorgen, als die Vervoll- ständigung des nattonalen Staates durch die Einverleibung der unter habsburgischem Szepter lebenden Deutschen, und die savoyische Dynastie schafft ein unerlöstes und der Erlösung bedürftiges Italien im eigenen Lande und verliert darob alle Lust, revolutionäre Bewegungen im Nachbarlande zu unterstützen. Das heuttge italienische Regime folgt den Spuren H a y n a u' s, der„Hyäne von Brescia", nickst denen Garibaldis. Frankreich wieder steht zu Deutschland nicht in einem aktuellen, sondern nur traditionellen Gegensatz, wegen Elsaß- Lothringens. Gelänge es, diesen Gegensatz zu beseittgen, dann bestände zwischen den Großstaaten des Kontinents keine Frage, die sie zwingen würde, ihre jetzige schwere Waffenrüstung weiter zu tragen und noch zu verstärken. Nicht in Europa, sondern in Afrika und Asien liegen heute die Ursachen schwerer Konflikte zwischen den europäischen Staaten; die Theilung Afrika's, wo Frankreich, und China's, Ivo Rußland den Löwenantheil verlangt, bedroht Europa mit den schwersten Kämpfen. Der gemeinsame Gegner aber, den die drei in China, respektive Afrika vorschreitende'n Mächte Rußland, Deutschland, Frankreich finden, ist England. Wir haben diese Sittiatton und ihre Ursachen bereits vor einigen Monaten ausführlicher geschildert(Acltere und neuere Kolonialpolitik, „Neue Zeit", XVI, 1, S. 769 ff.), können uns also mit dieser An- deuttmg begnügen. Der Gegensatz gegen England wird nicht verringert dadurch, daß ans dem Kontinent Militarismus, Burcaukrattsmus und Agrarierthum die Oberhand gewonnen haben, indeß jenseits des Kanals Demokratie und Industrie herrschen und das Proletariat immer einflußreicher wird. Die Mmpfe, die den kontinentalen Großmächten bevorstehen, sind nicht Kämpfe der Landarmeen, sondern Kämpfe der Flotten. Auf dem Meere ist aber England jedem Gegner gewachsen, und es darf zur See auf Alliirte rechnen, so in der chinesischen Frage z. B. wahrjcheinlich auf die Vereinigten Staaten und Japan, die es auch jeder Koalition überlegen machen. Es ist aber für die kontinentalen Großmächte unmöglich, Eng- lands Vorsprung zu überholen, so lange sie ihre Rüstungen zu Lande in der bisherigen Weise fortsetzen. Der Versuch, gleich- zeitig zu Lande und zur See eine entscheidende Militärmacht bilden zu wollen, hat bisher noch jede Nation ruinirt, die ihn wagte. Das glauben wir in unserer oben erwähnten Artikel- serie nachgewiesen zu haben. Wollen die kontinentalen Groß- mächte England zur See überflügeln, dann müssen sie zu Lande abrüsten. Wenn die Abrüstung unter nissischer Führung in der inneren Politik nichts bedeuten kann, als Er- setzung des Heeres der allgemeinen Wehrpflicht durch ein Berufsheer, so kann sie in der äußeren nichts bedeuten, als eine Allianz der Großmächte des europäischen Kontinents gegen England, eine Wiederbelebung der heiligen Allianz, der bei- zutreten Frankreich sich jetzt würdig erwiesen hat— wenigstens das den Generalstab vergötternde Frankreich. Auch die heilige Allianz von 1815 wurde von einem russischen Zaren angeregt; auch sie war äußerlich ein Friedensbund. Diese neue heilige Allianz würde die ökonomischen Mittel, die bisher dem Landheer geopfert wurden, zum großen Theil frei machen, aber nicht für Zwecke der K u l t u r. sondern für Zwecke der K r i e g s- marine; die Vergeudung bleibt, nur werden die Millionen nicht mehr auf dem Lande verpulvert, sondern ins Waffcr geworfen. Nicht den Frieden bedeutet diese Art Abrüstung, sondern den Welt- krieg; allerdings nicht den Landkrieg, sonoern den Seekrieg, den Krieg des vereinigten militaristisch-bureaukratisch-feudalen Europa gegen das bürgerliche demokratische Angelsachsenthuin in allen fünf Welttheilcn. Wir können nicht wissen, ob diese Ziele der russischen Diplomatie klar vorschwebten, als sie ihren Abrüstungsvorschlng machte; ob dieser ein bloßes Produkt einer momentanen Verlegenheit oder das An- zeichen eines weitschauenden, tiefangelegten Planes ist. Aber wenn es zur Abrüstung unter der Leitung des russischen Absolutismus kommen sollte, dann kann sie nur diese Früchte tragen. Leicht wird allerdings auch diese Form der Abrüstung— die einzige unter den heutigen Machtverhältnissen mögliche— nicht erreicht werden, Dank dem Erbe, das Bismarck dem oentschen Volke hinterlassen, der elsässischen Frage. Wir wollen gern anerkennen, daß die deutsche Einheit, wenn sie nicht auf dem Wege der Herstellung der deutschen Republik erreicht werden konnte, nur möglich war unter der Aegide Preußens. Aber die Herstellung des Deutschen Reiches bedurfte auf keinen Fall der Annektirung von Elsaß-Lothringen. Der bornirte Militarismus konnte glauben, das Reich durch die Vogesengrenze besser zu sichern, ein wcitschendcr Staatsmann mußte bessere Mittel wissen, das neue Reich sicher zu stellen, als die Provozirung der ständigen Todfeind- schaft des Nachbarn. Indessen wäre es auch heute noch nicht zu spät, den damals begangenen Fehler wieder gut zu machen. Von einer einfachen Rückgabe des Reichslandcs könnte allerdings nicht die Rede sein. Wir finden es vollkommen begreiflich, daß eine große Nation nicht zur Ruhe kommen kann, so lange sie jenseits ihrer Grenzen Landestheile weiß, die mit vollem Herzen an ihr hängen und von ihr ihre Wiedervereinigung und Befreiung erwarten. Aber ebenso wenig darf man andererseits erwarten, daß eine große Nation freiwillig Volksgenossen, die nicht von ihr lassen wollen, dem Fremden ausliefert. Eine friedliche Lösung der elsässischen Frage ist mir dann möglich, wenn beide Thcile aufhören, die Reichslande als eine willenlose Beute zu betrachten, die demjenigen zufällt, der die Kraft hat, sich ihrer zu bemächtigen; wenn beide so weit demokratisch denken lernen, um zu erkennen, daß im Zeitalter der Volkssouveränetät die nationale Zugehörigkeit eines Landstriches im Iweifclsfalle nicht nach den Wünschen der Strategen zu entscheiden ist, sondern nach dem nationalen Empfinden der betroffenen Bevölkerung; daß es sich in der elsässischen Frage nicht darum handelt, ob der Rhein oder der Vogesenzug die französisch- deutsche Grenze bilden soll, sondern darum, ob diejenigen Landestheile, die deutsch fühlen, zu Deutschland, diejenigen, die'französisch fühlen, zu Frankreich ge- hören sollen oder nicht. Von einer Zurückgabe derjenigen Bezirke, die deutsch bleiben wollen, an Frankreich kann absolut keine Rede sein. Gegen ein solches Ansinnen würde sich die gesammte Bevölkerung des Reiches erheben. Dagegen würde die freiwilligeZurückgabe jcncrBezirke, die nach Frankreich zurückverlangen, kaum ernsthaftem Widerstreben in der Volksmasse begegnen, wenn damit die Last des Militarismus beseitigt würde. Das große Deutsche Reich mit seinen 52 Millionen Einwohnern kann es wohl vertragen, wenn die 38 Millionen Frau- zosen um ein paarmal hunderttausend Köpfe vermehrt werden, lind wenn es im Jahre 600 Millionen Mark zu Kulturzwecken frei bekäme, so würde dadurch die Größe und der Wohlstand der deutschen Nation sicher mehr gefördert, als durch die Thatsachc, daß einige hunderttausend Franzosen von Berlin statt von Paris aus regiert werden. Aber so einfach diese Lösung vom proletarischen, ja vom rein demokratischen Standpunkt aus erscheint, sie ist undenkbar für ein im Gedankenkreis des Militarismus aufgewachsenes Gehirn, dessen Ehrenkodex es verlangt, nie freiwillig eine eroberte Position aufzu- geben, mögen auch Vernunft und Menschlichkeit noch so sehr darauf drängen. Und dieser Geist ist diesseits wie jenseits der Vogesen noch sehr stark. Bei jedem Kongreß der Friedensfreunde konnte man es bemerken, daß die holde Harmonie wüstem Krakehl wich, sobald die elsässische Frage aufs Tapet kam. Passirt das schon am grünen Holze der enragirten Friedensapostel, was soll da bei Konferenzen von Generälen und Diplomaten der alten Schulen herauskommen I Die so vielgerühmte geniale Leistung Bismarcks, die Annexion Elsatz-Lothringens, dürfte der Stein sein, an dem die Abrüstung im Sinne Rußlands zerschellt. Sie wird den Znsammenschluß des reaktionären Europa gegen daS ihm so verhaßte demokratische Eng- land hindern. Welche Ironie der Geschichte! Aber wie immer auch die Ergebnisie der Friedenskundgebung Nikolaus II. sein mögen, sie bedeutet auf jeden Fall einen großen Schritt, der nicht wieder zurück gemacht werden kann und der nicht ohne Konsequenzen bleiben wird. Und heute kann keine bedeutende Veränderung mehr geschehen, die nicht der Sozialdemokratie zu gute käme. Die Kundgebung des Zaren muß auch den gedankcnfaulsten Philister aufrütteln.' Von den höchsten Autoritäten wird ihm jetzt verkündigt, daß jene Reform, die die Sozialdemokratie schon längst gefordert, weder unpatriotisch, noch lächerlich, sondern dringend ge- boten ist zur Rettung des Friedens und der Kultur. Dieselben Parteien, die eben noch das landesverrätherische Treiben der Sozial- demokratie verhöhnt und gebrandmarkt, liegen heute auf dem Bauche vor dem Zaren, weil er die Forderung der Sozialdemokratie zu der seinen gemacht. Gedenkt er sie nicht durchzuführen oder scheitert ihre Durch- führung, um so schlimmer für die betbeiligten Regierungen. Es beweist nicht die Nndurchführbarkcit der Forderung, sondern nur die Impotenz des herrschenden Systems, dem die Kraft, die Ausdauer, die Einsicht fehlen, um eine einschneidende Reform durchzuführen, auch wenn es deren dringende Nothwendigkeit selbst erkannt. Es beweist, daß nur noch das Proletariat gewillt und im stände ist, eine ernsthafte Reform durchzuführen. Und bei jeder neuen Forde- rung zu Kriegszwecken wird den Regierungen die Kundgebung des Zaren entgegengehalten werden als Dokument ihrer Unfähigkeft, als Protest gegen ihr verderbliches Thun. Daraus ersteht der Sozial- demokratie ein Propagandamittcl von unübertrefflicher Wirksamkeit. Versuchen die Regierungen jedoch ernsthaft, die Abrüstung durch- zuführen, aber in reaktionärem Sinne, was unter russischer Leitung selbstverständlich, dann wird ihnen dies nicht gelingen, ohne ernst- hafte Konflikte im Innern. Bei aller Reaktion ist Europa doch nicht die Türkei; ein Kongreß von Diplomaten und Generälen kann nicht nach Belieben über die Völker Europas verfügen. Jeder Versuch einer Armeereform im reaktionären Sinne miißte in Westeuropa heftige Kämpfe entfesseln, geistige und politische Kämpfe, in denen der Sozialdemokratie die Führung aller volksfreundlichcn Elemente zufiele. Jeder Versuch, das Volkshcer durch ein Berufsheer zu ersetzen, die Mittel, die durch Verringerung der Armee verfügbar werden, der Flotte zuzuwenden oder eine heilige Allianz gegen die angelsächsischen Demokratien her- zustellen, wird dem entschiedenen Widerstand der internationalen Sozialdemokratie begegnen. Die Sozialdemokratie verlangt völlige Abrüstung oder Volks- bewaffnung, nicht aber die Schaffung einer Prätoriancrgardc; sie verlangt Abrüstung zur See wie zu Land, sie verlangt den Welt- frieden, nicht blos den Frieden auf dem europäischen Festland. Das ist es. was sie unter Abrüstung versteht. Was der russische Absolutismus darunter versteht, werden wir bald sehen." Die Sozialdemokratie des Wahlkreises Weimar- Apolda hielt am Sonntag in I l m e n a u eine Parteikonferenz ab, die von 11 Orten durch zusammen 19 Dclegirte beschickt war. Aus dem Bericht des Zentral-Wahlkomitee's ist hervorzuheben, daß in den genannten Kreisen 85 Versammlungen abgehalten worden sind; in 43 davon referirte der Kandidat B a u d e r t, der jetzige Ab- geordnete des Kreises. Weiter traten unsere Genossen in mehr als 20 gegnerifchcn Versammlungen als Diskussionsredner auf. Flug- blättcr wurden vom Zentral-Wahlkomitee drei Stück, und zwar jedes in einer Auflage von 40 000 Exemplaren herausgegeben; dazu kommen noch die in den einzelnen Orten von den Lokalkomitee�s herausgegebenen Flugblätter. Die Einnahmen während der Wahl- bewcgung betrugen 4870,11 M., die Ausgaben 5076,81 M., so daß noch 206,70 M. Schulden zu decken sind. Im Lande finden unsere Bestrebungen immer mehr Anhänger, wie das ja auch der Ausfall der Hauptwahl ergeben hat. Die Thätigkeit des Genossen Baudert im Landtage hat den Boden für die ReichstagSwahl gut vorbereitet und sind es nunmehr nur noch wenige von den 165 Orten des Kreffes, wo für die Sozialdemokratie gar keine Stimme abgegeben worden ist. Beschlossen wurde, daß die Vororte der einzelnen Agitations-. bezirke dafür sorgen sollen, daß an jedem Ort mit einer nennens- werthen Zahl von Genossen Parteiorganisationen geschaffen und Vertrauenspersonen bestellt werden. Die Gelder sind allmonatlich an den Kreisvertrauensmann abzuführen. Flugblätter sind im Laufe des Jahres mehrfach zu verbreiten, besonders sollen Reichstag und Landtag den Stoff hierzu liefern. Damit Baudert, der die Funktionen des Kreisvertrauensmannes bisher versehen hat, nicht überlastet werde, wurde mit seiner Zu- stinimung Fischer aus Weimar als KrciSvertrauensmann gewählt. Auf dem Stuttgarter Parteitag wird der 1. weimarische Kreis durch Baudert vertreten sein. EinrKrciökonfercnz fiirde» Wahlkreis Erfurt- Schleusingen- Ziegenrück tagte am Sonntag in S u h l. Vertreten waren 12 Orte durch 24 Delegirte. Zunächst wurde über die Schaffung einer fest- gegliederten Kreisorganisation verhandelt, die bisher noch fehlt, obwohl der Erfurter Wahlkreis geographisch einer der zer- rissensten in Deutschland ist. Es fanden die auf ein weitverzweigtes VertraucnSmänner-System abzielenden Vorschläge einstimmige An- nähme. Hierauf wurde die Betheiligung an den Landtagswahlen besprochen, über die wir an anderer Stelle berichten. Als Dclcgirter für den Stuttgarter Parteitag wurde Redakteur Schulz aus Erftirt gewählt. Das„Volksblatt für Anhalt" schreibt unter Zustimmung zu unserer ablehnenden Kritik eines das Parteiprogramm betreffenden Antrages der„Sächsischen Arbciter-Zcitung":'„Wir gehen noch weiter. Uns scheint, der erste theoretische Theil unseres Erfurter Programms sollte überhaupt aus dem Programm fort-,' bleiben. Theoretische Ansichten gehören nicht in ein Programm, sondern nur Forderungen. Und der zweite Theil unseres Pro- gramms wäre mit Rücksicht auf unsere prattische Politik noch weiter und besser auszubauen." Den ersten Theil aus dem Programm zu streichen, hieße praktisch das hauptsächlichste dessen aufgeben, was uns von den bürgerlichen Parteien unterscheidet. Dagegen würde sich mit vollem Recht die ganze Partei auflehnen. Todtcnliste der Partei. Ein schwerer Verlust hat die Sozial- demokratie des schlesischen Wahlkreises Landeshut-Jauer- Bolkcnhain durch den Tod des Färbers Heinrich G r ü n e r t in Schöncbcrg betroffen. Mit Grünert, der ein Alter von 63 Jahren erreichte, ist' einer der ältesten und treuesten Genossen des Wahl»»». kreises aus dem Leben geschieden, aus einem Leben voll Kampf und Verfolgung, Nöth und Entbehrung. Ein Menschen- alter hindurch hat der„Alte vom Berge", wie ihn die Genossen nannten, Kämpfer geworben für die Partei des arbeitenden Volkes. Anspruchslos, freimüthig und offen, verstand er es, sich sowohl die Herzen der Genossen zu erobern, wie die Achtung und Anerkennung seiner politischen Gegner zu erzwingen. Die Stürme des Sozialistengesetzes sind über sein graues Haupl hmwcggebraust. er stand unerschütterlich, die fanatische'Verfolgungs- wuth seiner religiösen Gegner umschlich ihn, er ha! nichi gewankl. Ehre seinem Andenken! Polizeiliches, Gerichtliches:c. — In einem A u s f l u g e. den der Sozialdemokratische Wahlverein in Goslar nach der Sradtforsi unrernommen hatte und zu welchem vom Vorstand in der„Goslarschen Zeitung" »nttels Annonce zur Betheiligung aufgefordert worden war. hatte die Polizei eine politische Versammlung unter freiem Himmel erblickt, die der behördlichen Genehmigung bedurft hätte. Sie löste die„Versammlung" auf und zwei Vorstandsmitglieder erhielten später je ein Strafmandat zu 45 M.. ein Vorstandsmitglied eins zu 15 M. und 19 andere Parteigenossen je ein Strafmandat zu 3 M. oder entsprechender Haft, crstere drei wegen der Veranstaltung des Ausflugs, die übrigen wegen ihrer Theilnahme an demselben. Sämmtliche Empfänger der Strafmandate beantragten gerichtliche Entscheidung und hatten Erfolg. Daß Schöffengericht sprach sie, wie uns mit- gethcilt wird, etwa mit folgender Begründung frei: Durch die An- nonce in der„Goslarschen Zeitung" ist festgestellt, daß es sich nur um Belustigungen der Mitglieder mit ihren Familien gehandelt hat; es sind weder Reden und Ansprachen gehalten, noch revolutionäre Lieder gesungen worden. Durch die Polizcibcamtcn ist nun festgestellt, das man Bier getrunken hat und daß die Musikkapelle ihre Weisen ertönen ließ. DaS Gericht hat hierin eine polittsche Versammlung nicht erblicken können. Der Entscheidung des Kaminer- gerichts, wonach alle Zusammenkünfte politischer Vereine dem Vereinsgesetz unterliegen sollen, kann sich das Schöffengericht nicht anschließen. da»ach seiner Ansicht solche Versommlungen. die sich nicht init öffentlichen Angelegenheiten beschäftigen, eben deshalb nicht unter die Bestimmungen des preußischen Vereinsgcsctzcs fallen. — Wegen Beleidigung deS ÖhermeisterS W e n d l e r von der Sächsisch- Thüringischen Industrie- und Gewerbe- Ausstellung in Leipzig ivurde Genosse L i p i n S l i, Redakteur an der„Leipziger Volkszeitung", vom Schöffengericht zu 5(1 M. Geldstrafe oder fünf Tagen Hast vcrurtheilt. Preußische Landtagswahlen. DaS gcsamintc Schulwesen kommt im Reichstag niemals zur Sprache, da die Schulverwaltung Landessache ist. Ucbcr die Mißstände, besonders auch der preußischen Volksschule und ganz besonders auf dem flachen Lande Ostelbiens haben wir wiederholt berichtet. Die geringen Fortschritte, die auf diesem Gebiete, namentlich in den Städten gemacht worden sind, wurden durch die Liberalen herbeigcsiihrt. Das Gebiet der Schule, das für die Arbeiterklasse von so mächtiger Bedeutung ist, zeigt deutlich den Gegensatz, der in der Bourgeoisie herrscht. den Gegensatz zwischen Feudalismus und Kapitalisnnis. Wir bc- tonen, daß uns das kärgliche Ausmaß dessen, ivaS selbst der Libe- ralismus den Kindern des Volkes auf der Schule zu bieten bereit ist, lange nicht genügt und nie genügen kann. Immerhin müssen aber die liberalen Kreise für eine Hebung der Volksschule und zwar in ihren, eigensten Interesse arbeiten, während den Feudalen zu ihrem Nutzen das möglichste Dummhalten der Bevölkerung geboten erscheint. Zun, Beweis für diese Behauptung und dafür, daß in beiden Lagern völlige Klarheit über diesen Punkt herrscht, stellen wir einige Aeußerungen aus beiden gegenüber. Als im Jahre 1897 die Einführung des naturwissenschaftlichen Unterrichts in die mecklen- burgische Volksschule angeregt ivurde, wandte sich das„Mecklenburger Schulblatt" gegen diesen Plan und schrieb: „Hüte Dich vor dem ersten Schritt, noch stehst Du unberührt von dem falschen Götzen der Wissenschast. Hast Du diesem Satan erst den kleinen Finger gegeben, so erfaßt er nach und nach die ganze Hand, Du bist ihm rettungslos verfallen, mit geheimer Zauberkraft umgarnt er Dich und führt Dich hin an den Baum der Erkenntniß, und hast Du einnral davon gekostet, so zieht er Dich immer wieder mit magischer Gewalt zu dem Baume zurück, ganz zn erkennen, was wahr und lvas falsch, was gm und was böse sei. Wahre Dir daS Paradies Deiner tvisscnschastliche» Un- schuld 1" Kann man hier noch sagen, es handle sich nur um pfäffischen Fanatismus, so ivird folgendes Zitat aus der„Mecklenb. Kirchen- und Schul-Ztg." klar machen, wohin die Herren Geistlichen, die die Schulaufsicht führen, in Wirklichkeit zielen. Dort hieß es iil einem Artikel, der sich mit dem Hofgängcrwcsen beschäftigte: „Endlich haben wir snämlich die Pastoren) die Pflicht, dafür zu streben, daß nicht durch Hcreinzichung von Vildungsclementcn in die Schule, toclche vielleicht für den Handwerkerberns hinreichen würden, die Jugend zum Verlassen ihrer Heimath veranlaßt werde. Wenn die Schule aus dem Lande darauf wirkt, daß die Kinder fromm, zufrieden, fleißig und gesittet werden, steckt sie sich ein hohes Ziel und schafft Segen, während sie Unzufriedenheit, Halb- hcit und Unsegen wirkt, wenn sie beispielsweise durch Unterricht in Naturkunde, Geschichte, Geographie und Zeichnen den Kindern Anlaß giebt, ihrem ländlichen Bcrufskreise zu entfliehen. Wissen ist gut, aber macht doch begehrlich." Ganz anders schreiben die Männer, welche den Industrie- kreisen nahestehen. So sagte der badischc Fabrikinspcktor Wörris- hofcr: „Die Intelligenz der Leitung reicht allein nicht dazu aus, Fortschritte in die Industrie einzuführen. Dasselbe Geschick würde in weniger kultivirten Ländern oder in früheren Zeiten mit einem weniger unterrichteten oder weniger aufgeweckten Arbeiterstand die Benutzung einer fortgeschrittenen Technik gar nicht ermöglicht und nicht entfernt den gleichen Erfolg gehabt haben, weil die nothwendigc. aber so lvenig beachtete Voraussetzung dieser Fortschritte die ist, daß ihrer Durchführung auch intelligente Organe lns zum letzten Arbeiter herab zur Verfügung stehen. Man wende nicht ein, daß die vervollkommnete Maschine die Intelligenz der unteren Organe ersetzt. Das ist nur in sehr beschränkter Weise richtig; denn die Ansprüche an die Zuverlässigkeit der Leistungen und an das richtige Urtheil in der Leitung des Arbeitsprozesses durch die Maschine sind größer geworden. Man denke sich nur die intelligente Leitung sammt der vervollkommneten Maschine in eine frühere Zeit versetzt, um das unrichtige der Behauptung, daß die Arbeiter mit der fortschreitenden Vervollkommnung der Technik in immer geringerem Maße au den industriellen Erfolgen theil hätten, ein- zusehen." lind Prof. v. Schulzc-Gnvernitz, der bei der letzten Reichstags- Wahl für die steisinnige Vereinigung kandidirte, schreibt: „Zudem erfordern die Maschinen, ivelche immer komplizirter werden, eine gewiffe liebevolle Behandlung, ein verstäudnißvolles Eingehen auf die in ihnen niedergelegten Gedanken der Technik seitens des Arbeiters. Aehnlich wie� das englische Vollblutpferd mit Verständniß und Liebe geleitet sein will und der rohen Be- Handlung eines unerfahrenen Stallknechtes den Gehorsam versagt, tvie jener hochentwickelte Typus der Fnbrikarbeit selbst verständniß- volles Eingehen auf seine Eigenthiimlichkeiten verlangt lind dort die besten Resultate liefert, Ivo ihm eine gewisse Sympathie für seine Klassenbestrebungen seitens der Arbeitgeber entgegengebracht ivird,...... so vertragen auch die immer kimstlicheren Maschinen eine unwillige und verstäudnißlose Behandlung nicht. Selbst Wunderwerke des menschlichen Geistes, liefern sie dort das beste Erzeugnitz, wo der an ihnen beschäftigte Arbeiter selbst zu der Hohe g e i st i g e r Arbeit aufsteigt." Wir haben nichtpreußische Schriftsteller angeführt: aber es handelt sich hier auch um ganz allgemeine Gegensätze. Für uns ist namentlich von Bedeuttmg, daß die Vertreter der Industrie nicht um der Arbeiter willen, sondern in ihrem ureigensten Interesse jeder Verschlechterung der Schule entgegentreten müssen.— Hierin liegt. wie auch in anderen Fällen(Freizügigkeit!) die von den Gegnern der Wahlbctheiligung so häufig vermißte Gewähr für ihr.Wohl- verhalten". ! Eine Antwort auf das Eingesandt des Genossen Moricke. Nachdem in der Sonntagsnunimer des„Vorwärts" eine Stimnie aus den Reihen der Gegner der Betheiligung an den preußischen Landtagswahlen in Berlin, der Mehrheit der Berliner Parteigenossen. sich Hai vernehmen lassen, gestatte man auch einem aus der Minder- heil ein paar Worte. Die Genossen im Reiche sind nur zu leicht zu der Annahme geneigt, über das Nutzlose der Bcthciligung in Berlin herrsche unter den Berliner Parteigenossen nur eine Meinung, gleichviel aus welchen Beweggründen hervorgegangen. Dem ist jedoch nicht so. In Verlin besteht eine große Minderheit, die mit dem Genossen Bebel der An- ficht ist, daß hier die Bctheiligung am allerersten Erfolge versprochen hätte und daß der Beschluß der Flwupalast-Versammlung eine„einfache Bciseiteschicbung des Hamburger Beschlusses" darstellt. Daß diese Minderheit in der Feenpalast-Versammlung nicht zu Wort ge- kommen ist. lag daran, daß niemand vermuthei hätte. Genosse Aro n s. der im Vorjahre so eifrig für die Bcthciligung durch Aufstellung eigener Wahlmänner eingetreten ist und als Hauptzweck derselben die Erringung von Mandaten sah, werde sich auf einmal die Theorie von der Stärkung des Freisinns zu eigen machen und aus dieser Theorie heraus zu der Empfehlung der Nichtbethciligung in Verlin kommen. Man war thatsächlich ganz verblüfft, als Arons sich gegen die Betheiligung in Berlin erklärte, es war aber bereits zu spät. als daß noch ein Anhänger der Bctheiligung hätte zu Worte kommen können. Die Feenpalast-Versammlung hat also durchaus nicht die Anschauungen der M i n d e r h e i l zum Ausdruck gebracht und die Genossen Heine und Arons haben mit ihren Argumentationen keinen Anklang gefunden, wie man sich tagtäglich aus den Unter- Haltungen mit Genossen überzeugen kann. Wir haben doch im vorigen Jahre lange, lange über die Be- thciligung diskutirt und in Berlin ganz besonders die hiesigen Vcr- Hältnisse berücksichtigt. Keinem Menschen ist es danin ls eingefallen zu sagen: Hier in Berlin ist es unmöglich, daß dem Freisinn die Mandate entrissen werden, mithin liegt für uns kein Grund zur Bethciligung vor. Soweit mau sich für die Vetheiligung erklärte, ging man von der Ansicht aus, daß der Freisinn gerade hier in Berlin in eine Zwangslage gebracht werden könnte, in der er wohl oder übel uns einige Sitze, oder auch nur einen Sitz hätte einräumen müssen. In dieser Thatsache hat damals auch der eifrigste Gegner keinen Kompromiß gesehen, man bezweifelte nur die Möglichkeit, soviel Wahlmänncr durchzubringen, um die Zwangslage herbeizuführen. Genosse Moricke sieht heute darin auf einmal wieder einen Kompromiß I Warum man dann unsere 22 in der Stichwahl gewählten Reichstags- Abgeordneten nicht zn veranlassen sucht, ihre Mandate niederzulegen, da sie ja durch denselben Kompromiß zu stände gekommen sind, ist mir einfach unverständlich. Ans eigener Kraft soll es uuniöglich sein, auch nur einen Abgeordneten in Berlin, wie im Reiche überhaupt durch- zubringen. Nun wohl, wenn man unter eigener Kraft die An- Wendung roher, mechanischer Kraft, und zwar die möglichst ungeschickte Anwendung derselben versteht, so ist es einem schwächeren Menschen auch nicht möglich, einen stärkeren zn Falle zn bringen, wenn er es nicht geschickter anstellt, als sein Gegner. Wenn ich ini Kampfe mit einem anderen die Gelegenheit auszunutzen verstehe und ihm ein Bein stelle, sodaß er sich seine Nase zerschlägt, habe ich ihn dann nicht aus„eigener Kraft" zu Fall gebracht? Doch sicherlich. Und so hätten wir auch in Berlin aus„eigener Kraft" Mandate erringen können, wenn wir es verstanden hätten, den Freisinnigen das Bein so zu stellen, daß sie darüber gefallen wären, und sie hätten darüber fallen müssen. War die Zwangslage einmal geschaffen, dann gab es für sie doch nur ein Eintreten für uns, oder sie hätten ihrer ganzen Tradition ins Gesicht schlagen und für die Konservativen stimmen müssen, was ihrer voll- ständigen Vankrottcrklärnng gleich gekommen wäre. Breslau und andere Städte sind schlauer gewesen als Berlin. Dort hat man die Situation richtig erkannt, mau wird sie auch richtig und geschickt auszunutzen verstehen und der Erfolg wird nicht ausbleiben. Dieser ivird dann der Mehrheit der Berliner Partei- genossen am deutlichsten zeigen, wieviel sie von den Genossen im Reiche noch lernen kann. Wilhelm S>v i e n t y. Ans der Partei- Konferenz für Hessen- Nassa» rcferirte Reichstags- Abgeordneter Schmidt aus Frankfurt a. M. über die Frage der Landtagswahlen. Er meinte, Bebel habe den Hamburger Beschluß mit recht für einen Nonsens erklärt, was er vom taktischen Standpunkt auch sei, wenn auch prinzipiell vielleicht nichts gegen ihn einzuwenden wäre. Wenn wir einen Erfolg bei den Landtagswahlen haben wollten, so müsse er darin bestehen, die bürgerliche Opposition zu stärken; anders sei nichts zu erreichen. Die Durchdringung eigener Kandidaten sei ausgeschlossen, es wäre denn, daß wir Kompromisse mit anderen Parteien eingehen, was aber dann gegen den Hamburger Beschluß sei. Am zweckdienlichsten sei es, wenn man mit definitiven Beschlüssen bis nach den» Stutt- garter Parteitag warte und auf demselben eine Revision des Ham- burger Beschlusses vornehme. BloS um sozialdemokratische Wahl- männer durchzudringen, scheine ihm der Aufwand an Agitationskraft zu groß, dann wäre eS eher besser gewesen, wie früher von vorn- herein für die Frcisinn-Demokratcn einzutreten. Redner räth. einst- weilen im Stillen die Wahlvorbereitungen zu treffen und im übrigen abzuwarten, was der Stuttgarter Parteitag beschließt. In der Diskussion sprach W o l f f aus Hanau gegen die Ansicht Schmidt's. Im Wahlkreise Hanau-Gclnhauscn-Orb werde man eigene Wahlmänncr aufstellen, im Wahlkreise Schlüchtern dagegen von vorn herein direkt die Freisinnigen unterstützen. Auch darin vergebe man sich nichts, denn um die Junker-Reaktion zu schwächen, sei die Wahl eines Freisinnigen sicher das kleinere Ilebel. Leycndccker spricht sich dafür aus, daß man es den einzelnen Wahlkreisen überlasse, wie sie sich in bczug auf die Landtagswahlen verhalten wollen. Dr. Q u a r ck tritt dafür ein, nicht erst den Stuttgarter Parteitag abzuwarten, sondern die Vor- bercitungeu für die Wahlen schon jetzt zu treffen und den Ausfall der Urwahlcn abzuwarten. Je nach dem Resultat dieser Wahlen könnten wir dann mit den Freisinnigen auch ein Wörtchen reden. Daß die freisinnige Opposition uns freiwillig einen Sitz überlasse, dieser Hoffnung gäbe er sich nicht mehr hin, daran hindere sie schon ihr Klasseninteresse. Wohl aber könnten wir durch eine Bcthciligung dahin wirken, daß die freisinnigen Jubelgreise aus deni Landtage verschwinden und demselben frisches Blut zugeführt werde. Durch das Warte» auf den Stuttgarter Parteitag werde die Zeit für die Wohlvorbereitungen verpaßt. Hoch aus Hanau ist ebenfalls der Meinung, daß wir uns nicht auf den Stuttgarter Parteitag ver- lassen sollten. Er wünscht, daß derselbe eine Debatte über die Frage garnicht zuläßt, denn das wäre nur Zcitvcrschwendnng. In Hanau habe man die Wahlbcthciligung beschlossen, ohne daran Bedingungen zu knüpfen: man wolle erst einmal abwarten, wie die Urwähler- Ivahlcn ausfallen, dann werde man ja sehen, was weiter geschehe. O p i f i c i u s aus Frankfurt a. M. ist entgegen Hoch der Meinung, daß die Zeit in Stuttgart garnicht besser verwendet werden könnte, als wenn in bczug auf den Hamburger Beschluß Klarheit geschaffen werde. Er schlägt folgende Resolution vor: Die heutige Konferenz für Hesscn-Nassau enipfichlt den an- weseuden Vertretern der einzelnen Wahlkreise, bei Bcrathung in ihren Orten oder Kreisen über die Betheiligung an den preußischen Landtagswahlen dieselbe zu empfehlen, und ebenso darauf hin- znwirken, daß der Parteitag in Stuttgart volle Klarheit über diese Frage schafft. Hoch und W o I f f- Hanau sprachen sich gegen die Resolution aus: dafür sprachen Diener, Dcjung ynd Q u a r ck. Schließlich wurde dieselbe gegen eine Stimme angenommen. Auf der Konferenz für den WahlkrciSlErfurt-Tchlcnsingen- Ziegenrück referirte über die p r e u h i s ch e u L a n d t a g s>v a h l e n der Redakteur der Thüringer„Tribüne", Genosse Heinrich Schulz aus Erfurt. Da über die Betheiligung bereits vor Wochen bejahender Beschluß gefaßt Ivorden war, handelte es sich nur noch um das „Wie" der Betheiliqung und der Agitation. Man beschloß einige Wahlmänner aufzustellen, die auf grund eines besonderen Land- tagswahl-Progra mm s, das Redakteur Schulz in längerer Rede entwickelte, gewählt werden sollen. Bei einer Srichivahl eines Konservativen mit einem Liberalen sind letzercm analog unserem Verhallen bei Reichstags-Stichwahlen einige Mindestforderungen zu stellen. Die Agitation soll sofort nach Art der Rcichstagswahl- Agitation begonnen werden. Außer einem Flugblatt, das das Pro- gramm enthalt, sollen in allen möglichen Orten Versammlungen ab- gehalten werden. Tie sozialdeinokratische KrciSkoilfercnz von Hägen-Schwelm hat am 4. September in der Frage der Landtagswahl-Bethciligung endgiltig beschlossen, den einzelnen Parteigenossen anheinizugeben, od sie für die freisinnigen Wahlmänner stimmen wollen: selbst- verständlich müsse jede abgegebene Stimme gegen die National- liberalen lauten. Mit diesem Beschlüsse dürste die Niederlage der Nationalliberalen entschieden sein. Aus der Parteikonferenz des Wahlkreises Liegnitz-Hayuau- Goldberg betonte der Referent über die Landtagswahl, B r u h n s aus Breslau, die Nothivendigkeit der Bethciligung. Es sei nur fraglich, ob der Wahlkreis Licgnitz die selbständige Bctheiligung durchführen könne oder sich auf die sofortige Unterstützung der freisinnigen Wahlmänner beschränken müsse. Für das erstcre spreche die Möglichkeit, bei der Abgcordnetcnwahl den sozialdemokratischen Wahlmännern eine ausschlaggebende Stellung zwischen Freisinn und Konservattven zu verschaffen und damit den empfangenden Theil zu gewissen Zugeständnissen, wenn nicht für den Liegnitzer. so doch für einen anderen schlesischen Wahlkreis zu veranlassen. Freilich würde es sich bei selbständiger Betheiligung nur um die drei Städte handeln können. vielleicht auch noch um Parchwitz, während man auf dem Lande von Aufstellung sozialdemokratischer Wahlmanns-Kandidaten von vornherein abschen und gleich für den Freisinn stimmen müsse. In der Debatte bestritten W i n k l e r aus Licgnitz und Sommer aus Goldberg, daß eS möglich sei, in irgend ncnnenSwcrther Zahl eigene Wahlmänncr durchzubringen, ja, es sei sogar schwer, über- Haupt geeignete Wahlmanns-Kandidaten zu finden. M o h r i n g aus Liegnitz war überzeugt, daß wir durch selbständige Be- theiligung die Opposition' gegen die Reaktion nicht stärken, sondern schwächen würden. Wir sollten daher von vorn- herein für den Freisinn eintreten, wenn wir überhaupt etwas erzielen wollten. M e r k e r und H e i d e r aus Liegnitz traten dagegen, ebenso wie R i e g e r aus Haynau, für die selbst- ständige Bcthciligung ein. Das sofortige Eintreten für den Freisinn sei nicht geeignet, agitatorisch zu wirken und eine größere Zahl sozialdemokratisch gesinnter Urwähler zu dem Opfer der Wahl- bcthciligung zu veranlassen. Angenommen wurde mit 9 gegen 4 Stimmen und bei einer Stinnuenthaltung folgender Antrag H c i d c r' s aus Liegnitz: „Die Wahlkreiskonferenz von Liegnitz-Haynau-Goldbcrg bc- schließt die selbständige Betheiligung an den Landtagswahlen ftir alle jene Orte des Wahlkreises, die eine solche Betheiligung er- möglichen. Wo die Voraussetzungen selbständiger Bcthciligung nicht gegeben sind, soll schon im ersten Wahlgauge für die Wahl freisinniger Wahlmänner eingetreten werden." Dann wurde beschlossen, die Liegnitzer Genossen mit der Wahl eines Komitees zu beauftragen, das die nöthigen Arbeiten für die Landtagswahlen zu leiten hat. Weiter wurde nach kurzer Debatte beschlossen, zu beantragen. daß die Frage der Landtagswahl-Bethciligung vom Stuttgarter Parteitag erneut verhandelt werde, daß der letzte Satz deS Hamburger Parteitags- Beschlusses:„Kompromisse und Bündnisse mit anderen Parteien dürfen nicht abgeschlossen werden", wieder aufgehoben und die Punkte 3, 4 und 5 der vorjährigen Bebclh'chcn Resolution vom Stuttgarter Parteitag zum Beschluß erhoben werden sollen. Die Parteikonferenz des Wahlkreises Zlltcna-Jserlohn beschloß ohne Debatte, von der Betheiligung an der Lnndtagswahl A b st a n d zu nehmen, weil bei den bisherigen Landtagswahlen die Freisinnigen selbst kaum sich gerührt haben, um Einfluß zu ge- Winnen, und iveil das elende Wahlsystem jeden Erfolg unserer Partei bei selbständigem Vorgehen ausschließe. Ein Theil der Delcgirtcn hatte ein gebundenes Mandat, in diesem Sinne zu stimmen. Liberale Wahlvorbereitungen in Königsberg i. Pr. Ans Königsberg i. Pr. wird der„National-Ztg." berichtet, die dort zwischen den drei liberalen Gruppen gepflogenen. Vcrhand- hingen ließen das Ergebniß erwarten, daß drei liberale Kandidaten aufgestellt und gewählt werden. Gegenwärtig ist der Wahlkreis von zwei Nationalliberalcn und einem Konservativen vertreten. Landtagö-Wahlkrcis Gnbcn-Sorau. Eine Versammlung frcikonscrvntivcr, nationalliberaler und libe- raler Wühler aus Forst, Guben und Sarau beschloß der„Voss. Ztg." zufolge einstimmig, für die Lnndtagswahl im Wahlkreise Guben- Sorau die bisherigen Abgeordneten Rittergutsbesitzer Reimnitz- Rcichersdorf(uatl.) und Fabrikbesitzer Vraucr-Forst(frk.) wieder auf- zustellen. Ob die freisinnige VolkSpartci auch an diesen Abmachungen mitbctheiligt ist, geht aus dieser MittHcilung nicht klar hervor.— Extrem- Agrarisches. In Lüneburg hat der Bund der Landwirthe, wie der„Hannov. Cour." berichtet, gegen den bisherigen nationalliberalcn Amtsrath Hagelberg, obwohl derselbe Mitglied des Bundes ist, einen Mann von extrem agrarischer Richtung in dem Gutsbesitzer Jordan auf- gestellt.__ TolrÄles. Parteigenossen Berlins und der Provinz Brandenburg! Am Sonntag, den 11. September, findet der dies- jährige P r o v i n z i a l- P a r t e i t a g in Cohn's Festsälen, Beuth- straße 20, Berlin, mit folgender Tagesordnung statt: 1. Bericht der Agitations-Kommission. Berichterstatter: Reichstags- Abgeordneter Otto Autrick. 2. Was lehren uns die letzten Rcichstagswahlen. Referent: Rcichstags-Abgeorduetcr Arthur Stadthageu. 3. Anträge. Der Provinzial-Parteitag wird präzise 12 Uhr mittags eröffnet werden: wir ersuchen die Dclegirten daher, pünktlich zur Stelle zu sein. Da eine nennenswerthe Pause voraussichtlich nicht eintreten kann, ist es empfehlenswerth, sich vorher genügend zu restauriren. Anträge, welche den Dclegirten gedruckt vorgelegt werden sollen, müssen spätestens Freitag früh in unseren Händen sein. Mit Parteigruß Die Agitations-Kommission für die Provinz Brandenburg. I. A.: Karl Di min ick,"Berlin 8., Louisen-Ufer 11. KL. Die Partei-Organc der Provinz werden um Abdruck ersucht. Tic Sterblichkeit an akuten Darmkraukhciten hat, nachdem sie in diesem Sommer im Juni und Juli verhälmißmäßig niedrig gewesen war, um die Mitte des Monats A u g u st unerwartet noch eine bedeutende Höhe erreicht. In Berti n starben, nach den bis jetzt vorliegenden Wochenberichten des Berliner Statistischen Amtes, in den vier Wochen vom 24. Juli bis 29. August bc- sonders an Magen-Darmkatarrh 15, 26, 35, 71, inr ganzen 147, an Diarrhoe 22,� 36, 45, 83. im ganzen 186, an Brechdurchfall 24, 42, 64, 157, im ganzen 287, an diesen drei Krankheiten zusammen 61, 104, 144, 311, überhaupt 629 Personen,(In den vier vorhergehenden Wochen vom 26. Juni bis 23. Juli waren im ganzen am Magen- Dannkatarrh nur 99, an Diarrhoe 93, an Brechdurchfall 159, an diesen drei Krankheiten überhaupt 347 Per- sonen gestorben.) Die Gestorbenen waren fast ohne Ausnahme Kinder unter zwei Jahren. Der Einfluß, den die T e m p e- ratnr auf die Hohe der Sterblichkeit an akuten Darm- krankheiten auszuüben pflegt, tritt diesmal mit großer Deutlichkeit hervor. Auf den vorwiegend kühlen Juni und Juli folgte ein heißer August. Die heißeste Woche des Jahres, die vom 14.— 20. August, hatte auch die höchste Sterb- lichkeir an Magcn-Darmkatarrh, Diarrhoe und Brechdurchfall: zu- sammen 311 Falle, wie oben angegeben.(In der darauf folgenden Woche, 21.— 28. August, kamen— nach Ausweis der bisher ein- gegangenen ärztlichen Meldungen— gleichfalls noch 291 Sterbefälle dieser Art vor.) An den einzelnen Tagen der heißesten Woche starben anjMagen-Darmkatarrh u. �f. w. 28, 36, 45, 73, 56," 40, 83 Personen. Der heißeste Tag des Sommers, der 17. August, hatte auch das Maximum an Sterbefällen dieser Art(73). Daß die akuten Dannkrankheiten in den Arbeitervierteln viel mehr Opfer fordern— auch im Vcr- hältniß zu der Zahl der Lebendgeborencn mehr— als in den wohl- Habenderen Stadtthcilen, das ist hinreichend bekannt. Es zeigt sich in jedem Sommer aufs neue. In den vier Wochen vom 24. Juli bis 20. August wurden namentlich in der Oranienburger Vorstadt 45, im östlichen Theil der jenseitigen Luisenstadt 51, im' östlichen Theil des Stralaner Viertels 73, auf dem Wedding 96, ini nördlichen Theil der Rosenthaler Vorstadt(Gesundbrunnen) 110 Sterbcfällc durch Magen-Darmkatnrrh u. s. Iv. gemeldet, während z. B. die Friedrich- stadt in vier Wochen nur einen einzigen Fall hatte.— Von den größeren Vororten hat namentlich Rixdorf, in geringerem Grade Schöncberg, im August eine Erhöhung der Sterblichkeit an akuten Darmkrankheiten gehabt. Die Wochenberichte des Gesundheitsamtes melden für die vier Wochen 24. Juli bis 20. August aus C h a r- lottenburg 36, aus Rixdorf 84, aus S ch ö n e b c r g 18 Fälle, während für die vier vorhergehenden Wochen bez. 35, 32, 12 Fälle gemeldet wurden. Zum Fall Zicthcn. Ilm eine Revision des Ziethen-Prozesses zu erreichen, hatte der Schriftsteller Landauer in der Numnrer des„Sozialist" vom 5. Februar dieses Jahres den Polizeikommissar Gottschalk in Elberfeld, jetzt Distrittskommissar in der Provinz Posen, beschuldigt, in der Untersuchung gegen den Barbier Ziethen wichtige Beweisstücke gefälscht zn haben. Nachdem diese zweifellos beleidigende Aeußcrnng innerhalb der Verjährungsfrist nicht strafrccht- lich verfolgt worden ist, wiederholt Landauer seine Anklage jetzt und fügt hinzu, daß„der Polizeibcamte Gottschalk seine Fälschung dadurch zum ausschlaggebenden Beweisstück gemacht hat, daß er am 28. Januar 1884 und den folgenden Tagen in der Ver- Handlung gegen Albert Ziethen unter seinem Eid' wissentlich Uw wahres zum Nachthcil des Angeschuldigten ausgesagt, also ein Ver breche» begangen hat, das nach§ 154 des Reichs- Strafgesetzbuches mit Zuchthausstrafe nicht unter drei Jahre» bedroht ist". Es muß in der That ausfallen, daß die Vorgesetzten Gottschalk' s, denen der Ariilcl deS„Sozialist" nicht unbekannt geblieben sein kann, den Bc- amtcn nicht veranlaßt haben, gegen Landauer klagbar zu iverden. �Ob Herr Landauer nunmehr seinen Zweck erreichen wird? Eine vergnügliche Entdccknugöfahrt. Das„Berliner Tage- �blatt" rächt sich für die Bosheit, die der„Lokal- Anzeiger" seinem ' China- Wolff angethan, durch folgende Mitthcilung:• „Auf der D ä n e u i nj e l in Spitzbergen, neben Andrse's Ballonhaus, welches nebenher bemerkt nur noch ein Trümmerhaufen übereinandergestiirzter Balken ist, befindet sich das Holzhaus di S Engländers Wir. Pike, welcher in demselben behufs Aus- ii ning der Bärenjagd einmal überwintert hat. Dieses Haus ist vou Andree vor seinem Aufstieg mit Proviant für einige Monate ver- seben worden und außerdem wurden dort ein Gewehr mit Munition sowie zwei Boote niedergelegt, damit Andree, falls er wieder nach Süden verschlagen würde, oder sonstige Schiffbrüchige einen Stütz- Punkt für Ueberstehung der Polarnacht finden. ES ist für jeden gesitteten Menschen selbstverständlich, daß ein der artiges Depot, der einzige Rettungsanker in Todcsnoth, nur im Falle der äußersten Gefahr in Anspruch genommen wird, und es befindet sich in dem Vorraum des Hauses auch eine entsprechende Bekannt- machung, welche, da das Andröe'sche Original im vorigen Jahre cnt- wendet worden war, durch den Nordpolfahrcr Kapitän Bade wieder erneuert wurde. Wie sah cS aber in diesem Hanse aus, als es eine deutsche Reisegesellschaft am 13. August 1398 bcttnt! Die Kisten erbrochen, die Konserven herumgestreut, alle Weinflaschen ausgetrunken, der Inhalt der Limonadenflaschen in die niedergelegten Kochkessel ge- gössen, die Zuckerkiste zum theil geleert und der Zucker in der Stube herumgestreut, als wenn Van dalen dort gehaust hätten; auch von dcnr Gewehr und der Munition war keine Spur mehr. Eine begreifliche Entrüstung bemächtigte sich aller Reisegefährten, unter denen sich der baierischc Staatsmmistcr v. Crailsheim, Pro- fcssor Dr. Klantsch aus Heidelberg, der Schriftsteller Freiherr V. Schlicht und Ingenieur Härtel aus Rixdorf befanden, und die einzige Frage lag auf aller Lippen, wer ein derart vcr- br e ch e r i s ch e s' W e r k an der Menschheit begangen haben könnte? Die Aufklärimg sollte bald kommen zur Beschämung für uns Deutsche: in der einen Fleischkonservenliste, die von einem Chemnitzer Konservcnfabrikanten 5lickclhahn geliefert und im vorigen Jahre von Kapitän Bade niedergelegt worden war, befanden sich Adreßkartcn mit dem Namen des Spenders, und auf drei von den nur durch Er- brechen der Kiste erreichbaren Karten fanden wir niedergeschrieben: Hermann Friedrich, Präparator, Braunschtveig, Langestr. 64. 30./7. 98. Bruno Müller, Deutsche Nordpolarexpedition, S. S.„Helgoland" ans Wilhelmshaven. Heinrich Wctjcn. Außerdem fanden wir im Hause geleerte Bierflaschen einer Hamburger Brauerei mit dem Bildniß des Fürsten Bismarck; dies zusammen war für uns der überzeugende Beweis, daß durch die Mannschaften der„Helgoland" die Ver- Wüstungen in dem Pikc-Hause vorgenommen sind. Die Originale der Adrcßlarten befinden sich in den Händen des Kapitän Bade. Es bedarf wohl keiner weiteren Ausführung, daß ein solches Vorgehen öffentlich an den Pranger gestellt iverden nmß, denn eine strafrechtliche Verfolgung ist nach Lage der Sache leider nicht an- gängig, unerfindlich ist es aber, daß seitens der Leiter der Expedition ein solcher Vaudalismus nicht zu verhindern gelvcsen ist, wurde doch uns vor Einfahrt in Virgohafen durch den Expedittonsleiter die Wichtigkeit dieses Stützpunktes für etwa vom Eis eingeschlossene Schiffe besonders eingeprägt und alles, was in dem Pike'-Hause be- findlich, als unantastbares Eigenthum Andrse's bezeichnet." Vielleicht thut das„Berliner Tageblatt" der deutschen Nordpol- Expedition unrecht. Die Annexion der für Andree bestimmten Wcin- vorräthc mag insoweit eine wissenschaftliche Nothivcndigkcit gewesen sein, als diese Alkoholika den fidelen Forschungsreisendcn vielleicht erst den Muth gaben, sich an die Entdeckung der A u g u st Scherl- J n s e l heranzuwagen. Wir ivolle» dabei gar nicht einmal den Zuflüsterungen böswilliger Konkurrenzneid er Gehör schenken, die da angeben, daß die Forschungsexpedition das neue Reklame-Eiland doppelt gesehen haben müsse, da es schon längst in den Atlanter verzeichnet stehe. � Schildbiirgcrci auf der Pferdebahn. Eine Leserin schreibt uns: Ain Sonnabend befanden ivir uns beim Umzug; um unseren Staar zu transportiren, hatten wir uns beim Vogelhändler ein kleines Reisebauer geliehen. Das Ding mißt etwa in der Höhe 15, in der Breite 20 Zenttmeter. Meine Mutter nahm den Vogel in ihre Obhut und bestieg, um an ihr Ziel zu gelangen, an der Fichte- straße einen Pferdebahnwagen der Linie Rixdorf- Moabit. Als der Schaffner ihr einen Fahrschein verkaufen wollte, fiel sein Blick auf das verhüllte Bauerchen und er sagte:„Was haben Sie denn da? einen Vogel? Dann darf ich Sie nicht mitnehmen." Meine Mutter sah den Mann etwas verblüfft an und erwiderte nur:„Ach, seien Sie doch nicht komisch, das Bauer hindett doch niemand, ich werde es auch noch unter mein Cape nehmen." Hierauf wurde der Schaffner indessen sehr aufgebracht. „Ach was, komisch. Fahren Sie mit wem Sie wollen, hier müssen Sie'raus." Thatsächlich lieh er denn auch den Wagen halten und meine Mutter mußte aussteigen. Der Kondukteur eines zweiten Wagens gestattete ihr allerdings das Mitfahren, erklärte aber gleich- falls, daß es eigentlich nicht erlaubt sei. Angesichts solcher That- ntem id a fachen, möchte man denn doch fragen, verkehrt unsere Pferdebahn in Krähwinkel oder in der Großstadt? Wenn nach Meinung der Direk- tion das letztere der Fall ist, sollte sie doch Verordnungen aufheben. die eher nach Mottenburg und Schilda als nach Berlin gehören. Ter buchmäßige Ueberschust ans dem Etatsabschlnß der Stadt Berlin für 1897/98 beträgt rund 12 Millionen Mark gegen 8 Millionen iin Jahre 1896/97. Die Wirrnisse im Rabatt-Sparvcrein„Norden" machen nachgerade auf den Fernstehenden einen unheimlichen Eindruck. Eine Generalversammlung folgt der andern, und jede beschließt das Gegentheil von dem, was ihre Vorgängerin festlegte. So erfolgte am Sonntag die Wahl eines aus Mitgliedern der Siebener- Kommission hervorgegangenen neuen Vereinsvorstandes durch Generalversammlungs-Befthluß, und dieser selbe Vorstand wurde am Montag in einer vou Anhängern des bisherigen Vorstandes nach Röhr's Festsälen, Brunnenstraße, einberufenen General- Versammlung nicht nur seiner Mitgliedschaft für verlustig erklärt und aus dem Saale verwiesen, sondern es wurde ihm auch ein Prozeß in Aussicht gestellt, um ihn haftbar zu machen für die Schädigungen, die er angeblich durch sein Eingreifen in die Ge- schäftsleitung dein Verein zufügte. In der sehr erregten Versamm- lung suchte der alte Vorstand die von der Siebener- Kommission gegen ihn erhobenen Angriffe zu entkräften, und namentlich der Rendant Schaller verwahrte sich gegen die Behauptung, daß er 10—13 000 M. Jahreseinkommen besessen habe. Dasselbe belaufe sich vielniehr durchschnittlich nur auf 3500 M.(?) Nach stürmischer Debatte, in deren Verlauf die Siebcner- Kom- Mission den Saal verlassen mußte, gelangte folgender Beschlutz- antrag zur fast einstimmigen Annahme: „Da die eingesetzte Rcvisions-(Siebener-)KommissiondurchihrVer- halten den Rabatt-Sparverein geschädigt und eine Verwirrung ge- schaffen hat, die früher nicht war, da dieselbe den Verein durch die nun unausbleiblich folgende Anzahl größerer Prozesse geschädigt hat, welche dem Verein mindestens einen Kostenaufwand von 10 000 M. verursachen werden, so beschließt die Versammlung auf grund des Z 3a des Statuts, die S i e b e n e r- K o m n: i s s i o n von der Mitgliedschaft auszuschließen, ferner das von dieser Kom- Mission gcinicthete Geschäftslokal gerichtlichschlicßen zulassen unddievon der Kommission angeeigneten Werthe mit Beschlag zu belegen; ferner jeden einzelnen der Herren der Siebener Kommission persönlich für den dem Verein erlvachsenen Schaden haftbar zu machen und die Borstandswahl der Herren für null und nichtig zn erklären." Tie hierauf erfolgte Vorstandswahl ergab die Wiederwahl des alten Vorstandes mit überwältigender Majorität. Derselbe wurde zugleich durch Beschluß ermächtigt, die sofortige Auszahlung der Spargeldcr zu verweigern. Zum Bau eines neuen Gcsinde-Hospitals in Tresnolv hatten die städtischen Behörden seinerzeit beschlossen, ein daselbst belegenes städtisches Grundstück von 7000 Quadratmeter an den Ge- sindebelohnungs- und Unterstützungsfonds zu verkaufen. Die Aus- führung dieses Beschlusses hat sich bisher noch nicht ermöglichen lassen. Obwohl die Bau-Erlaubniß für den vor der Ringeisenbahn belegenen Theil von Treptow bisher stets ertheilt wordeii war, so erklärte nunmehr der Amtsvorsteher, daß dies fortan und so lange nicht mehr geschehen werde, bis der neue Bebauungsplan für jenen Theil Treptows die landesherrliche Genehmigung gefunden haben würde. Nachdem dies unterm 16. Scptenlbcr 1893 geschehen war, verfügte der Minister für öffentliche Arbeiten, daß die Er- laubnitz zur Bebauung des fraglichen Terräns erst dann zu ertheilen sei, wenn der Entwässerungsplan für Treptow fertig gestellt und von den Aufsichtsbehörden genehmigt ist. Beides ist bisher noch nicht der Fall. Unter diesen Umständen konnte mit dem Bau des Hospitals bisher noch nicht begonnen werden, und es werden voraussichtlich noch viele Jahre vergehen, bis dies wird geschehen können. Zu einer häßlichen Rempelei zwischen einem Militärposten und einem Mädchen kam es Montag Abend vor dem Dienstgebäude des Generalkommandos des Gardekorps Hinter dem Gießhaus Nr. 3. Hier stand um 11 Uhr der Füsilier Wenzel von der 9. Kompagnie des Alexander-Regiments auf Posten. Ein angeblich betrunkenes Mädchen kam an Wenzel heran und wollte zärtlich mit ihm thun. Als der Posten diesen Spaß nicht verstand, wurde die Betrunkene handgreiflich und sprang ihm an die Kehle. Wenzel versuchte, sich in Güte der Lästigen zu entledigen. Als aber alles Zureden nichts half, wandte er schließlich Gewalt an. Das Mädchen wehrte sich heftig und griff wiederholt von neuem an, bis ein K o l b e n s ch l a g es n i e d e r st r e ck t e. Von der Militärwache wurde die Verletzte durch einen Schutzmann in ein Krankenhaus gebracht. Hier stellte sich heraus, daß sie einen Schädelbruch erlitten hatte. Sie nannte sich Dienstmädchen Louise Kohn, konnte aber Iveitere Angaben bisher nicht machen. Gegen den Bankier Engen Merkcll, der in der Neuen Friedrichstraße ein Bank- und Wechselgeschäft bettieb, und, wie ge- meldet, im vorigen Monat mit Hinterlassung großer Passiven die Flucht ergriffen hat, ist jetzt ein Haftbefehl erlassen worden. Die Gläubiger haben, nachdem ihre Hoffnung auf einen gütlichen Ans- gleich sich als trügerisch erwiesen hatte, Anzeige gegen M. erstattet. Vermißt wird der Geschäftsreisende Max Schäfer, welcher für die hiesige Firma V. Sandmann, Greifswaldcrstr. 49, thätig war. Er hat in Begleitung seines 6jährigen Sohnes Fritz am 23.'August seine in Potsdam Junkerstr. 54 gelegene Wohnung verlassen und ist seitdem nicht zurückgekehrt. Es wird angenommen, daß dem 35jährigcn, sehr schwächlichen Manne und auch den: Knaben ein Unglücksfall zugestoßen ist. Tic Ermittelung«»! in Sachen des Ranbinordversnchs auf den Radfahrer Töpfer haben iiffoweit zu einem Ergebnis; geführt, als festgestellt ist, daß der Räuber ähnliche Anschläge schon mehrfach unternommen hat, jedoch ohne bisher einen Erfolg zu erringen. Die von dem Verbrecher gegebene Beschreibung patzt auf einen Handelsniann, der in einen»' Beelitz benachbarten Ort wohnhast ge- »vesen und von dort Verschtvunden ist. Auffällig erscheint es, daß sich der Thätcr bannt begnügte, sich nur das Rad des Mechanikers anzueignen, ihn aber sonst nicht weiter beraubte, obwohl die Chaussee in der fraglichen Zeit vollständig vcrkehrsfrei war. Neber eine» merkwürdige!! Urberfall auf eine Portterfrau im Westen Berlins wird berichtet: Montag Nachmittag erschien an der Thür der Portierwohmina des Hauses Kurfürstenstraße 71 ein reduzirt aussehender Mann, der heftig läutete. Als die Frau, welche allein zu Hause war, öffnete, nähin der Strolch sofort eine drohende Haltung an. In der einen Hand hielt er ein Messer, mit welchem er die Frau erstechen wollte. In dem sich nun entwickelnden Kainpfe erhielt die Frau einige Verletzungen. Dies die Angaben der Ueberfallenen. Nach ihrer Bekundung hat der Räuber etiva 6 M. erbeutet, worauf er Verschtvand. Hierzu muß bemerkt werden, aß die Wohnung nach dem Treppcnhausc zu belegen ist und dicht an die Lokalitäten eines Damcn-Konsekticmsgeschästs grenzt. In dem Hause befinden sich auch die Geschäftsräume eines Bankgeschäfts. Unter diesen Uinständen muß es befremden, daß ein derartiger lieber- fall überhaupt ausgeführt iverden konnte. Zu cinein Kamps zwischen Schntzlentc» und Einbrechern kam es in der vorgestrigen Nacht in» Hause Münzstr. 27. Als der Eigeirthümer des Grundstücks, Herr Damerow, gegen 3 Uhr nachts »»ach Hause kam, beinerkte er in dem Hausflur Lichtschein. Nichts G»ltcs ahnei»d benachrichtigte er den Wächter, und in Begleitung von zwei Schutzleuten begaben sich die Männer in das Haus. Hierbei stießen sie auf zwei Männer, die mit Brecheisen belvaffnct, die eisen- beschlagene Thür des Garderobengeschästes von Engel auszuheben versuchten. Die Verbrecher drangen sofort auf ihre Verfolger ein. Die Schutzleute und der Wächter aber zogen blank und so gelang es, die gefährlichen Burschen dingfest zu machen. In den Vcr- haftete»» wurden der 17 jährige Arbeitsbursche Pfeiffer und der viel- fach vorbestrafte 23 jährige Schlosser Lange ermittelt, die beide mit allen möglichen Diebswerkzeugen ausgerüstet waren. Ein dritter Kumpan der Spitzbuben, der, wie sich später herausstellte, auf der Straße.Schmiere" gestanden hatte, ist entkommen. Beiin Aussteigen au? einem Stadtbahnzuge ist Dieilstag Nach- mittag gegen 202 Uhr ein Steindrucker Paul Schulz schwer verunglückt. Der junge Mann verließ den Wagen auf dem Bahnhof Friedrichstratze, bevor der Zug hielt, kain zu Falle und»vurde überfahren. Der linke Arm wurde ihm ztvifchen Schulter und Ellenbogen abgetrennt, so daß er»»»»r noch n»it einigen Fetzen am Körper hing. Auch das lii»ke Bein»vurde verletzt. Der Verunglückte»vurde beivnßt- los von vier Beamten auf einer Bahre nach der Charitee getragen. Seine Wohnung ließ sich noch nicht feststellen. Durch einen Abstilrz voin Gerüst ist Montag Nachn»ittag um 3 Uhr im Anatomischen Institut in der Philippstraße 12 der Arbeiter Paul Jung ans der Stendalerstraße 13 schwer verunglückt. Für den Umbau des Hörsaales ist in der Anatoinie ein Gerüst er- richtet worden. Auf diese»» that Jui»g einen Fehltritt und stürzte aus einer Höhe von fünf Metern herab. Unglücklicherweise fiel er gerade auf den Kopf und brach sich den Schädel. Der Veru»»glückte »vurde einem Kraiikeiihmise zugeführt; an seine»» Aufkommen»vird gezivcifelt. Jung ist verhei'rathet und Vater von drei kleinen Kindern. Zeuge« gesucht. Personen, welche gesehen haben, wie der Sohn des Arbeiters Fr. Nessel, Raumerstr. 12, ain Sonntag, den 28. Aug»»st, abends 8 Uhr 20 Min. vor dein Hause Schönhauser Allee 53 von einen» Pferdebahnwagen überfahren»vurde, werden gebeten, ihre Adresse bei dein Vater' des Vertmglückten abzugeben. Fcuerbcricht. Neue G r ü n st r a ß e 38»var Dienstag früh ein größerer Dachstuhlbrand abzulöschen, der an dem reichen Inhalt der Bodenkainmer gute Nahrung fand und einen erheblichen Theil der Dachkonstruktion einäscherte. Mehrere Miether erlitten empfind- liche Verluste. Montag Abeird»var F r i e d e n st r a ß e 107 ein Zimmerbrand zu beseitigen, der Möbel und Gardinen beschädigte. Dienstag Nachmittag»vurde die Wehr nach Hoch straße 2a gerufen, ivo Theer übergekocht»var. N o st i z st r a tz e 43 erfolgte gegen 4 Uhr ein Küchen'brand. Fußboden, Tische und Küchengcräthe wurden zerstört._ Aus de« Nachbarorten. Wilmersdorf. Die Parteigenossen werden auf die heute, Mittwoch Abend im Volksgarten stattfindende Versammlung des sozialdemokratischen Arbeiterbildnngs-Vereins aufmerksam ge- niacht. Ans die Tagesordnung ist ein Vortrag des Genossen Dr. B o r ch a r d t über materialistische Geschichtsauffassung gesetzt; auch erfolgt Aufnahme neuer Mitglieder. Der geringe Monats- beitrug ermöglicht es jedem klassenbewußten Arbeiter, der politischen Orgainsatton' am Orte, den» sozialdcmokrattschcn Arbeiterbildungs- .Verein von Wilmersdorf, beizutreten. Beitrittserklännigen Iverden von» Genossen E. Witte, Berlinerstratze 33, sowie voin Genossen K Ii n g e n b e r g in» Volksgartcn und vom Genossen O. N e r r e, Pfalzb'urgerstr. 67, entgegengenommen. Versäume kein Genosse, Mitglied' der politischen Organisation zu»verde», so»vie den Ver- sammlungen des Bildungsvereins bcizuivohnen. Die Stadt Charlottenburg bekommt auf recht fatale Weise die Segnungen des Privatkapitalisinus zu kosten. Die Frage der Wasserversorgung Charlottenburgs gestaltet sich nämlich durch die Vertragsbestimmungen»nit den Charlottenburger Wasser- »vcrlen recht schlvierig. Bei Abschluß des Vertrages iin Jahre 1834 hat die Stadt der Gesellschaft ein Entgegen- kominen bekundet, das für den Kämmercisäckel unter Uinständen noch empfindliche Folgen zeitigen»vird. Der Schlver- Punkt des ganzen Vertrages liegt in einer Bestinimung,»vonach die Stadtgenieindo berechtigt ist, vom 1. Oktober 1905 an die Anlage für den zlvanzigfachen Betrag der Durchschnittsdividende der letzten fünf Jahre käuflich zu ertverbci». Der Magistrat hat bei verschiedenen Anlässen seine Absicht durchblicken lassen, von diesen» Recht auf alle Fälle Gebrauch zu machen. Die Gesellschaft aber wird daraus die ciltsprechende Nutzanivendung für sich und ihre Aktionäre zu ziehen sicher nicht unterlassen. Die letzte Dividende betrug z. B. 11 pCt., d. i. bei einein Aktienkapital von 8 Millionen Mark 880 000 Mark. Sie wird sich aber, je näher das Jahr 1905 heranrückt, durch Ver- Minderung der Abschreibungen und Auslagen, sowie durch Herab- setzung des Zuschusses zum Reservefonds, dem 1897 800 000 M. zugeführt wurden, wesentlich steigern lasse». In Magistratskreisen macht man sich daher auch auf einen Kaufpreis von— 30 Millionen Mark gefaßt. Ehe sich aber die Stadtgcmeinde mit einer derarttg hohen Ausgabe belastet, erscheint doch die Erlvägung geboten, ob es nicht vortheilhafter wäre, vorerst den Vertrag ablaufen zu lassen. Dies geschieht 1920 und dann ist die Stadtgeineinde berechtigt, die ganze Anlage zu dein alsdann festzustellenden Taxiverth käuflich zu eriverben. In der Stadtverordneten- Versammlung von Schöueberg, »velche vorgestern tagte, kam die Frage der Errichtung einer Halte- stelle der Anhalter Bahn in» Zuge der Kolonnenstraße zur Sprache. Der Magistrat hatte das Militärkoinmando der Eiseiibah>»-Regimcnter ersucht, in dieser Sache niit ihn» gemeinsam bein» Minister der öffent- liche» Arbeiten vorzugehen; das Militärkommando hat jedoch ab- lehnend geantlvortet,»veil kein militärisches Interesse vorliege.— Da im Feucrwchr-Gcbände neue fliegende Klassen der Genieindeschule untergebracht»verde»; sollen, belvilligte die Stadtverordneten-Ver- sammlung eine Summe für Reparatnrarbciten. Verhaftet»vurde in Rixd orf der Jnseratcnsammler Lad ewig. Die Staatsanivaltschaft in Naumburg hatte gegen ihn wegen Roth- zucht und versuchter Erpressung einen Steckbrief erlassen. Der Ver- haftete»var bei einem Nixdorfer Lokalblatt angestellt, das erst vor kurzen» durch den verdufteten Annoi»cen-Acquisite»lr Konietznh schlver geschädigt worden»var. Schwer verletzt»vurde auf dem Rixdorfer Wochenmarkt am Richardplatz die Ehefrau des Droschkenfuhrherrn Leitet durch die Explosion einer Gasätherlainpe. Ein Schlächter hatte gesehen, wie die zur Erleuchtung eines Verkaufsstandes benutzte Gasätherlainpe iin Innern zu brennen anfing. Un» ein Unglück zu verhüten, nahin er die Lampe und»varf sie auf den Strnßendanun. Hier explodirte die Lampe in dein Augenblick, als Frau Leitet den Damn» über- schritt. Die Kleider der Frau fingen Feuer,»vas die Unglückliche veranlaßte, davon zu laufen,»vodurch die Flaininen natürlich»nr größer lvurden. Schließlich stellte sich ein Arbeiter der Frau entgegen und versuchte das Feuer zu ersticken,»vas ihn» auch gelang. Aller- dings erlitt auch der beherzte Netter»ficht unerhebliche Brandwilnden; infolge dessen»mißten beide Personen nach der Uilfallstation und von dort»»ach dem Krankenhause gebracht»verde». .X Gerichts-Zettung. / Von den Ehrbegriffen des Premierlientenants von Bismarck. Wegen Erpressung, Beleidigilng und Bedrohung eines preußischen Offiziers hatte sich gestern das Fräulein Marie K. aus Berlin vor der zweiten Ferien-Strafkammer am Landgericht II zu verantlvorten. Die Angeklagte bestritt, sich im Sinne der Anklage schuldig gemacht zu habe»», gab aber im übrigen folgende Dar- stellnng des Sachverhaltes. In» Jahre 1889 lernte sie in Spandau den Premierlieutenant Rudolph von Bismarck kennen und trat init diesen in Beziehungen. In» Jahre 1891»vurde sie Mutter eines Knaben. Sie habe nie Ansprüche an den Vater erhoben, weil sie»vußte, daß er arm war, doch bei der Geburt habe Herr von Bismarck freilvillig und auf Handschlag versichert, daß er für die Erziehung des Knaben sorgen»verde. Nur einmal habe er ihr 30 Mark geschickt, als das Kind krank war. Das Verhältuiß habe bis zum Jahre 1896 gedauert, bis Herrn v. Bismarck Gelegenheit wurde, eine reiche Dame, die Tochter eines Villenbesitzers in der Platanenallce auf Westend, zu heirathcn. Schon vorher habe ihr Herr v. Bismarck gesagt, daß, wenn er eine reiche Frau kriege, er dafür sorgen»verde. daß der Knabe in eine bessere Schule gehen könne. Daraufhin habe sie ihr Kind in der Bürgerschule einschulen lassen. Sie habe den Vater desselben»viederholt an sein Versprechen erinnert, dieser habe aber garnicht»nehr geantivortet. Da habe sie denn, ob- wohl sie bisher niemals etwas für sich selbst verlangt habe. am 10. November 1397 an Herrn v. Bismarck geschrieben und eine Rechnung über 123 TO. für Schulgeld und Kleider für das Kind bei- gelegt, mit demIBemerken, daß, wenn sie nicht bis zum Soun- abend Geld oder Antlvort hätte, sie sich nach Westend wenden müsse. Herr v. B. habe sie darauf aufgefordert, in seine Wohnung zu kommen. Hier habe er ihr SO M. gegeben, mithin habe sie insgcsammt 80 M. erhalten. Worte seien dabei kaum gewechselt worden. Er habe ihr zwar gesagt, daß, wenn er nicht belästigt werde, von einer Ab- findung die Rede sein könne, sie habe ihn nun auch in keiner Weise belästigt, er habe aber wieder nichts mehr von sich hören lassen. Da habe sie den» am IS. April des Abends auf ihn in der Platanen- Allee gewartet, bis derselbe seine Braut nach der väterlichen Villa gebracht und alsdann zurückkehrte. Nun sei sie auf ihn zugetreten und habe ihn an sein Versprechen erinnert. Er habe sie aber kurz ab- gewiesen und sei davongelaufen. Da habe sie ihm in der Empörung nach- gerufen:„Die ganze Welt soll wissen, was Du für ein erbärmlicher und herzloser Mensch bist!" Daß sie gerufen habe— wie die An- klage behaupte:—„erbärmlicher Lnmp bist! Man müßte dem Feigling eine Kugel durch den Kopf schießenl", das sei unwahr. Der als einziger Belastungszeuge geladene Premicrlieutenant Nud. v. Bismarck erkannte die Darstellung der Angeklagten über sein Vcrhältniß zu ihr, er glaube aber keinerlei Verpflichtung zu haben, denn er habe den Verdacht, daß die Angeklagte ihm nicht allein ihre Gunst geschenkt habe, wofür er allerdings keinen Beweis habe. Im übrigen habe er der Angeklagten die SO Mark auf den Brief vom 10. November 18S7 nur aus Besorgniß gegeben, daß dieselbe ihre Drohung tvahr machen und sich an seine' Braut wenden könne. Au" die Frage des Vertheidigers Dr. Leonhardt Friedmann, ob er denn keinerlei moralische Verpflichtung fühle, erwiderte der Zeuge: „Ja, aber moralische Verpflichtungen können d o ch a u f st r a f r e ch t l i ch e in G e b i e t e n i ch t i n b e t r a ch t kommen! Daß er weitere Ausgaben als die erwähnten 30 und SO M. für Mutter oder Kind gemacht, verneinte Zeuge. Dagegen behauptete er, daß ihm die Angeklagte bei dem Rencontre vom IS. April die Mütze vom Kopfe gerissen habe. Er habe ihr dieselbe eiitwunden, habe aber schnell davon laufen und sich hinter einem Zaun verstecken müssen, weil et fürchtete, daß eine skandalöse Szene entstehen konnte. Hinter dem Zaune habe er deutlich� gehört, wie die Angeklagte rief: Die ganze Welt soll erfahren, was Du für ein erbärmlicher Lump bist! Man müßte dem Feiglinge eine Kugel durch den Kopf jagen!" Er habe denn auch gefürchtet, daß die Angeklagte ihre Drohung wahr machen könne und habe sein Haus' und seine Wohnung einige Zeit von einem Geheimpolizisten bewachen lassen. Auf Befragen des Vertheidigers setzt Herr v. B. seiner Aussage hinzu, daß seine Befürchtung unbegründet war und nichts geschehen ist. Die Schwester der Angeklagten, eine hiesige Kaufmannsfrau, deponirt, daß ihr Herr v. B. mit Handschlag versicherte, er werde fiir das Kind sorgen, als sie ihm die Geburt desselben meldete. Das Zeugniß der Schwester konnte aber nicht in die Wagschale fallen, da dieselbe wegen ihrer nahen Verwandtschaft mit der Angeklagten nicht vereidigt wurde. Der Vertheidigcr schickte seinem Plaidoycr voraus, daß er sich Mühe geben werde, sich in dem Maße Gewalt anzuthun, daß er das Ver- halten dos Herrn v. B. nicht so charakterisire, wie es dieses Ver- halten geradezu herausfordere. In beziig auf die Erpressung be- antragte der Vertheidigcr Freisprechung. Der Vater des Kindes hatte ernste Pflichten diesem und der Mutter gegenüber und wenn die Angeklagte in ihrer Gutmüthigkeit und in dem Bewußtsein, daß der Vater des Kindes gänzlich mittellos sei, ihre Ansprüche an denselben rechtlich nicht geltend zn machen ver- sucht habe, so könne das den Vater des Kindes nicht von seinen moralischen Verpflichtungen entbinden. Für die Beleidigung und Bedrohung, die als eine Handlung aufzufassen seien, könne auf eine niedrige Geldstrafe erkannt werden. Der Gerichtshof nahm Er- Pressung und auch den Begriff des Bewußtseins der Rechtswidrigkeit der Handlung an, was ans dem Ilmstande hervorgehe, daß idie Angeklagte den Rechtsweg nicht beschritten hat(!), um ihren Ansprüchen Geltung zu verschaffen. In bezug auf die Beleidigung und Bedrohung wurde lediglich den Ausführungen des Herrn v. Bismarck gefolgt und so wurde im vollen Umfange der Anklage auf das Straf- Minimum von sechs Wochen Gefängnis;' erkannt. Die Ver- urtheilte mag sich mit den zahlreichen ehrenhaften Arbeitern trösten, die bei Lohndifferenzen Unternehmern gegenüber ein unüberlegtes Wort gebrauchten und dann wejjen des entehrenden Vergehens" der L�isher der„Grundstein""oder die„Bildhauer-Zeitung"' als Organ Erpressung auf Monate ins Gefängniß wandern mußten. y der Stuckateure gelten soll, jedenfalls zur Entscheidung kommen Zu einem kleinen Diebesnest hatte der Hausdiener August wird. Zum Schluß wurden alle Kollegen ersucht, umgehend die C h a r a, der mit drei Familienmitgliedern gestern vor dem hiesigen Schöffengericht zu erscheinen hatte, seine Wohnung ausgestaltet. Der Äu- geklagte war längere Zeit in einem hiesigen großen Manufakturwaaren- und Posamenten-Geschäft angestellt und hatte daselbst insbesondere den Fahrstuhl zn bedienen. Da in dem Geschäft in letzter Zeit wieder- holt Waarcndicbstähle vorgekommen waren, die auf die Thätigkeit eines Hausdicbes hinwiesen, so verstärkte» die Aufsichtsorgane ihre Aufinerksamkeit und schließlich blieb auf dem Angeklagten der dringende Verdacht haften, daß er der Dieb sei. Eine in seiner Wohnung abgehaltene Haussuchung hat diesen Verdacht nicht nur bestäfigt, sondern auch gezeigt, daß ein Zimmer der Wohnung als Lagerstätte für allerlei gestohlene Waaren diente, die die diebischen Anverwandten des Angeklagten dorthin in Sicherheit brachten. Außer zahlreichen Tuchstoffen und sonstigen aus dem bez. Geschäft herrührenden Gegenständen wurden daselbst ver- schiedene Waaren mit Beschlag belegt, die aus dem Gcrsonffchen Geschäft staminten, ebenso fand man ein Dutzend Messer und Gabeln vor, die dein Rcstaurateur Aschinger gestohlen worden waren. Es konnte leicht festgestellt werden, daß ein Schwager des Chara, der Kutscher Albert Witthaupt, Aufseher bei Aschinger, und die Schwägerin Frau Emma Witthaupt im Gerson- scheu Geschäft thätig geivesen war. Beide hatten an ihren Arbeits� stätten kleinere Gelegenheitsdiebstähle begangen und das ge stohlene Gut nach Verabredung bei Chara untergebracht, der den Weitervcrtrieb besorgte. Das Geschäft muß recht gut gegangen sein, denn Chara ist in der Lage gewesen, sich in ver- hältnißmäßig kurzer Zeit eine Summe von mehreren tausend Mark zusammen zu sparen. Dabei hatte seine Frau, die wegen Hehlerei unter Anklage stand, nach Kräften mitgeholfen. Der Gerichtshof nahni an, daß die Angeklagten ihre Diebstähle ganz systematisch ausgeführt haben; er vernrtheilte Chara zu sechs Monaten Albert Witthaupt uns Frau Witthaupt zu je einer Woche, Frau Chara wegen Hehlerei zu drei Monaten Ge- f ä n g n i tz._ Vevfsmmlnngem Die Brauer, Böttcher und Brauerci-HilfSarbeiter hielten am Sonntag im Lokale des Herrn Hoffmann sAlexanderstraße) eine öffentliche Versammlung ab, in welcher Genosse T ä t e r o w in einem beifällig aufgenommenen Vortrag über:„Die Bedeutung der Arbeiterbewcg'nng für die sozialpolitische Entwickelung" sprach.— Hierauf erstattete Richter den Bericht der am 4. November 1807 gewählten Kommission zur Regelung des Ring-Arbeitsnachweises. Betreffs der Abänderimg einzelner Paragraphen des Statuts des Arbeitsnachweises kam es allerdings zu einer Verhand- lung, welche jedoch völlig erfolglos verlief, da die Kuratoriums- Mitglieder seitens der Arbeitgeber erklärten, nicht in der Lage zu fein, bindende Antworten zu geben. Dagegen wurden durch Dr. Freund, den Vorsitzenden des Arbeitsnachweises der Ring- branereien, verschiedene, die Vizestellen betreffenoe Anträge gestellt, ioelche, obwohl auch von den Arbeitern eine Regelung in diesem Punkt gerne angestrebt worden wäre, jedoch bei seite gelassen werden mußten. Von einem prakttschen Erfolg sei also in der That bis auf den heutigen Tag durchaus noch keine Rede.� Er ersucht daher die Kollegen tüchtig zu agitiren, damit bei den ini September bevorstehenden Neuwahlen zum Kuratorium die richtigen Leute gewählt würden.— An der nun folgenden, außer- ordentlich lebhaft verlaufenden Diskussion betheiligen sich Narrotschack, Beyes, Nichter, Kilbinger, Metzner, Juuicke, Lehmann, Träger, Schüler und Täterow. Sämmtliche Redner geben drastische Beispiele von den verschiedenen Vorfällen im Arbeitsnachweis: Schiebungen seien an der Tagesordiumg. so daß der ganze Arbeitsnachweis einfach illusorisch werde und der Brauerstand hierdurch ruinirt werde. Der Krebsschaden des Arbeitsnachweises aber sei das Prozentsatzwesen in seiner augenblicklich gebräuchlichen Form; gerade in diesem Punkte sei es nothwendig, so schnell als möglich Remedur zu schaffen. Daun wird ferner dem Kuratorium der Vorwurf gemacht, daß seine Lässigkeit an den jetzigen Mißständen einzig und allein Schuld seien, wogegen sich Beyer und Kilbinger als Kuratoriums- Mitglieder seitens der Arbeitnehmer vertheid'igen. Metzner will in einer Volksversammlung die Zustände im Arbeitsnachweis der gesammten Berliner Arbeiterschaft unterbreitet wissen. Täterow ist der Ansicht, vorläufig die ganze Angelegenheit noch energisch ini Kuratorium den Arbeitgebern gegenüber zu vertreten. Schüler rathet vor allen Dingen davon ab, vorläufig die Konmiission fallen zu lassen, um sich dadurch nicht in den Augen der Unternehmer eine Blöße zu geben. In diesem Sinne äußert sich auch Richter in seinem Schlußwort. Eine im Laufe der Diskussion eingegangene Resolution gelangt nunmehr zur Annahme:„Die Brauerversammlung bedauert, daß die am 31. Oktober 1897 in öffentlicher Versammlung gewählte Kommission nicht mehr für die Allgemeinheit erreichen konnte und daß sowohl das Kuratorium wie auch der Verein der Brauereien Berlins und Umgegend den Satzungen des Arbeitsnachweises nicht stattgegeben haben. Die Ver sammlnng beauftragt die Kommission, neue Unterhandlungen herbei zuführen. Für die satzungsgcmäßen in diesem Jahre stattfinden� den Kuratoriumswahlen hat die Kommission eine rege Agitation einzuleiten, damit diesmal wahre Vertreter der Interessen der Brauerei-Arbeiter zu Kuratoriumsmitgliedeni gewählt werden."— Ein Antrag M e tz n e r' s, daß das Kiiratoriuni in Zukunft dafür Sorge zu tragen habe, daß Böttcher nicht unter dem 1894 vereinbarten Minimallohn eingestellt werden, wird gleich- falls angenommen.— Im Verschiedenen berichten Narrotschack P r e u ß und Träger über verschiedene Mängel in den Arbeits Verhältnissen und in der Arbeitsordnung; es werden hierbei bc sonders die Brauerei von d'Heureuse, Brauerei Friedrichshain, Bötzow, Patzcnhoser und Pichelsdorf namhaft gemacht. Ein Antrag Preiiß, für die Streikenden in Mannheim und Erfurt tüchtig auf de» in Umlauf gesetzten Sammellisten zu zeichnen, wird einstimmig an- genommen. Die Stiickatenre hielten am Montag eine öffentliche Vcrsamm- lung ab, in der nach einigen Erläuterungen R ö s o n e r' s Daschntt über den neuerrichteten„Streikfond"' referirte. Gemäß dem Beschlutz einer öffentlichen Versammlung am 1. August bezweckt die Gründung eines Streikfonds eine tägliche Unterstützung von 3 M. bis zur vorläufigen Dauer von 18 Tagen bei Maßregelung oder Arbeitsniederlegung infolge von Lohnaufbesserungen oder Aufrechterhaltung des bereits vereinbarten Tarifs. Aehnlich wie bei den Maurern hat ein jeder arbeitende Stnckateur eine wöchentliche Beitragsmarke a 25 Pfennig in eine vom Vertrauensmann ausgehändigte Streikkarte zu kleben, wenn er ein Anrecht auf Unterstützung erlangen will. Streikende sind gleich den gcmaßregelten und arbeitslosen Kollegen voni Bei- wag'entbunden. Gleichwie bei anderen Gewerkschaften soll der Streikfonds dazu dienen, den Kampf mit dem Unternehmerthum mit größerem Nachdruck als bisher führen zu können. Nach einer kurzen und regen Diskussion, in der Barzanti und Krebs die all- gemeine Durchführung der Beitragsleistung bezweifelten, wurde das von der Lohnkonimission ausgearbeitete Streikreglement mit allen gegen vier Stimmen in Form einer entsprechenden Resolution an- genommen. Die noch zu ernennenden Werkstatt- Delegirten haben die Streikkarten von Montag, den 12. September, abends 7 Uhr ab im Arbeitsnachweis der Stuckateure, bei S ch ü n e m a n n, Stein- straße 17 sGormannswaßcn-Ecke), mit den Beitragsmarken in Empfang zn nehmen und alles weitere zu veranlassen. In die Lohnkommission wurden als Ersatz fiir die ausgeschiedenen vier neue Mitglieder gewählt. Unter„Verschiedenem" wurden vom Ver- trauensmann D a s ch ü t t einige nachtheilige Gerüchte über einzelne auswärsige Kollegen wegen angeblicher Lohndrückereicu wider- legt und als unwahr bezeichnet. Ferner wurden die Kollegen ersucht, die Frage wegen evenweller Gründung eines eigenen Organs für die Stuckateure als Antrag für den kommenden Verbandstag zu erörtern, wo auch die Frage: ob wie Wahl von Werkstatt-Delegirten zu vollziehen und davon Anmeldung im Arbeitsnachweis zu veranlassen; gleichzeitig auch die Sammel- listen zu zeichnen und in der am Montag nach dem IS. stattfindenden Filialversammlung recht zahlreich zu erscheinen. — Landsmannschaft der Schleswig- Holsteincr. Heute, Mittwoch. „oends 8'/2 Uhr: Versammlung in Feuersteins Festsälen, Alte Jakobstr. 75. Freie Vereinianng der Badenser. Heute, abends 9 Uhr, bei Lange, Draaonerstr. lb, Versammlung. Ggidn-Lercinignng. Heute abends 8 Uhr: Geselliges Znsammensein im Königgrätzer Garten, Königgrätzerstr. 111. Briefkasten der Redaktion. Wir bitten, bei jeder Anftage eine Chiffre(zwei Buchstaben oder eine Zahl) anzugeben, unter der die Antwort ertheilt werden soll. Schriftliche Antwort wird nicht ertheilt. Tic jnristische Sprechstunde findet Montag, Dienstag»nd Donnerstag von k bis 7 Uhr abends statt. ts.®. 84 a. Auch in Stuttgart wird reichlicher Raum für Zuhörer des Kongresses vorhanden sein. Am Berichterstattertisch werden Sie nur Platz finden können, wenn Sie von einer Zeitung bcaustragt werden. H. K. Fragen Sie bei der Holz-Berufsgenoffenschast Berlin, strafie 37, an, ob Ihr Fall derselben untersteht! W.K.E., P. L. 3.5. Für Ihre Mutter gelten die wiederholt an dieser Stelle mitgetheilten Regeln über Anfertigung eines Testaments. Dieselben mögen nachstehend wiederholt lverden. Ein Testament muh im Gebiete des Allgemeinen Landrechts unterschrieben und bei Gericht niedergelegt oder zn Protokoll des Amtsgerichts erklärt sein, um gilttg zu sein. Dasselbe gilt für ein wechselseitiges Testament. Zeugen brauchen zur Auscrtigimg eines Testaments nicht zugezogen zu werden. Für ein wechselseitiges Testament ist etwa solaende Form zn empfehlen:„Wir lNamcn der Eheleute) setzen uns ein- nnoer gegenseitig und unsere Kinder(Namen), sowie diejenigen Kinder, die uns etwa noch geboren werden, mit der Maßgabe zu Erben ein, daß der Ueberlebcnde von uns die von aller Aufsicht und Rechnungslegung befreite Verwalttina unseres beiderseitigen Vermögens bis zu seinem Tode behält und berechtigt ist, unter Lebenden über die Substanz zu verfügen. Was nach dem Tode des Letztlebenden übrig bleibt, theilen die anderen Erbe» nach der gesetzlichen Erbfolge. Für den Fall einer Wiederverheirathung des Ueberlebenden hat Auseinandersetzung nach der gesetzlichen Erbfolge zu er folgen. Wer von unseren Erben unser Testament anfechten sollte, den setzen wir anfPflichttheil." Die Höhe der Kosten richtet sich nach der Höhe des Objekts. DteKosten für protokollarischeTestanientsaufgaben sind doppelt so hoch lvie die für die Annahme eines offen oder versiegelt über- gebenen Testaments. Durch Benutzung obiger Anweisung wird also die Hälfte erspart. Die Kosten für die Annahme von Testamenten be- tragen: bei einem Objett von 2— 3VV M.: 2,40 M., von 300— 4äO: 3,—, von 450-650: 3,60, von 650-900: 4,20, von 900-1200: 5-, 1200-1600: 6,-. 1600- 2100: 7,-, 2100- 2700: 8,-, 2700-3400: 9,-. 3400- 4300: 10,-, 4300- 5400; 11,-, 5400- 6700: 12,-, 6700- 8200: 13, 8200-10 000: 14,—, 10 000—12 000: 15,— ,'12 000-14 000: 16,— M. und so steigen bis 30 000 M. bei je 2000 M. mehr Objekt die Kosten um je 1 M., so daß also bei Objekten von 28—30 000 M. die Kosten 24 M. betragen. Es betragen bei Objekten von 30-35 000 M. die Kosten 26 M., bei Objekten von Z5_40()0g M. 28 M. Von da ab steigt es in der Kostentabelle bei den Objetten um je 10 000 M., bei den Kosten um je 2 M., so dah also bei Objekten von 90—100 000 M. die Gebühren 40 M. betragen. Von da ab steigen die Wertbklaffen um je 10 000 M., die Gebühren um je 1 M., so dah also z. B. die Testamentsannahme bei Wettheu von 1 990 000 bis 2 Millionen Mark 230 M. kostet. Die Kosten sind also wie durchweg in Gerichtssachen bei niederen Objetten prozentual außerordentlich viel höher als bei hohen Werthen. Wechselseittge Testamente gelten als zwei Testamente. Der Fiskus erhebt ferner ein Fünftel der angegebenen Sätze für die Aufbewahrung der Testamente. Für die Eröffnung und Aus- fcrtigung einer letztwilligen Verfügung wird so viel lvie für die Annahme erhoben. Für die Zurücknahme eines Testaments ist, falls zugleich ein anderes Testament überreicht wird, nichts, sonst die Hälfte der oben- genannten Gebühre» zu zahlen. Der einfachste und billigste Weg zur Anfertigung eines Testaments ist demnach nicht der proto- kollarische, sondern der: Sie setzen Ihren letzten Willen auf, achten dabei darauf, dah Jemand zu Erben eingesetzt und kein Pflichttheilserbe übergangen ist. Sodann unlerschreibm Sie das Testament und überreichen es offen oder versiegelt, aber persönlich dem Amtsgericht. Machen Sie ein wcchsci« seitiges Testament, so müssen beide Eheleute unterschreiben und zu Gericht gehen, — G. H. 100. Das Urtheil des Reichs-Versicherungsamtes ist nicht mehr angreifbar. Die Entscheidung desselben entspricht dem Gesetz, wiewohl der armen Vernnglückten 60 pCt. der„Bollrcnte" mit nur 1 M. 35 Pf. monatlich zugebilligt sind. Würde das Unfallverstcherungs- Gesetz nicht bc- stehen, so hätte die Verunglückte auf gruud des Haflpflichl-Äcsetzes elwa das tehnfache zu beanspruchen. Das Unfattversichcrungs-Geictz hat einen großen heil der Arbeiter geschädigt und schafft, sowohl was die„Höhe" der „Renten" wie die Art des Verfahrens anlangt, ein gegen die Arbeite: wirkendes Ansnahmerecht schlimmster Art. Dies ist wiederholt im Reichstag dargelegt und Aenderung begehrt.— iU. Z., Nummelsbnrg. Nein. Jugend hat keine Tugend. Ein durch Gerichtsnrtheit auicrlcgtcr Verweis ist eine Strafe. Ein Zeuge, der in seiner Jugend solchen Verweis erhalten hat, mühte also die Frage, ob er bestraft ist, bejahen. Indessen wird diese Frage keineswegs immer an Zeugen gerichtet. Liegt einem Zeugen daran, dah die Frage ihm nicht vorgelegt wird, so thut er gut, sich an das Gericht mit der schriftlichen Bitte zu wenden, ihm, der die und die Strafe erlitten hat, die Frage, ob er besttaft sei, nicht vorlegen zu wollen. Es ist wohl kaum ein Richter, der dann dennoch diese Frage stellt. Im allgemeinen wird ein Zenge nur befragt, ob er wegen Meineids oder mit ZnchthauS- strafe bestraft ist.— Husfiteustr. IS, 2 Streitende. Nein.—(5. 4870. Ist nur strafbar(und dann noch nicht verjähtt), wenn etwa das Äind nicht todt zur Welt gekommen ist.- Peterinann. Sie haben zu beweisen. — Freiheit. Die Sache ist nicht verjährt, Pfändung kann innerhalb: 30 Jahren seit Erlah des rechtskrästiacu Zahlungsbefehls wiederholt werden.— Wette ein Viertel. 1. Die Bestimmungen über Berjähruiigc» sind erst dieser Tage wieder ausfiihrlich an dieser Stelle wiedergegeben. 2. Ein Gesuch zur Zulassung zur Hebammen- Prüfung u. s. w. ist in Berlin an das Polizeiprästdinm zu richten. Die näheren Be- sttmmullgen über Zulassung znin Hebamnien-Beruf enthalten die Polizei- lichen Bekanntmachungen vom 6. August 1383, 16. April 1884 uno 11. Okiober 1881. Dieselben können Sie auf der Nedaktion in der juristischen Sprechstunde einsehen.— P. K. 24. 1. Das ist bei der bestcheudeii dem Arbeiter immer ungünstiger werdenden Rcchtsprechnng des Reichs-Verstche- rungsamts möglich. 2. Legen Sie gegen die Aufforderung, sich in die Anstalt zu begeben, Berufung beim Schiedsgericht ei».— — C. B. 1. Solch' Antrag ist nicht an die Staatsanwaltschaft, sondern an das Gericht zu richten. Zumeist wird er abgelehnt.— G. L. 10. Sie können Strafanttag an die Staatsanwaltschaft richten. Es ist ziveckmäbig, vor Einreichung desselben in der Sprechstunde vorziisprechc».— B. M. In fiinf Jahren.— Lichters. K. B. 1. Nein. 2. Die Kasse hat voll die Bandage zu zahlen. 3. Die Frage, ob Krankenkassen für k ü n st- l i ch e Zähne aufzukommen haben, ist, lvie wir lviederhott eingehend an dieser Stelle dargelegt haben, streitig.'Nach S 6 des Krankenversichcrungs- Gesetzes sind zu gewähren: freie ärztliche Behandlung, Arznei, sowie Brillen, Bruchbänder und ähnliche Heilmittel. Zu den zum Zweck der freien Kur zu gewährenden Leistungen sollten also auch solche Heilmittel gerechnet werden, oie wie die beispielsweise benaiinten Brillen und Bruchbänder mit der Kraulen- behandlung in unmittelbarem Zusammenhang stehen und zur Sicherung des ErsolgeS der Kur nothwendig sind. Danach würden nach Wortlaut und Absicht des§ 6 künstliche, zwecks Vermeidung schlechter Verdauung und zwecks Heilung von der Vorbeuge von Magcnlranlheitcn u. s. w. verschriebene ahiigcbissc zu den von der Kasse zu entrichtenden Leistungen gehören. Die fraxis steht indch ans einem anderen Standpunkt. Das preußische Ober- Verwaltungsgericht hat in der Entscheidung vom 19. Dezember 1887 an- genommen, nicht alle mit der Krankcnbehandlnna in unmittelbarem Zu- sanimenhang stehenden und zur Sicherung des Erfolges der zur Knr noth- wendigen Heilmittel seien als„ähnliche" im Sinne des§ 6 anzusehen. Vielmehr seien„ähnliche" Heilmittel nur solche, die bezüglich des Kostenpunktes den Brillen und Bruchbändern ähnlich sind. Es sei daher von Fall zu Fall unter Berücksichtigung deS Kostenpnnttes eine Entscheidung zu tresscn. Diesem oberverwaltungsgerichtlicheu Jrrthum sind einige Gerichte gefolgt. Eine einheit- lichc Praxis besteht nicht. Das Reichsgericht hat solche Klage»och nicht cnt- schieden und wird auch schwerlich zn einer Entscheidung Gelegenheit haben. — H. B., Greisswald. Für Preußen ist das Pfandleih- ewerbe durch das Gesetz vom 17. März 1881 geregelt. Oie wesentlichsten Bestimmungen dieses Gesetzes sind folgende: Der Pfand- leiher darf sich an Zinsen nicht mehr ausbedingen oder zahlen lassen, als 2 Pf. für jeden Monat und jede Mark von Darlehnsbeträgen bis zu 30 M.. und 1 Pf. kür jeden Monat und jede den Betrag von 30 M. übersteigende Mark. Es darf jedoch der Pfandleiher ausbedingen, dah Zinsen mindestens für 2 Monate gezahlt werden müssen. Die Fälligkeit des von einem Pfandleiher gegebenen Darlehns tritt nicht vor Ablauf von 6 Monaten seit dessen Singabc ein. Der Pfandleiher muh in sein P f a n d b u ch eintragen: Datum deS Darlehnsgeichäfts, Bor- und Zuname des Berpsänders, Betrag des DarlchnS und der Zinlcn, Bezeichnung des Pfandes, Zeit der Fälligkeit des DarlehnS. Eine Abschrift dieier Eintragungen muh der dem Darlehns- nehmer zn übergebende Pfandschein enthalten; falls Pfandbuch und Pfandschein nicht übcreinstinnnen, gilt der dem Verpfänder günstigere, dem Pfandleiher nachtheiligere Inhalt. Der Verpfänder ist berechtigt, das Pfand jederzeit bis zum Abschlüsse des Verkaufs einzulösen. Der Pfandleiher ist berechtigt, das Pfand zum Zwecke der Besriedignng ivcgen seiner Forde- rung an Kapital und Zinsen nach eingetretener Fälligkeit in öffentlicher Anklion ohne vorausgegangene Klage verkaufen zu lassen. Nach erfolgtem Verkauf des Pfandes hat der Psandleiher den für den Verpfänder nach Abzug der Pfandschnld und der Versteigcningskosten etwa verbliebenen Ueberichuh deö Erlöses an den Verpfänder zu zahlen oder für denselben innerhalb längstens 14 Tagen bei der Ortsarmenkaffe zu hinterlegen. BiS zum Ablauf von 3 Wochen nach der Fälligkeit des DarlehnS erfolgt di« Einlösung de? Pfandes nur gegen Rückgabe des Pfandscheins. Sind seit der Fälligkeit des Darlehns 3 Wochen verflossen, so l a n n der Verpfänder das biö dahin nick» eingelöste Pfand auch ohne Vorlegung des Pfandscheins einlösen.— Das Gesetz findet auf den Pfandleih-Gcwerbebetrieb durch den Staat keine Anwendung i indessen sind die für die staatlichen Pfandleihhäuser erlassenen Reglements ini allgemeinen mit vorstehenden Bestimmungen überein- stimmend.— M.B.l«. 2. Wann verjähren in Preußen Forde- rnngen? Mit dem Ablauf von 2 Jahren verjähren die Fordeningeu der abrittmternehmer, Kaufleute, Krämer, Künstler, Handwerker und Apotheler ir Waaren und Arbeiten. Ausgenommen von dieser kurzen Verjährung sind solche Forderungen, welche in bezug auf den Gewerbebetrieb deS Empfängers der Waare oder Arbeit entstanden sind. Diese verjähren erst in 30 Jahren. Mit dem Ablauf von 2 Jahren verjähren serner die Forderungen der Fabttlu n te rn eh m er, Kauflcutc, Krämer, Künstler und Handwerker wegen der an ihre Arbeiter gegebenen Vorschüsse, der Schul-»»d Verpflegungsanstalten für Unterhalt, Unterricht und Erziehung, der Lehrer, der Fabrikarbeiter, Handwerksgesellen, Tagelöhner nnb„anderer gemeiner Kessel- Handorbeiter" wegen rückständigen Lohnes, der Gastwirthe für Wohnung und Beköstigung. Mit dem Ablauf von 4 Jahren verjähre» die Forderungen der Kirchen, Geistlichen, Klrchenbeainten wegen der Gebühren für kirchliche Hand- lungcn, der Anwälte und Acrzle wegen ihrer Gebühren und Auslagen, der Hand- lnngögebilscn und dcS Gesindes wegen Gehalt, Lohn u. s. w,, der Lchrlierren hinsichtlich des Lehrgeldes, deS Prozehgcgners wegen Erslattung verauslagter Prozchkosten, des Fiskus aus Nachzahlung für gnrnicht oder zu wenig ge- forderter Gcrichtskosten. In 4 Jahren verjähren ferner die Rückstände für vereinbarte Zinsen, die Rückstände an Mieths- und Pachtgeldern, Pensionen, Besoldungen, Alimenten, Renten und'allen anderen zu bestimmten Zeiten wiederkehrenden Abgaben und Leistimgcn, desgleichen die Rückstände an Wage- und Pachtgeldern. Die Verjährung'beginnt bezüglich der Gebühren und Auslagen.— Wo diese kurzen Verjährungsfristen von 2 und 4 Jahren dicht Anwendung siuden, sowie für die Fälle, in denen dieFvr- ierung eingeklagt ist und eine Vcrurtheiluug stattgefunden hat, findet m allgemeinen eine B erj ä h ru n g s s ri st von 30 Iah reu Anwendung. Von den noch kürzeren alS zweijährigen Verjährungsfristen ist vor allem der Anspruch der Soldaten ans Entschädigung für durch den Dienst herbei- geführte Verletzungen hervorzuheben: solche Aniprüche müssen innerhalb 6 Monaten gerichtlich geltend gemacht werden. Für die BrrcchnuilgSart der zwei- und vierjährigen Verjährungsfristeil gilt solgenocs: die Verjähnnigs- frist beginnt rücksichtlich der in Prozessen und Untersuchungen vorkommenden Gerich tslosten und dergleichen mit dem letz ten Dezember desjenigen Jahres, in welchem der Prozeß oder die Unters uchung durch rechtskräftiges Urtiieil Entsagung oder Vergleich beendet worden ist. Bei den anderen Fordenmuen beginnt die Verjährung mit dem ans den fcstgc setzten Zahlungstag folgenden letzten Dezember, und wenn ein Zahlungstag nicht besonders festgesetzt ist, mit dem letzten Dezember desjenigeil Jahres, in welchem oie Fordeemioeli entstanden. Durch ein ausdrückliches Auer kenntniß wird die Bcrjäheuugs- ftift unterbrochen.__ Witterilitgsiibersi cht vom 0. September 1808, niorgenS 8 Nhr. Stationen Swinemde. Hamburg Bertin Wiesbaden München Wien vsi ■5 E 2= -- r S-Gt Wetter 769 TON®! I'.volkig 771 WSW I Nebel 770'NW 2|bedeckt 769> SO 770 O 769, NW 2heltcr stwoUenl 2: beb eckt öS 5« 13 13 13 16 13 14 Stationen SS " ¥ § S=1 stsi Wetter »S Haparanda■ 766 Petersburg— Cork Aberdeen Paris 763! -O 766 SSW 767 NO 2 wolkig ihlb.bcd. IHIb.bcd. iwolkeul 10 — t 21 21 18 Wetter-Prognose für Mittwoch, den 7. September 1808. Ein wenig wärmer, zeitweise nebelig, vorwiegend heiter und. trocken bei schwachen südöstlichen Winden. Berliner Wetterb u renn. Verantwortlicher Redakteur: Hugo Pvetzsch in Berlin. Für den Jnseratentheil verantwortlich: Th. Glocke in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin. J*\ Dr. 309. 15 . mm. 3. KlliM des LmW" Ktllim WlksdlÄ. Ww.tz.7.s.Mbn,8S8. Verblliilistllg!>er Tabllklll'kiitr. Offenbach, den 5. September. Am Sonntag Abend wurde hier der Vcrbandstag der Tabak- arbciter eröffnet. Zur Erledigung gelangten in dieser Sitzung nur geschäftliche Angelegenheiten. Zu Vorsitzenden werden D e ch a n d- Berlin und Vorrath- Bremen gewählt; dazu acht Schriftführer. Weiter werden die Kommysionen gewählt und sonstige Formalitäten erledigt. In der Montag Vormittag abgehaltenen Sitzung wurde zunächst die Ge,chastsordnung festgesetzt. Dann soll täglich 8 Stunden berathen und bei jeder Sitzung die Präsenzliste verlesen werden. Der Vereins- vorsttzende. Junge- Brenien, ergänzte sodann den Geschäftsbericht des Vorstandes, welcher gcdruckr vorliegt. Nach dem gedruckten Bericht wurden in der Zeit voin t. Januar 1806 bis zum 31. Dezenibcr 18!17 vereinnahmt 383 648,22 M. und verausgabt 376 440,30 M. Das Vermögen des Vereins beträgt 19 378,20 M. •vS u ng e koustatirt noch, daß die Plackereien der Polizei etwas nach- gelasten haben, dah aber neuerdings der Versuch gemacht werde, den Verein zu einem politischen zu'stempeln. Dagegen habe man den Rechtsweg beschritten, der bisher noch nicht zum gelminschen Jiefmtat geführt habe. In einer jetzt anhängigen Klage hoffe man die Frage zu einer prinzipiellen Entscheidung'zu bringen. Ein wunder Punkt sei die Streikfrage. Es müsse verhindert werden, daff Streiks proklamirt würden, ohne dah der Vorstand geprüft habe, ob derselbe auch zu rechtfertigen gewesen. Der Haupt- Öftrer, Nieder-Welland. ergänzt die vorliegende Abrechnung durch Mittheilung der Einnahmen und Ausgaben bis zum Ende Äugust. Es waren danach 11 426 M. 42 Pf. Ileberschuh vorhanden. Die Debatte über den Bericht wurde ausgesetzt, bis dcr Ausschuhvorsitzcnde seinen Bericht erstattet. Der Reichstags- Abgeordnete Heinrich Meister erstattete den Ausschutzbericht. Er konstatirte. datz der Aus- schütz in der Berichtszeit mehr als je vordem in Anspruch genommen worden Ki. Er habe im wesentlichen alle gerechten Ansprüche der Kollegen nach Besserung ihrer Lage zu befriedigen gesucht. In einem Falle bedauere er, datz der Streik zur Vereinssache gemacht wurde, es war in Goslar. Er habe befürchtet, datz der Streik vcr- lorcn gehen werde und dann die dortigen' tüchtigen Verbandsleiter gematzregclt und beseitigt werden würden. Das sei denn auch ge- schchcn. Im allgenieincn seien die Streiks dem Vereine aufgezlvungen worden. Es habe sich immer um die Vertheidigung der augeublick- lichen Lebenshaltung gedreht. Leider sehe daS'die Regierung nicht ein und betrachte, Ivie die Unternehmer. die Gewerkschaften als Streikvereine. Es gelte demgegenüber, die gcwcrkschaft- lichen Organisationen zu stärken, da sie bei der Haltung der Regierungen und des Unternehmerthums immer mehr Bedeutung erhalten. Ganz entschieden fnllch sei es von den Arbeitern, wenn sie mciuen, es genüge, sich der politischen Organisation anzuschlietzen. Jeder Arbeiter sollte seiner gewerkschaftlichen Organisation bei- treten um zu helfen, datz die Lage der Branchenangehörigen ge- bcstert, oder deren Verschlechterung verhindert ivcrde. Differenzen zwischen Ausschutz und Vorstand hat es nicht gegeben. doch mutzte der Ausschutz durch Ersetzung eines Hilfsarbeiters den Klagen des Vorstandes über die Arbeit abhelfen, was mit Erfolg gelungen sei. Bei den Arbeiten des Ausschusses sei es sehr empfindlich gewesen, datz die Lokalbeamten zu wenig oder gar- nicht das Material zu liefern für nöthig gehalten. Ohne dieses Material als Unterlage zur Bcurtheilung der Situation an den einzelnen Orten, könne der Ausschutz aber keinen Beschlutz über be- antragte Streiks fassen. Da müsse Wandel geschaffen werden. Die Situation im allgemeinen ist nicht besser geworden. Die Fabrikanten verlegen ihre Fabriken in Gegenden, wo sie billige Arbeitskräfte haben können. Dagegen sei an sich nichts zu machen, doch solle man unaufhörlich darnach trachten, auch auf diese Orte die Orgaui- sation auszudehnen, um der gefährlichen Herabdrückung der Löhne entgegenwirken zu können. Möge das gelingen, zum besten des Vereins. Die Mandats- Prüftingskominission erstattete Bericht. Es sind 63 Mandate zur Stelle. In der hierauf folgenden Diskussion der Berichte des Vorstandes und des Ausschusses traten keine besonderen Differenzen hervor. Es wurden Klagen und Vorschläge vorgetragen, um gemachte Erfahrungen zu berücksichtigen. In der Nachmittagssitzung wird beschlossen, über die Ver- Handlungen der Generalvcrsanmilung ein Protokoll in Broschüren- forni herauszugeben, ivclchcs den Mitgliedern unentgeltlich ver- abfolgt werden soll, lieber die Höhe der Diäten für Delcgirte zc. entspinnt sich eine Debatte. Es wird beschlossen, die Diäten im Verbands- statut nicht festzulegen und sie für die gegenwärtige Versammlung in gleicher Höhe wie bei der letzten in Stuttgart abgehaltenen zu zahlen. Nach längerer Debatte wird beschlossen, den bisherigen Titel„Untcrstiitzungsvcrcin deutscher Tabnkarbeitcr" unizuändern in:„Deutscher Tabakarbeiter-Verband". Der Vorsitzende machte auf die Kosten aufinerksam, welche die Titeländerung bringt, doch blieb die Versamnilung bei ihrem Beschlüsse stehen. Der§ 2 des Statuts stellt als Ziveck des Verbandes die Hebung der Lage der Berrlfsgenosscn hin. Spandau, Nord- hausen und Stuttgart verlangen, datz dafür mehr gethan werde. Erstere beiden Städte fordern besonders:„Das Augenmerk soll dabei hauptsächlich nach dem platten Lande und kleinen Städten, ge- richtet werden, wo es an geeigneten Kräften fehlt, die es verstehen, diese Punkte für sich ziveckmätzig auszunutzen." Der Antrag Stutt- garts, der bessere Pflege der Berufsstatistik fordert, wird einstimmig angenonimen. Zu dem Antrag Spandau-Nordhausen hebt Kollege Meister die Schwierigkeiten, welche die Landagitation mit sich führt, hervor. Er erachtet die Nothivendigkcit der Agitation auf dem flachen Lande als bewiesen. Es sei das die höchste Aufgabe des Ver- bandcs, ganz besonders in den die Schmutzkonkurrenz erzeugenden Orten in Süddeutschland. Der Autrag wird in Resolutionsform an- genoinmen._ Versnunnrunsen» Die Parteikonferenz für den Wahlkreis Potsdam- Osthavclland fand am Sonntag in Spandau statt. Es waren 22 Orte durch 30 Dclegirte vertreten; autzerdcm war die Branden- burgische Agitationskommission durch den Genossen D immick und die„Brandcnburgische Zeitung" durch den Redakteur H u t h vertreten. Der Kreis-Vertrauensmann Schröer erstattete zunächst seinen Geschäfts- und Kassenbericht. Letzterer erstreckte sich nur auf 3 Monate. Die Einnahme betrug hiernach einschlichlich des ftüheren Kasscnbestandcs von 239,69 M. zusammen 1157,34 M., darunter sind 356,50 M. enthalten, welche auf Listen gesammelt waren. Die Ausgabe betrug 990,94 M. und der jetzige Kasscnbestand 166,40 M. Die Parteipresse werde leider noch viel zu lvcnig gelesen, und ebenso erfüllten die Wahlvcrcine nicht ihren Zweck; die Agitationsmethode in und für die Wahlvcreine mütztc abgeändert werden. Die für die Landagitation aufgebrauchten Mittel seien nicht resultatlos gewesen, 35 pCt. aller auf dem Lande abgegebenen Stimmen seien auf unseren Kandidaten entfallen; trotzdem aber müsse in Zukunft das Hauptgewicht mehr auf die Städte des KreiseS gelegt werden. Hiernach erstattete L a u k a n t den Kassenbericht des Zcntral-Wahlkomitces, nach welchem sich die Einnahmen auf 3926,76 M. und die Ausgaben während der Wahl auf 4466,91 M. belaufen. Das sich hieraus ergebende Defizit von 540,15 M. werde zum aller» grötztcn Theil durch einen Zuschutz der Provinz-Agitationskommissiou gedeckt werden. Zum zweiten Punkt der Tagesordnung erstattete Staab-Potsdam Bericht über„Die Lehren der verflossenen Rcichstagswahl und unsere'Stellung zlw Landtagswahl".(Bericht hierüber siehe in der gestrigen Nummer unter„Preutzische Landtags- wählen".) Zu Delcgirtcn' für die Provinzial- Konferenz wurden Schröer- Spandau, Schmidt- Velten und Wegen er- Ketzin, zum Delegirten für den Parteitag: S t a a b- Potsdam und als Ersatzmann Schröer gewählt. Letzterer wurde auch zum Kreis- Vertrauensmann einstimmig wieder ernannt. Der Verband der in Buchbindereien, der Papier- und Leder- Galanterielvaaren-Jndustrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen Deutfchlands(Zahlstelle Berlin) hielt am Montag eine Mitglieder- Versammlung bei Feuerstein, Alte Jakobstratze, ab. Vor Eintritt in die Tagesordnung machte der Vorsitzende auf die am 13. d. M. stattfindende Delegirten- Versammlung der Ortskrankenkasse auf- mcrrsam. Hierauf rcferirte P. Lorenz über die geplante Ein- führung eines einheitlichen Minimaltarifs für die Vuchbinderbranche, wobei er an die bisher erfolglosen Unternehmungen der Tarif- kommission erinnerte und auf die autzcrordentliche Unglcichmätzigkeit der Akkordpreise für die einzelnen Artikel in den verschiedenen Werk stellen verwies. Es gelangte schließlich ein Antrag zur Annahme, wonach von den Vertrauensmänncru Werkstellen-Sitzungen einberufen werden sollen, in denen ein Mitglied der Tarifkommission anwesend sein wird, um die Kollegen für die Tarifsache zu intercssiren. Unter Verschiedenem wurden die Mitglieder ersucht, jeden Wohnungswechsel derVerwaltung umgehend anzuzeigen, und hierauf bekannt gemacht, datz eine Agitationsbroschüre herausgegeben wird und besonders dieVerbrei- tung derselben unter den Indifferenten erwünscht ist. Für die aus- gesperrten Berufsgenossen in Christiania bewilligte die Versammlung eine weitere Unterstützung im Betrage von 100 M. Gleichzeitig wurde beschlossen, dem tzauptvorstande zu empfehlen, ebenfalls noch eine weitere Summe von 500 M. den Ausgesperrten zu überweisen. Autzerdem wurde aufgefordert, möglichst den Zuzug nach Christiania abzuhalten. Nach Erledigung einiger Werkstattangelcgeuheitcn Ivurde noch bekannt gegeben, datz am 20. d. M. im Lokale Annenstr. 16 eine wichtige Versammlung für die Lcdcrwaaren-Branche stattfindet. Sonaldemokratischer Mahlverem für den 2. Berliner Reichslngs-Mtihldreis. Mittwoch, den 7. September, abends 8V3 Uhr: Oeffenkl. WevlnnrttrluttS im Lokale des Herrn Zühlkc, Tennewihstr. 1». Tages-Ordnulig: 1.„Die Zlgrarier, die Börse und die Reichsbant." Referent: »e..Alft-ed Bernstein. 2. Dislussioii. 3. Vereinsaiigelegenheiten. 238/16* Büste haben Zutritt. Iber Verstand. Zümmerei' Votlittki und Mtuaegend. Bennerstag;, den 8. September, abends 8 Uhr, in Cohns F e st s ä l e tt, Beuthstrasze Nr. Sv: Versammlung Tagesordnung: X. Bericht über die stattgefundenen Platzsperren und nochmalige Stellmignahine zu denjenigen Baufirmen, welche den Mininiallohit noch nicht bezahlen. 2. Verschiedenes. Zu dieser Versammlung sind sämnitlickie Zimmerer eingeladen und ist es Pflicht der Kameraden, für rege Agitation Sarge zu tragen. Ganz besonders machen wir aber diejenigen Kameraden, welche bei Unter- nehmern zu Klaflenlöhnen arbeiten, aus die Tagesordnung aufmerksam und erwarten zahlreiche Belheiligung. 256/14 Die ll-elinlreinniissien. Fernsprecher t Amt IV. 447. Gnsegnungs-Anziige Achtung! Maurer. MWder-Ul'rsllttlmlMMtt d. filmlf Ii Berlin des Zeutralverbattdes deiltscher Wiaurer. Mittwoch, den 7. September: Für den Wcdding bei Berjxenmn». Posewalkerstroste 3. Donnerstag, de» H. September: Für Orauicubiirgcr Borstadt bei Veumann, Brnniicnstr. 150. Für Weste» im Lokal ItiiniksXief, Bülowstrasje 37. TagcS-Ordnung: 1. Die Bedenlung unseres Fachorgans. 2. Neuregnlirung der Der- breitung des GruudstelN. 136/16 Zahlreichen Besuch erwartet Die Lokalverwaltung. Acht»«»: Kupferschmiede Uounabcnd, dc» Iv. September, abends 8�/- Uhr: Große öffentliche Versammlung Berlins. Tagesordnung: 1. Unsere diesjährige Lohnbewegung und die jetzigen LohnverhälMifle. 2, Die Lohnstatistik für die Provinz Brandenburg. 3. Stellungnahme zum Jmiuiigsgcsctz. 4. Verschiedenes. 99/16 Um zahlreiches und pünktliches Erscheinen ersucht Her Blnbernfer. 3 öffentliche Vertrüge (fiir Kranke jeder Art sehr wichtig) über: Die Ernährung, Entstehung und Heilung der Krankheiten ohne Blutkreislauf. Mittwoch, den 7. Septbr., Brunueustr. 188. Donnerstag, 8. September, Brauerei Moabit, Thnrniftr. 25/26. Freitag. 9. Sept., Niest's Saal. Weberstr. 17. Die Vorträge beginnen abends 8:/, Uhr und werden am lcbcndgrostcn künstl. Menschen vom Natur- heilkundigen lirunämann erklärt. Gäste, Frauen und Männer ivillk. Eintritt 20 Pf. ver klaturbellversln, Alexanderstr. 8. Sprechz. 11—1, 6—7. in glatten Kammgarn-, Satin-, Diagonal- und Tuch- 1 9—97 ffl? stoffen, 1- und 2reihig.......... Irv ivl.91, MCphlllmaicfaP Schneider- Dresdenersir. 4 am Kottb. Th. »(JvIIUllllClölvl, melster, Hanptstr. 143, Schöneberg, | Bitte genau auf die Firma zu achten. 8wr Einsegnungs-Anzüge Die Arbeiter und Arbeiterinnen, insbesondere die in Pappen- fabriken und Lumpensortier-Aiistaltelr beschäftigten, hielten am Montag im Kolberoer Salon, Kolbergerstratze 23, eine öffentliche Bersamm- limg ab, m der die Genossin Frau Greifenberg über die elenden Lohn- und Arbeitsverhältiiisse der in den oben erwähnten Betriebsarten beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen referirte. In treffender Weise entwickelte die Referentin. wie die besitzende Klaffe die Arbeiterschaft nicht nur wirthschafilich durch Zahlung niedriger Löhne und übermätzige Ausdehnung der Arbeits- zeit'schädige, sondern auch durch Fortlassen von„Schutz- Vorrichtungen und durch Benutzung ungenügender Naumlich- leiten zu Werkstätten die Gesundheit der Arbeiter untergrabe. Man habe zwar Fabrikinspektoren eingeführt, aber noch immer nicht den berechtigten Forderungen nach weiblichen Fabrikinspektoren nach- gegeben, da man daiin wohl sicher sein könnte, dah Zustände, wie solche gerade in den Pappen- und Luiiipenfabrlken vorkamen, bald aus der Welt geschafft werden dürften. Nach den von der Referent, n eiiigezogeiien Recherchen wird z, B. in der Pappenfabrik von„Kraft und Kunst" bei elfstiindiger Arbeitszeit den Männern ein Wochen- lohn von 12 M.. den Frauen von 8,50 M, gezahlt; m derselben Fabrik muffen die Lumpensäcke von den Arbeiterinnen selbst nach dem Arbeitsplatz geschafft werden. Ferner wurde mitgetheilt, datz die Gewichte von der Polizei beschlagnahmt worden stnd. In anderen Fabriken werden die Lumpen aus der Charitee angekanft. und das Geschäft der Arbeiteriniien ist es dann, die mit Eiter und Krankherts- stoffen durchsetzten Sachen zu sortiren. Handgreiflichkeiten seiteiis der Vorgesetzten seien fast überall an der Tagesordnung; deshalb könne sie, die Referentin. den Arbeiterinnen nur den einen Rath geben, sich zu organisiren, um geschlossen gegen derartige himmelschreiende Mitzstände vorgehen zu können.�—-m der Diskussion betheiligen sich Schumann, D r e tz und Sachmann. Sämmtliche Redner bringen noch weitere Mrtz- stände ans Licht und fordern die Anwesenden auf, ja nicht etwa aus Angst derartige Zustände zu vertuschen denn nur die Oeffentlichkeit und ein energisches Vorgehen könne hier eine Aenderung schaffen, Besonders häufig genannt iverden die von der Referentin bereits erwähnten Firmen, sowie Wiganko u. Co,(Pankftratze). Von den vielen angeführten Fällen sei hier nur noch erwähnt, dah be, Wigauko'iChausseestratze) sich im Sortirraum der antzerordeut- lich schädliche Dämpfe entwickelnde Strohkocher, sowre ein Kloset befinde, bei dem weder Thür noch Wasserspülliug vor- Händen wäre. Hierauf nimmt Frau Greifenberg das Schlutz- ivort, indem sie nochmals zur Organisation auffordert und sich er- bietet, falls irgendwo Mitzstände vorliegen, und man ihr davon schriebe, sie persönlich in die Wohnungen der Arbeiterinnen kommen würde, inn eingehende Informationen einzuziehen. Im Verschiedenen theilt Schi, m ann mit, das; am 15. d. M. im Äolberger Salon eine Mitgliederversammlung stattfindet, aiif deren Tagesordnung der Bericht vom letzten Verban'dstag stehen wird. I» einer Textilarbeiter- Versammlung, die am Montag in Stechert's Saal tagte, hielt Albin Reichelt ans Burgstädt einen beisällig aufgenommenen Vortrag, in welchem er die traurige Lage der Arbeiter'und Arbeiterinnen der Textilindustrie schilderte und zu dem Schlutz kam, dah die gewerkschaftliche Organisatioi, ein wirk- smnes Mittel gegen die Uebermacht des Unternehmerthums sei. In, folgenden Punkte der Tagesordnung wurden die Ver- hältnisie bei der Firma Felix Lands besprochen. Ein Ver- treter der Firma war eingeladen, aber nicht erschienen. Mehrere Redner führten aus. die Finna Lands habe, was Lohn- und Arbeits- Verhältnisse anbetreffe, früher zu den besten gehört,_ in letzter Zeit habe sich aber die Sachlage zu Ungunsten der Arbeiter verschoben. Im allgemeinen solle der Arbeiter jetzt für den gleichen Lohn mehr leisten wie früher, und wenn die Geschäftsleitung über den Akkord- lohn eines Artikels mit den Arbeitern nicht einig werde, dann würden die weiblichen Arbeitskräfte als Lohndrückerinnen benutzt, so datz den männlichen Arbeitern schliehlich nichts weiter übrig bleibe. als dem Druck nachzugeben. Das Verhalten der Firma den Arbeitern gegenüber werde durch den Umstand wesentlich erleichtert, datz die Arbeiterinnen grötztentheils der Organisation fernstehen, weshalb eine Verständigung zwischen diesen und ihren männlichen Kollegen sehr erschivert werde. Nach längerer Aussprache nahm die Bersamm- lung eine Resolution an, in der es heitzt, die Zustände in der Laiids'schen Fabrik können als humane nicht bezeichnet werden. Hierauf wurde über die Entlassung eines Arbeiters der Firma Baader diskutirt und beschloffen: Die Entlassung des Kollegen Köhler aus der Teppichfabrik von Baader ist ungerechtfertigt, dem- selben wird daher, als einem Gematzregelten, Unterstützung zu- gebilligt._ I Hanfe! Händlerinnen! Hausirer! 8 iWltiiche UtchimiiluWt«: 1. Blttwoch. den 7. September, abends 8 Uhr, Im Kolberger Salon, Kolbergerstr. S3. 2. Freitag, S». September, abends H Uhr, In Krieger'« Festsülon, Wasserthorstr.<18. 3. Sonntag, den 11. September, vormittag« 11 Uhr. Im.Englischen Oarten, Alexanderstrasse 27c. Tagesordnung in allen Versammlungen: 1. Die gänzliche Beseitigung deS Straßenhandels und welche Schritte gedenken wir dagegen zu thun? 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Kollegen imo Kolleginnen! Bei der Wichtigkeit dieser Versammlungen ist es Pflicht eines Jeden, pünktlich zu erscheinen. 88/6 Die Zlgitationökoiiiinission. J. A.: Karl PI»w«, Kl. MarkuSstr. 4a. auf Theilzahl. Oranienstr.lSl. 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Hierauf: Austreten des ersten, deutschen Verwandlungsschauspiclers t. ingeloli"> Eiitdeckt! (4 Personen, dargestellt v. A.Angelotl.) Zum Schlnsse: Slnfonla Cosmopollta, musikalischer Scherz von A. Angslotl. Morgen: Dieselbe Vorstellung Metropol- Theater. Behrenstr. 55-57. Direktor: Rieh. Schultz. Theater- Telephon Amt I. Nr. 378. Kaffe-Telephon Amt I. 2128. Novität. Zum 5. Male: Novität. M Paradies der Frauen. Gr. AuSstattnngsposse mit Gesang u. Tanz in 0 Bildern nach Blum u. Toche's „Madame Satan" von Jul. Freund, Musik von Jul. EinödShofer u. Bertr. Sänger. In Szene gefetzt vom Dir. Richard Schultz. Der choreographische Theil v.BaNetineister Lonis Gundlach. Im 2. Bilde: Ballet u. Die Moden deS Jahrhunderts.(00 Damen.) Im 0. Bilde: Eva's Bermächtniss, großes Balictbild mit Apotheose (80 Damen). Preise der Plätze: Orchesterfanteuil 4,50 M., Parketsanteuil 3 M., Parket 2 M., Promcnoire 1,50 M. Bon 9 Uhr ab 1 M. Anfang der Vorstellung V-� Uhr. Ende 11 Uhr. Morgen und folgende Tage: Das Paradies der Frauen. Restaurants unter Leitung des Hoflieferanten L. Schaurts. Konzert der Tscherlcessen- Kapolle Petrow. Wild-iM'l Weiß- Theater. Gr. Fraiikfnrtcrstr. 13». Zum 1. Male: Lcklimt? sei. Wwe. GesangSburleske in 3 Alten v. O. Haneld. Bearbeitet von I. Dill. Musik von G. Stessens. Htqr Anfang 7V, Uhr. Bei günstiger Witterung im Garten Arei-Konzert. Anfang O'A Uhr. Morgen: Dieselbe Vorstellung. Feen-Palast- Theater Burgstr. 22. Burgstr. 22. Direktion: Winkler und Fröbel. Wicderliolnng der Gr. Fest-Vorstellung im neu renovirten Riesen- Theater. Auftreten deS neu cugagirten Kiiezlalltiitcn- und Schanfpiel-Personals. Gr. erfolgreiches Programm. Zivil' ä«F- ZI eu! Stiirnitschcr Beifall. 's ist unheimlich! Original-Burleske mit Gesang. Hauptrollen: N. Winkler u. Will). Fröbel. Ans. 7V2 Uhr, Sonnt. 8 Uhr. Entree 50 Pfg. Billet-Borverkauf vormittags von 11-1 Uhr. Volks- Theater im Welt Nestaurant Dresdener- Strasse 07. 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