Nr. SM. Kbomttmtnts-Kcdingungen: ÄbonnemenlS-PretZ pränumerando: «Zierteljährl� SL0 Mk., monatl. l.ioMl-, wöchenlltch W Psg. frei tnZ HauZ. Einzelne Nummer S Pfg. EonntagS» Nummer mit tllustrirter Sonntag«- Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 3,30 Marl pro Quartal. Eingetragen in der Post- Zeitung«- Preisliste für ISS» unter Dr. 7S7S. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für da» übrige«utland 3 Marl pro Monat. 13. Jahrg. Die Jnstrtwns- Gebühr deträgt für die sechsgespaltene Kolonei'« zeile oder deren Raum«0 Psg., sür verein«- und VersammlungS-Anzeigen. sowie ArbeitSmarlt 20 Psg. Inserate sür die nächste Nuinmer müssen bi« t Uhr nachmittags in der Srpedltioi, abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochentagen bi« 7 Uhr abend«, an Sonn- und Festtagen bi» g Uhr vormittag« geössnet. Srschriuk täglich allster»onkag«. Vevliner Volksblakk. Fernsprecher: Sink l, Dr. IVOS. Telegramm-Adresse: „«»llaldemokrak»erlitt». Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Redaktion: SW. 19, Beulh-Strahe 2. Expedition: SW. 19. Beuth-Stratze 3. Die amerikanischen Wahlen. In den Vereinigten Staaten ist die Wahlbewegung wieder im vollen Gange. Dort herrscht bekanntlich das Zweikammer- system. Die Gcsammt- Volksvertretung, der Kongreß, besteht aus dem Senat, der indirekt durch die Vertreter der Einzelstaaten, und aus dem Repräsentantenhaus, das direkt durch das Volk gewählt wird. Die meisten Einzel staaten wählen Anfang November ihre eigenen Legislaturen, denen wiederum die Wahlen der Bundes- Senatoren im Winter obliegen werden— bekanntlich scheidet alle zwei Jahre ein Drittel der Mitglieder aus der ersten Bundeskammer— dem Senat— aus. Vor allem jedoch gilt es, ein neues Repräsentanten- Haus(Volkshaus) nach Washington zu entsenden. Hier werden die Erwartungen mit jedem Tag gespannter. Auf die Einzelstaats- Wahlen sind, wie bei unseren Landtags- Wahlen ja auch, vielfach örtliche Verhältnisse, lokale Sonderwünsche, Zwistigkeiten oft recht kleinlicher Art von stärkerem Einfluß wie die großen traditionellen Parteigegensätze der Union. Für die Bundesvertretung jedoch sind die alten Parteibildungen nach wie vor ausschlaggebend. Mit welchen parlamentarischen Majoritäten wird Mac Kinley während der zweiten Hälfte seiner Präsidentschaft zu rechnen haben? Was den neuen Senat anbelangt, so vermuthet man von ihm nirgends besondere Schwierigkeiten für die republi- kanische Regierung. Er kann für Mac Kinley nur besser, kaum schlechter werden. Denn bisherhatten die„Silberiten" in ihm einige Stimmen Uebergewicht; etwa ein halbes Dutzend seiner republikanischen Mitglieder liebäugelten mit den Geld- vcrwässerern; die Populisten(Farmerparteiler) thaten des- gleichen, und die beiden demokratischen Senatoren, die für „gesundes Geld"(sound money) eintraten, genügten nicht, um im vorigen Jahre die Währungsreform durchsetzen zu können, die der Schatzsekretär Mr. Gage, ein erfahrener Bankier, Plante. Werden auch nur einige dieser unzuverlässigen Republikaner durch republikanische Goldfrcunde ersetzt, so wäre die Politik Mac Kinley's, wenigstens auf dem Währungsgebiet, lediglich erleichtert. Sonst ist der Senat in den nächsten zwei Jahren kaum zu fürchten, da, wie gesagt, zwei Drittel seines Be- standes erhalten bleiben. Anders mit dem Repräsentantenhause', obwohl hier die meisten amerikanischen Präsidenten für die letzten zwei Jahre ihrer Amtsführung mit gegnerischen Mehrheiten rechnen mußten und dies auch meist ganz gut verstanden. 1874, mitten im zweiten Regime Grant, ging eine demokratische Fluthwelle über das Land, die auch das„Haus" beherrschte; und ähn- lich erging es der nächsten Administration, als Vize-Präsident Arthur dem ermordeten Garfield gefolgt war. Das Haus, das 1884 mit dem Präsidenten Cleveland, im Anfang seiner ersten Präsidentschaft, gewählt worden war, hatte eine demo- kratische Mehrheit von 41 Stimmen, die im zweiten Kon- greß auf kaum ein Dutzend verkürzt wurde. Präsident Harrison hatte nach seinem Siege von 1888 22 Stimmen republikanische Mehrheit, damit gelangte der Mac Kinley-Tarif zur Annahme, der am 1. Oktober 1890 in kraft trat. Die November-Wahlcn brachten wieder eine ungeheure demokratische Majorität von 141 Stimmen. 1892 wurde dann Cleveland zum zweiten Male an die Spitze des Reiches berufen; er verfügte über ein Uebergewicht von 82 demokratischen Stimmen. Die geringen Tarifermäßigungen, eine unbeliebte Steuerreform verschafften plötzlich den Republikanern mit 132 Stimmen Oberwasser im Repräsentantenhause: eigene Parteigenossen wurden Cleveland in der zweiten Hälfte seiner Regierung untreu. Als � endlich im Jahre 1896 Mac Kinley als Präsident jauS dem Parteikampfe hervorging, sah er gleichzeitig eine republikanische Mehrheit von 47 Stimmen an seine Seite gestellt; das letzte Haus bestand aus 202 Republikanern, 125 Demokraten und 39 Popu- listen und Silberiten. Wird der Umschlag gegen die republi- kanischen Wahlen von 1894 und 1896 auch diesmal in üblicher Weise sich vollziehen? Man sollte es nach so dielen, wiederholten Erfahrungen für das Wahrscheinlichste halten. Jndeß ist der Glaube daran diesmal weniger stark als sonst unter ähnlichen Umständen. Zwar hat die republikanische Verwaltung reichlich und über- reichlich Stoff zu den heftigsten Angriffen geboten, und ein amerikanischer Wahlkampf ist nicht dazu geeignet, gegen einen Widersacher Großmuth und Verzeihung üben zu lassen: das elende Schacheriuachei-Treiben bei der Schaffung des Dingley-Zollgesetzes ist noch immer unvergessen, die Rolle der Trusts und Korporationen bei den Zollberathungen fordert noch heute den Ingrimm der bäuerlich- kleinbürgerlichen Ehr- barkcit und Hilflosigkeit heraus. An der Anneeverwaltung, besonders an der Truppenverpflegung und dem Krankendienst hat man kein gutes Haar gelassen, sodaß jetzt eine hochnoth- peinliche Untersuchungskonimission sitzt, uin die Wahrheit fest- zustellen oder zu verschleiern. Aber was bedeuten alle diese Anklagen, wenn die Regierung und die republikanische Partei für sich die wirksamste aller Empfehlungen in die Wagschale werfen kann: kriegerische Erfolge auf dem Meere und zu Laude, eine Erweitcning der Grenzen der Union, und neben dieser Befriedigung der nationalen Eitelkeit und Ueberhebung noch ein außergewöhn- liches wirthschaftliches Gedeihen, das die Opposition der Massen einschläfert und abstumpft? Die verblüffende, für die europäische Finanzwelt geradezu erschreckende Kraft des Bryanismus von 1896 wurzelte in der agrarischen Roth des Westens und Südens: der Getreide- und Baumwollgebiete. Seit 1893 war hier die Krisis nicht ge- wichen. General Coxey's Zug der Arbeitslosen nahm hier seinen Ausgangspunkt so gut wie das jähe Anschwellen der populistischen Bewegung und des Silberfanatismus. Von vierzehn Millionen Stimmen hatte Bryan 1896 sechs bis sieben Millionen gewinnen können. Doch 1897 trat der Umschwung ein; nach langen Jahren der Hoffnungs- losigkeit wirkte er um so nachdrücklicher. Die Ernte war gut; vor allem jedoch, die Preise waren ausgezeichnet. In Indien wüthete Hungersnoth und Pest; in Europa war die Ernte mißrathen. Die alte goldene Zeit der ersten achtziger Jahre schien für den amerikanischen Farmer zurückgekehrt. Er lebte auf, er zahlte Schulden ab. Das folgende Jahr ließ sich eher noch besser an. M-chr und mehr verrannen die Wellen der alten Aufregung und Empörung. Der Zweifel an den früher so gern geglaubten politischen Dogmen mußte sich rühren, wenn die Preise stetig stiegen, während das Silber ebenso hartnäckig weiter fiel. Manche der letzten demokratischen Parteitage haben unter solchen Verhältnissen ganz von der Silberagitation abzusehen beschlossen. Dieser Frontwechsel, diese Unschlüssigkeit wirkt natürlich erst recht nicht anfeuernd auf die Gefolgschaft. Parteien können am Ende nicht umhin, sich zu mausern; aber sie müssen wünschen, daß keine entscheidende politische Kräfte- Messung in die Zeit ihrer Mauserung falle; sie sind einem Kampf auf Leben und Tod dann am wenigsten gewachsen. Der Wahlgang kommt so im Augenblick den Demokraten im höchsten Grade ungelegen, den Republikanern mit ihren Er- oberungen und Erfolgen dagegen wie gerufen. So sehr wir Deutschen es daher auch wünschen müßten, so wenig wahrscheinlich ist es, daß die Partei des Hochschutz- zolles in den Vereinigten Staaten in nächster Zeit eine ent- scheidende Niederlage erleiden wird. politische Mvbeestchk. Berlin, den 1. November. Eine Zentralstelle für Ueberwachnng des Anarchismus befürwortet ein politisches Polizeigenie heute in der„Kölnischen Zeitung". Die Ueberwachung muß international und zen- tralisirt werden, und für die Zentralstelle eigne sich am besten London, Paris oder Berlin. Da die Engländer und Franzosen für Obst danken werden, so bleibt einzig Berlin, an das der Verfasser natürlich auch gedacht hat, so daß sein Arttkel im Grund eine orstio pro domo— Rede für das eigene Heim— ist. Denn am Alexanderplatz wohnt der Mann jedenfalls. Eigentlich paffe die Schweiz am besten, indeß dort habe hie Polizei nicht Macht genug. Tiefsinnig bemerkt der Ver- fasser, daß der Staat, der das Zentralbureau in seiner Mitte habe, sich eine schwere Verantwortlichkeit auflade. Nim, die liebe Polizei ist noch nie vor einer Verantwortlichkeit zurück- geschreckt. Und— da fällt uns ein: haben wir denn nicht schon ein solches Zentralbureau? Ja ver- schiedene, die zusammen jedoch nur eins bilden. Freilich, sie sind geheim. In L o n d o n z. B. laufen in den Händen des Herrn Melville alle internationalen Polizeifäden zu- sammen. Am Alexanderplatz gicbt es ein ähnliches Bureau, zu- nächst für ganz Deutschland, dann aber auch für die ausländischen Staaten. Desgleichen in Paris und Wien zc. Kurz, die Polizei ist schon längst international organi- s i r t. Der„Kölnische Zeitungs"- Mann ist also mit seiner „Idee" um etliche Posttage zu spät gekommen.— Um das Schi est cn des Militärs auf den Straften endlich zu beseitigen, macht die„National-Zeituug" einen Vorschlag, der allerdings geeignet wäre, in dieser Beziehung Wandel zu schaffen. Sie knüpft an den von uns gestern mit- getheilten Fall in Posen an und meint, da die Militär- Verwaltung trotz aller Vorstellungen der Schießerei nicht frei- willig ein Ende machen wolle, so werde man sie dazu nöthigen müssen. In der letzten Reichstags-Session sind die an sich als begründet anerkannten Gehaltserhöhungen für mehrere Staatssekretäre auf so lange abgelehnt worden, bis die Besoldungsverbesserungen für gewisse Unter- beamte auf den Etat gebracht würden. Das nationalliberale Organ schlägt nun vor, im Militäretat fortan jede Ge- Haltserhöhung zu verweigern, bis eine Instruktion unzweideutig das Schießen auf Flüchtlinge verbietet. Das Schießen in den Straßen ist ohne Zweifel von den vielen Auswüchsen, die der heutige Militarismus zeitigt, einer der bösartigsten und es wird in der That Zeit, daß mit ihm aufgeräumt wird. Der Vorschlag ist also sehr ver- nünftig und würde, wenn er im Reichstage zu Anträgen sich verdichtete, wohl sicher die Unterstützung unserer Abgeordneten finden; wir bezweifeln nur, daß die nationalliberalcn Ab- geordneten Rückgrat genug besitzen werden. dafür einzu- treten.— Die Friedensverhandlungen. Eine Note der„Agence Havas" besagt: In der heutigen Sitzung der Friedenskoninnssion verlangten die amerikanischen Delegirten iniNamen ihrer Regierung die voll- ständige Abtretung der Philippinen an die Per- einigten Staaten. Die spanischen Delegirten ivarcn von dieser Forderung aufS höchste überrascht. Entsprechend dem in den vorhergehenden Sitzungen gepflogenen Gebrauch beschränkten sie sich darauf, von der Forderung Akt zu nehmen und berichteten darüber sofort an ihre Regierung. Da das Friedenspräliminar- Protokoll nur eine provisorische Besetzung Manila's vorsieht, macht man sich auf energische Einsprüche der spanischen Regierung gefaßt, die in der Sitzung der Kommission am Freitag zum Ausdruck kommen dürsten. Spanien allein kann jedoch auch diesem weitgehenden Verlangen der Vereinigten Staaten nicht widerstehen. Aber sehr leicht kann es geschehen, daß auch andere Staaten, sofern die amerikanische Forderung aufrecht erhalten wird, sich einmischen. Besonders wird es sich darum handeln, ob Rußland eine so außerordentliche Verschiebung der Machtverhältnisse in Ostasien, wie sie durch die Er- füllnng der amerikanischen Forderung herbeigeführt werden würde, ruhig geschehen lassen wird.— Deutsches Reichs Von der neuesten Kaiserrede. Am Montag wurde in Jerusalem die Erlöserkirche durch den Kaiser eingelveiht. Der Telegraph über- brachte den Wortlaut der Urkunde, welche der Kaiser bei dieser Ge- legenheit verlas. Wir haben davon keine Mittheilnng gemacht, da ivir die mannigfaltigen Veranstaltungen der Palästinafahrt, mögen sie sich in weltlicher Pnmkhaftigkeit oder mögen sie sich in frommem Ueberschwang abspielen, nicht alles politisch bedeutsam ansehen. Nun aber müssen wir wegen eines interessanten UmstandeS auf jene Ur- künde einen Augenblick zurückkommen. Der in Berlin festgestellte und von hier nachJerusalem mitgenommeneTextder Urkundeist nämlich schon am Montag Mittag in dem Hauptorgan der österreichischen Sozial- demokratie,' der„Wiener Arbeiterzeitung" wortgetreu veröffentlicht worden. Die deutschen bürgerlichen Blätter lamentiren natürlich gar wüthia über die begangene„Indiskretion". Vielleicht werden sie dem Kaiser rathen, seine Urkunden künftig ebenso>vie seine Reden aus dem Stegreif vorzutragen, damit sozialdemokratische Blätter sie nicht vor der Zeit der staunenden Mitwelt vorsetzen können. Oder können sich die bürgerlichen Blätter seit Oeynhausen auch nicht mehr für Stcgreifreden begeistern?— Das Allgemeine Landrccht Theil II Titel 17 Z 10 scheint jetzt allgemein zur Verhinderung anarchistischer Zusammenkünfte ver- wendet'werden zu sollen. Es wird uns mitgctheilt, daß der be- kannte Amtsvorstehcr von Adlershof, v. Oppen, eine auf den 30. Oktober einberufene Vcrcinsversammlnng des dort bestehenden kleinen Diskutirklubs anarchistischer Richtung ebenso unter Hinweis auf das Allgemeine Landrecht II 17, 10 verboten hat, wie der Berliner Polizeipräsident die Tonhallen-Versammlung untersagte. Das Verbot des Herrn von Oppen halten wir natürlich gleichfalls für objektiv ungesetzlich. Bei dieser Gelegenheit weisen wir einige Aeußerungen gegnerischer Blätter gegen unseren Leitartikel vom letzten Sonntag zurück. Die „Deutsche Tageszeitung" sagt: „Der„Vorwärts" regt sich gewaltig über das Verbot der Anarchistenversammlung auf und beweist dadurch, daß ihm der so oft verleugnende Bruder doch sehr nahe steht." Die„Deutsche Tageszeitung" kann sich offenbar nicht vorstellen, daß man auch dann' für Recht und Gesetz eintreten kann, wenn eine andere Partei oder Richtung bedrückt lvird. Die Auslassung des Blattes charakterisirt also nur die bornirte agrarische Selbstsucht, welche alle Rechte für sich begehrt, sie aber anderen brutal ver- weigert. Weiter. Nach den„Berliner Politischen Nach- richten" soll unser erwähnter Leitartikel einen Beweis dafür er- bringen, „wie wenig die Sozialdemokratie Gesetz und Recht achtet, soweit sie darin ein Hindernitz für ihre Propaganda erblickt." Diese angebliche Nichtachtung von Gesetz und Recht findet das Schweinburg-Neptil darin, daß wir gesagt hatten, die Billigung einer Ausnutzung' des Allg. Landrechts zu Versammlungsverboten durch das Ober-VerwaltungSgericht— sofern eine solche Billigung wirklich einmal ausgesprochen ist— sei uns gänzlich schnuppe. Wollen etwa die„Berliner Politischen Nachrichten" das Ober- Verwaltungs- gericht als unfehlbar hinstellen? Weiß das Blatt nicht, daß die Rechtsanffassung eines Senats durch die eines anderen beseitigt lvcrdcn kann? Gerade weil wir Gesetz und Recht zur allgemeinen Achtung bringen wollen, mußten ivir gegen offenbar unrichtige Gesetzesauslegungen Protest erheben. Dagegen haben die Herren von den„Berl. Pol. Nachr." so wenig Achtung vor Geictz und Recht, daß sie jeder, auch der gezwungensten und dem Geist des Gesetzes widersprechenden Gesetzes- auslegung zujubeln, sofern dadurch ihre politisch-reaktionären Interessen Förderung finden.— Im Zeitalter deö Verkehrs. Der Londoner Berichterstatter des„Manchester Guardian" erführt aus bester Quelle, daß der nordamerikanische Gcneralpostmeister in seinem bevorstehenden Jahresberichte die Einführung eines Pennyportos(— S'/s Pfennig), zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten einpfehlen ivird. Man will denselben Vorschlag Deutschlands vorerst nicht machen, da man seine Geneigtheit, ihn anzu-' nehmen, für s e h r fra g I i ch hält, was sehr bezeichnend für die Meinung ist, die man im Auslande von der Neigung der deutschen Behörden zur Einführung von Verkehrserleichterungen hat.— Die arme deutsche Industrie kann trotz der Ricsengewinne der letzten Jahre die Kosten einer Versorgung der Wittwen und Waisen ihrer Arbeiter nicht tragen, so erklären hente die„Berl. Pol. Nachr.". Das ist desto merkwürdiger, als Freiherr v. Stumm im Reichstage immer für die Wittlvcu- und Waisenversorgung der Arbeiter ein-» getreten ist.— Die freie„Zentralstelle für Vorbereitung tion Handels» Verträgen" scheint nicht von besonderem Glück begünstigt zu sein, obwohl sie eine rege Pretzthätigkcit entfaltet— wobei allerdings) öfter eine Mitthcilung die andere desavouirt. Wir selber haben ihr immer nur die Bedeutung zuerkannt, daß. sie manche industriellen Strömungen und Produktionszweige, die im- allmächtigen Zentralvcrband zu sehr zurückgedrängt sind, nachdrück»' licher und eindrucksvoller vertritt, als es sonst wohl geschehen seinj würde, daß sie einem Ablenken von der Politik dew Handelsverträge viel entschiedener widerstrebt. Mit einer Frei»' Handels- Bewegung hat sie indeß, wie ihre Aeußerungen. ergeben, gar nichts gemein; sie würde dann, wie die Dinge � liegen, auch keinerlei Anhang unter der Masse der deutschen In«! diistricllcn finden, auf die sie doch rechnet und in erster Linie an- gewiesen ist. Soeben hat sie auch den Widerspruch des deutschen H a n d e l S t a g e s herausgefordert, also derjenigen Organisation, die für die früheren Handelsverträge am lebhaftesten eintrat und in der die deutschen Seestädte zuletzt vielfach führend geworden waren. Die Ursache ist gerade keine schwerwiegende: die Zentralstelle bt ansprucht die Industriezweige für sich, die in dem vom Reichskanzler zur Vorbereitung wirthschaftspolitischer Maß nahmen eingesetzten Wirthschaftlichcn Ausschuh keine direkte Vertretung besitzen— der Handclstag hat sich im Wirth- schaftlichen Ausschutz mit häuslich eingerichtet, wenn auch in etwas schwacher Vertretung, und er hält es sür richtiger, datz"die unzu- friedencn Industrien sich an diesen Ausschuß wenden, um von diesem Mittelp, ulkt aus ihre Wünsche und Beschwerden an die größte Oeffentlichkeit zu bringen. Es ist der alte Streit in neuer Auflage: thut man, um das Erreichbare auch wirklich zu erzielen, besser, in einer bestehenden Organisation als Opposition und linker Flügel zu wirken, oder gründet man lieber eine Gegcnorganisation? Im vorkcgenden Falle wüßten wir nicht, warum beides sich nicht vereinigen lassen sollte. Mögen die Vertreter des deutschen Handclstages im Wirthschaftlichen Ausschuß dafür sorgen, daß alle bisher zurückgedrängten Interessen durch mündliche Vernehmungen Berichte und Gutachten zum Worte kommen; und möge die Zentral- stelle ihr Pulver trocken halten, falls einzelnen Berufs zweige« das Wort abgeschnitten wird. Wollen die Vertreter des industriellen Exports und der Handelsverträge ihren Feldzug gleich mit den üblichen deutschen Auseinandersetzungen beginnen, so werden zum Schlüsse nur die Agrarier und industriellen Hochschutzzvllncr um so leichter trinmphiren. Einen Sin» vermögen w i r in den bisherigen Kompetcnzstrcitig leiten jedenfalls nicht zu sehen.— Junkcrlogik. Die Abfertigung, die wir vor einigen Tagen einem Pharisäer-Ariikcl der„Post" über die DrcyfuSsache und das verkommene Frankreich zu thcil werden ließen, hat die„Kreuz- Zeitung" in Harnisch gebracht, woraus wir zu unserer Freude er- sehen, daß sie von uns mitgetroffcn worden ist. Der Ver- gleich Ziethen's mit Drehfus, so meint sie, sei unpassend, � denn Drehfus sei ein Jude und Ziethen sei es nicht, und nur weil jener ein Jude, habe die öffentliche Meinung sich für ihn erwärmt. Um Ziethen aber krähe kein Hahn. Ja, das hatten wir ja gerade behauptet. Und in der Thatsachc, daß sich in Frankreich die öffentliche Meinung für Drehfus aufgeregt hat— einerlei ob er 'Jude oder Christ—, für Ziethen aber nicht, erblicken wir entschieden einen Vorzugs Frankreichs vor Deutschland. Noch lonfnser ist, was die„Krcuz-Zeitung" über das Vcrhältnih der Militärgewalt zur Zivilgewalt in Frankreich und Dcutichland sagt. Es ist so wirr und unverständlich, daß wir es abdrucken müssen: „Eben so lächerlich macht er(der„Vorwärts") sich mit der Bc- hauptung, daß in Deutschland die Militärgewalt über der Staats- gewalt stehe, während diese in Frankreich im Begriff sei. jener den „Fuß auf den Nacken zu setzen". Letzteres ist noch gar nicht enb schieden. Gerade darum dreht sich in Frankreich ja alles. Bei uns aber hat ein solcher Konflikt noch nie bestanden, und wird, so lange es ein Königthum der Hohenzollern gicbt, auch nie bestehen, weil Staatsoberhaupt und Kriegsheer sich in einer Person vereinen, die von Gottes Gnaden ist, was sie ist, und ihr Recht nicht auf die Stimmungen flugsandartiger Mehrheiten gründet. Nie hat sich dieses System lächerlicher gemacht, als bei dem Sturz des Ministeriums Brisson vor noch nicht acht Tagen. Auch das hätte dem„Vorwärts", wenn er nur ein wenig Takt besäße, Zurück Haltung auferlegen müssen." So weit wir aus diesem Geschreibsel«inen Sinn herauslesen können, verschärft es nur das, was wir über die Rückständigkeit deutscher Staatseinrichtungen gesagt haben. Die Armee zu einem Stück Gottcsgnadenthum machen zu wollen, ist seit 110 Jahren in Frankreich auch dem reaktionärsten Polittker nicht eingefallen. Daß ober in Frankreich ein Ministerium, welches daS Ver trauen der Mehrheit des vollscrwählten Parlaments nicht besitzt, zurücktreten muß. und nicht, wie in Deutschland, allen Mehrheiten zum Trotz fortrcgicren kann,, das ist doch in den Augen keines Verminstigen' und freihcitlsebenden Menschen eine Thatsache, die Frankreich in ein ungünstiges Licht stellt. Jin Gegen theil. So läuft also der Widerleguiigsversüch der„Kreuz-Zeitnng" darauf hinaus, daß sie die beiden von uns angeführten Thatsachen b e st ä t i g t und ihnen eine dritte hinzufügt, die fast noch schlagender ist, als die beiden von uns angeführten.— Zur Fleischtheuerung. D i e bayerischen Verwal- tungs-Behörden sind vom Staatsministcrium angewiesen worden, in der F I e i s ch f r a g e nachstehende Fragen zu beant- Worten: 1. Ist in den letzten Jahren, abgesehen von der durch die natür liche Vermehrung der Bevölkerung herbeigeführten, im allgemeinen eine Steigerung des Fleischbedarfs eingetreten, und auf welchen Ursachen beruht diese? Zeigt sich in letzter Zeit an ein- zelnen Orten eine Verminderung des FlcischvcdarfS, und steht diese im ursächlichen Zusammenhang mit der allenfallsiacn Erhöhung der Fleischpreise? 2. Ist die Viehzucht in neuester Zeit in Abnahme oder Zunahme begriffen? Hat insbesondere eine Ver- mehrung der Halttmg zur Schlachttmg geeigneten Großviehs, sowie der Schweinezucht stattgefunden und hat sich die Qualität der beiden Viehgattungen geändert? Welche Aussichten bestehen für die Zu- kunft? Ist auf eine baldige Vermehrung des zum Schlachten geeigneten Viehes sGroßvieh und Schweine) zu hoffen? Mit welchen Mitteln kann eine solche gefördert werden? Genügt die eigene Vieherzeugung zur Versorgung des Bezirkes mit Fleischnahrung, oder muß eine regelmäßige Zufuhr von auswärts erfolgen? ?at die Zufuhr abgenommen oder zugenommen? Woher kommt der Hauptsache nach die Zufuhr, wohm eudet evcnt. die Ausfuhr? Welchen Einfluß hat für die Zufuhr von Schlachtvieh aus Oesterreich- Ungarn in bestimmte Schlachtvichhöfe die festgesetzte zwei- oder bezw. dreitägige Schlachtfrist? 5. Wie hat sich Angebot und Nachftage mit Schlachtvieh auf den Viehmärtten gestaltet? Liegen Anzeichen dafür vor, daß in nächster Zeit ein stärkeres Angebot von Schlachtvieh, namentlich von Schweinen stattfinde» wird? Wird der Absatz von Schlachtvieh und die Flcischversorgung durch besondere Einrichtungen und Manipulationen(Zwischenhändler. Händlcrringe u. s.>v.) oder durch den Mangel von Viehkassen, Kreditvermittlungsstcllcn und der- gleichen beeinflußt? Der Werth der Re g i e run g S en qu e t e über die Fleischpreise wird in weiten Kreisen recht gering eingeschätzt. Ein Hamburger Schlächtermeister äußerte sich darüber wie folgt: „Anscheinend wäre mm ja das Vorgehen der Regierung ein recht lobenSwcrthcs, da die im Gange befindliche„Unisrage" doch wohl genauen Aufschluß über den heutigen unerträglichen Zustand der Fleischversorgung geben müßte. Aber leider liegen sehr ge- wichtige Gründe dafür' vor, daß wir einen günstigen Erfolg von der amtlichen Umfrage nicht erivarten dürfen. Als nämlich im April dieses Jahres im preußischen Abgeordneten- Hause der vielbesprochene Antrag Ring verhandelt wurde, »rächte Herr Diedrich Hahn, der Direktor des Bundes der Land- wirthe, eine damals nur wenig verstandene Andeutung über eine bevorstehende allgemeine Untersuchung der Vieh- und Fleischpreise. durch welche die„wahren Fleischverthcucrcr" entlarvt werden sollten! Und da nun das preußische Landwirthschastsministcrium neuerdings eifrig bemüht ist, jeden Wunsch des Bundes der Landwirthe schnellstens zu erfüllen, so scheint in der That die jetzige Umfrage den Ztveck zu haben, nachzuweisen, daß irgend ein Roth st and in der Fleischvcrsorgung nicht vorhanden sei. Diese Annahnie wird auch zur Gelvißheit. sobald man untersucht, wer denn die angeordneten Nachforschungen vornehmen soll. Es handelt sich dabei vor allem um st ä d t i s ch e Verhältnisse, wobei die Schlächter. Innungen zu den bc- rufenen Ausktmstssiellen zum»liudcstcn mitzuzählen sind. Aber bis jetzt sind die Schlächter noch nirgends geftagt worden, sondern die Ermittelungen werden auf dem Lande durch die Land räth e, in der Stadt durch die königlichen Polizeiverwaltungen veranstaltet. Bermuthlich wird man dabei auch die gütige Mitwirkung der Landwirthschaftskammern und deren etwaigen Vertrauensmänner an städtischen Viehmärkten anuehmen. Ich behaupte nun, daß keine der genannten Behörden, weder ein Regierungspräsident, noch ein Landrath, noch auch ein höherer städtischer Polizeibcamtcr, wenn er sich nicht jahrelang mit dem Studium der Viehmarktsverhältnisse befaßt hat, im stände ist, ein wirklich maßgebendes Gutachten über die städtische Fleischvcrsorgung abzugeben. Und dieser meiner Behauptung wird man beipflichten, wenn ich im folgenden nachweise, daß die einzige, bisher von amt- lichcr Seite erschienene Bearbeitung der Frage, nämlich der bereits erwähnte Artikel der„Norddeutschen", an S ach kennt» iß kaum so viel aufweist, als ein halbwegs geweckter Schlächter-Lehr- l i n g sich im ersten Jahre seiner Lehrzeit aneignen muß! Diese Arbeit der„Norddeutschen" ist aber schon durch ihre Entstehungsgeschichte interessant. In den ersten Oktobertagcn ver- vffentlichte nämsich die„Deutsche Tageszeitung", das Hauptblatt der Agrarier, einen in drohendem Tone gehaltenen Artikel über„die Hetze der Viehhändler-Presse", der in etwa folgenden Ge- danken ausklang: Wird die Regierung dieser Hetze noch länger unthätig zusehen, und fühlt sich das Landwirthsschasts- Ministerium nicht veranlaßt, durch Vcröffcntlickmng amtlichen Materials nachzuweisen, daß 1. die Grenzen gegen die Vicheinfuhr überhaupt nicht gesperrt sind: 2. die Einfflhr von Vieh und Fleisch im Jahre 1898 an Pfundgewicht andauernd gestiegen ist; 3. alle großen Biehmärktc stets reichlich beschickt sind und große Ueberstände zurücklassen, 4. die Landivirthe für ihr Vieh überhaupt keine höheren Preise erhalten, und 5. das jetzige Geschrei über die Fleischnoth nur an- gestimmt wurde, weil die.�Zwischenhändler" einen größeren Gewiim einstecken und dabei die Oeffentlichkeit täuschen wollen.—?— So rief das Agraricrblatt nach dem Landwirthschafts-Ministerinm hinüber und schon wenige Tage später, am 8. Oktober, erschien die Antwort in den Spalten der„Norddeutschen". Herr Klapper, der lauteste Rufer im agrarischen Lager, verkündete auch sofort, daß die vortrcsfliche Arbeit aus dem Landwirthschafts- Ministerium selbst stamme I Ich vermag jedoch an dem Artikel nichts Vortreffliches zu finden, sondern er enthält nichts Anderes als U n w i s s e n h e i t, häßliche Verdrehungen und niedrige Verdächtigungen der Schlächter. Die Arbeit ist nichts anderes als ein Versuch, den unwahren und unbewiesenen Behauptungen der„Deutsch. Tagesztg." ein a m t l i ch- st a t i st i s ch e s M ä n t e l ch e n umzuhängen." Auch die städttschen Kollegien Ivo» Kiel haben Stellung zur Flcischthcucrung genommen. Sie beauftragten eine Kommission mit der Ausarbeitung einer Eingabe an den BnndeSrath, betreffend die Herbeiführung einer erleichterten Vieheinfuhr. Infolge der hohen Vichpreise ist in Braunschweig die Wurstfabrikation bedeutend eingeschränkt worden. Die Wurst- Fabrikanten sind nach den Berichten der dortigen Handelskammer mit den Schlachtungen sehr zurückhaltend:. es sind im September d. I. gegen den gleichen Monat im Vorjahre ca. 1000 Schweine(gleich 20 p C t.) am Platze weniger geschlachtet.— Zur Förderung der Einfuhr ausländischer Bodcncrzeug- nisse soll nach den Mitthcilungen der Zeitung des Vereins deutscher Eisenbahn-Verwaltungcn ein besonders beschleunigter Güterzug für die Bcivrdcrung von Lebensmitteln von Neapel über Ala, Kufstein und München nach Berlin ins Leben gerufen worden sein. Es wird hierdurch ermöglicht, daß die rasch verderblichen Lebens- mittel(tvie Früchte, Gemüse u. s. w.) in 33 Stunden von Neapel in Ala, in 60 Stunden in München und in 72 Stunden in Berlin an- langen und so in bcstcrhaltencm Zustande auf die dortigen Märkte kommen. Diese Neuerung findet natürlich nicht den Beifall der„Deutschen TageS-Zeitung". welche darin eine Benachtheiligung der heimischen Produzenten erblickt. Sie verlangt zunächst, daß für die in solchen Zügen beförderten Güter Schnellzugs taxen'bezahl werden. Damit ist sie aber noch nicht zufrieden, sie vermag, selbst wenn solche SchnellzugStaxcn erhoben würben, doch nicht„einzusehen", weshalb man durch Verbesserung der Befördernngsgclegcnheit.„durch be- sondere Einrichtungen imd Maßnahmen den ausländischen Weit- bcwcrb stärkt." Warum sagt daS Bündlerorgan nicht gerade heraus, daß es die Grenzen wie für die Vicheinfuhr, so auch für die Einfuhr von Ge- müse und Obst vollständig abgesperrt sehen möchte, damit die Agrarier dem Volke auch die vegetabilischen Erzeugnisse in Zukunft nur zu Hungerpreisen abzugeben brauchen.— Eine Konfiskation dcS„Wahren Jakob". Die„Schwäb. Tagw." schreibt: „Die neueste Nummer deS„Wahren Jakob" ist auf Ver- anlaffung des fra n z ö s i s ch e n M i nist c ri um s dcS Innern am Freitag Nacht an der Grenze beschlagnahmt worden. Anlaß dazu hat das Bild auf der letzten Seite gegeben:„Die Republik auf der Jagd nach der Krön e." In Paris ist man unglaublich nervös geworden.— Fünfhundert Mark wurden neulich von einem Wcinhändler als Preis für das beste Gedicht auf den von ihm verkauften Mosel- Ivein ausgesetzt, und der Unglückliche bekam so viel Gedichte, daß er, um nicht von den Dichtern und ihren Sendungen erdrückt zu werden, sich aufs Land flüchten mußte. Dieses Schicksal hat aber auf den Sozialistentödter Bachem, Miteigcnthümer der„Kölner Volkszcitung", nicht abschreckend gewirkt. Er bietet heute in seinem Blatt einen Preis von 500 M. für das beste Gedicht auf— das Zentrum. Der Tollkühne! Oder hält er das Zentrum für nicht so anziehend und zugkräftig, wie den Moselwein? Uebrigcns wundern wir uns, daß es erst schnöden MammonlohneS bedarf, daß nicht die Begeisterung für„Wahrheit, Freiheit und Recht" genügt, um einen Zentrumskantus fertig zu bringen.— Aus der Anarchistenjagd. In Magdeburg sind, wie die Volksstimme" berichtet, bei einigen Anarchisten und bei einem Kolporteur der„Volksstimme" Haussuchungen vorgenommen worden. Dem Kolporteur, von dem man vielleicht vcrnmthct, er verbreite neben sozialdemokratischen auch anarchistische Schriften, ist bei der Haussuchung mitgetheilt worden, man wolle einer geheimen Verbindung auf die' Spur kommen. Die Haussuchung bei dem Kol- porteur war vergeblich: nur einige Exemplare des Eisenbahner-Organs „Weckruf" wurden beschlagnahmt. Wie die„Volksstimme" weiter mittheilt, war auch die Haussuchung bei den Anarchisten erfolglos; außer einigen nicht verbotenen Schriften ist nichts beschlagnahmt worden. Eine Illustration zur Gcsindc-Ordnung gab eine Verhand- lung vor dem Erfurter Schöffengericht vom 23. Oktober. Das Dienstmädchen Lydia Melle aus Tennstedt war ihrer Dienstherrschaft in Dachwig entlaufen, ohne vorschriftsmäßig gekündigt zu haben. Gegen sie' war deshalb vom hiesigen Schöffengericht em Straf- verfahren wegen unberechtigter Entfernung aus dem Dienst eingeleitet. Die Angeklagte gab an, sie sei, um den N a S st e II ün g en ihres Dienstherren zuentgehen, zum Verlassen deS Dienstes gezwungen worden, worauf sie vom Vorsitzenden Richter mit den Worten:„Sie werden ihm ja auch Ursache dazu gegeben haben," unterbrochen wurde. Der Amtsanwalt beantragte 15 M. Geldstrafe oder 3 Tage Haft. Das Gericht erkannte auf 9 M. Strafe mit der Motivirung: der Einwand der Angeklagten, es sei ihrer weiblichen Ehre von ihrem Dienstherren zu nahe getreten, komme nicht in b e t r a ch t, da sie diesen Einspruch nicht bei ihrer Entfernung aus dem Dienst erhoben habe.— Erfurt, 81. Oktober.(Eig. Ber.) Die leidigen Mai- kra walle fordern täglich neue Opfer. Zuerst wurden vor mehreren Monaten die sog. Anführer zu langjährigen Zuchthausstrafen ver- urtheilt. Dann entdeckte man den eigentlichen Anstifter zu den Krawallen in der Person einer einfachen Arbeiterftau, die, als Neugierige der Eröffnung eines Zirkus zuschauend, nicht eilig genug dem Befehle eines Polizeibeamten nachgekommen war. Diese Frau kam mit einer gelinden Geldstrafe davon. In einigen Wochen, am 29. November, sollen einige nachträglich ausgekundschaftete„Auf- rührer" von der Strafkammer ihren Lohn empfangen. Am selben Tage, im Anschluß daran, wird die Klage gegen den verantwort- lichen Redakteur der„Tribüne", Genossen Rudolph, und den Per- trauensmann Pappe, den Leiter einer öffentlichen Bürgervcrsammlung. die sich mit den Krawallen beschäftigte, zur Verhandlung kommen. Es stand, tvie bekannt, bereits einmal Termin in dieser Angelegenheit an. Als aber der Gerichtshof bemerkte, tvas für einen umfassenden Entlastungsbeweis die Angeklagten anzutreten beabsichtigten, beschloß er die Vertagung, damit auch die Staatsanwaltschaft neue Zeugen laden lassen könne. Es wird dadurch ein großer Prozeß zu stände kommen, der noch besonderes Interesse durch die Zeugenaussagen gewinnt, durch die auf die weiteren Ursachen der Krawalle, auf das Polizci-Aufgebot, auf das Schießen, auf die Beliebtheit der hiesigen Polizei, überraschende Schlaglichter geworfen werden dürsten. Neben diesen sichtbaren Folgen der Krawalle ziehen sich aber auch schon von Anfang an unsichtbare, geheime, die nur gelegentlich durch einen Zufall enthüllt werden. So war es dcm„Vorwärts"möglich, das. aufsehenerregende Ediktdcs Ministers des Innern, den Scharsschieß- erlaß, zu veröffentlichen, aus dem hervorging, daß nach der Meinung des Herrn von der Recke die hiesigen Potizeibcamten noch nicht schneidig genug vorgegangen sind. Hier in Erfurt>var man satt ausnahmslos der entgegengesetzten Meinung, und als deshalb von dem Rücktritt des bisherigen langjährigen Regierungspräsidenten von Brauchitsch gemunkelt wurde, glaubte man diesen Rücktritt auf seine zu große Schneidigkeit anläßlich der Krawalle zurückführen zu müssen. Der Scharfschießerlaß hat denn ja allerdings das Gegen- theil ertviesen. Das hat nun den biederen Bierbankpolitikern— und andere giebt es in der hiesigen Bürgerschaft kaum— einen neuen Stoff zu eifriger Diskussion gegeben, besonders, da dadurch auch die städtische Bertvaktnng in Mitleidenschast gezogen wurde, wodurch übrigens der Fall ein Interesse über Erfurt hinaus gewinnt. Die erste Folge des Scharsschicßerlafses tvar eine Verhandlung der Stadtverordneten über Anschaffung von Schußwaffen behufs besserer Ausrüstung der Polizei. Vorläufig haben die Stadtvätcr sich hiergegen noch gesträubt. Eine zweite Wirkung deS Erlasses hängt mit der Verabschiedung des jetzigen Regierungspräsidenten zusammen. Daß er wie üblich hinausgchocht, hinausgegeffen und hinaus— geleuchtet wird vermittelst eines Fackelzuges, wäre weiter nichts Auffälliges. Auch die Stiftung eines Ehrengeschenks aus den städtischen Rütteln ist eine Erleichterung der Taschen der stenerzahlendcn Bürger, die man gewohnt ist. Pikant ivird die Angelegenheit erst durch die be- gleitenden Nebcnumstäude. Seitens der städtischen Behörden war anfänglich geplant, Herrn von Brauchitsch bei seinem Ab- schiede zum Ehrenbürger Erfurts zu machen. Die Stadt- verordneten waren gleich dazu bereit, wenn man ihnen auch wohl nicht das nach hiesigen Begriffen revolutionäre Motiv unterschieben darf, daß sie'dadurch einem noch so zarten Protest gegen den Scharffchicß-Erlaß Ausdruck verleihen wollten. Da mit einem Male schwenkte der Magistrat um. Der Oberbürgermeister Dr. Schmidt trat mit einigen einflußreichen„Parteiführern" der Stadtverordneten in Verbindung und erflärte rund heraus, daß er gegen die Verleihung des Ehrcnbürgerrcchts sei. Die dafür angeführten Gründe sind insoweitsehr interessant, als sie einen Rückschluß aus die Ursachen des plötzlichen Stimmungswechsels beim Magistrat zulassen. Der Regierungspräsident sei ein Gegner der Selbst- Verwaltung(Köder für die Stadtverordneten!), ferner würde man mit solcher Ehrung„oben" anstoßen, überdies brauche man auf einen abgehenden Präsidenten keine besondere Rücksicht zu nehmen, da er ja doch keinen Einfluß mehr habe. Es scheint also der Magistrat einen sehr deutlichen Wink bekommen zu haben. Die geheime Stadtverordnetensitzung, von der man voraussetzte, daß sie diesen Wechsel stnit derselben Leichtigkeit mitmachen würde, wehrte sich zuerst ein wenig dagegen. Als aber der Vorsteher den Stadtvätcr» sein Amt mitsammt den Akten zur Verfügung stellte, besannen sie sich rasch, und in der nächsten Sitzung, die natürlich auch wieder vertraulich war, bewilligte man 700 M. für ein Ehrengeschenk. Vielleicht wird Herr Regierungspräsident a. D. Brauchitsch auf dieses sehr zweifelhafte Ehrengeschenken mit der sonderbaren Vorgeschichte verzichten.— Ans Bremen wird der„Voss. Ztg." gemeldet: Zwischen deutschen und polnischen Arbeitern der Wollkämmerei Blumcnthal brach eine blutige Schlägerei aus. Die Polen stürmten mit dem Ruf: „Schlagt die deutschen Hunde todt!" ein Restaurant: zwei Arbeiter sind todt; mehrere wurden verwundet, zahlreiche verhaftet.— Ans dem Rheinland. Ter Zwiespalt im rheinischen Zentrum ist anläßlich der LandtagSwahl wieder mehr als gewöhnlich an die Oeffentlichkeit getreten. Es hat sozusagen an allen Ecken und Enden geknistert. Zu förmlichem Krach aber kam es in Aachen und in Trier. Daß eine völlige Scheidung noch nicht stattgeftmden hat, rührt daher, daß vorläufig noch keine der beiden Rickttingen der andern entrathcn kann. Man war so klug, dem Rheinischen Bauernverein überall entgegenzukommen, indem man neben den von dem Gros der Partei gewünschten Kandidaten auch jeweils solche auS dem Kreise der Landwirthe aufstellte. Doch nicht die Klugheit allein rieth zu diesem Zugeständniß, sondern auch der harte Zwang gebot sie; denn bei der LandtagSwahl läßt sich ohne die Bauern auf keinen Fall etwas machen, weil diese vielfach, zumal in den beiden höheren Wählerklaffen, die Entscheidung in der Hand haben. Einen Messer für die Gegnerschaft der beiden Parteien bietet die Art der Aus- einandcrsctzüng zwischen der„Rheinischen Volksstimme" und der „Kölnischen Volkszeitung". Es fallen da Ausdrücke, wie sie sonst nur zwischen Vertretern einander feindlicher Parteien üblich sind. In Aachen tobte ein heißer Kampf zwischen dem bei der ReichStagswahl entstandenen Wahlkomitce und dem Verein„Kon- stantta". Bei der Beratbung der Kandidatcnfrage kam eS soweit, daß dem Führer der Opposition, dem Verleger des Aachener„Volks- ftcund" das Wort abgeschnitten und man zur Beruhigung der er- regten Köpfe eine Pause eintreten lassen mußte. Später warf man sich in öffentlichen Erklärungen Unwahrheit und Verdrehung vor. Die Oberhand behielt der Verein„Konstantta". Die Opposition protcstirte und rcsignirte zugleich in einer Kundgebung, die von zehn Vereinen unterzeichnet ivar. Unter diesen befand sich auch der chriftlich-soziale Tcxtilarbciter-Vcrband, der katholische Weber- verein und der Christlich-soziale Delcgirtcnverein der Orts-Kranken- lasse I. Das zeigt nebenbei, wie ungenirt von den Ultramontanen die Gewerkvereine und die Krankenkassen in den Dienst.der Partei- Politik gestellt werden. In T r i e r ging es nicht weniger bunt her. Kaplan Dasbach, der reiche Besitzer vieler Zentnimsblättcr, scheint seinen politischen und Glaubensgenossen unbequem zu werden. In seinem bisherigen hessischen Wahlkreise hat man ihn nicht wieder aufgestellt und auch in Trier, wo er dann mit Hilfe seiner Bauern unterzukommen suchte, ist ihm deutlich gesagt worden, daß man mit ihm nichts zu thun babcn will. Dasbach jedoch trommelte zu einer Sitzung des Wahlkomitces seinen ländlichen Anhang zusammen, und es traten einige Geistliche für ihn ein.' Dr. Scber aber, der Justitiar des Bis- thums, erklärte, Dasbach sei nicht der geeignete Mann, das Amt eines Abgeordnete» zu übernehmen. Er habe Kcnntniß von Schwierigkeiten, die der Diözese aus der politischen Thätigkcit Das- bach's entstanden seien. Diese Dinge seien derart, daß er es als eine Gcwissenspflicht erachte, dringend vor der Kandidatur zu warnen.— Ein Schlosscrmcister gab die Erklärung ab, Dasbach ge- nieße in keiner Weise das Vertrauen der Trierer Handwerker: als Besitzer vieler Zeitungen habe er sein Geschäftsinteresse in den Vordcrgnmd gestelll: eö wäre ei» Unglück sür den Handwerker- stand und fiir den ganzen Wahlkreis, wenn Dasbach gewählt würde. — Justizrath M ü I l e r erklärte, daß selbst Windthorst zur Zeit ab- gcralhcn habe, Dasbach zu wählen, und verkündete weiter, daß dreißig der angesehensten Mitglieder des engeren Wahlkomitce's sofort ihr Partei-Amt niederlegen würden, falls Dasbach Kandidat werde. Die Drohung ist denn auch wahr gemacht worden, nachdem man den Zeitungskaplan mit Zwcidrittel- Mehrheit aufgestellt hatte. Die vielgerühmte Einigkeit im Zentrum sängt in der That an, etwas wacklich zu werden.— Die Wahlfälschung in Kehl. Der Bürgermeister von Sand im 7. badischcn Reichstags-Wahlkreise ist, wie früher mitgetheilt wurde, wegen Wahlfälschung in Anklagczustand versetzt worden, Hierzu giebt der Offeiibürger„Volksframd" einige nähere Mittheilungen. Die Anklageschrift zieht die sämmtlichen Mitglieder der Wahlkommission auf die Anklagebank. Die Mitglieder' der Kom- Mission walteten in Partien und in zeitlichen Abwechslungen ihres Amles und jede Partie behauptet, datz sie an der Fälschung unbetheiligt ist. Das Gegentheil zu beweisen ist schwer. Nun bricht der Bürgermeister gleich einem Winkelried der Freiheit eine Gasse und opfert sich für alle, er erklärt, allein schuldig zu sein. Da Herr Anwalt Muser die Vertheidigung des Bürgermeisters zu führen hat, wird es ihm zweifellos eine dankbare Aufgabe sein, nach Milderungsgründcn zu forschen. Diese sind vorhanden und un- schwer zu findenz die Spur führl über Kehl bis nach Karlsruhe. Das Bezirksamt Kehl war auf der politischen Karte des Mnsterlandcs Baden eine nationalliberale Oase, auf welcher der Blick der Gouvcrnementalen mit Wohlgefallen verweilte. Die„lieben guten Hanauer" wurden als Hochpatriotcn gehätschelt und bei patriotischen Landesfestcn ge- wisi auch deshalb bevorzugt, weil ihren Wahlurnen bei Reichstags- und Lairdtagswahlen geradezu Wnnderresultate patriotischer, d. h. nationalliberalcr Gesinnung entstiegen. X Wahlberechtigte, X abgegebene Stimmen für den nationalliberalcn Kandidaten,' so lautete jahrzehntelang die Wunderglcichunq in Dutzenden von Orten des Hanauerlandes. Sogar Tobte entstiegen den Grüften und wählten natio'nalliberal. Solche Wunder ereigneten sich sonst nicht im Lande, nicht einmal zu Walldürn oder Hell a. H. Ob man in Karlsruhe und Kehl an die Gesetzlichkeit dieier Erscheinungen glaubte? Unter dem Bolke war es bekannt und in der Presse— der sozialdemokratischen ins- besondere— wurde im speziellen Falle beweiskräftig dargethan, dasi Wahlfälschungen da oder dort vorgekommen sein müssen. Die Wunderdoktoren des Hanauerlandes blieben unbehelligt; es ent- wickelte sich eine Gewohnheit und man handelte nach dein auch für Protestanten annehmbaren Grundsatz: Der Zweck heiligt das Mittel. Natürlich ist der nationalliberale Bürgermeister von Sand auch von jeher einer der ärgsten Sozialistenverfolger gewesen.— Tondergewcrbestcuer i« Sachsen. Dem alten Konsumverein in Mylau ging folgender Besch lus; der köngl. Amthauptmannschaft Plauen zu:„Dem Konsumverein zu Reichenbach zu eröffnen, das; der Stadtgemcinderath zu Mylau anher erstatteter Anzeige vom ö. d. M. zufolge von der Erhebung einer Sondergcwerbcsteucr abzusehen be- schlössen hat, und die kgl. Kreishauptmannschaft zu Zwickau zufolge Verordnungsbeschlusses vom 17. desselben Monats deshalb Ihre Immediateingabe vom 11. September d. Js. für erledigt erachtet. v. Polenz." Unser Zwickauer Parteiorgan bemerkt dazu:„Warum der Mhlauer Stadtgemeinderath von seinem früheren Beschlüsse wieder abgekommen, ist wohl nicht schwer zu errathen. Er hätte unzweifelhaft den Mylau er Konsumverein auch mit treffen müssen. In Mylau aber hat das Genossenschaftswesen anerkannt große Gönner und Stützen der Gc- sellschaft aufzuweisen." Chronik der MajestätSbeleidignngS- Prozesse., Wegen Majestätsbeleidigung wurde in H a l b c r st a d t der Kellner Emil Müller zu 3 Monaten Gefängniß verurtheilt.— Wieder eine Gouverneurkrise in Deutsch- Ostafrika. In sonst gut unterrichteten Kreisen tritt, der„Magdeburger Zeltung" zu- folge, immer bestimmter das schon früher verzeichnete Gerücht ans, General Liebe rt verspüre keine Neigung mehr. länger im Kolonialdien st zu bleiben. Schon der frühere Gouverneur, Freiherr v. Scheele, hatte sich wiederholt bitter darüber beschwert, daß er bei seinem Bestreben, die ihm anvertraute Kolonie durch wirthschaftliche Neuerungen hoch zu bringen, auf Widerstand— wenn auch nur passiven— bei einem Th eil der ihm unterstellten Organe gestoßen sei. Dieselbe Geschichte pasfirte früher dem Major v. Wißmann und in mancherlei Beziehung jetzt auch dem General Liebert. Einige von seinen'Wünschen sind allerdings in Erfüllung gegangen, z. B. die Vereinfachung des BerwaltungS- apparatcs. Die dadurch erzielten Ersparnisse sind wirthschastlich'cn, insbesondere forstwirthschaftlichcn und geologischen Zwecken zu gute gekommen. General Liebert verbringt zunächst einen oiermonatlichen Urlaub in Berlin und wird neben dem Kolonial- direktor im Reichstag den Etat für Deutsch-Ostaftika vertreten. namentlich in der dabei zur Sprache kommenden Eisenbahnfrage. Liebert hat die Linie der Zentralbahn bereist und hierbei werthvolles statistisches Material gesammelt, um dieses im Reichstage gelcgent- lich der Vorlage betr. Uebernahme und Weiterführung der Usambara- bahn durch das Reich zu unterbreiten. Wir vennuthen, daß der Reichstag über den Werth großer Auf- Wendungen in Deutsch-Ostafrika anderer Meinung sein dürfte als General Liebert.— Oesterreich. Wien. Uhrde Oktober. sEig. Ber.) Die deutsche Gemeinbürgschaft ist auseinandergefallen: Das ist das Schlußergebniß der letzten Tage. Wenn der Gedanke, die Obstruktion den Ausgleichs- vorlagen gegenüber fallen zu lasten, keinen anderen Erfolg gehabt hätte, als den Widersinn nationaler Verbände, die bei jeder Klaffen- frage auseinandergesprengt werden müssen, offenkundig zu machen, der Gedanke hätte sich schon dadurch als politisch höchst glücklich er- wiesen. Im Ausgleichsausschuß hatte die deutsche Fortschrittspartei Uebergang zur Tagesordnung über die Ausgleichsvorlagen be- antragt. Die Rechte war schwach vertteten, die Gefahr, der An- ttag könnte angenommen werden, groß: in diesem Augenblick stimmten der Verfassungstreue Großgrundbesitz und die Freie Deutsche Vereinigung sdie Vertreter der Handelskammern) dagegen; die Groß- grundbesitzer, weil sie grundsätzlich nur dann Opposition machen, wenn es der Regierung'nichts schadet, die anderen, weil ihnen der momentane Profit der Großindustrie das wichtigste ist. Nun hat Graf Thun freiwillige Bundesgenossen; alle anderen muß er bezahlen, zum höchsten Preise die Klerikalen; die sind jetzt die Herren der Situation in Oesterreich— und in Ungarn. In der Regierung sind sie vertreten; nicht nur in der außerhalb der Verfassung stehenden— in Oesterreich regiert noch immer die Hofkamarilla—, sondern auch in der konstitutionellen. In letzterer sogar doppelt. Erstlich sind unsere österreichischen Kavaliere stets waschecht schwarz, die paar bürgerlichen Emporkömmlinge tragen ein nichtverbindliches Dnnkelgrau; zweitens aber sitzt jetzt im Mimsterium der Vcrtrauensmaim der katholischen Volkspartei, als solcher von ihr ausdrücklich bezeichnet. Der Adel ist klerikal, weil er autokratisch ist; die Pfaffen sind autokratisch, weil sie klerikal sind. Und die katholische Volkspartei ist speziell die Pfaffenpartei. Hinter ihr stehen die oberöslerreicher und tiroler Bauern, jene seit Jahrhunderten künstlich in Dummheit und Unwissenheit erhaltenen Äermsten, auf denen gleichzeitig ein unerhörter ökonomischer Druck lastet. Die ärgsten Ausbeuter und Nutznießer der Dummheit sind übrigens die Pfaffen selbst; was für Sunimen da für„fromme" Zwecke ausgepreßt werden, läßt sich nicht hoch genug veranschlagen. Hält ein Klerikaler einmal eine Wählerversammlnng ab, so schimpft er aufs Viehsalz, die interkonfessionelle Schule, die Presse und die Antichristen, die dem Volke den Glauben nehmen und es durch Begünstigung des Großkapitals ruiniren wollen; im Parlament aber stimmt er lustig für alle neuen Lasten und— selbstverständlich gegen Entschädigung auf dem Unterrichts- gebiet— für jede Regierung; seine des Leicns unkundige Wähler können ja nie über ihn die Wahrheit erfahren! Diese Partei hat also einen Vertreter in ber Regierung, sich somit der Regierung zur Verfügung gestellt; sie hat dem Grafen Thun, der nicht mehr ein und ai>S wußte, hilfreiche Hand geboten: diesmal wird der Preis dafür sehr hoch sein. Und in der Obstruktton, als scheinbar uner- bittlichste Gegner des Ausgleichs und der Regierung, befinden sich die Christlich-Sozialen I Das heißt„dieselbe Kouleur in Griin", wie man zu sagen pflegt. Betreibt die katholische Volkspartei ländliche Demagogie, so die christlich-joziale Partei städtische. Darum ist diese nicht weniger Helferin der Pfaffenherrschaft als jene. An ihrer Spitze steht Lueger, ein Mann, der sich politisch durch eines auszeichnet: er wittert den Fall einer Größe noch immer rechtzeitig genug, um nicht mitgerissen zu werden. Er unterstützte den Grafen Badem bis zum letzten Augenblicke, er beschimpfte die Obstruktion— als aber die Macht der öffentlichen Meinung den Ministerpräsidenten stürzte, die Wiener gegen ihren Abgott Lueger sich aufzulehnen begannen. da entdeckte der Mann plötzlich sein deutsches Herz und ließ sich in die„Gemeinbürgschaft" ausnehmen. Wenn die bürgerlichen Parteien damals etwas' mehr MutH und Reinlichkeitsgefühl besessen hätten, diese Hanswurstiade des alten Hanswursts wäre unmöglich gewesen; so aber waren sie ftoh, einen unbequemen Gegner los zu sein und setzten sich die Motte selbst in den Pelz. Graf Thun stand am Be- ginn der Session vor seinem Ende: da erhob sich Lueger und hielt unter dem Jubel der Deutschen eine wirkungsvolle Rede gegen ihn; nun hat er sich schnell beeilt, auch die LoSlösung seiner Partei von der deutschen Gemeinbürgschaft anzumelden. Der endgiltige Erfolg kann nicht zweifelhast sein; das Volk wird den materiellen und kulturellen Schaden zu tragen haben; ob er ihm mit Gewalt durch die klerikale Regierung oder mit demagogischem Betrug durch die klerikale„Opposition" oder mit beiden Mitteln zugleich aufgcnöthigt wird, ändert an dem Schluß- effeit nichts», Aber nicht nur in Oesterreich haben die Klerikalen ihre ge- schästigcn Hände im Spiel, auch in Ungarn sind sie bereits fröhlich au der Arbeit. Die Opposition im ungarischen Reichstag ist zur Obstruktton übergegangen. Abgesehen von den persönlichen Motiven, von denen sich der eine oder andere streberische Partei Häuptling leiten lassen kann, bleibt als Haupt- erklärungsgrund wiederum nur die klerikale Demagogie übrig. Die katholische„Volks"partei(auch in Ungarn hüllt sich der Wolf in den Schafspelz) bekämpft angeblich den Ausgleich um jeden Preis. Andererseits ist sie aber gleichzeitig die Hofpartei, der alle bürger- lichen Freiheiten, zu denen es dte Ungarn gebracht haben, aufs tiefste verhaßt sind. Und während sie alle nationalen und konfessionellen Gegensätze aufwühlt, unter der Vorgabe, den Aus- gleich und das daran schuldige Ministerium beseitigen zu wollen, erklärt sie gleichzeitig mit naiver Schamlosigkeit, gegen Entschädigung auf dem Gebiete der konfessionellen Gesetzgebung auch für den Aus- gleich stimmen zu wollen. Hüben wie drüben die Pfaffen an der Arbeit, das ist eine Sache, an der jedes Land ein bedeutendes Interesse hat. In Frankreich haben die Jesuiten die Zügel in Händen, in Deutschland fft das Zentrum die mächtigste Partei geworden: man muß da gerade nicht an das bürgerliche Geschwätz von„römischen Emissären" glauben, um dieser Erscheinung größere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Die Zeit internationaler jesuitischer Verschwörungen ist ja doch vorbei; aber die Sache hat einen viel tteferen Grtind. Die Bourgeoisie ist eben nicht nur mit ihren materiellen Gegnern nicht fertig geworden, sondent auch nicht mit ihren geistigen; ja im Gegentheil! Die Angst vor der Sozialdemokratte treibt sie wieder dem KlerikalisntuS in die Linne. Danim dringt auch die Sozial- dcmokratie nur schrittweise, wenn auch unaufhaltsam vor: sie muß eben immer ganz reinen Tisch machen.— Frankreich. Paris, 30. Oktober.(Eig. Ber.) Der Beschluß des Kassation shofes wird von der revisionSfreundlichen Presse mit Jubel aufgenommen, und zwar besonders deshalb, weil der ja von vornherein feststehenden Revision eine Enquete vorangehen wird. Mit den umfassenden Rechten eines Untersuchungsrichters ausgestattet, wird der mit der Enquete beauftragte Kasfationsrichter im stände sein, die sich gegen die Revision wehrende Fälscherbandc bis in die geheimsten Schlupfwinkel zu verfolgen. Die allerletzte Waffe des Militärklüngels gegen die Revision besteht bekanntlich in dem famosen„ultra-geheimen" oder„diplomati- schen" Aktenbündel, welches im„Eisenschrank" des Generalstabcs verborgen sein soll und wie das Medusenhaupt auf die Sterblichen wirken, die hineinzublicken wagen. Unter den durch den Anblick des „Ultra-Geheimnisses" versteinerten Sterblichen befinden sich aber leider die diversen Kriegsminister, Billot, Cavaignac, Zurlinden und Chanoine, die in der Drcyfus-Affäre so viel Lügen als Worte ge- sprechen, so viel Niederträchtigkeiten als Handlungen begangen haben. Andererseits haben Brisson und Sarricn, denen keine Lüge und keine aus eigenem Antrieb begangene Nicder- tächtigkeit vorgeworfen werden können, das„Ultra-Gchcimitiß" angeblickt, ohne versteinert worden zu sein. Sie haben gleichwohl die Einleitung der Revision beschlossen. Das allein genügt, um die Kraft der letzten Verzweiflungswaffe des Generalstabcs richtig ein- zuschätzen. Es gilt aber, den Herrschaften jeden Vorwand und jede Mög- lichkeit zur Bccinflussiing der Oeffentlichkeit und namentlich der künftigen militärischen Richter des Dreyfus zu nehmen. In letzterer Beziehung wird die Untcrsuchnng des Kassationsgerichts eine neue kriegSgeri'chiliche Untersuchung erletzen, d. h. im gegebenen Falle neue verbrecherische Machenschaften verhindern. Man muß im Auge behalten, was ein Generalstabsoffizier zur Zeit des Zola-Prozefses sagte: „Die Revision?" Das ist ja mir eine Frage von zwei Dampfern, die Dreyfus nach Frankreich und dann wieder nach der Tcufelsinsel bringen werden!..." Die Kassations-Untersuchung macht nun eben eine RevisionSposse unmöglich. Der Kassationsbeschluß hat aber noch eine über den eigentlichen Dreyfus-Fall hinausgehende Tragweite. Die Revistonsverhandlungen haben insbesondere weitere Aufklärung über das Treiben des General- stabes in Sachen Esterhazy und Picq'uart unentbehrlich gemacht Die neuen dokumentarischen Enthüllungen über die Beziehungen Esterhazy's zu gewissen„hohen Persönlichkeiten" lassen tiefer denn je blicken. Verfolgt die Untersuchung muthig diese wie andere Spuren, dann müßten noch ungeahnte Schandthaten ans Tageslicht kommen... Daß die von gesinnungstüchtigen Politikern erwartete Beschwich- tigung der Gemüther durch den Kässationsgerichts-Beschlutz nicht ein- getreten ist. versteht sich von selbst. Die Preßkosaken des General« stabes Hetzen nach wie vor. Die Kassationsrichtcr werden von dieser Seite mit den schmutzigsten Beleidigungen und Beschimpfungen überschüttet. Rochcfortts Blatt allein erschöpft in jeder Nummer den ganzen Reichthum der Fischweiber- und der Bagno- Sprache. Die Berichte über die Kassations- Verhandlungen wurden in der Gcncralstabsprcsse ebenso geivissenlos verhunzt, entstellt und geradezu gefälscht, wie die Berichte über den Prozeß Zola. Außerdem prangen auf allen Mauern der Hauptstadt überaus zahlreiche Plakate mit den Bildnissen der fünf Kriegs- minister. Mcrcicr, Billot, Cavaignac, Zurlindcit und Chanoine, nebst deren lügnerischen Betheuemngen der Schuld des Dreyfus. Das ganze tragt die Ucberschrist:„Drcyftis ist ein Verräther?" Das ist die Antwort des GcneralstabeS auf den Beschluß des Kassations- Hofes. Die nächsten Tage werden zeigen, ob der Gencralstab es wagen wird, sich auch durch die That dem Beschluß zu widersetzen. Prahlte doch neulich General Roget, Cavaignacks Kabinetschef und Mitglied des Generalstabcs, damit, daß das„ultrageheime" Aktenbündel den Eiscnschrank nicht verlassen werde. Doch das Verhalten des General- stabes wird von dem neuen Kricgsminister abhängen, mit anderen Worten, von dem Ausgang der Ministcrkrise.— PariS, 1. November. Die von dem Kassationshof an« geordnete ergänzende Untersuchung dürfte zwei Monate be« änspruchen. Das Zeugenverhör wird vor den versammelten 14 Mit- gliedern deS Kasiattonshofes stattfinden. Der Kassationshof hat be« schloffen, daß den Blättern über die jeweiligen Ergebnisse der Enquete in der Dreyfus-Angelegenheit keine Mittheilungen gemacht werden sollen.— PariS, 1. November. In bezug auf die Polittk, welche das neue Kabinet Dupuy verfolgen will, berichtet„Nadical", Dupuy sei fest entschlossen, keinen Unterschied zu machen zlvischen den Republikanern der verschiedenen Schattirungen. Die Gemäßigten, Radikalen und Sozialisten wird er als eine einzige Partei von Republikanern an- sehen und mit ihnen in geschlossener Reihe gegen die Monarchisten, Nationalisten und Antisemiten regieren. Bezüglich der Drehfus-Angelegenheit wird da? Kabinet Dupuy alle Forderungen des Kasiattonshofes unterstützen und dafür sorgen, daß ihm alle erforderlichen Dokumente ausgeliefert werden. Sollten im Laufe der Untersuchung hohe politische Persönlichkeiten für schuldig befunden werden, fo ist das Kabinet ebenfalls entschlossen, gegen jeden, wer es auch sein möge, gerichtlich vorzugehen. Italien. Rom, 80. Oktober.(Eig. Ber.) Die letzte Hoffnung der italiem- schen Emigranten, die von den Kriegsgerichten gegen sie tu contumaciam gefällten Urtheile durch Berufungen an die ordentlichen Ge- richte höherer Instanz wieder aufgehoben zu sehen, ist diesen nun auch genommen. Der Appellationshof, der sich dieser Tage mit dem. ersten dieser Fälle zu befassen hatte, erklärte sich für unzuständtg, die Urtheile der Kriegsgerichte in zweiter Instanz nachzuprüfen. Die besonderen politischen Zustände hätten besondere Maßnahmen bedurft und die Entscheidungen seien endgiltig.— Die Tumulte in San Salvatore, von denen wir bereits Mit- theilung machten, sind, wie selbst die bürgerliche Presse zugeben mutz, durch das Vorgehen der Gendarmen hervorgerufen worden. Die Bauern waren über die Aufgaben der Kommission, der die Untersuchung der Weinstöcke oblag, nicht unterrichtet worden. Diese sollte zunächst nur untersuchen, ob die Weinstöcke von der Phylloxera infizirt seien, die Bauern aber glaubten, die Weinstöcke, ihr ganzes Habe, solle vernichtet werden. Die herbeigerufenen Truppen schoffen ohne weiteres aus die Massen. 5 Personen sind getödtet. Der Bürgermeister und 7 Gemeinderaths-Mitglieder haben demissionirt. Die Behörden haben 6 Verhaftungen vorgenommen und es dürfte nun tvieder zu harten Verurtheilungen kommen.— Rom, 1. November. An demselben Tage, an welchem hier die Anarchisten-Konferenz zusammenttitt, wird eine Encyclica des Papstes gegen die Anarchisten veröffentlicht werden. Wenn diese Encyclica die Anarchisten nicht mehr schädigt als die zahlreichen Kundgebungen seiner Heiligkeit gegen die Sozialdemo- kratie unsere Partei geschädigt haben, können die Anarchisten ganz zufrieden sein.— Serbien. Belgrad, 31. Oktober. Nach hier eingelangten Nachrichten ist in Koepr'ueli(Makedonien) einer der angesehensten Serben namens Taschewie mitten in der Stadt des Nachmittags von Bulgaren er- mordet worden. Bisher wurden neun angesehene Bulgaren verhaftet. Der Vorfall rief hier große Erbitterung hervor.— Türkei. Konstautinopel, 31. Oktober.(Meldung des Wiener Telegr.- Korrcsp.-Bureaus.) Die Pforte überreichte gestern den Botschaftern Englands, Rußlands. Frankreichs und Italiens eine sieben Punkte enthaltende Note, in welcher zurWahrungderSouveränetät auf Kreta Zugeständnisse betreffend Flagge und Garnison, ferner Ernennung des Gouverneurs im Einklang mit der Pforte, Zahlung eines Tributs, Urtheilssprechung Namens des Sultans, Ernennung eines türkischen General-Prokurators und Neberweisnng der Berufungen gegen richterliche Erkenntttisse nach Konstantinopel verlangt werden. Die Botschafter bezeichnen dieses Verlangen der Pforte in jedem Punkte als unannehmbar.— Afrika. Um Faschoda. Der Londoner„Daily Mail" wird auS Kairo telegraphirt: Ein egyptisches Bataillon ist nach Faschoda gesandt worden. England ist also im Begriff, das Recht Egyptens auf das obere Nilthal durch Verstärkung der Trnppenmacht bei Faschoda noch mehr zu sichern.— Asien. Simla, 1. November. Der Wochenausweis über die Pest« erkrankungen stellt eine dauernde Abnahme derselben in der Stadt Bombay fest, woselbst 96 Todesfälle gegen 116 in der vorigen Woche vorgekommen sind. Nahezu fünftausend Todesfälle traten jedoch in den Distriften der Präsidentschaft Bombay ein. Die Epidemie nimmt zu im Staate M y s o r e. Aus Bangalore werden 400 Todesfälle gemeldet. Oberindien ist seuchenfrei.— Peking, 31. Oktober. Der deutsche Gesandte Frei- Herr v. Heyking machte dem diplomatischen Korps den Vorschlag, die Eisenbahnlinie von Shan-hai-kwan nach Peking gemeinsam durch Truppen der Mächte zu besetzen, falls China nicht schleunigst sein Versprechen betreffend die Zurückziehung der Truppen Kwang-fu's erfüllen sollte. Wenn die letzteren auch nach dem Jagd- park in der Nähe von Peking verlegt worden sind, so bedroht auch diese Stellung immer noch die Eisenbahn.— Amerika. In Guadeloupe, der französischen Kolonie in W e st i n d i e n, haben unsere Genossen bei den letzten General- raths-Wahlen sechs Si e g e und Mandate davongetragen. Die dortigen Sozialisten gehören der(Marxistischen)„Arbeiterpartei" (Parti Ouvrier) an, und sind ja, wie bekannt, durch Genossen Legitimus auch in der Nationalversammlung vertreten.— Nrw-Bork, 1. November. Nach einer Meldung aus Managua genehmigle der Kongreß in Nicaragua ein provisorisches Ab- kommen zwischen dem Präsidenten Zelaya und den Amerikanern Cragin und Ehre betreffend den Batt eines interozeanischen Kanals und bevollmächtigte dieselben, mit der„Maritime Kanal- Kompanh", deren Konzession am 9. Oktober 1899 abläuft, zu der- handeln.—_ Kampf um das Koalitionsrecht! Von der lex Posadowöky. Der Gesetzentwurf betr.„den Schutz der Arbeitswilligen", welcher augenblicklich im Reichsamt des Innern ausgearbeitet wird, dürfte, wie jetzt mitgetheilt wird, im Laufe dieser Woche fertiggestellt sein und alsdann zur Versendung an die Bundesregierungen gelangen. Es dürfte einige Zeit vergehen, bis die Begutachtungen der Bundes- regicrungen über die Vorlage zurückkommen. Ist der Entwurf auch noch so reaktionär, so ist doch von der Mehrzahl der Bundesregierungen ein Widerspruch kaum zu ertvarten. Man weiß ja, wie die Regierungen sich ihre Meinung in Angelegen- heften, welche die Arbeiter angehen, zu bilden pflegen. Sie fragen bei den Unternehmern an und oft gerade bei denjenigen Unter- nehmern. welche die leidenschaftlichsten Feinde einer selbständigen Arbeiterbewegung sind. Nur die Arbeiterklasse selbst, nur eine unermüdliche, keinen Tag ruhende Aufklärungs- und Agitationsarbeit kann die drohende Ge- fahr zurückwerfen. Herr Dr. Böhmert- DreSden äußert sich über die Zuchthaus-Vorlage in seiner„Sozial- Eorresp." u. a. wie folgt: Als das Ergebnitz der bisherigen öffentlichen Er- örtcrungcn über die Frage der Bestrafung von Streiks kann man heute wohl die Ueberzeugung aussprechen, daß jede Verschärfung des deutschen Strafrechts, das schon jetzt Streikvcrgehen empffnd'-. lich trifft, im Reichstage auf nachdrücklichen Widerspruch stoßen würde und eine wesentliche Aenderung des Reichs-Strafgesetzbuchs zu Ungunsten der Arbeiter keine Aussicht hat, im Reichstage eine Mehr- heit zu erhalten, weil die Gerichte schon jetzt vielfach bei Streik- vergehen auf empfindliche Strafen erkennen. So wurde der Versuch, einen arbeitswilligen Maurer an seiner Beschäftigung zu hindern, in Berlin an einem Streikenden mit neun Monaten und in einem anderen Falle, bei dem auch Hausfriedensbruch vorlag, mit einem Jahr Gefängniß geahndet. Man kann gewiß damit einverstanden sein, daß jede Ausschreitung ihren strengen Richter findet. Aber auf Streikvergehen angewendet, wird man nicht vergessen dürfen, daß vielen Arbeitern, sofern sie einen auskömmlichen Lohn erlangen wollen, thatsächlich oft nichts weiter übrig bleibt, als zu streiken, sobald ihnen vom Arbeitgeber eine Lohnerhöhung regelmäßig verweigert wird. In Zeiten günstiger Geschäftslage sucht jeder Unternehmer für seine Waare einen höheren 'Preis zu erhalten; in Zeiten thenrer gewordener Lebenshaltung wenden sich um die Erhöhung ihres Einkommens selbst Pfarrer und Lehrer an Landtage und Gemeinden, den Beamten werden von den vorgesetzten Behörden wohlwollend Gehalts zulagen bewilligt. Man kann es daher auch dem Arbeiter nicht verargen, wenn er bei dem Steigen der Mieths- preise und Fleischpreise eine Verbesserung seines Lohnes zu er- reichen sucht. Wir erstmern an den Streik d e r K o n f e k t i o n s- a r b e i t c r i n n e n vor»tehrercii Jahren, dessen Berechtigung von ciiifluszrcichcil Männern aller Parteien anerkannt und auch von der Reichsrcgierung im wesentlichen nicht bestritten wurde. Der deutsche Arbeiter must Mark in den Knochen behalten, wenn seine Hand einst mit Kraft und Muth das Vaterland schirnien soll. Der christlich-soziale Textilarbeitcr-Vcrband von Aachen � nahm einstimmig folgende Resolution an:„Der christlich-soziale Textib arbeiter-Verband von Aachen- Burtscheid und Ilmgegend protestirt gegen jede Veränderung der deutschen Gewerbe-Ordnung, soweit damit eine Verkümmerung des Koalitions- oder Vereinigungsrcchtes verbunden sein würde. Er verlangt dagegen den Schutz des in der Gewerbc-Ordnnng gewährleisteten Rechtes, durch Verabredungen und Vereinigungen die Abstellung von Mitzbräucben in den" trieben sowie günstigere Lohn- und Arbeitsverhältnisse selbst mittels Einstellung der Arbeit zu erstreben und zu erlangen. Er spricht weiter die Erwartung aus, es möge die in dem Erlasse des Kaisers vom 4. Februar 18L0 dem Arbciterstande zugesicherte„gesetzliche Gleichberechtigung" weiter dadurch ausgestaltet werden, dast alle der Koalitions- oderVereinigungsfrciheit entgegen stehenden Bestimmungen einzelner Staaten durch ein allgenieines Rcichsgesetz aufgehoben und den Berufsvercinen und-Verbänden die gesetzliche Anerkennung zu- gebilligt werde. Der christlich- soziale Textilarbeiter-Verband von Aachen-Burtscheid und Umgegend erkennt darin auch ein wirksames Mittel zur Förderung des sozialen Friedens und des nationalen wie gesetzlichen Sinnes in den Kreisen der deutschen Arbeiterschaft. An die beiden Vertreter. der Wahlkreise Aachen-Stadt und Aachen- Land-Burtscheid und Eiipcn im Reichstage, Generalsekretär Hille und Kaplan Dasbach, richtet der Verband das dringliche Ersuchen und die Aufforderung: im Sinne dieser Resolution im Deutschen Reichs- tage mitthätig zu sein." Protcstvcrsaniinlnngen gegen die ZuchthanSvorlage sind ferner abgehalten worden in Pohlitz sRentz ä. L.), Goslar am Harz, Tambach im Hcrzogthuin Gotha, Lehrte in Haiuiover. Preußische Laudtagswahlen. In BrcSlan hat eine Versammlung der sozialdemokratischen . Wahlmänner niit 65 gegen 20 Stimmen lolgendeu Bcschlust gesagt: „In Erwägung, daß bei der notorischen politischen Unzuver- lässigkcit einer grögeren Anzahl liberaler Wahlniäimer die Forde- ruug. einen sozialdemokratischen neben zwei liberalen Ab- acordneten zu wählen, thatsächlich aussichtslos sein inid nur zum sofortigen Siege der drei reaktionären Kandidaten führen würde, ■ in weiterer Erwägung, daß die sozialdemokratische Partei in erster Reihe und zwar im eigensten Interesse den Sieg reaktionärer und im höchsten Maße volksfeindlicher Vertreter verhindern muß, erklärt die Wahsiiiänncr-Vcrsammlnng, daß sie entschlosien ist, bei der am 3. November stattfindenden Sßahl der Brcslauer Abgeordneten zum preußischen Landtage einhellig für die drei Kandidaten der vereinigten freisinnigen Parteien zn stimmen." Kein Zweifel, daß s ä m m t l i ch e Wahlniänncr nach diesem Beschluß handeln werden. Im Wahlkreis Nandotv- Grcifellhagcn hgt eine Partei- Versain», Im, g die Genossen Herbert- Stettin und K ö r st e n- Berlin als Abgeordiicten-Kaudidateii aufgestellt. Die Sozialdeinokratic des östlichen Westfalens nnd der beiden Lippe hält ihren diesjährigen Provinzial-Parteitag Sonntag, den 27. November, von vormittags 9 Uhr an in Bicle- seid im Krob' scheu Lokale, Schildcschcstr. 1, ab. Eine Parteivcrsalnmlnng in KottbnS, in welcher Reichstags- Abgeordneter A n t r i ck über die Verhaiidlmigen des Stuttgarter Parteitags berichtete, erklärte sich einstimmig mit den Beschlüssen des Parteitages einverstanden und stimmte insbesondere der Haltung zu, die die Mehrheit des Parteitages in der Frage der Taktik ein- genommen hat. In der betresicnden Resolution heißt cS weiter: „Die Propagiruug unseres Endzieles, die Erobennig der politischen Macht muß nebe» der Verbesserung der Lage der Arbeiterklasse unsere vornehmste Aufgabe sein. Die Ver- sammlung ist ivciter der Ansicht, daß zur Aufklärung der imierhalb der Partei bestehenden Meinungsverschiedenheiten eine gründliche und sachliche Erörterung in Versammlungen und Presse' dringend erforderlich ist. Die Versammlung spricht hierbei den lebhaften Wunsch auS, daß der in letzter Zeit bei verschiedenen Anlässen mitunter gegen Parteigenossen angewandte gehässige, persönlich verletzende Ton in Zukunft auS unseren Diskussionen verschwinden möge." Die„Nhcinisch- Westfälische Arbeiter- Zeitung" schreibt unterni 30. Oktober: „Mit dem heutigen Tage scheidet Dr. L ü t g e n a u aus niiscrer Redaktion auS. Da Genosse Theiß nicht so weit genesen, daß ihm der Arzt das Verlassen des ZiunnerS und eine regelrechte, an- strengende BcrnfSthätigkcit wieder erlauben dürfte, so wird der Genosse Block die Redaktion eine ganze Weile allein zu führen haben. Die Kündigungsfrist deS Dr. Lütgenau lief erst ain 1. Januar ab. Der Partcivorstaiid hat cS aber nach den letzten Vorkommnisscii vorgezogen, unter Zahlung des Gehaltes bis zu», 1. Januar auf die Dienste Lütgenau's zu verzichten. Aus Anlaß dieses unfreiwilligen Ausscheidens wollte Dr. Lütgenau eine Erklännig in unserem Blatte erlassen, die wir jedoch sowohl ihres Inhalts als auch ihrer Form wegen nicht aufuchmen können. Er protestirt u. a. dagegen, daß der„Vorwärts" die Mitthcilung der„Dortmunder Ztg.", er(Dr. L.) habe bei der Landtagswahl uationalliberal gewählt, für wahr halte und aus- drücklich konsiatire, daß die Sozialdemokratie mit Dr. L. nichts mehr zu thun habe. Wir Ivollcn dazu bemerken, daß der„Vorwärts" in seiner Sonntagsnummcr bereits verzeichnet, daß Dr. L. die Behaup- tiiiig der„Dortmunder Zeitung" für falsch erklärt. Im übrigen ist die Koiistatinmg des„Vorwärts" nicht eine Schlußfolgerung aus der angeblichen Wahlbetheilignng Dr. Lütgenau's. Am Sonnabend sagte er zudem ausdrücklich, daß die Kündigung Llitgcnnu's nicht, wie einige bürgerliche Blätter glaubten, wegen der Prügelstrafen- Artikel, sondern bereits vor dem Erscheinen derselben sin August erfolgt ist." Polizeiliches, Gerichtliches ,c. — Redakteur W a b c r s k y vom„Hamburger Echo" hat am 30. Oktober das Gcfäiigniß nach Bcrbüßung einer zweimonatigen Freiheitsstrafe verlassen, die ihm wegen Beleidigung der Hamburger Staatsanivaltschaft zuerkannt worden war. Die Beleidigung wurde erblickt in einer Kritik der Thatsache. daß gegen den sogenannten Arbeitswilligen Lembke, der während des HafenarbeiterslreikS den streikenden Arbeiter BuddruS in Wilhelmsburg erschossen hat, keine Anklage erhoben worden ist. Es wurde festgestellt, daß die Staats- auwaltschaft ein Verfahren gegen Lembke eingeleitet hat. Vom Gericht ist aber die Erhebung der Anklage abgelehnt worden. Zur Zeit schweben noch einige Prozesse gegen den Parteigenossen Wabersky. GemevksrsMf tlirszes. Pcrliu und Nmgegend. Achtung, Puchbindcv? Es wird hiermit nochmo.s«uf die heute Abend 8 Ilhr in der B c r l i n c r R e s s o u r e Kom- mandantenstr. 57. stattfindende öffentliche Versammlung aufmerksam gemacht, in welcher der Bericht über die Verhandlungen mit den Deutsches Reich. Der Streik der Former in der Eisengießerei von Her- mann Buch holz jun. in Forst ist beendet. Die Arbeils cinstellung geschah wegen Maßregelung dreier Arbeiter. Ein Former hatte ohne lein Verschulden Ausschuß gegossen, welchen die Finna nicht bezahlen wollte. Eine Kommission von drei Formern wurde vorstellig. Die Firma erklärte sich bereit, die Hälfte �u zahlen, womit sich die Kommission einverstanden erklärte. Später kündigte mau zwei Mitgliedern der Kommission und dem Former, wodurch der Konflikt entstand. Dies war jedoch nur der äußere Anlaß. Seit einer Woche waren einige Strafbestimmnngen der Fabrikordnnng angefügt, worüber die Former unzufrieden ivaren. Am Sonnabend Morgen hat die Firma die Strafbestimmuiigeii zurückgezogen und die Kündigungen zurückgenommen. Die Arbeit ist am Montag wieder aufgenommen worden. Die Magdeburger Buchdrucker haben bei ihrem Vorgehen erzielt, daß die Zahl der Tarifanerkennungen sich jetzt auf 13 be- läuft, davon sind 11 schriftlich anerkannt. Aus der Umgegend sind 7 Druckereien den Tarifvereinbarungen beigetreten. Konflikte sind nur zwei zu verzeichnen, bei der Firma Engel in Buckau und R. Zacharias in Neustadt. Schutz de» Arbeitswillige». Weil er einen Arbeitswilligen Streikbrecher" genannt, wurde ein Bauarbeiter in Lübeck zu 8 Tagen, wegen desselben Vergehens ein Arbeiter aus F a ck e n- bürg zu 1 Monat Gefängniß vcrurtheilt.— In Königshütte legten am Montag die Maurer auf dem Bau des Baumeisters Koch die Arbeit nieder. Wie mitgetheilt wird, erhielt die Polizei Kemitiliß davon, daß diese Arbeitseinstellung auf Veranlassung eines auf dem Bau beschäftigten Arbeiters erfolgte. Der Missethätcr wurde darauf am anderen Tage verhaftet.— Da scheint man in Oberschlesien schon ganz nach'dem geplanten Zuchthausgesetz zu verfahren. Die Mannheimer Schuhmacher hatten ihren Meistern vor einiger Zeit einen neuen Tarif niiterbreitet. Die Vereinigung der Schlihmachcrmcister hat jetzt geantwortet, daß sie eine Kommission beauftragt habe, mit den Gesellen behufs Berathung der eiuzcliicn Tarifpositiouen in Unterhaiidlung zu treten. Der Tarif stellt nur sehr geringe Forderungen ans und läßt sich mithin hoffen, daß eine Einigilng zu stände kommt. In der Kanzler'sche» Weberei in Hof ist ein Streik aus- gebrochen. Der ArbeiterauSschuß wurde bezüglich eines Anliegens bei der Fabrikleitung vorstellig, worauf er sofort entlasseii wurde. Daranfhiil legten 28 Manu die Arbeit nieder. Zuzug ist fern- zuhalteil. In Stuttgart haben die Schuhmacher der Firma W. Spieß wegen wiederholter Lohiireduktiolieii die Arbeit eingestellt. Ausland. Die Wiener Buchbinderei- Arbeiter haben in einer großen Versaminliliig, die am Sonntag Vvrmiltag stattfand, fast ein- stimmig beschlosscn, die Arbeit unter den vorgeschlagenen Bediiigiliigcn bei den 24 kartellirteu Uiiteruehmerii aufzunehmen. Bei den kleinen Meistern werden die Vertrauensmänner anfrageu, ob sie die Beding- nisse akzeptireu, uutcr denen die Arbeit bei den 24 kartellirteu Rkeisterii aufgenommen wurde. Im Ablchnuiigsfalle wird die Arbeit bei ihnen nicht aufgenommen nnd Vorsorge getroffen, daß der Zuzug von Arbeitskräften nach solchen Werkstätten ferngehalten wird. Die Meister hielten gleichfalls eine Versammlung ab,' in der es sehr stürmisch zuging. Das Resultat der Versammlung war, daß sämmtliche kartellirteu Meister bis ans zwei rühmliche Ausilahmen ihr bei den fteitägigen Verhaiidlmigen gegebenes Wort, unter den von uns veröffentlichten Bcdiiigiingeii den Ansstand als beendet zu betrachten, gebrochen haben, weshalb die Arbeit nu» in zwei Werkstätten aufgenommen wurde. Die kartellirteu Unternehmer erklärten, als die Arbeiter sich zur Aufnahme der Arbeit meldetech von den Vereiiibanuigen nichts zu wissen und sich durch dieselben auch nicht für gebiindeu zu be- lrachten. Der Ober-Gewerbe-Jnspektor, unter dessen Vorsitz die Ver- haiidlungcn geführt irnd die Vereinbarungen getroffen worden sind, wird vom Lohukomitce nochmals ersucht werden, zu interveniren. Bis auf weiteres dauert der Streik fort. In der Wnffenfabrik in Stryr drohen neue Konflikte. Die Arbciler hatten im Vertrauen darauf, daß ihren Beschwerden Rcchililiig getragen würde, die Arbeit aufgenommen. Nlmmehr wird gemeldet, daß vielfach Maßregelungen vorgekommen sind. Besonders sind hiervon die Vertrauensleute und sonst fiir die Arbciterinteresicn thätige Arbeiter betroffen. Die Stimmung unter den Arbeitern ist dadurch wiederum eine sehr gereizte. Die ftopciihagciier Bäckergesellen haben in ihrer General- Versammlung mit großer Majorilät den Vorschlag eines Schiedsgerichts angeiiommeii. Die fiopciissngencr Brotfabriken versuchen in dem Lohn- kämpf alle Mittel. So wollten sie die Hefefabrikantcn bewegen, den noch arbeitenden Feinbäckeni keine Hefe zu liefern: aber darauf ließen diese sich nicht ein. Uebrigens ist kein Brotmangcl in Kopen- Hägen, da die Provinzbäckcrcien große Massen liefern. Arbeitgebern erstattet werden wird. Der Einbermer. zSozinles. Arbeiter- Risiko. Auf dem Werke Solvayhall kam der erst seil 4 Wochen verhcirathete Bergmann Just durch Sturz in die Tiefe umS Leben. Er hatte einen auf der Fmdcrschale be- findlichei, Wagen, der anS dem Geleise gesprungen war, wieder in die Bahn bringen wollen. Das von ihm hierzu benutzte Werkzeug glitt ob, er verlor dadurch das Gleichgewicht und stürzte herab. Nach dem ll u f a l l war mau, wie das„Volks- blatt für Anhalt" mittheilt, sofort bereit, den Raum hinter der Förderschale zuzlideckeu, so daß heute ein Unfall der gc- schilderten Art unmöglich sei. Warum hat man nicht früher für die erforderliche Schlitzvorrichtimg gesorgt? Auch dieser Fall zeigt, Ivie nöthig es ist, Arbeiterdelcgirte zur Gruben- i n i p e k t i o Ii heraiizuzieheii. Die„Freie Presse" in Elberfeld berichtet: Am Sonnabend Morgen crcigncte sich in den Farbenfabriken von Bayer il. Komp. einer jener bedauerlichen Unglücksfälle, für die aus- schließlich unser modernes AnSbclituiigssystcm verantwortlich zu machen ist. Ei» älterer Arbeiter war bei den sogenannten Mischtrommeln damit beschäftigt, den Boden zum Zwecke des Trockenhaltens mit Sägcspäiicn zu bewerfen, was er mit der rechten Hand that, während er die linkc Hand auf eine der Trommeln stützte. Plötzlich fetzte sich, diese in Bewegung und ehe er die Hand zlirückzichen konnte, wurde ihm der linke Daumen gänzlich abgeschlagen niid zwei Sehnen der Hand herausgerissen. Der arine Teufel war zu der Arbeit durchaus nicht befähigt, da er durch einen früheren Unsall sck, wcren Schaden er- litten hatte. Es sind etwa 10 Jahre her, als er anläßlich einer Spirittis-Explosion an den Mischtrommeln schwere Braiidwundcu davontrug, zu bereu Heilung sich später eine Ohrenoperation noth- wendig»lachte, die ihn des Gehörs beraubte. Dem Ver- letzten wurde»un anfangs die volle Rente gezahlt, später ging man in bekannter Weise dazu über, die Rente derart zu r e d u z i r c n. daß er schließlich über sein Vermögen hinaus arbeilen mußte. Wohin das führte, zeigt der be- dauerliche Unglücksfall. Auf einem Neubau in Kassel kam durch einen Gerüst- a b st u r z der ArbeitSmaim Wilhelm Pleßmann, ei» ivackereS Mitglied unserer Partei, ums Leben. Ein anderer Arbeitsmami iianielis Peter und der Maurer Wilhelm Stolze wurden schwer verletzt. Ein vierter Arbeiter entging der Verunglückung nur mit knapper Noth. In der Gießerei deS Koeb er' scheu Eisenwerkes in Harburg gericth der Former C e m i n beim Beschweren einer Form unter die von einem Krahn herabgelassene cisenie Koquille, die etwa 40 bis 50 Zentner schwer ist. Er kam mit dem Oberkörper in die Oeffnuiig der Koqnille, die sich gleichzeitig auf seinen rechten Fuß legte, und erlitt durch den ungeheuren Druck schwere innere und äußere Verletzungen, denen er bald nach seiner Ankunft im Krankenhause erlag. Mnkevnesimev-Vevviittdo. Etwas vom deutschen Schiffbau. Am 28. September d. I. haben die Aktionäre der Fleusbnrger Schiffswerft ihre diesjährige Generalversammlung abgehalten. Von dem den Aktionären uor- gelegeucii gedruckten Geschäftsbericht einige interessante Angaben: Die Fleusbnrger Schiffswerft ist in weiteren Kreisen bekannt geworden durch die 189Scr Aussperrung ihrer sämmtlicheu Arbeiter. die erfolgte, als die einen Lohn von weniger denn 30 Pf. die Stunde crhalteiidcn Arbeiter— etwa 350 Mann— zur Erlaugung dieses Lohnes die Arbeit einstellten. Der damals eiitbrcniieiidc Kampf hatte für die Arbeiter an Unterstützung etwa 80 000 M. gekostet und endete durch beiderseitiges Entgegenkominen nach 15 wöchentlicher Dauer. Die Werst wollte damals nicht im stände sein, die ver- langte Lohiiaufbessermig, die jährlich eine Mchrallsgabe von etwa 7—8000 M. für die Werft erforderte, zu bewilligen. Wie die Sache in Wirklichkeit aussieht, ersehen wir durch diesen Geschäftsbericht, der auch über die früheren Jahre entsprechende An- gaben enthält. Es heißt wörtlich in dem Bericht: Aus der nachfolgenden Zusammenstellung ergiebt sich, daß seit dem Bestehen des Etablissements stattgefunden haben: 1. Abschreibungen... 2 074 161,59 M. 2. Dividendeiivcrtheilung 3 876150,—„ Heutiges Aktienkapital. 2010 000,—„ mit folgenden Reserven: Reservefonds..... 202 500,—„ Dispositionsfonds,.. 570 000,—„ In der That, ein derartig glänzender Geschäftsbericht vermag schon das Herz eines armen Aktionärs in freudige Erregung zu setzen. In 23 Jahren etwa 112,5 pCt. des Aktienkapitals zu Ab- schreibungen und 209,5 PCt. als Dividenden vertheilt, und das letztere in dem Zeitraum von nur 19 Jahren. Das ist ein Geschäft! Der Bruttogewinn pro 1897/98 beträgt 1 376 543,94 M., von dem nach Abschreiblliigen von 190 865,22 M., nach Dotirung des Reparaturen- Konto von 127 486,35 M„ ein Rcingcwin» von 440 366,34 M. verbleibt. Davon erhalten die Aktionäre 13 pCt. Dividciide— 261 300 M., der Vorstand, Aufsichtsrath und Beamte 67 973,33 M, Tantiöme, der Dispositionsfonds 35 000 M., und ein Uutcrstützniigsfoiids für Beamte 26 093,31 M. Während der Unter« stützliiigsfonds für Beamte durch den obigen Zugang auf 53 020,32 M, gestiegen ist, hat der Arbcitcr-Unterstützungssonds mit einem Zugang von 1368,26 M. die kolossale Höhe von 3868,40 M. erreicht. Die Flensburgcr Schiffswerft ist eine der wenigen größeren Werften, die sich nicht auf den Kricgsschiffsbau eingelassen haben. Sie hat bielmehr infolge des Umstandes, daß andere Wersten gerade den Kricgsschiffsbau bevorzugten, erhöhte Aufträge zu verzeichnen. Die'Maschinenbail-Abihciliiiig der Werft hat im letzten Geschäftsjahre Maschinen von zusammen 12 620 indizirten Pferdekräften gebaut. Für das jetzige Geschäftsjahr liegen 10 Neubauten von zusammen 37 750 Tons Größe vor: also wiederum eine Steigerung. Auch diese Werst hat die Vergrößerung derselben beschlossen. Wie steht's mm mit den Arbeitern? Nach unserem Bericht sind im Durchschnitt auf der Werft 1798 Mann beschäftigt gewesen, die 2 023 444 M. Lohn erhielten. Es würde /dieses einen Durchschnitt von 1125 M. ergeben, für die schwere, an Gefahren so überreiche Arbeit des Schiffsbaues gewiß nicht hoch. Doch ist auch hier der alte Trik angewandt: auch die„Löhne" der Meister und Beamten ffguriren mit in dieser Gesammtsumme. Der 96er Kampf hat es, ja dewiesen, daß die Werft sich weigerte, Löhne von 30 Pf. zu zahlen, und zurZeit schwaiiken dieselben von 26— 40 Pf. die Stunde. Für einzelne Arbeiterkatcgorien mag das Jahreseinkommen den obigen Durch- schnitt übersteigen, aber die große Mehrzahl der Werftarbeiter reicht nicht an 1000 M. heran. Auf arund des Jahresberichtes haben wir die Leser einen Neinen Einblick thlin lassen in die Geschästsergebnisse einer der großen deutschen Schiffswerften. Auch hier dasselbe Bild wie überall: glänzende finanzielle Erfolge für die Aktionäre, für die Arbeiter ein elender Lohn. Die Pest. In Wien hat man den Aerzten und Pflegern der an der Best Erkraiilteu Orden verliehen. Man nimmt oemnach wohl an, daß die Gefahr völlig vorbei ist. Selbst wenn man so völlig gleich- giltig wie wir Ordensverleihungen gegenüber ist, darf man sagen, daß es beruhigend wirkt, wenn heute in Wien blas Ordens- Verleihungen und sonst nichts weiter über die Pest telegraphitt wird.■ Nachdem in Wien die Pestgefahr endgiltig beseitigt zu sein scheint, taucht das Gespenst der furchtbaren Seuche plötzlich an einem anderen Punkte Europa's auf— in Warschau. In das dorttge Spital zum Kindlein Jesu wurde, wie der„KuryerPoranny" meldet. eine btzjährige Frau gebracht, welche nach 24 Stunden starb. Die Acrzte konstatirten sibirische Pest. Das Spital und die Woh- nung der Verstorbenen wurden sofort desinstzirt.— Nähere Mit- theilungcn über den. Fall bleiben abzuwarten. Da Warschau zu den Großstädten mit den elenvesten Wohmingsverhältnissen gehört und die Lebensverhältnisse der Arbeitervevölkerung besonders sanitäts- widrig sind, märe der Verbreitung der Pest dort schwer vorzubeugen. Ans Hamburg liegt folgende Meldung vor:„Bei der Ein- schiffung der Zwischendeck- Reisenden für den von Hamburg nach New-Nork gehenden Postdampfer„Pretoria" wurde heute eine große Zahl österreichischer Passagiere, welche auf ihrer Reise Wien berührt hatten, infolge einer Verfügung des amerikanischen Konsuls von der Einschiffung' ausgeschlossen. da nach einer von Washington ein- gelaufenen' Jnstrukiion die amerikanische Regierung wegen der in Wien vorgekommenen Pestfälle eine Ouarantäne von vierzeh ii Tagen für alle von oder durch Wien kommenden Zwischendeck-Reiscnden fordert."— UstistiMdifcit und Vepesirstett. Frankfurt a. M.. 1. November,(ffl. H.) Wie der„Frankfurter mg" aus München telegraphitt wird, soll das Defizit der aschiiien-Ausstellung etwas über 100 000 M. betragen. Prag, 1. November.(B. H.) In einer gestern Abend in Smichow abgehaltenen sozialdemokratischen Versamm- lung wurde mit Entschiedenheit gegen den geplanten ö st e r r e i ch i s ch- u n g a r i s ch e n Ausgleich protestirt. Nach Schluß der Versammlung, gegen 11 Uhr nachts,� zog ein größerer Trupp vor das Gebäude der czechisch-christlich-sozialen„Katholica Listi" nnd bombarditte unter stürmischen Percat-Rilfen auf die Rc- daktton und die Druckerei dieses Blattes das Gebäude mit Steine». Als die Polizei einschrciten wollte, ergriffen die Demoustrailten die Flucht, so daß niemand verhaftet werden konnte. PariS» 1. November, s„Agence HavaS"). Dupuv begab sich um 7 Uhr in das Elysee und unterbreitete dem Präsidenten Faure die Dekrete, betreffend die Bildiliig deS neuen Kabinets, zur Unter» zeichnung. Die Minister stinnntcn den Gesetzentwürfen Pehtral'S über die Stcuetteform zu. Sodann kam man überein, daß die Regierinig in ihrer Erklärung vor der Kammer hervorheben solle, daß sie eine weitere Etappe zur vollständigen Einigung der republikanischen Pattei sein wolle. Das Kabinet werde für Gesetze über UnterstützungS« und AltersvcttorglMgSkassen k. eintreten. Was die Dreyfu-Z-Angclegcn- heit angehe, so werde sich das Kabinet vor der Entscheidiliig de? Kaffati önshofcs beugen. Konstantinopcl, 1. Novbr. M. K.-B.) Auf der Pforte ist es bekaimt geivordcn. daß Graf Murawjew in Patts die Besetzung deS Goiiv'ernelirposteiis von Kreta mit dcm Prinzen Georg wieder angeregt und daß eine Diskussion darüber zwischen den Kabinetten begonnen hat. In Dildizkrciscn wird erklärt, daß der Sultan. überzeugt, daß sein Widerstand gegen diese Besetzung aussichtslos wäre, sich passiv verhalten würde. Berannvortlicher Redatieur: August Jacobry in Berlin. Für den Jnseraientheil verautwottlich: Xch.«locke in Berlin Druck und Anlag von Mar Babing in Berlin. Hirrj» 2 Beilagen u. UnterhaltnngShlatt, St. 257. 15. mm. 1. Dtilllge Nomnntnolles. Stadtverordneten- Vcrsammlnng. 29. Sitzung vom Dien st ag, den 1. November. nachmittags 5 Uhr. Die Berathung des Entwurfs des neuen Vertrages mit den Berliner Eleitrizitärs werken wird fortgesetzt. Die §Z 2—10 gelangen nach den Beschlüssen des Ausschusses ohne erheb- Ilchc Debatte zur Annahme. Nach§ 11 wird die Stadt in der Regel den Unternehmern elekwschcr Bahnen die Zustimmung zum elektrischen Bahnbetrieb nur ertheilen, falls die Elektrizität von den Berliner Elektrizitätswerken entnommen wird. Siadtv. P r c u b bekämpft diesen§ 11 als einen seines ans- geprägten Monopolcharakters wegen höchst bedenklichen, der auf die Bildung und Fusionirnng von Privatgesellschaften, welche auf grund dieses Monopols die Stadt schließlich erdrücken und er- würgen müssen, geradezu hindränge. Die großen Verkehrs- gcscllschaften würden ans diese Weise mit Gewalt in diesen eisen, cn kapitalistischen Ring hincingezwungcn. Damit würden die Interessen der Stadt von den Privatinteressen über- wuchert, und die städtischen Behörden könnten sich der Ucbcnnacht der letzteren nicht erwehren. Schon jetzt sehe nian ja den Einfluß dieser Privatinteressen bis in die städtische Verwaltung hinein sich erstrecken. Es trete hier das nackte Privatmonopol in seiner häßlichsten Gestalt hervor. Freilich ein Kommunalreaktionär wie Herr Mommsen werde das nicht anerkennen; aber daß die Heben, ahme von derartigen Betrieben in städtische Regie liberalen Anschauungen Widersprüche, könnten nur solche behaupten, die vom Liberalismus nichts verständen. Mit dem 8 ll. mit dem Privat- monopol, sei die Vorlage unannehmbar. sLcbhaster Beifall und Zischen.) Bürgern, cistcr Kirschner: Mit dem Worte„Privatmonopol" wird die Sache nicht abgcthan, schon deshalb nicht, weil der Raun, der Straßen kein unbegrenzter ist, auf dem beliebig viele Interessenten ihre Kabel legen könnten. Mit der Auferlegung der Verpflichtung der Stromlicfcrung fiir die Straßenbahnen wird nach der Meinung des Magistrats allerdings ein großer Vor- theil für die Stadt gewonnen. nach der betriebstechnischen wie nach der finanziellen Seite hin. Handelt es sich um ein Privatmonopol, so wird es für die Stadt ausgenutzt. Bon der Existenz eines übermächtigen Ringes kann der Bürger- meister ebensowenig etwas merken, wie von einer Verletzung der liberalen Interessen oder von einer unberechtigten Becinflussung oder von einer Fesselung der Bewegungsfreiheit der kommunalen Körpcrschaftc».. Wollte die Stadt jetzt die Werke übernehmen, so würde sick, die Bürgerschaft aufs übelste benachtheiligt sehen, denn Jahre müßten vergehen, bis die Verwaltung sich in die neue Sphäre eingelebt hätte. Stadtv. U l I st e i n ist sehr verwundert, daß der Magistrat von diesen Bedenken in der gemischten Deputation garnichtS vcr- lantbart habe. Die hervorgehobenen Schwierigkeiten beständen in Wirklichkeit garnicht. Daß ein Monpol statulrt werde, sei doch absolut nicht zu bestreiten. Auch«tadtv. Wallach sieht etwas wie ein Monopol in der Fassung dieses§ 11 und wird für die Streichung stimmen. Sein privates Interesse hält er. obwohl er einige Aktien der A. E.-G. besitzt, für nicht kollidirend mit den städtischen Interessen, er betheilige sich deshalb an den Berathungcn und Abstimnumgen, denn er sei für Ablehnung des Vertrages und für Uebcrnahme durch die Stadt. (Bewegung, dam, große Heiterkeit.) Stadtvv. Lüben und I a c o b i treten für den§ 11 ein. Stadw. Rosenow fragt den Bürgermeister. was denn neben Z 11 der Vorbehalt im§ 1 noch zu bedeuten habe, wonach der Gesellschaft kein Monopol an den Straßen Berlins zustehen solle. Bürgermeister K i r s ch n e r: Der Passus stand hat schon im alten Vertrage von 18S8 und hat auch heute noch seine Berechtigung. Auch im§ 11 heißt cS nur„in der Regel", es bleibt also vorbehalte», in geeigneten Fällen auch andere Interessenten zuzulassen. In namentlicher Abstimmung wird§ 11 mit 56 gegen 50 Stimmen angenommen. K 25 stellt fest, daß die B. E.-W. für die Erlaubniß der Bc- Nutzung der städtischen Straßen und Plätze eine jährliche Ab- gäbe an die Stadt zu entrichten haben. Diese soll 10 pCt. der vliitto-Einnahmc betragen, soweit die Lieferung von Elektrizität im gegenwärtigen Weichbild der Stadt Berlin und nach Ein- verlcibung neuer Gebiete in das Weichbild Berlins in diesen Gebieten, und zwar in den letzteren auf Grund der für Berlin maßgebenden Tarife oder zu höheren Preisen erfolgt. Die Stadtvv. Deter, Singer u. Gen. beantragen, die Worte von„soweit" bis zum Schluß zu streichen; für den Fall der Ablehnung dieses Antrages aber die Abgabe auf 16�/z Prozent zu erhöhen. Räch§ 26 ist ferner vom Reinertag ein Anthcil an die Stadt Preußische Reaktion vor 50 Jahren. Die Märzrevolution des Jahres 1848 hatte in Preußen recht bedeutende Erfolge gehabt. Vor allem war eine aus allgemeinen Wahlen hervorgegangene Nationalversammlung einberufen worden, die iej, oen, 22, Mai zu dem Zwecke tagte, mit der preußischen Regierung eine Staatsverfassung zu vereinbaren. Viel hat diese gesetzgebende Versaminlung allerdings nicht vor sich gebracht. Es traten in ihr gänzlich widerstreitende politische Prinzipien zu tage, und zuweilen ging es bei den Verhandlungen in der Singakademie recht kraus her. Aber das Tagen der Versammlung war doch immerhin eine dauernde Demonstration dafür, daß die Revolution gegen das alte vormärzlichc System siegreich gewesen war. Anfangs herrschte ein leidliches VcrhälNiiß zwischen der jungen preußischen Volksvertretung und dem nunmehr„konstitutionellen" König Friedrich Wilhelm IV. Aber nach und»ach ergaben sich doch immer heftigere Reibungen, sodaß im Laufe der wenigen Sommer- monate drei Ministerien einander abgelöst hatten. Und mit dem Erschlaficn der revolufionären Thatkraft im Volke waren auch die reaktionären Tendenzen längst wieder kräftig empor geblüht. Mancherlei war geschehen, das den von der Hofkamarilla umgarnten König erbittert hatte, so der Stur», ans das Berliner Zeughaus, die Streichung der Worte„von Gottes Gnaden" aus dem Titel des Königs, die Abschaffung des Adels er. Schließlich war auch die Regierung noch von der Nationalversammlung zu einem Erlaß an die Annce gezwungen worden, in dem das Osfizierlorps vor reaktionären Bcstrcbmigcn gewarnt wird. Das alles hatte arg verschnupft. Sckon im � September war der General Wrangcl zu der neuen Würde eines Oberbefehlshabers in den Marken ernannt worden. Truppen wurden zusammengezogen, und Wrangcl bramarbasirte: er sei berufen, die Ordnung herzustellen und seine Truppen hätten scharf geschliffene Schwerter und Kugeln in den Gcwchrläufen. Ein scharfes Licht fiel dann am 15. Oktober auf das Verhältniß zwischen Krone und Volksvertretung. Es war der Geburtstag des Königs, an dem er die glückwünschenden Deputationen der Nationalversammlung. der Bürgerwehr ec. im Schlosse Bellcvue empfing. Das, was der König anf die Ansprachen antwortete. war recht bezeichnend.„Vergessen Sie nicht", sagte er zu den Herren von der Nationalversammlung. „daß wir etwas vor anderen Völkern voraus haben: eine an- gestammte Obrigkeit von Gottes Gnaden." Und auch den Mrnmern von der Bürgerwehr gab er aus. etwas nicht zu vergessen,»amlich: „daß i ch es bin, der Ihnen die Waffen in die Hönde gegeben hat." — Der Konflikt, der Kangss der Krone mit der Vollsvertretnng, war nach diesen Deutlichkeiten wohl vorauszusehen. abzuführen. Derselbe soll 40 pCt. vom Reingewinn über 6 pCt. des Aktienkapitals bis 20 Millionen und 40 pCt. über 4 pCt. betragen, soweit das Aktienkapital diesen Betrag übersteigt. Dieselben Antragsteller wollen diesen Anthcil von 40 auf 60 pCt. erhöhen. lieber§8 25 und 26 wird gemeinsam diskutirt. Stadtv. Singer: Wenn ich niich an der Spczialbcrathung be- thcilige zu de», Zweck, möglichst gute Bedingungen für die Stadt herauszuschlagen, so tangirt das unsere prinzipielle ab- lehnende Stellung natürlich gar nicht. Jenen Versuch zu machen, erachte ich umso mehr für'meine Pflicht, als ich überzeugt bin, daß die Gesellschaft auch bei viel schwereren Be- dingnngen noch mit Kußhand zugreifen würde.(Kopfschüttcln des Bürgermeisters.) Der Herr Bürgermeister will das nicht glauben; er hat doch aber selbst eine gleiche Taktik befolgt, um durch sein an- sängliches Eintreten für die Uebcrnahme bessere Bedingungen für die Stadt herauszuschlagen— wenigstens will ich hoffen, daß er nicht so intim von allen inneren Vorgängen in der Gesellschaft unterrichtet ist, daß er recht hätte mit der Behauptung, es sei absolut nicht mehr herauszuschlagen. Wir verlangen nach dem Antrage die Brutto-Abgabe auch von der Elektrizität, welche in dem Werke an der Obersprce hergestellt wird. Ein anßerordent- lich großes Quantum der dort hergestellten Elektrizität wird von der Berliner Industrie verbraucht werden; der Nutzen der Stadt aus dem Vertrage aber verkleinert sich in dem Maßgabe, als das Werk an der Obersprce von der Abgabe ftei- gelassen ivüd. Unser Eventualantrag hat einen Vorgang in den Vcr- Handlungen mit der Straßenbahn. Auch damals wurde behauptet, 8 pCt. sei das äußerste, was die Bahn abgebe» könne, und so wurde denn der Vertrag mit diesem Satze abgeschlossen. Jetzt aber, wo neue Linien ausgeschrieben werden, kommt die Straßenbahn und bietet 16� 3 pCt. von der Brutto-Einnahme! Dieser Vorgang beweist, daß unser Antrag nicht aussichtslos ist. Ebenso' verhält es sich mit dem Verlangen, statt 40 pCt. 50 PCt. des Rein- crtrages zu setzen. Wenn Sie die Bnitto- Abgabe von dem Werke an der Obersprce von Ansang an fallen lassen, wird die Gesellschaft ohnehin so günstig gestellt, daß sie in bezug auf diese Erhöhung sicher nicht die geringste Weiterung machen wird. Im Interesse der Stadtgemeinde liegt es zweifellos, daß, wenn einmal dieser unheilvolle Vertrag überhaupt abgeschlossen wird. aus dem- selben für die Stadt herausgeholt wird, was irgend möglich ist. Tic A. E. G. und die B. E. W. brauchen nach den Vereinbarungen, die sie unter sich getroffen haben, überhaupt garnicht so sehr an dem Reingewinn zu hängen. Tie Allgemeine Elcktrizitäts-Gcscllschaft hat bei der Gründung der Berliner Elcklrizitäts- Werke klugenveisc in dem Vertrag»fit denselben sich vorbehalten, daß bei jedesmaliger Erhöhung des Aktienkapitals sie die Hälfte der neuanfgelcgten Aktien zum Parikurse bekommen muß(Hört, hörtl), wahrend sie doch aufgelegt werden zu einem sehr viel höheren Kurse. 200 oder dergleichen. Darin besteht der Gründergewinn dieser Gesellschaft, und darin besteht auch das Interesse dieser Gesellschaft, hier bei uns im Rathhause mitzureden, nicht etwa besteht bei ihr ein Interesse fiir die Beschaffung von billigen Motoren für die Industrie oder gar um dem Handwerk aufzuhelfen; um solche Dinge machen sich die Herren an der Börse nicht den kleinen Finger naß! Ist dem aber so, so kann man nur mit um so größerem Rechte sagen: eine so wunderbare Gelegenheit, sich um Millionen zu bereichern, werden die Herren sich nicht entgehen lassen wegen der paar hunderttausend Mark mehr, welche die Stadt am Reingewinn davontragen würde. Uebngens wäre mir interessant, wenn Kollege' Jacoln aus seiner tiefen Kcnntniß aller dieser Dinge mich vergewissern könnte, ob meine Auffassung von diesem Vertrage zwischen den beiden Gesellschaften richtig ist. (Große Heiterkeit.) Vor wenigen Tagen haben beide Gesellfchaften Aencralvcn'ammlungcn gehalten und 18 beziehungsweife 12'/» pCt. Dividende festgestellt I Herrn Wallach möchte ich meine Anerkennung für seinen uneigennützigen Scandpuntt nicht vorenthalten, nur hoffen will ich, daß hier noch mehr solcher Aktionäre sind, die seinem Beispiel folgen ivcrden.(Sehr gut! Heiterkeit.) Die Berliner Elektrizitäts- werke haben im letzten Geschäftsjahre 2 627 000 M. Reingewinn gehabt. Davon sind 190 000 M. zum Reservefonds gegangen, dann sind eine ganze Reihe fernerer Abschreibungen erfolgt, so daß ein Rein- gewinn von 2 357 000 M. verblieb. Alle diese Vorabschreibungen kämen bei Liquidirung den Aktionären oder deren Erben zu gute, mit einziger Ausnahme der Abschreibungen für Krankenkasse und Unterstützungen. Der Gcwinnantheil der Stadt Berlin beträgt nur 294 000 M., der der Aktionäre 1 373 000 M., des Auf- sichtsrathes 81 000 M., der Direktion auch 81 000 M. neben ihrem Gehalt, sodaß für diese letzteren beiden Posten allein 162000 M. vorlvcg- gehen. Und das nennt der Bürgermeister ein vortheilhaftes Sozictäts- geschäft für Berlin! Und warum hat die Stadt einen so kleinen Ge- winnanlheil bekommen und wird sie ihn ferner bekommen? Weil sie darauf, den ganzen Gelvinn zu nehmen, verzichtet hat zu gunstcn der Aktionäre! Wir werden uns unsere Stimmen für den Vertrag allerdings nicht abkaufen lassen durch den Die Kämpfe in Wien, das rücksichtslose Drcinwirthschaftcn der österreichischen Reaktion unter Windischgrätz. brachten dann auch in Berlin die Bombe zum Platzen. Die Sympathie mit dem auf- ständischen Wien und die Wuth gegen die östevreichische Staats- strcichcrei steigerten sich in Berlin zu fieberhafter Spannung, weil man auch in Preußen auf ähnliche Zusammenstöße gefaßt sein mußte. Am 31. Oktober lagen der preußischen Nationalversammlung zwei von den Wiener Vorfällen handelnde Anträge vor. Der eine, von Waldcck gestellte, ging dahin, das Staatsministerium aufzufordern, „zum Schutze der m Wien gefährdeten Volksfreiheit alle dem Staate zu Gebot stehenden Mittel und Kräfte schleunigst aufzubieten". In Berlin herrschte an diesem Tage ans Anlaß der Berathung der österreichischen Angelcgenhcil die größte Aufregung. Schon Vor- mittags hatte sich um das königliche Schauspielhaus, wo jetzt die Verhandlungen stattfanden, eine große Volksmenge versammelt, um Sturmpetitionen für die Annahme des WaldwTicheil Antrages zu überreichen. Und da die Berathung dieses Gegenstandes erst abends stattfinden sollte, so iviederholten sich um diese Zeit die Ansamm- lunaen. Viele der Vcrsnmnicltcn sollen sogar niit Stöcken erschienen sein' um oie Abgeordneten einzuschüchtern und sie zur Annahme des Waldcck- scheu Antrages zu zwingen. Tie umlaufenden Gerüchte vergröberten jedoch die thatsächlichen Vorgänge ins unsinnige. ES hieß, man habe die Abgeordneten nicht aus dem Saale heraus lassen wollen, bis ein befriedigender Beschlutz gefaßt sei; auch sollte man zu diesem Zlveck die Thülen von außen vernagelt haben. Viele Augenzeugen, so beispielsweise Varnhagcn von Ense, erklären jedoch die meisten dieser Behauptungen für reaktionäre Lügen. Niemand habe Stöcke und Stricke gesehen, und die Thürcn seien auch nicht vernagelt ge- wesen. Jedenfalls wurde den Auftritten erst spät in der Nacht durch die Bürgcrwchr ein Ziel gesetzt. Die Nationalveriammlung berieth währenddem die Anträge und verwarf mit allen gegen 113 Stimmen den Waldeck'schen Antrag, der ein direktes Einschreiten Preußens verlangte. Dagegen nahm sie mit großer Mehrheit einen von Rodbertus verfaßte« Antrag an. Dieser lautete:„Die Rcgiernng wird aufgefordert, bei der Zentralgewalt schleunige und energische Schritte zu thun, damit die in den deutschen Ländern Oesterreichs gcsährdctc Volksfreiheit und die bedrohte Existenz des Reichstages in Wahrheit und mit Erfolg in Schutz genommen und der Friede hrrgcstclll werde." Indem man dies beschloß, wollte man der Frankftirter Zentralgcwalt die an- gemessene Stellung bewahren. Auch der Ministerpräsident Graf Pftiel hatte in der National« Versammlung mit für das Einschreiten der Zentralgcwalt ge- stimmt. Der Kamarilla am preußischen Hofe war aber schon vorher klar geworden, daß Psuel sich nicht in ihrem Sinne gebrauchen ließ, und sie hatte beim König bereits auf eine Veränderung des llnWlllU. Mitlix-ll,. 2. JootiIw 1898, mb—..............«Mmmmiijuwuiimuui.t— Betrag. der für die Stadt infolge der Annahme unserer Anträge mehr gewonnen wird. Daß die Gesellschaften in den Vcr- Handlungen mit dem Magistrat schon ihr letztes Wort gesprochen haben, davon ist keine Rede. Sollten Sie es gethan haben, so wäre es ein Glück für die Stadt, wenn wir auf diese Weise zur Uebcrnahme der Werke in städtische Regie kämen. sVeifall.) Stadtv. Spinola giebt de« Antragstellern anbcim. doch nicht wieder in die Gencraldcbalte zurückzufallen und aus der Abstimmung der vorigen Sitzung die Konsequenzen zu ziehen.(Lebhafter Wider- sprach.)"Man solle doch nicht anf diese Weise von hinten herum den Vertrag zu Falle zn bringen versuchen. Die Industriellen, die am Bezüge von Elektrizität interessirt seien, warteten mit Ungeduld auf den Abschluß der Sache. Bürgermeister K i r s ch n e r verbleibt dabei, daß er in voriger Sitzung die Vcrtheilnng des Gewinnes zwischen Aktionären und Stadt richtig dargelegt hat; die Stadt habe ein sehr starkes Drittel des Rcingewnincs erhalten, nach den neuen Bcstimmnngcn ivcrde sich der Anthcil auf fast die Hälfte erhöhen. Es handle sich nicht um Neuabschluß eines Vertrages, sondern um Verlängerung eines bestehenden unter günstigeren Bedingungen. Er könne versichern, daß bei den fast jahrclangen Verhandlungen die Gcgcnkontrahenren in � ehrlicher Weise verhandelt haben, niid daß es dem Stadt- rath Zabel nnd ihm nicht leicht geworden sei, die Kon- zessioncn zu erhalten, die jetzt im Vertrage vorlägen. Ter Ausschuß sei schon erheblich iveitergegangen, ob die Ge- sellschnft diese weitergehenden Forderungen ohne weitere Konzessionen gewährt, wisse er nicht. Anf die Leistung der Brutto-Abgabe auch von dem Anßenwerke werde die Geielllchaft wohl kaum eingehen können, schon weil es von vornherein viel größer, für 50 000 Pferdckräftc,' angelegt ist. Aber auch sachlich ermangele diese Forderung jeder Begründung. Stadtv. Deter warnt vor überstürzter Berathung einer so schwcrlvicgendcn Angelegenheit; man solle jedenfalls der heute hervor- gehobenen, für viele Mitglieder neuen Thatsache, daß die Allgemeine Elektrizitäts- Gesellschaft die Hälfte der etiva neu ausgegebenen Aktien zum Parikurse zu beziehen berechtigt ist. die gebührende Beachtung widmen.! Stadtrath Zabel sucht ans dem Aktienrecht und den Vertrags- bcstimmnngcn nachzuweisen, daß dieser Umstand für die Stadt von ganz unerheblicher Bedeutung ist. Hierauf wird ein Vertagnngsantrag, den auch der Vorsteher Dr. Langerhans enipfichlt, gegen Uhr angenommmcn. Die Verhandlung soll in einer Extrasitznng am Dienstag und dann in den nächsten Sitzungen nach Bedarf in den beiden ersten Stunden jeder Sitzung fortgesetzt werden� Zur Erledigung gelangt noch eine Reihe kleinerer Vorlagen. Die Vorlage ivegcn versuchsweiser Einstellung der Verpachtung des Rechtes zur Erhebung des M a r k st ä t t c g c l d e s und wegen gleichzeitiger Abstandnahme von der direkten Erhebung desselben wird angenommen. Schluß nach 3'/» Uhr. »• • Die Ttatztlicrordnctcn Dr. Preuß, Kreitling, Dinse, DrenSke, Deter, Karl Golbschmidt I, Riemer, Weiß, Kaiisch, Witkowski, Dr. Paul, Rosenow, Frick und Fasqnel haben folgenden Antrag in der Stadtverordncten-Vcrsammlung eingebracht: die Unterzeichneten beantragen, die Versammlung wolle an den Magistrat folgende An- fragen richten: Seit dem 24. Oktober sind die Rektoren mehrerer hiesigen Gemeindeschulen von den Schulinspeftorcn angewiesen worden, einigen Lehrerinnen das Ordinariat, welches sie 22 b c z i e h u n g 3 lv e i s e 19 und 16 Jahre vorwurfsfrei führe, abzunehmen und sie nicht mehr als K l a s s e n l c h r e r i n n e n zu beschäftigen, weil diese Lehrerinnen jüdischen Glaubens sind und sich in ihren Klassen keine genügende Zahl von Kindern desselben Bekenntnisses befindet: 1. Ist dem Magistrat bekannt, anf wessen Anordnung die Schulinspektorcn gehandelt; haben? 2. Stehen weitere ähnliche Maßregeln in Aussicht? 3. Billigt der Magistrat dieses Vor- gehen? Eventuell: 4. Was will der Magistrat thun, um jene Maß- rcgel rückgängig zn machen, oder, falls er dazu nicht die Macht hat, wie will er diesen Lehrerinnen eine weitere ersprießliche Wirksamkeit nnd ein mit ihrer persönlichen Würde vereinbares Ausharren im städtischen Schuldienste ermöglichen?" Uokktles» Wahlvcrein dcS zweiten Berliner Rcichstags-Wahlkreises. lieber„Streitfragen in der Partei" wird Genosse Richard Fischer am Mittwoch bei Zühlke, Dennewitzstr. 13, einen Vortrag halten. Die Mitglieder werden nm zahlreichen Bc- such dieser Versammlung gebeten und gleichzeitig darauf aufmerksam gemacht, daß die Parteitags- Protokolle in den Zahlstellen in Empfang zu nehmen sind. Der Vorstand. Ministeriums hingewirkt. Am 1. November nahm und erhielt General Pfucl„aus Gcsuudheitsriickstchteu" seine Entlassung. Mit diesem Ministcrwcchscl begann in Preußen der offene Kampf der Regierung gegen die Nationalversammlung, Man ließ jetzt die Wiciske fallen. Schon am 2. November zeigte Graf Brandenburg der preußischen Volksvertretung an, daß er mit der Bildung des Kabinets beauftragt sei. Ein ganz reaktionärer Armeebefehl, den Brandenburg als koni- mandirender General in Breslau erlassen hatte, gab ciiicn Finger- zeig für das, was nun zu crlvarten war. Mit fast völliger Ein» miithigkeit nmrde sofort diese Adresse an den König beschlossen: '„Infolge der Benachrichtigung, daß der Graf Brandenburg mit der Bildung eines neuen Kabinets beauftragt ist. hat die Nationalversammlung in ihrer heutigen Sitzung den Beschluß ge- faßt, aus ihrer Mitte eine Deputation an Ew. Majestät zu cnt- senden, nm Sie �avon in Kcnntniß zu' setzen. daß dieser Schritt Ew. Majestät die größten Besorgnisse im Volke erregt nnd unal» schbarcs Unglück über das Land zu bringen droht. Schon seit Wochen haben unheilvolle Gerüchte Ew. Majestät treues Volk über die Absichten der Reaktion erschreckt, und die Erncmnmg des jetzt abgetretenen Ministeriums hatte diese nicht zu schwachen ver- mocht. Eine Regierung unter den Auspizien des Grase» Branden- bürg, welche wiederum ohne Aussicht ist, eine Majorität in der Versammlung und Vertrauen im Lande zu gewinnen, würde die Aufregung unzweifelhaft zum Ausbruch steigern und endlich traurige, an das Schicksal eines Nachbarstaats eriimemde Folgen für Ew. Majestät Hauptstadt nnd Land nach sich ziehen.— Ew. Majestät sind von Ihren bisherigen Rüthen über den Zustand des Landes nicht woht unterrichtet tvorden, wenn man Ihnen diese Gefahr für Thron und Land verschwiegen hat. Wir legen daher die ebenso ehrfurchtsvolle als dringende Bitte an Elv. Majestät Herz, ein Herz, das stets für die Wohlfahrt des Landes geschlagen hat, dem Lande durch ein volksthnmltchcs Ministerium eine neue Bürgschaft dafür zu geben, daß Ew. Majestät Absichten nnd die Wünsche des Volkes im Einklang stehen." Den Hauptantheil an der Abfassung dieser Adresse hatte Lothar Bnchcr gehabt, der spätere literarische Gehilfe BiSinarck's. Noch am 2. November begab sich die aus allen Fraktionen gewählte Deputation nach Schloß Sanssouci bei Potsdam, nm die Adresse zu über- reichen und den König über die Lage des Landes zu unterrichten. Der König empfing die Abordnung schweigend. Der Präsident von Unruh verlas die Adresse. Nachdem der König sie gehört, das Blatt entgegengenommen und zusammengefaltet hatte, war er im Begriff, sich ohne Antwort zu entfernen. Da trat der demokratische Abgeordnete I a c o b y einen Schritt hervor mid sprach:„Wir sind nicht allein gesandt, um Eurer Majestät diese Adresse zu über- Sozialdemorratischer Wahlberein für den sechsten Berliner Reichstays-Wahlkreis. Den Mitczliedem zur Nachricht, daß der Vorstand m seiner letzten Sitzung beschlossen bat. an diejenigen Mit- gliedern, welche ihren Beitrag bis Oktober entrichtet haben, das Protokoll vom Stuttgarter Parteitag gegen Zahlugg von tv Pfennig zu verabfolgen. Die Protokolle werden nur bis ersten Januar abgegeben und die Mitglieder daher ersucht, dieselben bei ihrem zuständigen Bezirksleiter baldigst in Empfang zu nehmen. Der Vorstand. I. A.: M. Kiesel. Den Vorstandsmitgliedern hierdurch zur Nachricht, daß die nächste Sitzung der Volksversammlung wegen erst Donnerstag den 4. November, abends 9 Uhr, bei Gleinert, Müllerstraße Nr. 7. statt- findet. D. O. 7" Der Ausfall der Wahle» zum Gcwerbegericht macht dem Unternehmerthum insolveit Kopfzerbrechen, als sich nanientlich er- geben hat, daß die Sozialdemokratie auch in den Kreisen der Arbeitgeber eine nicht geringe Anhängerschaar aufzuweisen hat. In der„Post" lesen wir heute folgendes: Anknüpfend an die That- fache, daß bei den letzten Gcwcrbegerichts-Wahlen ein beträchtlicher Prozentsatz der Arbeitgeber für die sozialdemokratischen Kandidaten gestnnmt hat, beleuchtet der bekannte Gewerberichter O. Weigert die Ursachen dieser auffallenden Erscheinung. Bei Berathung des Gesetzes behielt man die Definition des Begriffe's „Arbeitgeber" den Ortsstatuten vor, während die Motive meinen, daß sich dieselbe von selbst ergebe, wenn man nämlich den Begriff„Arbeiter" feststelle. Wohin solche Unklar- heitcn führen, haben die letzten Gewerbegerichts-Wahlen wieder gezeigt: es seien zu den Wahlen tausende kleiner Gewerbetreibender zugelassen worden, welche selten oder nie einen Gesellen, Arbeiter bezw. Lehrling beschäftigen. So sei auch eine große Zahl von Leuten, die sich zwar als Gewerbetreibende anmeldeten, thatsächlich aber selbst Arbeiter seien, anstandslos in die Wählerlisten der Arbeitgeber eingetragen worden.„Diese bcdaucr- liche Praxis", so sagt Herr Weigert u. a.,„ist nicht durch eine Lücke im Gesetze selbst, sondern nur dadurch entstanden, daß der M a g i st r a t es verabsäumt hat, die Frage, wer als Arbeitgeber im Sinne des Gewerbegerichts anzusehen sei, durch das Ortsstatut zu regeln, wie denn überhaupt die Kommunalverwaltung der Stadt Berlin dem Gewerbegericht nicht das Maß von Interesse undVerständnißgewidmethat, das man von den städtischen Kollegien der deutschen Reichshauptstadt mit Rücksicht auf die hohe soziale Bedeutung dieser Einrichtung erwarten durfte. Die B emühungen des Vereins der Arbeitgeber-Beisitzer, eine in vielfacher Beziehung noühwendige Aenderung des Ortsstatuts herbeizuführen, sind.kurzer Hand seit drei Jahren mit der Begründung abgcthan worden, daß noch nicht genügend Erfahrungen gesammelt seien, um den vorgetragenen, in eingehender Weise motivirten Wünschen Rechnung zu tragen. Wenn die Mitglieder der städtischen Kollegien nur der Mühe sich unterziehen wollten, die Jahresberichte des Gcwcrbcgerichts einen: Studium zu unterziehen, dann wäre eS nicht möglich gewesen, daß heute noch auf grund des Ortsstatuts Leute als Arbeltgeber betrachtet und als solche in die Wählerlisten eingetragen werden, die lediglich in die Klasse der Händler, Höker und Hausirer einzureihen sind. Wenn demnach bis zur letzten Wahl allein 19 pCt. der Arbeitgeber Beisitzer aus den, Stande der Arbeiter- Vertreter hervorgegangen sind, so ist für das Ergebniß nicht nur die Lauheit der interessirten wirklichen Arbeitgeber, sondern häuptsächlich das FortbestehendesunverändertenOrtsstatuts und die noch immer geübte Praxis des Magistrats bei Aufstellung der Wählerlisten verantwortlich zu machen. Hierdurch allein war es möglich, daß durch die Bestellung sozialdemokratischer Arbeitgeber- Beisitzer die durchaus zu wahrende Parität der Arbeitgeber und Arbeitnehmer gestört wurde." Es ist ein sehr gescheidter Gedanke, die städtische Behörde zu einem Gewalt st reich anzureizen, damit sie die kleinen Unter- nehmer ihres Wahlrechts beraube. Besonders hübsch macht sich der Vorschlag an einer Stelle, d�e sich sonst in der Aus- beutung der Phrase von der Erhaltung des Mittelstandes nicht genug thun kann. Wenn es gegen die Sozialdemo- k r a t i e geht, gehen nicht allein liberale, sondern auch konservative Grundsätze zum Teufel. Rcligionskrieg. Ein neuer Eingriff in die städtische S ch u l v e r w a l t u n g hat sich, nach der„Lib. Korr.", in ver- gangcner Woche in Berlin ereignet. Städtische Bolksschuk- Lehrerinnen, die mit Genehmigung der Regierung als ordentliche Lehrerinnen angestellt waren und die in ihrer ganzen Dienstzeit sich nie etwas hatten zu schulden kommen lassen, sind jetzt auf An- Weisung der Regierung durch den zuständigen Kreisschul-Jnspektor vom Ordinariat ihrer blasse enthoben worden mit dem ausdrück- lichen Hinweis, daß für die Maßregel kein anderer Grund vorliege, als daß die Lehrerinnen jüdischer Religion sind. In einem Falle ist eine Lehrerin davon be- troffen, die seit 1876 ununterbrochen im Ordinariat gewesen war. Hoffentlich nimmt die Stadtverwaltung sich der Gemaßregelten energisch anl Die hiesigen unter Anfsicht beider Gemeinde- Behörden stehenden W o h l t h ä t i g k e i t s- A n st a l t e n und Stiftungen verfügten Ende März 1898 über ein zinsbar angelegtes Kapitalsvcmlögen von 1ö 569 939 Mark. Hierzu kommen die unter alleiniger Aufficht beziehungsweise Verwaltung des Magistrats oder einzelner Deputattonen stehenden Stiftungen mit einem Kapital- bringen, sondern auch, um Ihnen im Namen der Nattonalversammlung Aufklärung zu geben über die Lage des Landes. Wollen Eure Majestär uns dazu Gehör geben?" Der König antwortete mit einem strengen und entschiedenen'„Nein I" und wandte sich zum Gehen. Jacoby aber rief ihm die berühmt gewordenen Worte nach:„D a s i st eben das Unglück der Könige, daßsiedieWahr- heit nicht hören wollen!" Diese freimüthigen Worte trugen dem kühnen Abgeordneten ebenso viel Anfcindungeu, wie aus den demokrattschen Volkskreisen Verehrung ein. Bon den Demokraten wurde ihm ein Fackelzug dargebracht. Später trat Jacoby bekanntlich zur Sozialdemokratie über. Den Leisetretern in der Deputatton hatten freilich die deutlichen Worte Jacobws Helles Entsetzcs erregt. Man besuirinte die Umgebung des Königs, diesen zu bitten.' er möchte die Worte eines . einzelnen Abgeordneten und die Motte der Adresse auseinanderhalten. Der König war denn auch so gnädig, der Nationalversammlung auf ihre Adresse noch einen gnädigen Fusitritt zu verabfolgen. Er richtete eme Botschaft an die Volksverlretung, in der er erklätte, auf seinem Willen beharren zu ivollen. Die Boffchast lautete: „Fest entschlossen, den von uns in Uebereinslimmung mit den Wünschen unseres getreuen Volkes betretenen konstitutionellen Weg unverrückt zu verfolgen, haben wir den Generallieutcuant Grafen von Brandenburg mit der Bildung eines neuen Ministerimns beauftragt, weil" wir, nach seinen uns bekannten Gesinnungen, überzeugt sind, daß er der festen Begründung und gedeihlichen EntWickelung der konstitutionellen Freiheiten mtt Freudigkeit seine Kräfte widmen und sich bemühen werde, die ihm von uns gestellte Aufgabe in entsprechender Weise zu lösen. Einem anderen Ministerium als einem solchen, von welchem wir dies erwarten können, werden wir— davon dürfen die Vertreter unseres getreuen Volkes sich überzeugt halten— niemals die Leitung der Regierung anvcr- trauen. Wir können uns daher weder durch die in der Adresse vom gestrigen Tage ohne nähere Begründung angedeuteten Gc- rüchte, die in keiner Handlung unserer Regierung Bestätigung finden, noch durch die ausgesprochenen Besorgnisse bewogen finden, den infolge unserer wohlerwogenen Entschließung dem Grafen von Brandenburg ettheilten Austrag zurückzunehmen." Dabei blieb es. Eine Woche später trat das Staatsstreich- Ministerium vor die Volksvettretung. Und binnen wenigen Tagen war der Staatsstreich komplett. Die preußische„Nationalversammlung zur Vereinbarung einer Verfassung" wurde auseinander gesprengt, und das Volk war auch in Berlin um die Früchte der Revolution bewogen. M. Pf. vermögen von 7 374 482 M. und die unter Verwaltung selbständiger Kuratorien stehenden Stiftungen mit einem Kapitalvermögen von 5 954 519 M. Außer diesen insgesammt 28 898 922 M. besaßen ver- schiedene Sttftungen noch Grundstücke im Taxwerthe von 7 558 823 M., auf denen Ende März 1398 Hypotheken im Bettage von 259 259 M. hafteten. Gegen das Vorjahr ist das Sttftung's- vermögen um 3 594 765 M. gewachsen. Winterleidcn der Handlungsgehilfen. Der Z 62 des neuen Handlungsgesetzbuches verpflichtet den Pttnzipal, den Geschäfts- betrieb und die Arbeitszeit so zu regeln, daß der Handlungs- gehilfe gegen eine Gefährdung seiner Gesundheit, so weit die Natur des Bettiebes es gestattet, geschützt wird. Wir haben bereits wiederholt betont,>o schreibt das Handlungsgehilfen-Blatt, daß kein Mensch sich um die Befolgung dieser Bestimmung kümmert, und daß die Behörde auch auf deren Befolgung gar nicht dttngt, da die unumgänglich notwendigen Ausführungs- Verordnungen bis heute noch nicht erlassen sind. Mit der Gesundheit der Angestellten wird nach wie vor ganz unverzeihlich umgegangen. Besonders augenfällig ttat dies zu tage während der ungewöhnlich kalten Witterung Mttte Oktober d. I. Die meisten Ladengeschäfte schloffen die Ladenthüren nicht, ttotzdem die Temperatur zeitweise bis auf— 3 Grad C. sank. Oft sind zwei Ladenthüren vorhanden, dann entsteht natürlich ein mörderlicher Zug, in dem die Gehilfen und Lehrlinge— in der Mehrzahl Lehrlinge— vom Morgen bis zum Abend aushatten müssen. Mit erftörenen, angeschwollenen Händen, gerötheten Nasen, ftterend ain ganzen Körper, abgespannt, erledigen die meistens im jugendlichen Alter stehenden An- gestellten ihre Obliegenheiten. Die Thiiren aber bleiben offen, geheizt wird selbstverständlich nicht! Das Blatt ftagt: Ist das Offenhalten der Thülen bei einer fKälte bis— 3 Grad C und heftigem, schneidendem Wind gesundheitsschädlich oder nicht? Niemand wird die Frage verneinen. Wenn ja, gestattet es die Natur des Betttcbes, hier der Ladengeschäfte, die Thüren zu schließen und den Raum zu heizen? Auch diese Frage wird niemand verneinen! Wir fragen ferner: Warnnl schreitet die Behörde nicht ein? Warum bringt sie das Gesetz, das Recht nicht zur Anerkennung? Für die beabsichtigte Einführung einer neuen Nachtomnibus- Linie Stettiner Bahnhof— Kottbuser Thor ist jetzt bei der Stadt- gemeinde die Genehmigung nachgesucht worden. Der Ausbruch der Maul- und Klauenseuche auf dem hiesigen städtischen Schlachthof wird amtlich gemeldet. Wie die „Allg. Fleischer- Ztg." ausdrücklich hervorhebt, wird davon der städtische Viehhof in keiner Weise berührt. lieber die Gehälter der Qber-Biirgermeister und Bürgermeister ist eine Statisttk aufgestellt worden. Obenan steht natürlich Berlin(1739 999 Einw.j, dessen Ober-Bürgermeister ein Gehalt von 39 999 M. bezieht. Daran reihen sich Breslau(373 999 Einw.) und Köln(321 999 Einw.), welche ihren Bürgermeistern je 25999 M. jährlich zahlen. Dann kommen Elb erfeld(139999Einw.) mit29999M., Kassel(82 999 Einw.) mit 19 999 M., Altona(149 999 Einw.) mit 17 999 M., Charlottenburg<172 999 Einw.) und Görlitz (79 999 Einw.) mit je 16 599 M., Königsberg i. Pr.(173 999 Einw.), D a n z i g(126 999 Einw.) und Pose n mit je 15 999 M. Hamm i. W.(116 999 Einw.) zahlt scincin Stadthaupte jährlich 13 999 M., Kiel(75 999 Einw.) und Essen(199 999 Einw.) je 12 999 M. Schöneberg<89 999 Einw.) 19 599 M. und Erfurt (78 999 Einw.) 19 999 M. Die Besoldung der Bürgernleister in Kassel und dem kleinen Görlitz wurde, als die Inhaber dieser Stellen als Kandidaten für den Charlottenburger Bürgermcisterposten in Frage kamen, auf ihren jetzigen Stand erst vor etwa einent halben Jahre erhöht. Das Polizeipräsidinm theilt mit, daß dem Droguen- Händler Julius Leßner, Metzerstr. 1, der Handel mit Droguen und chemischen Präparaten, die zu Heilzwecken dienen, untersagt wurde. Eine Verschmelzung der beiden in Berlin bestehenden großen Schlächtermeister- Organisationen, der Berliner Fleischerinnung und der Freien Vereinigung selbständiger Fleischer- meister, wird' der„Deuffchen Tagcsztg." zufolge vorbereitet. Die beiden Vereinigungen dürften sich auf dem Boden der„fteicn Innung" zusammenfinden. KiudcSinord? Am 28. Oktober, vornlittags 19'/2 Uhr, wurde auf dem Fttedhof der freireligiösen Gemeinde in der Pappelalle, zwischen Gräbern versteckt, die Leiche eines neugeborenen Kindes weiblichen Geschlechts aufgeftmden. Die Leiche war in eine alte, mit ziemlich breiten rothen, weißen und blauen Stteifen versehenen Schürze, ail der der obere Gutttheil abgetrennt ist, und in eine alte, ganz fein weiß und blau gestreistc fertige Schürze eingewickelt. Personen, die in der Lage sind, über die Herkunft der Leiche Auskunft geben zu können, werden vom Polizeipräsidium ersucht, sich an den Vormittagsstunden in dem Polizcidienstgebäude, Zimmer 332, einzufinden. Et» bedauerlicher Unfall, der wahrscheinlich den Tod eines jungen Menschenlebens in, Gefolge haben wird, passirte gesteni Mittag in der Rüdersdorferstraße. Dort stand ein Möbelwagen, an dem die Kinder der Nachbarschaft spielten. Schließlich war die Arbeit beendet und der Wagen rollte, zur Freude der kleinen Schaar, davon; denn einer ihrer Spielgefährten, der fünffährige Sohn, der Koppenstr. 29 wohnhaften Kluge'schen Eheleute, war in den, unter dem Wagen hängenden Spiegelkasten geklettert und fuhr so, un- bemettt von den Fuhrleuten mit dem Wagen fort. Schließlich wurde es dem wagehalsigen Kleinen in dem Kasten wohl zu eng und so klettette er, um das Schiff zu verlassen, auf dessen Rand; dasselbe neigte sich zur Seite, der Knabe verlor dadurch das Gleichgewicht und fiel vor das schwere Hintettad, das ihn, über beide Oberfchenkel lief. Schrecklich verstümmelt brachte man der fassungslosen Mutter ihr Kind ins Haus. Ein schnell hinzugezogener Arzt konstatirte, daß beide Beine nahe am Rumpf vom Körper getrennt wurden und wenig Aussicht auf die Erhalttmg des jungen Lebens vorhanden ist. Ein weiblicher Fahrradmarder ist gestern Nachmittag auf frischer That in der Schönhauser Allee festgenommen. Die Person wurde der Polizei übergeben, welche einnttelte, daß die Ver- hastete wie auch ihr Bräutigam Fahrrad-Dicbstähle gewerbsmäßig ausführen. Die Königin Augnstastrasie von der Viktottabrücke bis zur Grenze der Grundstücke Nr. 29 und 21 wird wegen Umpflasterung vom 2. November ab bis auf weiteres für Fuhrwerk und Reiter gesperrt. Auf der Straffe gestorben ist gestern Nachmittag der obdach- lose Arbeiter August Christ am Verbindungskanal bei der Boye»- und Kielerstraßc. Man fand ihn krank am Gelände des Kanals sitzen und wollte ihm helfen. Er starb jedoch, bevor man ihn auf- gerichtet hatte, wahrscheinlich am Herzschlag. Eine aufregende Szene gab es am Montag in der siebenten Abendstunde auf dem Alexanderplatz. Ein Mann, dem Aussehen nach ein Kriminalbeamter, hatte einen anderen, in dem das Publikum den Raubmörder Wegener zu erkennen glaubte, gepackt und schob ihn nach dem Eingang IV des Polizcidienstgebäudes hin. Dicht vor dem Eingange machte der Festgehaltene plötzlich eine Wendung und lief davon, der Kriminalbeamte und eine große Menschenmenge hinter ihm her. Ein Hett aus dem Publikum faßte den Flüchtling und drückte ihn an die Wand, bis uniformirte Schutz- männer mit der blanken Waffe zu Hilfe kamen und ihn auf das Präsidium brachten. Als man sich nun aber nach dem Kriminal- beamten umsah, um über den Grund der Festnahme Auskunft zu erhalten, war der verschwunden und ließ sich nicht mehr sehen. Der Eingeliefctte wurde festgestellt als ein 25 Jahre alter Tapczirer Max Sttasser aus der Usedomstr. 19. Er gab an, daß er von einem un- bekannten Manne ganz unvermuthet festgenommen und nach dem Präsidium zu geschoben worden sei. Wahrscheinlich handelt es sich um einen groben Unfug. Ob Strasser dabei, wie es den Anschein hat, mit dem zweiten Manne, den er nicht kennen will, im Einver- ständniß war, steht noch dahin. Von feinem eigenen Wagen überfahren und sehr schwer ver« letzt wurde am Dienstag Abend gegen 5 llhr der 39 Jahre alte Kutsckier Wilhelm Seelen. der bei dem Fubrhettn Krüger in der Frankfutter Allee Nr. 161 in Stellung ist. Seelen fuhr mtt einem mit Rundhölzern beladenen Wagen durch die Hannoverschestraße. An der Ecke der Philippsttatze gettethen die Hölzer ins Rollen, der Kutscher fiel vom Wagen und gerieth unter die Räder. Er erlitt einen Bruch des linken Obettchcnlels, an dem ihm das Fleisch vom Knochen abgeschält wurde.' Ein Schutzmann brachte den Ver- unglückten in die benachbarte Charitee. Im Thiergarten erhängt aufgefunden wurde gestern Morgen in der Nähe der Rousseau-Jnsel ein gut gekleideter Mann, der aus der Provinz hierher gekommen zu sein scheint. In den Kleidertaschen fand man Schlüssel und Bttefschaften, aber kein Geld. In den Papieren kommt der Name Adolf Schumann vor. ?ln geistiger Umnachtung hatte sich der 69 Jahre alte Grün- ändler Johann v. Modrzejewski aus der Grünthalerstr. 58, der von der Pferdebahn-Gesellschast eine kleine Rente bezog, am Sonn- abend Nachmittag aus der Wohnung entfernt. Die Nachforschungen, die seine 72 Jahre alte Frau in Berlin anstellen ließ, hatten keinen Erfolg. Nunmehr hat man den Vermißten in Nieder- Schönhausen als Leiche wiedergefunden; er hatte sich dort an einem Baume erhängt. Volksthumlichc Kurse von Berliner Hochschullehrern. Der Zyklus des Prof. Dr. H e u b n e r über„natürliche und künstliche Ernährling des Säuglings" umfaßt sechs Vorträge Sie finden jeden Donnerstag Abend um S'/e Uhr in der Aula des Friedttch-Werder'schen Gymnasiums, Dorothcenstr. 13/14, statt und beginnen an, Donnerstag, den 3. November. Der Besuch des Kursus ist ganz besonders den Frauen zu empfehlen. Eiittttttskarten zum Preise von 1 M. für den ganzen Kursus sind zu haben in der Trautwein'schen Buchhandlung, Leipzigerstr. 8; bei G. Belling, Zigattengeschäft, Leipzigerstr. 135; A. Schütz, Holzmarktstt. 69; Ch. Tischendörfer, Sophiensir. 19, sowie in der Zentralsielle für Arbeiter- Wohlfahttseinrichtungen, Kötbener- straße 23(8—3). Zu den Kursen der Professoren Sch m o l l e r ,' Meyer, Waldeyer und W e d d i n g sind die Eintrittskarten vergttffen. Theater. Deutsches Theater. In dem Schauspiel„Fuhr- m a n n H e n s ch e l" von Gerhatt Hauptmann, das am Sonnabend seine erste Aufführung am„Deutschen Theater" erfähtt, wirken die Tanien Paula Eberty, Else Lebmann, Agnes Müller, Lotti Sarrow und die Herren Hannes Fischer, Emil Ludwig, Hermann Müller, Emanuel Reicher, Max Reinhardt, Rudolf Rittner, Oskar Sauer, Paul Schwaiger, Richard Vallentin, Eduard von Winterstein, Bruno Ziener mit. Gerhart Haupt- mann nimmt an den Proben zu seinem Werk den thättgsten Amheil.— Im Schiller-Theater wird heute„Das Lumpengesinbel", Tragikomödie in 3 Akten von E. v. Wolzogen zum ersten Mal gegeben. Feuerbericht. Dienstag Nachmittag waren verschiedene Zimmer- brände abzulöschen. Hagelsbergerstr. 22, Zorndorfe r- st r a ß e 22 und Rsü dersdorfer st raße 21 brannten Betten und Möbel. Lietz mann st raße 29 war ein Küchenbrand zu be- scitigen, der den Fußboden zerstörte und das Haus sonst»och be- schädigte. Gegen Abend erfolgten noch verschiedene Alarmirungen aus geringfügigen Veranlassungen. Aus de» Nachbarorten. Wilmersdorf. Die Parteigenossen werden auf die heute Abend 8 Uhr im Bolksgarten stattfindende Generalversammlung des sozial- demottattschen Arbeiter- Bildungsverems aufmerffam gemacht. Die Tagesordnung lautet: Ergänzungswahl zum Vorstand; Viertel- jahrsabrechnung; Bericht der Statuten- Revisionskommission und Verschiedenes. Das Erscheinen aller Mitglieder ist nothwendig. Gäste willkommen. In der Stadtverordneten- Versammlung zu Schöneberg kam gestern abermals die Abänderung des Vertrages mit dem Kon- sottium der südlichen Vorotbahn zur Verhandlung. Nach den Vor- schlügen der Gesellschaft soll von der Erbauung einer Linie durch die Siegfried- und Monumentenstraße abgesehen werden; der Magistrat will den Bautermin jedoch auf fünf Jahre hinausgeschoben wissen. Der von der Versammlung eingesetzte Ausschuß empfiehlt, den Termin auf den 1. Oktober 1999 festzusetzen. Genosse Masuch verlangt die Aufrechterhalwng des Vertrages und sofortige Ausführung der Linie, damit endlich einmal der nothwendige Verkehrsweg zwischen dem Fttedenauer Ortsthcil und dem Süden Berlins geschaffen werde. Nach langer Debatte gelangte der Ausschußantrag zur Annahme. /* Gerickzks-IeikuttA» / AmtSvorstchcr v. Oppen gegen Gastwirth Lindenhayn. „Für Lindenhayn und seine Genossen gebe ich überhaupt keine Tanzerlaubnitz mehr, es geht Macht gegen Macht und ich will setzen, wer stärker ist, meine Gewalt oder die der Rothen. Die Sozial- demokratcn können versichert sein, daß ihnen der Krieg ig Griinau noch verschiedene tausend Mark kosten wird," Solche uno ähnliche Aussprüche gebrauchte Herr v. Oppen gegen den Vorsitzenden eines Vergnügungsvereins. der bei ihm die Erlaubniß zu einer Tanz- lustbarkeit nachgesucht hatte. Am Montag fanden vor dem K ö p e- ni cker Schöffengericht zwei Verhandlungen statt, die Herrn v. Oppen beweisen dürsten, daß seine Macht doch keine unbeschränkte ist.— Der Wahlvcrein des dritten Berliner Relchstags-WahlkreiseS> unternahm am 31. Juli d. I. einen Familien-Ausflug nach dem Lokal des Gastwirths Lindenhayn in Grünau und hielt des Abends auch eil, Kränzcken ab. Entree oder Tanzgeld wurde nicht erhoben, deshalb unterließ es auch das beauftragte Vorstands- Mitglied, die polizeiliche Genehmigung bei dem zuständigen Amts- Vorsteher v. Oppen nachzusuchen. Die Folge war ein Straf- Mandat über 15 M. für Lindenhayn; dieser beantragte richter- liche Entscheidung. Während die als Zeugen vernommenen Pattei- genossen K r ä k c r, Mittag und König aussagten, daß nur Mitglieder des Vereins und deren Angehörige, sowie von diesen ein- geführte Gäste Zutritt in den Saal gefunden hätten und daß die Thüren nach dem Garten verschlossen gehalten wurden, behauptete der Gendarm H a u s ch i l d, das Kränzchen sei eine öffentliche Tanzlustbarkcit gewesen, denn die Thören nach dem Gatten seien offen gewesen und er und der Amtsdiener hätten durch dieselbe Einlaß in den Saal gefunden. Die Eiltlaswiigszeugen und der Angeklagte selbst blieben indeß dabei, daß sie die beiden Be- amten im Saal nicht gesehen hätten, sie aber unbedingt hätten sehen müssen, wenn die Aussage des Gendannen H a u s ch i l d zuttäfe. Unter diesen Umständen beantragte der Staatsanwalt selbst die Freisprechung, auf die der Gerichtshof auch erkannte. In der Be- gründung hieß es: Die als Zeugen vernommenen Vorstands- Mitglieder des Vereins hätten sich korrekt benommen, da sie die Saalthürcn verschloffen gehalten und über die Einlaßbegehren- den genügende Kontrolle geübt hätten; der Gendarm werde sich jedensalls bei der großen Menge seiner Anzeigen gegen Linden« Hayn im Datum irren. Die zweite Verhandlung betraf die am Sonntag vorher. am 24. Juli, erfolgte Räumung und Schließung des Tanzsaales durch sieben Gendarmen unter Kommando des Köpenicker Ober- Wachtmeisters, worüber der„Vorwärts" seinerzeit berichtete. Der Oberwachtmeister sagte aus, daß er strengen Befehl hatte, jede Lustbarkeit an dem ftaglicfien Sonntag in, Lindenhayn- schen Lokale zu verhindern. Diese Lustbarkci't bestand darin, daß ein Klavierarbeitcr auf dem Piano spielte und drei bis fünf Paare tanzten. Nachdem dies untersagt worden war und man den Saal darauf nur zu Restaurationszwecken benutzt hatte, erblickte der Be- amte in der Fottsetzung des Klavicrspielens und dem Singen einiger Gäste ebenfalls eine Lustbarkeit und schritt zur zwangsweisen Räumung. Lisdenhayn erhielt trotz dieser Schädigung in seinem Gewerbe auch noch ein Straftnandat in Höhe von 39 M. Tie Klavierarbeiter W u st r o u, Orth und sieben weitere Zeugen schilderten den Vorgang wie vorstehend. Auch hier kam das Gencht nach glänzender Verthcidigung durch Rechts- anwalt S ch u l z- Köpenick zur Freisprechung. In dem gelegentlichen Tanzen einiger Paare ohne Erhebung von Tanzgeld onne eine öffentliche Tcmzlustbarkeit, zu der eS der polizeilichen Erlaubniß bedürfe, nicht erblickt werden.— Die Kosten beider Prozesse wurden der Staatskasse auferlegt; leider vergaß der Ver- theidigcr zu beantragen, dem Angeklaglen die nothwendigen baaren Auslagen zurückzuerstatten. � Da in einigen Tagen noch weitere derartige Prozeffe gegen Lindenhayn anscehcn, so ist wohl anzunehmen, daß das Gericht dem allzu eifrigen Gcndarin. soivie dem Aintsvorstehcr zu Gcmüthe fuhren wird, mit solch' haltlosen Anzeigen im Interesse der Steuer- zahler vorsichtiger zu sein. �rseheu in einem Trogengcschäft hat eine Anklage »vegen Meineides zur Folge gehabt, welche gestern vor dem Schwur- gcricht des Landgerichts I gegen die Handlungsgehilfen Hans D o r n- dusch und Franz R o h d e vcrhaiidelt wurde. Im'Oktober v. I. I,ey der Hutmachcr K. in dem W.'schen Drogengeschäft Salmiakgeist zu gewerblichen Zwecken holen. Der Verkäufer, der Angekl. Dornbusch. vergriff sich und verabfolgte Oleum anstatt Salmiakgeist. K. benutzte me Fluffigkeit und verdarb dadurch einen Theil seines Materials. Er begab sich ins W.'sche Geschäft, stellte den Verkäufer zur Rede und erklärte, daß er den Inhaber des Geschäfts für den Schaden eriatzpflichtia machen werde, der durch das Versehen seines Personals entstände� sei. Dornbusch nahnr die von K. mitgebrachte Flasche in die Hand, roch daran, als wolle er sich davon überzeugen, ob die Beschwerde begründet sei, goß dann den Inhalt der Flasche trotz des Einspruchs des Beschwerdeführers schnell ans und ersetzte ihn durch Salmiakgeist. K. wurde gegen den Geschäftsinhaber klagbar. Als Dornbusch von seinem Chef zur Rede gestellt wurde, behauptete er, daß er Salmiakgeist, wie verlangt, verabfolgt habe. Bei seiner richterlichen Vernehmung beschwor er' auch, daß dies der Fall ge- Wesen sei und daß die zurückgebrachte Flasche auch nach Saliniak- gcist gerochen habe. Er berief sich hierüber auf das Zeugnitz seines Kollegen Rohde. Dieser erklärte unter seinem Eide, daß er zwar zugegen gewesen sev, als K. die Flasche zurückbrachte, aber von der Verhandlung zwischen ihm und Dornbusch wisse er nichts, da er nicht Ach: darauf gegeben habe. Es stellte sich heraus, �daß Rohde zu damaliger Zeit bereits aus dem W.'schen Geschäft ausgetreten war, seine Aussage konnte also der Wahrheit nicht entsprechen. Während der Staatsanwalt darlegte daß beide Angeklagte sich des wissentlichen Meineides schuldig ge- macht hätten, führte der Vertheidiger des Angekl. Dornbusch aus, daß diesem der Milderungsgrund zur Seite flehe, daß er sich bei Angabe der Wahrheit einer Verfolgung wegen Sachbeschädigung aus- gesetzt haben würde und der Vertheidiger Rohde's suchte nachzuweisen, daß dieser augenscheinlich zwei verschiedene Vorgänge mit einander verwechsele, woraus man ihm den Vorwurf der Fahrlässigkeit nicht machen könne. Die Geschworenen sprachen den Angeklagten Dorn- busch nach Maßgabe der Vertheidigung schuldig, den Angeklagten Rohde nichtschuldig, worauf der erster« zu neun Monaten Gefängniß vemrtheilt, der Angeklagte Rohde freigesprochen, wurde. _ Der Handel mit Lotterieloose» oder mit Bezugs- und An- theilscheinen auf solche Loose kann nach der Novelle zur Gewerbe- Ordnung vom 6. August 1896 solchen Personen untersagt werden, die sich mit bezug auf diesen Gewerbebetrieb als unzuverlässig er- weisen. Das Ober-Verwaltungsgericht hatte dieser Tage die neue Bestimmung zum ersten Male anzuwenden. Auf die Klage des Polizeipräsidenten untersagte vor einiger Zeit der Bezirks- ausschuß einem hiesigen Loosehändler den weiteren Vertrieb von Lotterielosen._ Die hierzu erforderliche Nnzuvcrlässigkeit fand das Bezirksgericht darin, daß der Händler, der schon vor dem Jahre 18SS mehrmals wegen Handels mit außer- preußischen Loosen verurtheilt war, nack dem Inkrafttreten der Novelle vom August 1896 wegen desselben Deliktes wieder zweimal bestraft worden ist. Der Beklagte legte Berusung ein und sein Vertreter machte vor dem dritten Senat des Ober- Verwaltungsgerichts geltend, der in Frage kommende K 35 Absatz 2 der Gewerbe- Ordnung sei unrichtig angewendet worden. De* verbotene Handel mit Loosen auswärtiger Lotterien gehöre n i cht zu den Thatsachen, die eine U n z u v e r I ä s s i g k e i t des Händlers mit bezug auf seinen Gewerbebetrieb darthue. Mit einer derarttgcn Unzuverlässigkeit könne hier nur gemeint sein, daß die Kunden des Loosehändlers zu befürchten hätten, um das Kaufgeld oder um ihre Gewinnste betrogen zn werden. Eine solche Befürchtung lege aber der Handel mit auswärtigen Loosen nicht nahe, wenn er auch strafbar sei. Das Ober-Verwaltungsgericht wies jedoch die Berufung mit der Begründung zurück, daß der Looschändler, der den Handel mit auswärtigen Loosen betreibe, unzuverlässig im Sinne des§ 35 derGewerbe-Ordnung erscheine. Eine Verhandlung wegen Doppelehe, welche gestern vor der neunten Strafkammer des Landgerichts I. stattfand, bereitete deshalb besondere thatsächliche und rechtliche Schwierigkeiten, weil der angeklagte Ehemann, der Schneider Christian Zühlsdorf, taubstumm war. Seine Mitangeklagte Ehefrau war dagegen gesund. Zühlsdorf ist, obgleich erst 32 Jahre alt, am 3. März d. J. die dritte Ehe eingegangen. Seine erste Ehe ist geschieden, von der zweiten Frau lebte er getrennt. Er wohnte damals in Hamburg. Im vorigen Jahre siedelte Zühlsdorf nach Berlin über. Er lernte hier die unverehelichte Marie Müller kennen, trat zu ihr in Be- ziehungen, die nicht ohne Folgen blieben und ließ sich auf ihr Drängen im Marz d. I. mit ihr standesamtlich trauen. Allerdings hatte Zühlsdorf den Ehescheidnngsprozeß gegen seine zweite Frau damals eingeleitet, eine rechtskräftige Scheidung war aber noch nicht er- folgt. Die Mitangeklagte Ehefrau war von den Verhältnissen unter- richtet. Der Staatsanwalt hielt beide Angeklagte für überführt, er beantragte eine Gefängniß strafe von je sechs Monaten. Der Vertheidiger erhob Bedenken dagegen, daß die gesetzlichen Formen auf dem Standesamt gewahrt seien, es sei kein Dolmetscher zu dem Akt geladen und deshalb sei es fraglich, ob der taubstumme Angeklagte die von dem Standesbeamten an ihn gerichteten Fragen verstanden habe. Der Gerichtshof kam zu der Ueberzeugung, daß beide Angeklagte recht gut wußten, Waruni es sich auf dem Standes- amtc handelte. Das Ilrtheil lautete dem Antrage des Staatsanwalts gemäß auf je sechs Monate Gefängniß, Ein Wirthshansstreit hat für den Urheber, den Arbeiter Lukas, den Verlust eines Auges zur Folge gehabt. Lukas befand sich an einem August-Abende dieses Jahres in einer Restauration in der Hirtenstraße, Der Buchhalter Wegcner, welcher auch das Lokal besuchte, wurde ohne irgend welche Veranlassung von Lukas gehänselt und beleidigt und mußte besonders verletzende Aeußerrnigen über seinen feinen Anzug und sein Auftreten über sich ergehen lassen. Vergebens bat Wegener, man möge ihn in Ruhe lassen, er thue ja doch niemandem etwas. Lukas ging zu Thätlich- leiten über und auch einige Püffe und Stöße ließ Wcgner sich gefallen, ohne sich zu wehren. Schließlich ritz ihm die Geduld, er versetzte seinem Angreifer einen Schlag mit der Krücke seines Stockes ins Gesicht. Ter Getroffene rief„Mein Auge! Mein Auge!" Der Schlag hatte sein linkes Auge getroffen und dasselbe so vorletzt, daß es hat herausgenommen werden müssen, um das andere Auge zu retten. Wegener hatte sich gestern wegen schwerer Körperverletzung vor der nennten Strafkammer des Landgerichts I zu verantworten. Er erklärte, daß er von dem Zeugen Lukas dermaßen bedrängt worden sei, daß er sich im Zustande der Nothwehr befunden habe. Er wiffe nicht einmal, ob er den unglücklichen Schlag vorsätzlich oder fahr- lässig geführt habe. Die Zeugen bekundeten, daß Lukas den Stock des Angeklagten ergriff, als dieser ihn zum Schlage erhob, beide hätten um den Stock gerungen und dabei sei wahrscheinlich die Spitze desselben dem Lukas ins Arige gefahren. Der Gerichtshof hielt unter die�r Ilmständen die Sache nicht für genügend aufgeklärt und sprach deshalb den Angeklagten frei. / Heber die Vernrtheiluna eines Staatsanwalts in München wegen Sittenvergehens wird in der„Münchener Post" noch vom 31. Oktober berichtet: Der 35 Jahre alte verheirathete königliche 2. Staatsanwalt Max Alexander Schulz von Duisburg hatte sich heute Vonnittag am Landgericht München I wegen eines am 4. August abends gegen zehn Uhr im Hofbräuhause an dem Sol- daten des zweiten schweren Reiter- Regiments Franz Haupt be- gangcnen Vergehens wider die Sittlichkeit zu verantworten. Tie Anklage vertritt der 1. Staatsanwalt Müller, die Ver- theidignng lag in den Händen des Justizraths Wimmer. Der Angeklagte, der wegen weiter Entfernung vom persönlicher Erscheinen entbunden war. erklärte in der Voruntersuchung, daß er keinerlei Erinnerungen an den Vorfall habe und daß er damals durch einen ungewöhnlichen Biergenuß in einem derartigen Zustand gewesen sei, daß ihm das Bewußtsein fehlte.— Die Zeugen Geschäftsführer Wittmann und Kolporteur Gerstmaier wollen dagegen von einer Trunkenheit nichts wahrgenommen haben. Der Staatsanwalt be- antragte für seinen Kollegen 1 Monat Gesängnitz. Das Urtheil lautet auf 50 M. ev. 10 Tage Gefängniß. J KonfektionSarbeiter- Verordnung und Zuschneiderinirc«. Der Lionfcktionär Guttfeld beschäftigte in seinem Geschästslokal, Brückenstraße 5, eines Sonnabends noch nach 5'/s Uhr abends mehrere Mädchen mit Zuschneiden. Er erhielt deshalb eine Anklage ivegcn Vergehens gegen den Z 4 der Verordnung vom 31. Mai 1897, durch welche die Schutzbestimmungcn des§ 137 der Gewerbe- Ordnung auf Betriebe ausgedehnt worden sind, in denen Frauen und Kinder Kleider im Großen anfertigen. Schöffen geeicht und Landgericht vernrthcilten G. zu Geldstrafen. Der Verurtheilte legte Revision ein und machte folgendes geltend. Der§ 4 der Verordnung des Bundcsraths vom 31. Mai 1897 sei im vorliegenden Falle überhaupt nicht anzuwenden. Die in betracht kommenden Mädchen hätten ja nur zugeschnitten, und im übrigen würden die zugeschnittenen Kleidungsstücke gar nicht im Geschäft hergestellt, sondern an Arbeiter und Arbeiterinnen außer dem Hause vergeben. Das Kammergericht verwarf jedoch die Revision als unbegründet und führte aus, daß 8 4 der angezogenen Verordnung und§ 137 der Gewerbe- Ordnung zutreffend an- gewendet worden seien. Der Angeklagte betreibe die Anfertigung von Kleidern im großen, und zu der Anfertigung im Sinne des 8 4 gehöre auch das Zuschneiden. VevsÄmmlungen. Aerztinne» in Theorie und Praxis, lieber dies Thema hielt Fräulein vr..jur. Anita Au gspurg am Montag im Verein Frauenbildung-Frauenstudium einen Vortrag, dem folgender Gedankengang zu gründe lag: Nachdem sich neuerdings selbst Ver- tretcr hoher Reichs- und Staatsbehörden für die Nothwendigkeit der Zulassung von Frauen zum Studium der Medizin ausgesprochen haben, dürfe eine gesetzliche Regelung dieser Angelegenheit zu er- warten sein. Gegenwärtig herrsche allerdings noch der bcklagens- werthe Zustand, daß Acrzttnnen, obwohl sie wissenschaftliche Befähigung erworben haben, in Deutschland nicht approbirt werden, weil es ihnen— da keine deutsche Universität Frauen zum medizinischen Studium zuläßt— nicht möglich ist. den Nachweis zu führen, daß sie an einer deutschen Universität immatrikulirt waren. Die Aerztinnen könnten also, trotz wissenschaftlicher Befähigung, gewisse Funktionen amtlichen Charakters, die nur den approbirten Aerzten zustehen, nicht ausüben. Unter andern: dürfen sie auch nicht bei den Orts- Krankenkassen angestellt werden. In Barmen und Remscheid, wo die Ortskassen Aerztinnen angestellt hatten, habe die Behörde die Anstellung untersagt, während eine gleichfalls angefochtene An- stclluug in München noch der Erledigung harre. Die zahlreichen iveiblichen Mitglieder der Ortskassen ivären also der Möglichkeit be- raubt, sich durch Aerztinnen behandeln zu lassen. Im Rahmen der heutigen Gesetze sei mdcß ein Weg vorhanden, auf dem hierin Ab- hilse geschaffen iverden könne. Nach 8 29 der Gewerbc-Ordnung könne der Kultusminister jemanden von der vorgeschriebenen staatlichen Prüfung dispenstren, wenn derselbe ein Attest einer städtischen oder staatlichen Behörde beibringt, daß er eine Anstellung erhalten solle, und wenn der Bewerber außerdem den Nachweis ivissenschaftlich erprobter Leistungen beibringt. Diesen Nachweis könnten die im Auslande geprüften Aerztinnen durch ihre Diplome führen, und die crstcre Bedingung»verde erfüllt durch Einreichung eines Attestes der Orts-Krankcnkaffe, daß sie die Nerztin an- stellen wolle. Daß die Prüfungsbehörde die Diplome der Universität Zürich nicht als Nachweis wissenschaftlich er- probier Leistungen ansehen würde, sei nicht anzunehmen. Auf diese Weise würden also die Aerztinnen zur An- stellung bei den Ortskassen gelangen können und gleichzeitig zur Ausübung derjenigen Funktionen berechtigt sein, die den aPPro« bieten Aerzten zustehen, falls der Kultusminister den bezeichneten Dispens ertheilt.— Zu der in Aussicht gestellten Hinzuziehung weiblicher ärztlicher Gehilfinnen bei den Untersuchungen von der Prostttution verdächtigen Personen äußerte sich Frl. A u g s p u r g dahin, sie könne den Aerztinnen nicht rathcn, eine solche Hilfe- lcistung zu übernehmen, denn die polizeiliche Ueberwachung der Prostitution sei eine Einrichtung, die gänzlich verschwinden muffe, und deren Existenz man nicht durch Verbesserungen,>vie die Zuhiffe- nähme von Aerztinnen zweifellos eine sei. verlängern dürfe. Gegen die Mitwirkung weiblicher Aerzte bei der Sittenpolizei spreche auch ein Gefühlsgrund, nämlich der: eine Frau dürfe sich nicht dazu her- geben, durch ihre Theilnahme an der behördlichen Beaufsichtigung der Prostitution dies Laster sanktioniren zn helfen.— In der Diskussion vertrat Frl. vr. mock. Hacker die Ansicht, man dürfe die Sittenpolizei trotz ihrer gelegentlichen Mißgriffe nicht ohne weiteres verwerfen. Ohne auf die Frage der Berechtigung oder Nichtbcrcchtigung dieses Instituts einzugehen, müsse doch die Mit- Wirkung von Aerztinnen an demselben als Erfüllung einer humanen Pflicht bezeichnet werden. Demgegenüber betonte Fräulein A u g s- p u r g ihren Standpunkt nochmals, indem sie ausführte: Hatten wir in Berlin statt des einen Falles Köppcn deren sechs gehabt, so wäre die Sittenpolizei jedenfalls schon beseitigt worden. Durch die weibliche Mithilse iverde diese Institution auf Jahrzehnte hinaus verlängert, darum sei die geplante Verbesserung abzulehnen und zu verdammen. Charlottenburg. Laut Beschluß der letzten Generalversamm» lung des Wahlvereins wird das Protokoll vom Stuttgarter Parter- tage allen Mitgliedern, die mit ihreir Beiträgen nicht im Rückstände sind, gratis verabfolgt. Dementsprechend geben wir bekannt, daß dasselbe von heute ab in den bekannten Zahlstellen gegen Vorzeigung des Quittungsbuches in Empfang genommen werden kann. Der Vorstand. Tempclhof. Am 25. Oktober tagte hier die Generalversammlung des Arbeiter-Bildungsvercins. Aus dem Geschäftsbericht des Vereins geht hervor, daß im verflossenen Vierteljahr 4 Versammlungen statt- fanden. Der Verein zählt zur Zeit 107 Mitglieder. Der Kassirer hatte inkl. eines Bestandes eine Einnahme von 122,35 M. und eure Ausgabe von 81,35 M. zu verzeichnen. In den Vorstand wurden gewählt: Müller zum Vorsitzender, Kleindienst zum Schrift- führer, K e r st e n zum Kassirer. Grimm. S ch ü t t e k o p und B i e r s a ck zu Revisoren. Außerdem werden neun Beitragssammler ernannt. Nach Erledigung dieser Wahlen beschäftigte sich die Ver- sammlung mit Gemeinde-Angeicgenheiten. In Friedrichsfclbe tagte am 23. v. M. die Generalversamm- lung des Arbciter-BildungSvereins. Auf der Tagesordnung stand der' Bericht des Vorstandes und Kassirers. Der Kassenbericht ergab eine Einnahme von 61,72 M. und eine Ausgabe von 41,75 M., mit- hin eine» Bestand von 19,97 M. Bei der hierauf vollzogenen Vor« standswahl wurde Werner zum Vorsitzenden/ K a u l zum Schrift« führer, D ä n i ck e zum Kassirer, B r u n k, S e e g e r und Thea- k o w s k y zu Revisoren gewählt. Sodann beschloß man, den Verein Sozialdemokratischer Wahlverein für Friedrichsfelde und Umgebung zu nennen und wurden die Statuten dementsprechend umgeändert. Schmargendorf. Am 29. Oktober fand hier eine gut besuchte Parteiversammlung statt, in der K ö st e r- Schöneberg Bericht über die Verhandlungen des Parteitages erstattete. Die Ausführungen des Redners fanden allgemeine Zustimmung. Nachdem der Ver- trauensmann Lüh einen kurzen Ucberblick über die Abrechnung vom vergangenen Geschäftsjahre gegeben hatte, wurde demselben Decharge ertheilt und Lnh als Vertrauensmann wiedergewählt. Außerdem wurden B e e s e und S e e g e r zu Revisoren und O t t und Reincke zu Mitgliedern der Lokalkommission gewählt. Zu Vertretern auf der Kreiskonferenz wurden Peters, Lüh und Ott gewählt._ Eingelaufene Druckschriften. Von der„Renen Zeit"(Stuttgart, Dietz' Verlag) tsi soeben da? 6. Heft des 17. Jahrganges erschienen. Aus dem Inhalt heben wir hervor: lieber Militärkrisen.- Die politische Rolle der italienischen Bourgeoisie. Bon Oda Olberg.— Neuere Untersuchungen über die Lage der deutschen Konscktionsarbeiier. Besprochen von Johannes Timi».—§ 175. Von Dr R. Jonas.— Die erwerdsmähige Kinderarbeit und die Schule. Eine sozialpädagogische Studie von Karl Strunz.(Schluß.)- Notizen: Die deutsche Bierbrauerei in den letzten zwei Jahrzehuten.- Feuilleton: Eine Unzivilistrte. Erzählt aus dem russischen Leben von Olga Kobylanska. (Fortsetzung.)_ Briefkasten der Redaktion. Tie j, iristische Sprechstunde wird Dienstags. Donnerstag» und Freitags abends vo»?>/- bis 8V2»hr abgehalten. F. R. Zentral-Verband für Arbeits- Nachweis An der Stadtbahn, Bogen 194. Laubnibesitier. Nicht übermittelt durch Kueß, wie in Nr. 256 de? „Vorwärts" angegeben, sondern durch Rueß. Meinelerstrafte. Wenden Sie sich an den Vorsteher oder irgend einen andern Beamten einer hiesigen Fernsprech-Stelle. Witternngsiibersicht vom 1. November 1898, morgens 8«hr Stationen Ls \% 5° 89- Weiter »S s°- ii Stationen Swinemde. 759 iSW 2!hlb.bed. ßHaparanda Hamburg 769 WSW llbedcckt 9 Petersburg 755 SW l hlb.bed. 8 -Berlin 76g!SW ibcdcckt 9 Cork 769 W llhlb.bcd. 8 Wiesbaden 769!SW Ibcdcckt 9Abcrdeen 754 SW Zhlb.bed. 4 München 759 jO I Regen LsParis 762 SSO 1 heiter 4 Wien Wetter-Prognase für Mittwoch, den A. November 1898 Etwas kühler, vorwiegend nebelig oder wolkig bei schwachen Nordwest lichen Winden: keine erheblichen Niederschläge. Berliner Wetterbureau. -s K- Wetter »S I � : 11 I& Dr. Ttiomiison s Seifenpulver ist das beste 33/13* und im Gebrauch billigste und bequemste Waschmiltel der Welt. Tüjflioli von 7 llhr iiiorgcus bis 6 Uhr abends: Vcckiis frisch gck. schiv. perls. niid jiiiil. Fleisches. Rindfleisch.... pro Pfd. von 39 Ps a», Schweinefleisch..„„49 Pf. sS131I,* Verwilltfinx der Koclianslalt Städt. Sclilaclttliof Speisehaus Miingestraste 19, parterre. Kräftiger Mittagstisch m. Bier 9,59. Reich» Abendkarte zu kleinen Preisen. Gustav Ehrlich Itiiclidrnckcrcl, Berlin SW.. Zimmerstrasje 18, Hos parterre, liefert sämmtliche Drucksachen für Vereine, schnell u. prciswerth. Zeit- schriste», Broschüren und Flugblätter ilutzerst billig. 36/5 öl' 8!(II Ist ßl'* 11,5"�blnger III*111111111111 2 Beppen �chw. Spezialarztf.Hant„.Harnleiden. 10—2, 5—7. 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Kür den Jnseratentheil verantwortlich: T». Glocke ut Berlin. Druck und Berta« von M»r vading in Berlin. Nr. 257. 15. I 2. KüiP ks„Umiirls" Kcrlim öollisliliitt. Mllwsch, 2. Novtmdcr 1898. Bintcr BqMcr �iirftitiij. Würzburg, 80. Oktober. Erster Verhandlungstag.(Fortsetzung.) In der NachnnttagSsitzung giebt zuuäckist die Maiidntsprüfmrgs- Kommission ihren Bericht. Es sind 4g Orte durch 75 Delcqine der- treten— fl--v— �--r— v v:. �>-" mit verbüßt. vertreten. Es wird sodann die Diskussion über den ersten Punkt der Tages- ordnnng: a.) Bericht der Landtags-Abgeordneten, b) die nächsten Land- tagswahlcn, ervssnct. . N a i t h- München wünscht, daß im Landtage die Forderung eist Verbesserung der Baukontrolle immer wiederholt werde, bis man endlich Gehör finde. S ch c r m bemerkt dem gegenüber, man dürfe sich nicht über- triebene Hoffnungen machen, daß die Sache noch in der bevor- stehenden Nachsession des Landtages eingebracht werden könne: man tolle den Antrag der Fraktion zur Würdigung überweisen und ihr freistellen, handelnd aufzutreten, sobald sie den Zeitpunkt für geeignet hält. Der Parteitag stimmt dem zu. Ueber einen Antrag Münchens, bis spätestens 1. Februar eine Broschüre herauszugeben, worin die Thätigkeit der Fraktion in leicht faßlicher Weise dargestellt, sowie eine Kritik der gegnerischen Parteien und ein Abriß der Geschichte des Landtags, ferner das Landtags- Wahlgesetz mit den uothwendigen Erläuterungen abgedruckt ist, entspinnt sich eine lebhafte Debatte. Es wird gewünscht, daß die er- lvähnte Broschüre eine Art Handbuch für die agitatorisch thätigcn Genossen werden solle und daß sie noch für die Agitation zu den nächsten Landtagswahlcn verwendet werden könne, weshalb der Tennin des Erscheinens auf 1. Februar festgesetzt werden müsse. Vollmar bemerkt, daß die Parteileitung schon etwas Derartiges beschlossen habe. Redner glaubt aber nicht, daß der gewünschte Termin eingehalten werden könne. Er bitte daher, der Parteileitung vollständig freie Hand zu lassen: man werde alles thun, was möglich ist, um die Broschüre vielleicht im März erscheinen zu lassen. Für die Wahlagitation werde demnächst ohnehin ein Flugblatt veröffent- licht werden. Dieser Anregung wird stattgegeben. R o ß k o p f- Nürnberg begründet eine Beschwerde der Eisen- bahn- und Werkstätten-Arbeiter betreffs der Hand- habung des§ 24 ihres Krankenkassen-Statuts. wonach ihnen, wenn sie sich in Zuschußkassen aufnehmen lassen, das von ihrer Betriebs- Krankenkasse festgesetzte Krankengeld gekürzt oder abgezogen wird. Er bittet, die Sache bei Berathung des Eiscnbahn-Etats zur Sprache zu bringen. Im weiteren Verlaufe der Diskussion wird von verschiedenen Rcdncm angefragt, warum die Fraktion für die Einführung der Besitzveränderungs-Gebühr gestimmt habe, die sie für eine indirekte Steuer halten, die die Steigerung der Wohnnngs- preise zur Folge habe, da die Hausbesitzer die Steuer auf die Miether abwälzten. Ehrhart und Vollmar vertheidigcn den Standpunkt der Fraktion, ebenso eine Anzahl anderer Redner', die Steuer sei keine indirekte, und die Befürchtung, daß sie auf die kleinen Leute ab- gewälzt werde, könne man schließlich bezüglich jeder Steuer hegen. Vollmar bemerkt, die kommunalen Auflagen auf Lebensmittel träfen die kleinen Leute viel empfindlicher, deshalb erstrebten wir ihre Ab- schaffung. Man müsse hierfür aber der überlasteten Gemeinde ein Acquivalcnt bieten. Nach längerer Debatte wird eine Resolution angenommen, worin der Parteitag der Landtagsfraktion sein Einverständniß mit ihrer Parlamentarismen Thätigkeit und volle Anerkennung ausspricht. Ferner wird verlangt, daß baldmöglichst in die Agitation für die Landtngsivahlcn eingetreten werde; die nichtbaycrischen Genossen werden ausgefordert,' sich durch Erwerbung der bayerischen Staats- angehörigkeit das Wahlrecht zu sichern. lieber den 2. Punkt: Bcncht der Parteileitung, rcferirt Scherm: Er giebt in kurzen Zügen ein Bild der Thätigkeit der Parteileitung, die nur im Zusammenhange mit der Thätigkeit der Fraktion be- trachtet werden könne. In der Diskussion werden von ländlichen Orten verschiedene Klagen laut, daß sie aus den Parteizentren zu wenig rednerische Kräfte erhielten. Es wird ihnen erwidert, die Parteigenossen in den einzelnen Orten sollten sich mehr auf eigene Füße stellen und nicht immer nach fremder Hilfe verlangen; bei den Wahlen hätten die Redner in den großen Parteiorten so viel zu thun, daß sie nicht allen Anforderungen gerecht werden könnten. Auch sei es falsch, zu vermeinen, irgend' ein bekannter Redner könne viel aus« richten. Die Sitzung wird um 6 Uhr geschlossen. Abends folgen die Dclegirtcn der Einladung der Würzburger Genossen zu einer Fest- lichkeit in der Schrannenhalle. Zweiter Verhandlungstag. Es folgt die Berathung des von der Parteileitung ausgearbeiteten Organis ations- Entwurfs. Dieser Entwurf ist dem ab« geänderten Vereinsgesetz angepaßt, das jetzt das Jnverbindungtreten politischer Vereine gestattet.' Zu dem Entwürfe liegen zahlreiche An« träge vor, auch wahrend der Diskussion laufen noch viele Anträge ein. Das einleitende Referat hält S e g i tz, der den Entwurf zur Annahme empfiehlt. Die neue Organisation soll nach dem Prinzip der Gauvcrbände erfolgen, deren drei vorgesehen sind: einer für Oberbayern, Niederbayern und Schwaben mit dem Sitz in München, einer für die drei Franken und die Ober- Pfalz mit dem Sitz in Nürnberg, und einer für die Rheinpfalz mit dem Sitz in Ludwigshafen. Die Oberleitung soll� der Landesvorstand führen, der vom Landesparteitag bestimmt wird. Die Diskussion gestaltet sich sehr lebhaft. Von mehreren Rednern werden gegen den föderalistischen Charakter der Organi« sation Bedenken geltend gemacht: sie verlangen eine straffere Zentralisation mit einer einzigen Leittma. Ländliche Delegirte finden den Minimalbeitrag von monatlich 20 Pf. für die Verhältnisse in ihren Bezirken zu hoch. Der Entwurf wird schließlich mit wenigen un- bedeutenden Aenderungcn angenommen. Damit sind die Hauptpunkte erschöpft. Es werden noch ver« schiedcne Anträge berathen und nachdem als Ort des nächsten Parteitages Fürth bestimmt worden, schließt Scherm mit einem Hoch aus die Sozialdemokratie den Parteitag. Für de» Jubalt der Inserate überuiuiuit die Nedaktio» dem Publikum gegenüber keinerlei T hcntcv. Mittwoch, 2. November. Opernhaus. III. Symphonie-Abend. Anfang 7V2 Uhr. Tchauspielhaiis. Herostrat. Anfang 7V. Uhr. Neues Opern- Theater(Kroll). Fregoli-Gastspiel. Anfang 7i/z Uhr. Teutfches. Hamlet. Ansang 7l/z Uhr. Berliner. Zaza. Ansang 7»/, Uhr. itesslng. Großmama. Ansang 7»/, Uhr. Residenz. Der Herr Settetär. Vorher: Mein treuer Antoine. Ansang 7>/z Uhr. Westen. Eugen Enegin. Anfang 7V, Uhr. NeueS. Hofgunst. Anfang 7V, Uhr. Schiller. DaS Lumpengesindel. Metro AjiteDtliter (Wallner-Theater). Mittwoch: Zum ersten Male: Lumpengesindel. Donnerstag: Lumpengesindel. Freitag: Mauerblümchen. Anfang 8 Uhr. tropol. Das Anfang 71/2 . Das Paradies der Frauen. 4 V/i Uhr. Eentral. Die Geisha. Ans. 7'/, Uhr. Thalia. Unser lustiges Berlin. An- fang 7t/, Uhr. Luise». Die Schuld der Schuld- losen. Ansang 8 Uhr. Ostend. Schüler- Vorstellung. Die Räuber. Ansang 3 Uhr. Abends: Preciosa. Ansang 8 Uhr. Belle-Alliance. Napoleon. An- fang 8 Uhr. Friedrich. WilhelmstädtifcheS. Die Geheimniffe von London. Anfang 8 Uhr. «llejrmiderplah. Jugendsünden. Anfang 8 Uhr. Parodie. Tugend. Anfang 8 Uhr. Urania. Tanbenstraste 48—4». Naturkundliche Ausstellung. Täg- lich geöffnet von 10 Uhr vor- »uittags ab. Eintritt 50 Pf. 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Parquet 30 Pf., Loge 75 Pf. Abends 8 Uhr: Unter Mitwirkung des Lcrch'fchen Südost-Koiiservatorimns, z. 100, Male: Schauspiel mit Gesang von P. Alex. Wolff. Mufft von C. M. von Weber. Vorzugsbilletö haben Giltigkeit. Jin Tunnel von 7 Uhr an Frei- Konzert. Donnerstag: Der Jong- leur. Freitag: Robert». Bertram. Sonnabend Nachmittag: Schülervor- stellung Die Räuber. Abends:Keau. Sonntag Nachmittag: Robert»nd Bertram. Abends: Käthchen von Heilbronn. Cäsar Beck a. G. I Olympia- 1 Theater. (Glrcus Benz) Karlstrasse. Täglich 8 Uhr abendS: Berliner Ausstattungsstück mit Couplets, Aufzügen und Kolossal. Ballets I in 3 Akten(10 Bildem). I>4« nntag kVachmlttag i S1/, Uhr: Dieselbe Vorstellung. "l Kind frei." Circus Renz-Riesen-Tunnel. Direktion: J. M. Hütt. Täglich: Grosses Konzert der Hauskapelle unter Leitung des Musikdirektors Herrn Otto Görner und Extra Spezialitäten-Vorstellung unter Regie des beliebten Humoristen Gustav llluelt. Das neue grotzartige November- Programm. Ans. 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Bericht der NcriniueiiLPerso» und Neuwahl derselben. In Nubctrocht der wichtigen Tagesordnung ersucht um zahlreichen Besuch W___ Tic Pertranensversou. SozjMtmKrilMer Wahlvemn U\i dtlt 2. Ztrülter Reichstags-WahlKrels. Mittwoch, den A. Sloiiember. abcnoS 8'/t ilhr�_ BW" Derfautittlultg im Lokal von Ztihlke, Deiiuewihstrasje Nr. 13. Tages-Ordnung: . l. Streitfragen in der Partei, üleserent: Genosse Klodsrä 5l»cd»r. S. Dislussion. L. Berschiedcnes. 2Zd,Ä> Gäste haben Zutritt. Zahlreicher Betheiligung sieht entgegen .___ Der Toretaad. 5. Wahlkreis. Seffents. Parteiversammlung «m Donnerstag, den 3. November 1898, abend? 8Vj Uhr. im Saale des alten SchÜtzenhaUSeS| Linieustr. 5 T aar s- O r d n u n g: l. Fortsetzung der Diskussion über de» Bericht des Dclegirten voui Stuttgarter Parteitag. 2. Verschiedenes. 217/1Z Zadirciches Erscheinen erwarten Die BertrauenSpersoneu. >»°»dil. vi. Wahlkreis, Donnerstag, den 3. November, abends 8Va Uhr: UolKs- Uerlnmmlttttg im großen Saale des Moabiter Gcsellschaftshnuscs. Alt-Moabit 80/81. Die SoMldefliokrlltie nl die chtttnatismle Reaktioil. Referent: WilKelm t.ieKKnsvKt. 220,8__ Die Tertranenspcrson. Chemi�rapheu. Donnerstag, den 3. November, abends 8V2 Uhr, im Lokale des Herrn �uliell, Sindeiistrahe 106: Mitglieiler-Tersamisilniigs. Tages-Ordnung: I. Vortrag des Genossen Paul Jahn. 2. Diökiuston. 3. Bereinsangelcgenheitcn. 97/3 Um zahlreichen und pünktlichen Besuch bittet Die Berwaltung. Achtung! Achtung! Yolks-Yersamnilung in Louis KelSer-'s Fesisaai, Kagpenstratze 39. Tages-Ordnung: Attentat und Sozialdemokratie. Referent: August Bebel. _ Die VcrtrancnspersonciK_ Achkunq! Nchknttg! |Hn[!liln(lni!iifii}cn=Jlil!fi}fr! Am nittivoch, den 8. Kovcmbcr, abendn 8'/, Uhr, bei Stechert, Andrcasstvasse 21: MF' Ocffentliche Nersamtnlnng'HW T!> g es- O r d n n II g: 1. Der Maxinialarbeitstag und seine Wirkung. 2. Wie können die Musiliiistruuientcn- Arbeiter ihre Interessen im Holzarbeiter- Verband vcr- treten? 108/1ö _ Der BcrtraueiiSmaun: Ott« Illlnxer. Donnerstag, den 3. November 1898, abends 8 Uhr, bei Danee, Dragoncrstraste 15; 256/15 Uersammlung der Ulatx-Uepntirten. Um zahlreiches Erscheinen ersucht Die Lohilkomrnisstou. ttosniokofftcionL Sonnabend, den 5. November, abends 8 Uhr, bei Böttcher, Martstrafte 1/2; \T olks-V ersammlung'. Tages-Ordnung! 1. Bericht und Neuwahl deS VertrauensmamicS. 2. Neuwahl der Nevisorcn und Lokalkommisston. 3. BerschiedeneS. 221/17 Der BertrancnSmann. Achtzing, Bauarbeiter! Alle diejcnigcii Kollegen, welche seinerzeit Listen von Karl Krü ger entnommen haben, werden Hiermit aufgefordert, dieselben unverzüglich an die Lohnkonimission abzuliefern, ob gczcichnei oder leer. Auch ersuchen wir dieicingcn Kollegen, uns den Nachweis zu erbringen, in welchen Händen sich dieselben befinden. 10/1 Berlin, den 1. November 1808. Tie Lohnkommisfion. I. v.: W. Noack. 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Zlnineldiingen im Kesitanrnnt Jesisat, Äugust- straste 20(Mittwochs, abends 81/; Uhr) erbeten._ 19966 Alle von mir gegen Herrn Fabrik- dtrettor Hauptmann d. L. Hansen zu Adlershof ausgesprochenen Beleidi- gungcn nehme ich hierdurch zurück und erkläre, dah ihnen jede thaisäch- liche Grundlage fehlt. 19g7b Adlershof, den 26. Oktober 1898. Adolph bischer, Aucheichott«. Gichen- Absalllso!; Aohtnnsk Achtnnx! Verbiliii! kr Tiisiezirer. Die Beerdigung unseres Kollegen I.amprccht findet Heute Nachmittag 4 Uhr von der Leichenhalle der Friedensgemeinde in Nieder- Schönhausen, Kaiser Wilhelmstrage, am Rosenthal, aus statt. __ Die Ortsverwaltuna. Todes-Anzeige. Dienstag entschlief ianst nach schwerem Leiden mein inniggeliebter Mann, linier herzensguter Vater, Schwieger- vater, Grostvater, Schwager und Onlel, der Schaittwirth 2001b k'. k«tsvk0«5 im 61. Lebensjahre. Dies zeigen tiefbetrübt an Tie trauernde».Hinterbliebenen. Die Beerdigung findet am Freitag Nachmittag um 2 Uhr von der Leichen- halle des Augnsta-Hospitals, Schar»- horststrage, aus statt._ Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Theilnahme beim Hinscheiden meiner lieben Frau, spreche ich allen Freunden und Bekannten, welche ihr die letzte Ehre erwiesen haben, meinen herz- lichsten Dank aus. 200vb Julius Illhardt. Fl&ra- Sale Beruh. Xicft, 17. Weberstr. 17. 1000 Peri. fassend. Vollst, neu einger. Soiiuabende, 26. Nov., 17. Dez., I. u. 2. Welhn.-Felert.: Vorm. MatlnAefrell M Fest- Säle !o»illlbeni>e im November llnb Dezember üvlh frei. 7Z. Kommlüldkuteilstr. Hl. Xcues Club-llaus.* Achtung, Bereine! '' noch Säle frei! [Ensliscber Garten, 6372ß» Alexaiiderstr. 27 c. , Ztr. 75 Pf.. ______., r.„,\f sowie sämmt- liche andere» Brennmaterialien sind billig zu haben Urbanstr. 171. s1995b S ch« l04044 73 79 223 59 587 693 721 51 911 94 95 1 03133[3000] 266 337 621 30 (800] 883180001 104061 113 36 239 440 511 949>0.7085| 145 60 62 207 337 420 674 738>01067>24 45 228 302! 29 37 64 643 86 608 107132 282 307 401 669 70 75 92 10«55e 703 89 876 916 20 1600] 10S004 10 161 427 651 32 697 741 812 13 40 70 901 7 110611 18000) 887 II 1056 76[30001 89[500] 383 668 602 56 868(3000: 931 78 1 l«l)31 15001 97(3«0| 156 212 86 387 587 9«1 89 113003 208 50 79 410[300] 57 78S87S 114031 81S 30 615 740(300] 875 115053 155 71 327 547 96 605 757 981 11«008 296 713 982 117030 150(30i iO) 38 250 308 444 60 653 734 92 118293 432 86 512[300J 809 914 II»677 97 775 836 76 1200.76 154 360 94 456 75 96[500! 667 808 25 904 19 1-1047 205 16 17 488 752 917 122119[300] 76 308 5«9«78 946 1 23191 508 695 701 52 8811000] 800 9 67 124152 1600] 215 26 90[1000] 850 125109 51 330 470 500 31 62 65 720[5001 805 9 912 128064 578[36001 706 1 27138 68 248 67 336 40[1000] 718 60 89 896 903 1 12SÜ26 290 316 605 58 739 898 967 12»016 118 il 87 698 130193 361 71 99 410 66 94 511 620 81 62 815[S001 60 9« 131012 185 277 332 45:5000] 785 92321 132075 311[3000] 68 588 887 133271 85 331 69 467 568[600] 90 601[1000] 134011 331 162 68 98 692<06 92[30001 63 135«3S 267 3s0 508[800115 819 1 3650'i 639 70J 816 13714« 13000) 257 393 643 765[500] 812 18814« 72 97 207[1000] 58 398 596 769 805 49 955 13»21»bS4 [1000] 52 62 85 6371707 57 79 925 47 5« 73 91 14O0S6 896 451 83 679 990[500] 141094 261 431 528 713 53 92 836 142178 487 657 91 1»3073 43 208 315 14 87 611 19 745 820 88 73 929 1 44054 122 75 89 220 70 91 398 453 88 522 28 44[300] 608 700 SO 91 991 1460S6 213 444 64 79 526[300] 54 639 730 881 86 959 1411066 79 308 96 462[300] 98 527 57 913[6001 53 71[300] 147130 541 60 856 148017 51 52 280 17[80--------------—--------------- 411 517[800] 771[800] 821 601[3000] 722 62 882 14S622 664[800] ■ 15O036 122 81 220 69 341 46 702 93 1 51073 134 302 125 565 616 49 13000) 707 894[500! 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