2 Einzelpreis 70 Seller. ( Einschließlich 5 Heller Vort Sozialdemokrat Jentralorgan d. Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei i.d.Tschechoslowakischen Republik 12 Jahrgang. Erscheint mit Ausnahme des Montag täglich früh. Redaktion u. Verwaltung: Brag II, Relásanto 18 Teleph.: 26795, 31469. Natredalt.( ab 21 yr): 33858 Boftichedamt: 57544 Freitag, 10 Juni 1932 tr. 137. Reichsinnenminister gegen Verfassung. Vor Lausanne. Freiherr von Gayl vor dem Reichsrat. Reaktionäre Taten angekündigt. Monokelrede: Gestützt auf eigenes Können und eigene Kraft. In der gestrigen Situng des Reichsrates stellte sich der neue Reichsinnenminister, Freiherr von Gay 1, den Mitgliedern des Reichsrates vor. Er hielt eine Rede, die erkennen läßt, wohin die Regierung Papen- Schleicher das deutsche Staatsschiff lenken will. Der neue Reichsinnenminister hat nicht eininal ein Lippenbetenntnis zur jetzigen Verfassung für notwendig gehalten, sondern im Gegenteil gesagt, er halte sie für reform bedürftig. Es ist in diesem Zusammenhang völlig belanglos, daß er zugleich der Meinung Ausdruck gab, die Klärung der Frage nach der Staatsform sei augenblidlich wenig zweckmäßig. Auf die Staatsform fommt es weniger an als auf den Inhalt der Verfassung. Der Reichsinnenminister hat zwar in Abrede gestellt, daß die geplante Verfassungsänderung die Wiederaufrichtung der Monarchie betreffe, er dementierte jedoch nicht, daß Verfassungsänderun= gen geplant sind. Dadurch gewinnen die Gerüchte über eine Aenderung des Wahlrechtes neue Bedeutung. Es steht jedenfalls fest, daß das SAVerbot aufgehoben wird. Gewiffe Wendungen in den Ausführungen des freiherrlichen Reichsinnenministers riechen bedenklich nach Hitlerschen Phrasen, so die Ankündung, daß man im Rundfunk und Lichtbildwesen alle undeutschen fremden Auswüchse ausmerzen müsse, die zeitweilig weite Kreise des deutschen Volkes befremdet hätten.„ Die machtvolle nationale Bewegung der Gegenwart als eine Staat und Volf erhaltende Kraft" will der Reichsinnenminister, der immer wieder betonte, daß die übrigen Mitglieder des Kabinetts mit ihm einer Meinung sind, werten und benützen." Diese Verbeugung vor der Hitlerei läßt tiefer blicken als die Versicherung, es seien die Zweifel an der dem jezigen Reichspräsidenten beschworenen Verfassungstreue des Reichsinnenministers unberechtigt. Die Aeußerungen, die der Reichs fanzler ungefähr zur. gleichen Zeit über die Sozialversicherung machte, ergänzen die Rede des republikanischen Kaiserdieners Gayl in würdiger Weise. In Deutschland hat der Druck der ron servativen Kreise den Reichspräsidenten vermocht, seinen Kanzler fallen zu lassen. Eiu Kabinett der Gefolgelosen ist an seine Stelle getreten. Merkwürdiger Weise hat Hindenpolitischen Gruppen Freiheit zu lassen, damit burg Leute jener Schicht herangezogen, die in der auf den 31. Juli festgesetzten Wahl der feine einigermaßen bedeutende ParteiorganiWille unseres Volkes unzweideutig zum Ausdruck fation hinter sich haben, die aber über fo tommen fann. Ich gebe dabei der bestimmten starke faktische Machtpositionen in der deutHoffnung Ausdruck, daß alle Kreise unseres Vol- schen Wirtschaft und in der von dieser getrafes sich der staatsbürgerlichen Pflicht bewußt sein werden, iho Tun im Rahmen der Gesetze zu hal- genen tonangebenden Gesellschaft verfügen, sen und Gewalttätigkeiten und rohe Verunglimp- daß sie vorerst einmal für den ersten Blick fungen ihrer anders denkenden Mitbürger zu als die Nutznießer der Rechtsentwicklung der unterlassen. Ich will aber als Innenminister Wählermassen erscheinen und nicht die Profeinen Zweifel darüber lassen, daß ich, wenn pagandisten des Dritten Reiches. Aber der diese Erwartung sich nicht erfüllen sollte, die Schein trügt. Man kann schlankweg behaup öffentliche Ruhe und Ordnung mit allen Macht- jten, daß es zum Zwischenspiele Papen nicht mitteln des Staates zu schüßen den Willen gekommen wäre, wenn Lausanne nicht vor und die Nerven babe. der Türe stünde. ,, Pflege des deutschen Geistes". Wie liegen denn die Dinge gegenwärtig Wichtig und notwendig scheint mir auf dem für den Nationalsozialismus? Er ist innerGebiet des gesamten fulturellen Lebens unseres politisch andauernd siegreich. Er hält die Volkes insbesondere auch im Rundfunf und Stimmenzahlen der Preußenwahlen; die K. Lichtspielwesen die Betonung und Pflege P. D. hat endgültig gegen die Nazis den deutschen Geistes und die Ausmerzung Wettlauf im Radikalismus verloren. Die Zeit aller undeutschen, fremden Ein- ist reif geworden für die Macht teilnahme flüsse, die zeitweilig weite Streise des deutschen Hitlers. Warum also erst ein konservatives Bolles befremdet haben. Jedes Bolt muß Zwischenspiel, wenn Hindenburg sich entheute das Streben haben, in Verständigung mit schließt, seinen Knappen Brüning fallen zu ellen Staaten und Bölkern den Fortschritt und Der Reichsinnenminister führte u. a. aus: hindern, unsere Pflicht zu tun. Wir tun sie aber, die Befriedung der gesamten Menschheit zu förlassen? Weil die Drahtzieher im Bureau des Wir werden die Eigenart des Eigenlebens getragen von heißer Liebe zu allen Boltsgenossen, dern. Aber so wie das Leben des deutschen Volkes Reichspräsidenten, voran Herr Staatssekretär der deutschen Länder selbstverständlich nicht an- mögen sie diese Liebe erwidern oder nicht. wurzeln auch die Wetigeltung des deutschen Vol- Meißner, zwar zurzeit keinen Brüning tasten.(!) Für Preußen erwarten wir besonders tes und seine Stellung zu den anderen Völkern mehr, aber auch noch keine Nationalsozialisten das rasche Zustandekommen einer verfassungsGleichmäßige Gerechtigkeit gegenüber allen in seinem eigenen, seinem Blut und Geist an brauchen können. Man hätte Brüning die mäßigen Regierung, politischen Strömungen, die sich bei ihrer Betäti- gemessenen Leben. Die Erkenntnis dieser Not- Kastanien in Lausanne aus dem Feuer holen von der wir hoffen, daß sie in den großen Fra gung im Rahmen der Verfassung und der wendigkeit und der Wille zu einem eigenen deut lassen, wenn er sich dazu hergegeben hätte, gen der Nation mit der Reichsregierung über- efete balten, ist unsere vornehme Aufgabe. schen Leben wachsen heute ständig in unserem den Nazi das Bett zu machen. Was man aber einstimmen und in lebendiger Fühlung mit In diesem Sinne wird eine Neuordnung der Volk. in den Kreisen um Herrn Meißner nicht Borschriften über die Aufrechterhaltung der Ruhe Aufgabe der Reichsregierung und in ihr des brauchen kann, das ist die einigermaßen repu und Sicherheit in den nächsten Tagen erfolgen, Innenministers ist es, diesem Willen gerecht zu welche die Bestimmungen über Versammlungen werden und die machtvolle nationale Bewegung blikanische Politik Groeners, das ist die Frontund Aufzüge, die Presse und die militärähnlichen der Gegenwart als eine Staat und Bolt erhal- richtung gegen rechts, das ist die Verbindung Organisationen unter Wilderung des bestehenden tende Kraft zu werten und zu benüßen. Jede Brünings mit allem, was den ,, Ludergeruch" Zustandes regelt. Das Kabinett geht dabei von Mitarbeit, insbesondere der deutschen Jugend ist der Sozialdemokratie an sich hat. Warum aber der Absicht aus, den Wahlvorbereitungen der uns dabei willkommen. ung arbeiten wird. Gendarmen gegen Streikende. Neue Schießerei in der Slowakei.- Ein Toter. Aus dieser Ueberzeugung heraus werde ich die Aufgabe der Reichsreform anfassen. Gegen die We marer Beriaffung! Die Weimarer Verfassung, die Grundlage folgt nicht der Umorientierung Hindenburgs unferes öffentlichen Lebens, deren Hüter ich als ein flares Hitlerkabinett auf dem Fuße? Weil Reichsinnenminister pflichtgemäß bin, ist seit die Groteske, die republikanische Langmut ihrem Bestehen vielfach durch die Gesetzgebung durch Jahre Herrn Hitler ermöglichte, angedurchlöchert und nach unbestrittener Ansicht sichts den Realitäten von Lausanne und Genf weitester Streise aller politischen Richtungen(!) reformbedürftig. Verfassungen sind nicht starre allzu schnell auffliegen müßte. Weil Herr Hitler unter Umständen doch nicht in den Ideale, sondern lebendige Wesen und der Enttodlung unterworfen. Wir werden auch au Das Tschechoslowakische Preßbüro meldet: wie die Erfahrung lehrt, eher ein Zufall, wenn wenigen Wochen, die für die Belehrung seidiese Aufgabe mit Erust und Eifer Bratislava, 9. Juni. Am 7. Juni brach ner Mitläufer genügten, Gelegenheit fände, die Angreifer" heil davonkommen. herangehen. Zweierlei aber muß ich in die Es ist der Verdacht nicht von der Hand zu das Gebäude der deutschen Demokratie in fem Zusammenhang besonders betonen: Das Ge- auf der Eisenbahnstrede Červená Stala Margewegen Lohnstreitigkeiten ein weisen, daß die Gendarmerie auch in den beiden Trümmer zu zerschmeißen, um sich keinem rede von einer geplanten Aenderung der Ver- cany fassung in der Richtung der Wiederaufrichtung Streit aus. Die streitende Arbeiterschaft ließ slowakischen Gemeinden, in denen soeben geschof Boltsurteile mehr stellen zu müssen. Darum der Monarchie ist ein törichtes und darum schädlich am 8. Juni abends in der Gemeinde Tel- ien wurde, die Intereffen der Arbeitgeber muß es ein Zwischenspiel der Männer um liches Geschwät. Ich würde mir erbärmlich vorgart im Bezirle Brezno nad Hronem verschie gegen die streikenden Arbeiter verteidigte. Wie Bapen geben. Man wird fragen, wieso denn kommen, wenn ich auf dem Ministersessel ver- dene Ausschreitungen zuschulden kommen. Sie das geschieht, davon hat man vor kurzem in diese Herren sich so bereitwillig zur Abnüt suchen würde, meine persönliche, nicht nur ange fiel auch die diensttuende Gendarmeriepatrouille Tepliß- Schönau geichen. zung herzugeben denken? Nun, das Kabinett Uns dünft, daß die wahrheitsgetreue Dar Papen hat keine Fühlung mit den Massen, borene und anerzogene, sondern in langen Jahan und bewarf sie mit Steinen, wobei fünf ren auch selbsterworbene Ueberzeugung zu ver- Gendarmen verwundet wurden. Die Patrouille stellung der Schießereien von Holič und Telgart ihm gehören nicht die heißspornigen Demagoleugnen, daß ich die Monarchie für die griff in der Abwehr zur Schuß waffe, wobei von den amtlichen Meldungen sehr wesentlich abangemessenste Staatsform für ein durch einen unglücklichen Zufall der 28jährige weichen wird. Um das feststellen zu können, wird gen der Straße an. Von ihnen verlangt man Bolf, inmitten des Herzens von Europa, balte Arbeiter Johann Chlabobicans et allerdings eine andere Untersuchung als die anund dak ich, geschichtlich gesehen, mir der Verany durch einen Schuß tödlich verwungekündigte amtliche notwendig sein. dienste des bisherigen Rönigsund det wurde: das Projektil hatte die Wand des Kaiserhauses um das deutsche Volk Hauses durchschlagen, in welchem sich Chlabovie Stets dankbar bewußt bin. Ich bin aber der gerade aufhielt. Die Untersuchung wurde eingeUeberzeugung, daß in diesen Reiten des Kampfes leitet, um Sein oder Nichtsein die Frage der Staatsform, Republik oder Monarchie, keine Frage ist, die unsere Zeit, geschweige denn die gegenwärtige Reichsregierung, zu lösen baben. Wir sind keine Vertreter einseitiger Stau des oder Berufsinteressen, sondern Reichsmini fter, deren Sorge und Liebe jedem einzelnen Volksgenoljen gehört, erwachsen aus der Liebe zu unferem Bolk und unserem Vaterlande. Schöne Reden arten, aber unpopuläre Maßnahmen". Man wird gut daran tun, diese amtliche Meldung mit großer Vorsicht aufzunehmen, denn es ist bekannt, daß die Darstellungen des Preßbüros immer entsprechend frisiert sind. * Das eben ist der Fluch der bösen Tat... keine Einlösung der unzähligen Glücksverhei ßungen der Faschisten. Sie werden, wie immer Lausanne ausfallen möge, für die Massen genau so uninteressant sein wie vorher. Aber es ist ein frevles Spiel, das man mit Deutschland treibt. Der umgelernte Herr Staatssekretär Meißner, einst in besseren Tagen eine Kreatur Eberts, scheint so stark dem Dritten Das Tschechoslowakische Preßbüro meldet: Reich verschrieben zu sein, daß er seine Protaden drei gestern verhaftete Teilnehmer an den schädlichen Lufthauche schützen will. Und der Bratislava, 9. Juni. Heute vormittags wur- gonisten jetzt, knapp vor, dem Start, vor jeden Demonstrationen in Telgart von der GendarNeue Gendarmen- Schießerei. Erst gestern wurde gemeldet, daß in der merie in die Saft des Kreisgerichtes in Brezno droht ernstlich von Lausanne her! Beim prominenten Gegenspieler, in weftslowakischen Gemeinde Solie die Gendar nad Hronem esfortiert. Einige Streifende hiel men auf Streikende geschossen haben und auch ten den Zug, in dem die Gendarmen mit den Frankreich, ist die Idee des Linkskabinettes zu aus der heutigen Meldung des Preßbüros ist zu Verhafteten fuhren, vor der Station Pohorela an Grabe getragen worden. Weil die französische erkennen, daß die Gendarmen gegen Strei und begannen das Wagenabteil, in dem sich die Sozialistenpartei auf konkreten Zusagen wegen kende eingesetzt wurden. Selbstverständlich ist Eskorte befand, mit Steinen zu bewerfen. Sie der Abrüstung bestand; vor allem deshalb in den amtlichen Darstellungen immer davon die versuchten auch die Verhafteten zu befreien. Ein Sat nicht erst neulich der erbärmlichste Wich: Rede, doß die Gendarmen in Notwehr“ gehan- Gendarm gab gegen die Angreifer zwei Wir wissen, daß wir unser Bolf nur erhal ten fönnen, wenn wir in warmer Liebe uns ein delt hätten. Jedenfalls wurde geschossen und Schüsse ab, wobei der Arbeiter Datko, der sich unter den Nazischreibern des Landes sich er feßen für das richtig verstandene Wohl der brei- die Ausrede auf den„ unglücklichen Zufall" klingt unter den Angreifern befand, Teicht am Ellen- frecht, zu fragen, wann denn der„ Genosse" ten, arbeitenden Maffen.(!) Wir müssen dobei in sehr merkwürdig: die Folgen eines Kommandos bogen verletzt wurde. Sierauf ergriffen die De- Blum jemals die Abrüstung vertreten habe den Kauf nehmen, daß manche Maßnahme zuzum Schießen müssen doch den Verantwortlichen monstranten die Flucht. Die Untersuchung ist ein Sier, Sie Wicht, der Sie es gut aufgenom nächst wenig voltstümlich sein und mizlar sein und wenn die Kugeln der Gendarme geleitet. Die Behörden trafen die entsprechenden men haben, das macchiavellische Wort Adolfs verstanden werden wird. Das kann uns nicht rie den Lauf der Gewehre verlassen haben, ist es, Sicherheitsvorkehrungen. des Charlatans, daß in der Größe der Lüge Seife 2 Freitag, de« 10. Fu«i 1988 Kr. IN bereits eine Chance für den Erfolg der Lüge stecke". Frankreich also wird durch ein Minderheitskabinett Herriots in Lausanne vertreten sein. Das ändert an Frankreichs bisheriger Haltung nicht einen Deut. Es sei hier erinnert, daß Herriot im Vorjahre bei der Abstimmung über den Hoover-Plan gegen Frankreichs Zustimmung opponierte, und zwar im Gegensätze zur Mehrheit Lavals, der doch nichts anderes als ein Platzhalter Tar- dieus war. Da der rechte Flügel der Lavalmehrheit unsicher war, gab die französische Sozialistenpartei in diesem einen Punkte ihre Opposition gegen Laval auf und stimmte mit der Mehrheit der Regierungsmajorität für die Gewährung des Feierjahres, während Herriot nicht nur dagegen stimmte, sondern in seinem rednerischen Kommentar Töne gebrauchte, die man sonst nur äußerst rechts in der französischen Kammer zu hören gewohnt ist. Lausanne konnte und kann keine Definitivlösung des Reparationsproblems bringen. Deutschland zahlt nicht, weil es nicht will, sondern weil es nicht kann. Lausanne konnte und kann nur den Zweck haben, diesem faktischen Zustande irgendwie eine formelle Rechtfertigung zu geben. Es wäre töricht glauben zu wollen, daß man sich jetzt bei den Gläubigern schon dazu verstehen wollte, den Großteil oder vielleicht die gesamten deutschen Zahlungsverpflichtungen zu streichen. Man täusche sich nicht— im Haag hat es sich deutlich erwiesen— die ehemalige Entente ist nur uneinig, wenn es um die Quotenverteilung geht, in der Vertretung einer möglichst hohen Gesamtforderung gegen Deutschland ist man sich vollkommen einig. Lausanne wird nichts anderes bringen als ein Moratorium, das vielleicht ad infinitmn gedacht sein mag, und das der einzig mögliche Weg ist, den geldempfangenden Völkern langsam den Gedanken an den Verzicht beizubringen. Würde man die Frage der Höhe des Betrages auswerfen, so ließe sich heute nicht mehr erreichen, als die Anpassung der Zahlungen an den gestiegenen Goldwert, damit aber nichts anderes als di« Anpassung an das Wirtschaftsvolumen von 1928, das seither in alle Winde zerstoben ist. Es kann also nichts anderes resultieren als di« Sanktion des faktischen Zustandes: das auf der einen Seite als Aufschub gedachte, auf der anderen Seite als tatsächliche Befreiung von den Zahlungen aufgefaßte Moratorium. Wie schrie doch die NSDAP im Vorjahre als es um das Hooverjahr ging? Moratorium ist Bluff— Versailles muß fallen! Ist es Herrn Meißner als der ehrenamtlichen Gouvernante des ministrabel werdenden Nationalsozialismus zu verdenken, wenn er seine Schützlinge vor so abscheulichen Zwangslagen mit zwangsläufigen Entblößungen beschützen will? Zu verdenken aber ist es Herrn von Hindenburg, daß er das Spiel nicht durchschaut. Zu verdenken ist ihm, daß er den Nazikurs mit seiner Autorität deckt, ohne die Brüderchen von äußerst rechts ein Gran Verantwortung tragen zu lassen. Und der Riß zwischen Deutschland und Frankreich soll so weit aufgerissen werden, daß ein Erdbeben WW Will CMn. Von Christa Anita Brück. Dies war der Anfang. Mein munteres„Guten Morgen", merkwürdig hallend in diesem kahlen, gegen eine Mauer blickenden Bürozimmer wird von einem unverständlichen Gemurmel beantwortet, das sich tropfenweise nach und nach von jedem Platze löst. Mein Arbeitstisch steht rechts am Fenster, breit und ausladend. Eine gute Schanze. Ich halte Umschau. Mit dem meinen in gleicher Richtung steht «in zweiter Tisch, an dem zwei Mädchen sitzen. Ich sehe aus einen pickeligen, unsauberen Hals und auf einerr schneeigen jungen Nacken, auf schinniges dunkles Haar und auf eine licht an», steigende Lockenfülle. Dem ungewaschenen Hals gesellt sich eine schmutzstarrende Hemdachsel, durch di« weiße Bluse der Blonden lugt tadellos saubere Wäsche. Ein ungleiches Paar. Jetzt tuscheln sie miteinander. Die Dunkle wirst einen dreisten Blick zu mir zurück. Sie kichern. In der andern Zinrmerhälftc, und zwar in entgegengesetzter Richtung, die Gesichter uns zugewandt, sitzen gleich an der Tür die rothaarige Gauha, die unbedingt freundlicher werden muß, und hinter ihr ganz im Winkel Frau Suhl, die Kassiererin. Niemand ipricht mit mir. Ich denke darüber nach, wie alt wohl Frau Suhl sein mag. Es läßt sich gar nicht bestimmen. Das säuerliche Gesicht ist nicht eigentlich alt, nur schlaff. Trotz seiner Magerkeit begegnen sich die ieitlichen Falten unter dem Kinn zu einer mehrstufigen Wamme. Ich bitt« Frau Suhl, mich durch die übrigen Raum« zu führen. Sie erhebt sich mit Würde und geht mir voran.' erst kommen muß, um ihn zuzudecken. Darüber hinaus:„geschickte" Hände sind am Werke, die Entente seligen Angedenkens wie- Aul de« alten Fleck. Fortsetzung der Wohnungsverhandlungen. Prag, 9. Juni. Die heutige Debatte im Wohnungs-Siebenerausschuß der Koalition kam nach der zweitägigen Unterbrechung über di« ersten drei Abschnitte der Vorlage wieder nicht hinaus. Die Aussprache wurde schließlich auf morgen vormittags vertagt. Der Ausschuß tagte diesmal unter Vorsitz des tschechischen Nationalsozialisten Langr, der im sozialpolitischen Ausschuß das Referat über die Wohnungsvorlage inne hat. Der von Kalos entfachte Streit über den Vorsitz wurde im Kompromißwege dahin bereinigt, daß der Vorsitz alternierend von Langr und Kala 8 geführt werden soll. Segen die Herabsetzung der Staats» angeftellteugehAter. Ein Beschluß der in der gemeinsamen Landeszentrale vertretenen Verband« der öffentlichen Angestellten. Die Sektion der öffentlichen Angestellten bei der gemeinsamen gewerkschaftlichen Landeszentrale hat am Dienstag, den 7. Juni 1932 im Gewerkschaftshause in Prag eine Sitzung abgehalten. An der Sitzung nahmen Vertreter von zwölf Gewerkschaften der öfientlichen Angestellten, die in der gemeinsamen Landeszentrale vereinigt sind und 120.000 Mitglieder zählen, teil. Der Bericht, den die Abgeordneten T a y e r l e und Seidl in der Frage der strittigen Maßnahmen der Staatsverwaltung erstatteten, wurde einer ausführlichen Besprechung unterzogen. In der Debatte wurde die einmütige Ablehnung jeder Form der Herabsetzung der Einkünfte der öffentlichen Angestellten konstatiert. Di« Sektion begrüßt im Gegensatz hiezu jene Maßnahmen, durch welche die höheren Einkünfte, insbesondere außerordentliche Ein- nahmen, Doppelverdicnfte oder arbeitsloses Einkommen betroffen würde«. Die Sektion beschloß, daß in diesem Sinne die Vertreter der Gewerkschaftszentrale und der in chr vertretenen Verbände vorzugehen haben und daß den betreffenden Regierungs- und Parlamentsfaktoren erneut die Anträge und Maßnahmen, welche sich auf die Ersparungsmaßregeln beziehen, mitgeteilt weiden. Kleingeldvorlage auch vom Senat genehmigt. Prag, 9.Juni. Die Kleingeldvorlage wurde heute auch vom Senat in beiden Lesungen verabschiedet. Der Referent Zim'ak, hob neuerdings.hervor, daß von irgend einem inflationistischen Charakter dieser Maßnahme nicht d'e Rede sein könne. Dieser Ansicht schlossen auch die Debatteredner mit Ausnahme der Kommunisten und des Sprechers der deutschen Na- tionakfozialiften an. Letzterer Herr Wenzel, er- klärte namentlich den SMergehalt der neuen Münzen für viel zu niedrig, was den Referenten im Schlußwort zu der Bemerkung veranlaßte, daß vollwertige Scheidemünzen ja erst recht der Thesaurierung anheimfallen würden. Panek(Rat.-Soz.) untersucht die Grundlagen jeder Währungsstabilität und äußert Befürchtungen An unser Zimmer schließt sich zunächst die Reklameabteilung. Die Regale steigen an allen vier Wäliden bis ünter die Decke. Bon einer Leiter gucken schwarze Mausaugen herunter aus (inderjungcm Gesicht. Der Rock ist entschieden zu kurz. Ich sehe die nackten Oberschenkel. Dem Reklameraum folgt das Schreibmaschinenzimmer, das ich schon keime. Fräulein Müller sieht verstört von der Arbeit auf, als ich sie begrüße. Neben ihr klappert ein älteres Mädchen auf der Maschine. Sie mustert mich argwöhnisch. Tas Zimmer riecht unerträglich nach Fusel, f Es unterliegt denn auch gar keinem Zweifel, daß Maschke, der Buchhalter, völlig betrunken ist. Er ist nur halb angezogen. Sein« Weste steht offen. Ein Schlips ist überhaupt nicht vorhanden. Er lallt eine Begrüßung, die ich zum Glück nicht verstehe. „Quartalssäufer, sagt die Suhl lakonisch. „Bon morgen ab fehlt er drei Tage. Sonst ist er tüchtig. Hat seine Bücher in Schuß." In der Expedition tritt mir«in junger gewandter Mensch entgegen: der neue Expedient, acht Tage im Dienst. Sein hübsches offenes Gesicht wirkt überraschend in dieser Umgebung. Wir tauschen einen Blick. „Wie kommst du hierher", scheint jeder zu fragen. Im Nebenraum balgen sich einige Laufjungen. In einer schrägen Kammer ist die Telephonzentrale untergebracht. Ich sehe einen braunen Arm hantieren, von silbernen Reifen umklirrt. Zuletzt gucken wir in den Kleberaum. Boller Unbehagen erinnere ich mich^des schrillen Gelächters von gestern abend. Frau Suhl nennt mir di« Namen der Mädchen. Ich kann mir nicht helfen: fragwürdige Gestalten. Ich bin froh, als ich wieder draußen bin. Noch will ich kein Urteil fällen, aber der Rundgang hat mich bedrückt.' Biel Gehässigkeit der zusammenzuschweißen und Deutschland aufs neue zu isolieren. Biel Feind, viel Ehr? Wir kennen das zur Genüge! 6. R. Schw. hinsichtlich der Handelsbilanz; der weiteren Abwanderung von Devisen müsse man durch entsprechend« Maßnahmen Einhalt tun. Er wendet sich wohl zur Abschwächung der kürzlichen Aeußerungen feines Parteikollegen Slavikek im Abgeordnetenhaus« — gegen jede Gehaltskürzung der Staatsangestellten, da ihre Bezüge keineswegs valorisiert seien, und vertritt dann den nationalsozialistischen Antrag auf Verschärfung der Eirckommeissteuer. Gegen khn polemisierte der tschechische Agrarier Olejnik, der kühn behauptet, es habe für die Landwirtschaft überhaupt nie«irre gut« Konjunktur gegeben. Der tschechische Genosse Jng. Winter lehnte schließlich ganz entschieden jede wie immer geartete Inflation ab, da man hiebei nie wisst» könne, wie das Ende sein werd«. Ueber Verlangen der sozialistischen Parteien wurde die nächste Sitzung bersits für Dienstag, den 14. Juni, 3 Uhr nachmittags anberaumt und auf die Tagesordnung die Novelle zum Berggesetz gestellt. Die Novelle sieht bekanntlich scharfe Stroffanktionen gegen unbegründete Betriebseinstellungen oder -einschränkungen vor, um derartigen Provokationen, wie es die Kündigungen auf der Grube Humboldt waren, die den letzten Streik im nordwestböhmischen Revier auslösten, künftighin rechtzeitig begegnen zu können. Arbeitslosenziffer gesunken. Um 71L28 auf 484.604. Prag, 9. Juni. Die Zahl der Arbeitslosen in der Tfchechoflowakei betrug nach einer Mitteilung des Fürsorgeministeriums Ende Mai 484.604 Personen und ist gegenüber dem letzten Ausweis Ende April, wo nach den definitiven Ergebnissen. 555.832 Arbeitslose gezählt wurden um 71.228 zurückgegangen. Errichtung einer Fachkommission sür Vie Sozialversicherung. Der Minister sür soziale Fürsorge hat bei der Zentralsozialversicherungsanstalt eine Fachkommission errichtet, deren Aufgabe es sein wird, die infolge des gegerrwärtigen Standes der Sozialversicherung nötigen Vorkehrungen administrativer und legislatorischer Natur zu verhandeln und dem Ministerium für soziale Fürsorge die einschlägigen Anträge zu unterbreiten. Als Mitglieder der Kommiffion wurden durchwegs Mitglieder des Ausschusses, bezw. des Vorstandes der Zentralsozialversicherungsanstalt ernannt und zwar: zum Vorsitzenden Abgeordneter Anton Hampl, Vorsitzender der Zentralsozialversicherungsanstalt; zum Stellvertreter Oberinspektor Franz Kutscher«, Vorsitzenderstellvertreter der Zentralsozialversicherungsanstalt, als weitere Mitglieder: Dr. I. Gallas, Direktor der Allgemeinen Pensionsanstalt, Dr. F. H o d a 5, Abgeordneter und Professor der technischen Hochschule, Universitätsprofessor Dr. E. S ch o e n b a u m, Direktor der Allgemeinen Pensionsanstalt, Dr. O. Suchy, Abgeordneter, Sektionsrat des Landeskulturrates, Dr. K. Svoboda, Profeffor der technischen Hochschule, Abgeordneter Siegfried Taub, Vizepräsident des Wgeordneteichauses, und Abgeordneter A. Tuvny, Vorsitzenderstellvertreter der Zentral- sozialversicherungsanstalt. An den Arbeiten der Kommiffion werden sich die Direktoren und scheint mir zusammengepfercht in diesen Räumen, viel Bösartigkeit, Erbitterung und Niedertracht. Fröhliche Gesichter habe ich nicht gesehen. Mein eigener Versuch, ein wenig Munterkeit zu verbreiten, ist auf sichtlichen Argwohn gestoßen. Eins jedenfalls scheint ganz zu fehlen: Zusammenschluß, Gemeinsamkeit. Ich denke mit schmerzlichem Vermissen an die nie ausgesprochene, dennoch immer gegenwärtige starke Verbundenheit, die wir im Büro Lichte untereinander hatten, die uns nicht nur half, Lichte zu ertragen, sondern auch seine Bösartigkeit zu hemmen. Der erste Arbeitstag packt mich hart genug ast. Ueberall begegne ich passivem Widerstand. Ich bekomm« unzureichende Antworten auf die vielerlei Fragen, die ich notgedrungen stellen muß. Die rothaarige Gauda weiß mit der Disposition Bescheid. Bei starkem Betrieb hat sie der Hahne zur Hand gehen müssen. Sie wäre gern selbst Disponentin geworden, aber Muvaw- ski hat unbedingt recht, daß sie ihrer Unverbindlichkeit wegen den Posten nicht gut bekleiden kann. Sie läßt mich nun ihre Zurücksetzung fühlen. Mit der Suhl scheint sie un besten Einvernehmen zu stehen. Die beiden wechseln verstrch- lene Blicke, wenn ich am Telephon in Schwierig- keiten gerate und aufgeregt die ungewohnten Bücher wälze. Um eins geht Murawski zum erstenmal an mir Vorbei. „Na?" sagt er nur und nickt melancholisch. . Am Abend kommt dann di« Hahne, um Abschied zu nehmen. «- Drunten wartet ein Auto mit ihren Rohrplattenkoffern. Sie ist gekleidet wie eine Großkapitalistin. Der Pelzmantel steht offen. Ein sandfarbenes Reisekostüm ist sichtbar. Die Handtasche. die sie-unter den Arm klemmt, ist von echtem Krokodilleder. Aber sie scheint mir bleiMMmi. Wir haben vor einiger Zeit eine Reihe von Artikeln veröffentlicht, in welchen Beleidichrngen der deutschen sozialdemokratischen Presse,. des Abgeordneten Dominik Leibl in Hradzen, des Abgeordneten Josef Schweichhart in Bodenbach, sowie des ZentralverbandeS der deutschen Kleinbauern und Häusler in Teplitz-Schönau, enthalten waren. Mr erklären hiemit, daß wir die erwähnten sozialdemokratischen Funktionäre und Institutionen keinerlei unehrenhafter oder ehrenrühriger Handlungen bezichtigen können. Mr erklären insbesondere, daß wir die deutsch« sozialdemokratische Presse und Herrn Abg. Schweichhart keineswegs der Steuerdenun- riation und Herrn Abg. Lerbl des Verrates beschuldigen können. Wir ziehen diese Borwürfe sohin als unbegründet zurück. Di« Redaktion der„Heimat". liiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiinininiiiniiiiiiniiiiiiiiiiniiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiini Abteilungsvorstände der Zentralsozialvcrsiche- rungsanstalt beteiligen. Das Ministerium für soziale Fürsorge werden dessen Beamte vertreten. Witkowiher Eisenwerke wolle« 5000 Arbeiter entlassen. Mähr-Ostrau, 9. Juni. Im Gewerkschaftshause in Witkowitz fand heute nachmittags ein« öffentliche Versammlung der Arbeiterschaft der Witkowitzer Eisenwerk« statt, an der gegen 150Ü Personen teilnahmen. Ueber die Verhältnisse in den Mtkowitzer Eisenwerken sprach der Obmann des Betriebsrates M i l a t a(Soz.-Dem.), der mitteilte, daß di« Eisenwerke von 16.000 Arbeitern jetzt 5000 zu entlassen beabsichtigen. Bei den gestrigen Verhandlungen mit dem Generaldirektor Dr. Federer wurde erreicht, daß die Eisenwerk« auch den nichtvollbeschäftigten Arbeitern Kohle zu ermäßigtem Preise liefern und daß di« Miete um 10 bis 40 Prozent herabgesetzt werden wird. Bei den heutigen Verhandlungen wurde erzielt, daß die Abfertigungssumme, welche die Witko- witzer Eisenwerke jenen Arbeitern anb.ieten, die freiwillig die Arbeit verlassen, bis zu 900 K erhöht wiä>. Die Verhandlungen werden fortgesetzt. Die Berichte über die Verhandlungen mit den Eisenwerken wurden von der überwiegenden Mehrheit der Anwesenden zur Kenntnis genommen. Di« landwirtschaftlich« Kredithilfe. Gestern tagte unter Teilnahme von Vertretern der beteiligten Ministerien eine Beratung der Koalitionsmitglieder des landwirtschaftlichen Ausschusses, um zu den vorliegenden Abänderungsanträgen zu der landwirtschaftlichen Kredithilfe Stellung zu nehmen. Sofort bei den ersten Paragraphen Entstanden Meinungsverschiedenheiten über den Kreis der Personen, für die die Hilfe besttmmt ist. Die Sprecher der sozialdemokratischen Parteien, die Genossen Koudelka und Iaksch, vertraten den Standpunkt, daß die Vorlage nur den tatsächlich hilfsbedürftigen keinen und mittleren Landwirten zugute kommen dürfe. Dieser Ansicht schlossen sich auch die tschechischen Nationalsozialisten und Volksparteiler au, während sich die deutschen und tschechischen Agrarier und die Nationaldemokraten dagegen stellten. Eine Einigung konnte nicht erzielt werden. Auch über die Dauer des Zinsenbeitrages kam es zu keiner Verständigung. cher, mitgenommener, zugeschloffener noch als gestern. Murawski sitzt in gramvoller Versunkenheit und starrt vor sich hin. WaS mag sich zugetra- gen haben zwischen diesen beiden Menschen? Merkwürdig der Abschied von den Kolleginnen. Fräulein Hahne tritt zunächst zu Frau Suhl. Frau Suhl steht auf wie eine Gescholtene. Sre hält die Augen niedergeschlagen und in ihrem Gesicht zuckt es. WaS die Hahne murmelt, ist nicht zu verstehen. Frau Suhl ist so bewegt, daß sie gar nichts spricht. Nun kommt die Hahne zu der Rothaarigen. Deren Haut ist durchsichtig wie Glas. Are hellen Augen sind bläulich umschattet. Sie ist auch jetzt hart, zugeschloffen und kalt. „Wann werden Sie heiraten, Fräulein_ Gauda", fragt di« Hahne. In die eisgrauen Augen kommt etwas Wärme. „Im Herbst." „Nun, dann alles Gute bis zum Herbst." Zu der kleinen blonden Lindner sagt sie nur: „Mutig weiter." Aber di« schüttelt den Kops und antwortet: „Nicht mehr bange." Der Beckmann wird flüchtig die Hand gegeben.„Glückliche Reise", sagt die Beckmann dabei. Den herzlichsten Abschied bekommt der Lehr- linq,«in kleiner, schwarzer, gewitzter Kerl. Sie reißt ihn bei beiden Ohren.„Werd' was, du Lausbub, verstanden?" Wie schön ist die Hahne, wenn ihre weißen Zähne lachen! Ich bin gespannt, wie der Abschied von Murawski sich gestaltet. Gleich wie weggewischt ist ihr strahlendee Lache». (Fortsetzung folgt.) Nr. 137 Freitag, bett M. Armt 1990 Sette S Hllic ittr Mitteleuropa. Donauplan neuerdings im Vordergrund. Paris, 9. Juni. Ministerpräsident Herri o t hatte gestern eine längere Unterredung mit dem Finanzminister Germain- Mar- si n. Beide Staatsmänner befaßten sich mit den Anregungen der gemischten Kommission von Finanzsachverständigen, die in der vergangenen Woche in Paris tagte und sich mit der Organisierung der Hilfe für einige mitteleuropäische und osteuropäische Staaten befaßte. „Petit Paris««" macht darauf aufmerksam, daß in dieser Frage London und Paris nicht eines Sinnes seien und daß Herriot darüber mit dem Premierminister Maedonald und dem Außenminister Sir John Simon bei den am Samstag und Sonntag in Paris stattfindenden Vorbesprechungen in Paris verhandeln werde. Wahrend England der Ansicht sei, daß Oesterreich finanzielle Aushilfe gewährt werden sollte, möchte Frankreich nur die bisher eingefrorenen Kredite in Oesterreich verlängern, jedoch keine neue Baraushilfe gewähren. I« Frankreich herrscht mehr und mehr die Ueberzeugung— schreibt„Petit Parisien"—- daß nur ein Gesamtplan Oesterreich, die Donau- und Balkanstaaten vor der sie bedrohenden Katastrophe retten könne. Frankreich wär« geneigt, mit Rücksicht auf die Lage in Bulgarien und Griechenland den Tardieupla« auch auf dies« Staate« auszudehnen. Erst bis die wirtschaftlichen Vorbedingungen des gesamten Hilfs- planes klargelegt sein würden, würde Frankreich auch die finanzielle Seite erwägen. Den Informationen des Havasbüros zufolge hat die gemischte Kommission für Oesterreich eine Hilfe von 200 Millionen Franks vorgeschlagen, welcher Betrag von verschiedenen Staaten gezeichnet werden solle. Der schweizerische Bundesrat habe gestern im Prinzip seine Zustimmung zur Teilnahme der Schweiz unter gewissen Bedingungen gegeben. Schleicher; Aatzenoolitik. Sozialdemokraten fordern Einberufung des Auswärtigen Ausschusses. Berlin, 9. Juni. Im Auftrage der sozialdemokratischen Mitglieder des auswärtigen Aus- schusses des Reichstages hat der Abgeordnete Dr. Breitscheid in einem Schreiben an den Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses Dr. Frick (Natsoz.) darum ersucht, den Auswärtigen Ausschuß in der allernächsten Zeit zu einer Sitzung einzuberusen. Der Auswärtige Ausschuß gehört zu den Gremien des Reichstages, die auch nach Auflösung des Parlamentes aus Grund der Ver- safsungsbestimmungen weiterbestehen und ihre Arbeiten fortsetzen können. Breit scheid verweist in dem Schreiben darauf, daß die Ausführungen der neuen Reichsregierung in ihrer Ettlläruirg über ihre außenpolitischen Ideen dürftig sind. Sie spreche in allgemeinen Redewendungen von der Aufrechterhaltung des Friedens mit allen Nationen und der Notwendigkeit, die deutsche Gleichberechtigung durchzusetzen. Man dürfe aber doch wohl annehmen, daß das Kabinett ganz bestimmte außeirpolitisch« Pläne verfolg«, die zweifellos von denen der Regierung Brüning abwichen. Da die Auflösung des Reichstages ein« Debatte über diese Gegensätze im Plenum unmöglich gemacht habe, halten es die Sozialdemokraten für doppelt geboten, daß der Regierung Gelegenheit gegeben werde, wenigstens im Auswärtigen Ausschuß ihr« Absichten schärfer zu umreißen. Herr von Pape« spricht: Sozialversicherung wird zerschlagen. Berlin» 9. Juni. Wie aus parlamentarischen Kreise« verlautet, hat Reichskanzler von Pape« bei de» Verhandlungen mit de« verschiede««» Interessenten immer wieder daraus hingewiesen, daß eine vollständige Umorganisierung der Sozialversicherung durch Notverordnung er« solgen werde. SA macht sich wieder maufig. Magdeburg, 8. Juni. Auf ein schon in den Morgenstunden auftauchcndeS Gerücht, daß das SA.« und das Unisormverbot aufgehoben seien, zeigten sich den ganzen Tag über größere unkleinere SA.-Trupps in voller Uniform, d i e mit politisch Andersdenkenden an vielen Stellen der Stad^ aneinandergerieten. Auch ReichSbannerleute wurden in Uniformen gesehen. Die Polizei ging in den Abendstunden gegen die Demonstranten vor und nahm, nachdem der Polizeipräsident darauf hingewiesen hatte, daß dos Uniformtragen noch nicht gestattet fei, auch zahlreich« B er Haftungen vor. In den späten Abendstunden war die Ruhe wieder hergestellt. Reichsbanner wehrt sich. Kamen(Westphalen), 9. Juni. Zu schweren Unruhen kam eS heute abends auf der Unnaer Straße zwischen Reichsbannerleuten und Nationalsozialisten. Nachdem den ganzen Tag über schon Reibereien zwischen den politischen Gegnern stattgefunden hatten, entstand abends eine Mässe n s ch l äg e r e i, bei der die Polizei die Straße mit Gewalt räumen mußte. Hierbei gerieten mehrere Beamte in Bedrängnis, als Angehörige beider Verbände gegen die Beamten tätlich vor- gingen. Die Beamten mußten sich mit der Schußwaffe Geltung verschaffen und gingen dann bei der Säuberung der Straße mit dem Gummiknüppel scharf vor. Bon Seiten des Reichsbanners wurden Schüsse abgegeben. Der Nationalsozialist Hohl wurde durch Stockhiebe München, 9. Juni.(Eig. Drahtb.) In dem Münchener Beleidigungsprozeß gegen den Schriftsteller Werner Abel wurde zunächst der Angeklagte stundenlang vernommen. Der 30jährige Mann hat ein außerordentlich bewegtes Abenteurerleben hinter sich. Er ist wegen Münzverbrechens, Körperverletzung und Betruges vorbestraft. Wel machte nach dem Kriege die Expedition im Baltikum mit. Im Jahre 1920 trat er als Verbindungsoffizier der Vaterländischen Verbände Ostpreußens-auf und wurde als Deutscher in den nationalistischen Kreisen Münchens „akkreditiert". Er führte zeitweise den falschen Namen Ahlers und Prinz Isenburg. Nach seinen eigenen Worten bestand seine hochverräterische Tätigkeit damals darin, preußische Flüchtlinge dem Zugriff der preußischen Polizei zu entziehen und sie in Bayern unterzubrmgen. Das gelang ihm auch. Nicht weniger als 75 junge Männer, die irgend etwas ausge- frefsen hatten, brachte er bei der beheri- schen Reichswehr unter. Der damalige Münchener Polizeioberst von Seißer hat nach Wels Worten selbst Wert darauf gelegt, daß Wel mit der Reichswehr zusammenarbeite. Im Jahre 1921 lernte er in München die beiden Schwestern Miglorati kennen, die eifrig in den rechtsaktivistischen Kreisen Münchens verkehrten. Bald darauf wurde er auch mit dem Hauptmann Miglorati, einem faschi- stischen Agenten, bekannt und führte diesen dem Roßbachkreis und später Hitler selbst zu. Wel bleibt bei seiner eidlichen Aussage, daß Miglorati mit Hitler nnd Hauptmann Göring«ine Unterredung hatte, in der Hitler gegen die Zusage einer politischen unfinanziellen Unterstützung durch den italienische« Faschismus gewisse Konzessionen bezüglich Südtirol machte. Er, Wel, selbst habe die Niederschrift jener geheimnisvollen Unterredung mit eigenen Augen gelesen. Im November 1923 kam der Angeklagte als Schutzhaftgefangener in die Festungsanstalt Landsberg am Lech, wo er mit dem später ebenfalls dorthin«ingelieferten früheren bayerischen Justizminister um) jetzigen Generalstaatsanwalt Dr. Roth zusammentraf. Abel verharrt auch hier bei seiner eidlichen Aussage. Dr. Roth' habe, dessen entsinne er sich ganz bestimmt, gesagt, daß Gareis im Juni 1921 von Braun mit Wis sen der bayerischen Regierung erschossen worden sei. Nach seiner Haftentlassung aus Landsberg im Jahre 1924 ging Wel nach Wien, wo er rasch Eingang in die nationalsozialistischen Kreise fand. Dort sollen auch die Mitglieder der faschistischen Kolonie Innsbruck sehr häufig verkehrt haben. Hierbei lernte Abel den faschistischen Agenten Mario kennen. Er selbst habe gesehen, wie Mario und später auch der vorerwähnte Miglorati dem Führer der österreichischen Nationalsozialisten Major Reschny wiederholt Gelder gaben, wofür die österreichischen Nazis gewisse Zugeständnisse bezüglich des Burgenlandes machten. Bei seinen weiteren Fahrten kam Wel nach B u d a p e st und faiÄ dort Eingang in den Kreisen der erwachenden Magyaren. In Budapest traf er auch mit dem mutmaßlichen Gareis- Mörder Braun persönlich zusammen. Braun habe in Budapester Rechtskreisen allgemein als Gareis-Mörder gegolten. Braun habe ihm, wie Wel auch bei seiner früheren Vernehmung aussagte, bei dieser Gelegenheit sehr genau geschildert, wie die Ermordung vor sich ging. Er habe den ersten Schuß aus 10 Meter, den zweiten aus sieben Meter Entfernung abgegeben. Heute will Abel sich an diese Begegnung nicht mehr genau erinnern. Abel wanderte dann weiter durch Rumänien und di«' Türkei, wo er wiederum Anschluß an die f a s ch i st i- schen Kreise fand, und kehrte schließlich nach Berlin zurück. Heute ist er, wie er sagt, gewillt, mit aller Entschiedenheit gegen die Infamie zu kämpfen, mit der ihn dieser„TYP Hiller" verfolge. In der Mittwoch-Verhandlung bestritt Dr. Roth mit Abel jemals in engeren Beziehungen gestanden und ihm erzählt zu haben, daß der berüchtigte Leutnant Braun der Mörder des Sozialdemokraten Gareis fei. Eine Reihe von Fragen der Verteidigung, deren Beantwortung durch den Zeugen Licht in das Dunkel der bayerischen Fememordaffäre 1920-21 hätte bringen können, lehnte das Gericht ab. Die Behauptung des Angeklagten, daß er während seiner Agententätigkeit für die Rechtsradikalen in München wiederholt Gast bei dem Exkrouprinzen Rupprecht war, konnte im bisherigen Verlauf des Prozesses Moch nicht geklärt werden. Auch Ludendorff kümmerte sich danials niedergeschlagen und schwer verletzt. Der Maschinist Schreiber trug ebenfalls bei dem Zu- sammenstoß Kopfverletzungen davon. Die Polizei nahm zwei Reichsbannerleute in Haft. recht lebhaft um Wel und suchte ihn zweimal in seiner Wohnung auf. Der Fememörder H e i- n e s wußte als Zeuge von den ausländischen Geldquellen Hitlers aus eigener Kenntnis nichts anzugeben. «wer leugnet jede Verbindung mit den italienischen Fascisten. In der heutigen Verhandlung er- klärte Hitler unter Cid, alle Behauptungen des Angeklagten seien ün- w a h r. Er sei nie mit Abel züsammengewesen und kenne diesen überhaupt erst seit dem Beleidigungsprozeß, aus welchem sich das Meineidsverfahren entwickelte. Auch der Name des italienischen Attaches Migliorati fei ihm erst auf dem Gerichte bekannt geworden. Entgegen der Behauptung Mels sei weder mit Migliorati noch mit irgendjemandem bei der Zusammenkunft im Wurzer Hof eine Verabredung getroffen worden, so daß auch von einer späteren Besprechung über Südtirol und eine damit zusammenhängende finanzielle Unterstützung nicht die Rede sein könne. Niemals hätten überhaupt derartige Verhandlungen mit Italienern stattgefunden. Die Behauptung, der Nationalsozialismus sei mit fremdem Geld finanziert worden, müsse als eine einzige Lüge bezeichnet werden. Mit schriller, sich überschlagender Stimme beschwört er das Gericht: „Wären dies« Beschuldigungen der Bestechlichkeit Wahrheit, so bliebe mir nichts anderes übrig, als mich auf der Stell« zu erschießen." Auf die Frage nach den tsdie- dilsdicn Industriellengeldern bleibt Hitler die Antwort schuldig! Im Verlaufe der Verhandlung richtete der Verteidiger Dr. Rosenfeld an Hitler die Frage, ob es richtig sei, daß er von einem tschechischen Industrieunternehmen, das mit Schneider-Crenzot in Verbindung stand, Geld bekommen habe. Auf diese Frage erklärte H i t l e r in großer Erregung, er lasse sich»ich t beleidigen. Alles, was hier behauptet werde, sei Schwindel. Er gebe jüdischen Rechtsanwälten keine Antwort mehr. Vorsitzender und Staatsanwalt machen Zeugen Hitler auf die Folgen seiner Zeugnisverweigerung und die darin liegende Mißachtung des Gerichtes aufmerksam. Hitler erklärt:„Ich nehme jede Strafe auf mich, aber auf diese Lügen kann ich nicht mehr antworten, als ich bereits gesagt habe. Ich gebe weiter keine Antwort mehr." Hitler wegen Zeugnisverweigerung bestraft! Das Gericht zieht sich hierauf zur Beratung zurück und verkündet nach einer halben Stunde folgenden Beschluß:„Der Zeuge Adolf Hitler wird wegen endgültiger Zeugnisverweigerung zu einer Geldstrafe von 800 Mark, eventuell 16 Tage Haft und wegen der Anwürfe gegen die Verteidigung zu einer Geldstrafe von 200 Mark eventuell drei Tage Haft verurteilt. * München, 9. Juni. In der Nachmittagssitzung des Abel-Prozesses ergab sich aus dem Protokoll über die kommissarische Vernehmung des Hauptmanns a. D. Dorn, daß Dorn mit Migliorati nicht bekannt gewesen ist. Oberleutnant a. D. Roßbach erklärte, daß Abel'sich als Iserrburg ausgegeben und ihm auch einen Ausweis aus diesen Namen gezeigt habe. Roßbach will von Geldangeboten an Httler nichts wissen. Als die Beleidigung den Antrag stellte, Leutnant Scheringer zu vernehmen, um den Beweis für die Unglaubwürdigkeit der Aussagen Hitlers erbringen zu können, kam es zu einem Zusammenstoß mit dem Vorsitzenden. Auf die Bemerkung des Rechtsanwaltes Rosenfell», er finde es begreiflich, wenn man einer Persönlichkeit wie Hitler. gegenüber gewisse Hemmungen habe, erklärte der Vorsitzende, daß er sich gegen derartige Aeußerungen energisch verwahren müsse, falls darin ein Borwurf einer richterlichen Behörde enthalten sei. Rosenfeld erklärte hierauf, er habe lediglich von„Hemmungen" gesprochen, im übrigen nehme er von seinen Ausführungen nichts zurück.— Daraufhin zog sich das Gericht zur Beschlußfassung über die Ladung Scheringers zurück. Nach ändert« halbstündiger Beratung verkündete das Gericht den Entschluß, entsprechend dem Antrag der Berteidigüngj Lattdesgerichtsrat Dr. Roll, den Untersuchungsrichter Dr. Wintersberger, General Ludendorff, Leutnant Scheringer, Frank II sowie nochmals Adolf Hitler zu laden. Die Vernehmung Ludendorffs ist für morgen archeraumt. Kommunazi. Kozis und Nazis verbunden sldi. Wenn man sich die Bewegungsrichtung zweier Extreme von einem gemeinsamen Aüs- gangspunkt aus in einer Kreisbahn vorstellt, so ergibt sich, daß sie sich an einem Punkt dieser Jahn berühren und sofern sie aus der gleichen Masse bestehen, vereinigen müssen. Bei den Kozis und bei den Nazis sind, diese Voraussetzungen hundertprozentig gegeben. Gemeinsam ist ihnen der Vernichtungswille gegenüber der Arbeiterbewegung, der Haß gegen die Sozialdemokratie und die freien Gewerkschaften, die Verlogenheit, die Brutalität, die große Schnauze und die absolute Unfähigkeit, konstruktive Politik zu machen. Die„Masse" dürfte im großen ganzen auch die gleiche sein. Unzufriedene Menschen mit wirren Begriffen, die ernten wollen, ohne zu säen, De- klassierte, Choleriker und Spitzel. Die Kreisbahn ist auch gegeben. Ursprünglich entgegengesetzt auseinanderstrebend, haben sie sich auf der Kreisbahn bereits so weit genähert, daß Nazis und Kozis nur noch schwer zu unterscheiden sind und über lang oder kurz nur noch eine einzige Masse aus oben bezeichneten Bestandteilen darstellen werden. Das alles ist nichts neues. Neu ist nur, daß die Kommunisten nunmehr schamlos genug sind, ihre Packeleien mit den Nazis nicht nur zuzugeben, sondern sich deren noch rühmen. Wie die„Internationale" vom 7. d. M. berichtet, hat sich in Altrohlau ein „Kampfeinheitskomitee" aus Jungkommunisten und jungen Nationalsozialisten gebildet. Was für eine Gesellschaft sich da zu- sammengefunden, verrät die Internationale" gleich im Anfänge ihres Artikels. Hundert junge Leute sollen anwesend gewesen sein. Davon waren „mehr: als 30" Nazis,„eine große Anzahl indifferenter Jugendlicher",'„der Rest waren kommunistische Jugendverbändler". Aus den weiteren Berichten erfährt man noch, daß auch Christlichsoziale anwesend waren; also eine recht gemischte Gesellschaft. Und dieser zusammengewürfelte Haufen hat ein„Kampfeinheitskomitee"(!!) gebildet! Gegen wen? Ueberflüssig zu sagen.„Der Redner zeigte das arbeiterfeindliche Verhalten der Sozialdemokraten auf." (!!) Und fand Beifall bei den Nazis, so zwar, daß sie sich auf der Stelle mit den Kozisverbrüderten(!!) und ein„Kampfeinheitskomitee" der Kommunazi bildeten! Ler frühere Kaller ooa Abessimen entflohen. Adis Abeba, 9. Juni. DaS Reuterbüro ver- öffentlicht folgende wegen der Zensur in Abessinien verspätete Meldung: Der ehemalige Kaiser von Abessinien Lidsch Jasu, der im Jahre 1917 abgesetzt wurde, überlistete, als Frau verkleidet, seine Wächter, entfloh und bewegt sich jetzt frei in der Wildnis der Gegend von Godscham, die wegen der gegenwärtigen Regenperiode unzugänglich ist. Lidsch Jasu stand unter der Aufsicht des Ras Kassa, eines Adeligen, dessen religiöse Rechtgläubigkeit ihm eine große Anzahl von Anhängern gewann, Von denen einige einen sehr großen Einfluß besitzen. Es ist nicht bekannt, ob Ras Kassa dem ehemaligen Kaiser bei seiner Flucht behilflich war; seit dessen Flucht wird Ras Kassa bewacht und besitzt keine Bewegungsfreiheit, Indessen hat es aber der gegenwärtige Kaiser Halle Selassie I. noch nicht gewagt, einen Haftbefehl gegen ihn zu erlassen. Eine starke Militär-, abteilung unter Führung des Kriegsministers befindet sich auf dem Wege nach Godscham mit der Weisung, des Flüchtlings habhaft zu werden. Lidsch Jasu erklärte, daß er.sich nach Beendigung der Regenzeit nach Adis Abeba begeben werde, um dort mit dem gegenwärtigen Kaiser abzurechnen, der sich nach vorliegenden Meldungen in einer schwierigen Situatton befindet, da, wie es scheint, die Unzufriedenheit des Volkes ihren Höhepunkt erreicht hat. Die kürzliche Verhaftung des Vizekönigs von Godscham Ras Hailu unmittelbar nach der Flucht des ehemaligem Kaisers hat in der Hauptstadt überrascht. Ras Harlus Verhaftung erfolgte deshalb, weil er versucht haben soll, Lidsch Jasu Waffen und Munition zu liefern. Unruhige Welt. Erwerbolosennnrnhen auch in Holland. Amsterdam, 9. Juni. In der südholländiicben Ortschaft Boskoop kam es gestern zu ernsten Exwerbslosenunruhen. Bei Zusammenstößen mit der Landjägerei wurde ein Arbeiter durch einen Säbelstich g«t ö t e t, etwa 20 Demonstranten und zwei Polizeibeamte wurden verletzt. Revolution in Honduras. Am Dienstag ist es zu sehr heftigen Kämpfen in Barranca im Bezirke La Copana gekommen, di« etwa drei Stunden dauerten. Es handelte sich um einen Zusammenstoß von 500 Mann Föderaltruppen mit 600 A u f stän- d i s ch« n. Die Aufständischen wurden geschlagen und zogen sich in die Berge an der Grenze von Guatemala zurück. Die Regierung teilt mit, daß etwa 50 Aufftändische am Kampfplatz blieben, währen- die Föderaltruppen 10 Mann und ihren Kommandanten Cantanero verloren. Den Ausbruch des Aufftandes erfuhr die Regierung erst einen Tag später, nämlich Mittwoch, und ließ daraufhin sofort in drei Provinzen den Kriegszustand verhängen. Die taisflsdie Blut- und Geldinlernafionale. Münchener Prozeß Uber Hitler und Südtirol und über Gareis-PIörder Hat inner von einem tschechischen Industrieunternehmen Geld benommen, Er gibt keine Antwort; Seite 4 Freitag, be« 10. Juni 1930 Nr. 13? Tagesneuigkeiten Gmiffevlole Chauffeure. Bier tote Arbeiter-! Der Tote vom Lungo Tevere. Acht Jahre sind es her und viele Opfer sind in diesen acht Jahren gefallen, in Italien, in Deutschland, in den Ländern der kleinen Diktatoren, in den Kerkern Amerikas. Dennoch denken wir an den Einen, der vor acht Jahren am Lungo Tevere zu Rom unter den Dolchen der fascistischen Mörder starb, mit besonderem Schmerz, mit besonderem Stolz, mit einer großen Hoffnung im Herzen. Giacomo Matteotti ist nicht ein Opfer unter Vielen gewesen, Matteotti ist die Stimme des gequälten italienischen Volkes, die Stimme der Freiheit, Matteotti ist auch heute noch, da sein Körper längst vermodert, sein letzter Schrei längst verhallt ist, der große Gegenspieler des Tyrannen. Matteotti ist nicht zufällig zum Ziel der gedungenen Mörder geworden, er hat den Opfer- wd bewußt auf sich genommen, um ein Beispiel zu geben. Er wußte aus tausend offenen und versteckten Drohungen, was Mussolini gegen ihn plante. Als er das letztemal die Luft eines freien Landes atmete, als er wenige Wochen vor seinem Tode im Bolkshaus zu Brüssel sprach— dort, wo jetzt sein Denkmal mahnend sich erhebt—, als er die großen schönen Worte von der Freiheit shrach, die wie Sonne und Luft sei, man schätzt ne erst, wenn man sie verloren hat, weiß erst dann» daß man ohne sie nicht leben kann, da wußte Giacomo Matteotti, daß sein junges Leben zu Ende gelebt sei, daß die Rückkehr nach Italien nichts anderes bedeute als den Weg auf das Schaffott. Er hat seines Lebens, er hat keiner Kinder und seiner Frau nicht geachtet und sich in dem ungleichen Kampfe dem Gegner gestellt. Zuviel war schon verloren, als daß man noch etwas hätte retten können vor der vernichtenden Flut des Verderbens. Aber ein Beispiel des Heroismus, der tapferen Entschlossenheit konnte er noch geben, sein Leben konnte er opfern, daß sich an der Glut solchen Beispiels die Flamme immer von neuem entzünde. Wenn Mussolini leugnen wollte, daß er sich ssirchte, das wird er nicht leugnen können, daß er den Einen gefürchtet hat, den jungen cstühenden Redner, der ihn anklagte in jeder Sitzung des Parlaments, der ihn anklagte vor den Arbeitern Italiens und des Auslandes, der ihn brandmarkte vor der zivilisierten Welt. Nach Matteottis letzter Rede fiel das entscheidende Wort des wahren Mörders, des Anstifters: „Dieser Mensch darf nicht länger reden." Die bezahlten Schergen gingen hin und erfüllten, dem Wink gehorchend, das Gebot des Herrn. Heute vor acht Jahren, am 10. Juni 1924 fingen sie Matteotti aus dem Tiberkai, dem Lungo Tevere, bei hellichlem Tage, zerrten ihn in ein Auto und schlachteten ihn, der sich heftig, aber vergebens wehrte, in der grausamsten Weise ab. Die fascistischen Behörden kannten die Mörder und wußten vom Hergang des Verbrechens. Trotzdem wurde es Wochen hindurch der Welt verbcimlicht, wurde den Angehörigen des Ermordeten vorgetäuscht, er lebe noch, wurde die schmutzige Verdächtigung ausgestreut, Matteotti sei geflohen. BiS dann das FurchHare zur Ge- wißhett wurde, bis alle entsetzlichen Begleitumstände der Untat bekannt, die Leiche des Toten, entstellt, von Tieren bereits angefressen, gesunden wurde. Es folgte eine Schanokomödie von Prozeß, es folgt der Todeskampf der demokratischen Parteien und Mussolinis Sieg auf der ganzen Linie. Aber um den Namen Matteotti kreist, was von der kommenden italienischen Revolution in allen Ländern der Erde, in den Her- Kn Hunderttausender unterdrückter Arbeiter und Bauern Italiens, was von ihr in allen gesitteten Menschen lebt. Matteotti ist ein Fanal. In ihm betrauern und lieben wir alle, die für die Sache der Freiheit starben, in ihm verehren wir, was gegen Tyrannei und viehische Gewalt, gegen fascistisches Söldnertum und kapitalistischc Reaktion aufsteht und sich wehrt, fern Namen leuchtet über die Zeiten, eine große Hoffnung, den Sieg verkündeiw! Wie vor zehn Jahren das italienische Volk, so steht heute das deutsche vor dem Entscheidungskamps mit dem Fascismus. Aber die deutschen Arbeiter treten nicht unvorbereitet in den Kampf ein. Die Erfahrung des italienischen Proletariats wird ihnen Warnung und Leitstern sein, der blutige Schatten Matteottis mahnt sie. Heute wird er auch zum Symbol unseres Kampfes, zum Führer der deutschen Arbeiter im Kamps gegen den Gesinnungsgenossen der Mörderbande von Rom, gegen Hitler, den Söldling der deutschen Kapitalisten. Matteotti das ist heute der Feldrus der Arbeiterklasse im Kampf gegen den internationalen Fascismus, der Tote vom Lungo Tevere, der für uns alle starb, ruft uns alle auf: ihn zu rächen, indem wir die Freiheit retten! Die Passagiere der„Teide" gereitet. Paris, 8. Juni. Wie Havas aus Barcelona berichtet, handelt es sich bei dem in Seenot befindlichen spanischen Dampfer„Teide" um einen 4000-Tonnen-Dampfer, der den Verkehr zwischen der Insel Fernando Pop, Afrika und Spanien versah. Der Dampfer„Teide" ist ein ehemals deutsches Schiff, das während des Krieges von der spanischen Regierung sequestriert und kürzlich überholt worden war. An Bord befanden sich 90 Mann Besatzung sowie 500 Neger und eine größere Anzahl weißer Passagiere. Alle wurden gerettet und am Nachmittage von dem englischen Dampfer„Lappan" aus Liverpool an Pord genommen. Prag, 9. Juni. Tagtäglich tagt vor dem hiesigen Gericht der iogenannte Autosenat, der über folgenschwere Fahrlässigkeiten gewissenloser Chauffeur« abzuurteilen hat. Es ist unmöglich, über jeden Lieser Fälle, di« oft genug ein Menschenleben fordern, zu berichten. Aber Anklagen wie diese müssen doch festgchaltcn werden: In der Gegend von T o b r i s ereignete sich am 20. Juni v. I. ein katastrophaler Autozu- sommenstoß. In einer Kurve rannten zwei Last- autrB aufeinander, die beide mit geradezu irrsinniger Geschwindigkeit fuhren. Das eine Auto, gelerrkt vom Chauffeur Simävek, hgite Pfosten geladen. Tic Ladung des Holzes betrug e l f K u b i k m e t e r. Man kann sich vorstellen, welche Wucht ein solcher Wagen entwickelt. Diesem Lastwagen begegnete in einer völlig unübersichtlichen Kurve ein anderes Lastauto, gelenkt vom Chauffeur Miroslav Bene 8, das vieru.nddreißig Arbeiter von ihrem Arbeitsplatz heimführte. Nach Auslagen von Augenzeugen fuhr dieser Wagen mit (Hn Todesurteil in Ausweis. Böhm-Budwcis, 9. Juni. Vor dem hiesigen Schwurgericht hatte sich heute die 31jährige Frau eines Handäsreisenden, Katharina W i l t s ch e k aus Ober-Haid, wegen des Verbrechens des Mordes zu verantworten. Die Wiltschek war angeklagt,In der Nacht zum 31. März l. I. in der südbohmischen Gemeiiwe Ober-Steindör- fel in einem Stall ihre Schwägerin Anna Matbies, mit der sie schon lange im Streite lag, mik einem Knüppel erschlagen»no die Leiche in einen alten Brunnen geworfen zu haben. Die Wiltschek gestand die Tat ein. Die Geschworenen beantworteten die auf Mord lautende Frage mit neun Stimmen Ja und drei Stimmen Nein. Die Zusatzfraae, ob die Angeklagte aus niedrigen und unehreichaften Gründen gehandelt habe, wurde von den Geschworenen mit acht Stimmen bejaht urch vier Stimmen verneint. Auf Grund dieses Verdiktes der Geschworenen wurde Katharina Wiltschek zum Tode durch den Strang verurteilt. Der Verteidiger der Angeklagten behielt sich die Nichtigkeitsbeschwerde vor. Leichen steigen heraus! Paris, 9. Juni.(Eig. DrahL.) In der Gegend von Peronne sind auf den Schlachtfeldern in der letzten Zeit di« Leichen von 255 deutschen und 26 s r a n z ö fischen Soldaten gefunden worden. Die Leichen wurden in Massengräbern beigesetzt. Schwerer 3»samme«stotz zwischen Molorzng nnd Motorrad. 1 Toter, 1 Schwerverletzter. Gestern abends kam es bei der Bahuüber- setzurrg ru der Nähe von Schwetz zu einem folgen- söAveren Zusammenstoß zwischen einem Motor- zug und einem Motorrad. Tas dem 22jährigen Arbeiter Rudolf Zienert aus Wittoseß bei Postelbe rg gehörende und von seinem Freunde Wil- welm Nobis aus Wittoseß gesteuerte Motorrad fuhr mit großer Schnelligkeit auf der Straße von Pyrschlna gegen Schwetz. Zienert saß auf dem Soziussitz. Air das Motorrad üb«r den ungeschützten Bahnübergang fuhr, kam im gleichen Augenblick ei» Motorzug in der Richtung Obernitz— Postelberg gefahren und stieß mit voller Wucht mit dem Motorrad zusammen. Die Folgen waren furchtbar. Rudolf Zienert wurde 30 Meter weit von dem Motorzua mitgeschleift und blieb tot am Platz«. Wilhelm Nobis wurde schwer verletzt. Er ttug einen Bruch des linken Oberschenkels. Kopf- verbewrngcn und eine schwere Verletzung des lin ken Ellenbogens davon. Das Motorrad wurde vollständig zertrümmert. Ter schwerverletzte Nobis wurde in das Brüxer BezirkskrankenhauS eingclirkert. Er behauptet, daß Zienert, während des Nnfalles das Fahrzeug gesteuert habe, während Augenzeugen das Gegenteil, behaupten. Die Erhebungen sind noch nicht abgeschlossen. Wieder ei« Flugzeuqunglüet. Bratislava, 9. Juni. Der„Slovak" vom 10. Juni meldet: Bei Stupava, westlich von BratiKtva, ist ein MilitärflugKug abgestürzt. Der Meger Major Zeleny sprang aus dem Flugzeug ab, macht« von dem Fallschirm Gebrauch und rettete sich so, Tas* Flug zeug wurde zertrümmert. Devisenwirrwarr bei der Post. Am 1. Juni hat ein Bodenbacher Abonnent der Wiener „Arbeiter-Zeitung" an deren tschechoslowakisch rs Postsparkassenkouto in Prag einen Betrag von 240 Kronen überwiesen. Am 4. Juni kam der Erlagschein mit dem Vermerk zurück: Kann nicht durchgeführt werden." WaS fiel dem Präger Beamten da ein? Es handelt sich um die Gekdüderweisung an«in tschechostowakisches Konw, die„Arbeiter-Zeitung" kann darüber ohne Zustimmung der Nationalbank mir in der Tschecho- stowakei disponieren. Dieser Zustimmung würde es nur bedürfen, wenn sie Geld für Wien ab- helben wollte. Ueberweisungen an das Prager Konto gehen der Nationalbank nichts an und erst recht nicht einen Beamten. Es scheint, daß die Prager Beamten die Devisenbestimmungen selber nicht keimen. einer Geschwindigkeit von etwa 75 Kilometer» trotz des unsichtigen Terrains. Die Wagen prallten in der Mitte der Straße zusammen. Die Folgen waren furchtbar. Der Wagen, der mit den Arbeitern besetzt war, stürzte sechs Meter tics über di« Böschung ab. Z w e i I n- fassen waren sofort tot, zwei starben >m Spiral. Die beiden schuldtrageiiden Chauffeure standen heut« vor dem Senat des OGR. 8 v a m- Hera und verteidigten sich, wie üblich, mit der Beteuerung, sie seien mit„normaler G«- schw i nd iyk e i t" gefahren. Aber nicht nur die Auge n zeuge n, sondern auch die techui- schen Sachverständigen erklärten eindeutig,- daß die Vermessung der Bremsspuren einwandfrei eine äußerst hohe Geschwindigkeit als sicher annehmen lasse. Beide Chauffeure wurden wegen fahrlässiger Tötung zu schweren Arreststrasen verurteilt. 8imü5ek erhielt acht, Benes fünf Monate strengen und verschärften Arrests. rd. Das Spiele» mit Schußwaffen. Der löjcch- rige Malerlehrling Adolf Hammer aus Johan- «estal spielte beim Einsiedlerstein in B ü r g- ft e i n mit mehreren Burschen mit einem 3^- volver. Plötzlich hob er die Waffe und sagt« im Scherz zu der ebenfalls anwesenden Mari« Seidel:„Marie jetzt erschieß ich dich!" Da krachte auch schon ein Schuß, und das Mädchen sank— in die Stirn getroffen—- zu Boden. Der Zustand der Verletzten, die in die Augenklinik nach Warnsdorf gebracht wurde, ist besorgnis- erregeNd. Kindesleiche im Eisenbahnabteil. In einem Abteil dritter Klasse des Personenzuges Proßnitz -7-Nezamyslitz fand Montag der Schaffner, unter der Bank versteckt, ein in Zeitungspapier gehüll- tes Papier. Er öffnete das Paket und entdeckt« zu seinem Entsetzen eine Kindesleiche. Die sofort ausgenommenen Ermittlungen brachten alsbald ein« Aufklärung. Der Kaufmann K o- pecky aus Proßnitz war am genannten Tage nach Olmütz zur Abbüßung einer Strafe eskortiert worden, nachdem er mehrere Aufforderungen, di« Strafe anzutreten, nicht beachtet hatte. Seine Frau gebärdete sich ganz verzweifelt und wollt« unbedingt mitfahren, trotzdem ihr Kopecky nahelegte, zu Hause zu bleiben, schon im Hinblick auf den hohen Grad ihrer Schwangerschaft. Die verzweifelte Frau ließ sich jedoch von ihrem Vorhaben nicht abbringen und begleitete ihren Mann bis Olmütz. Auf der Rückfahrt nach Proßnitz wurde sie, wie sie der Gendarmerei« erzählte, in dem Abteil in dem sich außer ihr kein Fahrgast befand, von Geburtswehen befallen. Die totgeborene»och nicht völlig entwickelte Leibesfrucht wickelte sie in ihrer Verwirrung in Zei- kungspapier und legte es unter die Bank. In Proßnitz hatte sie gerade noch so viel Kraft, um aus dem Zuge zu steigen, worauf sie in die Krankenanstalt gebracht wurde. Ei» roher Totengräber. Ein Gemütsmensch von besonderer Art scheint der'Totengräber der kleinen Gemeinde L. bei Saaz zu sein. Als vor einiger Zeit in der Gemeinde ein junger Friseursohn frenvillig aus dem Leben schied, äußerte der Leichenbeftattcr W., es sei ein Werk des Teufels, wenn ein Mensch Selbstmord begehe, und nach seiner Meinung gehöre„so ein Mensch" nicht in die geweihte Erde eines Friedhofes, sondern auf einen— Mi st hausen!... Diese Aeußerung kam der Mutier des Friseürsohnes zu Ohren, und da die Umstände dafür sprachen, daß der Totengräber die Aeußerung im Hinblick auf den unglücklichen jungen Menschen gebraucht hatte, stellte die Frau den Mann zur Rede. Es kam hiebei zu einer erregten Auseinandersetzung, wobei die rm- pörie Frau die Ausdrücke„So ein Kerl!" und -Schuft" gegenüber dem Totengräber gebraucht haben soll. Der war darüber empört und erstattet« die Ehrenbeleidigungsklage gegen die Mutter des Selbstmörders. Dieser Tage hatte sich der Saazer Bczirksrichter Tr. Lorenz mit der Angelegenheit zu beschäftigen; da sich die Einvernahme einiger Zeugen, denen gegenüber der Totengräber geäußert hat, wohin nach seiner Meinung Selbstmörder gehörten, als notwendig erwies, wurde die Verhandlung vertagt. Kindetschänder verurtcilt. Aus Brüx wird m» berichten Ter I. Oe. in Kaaden ist in seiner Heimat in der unrühmlichsten Weise bekannt: seine Spezialität besteht darin, daß er sich an Schulmädchen heranpirscht und sie mit allerlei Versprechungen und auch mit Zwangsmittel zu unsittlichen-Handlungen zu verleiten versucht. Bor einiger Zeit ereilte ihn nach einem Sittlichkeitsattentat ans ein Kind das Schicksal, und er wurde dem Gerichte eingeliesert. Nunmehr hatte er sich vor dem Brüxer Kreisgerichte wegen des ihm zur Last gelegten Deliktes in geheimer Verhandlung ;u verantworten. Der Wüstling wurde zn einem Jahre schweren Kerkers verurteilt. Brände. Aus N e u b a u s wird uns geschrieben: In der Nacht auf Donnerstag brach im Anwelen des Landwirtes F. Platzer in Horni Ldär ein Brand aus, dem dos ganze Anwesen zum Opfer fiel. Di« Brandursache ist noch nicht bekannt.— In Neuoderberg brach gestern abends im Textisgeickatte der Firma M. Spiegel ein Brand auS. Das Feuer wurde spät bemerkt. Es wurden Waren im Werte von etwa 50.000 K vernichtet. Englisches Flugzeug auf offenem Meer verunglückt. Das englische Ministerium für Flug- weien teilt mit, daß in der Nahe bei Nordwestküste von Schottland bei einem Flugzeugunglück zwei Offizierspiloten auf offenem Meere ums Leben gekommen sind. Im Jahre 1932 sind bei‘ Flugzeugkatastrophen in England bisher 25 Mili- tar-Flieger ums Leben gekommen. Calmcttc-Urteil rechtskräftig. Die Befürchtung, daß infolge eines völligen Nerven zusammen- bruchs des Vorsitzenden im Lübecker Calmctte- Prozeß, Amtsgerichtsrat Wiebel, die Ausfertigung des erstinstanzlichen Urteils nicht möglich sein werde, ist gegenstandslos geworden. Der Bor- sitzend« hat dos Urteil ausgefertigt. Es wird, w'.e das Gericht mitteilt, am Io. Juni Rechtskraft erlangen. Feine Burschen! Das Schössengcrichl Tai m- stadt verurtellte am Mittwoch den früheren nationalsozialistischen Abgeordneten und SA- Führer Josef Buttler auS Ebcrstadi.bei Darmstadt, wegen Vergehens gegen das Schuß- Waffengesetz zu 50 Mark Geldstrafe und zu sechs. Wochen Gefängnis. Das Gericht erklärt« Buttler, der bis zuletzt„bei Gott und Ehrenwort" leugnete, sich selb st angeschossen zu haben, für einwandfrei überführt.— Der Naziabgeordnete des hessischen Landtags Kern erhielt- wegen Vergehens gegen das Schnßwafjcngcsetz-! 30 Mark Geldstrafe. Kern hat Buttler die zur Selbstverstümmelung benutzt« Schußwaffe veräußert. Nächtliches Drama aus der Donau. Die Frau eines Bauern aus einem Dorfe in der Nähe von Orsova verließ nachts das eheliche Haus und fuhr mit drei Hafenarbeitern auf den Donaustrom hinaus. Als der Bauer dahinter kam, nahm er mit einem Freund ein Boot und fuhr seiner Frau nach. Mitten auf der Donau stellte er dir Frau und forderte sie zur Rückkehr aus. Sie beschwor ihre drei Begleiter, sie ihrem Gatten nicht auszuliefern, sondern mit ihr zu fliehen. Es begann nun eine verzweifelte Jagd über die nächtliche Donau, bei der es dem Gatten mit seinem leichteren Boote gelang, dre Flrehenden einzuholen. Di« Bewohner von Orsova fuhren, durch den Lärm aufmerksam gemacht, beiden Booten nach, konnten aber das tragische Ende nicht mehr verhindern. Der Bauer und sein Freund rammten das Boot der Fliehenden und verdickten di« Frau zu sich herüberzureißen. Während des wilden.Handgemenges kenterten beide Boote. Die Frau mit ihren drei Begleiter«, ebenso der Bauer mit seinem Freunde e r t r a n- k e n, ehe ihnen Hilfe gebracht werden konnte. Brandstiftung aus Rach«. Gestern nachts um 3 Uhr brach in Johannesberg(Bezirk Polnü) aus unbekannter Ursache im Anwesen des Franz Marek ein Brand aus, der sich rasch ausbreitete und auch das Rachbaranwesen des Peter Chvstal erfaßte. Die Bewohner beider Häuser erwachten erst, als beretts alles in helle« Flammen stand, so daß sie bloß das nackte Leben und etwas Geflügel rette» konnten. Allel übrige, Gebäude. Ställe, Speicher, das tote Inventar und auch die Ausstattung der Tochter fielen dem Brande zum Opfer. Es wird angenommen, daß das Feuer aus Rache gelegt wurde. Vom Rmdhmk Empfehlenswertes aus De« Programmen. SamStag: Prag: 615 Gymnastik. 11.00 Schallplatte«. 14.80 Orchesterkonzert. 1826 Deutsch« Sendung- Psalm? und Kantaten. 18.00 Blasmusik. 20.15-Kabarett, 22.40 Bunter Abend.— Brünn: 18—5 Deutsch« Sendung: Arien von Verdi.— Berlin: 16.05 Populäre« Orchester!ontzert. 18.25 Lieder- — Königsberg: 19.00 Lebendiges Volksgut.— Aö- mgswnsterhausen: 20.00 Soldatenlieder und Militärmusik aus drei Jahrhunderten.— Leipzig: 19-80 Chorkonzert.— Mühlacker: 15.30 ,Mr ist an allem schuld", Komödie von Tolstoi.— München: 17-00 Orchesterkonzert. 3110„Tie Nürnberger Amazone", Posse.— Men: 17K0 Kanzevt» Nr. 137 Diebsgut mit dem Lastauto verfrachtet. Ende Mai brachen Diebe in einen Lagerraum der deutschen Genossenschaft in Oberleutensdorf ein und entwendeten daraus mehrere Säcke mit Weizenmehl, die sie auf ein bereitstehendes Lastauto verluden und damit bis nach Tomitschan bei Klösterle fuhren, woselbst sie die gestohlene Ware an einen Bädermeister und einen Kaufmann unter dem wirklichen Werte veräußerten. Die Gendarmerie konnte die Täter ausforschen und verhaften. Gegen den Kaufmann und den Bäcker, die das Mehl zu so auffallend billigen Preise erworben hatten, wurde die Anzeige erstattet. Da lacht Harald nicht! Nach Meldungen niederländischer Blätter haben Harald Lloyd, Greta Garbo, Will Rogers und Jan Harlow ihr gesamtes Vermögen, das sie bei einer kleinen Hollywooder Bank angelegt hatten, durch den Zusammenbruch des Bankhauses verloren. Todesbilanz im Luxushotel. Bei dem Brand des Luxushotels in Cleveland( USA.) scheinen 23 Personen ums Leben gekommen zu sein. Bisher find 11 Tote geborgen, 12 Hotelgäste werden noch bermißt. Man rechnet nicht damit, sie noch lebend bergen zu können. Mörderisches Unwetter. Im Rhöngebiet gingen in der Nacht zum Mittwoch schwere Unwetter nieder, die große Verwüstungen anrichteten. Drei Menschen, zwei Bauern und eine Landwirtsfrau, wurden vom Blizz erschlagen. Duntel des Rechts. Das Preßbüro meldet aus Nové Zámky in der Slowakei ungefähr folgendes: Božena Setová ist ein zwanzigjähriges, hübsches Mädel, die plötzlich verdächtigt wurde, die Leibesfrucht abgetrieben zu haben. Die Gendarmerie fand am Friedhof bestimmte" Anzeichen, verhörte die Missetäterin. Die Verdächtige leugnet und leugnet, das Netz der Indizien spinnt sich fester und fester um sie; die Hüter des Gesetzes verlassen sie nach dem Verhör. Und das Mädchen springt in die hoch angeschwollene Nitra, wird nach langem Bemühen von einem Mann gerettet, man weiß nicht, ob sie am Leben bleiben wird. Und vor dem Selbstmordversuch hat eine Nach barin, versteckt durch Gesträuch gehört, wie sich die alte Seková von ihrem Kind verabschiedete: Bleib noch, Božena, damit ich dich noch einmal tüffen kann. Gott segne dich, Boženka, beeile dich, mit Gott. Und dann hat sie gesehen, wie das junge Geschöpf zum Fluffe eilt, hat geschrien, bis Hilfe fam; vielleicht zu spät. " Freitag, den 10. Juni 1930 Kampf gegen die ,, Hellfeher". Die ,, Geheimniffe" des Geschäftsoffultismus. Wilhelm Gubisch aus Dresden, der zu einem Erperi- Die Geheimnisse des Geschäftsokkultismus. Was haben wir zu sehen bekommen? Genau das Gleiche, was uns nun schon seit einer Reihe von Jahren von den professionellen Hellsehmeistern im Vortragssaal und auf der Varietébühne gezeigt wird. Auch Wilhelm Gubisch beherrscht spielend den Apparat offultistischer Abendunterhaltung. Er hat zuerst ein Haar in seiner Abwesenheit irgendwo im Saal verstecken lassen. Als er wieder hereingeführt wurde, war es eine Kleinigkeit für ihn, dieses Haar es war an einem leeren Stuhl in der letzten Reihe befestigt worden zu finden. Seite 5 Arbeiter. fümmert euch um eure Jugend! Unterstüßt die Kinderfreundebewegung und die Jugendorganisation. Der Sozialismus beginnt nicht in der Bersammlung, sondern in der Familie! Ant In der Berliner Charité sprach am Diens- vor Gubischs Augen zu erstehen, während er einen tag auf Einladung der Gesellschaft für wissenschaft- Bettel nach dem anderen vornahm. Mit stockender fiche Philosophie der bekannte Gegner des Ottultis- Stimme berichtete er den Gang jener Ereignisse, die Vergleiches nach den verschiedenen Kategorien in mus, Wilhelm Gubisch, über die Tricks der der Schreiber jeweils angedeutet hatte. Neben dem Gruppen gegliedert sind. Unter den HaushaltungsHellseher. Gubisch zeigte, daß die ganze Hellseherei Betreffenden stand Gubischs Sekretär und verdent- vorständen dieser 196 Famillen sind 22 höhere sich mehr oder weniger auf Taschenspielerkunststüdlichte dem ganzen Publikum die Zustimmung oder Staatsbeamte von der 5. Gehaltsstufe aufwärts verchen beschränkt. Die Berliner Hellseher hatten einen Ablehnung:„ Das stimmt!" oder„ Das stimmt nicht!" treten, dann 41 niedere Staatsbeamte( in der 6. ständig randalierenden Sprengtrupp zu dem Vor- jagte er nach jedem Saz Gubischs. Schließlich aber und 7. Gehaltsstufe), 46 Angehörige des Kanzleitrag gesandt, so daß die Demonstrationen größten behielt Gubisch immer recht: das angedeutete Er- hilfspersonals, 4 Haushaltungsvorstände sind Rottteils ausfallen mußten. Unser Mitarbeiter schil- eignis war wirklich eine Hochzeit, ein Todesfall, eine ineister, 1 Gendarmeriewachtmeister, 5 Polizeirevierdert hier, auf welche Weise Gubisch sonst die Hell- Geburt und der Experimentator zeichnete die inspektoren, 6 Lokomotivführer, 1 Stationsmeister Einzelheiten des Ereignisses so präzise auf, daß der der Staatsbahn und 1 Postexpedient. Es folgen seher" zu entlarben pflegt. ,, Meine Damen und Herren ich habe Ste jenige, der es selbst erlebt hatte, von einem Staunen dann noch 5 Lehrerfamilien, 25 Familien höherer angeschwindelt!" Verblüfft hört man dieses frei- ins andere fiel... Privatbeamter( auch von Gemeindeunternehmungen) mütige Befenntnis aus dem Munde des jungen und 35 Familien niederer Privatbeamter. Schlusse ist noch eine Statistik der Haushaltungsmentalvortrag über die Wunder der vierten Dimen Und nun steht Gubisch nach kurzer Pause wie- rechnungen von 14 Personen des Beamtenstandes jion eingeladen hatte... der auf dem Vortragspodium und erklärt uns rund ohne Familiengemeinschaft angeführt( hievon 11 heraus, er habe uns angeschwindelt. Wie ist das Beamtinnen in Prag). Die Mitteilungen" find möglich? Mit unsichtbaren Mächten und geheim für K 7 durch alle Buchhandlungen bei der nisvollen Kräften, so erklärt uns Gubisch lächelnd, Firma Bursit& Kohout, Prag II., Václavifé nám., hat dies alles nichts zu tun. Er hat uns betrogen zu beziehen. wie ein Zauberkünstler auf der Varietébühne Ueber die Einlagen bei den Geldenstalten, den und ebenso das hört man aus seinen Worten deut- Geldumlauf und den Zahlungsverkehr im Jahre 1931 lich heraus) betrügen uns alle die sogenannten Hell- geben die Daten des Statistischen Staatsamtes Aufscher, Telepathen und Offultisten, die uns weis- schluß. Nach ihnen wurden im Jahre 1931 auf Einmachen wollen, unerforschte seelische Fähigkeiten lagsbücher in Böhmen, Mähren und Schlesien rund seien ihnen zu eigen. 52.229,800.000 K eingelegt( 91.9 Prozent der GrGubisch fragt uns, warum unser gesunder sparnisse im ganzen Staate), in der Slowakei und Menschenverstand stets versagt, sobald irgend ein ge- in Karpathorußland 4.608,300.000 K( 8.1 Prozent schäftstüchtiger Scharlatan vor uns steht und an der Ersparnisse im gangen Staate). Davon entfallen unseren Wunderglauben appelliert; er fragt uns, auf die Banten und Aktiengeldinstitute 10.414,000.000 warum wir aufgeflärten" Zeitgenossen so oft zum Kronen in Böhmen, Mähren Schlesien( 3.389,300.000 Kurpfuscher gehen statt zum Arzt, wenn wir frant Kronen in der Slowaket und in Karpathorußland), sind; warum wir uns vom Astrologen beraten lassen ferner 19.466,500.000( 434,200.000) K auf die Sparstatt von unserem eigenen Hirn; warum wir lieber tasjen, 18.106,500.000 K auf die Vorschuß- und dem Kaffeesatz der Wahrsagerin vertrauen als den Raiffeisentassen in Böhmen, Mähren- Schlesien und Erkenntnissen der exakten Wissenschaft. Unabjeb- 781,300.000 K auf die Kreditgenossenschaften in der bares Unheil wind ständig und tausendfach angerich Slowakei und in Karpathorußland, 4.187,900.000 K et durch jenen Aberglauben, den die offultistischen auf die landwirtschaftlichen Bezirks- Vorschußkassen Zauberkünstler immer wieder so geschickt zu schüren in Böhmen, Mähren- Schlesien und 54,900.000 wissen. ( 3,500.000) K auf die Genossenschaftszentralen. EinBetrug ist keine Hellfeherei... gehende Angaben über die Einlagen und Auszahlungen bei unseren Geldanstalten, namentlich bei Und nun erklärt uns Gubisch alle jene Dinge, der Postsparkasse und der Tschechoslowat. Nationaldie von den Propheten der vierten Dimension" bont für das Jahr 1931 sind enthalten in Nr. 61 mit einem offultistischen Mäntelchen verbrämt wer- der Mitteilungen des Statistischen Staatsamtes" den, auf ganz natürliche und einfache Weise. Das( schechische Ausgabe, die deutsche erscheint demverstedte Saar ist ja so leicht zu finden mit nächſt), die auch über den Banknotenumlauf und die Menschenkenntnis, Beobachtungsgabe und Routine. bantmäßige und Gelddeckung im Jahre 1931 AufDie Psycho- Graphologie? Ein geschickter Bluff schluß geben. Die Mitteilungen" sind für K 1.unbemerkt hat Gubisch die Kuverts gekennzeichnet, burch alle Buchhandlungen bei der Firma Bursit und ein guter Psychologe wie Gubisch bringt es& Robout, Prag II., Václavské nám., zu beziehen. ohne weiteres fertig, den Leuten nach ihrem Ausfehen Charakter und Lebensverhältnisse wahrzusagen. Ein besonderes Effektstück steigert die Wundergläubigkeit und Kritiflojigkeit des Publifums: eva das ,, veränderte Wesen meiner Tochter". Erst Das weinende Mädchen. Dann zeigte Gubisch sich als Meister der Psycho- Graphologie": Zettel wurden verteilt, man schrieb ein paar Worte darauf und verschloß sie in Umschläge. Gubisch nahm die Kuverts einzeln in die Hand, aus seinen Worten entstanden Charakter, Schicksal und Lebensumstände des Schreibers in allen Einzelheiten. Nun wurden die Umschläge geöffnet, die Schreiber meldeten sich und mußten zugeben, daß Gubisch das Bild ihrer Persönlichkeit ziemlich genau gezeichnet hatte. Ein Schlußeffekt folgte- ber letzte Zettel kam an die Reihe. Gubisch stuzte und sprach langsam mit geschlossenen Augen: Ich sehe ein Zimmer... am Schreibtisch fibt ein Mädchen.... es weint... vor ihr liegt ein Brief es steht darin, daß ihr Geliebter fie verlassen hat fie erwartet ein Kind von ihm.... Gubisch unterbrach sich, wie erwachend aus seinem Hellseherischen Zustand, und gab dem Nächstbesten das noch immer verschlossene Kuvert. Der öffnete und las vor:„ Was ist der Grund des veränderten Wesens meiner Tochter?"- Fünfhundert Menschen hielten in diesem Augenblid den Atem an: hatte hier, vor aller Augen und Ohren, eine heimliche Tragödie ihre entscheidende Wendung erfahren?! Visionen für Leichtgläubige. Gerichtssaal Fiat justitia; die Gendarmerie hat recht getan, sie hat wieder einmal dem Recht zum Wahnausbruch verhelfen dürfen. Und ebenso recht hat diese arme, geplagte Mutter gehandelt, die ein Strafverfahren nicht überleben zu können meinte und dem Kind aus Schamgefühl das Leben genommen hat, das sie ihm einst gab. Oder sollte doch nicht so alles Recht sein, was sich unter Gubisch ging, als sei nichts geschehen, zum jetzt, da Gubisch uns auf unsere logischen Beobach Die Mörder des Iglauer dem Mantel des Gesetzes anno 1803, modernisiert nächsten Experimentier ,, Dessin" über. Wieder wurtungsfehler aufmerksam macht, gestehen wir uns ein, anno 1852 verbirgt? Der Romancier, dem obige den Zettel verteilt; diesmal blieben sie unverschlos- daß wir den Schreiber jenes Bettels ja überhaupt Geschichte einfallen sollte, der Dramatiker, der sen, nachdem man auf ihnen Orte und Zeiten wich nicht gesehen haben! Gubisch selbst hat ihn vorbesolches Geschehen heute auf die Bretter zu brin- tiger privater Ereignisse vermerkt hatte. Etwa: reitet. Und beim Kombinieren leistet ber eingen wagt, sie müßten sich unausweichlich den 8. Januar 1901, früh 10 Uhr 30, Berlin SW, gespielte Sekretär dem„ Meister" sehr geschickt Beihaarklein geführten Beweis des Kitsches gefallen Gubenerstr. 87, 3. Stock rechts." Visionen schienen stand. So sieht, richtig besehen, die Hellseherei aus! lassen. Und doch ist alles wahr, doch gibt es täglich neue Roſl Berndts; aber die Geſellſchaft, der zwei stets sauberen Gläsern. Das Baffer i Eisenbahnfahren in Schweden. W. Lg. Volkswirtschaft und Sozialpolitik Gefangenenauffehers vor Gericht. auſſeher Joſef Bouma& Wasser wird Sehr freundlich mutet der Blumenschmuck schwedischen Stationen bis in den kalten Norden Ein neuer Schlag für unsere Schuhindustrie. und des vollenbeten Iglau. 9. Juni. Vor dem Iglauer Geschworenengerichte begann heute der Prozeß gegen Franz Brabec, Leopold Laschet, Josef Hájek, Franz Koudelka und Herbert Anders, die beschul digt werden, sich am 8. November 1931 bei gegenseitiger Verständigung als Mittäter des Verbrechens des vorsätzlichen Raubmordes an dem Gefangenenwir die heutigen Glückszustände zu verdanken ständig auf der Strecke auf den Stationen erhaben, will und will nicht mit dem grauesten Mit- neuert. Bei uns kann man das Wasser überhaupt Raubmorbes an dem Gefangenenaufseher Josef telalter aufräumen, das aus dem berüchtigten nur in Speisewagen bekommen. Slechta schuldig gemacht zu haben. Die Anklage8144 spricht, nein schreit nach Abhilfe, nach schrift führt aus, daß sich die Angeklagten, die in Abwehrkampi aller Menschen. Die Versllavung einer gemeinsamen Zelle im Iglauer Gefängnisse des Frauengeschlechts muß aufhören; wenn das der Bahnhöfe, den man selbst auf den kleinsten Strafen wegen Diebstahls verbüßten, mit einent Recht bedingungslos die Austragung der LeibesDie französische Regierung hat auf Drängen Plane befaßten, aus dem Gefängnisse zu entfliehen. frucht verlangt, dann muß dasselbe Recht auch des Landes hinauf findet, an. Ein Bahnhof mit der Schuhindustriellen mit rückwirkender Kraft Nach gründlicher Erwägung und Vorbereitungen die Sorge um die ausgetragenen Kinder über seiner verräucherten, meist düsteren Halle kann ein Kontingent für den Schuhimport beschlossen sie, ihren Plan am Sonntag, den 8. Nonehmen; ohne diese selbstverständliche Tat der einem bei der Ankunft gleich die ganze Lust ver- bestimmt, nach welchem im Mai und Juni aus vember auszuführen. Sie wollten den GefangenenGesellschaft fehlt jede moralische oder ethische derben, einen Ort näher zu betrachten. Die fröh- der Tschechoslowakei insgesamt 157.348 Paar aufseher Slechta unter dem Vorwande in ihre Berechtigung, dem Menschen das Leben aufzu- liche Farbenpracht einer Blumenrabatte, die leuch- Schuhe eingeführt werden dürfen. Braktisch be- gemeinsame Zelle locken, daß das Licht nicht brenne. zwingen. Aber der Stapitalismus und mit ihm die tendroten Geranien in den Blumenkästen, mil- deutet das, da diese Menge schon im Mai impor- Slechta schlug jedoch ihre diesbezügliche Bitte ab. tiert wurde, daß im Juni noch Frankreich keine Als dann um 17 Uhr der Oberaufseher Bouma s menschenliebende Kirche wird sich solange Arbeits- dernde Nüchternheit des Bahnhofsgebäudes. sklaven und Kanonenfutter erzwingen, bis die Die Frage des Handgepäcks hat man drüben Schuhe mehr geliefert werden können. Da durch auf dem Gange Licht machte, riefen ihn die drei werktätige Menschheit ihre soziale Gemeinichaft vorbildlich gelöst. Bei uns ist bei voll besetzten die bisherigen Kontingentbestimmungen der ver- Verschwörer und ersuchten um Licht. Boumas trat Zügen die Kalamität der Unterbringung des schiedenen Staaten unser Schuherport ohnedies hierauf in die Zelle. Einer der Gefangenen ging erzwungen wird. Handgepäcks oft besonders groß. Vielfach müssen schon auf ungefähr 20 Prozent der früheren sodann auf den Gang und schloß die Türe mit der in den engen Neßen über den Köpfen der Rei- Menge zurückgegangen ist, bedeutet dieje neuer- Türklammer ab; die übrigen vertraten nun Boumas senden wahrhaft gefährliche Stapel von Gepäck liche Drosselung einen katastrophalen Schlag. den Weg und rissen ihn zu Boden. Der Oberauferrichtet werden, um alles zu verstauen. Abge 1,800,000 Baar exportiert, im Jahre 1931 schon Türe. Die Gefangenen warfen sich jedoch neuerIm Jahre 1930 haben wir nach Frankreich eher envand sich den Angreifern und lief zur sehen davon, daß manches wenig stabile Gepäd 2,080.000 und in den ersten vier Monaten dieses dings auf den Flüchtenden, riffen ihn wiederum zu stück die Belastung durch andere Gegenstände nur Jahres bereits 746.212 Paar.„ V. P. 2." ver- Boden und stedien ihm einen Knebel in den Mund schlecht verträgt, ist das Verstauen auch äußerst weist ganz richtig darauf, daß es merkwürdig und unter die Nase. Die Knebel unbanden sie dann unbequem. Die schwedischen Züge, die nur Durch anmutet, wenn das„ befreundete Frankreich fest mit einem Leintuch. Die Füße wurden mit gangswagen führen, haben nicht nur über den welchem wir so viel Lurusware abnehmen, mit Sejenträgern zusammengebunden und der Körper Schweden ist bekannt als Land der großen Sitzen Gepäckneze, sondern auch an den Längs- Maßnahmen gegen uns vorgeht, die den Eindruck mit einem Strohjack bedeckt. Ghe sie die Zelle verGastfreundschaft. Der an sich zurückhaltende seiten der Abteile. Auch in den Gängen der Wag- erwecken, daß man die Tschechoslowakei in Paris ließen, knüpften sie alle Knoten noch fester, da es Schwede tut alles, um den Gästen seines Hauses gons, die breit und bequem sind, sind überall Ge- tatsächlich für eine Kolonie hält, der gegenüber ihnen schien, als ob die Boumas angelegten Fesden Aufenthalt so behaglich wie nur möglich zu päcnebe; ebenso Garderobenhaken und überall man sich ohne Rücksicht auf bestehende Handels- feln nicht allzu fest waren. Auch den Gefangenen machen. Jeder Fremde, der Schweden bereist und fleine Spiegel, so daß auch diejenigen, die keinen verträge alles erlauben darf. Kozumplit wollten sie befreien, doch waren Gelegenheit hatte, in schwedische Familien zu Sisplay mehr bekommen, ihr Gepäd,' Mantel, sie nicht sicher, ob dessen Zellengenossen mitTommen ist von der Gastlichkeit entzückt. Schirme etc. gut unterbringen können. Eine Art Gastfreundschaft empfindet der reiSehr angenehm wird es auch empfunden, daß Staatsamt hat soeben die Ergebnisse seiner Er- Plan fallen. Sie liefen hierauf zum Wachzimmer, Verbrauch in Beamtenfamilien. Das Statistische tun würden. Aus diesem Grunde ließen sie diesen sende Fremde sogar auf den schwedischen Eisen- in vielen Zügen auch die dritte Klasse ein Pol- hebung des Haushaltungsverbrauches veröffentlicht. wo sie die Schlüssel zum Boden an sich nahmen, bahnen. Es sind nicht nur die Mitreisenden, die ster hat. Die Erhebung wurde mittels ganzjähriger Eintra- von wo aus die Flucht erfolgte. Vorher hatten fie stets hilfsbereit und zuvorkommend dem sprach- Speziell für schwedische Verhältnisse ist es gungen in Verbrauchsbüchern durchgeführt; an ihr im Magazin Zivilkleidung an sich genommen und unkundigen Ausländer zu Hilfe kommen, wenn er auf den wenig befahrenen Strecken ein großer waren in der Zeit vom 1. Juli 1928 bis 30. Juni im Wachzimmer einige Waffen. Die Täter begaben fich mit dem Zugspersonal nicht verständigen Vorzug, daß auch die Güterzüge einen oder zwei 1929 im ganzen 443 Haushaltungen beteiligt. Schon sich vom Boden auf das Dach des Gefangenenhauses fann, es ist auch die Verwaltung der schwedischen Bersonenwagen mit sich führen. Besonders hoch früher waren die Ergebnisse der gleichen Statistik und auf das Dach des benachbarten Kreisgerichtes. Eisenbahn selber, die dem Reisenden die Fahrt in m Norden, in Lappland, wo der Personenverkehr für 53 Angestelltenfamilien und 180 Arbeiterfami- Von dort aus ließen sie sich am Blizableiter in die den Eisenbahnen so behaglich und bequem wie in den weiten wenig bevölkerten Landstrichen lien veröffentlicht worden; nun wurde der restliche Altungarische Gajje herab und flüchteten aus der möglich macht. Es ist da so manches, was ohne naturgemäß nur sehr gering ist, so daß zwei Eil- Teil veröffentlicht, der 196 Beamtenfamilien und Stadt. Der Mord wurde etwa zwei Stunden a. täglich den Berfonenverkehr bewältigen fön- 14 selbständig wirtschaftende Einzelpersonen aus später entdeckt. Aerztliche Hilfe tam bereits zu spät. oder nur mit sehr geringem Geldaufwand das Reisen angenehmer gestaltet und für unsere Eisen- nen, hat der Reisende Gelegenheit den Erztrans- Beamtenkreisen umfaßt. Diese Angaben sind ent- Die Aerzte fonstatierten eine Herzlähmung und Erbahnen zur Nachahmung empfohlen werden kann. portzügen, die immer einen Personenivagen anhalten in Nummer 50 bis 56 der„ Mitteilungen des stiden. Die Angeklagten, deren Alter zwischen 21 Da ist vor allem eine kleine Annehmlichkeit, gehängt haben, seine Fahrt fortzusetzen. Norma Statistischen Staatsamtes"( tschechische Ausgabe, die und 27 Jahren liegt, bestreiten ihre Tat nicht, die, ohne Geldkosten zu verursachen, sicher von lerweise halten diese Züge nicht überall. Aber deutsche erscheint demnächst), wo der Leser die Wirt- find jedoch bestrebt, die Schuld aufeinander abzuvielen Reisenden begrüßt werden würde. In gegen eine besondere Gebühr, die ungefähr 40 Kč chaftsgebarung jeder einzelnen Familie getrennt wälzen. Die Angeklagten find zusammen im ganzen Schweden befinden sich in jedem Zug mehrere beträgt, wird der Zug auf Wunsch eines Reisen oder an Sand von Gruppenübersichten verfolgen 41 Mal vorbestraft, in allen Fällen handelt es sich Karaffen, die frisches Trinkwasser enthalten, mit den auf einer Station angehalten. E. H. fann, in denen die Familien zur Erleichterung eines um Diebstahl und Betrug. Das Land der Gastfreundschaft. Die Einrichtung der Züge.- Mit Güterzügen nach Lappland. Seite 6 Prager Zeitung. Keine Sanitätsbereitschaft auf dem größten Prager Bahnhof!! Vor einigen Monaten wurde vor dem hiesigen Strafgericht eine Anklage gegen einen Motorwagenführer der Straßenbahn verhandelt, dent zur Last gelegt wurde, den tödlichen Unfall eines Bassanten vor dem Wilsonbahnhof verschuldet zu haben. Der Verblutende mußte damals über eine Viertelstunde im Stra= Benstaub hilflos liegen bleiben, weil in dem unmittelbar benachbarten größten Bahnhof Prags weder ein Arzt, noch Tragbahren aufzutreiben waren. Die Presse machte auf diesen Standal aufmertsam. Wer aber glauben sollte, daß die Eisenbahnbürokraten aus dieser Blamage eine Lehre gezogen haben, der sieht sich schwer ent täuscht. Vorgestern wurde im Bahnhof selbst der Portier Johann Martinovsky in Ausübung seines Dienstes von einem Motorzug erfaßt und getötet. Nach Aussage von Augenzeugen blieb der Verunglückte über zehn Minuten auf dem Geleise ohne jede ärztliche Hilfe lie= gen. Er war nicht überfahren worden, sondern bloß durch den Anprall betäubt. Der langsam anfahrende Zug fonnte sofort zum Stehen gebracht werden. Als dann endlich ein KALKBODEN ST.BOLESLAV PRAG O N.BENÁTKY KÁRANÝ 658 BRUNNEN SPEISEN DIE Freitag, den 10. Juni 1930 WASSERLEITUNG VON KARANY. HART Das Wasser der Trager Wasserleitung ist hart. Zum Wäschewaschen eignet sich aber nur weiches Wasser, sonst bekommt die Wäsche gelb- graue Schmutzflecke. Machen Sie daher das Waschwasser und das erste Schweifwasser weich durch das neue Wasserenthärtungs- CLARAX mittel CLARAX. 1 Paket kostet nur Kč 1.50 und reicht für 200 Liter Leitungswasser. Mühelos erzielen Sie dann blütenweiße Wäsche und sparen an Seife GEORG SCHICHT A.G., AUSSIG. Arzt tam, konnte er nur feststellen, daß feine grauen Schläfen"( Ab.).- Sonntag, 8 Uhr: Silfe mehr möglich war. Der Unglückliche war alle Wege führen zur Liebe"( Ab.). einem Schädelbruch erlegen. Nun sind aber auf einem großen Bahnhof Montag, 8 Uhr: Roulette"( A5.). ständig Unfälle zu gewärtigen, bei denen die rechtzeitige ärztliche Hilfe ein Leben zu retten vermag. Gefährliche Blutungen aus gro ßen Blutgefäßen bedürfen augenblid licher Sozialistische Jugend Prag. arztlicher Behandlung. Es ist unbedingt erfor- Jugendgenossin! derlich, daß die Eisenbahnverwaltung in dieser Hast du schon deinen Fahrtbeitrag für die Schelefenfahrt entrichtet? Autoabfahrt Denisbahnhof 15 Uhr( K 15.) Uebernachtung in Schouer K 2.-( Decke mit nehmen!). Hinsicht sofortige Abhilfe schafft. Es ist eine Jugendgenosse! Schande, wenn die Hauptstadt der Tschechoslowakischen Republik hinter fleinen Provinzstädten des Auslandes zurücksteht, wo zum mindesten ein für unsere Verhältnisse fabelhaft ausgestatteter Samariterdienst besteht, auf alle Fälle aber dafür gesorgt ist, daß jederzeit ein Arzt in kürzester Zeit aufzutreiben ist. Wir wollen hoffen, daß das neue Regime im Eisenbahnministerium auch hier mit der bisherigen gewiffenlosen Schlamperei aufräumen wird, denn sonst belädt es sich mit der Mitverantwortung für fünftige traurige Fälle dieser Art. Gev. Deutsche Volksschule in Smichaw, Stefanilgaffe Nr. 57( gegenüber der Smichower Kirche). Die Einschreibungen finden am 23., 24. und 25. d. M. von 8 bis 12 Uhr statt. Neueintretende Schüler in die erste Klasse tönnen auch mittels Postkarte bei ge rauer Angabe der Personaldaten angemeldet werden. Kunst und Wissen Musikinstrumente nicht vergessen! Elektrischen in Kobylisy Wichtige Stellzeiten: Halb 7 Uhr abends Ortsplay in Schelesen. 8 Uhr früh Ortsplay in Schelejen. Nachzügler Sonntag früh! Der Film Den Herrn vom Rotstift. MACHT HARTES WASSER WEICH GEORG SCHICHT AG, AUSSIG VELBE Kinderfreunde Brag. Sonntag, den 12. Juni 1932 Ausflug in die čimicer Wälder. Rr. 137 Treffpunkt halb 9 Uhr vormittags bei der Endstation der 14. Linie in Kobylisy. Literatur T. ,, Das Riefenrad." Roman von Hermynia 3ur Mühlen. Verlag J. Engelhorns Nachf., Stuttgart. Preis tart. M. 3.50, geb. t. 4.80. Hermynia zur Mühlen, seit einigen Jahren den Lesern sozialistischer Zeitungen als musterhafte Ueberseberin und Autorin verschiedener literarischer Arbeiten bekannt, entstammt der Familie eines adeligen österreichischen Diplomaten und erzählt in diesem wunderbar zarten Buche mit Freimut von der Welt, aus der sie hergekommen ist. Es ist die Welt einer entwurzelten, überlebten, vermorschten und untergehenden Klasse. Die große Welt", als die sie sich noch immer gerne fühlen möchte, ist nur mehr eine Art Halbwelt, die mit allen Mitteln ihren dürftigen und verlogenen Glans aufrechterhalten möchte. Im Mittelpunkt der Handlung steht Marieleine, die vierzehnjährige feinfühlige Tochter einer gefordert wurden( von der Uebertragung dieses wich- altösterreichischen Adelsfamilie, in luftdichter Abgetigen Stulturamts an das Unterrichtsministerium gar schlossenheit im Kloster erzogen, die in ahnungsloser nicht zu sprechen), Man muß schon unter besonderer Naivität ins Leben hinaustritt und dieses nun in Flagge segeln, um diese Forderungen ohne Debatte seiner Ungeschminktheit und Lügenhaftigkeit fennen und einfach grundlos abzulehnen. Die Widersprüche lernt. Sie erkennt die Gegensäße der Klassen, Reichder Presse hatten bisher keinen Widerhall in den tum, Ungerechtigkeit, Mißbrauch der Vorrechie, demokratischen Herzen der Zensoren; den Verboten Armut, Unglück und Elend und als Syntbol des dieser Instanz assistiert jetzt in den letzten Wochen Lebens erscheint ihr das sich drehende Riesenrad, das das Devisenzuteilungsamt im Finanzministerium, das die einen oben stehen läßt, die anderen unten, im 3. B. großen Verleihern die Operetten des Herrn Weiterdrehen es aber wieder anders werden läßt. Wie ganz anders die Welt ist, als sie sich im Kloster Hugenberg binnen drei Tagen mit Reichsmart 3 erträumt, lernt sie schon bei den Tanten kennen, be bezahlen gestattet, während die kleine Gesellschaft Daafafilm seit über zwei Wochen vergeblich um die denen sie zuerst lebt, doch alle Gegensätzlichkeit, alle zollamtliche Freigabe der Dreigroschen oper" Berlogenheit, das ihr liebevolles Herz aufs tieffte bittet. Diese Zustände. teren Unhaltbarkeit zum Ruin bedrückt, fommt ihr erst recht in den großen Badeorten und Hotels der französischen Riviera zum Beder Kinos führen müſſen, die nicht mehr in der Lage wußtsein. Ehebruch der Eltern, Stäuflichkeit der sind, das Publikum durch interessante Werke genü- Frauen, protender Reichtum, falscher, angeschmin Radfahrer: Halb 4 Uhr Endstation der 14er- gend zu fesseln, haben nun dazu geführt, daß die ter Glanz, daneben Menschen, die nach Arbeit und Organisation der tschechoslowakischen FilmBrot rufen wie ganz anders ist alles, als sie es publizisten, einerlei welcher Parteirichtung, sich im Kloster vorgestellt hatte, wo man ihr gesagt einen offenen Kampf gegen die 3enjur hatte, alle fleißigen Menschen kämen weiter, wäh beginnen wird. Als erster Schritt ist geplant, an die rend nur die Faulen zugrunde gehen müssen aus in der Zensur angegliederten Organisationen heran- eigener Schuld. Kurz ist die Fahrt des Heinen zutreten, die Funktionen niederzulegen, weiter werden mädchens auf dem Riesenrab, fie geht at der die Zensurentscheidungen genau gesammelt werden, mindfucht in das Nichts dahin, in dem sie auch um stets vor der Deffentlichkeit eingehendst diskutiert die Klasse, der sie entstammt, verschwinden sieht. zu werden. Es steht heute fest, daß die Zensurpragis Hermynia zur Mühlen darf man für dieses feine in der bestehenden Form unhaltbar ist: das Schub poetische, nachbentliche und anmutige Buch danken, und Strafgesetz würde jedem Gericht genug Macht das jeder als föstlichen Besitz seinem Bücherschrank geben, den Staat gegen ungerechtfertigte Attaden zu einverleiben wird. schüben; aber darum geht es hier nicht, denn die unabhängigen Gerichte würden in öffentlicher Roman. Universitas, Deutsche Verlags- A- G., BerIrmgard Keun:„ Das kunstseidene Mädchen." Die tschechoslowakische Oeffentlichkeit wurde in Verhandlung niemals in diesem Ausmaße die fin W 50. In Pappe Mt. 3.80, in Leinen War. 4.80. letzter Zeit wieder einigemal durch die unheilvolle Reaktion unterstützen. Sier handelt es sich darum, Ein originelles Buch, das dem Leser unwiderstehlich Von der Deutschen Musikakademie.( Or che- Tätigkeit unserer verschiedenen Zensurförperschaften daß eine Gruppe einflußreicher Reaktionäre sichtlich in seinen Wirbel von toller Laune, tiefem Gefühl sterkonzert.) Dieses Konzert war besonders ge- aufgepulvert( man erinnere sich nur an die Inhi- den Ehrgeiz hat, dem Film die Möglichkeit der Bolts- und tragischer und komischer Verstrickung zieht. Die eignet, Reklame und Stimmung für die Prager bierung des Radiovortrages des Genossen& a utsty, aufklärung zu nehmen und ihn zur dummen Jahr- junge Irmgard Keun ist ein Kind dieser unserer Deutsche Musikakademie zu machen; denn es bot bei an die Verstümmelung des Theaterstücs von Ed- marktsunterhaltungsware herabzudrücken. Daß dem Zeit und noch mehr als ihr bekanntes Erstlingsvorzüglicher künstlerischer Durchführung ein Muster- mond Rostand„ Der Mann, den sein Gewissen nicht so sein darf, muß auch jener Dame flar werden, wert Gilgi, eine von uns" gibt dieser zweite programm: Mozarts Violinkonzert in A- trieb", das Verbot von Tollers Hinkemann usw.). die als fünftes Mitglied der Zensur unter der Marke| Roman bei aller überwältigenden Komit ein erDur, Robert Schumanns klavierkonzert, Am ärgsten und für die breite Masse des Volts ver- aus Erziehungsfreisen" ihre Tätigkeit straflos ent- schütterndes Bild unseres aus den Fugen geratenen Opus 54, und Beethovens Konzertarie hängnisvollsten haust aber, wie immer, die Film- faltet. Man wird der Zenjur die ihr mangelnde Daseins. In meisterhafter Steigerung rollt sich das Ah, perfido!". Seit die Musikakademie ihr eige- sensur, in der leider sogenannte Kulturforporationen Bildung aufzugwingen wissen. W. Lustig. jo alltägliche Leben dieser triebhaft wirren Doris nes wohldiszipliniertes und passioniert spielendes vertreten sind, die noch immer nicht den selbstvervor uns ab, der man doch nicht böse werden kann. 3öglingsorchester besitzt, tann sie derartige ständlichen Mut aufgebracht haben, ihre Mitwirkung Sie erzählt drauf los, wie ihr der Schnabel gemachKonzertstandwerte auch in der originalen Fassung an diesem Rebus der Demokratie abzusagen. Bei fen ist, und sie verfügt über ein erstaunliches Maß mit Orchesterbegleitung aufführen, wodurch den jedem Film fühlt man die ungeheuren Terrorakte der von Mutterwik, verblüffender Beobachtungsgabe betreffenden Konzertveranstaltungen doppelte Be- Zensur entweder direkt oder indirekt: schon der Verund amüsanten Erlebnissen. Die tiefere Bedeutung dentung zukommt; im pädagogischen Sinne für die leiher bestrebt sich jeden nur irgendwie freiheitlichen In der Wiener Fußballmeisterschaft des Arbei- aber wird mit der zwangsläufigen Entwicklung dieSolisten, im allgemein künstlerischen für das Bu- Titel auszuschneiden, jede nur im entferntesten fühne terfußballverbandes ist Gaswert nach 17 Spielen Schicksals immer klarer und sinnfälliger, bis sich das ses„, kunstseidenen" Mädchens und ihres sogenannten blitum, das selten genug Gelegenheit hat, derartige Andeutung oder Szene auszumerzen, damit fein mit 28 Buntten taum noch zu erreichender Spitscheinbar so harmlos- komische Buch schließlich zu Werte zu hören. Ausgezeichneten Eindruck machte Film vor den agrarischen Zenfurreaktionären Gnade vor allem der Geiger Norbert Hofmann, der finden könnte. Amerikanische Filme von niederschmet- senführer. Ihm folgt Phönig mit 19 Spielen einer Anflage gegen die Gesellschaft auswächst, die Mozarts blühendschönes Konzert nicht nur technisch ternd findischem Inhalt, wie„ Das gestohlene Bara- und 21 Punkten und Helfort mit 17 Spielen und um so eindrucksvoller den eben noch schmunzelnden einwandfrei bewältigte, sondern ihm auch stilistisch dies", sind zenfuriert( man darf nicht zu viel von 19 Punkten. und gefühlsmäßig nichts schuldig blieb. Ernst Zimmer und Leben des Mädels der Straße sehen, Günthert, der seine fünstlerischen Kräfte an ebenso feinen Angriff auf die Polizei), der herrliche Schumanns wundervoll musikerfüllten Klavierton Film„ Straßen der Großstadt" wurde teilweise unzerte erprobte, imponierte vor allem durch die kraft verständlich, weil doch bekanntlich unsere Herren Vervolle und energische Note seines Klavierspieles: doch brecherafpiranten daraus die hohe Schule absolvieren muß seine Technit noch brillanter und klaver, sein könnten, Friz Langs" M", Traubergs Blauer Rhythmus noch straffer werden. Beethovens Kon- Eppreß".„ Das Ende von Petrograd" Gorfis Mut zur Finanzierung der deutschen Olympiadelegation zertarie fang Frl. Martha Bilz: sehr brov, sehr ter" sind endgültig ausgeschaltet, King Vidors nach Los Angeles abwerfen sollte. Die Veranmusitatisch und mit beachtlicher gesanglicher Kultur. Hallelujah". Kämpfe ums Leben" sind unverständit altung war ein Migerfolg. ie fand Aber an sich erwies sich diese dramatische Arie für lich. Eine vollständige Zusammenstellung dieser vor fast leeren Bänken statt, obwohl der Reidsprä- Wran- Urania- Kino ihre duftige und des erforderlichen großen Volumens ungeheuerlichen Pragis, die jede pazifistische oder sident von Hindenburg und andere hohe Persönlichentratende schlanke Sopranstimme als nicht geeig gar margistische Aeußerung, aber selbst bürgerlich feiten ihr Erscheinen zugesagt hatten und erschienen. dafür ordinären und volksverderbenden Schweine in dem weiten Rund des Stadions fost verloren reien, wie„ Bomben auf Monte- Carlo" oder Der gingen.. Der Mißerfolg wind darauf zurüdgeführt, Sieger", die Stange hält, würde das beste an Gro- daß die Veranstaltung auf Massendarbietungen und teste jein, was die tschechoslowakische Zeitgeschichte nicht auf das Auftreten von Sportfanonen eingeihren demokratischen Schülern zu bieten hätte. Es stellt war. geht der Zensur schon lange nicht mehr um Verbote tersportler mit ihren Massendarbietungen immer Im Gegensatz dazu haben die Arbeivon Filmen, die gegen Strafgesetze verstoßen: man große Erfolge. E. J. maßt sich in den bürokratischen und dafür vollkommen integern, weil anonymen Kreisen eine Präponderanz über Probleme der Ethik, Soziologie und Kultur an, die nachgerade unerträglich wird. Die Filmjournalistit hat gemeinsam mit dem Syndikat der tschecho slowakischen Bresse Eingaben an das Innenministe rium gerichtet, in denen auf diese unhaltbaren Zu Spielplan der Kleinen Bühne. Freitag, halb stände hingewiesen wurde und als Minimalforderung 8 Uhr: Morgen gehts uns gut"( Ab.). die Beteiligung der Presse an der Zensur, die Publi Samstag, 3 Uhr: Borstellung der Deutschen fation der Namen derjenigen die eine Entscheidung Mujitakademie; 8 Uhr: Der Mann mit den fällen und die eingehende Begundung des Verbots * Sport Spiel Körperpflege Reichsausschuß für Leibesübungen( TRAFL.), der Am Olympia nicht interessiert. Der Deutsche zugleich deutscher Olympiaausschuß ist, hielt am 4. und 5. Juni im Stadion Grunewald bei Berlin ein Olympiafest ab, für das großzügige Reklame gemacht worden war, und das erhebliche Geldmittel Leser zum Nachdenken zwingt, als die äußere Darstellung bis zum Schluß die mehr oder weniger unMonologs beibehält. freiwillig tomische und leicht rührende Form des KINO- PROGRAMM vom 10. bis 16. Juni 1932. Finziges deutsche Kino Prag 2976 l'e 0.429 net. Eine freudige Ueberraschung dieses Konzertes demokratische Tendenzen unbarmherzig ausmerzt und nur gegen 4000 Intereffenten fanden sich ein, bie Wiener Liebschaften war sein Dirigent: Prof. Franz anger, den man bisher nur als glänzenden Bianisten und her vorragenden Klavierpädagogen schäßte. Seine Stab fishrung verntochte in jeder Hinsicht zu überzeugen; in der Zuverlässigkeit der Zeichengebung, in der wirkungsvollen rhythmischen und dynamischen Gliederung und in der temperamentvollen Hingabe an die künstlerische Aufgabe. Spielplan des Neuen Deutschen Theaters. Freitag, 8 Whr: Roulette"( 195- III). Samstag, 8 Uhr:„ Alle Wege führen jur Liebe"( 196- IV).. Sonntag, balb 8 Uhr: Raijerin"( 197-1). Montag, 8 Uhr: 3 ur goldenen Siebe"( 198- II). Vereinsnachrichten ORISTEN- VERE NATURFREUND DIE Ortsgruppe Prag. Sonntag, den 12. Juni: Treffpunkt Smich over Bahnhof, 6.30 Uhr nach Rev. nice. Führer: Schaffel. Wien, wie es lacht, tanzt und weint. Mit Georg Alexander, Max Schipper, Betti Bird. Von Freitag an. Wo verkehren wir? Café„ Continental", Prag, Graben Gastwirtschaf LIDOVÝ DŮM ( Gen. Wilhelm Opatrn) Täglich Konzert. PRAG II., Hybernská Nr. 7. Für den Drud verantwortlich: Otto Holit, Herausgeber: Siegfried Text.- Ebefrebattext: Wilhelm Rieker. Berantwortlicher Redakteur: Dr. Emil Sirens, Brag. Drud: Rote.-. für geitung- b Buchbrad, Brag. Brad Die Zeitungsmartenfrantatur wurde von der Boft- u. Telegraphendirektion mit Erlaz Nr 13.800/ VII/ 1930 bewilligt Bezugsbedingungen: Bei Zustellung ins Haus oder bei Bezug durch die Boft monatlich Kč 16.-, vierteljährlich Kö 8, halbjährig Kč 96,- ganzjährig Kě 192,- Injerate werden laut Tarif billigt berechnet. Bet älteren Einidhaltungen Breisnachlaz. Rüdstellung von Manuskripten erfolgt aut bei Einsendung der Retourmation 137