12 Jahrgang. Samstag, iS Oktober 1932 Nr 244. »MI In Hstasioi n A. MM. Vor allem muß der Mieterschutz verabschiedet werden. Es geht um alles! Wahlaufruf der SPD. Berlin, 14. Oktober. Der Vorstand der sozialdemokratischen Partei hat«inen Ausruf erlassen, in dem es zum Schluß heißt: Es geht um alles! Nieder mit der Baron- wirtschaft! Kampf der Reaktion und ihren Staatsstreichgelüste»! Vorwärts am 8. November für Demokratie und Sozialismus mjt der Eisernen Front unter den Fahnen der Sozialdemokratie! Reldisbanlcprasldent warnt vor Kontingentierungspolitik. Berlin, 14. Oktober. In einem Berliner Abendblatt wird über einen Brief des Reichs- bankpräsidenten Dr. Luther an den Reichskanzler berichtet, den Dr. Luther vor einer Fortführung der Kontingentierungspolitik warnt, weil dadurch die WährungSlage erschüttert werden könnte. Hierzu wird dem Conti-Büro an unterrichteter Stelle erklärt: Di« Reichsregierung stellt fest, daß Wer einen internen Brftstpechsel kein« nähere Auskunft gegeben werden kann. Tas eine aber könne festgestellt werden, daß ein« Gefährdung der Währung nicht behauptet worden tst und auch nicht vorliegt. Kampf nm die leitenden Stellen im Völkerbund. Genf,' 14. Oktober. Die Beratungen des Ausschusses über die Reorganisation des Bölker- bundsekretariates sind in ein kritisches Stadium «ingetreten. Der deutsche Delegierte hat gestern abends mit aller Entschiedenheit gefordert,' daß gemäß dem Resoluttonsentwurf künftig der Grundsatz festgelegt wird, daß kein Staat durch mehr als zwei Funktionäre unter den obersten Beamten des Sekretariates vertreten sein darf. Der deutsche Vertreter hat mit aller Deutlichkeit M erkennen gegeben, daß Deutschland gegen die ganze Reform stimmen werde, wenn in diesem, entscheidenden Punkte der deutschen Forderung nicht Rechnung getragen wird. Zuchthaus lOr Reichsbanner* lente. Freiburg, 14. Oktober. Tas Schöffengericht verurteilt« drei Angehörige des Reichsbanners auf Grund der Notverordnung wegen Politischer Gewalttaten zur Mindeststrafe von je einem Jahr Zuchthaus und zwei der Beihilf« Angeklagte zu je einer Woche Gefängnis. Die fünf Angeklagten waren beschuldigi, einen Nationalsozialisten tätlich angegriffen und dabei verletzt zu haben. Von den Angeklagten wurde geltend gemacht, daß sie den Nationalsozialisten nicht aus Politischen Gründen, sondern aus Eifersucht verprügelt hätten. Das Gericht hielt die politischen Gründe aber für gegeben. Und noch ein sondergeriditsurtell Berlin, 14. Oktober. Das Sondergericht fällte heute im Totschlagsprozeß Schmidt und Genossen, der den Zusammenstoß zwischen Reichs- bannerleuten und Nationalsozialisten am 10. Juli in Börnicke bei Nauen behandelt, folgendes slrteil: Bon. den fünf angeklagten Reichbannerleuren wurde der Lehrling Galle freigespr^en, dec jugendliche Schmidt wurde zu 1 Jahr 6 Monaten Gefängnis, der Klempner Teichmann zu zwei Jahren Zuchthaus verurteile Außerdem wurde den b'^en auserlegt, an die zwei verletzten Nano- nalsoz allsten je 1000- an den dritten verletzten Nationalsozialisten 500 Mark Buße zu zahlen. Der Händler Helmuth Boß^erhielt neun Monate, der Bauunternehmer Bachmann sechs Monate Geiängnis. Di« beiden nationalsozialistischen Angeklagten wurden zu je drei Monaten Gefängnis verurteilt. Rarzbnrger unter sich. Hamburg, 14. Oktober. In der vergangenen Nacht kam es zwischen Nationalsozialisten, die von einer Versammlung heimkehrten, und Angehörigen des Stahlhelm M Zusammenstößen. Hierbei fielen mehrere Repölverschüsse, Zwei Stahll)«lmangehörige, der Korvettenkapitän a. D. Lauenstein und der 22jährige Heinz Wolf, wurden d u r ch M r s s e r st i ch e s ch w e r v c 11 e tz t, ein dritter Anaehorioer des Stahlhelm erlitt eine leichtere Rückenstichwlmde. Ein Nationalsozialist, bei dem ein«. Browmngpiftöle. Mtt leerem Rahmen beschlagnahmt werden konnte, wurde festgenommen. Prag, 14. Oktober. Der Präsident der Republik hat heut« vormittags zunächst den amtierenden Stellvertreter des Ministerpräsidenten Bechyne und dann den Finanzminister Dr. Trapl empfangen. Am Nachmittag erließ der Präsident zwei Handschreiben, durch die die Frühjahrssession der Nationalversammlung mit heutigem Tag« als beendet erklärt wird und beide Häuser zur Eröffnung der ordentlichen Herbstsesfio« für den 20. Oktober einberuse« werden. Das Präsidium des Abgeordnetenhauses beschloß daraufhin, die erste Plenarsitzung am Donnerstag für 8 Uhr nachmittags auzn- beraumen. Auf dör Tagesordnung steht ein Grenz- verwog rmr Rumänien, der als. Verfassung», gesetz der qualifizievten Mehrheit bedarf, und die zweite Lesung des Antrages Beoka-BroLik auf Erweiterung des Botriebsrätcyesetzes auf Äar- pothorußlwnd. Französischer Vorstoß gegen Gens, 14. Oktober. Im Unterausschuß für die militärischen Effektivbestände wies der fran- zosische Delegierte Massigli auf die Notwendigkeit der Einbeziehung der sogenannten„überführbaren Elemente" der Armee in Deutschland, nicht nur der 100.000 Mann Landarmee, sondern auch der Mannschaft der Polizeiorganisation hin. Die Staatspolizei in Deutschland umfasse 140.000 Mann. Sie sei militärisch ausgerüstet, nehme an Uebungen mili- Diesem Vorstoß begegnet das offiziös« Berliner Contibüro mit dem Hinweis, daß von den 140.000 Mann 35.000 kommunale Pollzeibeamt« seien und von dem Rest ein Drittel für den Bürodienst verwendet werde. Ein« Kasernierung komme nur für etwa 350 Polizeibereitschaften in Frage, deren durchschnittlich« Stärke 60 bis 100 Beamte umfasse. Zwischen Polizei und Leipzig, 14. Oktober. Im Prozeß Preußen contra Reich wurde heute abends das Kernstück der Verhandlung, die Ermessensfrage, abgeschlossen. Der Vorsitzende ersuchte die Parteien, von «chlußplädoyers abzusehen. Der Vertreter Preußens Dr. Brecht erklärte jedoch, daß er eine kurze zusamnremfassende Darstellung für mrum- gänglich notwendig halte. Daraufhin wurde die Verhandlung. Die Bormittagssitzung wurde mit der B«r sichtigung der photographischen Kopien des Kontos Sichrovsths bcini Bankgeschäft Fuchs abgeschlossen. Spater ist Sichrovsky von einem gc- wiffen Katz um 1.6 Millionen gebracht worden. Sichrovsky schiebt heute die Schuld daran dem Zeugen Dr. Pödlipskh zu und führt einige Einzelheiten an, die beim Publikum Heiterkeit erregen, vom Zeugen aber als absolute Erfindungen hingestellt werden. Als am Nachmittag die früheren Zeugenaussagen Podlipskys verlesen wurden, kam es zu erneuten Wortgefechten zwischen dem anwesenden Zeugen und der Verteidigung. Die Vertei- digung verlangte die Zeugeneinvernahme des Prager Gerichtshofes, der den ersten Prozeß durchführte, über die wortgetreue Wiedergabe des stenographischen Protokolls. Der Zeuge Oberthor wird erst in der zweiten Hälfte der nächsten Woche einvernommen werden; es wird dann auch zu seiner Konfrontierung mit Podlipsky kommen. Die Verhandlung wird morgen fortgesetzt. Sozialdemottatlfcher Wahlerfolg auf den Oifeudahneu. Die endgültigen Ergebnisse der Wahlen des Eisenbahnerpersonals liegen nunmehr vor. Danach haben erhalten di« Organisationen Verband und Unie und die Lokomotivführer zusammen 49.103 Stimmen(im Jahre 1928 haben die beiden Organisationen 42.223 Stimmen gehabt und die damals selbständig kandidierenden Lokomotivführer 5337 Stimmen, daher zusammen 47.560 Stimmen) erhalte«. Sie haben also um 1543 Stimmen mehr erhalten als vor vier Jahren. Die Nationalsozialisten haben 41.803 Stimme« erhalten gegen 43.324 bei de« letzte« Wahlen» also um 1521 Stimmen weniger. Die Kommunisten haben 7913 Stimmen erhalten gegen 13.760 vor vier Jahren» als» weniger um 5847. Weiters haben erhalten die Unabhängige Organisation 16.670, die Klerikale« 10.290, die Mittelschulabsol. venten 4392, die Professioniste« 1199 Stimmen. Das Wahlergebnis bedeutet für die Sozialdemokratie einen grasten Erfolg und für die Kommunisten eine schwere Niederlage. „KreunbsGafl" der UolenBer Oer QlrOeitertinOer gehört in jede proletarische Familie! Seite 4 Samstag, 15. Oktober 1932 Nr. 244 T agesneuigkeiten Mordversuch an dem Kind und Selbstmord. Aus Böhm.-Budweis wird uns geschrieben: In der Ortschaft Kosovo in Südböhmen, unweit von KamennF ujezd, unternahm am Donnerstag, den 13. d. M. die 35jährige Arbeiterfrau Franziska Jiriökovä an ihrem zweijährigen Kinde einen Mordversuch und verübte dann Selbstmord. Dem Kinde warf sie eine Schlinge um den Hals und zog diese zu, worauf sie sich am Boden erhängte. Hausinsassen, die zufälligerweise dazukamen, übergaben das Kind dem Arzte, der es noch zum Leben zurückrufen konnte. Die unglückliche Mutter war aber bereits tot. Sie hinterläßt noch ein kaum einige Monate altes Kind. Die Tat dürfte sie in einem Wahnsinnsanfall verübt haben. Kue tolle SeerSubertat. Chinesische Seeräuber überwältigten die Offiziere des britischen Dampfers„Helikon" (2232 Tonnen) aus Hongkong und führten das Schiff nach der Hongkeh-Bucht, di« unweit des bekannten Seeräuberstützpunktes BiaSbucht liegt. Dort plünderten sie das Fahrzeug aus. Weitere Einzelheiten fehlen, doch wird angenommen, daß sich die Seeräuber, wie in solchen Fällen üblich, als Passagiere an Bord begeben und im geeigneten Augenblick das Schiss in ihre Gewalt gebracht haben. Dies ist der erste Fall von Seeräuberei in diesem Jahre. Nach 45 Stunden haben die Piraten das Schiff„Helikon" Verlagen. Sie färbten die Schlote, damit di« Iiationalität des Dampfers nicht feststellbar sei. Als sie sahen, daß sich ein Dampfer nähere, den sie für ein Kriegsschiff hielten, drohten sie den Offizieren mit dem Tode. Zwei chinesische Passagiere sprangen über Bord und verschwanden in der See, um Folterungen seitens der Piraten zu entgehen. Einer dieser Unglücklichen nahm in erschütternder Weise Abschied von seiner an Bord verbliebenen Tochter. Fünf chinesische Reisende und zwei Europäerinnen wurden als Geiseln mitgenommen. Zwei weiter« Europäerinnen, di« an Bord waren, wurden nicht weiter belästigt. Zwei britische Torpedobootzerstörer kamen viel zu spät zu Hilfe; mittlerweile war das Schiff Helikon" dreimal durch die Piraten angefallen worden. 12.665, 31.814, 40.072, 61.307. 68.208, 78.850, 95.093, 13.896, 33.488, 34.696, 37.258, 38.523, 39.228, 39.248, 45.682, 47.908, 51.810, 55.002, 58.386 61.044, 61.920, 62.029, 62.079, 62.370, 62.441, 65.756, 81.366, 81.727, 81.831, 85.741, 88.007, 94.707, 104.822. L200 K: 158, 3.081, 10.669, 12.981, 27’064' 2W4* 2899^ 29.189^ 29.409, 30.510' 31387’ 46;Ö19' 48.693; 49.441', 50.84g', 52.203', 52.478; 53.129' 68.248; 68.269; 69.079' 71.058; 76.850; 80.997; 83.016,' 83.702, 90.065, 90.850, 94.815, 101.046, 101.328, 102.117, 103.724, 104672. Aehmrg der Mkeulstterk 90.000 K: 64674. 60.000 K: 46.147. 40.000 K: 39.025, A AAA If• OK OK?. 5.000 K: 31469,' 47.684, 51.569, 79.907, 80.037, 81.657, 97.926. 2.000 K: 5.868, 6.069, 8.401. 11.688, 13.057, 16.038, 17.602, 17.924, 19.466, 81.706, 45.682; 47.908; 51.810', 55.002', 58.386' 61.044,' 61.920, 62.029, 62.079, 62.370, 62.441, 65.756, 68.720, 68.895, 78.382, 73.865, 75.752, 77.628, 99.718,. i.-vv"• 1UV, IV.VW, XW.WUA, W.VVU, 15.114, 17.031, 22.851, 24.774, 24.800, 25.248, 26.265, 35.664, 37.981, 37.984, 88.065, 38.720, 39.908, 45 500, 55.352, 58.061, 60.107, 62.561, 62.648,.63.478, 66.117, 62.000 KC verschwunden. Wie das Bürgermeisteramt in Brüx mitteilt, hat die Stadtgemeinde Brüx im Jahr« 1922 durch das Rentamt an den Kreuzherrenorden in Prag auf den Kaufschilling für den Komendegarten in Brüx den Betrag von 132.000 K zur Auszahlung gebracht. Es wurde bei dem Kreuzherrenorden in Prag festgestellt, daß dieser nur einen Betrag von 80.000 K. empfangen hat. Die Differenz zwischen den in Brüx beim städtischen Rentamt ausgegebenen und bei den Kreuzherrenorden in Prag in Empfang genommenen Betrag ist aufzuklären. Die Aufklärung gestaltet sich jedoch schwierig, da der damalige Referent verstorben ist und seit der Bezahlung bereits«hn Jahre verflossen sind. Wir werden über diese Angelegenheit noch eingehend berichten. Was Hausherren-Habsucht imstande ist! Lyon liegt wohl weit von uns und die nachfolgende Geschichte, die wir in französischen Blättern finden, ist gewiß nicht alltäglich, läßt keine allgemeinen Schlüsse zu. Aber gewisse Symptome darin sind doch international charakteristisch für hausherrliche Menschlichkeit und Selbstlosigkeit. Da bezog vor etwa einem Jahr in einem kleinen Ort bei Lyon ein armer Teufel von Angestellten mit Frau und vier unmündigen Kindern eine kleine Wohnung in einem Hause, dessen Besitzer den edlen Namen Dumas trägt. In dieser Wohnung vollzog sich für die Familie ein tragisches Geschick. Nach wenigen Monaten starb die Gattin und Mutter an Typhus. Der Vater stand mit den vier Kleinen allein in der Welt. Eines von den Kindern holte aber bald darauf dieselbe Krankheit und ein wenig später mußte der Bater zwei seiner Töchter, die vom Typhus befallen waren, ins Spital schaffen. Die Ursache? Herr Dumas hatte eine elektrisch betriebene Pumpe einrichten lassen, feie den Mietern das Trinkwasser aus einen; Die ersten Erfahrungen mit dem tugendslrafgesetz. Prag, 14. Oktober. Heute vormittags fand im Beratungssaal des Kreisstrafgerichtes in Prag die Jahreskonserenz über die Jugendstrafgerichtsbarkeit statt. Zweck der Konferenz war, einerseits Berichte über di« Tätigkeit in der Jugendfürsorge zu erhalten, andererseits die bisherigen Ergebnisse der geleisteten Arbeit kennen zu lernen und über die Einstigen Wege der Fürsorge für die verwahrloste Jugend zu beraten. Obergerichtsrat Dr. Hellriegel, der Vorsitzende des Jugendsenates, legte die bisherigen Erfahrungen des Prager Jugendsenates als Erkenntnis- und Berufungssenates, dem die Aussicht über die untergeordneten Gericht« in der Provinz zusteht, dar. Er verlas dann die Berichte der einzelnen untergeordneten Gerichte, aus denen hervorgeht, daß di« Einführung des Gesetzes über di« Jugendstrafgerichtsbarkeit wahrscheinlich günstige Erfolge zeitigen wird; doch lass« sich wegen der Kürze der Zeit bisher noch nicht genau übersehen, ob tatsächlich in den Schichten der auf Abwege geratenen Jugend ein« Besserung zu verzeichnen ist. Unter den Ursachen der Verwahrlosung der Jugend wurden hauptsächlich angeführt schlechte Umgebung, das Trampwesen, die allgemein« Demoralisierung und Zuchtlosigkeit, di« Politisierung der. Jugend, Unbesonnenheit, Not, Erregung, Gelegenheit u. a. Im ganzen ist zu ersehen, daß sich der moralische Zustand der Jugend in den agrarischen Gebieten bessert, während sich in den dicht besiedelten Industriebezirken eine größere Neigung zur Verwahrlosung zeigt. In der Debatte zeigten die Vertreter des Mini- steriumS für sozial« Fürsorge und des Ministeriums für Gesundheitswesen Bereitschaft zu jeder möglichen Unterstützung im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten. Unter anderem wies Gerichksrat 8onka darauf hin, daß sich bei den Jugendlichen ein verhältnismäßig hoher Prozentsatz auffallend schwerer strafbarer Handlungen(Raub u. ä.) und ein hoher Prozentsatz strafbarer Handlungen auf sexueller Basis zeige, was durch das Alter der Jugendlichen von 14 bis 18 Jahren zu erklären sei. Ein detaillierter Bericht über di« Ergebnisse der Konferenz wird spater auSgegeben werden. !iiiiiiniHiiiiiiiind, das während der ganzen Zeit ruhig gespielt hatte, fühlt sich auf einmal vereinsamt und will die Mutter suchen. Es läuft die finstere Treppe herunter, stolpert und stürzt kopfüber in den siedenden Kessel. Erst nach zwei Tagen wurde"es nach schrecklichen Schmerzen vom Tode erlöst.— Mutter und Nachbarin waren heute nach § 335 StG. angeklagt. Man kann sich kaum vorstelle», was in der Seele einer Mutter vorgehen mag, wenn sie das schrecklichste Begebnis ihrees Lebens, den Martertob ihres Kindes, mit der nüchternen Sachlichkeit des Amtsstils verlesen und zergliedert, im Geiste noch einmal erleben muß. Doch die Sträfprozeßordnung kennt keine Ausnahmen. Die Mutter muß diese seelische Tortur über sich ergehen lassen bis zu dem Urteil, das gewöhnlich auf dar mitvimal« Strafausmaß lautet. In unserem Fall auf sechs Wochen A r r e st s b e d i n g t. rb. Gfae vom 8ttvalidenp!atz- Prag, 14. Oktober. Eine sonderbare weibliche Gestalt vor dem Strafsenat des OGR. H r a b a. Der Figur nach eine kümmerlich entwickelte Halbwüchsige — das Gesicht ist das einer Greisin. Nach den Akten ist sie 22 Jahre alt. Es ist eine vom Invalih« n- platz, wo die Prostituierten allerletzten Stadiums ihren Erwerb suchen, solche, die gezwungen sind, in der Finsternis ihre Kunden^u angeln, denn ihr Aussehen ist derart, daß auch der matteste Lichtschein den„Freier" verjagen würde. Diese also gehen auf dem dunkeln Invaliden- platz ihrem Erwerb nach; in wüstestem und unerbittlichstem Konkurrenzkampf miteinander, der oft genug mit Fäusten, Nägeln und Zähnen ausgetragen wird. Bor allem sind es junge Rekruten aus den verschiedenen Militärgebäuden und Baracken an der Südseite des Platzes, auf die sie es abgesehen haben.— So hatte auch Vie Angeklagte einen Soldaten, der angetrunken daherkam, mit Erfolg angehalten. Sie freute sich, nach vielen Abweisungen etwas zu verdienen. Da kam ein P o l i- z i st, der sie aufforderte, zu verschwinden. AuS Aerger um den entgangenen Erwerb, begann sie den Wachmann zu beschimpfen, als er sie abführen wollte, widersetzte sie sich, schlug, stieß, spuckte und kratzte ihn schließlich blutig Kurzum:„O e f f e n t- l^iche Gewalttätigkeit." Diese Zweiundzwanzigjährige hat ^thllose Vorstrafen. Landstreicherei, Diebstahl, Raufhändel, wissentliche Ansteckung anderer Personen mit Geschlechtskrankheiten usw. Heute bekam sie vier Monate Kerker. Das ließ sie kalt— sie scheint sogar froh, den Winter über versorgt zu sein. Aber mit aufgehobenen Händen bat sie den Richter um einige Tage Aufschub. Sie wohnj mit einer ganzen Horde von Kolleginnen in einem der grauenhaftesten Massenquartiere und zittert nun um ihre paar Habseligkeiten.„Die Bestien nehmen mir alles' schluchzt sie. Der Staatsanwalt protestierte, aber das Gericht dachte milder und gewährte den erbetenen Strafaufschub, rb. Toriröpe mitt Veranstaliwnwri Paradoxa der heutigen Wirtschaft«' enlwirkittttg. Ueber dieses Thema sprach Abg. Genosse Prof. Dr. Marek Donnerstag im Bortragssaale des Ministeriums für soziale Fürsorge. Bor einem überfüllten Saale entledigte sich Marek in geistvoller, oft witziger Weise seiner Aufgabe, er verstand es insbesondere, die Probleme in ihrer ganzen grotesken Weise zu stellen— ohne allerdings Lösungen und Wege zur Umgestaltung der Gesellschaft auszuzeigen Eines der Paradoxa der bürgerlichen Oekonomie ist beispielsweise die Behauptung, der natürliche Lohn hänge vom natürlichen Preis ab. Da der natürliche Preis wieder vom natürlichen Lohn abhängt, bewegen wir uns dabei fortwährend im Kreise— und das nennt sich bürgerliche National ökonomi«. Em weitere- Paradoxon der Wirlschaftsentwick- lung des letzten Jahrzehnts bildet die Frage der Reparationen Frankreich verlangte von Deutschland den Wiederaufbau der durch die deutschen Heere zerstörten Gebiete.■ Als Deutschland bereit war, die zerstörten Städte und Ort« durch deutsche Arbeiter wieder aufzubauen, widersetzte sich dem Frankreich und verlangte Geld Da Deutschland ZEITUNG. kein Geld hatte, mußte es sich dieses ausleihen, und als die Gläubiger nicht mehr weiter borgen wollten, machte man den Reparationen ein End«. Deutschland hätte nur Reparattonen zahlen können, wenn ihm eine Gegenleistung(etwa in Form von Warenexport) geboten worden wäre. Das ist so, wie wenn ein Auto jemanden überfährt, der Ueber- fahrene verlangt«ine Entschädigung, der Fahrer er- klärt ihm, diese nur zahlen zu können, wenn er ihm -ine Gegenleistung bietet. So zeigte Professor Mäcek an einer Reihe von wirtschaftlichen Tatsachen unserer Zeit das Unsinnige in der weltwirtschaftlichen Entwicklung der Gegenwart. Das größt« Paradoxon sei, daß es auf der einen Seit« überfüllte Lager, auf der anderen Seite hungernde Menschen gäbe. Die gegenwärtige Wirt- schaftsentwicklung mache den Eindruck eines wüsten Traumes, aus dieser schauerlichen Wirklichkeit müssen wir erwachen. E. St. Sport' Spiel ♦ Köroerpneae Wie die Ehristenturner Hetze«. Die in Oesterreich ansässige katholische christliche deutsche Turnerschaft, die auch in der Tschechoslowakei ihre Ableger hat, sieht als Dienerin Gottes ihre Aufgabe darin, Rassenhaß zu predigen und den kriegerischen Menschenmord zu verherrlichen. Sie streut mit den Haken- kreuzlern und Antisemiten gemeinsam jenes verabscheuungswürdige Gift in ein Volk, das ihr als christliche Kulkurbringerin zur Schande gereicht. Daß sie das als christLcher Verband sogar in einer für die Äugend bestimmten Schrift tut(„Christ- lich-deutsche Turnerjugend', Folge 8—9, Aug./Sept. 1932), ist doppelt schändlich. Sie schließt in der genannten Schrift eine Lebensbeschreibung des Feldmarschalls Radetzky mit folgenden Auslassungen ab: „Das folgende Lied entstammt aus dieser Ruhmeszeit des Fekdmarschalls und heute, in einer Zeit größter Zerrisienheit und Zermürbung, des Klassenkampfes und Parteidünkels, der Verhetzung und Verjudung unseres deutschen Volkes soll dieser allumfassende Geist und Kampfesmut Radetzkys ein neues Deutschland erstehen lassen, erkämpft mit Leier und Schwert, und an uns geht die hehre heilige Aufgabe!" I» dem Lied heißt es: „W eundieKanoneblitztundkracht, dasHerz im Leibe lacht. Da heißt es vor- beimckrschieren, den Mut nicht zu verlieren. Legt an, gebt Feuer und ladet schnell, weicht keiner von der Stell. Hurra!" S o wild eine Jugend durch Diener Gottes zum Menschenmord erzogen. Ist das der Sinn der Christenworte:„Du soll st nicht töten" und „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst"? Di« aber, die den Krieg verwerfen, die für die Humanität der Völker eintreten, werden als Gottlose und Marxisten bekämpft. Sind s i e in Wirklichkeit nicht bessere Menschen als jene?! Ohne Arzt kein Kampfiport. Der Askö in Oesterreich empfiehlt allen Mitgliedern, wenigstens einmal im Jahre ein« Ueberprüfung ihres Gesundheitszustandes vornehmen zu lasten. Durch sie sollen Gesundheitsschäden durch unzweckmäßige, der körperlichen Verfassung nicht angepaßte Arten von Leibesübungen rechtzeitig vermieden werden. Besonders das Training zu Höchstleistungen erfordert ständige ärztliche Üeberwachung. Tilden, der bekannte amerikanische Tennisspieler, ist als Professional billiger als zur Zeit, da er noch Amateur wart Er bekam für seine Spiele in Prag 1500 Dollar, während er früher als Amateur 2000 Dollar Spesen verrechnete. Benennung„Pokal-Liga" oder„Liga-Verein" verboten, so steht«s im neuesten Amtsblatt des DFB. in Sachen des Pokalwettbewerbes der„Acht" — denn ft« gehören der 1. Klasse an und nicht der Ligaklaste, die aus Professionalmannschaften besteht. — Nur keine Konkurrenz zwischen echten und unechten Profis! Für einen Profiklub eine Ligaklaste und acht—«S sind aber mehrere— Nichtamateurvereine sind Amateure erster Klasse. S o sieht die „reinliche" Scheidung aus! Aus der Partei Freie Vereinigung sozialistischer Akademiker— 2. I. H. Donnerstag, den 20. Oktober, um 2 0 U h r a b« n d s in unserem Heime(Bartolo- mejstä 14) Generalversammlung. Tagesordnung: 1. Berichtder Gruppenleitung: a) Tätigkeitsbericht, b) Bericht des Kassiers. 2. N e u- wahl des gesamten Ausschusses. 3. Gen. Dr. E. Franze!:„Die Aufgaben der s o z i a l i st i s ch e n Studenten." Bis zur Generalversammlung sind alle Mitgliedskarten bei Gen. H. Kohn bzw. R.. W i l l i m e k zwecks Kontrolle und Evidenzführung abzugeben. Kino von heute. Geld oder Lebe«. Der neue Film von Voskovee und Werich. So sehr man den Mut, den Geist, den unverfälschten Witz des Prager Befreiten Theaters und besonders seiner beiden Direktoren-Stars anerkennt, so sehr es wahr sein mag, daß sie sich hier um Neues bemühen und auch viel erreichen, im Film gehts nun einmal nicht mit gleichen Mitteln. Selbst die größten Starhonorar« können vom Publikum aur an der Leistung gewertet sein und da muß diesmal ein Rückschritt festgestellt werden. Unoriginell.(ge- linde gesagt) ist die Fabel des Films: wie nämlich ein Junge in guten Berhältnisten seinen verkommenen Schulkollegen findet und mit ihm Freud und Leid teilt, das kennen wir von Rens« Claires „Es lebe di« Freiheit"; wie man einem Wertobjekt(hier Schmuckstück) durch die Stadt nachjag', u«i es zu erhalten, wie dabei eine Verbrecherbande hindern will und doch hilft, das ist ganz genau Claires„M i l l i o n" und das Ende, daß nämlich Liebe zener Himmel ist, der mit freiem Landstreicherleben gepaart alles ersetzt, das ist wieder Reuse Claires anarchistische, ziellose Tendenz, die keine Antwort gibt auf gestellte Probleme. Di« Tücke des Objekts ist eine Erfindung Frigos und Harold Lloyds, der bewegungslose Humor kommt ebendaher and das Schliefer! als Liebhaber ist ungezählte Male gesehen worden. Man könnte dem Film tadellos in jeder Szene Nachahmung nachweisen; nun nimmt jeder Film von seinen Vorgängern, könnte natürlich ni« als rein originell sein: aber nur plagiieren, den charakteristischen Witz der beiden Histrionen Prags kaum zur Geltung kommen lasten und sich mit Revueeffekten begnügen, das ist so wenig an ehrlicher Filmorbeit, daß der Erfolg vor d«m Premierenpublikum mit Recht nur lau war. Die Sprachgewandtheit, der Wortwitz genügt nicht im Film, wenn keine Handlung, kein Tempo, keine Einstellung zu bemerken sind; das an und für sich nette Sujet wurde von Rcgisteur H o n z l, dem kalten, intelligenten Theatermenschen vollkommen lieblos auf kleine Effekte zerpflückt, in Episoden abgehaspelt und photographisch unklar, in der Beleuchtung stümperhaft verfilmt. „Befreiung" und„Fortschritt" ist den anderen tschechischen Filmen gegenüber nur insoweit festzuftellen, als di« naiven Geschmacklosigkeiten durch Intelligenz umzuckert sind. Voskovee und Werich konnten durch Honzl nicht ganz erledigt werden und haben noch immer Applaus erzielt; hoffentlich wird Honzl mit seiner Schwerfälligkeit nicht auch noch ihr Theater in Formalem erstarren lassen. Reben ihnen wäre noch Jeieks Musik zu erwähnen, die diesmal auch recht matt ist und über«inen Fox, einen Blues und sonstige Reminiszenzen nicht hinauSkommt; daß es oiele Kientoppsentimentalitäten, alte Bartmasken und bekannte Mädellarven gibt, daß sogar von Liebe im Phantasteaquarium gesungen wird und daß die kächerlilbe Verwandtschaft durch Tierstimmen und ein unheimliches Laboratorium durch tiefes Gegrunze geschmückt wird, zeigt, wie weit die Fähigen unseres Theaters. sinken, wenn sie das Filmgeld riechen. Denn daß sie.diese Naivität mit künstlerischen Ambitionen angegangen wären, kann nach ihren bisherigen Leistungen nicht geglaubt werden. Di« Mitwirkenden bleiben auf dem Niveau schlechterer Provinzschmiere/ wobei di« stellenweise ungenaue Nachsynchronisierung noch hilft. Auch paar nette Naturbilder vom See und den Prager Gasten, wo man sogar ein« Auslagescheibe einschlägt, können nicht helfen... Walter L u st i g. * Kampf gegen den deutschen Film. Da die Amerikaner bis jetzt konsequent geblieben sind und keinen Film«inführen, weil sie keine Kontingentscheine bezahlen wollen, da jeder französische, italie- insche Film eingeführt werden darf, und der Russenfilm jetzt nur üoch in Ausnahmsfällen die Zensur passiert/ wirkt di« Absperrungspolitik des Handelsministeriums fast ausschließlich gegen den deutschen Film, für den in letzter Zeit prinzipiell keine Devisen mehr bewilligt werden. Die Folge dieser Maßnahmen ist eine katastrophale Lage der Kinos, die sich vor zwei Tagen deshalb beim Handelsminister Matousek beschwerten, der aber die Einfuhrdrosselung„im Interesse der heimischen Produktion" rechtfertigt. Was das Interesse des einzigen Ateliers in der Republik mit der Sperre des deutschen Films, besten Mentalität in ein anderes Kapitel gehört, zu tun hat, ist nur dem Einge- s weihten klar: einzig allein der deutsche Film kann dem heimischen Konkurrenz bereiten, andre fremdsprachige Produkte sind beim Publikum nicht sehr beliebt, und so kämpft daS Handelsministerium in Wahrheit nicht so sehr für die problematische Akti- virät der Handelsbilanz als für die Gewinne der heimischen Filmkapitalisten. Die Situation wird auch langsam unhaltbar: zu einer Zeit, das in Amerika, in Berlin, in Joinville Hochbetrieb herrscht, d.a mau neiderfüllt di« zahllosen neuen Filme annonciert liest, die wöchentlich in Wien, Berlin, Pari- uraufgesührt werden, ist es soweit gekommen, daß in Prag trotz elendem Kinobesuchs in zwei Wochen ganze drei Filme neu eingeführt wurden und daß die Kinobesitzer Filme verlängern, deren Besuch nicht einmal die Regie deckt. Eine Rückfrage bei der Zensur ergibt weiter, daß heute bereits sechs Jahre alte Filme rasch nachsynchronisiert und der Zensur vorgelegt werden die dann Siefen bis heute unverkäustichen Ladenhütern das placet geben soll. Warum die verantwortlichen Handelspolitiker das Kinogswerbe ruinieren wollen und dadurch das Heer der Arbeitslosen unbedingt i noch vergrößern müssen(Zehntausende arbeiten in! den Kinos, höchstens Zweihundert in der Produktion) wird wohl niemals mit sachlichen Gründen gerecht-■ fertigt werden können. Bielleichi nimmt man sich, 'm Handelsministerium doch einmal die Mühe, die s Situation vom Gesichtspunkt verantwortlicher i Volkswirtschaftspolitik zu betrachten...•—wl— Centf albank der deutschen Sparkassen in der Cechoslevaklschen Republik. Haupt an statt: Prag IL. BredaueniiM 14. Zweigniederlassungen; Aussig, Brüns, Bgar. Jlgerndorf. Reiehenberg. C. Tssehen. Trauten&u. Troppau. Dl< Dank dar deutschen Sparanstalten und lpr Gemeinden. Kunst und Wissen Wochenspielplan des Neuen Deutschen Theaters. Samstag, halb 8 Uhr:„S a m s o n u n d D a l i l a." — Sonntag, 11 Uhr: Kammermusik; halb 3 Uhr: Arbeitervorstellung:„Medea"; halb 8 Uhr:„Rigoletto'(D 1).— Montag, halb 8 Uhr: Gerhart Hauptmann-Feier (®. V),— Dienstag, halb 7 Uhr:„D i e Walküre"(A 1).— Mittwoch, halb 8 Uhr:„Elisabeth von England"(B 2).— Donnerstag, halb 8 Uhr:„Rigoletto"(C 2).— Freitag, halb 8 Uhr:„S ch w a r z r o t e Kirschen"(D 2). — Samstag, halb 8 Uhr:„Der Mann ja, die Frau n e in"(Gastspiel Gisela Werbezirk). — Sonntag, halb 3 Uhr:„Drei Musketiere'; 8 Uhr:„Der Mann ja, hie Fran nein" 'Gastspiel Gisela Werbeztrk). Wochcnspiclplan der Kleinen Bühne. Samstag, 8 Uhr:„Kalkutta, 4. M a i."— Sonntag, 8 Uhr: „kl. S t ock, Tü r 19"; 8 Uhr:„Jemand"(Gast- spiel Leopold Kramer).— Montag, 8 Uhr: .Kalkutta"(Bankbeamten I).— Dienstag, 8 Uhr:„S p i e l i m S ch l o ß"(Gastspiel Leopold Kramer).— Mittwoch, 8 Uhr: Dreimal Offenbach.— Donnerstag,halb8Uhr:„Weekend."— Freitag, 8 Uhr:„W e e k e n d."— Samstag, 8 Uhr: Dreimal Offenbach.— Sonntag, 3 Uhr:„Coeur-Bub«"; 8 Uhr: Dreimal Offenbach. Vereinsnadiriditen Vrbcitcr-Turn- unv Sl'ortvercin lltaq ASB. Prag. Sonntag, den 10. d., Freund- ichaflSspicl in Neuhof. Zusammenkunft der Spieler um 6 Uhr früh, Abfahrtshalle. Masarykbahnhof. Abfahrt um 6.22 Uhr. Literatur „Therese Etienne." John Knittel, der Bet- fester des jetzt bei der Büchergilde in einer vorzüglich ausg:statteten Nebenausgab« für die Mitglieder dieser Gemeinschaft werktätiger Buchleser erschienet neu Romans ,Lheres.e Etienne", in Leinen 2.70 Mark, ist der Sohn eines Schweizers, kam itt einer indischen Missionsstation zur Welt, kehrte als Sechsjähriger mit seinem Vater in die Schweiz zurück, wurde infolge seiner rebellischen Torheitett aus der ehrenvollen Laufbahn eines lutherischen Pfarrers gestoßen, wanderte aus einem Beruf in den anderen, kam durch Italien, Afrika, Spanien, Deutschland und England und geriet schließlich in das große Reich der Literatur. Seine ersten großen Romane erschienen in englischer Sprache und wurden sofort infolge ihrer lebendigen Darstellung und leidenschast- ichen Innerlichkeit zu den besten Erzählungen er- klärt. Der Roman„Therese Etienne" führt in die eigentliche Heimat John Knittels, in die Schweiz. Die Natur des Berner Oberlqndes steht in ihrer ganzen gewaltigen Schönheit al« Hintergrüird vor dem Geschehen. Bauern, Bürger, Landarbeiter, Mägde, kleine Beamte, Aerzte, sie alle sind typisch ickweizexisch in ihrem Aeußeren und in all.m was sic tun. Therese Etienne kommt als junge Magd in das große Haus eines chtgesehenen, Schwerer Großbauern. Der trotz seines Alters noch sehr lebendige Ockonom führt das Mädchen schließlich aus der Mägdekammer in das Herrenhaus. Tie Konflikte lasten nicht lange auf sich waxtrn.. Sie entstehen nicht nur durch di« großen Unterschiede des Alters, sie haben ihre Ursache auch in den Unterschieden zwischen den Wesensarten der Menschen aus verschiedenen Kantonen, aus den Unterschieden zwischen adligem Herrentum und bürgerlich-bäurficher Gesinnung. Der Konflikt wird verschärft durch die Rückkehr des Stiefsohnes, der seinem Alter und seinem Wesen nach eher der jungen Mutter nahesteht als seinem Vater. Mit der Zeit entspinnt sich zwi ichen den beiden jungen Leuten ein Liebesverhältnis, und das traurige End« ist, daß der im Wege siehend« Alte beiseitegeschafft wird, ohne daß. das Paar die gewonnene Freiheit genießen kann.. Ten jungen Mann treibt es zur Selbstbezichtigung und damit ins Gefängnis, und seine Geliebte folgt ihm. Nach schweren Kerkerjahren ziehen sich die beiden in ein einsames Dorf in der Bergwildnis zurück Rur ein Dichter könnt« diese dramatische Geschichte"freihalten von scharfen Effekten und hinüberführen in psychologische Klarheit und Veredelung John Knittel hat bisher nie wieder ein so innerlich starkes Buch geschrieben.„Therese Etiemie" gehön zu den Meisterwerken der zeitgenössischen Romanlit«ratur. ARNO PLAUER! Werlczeua masuiinen tabri k Warnsdorf Samti Mascntucn fflr die MftalHeir- he. tun* in iti<»