12 Jahrgang. Mittwoch, 2. November 1932 Nr. 2LS. Der pstteitsz über das Jusendproblem. Referat des Genossen Dr. Franzel.- Debatte. Die Verhandlungen des Parteitags wurden Dienstag um 8 Uhr früh fortgesetzt. Vorsitzender Genosse K r e m s e r teilt zunächst mit, daß es dem Genossen Trübenecker, der Montag abends einen Unfall erlitten hat, besser geht. Ich glaube im Einverständnis mit dem Parteitag zu sein, wenn ich ihm unsere Grüße übermittle und chm eine recht baldige Genesung wünsche.(Zustimmung.) Ich erteile nun zum PuiMe war Jugendproblem dem Genossen Dr. Emil Franzel das Wort. Dr. Franzel(mit Beifall begrüßt): Genossen und Genossinnen! Es hieße, Wesentliches an der fascistischen Gefahr verkennen, wenn wir uns nicht klar-darüber wären, welche Rolle innerhalb des Fascismus heute die deklassierte, kleinbürgerlich«, aber auch«in Teil der proletarischen und halbproletarischen Jugend spielt. Nicht das ist doS Wc. sentliche an diesem politischen Jugendproblem von heute, ob der Prozentsatz der jungen Wähler bei den fascistischen'Parteien etwas größer-ist als der- uns oder daß er auch bei den radikalen Linksparteien stärker als hei der Sozialdemokratie sein mag. Derartige Erscheinungen ändern sich mit dem Wellen- fchlag der geschichtlichen Entwicklung. Nicht das ist problematisch. Es ist vielmehr die Tatsache, daß in der ganzen Ideologie des FaseisNms, in seinem organisatorischen'Aufbau, der Jugend eine besondere Rolle zukommt. Aber wir wären andererseits schlechte Marxisten, wenn wir dieses Problem rein ideell betrachteten,-' uNz- nicht am' Ilqren dd'rüber wären, daß es nur zu betrachten ist' unter dem Gesichtspunkt der sozialökonomischen Entwicklung dieser Zeit. Dieses Problem des starken Anteils der Jugend an der fascistischen Bewegung ist heute eines der Krisenpröbleme, die uns beschäftigen. Wir dürfen an der Tatsache nicht vorübergehen, daß die Auswirkungen der Wirtschaftskrise die Jugend verhältnismäßig- schwerer trifft als alle anderen Klassen des Volkes. Der seelische Einfluß- der Kris« auf den jungen Menschen ist ganz anders als aus den älteren, der die historischen Bedingungen des Kapitalismus bereits kennt, der auch nicht zum ersten Male«in« Wirtschaftskrise miterlebt. Im Vordergrunds der Betrachtung muß für uns die Tatsache stehen, daß heute zahllos« jung« Menschen nicht in de« Pro duktionsprozeß eingegliedert werden könne». Die- Jugend' steht heute der Tatsache gegenüber, daß im Produktionsprozeß für den Nachwuchs überhaupt k e i n P l a tz ist. Das erzeugt jn der Jugend ganz naturgemäß Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, die-bei weitem stärkere, heftigere Formen annimmt, als bei den Massen der übrigen proletarischen Bevölkerung. lind dies ist jene, aus der Kriseunot erwachsende Stimmung der Jugend, die den Fascismus und heu radikalen Parteien überhaupt Gelegenheit gibt, jetzt mit ihrer Agitation in die jungen Schichten der klein« bürgerlichen Klassen, auch auch-des Proletariats, einzudringen. Das Zauberwort, mit dem die Jugend gefangen wird, ist dabei die Verheißung, daß der Fascismus oder der Kommunismus, dir in diesem Punkte die gleiche Taktik einschlagen, der. Jugend von heute auf morgen jene Befreiung ays sozialer Not. und seelischer Bedrückung bringen will, die. wir der.Jugend nur im Laufe einer langen Entwicklung, im Laufe schwerer verantwortungsvoller Kämpfe versprechen können. Der Fascismus aber mit seinem Mythos vom Dritten Reich, der Bolschewismus mit feinem Mythos vom Vaterland der Arbeiter,-von der Nachahmung des russischen Rezeptes, das. auch bei uns plötzlich die Lösung aller Probleme bringen soll, glaubt der Jugeild versprechen zu können oder verspricht es, ohne selbst daran zu glauben, daß sie das Jugendproblem von heute über Nacht beseitigen werden. Freilich ist der Fascismus, der die Jugend vergöttert, ein sehr eifersüchtiger Liebhaber. Er steht der Jugend gegenüber etwa mit der Formel, daß er sie zwar zum Gott erhebt, aber ihr jede freie Selbstbestimmung, jede Macht über sich selbst nimmt. Der Fascismus und-die Jugend stehen in' einem Verhältnis, das gewisie primitive Völkerschaften zu ihren Fetischgötzen hatten, die sie zwar verehrten, »ährten und mästeten, aber nur, um sie endlich aus- zusresien. Der Fascismus will dir Jugend einspaune« in di« eifern« Disziplin der fascistischen Organisation, sie ausnützrn zur Aufrechterhaltung eben jener bestehende» Zustände, gegen di« doch dies« Jugend a»S sozialen Motiven rebelliert hat; er spannt st« ein für die Erhaltung der kapitalistischen Ordnung, die der Jugend heute die Existenzgrundlage« entzieht. Der Fascismus macht sich dabei all das zunutze, was in der Jugend an romantischen Strömungen vorhanden ist: die militärische Organisation der Jugend, di« kämpfen will, die militärische Romantik, die genährt wird durch allerhand grundfalsche Vorstellungen von dem Wesen des Krieges und des Kampfes einer Periode der höchsten Entwicklung der Technik, vor,' allem der' Mord- technik, einer Romantik der Jugend, di« noch an allerhand Wunder und Mythen glaubt, Auch auf der anderen Seite, beim Kommunismus, finden wir diese Ausbeutung rou^rn- trjcher Instinkte der Jugend, wcuu er den Prozeß der Akkumulation des Kapitals, wie er sich in Rußland, freilich unter der Führung der bolschewistischen Partei, aber doch mit allen jenen Erscheinungen abspielt, di« auch der dyitscheFrühlapitalismus. an sich hast«,.i h n umgibt mit^tzem. Nimhus der kommunistischen Dichtung und Literatur;, wenn dort in dadaistischen Lyrismen der Fünfiahrplan verherrlicht wird, so kann man auch dafür keinen andern Ausdruck finden als den der Techno-Romantik, schon der Weg in die Zukunft, daß das die Emanzipation der arbeitenden Klassen und die. Befreiung der Jugend sei. Was haben wir dieser romantischen Verklärung bestehender Zustände entgegenzustellen? ES kann, Genossen, nichts anderes sein, als was das Ziel des marxistischen Sozialismus seit Jahren gewesen ist: „Selbstverständigung der Zeit über ihre eigenen Kämpfe." Wir müssen der Jugend in chrer primitiven Sehnsucht nach rascher Wendung der Dinge entgegenhalten bi« verstandesmäßig« Analyse der gegenwärtigen kapitalistische» Situation, ihr zeigen, welchen Weg aus dieser Krise wir gehen müsien. Denn mehr als andere Schichten denkt di« Jugend nur an sich, ist egoistisch und will vor allem ihre eigenen Schicksalsfragen lösen. Wir müsien ihr zeigen, daß der Weg aus dieser Kris« nicht über irgendeine Art von Jugendrebcllion führt, sondern nur über den Klasienkampf des gesamten Proletariats, der Jugend zunächst einmal zum Bewußtsein zu bringen, daß di« Pwbleme der Jugend eigentlich gar nichts anderes sind, als die Probleme der Arbeiterklasse als Ganzes. So wie vor einem halben Jahrhundert, als sich in Europa die Frauenemanzipation zu regen begann, die Sozialdemokratie damals mit dem grundlegenden Bekenntnis von Aug. Bebel „Die Frau und der Sozialismus" den Frauen gezeigt hat, daß es irgendeine selbständige Befreiung der Frau aus Grund bürgerlicher' Organisationsformen und bürgerlichen Ideologie nicht gibt,. sondern daß die Befreiung der Frau schicksalsverbunden ist mit der Befreiung der Arbeiterklasie, wie andererseits das Proletariat sich nicht befreien kann, ohne auch die Frauen aus jahrtausendalter Sklaverei zu heben, so ist es heute unsere geschichtliche Ausgabe, der Jugend, die da glaubt, es gäbe ein selbständiges Problem der sozialen Befreiung ander Not von heute, zu zeigen, daß dieses Problem beschlosien ist in dem Gesamtproblem der Arbeiterklasie.(Lebhafte Zustimmung.) Die Jügenid will geistige Freiheit, will, daß sich die Gesetzgebung, die öffentliche Verwaltung anpass« jenen Bestrebungen, die unter der Nächkricgsjugend lebendig sind.' Di« Jugend will den Kampf gegen Spießbürgertum. Die freideutsch« Jugendbewegung glaubte, daß das. Tragen des Schillerkragens schon genügt, um den Spießbürger für immer in die Winkel der geschichtliche» Entwicklung zu verjagen. Sie glaubt heute, dqß sie die Pwbleme löse« könne, indem sie sich einlleidet in das Braun- und Ichlvärzhemd, in die Uniformen dos Fascismus. Wir aber haben der Jugend zu zeig«», daß sie innerhalb des Fascismus nicht nur nichts erreichen wird, von dem was sie als fortschrittliches und kulturelles Ziel auf ihr« Fahnen geschrieben hat, sondern daß sie die letzte« Reste von freiem Denke«, von Selbständigkeit vollends preisgibt. Wir hohen der Juguw zu zeigen, daß auch der Kampf gegen di« Kulturlüge des Bürgertums, als sei mit dem technischen Fortschritt allein schon ein geistiger Fortschritt gegeben, der Kampf gegen die Lebensformen der Bourgeoisie, gegen die Aushöhlung des Lebenszwecks, daß der Kampf gegen die üblen Begleiterscheinungen des Liberalismus nur zu führen ist in einer Bewegung, die uns eine wirklich neue fortschrittliche Lcbensanschauung gibt, indem sie unS zeigt, daß wir individuell« und geistige Freiheit verbinden müssen mit s>pzialer Gesinnung, mit der Bindung an di« Gesamtheit: um so-zu einer neuen, sagen wir proletarischen Welt- und LebenSanschauung zu gelangen. Di« fascistifche Jugend glaubt, daß die hi- storische Entwicklung nicht verläuft in der dialektischen Entwicklung zu immer höheren DaseinSsormen, sondern-tftir dauernd« Abwechslung zwischen den extremen sei- Wir werden der Jugend zu zeigen haben, daß diese völlige Verneinung des Liberalismus und seiner.Errungenschaften, für. sie nichts bringen kann, pastsie,- 5 di« Synthese aus Individualismus und Kollektivismus, aus persönlicher Freiheit und sozialer Bindung nur im proletarische« Klaffenkamps finden kann. Wenn wir diese Aufgabe lösen wollen, müsien wir uns mit den Problemen beschäftigen, di« sich für unsere eigene Jugend ergeben. Täuschen wir uns darüber nicht: Zur Agitation unter den Maffen von Jugendlichen brauchen wir zunächst einmal unsere eigen« Jugend. Wir können, wie Genosie Renner einmal gesagt hat, nicht verlangen von den älteren Gcnosien, die den Fascismus noch gekannt haben, als er eine lleine gelbe Streikbrecherbewegung gewesen ist, daß sie sich dauernd mit den Analphabeten der politischen Bewegung von heut« herumschlagen. Ti« Führer der Arbeiterklasse haben einen ganz anderen WirkpngS- kreis. Diese Arbeit der täglichen Kämpfe und Auseinandersetzung mit der fascistischen Jugend wird von unseren Jugendlichen vollbracht werden müsien. Dazu ist notwendig die Fortsetzung dessen, was wir immer getan haben, aber jetzt intensiver als je tun müssen: Erziehungsarbeit an unscrcr eigene» Jugend, zunächst in dem Sinne, daß wir die Jugend in die Gedankenwelt des marxistischen Sozialismus einführen. Es ist heut« leider nicht mehr so, daß man den Marximus in einem einfachen Kurs aufnehmen kann, heute, wo die Arbeiterbewegung auf jahrzehntelange Erfahrungen zurückblickt und das Gebiet unserer Wirksamkeit in ungeahntem Maße erweitert hat. Den jungen Menschen von heute den Sozialismus zu vermitteln, ist eine viel schwerere Aufgabe als etwa um 1300. Viele Jugendgenosien kommen in unsere Reihen, die glauben, wenn st« ein wenig Radikalismus mitbringen, wenn sie zwei— drei Broschüren gelesen haben, seien sie ausgelernt« Marxisten. Es gibt gerade in den intellektuellen Reihen der proletarischen Jugend von heute Ge- nosien, die mit dem Strom des radikalen Fortschritts schwimmen und glauben, daß ein Abonnement auf die„Weltbühne" beweisen, daß sie die best- geschulten Marxisten seien! Wir müsien unseren Jugendlichen sagen, daß Marxismus mit einem rein gefühltsmäßigen Radikalismus zunächst nichts zu tun hat. Daß einer, der aus dem Gefühl, heraus, weil er ein Totschlagwort unserer Zeit aufgeschnappt hat, noch nicht sich Marxist nennen darf und ausstehen darf mit den Worten: Wir Marxisten, wir Radikalen, wir Besierwisicr! Wir müsien der Jugend zeigen, daß der Marxismus heut« mehr als früher eine schwer zu erlernend« Wisieuschoft ist und daß sich die Jugend zunächst einmal Hinsehen und studieren »uch. Die Jugend darf nicht in einen Scheirtradikalismü-, weder, in einen mechanischen VülgärmarxismüS verfallen, sie darf nicht in die Auffassung verfallen, daß der hiswrische Materialismus uns nichts anders sagt, als daß die Dinge- einfach von selbst laufen, daß man sich nur in de» bequemen Fahrstuhl der Entwicklung zu setze» braucht und einfach wartet, bis der List an der Endstation Sozialismus stehe» bleibt. Auch diese Auffasiung muß in der Jugend sofort auS- getilgt werden. Wir müsien der Jugend zeigen, daß der Marxismus n i e m a l s f ä 1 a l i st i s ch gewesen ist, sondern immer von dem Satz ausgegangen ist, daß es der wirllich lebendige Mensch ist, der die Geschichte macht und daß es darauf änkommt, die Welt zu verändern, und man sich nicht verlassen darf, daß sie sich von selbst ändert. Unsere Jugend hat als Antwort auf die Frage, wie man das macht, ei» Lehrbuch, das wir ihr immer in die Hand geben muffe«, die Geschichte der Arbeiterbewegung. Wir müssen der Jugend den Entwicklungsgang unserer großen Führer zeigen, die heute vielfach schon legendäre.Anstalten, der Vergangenheit find, ferner zeigen, daß das allgemein« Wahlrecht und der Achtstundentag der Sozialdemokratie nicht als reise. Frucht vom Baum in den Schoß gefallen ist, sondern«rrüngty-wurden.im Kamps« auf der Straße und im Parlament. Freilich/ erschöpft sich damit auch das nicht, was wir an Schulung und Erziehungsarbeit für die Jugend zu leistest haben. Denn wir wissen, daß in einer Bewegung, die doch keine Sekte sein will, sondern der lebendigste Organismus der Gesellschaft, auch die vielen lleinen Probleme dzs Tages hinzukommen, gerade jene Probleme, die ost der Jugend als nebensächlich erscheinen mögen und über die sie Hinweggleiten möchte, indem sie sich sagt, es komme doch nur auf die großen Ideen an, die sich durchsetzen müsien. Auch diesem Problem können wir unsere Aufmerksamkeit nicht stark genug zuwenden, daß wir die Jugend in der Organisationsarbeit schulen und für die Fnnktionen finden, di« ihr Verantwortung und Einfluß geben, di« ihr zeigen, daß wir Bertranen zu ihr haben nnd bei denen sie lernen Ian«. Es eröffnen sich heute so viele Möglichkeiten, der organisatorischen Betätigung der Arbeiterklasse, es wachsen allen unseren Verbänden neue Sektionen, Ausschüsse und Kommissionen zu. Hier ist das Gebiet, das wir der Jugend zunächst einräumen werden, wo ein Fehler nicht gleich schicksalsvolle Folgen für die Organisation hat, wo die Jugend lernen kann, ohne Schaden an der Bewegung. anzurichten. Mr brauchen Berfuchslaboratorien unserer Organisation, in denen wir die jungen Leute auf die Probe.stellen und wenn sie sich nachher als fähig erweisen, wenn die älteren Genossen zu ihnen Vertrauen haben, dann wird diese Jugend den Nachwuchs in der Bewegung liefern, wird die Fahne aus den' Händen oer Aelteren übernehmen, wird in die Bresche springen, wenn der Tod Lücken in unsere Reihen reißt, dann wird sich auch unsere Bewegung erneuern und die Jugend wird ausgerüstet sein mit dem, was ihr di« ältere Generation zu überliefern hat. Wir müsien von der Jugend heute moralische Reife verlangen.. Wir.werden wiederum diese Erziehung zum Teil durch die praktische Arbeit des Tages' leisten, zum Teil, indem wir der Jugend die lebendige<8e« schichte der Arbeiterbewegung vermitteln, indem wir ihr die Opfer vor Augen führen, die dje Generation seit, 1880 in der Arbeiterbewegung gebrächt hat und indem wir der Jugend das vorbildliche Leben der großen Führer des Sozialismus vor Augen' führen, wie von Marx und Engels, von Bebel und Liebknecht und Victor Adler, von Seliger und Hillebrand. Wir werden so mit der histo »rischen Bildung in der Jugend das zn erwecken trow ten, was wir brauchen: BerantwortungSgefühl, moralisch« Reife und Opfermut, Mut sich in die Bewegung einzuordnen, als dis;i plinierter Soldat des gesamten Proletariats,»ich: mit der Anmaßung, etwa sofort, kaum daß sie in die Seite 2. Mittwoch, 2. November 1932. Nr. 258. Die Debatte Ober das Jngcndproblcm sic zu Kämpfern erziehen, zu Kämpfern für Sozialismus!(Beifall.) s’ Karl Sein, Prag: Cs ist notwendig, zu den Ausführungen. des Genossen Storch, daß die Gegner den Zustrom au nung tragen und auf die Phantasie und das Gefühl«inwirken. Die Äugend sucht Beispiel« auch innerhalb der eigenen Arbeiterbewegung. Die Vertrauensmänner müflen sich dessen bewußt sein, daß im Guten oder Schlechten jede ihrer Handlungen Einfluß auf die Jugend hat. Die Vertrauensmänner müssen also überall mit gutem Beispiel vorangehen. Werner, Aussig: Es wäre ein Fehler, wenn wir sagten, daß das Verhältnis zwischen jung und alt bei uM schon ein harmonisches fft..In der.,Praxis habe» wir das V?rH' hältniS noch nicht zu lösen verstanden./ Es genügt: nicht, einem Jugendlichen ein Subkassierbuch in die Hand zu drücken. ES muß das Zusammenwirken im gemeinsamen K ampf zum Ausdruck kommen. Es gibt viele, die den Ansorderruigen, die. die Bewegung an sie stellt, nicht gerecht zu werden, vermögen. Es ist auch auffallend, daß.wir die älteste parlamentarische Fraktion haben. Wenn man zur Jugend nur mit Verstand spricht, kann man aus sie nicht wirken. Die Arbeiterjugend kann so viel aus» halten und erdulden, wenn sie den festen Glaube» an hi« Zukunft hat. Dieser Glauben wurde durch die Teilnahme an der Regierung schwer erschüttert. Wir müsse« ihn der Jugend wieder zurückgeben. Di« Jugendfrage ist eng mit der Taktik der Partei verknüpft und die politische Debatte des gestrigen Tages hat schon viel entschieden. Die Erwartungen, die wir in unseren Diskussionen gehegt haben, sind nicht eingetroffen. Nicht Teilnahme oder Nichtteilnahme an der Regierung ist eigentlich die Kovdinalfrage, sondern die Fortschritte im Klassenkampf, wie Genosse Strauß gestern gesagt hat. Der Austritt auS der Regierung könnte der erste Schritt sein zur Befreiung von dcm Alpdruck, der auf uns lastet.... Rudolf Storch, Aussig: ES wird niemanden unter, uns gaben, der sich nicht hinter die programmatischen Forderungen des Referenten stellen würde. Ich möchte einige dieser praktischen Aufgaben, die uns da erwachsen, aüf- zeigen Wir brauchen andere Arbeitsmethoden alß bisher. Wir haben uns damit im Arbeiter- Türn- und Sportverband beschäftigt und wir versuchen, neue Wege der Jugenderfassung und Jügendbeschäftigung zu betreten. Wir muffen■ heute sagen, daß in' Deutschland wie bei uns der Strom der Jugend zum Teil abgefangen wurde von unseren politischen Gegnern. Wir müflen znnächstdi« Jugend erfassen, wenn auch mit primitiven Methoden, sie dann durch unsere Erziehung dauernd an zu binden. Wir betreten im Arbeiter-Turn- Sportverband mehr als 20.000 Arbeiterkinder mehr als 10.000 Arbeiterjungen und-Mädeln erziehen sie in sozialistischen^ Sinne. Wir erziehe» Soldaten und Unteroffiziere für den proletarische« Klassenkampf, aus denen durch Selbsterziehung. und Selbstschulung die künftigen Führer des Proletariats hervorwachsen werden. Gestützt auf. die biologischen und psychologischen Erkenntnisie des Jugendleb-nS ist die Arbeiterturn- und Sportbewegung der natürliche Boden für die Massenerfaffung und Massen- erziehung der Äugend. Für uns entsteht dann daS Problem, wir wir diese jungen Menschen, die durch die Kulturorganisationen gewonnen wurden, dauernd , an die Partei binden. Wir tun das am besten, wenn wir' > den Wie einst die Frauenbewegung sich schicksalsverbunden eingeordnet hat dem Kampf der Arbeiter- klaffe und wie heute die Emanzipation der. Arbeiter uttd der Frauen ein und dasselbe gewogen ist, so wird nun, wo eine Jugendbewegung mit eigenen revolutionären Zielen auftritt, ihr geschichtliches Problem darin erblicken, sich mit uns zu verbinden, sich uns' anzuschließen und einznordnen und mit uns zu kämpfen um die Befreiung aller Menschen, um die Lösung aller Probleme, die heute im Grunde alle aus dem sozialen und ökonomischen Unrecht entspringen. Sich bewußt der großen geschichtlich»» Verantwortung, die auf dem Heranwachsenden Geschlechte lastet, einer geschichtlichen Verantwortung, die, in dem historischen Aspekt der Auseinandersetzung mit dem Fascismus gesehen, riesengroß ist, einer Verantwortung, an die heute ein Großteil der Jugend nicht im entferntesten denkt, für die wir aber das Gefühl und die verstandesmäßige Erkenntnis in der Jugend erwecken müffen. Indem wir uns an die Jugend von heute außerhalb unserer Reihen wende», die in einem unklare», verschwommenen Weltbild den Weg aus der Krise von heute zu befferen Zeiten sucht, an die Jugend im gegnerischen Lager wie an die Jugend, die schon bei uns steht, und die sich ihrer Aufgaben noch nicht. bewußt sein sollte, indem wir uns an sie wenden, sie ausrusen, in Reih und Glied mit der Gesamtheit der Arbeiterklasse zu kämpfen, in die Bresche« zu springen, die sich öffne«, sich einzugliedern ohne Unterschied in die Reihen des kämpfenden Proletariats, indem wir dies tun, könne« wir ihr keine andere Parole zurufen, als die Worte Lassal- les in seinem„Offenen Antwortschreiben" an die Arbeiter:„Dieses Zeichen, die rote Fahne des Sozialismus, müffen Sie aufpflanzen! Dies ist das Zeichen, in dem wir siegen werden. Es gibt kein anderes für Sie!(Stürmischer, langanhaltender Beifall«ad Händeklatschen.) * Der Vorsitzende Genoffe Kremser teilt mit: Zu dem Referat der Genoffen Franzel ist soeben folgender Antrag eingelaufen: Der Parteivorstand wird beauftragt, das Referat deS Genossen Franz'el als Broschüre in Druck legen zu lassen und zu verbreiten.(Lebhafter Beifall.) uw uns und und und Joses Materna, Teplitz--Schönau, erklärt, daß die Vertreter der sozialistischen Arbeiter- iugend mit den Ausführungen des Genossen Dr. Frankel voll, einverstanden sind. Die Kampsmethoden der Jugend von heute unterscheiden sich vielfach von den Kampf- und Arbeitsmethoden der Arbeiterjugend in ftüherer. Zeit. Viele Forderungen von einst sind in die Tat umgesetzt. Die Jugend, di« heute ins Lebe«' tritt, nimmt den Achtstundentag als«in« gegebene Tatsache hin. Sie kommt vielfach nicht in den Genuß des Achtstundentages, weil si« gar kein« Arbeit findet. Der Arbeiterurlaub ist für si« kein praktischer Erfolg, weil die arbeitslose Jugend einen „stäudigen Urlaub" hat. Gerade di« Krise, erzeugt in der Jugend, den Drang, die unhaltbaren Verhält- nrffe der heutigen Zeit zu ändern. Wir haben im Jwgendverband noch nie eine solche Aktivität. der. Jugend gehabt wie heute: Wir haben auch.in die Jugendfürsorge eine« anderen Geist hineingetragen, seit dem die Vertreter des. klaffenbewußten Jungtzroletariates darin arbeiten. Di« sozialistische Jugend kann die Kämpfe unserer Zeft nicht allein führen, jtut die Zusammenarbeit mit der gesamten Arbeiterklasse kann unseren. Forderungen Wirklichkeit verleihe». !(Beifall.) Adolf Schmidt, P r o b st a u: . In dem»nklaran Wollen der Jugend können wir die Erklärung dafür finden, daß sie sich heut« in großer Zahl jenen zuwendet, di« die alten Zeiten wieder zurückführen wollen, wo di« Jugend nichts zu sagen hatte. Als Folge der Kris« sehen wir eine Ertötung der wertvollsten Eigenschasten der Jugend, wie Erich Fischer es in feiner letzten Broschur« bespricht. Sollen wir die Jugend nur mit Wiflen erfüllen, sollen wir sie nicht auch anleiten zur Tat? Wir müssen die Jugend mit Mut erfüllen! ES könnte sonst zu einem Zustand führen, den wir bei manchen allzu intellektuellen Jugendlichen finden, I daß sie- so viel wissen, daß ihnen so viel verstandeS- I mäßig«. Hemmungen auferlegt werden, daß sie zu- Bewegung hineingeblickt hat, hier eine entscheidende Rolle zu spielen, zu der es doch der gründlichen marxistischen Bildung und der organisatorischen und moralischen Rkife bedarf. Wenn wir unsere Jugend so schulen, dann beginnt erst die Aufgabe, die diese Jugend im Lager der Gegner und Indifferenten zu erfüllen hat, daS Wiffen, das sie erworben hat, hineinzutragen in diese Schichten, dann auch in die Köpfe jener, die umnebelt sind von der Romantik des Fascismus. Dabei müffen wir uns bewußt bleiben, daß daS Hineintragen unserer Ideen in die gegnerische Bewegung nicht so vor sich geht, daß wir dem Gegner Borträge über die- marxistische Geisteswelt halten, sondern die Voraussetzung dazu, das Aufpflügen des BodenS, in den wir'die Saat der sozialistischen Erkenntnis streuen wollen, das ist zunächst die Agitation, die sich an da» Gefühl wendet und da ist es die Aufgabe unserer Jugend, sich alle Agitationsmittel zu eigen zu machen, die uns von der gegenwärtigen Entwicklung diktiert werden. Die Jugend, die unter dem Einfluß von Film, Rundfunk, Sport, unter dem Einfluß der moder- »en Tagespresse steht, muß gewonnen werden, muß intereffiert werden mit Agitationsmethoden, die sich allen diesen großen Propagandamächten von heute anpaffen. Mit der Symbolpropaganda, die heute in Deutschland eine so große Rolle spielt, mit der neuartigen Aufmachung unserer Kundgebungen und Demonstrationen wird sich die Jugend befassen müflen. Die Jugend hat angesichts der verzweifelten ökonomischen Situation, angesichts ihrer Lebensnöte die Empfindung, daß man nicht weiter kommen kann, daß man mit den größten technischen Fortschritten die einfachsten sozialen Probleme nicht lösen kann. Sir sieht, daß«an um die Welt fliegen kann, aber daß »an nicht Wohnungen für die Mensche» bauen kann. Angesicht» der auch geistigen Verzweiflung, die die Jugend in einer solchen Situation erfaßt, wiffen wir, daß sie von nicht» anderem als von diesem Gefühl beseelt ist, sie könne es so nicht aushalten. Das auszunützen in unserer Agitation, der Jugend zü sagen, daß auch wir e» nicht aushalten können, ist unsere Aufgabe, ihr zu sagen, daß wir aber seit Jahrzehnten schon wiffen, wie man diese Dinge ändert. Wir gehen nicht in ein mythisches Dunkel deS Dritten Reicher, sondern den klar vorgezeichneten Weg de» Klaffenkampfes, wir gehen einen Weg, den uns die Wiffenschaft des Marxismus hell erleuchtet, der fteilich nicht von heute auf mor- gx» ins Paradies führt, aber uns um so sicherer von Stufe zu Stufe zu einer neuen höheren menschlichen Entwicklung führt. Dir Jugend zunächst bei diesem ihrem rebellischen Oppositionsgefühl gegen die heutigen Zustände zu packen, aber sie dann zu überzeuge», dann in ihren Hirnen Ordnung zu schaffen und ihr jene Analyse der gegenwärtigen kapitalistischen Ordnung und ihrer soziale» Zustände z» bieten, das ist die Aufgabe, die uns gestellt ist. Mr werden dieser Jugend, di« gegen di« Sozialdemokratie eingenommen ist durch alle möglichen Vorurteile, zeigen müffen, daß der historische Mate- rialismus, den sie verwechselt mit dem mechanischen Materialismus deS borigen Jahrhunderts, nichts anderes ist als das lebendige Instrument nicht nur der Erkenntnis, sondern auch des geschichtlichen Handelns; daß gerade der Fascismus nichts anderes ist als daS Werkzeug reaktionärer Kräfte, daß sie dort eingeordnet wird ohne eigenen Willen und ohne eigene Erkenntnis i» ein« Armee, die zu parieren hat und die eingesetzt wird gegen die Jntereffen des Proletariats und damit gegen die Interessen dieser Jugend selbst. Heute ist der historische Moment gegeben, wo wir stärker als je mit dieser Agitation einsetzen müffen, waS sich in Deutschland zeigt, wo die nächste Entwicklung aller Voraussicht nach ein« Ernüchterung jener jungen Leute bringen muß, die in ihrem romantischen ScheinidealiSmuS dem Hakenkreuz zugelaufen sind und die jetzt sehen werden, daß sie sich zu Werkzeugen jener Klasse gemacht haben, die vor 1914 Deutschland beherrschte, daß sie damit nicht eine neue Generation heraufgeführt hat, sondern daS alte Reich mit seinen Junkern und Generälen, mit den ewig gestrigen Vertretern der reaktionärsten Gesinnung, die der Jugend nichts anderes zu bieten haben als bestenfalls die Zwangsarbeit in den Kasernen unter der Knute fascistischer Aufscher, als eine Fülle von Moralvorschriften, die nach muffigsten Mittelalter riechen. Der Jugend zu . zeigen, daß sie bei nnS die lebendige Erkenntnis der gesellschaftlichen Vorgänge findet, daß sie in unserer Bewegung wirken kann für ihre soziale, ihre ökonomische und ihre geistige Befreiung auS den Fesseln der bürgerlich-kapitalistischen Ordnung, das wird das Mittel sein, dieses Jugendproblem,^»S uns die Krise stellt, zu wsen. Wir werden der Jugend zeigen, daß jede Art von Betätigung, die sie sucht, im Proletariat für sie bereitsteht. Natürlich nicht eine Betätigung, die darin besteht, daß. sie sich auf ein Pie- destal stellt und sich anhimmeln läßt, wie sie eS im FaseiSmuS haben kann, sondern die darin besteht, daß die Jugend mitarbeitet, daß sie in unsere Reihen tritt und sich systematisch, organisch eingliedert der Bewegung des Proletariats. Wir werden nicht vergessen, in unserer Jugend den Gedanken der Wehrhaftigkeit de» Proletariats zu wecken, daß auch dann, wenn es hart auf hart gehen sollte, der Jugend bei uns eine kämpferische Funktion zukommt und wieder gilt e», in den Reihen der indifferenten Jugend, die uni mit einem verwaschenen bürgerlichen Pazifismus identifiziert, die Erkenntnis zu wecken, daß es etwas derartiges bei unS nie gegeben hat, daß wir unS niemals gescheut haben, den Kampf mit allen Mitteln auszutragen, wenn es darauf ankam. Wir Verden zeigen, wie in den Kämpfen um daS Wahlrecht und um das Streik- und Koalitionsrecht der Arbeiter die Proletarier jederzeit bereit waren, ihr Leben in di« Schanze zu schlagen und wenn Pir von der junge« Generation verlangen, daß sie Ott» Iltis, K a a d e n: - Der Kampf, den di« Sozialdemokratie um di« proletarische und di« kleinbürgerliche Jugend zu führen hat, ist ein politisches und programmatisches Problem. Die Jugend ist von Unruh« und Tatbereit, schäft erfaßt wie kaum jemals zuvor in den letzten Jahrzehnten. Si« hat ein« Zukunft vor sich, dir ihr nichts zu bieten scheint. Sie wird immer mehr und mehr erfüllt von der Erkenntnis, daß si« nur Menschenwürdig wird leben können,-wenn der Kapi- talismus ersetzt wird durch ein anderes Gesellschaft»-' Wem. Und er: ist di« Tragik der Äugrttd unserer Zeitz daß sie sich bin falsches Bild macht von jener. Ordnung der Gesellschaft, welche den Kapitalismus zu ersetzen hat. Wir dürfen daher in unserer Propa- gamda, in unserer ganzen Arbeit niemals verpesten, auf unser Endziel, an den Sozialismus hinzu-. weisen. Es wird Vielfach nicht gesagt, wie der Sozialismus zu erringen ist und was die Arbeiterschaft zu tun hat. Aber gerade dar will die Jugend von Uns hören. Wir müffen der Jugend zeigen, wie sie den Sozialismus miterkämpfen kann. W a s uns not tüt, ist ein sozialistisches AktionS- Programm;«in Programm, das der Jugend lsie sich einordnet der reaktionären Kampstruppe, sondern indem sie im Sozialismus wiedererkennt jenes Menschheitsideal, das sich ursprünglich das Christen- tmn gestellt hat und das die Kirche in einer jahrtausendealten Entwicklung verraten hat an die Jntereffen der herrschende» Klaffe aller Zeiten.(Lebhafter Beifall.) Wir weiden dieser Jugend zeiget, daß sie, soweit sie von religiösen Gefühlen und Idealen beseelt fist, innerhalb der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung auch diese ausleben kann, daß wir nicht I dogmatisch versklavt an einem mechanischen Materia- j lismuS hängen, wie er vor Jahrzehnten vom Bürgertum begründet wurde, wie er natürlich in der I Arbeiterbewegung ideell« Anhänger hat, daß wir I aber nicht als Gesamtbewegung solche Dogmen steilen, sondern daß Platz ist für jeden, der am Klaffenkampf der Arbeiter triluehmen will, sei er in seiner besonderen religiösen und Gefühlswelt-Anschauung so oder so eingestellt. So rufen wir alle Jugend, die ver- I zweifelt ist, die nicht warten will, die ihre soziale I Existenz auf einer gesicherten-ökonomischen Grund- I läge gründen möchte, die nicht erst 40 Jahre werden will, um eine kläglich« Existenz zu ftisten, auS der !sie jede neue Krise wieder hinauswirst, so rufen wir alle Jugend, di« Neues schaffen will, sei eS auch Ium eines Ideales willen, auf, sich bewußt zu wer- Iden der realen Grundbedingungen der IReVolution, die nicht eine bloße Rebellion blei- i ben darf, sondern eine wirklich grundstürzende Um- I Wandlung sein muß, eine Umwandlung in dem I Sinne, daß wir unS auf die reale Basis der Ge- I schichte besinnen und lernen, wie wir die Welt zu ändern haben, nicht nur gefühlsmäßig darnach strebe«, sie umzustürzen., Wir rufen diese Jugend in unsere Reihen, wir zeigen ihr, daß, wenn es, heute ein : Schicksalsproblem der Jugend gibt, eS nur sein kann daS Problem der Einordnung der Jugend mit allen ' ihren Kampftendenzen in die große Klaffenbewegung deS Sozialismus, der Einordnung der Jugend als ■ einet disziplinierten, organischen Kampftruppe in 1 das große Heer des Proletariats. sich dessen bewußt ist, daß sie wehrhaft ist, so wer- l- den wir ihr zeigen, daß das keine Phrase sein darf, sondern daß sie das mit jenem Ernst fühlen muß, mit dem die Vorkämpfer des Sozialismus gestritten haben, mit dem die sozialistischen Vertrauensleute und die Maffen seit je für die Ziele der Arbeiter klasse gekämpft haben. Ich glaube, daß wir damit der Jugend ei« sehr großes Feld der Betätigung einräumen, ihr eine historische Miffion zuerkenne», wie man sie sich schöner nicht denken kann; anfzunchmey und zu erbe« das größte geschichtliche Werk, das I die Menschheitsgeschichte überhaupt kennt, das Werk, das nicht anstrebt den Sieg einer Klaff« I über eine andere zur Aufrichtung einer Klassen herrschaft, sondern die Beseitigung aller Klassen herrschaft überhaupt. Wir weisen der Jugend dieses Werk zu, aber wir I sagen ihr mit allem Ernst, daß das nicht eine Auf- gäbe von heute und erst dieses Nachwuchses ist, son-> der» eine Aufgabe, die sie nur lösen kann, wenn! sie all das betreut und sorgsam.übernimmt, was ihr überliefert wird von den Generationen, die feit langem für dies« Ziele kämpfen. Wir müflen in der Jugend die Erkenntnis erwecken, daß das Schicksal des demokratischen Sozialismus, der die einzige Form ist, in der sich Europa und das Abendland aus den Feffeln des Kapitalismus befreien kann, daß dieses Schicksal auf» engste verbunden ist mit den Traditionen und überlieferten Ideen der abendländische« Ge schichte, vor allem mit jenem lebendigen Werk«, da» uns die Arbeiterbewegung von drei Gene rationen hinterläßt. Wenn wir das Geringste von dem preisgeben, was an wesentlichem Geistes- und Erfahrungsgut im Sozialismus von heute gegeben ist, wenn die Jugend glauben sollte, daß sie einfach über Bord werfen könnte, was ihr aus der Vorkriegszeit aus der Geschichte der Arbeiterbewegnug überliefert wurde, dann würde sie damit den Baustein aus dem Bau des Sozialismus reißen und ihn überhaupt in Gefahr bringen. Der Jugend zu zeigen, daß das gesamte Werk— ich denke an die politischen Frei heiten der Arbeiterbewegung, an das große soziale Werk, das die Arbeiterbewegung geschaffen, an daS GeisteSgut, das aufgehäust ist in der Bewegung— daß all das gehütet werden muß, ist unsere Aufgabe. Wenn die Jugend sich nicht dessen bewußt bleibt, dann würde sie keine geschichtliche Miflion zu erfül len haben als die einer Zerstörung und Auflösung, auf- die nur der Sieg deS Fascismus folgen könnte und damit daS Ende, wenigstens auf Jahrzehnte hinaus, der europäischen Arbeiterbewegung, das! Ende aller Menschheitshosfnung auf diesem Kon tinent. Wenn die Jugend, die heute besonders schwer von der Wirtschaftskrise betroffen wird, glaubt, daß sie ein eigenes Problem habe, so rufen wir sie z« unS zu komme« und mit uns diese» Problem zu lösen,-TSYAKMÄAd'ftH das auch nicht anders gelöst werdeit kann als durch die Mittel, die wir vertreten: Die Verkürzung der Arbeitszeit, planmäßige Ar- bettsbeschafsung, planmäßige Produktion, Auf bau einer krisenlosen Wirtschaft und de» sozia listischen Reiche», das sich von dem Dritten Reich der Nattonalsozia- listen dadurch unterscheidet, daß wir es nicht als fertiges Rezept den Menschen verschreiben können, aber daß wir wissen, auf welchen Grundpfeilern es beruhen wird für Jahrtausende der Menschheits bau^'wenn die Jugend kämpft um neue For-1 e^ktive Rolle zuweist. Kampf um die Jug«nd men der Kultur und der Lebensanschauung, wenn I ist Kampf um den Sozialismus in unserer Epoche, sie aufräumen will mit vorsintflutlichen Borstel-1 lungen und Spießbürgeridealen, so werden wir ihr zeigen, daß sie das nicht tun kann, indem sie dem! Fascismus anhängt, der doch nichts anderes ist als! die Revolution der spießbürgerlichen Massen gegen! die geschichtliche Entwicklung(lebhafte Zustimmung). I Wir werden ihr zeigen, daß sie gerade diesen Kampf I nur austragen kann innerhalb der Arbei-I terklasse, die sowohl daS Erbe der bürgerlichen Freiheitsbewegung zu bewahren als auch es zu ver binden vermag mit alldem, was der Jugend heut« noch unklar und gefühlsmäßig als das Ziel vor schwebt, mit der Einschränkung der individualistischen I schrankenlosen Freiheit durch soziales Berantwor-I tungsgefühl, durch Bindung an die Jntereffen der! Gesamtheit.■''' Wir werden darüber hinaus jener Jugend, die von nationalen Gefühlen beseelt ist, soweit diesx Gefühle ehrlich, gemeint siyh, zeigen; daß daS wahre Interesse der Nation immer nur vom Proletariat wahrgenommen wird als däs nteresse der große» Mehrheit der Nation, daß daS Interesse der Nation nicht der Krieg und die Selbst- j Zerfleischung der europäischen Kulturvölker sein kann, sondern nur der Friede ist, für den wir einstehen, den wir begrüßen wollen! Wir werden dieser Jugend zeigen, daß sie ihr erchebcndes nationales Ziel nicht erreichen kann, indem sie sich einordnet in das Lager des Fascismus, der den Krieg will und der die Nation selbst in Versklavung führt, der«in Kultur« Volk wie das Deutsche seiner Kultur berauben und sie preisgeben will. Das, waS Deutschland vor aller Welt auSzeich- net, jenes hohe Knlturniveau seiner Bevölke rung, basiert auf seiner sozialpolitischen Gesetz- gebung und nicht zuletzt ans dem» waS die deutsche Arbeiterbewegung, die deutschen Gewerk- schasten in jahrzehntelanger Arbeit geleistet haben.(Zustimmung.) Es gibt in den Reihen der gegnerischen Jugend heute Schichten, die getragen sind auch von reli- E'nem religiösen Jdea- guterletzt nicht sehen, wo sie anzupacken haben. Neben **•? u4>. Entwicklung des Geistes muß di« Entwicklung ff?'?ichl des Willens«inhergehen. Daneben müffen wir auch le DoMen der Kirche verwirklichen kann, tndeni| den psychologischen Bedürfnisse» der Jugend Rech- Nr. SS8. Mittwoch, S. November 1882. Seite 3. jungen Kräften zum Teil aufgefangen haben, festzustellen, daß wir die Dinge doch nicht so schwarz betrachten dürfen. Ich glaube, keine Augendbewegung unserer Gegner vermag sich an politischer Schlagkraft mit der sozialistischen Jugend der Sudetettdeutschen zu messen. Es ist nottvendig, daß wir unser Augenmerk auf gewisse Erscheinungen innerhalb der fasci- strschen Bewegung lenken. Der Fascismus ist in feiner Gesamtheit eine Rebellion des Kleinbürger, tuins gegen di« Entwicklung. Aber innerhalb der fascistischm Bewegung gibt es Kräfte, di« einem anderen Wollen entspringen. In vielen Kreisen der faseistischen Jugend gibt es antikapitalistische Stimmungen. In dem Augenblick, wo der Fascismus gezwungen sein wird, fein Programm zu verwirklichen, muß sich ein Bruch eines Teiles der jungen Generation der faseistischen Bewegung mit der älleren Generation des Bürgertums offenbare», ein Bruch, der in seinen Ansätzen heute schon bei der faseistischen Bewegung im Deutschen Reich zu bemerken ist. Dieser Bruch zwischen, der, jüngeren und älteren G e n e r a t i o n i m Fascismus widerspiegelt den Gegensatz zwischen, jung und alt. Dieser, Gegensatz ist aber in der proletarischen sozialistischen Bewegung nicht vorhanden, weil sich di« Jugeird des Proletariats bekennen kann zu'einer politischen Bewegung, die selbst revolutionär ist, die das Reue, die.die Welt umgestalten will. Darum möchte ich die Feststellung des Genossen Franzel unterstreichen, daß für die Jugend in unserer Bewegung Raum zum Lernen und Handln ist.' Es ist notwendig, auch festzustellen, daß in unserer Bewegung auch das Führer Problem für di« Gewinnung der Jugend eine gewisse Rolle spielt. Darum müssen wir uns bemühen, der Jugend vor Augen zu führen, daß zwischen Wort und Tat in unserer Bewegung Ueber- «instimmung besteht. Im Kampfe gegen den Fascis- mus wird«s auch notwendig sein, die Jugend an sichtbarer Stelle in Erscheinung tret»» zu lassen und damit zu beweisen, daß auch in dieser Hinsicht ein Zusammenwirken zwischen jung und alt besteht. Wir müssen der Ansicht widersprechen, daß die Jugendfrage gewissermaßen nur eine Frage der sozialistischen Taktik ist. Wir. stehen auf dem Standpunkt, daß das Jugendproblem ein Problem unserer Grundsätze, der Ideal« unserer Bewegung darftellt. Ich glaube auch, daß die Bewegung der Jugend und der Kampf gegen de» Fascismus nicht eine Angelegenheit des Gegensatzes zwischen jung und alt ist. Richt entscheidend ist, ob einer graue Haar» hat oder nicht, sondern ob er mitten im Kampfgewühl steht, ob er di« Verbindung mit den Massen besitzt oder nicht.(Beifall.) Gustav Schweizer, Brünn: Es kommt nicht rmr. darauf an, die Jugend zu erfassen, sondern auch darauf, sie zu halten und die Jugend von'morgen zu gewinnen. Di» Erfassung der Jugend von heute ist schon viel besprochen worden. Sehr weienrlich ist es, daß sich die jungen Menschen in unserer Bewegung wohl fühlen, daß sie draußen erzählen, daß es ihnen gefällt. Gestatten Sie mir, daß ich, einer der Mten, den anderen Alten sage, daß sie sich bemühen müssen, das richtige Per- hältnis zur Jugend zu finden. Es kommt sehr viel auf die Behandlung der jungen Menschen unserer Bewegung an'. Oft wird die Meinung junger Genossen mit einem Hinweis auf ihre Jugend abgetan. Aber nicht das Alter darf in der Diskussion entscheiden, sondern der Umstand, ob di« Meinung des betreffenden Genossen richtig ist oder nicht. Selbst- Vvrständlich sollen wir die Jugend nicht sofort in leitende Funktionen setzen; aber wir müssen sie doch systematisch zur Verantwortung heranziehen. Auch hier ist es wichtig, die richtige Form zu finden. Man darf der Jugend die Funttionen, di« man ihr überträgt,. nicht verekeln und herabwürdigen. Wir wollen dir Jugend nicht nur halten, sondern auch bilden. Und hier ist es unbedingt notwendig, nicht nur den Berstaird zu schulen, sondern^ auch die Gefühls- und Willensbildung zu betonen, denn zuerst ist das Gefühl, dann der Wille. Wir müssen auch dafür. sorgen, daß der Jugend die Mittel gewehrt werden, di« sie zu ihrer organisatorischen Entfaltung braucht. Die Entwicklung unserer Jugendbewegung darf z. B. nicht daran scheitern, daß man ihr kein Lokal für ihre Veranstaltungen überläßt. Ich kenne ein« Geschichte von Schildbürgern, di« einen wunderbaren Quell besaßen, da siedelten sich am Berge, wo sich dieser Quell befand, Bauern an und verunreinigten den Quell. Es wär« viel besser gewesen, di« Schildbürger hätten oben am Berge Ordnung gemacht und ich sage Euch, Genossen, hüten wir uns, daß wir nicht solche Schildbürger werden. Wer für di« Zukunft sorgen will, der muß sich um den Quell unserer Bewegung, um die Jugend, vor allem um die Kinder kümmern, damit sie nicht ausgeliesert werden den Praktiken einer durchaus verbürgerlichten Schule. Gegen den Einfluß der bürgerlichen Erziehung müssen wir ein Gegengewicht in unserer Kinderfreundcbcwegung schaffen.(Starker Beifall.) Karl Verbrich, Braunau, erklärt, daß das Jugendproblem das wichtigst« auf der Tagesordnung des Parteitages sei, denn di« Jugend wird das zu erfüllen haben, worum die früheren Generationen gekämpft haben. Wir müssen unser Wirken so einstellen, daß wir di« Jugend begeistern können. Die Geschehnisse machen uns aber diese Aufgabe oft ungeheuer schwer. Wir müsjen der Jugeird di« Wahrheit sagen, das heißt, alles dar, was sie von der Gegenwart und der nächsten Zukunft zu erwarten hat. Unsere Koolitionspolittk ist nicht imstande, die Jugend mit Beschwingtheit zu erfüllen. Wir erzeugen in der Jugend Illusionen, wenn wir ihr sagen, daß es nur einen Weg gibt, nämlich den Weg der Koalttionspolitik.(Widerspruch, Zwischenrufe: Wer sagt denn das? Losen Sie die Resolution, dort steht das Gegenteil!) Di« Zukunft wird io hart sein, daß die Jugend das Letzt« wird «infetzen müssen, wenn sie die Welt«robern will. Entschließung des Parteitags zum Jugendproblem: Der Parteitag ruft die Arbeiterjugend zum Kampfe! Die fnrchüßare, seit Jahren wütende Wirtschaftskrise trifft mit besonderer Schwere di« jung« Generation. Zehntausende junger Proletarier trete« nicht mehr als Lehrling« und Lohnarbeiter, als Angestellte und Beamt«, sondern als Arbeitslose den Weg aus der Schule ins Leben an. Diese Veränderungen im sozialen S e i n der Jugend bedingen auch eine tiefgehende Wandlung ihres gesellschaftlichen Bewußtseins. Der biologische Gegensatz der Generationen nimmt infolge dieser sozialen und geistige» Krise der Jugend schärfere Forme« an als in normal«« Zeitläufte«. Weite Kreise der Neinbürgerlichen und auch der halbproletarisch«« Jugend find in ihrer Verzweiflung und Wirrnis Opfer der gewissenlose« faseistischen Agitation geworden. Im klaskenbewutzte« Prole. t a r i a t aber sind, da es als Ganzes di« bestehend« Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung verneint, heut« wie immer all« Voraus- setzuuge« für die dauerud« brüderliche Zusammenarbeit von alt«nd jung, für das organische Hineiuwachsen der Jugend in die sozialistischen Organisationen gegeben. Die Mobilisierung der radikalisierten Jnqend durch den Fascismus, der demagogisch« Mißbrauch, den das Bürgertum in seiner Angst vor der Machtergreifung durch die Arbeiterklasse mit den antikapitaliftischen Instinkte« der notleidenden Jugend treibt, haben die Klaffenkämpfe gewaltig verschärft. Diese Tatsache legt uns heut« stärker als je di« Pflicht auf, unser« ganze Kraft zur Erziehungsarbeit an unserer eigene« Jugend, zur Werbearbeit in der indifferente« und zur Aus einandersetzung mit der gegnerischen Jugendbewegung einzusetzen. Mit unerbittlicher Schärf« müsse« wir darum der Jugend die wahren Ursache« der i kapitalistischen Krise und damtt der sozialen Rot i der Heranwachsenden Generation vor Auge« i führen. Mit den Methoden der marxistischen Geschichtsauffassung und Gesellschaftskritik, di« wir dauernd in der proletarischen, Jugend lebendig erhalten und dem Nachwuchs durch intensive Schulung vermitteln müssen, werde« wir die ökonomischen«nd gesellschaftlichen Umschichtungen der gegenwärtige» Epoche des Kapitalismus in alle« ihren Zusam- : menhängen erklären und vor der Jugend das sBild der untergehendeu kapitalistischen Welt ent- . rollen. Damit weise« wir ihr zugleich den einzig mögliche« Weg der Befreiung des arbeitenden Volkes durch den organisierten Klassenkampf und di« Aufrichtung der sozialistischen Gesellschaft, damit zeigen wir aber auch der Jugend ihre ^historisch« Mission in diesem ^Kampfe. Um mit unserer Aufklärungsarbeit in di« weitesten Kresse der indifferente« und gegnerischen j Jugend vorzudringen, werden wir unsere Agitationsmethoden den Bedürfnisse« anpassen, die ' durch die modernen Propagandamächte: Sport, . Film»nd Rundfunk gegeben sind. Der Parteitag ' appelliert an alle sozialdemokratischen Arbeiterorganisationen, sich bei ihrer Erziehungsarbeit von diesen Grundsätzen leiten zu lassen und auf der Basis der ErziehungSbeirät« mit der Partei gemeinsam dafür zn wirke«, daß in der Jugend revolutionärer Geist«nd proletarisch« Disziplin erweckt und daß so di« jung« Generation de« Gedanke« des Klassenkampses gewonnen werde. Ja de« Reihe« der Sozialdemokratie kann die proletarische Jugend nicht nur für ihre sozial« Befreiung wirken, sondern auch alle sie bewegende« Fragen offen be. spreche«, ihrem Ringe« um neu« Lebensformen, ihrem Kampf gegen die bürgerlich« Kulturlüg« Ausdruck geben. Die arbeits- und opferbereite, marxistisch geschulte«nd moralisch reif«, in der Organisationsarbeit erfahrene Jugend findet in den sozialdemokrattschen Organisationen ein reiches Feld der Betätigung. Die Partei wird der organischen Eingliederung der Jugend in ihren Funktionsapparat die vollste Beachtung widmen. Der Parteitag spricht aus, daß wir es beim Jugendproblem mft einer Schicksalsfrage dergesamten Partei zu tun haben. Der Parteitag ruft die Jugend der Arbeiterklasse auf, in den geschichtlichen Stunde« ent» scheidender Kämpfe um das Schicksal des Sozia- lismns sich ihrer ungeheuren Verantwortung«nd ihrer revolutionären Sendung bewußt zu sein. Er erwartet, daß die Arbeiterjugend in Treue zur sozialdemokratischen Partei steht, deren Vergangenheit sie gleichermaßen verbunden ist durch die Ideenwelt des Marxismus wie durch den Dank für die Opfer, die drei Generationen des Proletariats dem sozialistischen Gedanken und dem Aufbau der Arbeiterbewegung gebracht haben. Der Parteitag grüßt das«en« Geschlecht der Arbeiterjugend in dem Bewußssein, daß in ihm die Vollendung unseres Werkes heranwächst, in der Hoffnung, daß es dereinst die r o t e Fahne zum Siege führe« wird! Mari« Güu^l, Karlsbad: Das. Leben im Kapitalismus ist«ine Quelle unendlichen Leides. Der Entwicklung des Menschen müssen wir eine Eigengesetzlichkeit zuerkennen. I» den einzelnen Entwicklungsphasen der menschlichen Persönlichkeit liegen die Ursachen zu den Konflikten zwischen jung und alt. Dem Eigenleben der Jugendlichen sicht ein solches der Erwachsenen gegenüber., Di« Jugend nimmt an, daß die Alten wissen, was es heißt, jung zu sein. Die Alten aber stützen sich darauf, daß sie alles verstehen, was die Jugend betrifft, weil sie selbst einmal. jung waren. Aber einen Gegensatz zwischen jung und alt gab es schon, als die Alten von heut« noch jung waren. DoS seelisch« Aneinandervorbeigehen ist di« Ursache der Konflikt« zwischen jung und alt. Die Jugendfrage ist auch für,die Frauenbewegung bedeutungsvoll. Die Gewinnung der M ädchen ist viel schwerer als die Gewinnung der Burschen. Den Männern ist ein« ander« Ori«ntierung eigen als den Frauen. Aber die Frauen wollen genau so aus der jetzigen Welt des Unrechtes hinaus. Trotz allen Verschiedenheiten müssen wir einem Ziele zustveben. Der gesamten Parteimitgliedschaft, vor allem d»r Jugend, muß Gelegenheit zur Aussprache gegeben werden. Gemeinsam mit der Jugend müssen wir uns mit den Gegnern auseinaNdersetzen.(Beifall.) Willi Wauka, Prag: Das Problem der deutschen Jugend dieses Staates erfährt«ine besondere Prägung durch die innerstaatlichen Verhältnisse. Es ist st», daß heute di« Schicksalsfrage um Sein oder Nichtsein der gesamten jungen sudetendeutschen Generation auf der Tagesordnung steht. Daraus ergibt sich di« Aufgabe, der Jugend in konkreter Formulierung einen Ausweg aus ihrer Not zu weisen. Die politischen Pole der sudetendeutschen Jugend find so: Der Versuch natio- nalsstsscher Verblendung, auf dem deusschen Sied- lungsbodeu dieses Staate- ein Eigenleben aufzubauen, oder Eingliederung in die Aufbaukräfte europäischer Zusammenarbeit. Die mit diesem Fragenkomplex zusammenhängenden Probleme bedürfen einer gründlichen Diskussion im Kreise der sozialistischen Jugend. Daraus geht aber auch hervor, daß die Jugeird treibendes Element bei der Schaffung des neuen Parteiprogramms sein muß. Dieses soll die konkrete Formung sozialistischer Zielsetzungen im Lebensinteresse der Arbeiterschaft und besonders der Jugend bringen. Das Äugendproblom im sozialistischen Lager sst heute kein reines Generationsproblem mehr. Di« proletarische Jugend wächst mit der Entwicklung der Zeitverhältnisse. Soweit«in gewisser Anschauungsunterschied zwischen juW und alt in der Arbeiterbewegung auf Generation-Problem« zurückzuführen ist, gibt es ein leichtes Rezept, daraus resultierende Spannungen auszngleichen. Man geb« der Ju- gend Gelegenheit zur Betätigung im Sinn« ihres politischen Wollens und sie wird dann auch die Maßstäbe'finden für die richtige Beurteilung der Rolle und Leistungen der Alten in der Arbeiterbewegung.(Beifall.) Heinrich Weißbach, Schreckenstein, führt aus, daß ihn der Parteitag nicht enttäuscht hab«. Es freut die Jugend, daß ihr Problem so ausführlich behandelt werd«. Es müssen neue Propagandamechoden entfaltet werden. Mit Recht schenken die Deutschen und die Oester- reicher der Symbolik mehr Augenmerk. Die neuen Symbole tragen den Ansprüchen der Jugend Rechnung. Die einheitliche Kleidung ist sehr wir kungsvoll, sie wirkt nicht nur auf unsere Leute, sondern auch auf die indifferente Jugend. Allerdings kommt es nicht nur auf di« Symbolik an, sondern auch darauf, wofür man mit diesen Symbolen kämpft. Unser« Jugend muß Vock Geist des Marxismus beseelt sein. Wenn wir von proletarischer Wehrhaftigkeit sprechen, so ist das keine Soldatenspielerei. Unter Umständen wird es notwendig sein, den Fascismus nicht nur geistig, sondern auch Physisch zu bekämpfen. Wir hätten nur zu wünschen, daß auch dir Parteigenossen ihre Kinder in. di« proletarischen Jugendorganisationen schicken und daß die Arbeiter- Heime uns" Lokal« für Jugendheime zur Verfügung stellen. DaS Jugrndproblem kann nur gelöst werden im einvernehmlichen Zusammenarbeiten zwischen jung und alt.(Beifall.) Rudolf Geißler» Teplitz-Schön au: Bei unserem Kampf« um die Jugend handelt es sich nicht darum, die Jugend für die Koalitions- Politik, sondern für den SozialisnuiL zu gewinnen. (Beifall.) Als wir uns vor fünf Jahren auf einem Parteitag mit dem Jugendproblem beschäftigt haben, geschah es, um die Zusammenarbeit der Organisationen zn ermöglichen, welche sich um di« Jugend zu kümmern haben. Heule handelt es sich darum, die geistigen Grundlagen für die Gewinnung der Jugend zu suchen und deswegen verlangen wir auch die Schaffung eines Programmes der Partei. Wohl erziehen wir di« Jugend zu Soldaten des Klassenkampfes, aber zu Soldaten, di« denken. Denn wir brauchen in der proletarischen Bewegung denkende Menschen. So wie die bürgerliche Jugend fascistisch ist, ist die proletarische Jugend sozialistssch. Es handelt sich um die Aktivierung der jungen Generation in der Partei und deswegen verlangen wir die Schaffung der Jungfrontbewegung, welche der Jugend in der Partei neue Ausgaben zü- weist. DaS ist nicht Sache der sozialistischen Jugend allein, sondern Sach« der Gesamtbewegung, aller Erziehungsorganisattonen und der Partei. Nur so können wir. die Jugend, die uns noch sc.rnsteht, gewinnen. Ein Wort zum Schluss« noch an die Erwachsenen: Entscheidend für die Arbeiterjugend ist das Beispiel unserer älteren Genossen. Beispiel und Vorbild sind di« besten Erzieher der Äugend. So werden wir die Jugend für di« Lösung unserer großen Zukunftsaufgaben gewinnen.(Beifall.)* Hubert L«iusm«r, Komotau: Der Genosse Werner sprach von einem Gegensatz zwischen jung und alt, der daraus resultiere, daß die jungen Genossen kein« so aktive Roll« spielen können, wie sie es verdienten. Es ist aber nicht richtig, daß es di«. Jugendlichen nicht weiter bringen könnten als bis zum Subkassier. Der ganze Parteiapparat wird geführt von jungen Genossen. Werner hat sicherlich gemeint, daß di« jungen Genossen besser herausgestellt werden sollen. Die Pattei ist in gewissem Sinne gespalten in die Vottttegs- und in die Nachkriegsgeneration. Darum fehlt es an gegenseitigem Verständnis. Di« Jugend will Proben ihres Könnens Mögen, und zwar nicht nur bei den unsichtbaren Parteiämtern. Bestimmend auf sie wirkt di« Tatsache, daß es Genossen gibt, die vier oder fünf Funktionen, manchmal auch zehn bekleiden, von denen manchmal die eine oder ander« abgetreten werden könnte. Die Aemterhäufung muß beseitigt werden. Manche Genossen überschätzen sich, si« meinen, eine bestimmt« Funktion könnten mir sie ausüben. Die jungen Genossen, die oft ebenso ihr« eigenen Fähigkeiten überschätzen, sagen, daß sie Er- fahrungen erst sammeln können, wenn man ihn«n dazu Gelegenheit gibt. Diese Differenzen können wir ni« durch Beschlüsse aus d«r Welt schaffen. Hier gilt es, gegenseitiges Verständnis und Entgegenkommen zu beweisen. Di« jungen Genossen dürfen keine Mandatsstreber und die alten keine Manhatskleber sein. Der Drang der Jugend inuß sich paaren mit dem Erfahrungsschatz der Alten, dann wird unsere Partei unüberwindlich werden.(Beifall) »ss Schlußwort des Genossen»r. franzel: Das Generationenproblem wurde von einigen Rednern aufgerollt. Der schönste Beweis, daß das Problem, wie in der Debatte gesagt wurde, bei uns rein akademisch ist, ist die Zusammensetzung der Rednerliste. Unter 13 Rednern, di« sprachen, waren zwölf, die man mit Fug und Recht als Jugendliche ansprechen kann und der ein« Genoss« mit grauem Haar hat so herzliche Worte für di« Jugend gefunden, daß man wohl sagen kann, wir sind in der Auffassung über das Jugendproblem einig. Worin besteht das große Generationenprodlem? Daß di« Menschen, die älter als 30 und 40 sind, zurückblicken auf Erfahrungen, die für si« Hemmungen, Hemmungen der Verantwortung darstellen, und daß die junge Generation, die dauernd lernt, noch zu wenig Hemmungen dieser Art hat. Da müssen wir sagen, daß das Wort Viktor Adlers, daß das Gehirn vor allem ein Hemmungsorgan zu sein hat, auch heut« seine Geltung besitzt. Wenn ich in meinem Referat auf die Schulung-- und Bildungsarbeit solch einen Wert gelegt habe, so tat ich es darum, weil ich überzeugt bin, daß sich eine geschulte Jugend diese Hemmungen auferlegen wird. Selbstverständlich, so weit exfftiert dieses Problem auch für unS, daß wir uns alle mit den psychologischen Voraussetzungen beschäftigen müssen. Wir müssen auf die ganze Psychologie der Jugend eingehen und uns damit auseinandersetzen. Aber ebenso verlangen wir von unstren jungen Genossen, daß sie eingehen auf die Psychologie der Aeiteren und nicht glauben, sie seien die Wunderkinder, daß auch sie lernen, daß das Problem der Zusammenarbeit ein Problem der dauernden Verständigung aller Jahrgänge ist. Wir dürfen jedoch das Generationenproblem nicht schematisieren. Nichts wäre gefährlicher, als zu sagen, von einer gewissen Altersgrenze an beginn« der Unter- schied zwischen den Jungen und den Alten und liege eine Grenze der Fähigkeiten. Junge Menschen haben in der Geschichte auch Bedeutendes geleistet. Aber ebenso finden wir zahlreiche Beispiele dafür, daß Menschen in hohem Alter noch Großes geschaffen haben. Das alles sind Dinge, die sich nicht ans eine Formel bringen lassen. Vielmehr müssen wir überall ernstlich bestrebt sein, immer den' richtigen Mann an die richtige Stelle zu setzen nach leinen moralischen und anderen Fähigkeiten, ohne Rücksich: auf die Person. ES gilt daS ebenso wie für di« Ergänzung des organisatottschen Apparat? wie für das Führerprvblem selbst. Genosse Kern weirdet sich ein ivcnig gegen das Wort, von den Bersuchslaborarorien. DaS hatte doch nicht zu bedeuten, daß di« jungen Genossen immer dort fitzen bleiben sollen. AuS diesen Versuchsschulen sollen doch die Funktionäre aufsteigen. Wir sind eine Partei, wo der jüngste Genosse den Marschallstab im Tornister trägt. Wir haben es nicht nötig, nach den Methoden der Nationalsozialisten den größten Reklametrommlcr für di' Führerpersönlichkeit zu halten, sondern sind über- Seite 4 Mittwoch, 2. November 1982. Nr. 258. zeugt, daß der geeignet« Mann aus der Masse auf-1 steigen wird. Es gibt auch in der Frage der Koali-I tionspolitik kein« Scheidung nach dem Alter. ES gibt junge Genossen, die für die. Koalitionspolitis sind und unter den Melieren Gegner. Wenn«S Genossen gibt, die glauben, weil si« jung sind immer gegen alles sein zu müssen, dann wird man ihnen mit Recht die Reife und Befähigung absprechen. Sehr werwoll in der Debatte waren die Hinweise auf di« Aufgaben der einzelnen proletarischen Organisationen. Man muß die Jugend gewinnen auch mit Sport und Spiel, stets aber mutz man daran denken, dah si« nicht dabei stehen bleibt. Die Gewerkschaften sind ein Sammelbecken der zuerst ökonomisch am Sozialismus interessierten und haben ein» eben solche wenn nicht primäre Bedeu- tung wie die Turner, Kinderfreunde und ander« Verbände. Darum obliegt es allen, diesen Organisationen, dem Jugendproblem die nötige Aufmerksamkeit zu schenken. Es wurde gesagt, di« Jungen hätten zu wenig Mut. Das ist wohl unrichtig; bei den Auseinandersetzungen mit den Gegnern wird sich zeigen, ob bei dem Einzelnen dieser Mut gesund oder nur leichtfertig ist. Wenn Jugendliche in gegnerische Versammlungen gehen, schlecht vorbereitet und ein« Niederlage für die Partei Heimbringen, dann wollen wir von diesem Mut nichts wissen. Wenn sie imstande sind, die Auseinandersetzung mit den richtigen geistigen Argumenten zu führen, wird di« ganz« Partei damit einverstanden sein. Auch da läßt sich also keine einheitliche Form schaffen. Ebenso wird die Äugend Kompro- mihlosigkeit fordern können, wenn sie selbst zeigt, datz sie im eigenen Rahmen kompromißlos ist. Di« Kompromißlosigkeit beginnt dort, wo man die Wahl hat, zum Vergnügen zu gehen oder in die Versammlung, zu einem schönen Film oder zur Austeilung von Flugblättern, und wenn man bewiesen hat, daß man selbst der lleberzeugung überall den Vorrang e i n r L u m t. Di« Partei wird einer so verläßlichen und kompromißlosen Jugend, die ihre sozialistische lleberzeugung stets voranstellt, immer die. Möglich, keit zur Kritik geben und nichts dagegen haben, wenn s« stets offen ausspricht, was sie am Herzen hat. Wenn auch di« Aufgabe sehr schwer ist und manch« Bedenken bestehen, hat doch in der Frag« der Programmkommissio« der Parteworstand die Initiative«griffe». Wir können als» damit rechnen, daß in de» nächste« Jahren«in n«uer Programmentwurf vorgelegt«nd erörtert werden wird, der den vielen mythischen Parolen der Gegner das Aar« marxistisch« Programm der Partei entgegenstellt. Selbswerständlich wird zur Mitarbeit dabei auch di« Jugend herangezogen werden und wir sind überzeugt, daß das Programm die Äugend vollkommen befriedigen und ihr di« Unterlagen für ihre Arbeit und im Kampfe mit d«n Gegnern geben wird. Wenn die sozialistisch« Jugend in den Kreisen der sascistischen und bürgerlichen Jugend wirkt und agitiert, darf st« ni« vergessen, dieser Jugend dauernd zu zeigen, daß der Kampfder jungen Generation«in organischer Teil der Befreiungskampf fes der Menschheit ist, den di« Arbeiterklasse führt. Die Jugend hat hier rin« große historische Aufgabe, welche ste nur erfüllen kann, wenn sie aufbaut auf dem, was bisher geschaffen wurde, wenn si« sich nicht zu dem Gedanken verleite» läßt, daß immer und überall alle« Bestehende niÄergerissen werden muß. Zwischen dem Bürgertum und der sozialistischen Bewegung ist da«in großer Unterschied. Im bürgerlichen Lager hab«« wir«S zu tu« mit einer Arm« aus dem Rückzug, welch« all« hindernde Bagage wegwirst,»m sich steter bewege« zu könne«. Darum kann das Bürgertum nichts verliere«, wenn ihr« junge Generation alte Vorstellungen wegwirst und fich der neuen Zeit anpaßt. Aber einer Arme« im Bormarsch, da» He«r d«S Proletariats im Angrifs darf sein« Verbindungen nicht ausgeb««. Das mnß organisch, muß Zug um Zug aufbaue« und verwerten, waS vorher gewonnen wurde. Bringen wir der Jugend zum Bewußtsein, daß sie fortzusetzen, zu übernehmen, aufzustocken hat aus dem, wa» die sozialistische Bewegung bisher geschaffen hat. Lassen wir uns nicht irreführen durch daS russische Beispiel. Dort erwächst der Sozialismus ans ganz anderen Grundlagen als bei uns und die russischen Methoden würden bei uns zur Niederlage der Arbeiterklasse führen. Dir Jugend muß fich dessen bewußt sein, daß ei» Zusammenbruch oder nur«ine Schwächung des Sozialismus die Arbeiterschaft auf Jahrzehnt« vielleicht in» Unglück stürzen würde,«nd daß sie vor der Geschichte«ine ungeheure Verantwortung zu trage« hat. Si« muß auf dem Platz« sei«, wenn der Rus an fi« ergeht. Sie sei eingedenk d«r Wort« de» Dichter«: Der Menschheit Würde ist in Eur, Hand gegeben, bewahret si«, si« sinkt mit Euch, mit Euch wird si« sich hebe»!(Stürmischer und langanhaltender Beifall.) Der Vorsitzende Genosse Kremser laßt nunmehr über die Resolution zum Jugendproblem(die wir an anderer Stell« der- öffentlichen) abstimmen; die Entschließung wird einstimmig angenommen. Das Wort erhält jetzt Genosse Grünzner als Berichterstatter der M a n da t s p r ü- sungs- und der Wa hl ko m Mission: Auf dem Parteitag sind anwesend 28 Mitglieder des Parteivorstandes, 10 der Parteikontrolle, Frauenreichskomitee 7, 84 Vertreter der Kreisorganisationen, 204 Vertreter der Bezirksorganisationen, 88 Vertreter der Lokalorganisationen; ferner 5 Vertreter-er zentralen Vera- VS« Neuwahlen 0 Die Erledigung der Anträge zum Parteitag wird dem Parteivorstand zu- (Lokalorganisation Olbersdorf) Alkohclverbot an den Assentierungstagen. Antrag 8(Lokalorganisation Großpriesen) seinem ersten Teil(Kultusetat) abgelehnt, fein zweiter Teil durch di« Annahme des *) Die Anträge sind hier nach den Nummern des Antragsheftes bezeichnet. tungsstellen, 6 Mandatare der Klubs der Abgeordneten, der Senatoren und Landesvertreter, 15 Beauftragt« der Kultnr-«nd Erziehungsorganisationen, je ein Delegierter der Bereinigung sozialdemokratischer Aerzte, der sozialdemokratischen Juristen und des Verbandes der Wirt- schaftsgenossenschaften, 18 Vertreter der Gewerk schaften. Insgesamt 443 stimmberechtigte Delegierte. Dazu kommen 8 Vertreter der Partei- und 10 Vertreter der Gewerkschaftspresse, 20 Abgesandte der Bruderparteien des Ja- und Auslandes, insgesamt also 481 Delegierte. Außerdem nahmen an den Verhandlungen 330 Gäste teil. bach, Müller Heinrich, Aussig, Paul Ernst, Prag, Sacher Anton, Karlsbad, Seidel Franz, Teplitz, Schweitzer, Prof„ Gustav, Brünn, Storch Rudolf, Aussig, Taub Siegfried, Prag, Ullmann Alois, Aussig, Wondrejc Adolf, Bodenbach, Franzel, Dr., Emil, Prag. Deratniigsau$$e hohen Ziele des internationalen Sozialismus kämpfen. Lassen Sie mich den Parteitag schließen mit dem Ruf: Es lebe die internationale Kampfgemeinschaft der sozialdemokratischen Parteien! ES lebe di« Deutsche sozialdemokratische Arbeiterpartei dieses Landes! ES lebe die opftrwillige, zum Dienst an dem Sozialismus bereite Jugend der Arbeiterklasse! * Di« Delegierten erheben sich und bringen«in dreifaches Hoch aus. Mit dem Gesang der„Internationale" wird der herrlich verlaufene Parteitag beendet. Stolz weht die Fahne purpurrot! Ein Parteitag der Kratt, des Vertrauens und der Siegeszuversicht. An trüben Herbsttagen waren diesmal die Sendboten der fudetendeutschen Arbeiterklasse in Prag versammelt. Der verdeckte Himmel über dem Moldaubecken symbolisierte die Lage im ganzen Lande, das inmitten schicksalsvoller innerer Kämpfe und an der Schwelle eines neuen schrecklichen Krisenwinters steht. Aus dem sudetendeutschen. Grenzgebiete, das in den verflossenen Jahren ein einziges Notstandsgebiet geworden ist, kamen die freigewählten Vertreter der Arbeiter, Angestellten und Kleinbauern, um in tragischer Stunde die Methoden der Selbstbehauptung zu bestimmen und den Weg zu glücklicheren Tagen zu finden. Eine furchtbare Berantwortungslast ruhte auf den Schultern der nahezu fünfhundert Männer, Frauen und Jungproletarier, die den Parteitag verkörperten. Haben sie in den vier bewegten Ber- handlungstagen ihre Mission erfüllt, sind sie ihrer Aufgabe gerecht geworden? Auch die strengste Prüfung der Beratungen und Beschlüsse des Parteitages wird diese Fragen mit einem freudigen Ja beantworten können. Fanfarenklänge, der Einmarsch der Jugend mit ihren Sturmfahnen und die Klänge ihres Kampfliedes„Brüder zur Sonn«, zur Freiheit" ließen die Herzen schott am Beginn höher schlagen. Die folgenden Referate und Debatten waren getragen von dem tieftn Ernst der Situation, von schwerer Besorgnis um die Zukunft, aber auch von loderndem Kampfeswillen und unerschütterlicher Zuversicht! Keine Herzfalte proletarischen Denkens und Fühlens, di« in freiester Aussprache nicht aufgedeckr worden wäre. Die Gegenwart ist chaotisch und es wäre ein beschämendes Armutszeugnis für eine sozialistische Massenpartei, wenn das große Parlament ihrer Vertrauensmänner nicht alle Regungen der Arbeiterseele Widerspiegeln würde. Leid und Kümmernis des arbeitenden Volkes klangen ergreifend auf, Hoffnung und Zweifel rangen heiß miteinander auf der Tribüne, aber wie aus Feuers- gluten blinkender Stahl geboren wird, so formte sich aus diesem Ringen neu die gemeinsame Ueberzeugung an di« Unüberwind- lichkeit der sozialdemokratischen Bewegung, an di« Sieghaftigkeit der sozialistischen Idee. Das Vertrauen der sudetendeutschen Arbeiterklasse ju ihrer eigenen Kraft und Zukunft, zur Partei und ihrer Führung ist auf dem Prager Parteitag neu geboren worden. Es war ei«Parteitag, der Klärung. Drei Jahre Koalitionspolitik unter schlimmsten Verhältnissen häufen Stoff zur Kritik wahrlich berghoch auf. Diese Kritik ist in freundschaftlichen Formen und mit männlicher Offenheit geübt worden. Sie wandte sich nicht gegen Personen, auch nicht so sehr gegen die bisherige Taktik, sondern gegen die sozialen und nationalen Verhältnisse itt diesem Staate, die trotz heroischer Kraftanstrengung nicht soweit geände cd-werden konnten, daß sich die deutsche Arbeiterbevölkerung mit ihnen abzufinden vermöchte. Daneben wurden freilich auch die positiven Seiten der Koalitionspolitik klar herausgearbeitet. A r b e i ts- l o s e waren es, die von der Parteitagstribüne die reichen sozialpolitischen Leistungen der sozialdemokratischen Arbeiterminister dankend und rühmend anerkannten. Arbeitslose Delegierte forderten die Fortsetzung dieser Tätigkeit. Ausschlag im Aufeinanderprallen der Gesichtspunkte gaben die Erwägungen über die großen historischen Aufgaben der Partei an diesem geschichtlichen Wendepunkt. Daß aus der heutigen Position der Partei die Pflichten gegenüber der Internationale am besten erfüllt,' die Machtergreifung des Fäscisnins am erfolgreichsten verhindert werden kann, daß auf diesem Boden das herzliche Verhältnis zur tschechischen Bruderpartei inniger gestaltet und vertieft werden möge, daß durch Mitwirkung in der Regierung die Lebensrettung der deutschen Arbeiterklasse aussichtsvoller versucht werden könne als in der Isolierung der Opposition— das bestimmte die überwältigende Mehrheft des Parteitages für die Fortsetzung der bisherigen Politik zu stimmen. Und die Minderheit, welche ihrer gegenteiligen Ueberzeugung bei der Abstimmung Ausdruck verlieh, wird— darüber herrscht kein Zweifel— in sozialdemokratischer Disziplin zur Politik der Gesamtpariei stehen. Ohne Ueberheblichkeit können wir sagen, daß es wenige Parteien in der Welt geben wird, die derart gigantische Schwierigkeiten mit solcher felsenftster Geschlossenheit überwinden könnten. Die Kommunisten und Fascisten, welche wegen einiger oppositioneller Anträge schon eine Spaltung der verhaßten deutschen Sozialdemokratie kommen sahen, mögen sich bei der Kennt- Abrüstungsdiskussion kommt wieder in Gang. Freitag spricht Paal Doncour. Genf, 1. November. Donnerstag vormittags tritt das Büro der Abrüstungskonferenz zusammen, um zunächst nach einem Expose Hendersons über den Stand der Konferenz, die inzwischen bereits eingereichten Berichte über die Kontrolle, den chemischen Krieg und die Luft- ftchrt entgegenzunehmen. Di« Rede Paul Boncours über den französischen Wrüstungs- und Sicherheitsplan ist für Freitag vormittag angekündigt. Dagegen sicht es noch nicht fest, wann und in welcher Form der französische Plan der Konferenz unterbreitet wird. Die Bemühungen Hendersons scheinen darauf hinauszuachen, eine möglichst baldige Veröffentlichung des Planes von der französischen Delegation zu erwirken. Eine Diskussion des Planes im Büro der Abrüstungskonferenz dürfte nicht stattfinden. Man spricht davon,daß diese DiskussiondemHaupt- a u s s ch u ß der Konferenz, der am 21. November zusammentritt, Vorbehalten bleiben soll. Rastungsstlllsland dis Ende Feber 1933 verlängert? Genf» 1. November. In der Resolution des HauptauSschusseS der Abrüstungskonferenz vom 23. Juli war den beteiligten Regierungen empfohlen worden, den im vorigen Jahre abgeschlossenen Rüstungsstillstand für vier Monate vom 1, November ab zu erneuern. Bis heute haben 46 Staaten dem Bölkerbundsekretariat mitgeteilt, daß sie mit der vorgeschlagenen Verlängerung einverstanden sind. Unter chnen befindet sich u. a. Rußland, Italien, Frankreich und Großbritannien. Die ERnltagewodie im Wahlprogramm Roosevelts. Boston, 1. November(Reuter). Roosevelt hielt hier vor einer vieltausendköpfigen Menge eine große Wahlrede, wobei ihm von den Versammelten ein sehr herzlicher Empfang bereitet wurde. Roosevelt warf den Republikanern vor allem den Umstand vor, daß sie unter den Wählern unnützer Weise Angst verbreiten. Aus seinem Programm hob der demokratisch« Präsidentschaftskandidat besonders die Forderung nach einer fünftägigen Arbeitswoche und di« Dringlichkeit der staatlichen Hilf« für die Arbeitslosen hervor. Pas Ende des Rechtsstaates. Held über die Reformpläne Papens. Stuttgart, 1. November. In zwei Zentrumsversammlungen sprach am Montag der bayerische Ministerpräsident Dr. Held. Er führte zu den Plänen der Reichsregierung aus, er habe nicht die Ueberzeugung, daß diese Regierung föderalisttsch eingestellt sei. Die vom Reichskabinett geplanten Reformen müsse er entschieden ablehnen. Die Bestellung und die Tätigkeit des Reichskommissars in Preußen halte er als nicht der Verfassung entsprechend; dieses Vorgehen bedeute das Ende des Rechtsstaates. Man wolle die Ber- preußung des Reiches. Die Maßnahmen in Preußen kehrten die Grundlagen der Reichsver- fafsung um, Ich habe jetzt, sagte Dr. Held, den Glauben an das Kabinett von Papen verloren. Ich muß bekennen, daß ich heute auf das schwerste enttäuscht bin. Polen rammen den Nichtangriffspakt. Ohne auf Rumänien zu warte«. Warschau, 1. November. Die polnische Regierung soll beschlossen haben, in der nächsten Zeit dem Parlamente den seinerzeit in Moskau paraphierten polnisch- sowjetrussischen NichtangriffS- paft zur Ratifizierung vorzulegen. Ursprünglich hatte bekanntlich di« polnische Regierung die Ratifizierung von dem Zustandekommen eines ähnlichen Paktes zwischen Rumänien und Sowjetrußland abhängig gemacht. Mit Rücksicht auf die großen Schwierigkeiten, die sich dem Abschluß eines Nichtangriffspaktes zwischen Rumänien und Sowfttrußlano in der letzten Zeit cntgegeystellt haben, faßte di« polnische Regierung den Beschluß, den Garantievakt mit Sowjetrußland zu ratifizieren..'hne den Verlauf der weiteren Verhandlungen zwischen Rumänien und Sowjetrußland abzuwarten. Reichshank zögert mit weiterer Diskontherabsetzung. Berlin, 1. November. Die reichsdeutschen Finanzkreise erwarteten für den heutigen Tag eine Herabsetzung des Diskontsatzes von 4 auf 3% Prozent. Die Reichsbank nahm aber ein« solche Senkung nicht Vor, besonders im Hinblick auf di« Devisenlage,' was in.der heutigen, den Industriebund Finanzgruppen nahesteheriden Presse Angriffe auf die Finanzpolitik der Reichsbank heroorruft. Es wird ihr vorgeworfen, daß sie engbrüstig sei, und daß durch den Mangel an Mut die Besserung der Wirtschaftslage gebremst werde. Auf der Berliner Börse notterten heute zum ersten Male die Kurse der Steuergutschreibungen, die von der Papenregierung eingeführt wurden. Die im Jahre 1934 fällige Tranche notiert« bei einem Kurse von 90)4 Prozent. Die später fälligen Stücke notierten bei entsprechend niedrigerem Kurse; die im Jahre 1938 als letzte fällige Tranche notierte mit 71 Prozent. Koalitionskahlnett in Esthland Ein Sozialdemokrat Außenminister. Reval, 1. November. Der Senior der esthlän- dischen Politiker, Konstantin P ä t S, hat heute die vierwöchige Kabinettskrise mit der Bildung einer neuen Regierung beendet, in der die drei großen Parteien d«s Landes wie folgt vertreten sind: Ministerpräsident: P ä t s(Agrarpartei), Außenministerium: Rei(Sozialdemokrat), Volkswirtschaft: I ü r m a n(Agrarpartei), Inneres und Justiz: Anderkopp(Nationales Zentrum), Landwirtschaft: Tupit 8 (Agrarpartei), Landesverteidigung: General Toni s s o n, Verkehr: Jo Hanson(Sozialdemokrat), Sozial« Fürsorge: K u k k e(Nationales Zentrum). Außenminister Re i ist früherer Ministerpräsident und einer der Führer der sozialistischen Partei. Dudidruckerstrelk In Danzig. Danzig, 1. November. Seit längerer Zeit schwebten zwischen den Buchdruckergewerkschaften und dem Danziger Zeitungsverlegerverein Verhandlungen weg«n Einführung der 40 Stundenwoche bei gleichzeitiger Beibehaltung der allen Lohnsätze. Von den Verlagen ist diese Forderung abgclehnt worden. Am Montag haben die Buchdruckergewerkschaften mit einer Mehrheit von zwei Stimmen den Beschluß gefaßt, in den Streik zu treten. Bon diesem Streik sind sämtliche Danziger Zeitungen betroffen. Reite K. Mittwoch, S. Utterntet 1933. ytt. rv8. cAmerrkanifGer Wahlyervst. Farmerrevotte.- Die Hemdsarmelbörse von Oklahoma.- Alte Leute vor die Hooversront!- Blitzlichter vom Wahlkampf. Brsvo Lid» über nufere PürtelragsLevatte. Das dienstägige„Prävo Lidu" äußert sich bereits über die Debatte, die an unserem Par» teitag zum Loalitionsproblem abgeführt wurde. „Es ist begreiflich", so schreibt das Blatt,„daß die Debatte lebendig war. Handelt es sich doch um ein überaus bedeutsames Problem, und es war notwendig, nicht nur das zu beurteilen, was geschehen ist, oder was durch die Teilnahme an der Koalitionsregierung verhindert wurde, sondern— und das besonders— sich über die weitere Linie der zukünftigen Politik klar zu werden... Die Redner, welche das Wort ergriffen, ob sie nun für das weitere Verbleiben in der Regierungskoalition waren oder ihre Einwände gegen die Fortsetzung der Koalitionspolitik harten, sie alle stellten einmütig fest, daß die Arbeit, welche bisher geleistet wurde, groß gewesen ist... Alle, die in der Debatte sprachen, unterstrichen ohne Unterschied, daß die Einheit der Partei und besonders die Zusammenarbeit mit den tschechischen Genossen die wichtigste Voraussetzung eines erfolgreichen Kampfes der sozialdemokratischen Arbeiterschaft in diesem Staate ist." nisnahme dieses Parteitagsergebnifses Vorkommen, wie betrübte Lohgerber, deiren wieder einmal— wie oft schon?— die Felle davongeschwommen sind. Sie werden auch bei allen künftigen Versirchen, Spaltung und Verwirrung in unsere Reihen zu tragen, auf Granit beißen. Das war ein Parteitag des Vertrauens. Denn darüber gab es keine Meinungsverschiedenheit, daß di« bewährte Führung der Partei mit der Treue und Zuneigung der gesamten Parteimitgliedschaft rechnen kann. Selbst die temperamentvollsten Oppositionsredner kargten nicht mit ehrlicher Anerkennung der heroischen Leistung der leitenden Menschen der Bewegung. Wenn unser Arbeiterminister Dr. Czech, oder sein unermüdlicher Helfer, der getreue Eckehart und Sekretär der Partei, Genosse Taub, die Tribüne betraten, so spürte man es förmlich, wie ihnen aus dem dichtgedrängten Audfto- rium eine Welle des Vertrauens entgegenschlug. Dieses Vertrauen wird sich draußen im Lande umsetzen in freudige Arbeit tausender Vertrauensmänner, die ba» glückliche Bewußtsein neu empfingen, daß unser Arbeitervolk in schwerster Stunde wenigstens das Glück hat, sein Schicksal Menschen anvertraut zu haben, die ihr Herzblut für die Sache zu opfern bereit sind. Es war«in Parteitag der Ju- gend. Auch wenn das JugendprMem nicht als eigener Tagesordnungspunkt behandelt worden wäre, die Zusammensetzung und der ganze Verlauf des Parteitages hätten es schon allein bewiesen. Unter den Delegierten war das junge Element erfreulich zahlreich vertreten, in der Debatte tarn die Jugend ausgiebigst zu Worte. Das Referat des Genossen Dr. Fr a n z e l war wohl die tiefschürfendste Erörterung des Generationsproblems, die auf einer unserer Tagungen angestellt wurde— von der trostlosen Verkalkung bürgerlicher Parteiberatunqen garnicht zu reden. Die Debatte dazu zeigte den Nachwuchs der Partei auf einer Höhe der Betrachtung, auf die die ganze Partei ehrlich stolz sein kann. Welch eine Fülle von Begabungen offenbarte sich in dieser Aussprache? Nicht nur aus Arbeiter-, sondern auch aus Jntelligenzkreisen hat die sudetendeutsche Sozialdemokratie einen Nachwuchs gewonnen, der berechtigten Anlaß zu den schönsten Hoffnungen gibt. Die Elite der Jugend ist bei uns! Mit ihr werden wir die Massen der arbeitenden Jugend erobern! Der Parteitag wird, wenn seine dahinzielenden Beschlüsse zielbewußt in di« Tat umgesetzt werden, dazu ein kraftvoller Auftakt sein. So haben wir in den Prager Beratungen in sturm- und drangvoller Zeit unser Feld neu bestellt, neue Arbcitsziele ab gesteckt, alte Kampftüchiigkeit bekräftigt. Nun wird der herrliche Geist dieses Parteitagesau s st römen indasganzeLand. Die fünfhundert Delegierten werden Apostel sein, die den Geist der Zuversicht hinaustragen in die Betriebe, in die entlegensten Dörfer und Hütten. Ten Opfern der mörderischesten aller Wirtschaftskrisen werden sie die Botschaft künden, daß die sozialdemokratische Front gegen Krisennot und Fascisrnus unerschüttert steht und bereit ist, den Angriffen der Reaktion herzhaft die Stirne zu bieten. Sie werden ihnen sagen, daß diele Zeit der Abwehr, aufgezwungen uns durch die internationalen Verhältnisse, nur Vorbereitung eitler neuen Welt- offeltsive des Sozialismus gegen die morsche kapitalistische Welt ist. Im Dunkel der Krisennacht werden die Beschlüsse des Prager Par- teitaoes den leuchtenden Stern der Hoffnung entzünden arff eine befere Zukunft der Arbeiterklasse dieses Landes und der ganzen Welt! New Jork, Ende Oktober.(Eig. Ber.) Schon lange vor der industriellen Krise war die amerikanische Landwirtschaft in große Not geraten. Die'Farmer litten unter der klaffenden Preisschere zwischen Industrie- und Farmprodukten, außerdem unter der ab'oluten Whän- gigkeit vom Bankkapital. Auf ganz natürliche Weise entstand ko eine regelrechte Bauernbewegung, deren Ende und Folgen gar nicht abzusehen sind. Die Bewegung zeigte sich zuerst im August im Präriestaat Iowa. Die Farmer weigerten sich, ihre Produkte in die Städte zu senden, solange die niedrigen Preise für sie nur dauernde Verluste bedeuteten. Die Landstraßen wurden belagert, alle hereinkommenden Lebensmittelfuhren bsschlagnahmt. Autos, die besuchten, in rasender Fahrt die Reihen der Farmer zu durchbrechen, wurden durch Barrikaden angehalten. Die Polizei war machtlos. Die Einschnürung der Städte wurde immer stärker, die Preise stiegen sprungweise. Nach einer gewissen Zeit schloffen sich weitere 14 Farmerstaaten der Bohkottbewegung an. Bor einer Konferenz der Gouverneure stellte ein Farmervertreter die Forderung auf, die Preise den Herstellungskosten anzugleichen und ein Moratorium für Steuern und Hypotheken zu gewähren. Einen Tell ihrer Forderungen scheinen die Farmer durchzusetzen. *, Schlimmer noch als den Farmern geht es den amerikanischen Arbeitslosen, die ja keinerlei staatliche Unterstützung erhalten. Trotzdem lebt noch bei den amerikanischen Arbeitern die Zuversicht auf eine bessere Zeit. Sie hallen meist ihr Erwerbslosenschicksal für persönliches Pech, das sie mit durchaus friedlichen Hilfsmaßnahmen zu beseitigen versuch«». So entstand z. B. die Hemdsärmelbörse von Oklahoma-City. Die Arbeitslosen dieser Stadt hatten es satt, weiter bei den privaten Wohltätigkeitsorganisationen Tag um Tag Suppe und NaMlaaer zu erbetteln. Sie gründeten eine Austauschstelle der von Erwerbslosen angebotenen Dienste gegen lebensnotwendige Produkte. Erwerbslose Handwerker liefern ihre Arbeit gegen entsprechende Naturalien. Schuhmacher, Schneider und Friseure tauschen ihre Leistungen gegen Butter, Kartoffeln und Brot ein. Gegen eine ausreichende Bezahlung in Produkten wird von fachmännischen Kräften gezimmert, angestrichen und ausgebessert. Nach den letzten Berichten soll diese Hemdsärmelbörse schon 8000 Mitglieder haben.. Aber aus dem Schreckensnetz der Krise, die man in naiver, praktischer Form zu begaunern versucht, kann sich so doch nur eine einzelne Gruppe befreien, worunter andre wieder zu leiden haben. Auf dieser Austauschbörse werden die vermittelten Arbeiten naturgemäß besonders billig geleistet. Die betroffenen Unternehmer, denen die Aufträge verloren gehen, müssen deshalb zahlreiche Arbeiter entlassen, womit der Ring des Elends wieder geschlossen ist. * Alle diese wirtschaftlichen NiederbruchSerschei- nunaen weichen selbstverständlich die amerikanischen Präsidentenwahlen am 8. November in starkem Maße beeinflussen. Der vor 4 Jahren mit Kundgebung der tschechischen Sozialdemokratie in Prag. Montag abend veranstaltete die tschechische Sozialdemokratie auf der Slawischen Insel in Prag eine große Kundgebung, auf welcher der Vorsitzende der Partei Genosse H a m p l und der Senatspräsident Gen. Dr. Soukup sprachen. Genosse Hampl erklärte eingangs seiner Rede, die Aufgabe deS Sozialismus in unserer Zeit müsse sein, Ordnung in der Erzeugung und im Verbrauch$u machen. Ein« vernünftige Verteilung der Früchte menschlicher Arbeit müßte ür alle Bedürfnisse der Menschen genügen. Die Arbeit der Sozialdemokratie wird gestört durch Fascisten und Kommunisten. Die kommunsstische International« ist bestrebt, die westlichen Staaten durch Aktionen der Kommunisten zu beschäftigen in dem Glauben, daß sie dadurch am besten die Ruhe in Rußland sichere und auswärtige Interventionen fernhalt«. Zur Innenpolitik übergehend erklärte Hampl, daß die Partei sich für die Teilnahme an der Regierung entschieden habe, damit das arbeitende Volk in den schwersten Zeiten nicht ohne Einfluß auf die Staatsgewalt bleibe. Die Sozialdemokratie hat die Herabsetzung der Renten der Invaliden und der Einkommen der schlechtest gestellten Staatsangestellten verhindert, was alles die Regierung ohne Sozialisten getan hätte. Zum Schluffe wies Genosse Hampl mit aller Entschiedenheit die Angriffe der bürgerlichen Presse gegen Genossen Dr. Czech zurück. Genosse Dr. Soukup erklärte di« Beamtenregierung, wäre eine große Gefrchr, denn eine Beamtenregierung bedutet heute etwas anderes als vor einigen Jahren, sie wäre di« Schürze, hinter der sich eine Regierung der Bourgeoisie verstecken würde. Di« Arbeiterschaft wird sich nicht von der hohen Bürokratie, der Polizei und dem Militär kommandieren lassen. Sie muß vielmehr den staatlichen Machtapparat in di« Hande bekommen. Bei uns darf nicht Polizei, Gendarmerie und Militär befehlen, sondern das arbeitend« Doll. Die Ereignisse dürfen uns nicht lleinmütig machen, sondern zur Einheit und Ausdauer auf- | rufen! großer Mehrheit göwähtte Prosperity-Kandidat Hoover wird Wahl dem Demokraten Roosevelt Weichen müssen. Der sozialistische Arbeiterkandidat Thomas kommt ernsthaft nicht in Betracht, wird aber doch stark in Stimmenzahl gewinnen— selbst Gegner aus dem bürgerlichen Lager geben zu, daß der Kandidat der Sozialisten drei- oder viermal soviel Stimmen bekommen wird als beim letzten Wahlkampf. Bei der erbitterten Wahllampagne zwischen den beiden bürgerlichen Gegnern wird entsprechend der Einstellung des amerikanischen Volkes quch mit ganz unpolitischen Mitteln gekämpft. Roosvelt laßt sich auf seiner Tournee von einem der bekanntesten Amerikaner, Will Rogers, begleiten. Will Rogers hat eine echt amerikanische Karriere hinter sich: er war Cowboy, Artist, Filmschauspieler, methodistischer Prediger; schließlich wurde er als täglicher Glossator in der„New Dörk-Times" einer der gelesensten Autoren Ame- rikas. Seit Jahren nimmt er in witziger Form zu allen amerikanischen Tagesfragen Stellung— ohne von ihnen eigentlich viel zu verstehen. Er repräsentiert eben die Stimme des berühmten kleinen Mannes auf der Straße. Jetzt soll er nun mit seinem Lächeln und mit seinen uralten Cowboy-Witzen als Anreißer für den demokratischen Kandidaten wirken. * Roosevelt und Hoover lassen ihr Privatleben restlos in die Oeffentlichkeit zerren. In allen möglichen urü> unmöglichen Lebenslagen lassen sie sich photographieren. Für die Pressephotographen lachen und weinen sie, küssen sie ihre Frauen, drücken sie fremde kleine Kinder an die Brust. Roosevelt triickt vor versammelter Presse drei Liier Milch und ißt mehrere Pfund Aepfel dazu— eine gefährliche Sache, aber angeblich ein Beweis der Vorliebe für die Produkte der Landwirtschaft, die Roosevelt später als Präsident zu stützen verspricht. Hoover besucht jeden Tag drei Kinderheime; so etwas macht sehr populär. Roosevelt denkt wieder an die Sportliebe der Amerikaner: unter Assistenz der Presse nimmt er Boxunterricht. Schreibt die demokratische Presse: „Boxmeister Tunney für unseren Kandidaten!", antwortet die republikanische:„Mary Pickford für Hoover!" Kürzlich teilte das republikanische Pro- pagondabüro in New York mit, daß die Mutter mit den meisten Kindern Amerikas für Hoover fei! Sie hätte sie alle Tage ins Weiße Haus geführt, damit sie Hoover die Hand drücken! Schon am nächsten Tage schrie es von der anderen Seite: „Eine Frau läßt sich von ihrem geliebten Mann scheiden, weil er gegen Roosevelt ist. Liebe für Roosevelt geht über jede Liebe!" Aber die Hoove- risten sammeln jetzt die Unterschriften von möglichst vielen über 100 Jahre alten Bürgern, um die Schlagzeile vorzubereiten:„Das ehrenwerte Älter ehrt.Hoöver!" Die Demokraten appellieren wiederum an die Jugend und lassen deshalb für Roosevelt die Girls aus den Revuen der New Porker Theater in Badeanzügen, bei deren Anblick Herr Bracht in Ohnmacht fallen würde, aufmarschieren. Und das Geld rollt! Ein Journalist stellte fest, daß allein in New Hork für den Wahlkampf für mindestens 20 Millionen Dollar Wetten abgeschlossen wurden K. Die ewigen Provisorien. Budapest, 1. November. Die Verhandlungen behufs Abschluß eines neuen rmgarisch-österrei- chischen Provisoriums wurden Montag beendet. Als Ergebnis der Besprechungen haben die be- cmftragten Delegierten ein Einmonatiges Provisorium vereinbart, das sich im großen und ganzen auf dieselben Waren bezieht wie das bisherige Provisorium. Hakenkrenzierisdie EmressennoUioHen im Hamburger Senat. Hamburg, 31. Oktober. Ein ungeheuerlicher Erpressungsfkandal der Hamburger NSDAP wird durch eine amtliche Erklärung des Hamburger Senats bekannt. Die Leitung der Nazibürgerschaftsfraktion hat unter übelster Erpressungsmethode an den Senat das Ansinnen gestellter einen ihrer Parteigenossen, den Studrenrat Dr. Schönwald 1, der die letzten Jahr« bereits bei allen Parteien sein Hell versuchte und als Postenjäger bekannt ist, einen neuen Direktorposten zu schaffen. Um ihrem Verlangen Nachdruck" zu verleihen, hat di« Leitung der Nazifraktio» nach dem Muster dunkler Revolverblätter dem Senat das Angebot gemacht, über angebliche Mißstände in der Wohlfahrtsbehörde zu schwer» g e n, wenn Schönwaldt Direktor würde. Der Senat ließ sich aber durch diese Drohungen nicht abschrecken, sondern hat, um eine Nachprüfung des angeblichen Materials zu erreichen und«ne Klärung der Vorwürfe gegen die WohlsahrtSbehörde herbeizuführen, bei der Staatsanwaltschaft die Einleitung eines Straf- yerfahrens gegen Unbekannte beantragt. Diese Mitteilungen des Hamburger Senats enthüllen ein Maß von Korruption und Futter- krrppenwirtschaft, das einzig dasteht und die Methoden der nationalsozialsstischen Partei und ihrer Führung charakterisiert. Leiter kau t Snern Kinder« de« proietariftOen KinderValende? „Freundschaft Wenn Generale Politik Madsen Paris, Ende Oktober 1932. Seit Monaten verlangen die französischen Sozialisten von der Regierung, sie solle in Genf durch Vorlegung eines eigenen mutigen Projektes die Initiative m der Abrüstungsfrage ergreifen, um so die Abrüstungskonferenz und damit den Völkerbund überhaupt zu retten. Schließlich rang sich auch H e r r i o t, besonders nachdem er sich durch den Vorschlag Hoovers völlig überraschen ließ, zu der Überzeugung durch, daß Frankreich auf der Abrüstungskonferenz bestimmte Pflichten habe. Seit Wochen ist von dem Abrüstungsvor- schlag des einstigen Sozialisten und heutigen Kriegsministers Paul B o n r o u r di« Rede, und die französische Delegation in Genf kündigte an, dieser Vorschlag werde am 3. November der Ab-, rüstungskonferenz vorgelegt. Sofort erfolgt« eine Generalmobilmachung in den französischen Offizierskreisen. Vor einigen Jahren hatte die ftanzösische Republik den schweren Fehler begangen, einen General, den die Sozialisten einen Staatsstreichler nennen, zum Generalinspektor der französischen Armee zu machen, und so ist der General Weygand im Obersten französischen Kriegsrat, dessen Vizepräsident er ist, die wichtigste Person. Er kam mit seinem Vorgesetzten, dem Kriegsminister, wegen dessen Abrüstungsvorschlag sogleich in«ine« ernstlichen Konflikt, und H« r r i o t, der auf feiten Paul Boncours stand, mußte zwischen beiden vermitteln. Auch in Frankreich versuche« immer wieder Generale eine Beeinflussung der Politik von ihrem engen Militärstandpunkt aus. Schon als 1914 das Parlament von Bordeaux aus die Delegation Briand-Sembat nach Paris schickte, wollten die Militärs ihre eigene Politik machen. 1917 setzte die Zivilgewalt durch, daß parlamentarische Kommissionen die Front besuchen durften, und Ende 1918 war eine enorme Anstrengung der Linksparteien notwendig, um die Einmischung der Generale in di« Politik zu verhindern, als diese zum Teil behaupteten, der Waffenstillstand werde„zu früh" unterzeichnet. Als die Frage der Rheinlandräumung anftauchte, nannte Marschall F o ch di« Räumung von Mainz „ein Verbrechen". Selbstverständlich"kritisierte der sozialistische „P o p u l a i r e" stark die Haltung, die General Weygand vor dem Studienkomitee des Oberste« französischen Kriegsrats«innahm:„Soll etwa Paul Boncour am 3. illovember in Genf, nachdem er das Vorbringen des französischen Abrüstungsvorschlags fest für dieses Datum versprochen hat, wie ein schuldiger Schüler schluchzend erklären:„Meine Arbeit ist noch nicht fertig. General Weygand hat sie noch nicht ganz verbessert?" General Weygand fühlte sich durch die Kritik des„Populaire" in seiner Eitelkeit so verletzt, daß er verlangte, der„Populaire" und Löv« Blum sollten wegen Beleidigung der Atmee verfolgt werden, und er wiederholte sein Verlangen schriftlich in einem Brief an den Ministerpräsidenten. Lson Blum fragte darauf verwundert iw „Populaire", was Herr General Weygand eigentlich zu sein dünke:„Das französische Volk kennt nicht einmal den Namen dieses Generals." Natürlich schreibt die Rechtszeitung„Ami du Peuple" daraufhin:„Die antrpatriotische Propaganda von L6on Blum im„Populaire" hat auch dem Ungläubigsten gezeigt, daß Leon Blum ganz offensichtlich bewußt oder unbewußt der Agent des Marschalls Hindenburg in Frankreich ist." Es muß zu Ehren der französischen Republik gesagt werden, daß der Konflikt mit dem Siegt der Zivil- über di« Militärgewalt endete. Wehgand mußte sogar seine Temissionsdrohung zurücknehmen, die französischen Arbeiter hätten übrigens aufgeatmet, wenn er gegangen wäre.' So kann Leon Blum am 27. Oktober iw „Populaire" als Ergebnis des Kampfes gegen d>e Generäl« feststellen: „Die ftanzösische Regierung wird pünktlich in Genf mit ihrem Äbrüstungsvorschlag erscheinen. Sie wird als eine Regierung auftreten, dit den Militärfteisen gegenüber ihren Willen durchgesetzt hat." Glückliches Frankreich! Kurt Lenz. Vom Randtank Empfehlenswertes aus veu Programme« Donnerstag. Prag: 6.12 Gymnastik, 11.00 Schallplatten. 15-^ Klavierkonzert. 17.20 Kinder musizieren. 18J® Deutsch« Sendung: Dr. Moucha: Neue Bö cher. 19.35 Mandolmenkonzert. 20.00 BlaLmusi'- 22.20 Konzert.— Brünn: 18.25 Deutsch« SendM 20JO Funkdenkmal Josef Ressel.— Berlin: 18» Arien alter Meister— Breslau: 16.05 Kleine Cello musik.— Leipzig: 13.15 Walterstund«. 19.30 Unter Haltungsmusik— München: 16.05 Balladen-Stuvd' 90.40 Nikotinvergiftung.— Wien: 1740 Wien- Philharmoniker. 21.05 Beethoven. Ät. 258. Mittwoch, 2. November 1982. Lei« 7. ... euuwhukr „Sie müssen jetzt nicht so aufgeregt sein, »ebes Fräulein— das beste ist, Sie heiraten." „S)aä entzieht sich je nun doch Wohl ein biß- chen Ihrer Kenntnis, was da das beste ist, nicht wahr? Und außerdem, das wäre das wenigste. Würde mir absolut nichts ausmachen, fünf gesunde, uneheliche Kinder in die Welt zu setzen, wenn ich für sie sorgen könnte. Aber das kann ich nicht. Ich hab' kem Geld, mein Freund hat kein Geld— ich meine, es kostet weniger, wenn man die Angelegenheit rechtzeitig beseitigt. Wollen Sie das tun?" „Wofür halten Sie mich!" Der kleine Arzt ist halb echt, halb unecht entrüstet. Ach Herrgott nochmal— willst du Theater, du vermickerter Idiot! Gut, machen wir eben Theater. Gilgi Mert schmerzverloren vor sich hin, packt nach sekundenlangem Stieren die Hand des Arztes— dumpfes Röcheln wäre jetzt angebracht und vorschriftsmäßig— na, vielleicht genügt auch:„Helsen Sie mit, Herr Doktor! Ich habe solches Vertrauen zu Ihnen(hört jeder Arzt gern) ich weiß nicht, was— ich meine— also ich—• Quatsch, das ist mir zu dumm, ich kann daS nicht. Man muß doch vernünftig mit so einem Mann reden können. Und Gilgi spricht ganz still und ruhig:„Hören Sie, Herr Doktor, es ist ooch das Unmoralischste und Unhygienischste und Absurdeste, eine Frau ein Kind zur Welt bringen zu lassen, das sie nicht ernähren kann. ES rst darüber hinaus überhaupt das Unmoralischste und Absurdeste, ein« Frau ein Kind kriegen zu lasten, wenn sie eS nicht haben will... Und hin und her wird geredet— eine halbe Stunde läng. Gilgis angriffslustige Energie läßt bereit- wieder nach. Ach, ist ja schon alles egal, mag doch nur kommen, was kommen muß. „Also dann kommen Sie in drei Wochen mal wieder, kleines Fräulein, es passiert ja häufig, daß so eine Sache von selber in Ordnung geht na, und— in solchem Falle könnte man dann eventuell nachhelfen." Gilgi nickt müde. Ja, sie wird in drei Wochen wiederkommen. Langsam steigt sie die Treppe hinab. Fühlt sich Plötzlich so schlapp und zerschlagen, daß sie sich für einen Augenblick auf eine Stufe setzen muß. Sie denkt nchh über die letzten Worte des Arztes— was hat er nun damit gemeint? Diel- lcicht ein verschleiertes Bersprechen. Sicher doch. Was denn sonst? Oder er will mich Hinhalten, bis es zu spät ist... dann müßte ich ja boi einem andern versuchen— ach, ich hab' von einem Mal genug. Ich werd' in drei Wochen wiederkomm-cn. Roch drei Wochen! Noch drei kürze, kurze Wochen. Gilgi läßt den Kops auf die Knie sinken. Man wird Martin nichts sagen— nicht, bcvor's gar nicht mehr anders geht. Kein Wort wird man ihm vorläufig sagen. Da Erbricht vielleicht etwas, ivenn er's erfährt. Biel- Ivicht nimmt er's furchtbar leicht— das erträgt man nicht. Vielleicht ist er hilflos und der Sache ganz und gar nicht gewachsen— das ertrag: man nicht. Vielleicht würde er sich verpflichtet und gezwungen fühlen, sein ganzes Leben umzustellen— todunglücklich würde er dann werden und ich auch. Widerlich ist die ganze Geschichte. Ja, wenn man Martin nur ein bißchen weniger lieh hätte, dann wäre alles diel einfacher. So aber hat man diese sinnlose verrückte Angst, daß irgend etwas dies« Liebe zerstören könnt«, diese Liehe, an der man hängt, der man ausgeliefert ist, die man sich erhalten will um jeden, jeden und jeden Preis. Und lieber das Schwerste er- tragnr, als das Allergeringste riskieren, das diese Liebe gefährden könnte. Gilgi schüttelt den Kopf: glauben kann man's ja noch immer nicht so recht— und ist fast zum Älchen: hat der Martin, der duinme Kerl, mir doch verflucht ein Kind gemacht. Und keine Ahnung hat er jetzt— denkt, ich wär' auf meinem Zimmer. Und er selber sitzt vergnügt im Afrikasilm. Ach, du lieber, dummer, ahnungsloser Martin, wenn ich nicht so müde wäre, hält' ich eine schöne Wut auf dich.— Noch drei Wochen— drei Wochen lang, werd' ich jetzt überhaupt nicht mehr an die Sache denken. ö „Los Martin— aufstehen! Du bist heut an der Reihe, Kaffee zu kochen!" Gilgi boxt Martin in die Seite— erfolglos. Fällt ihm gar nicht rin, die Augen auftumachen.„Altes Faultier." Sie beugt sich über ihn, rafft ein Paar Haarsträhnen zusämm.n und pinselt ihm dannt im Gesicht herum. Nützt auch nichts. Muß nian also „die unfehlbare Methode" anwetlden: an den Fußwhlen krabbeln— das kann er nicht vertragen. Gilgi kriecht strui Bettende.„Verflucht! Gilgi, wirst du wohl aufhörcn! Gilgi, ich schlage dich tot,.."„Gut« Idee, Martin, morde mal so'u bißchen Lust, ja?"„Gllgi, es passiert etwas Furchtbares..." Gilgi, sitzt schon wichcr aufrecht im Bett.—„Der Herr sind endlich wach? Bitte, würden der Herr sich endlich bequemen, Kaffee zu kochen?"„Sag' mal, Gilgi"— Martin reibt sich di« Augen—„sag' mal ganz im Ernst, mein süßes weises Mädchen, warum hat man eigentlich in Deutschland die Einstellung: wer lange schläft, hat einen schlechten Charakter?"„Wie soll ich wissen, mein Liebling!"„Man har hier manche mckkwürdige Einstellung. AIS Kind zum Beispiel— da mußte ch immer lauter Sachen essen, di« mir ckeihast Warrn, da existierte ganz unbewußt so ein dunkler Begriff: was gut schmeckt, ist Sunde."„Du Martin— wenn du dir einbildest, ich hätte jetzt Lust, hier auf nüchternen Magen mit dir zu philosophieren, dann irrst du dich— und wenn du jetzt nicht sofort aufstehst, hole ich kaltes Wasser— steh auf, du— ich glaub', wir haben beut' schönes Wetter." Gilgi springt aus dem Bett, läuft durchs Zimmer. Hat einen Pyjama an aus heller blauer Seide, die mit dunkelblauen kleinen Schwalben bestickt ist. Sie zieht den Vorhang auf:„Sieh die Sonnenstrahlen, Martin! Mit den Häriden kann man sie greifen!" Mittags steht Gilgi in der Küche. Hantiert sehr fachmännisch und wichtig mit einer Pfanne. „Martin, bitte— du hast jetzt in der Küche nichts zu suchen."„Ach, Gilgi, ich mag nicht, daß deine Hände und dein Haar nachher so nach Küchendunst riechen."„Laß mich jetzt, Martin." Gilgi ist hingegeben mit ihren Bratkartoffeln beschäftigt. Sonnenlicht fließt durchs Küche men- ster, siegt in breiten goldenen Bändern aus dem graublauen Steinfußboden— und Spanien ist Republik geworden, und immerzu passiert was auf der Webt— sehr großartige Sachen passieren, aber am wichtigen sind jetzt doch die Bratkartoffeln. Und hinterm Küchensenster steht ein Kastanienbaum— ist sehr stolz auf seine funkelnagelneuen grünen Blätter und traut sich noch nicht recht zu blühen, in seinen Testen zwitschert Agrarische wünsche. vndordiiaiirbare„Ideen Wer die Stimmung unter der agrarischen Anhängerschaft kennt, weiß«r genau, daß man dort nicht wenig unzufrieden ist mit der gegenwärtigen wirtschaftlichen Lag«, für die man mehr oder weniger offen die eigene Partei verantwortlich macht. Dies« Unzufriedenheit hat sich bekanntlich schon in offenen Protestkundgebungen geäußert. Die Agrarier stehen in weltanschaulicher Beziehung voll und ganz aus dem Boden d«S privatkapitalistischen WirtschaftS- s y st e m s und wollen von einer Planwirtschaft im sozialistischen Sinne absolut nichts wissen. Jeden staatlichen Eingriff in die Produktion lehnen sie gruudsätzlch mit der Begründung ab, daß sie den„freien Bauer" nicht mm„unfreien Staatsarbeiter" oder gar zum Sklaven degradieren lasten wollen. Daß von einer Freiheit in wirtschaftlichen Dingen längst keine Rede ist und der Landwirt im stärksten. Maß« von der Umwelt, der ausländischen Konkurrenz z. B. beeinflußt wird und nicht zuletzt von der Kaufkraft der breiten Masten abhängig ist, übersehen di« Agrarier meist absichtlich. Sich gesetzlichen Bestimmungen zu unterwerfet^ die eine gesund« Regelung der Produktion und des Absatzes bedeuten würden, fällt ihnen nicht ein, denn das wäre ja schon—„Sozialismus", der ihnen als der böse Gott sei bei uns erscheint. Dafür sind sie um so eifriger daran, vom Staate für ihre privaten Zweck« in Form von Subventionen und Unterstützungen möglichst viel« Hunderte Millionen herauSzu- holen, die Konsumenten zu ihrem eigenen Gunsten zu belasten oder sonstwie Vorteile auf Kosten der Allgemeinheit herauSzuschlagen. In der neuesten Zeit haben' die oeutschen Landbündler in dieser Richtung wieder einige Anträge«ingebracht. Ein Antrag des Abg. Gläjel fordert die obligatorische Einführung einer mindestens 50prozen- tigen Natnralienabgabe bei der Arbeitslosen« nterstützung. Angeblich soll dieser Antrag auch den Arbeitslosen Vorteile bringen, da di«„Gewähr geboten wäre, daß die Arbeitslosenunterstützung auch tatsächlich in erster Reihe zur Sicherung des Lebensunterhaltes Verwendung findet". Als ob die Arbeitslosen die erhaltene Unterstützung zum Teil— verputzen würden! Nach dem Wortlaut des Antrages dürften Gewerkschaften, Gemeinden usw. in Hinkunft nur höchstens bis 50 Prozent Unterstützun-. gen in B a r g e l d an die Arbeitslosen verabfolgen, der Rest müßte in heimischen Lebensmitteln bestehen. In welcher Form die Lebensmittel und von wem sie verabfolgt werden sollen, ob direkt vom Produzenten oder i n d i r e k t-durch den Zwischenhandel und zu welchem Preis«, wird leider nicht angegeben. Zur Beurteilung der Sache wäre aber gerade dieses Detail wichtig. Wollen di« Landbündler ihre überschüssigen Waren juin Marktpreise oder mit einem entsprechenden Aufschlag abgeben? Da sie kein« Wohltäter der Verbraucher sind, wollen sie offenbar bei den Lebensmittel- siescrungen für di« Arbeitslosen„normal" verdienen. ES ist nicht anzunehmen, daß di« Gewerkschaften, Gemeinden u>w., sowie di« Arbeitslosen selbst, mit diesem Anträge sympathisieren. Wenn sie für sich die Freiheit wirtschaftlicher Betätigung fordern und sich diesbezüglich keine Bor- ichriften machen lasten, kann man auch anderen keinen Zwang antun. Dabei ist die Tatsach« nicht zu verkennen, daß die Arbeitslosen ohnedies ost weit mehr als die Halft« der empsan- eine dicke schwarze Amsel mit apfelsinengelbem Schnabel— ja, jetzt ist Frühling und— ich Haube, ich bin verrückt, aber ich möchte daS Kind eigentlich gern bekommen-... die Pfanne kippt o'n bißchen zur Seite, Gilgi schreit auf, weil ihr ■ wißes Fett ans Bein gespritzt ist, und Martin telsi sich gleich an, als ivenn eine Granate ein- geschlagen hätte—„so'n Blödsinn, die ganze Kocherei"— und trägt Gilgi ins Zimmer, stresst ihr den Strumpf ab: klein« rote Pünktchen auf der weißen Haut... Und dann ist auf einmal die ganze Wohnung voll Qualm, man erstickt fast. Und die Bratkartoffeln sind' so hart und schwarz geworden wie Steinkohle— das ganze Mittagessen ist hin. Und Geld hak man augenblicklich mal wieder gar nicht— ivär' geradezu Sünde, ins Restaurant zu gehen. Aber der Qualm ist nicht auszuhalten.- Macht man denn tieflleinburgcruch Butterbrote zurecht, spaziert raus, immer die Aachener Straße entlang—■ und diniert schließlich auf eine Stadtwaldbank. „Ach Gott, Gilgi, dieses furchtbar« Butterbrotpapier! Jetzt fehlten nur noch so hartgekochte Dritter-Klasse-Peirsonenzugs-Eier..." „Oh, Martin, bist du Aeschet? Ich mache den Herrn aufmerksam, daß der Herr an der dritten Zeh vom linken Fuß«in Hühnerauge haben! Wie reimt sich das zusammen— Aesthet fein und—" Gllgi spricht ihre Sätze jetzt ost nicht zu Ende, ist einfach zu faul dazu. Ach, ist sie faul. Sie möchte di« Arme hinterm Kopf verschränken— allzuviel Anstrengung. Hat kein bißchen Kraft mehr in den Geieicken. Läßt die Arm« schlaft im Schoß liegen, blinzelt in di« Sonne— ist so wundervoll müde, ganz eingehüllt in ein« Dämmerwolke von süßer weicher .Gleichgültigkeit. Will die Wolke noch nicht durchbrechen— noch nicht, noch nicht— muß ja was gescheh», was getan werden, wenn man sich (Fortsetzung folgt.) genen Geldunterftützung in Lebensmitteln an le gen— müssen. Der Effekt des Antrages wäre in der Praxis für die Landwirtschaft recht dürftig. Ein anderer Antrag G l ä s e l S fordert, daß Steuerzahlungen von Landwirten mittels landwirtschaftliche» Naturalien geleistet werden könne«. In gleicher Weise sollen mich di« ästen Steuerruckstände liquidiert worden können, was angeblich„bessere Erfolge zeitigen dürste als di« bisherige Art der Steuerern treibung". Nach dem Wortlaut der Begründung sei die Naturalien- loistung umso leichter durchführbar„al- die Staatsverwaltung für das Militärärar und für verschiedene Anstalten landwirtschaftliche Naturalien benötigt, die ihr auf diesem Wege zugeführt werden konnten". Wörtlich heißt es weiter: „Es wär« dadurch.möglich^-daß mancher einzelne Landwirt zum direkten Staaisliefe- ranten wird, wodurch ihm auch der Preis für geliefertes Getreide, wie er durch das Go- treideshndikat gehalten werden soll, zur Gänze zufließen würde, womit sicherlich schr gedient wäre." Daraus geht hervor, daß bei der Lieferung von Getreide an den Staat für Steuern nicht der jetzige Marktpreis, sondern der weit höhere Preis gelten soll, der von den Agrariern an- gestrobt wird. Daß unter diesen Umständen dies« Naturalienlieferungen für den Staat, d. h. die Gesamtheit, ein arges Verlustgeschäft bedeuten würde, braucht nicht erst erwähnt zu werden. Es wird wohl kein Finanzminister auf diese„Idee" etngehen. Noch einige Fragen sind am Platze: Was soll außer Getreide noch geliefert werden dürfen? Auch Tiere, Kartoffeln, Eier, Kraut, Gurken, Hopfen u. dgl.? Käme nur Getreide in Frage, so hätte der allergrößte Tess der Landwirte nichts davon, well sie meist nur Selbstversorger sind. Mit welchen landwirtschaftlichen Produkten sollten di« Kleinlandwirte und Häusler ihre Steuer» bezahlen? Und wie würden di« land- wirtschafssichen Genossenschaften«ms- sehen, wenn sie nicht mehr für Staatslieserun- gen in Betracht kämen? Und wenn Naturallieferungon für Steuern zulässig sein sollen, warum nur für die Landwirtschaft, warum nicht auch für die Industrie?? Gleiches Recht für alle! Die Textilindustrie könnt« Unmengen Tuch und Leinwand abliefern, die Porzellanindustri« allerlei nützliches Geschirr, die Glasindustrie wertvolle Luxusivaren, di« Bergwerke Riesenmengen von Kohle usw., usw. Schon bei den landwirtschaftlichen Artikeln gäbe es im Falle der Naturaliensteuerleistung einen großen Ueber- schuß über den staatlichen Bedarf, bei den Jndustrieprodukten erst recht! Was sollte mit den enormen Ueberfchüssen geschehen? Vielleicht an die StaatSangostellten als— Raturrallohn weitergcgeben werden? DaS wäre ein schöner Betrieb! Die Rückkehr zur steuerlichen Naturalwirtschaft, wie sie dem Antragsteller vorschwebt, ist in der heutigen Zeit wohl mrr als Kuriosum zu werten, nicht aber al« leicht in die Praxis umzusetzender Vorschlag. Der sehr wenig durchdachte Antrag ist ein schlagender Beweis für die Ratlosigkeit der kapitalistisch orientierten Agrarier, mit wirksamen Mitteln die Krise des kapitalistischen Wirtschaftssystems zu beseitigen. Mit beiden Anträgen wird der landbünd- lerische Abg. Gläsel ebensowenig berühmt werden wie der Aba. Mahr- Harting und di« sonsttgen Christlichsoziaten, die den Antrag mit gefertigt haben. Neuer Präsident des Internationale» Arbeitsamtes. Aus der Tagung deS Internationalen Arbeitsamtes in Madrid wurde der indische Regierungsvertreter Sir Atul C h a t t e r- j e e zum Präsidenten deS BerwaltungSrates des Internationalen Arbeitsamtes ernannt. Vcrsdiärlunil der Gesdiätts- ordnung des österreichischen Nationalrates. Wien, 1. November. Der Präsident des Ra- tionalrates Dr. Renner wird in den nächsten Tagen mit den Parteien des Nationalrates über die Verschärfung der Geschäftsordnung verhandeln. Es besteht di«. Absicht, eine Dlszipli- narkommission zu schaffen, der die Befug- nis eingeräumt werden soll, Abgeordnete, die sich Gewalttätigkeiten zuschulden kommen lasten, von einer oder mehreren Sitzungen auszuschließen, gegebenenfalls auch für die Zeit der Ausschließung ihre Bezüge zu kürzen. Die Verschärfungen der Geschäftsordnung würden nach Genehmigung durch di« Parteien unverzüglich im Nationalrat beschlossen werde«. Znm zehnten Jahrestag des fascisilsiMn Staatsstreichs. Sin Aufruf der italienischen Sozialisten. Der Partoivorstanv der Italienischen Sozialistischen Partei hat anläßlich de« zehnten Jahrestages des fastistijchen Marsch auf Rom folgenden Aufruf erlassen: Arbeiter, Genossen!' Der Fasciswus feiert den zehnten Jahrestag ferner MMtMreiWNg> jener Oktobertage von UBS, in denen der italienische Verfassungsstaar kanrpflos vor den Freikorps, die von der Plün- derung der Institutionen der Arbeiterschaft und den Mordtaten zahlreicher tapferer sozialistischer Parteigänger heimkehrten, die Waffe,: streckte. Reden, Umzüge, Paraden, Ausstellungen, Ein- lvejhungsfeierlichkciten,'Fanfaren, Feoerbüshc, Uniformen und Almosenverteilung, kurzum der ganze Faschingstrubel der Zehnjahrfeier soll daS Volk über di« furchtbare Wirklichkeit seiner Lage Hinwogtäuschen. Ungelöst ist die politisch« Situation und tiefer denn je der Abgrund, der das Herrschaftssystem von den Massen trennt. Der Staat ist ein ausschließliches Unterdrückungsinstrument«worden. Ungelöst ist die soziale Frage, die Gegensätze der einander gegenüberstehenden Klassen sind durch die Berfflavung der Arbeiter verschärft. Uebevall herrscht, verbreitet sich daS Elend, wird, wie es im BolkSmund heißt, di« Polenta immer kleiner; eineinhalb Missionen Arbeitslos« hungern. In der Welt steht Italien ohne Ansehen und ohne Geltung vereinsamt, da eS im LckNde selbst kein« Freiheit kennt. Wenn dessenungeachtet und ungeachtet heldenhafter Opfer der edelmütr- gen Avantgarde des Landes/ ungeachtet deS dumpfen Zornes im Herzen des Voltes der FasciSmus sich an der Macht zu halten vermochte, wenn auch die Zusammenfassung aller Staats- macht, das tyrannische Pressemonopol ihm hie Macht der Leitung der Meinungen gibt, ivenn auch Spkshertum, Verfolgung und'. Terror das Volk zum Schweigen brachten, di« Korruption und das Almosen vielen das Rückgrat brach, wenn auch patriotisch« Täuschung einen Teil des Volkes zu Werkzeugen und Teilhabern der Tyrannei werden ließ, so konnte doch im Herzen der Vertriebenen der Will« zum Kampf und der Glaube in die Zukunft des Proletariats, der Glaube in, seiner Kraft zur Rebellion und zum Sieg niemals erlöschen., Arbeiter, Genossen! Sprechen wir ruhig am zehnten Jahrestag über unsere Niederlage, sprechen wir auftecht davon, daß Ziel und Parole sich nicht verändert haben, sich nicht verändern können. Das Ziel ist die Revolution, di« die Diktatur zu Boden wirst, di« Revolution, aus der die Arbctterrepublik entstehen wird, die aus der Sozialisierung der Produktionsmittel und Einrichtungen der Darenverteilung die Grundlagen der Freiheit schöpft. Die Parole lautet: Nicht nachgeben. Und der Schwur, den wir täglich wiederholen, das Gelöbnis, das uns gegenüber Lebenden und Toten bindet, lautet: Richt heut«, nicht morgen, niemals wird das Italien Matteottis vor dem Italic- des Liktorenbündcls kapitulieren. Im Exll zu Paris, den LS. Otwber 1932. Sette 8. Mittwoch, L. SkovemLer 1832. Nr. 258. Der Fall Buller jahn. Beginn der wtederauinahmeverhandiung vor dem DeldisgerldiL T agesneuigkeiten Grubenunsall in Wttkowitz Sieben Man« verletzt. Mähr-Ostraa, 1. November. Auf der Grube o u i s" in W i t k o w i tz ereignete sich gestern nachmittags bei dem Einfahren von Grubenarbeitern ein U n g l ü ck. Im dritten Stockwerk stieß der Förderkorb auf bte Haltevorrichtung a u f, wobei durch den Anprall sieben Mann, drei Aufseher und vier Arbeiter, verwundet wurden. Sämtliche Verletzten wurden ins Krankenhaus gebracht, wo sie in Pflege verblieben. Sie hatten bei dem Anprall des Kordes einen Nervenchock und Muskelzerrungen an den Füßen davongetragen. Nach Ansicht der Aerzte ist bloß ein Fall ernster Natur. An di« Unfallstelle hat sich eine Kommission des Revierbergamtes zur Untersuchung des Vorfalles begeben. Die ßxplofion in Podbrezova. Noch keime Klarheit üb« die Ursachen. Präg, f* November. Zu der' Explosion, die sich am Samstag in den staatlichen Eisenwerken in Podbr«zova in der Slowakei ereignete, wobei 29 Arbeiter Brandwunden erlitten, wird uns mitgeteilt: Der Minister für öffentliche Arbeiten beordert« den Generaldirektor der staatlichen Berg- und Hüttenwerke Jng. Karl Stauch nach Podbrezova, um di« Ursache der Explosion zu untersuchen und sich persönlich nach dem Befinden der verletzten Arbeiter zu erkundigen. Die Untersuchung fand unter Teilnahme eines Vertreters des Gewerbeinspektorats in Idolen statt, nachdem ein« gerichtliche Kommission am Nachmittag nach der Explosion ihr« Untersuchung begonnen und in den spät«» Abendstunden beendet hatte. Di« Ursachen der Explosion beruhen auf Annahmen und Voraussetzungen, über die sich die von der Gerichtskommission zur Untersuchung des Unglücks zugezogenen Hüttensachverständigen äußern sollen. Es wurde festgestellt, daß die Reinigung der Gasrohre, di« im Zeitraum von zwei bis vier Monaten vorgenommen wird, unter Aufsicht und unter denselben Vorkehrungen wie gewöhnlich erfolgt«. Die Untersuchung konnte nicht abgeschlossen werden, weil einig« der Verletzten nicht einvernommen werden konnten. Bor Abschluß der gerichtlichen Untersuchung und vor Erstattung des Gutachtens der Sachverständigen, die sich bald nach der Explosion an der Unglücksstätte einfanden, kann«in Urteil über di« wahr« Ursache und das Wesen der Explosion nicht gefällt werden. Den Verletzten geht es schon besser und die behandelnden Aerzte haben die Hoffnung ausgesprochen, daß alle werden am Lebe« erhalte» werden können, wen« bei den schwerere« Brandverletzungen kein« weiteren Komplikationen eintreten. ZaiiLek in M.-Sstrau. Mahr-Ostrau, 1. November. Der ehemalige Zentraldirektor der Larisch-Mönnichschen Unternehmungen Dr. Karl Z a j i 5 e k, wurde heute gegen 1 Uhr nachts nach Schönbrunn gebracht, von wo er mittels Autos in das Gefängnis des Kreisgerichtes in Mähr.-Ostrau transportiert wurde. Letzteres verhängte über Dr. Karl ZajiLek die ordentlich« Untersuchungshaft. Heute morgens wurde bereits das Verhör eröffnet. Auf dem Bahnhof in Oderfurth hatte sich heute nach Mitternacht eine Anzahl Neugieriger eingefundcn, die auf dem Bahnsteig und auf dem Eisensteg beim Bahnhof die Ankunft Dr. Z a j i ö e k s erwarteten. Auf dem Bahnhof selbst war eine verstärkte Polizeipatrouille postiert. Das Polizeiauto für die Beförderung von Deliquenten stand bereit. Die hier wartenden Neugierigen gingen dann, als sie erfuhren, daß Zajiöek bereits in Schönbrunn ausgestiegen sei und von dort zum Gericht gebracht worden war, enttäuscht auseinander. Sine mißglückte„3 Wange anleihe" und ei« mißglückter Selbstmord. Berlin, 1. November. Bankier F ü r st e n- berg sowie eine ganze Anzahl bekannter Filmkünstlerinnen hatten vor kurzem von dem jugendlichen Zimmermann Fritz Wild Drohbriefe erhalten, in denen sie aufgefordert wurden. Wild Darlehen zu gewähren, die er auf Heller und Pfennig zurückzuzahlen versprach. Sollte seinem Verlangen nicht entsprochen werden, so drohte er bei den Filmdiven mit Salpeter- a t t e n taten, die, wie er angab,„bekanntlich unschöne Spuren im Gesichte einer Filmdiva hinterlassen." Er gab an, daß er vor nichts zu- rückschreckc und das Geld auf eine Deckadresse überwiesen haben wollt«. Als man von seinem Treiben bei der Polizei erfahren hatte, unternahm Wild in seiner Wohnung einen Selb st- mordversuch. Er kaufte ein Grammophon, legte eine Lilian Harvey-Platte aus und schrieb einen Abschiedsbrief, betitelt„Der Weg zum Himmel ist mit Dornen gepflastert!" Sodann trank er eine ganze Flasch«Kognak aus und verschluckte 40 Schlasmirtelpillen. Die gewünschte Wirkung blieb- jedoch «us. Heute stand er vor den Schöffen. Der Staatsanwalt stellte ihn als einen infantilen und harmlosen Charakter dar, so daß er nur zu einem Monat Kerker verurteilt wurde. Bor dem Strafsenat des Reichsgerichts beginnt am 3. November die auf zwei bis drei Wochen berechnete Wiederaufnahmeverhandlung im Fall Bullerjahn. Der Oberlagerverwalter Walter Bullerjahn war im Dezember 1925 vom Reichsgericht in Leipzig wegen Landesverrats zu 15 Jahren Zuchthaus verurteüt worden —.obschon er selbst von Anfang an ganz entschieden bestritt, sich in irgendeinem Sinne gegen das Gesetz vergangen zu haben. Aber das Gericht glaubte nach längerer Verhandlung davon überzeugt sein zu können, daß Bullerjahn im Winter 1924/25 ei», geheimes Waffenlager der Berlin-Karlsruher Jndustriewerke, deren Lagerverwalter er war, an die Interalliierte Kontroll- kommisiion verraten habe. Sofern sich das Urteil auf Indizien stützte, kann heute Wohl schon gesagt werden, daß sich jene Indizien im Laufe der Zeit als haltlos und juristisch unzuverläsiig herausgestellt haben. In der Urteilsbegründung wurde aber auch auSgeführt, daß das Gericht vielleicht nicht einmal auf die Indizien allein hin eine Verurteilung aussprechen würde, wenn nicht auch„eine ungenannte Bertrauensperson, deren Glaubwürdigkeit über jeden Zweifel erhaben" sei, belastende Angaben über den Verrat Buller- jahns gemacht habe. Wer dies« lange Zeit tatsächlich„ungenannte Bertrauensperson" war, erfuhr die breite Oeffentlichkeit auf eine fast romanhaft-eigentümliche Weise. Vor etwa zwei Jahren fuhr vor einer Kirche im Berliner Tiergartenviertel eine feudale, fast schwerindustriell prunkende Hochzeitsgesellschaft vor. Während der, Trauungszeremonie sammelte sich vor der Kirch« die übliche Schar Neugieriger an. Als die Menge, nach Beendigung der Feier, gleichsam spalierbildend zur Seite wich, entstürze ihr eine schwarz gekleidete Frau, die sich dem befrackten, stolz und imposant einherschreitenden Brautvater mit dem Ruf« zu Füßen warf: ,Z>err von Gontard, geben Sie mir meinen Sohn wieder!" Hier hört« die Welt de» Schrei einer Mutter. Der, an den er gerichtet war, ist jener Geheimnisvolle, dessen Aussage im Leipziger Landesverrats-Prozeß die Waage der Gerechtigkeit nach der Schuldigseite hin belastet hat. Herr von Gontard war Generaldirektor der Berlin-Karlsruher Jndustriewerke. Was er im ersten Buller- jahn-Prozeß, der unter Ausschluß der Oeffent- lichkeit geführt wurde, wirklich sagte, ist heut« zwlscheusall an ver deutsch-polnischen Grenze. Guttentag(Oberschlesien), 31. Oktober. (Wolff.) In der Nähe von Sorowski ereignete sich gestern an det deutsch-polnischen Grenze«in zur Stunde noch unaufgeklärter Zwischenfall, an dessen Aufhellung deutsche und polnische Beamte heut« den ganzen Nachmittag gearbeitet haben. Der Arbeiter P a- Panda aus Sorowski hat sich gestern nachmittag auf polnischen Boden etwa zehn Meter von der Grenze entfernt, mit einem Mädchen getroffen. Den beiden näherte sich ein p o l n i- scher Grenzbeamter, der auf Popanda einen Schuß abgegeben haben soll, obwohl Popanda auf den Anruf des Beamten stehen geblieben und die Hände hochgehoben haben soll. Popanda wurde so schwer verletzt, daß er bald nach dem Vorfall v e r st a r b. Seine Leiche wird am Dienstag seziert werden. Man hofft durch die genau« Feststellung des Schußkanals nähere Einzelheiten des Vorfalles zu ermitteln, was bisher trotz zahlreicher Vernehmungen nicht möglich gewesen war. Für de« Sokol, gegen Arbeiter! Bekanntlich gilt das Recht gleich für alle Staatsbürger; also wohl auch der Ausnahms- zustand, mit welchem der Herr Bezirksvorsteher Prag- Umgebung den Streik der Arbeiter in Hostivak gegen die Ausbeutungsmethoden des Herrn Podhajsky krochen will. Nach tv-e vor ist zum Schutz der Bevölkerung, zur Wahrung der heiligen Güter, öffermiche Ruhe. Sicherheit und Ordnung genannt, mitten im Frieder: mit Hllfe bewaffneter Streitmacht den Arbeitern verboten worden, am Ort ihrer Tätigkeit zu demonstrieren und sich gegen die Streikbrecher zu wehren. Deshalb werden Tag für Tag nach wie vor Streikposten auseinandergejagt, wen« sie nicht besondere Legitimationen vorzeigen können und auch dann ist es dem Gutdünken des Gendarmen überlassen, ob er den AuSnahmszustand auch auf den betreffenden Em- zelfall anwendet oder nicht. Wer aber am Sonntag nach Hostivak kam, der wurde vor Erstaunen platt: einhundert Meter vor der Fabrik entfernt, unter der„Frei' heitslinde", waren gegen das strenge Verbot über eintausend Menschen versammell, die des Ortes idyllische Ruhe durch lauten Abgesang des Trutzgesangs„H e j Slovans" empfindlich störten, und neben ihnen standen, Geivehr bei Fuß, dieselben Gendarmen, die ohne Aufforderung gegen jedermann im besten Fall nur mit dem Gummiknüppel vorgehen, der in ihren Augen verdächtig erscheint, ein Arbeiter zu sein. Ja, es gibt eben Staatsbürger zweier Kategorien: in die erst« gehören entschieden die vaterländischen Sokoln, die in Streikorten zusammenkommen, um die Befreiung zu feiern, deren Früchte sie m ebensowenig sicher wie die moralische Qualisi- katio» des Zeugen: der Schild dieses Dlannes, dessen Glaubwürdigkeit einmal über jeden Zweifel erhaben war, soll heute nicht mehr ganz so blank wie früher sein; der Nam« Gontard fiel im Zusammenhang mst mancher unerquicklichen Affäre. Aber wie dem auch sei, es ist im Interesse des Reichs zu wünschen, daß Herr von Gontard seine Aussage jetzt vor dem Reichsgericht yoch einmal macht und noch einmal beschwört. Voraussetzung wäre freilich, daß er der Einladung, die das Reichsgericht an den inzwischen ins Ausland Verzogenen richtet«, auch wirklich Folge leisttet... Rein juristisch ist der bevorstehende Buller- jahn-Prozeß ein Novum. Denn zum erstenmal wird das Reichsgericht, das über Fälle wie den gegebenen als letzte Instanz zu urteilen hat, sein eigenes Urteil im Wiederaufnahmeverfahren nachprüfen. Vorsitzender der im wesentlichen öffentlich bei Lokalterminen an einigen Tagen auch in Berlin geführten Verhandlung wird der frühere sächsische Minister Senatspräsident Bänger sein; Berichterstatter ist Reichsgerichtsrar Coenders, der Lester der Wiederaufnohmeprü- fung. Der Angeklagte Bullerjahn befindet sich seit längerer Zeit wieder in Freiheit. Die vom verstorbenen Reichstagsabgeordneten Paul Levi ge- meinsam mit der„Liga für Menschenrechte" betrieben« Aufklärungsarbeit hat wohl auch das Reichsgericht allmählich zur Ueberzeugung gebracht, daß eine Schuldlosigkeit des Verurteilten zum mindesten stark im Bereiche der Möglichkeit l'.«gt. Der offizielle Wiederaufnahmebeschluß erfolgte im März 1932. Unter den Zeugenaussagen, die bei den Reichsrichtern im Sinne der Wiederaufnahme wirkten, spielte auch eine besondere Rolle die Bekundung eines französischen Leutnants Jost in Nancy. Jost war im Jahre 1925 bei der Interalliierten Militär-Kontrollkommission in Berlin. Er erklärte mit Bestimmtheit wiederholt, daß nicht Bullerjahn, sondern ein anderer das Gontardsche Wasfenlager an die Alliierten verraten habe. Ob freilich die Persönlichkeit des-„anderen" im neuen Prozeß ermit- telt werden wird, erscheint nach Lage der Dinge mehr als fraglich. Man wird sich damit bescheiden müssen, wenn sich ein Verdächtigter und schwer Geschädigter rehabilitieren kann. den Behausungen ihrer arbeitslosen Brüder trefflich studieren könnten; und da sie bekanntlich allgemein beliebt sind und die Güte ihres Charakters und ihrer Ueberzeugung noch niemandem unangenehm war, der für sich das Argument des vollen Sacks hatte, so wurde ihre Kundgebung, die Herr Podhajsky nicht in den Ohren zu gellen bestimmt war, auch geduldet, wahrSnd paar Meter weiter Arbeiter auSeinandergejagt wurden. Vielleicht entschließen sich diese, ihren Streikposten das Singen von„Lechy, kra'nö Lechy me",„Nad Tatru sa blystä" oder ,Ftde domov müj" zu empfehlen; das könnte ein Argument sein, denen unsere Sicherheitsbehörden zugänglich sind...;'—wl— Deckenelnsturz in einet Kirche Paris, 1. November. In einer Kirche von Toulouse st ü r z t e gestern in dem Augenblick, als dort eine Gruppe Mädchen Katechismus- unterricht erhielt, em Teil der Decke ein. Di« Mädchen wurden von den Trümmern begraben. Zwei von ihnen sind schwer, zehn andere leichter verletzt worden. Sowjetdampfer bei Spitzbergen gestrandet. Schwierig« Hilfeleistung. Oslo, 1. November. Der Sowjetdampfer „Tovarisch Stalin", der sich auf der Fahrt von Tromsö nach den russischen Kohlenbergwerken auf Spitzbergen befand, ist am Eingang zu dem Eisfjord auf der Höhe der Westküste von Spitzbergen gestrandet. Der Bergungsdampfer„Jason" ist Mr Hilfeleistung ausgelaufen, wird aber 84 Stunden brauchen, bis er das gefährdete Schiff erreicht. Zweifacher Mord und Selbstmord. Limba ch(Sachsen). 1. November. Der Materialwarenhändler Herold aus Rußdorf erschoß— vermutlich wegen ehelicher Zerwürfnisse— seinen siebenjährigen Sohn, sein« Ehefrau und entleibte sich dann selbst. Der schreiend« Selbstmörder. Aus Koaden wird uns gemeldet: Zwei Passanten vernahmen in früher Morgenstunde in der Nähe des Egerwehrs bei Kaa- d«n gellend« Hilferufe, verzweifelt« Schreie eines Menschen, der sich öffenbar in höchster Not befand. Die beiden eilten zum Flußufer und fanden dort einen älteren Mann an einem vorspringenden Felsen hängend, mit den Beinen bis zu den Oberschenkeln im Wasser. Der Mann wurde mit einiger Mühe auf den sicheren Boden gebracht und gestand, er habe sich daS Leben nehnien wollen, habe es sich aber im letzten Augenblick, als er das eiskalte Wasser verspürt hatte, wieder überlegt und Hilfe herbeigerufen. Er beeilt« sich heimzukcnnmen, um sich in der warmen Stube von dem ausgestandenen Schreck zu erholen. Immer mehr Schwindler! In Merkelsgrün bei j Joachimsthal erschien vor einigen Tagen bei einem Haben in Mer Gemeinde MM r schon alle Funküouare ihr A! kommunalpolittsches Statt S| In vielen Gemeinden wurde schon de-§ schlossen, allen Gememdefunktionären, e ohne unterschied der Partei, ein g kommunalvolitischeS Organ nach freier§ Wahl des betreffenden Kmktwnar», aus<* Gemeindekosten zuzustellen.', Ein derartiger Beschluß ist zweifellos j> sehr wichtig, well es eine Aufgabe der<' kommunalen Verwaltung ist, für die j, Schulung der tätigen Gemeindesunk- J, tionäre zu sorge» und ihnen weniast-ns ,' eine« kleinen Teil der M ihrer ständig-n<[ Information nötigen Behelfe zur Ber-]» tugung zu stellen. t[ Genossen! Wenn m eurer Gemeinde ein s* derartiger Beschluß noch nicht besteht, so stellt<> einen diesbezügliche» Antrag! ^0»0M sozialdemokrat. Gemeinde unktronär das sonst in allen Regenbogenfarben schillerte, blieb.matt und stockig. Folgendes einfache Mittel wird nie versagen:' Schneiden Sie eine kleine Kartoffel in ganz klein« Würfclchen und n«hm«n Sie vorerst di« Hälft« davon in das Glas! Etwas Wasser wird dazu getan, und dann schütteln Sie die Lase tüchtig! Nach etwa 3 Minuten langem Schütteln spülen Sie mit klarem Wasser aus, und nun wird die zweite Häkfie Kariosfelwürfelchen benutzt. Nach dieser zweiten Behandlung werden Sie Ihre helle Freude an dem wie neu aussehenden Glase haben. Beseitigung von Speiseresten. Töpfe, in denen Speisen angebrannt sind, sollen niemals ausgekratzt werden. Das^Mester schädigt unfehlbar den Topf, ob dieser nun. aus Aluminium oder Emaille besteht, llm den Topf so schnell wie möglich wieder gebrauchsfähig zu haben, gibt^s ein einfacheres und Unschädlicheres Mittel als das mühsame Auskratzen. Man läßt den Topf 2 Zentimeter hoch voll Master laufen, löst zwei Eßlöffel Persil darin auf und stellt ihn lauwarm. Nach zehn bis zwanzig Minuten ist der Topf sauber. Auch mit Soda kann man Angebranntes losweichen, doch dauert es dann 12 bis 24 Stunden, bis der Tops wieder gebrauchsfertig ist. Waud«rnde Schätze. Amtliche chinesische Stellen geben bekannt, daß in letzter Zeit aus dem chinesischen Kronschatz Juwelen und Kunstgegenstände im Gesamtwert von rund 350 Millionen Dollar nach Amerika verkauft wurden. Di« Ehinese« hoffen auf dies« Weise ihre Finanzschwierigk«It«n meistern zu können. Muttermale durch Versehen? Volksglaube und Wahrheit. ' Der uralte Glaube, daß Muttermal« bei Kinder» darauf zurückzusühr«» feien, daß dir Frauen während der Schwangerschaft„sich versehen", d. h irgendeinen Anblick haben, der sie erschreckt, scheint jetzt ins Wanken zu kommen, denn ein deutscher Arzt hat die Feststellung gemacht, daß er zwar elftausend Geburten' beigewohnt, nie aber auch nur einen einzige» Fall eines solchen„Versehens" gefunden habe. In früheren Zeiten wurden ja mancherlei höchst abenteuerliche Fälle berichtet. Die chinesischen Aerztr des Altertums warnten Frauen, sich in Stachelschweinen oder Fröschen während ihrer Schwangerschaft zu versehen, Hippo- ftates warnt schwangere Frauen davor, ihren Gelüsten nachzugeben und Erde oder Kohlenstücke zu essen, damit das zu erwartende Kind nicht ein Muttermal bekäme, das diesen Dingen ähnlich wäre. Es wird sogar behauptet, daß im alten Griechenland und Rom nur deshalb so viele schöne Bildwerke errichtet wurden, um den werdenden Müttern Schönheitseindrück« zu geben und damit das Volk schön zu machen. Luther erzählte' von einer Frau, die ein Kind mit einem Totenschädel zur Welt brachte, weil sie während der Schwangerschaft eine Leiche betrachtet hatte. Aus dem Jahre 1844 kennen wir einen merkwürdigen Bericht über ein Kirschenmuttermal, das Jahr für Jahr die Farbe, wechselte, und zwar von Grün über Gelb in Rot überging, genau der Zeit der Kirscheuernte entsprechend, natürlich ein Phantasieprodukt. Daß weiße Fronen Negerkinder zur Welt bringen könnten, wenn sie über«inen Neger sich erschreckt hätten, war ein weit verbreiteter Aberglaube. Malebranche erwähnt eine Frau, deren Kind nur mit Arm- upd' Beinstümpfen geboren wurde, weil sie sich, als sie das Kind unter dem Herzen trug, über"inen Krüppel entsetzt hatte, der sich ohne Arme und Beine durch das Leben schleppen mußt«. Eine unglaubwürdige Geschichte wird auch über ein Kind berichtet, das im Jahre 1725 in Italien geboren wurde. In den Augen dieses Kindes konnte man, heißt es, um die Pupille herum die Zahlen des Zifferblattes sehen, weil die Mutter sich während der Schwangerschaft in eine Uhr vergafft hatte, die in ihr den leidenschaftlichen und dauernden Wunsch erweckte, sie zu besitzen. St. Hilaire hat seinerzeit übrigens interessante Versuche an Hühnereiern gemacht, um nachzuweksen, daß äußere Eindrücke während der Entwicklung deS Keims wirklich zu Mißbildungen führen könnten Er hat zum Beispiel di« Eier während der Bebrütung geschüttelt, hat die Schale.um Teil überfirnißt, hgt Temperatur«echsel angewandt und hat' dir merkwürdigsten Ergebnisse erzielt. Im ganzen ist cs jedenfalls ein Gebiet, das noch recht unerforscht ist: hier wie üocrall birgt'er alte Volksglaube em Körnchen Wahrheit, die Zusammenhänge aufzudecken, wäre eine reizvoll« Arbeit. Zweierlei Heimkehr ins„Vaterland" Der Miüionendesraudant und der ausgewiefeue Arbeiislose. Die Schmocke stehen Kopf. E t ist hekmgekehrt. Ter ehemalige Herr Zentraldirektor Dr. Karl Zajikek. Höret und staunet! Ein aufgejchwemm ter Schmerbauch, dessen Bild wie eine Fleisch und Fett gewordene Karikatur von George Grosz anmutet; er, der wegen einer Sieben-M:l^io- n't ndefraudation steckbrieflich verfolgt.wird; er, der flüchtig wurde und unter dem schlichten Pseudonym W. Raab in Zentralamerika erwischt unh über Hamburg und Bodenbach dem Mähtisch- Ostrauer Kreisgericht«ingeliefert wurde-?■— dieser Herr Zajikek hat auf der Durchreis« auch Prag mit seiner Anwesenheit beehrt. Der Kleinbürgerpöbel erwies ihm Aufmerksamkeiten, wie sie sonst verprügelten Fußballmannschaften oder sonstigen Sportgladiatoren zuteil werden und vielleicht noch französischen Kabarettiers u. dgl. Da mußt« natürlich auch die Presse dieses Pöbels ihr bestes tun, Und hat es auch in ausgiebigster Weis« getan. So erfahren wir denn,, dank der eingehenden Reportage, daß der steckbrieflich verfolgte Defraudant auf seinem Weg vom Wäggon zur Wachstube alsbald erkannt wurde und das Publikum „grüßte ihn und er dankte lächelnd". Ein anderer Bericht wußte sogar(ganz wie einst bei Erzherzogen) den elastischen Schritt des zentnerschweren Zentraldirektors zu rühmen. Und wieder an anderer Stelle lesen wir dix rührende Schilderung, wie Herr Zajiiek auf der Wachstube „auf einer gewöhnlichen Bank" Platz genommen habe. Vorher hat er natürlich ein Mit- tagesten„a la carte" eingenommen. Da bleibt kein Auge trocken. Aber es kommt noch bester. „Gar bald befreundete er sich mit den Polizisten", heißt es weiter. Und dann habe er ihn«» von den Schönheiten der fernen Weltteil« erzählt. Er unterhielt sich nach der Schilderung dieses Blattes„ungezwungen". Friedlich senkten sich die Gummiknüttel und ihr« Träger wgren Äug' und Ohr für Zajikeks Erzählungen. * Am gleichen Tag berichtet unser Brnderblatt „Prado Lidu" über die haarsträubende Praxis der dem agrarischen Innenministerium unterstellten Sicherheitsbehörden, soweit es sich um de» HeimtranSport von Arbeitslosen handelh die aus dem Ausland äuS- gewiesen wurden und an der Grenze' unseren Hütern der öffentlichen Ruhe und Ordnung übergeben wurden." Das„P. L." verzeichne: einen besonders krassen Fall als ein Beispiel für unzählige. Ein" tschechoslowakischer Arbeitsloser mit mehrköpfiger Familie war aus einer s ä ch s i s ch e n Stad» ausgewiesen worden. Die rcichsdeutschen Behörden stellten dem Armen und seiner Familie eine Frei fahrt- karte bis znr Grenze aus, desgleichen wurde der Möbeltransport auf Rechnung' der zuständigen staatlichen Stell« durchgeführt/ Kaum aber hatte der arme Teufel das Vaterland betreten, änderte sich die Behandlung mit einem Schlag. Obwohl ihm vom zuständigen tschechoflowakischen Konsulat versichert worden war, daß er nach reichsdeutschem Brauch eine Gratisfahrkarte in seine Heimatsgemeinde erhalten würde, bemächtigte sich seiner die Polizei sofort nach seinem Eintreffen. Der ehrliche und in unverschuldete Not geratene Arbeiter wurde samt seiner Familie wie ein Strolch und Vagabund in seine Heimat S gemeinde im Jung b unz- lauer Bezirk abgeschoben. Bier Tage dauerte der Marterweg eines unschuldigen Krisenopfers. Die Fahrt begann damit, daß man den„Schüblingen" ihre letzten Heller abnahm, um den Autobustransport von Bodenbach nach Trischen zu bestreiten! Polizeieskort« — Verpflegung auf den Abschubstationen—„Uebrr- gabe" und„Uebernahme" von Polizei zu Polizei, und schließlich her demütigende Empfang am heimischen Gemrindeamt. Und dieser Fall ist keine Ausnahme— er ist die Regel! Uns kann all das nicht überraschen. Hier die „ungezwungene" Plauderei des Millionendefraudanten mit den Polizisten, die sich schnell „mit ihm befreunden", und auf der anderen Seite di« ganze stumpf« Brutalität der Büttel gegen den Proleten, der einem System zum Opfer fiel, welches anderseits die Zajiäeks naturnotwendig züchten muß. Dies ist die kapitalistisch« Welt, wie sie leibt und lebt! Bg, Erwachende Arbeiter Mustafa erhebt sich gegen seine Ausbeuter.— Erfolgreiche Strelkklmpfe In Industrie und Landwirtschaft Palästinas. Haifa, Mitte Oktober. Die Möglichkeit eines Streiks unter der arabischen Arbeitersthast Palästinas hätte noch vor.einigen Jahren wie eure Utopie geklungen. Ist doch der arabische Bauer bis heute noch seinem Effendi— den Großgrundbesitzern— leibeigen und mit Leib und Seele verkauft. Arbeiten doch bis heut« noch die meisten arabischen Arbeiter 16 Stunden am Tag— ohne jedes Arbeiterschutzgesetz, ohne Unfall- oder Invalidenversicherung! Trotzdem sangt auch hier jetzt der proletarische Gedanke an zu erwachen. Unerhörte kapitalistische Ausschreitungen forderten Streiks heraus— be Regierungsarbeiten, in der Landwirtschaft und in der Industrie. Einige Streiks find bereits mit Erfolg durchgeführt, andere dauern noch an. Aber do sich die Arbeiterschaft geschloffen hinter die Streikenden stellt, besteht über den Ausgang der Kämpf«— Palästina ist augenblicklich«in Land ohne Arbeitslose— kein Zweifel. Wie war dies« Entwicklung zum Erwachen des Klaffenbewußtseins möglich? Kein Zweifel: di« jüdische Arbeiterschaft Palästinas leistete hier Pionierarbeit. Skeptisch wenn nicht feindselig standen di« arabischen Massen noch bis vor einigen Jahren der zumeist von Deutschland und Rußland herdirigierten, gleicherweise durch Not und Idealismus bewegten Ein- ivanderung gegenüber. Die religiösen Führer der Araber und ihre nafionalen Helden ivaren, bemüht, den Mustafas einzubläuen, daß. der jüdischc Arbeiter ihr Blntfeind sei, der sie von ihre: Arbeitsstelle verdrängen wolle. Zunächst scheyktten die Araber diesen Hetzreden um so mehr Glauben, als sie von religiösem Weihrauch umwehrt wurden. In diesem Mißtrauen scheiterten fast sämt, liche Versuche der Arbeitergewerft'chaft Palästinas, die Araber zu ersoffen— nur bei Post und Eisenbahn gelang es, auch die arabischen Arbeitnehmer in die Organisation einiurcihen.-■ Die Erfolge der Eisenbahn- und Postorgan:. sation imponierten den Arabern allerdings: es gelang hier, den Achtstundentag einzufiihren, außer dem die Anfänge einer Gesetzgebung für Arbeiterschutz zu erzwingen. Auch die Löhn« der bei Pos und Eisenbahn Organisierten standen in gar keinem Vergleich zu den sonst bei arabischen Arbeitern üblichen Löhnen. Außerdem konnten dir arabischen Massen wiederholt beobachten, wie di: Mitglieder der Post- und Eisenbahngewerkschaf in ihrem Kampf niemals allein stanhen, sonderr pon der allgemeinen Arbeitergewerkschaft unterstützt wurden. Das machte die arabischen Arbeiter stutzig., Ein weiteres wesentliches Moment, die jüd>- schen Arbeiter nicht nur als Eindringlinge zr sehen, lieferte das praktische Leben selbst. Di: Araber sahen, daß sie trotz der jüdischen Aufbau-: arbeit nicht nur nicht von ihren Arbeitsplätzer verdrängt wurden, sondern daß ihnen darüber hinaus neue Arbeitsgebiete erschlossen wurden Beim Bau des Hafens von Haifa, bei dem großen Zementwerk in Jadjur, bei dem sehr umfänglich angelegten Kaliwerk am Toten Meer— überall arbeiten-Hunderte-von Arabern mit^.einträchtig mit ihren jüdischen Kollegen Hand in Hand. Gemeinsame Aktionen schafften hier ds« Möglichkeit gute Arbeitsbedingungen zu erkämpfen. So begann sich das durch Generationen ver» nebelt« Auge des arabischen Arbeiters aufzuhellen. Er merkte, daß in den Hetzreden seiner ver-" meintlichen Nationalhelden, die ihn trotz aller Phrasen höchst unmohammedanisch und unsozial behandelten, etwas nicht stimmte. Und die allgemeine Gewerkschaft Palästinas ließ nicht locke-'. Die Aufklärungsarbeit, die das Leben gab, verstärkte sie theoretisch. Bis die Bombe platzte. Bei den arabischen„Regierungsarbeitern" fing es an. Sie verlangten einen zehnstündigen(!) Arbeitstag und höheren Lohn. Die englischen Beani- ten rieben sich die Augen. Sie konnten es nicht fassen, daß die Mustafas plötzlich Menschenrechte verlangten. Aber das Erstaunen half den Beamten nicht weiter. Die ganze Arbeiterschaft stellte sich geschloffen hinter die Streikenden. Und— du Regierung gab nach. Angefeuert von dieser« Erfolg ging es lvei- ter. Die jüdischen Bäckereiarbeiter waren seil jeher gut organisiert. Die Arbeiter wollten bisher dieser Gewerkschaft nicht beitreten. Auch hier war die Not, beste Schulmersterin. Dir arabischen Arbeiter erhoben sich eines Tages und erklärten dem deutschen Bäckermeister Minzenmay in Haifa den Streck: Minzenmay ist einer jener Tempel- kolonisier:, die ins Land kamen, um auf den geheiligten Stätten Buße zu tun, nebenbei aber ein Vermögen anhäuften... Di« gesamte Arbe'- ierschaft Palästinas erklärte sich mit den Streikenden solidarisch. Was blieh dem braven Tempelbruder anderes übrig, als nachzugeben? Am schärfsten jedoch wird zur Zeit ein Strei durchgeführt im Zementwerk„Rescher". Dor arbeftcn in den Steinbrüchen etwa hundert Arader. Der Besitzer des Werkes wollte den„unerquicklichen" Verhandlungen mit der Gewerkschas aus dem Wege gehen und übergab die Ausbeutung deS Bergwerks einem arabischen Unternehmer. Und nun ergab sich folgendes liebliche Bild Die Fabrikarbeiter hatten ihren Achtstundentag und. Löhne bis zu 6 RM täglich, nährend dit Arbeiter im Steinbruch— nach den: Willen des arabischen Unternehmers— fortfuhren,_ vor Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zu arbeiten und dafür sage und schreibe ganze 1.50 RM zu bekommen. Nun verlangen die arabischer Steinbrucharbeiter einen Arbeitstag von höchstens zehn Stunden und einen Mimmallohn von Reichsmark. Natürlich erklärt sich der feudal: Unternehmer nicht damit einverstanden. Er schick: immerfort Priester und Agitatoren zu den Streikenden, um sie einzuschüchtern. D?r Kampf jedoch geht weiter. Die Streikenden werden sich um so weniger geschlagen geben, als die gesamte Arbeiterschaft des Landes mit ihnen sympathisiert unk ihre Streikfonds aufs großzügigste unterstützt. (Erscheint pünktlich jeden Freitag mit großem Europaprogramm Bezugspreis vierteljährl. Kc 18.10 Zu bestellen beim Postamt FunkhOrer erhalten eine Probenummer kostenlos Volksfunk-Verlag G.m.b.H. Berlin SW68, Lindenstraße 3 niiiiiiiiiMiiiiiiiiiiiiiiiiM^ Eine neuliche Malerm. Angelika Kauffmann, die am v. Novenrbcr vor 125 Jahren starb, Ist uns Deutschen besonders nahe gebrach: durch ihre Bekanntschaft mir Goethe, der dle Künstlerin in Rom traf und von ihr schriebt „Mit Angelika ist gar angenehm Gemälde zu betrachten, da ihr Auge sehr gebildet und ihr« mechanische Kunstkenntnis so groß ist. Dabei ist sie sehr für alles Schöne, Wahre und Zarte empfindlich und unglaublich bescheiden." Zu jener Z«it hatte Angelika Kaufsmann schon eimn weithin berühmten Namen. Goethes Gönnerin, die Herzogin Anna Amalie, nannte das Portrait, das die Malerin von ihr gemacht hott«,„die schönst« Poesie, dl« man auf mich hätte machen können." Angelika Kaufsmann wurde am M. Oktober 1741 in Chur in Graubünden geboren. Ihr Vater, der auch Maler war, bildete die begabte Tochter selbst aus, und als er mit der Vierzehnjährigen nach Mailand kam, erhielt sie schon Portraitaufträge. Nach dem Tode der Mutter gingen Baler und Tochter in die Heimat des Vaters, nach Schwarzenberg in Vorarlberg. Hier malten sie gemeinschaftlich di« Dorfkirche aus, und die junge Künsüerin erregt« großes Aufsehen bei dem Bischof von Konstanz und dem Grafen von Montfort. Es fehlte ihr nicht an Aufträgen, aber es zog sie zurück nach Italien. Im Jahr« 1763, lerflte sie W i ij,ck elmä n.n kennen, Der groß« Altertumsforscher gewann sie für das Sludium -er Antik«, und ihre Kopien berühmter Gemälde erregten ebenso großes Aufsehen wie ihre Originalgemälde. Bon 1766 bis 1781 ging Angelika nach England. Dort machte sie die Bekanntschaft der damals berühmtesten englischen Maler Reynolds und GainSboro.ugh. Reynolds machte der schönen Frau, die nicht nur durch Anmut und Liebenswürdig- keit all« Herzen gewann, sondern auch durch chre schöne Stimme Aufsehen erregte, einen Heiratsantrag Sie lehnte ab, denn sie hatte, wie man das ja zuweilen bei begabt«» Frauen findet, Ihr Herz einem Unwürdigen geschenkt, der sich Graf Horn nannte und behauptet«, aus Schweden zu stammen uich politisch^verfolgt zu- sein/ Mitleid kam zu der Liebe, und Angelika ließ sich verleiten, Horn'm Abwesenheit ihres Vaters heimlich zu heiraten. Aber der' angebliche Graf entpuppte sich als früherer Kaimnerdiener eines Grafen Horn, dessen Namen er angenommen hatte. Er war schon verheirate:, und verschwand bald, nachdem er Angelika große Summen entwendet hatte. Das war ein ichiverer Schlag für die empfindsam« Frau. Sie zog sich In die Einsamkeit zurück und kehrte erst nach London zurück, als sie dort zum Mitglied« der Akademie der Künste ernannt wurde. Ihre Ehe mit Horn wurde für un. gültig erklärt. 1871 erfüllte sie den Wunsch ihres Vaters und heiratet« den italienischen Historienmaler Zu echt..Mit ihm und ihrem Vater kehrte sie nach Italien zurück. Nach Zucchinis frühem Tode wurde Angelikas Hau» der Mittelpuukt«In«» Krelies von Künstlern und Kunstfreunden,, die in Rom. lebten oder vorübergehend dorthin, kamen Goethe, beschuldigt Zucchini, daß er.zuviel Wert aus das. Geld legre, das die Kunst seiner Frau einbrachte. Diese müsse so viel malen, daß sie keine Zeit hät:«. ihr« Kunst zu vertiefen. Aber er erkannte an:„Das Leicht«, Heiter«, Gefällige in Formen. Farben und Behandlung ist der einzig herrschende Charakter der zahlreichen Werk« der Künstlerin. Keiner d«r lebend«« Maler hat sie weder in Anmut der Darstellung noch in Geschmack und Fähigkeit, den Pinsel zu handhaben. übertrossen." Doch warf er ihr auch Mangel an Kraft und Leidenschaft des Ausdrucks au ihren PortraitS wie in ihren Gemälden vor. Angelika ist bis zu ihrem Tode künstlerisch tätig gewesen. Dabei bli«b sie immer bescheiden und li«- benSwürdg. Umso größer zeigte- sich die Liebe und Verehrung ihrer Person, als sie starb. Kein geringerer als der damals berühmteste Künstler Roms, der Bildhauer E a n o v a. erhielt von der Stadt den Auftrag, die Künstlerin durch die Veranstaltung eines Leichenzuges zu ehren, wie«r kaum einer Für- sün, geschtveige. denn einer anderen Frau je zuteil geworden ist. Ihre Büste fand Im Pantheon ehrende Ausstellung. Ihr Selbstportrait hängt in der Sammlung der Künstlerselbstbildnisie in Florenz. Unter den berühmten Malerinnen früherer Zeiten wird der Name Angelika Kaufsmanns wohl stets an erster Stelle genannt werden. Anna B l o s. Seite 10. Mittwoch, L. November 1934. Nr. 288. PHABtH»EiHIMft Das„Schiff der Ertrunkenen". Zur Ehrung des Andenkens der ertrunkenen Opfer fuhr auch Heuer am Allerheiligentage, ebenso wie im Vorjahre, das „Schiff der Ertrunkenen" im Trauerschmuck von ötächowitz nach Prag. Auf dem Schiff befanden sich ein Katafalk mit der Büste des Heuer in der Elbe bei SadskL ertrunkenen Polarforschers Dr. B o j t ö ch sowie zahlreiche Kränze. Das„Schiff der Ertrunkenen" fuhr um 12 Uhr 30 vom Stschowitzer Hafen aus. Auf seinem Wege landete das Schiff in Möchenitz, Tawlc und Modran, wo die Vertreter verschiedener Moldauvereine auf dem Katafalk Kränze niederlegten. Während der Fahrt durch den Bau der Talsperre in Wran wurde zum Andenken an drei Arbeiter, die dort ums. Leben kamen, ein Kranz vom Schiff hinabgeworfen, an vielen anderen Stellen wurden vom Schiffe Blumen in den Fluh geworfen. An der Fahrt des Schiffes nahmen etwa 200 Personen teil, zum größten Teil geladene Gäste. Vor 16 Uhr legte das Schiff in Prag an."Der Landung wohnte eine vieltausendköpfige Menge bei. Kunst und Wissen Erstes philharmonisches Konzert des Deutschen Theater». Außerordentlicher Zulauf des Publikums kennzeichnete den großen äußeren Erfolg des Montag im Deutschen Theater abgehaltenen ersten diesjährigen philharmonischen Konzerts des Prager deutschen Theaterorchesters. Die künstlerische Tat dieses Konzerts an sich und ihre künstlerische Durchführung seien auch rückhaltlos anerkannt. Aber über die grundsätzliche programm- liche Gestaltung dieses Konzerts wie aller anderen folgenden diesjährigen philharmonischen Konzerte unseres Theaters sind ernst« Bedenken zu äußern. Es ist gewiß begreiflich, vom geschäftlichen Standpunkte der Veranstalter aus sogar vielleicht gerechtfertigt, den Publikumswünschen nachzukommen, das durch konservative Musik eher anzulocken ist als durch modern«; aber durch nichts zu entschuldigen ist die nahezu völlige Verneinung der modernen Musik in Sinfoniekonzerten, die den Prager Deutschen als einzige Möglichkeiten moderner Musikorientierung zur Verfügung stehen. Stillstand in der Kunst bedeutet Rückschritt; auch in der reproduktiven, deren vornehmste Aufgabe es sein muß, das fortschrittliche Bestreben der schaffenden Tonkunst zu unterstützen. Das sonntägige Erste philharmonische Konzert wär durchaus konservatw in seiner Vortragsordnung, dem modernen Musikfortschritt geflissentlich aus dem Wege gehend. Es wurde mit Richard St r a u ß' geistreichen und witzigen'-„Don Quixote"- Variationen für Orchester eröffnet, brachte als solistische Nummer Felix Mendelssohn-Bartholdys Violinkonzert und wurde mit Ludwig van Beethovens „Eroica"-Sinfonie als Hauptwerk des Abends beschlossen. Leiter des Konzerts war Pros. Georg S z 6 l l, der Richard Strauß etwas gar zu tüftlerisch und mit Bevorzugung zurückhaltender Zeitmaße interpretierte, der Mendelssohns Violinkonzert mit delikatester klanglicher Abdämpfung begleitete und Beethovens„Eroica" weniger heldisch als dramatisch gegensätzlich,, mit ausgezeichneter dynamischer und rhythmischer Gestaltung, aber stark übertriebener Tempobeschleunigung im letzten Satze auSdcutete. Einen besonderen Ehrentag hatte diesmal das Thraterorchester, das mit hervorragender klanglicher Ausgeglichenheit und musikalischer Diszipliniertheit spielte und auch die ausgezeichnete Neubesetzung seiner Solospieler erweisen konnte, unter denen besonders der Cellist Kurtz und der Bratschist Wigand auffielen. Gast und Solist des Konzerts war das aus Amerika kommende italienische Geigenwurder Ruggiero Ricci, ein wirklich als Wunderkind anzusprechendes Musikphänomen, ein blasier, schwächlicher Knabe, der sein Instrument virtuos meistert, der über einen auffallend schönen und beseelten Ton verfügt und mit ganz ungewöhnlicher musikalischer und geistiger Reife an seine künstlerische Aufgabe herantritt. Noch ist das Volumen seines Geigen» tons natürlich nicht groß genug, die Festigkeit seiner Bogenflihrung nicht immer ausreichend, die Interpretation nicht frei von schulmäßiger Angelerntheit. aber die unerhörten technischen Fertigkeiten ditses kindlichen Geigers, seine unerhörte Sicherheit und Selbstverständlichkeit der musikalischen Reproduktion wirken als wirkliches beglückendes und überwältigendes Wunder, lasten von der Zukunft des Geigers das Beste und Höchste erwarten. Ricci wurde mit Recht stürmisch gefeiert und konnte di« Beifallsstürme des vollen Hauses nur durch eine Bach- Zugabe stillen. E. I. Wochenspielplan des Reuen deutsch«» Theaters. Mittwoch, halb 8 Uhr:„Rigoletto" kB 2V— Donnerstag halb 8 Uhr:„Schwarzrote Kirschen"(C 2>— Freitag, balb 8 Uhr:„Zigeuner b a r o n". Lichtenberg«in Hockeyspiel. Auf dem gleichen Platz sollte anschließend ein Handballspiel von bürgerlichen Mannschaften stattsindrn. Der Gegner des bürgerlichen Pereins ,Berolina" erschien jedoch nicht. Tet Mannschastsführer, bekannt als Nazi, ging zu-em kommunistischen Leiter und bat,„Berolina" aus der Verlegenheit zu helfen und mit den Sportlerinnen von„Berolina" ein„Freundschaftsspiel" auszutragen. So viel Bereitwilligkeit wird„sich der Nazimann kaum vorgestelll haben, denn Prompt stellen die Sportlerinnen von Fichte Wedding sich zum Spiel gegen die Bürgerlichen. So sieht also der Kamps dec ,.Kamps"gemschaft für rote Sporteinheit^«aeg die bürgerlichen Verbände aus. Man jhat anscheinend keine Gewiffensbiffe, mit fascfftischen Sportleitern Spiel« abzuschließen. Und das tobt gegen dir reforuristischcn Sportführer! Bürgerlicher Sport. SpBg. Bodenbach— Prosiverei«. Auf einer Generalversammlung dieses Vereines wurde beschlossen, mit 1. Jänner 1933 zum Professionalismus überzutreten.— Alle übrigen erstklassigen Spitzenverein« im DJV-, besonders aber die Pokal-Ligisten, bleiben aber noch waschechte(?!)„Amateure". Aus der Partei Bezirkssraucukomite« Prag. Mn.woch, halb 8 Uhr !m Studentenheim Frauensitzung. Literatur Fred Andreas:„Das schöne Fräulein Schragg.' Preis drosch. 3.50 Mark, in Ganz!. 5 Mark. Ein« Tochter des 18. Jahrhunderts ist„Tas schöne Fräu- feilt Schragg". Ihr Abenteuer, ihre Liebe zu einem aus der Strafhaft entlassenen und vom König im ostpreußischen Moor angesiedelten Kolonisten, spielt auf einem Gut in Ostpreußen. Dieser historische Hintergrund mit seinen Anklängen an di« Siedlung-, Probleme der Gegenwärtgeben dcm neuen Roman von Fred Andreas(Perlaz Ullstein) gleich zu Begin» sein eignes Gesicht. Nicht von gestern und nicht von heut« ist aber die stürmische und dabei im Grunde <'vch heitere Liebesgeschichte Mischen dem zarten, eigensinnigen und kühnen Mädchen Ann« Marie und ihrem fischenden Freund«. Heimlichkeiten und Gc- ständnist«, Zerwürfnisse und Verzeihungen, Per- zweiflung und Tapferkeit, ein« über all« Hemmungen hinauswachsende Leidenschaft begleiten den Kamps nm ihre Vereinigung. Intrigen, ein« Flucht über viel« Grenzen des damals kleinen Reiches, Einzelheiten der Lebensführung zur Zeit brr Postkutichen und Perücken,, Vorurteile der Gesellschaft,..Hexenwahn der Leibeigenen, Potsdam pnd Sanssoucct, Pfarrhof und Landratsamt im Osten, Adel, Beamte und Bauern, Fischer und Holzfäller sind mit der Treue des Historikers gezeichnet. Und das wird gerade heut«, wo der Leser nur allzü gern aus der aufgeregten Gegenwart in die Vergangenheit flüchtet, dem Buch seinen besonderen Erfolg sichern. haushoch fliegen die Menschen und ihre Glieder in die Luft. In einer Kirche sehen wir ein Frontspital, daneben betet die Mannschaft um Friede» und gleich dahinter werden Mesier und andere Liebesgaben verteilt. Zwei Schauspi.-ler, Blanchar und Banal geben die Hauptrollen, einen bärbeißigen Sergeant, der sich in einem Nachtkampf für den Dürst der Kameraden zum Brunnen schleicht, wo er abgeschossen wird, und den jungen Studeute» Gilbert Demarchy, der nach entsetzlichem Schlachten endlich, endlich verwundet wird und ganz allein und einsam an ein Holzkreuz gelehnt verkommt, lei>e wimmernd, während unweit Sanitäter glücklicheren Kameraden noch das Leben retten können. Noch niemals wurde im Film die erschütternde Einsamkeit dieser armen, verlassenen Kriegssklaven so klar gezeichnet, wie diesmal; und noch kein Filin war so ehrlich und echt, so naturalistisch stark und klar, wie dieser. Und um dieses ebrlichen Wollens willen ist es eigentlich gar nicht Notwendig zu zeigen, wer eigenllich den Krieg verschuldet. Tenn diese Antwort sind uns alle diese Werke noch schuldig geblieben: noch keines hat die Gesellschaft als solche angeklagt, die sich diese unmenschliche Offizicrsclique allein großgezogen, die vorerst den Haß und die Selbsffucht als Ideale hingestellt hat, um dann die Proleten aller Völker besser gegeneinander zu treiben und morden zu lasten. Der Film des Sozialisten- Pazifisten, der Film der großen Gesellschaftsanklage, des wahren j'ueeuoe, muß noch geschaffen werden- Ob‘ aber diese Wahrheit die Zensurnetze passieren könnte, muß angezweifelt werden. Seien wir in den Zeiten nationaler Hochkonjunktur und Kriegsrüstung dankbar für das Werk jener geistigen Arbeiter, die uns diesen Film der hölzernen Kreuze geschafft!' habe«!! Dr. Walter Lustig. (iiiniiüiiiiiiiuniiiiiiiiiiiiiniHiiiiiiiuiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiuiHiuiiuiiHiiiiiiniuiuiiiiiiiiiuiiiiiiiuuiiiiumiiiiiiiiiuniiiiiiiiimiiiuiiiiiiituiiiiiiiiiiHiiifiiffliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHniiuiHiiiiiiiiiuiiiniiiii Kino von heute. U•• d-« I ef i«» a 11 e a t. Wild-lm»ttjin- Ber-«w»«ltchee Kekokent: Dr.«nril Str« uh. Pro».- Druck:.Sato'«.-» für Rettung- aus Buchdruck, Prua Vu». u» v--e>wu»»mail-nlraukatur»urd» ,ou ket Soft- a. lelegrapbendirekttou mit«Nutz Nr lS.800/VlinS80 bewillig,- eü»,«ied,n,uu,eu: Bet Zaßelluu, tu» Hou»»3 Bezug durch Ht vöp M M.-.- 3u,««u< tvtot im»UUM darechuq. K»«jz«, VMK«« NI M M — Mt In Druck oomuNoorNtch Ott» poM. «ouaUtch U 16.-, vierteljährlich Kl Ü.—, Lisj-ichM, Hl Sikwurmartau,