Siuzelvreis 70 Heller. (Einschließlich 5 Heller Porkr» 12 Jahrgang. Sonntag, 13. November 1932 Nr 268. Der Generalstreik in Genf. Streikbrecher bei den Zeitungen. Genf, 12. November. Der mit 87 gegen 88 Stimmen für heute beschlossen« 24stünd:g« Generalstreik wird im großen und ganzen durkh- gesührt. Er hat sich nicht ausgedehnt auf die eidgenössische» kantonalen Gemeinde« und vereinigten anderen Betrieb«. Die Straßenbahnen verkehren normal. Die Buchdrucker streiken, doch haben die Zeitungen Maßnahmen ergriffe«, um das Erscheinen sicherzustellen. Truppen in Bereitschaft Bern, 12. November. Angesichts der Aus' rufung des Generalstreiks in Gens wurde mit Zustimmung des Bundesrates zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung das seit gestern in Bereitschaft' gehaltene Regiment Walliser Truppen nach Genf beordert. Der Bundesrat hat im Zusammenhang dainit in seiner' heutigen Sitzung festgestellt, daß die Voraussetzungen einer eidgenössischen Intervention im Sinne des Artikels 16 der Bundesverfassung erfüllt sind. Die Beisetzung der Opfer. Gens, 12. November. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung fand heute Bormittag die Beisetzung der Opfer der Zusammenstöße von Mittwoch abends statt. Im Laufe des Bormittag war es an verschiedenen Stellen der Stadt zu kleineren Kundgebungen gekommen, die aber von der Polizei bald unterdrückt wurden. II« emWüi«« Sdiuidnerstaaten Qb erreichen Noten in Washington. London, 12: November.(AR)’ Die lieber-- reichung der b r i t i s ch en N o t e an die Regierung der. Vereint g te n Staaten.bildete einen weiteren Schritt zur Diskussion der Kriegs- schuldenfrage^ Der Inhalt der britischen Not« tvuche den Regierungen Frankreichs, Belgiens und Italiens bckanntgegeben ünd auch hie französische Regierung richtete, nach Washington eine Mitteilung betreffend die Rate, die Frankreich am 15. Dezember aus seine Kriegsschulden an Amerika entrichten soll. Tie übrigen Schuldnerstaateu werden, wie erwartet wird, schon in der allernächsten Zeit einen analogen Schritt unternehmen. Staatssekretär Stimson telegraphiert« den Inhalt der britischen Note dem Präsidenten Hoover, der, wie es heißt, am Dienstag kommender Woche aus Kalifornien nach Washington zurückkehren wird. Eine Entscheidung darüber, wann die britische Note veröffentlicht werden wird, wurde noch nicht getroffen. Wie, aus Washington berichtet wird, ist im StaatÄePartement auch die französische"Note in Angelegenheit der Kriegsschulden bereits eingegangen. Di« Note soll genau jener gleichen, die die amerikanische Regierung vorher von der Regierung Großbritanniens erhalten hatte. Griechenland zahlt Keine Auslandsschulden. Athen, 12. November. In der Regierungserklärung stellte Ministerpräsident T f o l d a r i s in der Abgeordnetenkammer fest, daß die Regierung sich infolge der großen innerfinanziellen Schwierigkeiten gezwungen sehe,' die Erfüllung ihrer Zahlungsverpflichtungen gegenüber ihren Auslandsgläubigern einzustellen. Amannliah’s Krlegsmlnister hlngeriditet Peschawar, 12, November.(Reuter.) Der frühere KriegSminsster unter der Regierung AmanullahS, General Chulam Nabt Khan, der«ine hervorragende Rolle in der Geschichte des Landes spielt«, ist, wie aus Kabul berichtet wird, in Kabul hingerichtet worden. Sedis politische Todesurteile in Rußland. Warschau, 12. November. Nach einer Meldung aus Moskau hat das Oberste Gericht in der weißrussischen Sowjetrepublik sechs Polen wegen wirtschaftlicher Kontre- r e v o l u t i o n zum Tode verurteilt. Papen vor der Demission? Gerüchte über Reichstaasauflösuns und Neuwahlen. Berli«, 12. November. Die grundsätzlich ablehnende Stellungnahme, auf die di« Reichsregierung bei der entscheidenden Mehrheit der politischen Kreise gestoßen ist, hat eine Situation geschaffen, aus der es—wie allgemein angenommen wird— für das Kabinett keinen anderen Ausweg als die Demission gibt. Die bisherigen Kundgebungen der Regierung in dieser Angelegenheit deuten aber vorläufig nicht darauf hin, daß eine derartig« Absicht in den maßgebende« Kreisen bereits gereift wär«. Daher die allgemeine Nervosität und Ungeduld, die zu den verschiedensten Gerüchten Anlaß geben. Heute wurde z. B. verzeichnet, daß die hinter der gegenwärtigen Regierung stehenden Kreis« schon jetzt die Auflösung des neuen Reichstages in Erwägung ziehen, da nach dem erwartete« Scheitern der Beratungen sowohl j * Rßidisrataussihiissß über Rßithsrelorm Berlin, 12. November. Heber die am Sonnabend abgehaltenen Beratungen der Ausjchüsse des Reichsrates ist folgende amtliche Verlautbarung ausgegeben worden: I« der heutigen Sitzung der vereinigten Ausschüsse des Reichsrates wurde zunächst die Finanzlage von Reich, Ländern und Gemeinden besprochen Der Reichsministcr der Finanzen, Gras.SchMxin-Kxpsigk, gab dazu..eiuM. UcherbM über die Finanzlage im Reiche. Danach rechnet er mit einem Äusfall bei den Steuer, und Z oll ei n na h m e n in Höhe, von ctlva 700 bis 800 Millionen RM., von denen etwa 400 Millionen das Reich, der Rest direkt di« Länder treffen. Außerdem legte der Minister den Schulden st and des Reiches und die Verpflichtungen des Reiches aus Garantien ustv. dar. Tie Länder machten ihre bekannten Forderungen geltend: Abschlagszahlung des Reichesfän die Länder auf di« Eisenbahnabfindung. Beteiligung der Archer an den Zuschlägen zur Einkommensteuer und schließlich gleichhcitliches Borgehen dcS Reiches und der Länder bei der Ergreifung von Sparmaßnahmen. Der Reichsminister der Finanzen sagte zu, dies« Forderungen der Länder innerhalb der Reichsregierung zu besprechen. In der Nachmittagssitzung gab der Reichsminister des Innern, Freiherr von G a y l, eingangs einen lleberblick über die Pläue der Regierung zur R e i ch s r e s o r m, wobei er betont«, daß diese Pläne in enger Fühlung mit den Ländern weiter bearbeitet Werder» sollen. Hieran schloß sich eine ausführliche Aussprache. Abschließend faßten die vereinigten Ausschüsse folgende Entschließung, die dem Reichsrat in seiner nächsten Plenarsitzung vorgelegt werden wird: I. Di« Maßnahmen des Reiches vorn 29. und 30. Stober 1932 gehen über die Maßnahmen, die auf Grund der Notverordnung vom 20. Juli 1932 getroffen wurden, weit hinaus. Ohn« bei diesem Anlaß die Frage der Rechtsbeständigkeit dieser Anordnungen weiter zu berühren, stellt der Reichsrat fest, daß durch diese Maßnahnien eine grundlegende und tiefgreifende Veränderung im-bisheraen verfassungsmäßig festgelegten Kräfteverhältnis zwischen dem Reich und Preußen, zwischen dem Reich und den Ländern und zwischen den Ländern untereinander herbeigeführt worden ist. Die obersten Reichsorgane. haben wiederholt di« Zusage gegeben, daß an dem grundsätzlichen Verhältnis zwischen dem Reich und den Ländern nichts geändert werden soll. Der Reichsrat erwartet daher, daß di« Reichsregierung im Hinblick auf diese Zusage so rasch wie möglich die mit den politischen Fraktionen als auch mit den Bertretern der deutschen Länder der Regierung außer der Demission kein anderer Auslveg übrig blerbe« wird. ES wird angegeben, daß der Reichstag sogar noch vor seiner konstituierenden Sitzung aufgelöst werden soll. Bor den Neuwahlen, die erst im Frühjahre stattfinden sollten, würden di« B e r- fassungsreformen aufoktrohiert werben. Vorläufig finden diese Nachrichten nicht viel Glauben, da bezweifelt wird, daß der Reichspräsident sich zu diesem Experiment hergeben würde und um jeden Preis lieber Leu bisherigen Kanzler halte«, als einen neuen Kanzler aussuchen wollte, der für di« parlamentarische Mehrheit annehmbar wär«. 4» zur Behebung der eingetretenen Gleichgewichtsveränderung erforderliche»» Maßnahmen trifft.. II. Bei der großen Bedeutung einer Reichsreform für das Schicksal von Volk und Reich stellt der Reichsrat an die Reichsregierung das dringende Ersuchen, unter Vermeidung überstürzter Maßnahmen und einer übereilten Behandlung die deutschen Länder bei der Gestaltung der Entwürfe noch vor ihrer Verabschiedung im Reichskäbinett und vor ihrer öffentlichen Bekanntgabe maßgebend zu beteiligen. Fortsfliritf in der europäisdien Zusammenarbeit? Bericht der deutsch-französischen Wirtschaftskommission. Berlin, 12. November. Nach zweitägigen Beratungen hat heute die vierte Unterkommission (Zusammenarbeit im Ausland) der deutsch-französischen Wirtschaftskommission ihre Tagung rn Berlin abgeschlossen. Sie hat die Berichte über die Gründung von zwei Konsortien entgegengenom- inen, die in Verwirklichung der Anregungen bei der letzten Tagung in Paris inzwischen erfolgt ist Das erste Konsortium ist eine technische Ver- einigung von deutschen und französischen industriellen Gesellschaften, bas zweit« Konsortium ist in der Form«iner Aktiengesellschaft zwischen deutsch en, französischen und englischen Industriellen errichtet 1 worden. Ihre Aufgabe ist di« Ausführung großer öffentlicher Arbeiten im Ausland, besonders in den Fällen, in denen die Durchführung finanzieller Transaktionen damit verbunden ist. Die vierte Unterkommission begrüßt mit aufrichtiger Sympathie die Bildung dieser Konsortien als ein««»vesentlichen Fortschritt auf dein Wege zur Erreichung des gemeinsamen Zieles. Sie hat weiter einen vorläufigen Bericht über eine engere Zusammenarbeit zwischen den Industrien aus dein Gebiete der elektrischen Konstruktionen und besonders der teiltveisen Elektrifizierung von Eisenbahnlinien gewisser europäischer Länder cntgegcngenominen. Einen breiten Raum nahmen in den Beratungen die F i n a n z f r a g e n«in. Es wurden beiderseits Berichte über das in Deutschland und Frankreich geltende System der Uebernahme von staatlichen Ausfallgarantien bei Lieferungen ins Ausländ erstattet. Beim Abschluß dieser Tagung habe»» die Herr«»» Patenotre und Marlio von der französischen Delegation und Herr Hermes von der deutschen Delegation ihre lebhafte Befriedigung über die bereits erzielten greifbaren Ergebnisse zum Ausdruck gebracht, die einen bedeutenden Fortschritt in der europäischen Zusam- nienarbeit Larstellen. Riesiges Militärbudget Japans, rin drittel des gesamten Budgets! London, 12. November.„Times" meldet aus Tokio vom 11. November: Der gestern vom Kabinett angenommene Entwurf des Haushaltsplanes für 1933-34 beläuft sich auf die beispiellos« Summe von 2.235,000.000 He». Der Boranschlag des Kriegsministeriums umfaßt nicht weniger als 662 Millionen Ze«. Da di« ordentlichen Etnnahmen mit 1.33 Milliarden Ze« eingesetzt sind, ergibt sich das noch nie dagewesenc Defizit von 905 Millionen. Zur Deckung dieses Betrages schlägt der Finanzminister die Ausgabe für etwas mehr als eine Milliarde Schatzbons vor. Seit dem russisch-japanischen Krieg sind die japanischen Finanzen nie einer so starken Belastung ausgesetzt gewesen und die Wirkung auf ben Ze« verursacht m Geschäfts- und Paukenkreisen groß« Beunruhigung. Europa erstickt hinter Zollmauern! Nachdem im Jahve 1929 der bisher größte Umfang des Welthandels erreicht worden war, gingen die Einfuhr- und Ausfuhr- ziffern von Monat zu Monat dauernd zurück. Je mehr sich die Krise verschärfte, desto schneller wurde das Tempo dieses Schrumpfungsprozesses, der unzählige weltwirtschastl idjc Bindungen hoffnungslos zerriß. An die Stelle friedlicher Handelsbeziehungen der Völker trat ein erbitterter und verbissener Handelskrieg, dessen vielseitige Waffen der Protektionisums lieferte. Zur militärischen„Abrüstung auf dem toten Punkt" gesellte sich die handelspolitisch« Aufrüstung,— das von Zollmauern sinnlos zerfurchte Europa wurde zunr Hauptschauplatz dieses Bölkerwahnsinns, der nicht minder schwere Opfer forderte und Leiden brachte als der Weltkrieg. Die Riesenarmee der Erwerbslosen Europas, die noch immer wächst, scheint aber die Regierungen und Machthaber nicht zu stören,— wie groß soll dieser unheimliche„Zug von Millionen" noch werden, um das Gewissen der Welt wachzurufen? Wann kommt insbesondere Europa zu der Erkenntnis, daß es sich bald aus der tödlichen Blockade des Protektionismus lösen muß, wenn es nicht hinter seinen Zollmauern ersticken nn d, verelenden will?. Die nüchternen Zahlen der Wirtschaftsstatistik kennzeichnen unerbittlich das Krisenschicksal Europas und den Leidensweg der Är- bettslosen. Die Außenhandelsumsätze der 48 wichtigsten Länder, die sieben Achtel des gesamten Welthandels umfassen, waren im 1. Halbjahr 1932 auf den Rekordtief- st a n d von 51 Milliarden Mark gesunken, nachdem sie 1929 126 Milliarden Mark betragen hatten. Die Umsätze der 25 europäischen Länder, die hier statistisch mit erfaßt sind, betrugen nur noch 32 Milliarden gegenüber 69 Milliarden Mark, und zwar gingen von» 1. Halbjahr 1929 bis zum 1.-Halbjahr 1932 die europäischen Importe von 40 auf 18 Milliarden und die europäischen Exporte von 31 auf 14 Milliarden Mark zurück! Die starken Preissenkungen auf den» Weltmarkt innerhalb der Bergleichsperiode dürfen bei der Beurteilung dieser Zahlen selbstverständlich keinen Augenblick außer Acht gelassen werden,— trotzdem bleibt die Tatsache bestehen, daß der Handelskrieg ungeheuer tiefe Wunder: geschlagen hat, zu deren Heilung es Jahre brauchen wird. Noch freilich denkt niemand an Umkehr, — ja es hat den Anschein, als ob der Protektionismus noch nicht seinen Höhepunkt, das Leiden der Menschheit also auch noch nicht sein Höchstmaß erreicht hat! Wie besonders stark zumal E»»r o p a von der Krise schon jetzt betroffen ist, wird deutlich erkennbar, wenn man die absolute»» Zahlen durch Prozentziffern ersetzt. Vergliche»» mit dein 1. Halbjahr 1931 betrugen die E i n- fuhrrückgänge im 1. Halbjahr 1932 in Lettland 60 Prozent, in Ungarn 58 Prozeirt und in Jugoslawien 49 Prozent. Sie betrugen 40 und mehr Prozent außerdem noch ii: Norwegen, Schweden, Finnland, Litauen, Polen und Oesterreich. Zwischen 30 und 40 Prozent gedrosselte Einfuhr verzeichneten Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Belgien-Luxemburg, Holland, Dänemark, Estland, Rumänien und Italien. Ausnahinen von dieser Schrumpfungsbewegung machten Nur pvei unbedeutende europäische Länder, nämlich Portugal mit 18 Prozent und die Schwei' mit 19 Prozent Rückgang. Sicherlich ist der Bedarf im Laufe?> langen Krise gesunken, und di« A u s h ö h lung der Massenkaufkraft durch Arbeitslosigkeit und Lohnabbau hat das ihr. dazu beigetragen, diese Ergebnisse herbeizufüh- Sekte S. Sonntag, 13. November 1932. Nr. 268. ren. Es kann aber gleichzeitig keinem Zweifel unterliegen, daß die Au ta r kie b e st re- bun g e n hier bereits deutliche und verhängnisvolle Spuren hinterlassen haben. Der wirtschaftliche Imperialismus hinter engen Zollmauern, diese den breiten Massen auferzwungene schlechtere Lebenshaltung und Ernährung für angeblich . patriotische Ziele, zeigt denn auch schwerste Rückwirkungen, die die E x p o r t z i f f e r n aufdecken. Die stärksten Ausfuhreinbußen— innerhalb derselben Vergleichsperiode— verzeichnen Ungarn mit 66 Prozent und Oesterreich mit 61 Prozent., Einen Ausfuhrrückgang von 40 und mehr Prozent hatten außerdem noch die Schweiz, Bulgarien, Polen, Jugoslawien, Estland und die Tschechoslowakei. Zwischen 30 und 40 Prozent betrugen die Expori- Verluste in Deutschland, Großbritannien, Jr- land, Frankreich, Belgien-Luxemburg, Holland, Dänemark, Schweden, Finnland, Lettland, Griechenland und Italien. Am günstigsten schnitt Norwegen ab mit„nur" 18 Pro- 'zent und Sowjetrußland mit 24 Prozent Ex- ' portrückgang. Auch hier wirken sich die Preis- irückgange selbstverständlich mit aus, derartig riesenhafte Außenhandels- .verlystesindabernichtnur P r e i s- lturzfolgen und Krisenursachen, sondern das vernichtende Ergebnis des protektionistischen Handelskrieges, der— wie deutlich erkennbar— keinem einzigen Lande hilft, sondern alle Länder, wenn auch mit erstaunlichen Unterschieden, nur immer tiefer in Bedrängnis geraten läßt. Das deutsche statistische Reichsamt hat festgestellt, daß der jetzige Umfang des Welthandels wertmäßig nur noch etwa zwei Fünftel des im Jahre 1929 erreichten Rekordstandes beträgt und bereits um rund ein Drittel unter dem Borkriegs st and« von 1913 liegt. Mengenmäßig ist der Welthandel 15 Prozent geringer als vor Jahresfrist und etwa 10 Pro- igent unter Vorkriegsstand, wobei hinzugefügt /wird, daß die europäischen Länder im letzten halben Jahr von der Schrumpfung des Außenhandels stärker betroffen worden sind als die außereuropäischen Länder. Dabei ist zu bedenken, daß Europa der Hauptsitz der Fertigindustrien ist, für die jeder Exportverlust gleichbedeutend mit steigender Arbeitslosigkeit ist, Kommissionen tagen, Experten werden mobilisiert, der Völkerbund prüft und studiert immer weiter, eine Weltwirtschafts- konferenz wird demnach st tagen, v o n de r m a n n u r e i n s bisher mit Sicherheit weiß: daß sie die Krise nicht beseitigen wird! Dort wird man dem Protektionismus— wie immer: rein theoretisch— zu Leibe rücken. Inzwischen isoliert sich Deutschland handelspolitisch so gründlich, wie es sich politisch isoliert hat und brüskiert seine Handelspartner,— Belgien greift zu Kontingenten als Abwehr, Holland plant Zollerhöhungen um 80 Prozent, Boykott tritt anstelle des Güteraustauschs, die europäischen Nordstaaten erwägen den Plan einer handelspolitischen Einheitsfront gegen Deutschland. Hinzu kommt, daß Großbritannien und die Empire-Dominions sich von der übrigen Welt abriegeln,— daß Amerika von vornherein jeden Zollabbau ablehnt. Und die Welthandel s- zifferii werden weiter sinken, die Arbeitslosenziffern weiter stei- g e n! Europa aber darf nicht länger warten auf die theoretischen Lösungen, die die Weltwirtschaftskonferenz allenfalls bringen wird, — Europa muß sein Schicksal selb st in die Hand nehmen, weil es sein Schicksal nur selb st ge st alten kann. Die planmäßig organisierte Wirtschaftseinheit Europa allein wird sich aus der Umklammerung freimachen können, in die es unter der Wucht der Krise durch die großen Wirtschaftsimperien geraten wird. Da Europa weitaus am stärksten unter der Arbeitslosigkeit leidet, i st esauch eine spezifisch europäische Aufgabe, dieses Problem zu lösen. Wird sich dereuropäische Staatsmann finden, der die Vierzig- stundenwoche in den Mittelpunkt der Weltwirtschaftskonferenz stellt? Die Arbeitslosigkeit zu meistern, ist Europas dringlichste und vornehmste Aufgabe! Der Vertrauensmann liest di« Tribüne Monatsschrift für Arbeiterpolitik und Arbeiterkultur. Dl«..Tribüne** unterrichtet des sozialistischen Ver trauensmanu Ober die aktuellen Probleme des Internationalen Sozialismus, der Oekonomie tmd der Kulturpolitik. Jahresbezag 40 Kd. vieriährllcb 10 Kd. Einzelhefte 4 Kd. Bestellungen durch den Vertrauensmann, die Schrfftenabteilne* DM, Volksbuchhandlung oder direkt durch die Verwaltung V Prag U- Nekazanka 14. Abg. Dr. Mayr-Harting klagt um den verlorenen Ministerstuhl. Am 5. November hielt die deutsch« christlichsoziale Partei in Leitmeritz«ine„Parteikundgebung" ab, um ihren Schäslein wieder ein bißchen politischen Schwung beizubringen. Zu diesem Zwecke hatten sie sich den Exminister Mayr-Harting kommen lassen, wahrscheinlich um ihm die Gelegenheit zu geben, sich von den in der Bürgerkoalition begangenen Sünden, wieder reinzuwaschen. Man muß es Mayr-Harting lasten, er tat was möglich war und die diversen Herren Doktoren und Stadträte seiner Partei waren ihm herzlich dankbar dafür. Gleichzu Beginn seiner Ausführungen, in der er Märchen über die letzte Regierungsbildung erzählte, rückte er mit den Kinderschreck der Nazi aus, di« Sozialdemokraten hätten lediglich aus Angst vor der Drohung, durch Ausschreibung von Krankenkaffenwahlen ihre fetten Pfründe in den Krankenkasten zu verlieren, der Regierungsbildung ihre Zustimmung gegeben.(Wahrscheinlich wollten sie die Pfründe der Herren Czech, Grill und der anderen deutschen Turnbrüder in den Lertmeritzer Kaffen retten.) Daß Herr Mahr-Harting auf di« heutige Regierung nicht gut zu sprechen ist, begreifen wir vollkommen. Zu seiner Zeit war dies ganz anders, da waren die Deutschen in der Regierung wenigstens„Gleiche unter Gleichen". In der heutigen Regierung mußten sich di« deutschen Regierungsparteien„verpflichten", nicht über national« Fragen zu sprechen und außerdem wurde den Deutschen gleich gesagt, daß die heutig« Regierung ein« allnationale Regierung, und den Deutschen lediglich erlaubt sei mitzuregieren. Auf seine Erholungszeit als Minister in der Regierung zu sprechen kommend, sagt« er, der Rüstungsfonds sei gar nicht so schrecklich, wie ihn die Gegner seiner Partei immer darstellen, sondern durch die Schaffung des Rüstungsfonds seien zum erstenmal di« Militärausgaben praktisch herabgesetzt(!) worden, und zwar nach seiner Berechnung um nahezu vierzig Prozent!! Die Herabsetzung des Militärbudgets im Jahre 1931 sei«ine Äugenauswischerei und die Herabsetzung der Dienstzeit auf vierzehn Monate sei schon unter seiner Mitregierung vorbereitet gewesen. Das Gemeindefinanzgesetz war unvermeidlich und notwendig, um di« Finanzen in den Gemeinden(tschechischen) wieder zu stabilisieren und di« Steuerreform habe ein« Gesamtreduzierung der Steuerlasten um«ine volle Milliarde gebracht. Die Verwaltungsreform bild« angeblich die notwendige Vorstufe zu einer wirklichen Autonomie und biet« den Deutschen di« Möglichkeit, in den B«rwaltungSkörpern ihren Einfluß zu sichern. In einer derartigen Form referierte Herr Mahr-Harting, stellte kaltblütig die Tatsachen auf den Kopf und schiebt ruhigen Gewiflen all di« Schandtaten, die er und sein« Partei begangen haben, den anderen Parteien in die Schuhe. Allerdings leistete er sich diese VerdrehungSkunststücke Falsche Propheten! Die Christlichsozialen scheinen in der letzten Zeit viel von ihrem Gottesglauben eingebüßt zu haben, denn sie machen heute kein Hehl mehr aus ihrer Anschauung, daß nicht Gott, sondern die Menschen das Geschick der Welt leiten. Wi« sie di« Stellungnahm« zu den großen Problemen der Politik und der Wirtschaft mit ihrem Glauben in Einklang bringen, untersuchen wir vorläufig nicht, uns ist die meritorische Behandlung der Wirtschaftskrise vom Standpunkt der Christlichen weit wichtiger, weil sie unter allen Umständen ihren Anhängern weiszumachen versuchen, daß die bürgerliche Welt nur mngebaut werden brauche, um wieder für alle wohnbar zu sein. ES geht, wie uns scheint, den Anhängern Roms in erster Linie darum, di« Menschen davon zu überzeugen, daß die bestehende Ordnung nach wi« vor die beste und nur etwas aus der Fa?on geraten sei, man dürfe nur noch dem rechten sehen und alles werde wieder sein, sie wie es ehedem war. Alle ihr« Darlegungen zur Wirtschaftskrise laufen offenbar darauf hinaus, die sozialistische Erkenntnis über die wirklichen Ursachen der Krise und die einzig« Rettung der Menschheit vor der wirtschaftlichen Katastrophe durch die Vergesellschaftlichung der Produktionsmittel und die Herbeiführung der Planwirtschaft als überflüstig und unmöglich hinzustellen. So schreibt in der„Deutschen Presse" in einem Leitartikel Herr Dr. Simon, Aussig, unter dem Titel„Sudetendeutsche Wirtschaftsnot und ihre Abhilfe", über Maßnahmen, die zur Rettung der sudetendeutschen Wirtschaft ergriffen werden muffen, um die Zukunft der Deutschen m diesem Staate sicherzustellen. Seine Vorschläge beziehen sich zum Teil auf Reformen der Arbeitszeit, der Lehrlingsausbildung, Herabsetzung der Alters- grenze für Altersrentner usw., also Forderungen, di« vor ihm schon sehr oft, wenn auch nicht immer in der christlichen Presse, erhoben worden sind. In der Hauptfach« aber schlägt er Wege zur Ueberwindung der Wirtschaftskrise uiü> der Sicherstellung unserer Zukunft vor, die eben nur ein bürgerlicher Wirtschaftspolitiker, wenn nicht gar nur ein Christlicher dieser Zeit Vorschlägen kann. Er sagt: „Der langgezogene, schmal« sudetendeustche Wirischaf sraum fordert Dezentralisierung Zusammenhalten der Industrien in wenigen großen Zentren ist für uns unheilvoll. Wir muffen also trachten, im sudetendeutschen WirkchastSraum die Mittel- und Kleinbetriebe zu erhalten. Die Ent- nur vor Leuten, die seit Jahr und Tag nichts anderes gewöhnt sind, als stillschweigend Kanzelreden zu schlucken. Wäre es sonst möglich, zu behaupten, oer Rüstungsfonds stelle eine Herabsetzung derMilitäraus- gaben(!) dar, während in Wirklichkeit Millionen aber Millionen unkontrollierbar auf mehr alS ein Jahrzehnt dem Militarismus in den Rachen geschoben wurden?! Wäre es sonst möglich, das Gemeindefinanzgesetz als unvermeidlich und notwendig hmzustellen mit der Behauptung, die Gemeinden vor den finanziellen Ruin zu retten, während in Wirklichkeit Hunderte von deutschen Gemeinden erst dadurch an den Rand deS Ruins gebracht worden sind?! Wäre es sonst möglich, von der B e r w a l- tungSreform zu behaupten, sie stelle die Vorstufe zu einer wirklichen Autono m i e für di« Deutschen dar, währen- in Wirklichkeit den deutschen Gemeinden und Bezirken-er letzte Rest von Autonomie genommen un- zur Ganze der tschechischen Bürokratie auSgeliefert worden sind?! und die Steuerreform? Wer hatte denn den Nutzen von dieser Milliardenerleichterung? Die Großindustrie, der tschechische Großgrundbesitzer und die Restgutbaron«! Und wer mußte für diese Art von Steuererleichterung aufkommen? Der Kleinbauer, der Händler, der Lohnarbeiter und der kleine Beamte! Und die nationalen Erfolge in-er Zeit als Sie Herr Abg. Mayr-Harting ein„Gleicher unter Gleichen" in der Regierung saßen??? Nur eins Herr Mayr-Harting! Wollen Sie all die deutschen Beamten und Staatsangestellten sehen, die während ihrer Regierungstätigkeit von Staatswegen abgebaut worden sind? Wir glauben kaum, daß Die das Bedürfnis danach haben. Sie behaupteten weiters Herr Abg. Mahr-Harting, daß die abgelöst« Koalition zu der Sie gehörten, im Jahr« 1929 voll« Staatskasten hinterlasten habe. Warum Herr Mayr-Harting hat dann di« Regierung nicht, angesichts der vollen Staatskosten, genügend gesetzliche Vorsorge für die Arbeitslosen getroffen? Warum hat die Regieruna in diesen fetten Jahren in sozialpolitischer Hinsicht nichts, aber auch gar nichts geleistet?! Warum galt Ihre größt« Sorge nur der Schaffung des Modus vivendi, den Religionsunterricht in den Schulen, der Aufrechterhaltung des Paragraph 144 und der Abschaffung der Zivilehe? Wissen Sie, daß Ihnen heute Tausende deutscher Männer, Frauen und Kinder unendlich dankbar wären, wenn Sie in der Zeit ihrer Ministertätigkeit, wo Sie bei den vollen Staatskosten gesessen haben, auch nur halb soviel geleistet hatten, wie eS bisher der Sozialdemokrat Dr. Czech geleistet hat! Es war« sicherlich bester gewesen, Sie hätten als Minstter damals das geleistet, was Sie jetzt in der Leitmeritzer Parteikundgebung vom Staate forderten. ar. Wicklung zum Großbetrieb ist zu erschweren. Ebenso müsten wir das für uns dauernd bedeutungsvolle Handwerk erhalten und in seiner Existenz sichern. Es darf sich aber nicht in aussichtslosen D^ttbewerb mit der Industrie einlassen, sondern muß in seinem eigenen Leistungsbereich schöpferischer, individualisierender Tätigkeit bleiben. Standeskurse für das Handwerk sind notwendig. Wir brauchen eine Kontrolle- des technische» Fortschritts." Herr Dr. Simon zeichnet sich bei der Behandlung des Krisenbekämpfungsproblems durch zwei große Fehler auS. Einmal glaubt er, daß es sich bei der Wirtschaftskrise in diesem Staate um ein« spezifisch tschechoslowakische Erscheinung handle und zum andern sind für ihn die Entwicklungsgesetze der kapitalistischen Wirtschaft nicht vorhanden. Er will in der Zeit der Rationalisierung auf allen Gebieten der Wirtschaft in der ganzen Welt, in der Zeit der Typisierung der Prcchuktion, der Zeit der Konzentration deS Kapitals, plötzlich den kapitalistischen Wirtschaftsgesetzen einen, ganz der bisherigen Tendenz ganz entgegengesttzten Weg vorzeichnen, will den Gewaltigen-es Rothauer Eisenwerkes etwa, zumuten, sie möchten ihren Betrieb wieder zurückverlegen, will Bata nahelegen, ihren Mammutbetrieb aufzulaffen, um die Schuster zu beschäftigen, will verlangen, di« Textilfabriken Nord- und Ostböhmens statt der automatischen Webstühle in einigen"Fabriken^ die man womöglich Tag und Nacht arbeiten laßt, wieder ihr Garn dem Handweber zum Verarbeiten geben mögen. Merkwürdig, daß ein Mensch, der sich berufen fühlt, im Kampfe gegen die Wirtschaftskrise neue Wege aufzuzeigen, der in ein und demselben Artikel die Unlösbarkeit unserer Wirtschaft von jener der übrigen Welt darlegt, zur Ansicht hinneigen kann, daß di« Industrie der Tschechoslowakei nicht an bestimmte Entwicklungsgesetze der kapitalistischen Wirtschaft gebunden sei, von denen sie, insolange sie die Produktion und di« Warenverteilung nicht auf ganz neue Grundlagen stellt, nicht abgesondert werden kann. Darum, well der Wirtschaststheoretiker der„Deutschen Presse" das nicht erkennt oder erkennen will, müsten seine Ausführungen als Irrlehre bezeichnet und abgelehnt werden. Muß gesagt werden, daß sie zu nichts anderem dienen, als zur, Verwirrung der Menschen, die auf Hilfe und nicht auf Kurpfuschereien warten und denen nur helfen kann, der ausspricht, daß die Kris« unserer Welt nur schwinden wird mit der Beseitigung der bestehenden Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung. Oesterreichs Staatsieleriag Wien, 12. November. Der Staatsseiertag der österreichischen Republik ist auch diesmal in Ruhe und--Ordnung verlaufen. Am Vormittag veranstalteten die.Sozialdemokraten unter der Parole„Gegen Fascismus und Monarchismus" den üblichen Umzug über die Ringstraße zum Rathaus. An dem Umzug nahmen auch die tschechoslowakischen sozialdemokratischen Organisationen in Wien teil. Am Nachmittag feierten der republikanische Schutzbund und die sozialdemokratischen Sportler den Staatsfeiertag auf dem Stadion. Hier sprach u. a. der als Gast anwesende gewesene Reichstagspräsident Lobe. Am Abend fanden in den einzelnen Bezirken Akademien, Konzerte und ähnliche Feiern statt. Nach dem Umzuge der Nationalsozialisten kam es am Schwarzenberg-Platz und bei der BoAsoper sowie an einigen anderen Stellen zu kleineren Zusammenstößen zwischen Nationalsozialisten und ihren politischen Gegnern. Die Polizei erstickte di« Zusammenstöße im Keime und verhaftete etwa 15 Personen. Die Kommunisten hatten von jedweden Versammlungen und Demonstrationen Abstand genommen. Auch in der Provinz ist nach den bisherigen Nachrichten der Tag in Ruhe verlaufen. Nur in Schwaz in Tirol, wo die H e i m w e h r« n eine Fahne einweihten, kam es zu einem Zusammenstoß zwischen Kommunisten und Sozraldemokra- ten, wobei einig« Personen Quetschungen erlitten und einig« Personen verhaftet wurden. Hede Dr. Renners beim Bundes präsidenten. Wien, 12. November. Anläßlich des Nationalfeiertages fanden heut« beim Bundespräsidenten Empfang« des Präsidiums des Nationalrates, des Bundesrates und der Bundesregierung sowie des diplomatischen Korps statt. Der Präsident des Nationalrates Dr. Renner erllärtc in seiner Ansprache au den Bundespräsidenten, daß Bolkswohl und Volkswill« oberster Grundsatz bleiben müffen, daß jedoch das Vertrauen in die Entschlußsreiheit der Gesetzgebung, in di« Objektivität der Behörden und die Unparteilichkeit der Gerichte noch weitgehend einer Vertiefung bedürfen. Als ein weiteres Ziel bezeichnete Dr. Renner die Befreiung von den Fesseln des unter einseitigem Diktat geschlossenen Vertrages von St. Germain. Noch schlimmer bedrücke Oesterreich die Unmöglichkeit des freien und ungehemmten Wirtschaftsverkehres mit seinen Nachbarstaaten. Di« Lösung dieser Frag« werde für Oesterreich von Jahr zu Jahr mehr und mehr eine Existenzfrage. Bundespräsident Miklas stimmte in seiner Erwiderung den Ausführungen Dr. Renners zu, Oesterreich, sagte der Bundespräsident, leide un-- ausgesetzt unter den politischen und wirtschaftlichen Folgeerscheinungen des überaus harten Friedensschluffes. Hier eine großzügige Lösung für diesen Herzstaat Europas zu finden und ihm ein wirtschaftliches Fundament zu bieten, sei für die Welt notwendig. Bundeskanzler Dr. Dollfuß unterstrich in feiner Ansprache die Tatsache, daß cs gelungen sei, der Erschütterung, welche der österreichischen Währung aus der Weltwirtschafts- krste drohte, erfolgreich zu begegnen. Der Bundeskanzler wies dann auf die sich bereits bemerkbar machenden günstigen Auswirkungen des Vertrages von Lausanne hin. Eine schwere Geburt Paris, 12. November. Heute Vormittag fand unter Vorsitz des Ministerpräsidenten Herriot ein KabinettSrat statt. Wie daS darüber amtliche Kommunique besagt, war die ganze Sitzung mit der Prüfung des Textes des französischen Planes der Organisierung des Friedens ausgefüllt, der am Montag zwecks endgültiger Billigung dem Ministerrat unterbreitet werden soll. Der bereits bekannte Hauptgedanke des Planes wurde belaffen, eS sollen bloß einige Absätze, die die technische Organisierung der Abrüstung behandeln, abgeändert und abgeqrenzt worden sein. Sie sollen die unlängst erfolgten Kritiken der französischen Militärsachverständigen berück- rchtigen. Prag, 12. November.(TNO.) Der Chef des Generalstabes, Armeegeneral Johann S h r o v f, ist Samstag Mittag m Begleitung einiger Offiziere nach Belgrad abgereist, um an den Beratungen der Repräsentanten der Kleinen Entente- Armeen über ein gemeinsames Vorgehen bei den Abrüstungsverhandlungen teilzunehmen. Blutige Demonstrationen in Dublin. Polizei gegen Freiwilligenarmee. Dublin, 12. November. Mehrer« tausend junge Mitglieder der republikanischen Armee marschierten gestern in mllitärischen Formationen durch di« Straßen der irischen Hauptstadt. Die Polizei trieb di« Demonstranten mit dem Knüppel auseinander, wobei es einige Verletzte gab. Auch wurden mehrere Demonstranten festgenommen. Später kam es zu neuen Zusammenrottungen, wobei die Polizei ebenfalls mit dem Knüppel einschritt. Die Polizei ist wieder Herr der Lage. Bei den Verbandsstellen haben sich zahlreiche Verletzte gemeldet. Ein« Person wurde getötet. Nr. 268. Sonntag, 13. November 1932. Seite 3. COtC V0H UM Ach, ich habe nichts gemerkt, haß ich aufge- stonden bin. Was tue ich ich gehe— zur Tür— Niartin nem hoch— ich muß Geld haben. Ist hoch nicht wichtig— doch, ist wichtig. Eben war doch noch alles klar— da wollte ich was— jetzt doch auch... Gilgi beißt sich ins Handgelenk— immer weher muß es tun, immer weher— sooo— und niut weiß man wieder, was man will. Wo ist d« Frau? Was macht sie solange? Stundenlang wart' ich— ein Blick aus die Armbanduhr: ganze sechs— sieben Minuten» wart« ich. Warum kommt sie nicht? Ich habe ein« Wut auf diese Frau. Fällt mir gar nicht ein, mich da wieder wie ein Idiot in daS lächerliche Korbstühlchen zu letzen. Gilgi geht ins nächstliegende Zimmer. Eine böse und un- shmpathische Wohnung. So fette beabsichtigt« Eleganz— so geschwollen. Lächerlich— dieser Protzige Schreibtisch mit der obligaten Ledermappe und so'nem albernen Krokodil aus Metall. Martin ist mal von einem richtigen Krokodil gebissen worden— in Columbien. Ob ich die Narbe wohl tausendmal oder zehntau'endmal geküßt habe? Das ist sehr wichtig zu willen. Sicher hob« ich si« nicht ost genug geküßt. Martin, mein Liebling, wenn wir doch soviel Geld hätten wi« ungeküßte Küsse! Geld! Ich muß Geld haben. Wenn ich jetzt irgendwo GeL sehe oder etwas, das Wert hat, dann klaue ich es und gehe damit fort— dann brauche ich nicht mehr zu warten und kann zu Martin. Eingehend mustert Gilgi Bilder und Einrichtungsgegenstände auf ihren Dert hin. Ist alles nicht das Richtig«— Klubsessel kann man ja schließlich nicht gut forttragen. Mal ins nächste Zimmer gehn. Gilgi wandert von Zimmer zu Zimmer, finster entschlossen, zu nehmen, was zu nehmen lohnt. Das stinkt alles nach Geld— aber den Wert von Vasen und Bildern und kleinen Skulpturen kann man ja nicht beurteilen— mit solckwm Zeugs kann man schwer reinfallen. Und den Flügel kann man leider nicht sortschaffen und das Büfett auch nicht. Wieder ein? verschlossene Tür— Gilgi hört Stimmen, bleibt stehen und horcht— ohne eine Spur von schlechtem Gewissen. „Diddh", sagt eine scharf« und leicht Posierend« Frauenstimme—„Diddy, warum mußt du sie heiraten? Bleib' Diddh chäri— hör' zu — du bannst doch all«s von mir haben..."— Das ist mein« Mutter, die mit einer außerehelichen Beziehung spricht— stellt Gilgi(«ft. Wahrscheinlich ist Diddh Herr Longin, und ich bin die angebliche Braut von Herrn Longin. Schön« Schweinerei. Mal hören, was der Gauner sagt. Der Gauner oder di« vermutliche außerehelich« Beziehung spricht bubihaft gekränkt und charmant aufgeregt wie ein Operettentenor, der mH seiner Gage unzufrieden ist—„ich sage dir, Magda— ich will endlich was Solides. Der Alte nimmt wich ins Geschäft. Wenn ich die Kleine auch heirate— zwischen uns bleibt alles b«im alten— Magda— ich bitte dich— mach' keine Szene— Gott, meine Nerven! Du bist eine süße Frau, aber..." Dreiminutenlange Stille, di« eindeu- lig ist. Aufgeregt flattert dann di« Bubistimme wieder auf...„natürlich ist si« es, Magda— so wi« das Mädchen si« beschreibt— sie wird uns Mehen haben neulich. Magda, du mußt ihr unter allen Umständen beibringen, daß nichts ist zwischen uns... laß mich jetzt raus— es wird mir noch schlimmer, ivenn sie wartet." Das wird es— uickt Gilgi.„Diddy, du wirst morgen..."„Ja ooch— nur das gemeinsam« Rausfahren muß aufhören..."„Ja, Diddy— Diddh. sie sitzt dorn in der Diele— du mußt hinten runter..." S„Ich weiß Bescheid.— Danke, Magda— Süße—" Wenn sie ihm jetzt nur nicht di« fünfhundert Mark gegeben hat, die ich brauch«. Gilgi seufzt bekümmert. Daß Diddy„Süße" gesagt hat— bat sicher'ne Menge gekostet. Gilgi ist gerade im Begriff, sich über ihren wackeren, Sicherheit gebenden Zynismus zu freuen, als sich die Tür öffnet Kühl und hemmungslos wi« ein Revue- cheoterdirektor mustert Gilgi die zierliche, elegant« Dam«, die vor ihr steht. Gefällt mir nicht. Einzureihen. Typ: Titelheidin einer mittelmäßigen Magazinnovelle. Ganz gute Figur— bißchen Unentschlossen in der Linie— halb kühl fesches Americangirl, halb mager getanzte ältere Gigolo- Mcizenin. Um ein« Nuance zu teuer gekleidet— wblich geschmackvolle, aber mrintime Standard- ^Uiform einer Erfter-Klasse-Reisenden. Das Genäht! Ja, wenn man will, kann man da einige Aehnlichkeit finden mit sich selbst— dieselben, Aohgeschnittenen Augen, dieselben hoch ongesetz- wn Brauen, dieselbe kurze gerade Nase und das wwas kantige Oval des Gesichts. Trotzdem ein schr fremdes Gesicht— und wenn man will— ^incm gar mcht ähnlick». Zu dem gepflegten Henna-Haar dürfte sie nicht so stark rot auflegen 7- ungeschickt dos. Doch gerade diese Ungeschicklichkeit erfüllt einen sekundenlang mit einer ge- wissen mitleidigen Sympathie. ,Mollen Sie mich nom lange so anstarren?" fragt die Magazindam« mit einem eckigen Hotel- wrrafsenlächeln. Kommen Sie bitte mit." Si« geht ins Nebenzimmer-7- Gilgi folgt ihr.„Bitte letzen Sie sich." Ich mag sie nicht— stellt Gilgi kalt und endgültig fest. Und was hat sie für komische schwingende Bewegungen— so ein®e» wisch von Tennischampion und Tonfilmsoubrett«. Gilgi sitzt in einem niedrigen, unangenehm weichen Sessel vor einem kleinen Tischchen— ihr gegenüber die Magazindame. Der Raum ist verhangen und dämmrig— ein günstiger und sicher ausprobiert kleidsamer Aufenthalt für ein« Frau über vierzig. Es riecht nach gutem französischem Parfüm. Gilgi hat das teils leicht beunruhigerrde, teils sehr angenehme Gefühl, das alles gar nicht wirklich zu erleben— ein Zustand fragwürdiger Augenolicksgeborgenheit wie der eines Betrunkenen. Ihr gegenüber die Magazindame— kühl, selbstbewußt und überlegen in der Haltung. Sicher spielt sie Bridge und kann aparte Cocktails mi^en und weiß, in welchen Monaten man Austern ißt, und verachtet Leute furchtbar, die nicht wissen, wann in Monte tote Saison ist...„Wollen Sie mir nicht sagen, warum Sie zu mir gekommen sind?" Ja, und dann wird sie sehr out über moderne Literatur reden können— und manchmal ist sie stilvoll unglücklich... sie ist eine richtige Mogazinnovelle— einen häßlichen faltigen Hals hat si« sehr geehrte arm« Frau Mutter... „Warum ich zu Ihnen glommen bin? Oh, ich will es Ihnen sagen..." Gilgi schweigt, wird sehr blaß und hat plötzlich mit körperlicher Nebelkeit zu kämpfen. Ich dachte doch, ich wäre nicht aufgeregt... „Rauchen Sie?" fragt die fremde Dam« und klappt ein niedliches, bunt emailliertes Zigarettenetui auf, hält es Gilgi hin— „Danke", sagt Gilgi. Streicht hastig, unsinnlos ein paarmal Aber ihren.zerknautschten Trenchcoat— mir ist so übel„Wissen Sie, das erschreckt mich— daß ein Mensch, der Hände und Füße und Augen hat wie man selber, einem so fremd sein kann, daß man meint, es wär' gar kein Mensch, sondern ganz was andres... Ach, Sie denken, ich wäre verrückt? Nein, ich bin ganz normal— nur— ich habe gerade das komiich« Gefühl, als wär' die Welt in zwei Hälften geteilt, und auf der einen Hälfte säßen Sie und all« andern., und auf der anderen Hälfte'äße ich ganz allein. Ich würde nie Du zu Ihnen 'egen können... ach, bitte, bitte, unterbrechen Sie mich nicht— ich gebe mir so große, große Mühe, ganz offen und ehrlich zu Ihnen zu reden — Sie sind ein Snob und eitel auf primitive Art, die mir zuwider ist—■- Sie sind mir sehr fremd, und ich mag Sie nicht leiden— ich finde es kümmerlich, daß Sie mich so spöttisch und ein bißchen verachtungsvoll ansehn, nur weil Sie jetzt gerade bester angezogen sind— sprechen Sie noch nicht - ach, es muß doch möglich fein, an einen Men schen heranzukommen, auch ohne gegenseitige Sympathie. Ich last« ja auch nicht so leicht jemanden an mich heran— aber es gibt doch für mich Worte und Blicke, di« mich aufschließen... wollen Sie mir nicht helfen und mir sagen, was ich tun oder sprechen muß. damit Sie etwas Lebendiges für mich werden?" „Ich verstehe nicht, was Sie meisten!" „Das können Sie ja wohl auch nicht... ja, ja, ich sage schon, was ich will. Ich will füyf- hundevt Mark von Ihnen haben, und ich will Ihnen sagen, daß Sie meine Mutter sind." ,^Daß— ich— was bin?" „Mein« Mutter. Wenigstens insofern, als Sie mich vor einundzwanzig Jahren zur Welt '.cbracht haben." Kurz und klar erzählt Gilgi, oas die Täschler ihr erzählt hat.—,„So, und nun wissen Sie alles." (Fortsetzung folgt.) trag, der in der Unterhaltungsbeilage des„Vorwärts" tatsächlich erschienen war, aber keineswegs, wi« die zitierten Stellen zeigen sollten, ein« Propaganda für die Fremdenlegion, sondern ein« einfache Schilderung der Verhältnisse durch einen Publizisten war, der Marokko bereist hatte. Der Artikel schließt mit den Worten: Wir verwerfen selb st ver stündlich als Sozialisten diese Art kolonialer Unterdrückung. Früher mögen auch di« Methoden bei der Fremdenlegion noch unmenschlicher gewesen sein. Heute aber," wo di« Legionär« kaum noch mehr als«in« dauernde Polizeitruppe sind, unterscheidet sich ihr Los kaum noch von dem"anderer Söldner, die zu imperialistischen Zwecken in den Kolonien verwandt werden." Und das nennen diese deutschnationalen Fälscher Propaganda für die Fremdenlegion! Indem sie Stellen aus einem Arttkel herausreißen und das wesentliche verschweigen, schaffen sie das schäbige Material für ihre Hetze herbei, zu der sie als die Söldner des Kapitals, als di« Trntenkulis des Jndustriellenverbandes verpflichtet sind. In jedem anderen Beruf würde freilich den Verübern des Unfugs die Konzession aberkannt. Der Journalist darf leider nach unserem gesetzlichen. Stand fälschen, lügen und di« Anlagen des Publikums beschädigen, ohne daß ihm der Fahrschein entzogen wird. Wollten wir in gleicher Weise arbeiten, wir könnten durch Falschzitieren aus den Fabrikantenblättern noch herauslesen, daß si« für den Sozialismus sind! Voreilige Zeiiungsnadirioitcn über die Personalsparmaßnahmen der Regierung. Das„Nürodni Osvobozeni", von welchem andere Blätter di« Meldung übernahmen, veröffentlichte den Text eines angeblich für den Ministerrat vorbereiteten Gesetzentwurfes über Personalersparungen in der Staatsverwaltung. Es handelt sich bei diesem Entwurf durchaus nicht um einen konkreten Plan, auf welchen sich die Regierung geeinigt hättes sondern höchstens um die Anschauung eines Ressorts, welche den anderen Ministerien vorgelegt werden wird. Der veröffentlichte Bericht gehört also in die Kategorie der in der letzten Zeit so häufigen Meldungen, welche eine unrichtige Vorstellung über die Verhandlungen der Regierung zur Folge hatten. Versammlungssturm In Brllnn Deutschnationale— Kommunisten— tschechisch« Nationalisten. Brünn, 12. November. Heute abonds veranstaltete di« deutsche Nationalpartei im Saale der Akademischen Mensa eine öffentliche Versammlung,,bei der Abgeordneter Doktor Fritz Hassold sprach. Kurz vor Beginn der Versammlung versuchten etwa 100 K0 m mutt i st e n unter der Führung des Angestellten des kommuniiftschen Sekretariates in Brünn, Josef König, denen sich mehrere tschechische nationale Studenten anschlossen, in den Saal einzudringen. Die Veranstalter hinderten sitz daran. In dem Gemenge, das bei der Tür entstand, versetzte König einem der Veranstalter einen Stockhieb und verletzte ihn leicht. Er zertrümmerte auch«in Fenster) König wurde von der Wache angehalten und die Menge zerstreut. Ein richtiger Jugenderzieher der Hakenkreuzler. AuS Mäh r.-S ch 0 nb« rg: wird uns geschrieben: Unsere Hakenkreuzler, die seit einiger Zeit mit diversen Affären gesegnet sind, mußten dieser Tage eine neue unangenehme Wahrnehmung machen. Der Jugenderzieher des deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes(DHV.) Ernst Iller wuü>e wegen betrügerischer Mani Pulati on en verhaft«t. Iller hat außer seiner hakenkreuzlerischen Erziehunastätig- keit im DHV. noch ein« besondere Tätigkeit im Hasardspiele entwickelt und dabei nach seinen eigenen Angaben 100.000 Kronen im Lauf« von zwei Jahren verspielt. Iller hat als Kaufmann mit einem zweiten Kaufmann« D 0 l e i e I als Kompaanon ein Kaufgeschäft in der Lessingstraße übernommen. Nach den gepflogenen Erhebungen soll die Schadenssumme, die die Firma Doleiel und Iller erleidet, zirka 250.000 Kronen betragen. Iller hat bereits an Banken zedierte Forderungen einkas- i'-ert, di« Geschäftsbücher gefälscht und die so gewonnenen Gelder in nächtelangen Hasardspielen verspielt. In die neue Affäre der .Hakenkreuzler sind mehrere Herren der bürgerlichen Gesellschaft verwickelt, die dem nationalen Recken Iller das Geld abgewonnen haben; darunter soll allein der Bankhalter 80.000 K gewonnen haben. Gespielt wurde im Deutschen Ber- einshaus und in der Schießstätte. Und die Sorte Pädagogen des deutschen Handelsstandes will die jungen Lehrlinge für das„Dritte Reich" erziehen. Gehilfenwahlen bei der Genossenschaft der Gast» und Schankwirte in Teplitz-Schöncm. Vor einigen Tagen fanden in Teplitz-Schönau die Wahlen in die Gehilfenvertretungen der Genossenschaft der Gast- und Schankwirte statt. Von den 247 abgegebenen gültigen Stimmen erhielten die freien Gewerkschaften 156, di« Ratio- nalsozialisten 91 Stimmen. Die freien Gewerkschaften erhielten 8 Mandate, die nationalsozialistischen 5. Die von den Nationalsozialisten erhoffte Mehrheit wurde also nicht erreicht. Der „Tag" berichtet zwar über einen großen Erfolg, vermag aber nicht anzugeben, worin er besteht, da die erwartete nattonalsozialistische Mehrheit nicht erobert wurde. „Vm Reine Kredilhille iiir die LandvirlsM“ Weil sie der Bund der Landwirte selbst nicht will! In der landbündlerischen Prefle reitet wieder ein Herr P l e s ch e r auf uus herum, weil durch die Schuld der Sozialdemokraten angeblich das Gesetz über die Kredithilfe für die Landwirtschaft verzögert wird. Der Grad von Unwisten- heit oder Böswilligkeit, den der Artikelschreiber und die agrarischen Schriftlettungen dabei an den Tag legen, geht über das Maß dessen hinaus, das man von dieser Seite bisher gewöhnt war. Wissen die Herren nicht, oder verschweigen sie es bewußt, daß der Bund der Landwirte nur ein sehr mäßiges. Interesse für diesen von der tschechischen Agrarpattei forcierten Gesetzesentwurf zeigte? Dann sei es zu ihrer Schande hier öffentlich festgestellt! In dem landwittschaftlichen Siebenerausschuß der Koalition hat sich der Bund der Landwirte von allen Parteien am allerwenigsten für das Kreditgesetz angestrengt. Abgeordneter Windirsch war bei den Verhandlungen zumeist unsichtbar, er wohnt« nicht einmal der Beratung seiner eigenen Anträge bei. Diese Zurückhaltung hatte wahrscheinlich ihre Gründe. Bon deutscher Seite war von Anbeginn die Befürchtung vorhanden, daß das Krehithilfs- gesetz nur ein« verschleiette Sanierungsaktion für die Restgutsbesitzer sei. Es war auch keine Gewähr gegeben, daß die Gesuche der deutschen Bewerber um Zinsenzuschuß bei dem bürokratischen Verfahren(die Entscheidung lag beim Landwirtschaftsministerium) in angemessener Weift berücksichtigt werden. Darum war unser Vertreter im Siebenerausschuß— solange der Entwurf zum Arbeitsprogramm der Koalition gehörte— bestrebt, Verbesserungen und Sicherungen durchzusetzen. Dummerweise wird nun dem Abgeordneten Genosten Jaksch in dem besagten Artikel zum Borwurf gemacht, daß er den erhöhten Zin- senzuschuß von drei Prozent nur für Kleinland- wirt« bis zu fünf Hektar beantragte. Verschwiegen wird natürlich, daß vorher von tschechischer Seite beantragt worden war, di« erhöhten drei Prozent nur jenen zuzusichern, welche bei der Bodenreform Grund erworben hatten. Es ging also darum, eine sachliche Grenze zu ziehen, um ein nationales Unvscht abzuwehren. Die Technik des Fälschens. Dieser Tage hat die„Frankfurter Zeitung" einen Fall von gemeinster Fälschung aufgedeckt, wie sie die Nationalsozialisten im Wahlkampf benützt haben. In den völkischen Zeitungen erschien-eine Aeußeruna Rathe- n a u s als Beweis für die deutschfeindliche Gesinnung dieses von den Reaktionären ermordeten Mimsters der Republik. So wie di« völkischen Sudelblätter das Zitat druckten, mußt« es den Anschein haben, daß Rathenau die Franzoftn aufgefordert habe, das ganze deutsche Volk auszurotten. Faktisch stand diese Aeußerung in einem Zusammenhang, in dem sie genau den gegenteiligen Sinn erhielt. Rathenau sagt« in'einem Appell an Frankreich— es handelt« sich um die Auslieferung der 800 Kriegsverbrecher—, daß Frankreich ebensogut das ganze deutsch« Volk ausrotten könnte, wenn es ihm diese Demütigung nicht schenken wolle. Hierauf folgte die satirisch gemeint« Aufforderung, Deutlchland völlig zu vernichten und dann die Schlußfolgerung: da Frankreich das unmöglich erstreben könne, müsse Doch abgefthen davon, sollen sich die Kleinbauern und Häusler gut merken, daß der Bund der Landwirte einen Borwurf daraus schmieden möchte, wenn einmal bei einer Hilfsaktion über Antrag der Sozialdemokraten di« Grupp« der Bedürfttgen hatte bevorzugt werden sollen. Die Herren Agrarier möchten es allerdings lieber umgekehrt haben: daß die Großen zuerst drankommen und di« Kleinen dann die Schüssel auslecken dürft». Gleich lächerlich ist di« Behauptung des Artikels, daß die Sozialdemokraten Jaksch und Kou- delka erklärt hätten, ihre Parteien würden solange nicht für die Landwirtschaftskredite stimmen, bis das definitive Wohnungsgeseh erledigt ist. Richtig ist, daß die tschechischen Agrarier d:e Beratungen des WohnunasausschusteS der Koalition sabotierten und gleichzeitig die' Fortsetzung der Arbeiten im Kreditausschuß forderten. Darauf sagten die Sozialdemokraten: entweder arbeiten beide Ausschüsse oder keiner! Schließlich wurde im Einvernehmen aller Regierungswarteftn m:t Ausnahme des Bundes der Landwirte— dessen Vertreter wieder durch Abwesenheit glänzte— die Weiterberatung auch des Kreditgesetzes abgebrochen, bis sich die Koalition auf ein neues Arbeitsprogramm geeinigt hat. Diesen Sachverhalt kennen die Herren Abgeordneten Windirsch und Böhm ganz genau. Wenn si« trotzdem dulden, daß ihre Parteizeitungen solche verlogene Angriffe unternehmen, machen sie sich mitschuldig an einer Verdrehung klarer Tatsachen, weit mehr als jener Herr Ple- scher, der wohl etwas läuten aber nicht zusammenschlagen hörte. Die Herren mögen' zur Kenntnis nehmen, daß wir auch in Zukunft eine solche Schlagerfabrikation, die wahrscheinlich schon fiir die nächsten Wahlen berechnet ist, rücksichtslos durchkreuzen werden. Wir Sozialdemokraten lasten uns nicht zu Sündenböcken für die Zweideutigkeit der Landbündler stempeln, die draußen im Lande nach Kredithilf« rufen und dabei selber froh sind, daß si«— wenigstens in der beantragten Form — nicht Gesetz wurde. es den Demütigungen ein Ende setzen. Die völkischen Lumpen haben, als sie die Stelle aus dem Zusammenhang risten, genau gewußt, daß sie fälschten und wie sie fälschten. Ist es doch derselbe Artikel Rathenaus, aus dem der ,,T a g" seinerzeit — es war der letzte von uns registrierte Grubenhund im Zentralblatt für ebendiese— Stellen als Worte Hitlers in einer Zittauer Versammlung übernommen hat! Ein ganz ähnlicher Fall von Fälschung durch Weglassung des Wesentlichen kann den nordböhmischen Fabrikantenblättern deutschnationaler Richtung nachgewiesen werden. Sie brachten kürzlich unter dem zweispaltigen Titel: „Sozialdemokratie wirbt für die französische Fremdenlegion— Unseren irregeleiteten Ausbeutern zur Beachtung!" ein Zitat aus dem Berliner„B 0 r w ä r t s", das „so recht den Charakter dieser Judaspartei beleuchten" sollte. Mit einer ganzen Reihe von Auslassungen, die durch Punkte... bezeichnet waren, zitierte man da einiges aus einem Bei-1 Seite 4 Sonntag, 13. November 1932. Nr. 268. Sdilagwdtcrftatastrophc In England. Bisher 21 Tote geborgen. Wigan(Lancester), 12. November. In einer Steinkohlengrube bei Ashton in Amker- field hat sich eine schwere Schlagwetterkatastrophe ereignet. Man besürchtet, daß gegen 25 Angehörige der Belegschaft ums Leben oekommen find. Bis z« den Mittagsstunden wurden aus der verwüsteten Grube 21 Tote zutage gefördert, von denen einige bis zur Unkenntlichkeit verbrannt sind. Außerdem wurden einige Verletzte geborgen.’, imiittUiiffliiiiiiiiiiiiiimiiiiimnuiiitiitiiiiiiinniiiiiiiiii(i!imiiiiiiifiiiniiiinniiiiiiiiiiinntniiiiiiiiifliiiiiiiinHHiiiiHiHiiHHiittniii!iiiniiiiiiNiiiflinuiimiiiiinnHiiii]innininiiiniiiHiiin]n Strauß dirigiert.— Königsberg: 19.20: PolauM quartett.— Langenberg: 20: Meister der Operette 22.30: Kammermusik.— Wien: 19.36: Kammermusik von Brahms. Borläufig kein Doppekprogramm für Prag. Zueinigen Tagen sendet die alte Straschmtzer Stach" in den Morgenstunden versuchsweise auf'der Wkllt des Libliher Senders. Aus dieser Tatsache wurdt irrtümlich gefolgert, das Doppelprogramm für Pwt wäre bereits verwirklicht worden. Di« Bersulhi' sendungen sollte» jedoch dringlich di« technische Berttz' schäft der Sendestation überprüfen. Mit der S«s' düng eines Doppelprogramms ist für absehbar« 3^ nicht zu rechnen. Typhus-Epidemi« in Sofia. Di« seit einiges Wochen in der bulgarischen Hauptstadt Sofia gras' fierende Typhus-Epidemi« hat in den leM Tagen in beängstigender Weise um sich gegriffen Zurzeit liegen über 500 Schwerkranke ln de» Krankenhäusern, zu denen täglich 10 bis 20 Fälle hinzukommen. Di« Stadt Sofia hat ein«» Kredit von einer Million zur Bekämpfung W Seuche zur Verfügung gestellt. Der Cunard-Dampfer„Alaunia", der rty 250 Fahrgästen au Bord sich auf dem Wege n®® England befand, stieß Freitag abends im£*• Lorenzstrom, 20 Meilen unterhalb von Quel^ mit dem der Canadian Pacific Line gehörend«" Dampfer„Ducheß of Richmond" zusa^ men. Di«„Alaunia" erlitt nur geringfügme schädigung und konnte ihre Fahrt nach Qued« fortsetzen, wo sie in Trockendock genommen wcv den wird. Der Dampfer„Ducheß of Richmans (20.000 Tonnens blieb bei dem ZusammetiM fast ganz ohne Beschädigung. Eiu Souderausslugszug nach Bien mit Pflegung und Führung wird in den Tagen pow bis 5. Dezember für den Preis von 299 K intlufj** Fahrt und Verpflegung von Prag abgefertigt. W fahrt vom Wlfonbahnhof am Freitag, den 2. D«' zcmber um 23 Uhr, Rückkehr nach Prag am 5. zember nach 7 Uhr früh. Sm Preis« inbegriffen$ die Schn«llzugsfahrt von Prag nach Wien und rück, Logis,, Berpft«gung, Eintrittsgelder, di« bühren für di« Besichtigung der Stadt im Auroca«' Unfallversicherung und Führung. Anmeldung«" nehmen mit einer Angabe von 50 K Schalter Nr." des Prager Masarykbahnhofes und alle Berkaus stellen des Reisebüros öetück in Prag und Böhn^ entgegen. Außerhalb Prags wohnende Teilneh»^ genießen bei Vorweisung der Anmeldung«ine V Prozentig« Fahrpreisermäßigung bei der Fahrt na" Prag unh zurück.. miiiniitMiHiiiiiumniHiiiHiiHiiiuniiiiiiiiiniiiiiiiHiuuniiHiniiufliiiiiiiiiiiiiiiiituniiiiuniiNiiioiniiaunniiiiiniiHNmnniHiiiiiniitiiHiNniniiiiiiiiiiiuiHiiuiiHiutmmuiHiumnHiuiniiHmiHUiKUiB 1 1900 Todesopfer der Slurmkagasgrophe auf Kuba Paris, 12. November. Di« letzten Meldungen über di« Wirbelsturmkatastrophe auf Kuba besagen, daß in der Provinz Puerto Principe der Sturm«in« Geschwindigkeit von 360 Kilometern in der Stund« erreichte. Ti« Zahl d«r Menschenopfer beträgt rund 1700. Auch die Zahl der Verletzten ist groß. ' Di« Stadt Camagney ist völlig vernichtet und wird wahrscheinlich übrrhaupt nicht mehr aufgebaut werden können. Eine Springflut hat «ine noch unbekannte Zahl von Opfern ins aufgewühlte Meer geschwemmt. Bisher sind 260 Leichen geborgen worden. Viele Hunderte sollen noch in den Aesten der Bäume und unter den Trümmern der Stadt liegen. Nur wenige hundert Personen sind der Katastrophe entgangen. Di« meisten Einwohner der Stadt hatten nicht Zeit gefunden, di« Flucht zu ergreifen, und gewahrten di« Gefahr durch den Donner der Wogen, di« 70 Schiffe im Hafen zertrümmerten. Di« Bevölkerung flüchtete in der Panik in leere Güterwagen auf dem Bahnhof, die von dem Wasser»mgeworfen wurden, so daß ihre Insassen hilflos ertranken. Die Aerzte arbeiten leit Mittwoch fieberhaft di« Nacht hindurch im Scheine der Kerzen. Andauernd treffen weitere Flüchtlinge ein, die furchtbare Einzelheiten von der Katastrophe berichten. Di« Flüchtlinge sind halbnackt und derart entsetzt, daß sie längs der Strecke zu Boden fallen. Männer Frauen und Kinder suchen mit histeri- chem Weinen ihre Familienangehörigen und wehklagen laut über den Verlust ihres gesamt^ Vermögens. Die ganze Gegend ist mit$*** mundeten besät, di« um Hilfe rufen. Die Behörden strengen all« ihnen zu Geb.»^ stehenden Kräfte an, die allernotwendigste Hiist für die Flüchtlinge zu organisieren. All« bich^ noch unversehrt gebliebenen Häuser wurden•? Krankenhäuser umgewandelt. Noch weit mehr Tote? Washington, 12. November. Aus l wirb gemeldet, daß bei dem furchtbarste» Orks* der letzten 20 Jahre, der di« Insel und vor alles» die Stadt Camagn« verwüstet«, den letzten Sch^ zungen zufolge weit mehr Menschen nö** Leben kamen, als di« bisher«ingelaufene« NaV richten anführe«. Man rechnet mit einer WJ* höheren Zahl als 1700 Personen. Einer aw>' lichen Schätzung zufolge konnte« sich vor d«^ Tode oder Verletzungen weniger als 10 Prozeß der Bewohner dieser unglücklichen Stadt rett«»' Nom weitere Inseln betroffen Miami(Florida), 12. November. Die Küste" wache fing einen Funkspruch eines englisch^ Dampfers an den Gouverneur von Jamaika av' der besagt, daß der am Mittwoch Zentralku^ verwüstend« Wirbelsturm auch auf den Ins«!" nordwestlich von Jamaika großen Schaden gerichtet hat. In diesen Gebieten seien mehr al' 60 Personen getötet worden. «r. 268. Sonntag, 13. 9?obemBet 1932. Seit« 5. I lehen für den Bau von Einfamilienhäusern und tauf von staatlichen und anderen Wertpapieren| ,! 44 Millionen für die Realisierung bereits bewil- und 80 Mllionen Kronen für Kommunaldar- s ! ligter Darlehen. Bon dem Rest von 136 Millio- lehen Und Darlehen zur Unterstützung der Bar ' nett müssen die gesetzlichen Quoten für den An- bewegunq reserviert werden. 3n Ende gedacht! die ftrienmaWine, b,e den Krieg vrfetiig«. Eine Wopte f Die»Rasse«" sützren 258-78. New Jork» 12. November. Tie„Nassen" haben die gewaltige Majorität von 259 Stimmer im neuen Kongreß erreicht. Dtrselbe wird wahrscheinlich erst im kommenden Frühjahr zusam- mentreten. Die„Trockenen" errangen bloß 78 Sitze im neuen Kongreß. Die.Haltung von 85 Mitgliedern des neuen Kongrestes zur Prohibitionsfrage, ist noch zweifelhaft. Der Nobelpreis für Chemie. Das Nobelpreis-Komitee der schwedischen Akademie der Wis- fenschaften hat den diesjährigen Nobelpreis für Chemie dem amerikanischen Chemiker und Leiter des Untersuchungslaboratoriums der General Electric Compagnie in Schenectady, Dr. Fr- ding Langmuir, zugesprochen. Der neue Nobelpreisträger hat seine Ausbildung in Göttingen erhalten, wo er als Assistent von Professor, Nernst tätig war und 1906 promovierte. Seine bahnbrechenden Forschungen bewegen sich hauptsächlich auf dem Gebiete der Elektronenausstrah- lung glühetrder Körper im Vacuum und in gasgefüllten Räumen. Der Nobelpreis für P h Y- N k ist auch in diesem Jahre nicht ausgeteilt worden; er wurde für das nächste Jahr reserviert. Der Physikpreis des Jahres 1931 soll überhaupt nicht zur Verteilung gelangen, sondern einem Sonderfonds der physikalischen PreiSgruPPe zugeführt werden. Brand im K«strlraum. Gestern nachmittags brach in einem dem Vinzenz Nemvirih in I g l a u gehörigen Keffelraum ein Brand aus, der die Werkstätte und das Dach des zweistöckigen Wohnhauses vernichtet«. Aus der Werkstatt« konnten noch recht-i zeitig di« im Kesselraum befindlichen Sauerstoff- Naschen entfernt und so eine Explosion verhindert werden. Der Inhaber des Unternehmens erlitt bei den Löscharbeiten eine ernste Rifverletzung an der Hand und wurde von den Samaritern behandelt. An der Lokalisierung des Brandes arbeiten zwei Feuerwchren und die Militärbereitschaft, da sich in der Nachbarschaft der Brandstelle ein« Tabak- und sine Kartonage-Fabrik befinden. Der Schaden ist lehr hoch. Kiudertragödie. In Köln verschluckte ein einein- hakbjähriges Kind«in mit einer Äiadel versehenes Glasauge, das von seinem Teddybären stammte. Ehe ärztliche Hilf« zur Stell« war, erstickt« das Kind. Volkswirtschaft und Sozialpolitik Die Berwaltungskommtssto« der allgemeine« Pensionsanstalt hielt am 10. November eine Sitzung ab. Nach dem Bericht über den Stand des Institute hatte die Pensionsanstalt am 1. Oktober d. I. 826,177 Versicherte. Gegenüber dem Beginn des Jahres zeigt sich, bin, R ü ck a a tz g ttm mir ca. 8000, was unter den herrschendem Verhältnissen verhältnismäßig wenig ist. Unter anderem wurde der F i n a n z p l a n der Anstalt für das Jahr 1933 behandelt und genehmigt, der allerdings nur Provisorisch ist, da er erst nach den Ergebnissen des ganzen Jahres wird definitiv zusant- wengestellt werden können. Nach diesem provisorischen Plan wird die Gesamteinnahme im Jahre 1933 auf 748 Millionen-geschätzt, davon 491 Millionen Prämien, 210 Millionen Zinsen und andere Erträgnisse, 37 Millionen Amortisationsraten und 10 Millionen verloste Wertpapiere. Nach der Dotierung der Versicherungsleistungen, der Heilsürsovge, der Arbeitslosenunterstützungen und der Krankenfürsorge der Rentner, welche aus Vorsicht absichtlich höher ongesetzt werden, nach Abzug der Verwaltungsunkosten und Einsetzung großer Reserven für unvorhergesehene Ausgaben verbleiben zur dauernden Anlage 265 Millionen Kronen. Davon sind 80 Millionen gebunden für ein Darlehen an den Wasserwirtschaftsfonds, 5 Millionen fiir Dar- Kinder sind heute so anders. Von Marcus Adams. Kein Zweifel, daß die Kinder unserer Zeit gegenüber denen früherer Generationen nicht nur seelisch, sondern auch in ihren Gesichtszügen verschieden sind. Wir alle haben wohl eine unbestimmte Vorstellung davon, daß unsere heutigen Kinder zugleich jünger und älter sind, als sie es früher waren: jung im Aussehen und älter in ihrer Intelligenz. Diese äußere Wandlung kann bewiesen werden durch den Vergleich moderner Kinderphotographien mit alten Porträts und Gemälden, auch wenn man auf die Formgesetze und die besondere Technik der Künstler der Vergangenheit gebührende Rücksicht nimmt. Die Kindesseele kann sich nicht verändern, ohne daß diese Wandlung in dem Kindesantlitz, dem Fenster der Natur, zum Ausdruck kommt. Die Augen vermitteln wohl ein anschaulicheres Seelenbild als jeder andere Teil der Gesichtszüge. Man vergleiche das Kindesauge von ehemals mit dem von heute: Nach den Malern des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts schei- nen die Augen des Kindes fast gar nicht in sein Antlitz eingebettet zu sein: es ist, als. träten sie fast ohne Augenhöhlen unmittelbar aus deut Kopfe hervor. Und ihr Ausdruck? Man kann ihn lediglich als den gedankenloser Neugierde beschreiben. Der Geist, dem sie äußerlich entsprechen, war offenbar ungeschult im Sinne modernen Lehrens. Alle Kinder fragen und forschen beständig und taten cs auch in jener vergangenen Zeit. Aber der Ausdruck der Augen ist heute der intelligenter und nicht gedankenloser Neugierde. Und mehr als Neugierde eines wirklichen Jnter- Wir känrpfen so lange schon gegen den Krieg! Allmählich scheint es, daß das einzige Mittel, ihn zu erledigen, ihn unmöglich zu machen ist. Es ist wie mit dem Kapitalismus: es hat keinen Sinn, seinen Vertretern Einsicht zu predigen. Sie wirken, so lange sie können. Rationalisierung— höhere Leistung. Zum Krieg bekennt man sich im allgemeinen weniger offen als zum Kapitalismus. Aber man muß einmal genau Hinsehen: alle Abrüstungen sind nur Anpassungen an die moderne Technik. Und wie die fortschreitende Rationalisierung im Kapitalismus unzählige Opfer fordert, so wird auch der moderne Umbau der Kriegsmittel — scheinbarer Abbau— im Moment der Anwendung riesig vergrößerte Leichenfelder schaffen. Da ist die Miliz HerriotS. Da sind die Flugzeuge verschiedenster Typen, die bei den letzten italienischen Manöver» in der ganzen Welt auffielen. Beides sieht nach weniger aus, und beide Einrichtungen sind bei näherem Zusehen gefährliche Schlachtenmaschinen von enormer Durchschlagskraft. Wer an den künftigen Krieg mit ihnen denkt, bekommt das Grauen. Es wird von uns immer wieder in die Oeffentlichkeit geschrien: Stellt euch vor: Städte werden in Trümmer gehen nach wenigen Stunden schon! Di« Bewohner ganzer Landstriche werden im Giftgas ersticken! Aber der Menschengeist, wenn er nicht denken will, ist schwerfällig. Man hat in Novellen, in Romanen, ja in Filmen das Grauen des Zukunftskrieges geschildert— wer glaubt, daß das alles Eindruck macht auf die Maßgebenden? Aber selbst die Masten aufzurütteln, die die Opfer sein werden, ist schwer. Ebensogut könnte man den Kapitalisten ihre Zukunft malen: noch immer mehr Waren in den Speichern, noch mehr hungerndes Volk! Sie führen ihre Kriege weiter und jeder meint, er muffe siegen. Di« Bombenrakete. Was in den Novellen oft vorweggenontmen wurde, hat nun kürzlich ein amerikanischer Ingenieur dek Wirklichkeit nähergerückt. Er hat die Kriegsmaschine, die in so kurzer Zeit so umfangreiches Unheil anrichtet, daß es Wahnsinn ist, einen Krieg überhaupt anzufangen, wirklich erfunden! Der Ingenieur Barlow nahm seine Tätigkeit auf diesem Gebiete bereits gegen Ende| des Krieges auf. Er kvNstrüierte äußerst wirksame Tiefenbomben, mit denen die deutschen Unterseeboote höchst erfolgreich beschossen wurden. Kein friedlicher Mann also im Anfang, dieser Ingenieur Barlow! Dann aber scheint ihn, mit den fortschreitenden Erfindungen, das Grauen vor sich selber gepackt zu haben— ganz so, wie es in den Novellen immer vor sich geht. Er hat etwas gebaut, was eine Mischung— ganz Genaues weiß man natürlich nicht!— von fernlenkbarem Luftschiff und Raumrakete mit Bombenwurf ist. Diese Maschine ist so genau durchgearbeitet, daß sie auf eine Entfernung von 1500 Kilometern hin nur eine Streuung von zwei Kilometern hat. Und das genügt. Es ist natürlich, wenn sie bei Kriegsausbruch in Paris losgeschoflen wird, gleichgültig dabei, ob sie auf dem Wittenbergoder auf dem Alexandcrplatz in der deutschen Hauptstadt landet. Die Stadt ist dann auf jeden Fall zum Teufel. Bei dieser Vorstellung also soll dem Ingenieur, wird geschildert, denn doch etwas schlecht effes an den Dingen der Umgebung, wochgerufen durch einen tätigeren Geist. Diese Wandlung kann auf den ersten Blick erfühlt werden. Aber was man unzweideutig sieht und erkennt, ist ein weiter rückwärts liegendes Kinderauge: das Ergebnis eines geordneten Geistes. Das Kind der Vergangenheit mußte alles, nur auf sich selbst gestellt, ergründen und dabei gegen ungezahlte Beschränkungen ankämpfen. Mutzte nicht ein scheuer, halb zurückschreckender Blick die Folge sein? Zwar sind cmch heute noch nicht all« Eltern dem Geheimnis auf die Spur gekommen. Erst kürzlich machte ich die Bekanntschaft eines Kindes mit jenen„Oberflächen"-Augen. Es wollte spielen, den Dingen auf den Grund gehen, tätig sein. Aber irgend etwas hemmte ständig das Kind. Doch man betrachte einmal den glanzlosen Ausdruck in den Augen-jener Kinder der Vergangenheit! Und dann sehe man den meisten Kindern unserer Zeit in dte Augen! Der Unterschied ist so auffällig, datz niemand verfehlen kann, ihn wahrzunehmen. Eine bemerkenswerte Erscheinung, für die es keine Erklärung zu geben schemt, ist das heutige Borherrichen heller Augenfarben. Sechzig von hundert unserer heutigen Kinder haben graue oder blaue Augen. Bei den Kindern vergangener Jahrhunderte scheinen dunkelbramre oder schwarze Augen überwogen zu haben. Jede Mutter weiß, daß Magenbeschwerden die Mundwinkel des Kindes herunterziehen. Wenn sich das Leben dem Kinde in frühen Jahren dunkel und traurig darbietet, so hat dies die gleiche Wirkung. Eine ausgeglichene Seele drückt sich auch in ausgeglichenen Gesichtszügen aus. Ein Kind verständig anzuhalten, für sich selbst zu denken und an den Dingen der Umwelt tätigen Anteil zu nehnten, kann zwar nicht Schönheit erzeugen, aber vielleicht etwas noch Besseres: geworden sein. Und zwar nicht jo, wie andern Leuten beim Lesen der Romane schlecht wird, und sie vergessen die Sache gleich wieder nach Bogel- Sfraußenart, sie fangen ja keinen Krieg, an... sondern, da er das Torpedo ja in eigener Hand hielt, meinte er, er müsse auch selbst Stellung dazu nehmen. In den Novellen geht nun oft der Ingenieur hin und vernichtet die Erfindung oder er verschließt sie im Geheimtresor(man kann nie wiffen...). Ingenieur Barlow aber, ein aktiver Mann, wie inan sich vorstellen kann, überlegte, daß seine Kriegsmaschine, wenn schon nicht für, so vielleicht gegen den Krieg anzuwenden sei. Man gebe, überlegte er, jeder Regierung so eine Maschine in die Hand, mal sehen, ob ihnen da nicht allen schlecht wird, so wie mir schlecht geworden ist. Amerika«nd Rußland. Aber so eine Maschine ist teuer. Die komplette Ausführung der Pläne kostet drei bis vier Milliarden Dollar. Also kamen nur dir größten der Staaten in Frage. Barlow dachte natürlich zuerst an sein Vaterland, an Amerika. Da hatte er jedoch noch aut in Erinnerung, wie tüchtig Amerika mit seinen Tiefenbomben geschossen hatte. Und sein Schießwerkzeua nur in den Händen eines Staates— es erschien ihm fraglich, ob Amerika das notwendige üble Gefühl bekommen würde, das dann veranlaßt, daß man die Bombenrakete auch wirklich nicht losläßt. Der Ingenieur Barlaw fuhr im Sommer dieses Jahres nach Rußland, besprach sich mit dem russischen Generalstab und setzte in drei Wochen dauernder Arbeit einer Kommission von Technikern und Militärs seine Skizzen auseinander. Warum Rußland? Die Russen sollten ihm versprechen, die Erfindung der Genfer Ab- rüstungskonserenz, di« im Feber 1933 das nächste- mal zusammentritt, vorzulegen. Und di« Russen sollen es versprochen haben. Sie haben zur Bedingung gemacht, daß Barlow auch den amerikanischen Präsidenten einweiht, damit Amerika die Ruffen in Genf unterstütze. ES soll der Abrüstungskonferenz, eS soll den Staaten und der ganzen Welt gezeigt werden, daß alle Redereien und Kommissionen zur Herbeiführung_ von x. Rüstungsapgleichungen und Rustungsuntbau, daß alle, Tonngge-Äbmachnn- gen und Bestimmungen über HeereSformatione» überflüssig und unsinnig sind. Die Technik ist darüber hinweggeschritten, die Kriegstechnik ist zu so grausamen Möglichkeiten fortgeschritten, daß sie den Krieg einem Weltuntergang gleichsetzt. Man kann die Erfindung vielleicht vergleichend mit der Erfindung einer Ueberfabrik, einer Metropolis-Fabrik, die alle Bedürfniste der Menschen zu befriedigen in der Lage ist. Können wir annehmen, daß damit der Kapitalismus erledigt wäre? Die Beherrscher der Welt bekämen es fertig, das Volk trotzdem hungern zu lassen. Es kommt darauf an, wer die Produktionsmittel in der Hand hat. Auch bei der Bombenproduktions- maschine wird es daraus aukommen. Wir erlauben uns skeptisch zu sein, was die nächste Abrüstungskonferenz von Genf betrifft. Nur das Ende des Kapitalismus wird auch das Ende des Krieges sein. Nur die kämpfenden Massen, deren Jntereffen den Jntereffen der Kapitalisten und der Krtegsfabrikanten entgegengesetzt sind, werden 'Krieg und Kapitalismus endgültig beseitigen. Heinz Junkermann. das lehenssprühende Kinderantlitz unserer Zeit. Man stelle sich vor, daß ein Kind des fünfzehnten oder auch noch der Mitte des vorigen Jahrhunderts ermutigt worden wäre, einen Sinn für Humor zu entfalten. Der Gedanke erscheint einem, besonders, wenn nfan di« meisten Kinderporträts jener Zeit gesehen hat, völlig unsinnig. Heute lehren"wir unsere Kinder, sowohl die heitere wie die ernste Seite des Lebens zu sehen. Wir lehren sie lachen: und das Lachen spiegelt sich stets im Antlitz. Es richtet die Mundwinkel auf, verleiht den Augen Glanz und trägt zur Bildung ausgeglichener Gesichtszüge bei. „Du mußt den Spinat aufessen; nichts darf auf dem Teller zurückbleiben! gehört nicht mehr zur Tagesordnung. Auch die Schreckgespenster der Kinderwelt, der„schwarze Mann" und die andern gräßlichen Erfindungen erziehungsfremder Er- tvachsener werden bald völlig der Vergangenheit angehören. Man füge diesen beiden Wandlungen noch den alten unbedachten Brauch des ,Hn- die-Ecke-Stellens" hinzu, der eigens zu dem Zwecke erfunden zu sein scheint, daß der Mund des Kindes sich in hoffnungsloser Mühsal verzieht; dann werden wir die Veränderungen in der Bildung der unteren Teile des Kindesantlitzes verstehen. Mund und Kinn der heutigen Kinder scheinen besser als früher entwickelt zu sein. Wir sehen auch mehr Kinder mit vollen, wohlgeschwungenen Lippen als je zuvor. Das Evangelium der Unterdrückung und Furcht hat sich überlebt— wie ich hoffe, für immer. Was konnte es anderes zur Folge haben als den dünnlippigen, zusammengepreßten Mund, den Ausdruck der Gebrücktheft und des Mißtrauens gegen alle Mit- inenschen? (Autorisierte Uebersetzung von Leo Korten.) Ar«« Stott«» Begräbnis. Moskau, 12. November.(Taß.) Gestern fand .as Begräbnis der Gattin Stalins, Nadeschda Alliluewa, statt. Der Sarg, der zwei Tage im Gebäude der Regierung am Roten Platz aus- gebahrt war, wurde von Molotow, Jenukidsc und anderen Persönlichkeiten aus dem Regic- rungsgebäude getragen. Der Trauerzug zog sich mehrere Straßen hin. Die Leiche wurde auf dem Friedhof Nowodewitsche beigesetzt. Die Presse veröffentlicht eine Reihe von.Telegrammen aus der Partei, von den Geiverkschaften und anderen gesellschaftlichen Organisationen, in denen Stalin das Beileid ausgedrückt und unterstrichen wird, daß in der Verblichenen die kommunlstischc Partei eirces der ergebensten, standhaftesten und rührigsten Mitglieder verlor. VomProgerMRundfunk Ein verteufeltes Mißgeschick, ein« örtliche Störung, verhindert« mich, di« Sonutagssendung zu hören. Janaöeks„Tagebucheines Verschollen« n", in der Verdeutschung von Max Brod ging mir verloren. Immer wieder einmal muckte die gebändigt« Naturkraft auf und{«-seift uns Ueberklu- gen, daß unsere Naturbeherrschuiig gär nicht so»v- solut und souverän ist, wie wirs uns gerne einbilden. Hier wird auch der sozialistischen Gesellschaft ein weites Feld fröhlicher Kräftebetätigung, drangvollen Vorwärtsstrebens offen bleiben,— ja, dann wird diese Arbeit erst so recht schön sein, getragen von dem Bewußtsein, daß jedes ihrer Ergebnisse unmittel, bar und ungetrübt allen Menschen zngutekommen muß. Wie tveit wir von diesem Zustand noch entfernt sind, zeigten die beiden sozialen Vorträge der Woche, beide von Nichtsozialisten gehalten. Ja, unwiderstehlich führt di« Not des Leben- auch Unser« politischen Gegenfüßler zu unseren Gedankengängen heran, wenn sies auch vorderhand nicht-tvahrhaben wollen und so tun, als sei das alles autochthoner Eigenbau. Hans Schütz, Obmann des Verbandes christlicher Gewerkschaften, behandelte im Anschluß an das Rundschreiben„Ouadragesimo anno", den berufsständt» sch en Gedanken. In weitausholender gekchichi- licher Rückschau gab er ein Bild der Entwicklung vom Beginn des Kapitalismus noch in der Feudnlzeit über den Liberalismus, der den Einzelnen ganz allein- stellt, als niemandem verantwortlichen Wahrer des eigensten Vorteils, zum modernen Zusammenschluß der Arbeiter, der Kleinen Überhaupt, in berufsstän- dischen Vereinigungen. Diesen weist er die Aufgabe zu, zwischen dem Einzelnen und dem Staat als der höheren Einheit zu vermitteln. In diesem Zeichen bekriegt er den bösen Marxismus mit seiner Losung „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!", eine Be- tvogNng, der schon vom^Starch punkt. der Itaatsraison entgegengewirkf werden nrüffe(her Pa iso n des kapitalistischen Staates natürlich). Sozialpolitik und Staat dürfen nicht zum Zankapfel zwischen den Klassensron- ten werden, überhaupt, Klafsenkampf ist nicht,— das Proletariat muß vielmehr(m:t Hilke jener be- rufsständischejt Bereinigungen) zum Bürgertum emporgehoben werden. So werden J^een und Schöpfungen des Marxismus in. Argumente und Waffen gegen ihn nmgezaubert. Aber man wird.ihn nicht los; wie das Teufelchen in der Flasche ist er immer wieder obenauf und spukt auch in das Konzept des frommen Konservativismus hinein. Hermann Lothring in der landwirtschaftlichen Seridung fragt, wer am Lande die Volksgesundheit fördern helfen solle, gibt eine Menge praktischer Anregungen und wünscht Arbeit der wohlgesinnten Einzelnen, der Körperschaften, dann anzustellender Krankenpflege- oder Fürsorgeschwestern, zur Aufklärung, Beratung und Unterstützung der Dörfler in Fragen der Körperpflege, eines gesunden Lebens überhaupt. Sicherlich wäre auch er nicht einverstanden, wollt« man behaupten, daß seine Gedanken bis ins praktische Detail aus der Gedankenwelt der marxistischen Arbeiterschaft stammen. Rur erwähnt seien ein paar Knnstvorlräge, Hrn. Schleißners Vorführung des Schlagwerks als Orchesterinstrnment und Prof. Pirchans Ideen über die Kunstztes K o st ü m s. Beide belehrten angenehm nach Inhalt und Form. Vollendet in der Kunst der Gegensatzwirkung waren die zwei Kunstdarbietungen der Woche. Nämlich einerseits die zur Erinnerung an des Dichters Eichendorff 75. Todestag von Lisa Frank gesungenen Lieder. Ob der Grabesruhe des Meisters solche Ehrung dienlich fft, mag mit Fug bezweifelt werden. Bier Schumann- nnd ebensoviel Wolflieder zu einem eindrucksvollen, fesselnden Ganzen zu binden, beansprucht ein Maß von Gestaltungskraft, bas der Sängerin abgeht, ganz abgesehen davon, daß di« Stimme gepreßt und schwer klingt, der Ton flackert, der Ansatz nicht rein ist und dem Gesang jenes Leichte, Schwebende, durchleuchtend Stofflose fehlt, das erst die zarte Seele dieser Kunstgebilde rragen kann... Andrerseits aber die Vorlesung von Karl Kraus. Wir dürfen eS als einen besonderen Vorzug unserer Arbeitersendungen schätzen, daß dieser Meister des Worts, des geschriebenen und deS ge- sprocheneü, von Zeit zu Zeit uns von seiner Kunst spendet. Er sprach diesmal Gedichte.aus„Worte in Versen". ES ist beinahe lächerlich, wenn hier noch etwas über st ine Bortragskunst gesagt werden sollt«. Sie ist schlechthin einzigartig urw vollkommen. Er erweckt den Wohlklang, der in seinen Gedichten schlummert, zu tönendem Leben, er formt ihre Gedanken zu unvergeßlichen Bildern, er durchström: unstr Wesen mit seinen Gefühlen. Und indem er uns im Menschlichsten, Individuellsten packt, hebt er uns hoch empor in die reinere Luft des Allgemeingülri. gen, in besten Anschauung wir selbst leichter nsid reiner werten. Die allzuwenigen Minuten werden zum liefe» Erlebnis und- bleiben als dauernde Erinnerung und Wirkung. Wir danken ihm dafür. Fürstenau, ^*ite 6. Tonntag, 13. November 1832. PBAfltH IEITBI6. von der deutschen Minderheitsbücherei, Whsche- hrad. Anläßlich der bevorstehenden Uebevsiedlung findet eine Revision des gesamten Bücherbestandes statt. Aus diesem Anlasse sind sämtliche entliehenen Bücher dis spätestens Samstag, den 19. d., zurückzustellen. Von Montag, den 21. d., an bleibt die Bücherei geschlossen. Di« Wiedereröffnung wir- auf dem gleichen Wege verlautbart werden. Kunst and Wissen Ersatz für Jaro Prohaska in kommenden Mo» naten soll Herr Walter Großmann von der Berliner Staatsoper sein, der Freitag den Alfio und den Tonio sang; Ausmaß und Charakter beider Partien lassen nur schwer ein sicheres Vor-Urteil über die vermutliche Leistungskraft für die wichtigeren und anspruchsvolleren Aufgaben im Fache des Hel- denbaritons zu. Vorläufig kann nur festgestellt werden, daß der Berliner Sänger wohlgepfiegtes Material, sympathische Persönlichkeit und einfach-genügend« Darstellung offenbart«; an Volumen ist die Stimme nicht eben groß, in der Nuancierung beschränkt, in der Farbe hell(zu hell), unten anscheinend wenig fundiert. In Herrn Fuchs haben wir «inen dramatisch wirksameren, in Herrn Hotter einen größerstimmigen Alfio im Haus. Prolog und erster Akt„BajaM" ließen mich«inen Sänger von Bedeutung in Herrn Großmann nicht erkennen.— Die Nedda sang erstmals Fräulein Schönauer, sehr frisch und ambitioniert,' aber zuweilen etwas forciert im Ton als auch in der Darstellung. l. g. Adele Kern— Helge Rcswaenge singen in „Rigoletto", Wohltätigkeitsvorstellung für Wran, Sonntag, den 27. November. Wochenspielplan des Reuen Deutschen Theaters. Dienstag, 7 Uchr: Neu«instudiert:„Othello" (A 1).— Mittwoch, halb 8 Uhr: Gastspiel Pepi Kramer-Glöckner:„Sturm im Wasserglas"(B 2).— Donnerstag, halb 8 Uhr: „Othello"(C 2).— Freitag, halb" Uhr:„Ich habe«inen Engel geheiratet"(D 2).— Samstag, halb 4 Uhr: Schiller-Feier(gemeinsam mit der Urania): Kabale und Liebe"; halb 8 Uhr:„Figaros Hochzeit"(C 2). Wochenspiclplan der Kleinen Bühne. Dienstag, 8 Uhr:„ErhörenSiemeinenMann"(Bankbeamten 1).— Mittwoch, 8 Uhr:„Dreimal Offenbach"(Bankbeamten 2).— Donnerstag, 8 Uhr: Weekend".— Freitag, 8 Uhr:„Erhö r e n Sic meinen Mann"(Kulturverband). Samstag, 8 Uhr:„Weekend".« Sport' Spiel• Kfirperpneae Faseiften müssen sozialistisches Werk anerkenne«. Als die sozialdemokratischeGemeinde- perwaltung von Wien daran ging aus Anlaß des 2. Arbeiterolympias 1931 im herrlichen Pratergelände ein großartiges Stadion zu erbauen, war es in erster Linie der antisemitische hakenkreuz- lerische Deutsche Turnerbund, der mit Hohn und Wut gegen di« Stadtverwaltung zu Felde zog Sein« Bundesturnzeitang Nr. 21/1931 schrieb über den Stadionbau u. a.: „Auch im öffentlichen Leben gibt es Moden, denen man ganz in der Weise frönt, wie es di« Witzblätter unseren Frauen nachsagen." Herabwürdigend hieß es außerdem, daß man einen „ellipsenförmigen, Betonkasten" aufgestellt hat, und- „Äm Gegensatz« zu den Großsprechereien vom Volkssport, Volksertüchtigung, Gewinnung der Massen für di« Leibesübungen wird der Bau also nur für Veranstaltungen verwendbar sein, bei denen 22 Mann sportlich tätig sind und 60.0001 Personen zusehen, was allerdings der Richtigstellung insofern bedarf, als die 60.000 Plätze niemals besetzt sein werden.^ Nun, bald nach dieser Schreiberei wurden während dem Arbeiterolhmpia die 60.000 Plätze mehrmals voll besetzt und tausende Arbeitersportler tummelten sich in dem Bau für„22 Mann". Auch später hat die Wiener Arbeiterschaft das Stadion mehrfach gefüllt und damit die Hakenkreuzler Lügen gestraft. Die Hakenkreuzler haben es allerdings bei ihrer Großveranstaltung, dem Fest ihres Wiener Turngaues nach eigener Pressemeldung nicht fertig gebracht, das Stadion zu füllen. Darüber hinaus muß dieselbe Hakenkceuzler-Bundes- tu'rnzrituirg, die vor einem Jahr«. noch Gift un- Aalle gegen die sozialdemokratische Stadtverwaltung wegen des Stadionbaues spie, jetzt den Stadionbau lobend anerkennen. Im Bericht über das Wiener Turngaufest bringt ihre Ausgabe Nr. 26/1932 folgende Feststellungen: „Das Wiener Stadion ist, vom sportlichen Standpunkt aus betrachtet, ein« in vieler Hinsicht Wieder einmal Pola Regri. Seit der Einführung der Kontingentierung wollen uns die Amerikaner nicht mit ihren Filmen beglücken; di« wenigen Standardwerke, die trotzdem von Außenseitern der Verleiherkonzern« gezeigt werden, lehren, daß wir keinen besonderen Grund zum Bedauern haben. Drei groß« Prager Kinos zeigen gleichzeitig Pola Negri in„Maria Draga". Schon der Inhalt- dieser larmoyanten, faden unkindischen Geschichte, in der«ine Tänzerin endlich und doch von Seiner Majestät geehelicht wird, gibt keinen Grund zur Einpsehlung. Wieder einmal zeigt man einen Phantasiestaat mit russischen Uniformen, damit etwas in Revolution gemacht werden kann; wieder einmal etwas empörtes Volk, weil der Herr- scher nicht standesgemäß geheiratet hat und ein braver Bürger sich diese Beleidigung doch nicht ruhigen Bluts gefall«» lasten darf; wieder einmal Kathedralen mit Hochzeit, Gastmahl, mit Gesang, Gelage und Hasardspielerei..Und in diesem Wirbel von Unwahrscheinlichem, an den Haaren hcrbei- gezogenen Szenen spielt Pola Negri, fast ununterbrochen zu sehen und von einer Tragik in die andere stürzend. Es ist zum Verzweifeln, wenn ein begabter Regisseur wie Paul Stein glaubt, daß die große Gest« des stummen Films anno 1920 auch noch heut« in tönender Fassung möglich ist. Er läßt seinen >oeiblichen Star, mit dessen Namen ausgezeichnet« Werke wie„Stacheldraht" oder„Hotel Stadt Lemberg" verbunden sind, ohne Paus« menschlich ergreif: nde Gesten tun; di« Frau, der man Jugend nicht mehr nachsagen kann, wird immer unwider- stehl'cher, alles fällt ihr zu Füßen und mit rechten Ansichtskartengesten kommt einer nach dem andern ihr sein« ewige Liebe erklären. Jede Szene wird nusgespielt und mit einer Großaufnahme gekrönt, di« unbarmherzig zeigt, wo die Schönheit nachgemalt werden muß, die klar das Geheimnis der Glyzerin- ttäne enthüllt. Millionen werden für-eine Ausstat- »ung hinausgeworfen, sinn- und zwecklos: von Dom über Straße, Bolksauflauf, Straßenkampf bis zur 4chn«elandschaft wird alles ins Atelier gebaut, nicht neu einzigen kleinen Augenblick empfindet man gantz ziveckmäßig eingerichtet«, sogenannt« Großkampsbahn. Der Bau des Stadions ist insofern zu loben, als all die 60.000 Personell, die darin Platz finden, von allen Plätzen aus die jeweiligen Vorführungen gleich gut sehen können." Diese Eingeständnisse werden aber den Haken- kreuzlerverband nicht hindern, die Stadtverwaltung wogen dem Stadionbau erneut anzugreisen. Das ist nUn einmal Faseistenart. Aus der Partei Jugendbewegung. Freie Vereinigung soz. Akademiker— S. I. II. Montag, den 14. d., halb 7 Uhr: Ausschuß; 8 Uhr: „15 Jahr« russische Revolution", Fügner- platz,.Heim der S. I. I.— Dienstag laufen die beiden Abendkurs«.— Mittwoch: Fritz Rosenfeld:„Arbeiter und Film".— Freitag, den 18. d., spricht Genosse Dr. Otto Neurath, Direktor des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums in Wien, im großen Hörsaal des Anatom. Instituts über„D i e Krise— das Ende der kapitalistischen Wirtschaftsordnung". Wirklichkeit, sondern nur verstaubt« Theaterwelt, die im Tonfilm doppelt peinlich wirkt. Neben der einst großen Künstlerin bemühen sich Rathborne und Young vergeblich um etwas erträglich« Schau- jpielerei: alles wird durch Theatralik erschlagen. Mit echtem Humor quittiert das Publikum diesen neuen „Großfilm". Militarismus der Wochenschauen. Das Prager Tageskino im Burianthcater zeigt Woche um Woche die neuesten Wochenschauen: I o x, Paramount und Ufa wetteifern darin, wer am besten die Streitkräfte der offiziell kultivierten Wett zeigt. Da hat Frankreich zwei neu« Unterseeboote von phantastischen Dimensionen und unwiderstehlicher Bewaffnung,«inen neuen„Stolz der Nation", wie man lesen und hören kann; England wieder zeigt sein« besten Kolonialtruppen in Rhodesien, bekanntlich das erstklassigste Argument imperialistischer Kolonialpolitik; und Amerika demonstriert Flottenmanöver. WaS dabei zu sehen ist,, muß empören. Phantasiebeträge kostet so ein Hochseeftottenmanöver im Stillen Ozean mit der künstlichen Vernebclung durch Flugzeuge und Schlachtschiffe, entsetzlich sind di« Salven der ungeheuren Geschützreihsn, die Tod und Verderben speien; entsetzlich der Gedanke, daß dies« Mord- und Todspender unter dem Schutz von künstlichem Nebel„an den Feind" herankommen, wie die schleimig« Stimme des Sprechers verkündet, und dann cj.'isielle Verteidigungskriege einleiten können. Land- und Seemacht wird immer drückender; der Militarismus ist seiner Sache schon so sicher, daß diese Filme Jugendlichen allgemein zugänglich sind, in einer Zeit, wo sogar Chaplin unfern Studenten nicht gezeigt werden darf. Neben diesen Journalen ist ein reizendes Lustspiel mit Schimpansen zu sehen, deren Klugheit wirklich überrascht. Auch ein« ausgezeichnete Reportage zeigt die Foxfilm-Co aus Zentralafrika; das Leben der Zulukafser, die märchenhaft schönen Wasftrfälle des Zambesi und die unendlichen Seen geben immer wieder unvergrßliche Eindrücke und erfüllen die wahre Sendung des Films als Kulturmittel. W. Lg. Nr. 288. Arbeiter-Turn- unv Sportverein Prag, Die für Mittwoch, den 16. November, au- gesetzt gewesene ordentliche General- versammlnug mutzt« aus technische« Gründen verschoben werden. D«r neue Termin wird rechtzeitig kundgemacht werde». Mitteilungen der„Urania" Wochenprogramm vom 13.—19. November. Sonntag, halb 11 Uhr:„Emil und dit Detektive." Der lustige Film von begabter Jugend gespielt. Montag, viertel 9 Uhr:„Emil und di« Detektive." Letzte Vorführung. Dienstag, 8—7 Uhr: Radio-Bastelkurse. Anschließend Klubabend. Dienstag, 8 Uhr:„Nordamerika und Westeuropa." Staatsminister a. D. Dr. Süd«- tum, Berlin. v Mittwoch, 3 Uhr: Kindernachmitag.„Lustige Zauberkunststücke." E. Dorms. Mittwoch, halb 7 Uhr:„M ü n ch e n" mit Lichtbildern. Prof. Dr. R. Messer.— Halb 7 Uhr: „Fliegender T« e." Caroline Schönau.— 7 Uhr:„Die volkswirtschaftlichen Rubriken der Tageszeitungen." Dir. Dr. F. Gellner.— 8 Uhr:„Photokurs." Dr. Libora. Mittwoch, 8 Uhr:„Verhaltungsmaßregeln bei Herz- und Gefäßkrankhei- t e n." Univ.-Prof. Dr. Hugo P k i b r a m. 3.(letzter) Vortrag: Kreislaufstörungen. Donnerstag, halb 7 Uhr:„Graphologie" mit Lichtbildern. I. M e l o u n, London.— 8 Uhr: Wanderbund Kosmos. Ort: D. Haus. Donnerstag, 8 Uhr:„Die Ereignisse im Fernen Osten" mit zahlreichen Lichtbildern Dr. Paul Rohrbach, München. Freitag, 7 Uhr:„Die Organisation der Versicherung." Dr. W. Schmied!. Freitag, 8 Uhr:„Spinoza, B e n t h e n, Krause— 3 Gedenktage des Jahres 32." SamStag, den 19., 3 Uhr:„Menschen im B u s ch." Kulturfilm. Samstag, 3 Uhr: Eröffnung der 3. Deutschen F u n k a u s st e l l u n g. Veranstaltet vom„Urania» Radiobund". Sonmag, 20., ob 9 Uhr. Samstag.halb 4 Uhr:„Kabale und Lieb e." Schillerseier. Klassikervorstellung des Teut- 'chen Theaters gemeinsam mit der„Urania". Dazu alle Sprach- und praktischen Kurs« der ,U r a.n i a.- V o l ks h o ch s ch u l«".. Ermäßigungen für Urania-Mitglieder bei allen Urania-Veranstaltungen, Kulturfilm-Vorführungen, Konzerten, Firmen. Jahreskarte 18 i(. Familien-Anschlußkarte 3 8. Karten zu allen Veranstaltungen: Urania-Kinokasse. Halb 10 bis halb 1 und 3 bis 7 Uhr Telephon Nr 26321. * Wran-Urania-Kino:„Die Kusine aus W a r s ch a u." Lian« Haid, Szökc S z a k a l l, Fritz Schulz. Beachten Sie die populären Preise: 2—6 K- Heute 2, 4, 6 und viertel 9 Uhr. Verlangen Sie in icdei Verkaufsstelle des Konsumvereines SELCHWAREN der Firm* HEGNEP« Cie.. PILSEN Selchwaren der 5a. HEONER t Cie., PILSEN SIND DIE ALLERBESTEN I Mittwoch, vcn 16. November, spricht Tritt Rosenfeld, Wien«»er„Arbeiter and Hirn“ Grotzer Ovborov^ vüm-Saal. Begin« 20 Uhr. Freiwilligen Regiebeitrag! Arhe’tsgemetnsdiaft deutscher proletarischer Organisationen von Prag. Kino von heute. Abenteuer nm Gold. - Von Klara Blum. Am 16. November 1532 eroberte em kleiner aen von straff organisierten Abenteurern begabten Desperados, disziplinierten Strolchen ein Land, wie es in der ganzen Weltgeschichte nur ein einziges zu erobern gab: das Goldland von Südamerika, Peru, das Märchenland der Sonne. Die Stimmung jener Zeit war durch eine fieberhaft tatenlustiae Spannung beschwingt. Ter gewohnte enge Gesichtskreis des mittelalterlichen Europa hatte sich auf eine plötzliche und phantasti schc Weis« erweitert. Es hatte einen.Erdteil ent deckt, bhne es zu wollen, nur in der ahnungslo'en Absicht, dem alten Nachbarhaus Asien einmal auch von der andern Seite herum seinen Besuch abzustatten. Und so hatten sich unversehens die bunten Tore einer unbekannten Welt geöffnet und die Eroberungslust aller Völker, vor allem natürlich di« der spanischen Entdecker waren auige- stachelt. Es gab«ine dreifache Chance:-erstens die tollsten und wunderbarsten Abenteuer zu erleben, stveitens di« heidnischen.Bewohner des neuen Erdteils zum alleinseligmachenden katholischen Glauben zu bekehren und drittens reich« Beute zu machen. Diese drei Absichten, so verschieden sie auch der Idee nach waren vertrugen sich in der Praxis der spanischen Eroberer gan- ungestört und ausgezeichnet miteinander. Francesco Pizarro,«in spanischer Schweine Hirt, der es bis zum Kolonialoffizier in Panama gebracht hatte, war seit langem von der Idee beissen. das Goldland des Südens, von dem bereits funkelnd« Gerücht« hin und her'chwirrten, als erster zu betreten und auszuplündern. Im Jahr« 1532 hatte er endlich ein Häuflein von 400 Soldaten für seine Expedition beisammen. Als er am 16. November in Peru eintraf, zeigt« es sich, "aß er bereits erwartet worden war. Di« Einwohnerschaft Perus, ein schöner und kultivierter Judianerstamm, hatte längst die Nachricht von den geheimnisvollen we'ßhäutigen Fremden gehört die auf vierfüßigen Schlangen ritten P'erde waren in Amerika bisher unbekannt ge- ivesen) und Blitz und Donner in ihren Waffen ährten. Beinahe uttbegre'flich fit die völlig arg- !o'e Freud« die rührend« Harmlosigkeit, die ver- 'raucnsvolle Sensationslust, mit der dies« wunderbaren Fremden erwartet wurden. Das Land eidst war damals durch innere Kämpfe, durch ~cn Thronstreit zwischen zwei Söhnen des Herr- 'cherhauies, der Jnkadyuasti«. zerrissen. Trotz 'einer landschaftlichen Anmut, seines ungeheuren Reichtums an Gold seiner hohen, von Kunst- >nd Schönheitssinn gesättigten Kultur,, seiner lebensfrohen Sonnenreligion war Peru durchaus kein Paradies und verstand sich so gut auf Hinter- lfit Gewalt und Unterdrückung, wie irgend ein anderes zivilisiertes Land. Bor allem auf Unterdrückung. Die sozialen Fragen des Lande? wur- ^n durch eine sonderbare Art Yon aristokratischem Kommunismus,' wenn auch nicht beantwortet, 'o doch mundtot gemacht. Ein Drittel des Bodens «hörte der Jnkadynastie und ihrem weit ver- veigten F^misienadel. Das zweite Drittel dem .Klerus, also der Priesterschaft des Sonnengottes. Das letzt« Drittel war schließlich mit strenger Gleichmäßigkeit unter das Volk verteilt, das außerdem noch die gesamt« Steuerlast zu tragen hatte und io unter der schwersten Ausbeutung litt. Unbegreiflich bleibt es also, daß dies« sonst durchaus nicht als un'chuldsvolle Engel gearteten Peruaner den weißen Gästen ohne jeden Verdacht, ohne jedes leiseste Mißtrauen entgegensahen. Alle Vorbereitungen, die sir trafen, hatten den einzigen Zweck, möglichst viel Glanz und Pracht zu zeigen, den wunderbegabten Fremden auch in ihrer Art. einen Wunderbaren Anblick zu bieten. In der Säulenhalle des Jnkabades von Kaxa- !nalka eines der schönsten Paläste der Welt, wurde Pizarro mit seinem Gefolge vom Häuptling emp- 'angen. Di« Indianer waren reich geschmückt und völlig waffenlos. Kunstvolle Armreifen, Fußspangen, Ohrgehänge, mit den Federn tropischer Vögel besetzt, funkelten durcheinander. Im bofe rieselte ein goldener Springbrunnen. Was sich nun abspielte war kurz und form's A'.'k«'nen Wink Pizarros trat der spanisch« Priester Binoente de Valverde vor, hielt dem ver- « Sznk->.hä'.>vtsina einen kurzen wenn auch nicht sehr übersichtlichen Vortrag über die Glau- ^'^'ren des E' v:r*’—^"ms und'orderte ihn kurzerharü» auf, sich zu bekehren und— die prak- rfiche Schlußfolgerung nicht zu vergessen— der O^rhoheit des Papstes und des Königs von Spanien zu unterwerfen. Aus allen Himmeln seines Vertrauens gerissen, in seiner Erwartung auf den Besuch der weißen wunderbaren Fremden als eines schönen und freundlichen Erlebnisses bitter enttäuscht,' fand der Häuptling nur eine einzige empört« Antwort. Er zeigte aus die Sonne, die eben rot und prächtig unterging und erklärte, daß er diesen seinen Gott niemals verlassen würd«. Diese Antwort wirkte wie ein Signal. Mit dem Rufe„Tod den Heiden" stürzten sich die Spanier auf die Eingeborenen und in wenigen Augenblicken hatte der kleine, aber güt bewaffnet« Haufen mühelos gesiegt und den Inka gefangen genommen. Er wurde nach längerer Gefangen;chast hingerichtet und sein Land als Eigentum der spani- chen Krone erklärt. Eine reiche Beut« an Gold, Schmuckwerk, Tempelgeräten wurde mit strenger Ungerechtigkeit unter die Offiziere und die Mann« ichaft verteilt. Dem ReiterhaUPtmann Mancio Serra fiel das massiv goldene Götzenbild der Sonne zu. Er verlor cs noch in derselben Nacht im Würfelspiel. Sein« Kameraden sagten von ihm:„Mancio Serra hat die Sonne veripielt, bevor sie aufgegangen ist." Seither sind vierhundert Jahre vergangen. Die Indianer sind fast vollständig ausgestorben. Und die wenigen Ueberlebenden, ja sogar ihr« Mischlinge zweiten und dritten Grades werden von der sogenannten guten Gesellschaft Südamerikas verachtet und boykottiert. In dieser Rassenfeindschaft liegt so etwas wie di« ängstliche Abwehr des bösen Gewissens. Es ist so. Äs öd die weiße Rass- zur rothäutiaen sagen wollte: „Ich kann dir das viel« Unrecht nicht verzeihens das ich dir angetan habe." -«»»»>,eugfric» X•■ b- CbcfttSalteat Dildrl« Hutiti- verauiworilichrr Red-««« Dr Em« 91«•«i. vr°,- Druck.Stet«' 1 41 für zettmi«. Buchdruck. Brua— W» Druck Ott» H»w, Prag.•• HeilungLmartettfranralur wurde von de, Poft- a Lelegrap^ ibtrektton out Erlaß Nr 18.800/V H'1980 bewilligt Vezuabve^ laungeu Hei Zustellung in». 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