Auzelvreir 70 Heller. (Einschließlich 5 Heller Porto) H11VM Erscheint mit Ausnahme des Montag tüglich früh. w Ä.öofflo««. Stmaitua» Prag n, JtetiUania ta ♦ xeitpo! 30795. attoo.«ochtteOaN.<-» 31 ttot)> 3MM ♦ MIWcOmm- MM Nr 304. Sonntag, 25. Dezember 1932 12 Jahrgang. Beratungen bei Roosevelt Washington, 24. Dezember. Norman D a- vis, der amerikanische Hauptdelegiertc bei der Abrüstungskonferenz, befindet^sich auf dem Wege nach Albany, wo er heute, SamStag, eine Besprechung mit Roosevelt haben wird. Vor seiner Abreise hatte Davis eine lange Unterredung mit Hoover und Stimson über Fragen der Weltwirtschaftskonferenz und der Abrüstungskonferenz. Nach seiner Besprechung mit dcni zukünftigen Präsidenten wird er nach Washington zurückkehren und seine Konferenzen im Weißen Hause wieder aufnchmen. Man hofft, daß sein Besuch bei Roosevelt den Weg zur Inangriffnahme des Schuldenproblems ebnen wird. Präsident Hoover. hat inzwischen seine angekündigte Ferienreisc nach Florida angetreten. Hcrriot nimmt das Wort. Paris, 24. Dezember.„Petit Parisien" ver- öfsentlickt einen Artikel des cl)emaligen Mini- stcrpräjidenten Herriot über die Schuldenfrage. Herriot legt darin die Gedanken dar, die er in seiner großen Kammerrede vertrat, und befaßt sich mit den Meinungsverschiedenheiten zwischen den Bereinigten Staaten und Frankreich und der scharfen franzosenfeindliche« Kampagne, die in Amerika geführt wurde, sowie der Frage der Achtung eingegangcner Vertragsverpflichtungen und die Notweudigkeit der Verbindung der drei großen Demokratien---USA, Frankreich und Großbritannien— zur Verteidigung von Frieden und Freiheit. Flax Doihc tret Der;u fünf fahren Zuchthaus verurteilte Berliner Reichsvanncrmann Max Rothe ist am Freitag a m n e st i e r't und aus dem Zuchthaus entlassen worden.'' Rothe, eines der ersten Dpfer der Sondergerichte der Papenvcrordnung, ist unschuldig verurteilt worden. Im Zuchthaus hatte er einen Hungerstreik begonnen, aber auf Wunsch des Reichsbanners wieder abgebrochen, da die Wiederaufnahme eines Prozesses von seiner Organisation mit allen gesetzlichen Mitteln betrieben wurde. Seine Amnestierung bildete einen Grenzfall, da bei dem dem Urteil zugrunde liegenden und von den Nazis Provozierten Zusammenstoß ein Menschenleben zugrunde gegangen ist. Vernunft ist Verbrechen Ein gerodelter Kommunist. Hamburg, 2l. Dezember. Eine Illustration J zu dem Einheitsfrontgeschrei der Kommunisten liefert der Fall des kommunistischen\ Reichstaasabgeordneten Jürgens« n, der kürzlich in Elmshorn die Wahl eines Sozialdemokraten zum Bürgermeister ermöglicht«. Der rcchtsbürgerlichc Kandidat fiel durch. Dieser Ausgang der Wahl hat di« KPD. gegen Jürgensen aus den Plan gerufen. Sie' leitete gegen Jürgensen«in Verfahren ein, das jetzt damit«ndete, daß Jürgensen sich selbst „von der Falschheit seiner Auffassung über» i zeugt" hat und durch ein« in der kommu- nijtischcn„Hamburger Volkszeitung abge-! geben« Erklärung zur Kenntnis gibt, daß seine Haltung der politischen' Linie der kommunistischen Partei widersprochen habe. Seine falsche.Haltung bei der Abstimmung habe nur dem Wunsche entsprochen, nock) besser als bisher den sozial-fascistischen Charakter der Politik der Sozialdemokratie entlarven zu können. Aber auch dieser Gesichtspunkt sei falsch; aeweien. Nur durch schärfsten Kampf gegen die sozialdemokratischen Führer werde es der KPD. gelingen, den Masseneinfluß der SPD. zu brechen, und nur aus diese Weise- sei der siegreiche Kampf um den Sozialismus möglich. Form und Inhalt der Erklärung lassen deutlich erkennen, daß Jürgensen, der für würdig befunden wurde- die KPD. iur Reichtag zu vertreten, eine ihm von der Bezirksleitung diktierte Erklärung unterschrieb und I ich- damit kalbst aeohrfeigt hat. Nicht genug damit, fügt das Kommunistenblatt im Fettdruck hinzu, daß mit dieser Erklärung„bet Reformisten und allen Opportunisten eine energische Abfuhr in ihrer Spekulation auf Hilfe atis unserer Partei erteilt" worden ist. Eine einzigartige Illustration zu dem> Einheitsfrontgeschrei der Moskauer Mamelucken.| Sonnenwende-Weltenwende. Von Dr. Kari Renner. zur nifleritraukheN die nitierplelte. München, 23. Dezember. In Regensburg hat das Hakenkreuzorgan für die Oberpfalz„Das schaffende Volk" am Freitag sein Erscheinen eingestellt, nachdem zuvor jeder Tag in den letzten Wochen neu« Austritte aus der Regensburger Nazipartei gebracht hat. Die überstürzte Einstellung der Zeitung wurde dadurch veranlaßt, daß die Zahl der nicht einlösbaren Wechsel zuletzt größer geworden ist als die Zahl der Abonnenten und der Drucker, die Paprerlieferanten und zahlreiche Geschäftsleute jeden weiteren Kredit ablehnten. Ein Wechselversäumnisürteil gegen den Berlagsleiter des NaziblatteS ist bereits ergangen. Für weitere Wechselforderungen ist beim Regensburger Gericht Termin für den 27. Dezember anberaumt. Anfang Januar steigt dann die Klage, die Klarheit darüber bringen wird, in wolchem Umfang öffentliche Gelder aus der Erwertzslosenfürsorgc dazu herhalten mußten, das Lohnkdnia des Naziblattes möglichst herabzuschrauben. Ein Opfer der Nazimörder Frankfurt a. M., 23. Dezember. Der Führe i der Eiserne» Front in Frawkfurt-Bockcnhcim, Franz Braun, tst jetzt seilten schweren Berletzutt- gen erlegen, die ihm im Mai durch Nazis zugc- fügk wurden. Der 47jährige Schlosser Braun wurde damals von fünf Nazis von seinem Fahrrad heruntergeschlagen und durch dyn 21jährigen Äs- Mann Wester mit einer-Zaunlatte am Kopf schwer verletzt. Vormarsch der ungarischen Sozialdemokratie. Ter neue ungarische Ministerpräsident Ä ö m- b ö s bemüht sich, die Massen des Ungarischen Boltes für sein« Politik und für seine nach„berühm ten" ausländischen Mustern verkündete„nationale und autoritäre Staatsführung' zu gewinnen. Zu diesem Zwecke veranstaltet er gxgrnitvärtig Pro Pag an da t ou re n durch gairz Ungarn, wobei er fast in jedem Dorfe das Programm des„nationalen Eigen;iels" entwickelt, das stincr Behauptung nach geeignet ist, die ungeheure Massennot zu beheben und Ungarn einer großen und glücklichen Zukunft ent- gegenzuführen. Welchen Eindruck diese Reden auf die arbeitenden Massen Ungarns gemacht haben, geht aus den Ergebniffen einer Reihe von Gemein, d«wählen hervor, die während der Redswur- ne« des Ministerpräsidenten stattgefunden haben. Die ungarische Sozialdemokratie hat sich bei diesen Wahlen mit den radikal und demokratisch eingestellten Kleinbürger- und Kleinbauernparteien zu Wahlkartellen zusammengeschlossen und erzielte im Verein mit diesen Parteien beträchtlich« Erfolge. In Pesterzsvbet bei Budapest errairg die Partei am 4. Dezember von den 60 durch allgemeine Wahlen zur Verteilung gelangendett Mandaten 27, die Kleinbürgerparteien erhielten 26 und die Regierungspartei 7. Allerdings wird dieses Ergebnis dadurch aufgehoben, daß weitere 22 Mandat« ex officio und weitere 60 in Wahlen besetzt werden, wo nach Birilstimmen gewählt wird. Bei Wahlen in ländlichen Gemeinden, wo die Sozialdemokratie mit der'Änabhängigen Kleinbauern-Parte i und der Kossuth- Partei zusamntenarbeitete, gewann die Sozialdemokratie im Verlauf« des Monats Dezember snMezötur 2 ordentliche und 1 Ersatzmandat, iu Kisujszallas 5 ordentliche und 4 Ersatzmitglieder und in M a k o 3 ordentliche Gemeinde- rarsmandatr. In anderen Gemeinden, wo ebenfalls binnen kurzem Wahlen stattfinden sollen, sind di« Aussichten der Sozialdemokratie äußerst gün- Zu t diese» erfreulichen Wahlergebnissen kommt der große fit folg der Werbe«■ akti on der Partei während des Novem- stess. Trotz allen erdenklichen Schikanen- und Ein- schüchterungsntanövern der Behörden und der Gendarmerie hatten die sozialistischen Propagandaredner überall, namenüich aber auf dem flachen Lande einen außerordentlich großen Zulauf, der holperst, daß weder,der Tenor,, noch di« Demagogie den„marxistischen Einbruch ins Torf" aufzuhalten vermag. Urzeitlicher Sonnenmythus hat sich mit urchristlicher frommer Legende verschwistert, um das Weihnachtsfest, wie wir es heute feiern, zu gestalten. Die düstere Zeit vor der Wintersonnenwende mit ihren kurzen Tagen und endlosen. Nächten, mit ihren Regenschauern und Schneestürmen, unter denen die Pflanzenwelt abgestorben schenft und Mensch und Tier in das schützende Haus und Lager sich bergen, wurde zum christlichen Advent, während dessen die Menschheit auf die Wie- derkttnft der Sonne, auf die Geburt des Erlösers harrt. Di« ersten Tage, die länger werden, vcvküirden, daß die Sonn« umkehrt und daß der Frühling wieder zu erwarten ist. -Sie verkünden die Wende des Jahves, sie bringen neues Hoffen und neuen Mut. Wie schade, daß der Zyklus dtzr wirtschaftlichen Krisen und der revolutionären Erschütterungen nicht so regelmäßig abläuft wie die Sonnenwende. Wir leben, wirtschaftlich betrachtet, in einer Adventzeit, die nun schon Jahre dauert, und nock) sehen wir nicht die ersten Anzeichen einer Wiederkehr wirtschaftlichen Aufschnmngs. Amerikanische Volkswirte haben vor Nionaten von einem Sitber- streifen am Horizont gesprochen, dessen heller Schein ein« heraufsieigende Konjunktur bet*, künde. Dieser Silberstreifen, wenn er je sich gezeigt haben sollte, hat sich wieder verdüstert und die Krise ist ärger als je.... Noch ist hie^ Zähl der ÄrbeitHosen in. den meisten Län-- dern in Zunahme begriffen, noch breitet sich das Chaos in der Weltwirtschaft weiter aus und di« Arbeiterniassen der ganzen Welt sind weit entftrnt von irgendwelcher Weihnachtsstimmung. Der Mund aller Prediger und die Glocken aller Türme verkündigen:„Friede den Nkeuschen auf Erden", aber Ruhelosigkeit herrscht auf dem ganzen Erdenball, wirtschaft- licher Unfriede, politische Kriegsgefahr, geistige Unrast. Der überlieferte Brauch treibt uns dazu, iutmergrüne Nädelbäuutr mit Flitterwcrk zu schmücken mtd mit flammenden Kerzen zu b«- leitchten, aber welche Hoffnungen weckt das Immergrün? Wo ist das Licht, das in die Nacht unserer Not lettchtet? Wir kennen heute aus die Sekunde genau die Dauer des Sonnenkreislaufs und nur stellen unsere Uhren nach dessen Phasen ein. Die Dauer einer tiefen Wirtschaftskrise mißt keine Uhr. Mit voller Sicherheit bestimmen wir den Zeitpunkt, wo die Tag- itnd Nachtgleiche di« Wiederkehr des Pflanzenwuchses und die Erneuerung der ganzen Kreatur verkündet. Di« heutige Krise aber geht so tief, daß niemand die Sicherheit besitzt, ob das frühere Wirtschaftssystem sich überhaupt wiederherstellen kann. Schon geht ein zur Stunde noch unentscheidbarer Streft durch die Welt, ob diese Kris« nicht überhaupt das Ende des Kapita- lismus bringe. Nach den Erfahrungen der Vergangenheit ist immer auf den wirtschaft- tichen Rückschlag der Krise eine Periode der Depression gefolgt, die, nachdem sie. ihren Tiefpunkt durchschritten hat, allmählich in «ine forffchreitende Besserung und endlich in eine neue Hochkonjunktur umschlägt. Die Wirtschaftsgeschichte der letzten Jahrhunderte bestätigt wohl die Regel, daß dieses grausatne Spiel sich immer und immer wiederholt und die einzige Ungewißheft nur die Dauer und Tiefe der Krise betroffen hat. Man hat aus diesen geschichtlichen Erfahrungen den Lehrsatz abgeleitet, daß jede Depression'sich durch di« Automatik der Wirtschaft mft der Zeit wieder in eine Konjunktur umwandle, wie der Sgnmter automatisch auf den Winter folgt. Wäre dein so, dann hätten wir einfach zuzutvavten: Der Kapitalismus wird das schon wieder in Ordnung bringens Glaubet und hoffet! Und das wäre, der einzige Trost. > Aber ein solcher Rüch'chluß aus Vergangenem auf die Gegenwart trifft heut« nicht völlig zu. Di«.Krise ist teinestvegs eilte rein wirtschaftliche. Politische Ursachen haben sie so verschärft und politische Hemmnisse verhindern den automatischen Heilrmgsprozeß. Diese politischen Grundtatsachen nüissen bei der Beurteilung unserer l-eutigen Aussichten mit in Rechnung gestellt werden! Ein außerwirtschastliches, wirtsck-aftS- feindliches, wi-rtschaftzerstörendes Ereignis von ungeheuerer Tragweite ist in di« menschliche Prodttktimt und Verteilung eingebrochen: Der Weltkrieg hat die Wirtschaft z e r st ö r 1. Vergleicht man deren Automatik mit der einer Uhr, so kann man sagen: Mft vandalischer Faust hüt der Krieg einen Stahlstift in das fein« Rädertverk dieser Uhr getrieben! Er hat die nützliche Produktion Europas auf vier Jahre ausgesetzt ttltb die ganze erwachsene Bevölkerung genötigt,' zu erzeugen, was zerstört wird, Güter und Werre zu verbrauchen, ohne sie zu ersetzen. Der Krieg hat die vorhandene Maschinerie abgenützt, ohne sie zu erneuern. Er hat doch zugleich die Erzeugungsutethoden revolutioniert, so daß die Wiederherstellung des Produktionsappatatrs int Wege der Rationalisierung eine rasch vorübergehende Hochkonjunktur geschaffen, hin:er- her Massett arbeitslos und dadurch konjuntun fähig gemacht, daß sie eine wahnsinnige U« der Produktion und zugleich eine» beispiellosen Änt erckvüs u iü Mptwrgepusen hat. Der Irrsinn der kapitalistischen' Wirtschaftsweise ist so durch den Krieg und seine Nachwirkungen ins Absurde gesteigert wordeit. Die Welt erstickt inr Ueberfluß git Gütern und die Menschheit verhungert dabei, weil sie sie nicht kaufen kann. Der Krieg der Waffen ist freilich im Jahve 1918 beendet worden durch Politisch- Friedensschlüsse, aber diese haben der Welt nicht Beruhigung, sondern nur- vermehrten Unfrieden gebrackst. Sie haben die Organisation der Weltwirtschaft, wie sie sich bis 1914 entwickelt Hai, vollständig zerstört. Sie halben, indem sie ohne alle Rücksicht auf die materiellen Lebensbedürfnisse der Völker Staaten zerstückten ttnd Staaten abgrenzten, viele vorhandene Märkte vernichtet. Sie haben die alten wie die neuen Staaten mit dem Aberwitz der Autarkie, der wirtschaftlichen Selbstgenügsamkeit, erfüllt und so veranlaßt, sich durch Verbote und Zölle gegeneinander abzusperren,' den W a r« n st r o m an allen Ecken und Enden der Welt zu stauen und zum Schluß noch den Geldverkehr zwischen den Völkern zu drosseln. Ter Krieg der Waffen hat ausgesetzt, um einem zerstörenden Wirtschaftskrieg Platz zu machen. Der Krieg der. Waf- feit hat Millionen Erwachsener getötet, der Wirtschaftskrieg verurteilt Millionen Kinder zur Unterernährung ttnd zunt frühen Tod« und läßt Millionen ungeboren. Fast wird einem die Frage nahegelegt, was grausamer ist: Der barbarische Schlachtentod des politi- schen oder der bethlehemetische Kindermord des Wirtschaftskrieges. Das aber sind rein politische Störungen, die keine Automatik der Wirffchaft beheben kann! Und endlich haben die Friedensverträge die Beziehungen zwischen den Staaten von Grund aus veräitdert. Ter Private oder der Staat, der zur Verbesserung seiner Wirtschaft Geld borgt, vermag aus die- sein Wirtfchaftsertrag Zinsen und Schuld ab- zntvagen. G>n reiner Wirtschaftskredit kann den Gläubiger wie den Schuldner fördern. Die Friedensverträge aber haben den besiegten Staaten K r i e g s t r i b n t e, den Siegerstaaten aber Kriegsschulden auftrlegt, bei denen Leistung und Gegenleistung sich nicht mehr ausgleichen. Die verpflichteten- Staaten haben durch ein und ,tzvei Menschenalter Jahr für Jahr aus ihren Erträgen und ans inr»-, Vermögenswerte hmzugeben ohne Gegenlot Seite 2 Sonntag, 28. Dezember 1932 Ar. 304 Versinkende Wett. Von Emil Franzet. stung. Ihre Wirtschaft muß sich erschöpfen. Ter empfangende Staat aber ivivd mit Tributwaren überschwemmt und diese Mut erdrückt seine eigene Erzeugung. Er versucht nun durch Zollmauern die Leistungen, die er selber politisch erzwinge doch wieder wirtschaftlich abzuwehren. Das Kriegsschulden- und Toibut- problem aber ist seinem Ursprung nach ein politisches und kein wirtschaftliches Problem. Es zu lösen erfordert eine höhere Gewalt, die über den Staaten steht, oder ein« rückhaltlose Zusammenarbeit aller Staaten. Mc weit sind wir von einem solchen Ziele entfernt! Die politische Staatenordnung der Welt ist so zum entscheidenden Hemmnis für ihre wirtschaftliche Gesundung geworden. Die Automatik des Kapi-Älismns könnte nur dann wirksam werden, wenn di« Weltpolitik die Stahlstiste, die sie in das Uhrwerk getrieben hat, selbst wieder zu entfernen die Kraft besähe. Nirgends in der heutigen kapitalistischen Welt, nirgends iin der Bourgeoisie der Großmächte sehen wir diese Kraft und so bleibt denn nur ein Ausweg und ein« Hoffnung: Di« gesammelte Kraft der Arbeiterklasse der Welt muß das politische Weltsh st em brechen, um auch die Weltwirtschaft neu zu ordnen. Es ist kein Ausweg als der Sozialismus gegeben. Nirgends ist di« lebendig« Kraft auffindbar, die das internationale Chaos bezwingen könnt«, wenn es nicht die Macht des geeinten Weltproletariats ist. Und nirgends ist eine organisatorisch« Idee erkennbar, die die Dinge meistern könnte, außer die Idee des Sozialismus. Wie lange, meint nran, werden die Massen vor den überfüllten Gütermagazinen hungern? Wie lange die dreißig Millionen Arbeitslosen der Welt vor den stillstehenden Maschinen tatenlos feiern? Wie lange sollen die darbenden Völker mitansehen, wie maN sie, die füreinander zu arbei'en und miteinander zu genießen bereit sind, durch Zoklund Verbotsmvuern voneinander trennt, wie man die Völker gleichsam bei lebendigem Leibe ernmauert wie di« sündigen Nonnen des Mittelalters? Die Mißstände unserer Zeit sind so himmelschreiend, daß ihre Beseitigung unvermeidlich und unaufschiebbar gAvorden ist. Und offensichtlich ist, daß sie beseitigt werden können nur durch Sozialismus und Internationalismus, nur unter der Parole, di« Karl Marx uns schon im Jahre 1847 gegeben hat: Proletarier aller Länder vereinigt e u chi Diese Parole ist in der wirtschaftlichen Adventzeit, die wir durchleben, das wirklich« Sonnenwenhzeichen und der beste Weihnachtsgruß. Wenn alle Ideen der alten Welt hrngewelkt sind, der Sozialismus ist das immergrün« Reis, das unsere Hoffnung aufrecht erhält, das unverlöschbare Licht, das uns in diesen Tagen leuchtet. Genossen r auSgekeh» f ü, s»e Verbreitung unterer.Teilung agiNeren- Setzt euch überall lür unsere Parteipresse ei». In da« Heim d«S Arbeiter» gehör»»i« Arbeiterpresse. Darum 4%£4 ft Genossenu.lSeaaffiuuen" Als di« Regierung der deutschen Kontrerevo- lution der Welt einen Beweis ihrer konservativen Gesinnung geben und den Untertanen die Rückkehr zum wahren Christentum verdeutlichen wollt«, führte st« den ominösen Zwickel ein und verbot das Nacktbaden.'Es war ein Beweis mehr für die Hoffnungslosigkeit des Beginnens, ist dieser Zeit noch einen konservativen Lebensstil zu diktieren. Ein Regime, das sich der Gefühlswert«, von denen es lebte und die es zu verlieren hatte, bewußt«wesen.wäre, hätte früher und bei ganz anderen Problemen als dem der Nacktkultur und der Negertänze, der Bubiköpfe und des Jazzbands mit dem Diktat eingesetzt. Es hätte beispielsweise, Jahre vor dem Krieg schon, als die Technik das Mittelalter nicht schlechthin verdrängte, sondern zu erobern und sich als Ornament einzugliedern begann, dies drakonisch verbieten müssen. AlS man die Kirchen elektrisch zu beleuchten und die Orgeln elektrisch zu blasen anfing— damals hätten die gekrönten und gekalbten Hüter der Tradition-»greifen müssen. Bor allen» aber hätte ihnen ein Licht ausgehen können, als der Fortschritt es in Form elektrischer Glühbirnen statt der altüberkommenen Wachs- oder Talgkerzen aus di« Christbäume setzte. Das war der, Stoß ins Hem altbürgerlichen, konservativbehäbigen und beschaulichen Lebensstils. In den Bilderbüchern, die aus den Weihnachtstischen meiner frühen Kindheit lagen, gab es noch Chrkstbäume mit keinem anderen Schmuck als den vergoldeten Aepfekn und Nüssen, den hausbackenen Lebkuchen und Bretzeln und dem Stern von Bethlehem über den wächsernen Kerzen. In der Wirklichkeit habe ich nur Christbäumr, mit allem Firlefarq industrieller Ramlch- war« behangen, und später dann besagt« elektrisch beleuchtete Romantik ohne Zauber gesehen, Die Produkte der Glas-, Papier- und Metallindustrie mochten noch hingehen,— als die Glühlämpchen kamen und Edison das Weihnachiswunder vollbrachte, war«S mit der alten Zeit vorbei. DaS kann freilich nur empfinden, wer in einer Falte seines Herzens noch einen Rest der Kleinburgerseele trägt, nicht ihrer schäbigen und betulichen, spießerlichen und beschränkten Larve, sondern ihrer ehrlichen Bravheit, di« mit dem Leben hart kämmte, aber Schwung genug hatte, im engen Kreis den Blick ins Freiland der Phantast« zu behalten. Das Proletariat in seiner radikalen Erscheinungsform bedeutete schon die faktische Auflösung deS Lebensstils und des Weltbildes dieser Kleinbürger, deren es unter dem ansässigen, an der Scholle und dem sozusagen angestammten Betrieb haftenden Arbeitern noch viel« gab,/ Wen das Schicksal all« zwei Jahr« in 'ein anderes Revier und viermal im Jahr in ein anderes Öuatztier warf; wer in den Stvinmässtm der Metropolen und in den.Mietsgefängnissan ihrer grauenhaften Vorstädte, begraben war, so daß ihm an der Wiege ein Orchestrion sang und sein Sterben vom Lärm der Wirtshaus-Schlägereien und Polizei-Razzien umtobt war, der sieht von der neuen Zeit nur das Schöne und hat die alt«.bis zum Mel überdrüssig. Oft tragen wir beide Seelen in der Brust, di« Sehnsiicht des Kleinbürgers nach dem versunken«» Zauber einer Vergangenheit, di« den Glanz vergrabener und ein wenig verstaubter, aber unwiederbringlich herrlicher Schätze trug, und den Ekel des Proleten vor der Verlogenheit eines Idylls, das nur möglich war, weil seine Nutznießer durch Scheuklappen behindert waren, das Chaos dicht neben ihnen zu sehen. Für di« politische Zerrissenheit, di« heute Mischen dein Proletariat und seinen kleinbürgerlichen Randschichten besteht, für die geistige Zerrissenheit, die mitten durch die Arbeiterklasse geht, gibt die so verschiedene Wertung des alten und des neuen Lebens, je nach dem Punkt, von dem. aus man es sieht, zwar nicht die restlose Er- kläruna, wrhl aber zeigt sie einen Weg in die psychologischen Problem« unserer Zeit. Welcher Abgrund zwischen den Welten öffnet sich dem Betrachter, der, in die Tiefe der Erscheinungen zu blicken und sie an den kleinen Symp- toinen zu messen versteht! Einst(und es ist noch nicht so lange her) strömten zur Weihnachtszeit die Freunde von fern und nah dem natürlichen Mittelpunkt des Familienkreise- zu; es war die groß« Vergatterung der Versprengten, und der Christbaum schien der Mast des Seglers, auf dem ein Geschlecht die Strudel und Wogen des Lebensmeeres durchsteuerte. Stand er noch irgendwo, mochte er auch noch so klein und mochten di« vier Wände um ihn io eng und ärmlich toi« sie wollten sein, dann gab es di« Familie noch und galten noch die Gesetze, nach denen man lebte, arvei- tet«, wuchs und verging. Heut« tragen die Ertra- züge und Autobusse zur Weihnachtszeit di« Menschen in die Ferne, di« Familien streben ausein- ander, die Masten der ChrUtbäume ragen einsam und zwecklos wie im Hafen dir kahlen Mastbäum« der letzten Segel'c"^e. DI« Kinder aber fahren in Winterlager und freuen sich auf die Massen- und Klatsen^."'->rung, die ihnen' uniforme Gaben bringt und der Jlluüon des Christkinds cntraten kann. Ein unerhörter Fortschritt für den Arbeiter und vor allem für das Arbeiterkind, das ehedem so oft statt vor dem erleuchteten Christbaum vor dem kalten Öfen saß, hungernd und frierend, nicht in Dankbarkeit gegen den Weihnachtsmann, sondern zitternd vor dem be- trurrkenen Vater, der Fuiolgeruch und Prügel hcimbrachte, ein wirklicher Fortschritt zu lichteren Zeiten, wenn das Kind des Proleten heut« di« Weihnacht in der solidarischen Gemeind« seiner Spielgefährten verbringt, fern vom erdrückend dumpfen und sorgenbeschwerten Elternhaus, einer frohen Zukunft Sinnbild vor Augen. Für die versinkend« Welt des Kleinbürgers aber ist es unvorstellbar, daß dem Kinde anderswo als im Heim der Eltern Freude werde, daß es unter frenidem Dach die stille, die heilige Nacht verbring«, ohne sich in Leid und Sehnsucht zu verzehren. Jenseits von Glauben und KirchendWplin bestand für den Bürger der alten Zeit am Weih- nachtstag das ungeschriebene Gesetz mannigfacher Bräuche, mannigfach gestuft und verwandelt nach Land und Volk. Es war vielleicht d«r-«inzig» Tag im Jahre, da auch der Deutsch« wie sonst nur der Westeuropäer-oder in unseren Bereichen höchstens der Airgehörige der sozialen Oberschicht seine MahUeit der feierlichen Liturgi« unterwarf, die den Speisezettel und die Reihenfolge der Gänge vorschrieb, dabei nicht vergaß, zwischen di« opulenten Gerichte jüngeren Datums die aus alter und ärmerer Zeit überkommenen Speisen wie Pilse oder Hirsebrei einzuschieben. Mit welcher Weihe wurde diese Mahlzeit— überdies die einzige, di« der Kleinbürger erst als„Dimr" nach französischer Sitte am Abend einnahm,»väh- reiid sonst in Mitteleuropa das französtich« Frühstück das„Tsjeuner", den Vorzug genießt-- vorbereitet, mit ivelcher Andacht serviert und nach den sonst unbekannten Gesetzen englischer Fami» li^ntradition serviert! Was soll das in einer Zeit» da wir längst gelernt haben, automatisch zu speisen und fertig von der Maschine zu beziehen, tvas wir ehedem in seinem Werdegang beobachtetest und umsorgten. Ohne Andacht essen wir heute unseren Weihnachtsfisch, ohne ihn vorher im Bottich bestaunt zu haben, gewissermaßen als einen „PiScis ex machina" und der letzte Nachfahr« des OsterlamMS, welches mit den Jüngern zu essen es den Herrn gelüstete, wird zum Nahrungsmittel, daS man tow ein« Liebig-Konserve nach Kalorien mißt. All das gesehen vom Kleinbürger, wie er auch in manchem von uns lebendig ist; wie anders sieht eS der Prolet, für den die mechanisch« Mas- ienspeffung, die mich dem armen Teufel etwas zu bieten hat, die Demokratisierung des Essens und «in Stück— sagen wir immerhin Zivilisation, wenn schon nicht Kultur— bedeutet! Nun volleichS in dieser Krise, die den Kleinbürger zum Pauper macht und den Proleten zum Bettler, versinkt für beide daS Idyll von einst und sie stehen vor den Riesenfenstern der Luxushotels und der Millionärsvillen, der eine vergangenem Wohlstand noch trauern-, der andere aus Ve rgeltung sinnend. Mit der Geschwindigkeit des Meteors versinkt die alte Zeit des holden Weihnachtszaubers, die uns eine Welt äußeren und inneren Gleichgewichts vortäuscht«. Tie Zahl der Hungernden und Obdachlosen fft Legion, groß fällt der Schattest deS armen ManneS auf der Straße in die letzten Zufluchtsstätten kleinbürgerlichen Fami- lienglücks, würgend sitzt dem bescheidenen Zecher an der Christnachtstafel die Angst vor dem Morgen in der Kehl«, wissend« Kinder erwarten keine himmlischen Wunder mehr, sondern fordern von der Weihnachtsgabe, daß si« den neuesten Anforderungen der Technik entsprech«, und fänden es unmodern, wen« nicht alles aus der Maschine käme: Baum^und Pupp«, Christkind und Baukasten. Der Schnee ist nicht mehr da, den Engeln hi« Bahn zu ebnen, sondern dient zum Skifahren,«r wird in Zentimetern gemessen und seine Tief« von der Tabelle abgelesen. Lauschten tpir als Kinder andächtig dem Klang der Glocken, der über verschneiten Wald aus der MitternachtS- mette herüberwehte, so läuten uns jetzt im Rundfunk gleich die Glocken von drei Dutzend deutschen Domen nnd wir empfinden es als technische Sensation, Wenn wir Glück haben, sagt uns zwischendurch der Sprecher, ein verkörperter unallgegenwärtiger Geist der Zeit, wie die Bilanz deS Weihnachtsgeschäftes war und welch« Aktten steigen werden. Die.Wochenschau, di« wir am nächsten Tag besichtigen, zeigt uns, wie sie in Hollywood Weihnacht feiern: in BadokostüMen, unter Palmen, zwischen die ein braver alter nor- discher Christbaum wie«in Hanswurst gestellt und dem öffentlichen Spott anSgesetzt wird. ; Sehr fachmännisch beurteilen die Kinder ihre Geschenke; es sind nicht mehr bunte Reiter unscheckige Pferde, sondern Tanks, Flugzeuge und Automobist... Sie. wissen uw,, ,dj« technischen Kniffe und tun sehr altklug,. wen« sie ihre Ansichten' üvc'r Ans-,Marken auSlaufchen, hi« Urtier* einer kgum vM Hörensagen kennt. Bald wird man ihnen di« Vorlesungen von Sigmund Freud unter den Weihnachtstisch legen und die Begabtesten werden psychoanalytische Studien über Rot- kävvchen uird Schneewittchen anstelle», denn zu was anderem sind die Märchen längst nicht mehr nutz, das habe» die Alten inzwischen heraus- theöretistert. Es ist für jeden, dessen Hem an dem Tand von gestern hängt, der in einen Klang ans vitet Zeit vernarrt, in ihr Bild verliebt und der Eriünerung verfallen fit. eine wahrhaft gottverlassene Zeit, die man nicht rasch genug durchleben kann. Gibt es noch Menschen, d«e an langen Abenden vor den heiligen zwölf Nächten in di« alt«. Welt untertauchen, die noch Muße haben, Keller und Storm zu lesen Hi« gruselig heimlichen Geschichten der Lagerlöf und die„Buddenbrooks", 4 Die Kellnerin Molly• Roman von. Hans Otto Henel. Cvpuriabl bi) fkckrlreiNr-Derlaa. Berlin. Nachdruck verboten. Er schwankte, ob er das Schicksal oder die Bosheit der Menschen verantwortlich machen solle, aber fchließlich entschied er sich dafür, seine Wirkungsbereiche um einen neuen zu vermehren. Er. nannte ihn:„Justiz-Wirkungsbereich". Frau Prodecker, sonst eine nüchterne und weltknndige Frau, erging cs wie vielen, die sich und ihre Nächsten nur im Zustand der Schuldlosigkeit kennen. Sie glaubte, wo Anklage sei, müsse auch Schuld sein. Sie mußte sich zwingen, um nicht an der Unschuld des geliebten Gatten zu zweifeln, und bangte davor, daß man ihn kettenbeladen in das Gefängnis oder ins Zuchthaus, vMeicht sogar auf das Schaffott führen werde. Aber Brodeckers warteten lange und warteten vergebens. Es kam keine Vorladung zur Vernehmung über die beschlagnahmten Papiere und-Photographien. Brodcckcr dachte auch nicht daran, einen Rechtsanwalt zu Hilfe zu nehmen. Da er welffremd war, hätte er es vielleicht felbst dann nicht getan, wenn er die Schwierigkeiten des Staatsanwalts geahnt hätte. Der gehörte zur älteren Schule und neigte zu der mancherorts noch geltcnden Ansicht, wonach zur Brrurteilung em einigermaßen stichhaltiges Anklage material erforderlich ist. DaS aber ließ sich im Falle Brodcckcr nicht leicht beschafftn. Die Beschlagnahme war zwar auf Herrn Ballens fürsorgliche Anzeige erfolgt, aber mit den vorgefundenen Bildern und gleich gar mcht mit den pedantisch geschriebenen Kapiteln der„Frauen- kulttir" ließ sich eine Anklage nicht begründen. Es fehlten'Zengen, die durch Brodeckers Reformversuche sich geschädigt fühlten. Di« Polizei erließ einen öffentlichen Aufruf, daß solche sich melden möchten. Es kam niemand. Vielleicht hatte Frau Stadtvat Butterlerch, bei der Herr Staatsanwalt Dr. Schneise gegen Monat-ende gern zu Abend aß, deu naheliegenden Gedanken geboren, daß eine direkte Befragung der photographierten Reformdamen den Strick liefern, könne, an welchem Brodecker aufzuhängen sei. Jedenfalls bekam die Polizei nach dem Abend, an dem der Staatsanwalt delikates Rebhuhn bei Butterlttchs gespeist hatte, einen Wink, die abgebildeten Damen zu einer Aussage zu veranlassen. Es fanden sich ja an die hundert Photographien von Frauen und Mädchen Schneidewalds in ihren Händen. In einer Stadt von 23.000 Einwohnern gibt es zwar nicht viel Menschen, die der örtlichen Polizei unbekannt sind. Aber hier wurde das Erkennen durch die fehlende Bekleidung erschwert. Selbst der scharfsinnigste Polizist versagt leicht, wenn er den Personenstand nur auf Grund von Merkmalen feststellen soll, dir fiir gewöhnlich unter der Kleidung liegen. Die Polizei erkannt« auf den ihr vorliegenden Bildern, nur eine einzige Frau, und das war für die Polizei keine Frau, sondern eine Danre, nämlich die Gattin des Ztveiten Bürgermeisters. Sie zuerst und allein vorzuladen, verboten Autoritätsgründe. In dieser Not stellt« sich der „Vaterländische Frauenvereiit" selbstlos in den Dienst der Polizei, eingedenk seiner hohen Pflicht, über deutsche Sittlichkeit zu wachen. Ein« schwer« Arbeit für di« Damen, aber mit freudiger Hingabe geleistet. Bald standen denn auch die Namen der nackten Frauen und Fräuleins ausnahmslos fest. Nur die Bilder zweier kindlicher Mädchen blieben unbeachtet. Die hundert Frauen und Fräuleins, vor den Untersuchungsrichter gefordert, sagten übereinstimmend aus, daß si« Brodecker nichts Sittenwidriges nachsagen könnten. Der alte Herr hab« ihnen die gewünschten Bäder verabreicht, hatte si« massiert, ihnen körperliche Uebungen gelehrt und Nahrungsvorfchriften gemacht.„An fleischliche Anfechtungen hat kein Mensch gedacht," erklärt« di« Gattin des Zweiten Bürgermeisters bestimmt. Und die Nacktphotographien? Kein« sand sich darunter, die etwa« andere« war als Festhaltung eine« Körperzustandes oder einer Bewegung, bedeutsam für Brodeckers Buch der Frauenreformation, Der Uniersuchungsrichter gab dazu, wies jedoch auf die Gefährlichkeit der Situation hin, wenn ein« nackte Frau sich von einem Manm photographieren lassen müßte. Mußte? Die Damen protestierten. Brodecker habe stets nur im Einverständnis mit den Photographierten gehandelt nnd nie ohne Hinzuziehung einer dritten Person, Entweder waren seine Frau oder die Badegehilfin, Fräulein Marsdorf, zugegen gewesen. Diese zweifellos stichhältigen Aussagen entlasteten den Badeanstaltsbesitzer, statt zu seiner Verurteilung zu führen, wie man es gern gesehen hätte. Die Erwägung, ob da- Photographieren nackter Personen weiblichen'Geschlechtes schon an sich al- unsittlich zu gelten hätte, gab der Untersuchungsrichter wieder auf.> In der städtischen 'Hauptkirche hing ein altes Bild, auf dem ein« Muttergottes mit sichtlich unbekleideten Brüsten ein ebenso unbekleidetes Jesukind säugt«. Dies« Darstellung hatte der Gymnasialrektor Säuberlich im„Scheidewalder Tageblatt" ausdrücklich als Kunst bezeichnet, Wie, wenn sich nun«in Sachverständiger fand, der zwischen dem Kirchenbild und Brodecker- Photographien keinen Unterschied in der Absicht feststellen wollte? Im„Vaterländischen Frailenverein" begann die Hoffnung, Brodecker für lebenslänglich im Zuchthaus zu wissen, zu schwinden. Doch sandte man immerhin an die von der Republik vertriebene ehemalige Kaiserin in Holland ein Telegramm, in welchem die Damen gelobten, bi« zum letzten Atemzuge für die deutsche Treue deutscher Frauen zu kämpfen. Bon etlichen Sachverständigen für das Kindergemüt. Auch der Staatsanwalt Dr. Schneise fürch- .tete, an der fehlenden Möglichkeit eines Anklage- gtundes seine Absicht scheitern zu sehen, die sittliche Atmosphäre Schneidewalds zu reinigen. Seine Konferenzen mit dem Untersuchungsrichter schlossen mit dem Ergebnis, daß man den photographierten Frauen glauben müsse, wenn sie erklärten, sich durch das Photographieren nicht unsittlich belästigt gefühlt zu haben. Zumindest könnt« mqn ihnen nicht das Gegenteil Nachweisen. Schneise spielte schon mit dem schwer erträglichek? Gedanken, das Verfahren einzustellen. Da kamen ihm noch einmal di« bisher unbeachteten Bilder der beiden Kinder in di« Hände. Sie zogen ihn jetzt an, und er erteilte sich sofort selbst eine Rüge, weil er dies« Kinderbilder unbeg reiflicherweise bisher als unerheblich bo- handelt hatte. Ein Staatsanwalt darf doch nich» achtlos an scheinbaren Kleinigkeiten vorübergehen. Hatte er hier nicht, was er braucht«? Da« Zeugnis volljähriger Frauen mußte das Gericht Üinuehmen, wenn nicht da« Gegenteil bewiesen werden kann. Aber das minderjährige Kind ist unfrei in seinem Willen. Wenn es photographiert wird, unterliegt e- wohl einem fremden Willens- ztvange, einer Vergewaltigung seines noch unentwickelten Wille»«, di« möglicherweise eine Einheit mit der Vergewaltigung des Körper« bilden kann. Wozu überhaupt anders al« zu Unzuchtszwecken sollt««in kindliches Mädchen nackt photographiert werden? So dachte Dr. Schneise, (Fortsetzung folgt.) Nr. 304 Sonntag, 25- Dezember 1832 Seite 3 den„Huugerpastor" und-Hauffs Älärchcn, Hebels Kalendergvschichten und dann und wann ein Kapitel Jean Paul? Entzücken einen noch Ludwig Richters Zeichnungen, singt man noch im Zeitalter des Radios und des Grammophons? Cs gab, jenseits der Greuel, die e o r g e Groß uns sehen lehrt«, und des Justc Milieu, wie Sternheim es zeichnet, jenseits der Bürgerlichkeit, an der Große starben und Kleine verdarben, eine in sich ruhende Bürgerwelt, von der heute nur noch ein blasser Abendschein am Horizont des Trümmerfeldes sichtbar ist, das uns die dreißig Jahre des 20. Jahrhunderts hinterlassen haben. Den Proleten, der es nicht miterlebt« und nur als die Lüge sah, in der sich der glückliche Bürger Mischen den Klasien gefiel, als den Trug, mit dem man ihn köderte und narrte, reut es nicht, daß die Herrlichkeit unter die Räder der Traktoren gekommen ist. Für den Kleinbürger ist es die große Tragödie des Weltunterganges. Er pflanzt den Christbaum auf das Grab seiner Allusionen und trauert den Träumen»ach, die ihm noch Lebensglück waren, seinen Kindern aber nur noch Gegenstand der Analyse sind. Die„Neue Sachlichkeit" geht über die Romantik der Christnacht zur Tagesordnung über; bald wird ein Monstrum aus der Sphäre zwischen Futzballheros und Eintänzer den Stern von Bethlehem in eine Startpistole laden und an das Fir- manrent schießen als Signal zum letzten Rennen mit dem Chaos, das aus tausend Kanonenmündungen droht. Wenn ihr Jungen, Nachgeborn« der großen Zeitenwende, das Rennen gewinnen, weim ihr die letzte Schlacht überleben solltet, dann baut die neue Welt, die kommen wird, nicht nur aus lauter Sachlichkeit und Skepsis, dann nehmt in sie aus dieser alten versunkenen Welt ein Stück Her; mit, ein wenig Sentimentalität, und einen Rest von Phantasie, der Goethe nicht umsonst unter allen Göttinnen den Preis verliehen hat! „ Weihnachtsgeschenk an die Deutschen." Das Sttibrny-Blatt gegen di« deutsche» Minister und gegen Minister Derer. „Poledni 8i[t", das Blatt Stkibrnys, wendet sich in zwei Artikeln, die es auf der ersten Seite seiner Samstagausgabe bringt, scharf gegen den Schulminister sowie die deutschen Minister. In einem Artikel, der zweispaltig unter dem Titel „Dürer will den Deutschen und Magyaren die Schulautonomi« geben" erschienen ist, schreibt das Blatt: „Die Vorlage bedeutet eigentlich dir Schul- mltouomi« für die Deutschen und Magyaren. Sie bedeutet Schweizertum im tschechoslowakischen Schulwesen. Es ist bezeichnend, daß die Regie- rungspresse, auch die„Rürodni Listh", Dürers Antrag ohne Kommentar veröffentlich«». Wir beabsichtigen aber nicht, diese» sozialdemokratischen Angriff auf den«rationalen Charakter des Staates,«inen Angriff, wie ihn bisher die Geschichte der Republik nicht kennt, ohne Beachtung zu lasse». Wir werden auf die Angelegenheit noch einige Male zurückkommen! Wir werden n cht ' ertrage», daß«v. auch nur die Schulautonomie den Deutschen gegeben wird, während jede Erwähnung der Autonomie fettens der Slowaken als Hochverrat erklärt wird. Umso«her werden wir die Anträge des Ministers Derer anprangern, weil der Soz aldemokrat Minister Dr. Dürer angeblich der Vertreter der Slowaken in der Regierung ist." In einem zweiten Artikel, der unter dem Titel„Weihnachtsgeschenk für die Deutschen" erschienen ist, wird zunächst zu der Ernennung des deutschen Vizepräsidenten der böhmischen Larchesverwaltung Stellung genommen: „Den Regierungsdeutschen wurde ein Weihnachtsgeschenk bereitet. Lum zweite» Vizepräfi- de»t«n für Böhmen wurde ein Deutscher ernannt. Die Deutsch»» bekommen abermals eine einflußreich« Stelle, und zwar in der Selbstverwaltung. Sechs Jahr« haben fie schon iu der Regierung zwei Minister, von der poltt schen Macht gelangen st« langsam in di« Verwaltung der Länder, ins Militär, in den auswärtige» Dienst... Aber auch di« opposttionellen Deutschen bekamen vor We huachten«in Geschenk. Fünf deutsch« hakeu- kreuzlerischc Abgeordnete sollte» vom Abgeordnetenhaus dem Gericht ausgeliefert werden. Neber Antrag der deutschen Sozialdemokraten wurden di« Schriften des Strafverfahrens im Brünner Prozeß verlangt und der Jmmu«itäts- auSschnß will augenscheinlich das AuSlieferungs- begehren nach der meritorifchen Seit« hin prüfen. Bor einer Woche wurde bekanntgegeben, daß di« Schriften, des Brünner Gerichts bereits in Prag sind. Trotzdem ist es noch immer nicht sicher, wann es zur Verhandlung des Begehrens um di« Auslieferung der oppositionellen Abgeordneten kommt... Warum hat es ei» halbes Jahr gedauert, bevor dir Schuldigen an der Demonstration in Dux ermittelt wurde«?... Zwei deutsche Minister sorgen nur für die Deutschen... Die Erfolge der Deutschen lieg,,, in der Stärke ihrer Mm ster..• Die Deutschen in der Regierung verlangen nicht nur für ihre Parteien Kompensationen, sondern für die gesamt« Minderheit, fi» spreche« nicht für so und so viele Wähler, sondern für so und so viel Millionen Deutsch« im Staat«... So ei« Dr. Czech sieht, wenn er bestimmte Summen für soziale Unterstützungen ausgibt, vor sich die ganzen deutschen Gebiete.." In diesem Tone geht es weiter. Man sicht, »ne gewisse tschechische' Presse hat zu Weihnachten ;«ne andern Sorgen als ein« nationale Hetze zu entfachen. Aße Sozialdemokratie in der“Weltkrise. Von WUfkelm fHen6otfen(Wien). Die Schwere und Schmerzlichkeit der Wirkungen der Weltkrise erstreckt sich nicht bloß auf das materielle Elend und die Unmöglichkeit, dem ungch uern Umfang dieses Elends durch soziale, staatliche und kommunale Maßnahmen zu begegnen. Die Furchtbarkeit dieser Zustände wird vielmehr noch gesteigert durch die moralischen und geistigen Auswirkungen der Krise auf das Proletariat. Die sozialistische Beivegung ist aufgebaut aus der Erkenntnis der gesellschaftlichen Zusammenhänge. Im Jahr 1847 hatte Marx in Gegenwart von Friedrich Engels und des Russen Anienkow ein Gespräch mit Wilhelm Weitling, dem bekannten schwärmerischen, aber unklaren Sozialisten. Marx sagte damals in seiner unwirschen und schnurgerade aufs Ziel losgehenden Art:„Sagen Sie uns doch, Weitling, der Sie mit Ihrer kommunistischen Propaganda so viel Geräusch in Deutschland gemacht und so viele Arbeiter angezogen haben, die Sie ihrer Stellung und ihres Stückchen Brotes beraubten, mit welchen Argumenten verteidigen Sie Ihre sozial-revolutionäre Agitation und worauf denken Sie dieselbe in Zukunft zu gründen?" Auf Weitlings etwas verworrene Darstellung antwortete Marx, mit der Faust auf den Tisch schlagend,„es sei einfach ein Betrug, das Volk aufzuwiegeln, ohne ihm feste Grundlagen für seine Tätigkeit zu geben. Die Erweckung phantastischer Hoffnungen führe niemals zur Rettung der Leidenden, wohl aber zu ihrem Untergang. Zumal in Deutschland sich an die Arbeiter zu wenden, ohne streng wissenschaftliche Ideen und konkrete Lehre sei gleichbedeutend mit einem leeren gewissenlosen Spiel mit der Propaganda". Und Marx schloß das Gespräch mit den entstörten Worten:„Niemals noch hat die Unwissenheit jemandem genützt."*) Die Weltkrise hat nun gerade die Eigenschaft, mit Hilfe der von ihr in Millionen von Köpfen erzeugten Verzweiflung die Neigung und Fähigkeit zu klarem Urteil zu zerstören. Sie verwirrt die Köpfe, fie macht sie radikalen Phrasen zugänglich, ja sie zerstört von Grund aus die Resultate jahrzehntelanger Erziehung zu klarer soziallstischer Erkenntnis, die die Sozialdemokratie dem Proletariat auf Grund der„streng wissenschaftlichen Ideen und der konkreten Lehre", die Marx geschaffen hat, angedeihen ließ. Der Wirkungsgrad dieser Marx'schen Lehren wird in Krifenzeiten von diesem Tiefgang abgeschwächt *) Anienkow, Wjestnik Jowropy 1880,„Ein berühmtes Dezennium", übersetzt von I. Z. Neue Zeit zum Teil bis zur vollständigen Vernichtung. Krisen sind die Zeit für Mittelstandsbewegungen, mit all ihrer Berschwonrmenhcit und Unklarheit; sie sind der Boden für phantastische Menschheitserlöser und Weltbeglücker, sowie für abgefeimte Betrüger, die die begreifliche Erregbarkeit der Bolksstimmung für andere, dunkle, dem Proletariat feindliche Zwecke mißbrauchen. Krisen lähmen die soziale Aufbautätigkeit des Sozialismus, schwächen die Kampfkraft der Gewerkschaften und die Agitationskrast der politischen Arbeiterbewegung. Solche Perioden sind die Basis für fasci- stische Bewegungen. Der voraussetzungslose Scheinradikalismus solcher Bewegungen vernebelt die Hirne der Grenzschichten zwischen Arbeiterund bürgerlicher Klasse so sehr, daß ihr urreaktionärer Charakter, ihre auf die Entrechtung dieser Schichten gerichtete Absicht bis zur völligen Unsichtbarkeit verschleiert wird. Aber solche Perioden sind auch gleichzeitig der Boden für radikale Arbeiterbewegungen von links her. Das sind die Zeiten, wo Blankismus, Syndikalismus, Antiparlamentarismus und Antrdemokratismus Orgien ftiern. Die schäbigste Demagogie, wenn sie sich nur mit dem Mantel radikaler Forderungen umhüllt, findet in solchen Zeiten bei einem großen Teil des Proletariats Anklang. Der Appell an die Gewalt mit seinem berauscheirden Charakter findet bereitwillige Ohren. Verantwortung ist ein Begriff, der in solchen Zeiten verpönt ist. Wer diejenigen Wortführer des Proletariats, denen Gewissenhaftigkeit und Verantwortungsbewußtsein kein leerer Schall und Rauch sind, dürfen sich durch die Tatsache, daß sie in solchen Zeiten einen unendlich schwierigen Stand haben, von der geraden Linie ihrer Pflicht nicht abwendig machen lassen. Es ist eine harte Aufgabe, verzweifelten Gemütern Vernunft und Einsicht predigen zu sollen und Vätern mit hungernden Kindern klarzumachen, daß abenteuerliche Gewaltaktionen nur zur Zerstörung der Kampfkraft führen und errungene Machtpositionen auf Jahrzehnte wiederum zurückwerfen müssen. Aber da gibt es kein Verzagen, keine Entmutigung, sozialdemokratische Vertrauensmänner dürfen sich durch die geistige und moralische Not der Zeit nicht einschüchtern lasst«. Sie werden in ihrer Pflichterfüllung durch das Bewußtsein gestärkt werben, daß kein Geringerer als Karl Marx hinter ihnen steht, der chnen die Lehre eingeschärft hat:„Es sei einfach ein Betrug, das Volk aufzüwiegeln, ohne ihm feste Grundlagen für seine Tätigkeit zu geben," denn mehr als st ist in diestr schweren Zeit Klarheit des Zieles und Nüchternheit des Urteils im Interesse des Proletariats notwendig. 1888, S. 238. Der kapitalistische Mechanismus versagt. Warum die Welt die Wirtsdtaitshrise nicht überwinden kann. Das Berliner Konjunktur-Institut hat in seinem letzten Bierteljahresbericht, der Ende November erschienen ist, der Ueberzeugung Ausdruck gegeben, daß sich die Well im Uebergang von der Krise zur Depression befindet, das heißt, die krisenverschärfenden Momente haben aufgehört, es ist eine gewisse Stabilisierung der Wirtschaft auf dem Tiefstand eingetreten, ohne daß noch die ersten Anzeichen einer besseren Konjunktur sichtbar wären. Selbst wenn diese Auffassung des augenblicklichen Standes der Weltwirtschaft richtig wäre,— für die tschechoslowakische Wirtschaft ist sie bestimmt unrichtig, denn bei uns dürfte das Krisentief er st Anfang 1933 erreicht werden— hätten wir es demnach bis zur Ueberwindung der Krise der Weltwirtschaft noch weit. Dem ist tatsächlich so. Trotz aller Maßnahmen gegen die Weltwirtschaftskrise, die in verschiedenen Ländern getroffen werben, kann der Kapitalisinus die Krise noch immer nicht überwinden, was darin seinen Grund hat, daß der ganze Mechanismus, durch den die kapitali- stische Wirtschaft in Gang erhalten wird, immermehr versagt. Der versagende Preismechanismus. Ein Mittel der Ueberwindung der Krise war rn den früheren Wirtschaftskrisen der Preismechanismus. Die Preise der Waren sind bekanntlich keine festen, sondern schwanken in kurzen Zeiträumen, je nach dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage. In den Zeiten der Konjunktur ist die Nachfrage nach Waren groß, daher steigen die Preise. In den Zeiten der Krise sinkt die Nachfrage nach Waren, es sinken also die Preise. Äirf dem Tiefpunkt der Krise erreichen auch die Preise ihren tiefsten Stand und gerade die niedrigen Preise werden nun ein Mittel der Belebung der Wirtschaft. Je niedriger die Preise, desto stärker die Nachfrage, .Wenn ein Automobil 30.000 Kronen kostet, kann es sich nur eine schmale Schichte von Menschen kaufen; kostet aber ein Automobil 10.000 Kronen, so ist die Anzahl der Menschen, die für deu Kauf eines Autos in Betracht kommen, viel größer. So also wurden Krisen in früheren Zeiten durch einen selbsttätigen Mechanismus der kapitalistischen Produktionsweise überwunden.. In der gegenwärtigen Krise versagt nun dieser Mechanismus. Wohl sind die Preise der Rohstoffe außerordentlich stark gesunken, aber die Preise der Fertigwaren sanken nicht in demselben Maße. Die Preise der Waren werden gegenwärtig vielfach bestimmt durch Kartelle und Trusts, welche die Preise höher halten als dies der gesunkenen Nachfrage entsprechen würde. Dadurch kann also die Nachfrage nach Waren nicht belebt, die Krise so schwer überwunden werden. Der internationale Kapitalstrom stockt. Ein zweiter versagender Mechanismus der kapitalistischen Produktionsweise ist die Mechanik des Zinsgefälles. Seit Jahrhunderten können wir die Beobachtung machen, daß die wirtschaftlich fortgeschrittenen Länder die wirtschaftlich zurückgebliebenen Länder mit Kapital versorgen. Dadurch wird die Wirtschaft in den ökonomisch zurückgebliebenen Ländern belebt, genau fo wie trockenen Boden durch Wasserzufuhr fruchtbar wird. Das Mittel, dessen sich die kapitalistische Wirtschaft bedient, um den Kapitalstrom aus kapitalreichen in kapitalarme Länder zu lenken, ist das Zinsgefälle. In den kapitalreichen Landern nämlich ist das Angebot an Kapital groß, der Zinsfuß daher niedrig. In den kapitalarmen Ländern ist aber große Kapitalnachfrage und daher der Zinsfuß hoch. Das Kapital strömt nun aus den Ländern niederen Zinsfußes in die Länder höheren Zinsfußes, weil der Kapitalist lieber zehn Prozent als zwei Prozent verdient. Nun ist aber gegenwärtig dieser Kapitalstroni gestört, weil einzelne Länder sich in so schlechten Finanzverhältnissen befinden, daß die Kapitalisten befürchten, überhaupt um ihr Geld zu kommen. Kein noch so hoher Zinsfuß genügt dem Kapitalisten, um dieses Risiko auszugleichen. So werden also die kapitalarmen Länder wenig befruchtet, die Entwicklung der Wirtschaft in diesen Ländern stockt. Die fixen Kosten. Eine andere Schwierigkeit für die Industriekapitalisten in der heutigen Zeit ist die folgende: Früher hat der Unternehmer, wenn die Krise kam, einfach Arbeiter entlassen und so die Produktionskosten gesenkt; das Unternehmen hat eventuell den Betrieb> stillgeleat und alle Arbeiter entlassen, so daß seine Produktionskosten fast bis auf Null sanken. Die Rationalisierung, »die in der der heutigen Krise vorangegangenen Konjunktur besonders intensiv betrieben wurde, hat nlln zur Folge gehabt, daß das Sachkapilal innerhalb des Gesamtkapitals eine viel größere Bedeutung hat als das Lohnkapital. Um bestimmte Maschinen anzuschaffen, hat der Kapitalist sich das Geld von der Bank gegen hohe Zinsen ausgeborgt. Diese Zinsen konnte er leicht bezahlen in der Zell der Konjunktur, er kann sic schwer bezahlen, wenn der Betrieb eingeschränkt arbeitet und er kann unter Umständen überhaupt nicht bezahlen, wenn der Betrieb vollkommen stillsteht. Während also der Kapitalist früher durch Arbeiterentlassungen die Ausgaben für das Unternehmen fast bis auf den Nullpunkt herabsetzen konnte, muß er heute i n derKrisc dieselben Zinsen zahlen wie einst in der Konjunktur, da er mit Hochdruck arbeiten konnte. Da nun der Unternehmer die Zinsen nicht zahlen kann, schlägt die Bank sie zum Kapital auf, die Schuld des Unternehmers wird immer großer und übersteigt den Wert seines gesamten Unternehmens. So gehen die Unternehmungen, die noch hätten eingeschränkt arbeiten können, an der Last ihrer Zinfen zugrunde. Auch da versagt alfo der kapitalistische Mechanismus, der darin besteht, daß die Banken den Unternehmungen Geld borgen und das Industriekapital mit Hilfe der erzielten Profite die Zinsen zurückzahlt. Auch der Währungsmechanismus versagt. Auch der Währungsmechanismus versagt augenblicklich. Der Rückgang der Ausfuhr der einzelnen Staaten zwingt sie, Maßnahmen zum Schutze ihrer Währung zu ergreifen. Wenn beispielsweise die Einfuhr in der Tschechoslowakei die Ausfuhr weit übersteigt, dann entsteht eine außerordentlich große Nachfrage nach fremden Valuten und Devisen, mit denen man die Einfuhr bezahlen muß und damit die Gefahr des Sinkens der tschechoslowakischen Krone. Um diese Gefahr abzuwenden, drosselt man nun die Einfuhr. Dasselbe tun die anderen Länder. Die Einfuhr der anderen Lätlder ist aber unsere Ausfuhr und mit der Drosselung der Einfuhr der anderen Länder sinkt unsere Ausfuhr, wird also die Krise verschärft, wächst das Heer der Arbeitslosen. Wir sehen also in der heutigen Wirtschaft, daß der Schutz der Währung der Staaten zur Zerstörung ihres Außenhandels und damit zu einer weiteren Verschärfung der Krise führt: Der Währungsmechanismus verschärft die Wirtschaftskrise. Die Industrialisierung der Kolonialländer. Es gibt Volkswirtschaftler, die der Meinung sind, daß die gegenwärtige Wirtschaftskrise da- ourch überwunden werden wird, daß der Kapi- talisnius neue Länder sich einverleiben und die Einwohner der noch tief im Feudalismus steckenden Länder zu Abnehmern industrieller Waren machen wird. So erwartet man, daß insbesondere China, wenn es die Epoche der Bürgerkriege überwunden haben wird, ein auf- nahmsfähiger Markt für die Industrie Europas werden wird. China hat 400 Millionen Einwohner, das ist mehr als Europa ohne Sowjetrußland(360 Millionen) und wenn nun China Eisenbahnen und Autostraßen, Hochöfen und Zuckerfabriken, chemische Fabriken und Textil- sabriken bauen wird, dann wird die europäische Schwerindustrie, welche Lokomotiven und Waggons, Eisenbahnschienen, Automobile und Fabrikseinrichtungen liefern wird, einen ungeheueren Auftrieb erfahren. Mag sein, daß dies eintreffen wird. Aber diese Entwicklung könnte Europa, das übrigens gerade in China der amerikanischen und japanischen Konkurrenz ausgesetzt sein wird, nur eine Atempause von wenigen Jahren gewähren. Wenn nämlich China und Indien genau so industrialisiert fein werden, wie etwa Sowjetrußland nach dem zweiten Fünfjahresplan, dann wird der Markt für europäische Jndustrieprodukte noch enger werden, denn dann werden die bisherigen Kolonialländer alle Jndustriewaren, die sie aus Europa bezogen haben, selbst erzeugen, dann aber würde eine Krise über uns hereinbrechen, die noch verheerender wäre, als die heutige, dann würden wir ein Heer vop Arbeitslosen aus der ganzen Welt haben, das nicht 35 bis 40 Millionen, sondern 100 Millionen betragen würde. Während früher der kapitalistische Mechanismus Krisen dadurch überwand, daß er neue Länder zu Äbneh- inern industrieller Waren gemocht hat, so droht durch die IndustriaIi- sierunadcr ganzen Welt, daß auch dieser Ausweg für den Kapitalismus versperrt wird. Man sieht, daß tatsächlich die Mittel, welche bisher der Kapitalismus anwandte, um über Krisen hin weg zukommen, immer mehr versagen. Mag fein, daß durch Regelung des Problems der internationalen Schulden, durch die Erschließung neuer Absatzmärkte, durch die Maßnahmen der künftigen Weltwirtschaftskonferenz eine Besserung der wirtschaftlichen Äerhältnisse herbeigeführt werden wird, aber selbst eine solche Ankurbelung der Weltwirtschaft würde die Zahl der Arbeitslosen nicht in dem Maße herabdrücken, wie dies in früheren Konjunkturen gewesen ist und die Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse wird wohl nicht von langer Dauer sein. Immer schwerer arbeitet die Ma- shinerie des Kapitalismus, iinmer mehr versagt die kapitalistische Mechanik, immer notwendiger wird es, an die Stelle des Marki- und Zinsenmechanismus des Kapitalismus eine andere Mechanik, nämlich die planmäßige Regelung der Produktion zu setzen. Der Kapi- talimns wird reif zum Untergang: cs naht die Zeit des Sozialismus! E. St. Seite 4 Sonntag, 25. Dezember 1932 At. 304 Sozialistischer Idealismus. Sind die Idealisten wirklich die großen Narren, die Lebens- und Weltfremden, als die sie allgemein gelten? Gelten st« denn als Narren? Wird nicht der Idealismus gar viel gepriesen, in Büchern und Reden und Aufsätzen? Damit ist es nun in der bürgerlichen Gesellschaft wie mit mancher anderen Lobpreisung auch,—„man", die Gesellschaft, bekennt sich zum Christentum, aber es fällt niemandem ein, nach christlichen Grundsätzen zu leben,—„man" schwört auf die Monogamie, aber rnan lebt nicht monogam, verkündet, daß Gemeinnutz vor Eigennutz gehe, ohne je das Gemeinwohl voranzustellen, kämpft für die, Heiligkeit des Lebens der Ungeborenen und schickt die Gattin oder die Geliebte in ein Sanatorium, und wer in Büchern oder Aufsätzen über den Geburtenrückgang klagt, hat gewiß keine oder nur wenige Kinder. Jene Unwahrhaftigkert, die eines der Kennzeichen der bürgerlichen Kultur ist, zergt sich auch in der Wertung der Idealisten. Gewiß lobt man den Idealismus! Aber augrnzwmkernd und schmunzelnd, mit vielsagendem Lächeln spricht man vom Idealisten. Idealist— da denk« ich natürlich nicht an einen Anhänger philosophisch-idealistischer Richtungen, sondern an den tätigen Bekenner einer Idee. An jenen Idealismus also, oer verstanden wird als ideale Gesinnung und ideales Streben, als Unterordnung persönlichen Vorteils unter die Ide«, Idealismus— das ist keineswegs gleichbedeutend mit phantastischer Schwärmerei, die die Wirklichkeit übersieht. Idealismus kann durchaus das Mögliche, das Erreichbare im Auge haben, ja mehr noch: Das Notwendige! Darüber Hai einmal sehr schön Friedrich Jodl tn seiner Schrift„Vom wahren und vom falschen JdealiS- milS" gesprochen. Die Unterscheidung zwischen Idealismus und Schwärmerei ist notwendig, weil man beide allzu gern verwechselt. * Es kommt auch in unseren Rechen vyr, daß man den Idealisten gleichsetzt dem Schwärmer, und daß man die„Notwendigkeit des Lebens" entgegenstellt den„Schwärmereien der Idealisten". Und die es tun, sind doch selber zumeist, auch wenn sie diese Bezeichnung ablehnen würden, falls jemand sie einem„Praktiker" gegenüber wagte,-^Idealisten"! Denn keine Anklage gegen die Sozialdemokratie ist verleumderischer als oie, daß sie„groh-materialistisch" handle, rohen Egoismus in den Arbeitern weck«, nur an di« materiellen Instinkte der Masse sich wende. Wohl nur das Christentum der Fruhzeit hat in ähnlicher Art so viele Menschen zu Idealisten gemacht, wie die sozialistische Arbeiterbewegung. Der Sozialismus wurde zum Schöpfer einer Massenethik, eines Massenidealismus.. Der Vertrauensmann, die Leiterin einer Frauengruppe,' die Schriftführer und Kassiere und Kontrollore unserer Organisation«», die vielen, die Versammlungseinladunäen und Flugblätter austragen, unser vielgestaltiges Orgamsa- tionsleben in Gang zu halten, in den Betrieben werben, in öffentlichen Körperschaften die Arbeiter vertreten,— sie alle haben doch von ihrem Tun keinen persönlichen Vorteil, selten nur Befriedigung persönlichen Geltungsstrebens, tragen oft genug schwere, dauernde Nachteile davon. Sie sind— Idealisten! * Es ist ja nicht wahr, daß nur persönliche Vorteile die Arbeiter an ihre Organisationen und an ihre Partei fesseln! Es trifft gewiß auf nicht »venige zu, es ist aber nicht das für die Arbeiterbewegung Charakteristische. Das Erfülltwerden mit einer Ide«, die Begeisterung für sie, der Wille, ihr zu dienen und sie zum Siege zu führen, hat Unzählige emporgerissen aus kleinem Egoismus, aus Streben nach persönlichen Vorteilen, sie hoch emporgehoben über das schäbige Gefrage:„Was hab ich davon?"»»- sie zu Idealisten gemacht. Dieser Idealismus— dieses Eindringen der Idee in die Arbeiterklasse und dieses Erobern der Hirne und Herzen durch die Idee— er hat die sozialistischen Parteien geschaffen, die Gewerkschaften, di« Genossenschaften, die proletarischen Kulturorganisationen. Dieser Idealismus hat aus Hansen und Gruppen organisierte Massen geformt, er sorgt dafür, immer wieder, daß die Arbeiterbewegung, trotz gelegentlichen Erstar» rungstendcnzen, bleibt, was das Wort sagt: Bewegung. Sonderbar ist das, so sehr den Idealismus zu preisen in einer Partei, deren wissenschuftltche Grundlage eine Lehre ist, die es ablehnt, m den Ideen dje treibenden Kräfte des geschichtlichen Geschehens zu sehen? Nein, nicht sonderbar! Denn der historische Materialismus führt zwar die Ideen aus ökonomische Verhältnisse zurück, aber er bestreitet nicht die Wirksamkeit der Ideen. Von Marx stammt das Wort:„Auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald st« dl« Massen ergreift," Sozialistischer Idealismus— das ist nicht zersiatternde Schwärmerei und nicht Weltfremd» hcit, das ist ein Idealismus, der das Notwendige erstrebt, dem Notwendigen dient, über das Heut«, auch über die heutigen„Notwendigkeiten des Lehens" hinauSsteht auf dos geschichtlich Notwendige, auf das für die Klaffe und das für die Menschheit Notwendige. Em Idealismus, der freilich mit allen„Realitäten" rechnet, mit der Wirklichkeit, denn gerade der wissenschaftliche Sozialismus hat uns gelehrt, daß wir nicht— wie die Utopisten noch glaubten--- zu jeher beliebigen Zeit, sobald nur der Wille da ist, den Kapitalismus überwinden können. Aber freilich: Das kann geschehen, daß auch sozialistischer Idealismus, daß sozialistische Ideentreue in Gegensatz gerät zur Praxis eines Teiles der organisierten Arbeiterschaft. Wenn Sozialisten glauben, sich ganz der„Realität" unpassen zu müssen, wenn sie in bestimmten Situationen aus Rücksichtnahme auf diese glauben, sozialistische Grundsätze ihr angleichen oder gar unterordnen zu müssen. Wenn der Gedanke an das Morgen verblaßt vor vermeintlicher Stärke der„Realitäten" von beute. So war es während des Krieges, als so viele Sozialisten so viele„Vaterländer" entdeckten und darüber das künftige gemeinsame sozialistische Vaterland zwar nicht vergaßen, aber doch zu einem fernen, nebeligen„Ideal" erhoben. So kann es heut« sein, wenn Sozialisten in einem Bürgerstäat schon„ihxen" Staat zu sehen wähnen, weil sie vorübergehend>n ihm gewissen Einfluß gewinnen. Hier siegt die„Realität" über den Idealismus, aber—. der Idealismus, die vermeintliche Schwärmerei, sieht weiter und ist also in Wahrheit realistischer, als die Politik der „Realisten". Klassengebunden, klassenbestimmt ist Denken Und Tun aller Politiker. Nichts ist also selbstve-r- ständllcher, als daß bürgerliche Staatsmänner Träger des imperialistischen Wollens der Bourgeoisie sind. Aber die ungeheure wirtschaftliche und politische Umwälzung des Krieges, die gewaltige Erschütterung der Seelen durch das Kriegserleben riß doch viele, viele Menschen, die nicht Sozialisten waren, zu Erkenntnissen empor, die über den Imperialismus, die über bürgerlich-individualistisches Gewaltdenken hinauswiesen. Der Widersinn des Krieges, der gegenseitigen Bekämpfung oer Völker selbst vom Standpunkte der Bürgerwelt aus, wurde offenbar. Die Welt schien reif für eine wahrhaft demokratische Neuordnung, für eine wirkliche, überstaatliche Organisation. Die Staatsmänner, die Europa neu ordneten, waren Wenn es im materiellen, wirtschaftlichen, sozialen Unterbau der Gesellschaft kracht, kommt notwendigerweise auch der geistige Ueberbau ins Wanken. Nur dauert es länger, ehe di« Erschütterung dort gleich stark sich wahrnehmbar macht. Dem Beobachter, der etwa Has Zentrum einer großen Stadl zum Standort wählt, mag es Vorkommen— ahne daß man ihn dieqerhalb durchaus der Oberflächlichkeit zeihen könnte—, als ob di« Jahre der Krise an jenen kulturellen Erschein nungen Uiid Einrichtungen, die man ass wvient- lichste Verdeutlichungen der jeweilige» Geistes? entwicklung der Gesellschaft zu betrachten gewohnt ist, nicht sehr viel geändert hätten: hie Ueher- schwemmmig des Büchermarkts hält an und die Flut führt wahrhaftig nicht nur Wertloses mit sich; die Vortragssäle sind Abend für Abend besetzt, nicht immer zahlreich, aber auch dort ist viel wirkliches Gut anjutressen; die Theater sind kaum schlechter besucht als in früheren, günstigen Wirt- schastszeiten. und auch hier herrscht der Unwert nicht allein; Konzerte, gut« beste Kpnzert« jagen einander, der Film gewinnt immer mehr an Boden und der Rundfunk, dessen Wellen nun sogar die Schulzimmer erreichen, erfaßt immer mehr und mehr Menschen. Die krisengevlapte Welt feiert auch in dieser Zeitenwende beachtlich« Feste des Geistes und bsionders die deutsch« Nation scheint aus der Fülle klassischer und nachklassischer Jubiläen gar nicht herauszukommen; ein Goethe-Jahr mit überreicher Ausles« geht zu Ende, Gerhart Hauptmann ist über alle Bühnen, durch all« Zeitungen, durch solenne Beranstaltun- tungen gegangen, und wenn wir Has neue Jahr begrüßen werden, wird bald Richard Wagner, fünfzig Jahr« nach seinem Tode, erhM die Stunde zu regieren beginnen. Kann, man da von einer Krise in der Kultur sprechen? Doch! Und leider sehr ausgiebig! Man braucht dabei durchaus nicht zu behaupten, daß all dir erwähnte(Ulid viele nicht erwähnte) Hingabe an den Geist nur sehr oberflächlich erfolge; auch nicht, daß di« Durchdrin- güM alten Güts im Juhiläumstrubel und durch Vie Wunder der Technik nicht iowohl ihre Tiesen- wie ihr« Breiten-Wirkung habe; ja man kanu 'ogar den sehr wichtigen Umstand außer Betracht lassen, daß neben den Volksbildnern und den schaffenden und nachschaffenden Künstlern, die es ernst mit diesen Höhepunkten kulturellen Lebens meinen, viel zahlreicher und mächtiger jene sind, dir. gerade dort, als Verleger, Herausgeber. Direktoren(und Autoren), der Krise ein Geschäft abjagen. Mögen sie es— da doch das kapitalistische Gesetz es nicht anders will—denn hier fällt neben dein Profit für sie doch auch Nutzen für die anderen ab. Aber über dje innere Hohlheit über den Leerlauf der Geistigkeit an den vielen Werktagen vermögen uns solche Srmntags-Aiwachten geistigen Erinnerns nicht hinwegzutäuschen! Gerade dies« Jubiläums-Kultur scheint darauf h'nzildeu^n. daß die Magenlatten, di« sie vorweg betreiben im zeitwerten Geistrshunger (oder besser: Appetit) unter der Feinkost von hente nichts finden, das ihrem Gaumen zusagt: was an Neuem wirklich gut und wertvoll ist, das ist nicht nach ihrem Sinn— ja nicht einmal das aber„Realisten". Sie sahen also nur die augenblicklichen Möglichkeiten der Ausnützung der Siegermacht, und haben Europa so„geordnet", daß aus de» Friedens-„Berträgen" neues Mißtrauen, neuer Haß erwachsen mußten.— Waren diese„Realisten" wirklich um vieles klüger als jene Idealisten, die da meinten, nach dem Ende des großen Krieges müsse der Friede organisiert werden? Waren;ene„Realisten", die, aus der alr österreichischen Unfreiheit kommend, vom ersten Augenblick der neuen nationalen Freiheit an nicht mehr daran dachten, den tschechoslowakischen Staat gemeinsam mit den nationalen Minderheiten als" den gemeinsamen Staat aller aufzubauen, die, weil sie eben die Realität der Macht hatten, ihn zu einem Herrschaftsstaal über die Minderheiten machten,— waren diese„Realisten" wirklich um so vieles klüger als jene„Jdea- j listen", die volle und' uneingeschränkte Gleichstellung und Gleichberechtigung der Nationen forderten? War es wirklich so klug, eine Art neues Oesterreich zu schaffen? Ja, ja,— sie alle, diese„Realisten", konnten Mr nicht anders denken, denn sie waren ja die Träger bürgerlichen politischen Wollens, hatten die wirtschaftlich bestimmten, inrpertalistischen, politischen Ziele der Bourgeoisie zu verwirklichen. Sn handelten also klug— vom bürgerlichen Gegenwarlsstandpunkte aus. Aber doch ist dieser Realismus äußerst kurzsichtig. Um wie vieles Zweiter sieht da der sozialistische Idealismus! Mag er manchen, mag er vielen als lächerliche Phantasterei, als wirklichkeitsfremde Schwärmerei erscheinen! Mag der Bürger und mag die Bourgeoisie höhnend fragen nach dem„Vorteil!" So macht ja die Bourgeoisie nationale, so macht sie internationale Politik, so macht sie Welt- wirtschaftspolitik, daß nur an den Augenblicksvorteil im buchstäblichsten Sinne des Wortes gedacht wrrd. Das Gesamtergebnis aller bürgerlichen Realpolitik ist das Weltwirtschaftschaos und gefährliche politische Unruh« in der ganzen Welt. Und dieser ganzen sich so ungemein klug dünken- den„Realpolitik" gegenüber behalt auf die Dauer, behält für die Zukunft, doch unser Idealismus recht! Josef Hofbauer. Beste aus der Vergangenheit behagt ihnen, wenn es sozusagen sich noch fein« ganze Frische, bewahrte,(Ein Beispiel für viele: Gerhart Hauptmann wird mehr mit dem Sonnenuntergang" als Mit dem Aufgang gefeiert und die repräsentative deutsche Bühne in diesem Staate veranstaltet ein«» HauPtmann-Zhklus, in dem just die „Weber" fehlen!) Die neue geistige Produktion (iM Buch wie für di« Bühn«), vorwiegend fv wie di« Reproduktion nach wi« vor vom Bürgertum bestimmt, dient zu neunzig vom Hundert lediglich dem Abwechslungs- und Ablenkungsbodürfnis der Bemittelten, das Seichte allein ist gefragt; es ist immerhin tröstlich, daß aber selbst diese allerleichteste Kost, di« dem katastrophenfürchtenden nervösen Bourgeoismagen vorgesetzt wird, nicht mehr ganz" einer sozialen Wüvze errtraten kann, daß die Garung beispielsweise sich selbst im«roti« scheu oder kriminalistischen Lustspiel bemerkbar macht; aber das geschieht nur eben, weil die Literatur, längst zum AM gegen Denken und Kämpfen geworden, förmlich wider Willen Atem der Z«it in sich aufnehmen muß. Bürgerlichen Massen-kanf und»besuch erzielt aher mehr denn je nur das Wtändel und Geplänkel, di« Hirn» vernebelnde Revue, di« anspruchslos« Clownerie, jene Kulturstätte als Theater und Konzert, der die verfahrenden A«tor«ihen und die großen Damentoiletten ihren Charakter geben. Wenn diese Aufmachung einmal Goethe» oder Gerhart Hauptmann statt dem„Weißen Rössel" gilt, so gleichen einander da Versöhnliches und Beschämendes aus. ohne den Inhalt solcher Kultur weniger kritisch erscheinen zu lassen. Wie steht es aber um den Anteil der Arbeiterschaft an der Kultur von heute und ihrer Krise? Da hier alle Probleme ohnehin nur gestreift werden können und eine Betrachtung des Anteils des Proletariats als gebenden Faktors einer besonderen Skizzierung bedürfte, soll hier, wo ohnehin vorwiegend vom Genuß des Geistigen und nicht vyn der schaffenden Kraft die Rede ist, nur vom Arbeiter als Publikum die Rede sein! Wieviel nun von dem immerhin Schönen und Großen, dessen auch unsere Zeit fähig ist, dringt bis zum Arbeiter? Gewiß, auch in diesem Purckte hat unsere Bewegung zu immensen Fortschritten geführt, Zahl und Art der Leser. Hörer. Zuschauer unter den Arbeitern von heute gäben ließen sie sich erfassen, ein überwältigendes Bild allgenreinen Aufschwungs, Und dennoch: ivas uns die soziale Revolutionierung Mb. nimmt »ns, droht uns zum guten Teile zu nehmen diele latent« Kris« d«r Uebergangszeir. Was di« Arbeitszeitverkürzung an Raum schafft, die Arbeitslosigkeit scheinbar an Ueberraum für die geistige Entwicklung, gefährd«» Not, Sorge, seelische Entwurzelung, Aber nicht nur der Arbeitslos«, auch der beschäftigte Arbeiter— zumal in unterem vorwiegend kleinstädtischen und dörfischem Siedlungsgebiet. bl«ihr zum großen Teile unberührt von den Wellen, die der Beobachter'M Mittelpunkt einer großen Stahr freudig als Kultrrr- Auftrieh verzeichnen mag. Vielleicht würde aller Wirbel etwa um Goethe- und Hauptmann-Feiern peinlich wirken wenn sich frststellen ließ«, wie ganz unberührt von ihm das Leben aus den« großen Strom weiterzog! Und doch ist das nnr die eine Seite der proletarischen Betrachtung über die Krise in der Kultur uno ihre Wirkung auf das Bürgertum eiircrüitr. auf die Arbeiterschaft anderseits. So sehr cs nämlich unter uns als ivahr zu gelten pflegt, daß Las Bürgertum, im Besitze der Kulturmöglichkeiten, sie dcii,noind Sorge sind fast überall zu Gaste und es will keine Weihnachtsstimmnng aüfkmvmen. In den Straßen begegnet man Menschen mit sorgenvollor Miene, in zerschlissenen Kleidern, die man nicht zu fragen braucht, was sie bedrückt. Sie stehen vor den Auslageir und blicken sehnsuchtsvoll»ach den ausgestellten Kostbarkeiten, die ihnen unerreichbar sinh. Für Taufende von ihnen ist die Möglichkeit der bescheidensten Freude für sich oder ihre Familie verschlossen. Keine Arbeit, k«i n Geld! Wie muß es in ihrem Innern wühlen, die Herrlichkeiten in den Auslagen zu sehen, Kleider, Schuhe', Wäsche, Fleisch, Leckereien und frierend hungern zu müssen! Wenn andere bei gedeckten Tischen sitzen, eineit Topf nehmen um zu den öffentlichen Ausspeisestcllxn geben zu müssen, um weniastens einmal im Tage den Hunger stillen zu können, ist ein hartes Los und um so härter, als es die Menschen unverschuldet trifft. lind die Kinder dieser Freudlosen, Unglücklichen! Bor den Splelwarenhandlungen stehen sie, drücken sich an den Spiegelscheiben dfö Näschen breit,, verstehen noch nichts von dem Wahnsinn unserer Zeit,»der wenp sie einen Wunsch laut Werden lassen, dann verstehen sie die Antwort: Kein Geld! Kein Geld' Und wo kein G'ld, da ist auch nicht Raum zur Freude,»00,000 sind es in der Tschechoslowake;, die als Opfer der verheerenden Krise ebne Arbeit, ohne, Geld sind und daraus ycrzichlen müssen, sich um den ihren eine Weihnächlsfreudk zu machet; 600,000 sind es in der Tschechoslowake!. 30 Millionen in der ganzen Welt, denen in das düstere Dunkel Ihres Daseins iind ihres nicht verschuldeten Loses auch daS Fest der Freude keine». Lichtstrahl bringt. In ihren Wohnungen wird kein Lichterglanz vonJen Wänden wiederkpiegeln und nur die graue Sa'-ge wird an diesen Tagen schip rrr, drückender denn je auf ihnen lasten und das dumpfe Weh, an Freude und Licht nicht teilbaben zu könne» wird sie noch schwere»' machen. Wer würde sich wundern wenn diese Mil- 'lionen donnernd und probend dn» Frage erheben: Warn>n? ,Mt die Erd.„sch, reich genug, um allen zu geben? Ist eine Gesellschaftsordnung Krisen-Kaltur und Kultur-Krise. Nr. 304 Sonntag, 25. Dezember 1932 erat o Wie lande Boncour? gerecht, in der der Reichtum und Ueberfluß der Einen die Not und das Elend der Anderen begründet? Hat eine solche Gesellschaftsordnung noch einen Sinn, wenn durch sie mit jedem Tag die Zahl jener wächst, der sic nichts zu bieten vermag, tveder Arbeit noch Brot, weder Wohnung noch Kleidung? Man preißt die Großtaten menschlichen Geistes, bewundert die Wunderwerke der Technik, hat die Luft und das Wasser erobert, der Natur ihre Geheimniffe abgelauscht, hat die wildbrausenden Fluten der Bäche und Ströme gebändigt und alles in den Dienst der Produktion gestellt. Die Möglichkeiten der Gütererzeugung sind unbegrenzt, durch die modernen Verkehrsmittel, sind die Entfernungen zusammcnge- schrumpft. Und dennoch Not und Elend wohin wir schauen. Der moderne Kapitalismus, der Träger dieses ganzen Systems hat in dem gigantischen Rationalisierungsprozeß der letzten Jahre eine Kleinigkeit außer acht gelasien. Er hat ver- gesten, daß zu dem Begriff Wirtschaft zwei Faktoren gehören, von denen jeder den anderen zur Voraussetzung hat: Produktion und Kon- sum. Di« wunderbaren Maschinen, das laufende Band, Benzin und Elektrizität haben die menschliche Arbeitskraft innner mehr zu einem sekundären Faktor gemacht, sie vielfach völlig ersetzt. Im gleichen Maße ist die Massenerzeugung von Gütern gestiegen. Am gleichen Tempo aber als die Produktion mechanisiert wurde, als die Maschine den Menschen verdrängte, sank die Konsumkraft der Masten. 30,000.000 Arbeitslose sind aleichbedeuterw mit ebensovielen konsumunfähigen Menschen. Di« Mastenproduktion hat nur dann einen Sinn, wenn ihr ein gleich großer Mastenkonsum gegenübersteht. Dieses Verhältnis zu regeln vermag der Kapitalismus nicht mehr. Er hat den Ast abgesägt, auf dem er saß, er vermag seine Sklaven nicht mehr zu ernähren. Die Situation ist ernst. Aus dem bürgerlichen Lager aller Parteirichtungen ertönt der Rus nach^Planwirtschaft". Eine späte Erkenntnis und ein Eingeständnis zu gleich. Sie erkennen, daß Gefahr im Verzüge ist und daß die bisher immer als die beste gepriesene Gesellschaftsordnung und die Wirtschaft, der sie ent- sprang, planlos und ziellos, also anarchistisch ist. Tie rufen nach Planwirtschaft und glauben vielleicht daran, daß im Rahmen des Kapitalismus eine Wirtschaft möglich sei, die den Lcbensbedürf- nisten der Menschen gerecht zu werden vermag. Sie vermeinen die früheren Formen der Wirtschaft wiederherstellen zu können. Eines so falsch wie das andere. In der geschichtlichen Entwicklung gibt es kein Zurück. Sie vollzieht sich nach ihren eigenen Gesetzen. Eine gigantische Epoche der Geschichte geht ihrem Ende entgegen, iiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiimiiiiiiniiiiiniiiminHniiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiimminniiiiiiininniin Aus der Arbeiter- Sängerbewegung. Di« Lorbeeren, die sich einige Marionetten Moskaus bei der Spaltung des Bundes der Frei' -erster, des Turnerbundes sowie anderer Verbände geholt haben, spornt sie zu weiterem„Handeln" an. Gegenwärtig ist das Bestreben der Kommunisten darauf gerichtet, den angeblich verbürgerlichten, fascistischen Arbeitersängerbund ins„revolutionäre Kampflager" hinüber- znführen. Während sich die bürger' Heu deutschen Sänger mit Forsche gegen den Kulturbolschewismus der Arbeitersänger wenden, und von diesem das deutsche Lied bedroht sehen, „revolutionieren" die kleinen kommunistischen Gernegroße im Auftrage des Polbüros deshalb unseren Arbeitersängerbund, weil er verbürgerlicht und fajcistisch sei. Dies« Gegenüberstellung ist der klarste Beweis dafür, daß sich der Arbeitersängerbund auf dem rechten Wege be- sindet. Am 19. Feber wurde in Reichenbevg der schon durch Jahre zum Abrollen bereitgehalten« Stein langsam in Bewegung gesetzt. Hierüber berichteten die kommunistischen Tageszeitungen unter der Ueberschrift:„Eine« n t s ch e i- dende Wendung inderArbeitersän- gerbewegung." Es handelte sich um eine Gaukonferenz in Reichenberg bzw. um die dorr gefaßten Beschlüsse zum Bundestage, der zu Astern 1932 in Bodenbach stattgefunden hat. Ten Bundestag wollten die Kommunisten zu einem Exerzierselde kommunistischer Agitationsredner nrachen. Dre„Reichenberger Arbeitersänger"(?) hatten sich sogar bereit erklärt, den Referenten für ein politisches Referat auf dem Bundestage zu stellen. Weil der Bundestag«inen für die Kommunisten ungünstigen Verlaus genommen hat, spielen sie den wilden Mann. Die beiden Gaue Reichenberg und Gablonz haben eine„Opposition" im Sängerbünde organisiert und ein Flugblatt hinausgegeben, in welchem alle Vereine offen zur Sabotage der Bundes- tagsbeschlüss« ausgefordert werden. Daß sich der Bundesvorstand gegen diese Ersetzende Tätigkeit wehrt, ist selbstverständlich. Er erklärte nach verschiedenen Warnungen, daß sich zwei Vereine durch ihr Verhalten selbst außerhalb des Bundes gestellt haben. Ungeachtet besten sehen di« Kommunisten ihr« Spaltungsarbeit weiter fort und st« haben eS bereits soweit gebracht, daß-er Riß durch-en Arbeitersängerbund allen Wahrnehmungen nach nicht mehr aufzuhalten sein wird. Die Kommunisten werden sich asso demnächst wieder einmal rühmen können, durch Zerreißung-es Arbeitersängerbundcs eine„revolutionäre Tat" begangen zu haben. Unsere' Genossen in der Sängerbewegung werden sicherlich Mittel und Wege finden, um der zerstörenden Tätigkeit der Kommunisten eine erfolgreiche Aufbauarbeit entgegenzustellen. Zwischen den Klassen. Paris, 23. Dezember.(Eigenbericht.) Maßgebend für di« Beurteilung einer neuen französischen Regierung ist nicht so sehr die offizielle Regierungserklärung, die meist nur sorgfältig abgewogen« Allgemeinheiten enthält, als die improvisierte Rede, die der Ministerpräsident im Laufe der Debatte als Antwort auf di« gegnerischen Interpellationen zu halten pflegt. Der wahre Charakter des Kabinetts Paul Boneour als einer entschiedenen Linksregierung ist erst durch die Antwort zum Ausdruck gekommen, die der neue Regierungschef im Laufe der Nachtsitzung zum Freitag den Interpellanten erteist hat. Hier hat er sich offen dazu bekannt, daß er am lieb st en mit den Sozialisten zusammenregieren würde un- er deren Absage aufrichtig bedauere. Er hat weiter betont, daß er die grundsätzlichen Forderungen des sozialistischen Aktionsprogramms— das ist u. a. die Verstaatlichung der Eisenbahnen und der Versicherungsgesellschaften— als berechtigt anerkenne un- nur wegen der gegenwärtigen schlechten Kaffenlage des Staates ihre Durchführbarkeit im Augenblick verneinen müsse? Er hat sich ferner freimütig zu der Auffassung bekannt, daß der demokratische Staat die Ideen undForderungenderorganisierten Arbeiterschaft berücksichtigen müffe. DaS sind mutige Wort«, die man aus dem Munde eines französischen Ministerpräsidenten bisher mit ähnlicher Deutlichkeit nicht vernommen hat. Sie beweisen mindestens das eine, daß Paul Boncour seine 15jährige Zugehörigkeit zur sozialistischen Partei, die erst vor Jahresfrist beendet wurde, nicht verleugnet. Die überaus sympathischen Worte, die Leon Blum dem Ministerpräsidenten gewidmet hat, zeigen weiter, daß diese Scheidung ohne Groll vollzogen wurde und man in den Reihen der Sozialisten den neuen Regierungschef nicht als einen Ueberläufeit, sondern als einen Mann betrachtet, der sich zwar 'N die Tradition und die Disziplin der Partei nicht einzuordnen vermochte, der aber ihren Ideen nach wie vor nahe steht und der Demokratie sowie der Arbeiterklasse noch wertvolle Dienste zu leisten vermag. Dies« demonstrative Anlehnung an die äußerste Linke bedeutet natürlich für Paul-Boncour und sein Ministerium eine Gefahr. Denn ein großer Teil der gegenwärtigen Linksmehrheit fürchtet nichts mehr al- di« Abhängigkeit von den Sozialisten. Das gilt in erster Linie für die unzuverlässigen Gruppen der Mitte, di« ans klassenmäßigen Gründen eine Konzentration" oder gar ein« RechtSregie- rnng vorziehen würden, eS gilt aber auch für einen große« Teil der Radikalen, die als stärkste Fraktion eine solche Abhängigkeit auf die Dauer nicht vertragen können. Das Ergebnis der Abstimmung in der Kammer in der Nacht zum Freitag, das ein« Mehrheit von 215 Stimmen für dre Regierung aufweist, kann über die Schwierigkeiten, di« der Re- „DerTag" hat von Strasser rasch wieder zu Hitler zurückgefunden und dadurch«in wenig Abwechstung in seine Spalten gebracht. Das Zweifeln an der Prima-onna war doch kaum noch auszuhalten. Straßer,-er nach-em„Tgg" tatsächlich nur einen kleinen Erholungsurlaub angetreten hat, wurde durch das rasche Zupacken des um seine Pfründen besorgten Oberosafs tatsächlich taltgestellt und Hitler hat das Heft wieder fest in der.Hand. Das schildert„Der Tag" so: Un:er diesem Trommelfeuer der Gegner macht die NSDAP, ohne Zweifel ein sehr schtveres und kritisches Stadium ihrer Entwicklung durch, zumal der„Fall Straßer" bis tief in Führerkreise hinein erschütternd gewirkt hat. Ebenso klar ersichtlich ist aber heute schon, daß di« Partei fest und geschlossen in der Hand ihres Führers Hitler ist und daß sie di«„Krise" unter dieser Führung rasch und sicher überwinden wird Das innere Lebens- und Entwicklungsgesetz einer so gewaltigen Bewegung, wie es der Nationalsozialismus in Deutschland ist, kann nichi durch persönliche Konflikte verändert oder getötet werden. Die Neuorganisation der Partei geht selbstverständlich, wie jeder große Umbau, nicht ohne persönliche Verstimmungen ab. Di« Bewegung als solch« aber kann dadurch nicht beeinflußt werden. Für sie häng: vielmehr alle- davon ab. baß sie sich treu bleibt und ihrer Sendung gerecht wird. Den rechten Weg zu finden, muß Sache des Führers kein. Daß dieser Weg in der jetzigen Situation schwierig ist, weiß jeder, der di« einzelnen Strek- ten seit der Präsidentenwahl verfolgt. Der Ratio- nalsoziaNsmus wird auch diese(vielleicht) schwierigste Etappe seiner Entwicklung überwinden, wie er aus allen Fährnissen noch immer siegreich hervorging. gierung Paul-Boncour drohen, nicht Hinwegtäuschen. Einstweilen hat Paul-Boncour sein Finanzprogramm noch nicht entwickelt und nur ganz andeutungsweise zum Ausdruck gebracht, daß er di« Einwände der Sozialisten gegen verschiedene Finanzpläne der Regierung Her- riot, namentlich gegen die Kürzung der Beamtengehälter, berücksichtigen wolle. Aber sobald seine eigenen Pläne konkrete Gestalt annehmen und wenn sie die Jntereffen der besitzenden Schichten bedrohen, wird man sehr schnell erleben, wir der gesamte, mächtige Apparat des französischen Kapitalismus in Bewegung gesetzt wird, nm diese Regierung zn Fall zu bringen. Sei es, daß Paul-Boncour gezwungen wird, einen Teil seiner Ankündigungen nicht zu verwirklichen und damit di« Kluft zwischen ihm und den Sozialisten aufgeristen wird, sei es, daß ein Teil der Radikalen dermaßen unter Druck gesetzt wird, daß die Regierung ciuseinanderfällt. Es wird der ga»zen, übrigens nicht geringen persönlichen Autorität und Geschicklichkeit Paul-Boncours bedürfen, um dieser doppelten Gefahr schon in der nächsten Zeit zu entgehen. Was den außenpolitischen Teil seiner Ausführungen betrifft, so muß man Paul- Boncour das Zeugnis ausstellen, daß er mit viel Takt und Geschick es vermieden hat, irgendwelche Worte zu sprechen, die die bestehenden Gegensätze mit Deutschland in der Gleichberechtigungsfrage und mit Amerika im Schuldenproblem zu vertiefen geeignet gewesen waren. Er hat dabri den französischen Standpunkt klar betont, aber jede überflüssige Schärfe Unterlasten. Daß er damit die Opposition der Rechtsparteien nicht entwaffnet hat, war selbstverständlich, spricht aber nur zu seinen Gunsten. Alles in allem eine glücklicheundviel- ver sprechende Einführung durch einen Mann, der zum erstenmal an der Spitze einer französischen Regierung steht, deren Kurs er bewußt, soweit wie nur möglich, links steuern will. Aber gerade diese Absicht mag für die Lebensdauer seines Kabinetts verhängnisvoll werden. * Ein Artikel Eton Blums. Paris, 24. Dezember. Im„Populaire" äußert sich Lson Blum über die Beziehungen zwischen der Regierung Paul-Boncour und den Sozialisten. DaS Programm des Kabin«ttS Paul- Boncours stehe dem sozialistischen Programm zwar nicht mehr so nahe, daß eine Zusammenarbeit ins Auge gefaßt werden könnte, aber es mache es den Sozialisten doch möglich, der Regierung Vertrauen zu schenken. Bei Meinungsverschiedenheiten gegenüber der Regierung werde di« sozialistische Kammerfraktion die bestehenden Schwierigkeiten ganz ungebunden und in jedem einzelnen Fall prüfen. Ein gemeinsamer guter Wille werde mitunter genügen, um das Hindernis zu überwinden oder zu umgehen. Vor einigen Tagen hat sich das nationalsozialistische Organ noch Gedanken über den Weg zum Dritten Reich gemacht. Nun aber bekennt es«in, daß es Sache des Führers sein müsse, den rechten Weg zu finden. Da- Betveihräuchern Hitlers kann also wieder von vorne beginnen. Die Bewegung„als solche" wird unter seiner glorreichen Führung die neueste Etappe auf dem Wege nach rückwärts zweifellos„erfolgreich" durchlaufen. * Ein Unterführer Röhms. Es hat noch keine politische Organisation gegeben, in der so viele Verkommenheit und moralische Haltlosigkeit zutage getreten ist, wie in Hitlers SA! Die Zahl der SA-Leute und SA- Führer, die sittlich gestrauchelt sind,'ist Legion! An der Spitze steht ein Mann, besten moralische Haltlosigkeit gerichtsnotorisch ist. Ist es ein Wunder, daß in den Kreisen seiner Unterführer die sittliche Verkommenheit Platz greift? Ein neuer Fall leuchtet aufs neue in diesen Sumpf hinein. Der SA-Führer von KarlSgrün in Oberfranken ist ein gewisser Heinrich Horn. Dieser Erneuerer der deutschen Kultur hat seit Jahren seinen beiden eigenen Töchtern nachgestellt. Während die Aeltere sich mit Erfolg lvehrte, hat er die Jüngere jahrelang unter Zwang und Drohurrgen zur Blutschandegezwungen. Er ist jetzt wegen fortgesetzten Verbrechens der Blutschande zu 2s4 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Dieser Dtann hat in der rohesten und gewaltsamsten Form seine väterliche Autorität mißbraucht, um sich seine eigene Tochter gefügig zu machen. Das ist die Schule der neuen Kultur in Hitlers SA! Kann man sich darüber wundern, daß solche Elemente dem Hitler- Sumpf zulausen, wenn Leut« wie Röhm, Münch- meyer und Co. die bevorzugten Freunde von Hitler sind? Ein Baust, der Baust verdient! Der Zentralverei» der Lehrerinnen aberkennt die Tätigkeit der Genossinnen Blatny und Kirpal. Bon dar Haltung eines großen Lchrerver- bandes, dessen Tonart in Sachen der Gehaltskürzung wir unlängst in einem Leitartikel einer nur allzu sehr berechtigten Kritik unterziehell mußten, und von der Ausdrucksweste so mancher aufgeregter Proteste aus Kvesten der betroffenen Lehrer- und AngestÄltenorganstationen hebt sich vorteilhaft ein Schreiben ab, das der Zentralverein der deustchen Lehrerinnen in Böhmen— keineswegs etwa eine sozialdemokratische Organisation— nach der Annahme des Gehalts- gesetzes an unsere beiden Fvanen-Abgeordneten, die Genossinnen Blatny und Kirpal, gerichtet* hat. Das Schreiben hat folgenden Wortlaut: Zentralverein der, deutschen Lehrerinnen in Böhmen. Böhm.-Kamnitz, 22. Dezember 1932. Sehr geehrt« Fran Abgeordnete! DaS Gesetz über den GehaltSabbau wurde am 20. Dezember 1932 vom Parlamente beschlossen. ES war vorauSzusehen, daß ein« vollständige Ablehnung»er Regierungsvorlage nicht zu erreichen sein wird; umso höher wissen es di« weiblichen Angestellten zu werten, daß wenigstens di« harten Bestimmungen, di« für die verhei- rateten weiblichen Angestellten und die Ruhe- itändlerinn«n vorgesehen waren, schon vor Verteilung des Entwurfes gestrichen wurden. Der Zentralver«In der deustchen Lehrerinnen in Böhmen ist sich bewußt, daß dies« Streichung nur dem zielsicheren und tatkräftigen Eintreten der weiblichen Abgeordneten zu danken ist, di« mit dem Einsatz ihrer ganzen Persönlichkeit das große Ziel der Gleichberechligung der Frau unbeirrbar verfolgt und auch erreicht haben. Di« unterzeichneten Vertreterinnen gestatten sich, Ihnen, verehrte Frau Abgeordnete, für das harte Ringen um diesen Erfolg den herzlichsten Dank auszusprechen. Mit dem Ausdruck« vorzüglichster Hochachtung zeichnen für den Zontraldevein der deustchen Lehrerinnen in Böhmen Die Vorsitzende: Die stellv. Schrifst.: ElseAndersch. Els« Thum. Hier spricht es endlich eine große Stcmdes- obganisation der Lehrerinnen ganz offen ans, daß an eine vollständige Ablehnung der Gehaltskürzung in den Kvesten der Betroffenen so gut wie niemand gedacht hat, sondern daß sie sich von vornherein nicht der harten Einsicht ver« chlossen haben, daß in einer derartigen Krisenzeit, wie wir sie heute erleben, es nicht länger möglich sein wird, daß der Staatsangestellte nach drei Krisenjahven noch weiter sein Einkommen völlig ungeschmälert erhalte, während rings rrm ihn Hunderttausend« Existenzen vielfach auch aus feiner Gesellfchaftsschicht oer Verelendung anheimfallen und die Einnahmen des Staates, seines Arbeitgebers, rapid sinken. Es freut uns darum doppelt die Anerkennung, die das Wirken unserer Genossinnen und damit auch die unermüdliche Arbeit unseres gesamten parlamantarischen Klubs gefunden hat. Es freut uns namentlich auch, daß hier von einer großen Standesorganisation offen aner- kmrnt wird, daß dank der Arbeit der Sozialdemokraten der ursprünglichen Vorlage des Finanzministors die ärgsten Giftzähne bereits ausgerissem waren, ehe sie überhaupt ins Parlament kam! Hoffenstich wird auch jeder einzelne der betroffenen Staa tsangestellten bald erkennen, vielmehr seinem einsichtsvolleren Ich bald offen zugeben, daß er gerade bei den Verhandlungen über den im Ganzen unvermeidlichen Gehaltsabbau in den Sozialdemokraten die besten. Vertreter hatte und daß hinter all dem Phrasenschwall, mit dom ihn di« auf dem Wählerfang begriffenen Oppositionsparteien jetzt überhäufen, nichts anderes steckt als skrupelloseste Demagogie, di« es leicht hat» Staatsange- stesttenfreundlichkeft zu mimen, weil sie genau weiß, daß sie so bald nicht in di« Lage versetzt werben wird, die Probe aufs Exempel zu machen und auch nur den zehnten Test der mit Pathos beteuerten Versprechungen wirklich in baixr Münze einzulösen! Lügen um die Soldherabsetzung. Die kommunistische Preffe tischt die Behauptung auf, daß die Soldherabsetzung ohne ein besonderes Gesetz möglich sei und daß sie noch immer auf der Tagesordnung stehe. Der Widerstand der sozialistischen Parteien gegen die geplante Soldherabsetzung ist ebenso bekannt wie die Tastache, daß er die Freunde der Soldherabsetzung gezwungen hat, von ihrem Vorhaben abzusehen. Die Sozialdenwkraten werden der Soldkür- zstng nicht zu stimmen und den Soldaten dadurch bester dienen als die Kommunisten, die durch voreilige und gehässige Meldungen lediglich Unruhe unter sie tragen. ttinmnininniniiininmmiiiiinimiiiiniiiinininniiiinniniiiminnnununiniifniiininiininiiimnimiininniiininiinmiiiiiiiniiiiiiHiiimimnnnniinnnHiiiiiiiiiiiiiiuntiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiininiiiniifnn „Fest und geschlossen in der Hand des Führers.“ Seit« 6 Sonntag, 28. Dezember 1932 Nr. 304 M edizinalkapitalismus und Tuberkulose. Wir veröffentlichen den nachstehenden Anis sa tz als wichtigen DiskuffionSbeitrag zum Thema„Tuherkulosedekänrpfung". T agesn euigkeiten M»»I I j MH|f| IMhU-JTi-JMii U UTUHHIHnrnilil ilHWWIWTII ,ääw Oogen! Wir schrecklich sind für Kinderfinn Des Elends bange Sorgen; Die Tage schleichen düster hin In unsere Lebensmorgen. Der Sana der Welt! Ein salsches Lied Voll Habsucht, Reid und Grauen! Uns Kinder jede Freude sticht. Weil wir nur Elend schauen. UnS ist doch Freud' wie Sonnenschein Notwendig znm Gedeihen— Doch müssen wir im Schatten sein Und süllen Gräberreihen. Die Menschheit feiert Weihnachtszeit, Das schöne„Fest der Liebe"! Für uns bleibt Hunger nur und ijeid In diesem Weltgetrkebe. Wir klagen an dir harte Welt, Die alles raubt uns Kleinen, Der es wohl gar als recht gesällt. Wenn Kinderaugen weinen. Karl Sieber. Wirksamer als Radium? Eine epochal« Entdeckung zlveier deutscher Forscher- Berlin, 22. Dezember. Di-e Forscher Doktor Brasch und Dr. Lange haben eine Hochfpan- «urtgsanilage erbaut, mit der es ihnen gelang, die Atome von sechs Elementen, darunter von Blei, zu zertrümmern. Di« von den beiden Forschern erzeugten Rathodenstrahlen iiber- trcssen in ihrer Wirkung und Durchschnittsgeschwindigkeit diejenigen der Strahlen des Radiums bei weitem. In gemeinsamer Arbeit der beiden Forscher mit dem Krebsforschungsinstitut der Berliner Universität ist im letzten Jahr ein« große Anzahl biologischer Versuch« durchgeführt worden, wobei es sich herausgestellt hat, daß di« Kathodenstrahlen bei Heilversuchen an Tieren in vieler Beziehung wirksamer lvaren als die Radiumstrahlen. Kein Stall wir jener von Bethlehem stand der ratlosen blutjungen, der allzujungen Mutter offen, als ihre schwere Stunde kam. Nicht einmal ein rohes Bretterdach bot ihr Unterschlupf, und keine Höhle— denn nicht überall in deutschen Landen gibt es Höhlen, in denen die Aerinsten sich verkriechen könnten. Aber— Gnade des Himmels!— Gebüsche gibt es dock;, hinter einen Busch kroch das Mädchen, das elfjährig c( Mädchen, das, selber noch ein Kind, einem Kinde das Leben schenken sollte.— Ein paar Tage vor Weihnachten. Dachte das Mädchen, in dem doch, da es so jung noch war, noch Kindheitsweih uachtsträuntc blühen nm Mn', an jene Wimdernacht, von der die Sage erzählt, an jene Wundenwcht, in der eine ga>t,z junge Mutter, vielleicht um weniges tiur• älter als sie, die in die Büsche Berkrockwne, einem Knaben das Leben gegeben? Stiegen zum allerersten MM im jungen Mädchenherzen bitter« Gedanken auf, drängten in ihrem verdüsterten Gehim sich schmerzlich« Vergl«ick)e? Bei jener anderen Mutter war in schwerer Stund« der Gefährte, lvaren die freundlich-gutmütigen Tiere des Stalles, es kamen von nächtlick)«n Lagerfeuern bewundernd die einfachen Hirten. Sie, die jüngere, die erst elfjährige Mutter, war allein, ganz allein! Allein in der Kälte der Nacht, Mein unter sternenlosem Himmel ... Vorübergehende fanden bei Tag, halb verborgen unternl Busclnverk, die Leiche der elfjährigen Mutter und die eitles neugeborenen Kindes. Im Gebüsch n«r das Kindchen zur Welt gekoitimen. Daun hatte seine kindliche Mutter es erdrosselt. Urkd dann Gift genommen.— Das war auf der Landstraße bei Bel zig, einer Kreisstadt im Regierungs- bczirk Potsdam im sittenstrengen Preußen. In Belzig ist eine Lungen- und Kinderhcil- anstalt, aber mich ein Zbnrtsgericht. Fin Anrts- gericht wird darüber gewacht, daß die strengchristlichen Gesche eiitgshalten wevden/ die jede Schwangerschastsunterblvckmng bei scknver- sten Strafen verbieten, auch wenn ein Mädchen, das wirklich kaum wissen konnke, was ihm geschah, durch irgend einen.Lumpen zur Mutter gemacht wurde. Denn so will es jener grausame Gott, den die Pfaffen aus dem gütigen Heisand der alten-Sage gemacht baden, daß schuldlose Menschen zernialmk werden durch harte. Dogmen und Harle(besetze.— Maria gab in einem Stalle einem Kinde das Leben. Und freudig strahlte ein Stern am Hidnmel auf... In einem Lande mir freier, natürlicher denkenden Mensckien konnte die junge Mutter glückselig ihr Kindckien an lächeln.— Zur Feier der Gcklmrt jenes Kna- ben werden in Kirchen auf den Knien liegen jene, vor deren starrem,..ttlcharmhzrzigem Dvg- menchristenNnu di« elfjährige Mutter tu die Büsche floh.—. Kein triumphierender Stern an purpuriwnl Himmel! Kein.. Lobgesang eich facher Menschen! Kalt, fühllos steht in der Nähe von Bclrig, erinnernd an irgeild eine Kriegsepisode, ein Standbild der Borilssia... Das gibt es. Es ist ein Irrtum zu glauben, der Arzt fühle sich berufen zu heilen, er ist berufen, zu b e h a n d e ln. Der ärztliche Stand ist durch die Ueberfüllc an Doktoren und die wachsende Enge seiner wirtschaftlichen Möglichkeiten— bei gleichgebliebenen Ansprüchen— genau so von kommerziellen Ideen im Konkur- renzkampf geleitet, wie die übrigen„Produzenten" des kapitalistischen Systems. Der Münchner Rassenhygieniker Prof. Dr. Fritz Lenz hat in den zlvei ersten Auslagen seines Buches„Menschliche Auslese und Rassenhygiene" einbekannt: „Daß es möglich wäre, di« GeschlechtKrankhei- r«n ganz auSzurotten, daran kann kein Zweifel sein. Auch aus diesem Gebiet sichen freilich der Gesundung schwerwiegende wirtschaftliche Interessen entgegen. Man mutz sich nur einmal klar machen, bah durch eine wirklich ernsthaft« Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten nicht nur viel« Hundert« von Fachärzten brotlos werden, sonder» auch zehntausend« andere Aerzte in ihre« ohnehin kaum zum Leben ausreichenden Einkünften schwere Einbutze erleiden würden. Es wäre ungerecht, wenn man von den Aerztcn einfach die Aufopferung ihrer Existent im Interesse der DolkSgejuudheit verlangen tvürde." In der Tuber k u l o s e n i n d u st r i e spielt sich seit 20 Jahren ein Drama ab, dessen erschütternder und bekanntester Akt das L ü b e k- ker Kinder st erben war. Prof. Friedrich Franz Friedmann in Berlin behauptet seit .15 Jahren, eine Baecine gefunden zu haben, die in 95 Prozent die Frühstadien der Tuberkulose nach zwei oder wenig mehr Einspritzungen heilt. Das ist so ziemlich der höchste Prozentsatz an Heilungen den wir in der Medizin kennen. lieber dieses Mittel schrieb der große Carl Ludwig Schleich im November 1921: „Infolge«irrer in füngster Zeit organisierten absoluten Blockade der Presse, insbesondere der medizinischen Fachpresse,' werden alle für das Mittel günstig lautenden ärztlichen Berichte abgelehni. Dagegen werden gegnerische Aeußerungen an sichtbarster Stelle ausgenommen, ja es wird sogar sür die Weiterverbreitung derselben in, der Tagespreis« gesorgt. Richttg- stellmrgen von fetten der Anhänger des Mittels werden fast stets abgelehnt, und zwar unter den lächerlichsten Vorwänden.":. Das günstig lautende Referat von Dr. W e y l im Plenum des preußischen Landtags fand wenig Beachtung. Das Gutachten des staatlichen Prufungsausschufses(1919—1923) lautete zuerst überwiegend gürrstig, wurde dann aber von einer Minorität in das Gegenteil umgebogen; dieses neue Gutachten, das der Referent Weyl „arglisttg" nannte, diente nun zur eifrigen Propaganda gegen die F-Vaccinr. Der Lenz ist also siegreich durchs Land gezogen, denn selbstverständlich ist für die Nutznießer der Volksseuche die übliche therapeutische Vielgeschäftigkeit lukrativer als wenige Vaccine-Injektionen. Daß in Minister für sozial« Fürsorge Dr. Czech empfängt am Dienstag, dm 27. d. M. keine Besuche. Ein Arbeitsloser, dem es gut geht. James I. Walker, der ehemalige New Borker Oberbürgermeister, hat dieser Tage mit der Ausarbeitung seiner politischen Autobiographie begonnen. Sein Mttarbeiter Frank Scully erklärte Journalisten gegenüber, diese Autobiographie werde den Titel führen:„Briefe, die ich abzusenden vergaß". Walker soll beabsichtigen, sich in Frankreich dauernd niederzulassen. Di« spionierende Prinzessin. We die „Libeictä" meldet, ist ist Biarritz die Prinzessin von Hoheitlohe unter dem Verdacht der Spionage verhaftet worden. Die Beweise für diese Spionagetätigkeit sollen in einem Briefwechsel der Prinzessin und dem englischen Zei- tuugsverleger Lord Rothermere zu finden sein, der der Sicherheitspolizei von einer Pariser Per- sLMchkeit zur Berfügung gestellt worden ist. Die Machetlschaftcn der Prinzessin sollen schon wiederholt den Argwohn der französischen Gegenspionage erweckt haben. Nach der„Liberia" soll ein Frankreich befreundetes Land, also wahrscheinlich Polen. vor längerer Zeit die Aufmerk- faiukeit der französischen Behörden auf die Prinzessin gelenkt haben. Dieser Warnung sei aber nicht Folge gegeben worden. Schändung eine« siebenjährigen Kindes. Aus Raadcn wrrd uns berichtet: Wegen Schändung, begangen an einem siebenjährigen Mädchen, wurde von der Gendarmerie der Bäckermeister I. T. in Klöstcrle verhaftet und dem Bezirksgerichte in Kaaden eingeliefert. T. hatte das Kind zu wiederholten Malen in seinem Hause mißbraucht und cs dafür mit Bäckereien und Zuckcrwerk beschenkt. Dieser Tage kam das Kind erst spät nach Haufe und klagte über Schmerzen im Unterleib. Es gestand, sich mit dem T. in der dunklen Biehmarktsstraße aufgehalten und mit ihm dort„gespielt" zu haben. Der oerbeigerufene Arzt stellte eine Verletzung des Mädchens fest, worauf gegen den Wüstling die Anzeige erstattet und seine Festnahme vorgenommen wurde. Schauerliches Unglück. Wie uns aus Wei- pert berichtet wird, ereignete sich im benachbarten sächsischen Warmbad Wolkenstein ein schauerlicher Unglücksfall. In der zweiten Nach- vorgeschrittenen Fällen die F- Baccine versagt oder auch in nlanchen Frühfällen nichts hilft ist ein ebenso beliebter wie irriger Einwand der Gegner, deNn lOOprozentrge Erfolge kennt die Medizin leider nicht. Die Sabotagemethoden gingen soweit, daß der preußische Medizinaldiktator Kirchner, das Haupt der Tuberkulin- und Sanatoriumslndustrie, sechs Jahre lang, trotz Protesten ein sehr günstiges Gutachten Paul Ehrlichs verheimlichte, bis Kirchner 1919 deswegen fristlos abgesetzt wurde. Der Lübecker Arzt Dri Melhorn, der früher über große Erfolge mit der F- Vaccine berichtete, crMhltc Kröner, einem Borkämpfer für die Vaccine, das F-Mittcl heile zu schnell, man verliere die Patienten aus der Sprechstunde. Dir in größerem Maßstabe mit dem Mittel vorgenommenen Untersuchungen blieben unbekannt ober wurden abgelehnt. Man propagierte Cal- m c t t e. R e i m b e r t, der Präsident der französischen Tuberkuloscprophylaxc warnt vor Cal- mett«. In Penik in Bulgarien wurde gefunden, daß sich die Sterblichkeit der Säuglinge nach der Calmcttefütterung von 14 Prozent auf 28 Prozent erhöht hatte. Trotzdem war man für Cal- mettc und gegen Friedmann. Warum? Friedmannpanik? Oder ist die Wahrheit eines Cal- mette glaubwürdiger als die eines rassisch nicht einwandfreien Friedmann; oder ist es. die Angst einer Industrie vor der Pleite? Trotz Macht und Stärke der Gegner ist es hoch an der Zeit das Friedmann-Mittel populär zu machen. Bon ausländischen Aerzten berichten: Simion.escu- Paris bei 3300 Fällen über einen Heilungserfolg von 98 Prozent, d'A n d r a d e-Mexiko bei 3600 Fällen fast 100 Prozent; P e ch m a n n- Chicago fast 100 Prozent; Müller und KI e i- n i n-Rumänien; S i m e o n o v-Bulgarien in 2000. Fällen 95—98 Prozent Heilungen. Aufsehen machte aber erst in allerletzter Zeit der Bericht Dr. Eugen S z a l a i aus Pesterzsebet bei Budapest, der bei systematischer Anwendung der F-Baccine mitten im Elendsmilieu die Tuberkulosesterblichkeit innerhalb der letzten 6 Jahre um 50 Prozent gesenkt hat. Der Ring der Gegner gab sich nicht geschlagen, bis Obermedirinal- rat R o e ß(e, Tuberkuloscreferent des Völkerbundes, der zuerst von Berlin aus die Erfolge Szalais scharf kritisierte, sich an Ort und Stelle von der Wahrheit überzeugte und nun für die Anwendung der F-VacciNe eintritt. Eine Wende des Kampfes ist nun zu erhoffen.' Die Möglichkeit der Frühdiagnose also der Feststellung des Stadiums in dem das Mittel mehr als alles andere hilft; destSht heute. Trotzdem wendet man die Vaccine nicht in großem Maßstabe an, eS wird weiter‘„behandelt" und nicht„ausgerottet". Die meisten wollen nicht einmal bewußt sabotieren, sondern handeln aus Unkenntnis oder sind autoritätsglaubig genug, um die Urteil« der approbierten Fachgrößen widerspruchslos hinzunehmen. In diesem Kampf der Generale der Medizin gegen einen Außenseiter sterben Tausende und Abertausende Proletarierkinder wie immer zunr Ruhme der Generale. ckrvs Mittagsstunde geriet aus bisher nicht festgestellter Ursache der Besitzer des bekannten Ausflugslokales„Waldmuhle" in das G e t r t e b e seiner Mühle und wurde in gräßlichster Werse zermalmt und verstümmelt. Der Verun- Zückte stand im 53. Lebensjahre und hinterläßt eine Witwe mit zwei Kindern. Die Ursache des Unglücks bildet Gegenstand einer Untersuchung. Die tschechoslowakische Braunkohle in Oester- ! reich. Die tschechoslowakischen Braunkohle»!wfe- ranten haben ihre Preise in Oesterreich in der letzten Zeit ermäßigt. Diese Preissenkung hängt insbesondere mit dem Ungarn von Oesterreich bewilligten Brauukohlen-Einsuhrkontiugent zusammen. Die österreichische Einfuhr au tschechoslowakischer Braunkohle, die noch vor einigen Jahren mehr als doppelt so hoch war, wird jetzt von dem ungarischen Braunkohlenimport stark übertroffen. So Ivurden in den ersten zehn Monaten des Ibhves 1932 aus Ungarn 869.360 Meterzentner, ans. der Tschechoslowakei dagegen nur 557.790 q Braunkohle importiert. Kindern und Jugendlichen keinen Alkohol! Tie Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde in der Tschechoslowakischen Republik hat auf ihrer ! letzten Vollversammlung einstimmig eine Rcso- I lution angenommen, die sich gegen den Genuß ! von Alkohol in jeglicher Form(Bier, Wein, J Most, Rum, Liköre, Likörbonbons) für Kinder > und Jugendliche wendet, wegen seiner insbeson- > dere auf den jugendlichen Organismus gesundheitsschädigenden Einwirkung. Eine Erhebung über den Alkoholgenuß unter der Prager deutschen Schuljugend, welche vor den Ferien vour Sonderausschuß für alkoholfreie Erziehung ge- meinsam mit dem deutschen pädagogilchen Verein durchgeführt wurde, hat ergeben, daß n u r 13.65 Prozent der Schulkinder keine alkoholischen Getränke erhalten, fast 80 Prozent bekommen gelegentlich Bier, Wein und Likör, 6.39 Prozent sogar regelmäßig! Fast alle Kinder erhalten LikörbonbonS, welche oft mit kehr starken« Alkohol gefüllt sind. Jugendnot! Die Deutsch« Landeskommist'ion sür Rinderschutz und Jugendfürsorge in Böhmen berichtet: Für das staatliche ErnÄjrungshilsswerk des Mmistzriunls für Bolisvcrpflegung’ im heurige» Winter sind 94.559 einer Ernähr>angsznlbuhc drin- ge>td bedürftige Kinder gemeldet— 82.580 Schulkinder»nd 11.979 Kinder im noch nicht schulpflich figen Alter! Wenn noch den ministeriellen Bcstim- Ans der Arbeitcr-Turn- and Sportbewegung Da« Beranstaltungcprogramm der ATUS- Winter sportler. Das Internationale Wintersporttrefse», das gemeinschaftlich vom AlTUS und der D. T. I. veranstaltet wird, findet am 11. und 12. Feber in Großhammer im Jsergebivge statt. Es wird dl« große offizielle wintersportkiche Veranstaltung des ATUS in diesem'Winter. Die mährischen Kreise veranstalten vom 6. bis 8. Jänner in Karlsdorf—Klein-Mohrau einen Kreis- wmtersporttag, der«in umfangreiches Programm vorsieht. Neben Hindernis-, Langläusen und Springen ist Rodelwettfahren, Eishockey und ein« Fuchsjagd am Programm. Meldungen sind zu richten an das Kreissekretariat des ATUS, Mäh.-Schönber^ auf der Schanz« 3. Der V. Kreis(Rordwestböhmen) halt in seinem Gebiet zwei Kreisvercmstaltungen ab. Am 14. und 15. Hänner in Ober-Preschkau an der Rordbahn und am 22. Jänner bei seinem neuen Heim in Zinmvald. Der VI. Kreis lWestböhmen) leitet das koin- mende Jahr mit einem Eröffnungsfpringen auf der roten Schanze in Bärringen am 1. Jänner ein. Am 12. Feber wird das Krei sw in t e rsp vr t fest in Eibenbcrg bei GraSlitz veranstaltet. Für Anfang Mär; ist ein Wettspringen zwischen Deutschicrrid und der ATUS auf der Kreisschanz« vorgesehen. Der VII. Kreis(Riesengebirge) hat den 28. und 29. Iänirer für die Veranstaltung eines KreiS- wintersporttages vorgesehen. Neben d'esen Beranstaltuirgen finde; eine große Anzahl von Kursen sirr Anfänger und Fortgeschrittene statt. AlS Gäste beteiligen sich unsere Winrersportler an folgenden Veranstaltungen der reichsdeutschen Genossen: Zn Weihnachten findet in Klirigenthal(umveit vori Graslitz) ein Bundestrefsen der deutschen Genoßen statt. An dieser großen Veranstaltung werden sich auch unsere Genossen aus Westböhmeii fiark beteiligen. 22. Jänner 1832. Der sächsische Turnkreis eröffnet, an diesem Tage eine neue Sprungschanze am Geisingberg. Di« neue Anlage ist über 200 Meter lang und hat einen Höheirunterschied von 85 Meter. Der Anlaufturm besitzt«ine Höhe von 18 Meiern. Unsere Wintersportler des unteren Erzgebirges mögen sich diesen Termin für die Teilnahme vormerken. Am 28. und 28. Jänner veranstalten di«„Na- turfreuiide" in Waltersdorf(Lauschegeb'et) ein internationales Treffen. Der Reichenberger Kreis und die Bezirke Bodenbach, Haida und Rumburg werden aufgefordert, sich daran zu beteiligen. mnngen je Kind und Monat der Betrag von 10 K in Betracht gezogen wird(im Monate 20 Tage, die Portion-n 50 Hellern), so ergäbe das bei einer AuS- speffwng durch die vier ärgsten Wintermonate einen Güwmtauifivand von 3,782.300 X. In Aussicht gestellt wurde di« staatliche Gesamtbeihilfe von rund 500.000 K, voraussichtlich wird der Betrag Mil Rücksicht auf die Staatsfinanzen aber eher niedriger sein. Wann und in welcher Höhe der Betrag stüssig gemacht wird, ist bis jetzt noch nicht bekannt- Die Mittel der Gemeinden sind erschöpft, der Bezirke desgleichen. Vom Rundfunk Empfehlenswertes aus den Programmen. Montag: Prag: 0.45: Gymnastik. 18: Deutsche Sendung: Fröhliche Weihnachten. 19.15: Blasmusik. 20.15: Philharmonisches Konzert.— Brünn: 11: Matimc. 18: Deutsche Sendung:„Der bc- trogeire Kadl", Oper von Gluck.— Preßburg; 22: Orchesterkonzerr.— Berlin: 10: Kamerad Hund. 17-10 Kleine Uvwaldsinfonie. 20.30:„Die Meistersinger von Nürnberg", Oper von Wagner.-- Breslau: 12: Orchestertoiqert.— Mühlacker: 15: „Das tapfere Schneiderlein."-r Hamburg: 10.40: Blaskonzert..— Königsberg: 14.50:„Tie Mond- Prinzessin." 18.25: Deutsche Boltsiioder.— Leipzig: 14.40: Richard Strauß.— Wien: 11.25: Sinfoniekonzert. 15.45: Kammermusik. Dienstag. Prag: 0.15 Gymnastik, 11.00'Schallplatte», 15.30 Mavierkonzert, 18.25 Deutsche Sendung: Vorfeier zum Bvahmsgedenkjahr, 1820: Schlagermusik, 21.00 In einem rusiischeu Torfe, 22.15 Tanzmusik.— Brünn: 1L30 Operettenmusik, 18.25 Deuts e Sendung: Dr. Steinermaysrr Das-neile Buch Preßburg: 15.80 Violinkonzert. 17.10' Klavierkonzert.— Berlin: 15.35 Alte Musik, 20.00 Bunter Abend.- Hamburg: 20.40: König von Korsika.— Königsberg: 19.25: Brahms-Lieder.— Leipzig: 19.00 Schumann-Sonat«.— München: 19.05 Kammermuslk.— Wien: 18.25 Zusammenhänge der europäischen und der asiatischen.Kunst, 19.25„ToSca", Oper von Puecini. Mittwoch: Prag: 6,15 Gymnastik,.11.00 Schallplatte», 15.30 Harfenkonzert, 18.25 Deutsche Sendung: Arbeiterfunk; Rehwald-Teplitz-Schönau: Rückblick und Ausblick in die Krise. 20.35 Tamburizzenkonzcrt, 21.00 Orchesterkonzert,- 22.15 Jazzmusik. Brunn: 16.10 Orchesterkonzerr. 18-25 2 c u t sche Sendung: Dr. Strecker: Verschiebungen in Land und Meer, 19.20 Wie wird ein Film mon- ticrt?— Breslau: 17.00 Gesänge der Liebenden.— Mühlacker: 19.55 Oresterkonzert.— Hamburg: 20.30 Das Torf ohne Töpfe.— Königsberg: 21.30 Schauerballaden.— Leipzig: 21.00 Walter von der Vogelweide.- München: 20.30„Madame Favart", Ope reltc.— Wien: 19.05 Abendländische Kultur. Nr. 304 Sonntag, 28. Dezember 1932 Seite 7 Betrachtungen zur Astronomie und Astrologie. Von Biandti. Ein nationalsozialistischer Arzt. Bei einem Streit in einem»niioiwlsüzialistisü-en verkehrslokal in her Nähe des Anhalter Bahnhof» in Berlin gab ein Posizeiotfizier in der Notwehr zwei Schüsse auf den G r n p p e n a r z I Dr. Fritz D ö p n e r ab, durch die dieser schwer verletzt wurde. Der„Rekord" des Nranderthalrrs gebrochen? In Schottland wurde ein menschlicher Schädel gefunden,, von dem die Archäologen annehmen, daß es sich um einen viel altern Schädel als den des Ncanderthal-Merftchen hcrndÄt. Der Schädel wird jetzt einer Prüfung unterzogen. Die Gelehrten sind der Ansicht, daß der jetzige Fund die Kenntnisse vom Prähistorischen Menschen bedeutend eriveitern>vird. der dritten und vierten mußte er schon das Stemmeisen zu Hilfe nehinen. Dann kletterte Mäxchen auf den Tisch, um eine elektrische Leitung zu legen. Eine besonders schwierige Aufgabe, die in der Gebrauchsanweisung nicht einmal erwähnt war. Aber Mäxchen war mit dem Besitz seines Werkzeugkastens von Schaffensgeist nur so geladen. Mamas Wandbild mit dem Goldrahmen war gerade die richtige Höhe. Er setzte ihr den Drillbohrer auf die Nase und steckte in die gebohrte Qeffnung aus seinem Lagerbestand eine alte Zündkerze. Hei! Wird sich da Papa freuen! Märchens Rotznäschen glühte vor Eifer, als es in der famosen Werkzeugkiste auch eine mächtige Feile entdeckte. Der auf dem Bücherschrank stehende Mozart-Kopf ließ sich am besten feilen. Mozart hatte in Mädchen seinen Meister gefunden. Der Kopf des berühmten Komponisten hatte sich bereits in eine herrliche Billardkugel verwandelt, als der neugierige Papa schmunzelnd seinen Kopf durch die Türspaltc steckte. Papas freu übliches Lächeln verschwand. Seine letzten drei Haare standen auf Sturm und dann bekam Mädchen seine längst fällige Dresche. ,,£) du fröhliche..!* Und wie war- bei Onkel August? Er ist zwar Nichtraucher, aber der Weihnachtsmann hat ihm trotzdem eine Kiste Zigarren auf den Tisch gelegt. Prima Qualität! Versteht sich, das stand ausdrücklich auf dem Kistendeckel und dann waren die Zigarren mit einer knallroten Bauchbinde versehen. Was macht Qnkel August? Er will auch andern eine Freude machen(siehe Nichtraucher) und widmet die Zigarren seinen Freunden. Wer ihn) begegnete, dekani eine offeriert. Ganz frei, willig verteilte er die„edlen Spenden".„Pom Christkind" wie er sagte. Aber dann brach das wcinnadifsiiedfT. Jetzt ist wieder die Zeit, wo Klein-Erika den ganzen Tag singt. Auf der Straße, in den Radio- geschästen, in der Kleinkinderschule, überall hört Klein-Erika die alten Lieder, und wenn ihr Vater auch alles andre als fromm ist, Klein-Erika hat's niit der Frömmigkeit. Sie singt vom Christ-- kindchen und voni Weihnachtsmann und vom lieben Gott und allen miteinander. Und da sie di« Melodien all der Lieder, die sie hört, leichter be hält als den Text, andererseits aber auch wieder nicht so dumm ist, daß sie mi' einfachem Ge brumm über die vergessenen Stellen sich hinweg-1 helfe, so macht sie sich ihre Text« selbst. Am liebsten singt Klein-Erika das Lied pom Tanueubaum, der nicht nur zur Sommerzeit grünt: aber bei ihr wird daraus:„Du grüßt mich nur zur Sommerzeit". Und vom Christkind, da mit seinem Segen in jedes HauS einkehrt, sagt sie, praktisch und mütterlich zugleich:»Keirt mit! seinem Besen ein in jedes.Haus", Von dem Engel, der durch die Lange zieht, ohne daß ihn einer sieht, stellt si« fest:.Mein Auge kann ihn sehen, doch alle stehen leer",— Ein wenig unlo gisch, aber eS reimt sich wenigstens, und das ist bei einem Dichterkinde die Hauptsache. Ganz toll ist eS, tvonn Klein-Erika singt: „Ihr Kinderlein, kommet!" Da wird si« bissig: „Ihr Kinder, verkommuet", singt sie, und das tun sie denn wohl auch. Da, wo es heißen soll:„jlnh der Pater im Himmel für Freude uns inochi", singt sie:„Der Pater im Himmel, die Mutter im Stall". Da wir gerade im Stalle sind, wo Maria und Joseph ihr Kind betrachten, niag auch gleich Erikas Fassung mitgeteilt werden, di« sie hier unterlegt: Statt„Maria und Joseph betrachten es froh", singt die nämlich:„Maria und Joseph\ vertragen sich so". Na, ja, das sieht sie denn auch zu Hanse nicht anders. Daß sie allerdings aus der gnadenbringenden eine knabenbringend« Weih nachtszeit macht, gefällt mir iveniger: denn man soll den Teufel nicht an die Wand malen, auch wenn er nur«jn Storch ist. s>Zin wäre der Augenblick gekommen, Klein? Erika ein paar jener Fassungen zu unterschieben, die gewöhnlich als Kindermund durch die Blätter laufen. Aber das wollen wir Unterlasten, denn so schön auch die Stelle von der Maria, die reine macht, ist. außer in Witzblättern bin ich ihr noch, nicht begegnet, Dafür aber bat sich Klein-Er:ka i einen eigenen B«rs zu dem Liede:„Weißt du, wie- vs«l Steruleiu stehen", gemacht, das pvar kein Weihnachtslied ist, aber dennoch mitgeteilt sei. weil es sich so schön in den Rahmen fügt. Anstatt: „Gott, der Herr, bat sie gezäblet", singt sie nam-.......... Ijch:„Gott, der Herr, hat sieben Zähne". Da mag• Sterne geizen die Milchstraße zu erblickt, sie reckt haben, aber es ist schwer nachzuprüken: j f“_.""" den» der Mensch sckts geben".! Größe von einem Meter Durchmester, das uns Aber das wird in diesem Fabre'owiew Wei weit über unser Milchstimßensystem hinaus Ge- Grundmrlodi« aller Weihnachtsiieder sein, denn, 1 heimniste des Himmels ckrschlasftn hat.(In den wie singt doch K?stn«r weiter;„Nur, wer hat,' nächsten Monaten gelangt in Amerika»in neues kriegt noch geschenkt!"— Und»w bat beut« noch, RiesenteleskoP von 8 Metern Durchmesser zur auf daß er was dazu bekomme? Aufstellung.) Die Beobachtungen ließen an man- Erich Grijar. chen Stellen des Himmels Nebelflecken erkennen, Erdäquator würde z. B. einen Lichtstrahl um diesen größten Kreis der Erde aussenden, er würde ihn im Verlauf« einer Sekunde neunmal verschwinden und ebensooft wirderkehren sehen. Diese enorme Geschwindigkeit hat uns natürlich den kosmischen Raum und seine Ausdehnungen sehr , loeit erschlossen. Durch«ine sinnreiche Bcrcch- , nung, ausgehend von einer kosmischen Basis -(Standpunkt unserer Erde am Frühjahrs- und i am Herbstpunkt ihrer Bahn um die Sonne) hat , man errechnet, daß das Licht der Sonne ca. 8 Minuten braucht, , um zur Erde zu gelangen. : Wenn man nun bedenkt, daß das Licht des aller- i nächsten Fixsternes, des S i r i u s, 4 Jahre ■ braucht, um unser Auge zu erreichen, so wird i man annähernd einen Begriff von kosmischen i Entfernungen bekommen. Der Weg, den das Licht . im Laufe eines Jahres durcheilt, beträgt ungefähr i 1000 Milliarden Km,, eine verschwindend kleine , Entfernung gemessen an der Größe des Univer- sunrs. Die Forschungen über die Ausdehnung de» Raumes gehen ziemlich auseinander, doch unter i einer Billion von Lichtjahren ist keine einzige zu , fiirden. Seit jeher haben sich die Menschen mit der Erforschung des Himmels beschäftigt und es zeugt für iyre gute Beobachtung, daß man schon seit alt«rsher«ine strenge Schewung zwischen den sich bewegenden Planeten und den Fixsternen kannte. Je naturstchtiger der Mensch, je primitiver sein Geist, je weniger Hilfsmittel ihm zur Verfügung standen, desto mehr war er geneigt, der allnächtlich wiederkehrenden Pracht des Sternenhimmel- mit feinen planetarischen Erscheinungen und Veränderungen, für welche er keine Erklärung hatte, mystische Deutungen zuzuschreiben. ES entwickelten sich die Anfänge der Astrologie, welche nach und uach^zu großem Ansehen kant und gerade in unserer Zeit einen noch nie gehabten Anhänger- kreis aufzuweisen hat. Bon Haus aus sei erwähnt, daß die Astrologie nicht zu den exakten Wisscnschaften zählt, sondern eine rein intuitive, okkulte Theorie ist, welcher infolge ihre- außerirdischen Charakterwohl schwerlich jemals eine positive Beweisführung gelingen dürft«. Es entspricht dem jetzigen Zejtzuge, daß neuerliches Interest« für alle okkulten Wisseugebiete auftaucht. Die modernen Astrologen werden von ihren Anhängern in vielen Fragen zu Rat« gezogen(Stellung des Horosko- pes als Schicksalsvorhersage, Berufsberatung, Eheberatung, Ermittlung des günstigsten Zeitpunktes zwecks Entrierung resp. Abwicklung von geschäftlichen Transaktionen u. v. a.), Es wirft sich die Frage auf, was ist ein Horoskop? Die Astrologie behauptet, daß Sterne nicht nur tote, im Räume gesetzmäßig sich bewegende Materie ist, sondern her.Sitz von Entelechien(Intelligenzen un.i> geistige Wesenbeiieu), die gestaltend auf heu Menschen Mikrokosmos)«iluvirken in bezug aus Charakter und Schicksal. Diese Behauptung wird von den AstrolMn als überliefertes Wissen jener Zeit dargestektt, in welcher der Mensch noch über eine aewisso Naturstchtigkeit verfügte, und diese Einflüsse erschaute und erfühlte,. Dieses Wissen wurde in den Mystmen- stättcn Babyloniens, Aegyptens, Griechenlands hochgepslegt, und den Völkern überliefert, denen ihre Naturstchtigkeit infolge fortschreitender Zivilisation bereits verloren gegangen war. Mit dem Beginn des Arabismus als Begründer der mathematischen und dementsprechend Vorläufer der heiltigen exaften Wissenschaften begann für die Astrologie eine Zeit des Niederganges, da der Arabismus die Astrologie verwarf. Bezeichnenderweise verboten di« Kalifen von Cordoha 1100 v. Chr, die Pflege der Astrologie überhaupt. Zu Beginn der Neuzeit finden wir die Astrologie aber wieder ganz über Europa verbrei- tte. An allen Fürstenhofen waren Astrologen zn finden: große Männer hielten sich ihren eigenen Astrologen, erinnert sei nur an W a l l e n st c i n und seinen S e u i. Di« Astrologie wurde später auch an den Universitäten gelehrt und erst int Jahre 1730 wurde die letzt« Kanzel in Deutschland ausgelassen. Im heutigen Deutschland setzen jedoch wieder Bestrebungen ein, neue Lehrstühle für Astrologie zu schaffen. Die wichtigste Arbeit des Astrologen in dl«. Stellung des Horoskope-. Es besteht im genauen Fixieren der Stellungen der Planeten zur Geburtsstunde in ihrer Beziehung zu den Bilder» des Tierkreises und zur Erde, die im Horoskop als Mittelpunkt angesehen wird. Zu den Planen'« zählen Saturn, Jupiter, Mars, Venns, Merkur, hie beiden Lichter Sonne und Mond und die neuentdeckten Planeten Neptun»nd Uranus. Den 12 Tierkreiszeichen werden Eigenschaften zuge- schrirben, die als mntgcbrachre Eharakteranlage zu gelten haben, während die Planeten Talente und Fähigkeiten auslösen sollen. Weiter- spricht hi« Astrologie noch von den sogenannten Häusern, d. h. jenen Feldern, ans denen sich im praktischen Leben der Einfluß der Gestirne äußert. Sv kennt der Astrologe das BerufshauS, das Ehehau», Elternhaus, alltägliches Denken ete. Es ist vollkommen einleuchtend, daß eine materialistische Weltanschaung der Astrologie jede Daseinsberechtigung absprcchen muß. Die Astronomie lehrt, daß die ganze Materie deL Raumes sich in einem Zustande gegenseitiger Wechselwirkung befindet die nach ergründeten streun physikalischen Gesetzen vor sich geht. Es existiert nichts im Raume, das sich nicht direkt oder in« direkt in einem Zusämmenhang befindet mit seiner nahen oder entfernten Umgebung. Worum oll nun diesem materiellen Prinzip nicht analog ein geistiges folgen? Di« Möglichkeit bestünde, exakte Beweise hiefür werden dem menschlichen Geiste wohl nie gelingen. Der WelWlsmaJin wir di! Nicht jeder hat ihn geseheu, wie er uiu Sack und Pack über die Türfchwejle stolperte und -schmunzelnd seine Geschenke unter don Christbaum legt«, GebZmnisvoll, wie er kam, ist ft wieder verschwunden, Pjelleichr hat er sein« Tom fortgesetzt— in andere Wohnungen,>vo er gleichfalls für ihn allerhand zu tun gab. Jedenfalls hat di« Sache mit d«n Ueberraschungen blendend geklappt. Pünktlich auf die Minute begann das feierliche Geläute der Weibnacht-glockiM. Streich- holzschqchteln wurden gezückt und mit einem lauten„Aah!" her brennende Weidnachtsbaum begrüßt. Der nächste Blick galt der Tischplatte und hier verwandelte sich das„Agh!" in ein erwartungsvolles„Qohl". Ma« stürzte sich auf die ein gewickeltru Pakete, während im Hintergrund eine hagesnelie GrgmmophonpiaNe das wund;)' schöne Lied pvn der„stillen, heiligen Nacht" spielte. Tränen kullerten, wie die Kinderchen so schön ihre Gedichte herstotterten. Sämtliche Papas und Mamas machten sich- in ihren Sorgcnstühlen bequem, denn der Weihnachtsmann war da. Aber dir eigentliche„Bescherung" hat sich bei manchen leider erst spater herausgestelli: Mäxchen bat zu NI Beispiel von seinem Papa einen wunder- vollru Werk'.cugkasteu bekommen, so einen mit extrastarker Handiäge, diversen Zangen und Hämmern. Damit>:r>og sich Mäxchen in« Nebenzimmer um„Hoch^ und Tiefbau-Ingenieur";n werden. Mil ivatzrer Begeisterung machte sich Märchen zuerst an die Nogclazbeit" Er nag.tte die Sosarcke an den Außenkanten seil«nd begann dann mit dem„Tiefbau". Zwei Sosabeiuc brach» er mit der Handsäge spielend herunter, aber bei Während tagsüber die Sonne, der Born unseres irdischen Lebens, in sieghafter Helligkeit der Reichweite unseres Auges einen Paravant in azurblauer Farbe vorschiebt, erschließt uns eine klare Nacht die Pracht des Universums durch viele taufende vibrierende Lichter, welche den menschlichen Geist zum Nachdenken anregcn. Die ältesten Aufzeichnungen, welche wir über die Menschheit besitzen, sind innig verknüpft mit dem Studium des Nachthimmels: Kein Wunder, daß sich daraus allmählich eine Wissenschaft gebildet hat, welche wir als A st r o n o m i e, d. h, Sternkunde bezeichnen. In alten Zeiten, als die Ratur- sichtigkeit des Menschen, eine Fähigkeit, Eindrücke oder Geschehnisse,' welche sich mit exakten Beweisen des materiellen Lebens nicht erklären ließen, eine sehr große war, gab man den Erscheinungen des Nachthimmels Deutungen, die aus den Zeiten von ungefähr 3000 v. Ehr, bis heute erhalten sind. Mit diesen Deutungen, welche aus den Sternen Einfluß aus alles irdische Geschehen ablenken, befaßt sich«ine andere Wissenschaft und zwar die Astrologie, d. i. Sterndentung. Die ältesten Aufzeichnungen sind dcment- sprechend vielmehr auf astrologischer Basis gehal- I ten. Die Blütezeit der Astronomie unserer Vorfahren fällt in die Epoche der Mauren, während vorher die Chaldäer, Babylonier, Aeqypter und ganz besonders die Griechen schon sehr viel Ersprießliches auf rein astronomischem Gebiet geleistet haben, dabei jedoch immer astrologischen Einflüssen unterlagen, haben die Mauren gks Begründer der exakten Wisscnschaften die Astronomie ganz mathematisch betrieben. Das von störenden Einflüssen befreite Studium der Astronomie entwickelte sich nun verhältnismäßig rasch. Di« Erfindung des Fernrohres, die Konstruktion der Logarithmen, die Photographin, hie Spektralanalyse verlegten die Erkenntnisse des menschlichen Geistes immer weiter in den Raum hinaus und je großer die Fortschritte auf technischem Gebiete sind, je mehr neue astronomische Gebiete erschlossen werden, desto größer werden die durch die neugewonnenen Erkenntnisse bedingten Probleme. Heute sind wir natürlich längst über die Ansichten unserer Vorfahren hinaus, daß die Erde der Mittelpunkt des Universums sei. Wir wissen genau, daß di« Erde mit ihrem Mond ein Trabant der Sonne ist, genau so wie die anderen Planeten. Die Sonne, obzwar millionenmal größer als di« Erde, ist ein absterbender Stern von verschwindender Größe im Verhältnis zu Sannen, die wir am Nachthimmek erblicken können. All« Stxrn«, welche qm Firmament.zu sehen sind, die Planeten ausgenommen, sind Sonnest wie die unsrige. Jn unserem Zenith sind sie spärlicher gesät, dichter werdend gegen einen silbernen Streifen zu, der Milchstraße genannt wird. Schon «in halbwegs gutes Fernrohr erschließt uns daS Problem. Die Milchstraße löst sich vor unserem Auge in Milliarde« von Sternen auf, Milliarden von Sonnen, die kein Mensch zu zählen vermag, Das Fernrohr hat uns an die Grenzen unser-r Welt, h. i. das Milchstraßensystem, gebracht. Die Form dieses Systems ist jene einer sehr flachen Linse, in deren ungefährem Mittelpunkt sich unsere f Sonnenwclt befindet. Durch diese Form erklärt sich auch, wieso unser Auge eine Verdichtung der Die" Fortschritte der Technik^seftattet«n auch BerhängniS über ihn herein. Der erste, der ihm wieder begegnete, schwang drohend seinen Knüppel und Wollte ihn verprügeln, da er ein hinter" listiges Attentat mit einem neuen Betäubungsmittel vermnteje, Onkel August flüchtet« und rannte dem Zweiten in die Arme, Der packte ihn beim Schlips und schüttelte den Ahnungslosen, haß ihm Hören und Sehen verging. Von wegen Vergehen gegen das Sprengstoffgcsetz,.. Onkel August packte grausiges Entsetzen:„Aber, das waren doch..."„Mas denn? Was Henn? Stinkbomben! Ganz gefährliche Stilara- naten mit Zeitzünder.. Der Anblick eines porbeisausenden Sanitätsaulos machte Onkel August halb ohnniächtig. Er wollt« den dritten, seinem besten Freund persönlich anfsuchen und »in« längere Erklärung abgeben. Aber der ließ sich verleugnen und damit ging auch der von ihm vor zwei Wochen zuaesagt« Pump aus 100 Mark flöten, Onkel August bat den Rest seines Wejh- nachtspräsents im Kleingarten vergraben und brütet nun fürchterliche Nach« gegen Tante Frieda.„O du selig«,. Der Weihnachtsmann war da! Jedem hat er «styas mitgcbrocht und Fi«s c;n kleines Päckchen ..Wunderkerzen", das schon am ersten Abend samt dein Christbaum in die Luft ging. Mij dem Verrauschen der erste« Weihnachlsfreude/stehen wir fetzt im Stadium der„Ätachwehen". Wir merken es an unserem Trommelfell, wenn Nachbars Kinder mit nagelneuen Trompeten von früh biS nachts im Stiegeuhans zrir„Attacke" blasen. Wie merke» es an unseren Fensterscheiben, wenn die vom Weihnachtsmann gebrachten Fußball« mit Präzision durchs Zimmer sausen. Und schließlich an dem Massenbetrieb der Grammophone und Radios. für welche«s keine Erklärung gab. Erst das Teleskop brachte die Gewißheit, daß diese Nebelflecken, genannt sei nur der Orion- und der Andromedanebel, weiter nichts anderes sind als Wetten so wie unser gesamtes Milchstraßensustcm, Welt«», die sich mit ungeheurer Geschwindigkeit bewegen, und zwar wie die neuesten Forschungen ergaben, von uns ivegflichen, Es wurde an Vieser Stelle zu weit führen, hi« Theorien unseres modernsten Physikers Albert Einsteins zu erklären, dessen Behaiiptung dahin acht, daß der Raum in konstanter Veränderltng ist, weil die Systeme durch Jahrmillionen hindurch einem Zentral- Punft entfliehen, um dann durch ebenso lange Zeit gleich einem elastischen Körper wieder zu- rückzucilen. Di« Möglichkeit, zu erkennen, ob eilt Stern oder ein System sich von uns entfernt oder auf uns zueilt, und dabei annähernd die Geschwindigkeit zu berechnen, bietet uns die Spektralanalyse. Durch die Erkenntnis des Spektrums erschlossen sich dem Forscher derart viel Probleme, daß die Wissenschaft nicht nur von unserem Nachbarplaneten Mars, sondern bis zu den viele Millionen Yon Lichtjahren entfernten Nebelflecken exakte Behauptungen aufstellen konnte. Läßt man den Sonnenstrahl durch ein Prisma gehen, so wird er bei seinem Austritte in die Farben des Regenbogen- zerlegt, beginnend mit Rot, alle Grrindfarben und deren Nüarlcen und Mischungen durchgehend, um im tiefsten Blau zu endigen.. Tatsächlich erczeben sich jeooch jenseits der unserem Auge sichtbaren Grenzen Gebiete, welche ui di« Sphäre des Spektrum- gehören, i;nh zwar bei Rot die ultraroten, am anderen Ende di« ultravioletten Strahlen. Die ersteren sind di« Träger de: größten Wärme, die letzteren besitzen die größten chemischen Eigenschaften und Fähigkeiten. Durchlaufend am ganzen Spektruvl erscheinen in unregelmäßigen Abständen dunkle Striche. Jeder dieser Striche entspricht einem chemischen Grundstoff, welcher verbrennt und im Spektrum seine Signatur hinterläßt. Auf diese Weis» konnten wir erkennen, daß das Licht der Sonne durch Verbrennung von Stoffen entsteht, welche zum allergrößten Teile auf unserer Erde vorkommen, daß hiemit die Zusammensetzung unseres Muttergestirucs der unsere- Planeten nahezu vollkommen gleicht. Durch Verschiebungen der Linien des Spektrums läßt sich wieder erkennen, ob ein Stern in sriner Bewegung auf uns zukommt oder ob er uns flieht.-, Ein ausschlaggebender Faktor bei allen Beobachtung«;; und Forschungen ist die. Photo- graph ie. Das menschlich« Ange, wie alle- Irdische unvollkommen und nur bis zu einer gewissen Grenze aufnahnisfähig, hat in der Photographie einen hochzuschätzenoen Bundesgenossen gefunden. Ein Lichtstrahl, dem menschlichen Auge schon längst nnsichtvar, hinterläßt auf der photographischen Platte infolge seiner chemischen Einwirkung noch immer eine Spur. Da- uoch- so schwer bewaffnete Auge forscht eine dunkle Him- »melsstelle vergebens ab, es kann nichts entdecken. Gebraucht man die photographische Platte, so wird sie hei länzzerer Einstellung eine Veränderung ausweisen, welche nur durch Licht entstai;« den sein kann. Mit anderen Worten dort muß ein Stern sein. Das Licht ist das Einzig«, was«ns di« Exi-! stenz eines Seins außerhalb unserer Erde verbürgt. Es ist ein gewaltiger Faktor und gleichzeitig eine! Basis bei den Forschungen des Astronomen. Die i Geschwindigkeit deS Lichtes ist die größte, die wir s nebst jener der Elektrizität kennen. Sie beträgt 300,000 Km. in der Sekund«, Ein Beobachter am Seite 8. Tonnlag. 28. Dezember 1882 -kr. 8^' Lia Pionier des Kapitalismus. Das kapitalistische System beginnt alt zu werden. Das merken wir nicht nur an den unerhörten Störungen der letzten Jahre, die uns Millionen von Arbeitslosen beschert haben, wir merken es auch, wenn wir uns mit deni geschichtlichen Werden technischer Erfindungen beschäftigen, die von vornherein dazu mißbraucht wurden, Profit auf Kosten des arbeitenden Menschen zu schaffen. Bor 200 Jahren, am 23. Dezember 1732,«inen Tag vor dem„Heiligen" Abend, an dem di« christliche Legende den Erlöser, den Retter der Welt ans jungfräulichem Schoß zum Lichte des Tages kommen läßt, wurde in einer ärmlichen Proletariersamilie Alt-Englands«in Kind geboren, das dreizehnte in einer langen Reihe hungernder,, frierender Geschwister, Richard A r k w r i g h t. Dieses Kind, das fast ganz ohne Erziehung aufwuchs, wurde zu einer der größten Geißel der darbenden Arbeiterschaft,«in Abgott der auf die eigene Kraft und den Segen des Gottes Mammon vertrauenden Vertreters des Frühkapitalismus; es wurde, wie Karl Marx es ausdrückt, ,chon asten großen Erfindern des 18. Jahrhunderts der größte Dieb fremder Erfindungen und der gemeinste Kerl". Im Gegensätze zu diesem harten Urteil fand Ark- wrigth unter den Wirtschaftstheoretikern des jungen Kapitalismus begeisterte Bewunderer. Er, der zum ersten Male in größtem Ausmaß der Spinnmaschine Eingang in die Textiliindustrie verschafft und mit der althergebrachten Manufaktur gründlich aufzuräumen begonnen hatte, wurde als ein He^ules geschildert, dem cs gelungen war, das alte Arbeitstempo eigenwilliger Handarbeiter durch die Maschine zu brechen; denn„die Hauptschwierigkeit in der automatischen Fabrik bestand in der notwendigen Disziplin, um die Menschen auf ihre unregelmäßigen Gewohnheiten bei der Arbeit verzichten zu lassen und sie in Uebereinstimmung mit der unveränderlichen Regelmäßigkeit des großen Automaten zu bringen.?lber«inen den Bedürfnissen und Der Geschwindigkeit des automatischen Systems entsprechenden Disziplinarkodex zu erfinden, und mit Erfolg durchzuführen, war ein Unternehmen, des Herkules würdig; und das ist das edle Werk Argwrights."— So schreibt Andrew U r e, der in seinem 1835 erschienenen Werk über die Philosophie der Handarbeit(Phstosophy of Manu- faetures) nicht genug über die erstaunlichen Errungenschaften deS neuen, über die Menschen des abendländischert Kulturkreises hereingebrochenen Zeitalters zu berichten weiß. Arkwvight l«bt in der Geschichte der Erfindungen als der Schöpfer der Baumwollspinn- maschin«. Di« Kennzeichnung, die er^urch Karl Marx fand, lehrt, daß dieser Ruhm'ehr bestritten ist. Tatsächlich haben andere vo. ihm, so vor astem Hargrcav« mit seiner„Spinning jenny". brauchbare Spinnmaschinen erfunden. Arkwright bemächtigt« sich dieser Ideen, vervoll- konmmete vielerlei und ließ sich seine Verbesserungen patentieren. Andere Fabrikanten waren nun wieder genau so„großzügig" wie er und bemächtigten sich seiner Verbesserungen. Jahrelang Lobten die Patentstreitigkeiten, die schließlich mit einer glatten Niederlage Arkwrigths endeten. Dennoch behielt Arkwright seinen Kopf oben; zielbewußt baute er s«ine Fabriken aus. Er bewies eine ungeheure Wendigkeit als Techniker wie als Kaufmann. Der frühere Proletarier hatte rasch erkannt, daß in der kapitalistischen Welt goivagte Finan;gesck>äftc wichtiger waren als die eigentliche Produktion. Beides ging bei ihm ein« harmonische Verhindung ein. Die zerschlagenen Löwen. Eine„Kunstdebatte“ im römischen Senat.— Mussolini hat ein kurzes Gedächtnis. SPD. In Italien gehen die Wogen der Erregung wieder einmal hoch. Grund: Im jugoslawischen Dalmatien hat man sich an italienischen Bürgern vergriffen; in Veglia gab es sogar Tote; an anderen Orten sind italienische Gezchästsrei- sende verprügelt worden. Aber mehr noch als Diese Attentat« auf Leib und Leben italienischer Staatsbürger empört die italienische Oeffeuflich- keit, daß man in Jugoslawien nicht einmal vor ihrem Hoheitszeichen Halt macht: dem steinernen Löwen. In einer d«r letzten römischen Senatssitzungen beschäftigt« man sich mit. der„Affäre". Corrado Ricci, ein bedeutender Kunsthistoriker und Generalverwalter der staatlichen Sammlungen, brachte die Hauptinterpellation ein, auf die der Duce selbst im Namen der Regierung erwiderte. Zwei ,/Schandtaten" der Jugoslawen hob Ricci besonders heraus: die Errichtung einer Heiligenstatue im Vorhof des römischen Kaiserpalastes in Spalato und eben jene„Löwenjagd". Nun, innerhalb der gigantischen Trümmer des Diocle- tians in Spalato hat sich die Kirche bereits vor Jahrhunderten mit einer Kathedrale und einer Tauflapelle eingenistet. Wenn die neuen Herren ihren besonderen Schutzheiligen, den Gregor von Nona, hinzufügen, so ist das für einen unparteiischen Beobachter nichts besonders Frevelhaftes. Aber der heilig« Bischof, der der römischen Kirche' in Demut und Milde diente, hatte die Kühnheit, für die östlichen Völker die slawische Kirchensprache einzuführen und der lateinischen damit den Krieg zu erstären. Das ist der Grund, weshalb der heilige Gregor von Nona als ein„nordisches Schveckbild", eine„Fratze", bezeichnet wird. Die Dalmatiner, die ihn in Spalato aufgestellt haben, machten sich damit einer Verletzung nicht nur der römisch-katholischen. sondern auch der römisch-nationalen, d. h. fascistischen Gefühl« schuldig. Die juqoslawffche ,HöwenjaHd" richtet sich gegen das Wappen und Hoheitszeichen der^ehrwürdigen" Republik Venedig, gegen den bekannten Markuslötven. Vor vier oder fünf Jahren fand die erste nächtliche Jagd auf jenes gefährliche Tier in Sebenico statt. Man hat den Markus- löwen, das Symbol des Evangelisten und gleich zeitig der„Serenissima", der seit über hundert Jahren mausetoten RepMik, heruntergeholt, zerschlagen,„geschmäht". Nach Sbenico kam Veglia daran, nach Veglia Arb«, und nun auch noch di« Insel Trau. Hier waren besonders viele Jagdtiere zu erlegen: mehr als ein halbes Dutzend mußte daran glauben, an Stadttoren und öffentlichen Gebäuden aus der venezianischen Zeit. Sogar mit Dynamit sind die Opfer„erlegt, d. h. heruntergesprengt worden. Richt' einmal di« Oesterreicher haben sich während ihrer doch gewiß verhaßten Herrschaft an diesen Löwen vergriffen — im Gegenteil: sie haben ihnen sogar besonderen Schutz angedeihen laffen. Mussolini unterstrich die Worte des Interpellanten. Er nahm di« Kroaten von der Verantwortung für die Freveltat auS; sie hätten während des Krites weder die Markuslöwen, noch die übrigen römischen Derckmäler angctastet und die Vandalismus von Trau ausdrücklich mißbilligt. Um so schwerer fällt sein Zorn auf diejenigen, die„in Belgrad in der Regierung sitzen und vergeblich versuchen, durch einen Presseseld- zug di« italienische Kaltblütigkeit, di« schon so oft auf die Probe gestellt wurde, zu reizen". Sic verfolgten„trübe Absichten", wenn sie auch die „Maske der falschen Pazifisten trügen", di« er „stets als die wahren Gefahren für den Frieden gebrandmarkt" habe.„Die Löwen von Trau sind zerstört, aber mehr als je sind sie zu einem lebendigen Sinnbild und m einem sich«ren Zeugnis geworden. Nur rückständige und ungebildete Men- 'chen können sich einbilden, daß damit, daß man Steine vernichte, die Geschichte ausgetilgt werden könnte." Die Leute, die nach diesen Worten in dem überfüllten Saal heftig„Bravo" schrien, müssen ein kurzes Gedächtnis haben. Sonst wäre ihnen vielleicht eingefallen, daß chr Mussolini sich des nämlichen Vandalismus schuldig gemacht hat, als er in Bozen das Derckmal Walters von der Vogelweide kaputtschlagen ließ, ein Kulturdenkmal, nicht weniger ehrwürdig als die Hoheitszeichen eines längst untergegangenen Staates— ausgerechnet einer bürgerlichen Republik, die der Fascismus am allerwenigsten anerkennen würde. —r. Er wußte den Markt geschickt zu beherrschen und verstand es, seine Wettbewerber di« in seinen Händen befindliche Kapitalmacht fühlen zu lassen: Er, Arkwright, diktierte die Preise, er betätigte sich als Souverän auf dem freien Markte. Arkwrights Leben ist verschlungene Pfade gelaufen. Als Barbier und Peruckenmacher beginnt er seinen Weg.„Wie kann« ich Geld machen?" Diese Frage beherrscht sein ganzes Denken. Siehe da,«in Haarfärbemittel, dessen Herstellung ihm glückt, läßt sich wunderbar verwerten. Zum ersten Male hält der armselige Perückenmacher«ine größere Summe in den Händen. Mechanische Spielereien interessieren den unternehmungslustigen Barbier. Etwas Unerhörtes muß ihm gelingen, etwas, das die Welt aus den Angeln hebt: Das Perpetuum mobile ist sein Ziel. Aber aste Hebel und Schrauben versagen. Arkwright ist praktischer, als man meinen sollte. Nutzlose Versuche kosten Geld, bringen aber nichts ein. Hallo, da ist aber di« Spinnmaschine, da kann er seine Seide spinnen. Mit raschem Blick erkennt er die Mängel der vorhandenen Maschinen; und am 3. Juli 1769 erhält, er sein seist es Patent. Nun fft das Eis gebrochen. Das meckanischc Perpetuum mobile ist als unmöglich erkannt, aber das Geld lost in immerlvährendem Strom« fast wi« ein selbständiges Perpetuum kür. Arkwright zu fließen beginnen. Am 16. Dezember 1775 läßt er sich unter andern Erfindungen sein« von Wasserrädern angetriebene Spinnmaschine, die „Trostle"(Drossel), patentieren. Wohlgemerkt, ast« dies« Erfindungen, die seinen Aufstieg begünstigten, weil er ein Finanzgenie war, wurden später als Plagiate gekennzeichnet. Doch bis dahin war Arkwr^ht schon ein unabhängiger Mann. I«. Nottingham, der Hauptstadt der gleichnamigen mittelenglischen Grafschaft, entstand 1769 seine erste Textilfabrik, an der zwei seiner Kollegen, die merkwürdigerweise Need und Strutr, also Not und Kampf, hießen, beteiligt Ware». Not und Kampf waren bis dahin ohnehin zum großen Teile seine Begleiter gewesen und sollten ihm auch auf seinem weiteren Wege durchaus nicht erspart bleiben. Technische und persönliche Hindernisse galt es in der ersten Zeit in großer Zahl zu überwinden. Aher langsam setzte sich der immer rücksichtsloser vorgehende Arkwright durch. 1771 beginnt eine neue und größere Spinnfabrik die Wasserkraft des Derwentflusses in Cromfort auszunutzen. Und jetzt setzt Arkwright zum Sprünge an. Er will produzieren. Ein hartes Fabrikssystem drückt di« Preise. Der Antreiber gilt viel bei ihm. Neue Fabriken entstehen. Handwerksmeister gehen zugrunde, wo Arkwright auf den Markt kommt. Seine Kollegen verlierest den Atem. Bis aufs Blut sind die Arbeiter gepeinigt. Fabrikarbeit ist schlimmer als Sstaverei. Die von Wasserkraft getriebene Maschine ist der Feind der alten ehr- NIM-MM-WM SINUS Mr Etagen- und Zentral- Heizung BENZIN. Ofen u. Herde JUNO OFEN unerre chter Schönheit. PRAG IN HavliCek.Platz 32 vib-ä-vis 4er Jerusalemskä ul. lichen Handarbeit. Nieder mit den Maschinen, nieder mit Arkwright! Sie stürmen seine Fabrik in der Schlacht bei Birkacre; sie muß verschwinden und wird zerstört ohne Zögern, ohne Erbarmen. Und dann fällt die Meute der Fabrikanten, deren Preise Arkwright drückt«, über ihn her. Die Patentstreitigkeiten beginnen. Aber— und das erscheint, nrenschlich gesehen, faß groß an dem gemeinsten Dieb unter den Erfindern seiner Zeil—. unter der Wucht dieser Kämpfe und Niederlagen bricht Arkwvight nicht zusammen. Mit verbissenem Groll setzt er seine Arbeit fort, überflügelt nochmals alle Wettbewerber, erhält den englischen Adelstitel und befestigt aufs neue seine Stellung. Als Fünfzigjähriger findet er erst Zeit, Lesen und Schreiben zu lernen. Aber in seinen Fabriken feiern die Methoden des Frühkapii' smus grausame Triumphe, Tie Maschine hat angefangen, den Menschen zu unterjochen, und doch ist das alles erst der Beginn des Maschinenzeitalters, das mit der Einführung der von Watt verbesserten Dampfmaschine seinen Siegeszug einleitet. Ihr Arbeitsrhythmus begann die Welt in ihren Bann zu zwingen, als Ark- wriaht im Alter von i” 1* rt s*f 60 c Vo f>r«’i. am 3. August 1792 in Cromford die Augen schloß. Willy Möbus. deitered. And wie war es wirklich gemeint? Der Kölner Fritz Kompel war wie jeder Staatsbürger von grimmigem Haß gegen die Stouerbohörd« erfüllt. An seinen Fatierungen hatten dies« Leute, immer etwas aus-uisetzen, man bezeichnete seine Angaben als mangelhaft, verlangte wiederholt aufklärende Ergänzungen. Als er wieder einmal ein« solche Zuschrift erhielt, riß ihm die Geduld, er kam der Aufforderung nicht nach, sondern schrieb schlag- fertig der Behörde folgende Antwort: „Ich habe meiner Erklärung vom.. nichts hinzuzufügen. Im übrigen verweise ich auf Götz von Berlichingen, dritter Mt, siebente Szene.", Dieses inhaltsschwere Annvorischreiben wurde von. der Steuerbehörde sogleich der Staatsanwaltschaft übergeben, di« sich mit Feuereifer der Sache an--' nahm. Fritz Kempel wurde wegen Amtsehrenbeleidigung angeklagt. „Meine Herren", begann er bei der Verhandlung mit wahrer Unschuldsmiene,„ich bin mir keiner Schuld bewußt. Sie dürfen doch nicht glauben, daß ich etwa gar das verrufene Zitat aus de>n gleichnamigen Stück unseres Dichterhcros im Sinne hatte. Nein, das wäre mir nie eingefallen. Im Gegenteil, ich war froh, endlich in einem Klassiker eine Stelle gefunden zu haben, dic ich in Briefen an wohlwollenden Menschen anwenden konnte. Bitt«, überzeugen Sie sich selbst.. Er zog den„Götz von Verlichingeu" aus der Tasche und schlug die Stelle, die er in seinem Schreiben erwähnt hatte auf. Und der hohe Gerichtshof las: „Gott segne eu ch, geb' euch glückliche Tage und behalte die, di« er' euch a b z i« h t, für eure Kinder." Dieser Segenswunsch an eine sonst nicht besonders beliebte Behörde rührt« den Gerichtshof so sehr, daß er Fritz Kempel freifprach. Das Erdbeben. Bon M. Softschenko, Es war vor mehreren Jahren während des Erdbebens in der Krim. Der Schuhmacher Sno- pow unterhielt in Jalta mit einern Freund eine Schusterwerkstatt in einer kleinen Stemhütt«. Die beiden flickten das Schuhwerk der ansässigen Bevölkerung und der studierenden Jugend. Es ging ihnen nicht gerade schlecht. Im Winter freilich mußten sie oft hungern, doch im Sommer gab es reichlich Arbeit. Man fand oft nicht einmal Zeit, ins Gläschen zu schauen. Das hinderte jedoch nicht, daß man gelegentlich auch im Sommer eifrig dem Schnaps zusprach. Kurz vor dem Erdbeben, es war wohl am i. September, leistete sich der Stb'ist«'' Iwan Jakowlewitstv zwei Flaschen russischen Bittern. Wozu die erst lange aufheben? Her damit! Und war» auch' noch vor Schluß der Arbeitswoche! Er ergab fick' dem Genuss« mit um fo'luto überfahren, oder ein Hund hätte mir Hand oder Fuß abgeknabbert. Es wird wohl nichts übrig bleiben, als das Trinken einzufchränken oder auch ganz auszugeben." Immer übler wird ihm von allen Gedanken. Er wird ganz melancholisch, zieht die restliche halbe Flasche aus der Tasche und gießt sie sich vor lauter Betrübnis in die Kehle. Nun hat er seinen neuen Rausch weg. Um so mehr, als er seit langem nichts gegessen hat und sein Kopf noch von der ersten Trunkenheit recht benommen ist. Taumelnd erhebt er sich und schwankt aufs neu« durch die Gasszin. Da geht er nun. und seine schnapsgetrübten Augen wollen di« Straße nicht wrcdererkennen. In zusammengeballten Massen wogt das Volk. Alles ist auf der Straße. Die Häuser sind leer. Und all« Leute haben ein gar seltsames Aussehen. Sie sind alle halb nackt. Snopow geht und geht und erschauert in tiefster Seele.„Herr des Himmels", denkt er,„in welches Rest bin ich hineingeraten? Oder sollte ich gar Per Schiff nach Batum gekommen sein? Öder was sonst?" Trunken geht er und möchte laut aufschluch- zen. Schon ist er auf der Landstraße und geht und geht, ohne sich auszukennen, bis er am Wege vor übermäßiger Trunkenheit niedersinkt und einschläft, schläft wie ein Toter. Finster ist's, als er wieder zu sich kommt. Es ist Abend. Sterne flimmern über feinem Haupte. Er spürt Kält« m allen Gliedern und merkt bald den Grund. Er liegt ja am Wege, entkleidet und ohne Schuhzeug; nur die Unterwäsche hat er an— er fft ausge- . plündert.„Herrgott, wo lieg' ich nun schon wieder?" Ihm wild angst und bange. Mit einem Sprunge steht er auf nackten Füßen, eflt den Weg entlang. In fliehender-Hast legt er an die anderthalb Meilen zurück. Dann stickt er auf einen Meilenstein und schaut trübselig vor sich hin. Die Gegend ist ihm unbekannt, und er vermag keinen klaren Gedanken zu fassen. Wieder kriecht ihm Kälte durch Körper und Seele. Obendrein spürt er einen wahnwitzigen Hunger. Erst als der Morgen kommt, erfichrt er von der Katastrophe. Er spricht einen Passanten an. ..Weshalb treibst du dich in Unterwäsche umher?" fragt ihn der Passant. ^Weshalb?— Das weiß ich selber nichts» Sie kommen ins Gespräch.- Der andre sagt: „Es sind an die 30 Werft von hier bis nach Jalta. Du hast dich aber schön verlaufen." So erfährt Snopow vom Erdbeben, erfährt, was alles zerstört worden ist, und was noch stündlich in Trümmer geht. In höchlichster Bestürzung strebt er der Stadt zu. In Unterwäsche durchquert er ganz Jalta. Des Erdbebens wegen findet nie- nrand das weiter verwunderlich. Es hätte übrigens auch sonst kaum jemand Anstoß daran genommen. Als Snopow seine Verluste überschlägt, findet er: es ist eine ganze Menge gestohlen worden: 60 Rubel an barem Gelbe, ein Rock im Werte von 8 Rubeln, eine Hose für anderthalb Rubel und«in Paar neue Sandalen. Insgesamt' hat er 100 Rubel eingebüßt, nicht eingerechnet die zerstörte Hütte. Da beschließt Iwan Jakowlewitsch, nach Charkow zu fahren, um sich von seiner Leidenschaft zum Alkohol heilen zu lassen, denn er findet, daß die Trunksucht ihn gar teuer zu stoben gekonlmen fft. tDeuffch von Wanda Waldenburg.) Nr. 304 Sonntag, 25. Dezember 1982 so»« u Mas ist ein Mensch, de» GelaMelt lehlt? der 11. 18 Prager Zeitung 1832 ö n f* f Beim Einkauf von MMeUrmgen aus dem PnülUum. 10-VA 1849 Schutzmarke 1472 } Verlanget überall Vereinsnadirithten IS 'G st Am LGe- 2 K, für weidi« durch ihre Form~ versehen mit unbrennbarem Grille, solider und dauerhafter Qualität, sämtliches bis jetzt erzeugtes Aluminiumßesdiirr übertrifft. Kunst und Wissen $ der Pa. HMNIR 4 Cie.. MLMM SIND DIE ALLERBESTEN I * (Die gesperrt gedruckten Filme können empfohlen werden.) Verlangen Sie in jeder Verkaufsstelle de» Konsumvereines SELCHWAREN der Firma HEGNER« Cie» PILSEN W Ein« ernste Gefahr für die Gesundheit ist die Grippe, welche derzeit in Nordböhmen besonders stark auftritt. Warten Sie nicht erst, bis auch Sic diese heimtückische Krankheit ergriffen hat, sondern beugen Sie durch die altbewährten Panflavin- Pastillen vor. 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Jauner, 3 Uhr: Kinder nach, mittag:„Kasperl-Puppenthe a ter"/i— Aufffihrnng eines„Lustigen Einakters". Marche W» ch« n blühen'(A 1).— Mittwoch, halb 8 Uhr:„Hoffmanns Erzählungen"(B 2).— Donnerstag, halb 8 Uhr: „Bor S o nnenu n t« rga ng"(C 1).— Freitag, halb 8 Uhr:„Wenn die kleinen Veilchen blühen"(D 2).— Samstag, 7 Uhr:„Hokuspokus"(C 2); halb 11 Uhr:'Silvester in d e r W u nde rb a r"(AA.), Spielplan der Kleine« Bühne. Sonntag, 3 Uhr „Bargeld lacht'; 8 Uhr:„Der Geist er z u g" (Erstaufführung).— Montag, 3 Uhr:„Ich habe ein«» Engel geheiratet"; 8 Uhr:-„Dcr Geisterzng".— Dienstag, 8 Uhr:„B a rg eld lacht".— Mittwoch, 8 Uhr:„Ich habe einen Engel geheiratet".(Bankbeamten II).— Donnerstag, 8 Uhr:„Bargeld lacht". Frei- tag,'8 Uhr:„Der Geisterzug"(Kulturvevbands- fteunde).— Samstag/ 7 Uhr:„DreimalOffen- bach"; halb 11 Uhr:„Susannens Geheim^ niz, Silvester-Ballett, Brüderlein fein'. unser, Prag», 14 Auslagen und Kaufzwang. nittellungcn der..IJranla" Weihnachts- und Neujahrs-Programm. Sonntag, 25. Dezember, halb H Uhr:„M i t -er Filmkamera durch Deutschland",- Kultuvsilm mit neuesten Ausnahmen, teilweise in Tonsassu'ng. Preise: 2—5 K. Filme in Prager Uditspieiitön&ern bis einschließlich Donnerstag, den 29. Dezember 1938. Wran-Urania:„Unter falscher Flagge." Adrig: „Anton Spelec.— der Scharfschütze." Alsa:„Bring sie lebend heim!" Beränek:„Maria Drclga." Flora: „Maria Draga." Gaumont:„Die oder keine." Hollywood:„Die oder kein«" Hvezda:„Anton Lpelee—■ der Scharfschütze." Kapitol:„Mit einem Lied auf den Lippen und Liebe im Herzen" Kinema, B.-Th.: Ortsgruppe Prag. Montag, den 26. Dezember, Abfahrt 8.38 Uhr vom Smichover Bahnhof nach Dobkichovice Wanderung Skalka. Führer S: r n a d SvlksMdtt Aktualitäten, Reportagen, Lustspiel«; halb 1 bis halb 8 Koruna:„Das Schiss der Selbstmörder." Metro:„Ein Mann mit Herz." Olympier„Der Pompfüneberer." Passage:„Liebe auf den ersten Ton." Praha:„Dos Schiff der Selbstmörder/' Radio: „Vergessene Patrioten." Skaut:„Das Haus an der Grenze."-Svetozor:„Ein Mann mit Herz." Alma: „Gitta hat ihr Herz entdeckt." Avion:„Süd-Expreß." Bajkal:„Gitta hat ihr Herz entdeckt" Favorit: „Moritz macht in Glück." Konvikt:„Vergessene Patrioten." Lido:„Maria Draga." Louvre:„Gilgi, eine von uns." Maeeska:„Gitta hat ihr Herz entdeckt." PerStyn:„Mein Herz ist noch:«dig." Roxyr„Gilgi, eine von uns." Valhek:„Ver- äessene Patrroten." Arademia:„Das Lied einer Pacht." Belvedere:„Unter falscher Flagge." Bcseda: „Marokko." Carlton:„Vergessene Patrioten." Illusion:„Vergessene Patrioten." Sport-Smichow: ,,V o r her Matura." U Vcjvodu:„Viktoria und ihr Husar." Aluminiumges^r verlangt heute die praktische Hausfrau im Geschält und Konsum nur einzig die gesetzlich geschützte Marke am 4. Feber Hernefael Weinverge Allgemeiner Angestellten-Vcrband, Prag II., Fügnerovo näm. 4. WO Bank der Cedioslovakischen Legionen 4 Platz-Exposituren:: 18 Filialen in Prag II.» Na Poricä 5 Saisonwechselstuben Aktienkapital: KI 70,000.000.—/ Reservefonds: Ki 100,000.000.- Telegr.-Adresse: Leoiobanka. Prag. Won-Serie: 205-5-1, 301-4-1. Bankdeschfiffie aller Art. MWWWWWWMWWW^»MWMM»WA $,‘4*--*1“> 8«iniM«niatknttantan| T»urt« Von P°sl." t‘mü«rl-^ Rv 86 euftdbX Jn,*h-,w> 4i’‘'^7'— K»«A ö K« Ä,-,»aaHä»r« u VH.-.- S-chnnt, mAm ImU Xm4»UNM d««chn«t. v« iUats«M-ltupge» W«»n-chtad.-»üditettuu»»»,» ist ja vom Weltmarkt nicht zu verdrängen^ Dir Katastrophe. Es kam anders. Schreckensnachrichten began nen sich zu verbreiten. Die besten Uebersee- Märkte bogamien an die asiattsche Konkurrenz verloren zu gehen. Und die schrecklichen Schatten der kapitalistischen Krise legten sich über Gablonz. Ueber das lebenslustige Gablonz, wo so gut ver dient und so leicht ausgegeben wurde. Und diese Krise— darüber sind sich alle Schichten einig— bedeutet aller Voraussicht nach den Unter gang einer blühenden Exportindustri«.. Einen Untergang, von dem es kein« Auferstehung gibt. Die gleich« hochgepnesen« kapitalistische E.nt- wickluug, di« dem alten Glasland den Weltmarkt eröffnet und scheinbar ewige Prosperität herauf- gefuhrt hat, die gleiche kapitalistische Entwicklung o estc n i ch t e t unerbittlich und unaufhaltsam den trügerischen Wohlstand und hinterlaßt beispiel loses und hoffnungsloses Elend. Der Schlußakt einer kapitalistischen Schicksals tragödie. Die letzte offizielle Statistik tveist für den Gablonzer Bezirk 14.393 Arbeitslos« aus, eine fürchterliche Rekordzahl.(Der Bezirk zählt an 62.000 Einwohner.).Halten wir uns an hie Lohn summen, Statistik der Bezirkskranken- Versicherung, so können wir die Bedeutung der Arbeitslosigkeit für das Wirtschaftsleben ganz klar seststellen. Im Vergleich zum Jahre 1929 ergibt sich dieser Statistik nach, daß infolge Aus scheidens vcrsicherungspflichtiger Personen aus dem Produktionsprozeß und Reduzierung der Löhne pro Woche um 2,600.000 Kronen weniger an Lohn ausgezahlt wird, als im Jahre 1929(das übrigens keines wegs zu den guten Jahven zählte). Berück sichtigt man noch di« Gr e m i a lk ranke n- . kafse, so kommt man zu dem Resultat, daß der Lobnausfull im Gablonzer Bezirk gegenüber 1929 nicht weniger als drei Millio nen Kronen pro Woche beträgt, so daß im Jahr an 160 M t lli on'e n K r o n en dem Bet brauch entzogen werden. Man braucht nicht wei ter auszumalen, was dies für Handel und Ge werbe bedeutet...„ r Vom Gablonzer Arbeiter. Nun sst zu bemerken, daß die offizielle Ziffer der gemeldeten Arbeitslosen in Gablonz noch weit weniger also sonstwo ein v o l l st ä n d i g e s Bild der Lage bietet. Abgt- sehen von den Ausgesteuerten und gewerkschaftlich nicht Organisierten, deren Zahl gerade in Gablonz sehr hoch sst, existiert« hier eine statte Schicht selbständig oder halbselbständig arbeitender Per sonen, Gürtler und Heimarbeiter aller erdeittlichen Art, die heute restlos prole- t a r i s i e r t ist. Es sst bezeichnend, daß schwierige und komplizierte Prozesseumdie Ver sicherung s p fl i cht anhängig sind, über deren Entscheidung sich die Schiedsgerichte den Kops zerbrechen. Es gab Arbeiter, die beispielsweise am eigenen Schlei fftuhl in der eigenen Bctriebsstätte für ihren Auftraggeber arbeiteten, solche die an gemietetem Arbeitsgerät saßen, aber auf eigene Rechnung tätig waren, solche, die ausschließlich im Dienste einer Finna standen usw. Kurzum, die Arbeitsverhältnisse waren vielfach modifiziert und vielfach äußerlich der felb- ständig-handwerksmäßigen Betriebsform ange glichen. Gerade diese Leute aber waren weit davon erttfernt, sich ihrer proletarischen Situasson be- anillllUllllllllllllilllllllllllllUllllllllllllilUUlllllllllllllHIIIIHIIIHUIIIIUIIIIIIIIIIIIHIIItllllllHIIIUIHIIIIIHIIItHllinillllHnilllllllllllllllllllllllllllllllllUlllllllllllllllllllltllUIIIIIIUIUIUIIIUlinilllNKIIIIIIIIIItlllll U nweihnachtliches. In himmelweiten Fernen, noch hinter allen Sternen, wohnt unsrer ,,Christen“ Gott.. Igend nahezu aller Schichten, die sich ohne eigene Schuld um die Freuden eines tätigen Daseins s betrogen sieht und die von einer düsteren Gegenwart einer noch schwärzeren Zukunft entgegengeht. Hier vollzieht sich der Prozeß eines G c n e- rationswgndels, einer Um-’und Abkehr, der höchste Beachtung verdient, umso mehr, wenn man sieht, welchen Einflüssen von links- und rechtsradikaler Seite diese Jugend ausgesetzt ist. Klein« Episoden. Dieses war der erst« Eindruck, der mich in Gablonz erwartete. Es war im Stadtpark zur ! Zeit der Mittagspause, sieben Grad Kälte, ein herrlicher, sonniger Dezembcrtag. Zwei Mädels gehen eingehängt auf den verschneiten Pattwegen. Dünne Mäntelchen, vielfach geflickte Strümpfe. Kontoristinnen, die ihre Mittagspause verbringen. Die eine macht sich los: ,—„Laß m ich mal erst Mittagessen." Aus der Aktentasche holte sie ztvei nicht eben große S ch e i ben trockenes Brot und begann mit Gier ihr« Mahlzeit... Nach einer Bersaininluitq kam ich in ein Kaffeehaus, um einige Notizen zu machen. Es war gegen Mitternacht. Das Lokal voll. Im . Winkel ein Spielautomat, umlagett von Spiekrn, die in schönem Wettciftr Kroncn- und Füufkroncnstücke«inwerfen, um alle heiligen Zeiten einmal einen Bruchteil ihres Einsatzes zurückzugewinnen. An zusammengescho- beiten Tischen amüsieren sich laut vorzüglich angezogene Gesellschaften. Weinflaschen stehen auf dem Tisch. Die Stimmung ist auf der Höhe, die Zechen gleichfalls. Der Zufall führt mir einen Bekannten in den Weg. Auf meine Frage lacht er nur:„Ach es-gibt in Gablonz noch viel«, me noch viel Geld übrig haben." Ich hörte mit Stamten, daß die Nachtlokale (neuerlich vermehrt um die„Ratsk e l l e r"- Weinstube im neuen Rathaus), sich durchwegs eines trefflichen Besuches erfreuen. Einzelne Lokale haben kostspielige Adaptionen vornehmen können. Es gibt Wittlich noch genug Leute in Gablonz, die die Krise in Wohlbefinden und Behaglichkeit zu überdauern gedenken und sollte sie in alle Ewigkeit dauern. Es sind die anderen Reprä- I Wir solVn uns vor ihm bangen, \ dieweil sie unbefangen | vergrößern unsre Not! i Ach ja, in weiten Fernen, in himmelweiten Fernen, noch hinter allen Sternen, wohnt unsrer„Christen“ Gott.. semanten der notleidenden Industrie, jene- die klug genug waren, beizeiten das unrentable Geschäft einzustcllen und das Hungern jene» „Volksgenossen' überlassen, die nichts besitzen, als ihre Arbeitskraft und denen also ei» solcher rechtzeitiger Rückzug aus der Krise nicht möglich war. Ans dem„A l t e n Markt" herrscht noch in spätester Nachtstunde(es war Freitag) heiteres Leben und Treiben alkoholisierter Heimkehrer. Fn der Mitte dieses jetzt repräsentabel hergerichtetcn Platzes erhebt sich das eben fertiggestellte imposante Rathaus. Die pompös beleuchtete llhr aus seinem Turm strahlt wie ein Leuchtturm über die Dächer dieser sonderbaren Stadt unter denen Zehntausend« schlaflos liegen,' weil Hunger und Sorge an ihrem Lager stehen und einige andere keinen Schlaf finden, well sie der allzu volle Magen drückt oderg^cr reichlich genossene Alkohol ihr Schlafzimmer in ein Ko- ruffel verwandelt. Not über dem Gebirge. Wer dem Elend, das über das Glasgebiet hereingebrochen ist, gerade itrs Antlitz sehen will, wer die ganze fürchterlich«, nackte Not ohne ablenkende- Nebeneindrückc in ihrem ganzen Grauen erkennen will, der muß ins„G e b i r g e" gehen, der Urheimat der alten Glasprodtiktton, nach Johannesberg, Grenzendorf, in die Gemeinden des obere» Kamnitztales, wie I o- 1 sefSt a l, Maxdorf usw. Gablonz ist das Zetttrtlm dieses Gebietes, die'Ausfallspfotte der in den Gebirgsgemeinden verstreuten Glas-' industrie. Im Gebirge tritt die vorstehend charatteri- siette Heimarbeit gegenüber dem technisch zentralisierten Fabriksbetrieb zurück. Aus der sozialen Situation der Bevölkerrtng ergab sich auch eine ganz andere Einstelluitg zur sozialistischen Bewegung, obwohl auch hier der Jttdiffe- rentismus eines Telles der proletarsschen Bevölkerung dem Vordringen des Sozialisnius schwere Hindcrniffe in den Weg legte., „Selige, fröhliche Weihnachtszeit.. , Sie steht vor der Türe und wird wettig Freude über das Bergland bringen. Vergebens we.rden sehnsüchtige Kinderaugen nach Geschenken suchen. Nein— cs wir kein Fest der Freüde sein. Der harte Bcrgwinter liegt über dem Gebirge. Die.Hänge find verschneit und das Quecksilber steht tief unter Null. Wohl dem, der wenig» steivs noch ent Dach über dem Kopf und Holz für den.Ofen hat. Wie fange noch? Wer durch die Dörfer des Gebirges streift merkt auf den ersten Wick keine sonderliche Veränderung. Die-Häuser sind ebenso peinlich sauber wie sonst, die Fenster blitzen, auch die Kleidung der Begegnenden ist sorgfältig instand gehalten. Die Vorliebe des schlesischen Stammes für Nettigkeit und Sattbctteit läßt keine Verwahrlosung zu. Wer aber näher zusieht, wird gewahr, wie blaß und schwächlich die Kinder großteils sind, wie eingefallen die Wangen der Erwachseiten, wie tief ihre Augen in den Höhlen liegen. Wir sind im Gebiete des Hungers... Ost liegt die schwere Last der Erhaltung einer ganzen Familie auf den schwachen Schuö tern der Jügettd. Bei der Station GreN'zen- d o r f der elektrischen Bahn kam ich mtt einem älteren Mann ins Gespräch. Er erwartete seine 17jährige Tochter, die in Gablonz als Schreibkraft angestellt ist. Er selbst ist seit anderthalb Jahren arbeitslos.„Trcihundertsünfzig Kronen hat sie im Monat!" Davon lebt die Familie. Sie Höhlt zu den glücklichen Familien, in denen wenigsteits e i n Familienmitglied Verdienst hat. Noch Verdienst hat.„Wenn sie das Niädl auch noch abbauen.. Er schließt mit einer verzweifelten.Handbewegung. Die Krone wird zum Kapital. Wie eß mit den anderen bestellt ist, die mit keinerlei Arbeitsverdienst mehr zu rechnen haben, davon erhielt ich in einem KaufmannS- laden eine lebendige Vorstellung. Ein kleines Mädelchen, so etwa fünf ooer sechs Jahre alt, verlangt schüchtern für sechzig Heller Zuk- k c r. Der Kaufmann zählt die Zuckerwürfel ab; es lohnt sich wohl nicht, ein solches Quantum abzuwiegen.„D ie Mutter läßt sagen, sie bringt die sechzig Heller morgen" richtet das blasse, magere Kind aus. Es war ein Sonntagseinkaus!—— Eine Krone ist heute unter der verelendeten Bevölkerung zu einem ansehnlichen Betrag qcw>'>-dett. Nlan möchte den Herren, die über die„Czech- karten" die Nase rümpfen, wünschen, sich einmal in diesen Elendsgebieten umzusehen, wo Tausende eben nur durch die Aktionen der sozialen Fürsorge vor dem Hungertod bewahrt bleiben. Fleisch ist für viele hier zu einem märchenhaften Begriff geworden.„Wir sind froh, wenn ivir am Sonntag einen Salzhering mit trockenen Kartoffeln haben. Das ist unser Sonntagsbraten, sagte mir ein junger Schleifer auf der Fahrt nach Joseftstal. In einem Greislerladen erfuhr ich, daß cs vielfach üblich geworden sei, Zichorie zur Bereitung des„Sonntagskafsecs" grammweise abzugcbcn, wie man auch den Zucker abgezählt verkauft. Man hat sich der Kaufkraft der Bevölkerung angepaßt. Nr. 304 t II Emmtag, 25. Dezember 1932 — Unter solchen Zeichen steht das Weihnachtsfest 1932. Die Löhne der Beschäftigte«. Wie sieht es aber mit jenen Glücklichen aus, die noch in Arbeit stehen? In der Kantine einer zu drei Vierteln stillgelegten Schleifmühle konnte ich mich mit eigenen Augen überzongen. Es war nach Lohnauszahlung. Eine Gruppe von itern saß mit mir an dem langen Tisch und stärkte sich mit einem heißen Kaffee zu dem langen Heimweg. Ein Genosse legte seine Auszahlung vor mir auf den Tisch: genau 63 K— der Wochenverdienst, eines wohlgemerk, hochqualifizierten Arbeiters.„Wir sind alle, wie wir da sitzen. Kurzarbeiter", erläuterte er.„Ob es Vollbeschäftigte gibt? Ja, da könnten Sie lange suchen gehen im ganzen Gebirge." Ein anderer schlägt auf den Tisch:„Meine Hand tu ich verwetten, daß keene zehn Leute mehr an Gebirge voll arbeiten tun." Später erfuhr ich von maßgebender Stelle, daß es tatsächlich so gut wie gar keine voll Beschäftigten mehr gebe. Was> aber dir Kurzarbeiter betrifft, so verdient nach zu- verlässigeiz Schätzungen über die Hälfte von ihnen weniger als 120 Kronen pro Monat. Und dies sind noch die relativ Glücklichen unter dieser intelligenten, tüchtigen und braven Arbeiterbevölkerung, die hier unter der grausamen Last deS kapitalistischen Welturcheils ächz:. Was nun? Diese verhängnisvolle Schicksalsfrage muß sich jedem aufdrängen, der den Industriefri cidhof des Glasgebirges durchwandert hat. Dieses relativ dicht bevölkerte Industriegebiet lebt längst nicht mehr, sondern vegetiert nur noch. Soll eine hochintelliaente und tüchtige Bevölkerung wirklich dem Untergang geweiht sein? Dr. Bg. Am 22. Dezember 1849 morgens••• Von Ilia Dubrowski. Eine sternenklar«, frostig« Dezembernacht lag über der Stadt. St. Petersburg schlief, eingehüllt in einLdicke, weiße Schnsedecke. Bon einer nahen Turmuhr klangen langsam und getragen fünf zitternde Glockenschläge, und gleich darauf evtviderten fünf Mal in verschiedenen Teilen der Stadt andere Uhren. Und dazwischen, in den langsamen und gleichmäßigen, tiefen kupfernen Klang, fiel ein Helles, fein abgetontes Glockenspiel. Dann wurde es wieder still; nur ab und zu klopften die Nachtwächter in ihre hölzernen Bretter, und hier und da bellte eine gestörter Hund. Weit am Newastrom, gegenüber-en am Ufer schlafenden Palästen, lag stumm, wie ein großes, graue- Ungeheuer, die Peter-Pauls-Festung, nist ihrer gegen den Himmel herausfordernd gerichteten, neädelartigen Spitze. Heute begann in der Festung das Anzeichen des Lebens ausnahmsweise etwas früher als gewöhnlich. In dem auf einem der vielen Hofe liegenden Wachthäuschen brannte bereits das Licht. Bald verließ eine Gruppe verschlafener Soldaten mit lautem Eisengepolter der schweren Gewehre das Haus, ging über den schmalen Weg deS verschneiten Hofes und verschwand, nachdem sich die Leut« ihre Stiefel an der Türschwelle vom Schnee abgeklopft haben, im Eingang des Hauptgebäudes, l Die dunklen, schmalen Kasematten der Festung, in denen politisch« Gefangene oft Jahrzehnte schmachteten, gleichen alten vernachlässigten Grüften. In einer der Kasematten schlummerte am Fußende der Schlafbank, angelehnt an die feuchte Wand, ein junger Mann. Er war schlank und hager, fern knochiges, blasses Gesicht umrahmte ein dunkler Bart, und die hohe und breit«, muskulöse Stirn verlieh chm den Ausdruck der Erhabenheit und Intelligenz. Er war mit Mühe erst um zwei Uhr eingeschlafen; inzwischen tvachte «r jede Stunde auf. Die stickige Luft der Kasematte störte ihn. und seine schmale Hand zuckte nevvös an der Decke oder griff immer an die gleiche Stelle seiner Brust, di« ihn scheinbar schmerzte.. Schräg gegenüber der Schlafstelle stand ein großer Tisch. Darauf lag«in ganzer Berg von teilweise beschriebenem Papier, eine dicke Bibel in französischer Sprache, ein paar andere Bücher, einige Hefte der Zeitschrift„Vaterländische Aufzeichnungen" und ein« selbstgemacht« Kalender- tafel, worauf alle Tage, von April bis 22. Dezember, durchgestrichen waren; daneben stand ein Wasserkrug und eine halbabgebrannte Kerze, dir dem Gefangenen als besondere Begünstigung gewährt wurde. Der junge Mann schlief sehr unruhig und atmete laut und ungleichmäßig; ab und zu murmelt« er auch etwas im Traume vor sich hin. An der Tür wurde leise gerüttelt, und int' selben Augenblick schlug der Gefangene die Augen auf. Durch di« aufgemachte Türklappe fiel ein schmaler Lichtstreifen in di« Kasematte, und das bekannte Gesicht des alten Korporals schaute hinein. „Dostojewski!" Der Gefangene rührte sich nicht; dann sagte er leise:„Ja!" „Aufstehen,.. Fertigmachen!" Und wieder wurde es dunkel. Noch ein« Weile blieb der junge Mann unbeweglich sitzen— er überlegte: hat er den» wirklich so lange geschlafen? Aber es ist noch so dunkel... Das Fensterchen da oben ist noch kaum zu erkennen. Wie spät mag es jetzt sein?— Er stand auf. zündete di« Kerze an und begann sich langsam in Ordnung zu bringen. In einer halben Stunde knarrte das Schloß und die schwere, erienbeschlagene Tür ging auf. Der alte Korporal brachte beißes Wasser zum Tee und ging wortlos hinaus. Wie sonderbar schweigsam ist er heut«— dachte der Gefangene; und inst'nktiv überkam ihn selbst das Gefühl einer seltsamen Unruhe. Oben, durch das Quadrat deS Fenstergitters, kroch ein grauer Schimmer des aufkomntenden Tages in die Kammer hinein... Etwas später kam d«r Korporal in Begleitung eines Offiziers wieder. Der Gefangene— Fjodor MUchailowitsch Dostojewski mußte sich anziehen und mitkommen. Im längen, hohen Korridor war es bereits hell. Am Ende des Ganges standen die anderen Kameraden. Dlan zählte: 21 Mann!— Keiner von ihnen redete, doch jeder einzeln« fühlte, daß heute irgendwas geschehen, irgendeine wichtige Entscheidung kommen würde. Vielleicht führt« man sie noch einmal zum Ver hör?— In Begleitung bewaffneter Soldaten gingen sie di«, Treppe hinunter; dann durchquerten alle einen breiten Hof. Dostojewski blickte sich um: hier durfte er im Sommer manchmal eine Stunde spazieren gehen; siebzehn Baum« zählt« er darin— das war für ihn damals ein großer, wunderschöner Paick.., Die schwere Tür des Hofes ging auf, und die Gefangenen traten in«inen zweiten, etwas größeren Hof. Aber was sollte das bedeuten...? Wozu standen hier diese großen, ungemütlichen Mili- tävwagen? Und das berittene Militär?— Bis jetzt verhielten sich all« ruhig, aber beim Anblick dieser Wagen begannen di« Gefangenen nervös und laut zu sprechen.— Man stieg ein, die Wagentüren wurden zugeklappt, die Kavallerie flankierte di« Seiten, und der ganze Zug verließ im schnellen Trab die Festung. Dostojewski saß zum Glück am Wagenfenster. Er schaute auf den klaren, bläulichen Himmel, auf die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne, auf den di« Augen blendenden, weißen Schnee, auf die Straßen— alles ihm bekannte Straßen— und die Menschen, die sich frei und friedlich bewegen, Menschen, die er seit acht Monaten so nicht gesehen hat— und er dachte:„Wie schön ist das Leben— das freie Leben!" Der Gedanke wurde wieder wach in ihm: weshalb fährt er jetzt eigentlich mit? Woraus bestand lein Verbrechen? Daß er, wie auch viele andere Intellektuelle, sich von Charles Fouriers sozialpolitischen Utopien hinreißen ließ?'Aber es war doch nur ein« rein theoretische Auseinandersetzung mit jenen Problemen, die gerade Rußland »o furchtbar quälten. Wie konnte man da auch stillschweigend Vorbeigehen, wenn man nur einen einzigen Funken des Mitgefühls und der Verantwortung besaß?! Zweifellos fürchtet« der Kaiser einen gewaltigen Umsturz... O, wie töricht! Der Zug bog in eine schmale Straße hinein. Ein bärtiger Pförtner schippte ruhig Schnee vom Bürgersteig, und Dostojewski schien, als ob sich ihre Augen trafen. Wie beneidete er jetzt diesen Pförtner!... Ein kleiner Hund warf sich mit schrecklichem Gebell dem Wagen entgegen. Zwei in schwere Pelze eingehüllte Studenten blieben iteugierig stehen.„Was macht wohl jetzt der Bruder?" dachte Dostojewski weiter.„Gott sei Dank, daß er wenigstens freikam... Und die Eltern in Moskau werden wohl von all dem noch qgr nichts gehört haben-" Auf einmal fuhr der Zug auf«in fre'-S 'Gelände und* hielt. Dostojewski und di« and-ren stiegen aus. Ach,— das war ja der Semjonow- che Platz! Wie oft exerzierte er hier, noch währen- seiner Studienzeit... Ein Hustenanfall bettel iqn. Mitten auf dem verschneiten von der aufgegangenen Sonne wie mit glitzerndem Goldpulver überstreuten Platz war ein« Kompagnie Soldaten aufgestellt. Daneben stand eine Grupp- von Offizieren und Justizbeamten. Dorthin wurden di« Gefangenen dirigiert, und j« näher sie kamen, desto stärker wurde ihr Angstgefühl vor dem Ungewissen. Jetzt sahen sie plötzlich gegenüber der Kompagnie drei eingebaut«, dick« Holzpfeiler stehen. Hier machten sie halt. Man zählte sie wieder. Verständnislos schauten sich die Gefangenen gegenseitig an, und scheu, wie eine schutzlose Herde vor herannahendem Gewitter, rückten sie näher einander. Eine schreckliche Vermutung stieg in jedem einzelnen von ihnen auf, doch kraute sich keiner, diese Vermutung laut auszu- 'prechen. So standen sie all« da, blaß, übernächtet, mit fiebrigen Augen und warteten auf das weiter« Geschehen. Nach einer Weile hörte man Kommandorufe, und die Kompagnie nahm das Gewehr über. Ein iunger Hauptmann trat hervor und mit heller Stimme begann er laut das Urteil zu lesen. Wenn«r in den kleinen Atempausen, die er nach jedem Satz machte, aufblicken konnte, sah er di« grau« Gruppe lauschender Menschen sich gegenüber, deren Augen unbeweglich auf ihn ger'chtet waren. Er fühlt«, wie diese entsetzten Blicke ihn -est-unageln schienen, und dieser Umstand stör:« chn sehr beim Vorlesen: eine leicht« Bläffe trat auf seinem Gesicht, und je weiter er laS, desto unsicherer klang sein« Stimm«, als wenn er fern .ngenes Urteil spreche. Als er endet« herrscht« «in Paar Sekunden fast absolute Still«. Nur'N >en Ihren der Gefanaenen klangen noch ganz deutlich di« letzten Worte des Hauptmanns: ,,.... Todesstrafe durch Erschießen."— Es war chwer im Moment die furchtbare Bedeutung dieser Worte zu erfassen. Dostojewski schien, als ständen sie, wie rote Buchstaben, vor ihm in der Luft erstarrt. Die grausame Vermutung wurde zur Gewißheit. Und gleichzeitig, wie ein eiliges Fliehen vor der gräßlichen Gegenwart, zog sein früheres Leben blitzschnell in seinem Gedächtnis vorüber: die Kindheit, in der Dienstwohnung eines Moskauer Krankerrhauses, der nervöse, ständig gereizt« Vater in seinem iveihen Arztkittel, die geliebten Brüder, St. Petersburg und die militärische Ingenieurschule, mit ihren Strapazen und Entbehrungen, die ihm jetzt nur als etwas Angenehmes vorkam; die halbkowspirativen Zu- sammenkünfl« bei Petraschewski, und schließlich jene Nacht seiner Verhaftung, wo er als„Hochverräter" in die Festung übergeführt wurde. Das alles zog jetzt schnell und wehmutsvoll vorüber und erlosch, als wenn unter seiner Lebensbilanz ein Strich gezogen wurde... Plötzlich sah er ein anderes, unbekanntes Gesicht, und das kalte Metall des Kruzifixes berührte seine Lippen. Der Geistliche segnete chn und ging zu dem Nächsten. Zwei Leutnants kamen heran und zerbrachen über dem Kopfe eines jeden Verurteilten einen Säbel. Fassungslos, ließ sich Dostojewski wie die übrigen«in langes, Weißes Totenhemd anziehen. Man verteilt« sie in Gruppen zu je drei Mann. Dostojewski tvar als sechster in der zweiten Gruppe. Verzweifelt starrte er auf zwei starke Grenadiere, welche etwas hastig die drei leichenblassen Menschen vorn« an die Pfeiler banden. „Fit das möglich", dachte er,„man wird einfach auf die friedlichen, wehrlosen Menschen schießen? Auf widerspruchslosen Befehl? Weshalb?!—" Seme Gedanken irrten. ,Hetzen..., leben...., leben..., hämmerte es ihm im Kopfe. Es begann ein tolles, hilfloses Klammern an ein ephemeres Etwa-:— was wäre, wenn man nicht sterben sollte? Wenn man das Leben zurückrufen könnte — welch«ine Unendlichkeit! Dann hätte er jede Minute in ein Jahrhundert verwandelt, jede Minute gezählt, um auch nichts unnütz zu verlieren! Er sah sich um: neben ihm standen seine Kameraden Pleschtschejew und Durow; wortlos kielen di« drei zum Abschied einander in die Arme. Ein schriller, dreifacher Trommelwirbel zerriß in diesem Augenblick die Spannung. Alles schaute verwundert nach vorne, wv ein großer, streng aussehender Oberst ein Papier in der Hand hielt, bereit, ettvas vorzulesen. Und siehe— man band die drei Kameraden von den Pfeilern wjedex. Weihnachtslegende. Weihnacht! Was ist das noch? Den braven Kleinen ei« unbegriffenr- Geschenk, rin Baum, und sollte doch die Herzen so vereinen, daß Stern und Trost von einem Himmel scheinen der mehr ist als ein dentungsloser Ranm. Du sollst der Mutter denken auf dr« Gassen die obdachlos ihr Haupt auf Holz und Stet zur Ruhe betten und so gottverlassen mit ihrem Kind« find, daß fie die Erd« has' und dich«nd sich und den verlogenen Sch- der Lichter zwischen aufgeputzten Fichten, von denen keins so überirdisch brennt wie die Laterne vor dem arme«, schlichten Büblein im Stall,... von dem fi« wo berichte daß man cs Güte, Liebe, Friede« nennt. Edmund Finte. los. Wa- war geschehen?— In ungewisser, freudiger Erwartung schlug das Blut heftig in den Ädern; der goldglitzernde Schnee blendete die Augen, die Kirchenkuppeln schienen im Feuer aufzugehen, und di« ganze Luft war wie aufgelöst -im Sonnenlicht. Der Oberst sprach, und wie ein befreiendes Aufatmen, ging«in tiefer, erleichterter Seufzer durch die Gruppen der Gefangenen. Einige bekreuzigten sich. ,Mne grausige Komödie..." flüsterte jemand; aber niemand hörte auf ihn. Auch di« finsteren Gesichter der Soldaten schienen Heller, und ein weicherer Ausdruck umspielte ihre Züge. Als ob die Welle der Entspannung rollte von den Leuten in weißen Totengewändern auch über di« strammen Reihen der Soldaien hinweg... Zwei Tage später, in der Nacht vom 24. zum 25. Dezember, während die Glocken Rußland- zur Weihnachtsfeier schlugen, verließ ei« einsamer Schlitten St. Petersburg in östlicher Richtung. In der Tief« deS niedrigen, gedeckten Schlitten-, schlummert« ein an Händen und Füßen geketteter Mann. Borne, neben dem Kutscher, saß«in alter Landjäger; hinter. dem linken Aermelaufschläg seines dicken Militärmantels hatte er Papiere-«- im Schlitteninnern liegenden Mannes. ES stand daraus: Dostojewski, Fjodor Michailowitsch, begnadigt zu vier Jahren Zuchthaus in Sibirien und drei Jahren Militärdienst an der Front. Die Geburt. Die ganze Nacht war Sturm gewesen. Er rüttelte an den Türen und ließ di« Menschen nicht schlafen. Damals waren viele Fremde in der Stadt, die der Kaiser zur Schätzung gerufen. Die Herbergen und Schenken waren voll. Uebervoll. Selbst auf dem Markte, auf nackter Erde, hatten sich welche gelagert und die Hausväter hatten Weithergereiste ausgenommen— so von Fremden voll war die Stadt. Und plötzlich war der Sturm gekommen, ohne daß man es ahnte. Er riß an den Fensterläden und stieß gegen die Türen, klappert« mit den losen Schindeln und schrie und seufzte um die Häuser. Er erfüllte die Menschen mit Schrek- ken und Besorgnis. Mit den vielen Gästen tn ihrem Schoß, war es deutlich, daß die Stadt vor ihm verzagte, denn in der Fremde wird den Menschen alles schwer, seltsam und furchtbar uiid sie müssen der Heimat gedenken und all dem, was hinter ihnen liegt. Der nächste Tag schien nicht empordämmern zu wollen; alles, waS mit ihm zusammenhing, erschien düster, wenn nicht geradezu schrecklich. In den Herbergen schwollen die Seufzer. Frauen schrien aus dem Schlaf« und es waren Schreie wie von Kreißenden. Größere Knaben, die, ihre Mannhaftigkeit zu beweisen, selbst vor Schreckhaften nicht verzagten, begannen zu weinen. Unter den wachenden Männern gingen seltsame Reden. Alles erwartete mit Ungeduld den Tag, schien er auch Böses zu bergen. Draußen ging mit unverminderter Kraft der Sturm. Karawanen, die später am Morgen eintrafen, und die durch die ganze Nacht unterwegs gewesen waren, brachten die Kunde mit, daß der Wind, der von den Bergen heruntertobte, seltsam warm gewesen sei, wie es um diese Jahreszeit verwunderlich, wenn nicht sogar ein Wunder! Waren doch nicht vor langem in den kalten Bergwinden in einer Nacht etliche Wanderer umge- kommen. Woher der ungeheure und dabei so durchwärmte Wind aus den Bergen gekommen, blieb ein Rätsel. In dieser Nacht, so wurde später auch erzählt, sei am Himmel kein einziger Stern sichtbar gewesen, bis auf die Stunde, da der Sturm sein Ende genommen, ebenso rasch und überraschend, wie er gekommen war. In der Finsternis habe nur die Erde eigentümlich, phosphoreszierend, geleuchtet, so daß alle Wege sichtbar blieben, die zur Stadt führten. Das Volk war damals in großer Unruhe. Schon über ein Jahr hing am Himmel ein Zeichen, Dürren waren im Lande gewesen und unter dem Druck der Soldaten des fernen Kaisers seufzte das Volk. Haufen von Bettlern zogen in Menge durch die Landstriche und unter ihnen standen etliche auf, die vom Geist ergriffen waren, in Zungen redeten, und den baldigen Untergang prophezeiten. Gerüchte von seltsamen Ereignissen verbreiteten sich mit Eiligkeit und Botschaften flogen von Ort zu Ort. Es waren meist falsche Gerüchte, die der Einbildung und der allgemeinen Erregung entsprangen. Trotz dem begannen viele, die von ihnen hörten, an sie zu glauben, mochten sie auch noch so unsinnig sein und alle Siegel des Unwahrscheinlichen tragen. Vielleicht versetzte auch darum jene Sturmnacht die Bewohner der Stadt und das fremde, zugewanderte Volk in solche Erregung. Als der Tag anbrach, ein unselig trüber und trauriger Tag— der Sturm hatte sich bei Morgengrauen gelegt— strömten die Menschen auf die Straßen. Auf dem Markte hatten die Töpfer ihr« Buden. Sie waren vom Sturm umgerissen worden; soweit aber auch das Gut auf den Boden hingestreut lag, nichts davon war zerscherbt.— Auch davon verbreitete sich mit großer Schnelligkeit die Kunde. Es schien den Menschen, die sich durch die Straßen drängten, als müsse sich nun bald etwas ereignen, etwas, das unerhört sei! Vielleicht auch ettvaS Furchtbares. Trotzdem wünschte jeder; daß es bald geschehen möge, daß die unerträgliche Ungewißheit ein Ende nehme. Bon Unrast getrieben, hasttete die Menge ohne Ziel und Sinn über die Plätze. Dabei hätte keiner angeben können, was geschehen sollte und was sein Herz mit solch rätselhafter Schwere füllte. Auf dem Markte stand einer auf und begann zum Volk zu reden. Solche Reden und solche Redner hatte man schon viele gehört: man achtete des Mannes nicht sehr. Es war kein Schriftgelehrter, sondern einer aus dem Volke. Es gab damals viele, die das Wort plötzlich in sich fühlten. Der Mann schrie über die Gelehrten und die Hüter des Wortes, über die Zöllner und die Sadduzäer und über die Sitten der Reichen. Er schrie über die Not der Armen,— sie war damals sehr groß. Der Mann war bleich und hager,— man wußte später, daß er großen Hunger gelitten hatte. Da er gegen den Kaiser zu eifern begann und in seiner plumpen Bauernsprache auch vom Messias und seinem kommenden Reiche schrie, stießen ihn die Legionäre hinweg und setzten ihn gefangen. Das Volk murrte zwar, aber eS widersetzte sich nicht. Es hatten nur wenige auf jenen gehört. Er wurde geschlagen und dann wieder freigelassen. Es ereignete sich nichts mehr. Später am Tage beruhigten sich die Menschen wieder. Aengst- liche zwar, beeilten sich, sich abschätzen zu lassen, um von dem Ort, an dem sie solche schmerzliche Unrast getroffen, fortzukommen. Spater konnte sich niemand erklären, woher das schwere Gefühl gekommen, das so allgemein gewesen und dabei so hart zu tragen, wie ein böser Traum.— Man schrieb es der großen Unruhe zu, die damals im Volke war. Am Nachmittag, als sich die Menge, wie immer, vor dem Hause drängte, in dem die Schätzung vorgenommen wurde, erzählte einer, daß, wahrend der Sturm gewütet, in einem Stall vor der Stadt, eine Nazarenerin ein Kind geboren habe. Einen Knaben. Ein armes Weib. Dawar die Geburt Christi. Franz Trescher. Somrtag, 26. Dezember 1932 ni Nr. 304 Weihnachten am Rande ein gutes durch meterhohe Schneewehen, um V. 1928 bummelten wir fechten- von Antibes nach Nizza. Weihnacht erlebt«» wir bei Helle« IE 1925 überlegten wir lange, was wir tun sollten: in das Trapisten- kloster gehen oder hinter einer Mauer Platte beißen. Das Wetter und unser Geldbeutel zwangen«ns schließlich, den vernünftigen Weg ein- zuschlagen. Also schlürften wir durch lichtlose Marseiller Gassen nach dem Oeuvre. Hospitaliere. Beim Abgeben der Papiere sagte der Torhüter: »Heute ist Weihnacht!" Was scherte uns das. Wir hatten die Nase voll. Uns war«in Tag wie der andere: 30 Kilometer Marsch, Hunger und Kälte. Weihnacht galt uns nur als Gradmesser des Winters: die kälteste Jahreszeit stand unS bevor! Nach einem köstlichen Bade in heißem Master hockten wir mit der zusammengewürfelten Gesellschaft der internationalsten Stadt Frankreichs nächst Paris an rohen Tisch, Erfahrungen und Erlebnisse austauschend. Um uns herum, an anderen Tischen, saßen Neger und Malaien, die im Hafen schwer arbeiten und doch nicht daS Geld aufbringen können, sich Ouartier zu leisten. Gegenüber tuschelten Chauffeure und Straßenarbeiier, die dank ihrem geringen Verdienste gezwungen sind, im öffentlichen Asyle zu nächtigen. Das Gros an unserem Tilche rekrutiert« sich aus ehemaligen Legionären, die deute von Algier und Oran herübergekomnien waren. Sie beulten wie die Kinder. Teils vor Freude, wieder europäischen Boden unter den Füßen zu haben, teils aus Furcht vor der ungewissen Zukunft. Einige zungc Kunden aus Deutschland und Oesterreich fragten sie auS, weil sic in die Legion gehen wollten. Aber aus den psychisch abgestumpften,.mürben Männern war kein vernünftiges Wort herauszubckommen. Kurz vor neun wurde eine uns ilnverständ- liche Predigt mit allerhand zerrmoniösem Kram abgehalten, die uns wie eine Komödie vorkam. Hernach erhielten wir mit salbungsvollen Worten anläßlich des WeihnachtsfefteS doppelte Portionen zweifelhafter Suppe und ein Stück Weißbrot. Dann aber hieß es schlafen gehen in die großen Schlafsäle, die«auber und luftig sind. Diese Nacht werden wir nicht vergessen. Anter den 300 Mann im Saale war«ine Unruhe, die die ganze Nacht anhielt. Was die Gemüter erregte. i«i dahingestellt. Vielleicht war«S die Predigt vielleicht auch di« Supp«, in der viel« Schwaben gefunden wurden. Ein Neger eröffnete Heu Tumult. Er litt an Wachträumen. Entsetz- I. DaS war 1924 im Naßfeld bei Böckstein im Gasteiner Tal. Ende Oktober waren wir froh gewesen, als Obertagearbeiter bei der Gewerkschaft Rathausberg unterzukommen. DaS 1700 Meter hoch gelegene Goldbergwerk war seit jeher ein Winterschlupf der Leute von der Landstraße. Biel zu verdienen gab es nicht, aber man hatte ein wenn auch dürftiges Dach über dem Kopfe und sicheres Brot. Zu sechs lagen wir auf der Barackenstube: zwei Reichsdeutsche und ein Steirer, junge Menschen, und ein Kroate, ein Tscheche und ein Däne, Speckjäger ältesten Ranges. Ob- wcchl wir Politisch verschiedener Meinung waren» vertrugen wir uns. Wir waren aufeinander angewiesen in allen Dingen. Am 24. Dezember zerschlug sich unsere Gemeinschaft: Wir hatten zweit« Schicht bis 10 Uhr abends. DaS Wetter war unfreundlich. Tag- über hatte eS geschneit, und gegen Abend blies «in häßlicher Wind eisige Kälte von den Tauern. Mit steifen Knochen, todmüde, stapften wir nach unserer Baracke. Wir wollten Weihnacht feiern, wie eS unter landfremden Kumpels üblich ist: Ehedem mit Kartenspielen und Trinkgelagen, hatten wir unS dorgenommen, ins Tal hinabzusteigen. Lawinengefahr ließ unS den Plan verwerfen. Gegen Mitternacht schwell« in der Stube dicker Tabaksqualm. Es stank nach Bier und Wein. Bon den Nachbarbaracken waren Kameraden gekommen, die nach Knoblauch und Hammelfleisch rochen. Die Gemüter waren erhitzt. Wir warfen mit Zoten umher, daß eS nur so aufgeilte. Und plötzlich brachte einer die Rede auf das einzige weiblich« Wesen im Naßfeld, auf das Kantinenmädchen, die als unnahbar galt. Jeder brüstet« sich, mit ihr etwas zu haben. Wir lachten uns gegenseitig aus, nannten uns abgefeimt« Lügner. Dann stichelten wir so laüge, bis eine Rauferei aufkam. Am 25. Dezember mußten wir mit fünf Kameraden unser Bündel packen, weil wir im Suff die Barack« demoliert hatten. UnS traf es dop- pell schwer; denn im Spiel hatten wir unsere Ersparnisse verloren. Schrecklich ernüchtert und voller Bangen vor dem Kommenden schleppten wir uns durch den kalten Tag, unbekanntem Ziele z«. In Bad Gastein läuteten die Glocken zur Weihnachtsmesse... Ä iÄ-•■Ti i• flE lich brüllend sprang er aus dem Bett, hob das Drahtding aus und schleuderte es in eine Ecke. Schaum vorm Munde brach er zusammen. Währenddessen kroch ein idiotischer Provencler zwischen den Betten umher, di« Schuhe der anderen küssend. Neben uns lag ein Asthmaleidender, der in einemsort stöhnte. Links von uns röchelt« ein Lungenkranker häßlich. In der Fensterreihe war zwischen einem Spanier und einem Italiener ein Gebalge ausaebrochen, das wuchs über den ganzen Saal. Em Speckjäger schlug vor seinem Bette sein Waffer ab. Es war ekelhaft. Wir habe» diese Nacht kein Auge zugetan. Erst als der Morgen in den Saal kroch, atmeten wir auf. Und nach 7 Uhr standen wir nüchternen Magens im feinep Sprühregen am feiertäglichen alten Hafen und starrten nach der Menschenmenge, die nach dem Hügel von Notre-Dame dela Garde hinaufpilgerte... Hl. Ein Jahr später höhnten wir unS mühsam ,'sneu Weg Sechsmal'Weifmatfiten Von Kerftetf tTMnttotd. von Barnim nach Rutteck in der Slowakei zu kommen. Aus dem Dorf« Barnim hotten uns die Zigeuner gejagt, weil wir abgelehnt hatten, an«hrer Mahlzeit teilzunehmen. In Rutteck sollte es Deutschsprechende geben. Deshalb wollten wir in stocvunkler Nacht dorthin. Unsere Straße zwengelte sich das enge Waagtal auswärts. Bon den hohen Felsen krachten Staublawinen nieder. Nordoststurm heulte. Harter Schnee knisterte unter unseren Füßen. W>r achteten nicht des Tobens der Naturkräfte. Wir dösten. Gern hätte einer dem anderen ins Gesicht geschrien:»Du trägst di« Schuld, daß wir hier traben! Du allein! Du!" Da wir aber wußten, daß ein« solche Art der Unterhaltung unersprießlich ist,>chwi«gen wir. Nur sprecheiide Blick« sagten, was wir dachte:?. Bc:- ßende Kälte ließ uns in die speckigen Mäntel kriechen und an sonnige Tage denken, auch— zum ersten Mal«, seit wir die Straßen der Welt kreuzten— an di« warmen Stuben in der Heimat, Eine Sternschnuppe knallte von den Wolken in di« Dunkelheit. Da blickten wir auf. Di« Straße wand sich in riesigen Kurven. Ein Wei. 'er zeigte lwjj Rutteck. 15 Kilometer. Bor uns lief das Schienengestränge der eingleisigen Tatra- Und urplötzlich, wi« aus dem Boden gestampft» waren vor uns zwei feurige Augen: E i n Z u g! Wir liefen, was wir laufen konnten. Wir liefen um unser Leben! Dem Zug entgegen!... Wir schlossen di« Augen, preßten uns hart an di« rußigen Wände und zitterten... Es braust« an uns vorbei... Wir spürten di? Wagen... Wir hörten den Luftzug! UnS fror, während der Schweiß in die Kleider sickerte."Dann brachen wir nieder... Wie lange wir dagelegen haben?' Wir wissen eS nicht. Aber im Osten zeigten sich die ersten Boten des neuen Tages, als wir noch schlotternd aus dem Tunnel traten. Auf der Straße gab mir mein Kamerad die Hand und sagte:„ScrvuS!... Danke schön!.•• Noch ein Jahr mach« ich daS nicht mit! DaS war Weihnacht, Freund!" IV. 1927 gab uns der große Schneefall während der ersten Dezemberwochen einigen Verdienst. Zwe» Tage vor Weihnacht war Taumelter«in«, treten, daS uns erwerbslos machte. Am 24. Dezember meldeten wir ums beim Arbeitsamt d«r Heimatstadt. Arbeitslos!.... Hunger!.... Kälte!... Auch in der Heimat, nach der wir uns fünf Jahr« gesehnt hatten!... Der schwüle Abend fand unS im Dinkel unserer einfachen Bude, rechneiid. Die Rechnung war einfach: Wir krochen in die Betten und erinnerten uns unangenehmerer Tage draußen in der Welt... bahn über die Waag in ein schwarzes-Loch, eiuen knapp pvei Meter breiten Tunnel. Wir schätzten seine Tiefe fünfhundert Meter. Mir war unbe« l haglich zumute. Ich dachte:„Wahnsinn!" Mem sKamerad dachl«:„Wahnsinn!". Aber keiner sagt« s ein Wort... Ueber dreihundert Meter waren wir im Berg. Das Loch wurde enger. Der Schienenweg schien uns«Mos. Wir fürchteten uns. Da platzte mein Kamerad heraus:„Jetzt ein Zug, und wir sind zur Katz."„Wenn schon," antwortete ich, Gelassenheit vortäufcherid.„Um diese Zeit kommt selten ein Zug. Und...? Es gibt nur zivei Möglichkeiten dann in diesem Loch: entweder wir gehen selbst heraus..'. oder wir werden getragen, daS heißt unser« Leichname... Jedenfalls... hier ist's wärmer." Wir beeilten uns... Mondenschein am Rand« des silbern glitzernden Mittelmeeres. Hinter uns brodelte das Leben derer, die von der Arbeitskraft Millionen werkender Menschen zehren. An diese Ausgebeuteten, die kämpften um die Befreiung ihrer Arbeit, dachten wir noch, als den Mond rot das Meer verschluckt«... VI. 1929 rief mich eine Gruppe freidenkender Sporlgenossen hinauf ins Fichtelgebirge, daS weiß lag unter der Decke Milliarden und Abermil- liarden feinster kristallischer Flocken. Wir waren alles Leut« auS den Steinhaufen der Städte. Knisternd bahnten sich unser« Skier den Weg auf vcrharvschtem Schnee zum Gipfel eines Berges. Dann standen wir oben und schauten zu Tal: tief unten zogen viele Menschlein zur Christmette. Ihre gelben Kerzen krochen bedächtig vorwärts. Bor einer Kirch« stauten sich die Lichter. Melodien schwermütiger Lieder schwangen sich zu unS herauf... Auf den Nachbarbergen aber brannten mit einem Male hellauflodernd« Feuer in die Nacht! Dort wußten wir Genossen! Auch sie feierten Wintersonnenwende. Da öffneten sich unsere Herzen. Wir traten zusammen zum Kreis. Ein Flammenbündel schoß in den grauen, schneeschwangeren Himmel,.. Wir reichten unS di« Hände, und ich sprach:„Genossen, oftmals hat di« strahlende Sonne ibr« Bahn gewendet, ehe die Arbeiterschaft sich zu llarer Erkenntnis durchgerungen hat. Vielmals wird sie ihr« Bahn noch wenden, ehe wir unser großes Ziel erreicht haben! Laßt unS unsere Kraft aufs neue weihen diesem Ziele! Noch stehen viele abseits. Wir wollen si« gewinnen und wir werden sie ge« Winnen!... Ein Winter wird kommen über das Proletariat, aber es wird hernach Sommer sein! Trotz alledem! Vorwärts- und aufwärts, Ge« noffen! Für den Sozialismus!" Die Entstehung desWeihnachts- b aums. Der Weihnachtsbaum mit den brennenden Kerze» hat sich zum einen Teil aus dem altgermanischen Jul- fest herausentwickelt. Man pflegte in heidnischen Urzeiten um die Zeit der Wintersonnenwende jeweils a m Borabend eines Feiertages in der Halle des Wohnhauses einen großen Holzklotz anzuzünden; anderseits trug man in der Winterzeit immergrün« Zweige in die Häuser, als Trost bis zum Frühling! Im fünfzehnten Jahrhundert steckte man um di« Neujahrszeit Tann«nreis«r an di« Häuser. Im siebzehnten Jahrhundert nähern die beiden Sitten sich einander: man schmückt in der Christnacht die Wohnungen mit Ressern und beleuchtet si« gleichzeitig festlich mit Kerzen, die man sich gegenseitig schenkt. Im Jahre 1605 wird der Wcih- nachtshamn das erstemal urkundlich erwähnt. Das war im E l s a ß.„Auf Weihnachten richtet man Tannenbäume zu Straßburg in den Stuben t auf, daran henket man Rosen, aus vielfachen Papier geschnitten, Aepfel, Oblaten, Zischgold, Zucker ufw." So, ohne Kerzen, verbreitet sich der Weihnachtsbaum im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert über ganz Deutschland. Er stieß vielfach auf Widerstände dabei. Die Forstmeister wetterten gegen den Waldfrevel. Goethe kennt in seiner Kinderzeit di« Sitte nicht. Im„Weither" aber(1774) schildert er sie schon ausführlich:„An demselben Tage, es war der Sonntag vor Weihnachten, kam er abends zu Lotten und sand sie allein. Sie beschäftigte sich, einige Spielwerke in Ordnung zu bringen,- die sie ihren kleinen Geschwistern zum Christgeschenk zurechtgemacht hatte. Er redete von dem Vergnügen, das die Kleinen haben würden, und von den Zeiten, da einen die unerwartete Oeff- nung der Tür und die Erscheinung eines aufgeputzten Baumes mit Wachsljchtcvn(!), Zuckerwerk und Aepfeln in paradiesische Entzückung setzte. „Sic sollen", sagt« Lotte, indem si« ihre Erlegenheil unter«in liebes Lächeln verbarg.„Sie sollen auch beschert kriegen, wenn Sie recht geschickt sind, ein Wachsstöckchen(!) und noch was." Aus dem Jahve 1789 stammt daun di« erste Abbildung des lichtergeschmückten Baumes, und im neunzehnten Jahrhundert drang er bis I ins letzte Dorf, bis in» fernste Tal. A. St. Nr. 304 IV Darwin Von 4 Es war im Frühling dieses Jahres gerade 50 Jahre her, seit Charles Darwin in der West- minsterabtei zu London, dort wo England seine ganz Großen bestattet, zur ewigen Ruhe gebettet wuche. Die Zipfel des Bahrtuches hielten Vertreter der Wissenschaft, des Klerus und des hohen Mels. Man wollte damit zum Ausdruck bringen, daß alle Richtungen menschlicher iÄeistcs- kultur einen größten Manner Englairds betrauerten. Trug man doch einen Mann zu Grabe, der mitbestiimnend gewirkt hat aui die gesamt« geistige und kulturelle Entwicklung seiner Zeit und der folgenden Jahrzehnte. Die Anerkennung, die Darwin in allen Kreisen gesuirden hat, selbst in den Reichen derer, di« in der Folgezeit zu erbitterten Feinden des Darwinismus geworden sind, ist Wohl aus Darwins feinfühliger Toleranz jeder echten Ueberzeugung gegenüber zu verstehen. Sicher war vieles von dem, was er der Welt zu verkünden hatte, seinen Mitmenschen recht unbequem. Der Dlensch, di« Krone der Schöpfung, legte durchaus keinen Wert darauf, vom Affen abzustammen, richtiger gesagt: ein Affe zu sein. Aber Darwins sachliche Art, sein Zeitgefühl, ließen keine offene Feindschaft aufkommen. Auch seine überzeugungsmäßigen Gegner mußten ihm mit Achtung begegnen. Man hat Darwin als den Köpernikus der Biologie bezeichnet. Hat dieser in unserer Bor- stellungswckt die Erd« aus ihrer zentralen Stellung gehoben, so hat Darwin den Glauben an die zentral« Stellung des Menschen in der Natur zerstört und den Menschen in di« bescheidene Rolle «irres hoch entwickelten Wirbeltieres verwiesen. Die Begriffe der Entwicklungslehre wurden bald Gemeingut, gingen ein in alle Gebiete der Litera- mr, der Soziologie, der Philosophie und in die materialistische Geschichtsauffassung. Ein ganz neues Weltbild wurde aus Darwins Theorien aufgebaut. Er selbst hat das weltanschauliche Moment in seinen Schriften kauni so hoch eingeschäht. Darwin war kein Atheist. Er spricht immer wieder von einem Schöpfer der Lebewesen auf der Erde. Ihn interessierte vor allem das Gegebene. Er suchte.nach Erklärungen für das, was er beobachten konnte, aber er verflieg sich nicht zu Versuchen, die Entstehung des Lebens zu erklären. Das naturwissenschaftliche Weltbild der Zeit, aus der Darwin hervorgegangen ist, weicht in fast jeder Beziehung von.dem unseren ab. Darwin wurde im Jahre 1809 geboren, in eine Welt hinein, in der man auch in weiteren Kreisen eben begann, sich mit Fragen des Naturgeschehens ernsthaft auseinanderzusetzen. In den zurückliegenden Jahrhunderten hatte man es kaum zu den primitivsten biologischen Erkenntnisien oe- bracht. Man war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Und was sollt« man" auch viel nachdenken über die Dinge der Natur..Hatte der liebe Gott doch alles so schön und gut eingerichtet! Tier« und Pflanzen waren letzten Endes dazu da, den Menschen zu nähren,' zu kleiden, ihm Heilmittel für seine tausend Gebrechen zu liefern. Es gab nützliche und schädlick)« Tiere und Pflanzen. Di« schädlichen mußte man eben ausrotten, die hatte Gott wohl im Zorn über den sündigen Menschen und zu seiner Plage erschaffen. Aber im übrigen war alles zweckvoll und nolwend'g so, wie es eben tvar. Und dann ivußte man ja und wir. :. MM. aus der Bibel ganz genau, wie alles geworden war, wozu also grübeln und forschen? Es hatte zwar immer Männer gegeben, die Naturdinge zu ergründen suchten, aber di« hielt man für Sonderling«, und ihre Bemühungen für müßige Spielerei. Im 18. Jahrhundert hatte der Schwede Linn« alle Tiere und Pflanze», di« er kannte, mit Namen belegt, mit lateinischen Gattungs- und Artnamen, hatte sie beschrieben und in ein klug erdachtes System eingefügt. Seither gab es ein« zoologische Wissenschaft, die sich freilich mehr nach der beschreibenden Seite hin entfaltet«. Dann gab es auch ein paar Männer, die machten sich ernstlich Gedanken über die Möglichkeit verwandtschaftlicher Beziehungen zwischen den Tieren und den Pflanzen, trotzdem man doch genau wußte, daß Gott sie alle zusammen an einem Tage erschaffen hatte. Und hatte doch auch Linns, der sie kannte, wie kein anderer» geschrieben: ,/Stt Arten zählen wir so viele, als verschiedene Formen am Anfang geschaffen worden sind."— Aber dann wurde man darauf aufmerksam, daß viele Tier- und Pflanzenformen ausgestorben sind. In manchen Gesteinen fand man sie dicht gehäuft. Warum gab es alle diese sonderbaren Wesen heute nicht Mähr? Waren sie ums Leben gekommen durch große Katastrophen? Und waren die Tiere der Gegenwart erst nach ihnen erschaffen worden? In den alten Schichten fand man von ihnen keine Reste. Oder hatte die Erde durch allmähliche Umwandlung ihr heutiges Aussehen erhalten und stammten etwa die heutigen Lebewesen von denen vergangener Erdzeitalter ab? Sollten sie sich durch«mähliche Veränderungen aus ihnen entwickelt haben?— Das waren die Fragen, die man um die Jahrhundertwende, ettva zu der Zeit, als Charles Darwin zu Shrewsbury ge- geboren wurde, diskutierte. Darwins Großvater, Erasmus Darwin, hatte bereits Gedanken ausgesprochen, wie sie um einige Jahrzehnte später, und zwar eben im Geburtsjahr von Charles Darwin, ein berühmter Franzose, Jean Lamarck, in seinem zweibändigen Werk,„Philosophie zoologi- que", in die Welt hinaussandte. Lamarck behauptete: Di« Art ist nichts Unveränderliches. Neue Tier- und Pflanzenfvrmen entstehen durch Veränderung der alten, bewirkt durch die äußeren Lebensbedingungen. Diese An- paffungsformen sind zweckmäßige. Die so erworbenen Eigenschaften werden erblich fcstgchalten; eine Behauptung übrigens, deren Beweis bis heute noch nicht einwandfrei gelungen ist. DaS waren überraschende, epochemachende Gesichtspunkte, mit denen sich die gelehrt« Welt auseinanderzusetzen hatte. Auch Goethe hat- sich damals an dem lebhaften Meinungsaustausch beteiligt. Er äußerte ähnlich« Vorstellungen von der Entstehung der Arten. Diese erste Entwick- lüngs- und Deszendenztheorie hat auch den jungen Darwin stark beschäftigt. Aber er macht« sich andere Vorstellungen über die Entstehung neuer Arten. Di« Beobachtung, daß die Art nichts Konstantes ist, drängte sich ihm immer wieder auf. Er fragte sich nach den Ursachen für die langsam und stetig vor sich gehenden Veränderungen. Lamarcks Lehre von der Direkten Bewirkung" befriedigte ihn nicht. Daß sich die Lebewesen unter dem Einfluß der äußeren Faktoren zweckmäßig verändern, war nicht zu bezweifeln. Aber di« Annahme, daß das„Bedürfnis", direkt wirkend, Abänderungen schafft, hat einen Panther- stischen Kern, der weiteren Erklärungsversuchen unzugänglich ist. Darwin bildete sich eine andere Auffassung über den Grund der zu beobachtenden Zweckmäßigkeit.— Was können wir eigentlich direkt beobachten?— Wir sehen, daß gewisse Eigenschaften erblich festgehalten werden, daß also die Kinder, ihren Eltern meist ähnlicher sind, als anderen Individuen derselben Art. Wir sehen ferner, daß nie zwei Wesen einander vollkommen gleichen, daß also die Art variiert. Mit diesen zwei Feststellungen"haben wir eigentlich alles er- zchöpft, was wir unmittelbar feststellen können. Bon ihnen gehen Darwins Schlußfolgerungen aus. Warum sind die Lebewesen zweckmäßig? Unter den vielen Varianten einer/Art haben im Kamps ums Dasein jene am Meissen Aussicht, sich zu erhalten, die mit den gegebenen Lebensbedin- gungen am besten in Einklang stehen. Und weil diese besonderen Eigenschaften,/ welche im Daseinskampf überlegen machen, /auf die Nachkommen vererbt werden, so bleibt/unter den jeweiligen Bedingungen stets das jpassciidfte bestehen; einfach durch Auslese der zweckmäßigsten unter Tausenden zufälliger Varianten, entstehen so For- nicn, welche den Umweltfaftoren„angepaßt" erscheinen. Darwin ging aus von Beobachtungen an domestizierten Tieren. Der Mensch kann durch Auslese zahlreiche, sehr- stark von einander abweichende Rassen einer-Art züchten. All die zahlreichen.Taubenrassen/Z. B., stammen von der wilden Felsenlaube ab. Der Züchter wählt und paart einfach die Jndivchuen, die die gewünschten Eigenschaften im höchstes! Grade zeige». Er treibt so durch vielt Generationen hindurch Selektion in der Richtung eines bestimmten Merkmales. So sind di« verschiedenen Hunderassen entstanden, und die vielfarbigen Spielarten unserer Gartenbluwen. Den auslesenden Züchter sollte in der Aatur der Kampf ums Dasein ersetzen, der Mr das Zweckmäßige aufkommen läßt. Diese /Erklärung scheint in ihrer Schlichtheit ungemein einleuchtend. Ihre Voraussetzung ist eine ungeheure Bariationsfähigkeit als eine Grundeigeäschast alles Lebenden. Darwin hat sein Hauptwerk:„U e b e r den Ursprüna der Arten durch natürliche Zuchtwahl" erst nach LÄähriger ge- wissenhaftester Forscherarbeit im Jahre 1859 im Druck erscheinen lassen. Zwölf Jahre später erschien.»Die Stammesgeschichte» des Menschen und die Zuchtwahl in geschlechtlicher Beziehung". Darwin ist nicht der erste, der eine Abstammungslehre geschrieben hat. Aber er ist der erste, der den Menschen mit einbezog in seine Entwicklungskehre. Welche Bedeutung hat nun der Darwinismus für unsere Tage. Wieweit steht heute noch in Geltung, was der groß« Brite uns gelehrt hat?— Man hört zuweilen Aeußerungen wie diese:„Der Darwinismus scheint eine überlebte Sach« zu sein. Es ist merkwürdig still geworden. Man hört nichts mehr davon." Oder:„Der Darwinismus ist doch durchaus unbefriedigend. Man kommt heute nicht mehr aus mit seinen Vorstellungen. Er kann eben doch nicht alles erklären." Sehen wir zu, in wieweit eine solche Kritik berechtigt ist.— Zunächst sind es meist Laien, die sich so äußern, Leut«, die wohl kaum je eine der Darwinschen Schriften selbst gelesen haben. Sie kennen den Darwinismus nur vom Hörensagen, vielleicht sogar aus gegnerischen Dach«!- k k r k 4 4 3 < 4 4 4 4 3 I 4 4 4 ® enn du willst, daß das Streben der ArdeNer klaffe ei» steter Aufstieg sei, dann hilf auch an der Verbreitung deiner Vreffe unermüdlich mit 4 ► ?: 4 ► 4> 4» 4> 4 ► 4». 4 ► 4 ► 4 ► 4! ► 4 ► 4 ► 4» ► 4 g ► «i ► zlk gggg A AAAAAAAAAAAAAAAA AAA A AAAgg^ langen.— Ueberledt?— Nein, überlebt hat sich Darwins Lehre nicht, weder die Behauptung, oaß der Kampf ums Dasein auÄesende Wirkung hat, noch die Feststellung, daß der Mensch ein Wirbeltier ist und der Ordnung der Primaten angehört. Dies« Dinge wird heute niemand mehr ernsthaft beztveiseln. Sie bilden Grundlage und Ausgangspunkt für Forschungen auf den verschiedensten Gebieten. Die Grundfesten seiner Lehre stehen heute so unevschüttert, wie vor 50 Jahren. Daß man heute nicht mehr viel darüber spricht, ist richtig, lieber Feststehendes braucht man ja nicht mehr zu diskutieren. Daß der Darwinismus nn befriedigend ch, werden nur jene sagen, Pi« mehr von ihm erwartet haben, als er leisten konnte und wollt«. Er fand in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts eine ungeheure Zahl von begeisterten Anhängern, die die Lehre ins Volk trugen, aber nicht nur die Lehre ielbst, sondern auch di« kühnsten Folgerungen, zu denen sich ihr Schöpfer nie verstiegen hat. In alle« Kreisen begann man über Stammes- und Entwicklungsgeschichte zu diskutieren und zu philosophieren. Die Rätsel des Lebens, die Welträtsrl schienen Plötzlich lösbar geworden. Vielen wurden Darwins Ideen zum Glaubensbekenntnis, zum Dogma. Aber eS ist verkehrt, aus Dinge»», die nicht Glaubenssache sind, eine Religion machen zu wollen. Eine solch« Einstellung mußte naturgemäß zu einer Enttäuschung führen. Will man es dem Darwinismus zum Borwurf machen, daß er nicht alles«Mären kann? Das hieße verkennen, wie ungeheuer viel er uns geleistet hat und noch leistet. Um ihm gerecht zu werden, muß man ihn als das nehnren, was er ist:'als eine einsach« schlicht« Lehr«, die nichts will, als den Zusammeichang feststellen zwischen allem, was auf Erden lebt. WaS er tatsächlich nicht kann, ist, zu erklären, w i e das Leben entstanden ist. Aber werden wir dafür je eine Erklärung finden? Wir können Darwin heute nicht mehr ganz folgen in der Annahmä, daß all di« verschi«Len- artigen Tier- und Pflanzenformen, all die stau- penswert_ raffinierten Anpassungserscheinungen nur zurückzuführen sind auf die kleinen Abweichungen, die die Individuen allgemein aufweisen. Wir^nisten heut«, daß ,,Mutationen" hier ein« groß« Rolle spielen, plötzlich, sprunghaft auftretende Abänderungen, die zurückzufuhren sind auf Abweichungen in der Erbmasse der Keim- >cllen. Oft mögen solche neuentstandenc Formen, wenn sie unzweckmäßig sind, rasch wieder verschwinden.' Erweisen sic sich aber als lebenstüchtig. dann wird die auslesendc Wirkung des Kampfes ums Dasein sie erhalten. Mehlstampfende Frauen(Süd-Rhodesien) Häuptlinge.rudern das Staatsboot des Königs der Barotse Marimba-Kapelle bei den Stämmen von Rhodesien,, Der Tonfilm als Sorsdier. Bon Gerta von Pritzelwitz. Daß es in dem fremdartigen, von dunkelrassigen Menschen beivahnten Afrika auch Burgen gibt, zeigen uns die gut gelungenen Filmaufnahmen, die wir dem bekannten Forscher Leo Frobcnius verdanken. Sie wurden auf einer Expedition zur Untersuchung der letzten Reste einer jahrtauscndalten Negerkultur in Süd- Rhodesien ausgenommen. Gin Globus dreht sich. Afrika taucht auf und lockt uns. Felsschluchten von Transvaal ziehen vorüber. Dazu klingt das ferne„Pistk- Pink" einer Schmiede. Und dann der dumpfe Rhythmus mehlstampfender Frauen. Wir sehen nur sie bei der Arbeit, da die Männer so klug waren, den Aberglauben zu verbreit«», daß ein Mann, der Mehl stampft, von der Erde ver- schluugen würde. Und schon ist Transvaal vorüber und ein Gespann mit 20 Eseln arbeitet sich mir einem fünszigpferdigen Auto quer durch den Fluß Limpopo vorwärts— hinein nach Rhodesien. Vieles Merkwürdige, darunter das Bild eines besonders schönen Hochofens, den das bildnerische Können der Äleger mit religiösmystischen Darstellungen reich schmückte. Rach wochenlangem Marsch sind die mächtigen Viktoria-Fälle des Sambesistromes erreicht. Das getreu» Auto wird außer Dienst gestellt und kräftige Negerarme rudern während einer vierwöchigen Flußreise di« Boote der Expedition den Sambesi aufwärts, 10 bis 20 Ruderer kommen auf ein Boot. Sie arbeiten— mit Anspannung allch Kräfte— täglich 8 bis 10 Stunden für 2 Pfu»d Mehl. Und sie arbeiten nicht nur um dieses Lohnes willen, sondern sind mit pichendem sportlichen Ehrgeiz dabei. Eigenartige dumpfe Musiklaut« begleiten die lebhaft bewegte Fcchrt. Weißsprühendes Wasser stürzt schmal an Felswänden herab— die tückischen Stromschnellen werden von der gewandten Ruderkunst dunkler Negersäust« gemeistert. Dann ist das Land der Barotse erreicht. Von den sich mm- gierig versammelnden Schwarzen wird nun alles Mssenswerte erfragt. Man erfährt, daß dieses ein Doppel-Königreich. Der Herrscher, König Aeta III. und— neben ihm— eine Herrscherin, des Königs Schwester, die Königin Mowena Maflvai. Sic zählt zwar 82 Lenze, ist jedoch sehr rüstig und hat einen Prinzgemahl, der selbstverständlich gar nichts zu sagen hat. Wir sehen dies« würdig-resolute Dame, wahrend bei ihr Vortrog gehalten wird, flankiert von ihrem SÄretär und dem Reichskanzler. Sowie sie auflteht, wandelt gleichsam als ihr Schatten der Stuhlträger, ein Mann hoher Würden, hinter ihr her. Ihr ,, Sechscrzug" besteht aus einem ausgedienten ! Boot mit Mattenvcrdeck, das von Ochsen durch den Sand gezogen wird. Doch gerade, als sic das königliche Gefährt bestiegen hat, bläst ihr ein übermütiger Windstoß Sand ins allerhöchste Antlitz. Das empört sie derartig, daß sie unter Protest, den Rückzug antritt, ohne sich noch einmal dazu bewegen zu lassen, vor der Kamera zu erscheinen. Der königliche BruderAeta HI-— mit dem ständigen Fliegenwedel als Zeichen seiner Herr- scherwurde— ist so viel moderner, daß er statt der Ochsen sich eines Autos bedient. Da jedoch di« umvegsame Umgebung keine Aus fahrt mit diesem gestattet, so leistet er sich— in königlicher Bescheidenheit— jeden Tag nur-ine E i n fahrt in den Hof der Residenz. Weiter den Sambesi stromabwärts, in das Gebiet der Ruinen. Weder dauert der Marsch viele Wochen. Das Ruinengebiet von Simbablve und Tere ist erreicht, und nach feierlicher Unterhandlung mit den Häuptlingen beginnt die Forschungsarbeit. Auf Bcrgeshöhe ragt eine dunkle Ruine, die„Akropolis" geiwunt. Jedoch die eigentliche Ruin« des burgartigen Tempels liegt im Tal— und ist 100 Meter lang und 80 Meter breit. Eine schöne hohe Mauer aus wuchtigen Granitquadern von 5 Meter Dicke und 2 Meter Höhe.^ Das handwerkliche Können dieser Schwarzen fügt« die Steine so geschickt ineinander, daß sie ohne Bindemittel I a h r- tausende überdauerten. Ein komischer Turm krönt die Burg. Der letzt» Gong führt an di« alten Gräber der Negerkönige. BKder von seltsamer Schön- heft sind in Felswände eingegraben. Tonntag, 22. Dezemler lL22 V Nr. 304 be- zur ein wir Ein Modell des Turme« von Babel, das in Berlin im Pergamon-Museum steht. feir. Und auch keine Abrüstung Aber ich euch sagen, wie man ihn wirklich aus der schaffen kann!" Nun blickten sie mich an, alS ob ich Augenblick wahnsinnig werden könnte.. Abe zur den JKolineUa. Von Odo Ctbe.r£. dem Wahllokal, weil er erklärt hatte, sozialistisch zu wählen; Matarelli wurde im eignen Bett torgeprügelt und dann aufgehängt. Der Arzt; der sich weigerte, einen Selbstmord zu bescheinigen, wurde gleichfalls geschlagen und des Orts verwiesen. ftit allen Fällen wurden die Angehörigen gewaltsam gehindert, einen Arzt zu den Sterbenden zu rufen. Alle Mörder wurden freigespro- chen. Gelegentlich verhaftete man an einem einzigen Tage hundert Frauen, um Panik zu säen, und behielt sie dann monatelang im Gefängnis; viele Kinder von Molinella sind im Kerker geboren worden. Jedem Borstoß der Roheit folgte einer Atempause und die Aufforderung: tretet den fasct- stischen Syndikate» bei und ihr yabt Frieden, Arbeit und Brot. Aber die Leute beugten sich nicht. Die Fascistcn beschlagnahmten alle Briefe auS Molinella, die Frauen konnten ihren' im Ausland wohnenden Männern keine Nachricht geben. Da hat ein vierzehnjähriges Mädchen tagtäglich die vierzig Kilometer mit Bologna auf dem Zweirad zurückgelegt, um die Briefe dort aufzugeben. Massarenti, Bentivoglio, Fabbri wurden in Rom verhaftet und nach Lipari verschickt. Die Sozialisten von Molinella, die selbst nicht zu essen hatten, sandten ihnen Kisten mit Mineralwasser als sie erfuhren, daß das Triuk- wasser für die Verschickten infiziert war. Sie wurden gehetzt wie das Wild im Walde, waren materiell viel elender und rechtloser als vor dem Beginn der sozialistischen Bewegung in Molinella. Trotz allem fühlten sie sich reich und bc- Mader.„Wir schulden ihm alles", sagte mir eine Frau voll verehrender Dankbarkeit für Massa- renti. Daß dieses^AllcS" Hunger bedeutete, Obdachlosigkeit, ständige Bedrohung an Leib und Leben kam den Leuten gar nicht in den Sinn. Für sie bedeutete eS sozialistischen Glauben und höheres Menschentum, einen inner» Reichtum, den nichts zerstören konnte. Das Ende war, daß man die Familien der sozialistischen Gewerkschafter auf Lastautos geladen und nach Bologna in eine Kaserne überführt hat, mit dem wenigen ungcpfändetcn Hausrat. Dann hat man die letzte Erpressung versucht: tretet in die Syndikate und ihr könnt in eure* Heimat zurück. Und diese Leute, die dir Heimat liebten, wie nur das Landvolk sie lieben kann mit seinen tiefen Wurzeln in der Scholle, die haben sich für die seelische Heimat ihrer Neber» zcugung und ihres Glaubens entschieden. Heut sind sie zerstreut über ganz Italien als siegende Geschlagene. In Molinella leben andere Menschen, die der FaseiSmuS von Zeit zu Zeit zur Huldigung beordert. Es ist ein Ort wie andere Orte unter den Rutenbündel und den Beilen. Massarenti ist in der Verschickung. Bentivoglio und andere Führer auch, Fabbri-ist im Zuchthaus. Aber Molinella lebt und wird leben, solange auf Erden Menschen kämpfen für Freiheit und Sozialismus. Der Namen von Molinella bedeutet für die italienische Arbeiterbewegung einen großen Sieg und eine große Niederlage. Mit Zielsicherheit, Opfermut und Ueberzeugungstreue haben die Landarbeiter von Molinella die wirtschaftlichen Bedingungen ihrer Befreiung errungen. Gründ und Boden, Maschinen, Geld, waren in ihren Händen zu gemeinschaftlicher Verwertung. Bäder und Kindergärten, Arbeiterhäuser und Bibliochr- ken sind entständen- Dan» kam die Niederlage, Knüppel- Handgranaten und Maschinengewehre bereiteten ihr den Weg. Alles, was an äußeren Errungenschaften da war, gleichsam als Gerüst zum Bau der Zukunft, wurde vernichtet. Aber Opfermut und Ueberzeugungstreue hielten stand. Der Fascismus hat oie Saaten verbrennen und die Maschinen zertrümmern können; den Geist der Leute von Molinella hat er nicht zu beugen vermocht. Uitd so steht man heute vor der materiellen Vernichtung mit der Erkenntnis, daß hier „der Tod ist verschlungen in den Sieg". Als zu Anfang der neunziger Jahre die Arbeiterbewegung von Molinella begann, gab es in dem heute 18.000 Einwohner zählenden Ort kein anderes Recht als das des Grundbesitzers. Die Häuser der Arbeiter standen auf seinem Boden, der Reichtum des dem Fluß abgewonnc- nen neuen Landes floß ihm zu. Für ihn arbeiteten die Landleutc von Sonnenaufgang bis zur Dunkelheit, ohne auch nur zu wissen, welcher Lohn sie am Wochenende erwartete. Dann kam die Organisation und mit ihr kämen die großen Landarbeiterstreiks, dir manchmal Monate dauerten, ohne Streikfonds, nur ans die Opfer der Streikenden gestützt. Man hat in Molinella von Gras und Wurzeln gelebt in der Zeit dieser Kämpfe. Aber der Führer der Bewegung, der damalige Student der Philosophie, Genosse Massa- re n t i, sah ein, daß es vor allem not tat, daS Monopol des Grundbesitzes zu brechen. Solange der Besitzer des Bodens jede Familie abdachlos machen konnte, war der Kampf zu ungleich. Als dann ein Besitzer starb und daS Gerücht ging, seine Erben wollten verkaufen,' da hat Massa- renti, dessen Kassen ebenso leer wären wie die der Gewerkschaft, mit den Ersparnissen seiner alten Tante 20.000 Lire Anzahlung geleistet, und hat so, ehe die„Grundherren" begriffen hatten, was vorging, Land für die Arbeiter erworben und den ersten Keil in die Welt des Privilegs getrieben. I» der Folge haben dann die Sozialisten von Malinella die Gemeindeverwaltung erobert. Ihre Gewerkschaft hat zum eignen Grund und Boden andern gepachtet und gemeinsam bewirtschaftet. Ihr Konsumverein hat den ganzen Oil niit allem versorgt, ihre Arbeitsgcnosscnschaftcn übernahmen alle landwirtschaftlichen Arbeiten und schalteten die Vermittler aus, die bisher für die Saisonarbeiten Leute anzuwerben und an ihrem Lohn zu verdienen pflegten. Es kam dahin, daß die Grundbesitzer alle Verrichtungen— Ackern und Säen, Ernten und Dreschen— der Geiverkschafr übertrugen, zu einem auf den Nektar be>ren Preise. Die modernsten Maschinen, daS edelste Zuchtvieh wurden angeschafft; mit ausgewähltem Saatkorn wurden auf dem schivercn Marschboden noch nie dagewesene Erträge erzielt. Vor dem Ausbruch des Weltkriegs hatten die Organisationen von Molinella eine Million Goldlire auf der Bank und einen Besitz an Grund und Boden, Maschinen, Vieh und Bau» jeden t„....—...er die» es Mal stimmte ich reicht mit ihnen überein. „Wissen Sic nicht, was ich meine?" lächelte ich. „Wer beschließt denn Kriege? Das Volk oder das Die babylonische Spradtenverwirrung, Legende und Wirklichkeit. Tic Namen Ninive und Babylon, die Erzählungen von Belsazar, Nebukadnezar und den Weisen aus deut Morgenlande sind bekannt, Babylonien, das uralte Reich zwischen Euphrat und Tigris soll sa di« Wiege des Menschengeschlechtes sein, dort soll das. Paradies genossen sein, und bei den Ausgrabungen in Babylonien hat man ein keilschriftlichrs Pärlameirt?" „Das Parlament", gaben sie zu. „Nun also. Da braucht mau doch nur seine 618 Mitglieder deS Unterhauses ober seine 615 japanischen IIm-Jams oder seine 615 chinesischen Tsching-Tsehangs in die vorderste Linie zu schik- ken. Dieselben Burschen, die„Ja, wir sind für den Krieg!" sagen. DaS würde Krieg« verhüten! Wenn die bestinmu— wohlgemerkt, bestimmt — wüßten, daß sie als erste drankommen, dann würden sie sich schon bemühen, eine andere Methode herauszubekommen." Eine Gefprachspause trat ein. Mit Entzük- ken bemerkte ich, wie unbeliebt ich mich langsam■ machte.„Und welche wäre die andre Methode?" fragte der Bohneneffer. „Ach was, das müßten S i e herausbekom- nien, erwiderte ich!„Das ist Ihre Ausgabe." „Ja, aber nun sind wir doch schon dabei, uns für S i e den Kopf zu zerbrechen", antwortet« der Mann mit den Bohnen Mischen zwei Löffeln. „Sie wissen es also nicht. Aber i ch weiß eS." „Nun?" fragten wir. „Es gibt nur eine Möglichkeit, den Krieg auS der Welt zu schassen", erklärte er feierlich. „Krieg ist nichts andres als em gesteigerter Ausdruck unsrer streitsüchtigen Natur. Wenn wir all« friedliebend und verträglich werden, wird nie- mano mehr zum Kriegführen übrigbleiben. Das ist die Lösung!" In diesem Augenblick« trat der Kellner an unfern Tisch heran und wollte den Teller des Bckhnenesscrs wogtragen.„In Dreiteüfelsnamen! Was glauben Sic denn eigentlich?" lchrie der Bohnenesser wutentbrannt und wurde feuerrot im Gesichte.„Sehen Sie deim nicht; daß ich noch nicht fertig bin?" Der Kellner zog sich hastig in sei,«« Schützengraben zurück, während di«' vier Friedensapostel einander anstarrten. sEinzrg autorisierte Uebersetzung aus deni Englischen von Loo Korten.) Hcldengcdichl gefunden, das die Sage von Ser großen Flut— der Sintflut— enthält. Babylonien gilt den Hebräern als die Heimat, ans denen ihre Ahne» uiisgavandert sind. Die Tempel Babyloniens, die Paläste Assyriens sind aus dem jahrtauisende alten Schutt ans Tageslicht gestiegen, und man hat auch den Grmedriß und di« untersten Treppenstufen des sagenhaften Türme« von Babel ausgegraben. U«lb«r di« Eiustehung dira'eS Turmes sind zwei Versionen erhalten, bi««ine be- banhelt die Lprachenverwirrung während deS Baus des Turmes, die andere die Zerstreuung der Plem'ch- h«it über die Erde. Ursprünglich— so erzähl l bi« Sag«— Mitten die Menschen nur ein« Sprach«. Da beredeten sie. daß sie Ziegel brennen und eine Stadt bauen woll- ten, die den Namen des Erbauenden für die Ewig- keit erhalten sollt«. Gott aber allein Hai ewigen Namen. Dom Himmel erblickte er baS Werk der Menschen und erkannte den G d jhr«r Stärk«: die Einheit ihrer Sprach«. Da•’>r das Mittei. hit Uebermütigen zu bändigen..n» verwirrte ihre Sprache. Darum heißt di« Stadt«abei, was d«r Es handelt sich heute auch nicht, mehr um sie alte Streitfrage: Lamarckismus oder Darwinismus, d. h.: aktive Anpassung oder Auslese der tauglichsten Varia inen. sondern: wie un) war- u IN entstehe» n.nc Forinen. Das aber sind Fragen, die in das Gebiet der Vererbungs'orlchnng fallen, eines Wissensgebiet«-, dem schließlich auch erst die Teszendrnzcheorie. sie BoranSfetzun^en geschaffen hat.' Seil man weiß, daß olles physiologische Geschehen voll Erbsaklären diktiert wird, sind die Fragestellungen ganz andere geworden. Man weiß heute: Das Jitdividuum reagiert auf die llnrlpelteinslüsse iu dieser oder jener Art kraft des Besitzes bestimmter Erbfaktoren. Man weiß auch, daß diese Gene oder Erbanlagen ein« zelluläre Grundlage besitzen; Die Frage nach der Entstehung dieser Gene steht heute im Brennpunkt des Interesses. Darwins Werk ist die Vollendung einer langen Entwicklungsperiode der Biologie. Eine neue ist auS ihr cMPorgewachsen: die der VcrerbungS- sovsthung. Wie man Kriege verhütet, Bon I. Jefferson Farjeon. SPD. Wir saßen rings um den Gasthaustisch, und jeder von uns vieren las sein« Zeitung. Plötzlich legten wir alle di« Zeitungen weg, kamen ms Gespräch und beschlossen, den Krieg aus der Welt zu schaffen.„Krieg ist verdammenswert", sagt« Smith.„War immer verdammenswert", sagte JoneS.„Wird immer verdammenswert fein", sagte ich. Der vierte Mann iah von seinem Tclwr Bohnen arif und nickte. Es war ein raschrS Nicken, Er wollte sich nicht unnötig lange von seinen Bohnen ablenke» lassen. „U»ch er könnte doch so leicht aus der Welt geschafft werden", erklärte Smith,.„weint die Welt nur eine Spur von Vernunft l)ä t t«" Wir baten ihn sein« Methode zu erklären, und ivaren bereit, ihm sofort, Zu widersprechen. Aber er meinte nur den Völkerbund. „Was soll der Völkerbund also tun?" fragte ich, scharf nachdenkend. Tenn auch ich hatte die Sprach« aus den Völkerbund bringen wollen und mußte mir nun eine audere Methode ausdenkm. „Was er tun müßte?" erwiderte Smith.„Sich gegen jcÄen Staat stellen, der einen Kr-eg ansängt." „Aber wie?" fragte der Bohnenesser. Er schivebte ans einer silbernen Wolke zur Erde, nahm leinen Weg über monumentale Wolkenkratzer und ließ sich in Wallstreet nieder. Er sprach:„Ich bin der Herr der Welt! Ihr seid die Herren der Welt! Euch kann ich nichts schenken wollen. Ihr braucht nichts, denn ihr habt bereits alles. Ihr habt die wahre Freiheit— die leuchtendste Moral— die selbstloseste Brüderlichkeit— die himmlischste Vernunft—' ihr habt die einzig Patentierte Wahrheit und vollkommene Gerechtigkeit!". Sein edles Gesicht erglüht«, und sein sanftes Auge schlendert« Blitze. Mister K n o j, Fox und Gesox sahen dieses wundervolle Antlitz, erwogen fabelhafte Chancen und legten ihm einen Filmkontrakt vor. Vom Himmel Er schwebte aus einer silbernen Wolke zur Erde, begab sich in eine große Stadl, stellte sich vor das Grabmal des unbekannten Soldaten und sprach:„Ich bin gekommen, um euch das Heil zu schenken!" Der K r i e g s m i n i ft e r fragte;„Pardon. Was ist das Heil?" „Ich schenke euch den Frieden!" Der Minister zog feilten spitzen Schnurrbart in die-Länge und sagte:„Schwärmer. Das macht doch der Völkerbund. Ich glaubte schon, Sie hätten uns eine neu« Blaugasmischung sorgt!" Er schwebte auf einer silbernett Wolke Erde, begab sich in die große Stadt, ging in Hydepark und sprach;.„Ich bin gekommen, um allen, die Meirscheuautlitz tragen, das Recht zu bringen. Den weißen Men'chen wie auch de» braunen— den schwarzen und den gelben Menschen F Der Minister fürdi« Kolonien ließ den unpraktischen Rebellen in das Nationakprisou bringen. * Er schwebte auf einer silbernen Wolke zur Erde, begab sich in die groß«, heilige Stadt und sprach vor der PeterSkirche:„Ich bin ge- kommen, um der Welt die Freiheit zu schenken!" Wegen des Wortes„Freiheit" wurde er zu zehn Jahren, und weil er licht war und kein Schwarz Hemd trug zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit in der Verbannung verurteilt. * . Er schwebte, auf einer silberne,« Wolke zur Erde, begab sich, in hie grosze Stqdt, erstieg h», Stufen zum R e i ch s t a g sg'e b ä u d e und sprach: ,^Jch bin gekommen, um der Welt di« Versöhnung zu ichenken!" Ein jüdischer, ein Protestantischer und katholischer Theologe sagten:„Zuerst müssen mal die Kpnsession feststcllen!" Er schwebte auf einer silbernen Wolke Erde, begab sich in die große Stadt, predigte v o r dem Kreml und sprach:„Was habt ihr aus meiner Lehre gemacht? Ich will euch die Wahrheit schenken!" An diesem Tage wurden auch noch drei- hundertvierzig andere Verräter an die Wand gestellt. lichkeiten, der auf drei bis vier Millionen geschätzt wurde. Die sozialistische Partei zählte 4700 Mitglieder in Molinella. Die tatkräftige Solidarität der dortigen Arbeiter und Arbeiterinnen hat bei keinem Kampf des italienischen Proletariat« versagt. In der Folge hat dann keine öffentliche Verwaltung Italiens mehr für die Opfer des Krieges getan als die von Massarenti mustergültig verwaltete und von sozialistischen Pflichtbegriffen getragene Gemeinde,/ Aber die Kämpfer von Molinella waren wie eine Trupve, die sich zu weit vorwag: in feind- stckes Land, und es nicht gewahr wird, daß dir andern nicht nachzurücken vermögen, baß sie Ge» .fahr läuft, abgeschnitten und umzingelt zu werden. Wie hätte der Kapitalismus-in Stück Sozialismus, einen ihm entzogenen Machtbereich.; dulden können? Er sah die Gefahr und sann auf Abwchr. lind zwar waren es nicht die Grund- , besitzet von Molinella selbst, die zur Abwehr schritten. Denen war es gar nicht unbequem, statt mit unzuverlässigen Leuteschindern mit einer Gewerkschaft zu unterhandeln, die jede übernommene Verpflichtung gewissenhaft erfüllte— jo gewissenhaft, daß sie die auf drei Jahre festgesetzten Borkriegspreise trotz der Kriegsteuerung aufrecht erhielt, obgleich sogar die Gruudbeiitzer eine Revision deS Tarifvertrages anboten. Der Vorstoß gegen die Gewcrffchafi kam nicht von den ortsansässigen Kapitalisten, soD' denen der umliegenden Provinzen, namentlich Ravenna und Ferrara. Und es war ein Angriff großen Stils. Am 12. September des Jahres 1822 sahen die Leute von Molinella im Morgengrauen, daß der ganze Ort von Bewaffneten umzingelt war. Ehe die Sonne aufgegangen war, drangen sie in die Ortschaft, knüppelten nieder, wer ihnen entgegentrat, steckten das Maschinenbaus und andere Bauten der Gewerkschaft in Brand, plünderten die Lager der Konsumvereine. Für Mafsarenti hatten sie schon den Sara mngebracht. Aks sie ans dem Marftplatz de» Galgen errichtet hatten und eben daran gingen, den vermeintlichen Bürgermeister von Molinella aufzuknüpfen, gewahrte durch Zufall einer der Mordbrenner, daß sie .einem andern den Strick um den Hals legten. Massarenti war unerkannt durch die Schar der fremden Söldner hindurchgeschritten! Nun begann das Marthriunt von Molinella. Die Grundbesitzer erklärten, nur noch Unorganisierte zur Arbeit zuzulassen. Die Männer wanderten zum Teil aus. Di« Besitzer kündigten den. Kleinpächtern und setzten sie aus die Straße. So .ogen die Obdachlosen in die Gemeindehäuser, die ils vicr'immeria« Einfamilienhäuser gebaut waren. Tann löste die fascistische Regierung die Gemeindeverwaltung auf und schickte einen Kommissär. Der vertrieb alle sozialistischen Gewerkschafter aus den Gcmeiiidewohnuugen. Immer mehr Familien drängten sich in den Häusern der wenigen Arbeiter zusammen, die noch eine Behausung hatten. Die Frauen suchten Schnecken, eßbare Gräser, lasen Aehren. Die Fascisten prügelten sie, nahmen ihnen gewaltsam das Zusam- mengesucbtc ab, brachten sie zu Dutzenden ins Gefängnis. Alten Frauen, die mit dem Reisigbündel aus dem Wald kamen, hat man ihre Last auf dem Rücken angczündet. Die Sozialisten Pietro Maroni, Angelo Gaiani, Augusto Matarelli. Angelo Frazzoni wurden ermordet, Marani vor den! Augen der Eltern im eignen Haufe, Gaiani vor j Smith schwieg einen Augenblick. Diese Ge- legenhejt benützte JoneS, um einzugreifen. Er schlug mich um eine Fünftelsekunde. „Wohl, indem er mit den Staaten, die einen Krieg ansanqen, selber einen Krieg anfängt?" agte Jones höhnisch.„Nick noch eine« größere« Krieg, nicht>vahr? Nun, da« hätte im« gerade «och gefehlt!" „Und iva« wär« Ihre Methode?" schnappte Smich zu. „Die einfachste der Welt!" antivortete Jones und hielt inne. Ich nahm an. daß er«ine ganze Menge Methoden habe und nur nachdcnkc. um eine-Auswahl, zu treffen.„Nehmen wir an, es gebe keine Schlachtschiffe", sagte er dann, nach, dem er sich entschieden hatte.„Nehmen wir an, es gebe keine Bombenflugzeuge. Keine Bomben. Keine Giftgase. ,Tann könnt« man doch keinen Krieg führen, nicht wahr? Oder könnten S i« es vielleicht?"\ „Warum nicht?" fragte der Bohnenesicr. „Wollen Sie phne Waffen kämpfen?" erwiderte Jones. Diesmal schlug z ch Smith um«ine Fünftelsekunde,„Wenn man keine Kanone hat", setzte ich fort,„kann man nnit den Fäusten kämpfen, und wenn man keine»käuste hat.. „Machen Sie sich^icht lächerlich! Wir alle l>aben Fauste", unterbrach mich Jones herzlich. „Wenn man keine Fäuste Mit", fuhr ich fort, ohne mich bei ihm zu bedankem„kann man Fußtritte versetzen, und wenn man Leine Füße Hai, kann man beißen." Alle blickten drein, als äh sie ineinen Gedanken ungemein töricht fänden.^ Auch der Bohnen- Mann. Da ich in diesem Puistie mit ihnen übereinstimmte, setzte ich hastig fort:„Nein, der Völkerbund wird den Krieg nicht a^s der Welt schaf- kann Welt Nr. 304 VI -onntag, 28. Dezenever rssz Weihnacht im deutschen Hollywood. Hebräer„Verwirrung" demel. Weiter uiber wird berichtet, daß sie Menschen ursprünglich einen Sitz hatten, und zwar in Babylonien. Um sich nun nicht über die Erde zu verlieren und an Macht einzubüßen, beschlossen sie, aus den(babylonischen) Baumaterialien, Ziegel uird Asphalt einen gewaliigen Turm zu bauen, der bis in den Himmel ragt« und aus der ganzen Erde fichrbar sein iolll-r. Goll nahm dieses Werk wahr und da tat er etwas, um die Macht des Menschen zu brechen: er verslreuie sie über die ganze Erde. Der Turm, von dem diese Zage, die wie alle Märchen und Zagen ein« wahre Unterlag« hat, handel!,:ü wohl de: zum Marduk Tempel in Babylonien gehörige- riesige Tempellurm. Dir Stätte dieser uralren Begcbenheiien wird in Babylonien gesucht. Kabel war für die Hebräer und ihre Nachbarn eine unvordenklich alte Stadt. Die ganze Verwirrung der Sprache der Menschheit trat dem Fremden aus denr Weltmarkt Babel entgegen, und solche gigantischen Bauten, wie der ri«. senhaste Turm wurden in einem Weltreich des Ostens von Legionen von Arbeitern ausgesührt.! Auch machten solche gewaltigen Bauwerke auf den antiken Menschen«inen grauenerregenden Eindruck. Dieser Eindruck, diese abergläubische Angst ging daim in die religiöse Legende über. Ein« verzunken« Welt, die vor Jahrtausenden in hoher Kultur und Blüte stapd. Die alten Bewohner sind verschwunden, aber ihr« Spuren sind noch immer zu finden. Durch das ganze Land sind die Sandhügel verstreut, die die alten Städte Babyloniens bedecken, die aus denr Schutt ihrer Gebäude enoachsen sind. Sie bedecken die große Vergangenheit, die Werke und Talen längst vergangener Geschlechter, di« zu erforschen und ergründen der menschliche Geist niemals müde wird. Literatur Erich Kästner:„Gesang zwischen den Stühlen." (Deutsch« Verlagsanstalt, Stuttgarr—Berlin. Preis kart. 8.60 Mk.. geb. 5.75 Mk.)„Was auch immer geschieht:— Nie dürst' ihr so riss sinken— von dein Kakao, durch den man euch zieht,— auch noch zu trinken!" Diesen, di« Ironie, die Schlagkraft und Bersgestaltuug seiner Gedicht« trefflich charak!«ri.si« renden Leitspruch setzt der auch unseren Lesern wohl- bekannte Erich Kästner an die Spitze der neuesten — her vierten!— Sammlung seiner Lyrit, di« soeben erschienen ist. Gesang Wischen den Stühlen, das soll wohl heißen, daß der Dichter cs hier verschmäht, auf irgend einem Stuhle, sei cs nun der Stuhl einer bestimmten Weltanschauung oder Partei, zu sitzen und zwischen ihnen Platz genommen hat. Aber wenn di« Gedicht« auch keine Pabteimarle. tragen, sie verleugnen doch den Dichter, wie ihn die sozialistisch« Leserschaft kennt und lidbl, in keiner Zeile. Es ist wieder echter Kästner, in jedenr Vers, rn jeder Wendung, jedem Ausdruck, in jedem Hiob, den er gegen Unrecht und Unverstand führt, erkennen wir ihn wieder. Torheiten, Kleinlichkeit und Dummheiten, sie werden von Kästner unbarmherzig gcgei- selt. Durch allen Spott und Hohn leuchten doch Liebe und Ernst hindurch. Es sind etwa«in halbes hundert Gedichte, di« uns der Dichter in dem Buche beschert, jedes Ku-elne davon ein Kabinettstück seiner Dichtungsart. die man Gebrauchspoesie genannt har, jede Strophe köstlich, bildhaft und schlagkräftig. Eine Anzahl im Buch« verstreuter Zeichnungen sind in ihrem Humor recht gelungen.—r. „Finnland." Natur, Mensch,' Landschaft. Boa Dr. Hans Schrepfer. Mir 28 Abbildungen und 10 Karten. Verlag Herder u Co., Freiburg'm Breisgau. Das Buch, erschienen in der vom genannten Verlage herausgegebenen' Reibe„Fremdland—Fremdvoll", rst eine ausgezciwnele modern« Geographie des Landes der laufend Teen, das aber weit mehr ist, als eine nüchterne wissenschaftlich« Analyse dieses bei uns noch immer wenig bekannten nordischen Landes, seiner Gachichl«. seiner Menschen feiner Probleme und'einer wirtschaftlichen und, kulturellen V«rhältnifl«. Ter Verfasser kenni nicht nur das Land, von dem er hier berichtet, er liebt es auch und diese Liebe Hai- teige Feder geführt.(Gerade darum ist es besoud«rs geeignet, Finnland das Land und Volk, das Wesen des nordeuropäi'che» Menschen unserem Verständnis näher zu bring«,,. Tas Buch ist kein eigentlicher Reiseführer es hat iich vielmehr zur Aufgabe geietzi, jenen, die Finnland kennen lernen wollen, ein handlicher Berater in verständlicher Sprach« zu sein, sie einzuführen>« Natur, Kultur >nnfc Landschaft Finnlands und dieser Aufgabe wind es in vollem Maße gerecht.—r- Reportage aus Tie deutsche Filmstadt hinter dem Wald von Neubabelsberg ist bereits mit einem weihnachtlichen Reif, stellenweise sogar mit einer dünnen Schneedecke bestreut. Die kleinen Häuschen der Techniker der Filmmaschine, die wie eine Zucker- bäckevware um die große Filmfabrik aufgestellt sind, atnien bereits den Lebkuchen und Bratäpfelduft der Weihnachtszeit. Auch in die„besseren" Billen der Herren Regisseure und Rcgiegehilfen, die aus Zeitersparnis um die groß« Frlmfarm von Neubabelsberg erbaut sind, trägt man bereits die ersten Weihnachtsbäume. In der großen Filmkneipe an der Waldstraße nach Nowa- wes, dem ,^egler-Heim Waldschlößchcn" aber hat man bereits dicht an der breiten Eingangs- türe einen regelrechten Weihnachtsbaum aufgebaut. Wenn man jedoch das große Fabriktor der Ufa durchschreitet und vom Portier seinen Passierschein erhalten hat, dann steht man plötzlich wicder im. tollsten Filmbetrieb. Um das große Tonfilm-Atelier, das wie ein viereckiger Klotz das„Filmgelände" von Neu- babelsberq beherrscht, dehnen sich die Schuppen und Baracken, die Garagen und die Kantinen und immer wieder flammt das Plakat auf:„Halt bei roten, Licht! Tonfilmaufnahme!" Holde Aida. Zn der„großen Arena" des Tonfilm- Ateliers wird eben ein Kicpura-Film gedreht. Ter Titel steht noch nicht ganz fest; den werden di« Herren Direktoren erst machen, wenn der letzte Ton des jungen Sängers im Mikrophon verschlungen worden ist. Die einen sind dafür, den neuen Großfilm„Alles über die Liebe" zu betiteln, die andern„Ein LiÄ für dich". Wir gehen durch die schalldicht verschlossene Türe mit der roten Warnungslampe und stehen dann plötzlich am Rand einer Opernbühne, die sich quer durch das große Atelier legt. Hinter den Kulissen die Komparsen, braungelbc Aegypterinnen unschwarze ethiopische Jünglinge. Die Prallen Schenkel stoßen unter tem knappen Kostüm hervor. Da die Probe immerhin einige Stunden dauert, vom frühen Morgen bis zum späten Abend, haben die Herren Neger ihre Covercoats uni) die Fräuleins aus Aegypten ihre Pelzmäntel an, allerdings die der billigeren Sorte. Trompeten aus Pappe lehnen an den Kulissen. Palmwedel und Schwerter. Aegyptische Sagentiere und Tempelattrappen. Der Regisseur Joe May rollt wie eine rasend« Kugel durch das Parkett. Er hat eine rote Wollweste an und, sein spärliches Haupthaar weht wie eine Fahne über dem breiten und gelben Kopf. Seine Frau Mia May sitzt in einem Korbsessel wi« eine Herrscherin aus dem fernen Süden vor der Muschel der Souffleuse, die natür- (?*■ nur durch etwas Pappendeckel angedeutet ist. Jan Kiepura. der>reld des Ganzen aber geht in einem hellgrauen Sakko, blauem Hemd und roter Krawatte vergnügt auf und ab unmarkiert nach den Anweisungen Joe Mays dir Prob« der Aida. Immer wieder und immer wieder singt ey mit Silber Stimme durch den totenstillen Raum: ,Holde Aida, Himmelentstammend, Von Duft und Strahlen Zauberisch umweht. Du bist di« Königin Meiner Gedanken. Durch dich allein fft das Dasein mir wert." In der Hand hat er einen Zeichenblock, auf dem er herunckritzelt. Damit pendelt er jedesmal nach rechts an den Tisch des Opernregisseurs und wirft chm immer wieder ein neues Blatt hin, öas diesen furchtbar ärgert. Es soll nämlich die Karikatur von irgendwem sein das ver- ' langt eben das Drehbuch. Kiepura erzählt. Das wiederholt sich so alle Viertelstunde mal. Joe May geht langsam und gründlich vor. ! Er muß genau die Längendauer jeder Szene wissen. Hier kostet jede Sekunde Geld und darum wird nahezu jede dieser Filmsckunden genau taktiert. Das dauert natürlich lange und eine Drei- Minuten-Szene im Tonfilm wird nahezu drei Stunden probiert, bis sie endgültig fertig ist. Dabei gibt es natürlich allerlei Pausen, die der Stär in einem Klubsessel sitzend oder daran aelehnt. verbringt. Immer wiÄer kommt das Komniando„Ruhe! Achtung" ein lan ges Tüüüür irgendeines Nebelhorns und die ^ache geht wieder von vorne an. Jan Kiepura hat also reichlich Zeit, mit uns zu plaudern•— und wir bestaunen ihn. Ein berühmter Tenor muß- nach der bisherigen Meinung ein riesiger Fettklotz sein, aus dem die ge- ivältige Stimm« herausdröhnr wie eine Orgel. Und-ic'es Jüngelchen da will Jan Kiepura em. Er ist mittelgroß. Noch sehr schlank und sieht eigentlich wi« ein Student oder wi« ein Referendar aus. Tas ist«r auch; denn et erzählt: „Ich bin eigentlich gar kein Sänger. Ich bin Jurist. Bitte schön, meine Damen und Hcr- r-m toll iw Ihnen eine Formel des römischen Rechts erklären:„mater semper eerta est, pater uuiuqaaui." Das klingt wie ein Studenteiiwitz und die Kolleginnen mit dem Zeichen- und Reporterstift erröten. Im Nu aber geht er auch darüber hinweg und wird gefragt: „Was sind Sie eigentlich für ein Lands- mann, Herr Kiepura? Wo wohueu Sic?"> Neubabelsberg. „Ich wohne überall und nirgends. Ich wohne in Mitteleuropa. Ich singe heute in der Scala, morgen in Babelsberg, übermorgen in Paris und dann wieder in London" ,^Jn der Scala?" läßt sich«in erstauntes Gänschen vernehmen. ,^Jn der Scala, in der Luthersiraße?" Jan Kiepura ist empört.„Aber meine Dame, doch nicht in dem Berliner Variete, in der Mailänder Scala, das ist die größte Oper Italiens." Aber er ist bald versöhnt. Er erzählt uns, daß er im Grünewald ein« kleine hübsche Bier- zimmcr-Wöhnung hat und im übrigen durch die europäischen Hauptstädte gondelt, von Hotel zu Hotel. „Und wenn ich nicht mehr finden mag, dann gehe ich eben zur Juristerei zurück." „Wie lange arbeiten Si« denn an so einem Film?" ,^>h der Film wird mich doch etwa so drei Monate in Anspruch nehmen. Das An- strengende fft nicht das Singen. Das mache ich spielend. Aber das Herumstehen. Sehen Sie, diele eine Arie aus Aida markiere ich mindestens fünfzig Mal, bis alles klappt um mich herum." Jenny Ingo und ihr Konterfei. „Ruhe! Achtung! Die Schere klappt. Das Nebelhorn macht sein Tüüüüt. Es geht los. Kiepura markiert:„Lolde Aida" durch die Garderobenräume aber eilt Jenny Jugo, das theaterbegeisterte Hofratstöchterchen, schleicht sich von Kulissen zu Kulisse. Joe May wie ein Geier um sie her und der Filmwagen mit der Kamera jährt wie ein Feuerwehrauto arff seinen lautlosen Gummirädern unberechenbaren Kurven um sie herum. Die Scheinwerfer blitzen auf und di« großen Lichtmaschinen an der Decke schießen ihr fahles Licht von oben herab. Wir sind in einem der modernsten Ateliers, an der Wand fahrbare Brücken, von allen Seiten Jupiterlampen. Ringsum Heizungsanlaqcn und Schalttafeln mit geheimnisvollen Hebeln, oben an der Decke schalldicht abgesperrt der„Abherraum". Jeder Schritt Jenny Ingos wird ab- gemessetl und taktiert Und dann geht es von vorne los:„Holde Aida-" Das heißt zwischendurch wird die französische Fassung gedreht und Jenny Jugo hat plötzlich ein ganz anderes Gesicht, das heißt, nur um eine Nuance, man merkt es kaum, daß die Französin Claudette Claise mit genau derselben Frisur ustd denselben goldenen Knöpfen auf dem blauen Jumper die Hofratstochter markiert. Ich merke das Geheimnis der Verwandlung erst in dem Augenblick, als ich mich an sie herangefchlichen habe und frag«:„Frau Jugo, haben Sie eine halbe Minute Zeit, ich möchte Sie für meine Zcitunn etwas tragen." Da lacht sie und sagt: „Ob monsieur, je ne sais rien pour vous!" Die Komparserie aber lacht. Ich bin hercingefallen. Das Filmbassi«. Drüben im nächsten Atelier wird der U- Boot-Film„Morgenrot" gedreht. Es steht sogak noch das-Mod«ll der Ozeanflua-Jrffel von„F. P. 1 antwortet nicht" in der Ecke. Das sind zwei Filme, die in der Wasserwüste des Ozcans spielen. Um di« Kosten zu ersparen, hat man in diesem Atelierraum mit etwas Hol; und Tach- vavve ein Pvanzig Quadratmeter großes Wasserbassin aufgebaut. Tort schwimmt die Attrappe eines Seqelkutters. der von den Engländern als U-Boot-Falle verwandt worden sein soll. Das Modell von„F. P. 1" wird eben herausgezogen und dabei aus Versehen die Wellenmaschine gedreht. Im Nu kommt in das schmutzig« Wasser B-wegung. Eine Konservenbüchse schaukelt in der Mitte ans und ab und einige verirrte Holzstückchen treiben an den Rand heran. Wir sragen unseren Führer:„Ja, kann man denn mit einer derartigen Pfütze wirklich die Illusion des Weltmeers erwecken?" „Oh ja, stellen Sie sich vor. daß hier alles abgeblendet und eine dürstere Sturmstimmung erzeugt wird. Dann sieht man weder die Holz- venchalung, noch die Dachvapve. noch die Mellenmalchine und die Konservenbüchse nimmt man eben zuvor sorgfältig heraus. Drei Filmelefantr«. Wir treten durch das Scheunentor in das nächste Atelier. Hier sind drei große Elefanten nntergäbracht. Si« stehen in der Mitte der großen Film'cheune; etwas Holzwolle hat man ihnen zwischen die Beine gestreut. Di« Hinterbeine sind an mächtigen Ketten festgemacht. Em Wärter bringt eben einen Kübel n;ft Wasser und die drei Riesentiere strecken die Ruffel verlangend vor, während die grauen Hinterbeine sich an den Ketten straffen.. „Stehen die Elefanten immer da?" fragt unser Gänschen aus Dänemark. „Oh nein, mein Fräulein. Die warten nur auf ein« Szene der Aida. Wir brauchen sie auf der Opcrnbühne. Heute nacht oder morgen früh werden si« wieder zurückgeschafft." „In den Zoo?" „Ach wo. Die hat die Direktion gemietet von irgendeiner großen Tierhandlung. Da gibt es einen festen Satz." Immer«och Aida. Nach einen» zweistündigen Rundgang kehren wir in das große Atelier zurück. Wir öffnen leise die Türe um eben tönt zum 49, oder SO. Mal von Kiepura lasse angedeutet, die Arie durch den Raum: „Holde Aida, Hirmnelentstammend——* Die Filmmaschine stöhnt zum 80. Mal über die zwei Minuten-Szene hinweg. Der Regisseur hebt die Hand. Die Sirene macht tüüüüt, die Schere klappt. Jetzt wird es ernst. Das Mikrophon wird angeschcutet und der Sanger schmettert seine Arie aus voller Kehle heraus. SW«»acht. Draußen vor dem großen Atelier dehnt sich di« Nacht zwischen den Baracken und Garagen geht die Komparserie nach Hause. Im Portierhaus blinzelt ein Chrfftbäumchen hinter d«r Gardine und rings um di« Schlote und Türme der Filmstadt erwacht die heilige Nacht Die Leuchtuhr Wer den Baracken strahlt wi« der Mond über den Dächern. Im.Keglerheim Waldschlößchen läuft das Grammophon, in der molligen Gästestube und drüben über der Straße im„Kinderheim Nowawes" klingt aus jungen Kehlen das ewige Lied von der stillen Nacht. Hermann Schützinger. Spassige Mathematik. Kurzweil mit Zahlen. Ein besonders merkwürdiges Beispiel für überraschende Zusammenhänge, die zwischen manchen Zahlen bestehen, wird tmrch die sechstellige Zahl 142 857»ermittelt, wenn wie folgt gerechnet wird: 142 857 mal 2— 285 714 142 857 mal 3= 428 571 142 857 mal 4= 571 428 142 857 ma l 5= 714 285 142 857 mal 6= 857142 Es fft leicht festzustellen, daß sämMche fünf Ergebnisse mir di« sechs Ziffern der Ansangszch-, aber in verschiedener Reihenfolge enthalten! Rechnen wir weiter, so wird das Ergebnis noch eigenartiger: 142 857 mal 7--- 090989 142 857 mal 8= 1142 856 Zieht man van der letzten Zahl die erst« Ziffer 1 und die letzte Ziffer 6 zu einer 7 zusammen mr2 stellt si« ans Ende, so steht genau die Anfangszahl 142 857 wieder da! 142 857 mal 9— 1285 713 Hier braucht man nur die beiden letzten Ziffer» zu addieren(1+3= 4) und erhält so 128574, also«ine Zahl, di« ebenfalls nur die Ziffern der Airfangszahl enthält,.■ Eine komische Zähl ist auch die Ziffer 3367. Wird sic nämlich mit den Zahle» 33, litt, 99, 132, 165 uiw., also mit Zahlen, deren jede um 38 größer fft, als die ihr vorangehende, multipliziert, so ergibt das Produkt sechszfffrige Zahlen, Vie aus sechs gleichen Ziffern bestehen. 33 mal 3367 gibt 111111 66 mal 3867 gibt 222 222 99 mal 3867 gibt 333 338 182 mal 3867 gibt 444 444 Diese Operation kann bis zu der Zahl 297 fori« gesetzt werden, mit der multipliziert Vuk: 999999 erhalten muß. man als Pro- Di« folgenden Zahlenreihen zeigen ebenfalls «ine überraschende Gesetzmäßigkeit: 1 mal 8 und 1 ist 9 12 mal 8 und 2 fft 98 123 mal 8 und 3 ist 987 1284 mal 8 und 4 fft 8876 12345 mal 8 und 5 ist 98765 123456 mal 8 und 6 ist 987654 1234567 mal 8 und 7 fft 9676548 12345678 mal 8 und 8 ist 98765432 123456789 mal 8 und 9 ist 087654381 1 mal 9 und 2 fft 11 12 mal 9 und 3 fft 111 123 mal 9 und 4 ist 1111 1234 mal 9 und 5 fft 11111 12345 mal 9 und 6 fft 111111 123456 mal 9 und 7 fft 1111111 1234567 mal 9 und 8 fft 11111111 12345678 mal 9 und 9 fft 111111111 123456789 mal 9 und 10 fft 1111111111 Für abendliche Zusammenkünfte werden ern Paar andere rechnerisch« Probleme Gegenstand gro- ßer Verwunderung sein. Es fft zum Beispiel möglich, ein« von einem andern heimlich gewählte Dtul» tiplikationszah! anzugebcn. Man läßt die Zahl 37 mit einer Zahl des Dreier-Einmaleins, also nach» Belieben mit 3, 6, 9, 12 usw. multiplizieren und erbittet Angabe bloß einer Ziffer des Produktes. Es ist darauf durchaus kein Kuifffftück, sofort Vie Zahl zu nennen, die für di« Multiplikation gewählt wurde. Ist nämlich Vie gestellte Bedingung erfüllt worden, so muß das Ergebnis stets ern Produkt von gleichen Ziffern sein. Eine dieser Ziffern multrpli- ziert man mit 3 und erhält aus dies« Weis« die Zahl, mit der der andere Multipliziert hat. Ein Beispiel mag die Erklärung erhärten. Wir multlpli- zieren 37 mit 27. Das Produkt fft 999. Nein mal drei gibt aber 27, eben di« zu erratende Zahl. Es ist auch möglich, Vie Endziffer einer gehe:- men Multiplikation und Ildditron anzugeben. Man läßt zu diesem Zweck« aus der Zahlenreihe 1 bis 20 mit Ausnahme der 11 ein« beliebig« Zahl im Geheimen mit 9 multiplizieren und sodann di« einzelnen Ziffern des Produktes zusammenaldieren. Da« Ergebnis der Multiplakations- und MditionS aujgabc muß stets 9 sein. Ein Beispiel: 7 mal:. gibt 63; 6 und 3 fft 9. W och en aus gäbe für Stadt und L and Pipntiim« Verleger, Drucker und Herausgeber: Druck- und Verlaganstalt,: Poatabonnement fflr die Tschechoslowakei: Einzelexemplar KS1*—, viertel- „Vorwäru— Chefredakteur: Julius Braunthal—Verantwortlicher Redak- LV X jkhrig KL 13'—; v für die österreichische Republik> monatlich 90 Groschen; für teur: Franz Kuderna— Sämtliche in Wien V, Rechte Wienzeile 97.— Filiale jAJ I, II II 4' Deutschland:Einzelexemplarl5Pfennig,mpnatlfch65Pfennig,vierteliährigMk21— der.Bunten Woche“ in der Tschechoslowakei: Prag il/Nekazanka lS Für das übrige Aus 1 and: Einzelexemplar Schweizer Franken—‘20 1 KRONE SONNTAG, 25. DEZEMBER" 1932 LESEPROBE Die„Bunte Woche“ bringt heute: Wenn ich Carnegies Geld hätte... Antworten auf eine Rundfrage der „Bunten Woche“ von Schalom Asch, Hugo Breitner, Albert Einstein, Robert Kronfeld, Sinclair Lewis, Josef Luitpold, Heinrich Mann, Julius Tandler, Hans Tietze Einbruch in den Himmel."Von Prof. James Jeans Die Insel der555geheimnisvollen Gotter. Von Professor Walter Sniden Lüttenweihnachten. Von Hans Fallada Gibt es eine empfängnisfreie Zeit der Frau? von Dr. Paul Stein Eine Königin amüsiert sich. Von Stephan Zweig Kaiser Karl hat Angst vormeinen Mordplänen. Von Staatskanzler a. D. Dr. Karl Renner Wenn es Blut und Tinte regnet... Von Prof. Geoffrey Was plauscht Ihr Kind? Ein Preisausschreiben für die Mütter ★ Die nächsten„Bunten Wochen“ bringen u. a.: Norbert Bauer(Kairo): Flui über den schwarzen Erdteil Ludwig Wagner: Ludendorit— der General ohne Armee Robert Ehrenzweig: Der 15. März 1938 Anthony Autum: Todeskampf aut dem Meeresgrund Carlos Ojeda: Wenn das rote Tuch des Torero fliegt... Die Wahrheit über die spanischen Stierkämpfe KarlZiak: Im Reifrock auf den Montblanc Prof. Ang. Ginzberger: O Tannenbaum... Emil Maas: Amtsschimmel jenseits des Ozeans Oskar JelHnek: Geschichte eines Hauslehrers Tom Gill: Das Geheimnis der Dschungellagune Adolf Dygasinski: Ein Hundelos... Fritz Rosenfeld: Der Zar von Holy- wood Mortimer Walsh; Giganten bei der Arbeit Gina Kaus: Die Tante mit dem gebrochenen Herzen Paul Keri: Bela Kun, die Geschichte eines Schicksals Wilhelm Bärner: Ferdinand Sauter Karel Capeh: Helene Otto Koenig: Portikus mit Wind Eugen Heltay: Susi Artur Redlich: Hans Sachsens Gewerbe Erich Hülsenbeck: Dampferfahrt in den Tropen Jens C. Nielsen: Das Lasterschiff Prof. Otto Erich Deutsch: Drei Wiener Hellseherinnen Über den Herzog von Reichstau' Die Geheimnisse der Berliner Unterwelt Von ALEXANDER S-TE’RN Bünde jugendlicher’Verwahrloster sind eine-der schauerlichstöi Erscheinungen der Notzeit in Berlin. Als nach dem russischen Bürgerkrieg; und den ihm nachfolgenden Hungerjahren Kinderhorden plündernd£ das ungeheure Reich durchzogen,- konnte sich die gelbe Presse nicht-genug i tim mit Schilderungen der„Bezprisomi“'. Dagegen schweigen sich' dieselben Blätter hartnäckig/über die„Cliquen“ aus, über die zu festen Scharen.zusammengeschlossenen Jugendlichen in den Tiefen Berlins. Fürsorger und Polizei geben über sie nur ungern und ungenau Auskunft, weil. sie. gegen das Treiben machtlos, sind, da sie. ja einen Teil seiner Ursache, der herrschenden Gesellschaftsordnung, bilden. Hier wird vom Häuptling einer solchen Clique berichtet; seine Erzählungen und Führungen boten Anstoß zu gründlicherer Nachschau auf-.diesem dunkeln Gebiet Er Hieß wirklich und wahrhaftig Widukind. Der Teufel weiß, was sich, der Vater des Knaben gedacht haben mag, als er seinen Einzigen mit diesem, lächerlichen, Vornamen. fürs ganze Leben strafte. Widukind kam zu mir, als der Briefträger Schwan ermordet worden war. Man erinnert sich dieser Bluttat vielleicht noch,« well damals eine Spur nach Mödling bei Wien zu.führen schien, die sich nachher als falsch erwies. Der Geldbrieftrager war auf die übliche Art mll einer kleinen Postanweisung in eine Berliner Wohnung gelockt und dort erschlagen worden. Sein Mörder floh mit-em erbeuteten Geld nach der Riviera und nahm seine beiden Schwestern mit Er hieß Reins, war ein Maurer, sah aber mit seiner schwarzen Hornbrille und seinem Abendanzug nicht um ein Haar anders aus als die übrigen Gäste-er Bars und Dielen im Berliner Westen, wo er sich dauernd mit seinen Schwestern herumtrieh. Ein Kragen, den Reins'asi'der Mordstelle zurückließ, und ein Bries,'den eines der Mädchen ihrer Mutter schrieb, brachte die. Polizei auf-'ihre Spur, ujld als sie eben unter dem Himmel ihrer Sehnsucht aus dem v Zug sttegen» würden sie festgenommeu.'-j Det' Fall erregte um so mehr Aufsehen, als mehrere ähnliche Bluttaten kurz vorher unaufgeklärt geblieben waren. Die-Berliner Zeitungen waren voll davon, und eines Tages legte man mir dort eine Visitenkarte auf den Schreibtisch in der Redaktion' Widü» kind D e l tz t e r. Darunter stand mit Bleistift geschrieben: Wichtige Angaben über den Mörder Reins und seine Schwestern. „Schicken.Sie ihn herein",,sägte ich dem Redaktionsgehilfen.„Hat der Mann Schild, Speer und Vollbart? Widukind?" „Wat denn! Js Loch'n Junge,'n Pup- penjunge obendrein." Widukind tritt auf Widukind trug, viele Berliner Jungs halten. das' Mr vornehm, einen Blazer.-eine marinehlhüe SegKljftcke Mt zwei Rethen goldener Knöpfe, eine Helle Hose und keinen (Für die■„Bunte Woche“ gezeichnet von Arthur Stadter) Weihnachten in unserer Zeit... Hut. Seine blonden Haares waren sorgsam onduliert, unter den Augen lüg ein blauer Schimmer Schminke: Ein.Puppenjunge, wie sie in Berlin auf den Strich gehen.. Koks ,.. Ich ließ Widukind. reden. In einer sonderbar nervösen Art erzählte er von den Geschwistern Reins, die er sehr gut kannte, von den Lokalen, in denen er sie getroffen hatte; er. sptach merkwürdig singend'und eintönig, sprang immer ab,'fragte,- ob ich Alexandria kennte, dort wäre er geboren und in Stockholm hätte er Verwandte, dann sprach er wieder von den- Reins; r.:. Ich hörte schweigend zu und dachte nur immer: Was hat der Büb? Mn Verdacht wurde in mir rege. Diese Art, zu sprechen, zu blicken und während- des ungeordneten Redens nach allem Möglichen ,3u. greifen, hatte ich schon- als Student beobachten- kön- nenr-Sollte, der Junge«.«..? Widukind sprach,-sprach, aber plötzlich verlor er. alle Zusammenhänge, lällke. säin Kopf schlug, auf. den Tisch' auf,-er versuchte, ihn hochzureißen..•.'i, Ich sprang zu ihm, fragte: ,',Kokäih?" .„Jaa Koks—'Er hauchte-/es, sank um und schließ. Wir legten den Knaben auf eine Bank, schoben ihm etwas unter und• ließen ihn seinen Kokainräusch ausschlafen. Spätnachmittags erwachte er:„Wo bin ich? Hab' ich was gesagt?"/.\ Ich beruhigte ihn, kochte ihm eigen starken Kaffee— in jeder anständigen Redaktion kann man Kaffee kochen— und dann hatten wir eine länge Unterredung miteinander. Er faßte Zutrauen zu mir,.ich erfuhr, daß er nicht m Alexandria, sondern in Neu- Ruppin geboren worden war, bald nach seiner Gehurt fiel sein Vater'in Flalchern, seine Mütter brachte sich irgendwie durch, er sah sie oft wochenlang nicht, obwohl, sie zusammen wohnten. Ich fragte ihn unber- mitteU: „Und zu welcher Clique gehörst du?" „Wat wissen Se von Cliquen?" „Genug. Ich kenne»Schirapsdrossel«, »Santa Fe«,»Dreckstiebel«,»Mädchenscheu«, »Waldpiraten«,»Bäuernschreck«,»Schwärze Liebe«,.»Roter Schwur«,,»Nordlicht«^»Tär- tarenblut«,»Tooesv'erachter«^»Bsutigec Knochen«, dann kenne! ich noch die»Roten Apachen«,>■»Trapperblüt««. und-»Jndiäner- blut«,)außerdem»Martexholz«,'»Meinfalke« und noch ein paar." . Meine Kenntnisse machten auf. Widükind einen solchen Eindruck, daß er jetzt wiederum mir imponieren wollte. Darum sagte er:' „Und. wissen Se, wer ich bin? Ich bin der Cliquenbulle von die»Dollen Hunds«." Cliquenbullen,-burschen und-kühe Die Cliquen: heißen. richtig„Wilde Cliquen". Nach einer vorsichtigen. Schätzung haben sie' ungefähr. zwanzigtausend Mitglieder, in ganz Deutschland. Etwa fünfzehn- tausend gehören zu den sogenannten Wandercliquen, also. Rudeln, die frei herumstreifen Und eigentlich nichts Böses tun. Gelegenheitsverdienste ihrer Mitglieder werden in eine, gemeinsame Kpsse gezahlt, Besuch von Rummelplätzen, Ausflüge und. gelegent- lich Plünderung, von Obstgärten ödxr Kar- tofsWckerü': wird'(jo, fiHanzierü ebenso ihre Feste; bei denen Ire Burschen.-einander ihre Mädel umschichtig züschieben. Bunte Woche Rund dreitausend Mitglieder von Cliquen stehlen gelegentlich und schrecken, wenn es darauf ankommt, auch vor einem Raub nicht zurück. Aber diese Taten sind nicht Aveck ihrer Cliquen, sie werden nur bei Ainstiger Gelegenheit begangen. Anders der R?st der jungen Menschen, von denen etwa zwei Drittel 16 bis 20, ein Drittel 14 bis 16 Jahre alt sind. Sie stehlen, rauben, plündern planmäßig. Sie sind zur Verzweiflung geboren. Die Welt zeigt sich ihnen mit prunkenden Schaufenstern, mit der Talmitzracht von Tanzlokalen, mÜ den Perlogenhelten süßer Filme. Alle diese Schätze sind für sie unerreichbar. Denn für sie gibt es keine Arbeit. Sie kommen hoffnungslos ins Leben, hoffnungslos aus der Schule. Wenn sie aus ihren stinkenden Wohnungen einmal in-en prunkenden Westen Berlins wandern, ist alles eitel Pracht und Herrlichkeit, Autos, seidene Frauen'Schätze hinter Spiegelscheiben— aber nicht für sie. Auch die Wurste sind nicht für sie, die bei ihnen draußen bergeweiS zur SchPl gestellt find mit Speckseiten, Käselaiben und geräucherten Fischen. Alles nicht für sie. Sie wollen aber etwas davon haben. Deshalb bilden sie Cliquen.■ Es gibt in Berlin allein etwa sechshundert Cliquen aller drei Arten, manche hat sechs Mitglieder, manche zwanzig. Täglich lösen sich Cliquen auf, täglich entstehen neue. Sie haben phantastische Namen, ihre Obleute heißen Cliquenbullen, ihre Mitglieder Cliquenburschen und Cliquenkühe. Die Cliquen bilden Ringe, di« mit den Ningvereinen, den Zusammenschlüssen der Berliner Ganoven in Verbindung stehen. Den Zusammenhang halten die Cliquenbullen aufrecht, die innerhalb ihres Ringes eine Art Klub bilden, dessen' Vorsitzender der Ringbulle ist. Mit den Ningvereinen haben sie die mörderische Sehnsucht gemeinsam,„vornehm" zu sein, und deshalb tagen die Klubs der Cliquen-, bullen in Frack und Zylinder, genau so wie die Diebe, Einbrecher, Zuhälter und Räuber der Berliner Ringvererne ängstlich darauf sehen, daß jedes ihrer Mitglieder Smoking, Gehrock und Zylinder besitzt, Affen der bürgerlichen Welt, die sie hervorgebracht hat, nach der sie sich sehnen und die sie mit der Wut bekämpft, mit der ein Kleingeistiger gegen sein treffendes Zerrbild rast. Und noch ein« Sehnsucht ist den Ring- Vereinen der Erwachsenen und den Cliquen der Jungen gemeinsam: die Fahnel Sowie sie können, schaffe« sie eine an, prachtvoll gestickt, mit Bändern und Quasten. ,,Jn,hiesxr Welt war Widukind ein Häuptling- Unter seiner Führung lernte ich einige ihrer.Movinzen kennen. Bei den„Dollen Hunden" In Berlin gibt e8 sonderbare Gegenden: Da ist rund um die Gedächtniski.rche ein Stern aus Licht und Farben. Die Tauent- zienstraße mit ihren teuren Läden und ihren Kaufhäusern mündet dort, der Kurfürstendamm mit seinen Nobelwohnungen. Kabaretts, Bars, KinoS, Dielen und Bsrgnü- gungslokalen geht von hort ab, andere Strablen des Sternes sinh die Budapester- und die Ha'rdenbergstraße, von Läden gebildet, in deren Auslagen kostbare Porzellane, antike Möbel. Klaviere und Automobile zur Schau gestellt sind Zwischen den Läden aber, ragen die riesigen Lichtspieltheater zum Himmel, stehen ungeheure Ber- gnügungsetqblissements, eines davon ganx aus Marmor und Glqs, Tanzkaffee durch vier Stockwerke und auf dem Dach, Restaurant mit weißem Steinboden, durch den sich ein Bach schlängelt, an dessen Ufern fremde Bäume wachsen und weißgedeckte Tische stehen. Und all das lockt mit Licht und wiederum mit Licht in allen Farben, ein Geschrei von Millionen Lampen wölbt sich wie eine Hall? über-em nicht abreißenden Strom von Menschen und AutoS. über einen Schwibbogen donnern die Fernzüge in den Bahnhof Zoo, sausen die elektrischen Wagen der Hochbahn. In den eleganten Straßen ChqrlottenburgS, das sich anschjicßt, gibt eS zwischen den prunkenden Häusern Flecken voll Schrebergärten und Lauben, umplankte Werkplätze, umfriedete ödflächen, und in Halensee, am Ende des Kurfürstendammes bergen sich vornehme Villen in weiten Gärten die plötzlich an wüste Stellen grenzen, an Baracken, die auf struppigen Krumen hocken, an narbige Sandplätze, auf denen Gerümpel herumliegt. Das ist«in Teil der Kulissen, zwischen denen Cliquen ihr Spiel treiben. In den Seitenstraßen des Kurfürstendammes parken Nacht für Nacht hunderte AutoS, immer von Cliquenburschen umschnüffelt. Sie wollen die Wagen nicht stehlen, das besorgt eine andere Gilde. Sie wollen fahren. Sie wollen vornehm sein wie ihre bewunderten Vorbilder in den Bars Können sie einen Wagen schnappen, dann los, solange das Benzin vorhält. Hat der Vergaser den letzten Tropfen zerstäubt, dann lassen sie den Wagen stehen, wo er eben ist, aber wenn es geht, nehmen sie die Reservereifen mit und all das von den Bestandteilen, was sich verwerten läßt Sie haben ihre Hehler, es gibt genug Mechaniker und Werkstättenbesitzer die Aittoteile zum Tarnen gestohlener Wagen brauchen. Bei einem solchen sind wir. Wir find über einen großen Materialplatz gestolpert, Schuppen und Werkstätten stehen auf ihm und hinter der einen ist ein Anbau, in dem di«„Dollen Hunde" hausen. Raum mit einem Fenster, einer Glühlampe, ein paar leeren Kisten, zwei Stühlen, einem Tisch und einer Liegestatt, dem„Stoßsofa", das zu jeder Ctiquenbude gehört. Die„Dollen Hunde" find etwas Besonderes. Nur ganz wenige Cliquen bestehen aus Homosexuellen, wohl weil die Eifersucht unter ihnen heftiger wütet als zwischen Burschen und Mädeln. Begreiflich: Mädels gibt eS übergenug,„Schwule" aber bedeutend weniger. Einen haben wir vom Kurfürstendamm mitgenommen, wo er auf den Strich ging, einen anderen„Dollen Hund", einen jungen Franzosen übrigens, holten wir aus einem lener kleinen Lokale an der Martin-Luther-Straße, wo Männerfreunde sicher sind, immer unter sich zu sein. Er hat eine Flasche teuren LikörS mit, daS Geschenk einer„Tante", eines Rechtsanwaltes aus der Provinz, der regelmäßig nach Berlin kommt, um dort wenigstens eme Nacht lang auf seine Art glücklich sein zu können. In der Höhle der„Dollen Hunde" sind noch zwei, Berliner Jungs, einer in Steirerhosen, einer in einem Matrosengwandl, Trachten, die erfahrungsgemäß bei ihrem Geseift am meisten ziehen. Sie haben ihre Arbeit für heute hinier sich, fie haben Geld und jetzt sitzen fie da mit ihren gebrannten Haaren, ihren geschminkten Lippen und Wangen, und haben nur auf Widukind gewartet. Drei fehlen noch, dann wären die „Dollen Hunde" komplett bis auf Anatol. der hat heute seinen stinkfeinen Tag, bei nem jewesenen General, im Grünewald." Sie wollen ihn gegen Morgen holen. Natürlich mit einem Auto-. Warum sie eine Clique gebildet Hütten? Die Antwort ist zerfleischend einstimmig, im Chor:„Wifien Se ne andere Arbeet for uns?" Sie wissen genau, mit welchem Auto sie fahren werden. Es steht Nacht für Nacht tausend Schritte von hier. Ein Türschloß kann man mit Zündhölzern aufdrücken und die Starterschlussel ähneln einander viel mehr, als Autobesitzer ahnen. Da muß ich nicht dabei sein. Was soll ich denn sonst tun? Viel später traf ich Widukind noch einmal. Ich hatte gerade eine lächerliche Auseinandersetzung mit einem Kellner auf der Terrasse des Kaffeehauses Ecke Kunst-Lei und San- Jakobs-Markt in Antwerpen. Ich hatte mittag einen Fisch gegessen, der scheinbar nicht ganz tot war. Denn ich fühlte, wie er in mir berumschwamm und mit der Schwanzflosse gegen meine Magenwände schlug und wollte infolgedessen einen Bittern trinken. Aber der Kellner war sehr entrüstet und erklärte mir, Belgien wäre trocken und Likör gäbe es nur in Delikatessenhandlungen, und auch dort nur in Flaschen. Ob er ein Bier bringen dürfe? „Und das ist alkoholfrei?" „Wieso denn? Nein, richtiges Bier, flämisches, Stella." „Sie sagten doch, Belgien sei trocken?" „Bier ist doch kein Schnaps. Wir sind nur auf Schnaps in Gläsern trocken." ES. war, wie gesagt, eine lächerliche Aut» einandersetzung. Da stand plötzlich Widukind vor mir.■ „Tach l Wat sajen Se? Nobel, wat?" Er war wirklich nobel: trug einen hocheleganten Anzug, Seidenwäsche, Seidenstrümpfe, hellgraue Wildlederschuhe mit Lackeinsatz. „Mensch, Widukind, wie kommst denn d« hieher?" Er hatte in irgendeinem Saftlochen deS Berliner Westens einen- Griechen kennengelernt, einen Grohkaüfmann, der nahm ihn nach Angora mit.„Und die Türken, isie fliesen doch ans blond, wissen Se? Dort kann ich mein Glück machen. Knorke, direkt Edelknorke, nicht?" Er las offenbar auf meinem Gesicht, daß ich nicht seiner Meinung wär, und sagte: „Na ja, was soll ich denn sonst tun?" Ich sah die breite Straße San-JakobS- Markt hinunter: an ihrem Ende sind zweiundzwanzig Stockwerke^zu einem Hochhaus getürmt. Es. ist klein gegen das Filigranwunder des Turmes der Kathedrale. Dessen Schatten fällt auf di« Börse. Sein Glockenspiel ist bis zum Hafen zu Horen, die Sirenen der großen. Dampfer antworten ihm. Der Lärm der Straße klang wie das Sausen der Treibriemen und der Stahltakt der Maschinen, der die Frage der Kinder von dreißig Millionen Menschen überbrüllt, die sie in allen Zungen der Erde erheben:„Was soll ich denn sonst tun?" Ich sah wieder auf Widukind. Er war weg. Schad' um den Buben. Die Insel der 555 geheimnisvollen Götter Ungelöste Rätsel um Rapanui, das Felseneiland der Südsee Von Professor WALTER SNIDEN Einsam im Stillen Ozean liegt eine kleine Insel, auf der sieh ein Vierteltausend geheimnisvoller Statuen erhebt, Zeugen einer längst verschwundenen Kultur sind, einer. Kultur, die uns völlig unbekannt ist, daß wir nicht einmal irgendwelche Vermutungen über sie anstellen können. Alle Versuche, die bisher unternommen worden sind, die Herkunft dieser Statuen zu erklären, sind fehlgeschlagen. Das. sind die Daten dieser-;geh-imniS- Strafkolonie benützt wurde, Dir militärische vollen Insel Rapanui: 27 Grad zehn Besatzung ist den Einwohnern noch schlechter Minuten Micher Breite, 109 Grad bekommen, als den Zuchthäuslern, zu Hun- 26 Minuten westliche. Länge von Greenwich, derfen starben sie unter den rohen Mihhqnd- 3500 Kilometer von der Westküste' Süd-.ün^en der weißen Mannschaften, wo immer amnikas entfernt,' hundertachtzehn Ouadrap es oen KoloNiatsolbaten paßte, würden die Winzig klein wirkt neben den gewaltigen Götterbildern der Reiter kilometer groß. Der Entdecker der Insel war der Flibustier Davis(1687) von Roggeveen, der sie am Ostersonntag. 6. April 1722, zu Gesicht bekam, und fie deshalb OsttrInsel nannte. Sklavenhändler und schwane Blattern Die Bewohner der Osterinsel find Polynesier. Ihr Schicksal zeigt diese kleine Statistik:» 18. Jahrhundert,... 1800 Einwohner 1888... 980 I87V 600 1980,........j 228 Jetzt find sie schon fast auSgestorben. Hinter diesen Zahlen steckt die Tätigkeit peruanischer Sklavenhändler, die dort regelrecht«» Menschenraub betrieben. Hinter dieser Zahl stecken die Pocken, die verschleppte Einwohner nach ihrer Rückkehr mitbrachten. Hinter dieser Zahl stecken die Syphilis und das Feuerwasser. Hinter dieser Zahl steckt endlich die Tatsache, daß die Insel von der chilenischen Regierung eine Zeitl nq als Eingeborenen verjagt, ihre lustigen Hütten bedenkenlos niedergebrannt. 228 Einwohner — statt 1600, das war das Ergebnis der „Zivilisation..." Diese Eingebornen haben immer ein sehr primitives Leben geführt. Die Nahrung bestand aus Zuckerrohr und Bananen, aus Hühnern, Ziege», Fischen. Ratten und, wenn es sein mußte, auch aus Ungeziefer. Wasser ist das einzige Getränk gewesen, Meerwasser ersetzte das Sah Frauenhaar, SeegraS, Bogelfederu waren der Rohstoff für die Kleidung. Die Häuser find lange, niedrige Hütten, di« umgekehrten Booten ähnlich sehen, zwei Reihen von Pfosten, auf einem Fundament aus vulkanischem Gestein aufgerichtet, überdacht mit Zuckerrohrblättern. Boote wurden aus Treibholz gebaut. Als Dünger für die Pflanzungen diente Gras. Die Menschen waren harmlos und voller Verttauen. Aber Überfälle, Verschleppungen durch die Sklavenhändler machten sie „tückisch". Eine Zeitlang bemühten sich Missionäre um ihre Seelen. Aber die Bewohner hatten von dem Christentum der weißen Menschenverschlepper bald genug. Die Missionäre mutzten samt ihren Bekehrten fliehen... 555 geheimnisvolle Riesenstatuen Auf dieser Insel, mit ihren primitiven, rasch aussterbenden Bewohnern findet man geheimnisvolle Statuen. Von diesen Figuren ist nur Kopf und Hals und ein kleines Stück Brust ausgearbeitet. Wie ungeheure Riesen sehen" sie aus,' die man bis fast an den Hals in die Erde gegraben hat. Schultern und Arme fehlen. Überall findet man fie an der Küste.' Maü hat'fie gewählt. Es sind ihrer fünshundettsünfundfünfzig. In einem Stein- bruch liegt eine unvollendete Statue. Eine hat man nach London, ins British Museum, geschafft. Mit ernsten Steingesichtern sehen sie aufs Meer hinaus, sonderbare Mützen auf den niedrigen Stirnen. Die größten ÄNd 28 Meter: hoch Das entspricht einem fünfstöckigen Haus. Wer hst sie errichtet? Niemand weiß es. Man hat die'Eingebornen darüber befragt. „Die Vorfahren", haben die einen geantwortet.„Die Götter", haben die anderen gesagt. Die eine Antwort ist so unbefriedigend wie die andere. Wi^ wurden viele tausend Kilogramm schwere Statuen transportiert? Wie wurden sie aufgestellt? Das erfordert, schon eine sehr hohe Technik, die Anwendung komplizierter Maschinen, die man weder den primitiven Einwohnern der Osterinsel, noch ihren Vorfahren zutrauen kann. Man hat mächtige,'halb in die Erde hiueingcbaute Steinhäuser auf der Osterinsel gefunden,' die zur Zeit der Entdeckung durch die Euroimer schon leer und verlassen waren. Haben die Errichter dieser Staiucü' in jenen Häusern gewohnt? War das vor hunderten oder vor tausenden Jahren? Sind diese Statuen Götterbildnisse, sind es die Monumente für Menschen oder sind fie geheimnisvolle Symbole, die uns völlig unerklärlich sind? Konnte die Osterinsel, dieses kleine, arme Eiland, je eine solche Menschenmasse ernähren, die zu der Errichtung vieler hundert dieser gewaltigen Statuen notwendig war? Oder verteilt sich die Erzeugung dieser Statuen auf viele Jahrtausende? Alle diese Fragen sind unbeantwortet geblieben bis aus den heutigen Tag. Und wahrscheinlich werden sie auch immer unbeantwortet bleiben. Man weiß, daß diese Figuren in dem Strinbruch hergestcllt wurden, der sich aus der Insel befindet. Man weiß aber auch, daß der r o t e Tuffstein, aus dem die zylinderförmigen Kopfbedükungen der Geheimnisvollen geformt wurden, auf der Osterinsel nicht vorkommt. Man weiß, daß Reliefs, die auf Ravgnui zu sehen.sind, auf einen längst verschollenen V o g e 11 u 1t deuten, der offenbar dem Fregatr en Vogel gegolten hat. Und man weißt daß die Bilderschrift der einstigen Bewohner eine ziemlich hohe Kultur verrät. Aber mehr weiß man nicht... In wenigen Jahrzehnten wird der letzte nichteuropäische Bewohner der Osterinsel für immer die Augen schließen. Aber die geheimnisvollen Riesenstatuen, fünfhundertfünf- undfünfzig riesige Steingötter, werden noch immer ernst und schweigend auf das Meer hinausblicken. Niemand weiß, von woher sie gekommen find. Wer find die Bildhauer? Polynesier? Menschen aus der Atl-mtis? Ein verschwundenes und vergessnes Volk? Irgendwelche Urbewohner Südamerikas, Ahnen des Reiches der Inkas? Schweigend blicken die Steinernen hinaus auf das ewige Meer. Und niemals werden sie antworten. Bunte Woche Acht Tage extra Von FRANK HARRIS/'. LSon Fournageot hatte seinen Posten aS Schreiber in einer Notariatskanzlei verloren. Er.trxL sehr stolz auf seine gesellschaftliche Stellung gewesen, und hatte immer einen Gehrock und eine sorgfältig geknüpfte weiße Krawatte getragen.' Aber einmal ohne Beschäftigung, fiel seine Adrettheit bald von ihm ab wie mürber Zunder/ Madame Fournageot zog ihn.an, fütterte ihn und vergaß auch nicht, dies immer wieder'zu betonen, wenn sie mittags das Glas Wasser eingoß, mit dem er sich von nun an begnügen muhte. Den Unmut Madame Fournageots— bei ihrem Sinn für wirtschaftliche Ökonomie l— kann man sich leicht vorstellen, als eines schönen Abends ein Vetter ihres Gatten namens Grabiche hereingeschneit kam und sich ohne Umschweife gleich selbst zum Abendessen einlud. Seit• fünfundzwanzig Jahren hatte man sich nicht mehr gesehen. Der junge Grabiche war damals fett und lustig gewesen und hatte in einem Nachtcafö Lieder gesungen— Lieder, die sich nicht gerade hurch Feinheit und übertriebene Schamhaftigktit auSzcichneten, wie sich Madame Fournageot erinnerte.„Eine nefte Familie!" hafte sic damals mit einem verächtlichen Seitenblick auf ihren Gaften geseufzt. Wer das war ein neuer Grabiche, ein Grabiche von fünfundfünfzig Jahren— fetter und röter denn je. Unter seinem rechten. Arm trug er eine ungeheure Pastete und unter seinem linken eine Flasche.„Wir wollen jetzt einmal ordentlich nachtmahlen", rief er fröhlich. „Onkel Cyprian gab mir eure Adresse." Madame Foür« nagcot lächelte, denn sie'-hatten bemerkt, daß.Wer, dem. gewölbten' Bäuchlein Grabiches eine dicke schöne Goldlette prangt« ynd' an einem' der ziemlich schmutzigen Finger ein patziger' Ästallerdings•deutliche „Singst du noch iyuner in der Chätzffhe' Clyz- nancourt?" fragte sic.' „Nein", rief Grgbiche,„o nein^-7/jetzt singen die anderen für mich!" > Und er. erzählte: Ms.er. gesehen-hafte',, daß aus d«. Arbeit der Artisten und Sänger,.immer-er Direktor und der Manager tyen Hauptnutzen zogen, kaufte er nach-Jahren emsiger Sparsamkeit selbst ein Lykal, das den ansprechender!-Titel„Le Cri Cri", führte, taufte^ es in.-„-Le Itqylo llüll-ches üigolos" um.„Jetzf macht die Sache ihr« dreißigtausend Franken im Jahr,.ohne Mühe'/ setzte er fröhlich hinzu. Ich bin Unverheiratet und,habe keine Kinder— wirklich, Fournageqf,,-du.bist''mein einziger Erbe, und. wenn.ich früher ins Gras beiße als. du, dann will ich'dir genug zürücklasscn, damit du aus meine Ässünöhtit trinken- kannst..."' 3laä) dem Nachtmahl nahm er..die Fournageots mit zu seiner Music Hasst: eine.schreckliche Gesellschaft— Männer ohne Kragen- und Frauen ohne die. leiseste Andeutung- einer Kopfbedeckung. Der Herr Direktor verstaute seine. Verwandten! in der Proszeniumsloge; während sie Platz nahmen, mach» ten ein paar junge Burschen, die.doni im Audi- torium saßen, laut ungenierte Bemerkungen.über das Ehepaar, besonders über Madame Fournageot, die ein. paar falsche Stirnfransen ayfgesteckt hatte. „Sie unterhalten sich halt gern", entschuldigt« Grabiche das Benehmen-der Burschen,„...man wird übrigens kaum etlvas nach euch werfen",'fügte er beruhigend hinzu,„ich kenne fast alle— eS sind Stammgäste!".-> Und einen von den rüden Kerlen aufs Korn nehmend, schrie er, daß der Saal wackelte:..>Du gesottene Kalbsleber, halt dein Maul, oder ich hau' dir eine herunter, daß dir die Zähne paarweise beim Rachen her ausspazieren l" JmZwischenlckt nahm er Fournageot hinter die Szene. Sie stießen auf ein halbes Dutzend Frauen in jedem Sta-- dium von Ausgezogep- heift drei oder vier spielten in einer Ecke Karten, um sich, die Zeit bis zum nächsten Auftreten zu vertreiben. Grabiche stellte. vor: „Meine englischen Tänzerinnen, Rosa,. Cap- men, Bijou und Me- lindie.. Bleibt fitzen, Lieblinge--- bloß ein Verwandter1"'- Fournageot mußte sich vor Monsieur Ernest, demKomiker, und Mademoiselle Laura Ponestier verbeugen, die ebenso leicht auf den Händen wie auf ihren-Füßen gehen konnte. Er schüttelte ernsthaft Tschung-Li-die Hand, dem chinesischen Zauberkünstler, der im unverfälschten Pariser Vorstqdtdialekt sprach. Grabiche bestellte eine Runde. Als dir Getränke kamen, rief er aufgeräumt:„Ich ändere hie Nummern alle acht Tage, aber wenn ich ein Leines Mädel finde, das mir gefasst, fo lasse ich es«jnr Woche länger da— das ist dann so ein kleines mant; seine Kleider zeigten Spuren von Wgetragenheit. Präsent, das ich mir genehmige. Sie ist die Königin meines Herzens für eine ganze Woche, aber niemals für länger. Mein Publikum und ich lieben die Abwechslung. Wenn die vierzehn Tage um sind, mußsic gehen; sie kann weinen oder fluchen, so.viel sie will—es hilft nichts. Deshalb fragt mein weibliches Personal auch immer, wenn die Kontratte äbgelemfen sind:„Wer wird diesmal die acht Tage-.machen?", .„Grabiche!" rief Fournageot in beschwörendem Ton,„Grabiche!" Doch Grabiche schien nicht gern moralisch«.Predigten zu.hören. 'Ms'sie zurückkamen, fanden sie Madame Fournageot sehr verärgert, geradezu wütend. Sie durchbohrte ihren Gatten-mit-scharfem Blicken,-augenscheinlich bemüht, herauszufinden, welchen Eindruck „die Szenen" auf ihn gemacht hatten Aber Lson hatte sein gewöhnliches würdevolles Beamtengcsicht aufgesetzt, das vollkommen undurchdringlich war. Alles, war er sagte, war:„Ich bin noch nie hinter der 1 Bühne gewesen;' es ist alles ausgezeichnet, arrangiert, die Artistinnen spielten Karten.-.-!-"' - 1r ,- Seit jenem Abend besuchte sie Grabiche jeden Sonntag Er kam nie ohne reichliche Vorräte an Wein und kalten Delikatessen. Einstmals sang ihm Madame Fournageot«in' gefühlvolles Lied vor, und er. sagte dann immer, mit diesem. Lied hätte sie bestimmt einen Bombenerfolg auf dem Theater. Eines Sonntags, als Grabiche kam, bemerkten die-beiden, daß er röter-als gewöhnlich war und ein wenig im Zickzack ging. Statt Wein hatte er diesmal eine Flasche Kognak mitgebracht. „Ich. fühle mich nicht wohl", sagte er,„ich glattbe, ich brauche einen Leinen Aderlaß. Ich will euch beim Essen zusehen und werde mich mtt diesem alten Kognak begnügen, in. den ich eine Brotrinde tauche. DaS ist mein Heilmittel für alle Krankheiten." „Es würde vielleicht besser sein, wenn du...", riet Lüon Fournageot. Wer Madame unterbrach ihn:„Latz deinen Vetter in Ruhe: er wird schon selbst wissen, was ihm gut tut." „Ganz recht", sagte Grabiche.„Ich bin zu gesund und mein Blut-ist. zu stark, das ist das Übel. Wer den Kognak will ich doch versuchen. Ich habe eine Art Schwindelgcfühl— ein Sausen in-den Ohren, als ob ein Mühlrad in meinem Kopf herumging«. Der Kognak wird mich wieder auf die Beine-bringen!" Die Fournageots bemerkten, datz ihn die ersten drei Gläser.v.iolett färbten statt rot. Madame Four- nägeot brachte die Suppe auf den Tisch und man begann zu essen. Plötzlich sttechc Grabiche seine rechte Land aus und machte mit Len. Fingern greifende Bewegungen in der Lüft. .„Die Flasche steht rechts, siehst du nicht?" sagte Madame Fournageot. Grabiche wollte antworten, aber seine Stimme erstickte in einem Gurgeln. Sein Gesicht wurde schlaff und blau und sein Körper fiel schwer nach vorn auf den Tisch. „Er ist betrunken!" rief Madame Fournageot. Er war tot... ★ Es gab viele Laufereien und Formalitäten, doch nach drei Monaten kam das Ehepaar dank Four- nggeotS langjährigem juristischen Training in den Besitz der„üusio Hall des Gigolos" und außerdem von 20.000 Franken in barem. Die Music Hall war nicht leicht zu verkaufen, aber eS war klar, daß sie, selbst bei geringer Anstrengung, mindestens zwanzig- bis dreißigtausend Frarcken im Jähr abwerfen würde. Eine Chane« für die Fourna- geyts, die auszunützen war. Madame Fournageot baute sich würdevoll in der Kaffe auf und engagierte einen starken Mann, der lärmende und betrunkene Gäste hinausbefördern mußte. Monsieur leiftte die Music Hall. '' Er war nun wieder stets in schwarzem Gehrock und tadellos weißer Krawatte zu sehen. Und es dauerte nicht lange, so kam auch die erste Ver-- suchung-über ihn— in Gestalt einer Leinen entzückenden italienischen Tänzerin, die ihn süß anlächelte... Und er beschloß, dem Beispiel Gra- öiches zu folgen und sich ein Leines Präsent zu machen.•— die acht Extratage. Aber es war keineswegs leicht, Madame hievon Mitteilung zu machen. Madame trug jetzt einen ganzen Juwelierladen auf den Armen und Fingern, ihre Wangen waren ziemlich indiskret rougiert und die aufgesteckten Locken wirkten ausgesprochen kokett. Mer die Reize der Leinen Italienerin lockten zu verführerisch. Monsieur Fournageot beschloß, ganz Lar zu sein. „Die neue Brosche patzt dir wundervoll, liebste Amelie", begann er schmeichlerisch,„übrigens... ich hätte dir einen Vorschlag zu machen, die.'.." Doch Madame unterbrach ihn:„Du kennst doch den Seiltänzer, der solchen Erfolg hat. Er hat hier Furore gemacht— und wie es der Brauch ist, wenn der Besitzer mit einer Nummer zufrieden ist, will ich ihm die acht Tage extta geben..."' Monsieur fand kein Wort der Erwiderung. Fetische lügen niemals Von EMMY BERN ATZ IK Die Verfasserin dieses Berichtes, die Gattin des bekannten Afrikaforschers Dr. H; A. Bernatzik, hatte auf ihrer letzten Reise zu den Negerstämmen von Portugiesisch-Guinea Gelegenheit, in die streng gehüteten Geheimnisse westafrikanischen Aberglaubens einzudringen. Neben einer kleinen, runden, strohbedsck- ten Lehmhütte find drei kurze Holzpflöckc in den Boden geschlagen. Sie stecken'schräg in der lehmigen Erde, sehen alt und vermodert aus, obwohl das weit übrrhängende Dach sie vor Sturm und Regest schützt. Gedes.Fetischs. Mit peinlicher Gewissenhaftigkeit härt man sich an die gegebenen Anordnungen, die meist ein seltsames Gemisch von Heüversuchen und Bittopfern darstellen. So kann der Fetisch bestimmen, datz- dem kranken'Kinde zu gewissen Tageszeiten Eiklar Vas Fest der Feilsche: Ein mit Grasbüscheln umkleidetes„Gespenst" erscheint in der Negersiedlung, von den Alten mit Freudengeheul begrüßt, von den Kindern gefürchtet. blickt schlüpfen schwarze Menschen durch die enge, Türöffnung ins. Freie. Niemand beachtet dte schmucklosen Holzpflöcke dort drüben neben der Hütte. Aber sie find nur scheinbar vergessen, jetzt, wo die Arbeit des Tages die Menschen in Anspruch nimmt. In Wahrheit bedeuten sie den schwarzen Menschen. viel mehr, als wir zweifelsüchtigen Europäer vermuten würden. Von diesen unscheinbaren Holzklötzen hängt das Wohl und das Wehder Familie ab. Der Glaube daran wurzelt tief in der Seele des Negers. Es ist der Fetisch de s Hauses, der tzie Bewohner schützt und straft, ihnen Ratschläge, erteilt und ihnen im.Unglück hilft Täglich wird. ihm Palmwein: gespendet, und bei feierlichen Anlässen werden ihm sogar Haustiere und Reis- geopfert, der wertvollste BHitz der schwarzen Menschen..■■■■■.} ,-u;" • Der Fetisch. als Wahrsager , Die Neger sagen, datz der Fettsch durch den Mund des Priesters die Wahrheit verkündet An seinem Ausspruch zst zweifeln, wäre ein, schweres Vergehen und hätte die schrecklichsten Folgen für den Ungläubigen. Erkrankt ein Kind, so wird unter geyau vorgefchriebenen Zeremonien der Fettsch be- frägt, welche Heilmittel angewendet werden sollen. Der- Priester verkünoet den Willen zu verabreichen sei. Oder der Priester befiehlt, eine Ziege zu opfern, oder verlangt, datz das Blut eines Huhnes über die drei Holzpfähle' gegossen werde. Bringt die Befolgung der Ratschläge dem Kinde Genesung- so werden'Dankopfer gespendet— stirbt es, so war es der Wille Gottes. Niemals aber kann es der Wille Gottes sein, datz Könige sterben, die ihr Volk mit Milde und Klugheit regierten. Den Tod eines großen Mannes verschuldet stets ein böser Zauberer. Der Fetisch wirb nach dem Schuldigen befragt, der Priester nennt den Namen. Ohne Aufschub wird der Betreffende ertränkt. Kist niemals kommt es vor, datz der Schuloiggesprochene- seinem Schicksal zu entrinnen versucht, denn er selbst ist von seiner Schuld überzeugt und opfert sich seinem Volke,.das er des Königs beraubt hat. Bei einem westafrikanischen Negerstamm herrscht'die Sitten mit dem toten König vier Jungfrauen lebendig zu begraben. Man will damit dem verstorbenen Herrscher eine letzte große Ehre erweisen. Auch hier ist die Wahl der Mädchen nicht persönlichem Entschluß überlassen, sondern ber- Fettsch verkündet, wer das grauenhafte Schicksal zu erleiden hat. Ohne Widerrede fügen sich die tot- geweihten Mädchen dem Orakelspruch des Fetischs. Aberglaube hebt die Moral -Der Glaube an die Kraft des Fettschs und an die Macht der Dämonen besiegt auch den Willen. zum, Bösen. Den Geistern bleibt nichts' verborgen, und sie versäumen es nicht, jede Freveltat zu bestrafen. So ahnden die Menschen einen Mord deshalb nicht, weil sie der Überzeugung sind, daß die Seele des Getöteten sowohl: menschliche als auch über- nienschliche- Eigenschaften hat und sich selbst an bem Mörder rächt. ' Da sich nun die Neger durch verwandt- schafttiche. Bande außerordentlich stark gebunden fühlen und ihre Kinder über alles lieben,, so trachten sie begreiflicherweise, ihre Familie vor ber gefährlichen Rache zu bewahren. Obwohl ansonst Selbstmord bei den Eingeborenen verpönt ist, kommt, es sehr häufig vor, daß sich der Mörder selbst entleibt, um seine Tat zu sühnen und die Seinen vor der Rache des Geistes zü retten. .Bei den Ba laute-Ne gern glauben die jungen Mädchen, baß sie sterben müssen, wenn sie sich vor der Ehe einem Manne hingeben. Da die Liebe zu einem Manne aber selten größer ist als die Liebe eines jungen Menschen zum Leben, so gibt es nirgends in Afrika so tugendhafte Mädchen tvie bei diesem Stamme. Ein junger Eingeborener eines be- sonders abergläubischen Stammes hatte die Sitte seines Volkes verletzt. Der Fetisch verkündete seinen Tod. Ich habe diesen Menschen mit eigenen Augen sterben gesehen,' nachdem er wochenlang jede Nahrungsaufnahme hartnäckig verweigert und unter fürchterlichen seelischen Qualen der Erfüllung des Wahrspruches geharrt hatte. Das Geheimnis der Schlitztrommel Als ich einmal einen alten Häuptling bat, bei der Herstellung einer Schlitztrommel, hie als Fettsch dient, anwesend sein zu dürfen, wurde er sehr ernst und erzählte mir: Die Herstellung dieser Trommeln ist ein Geheimnis des Stammes. Nur wenige alte Männer kennen es und niemals dürfe eine Frau zugegen sein, wenn der Meister sein Schnitzmesser gebrauche. „Es ist noch nicht lange her", so berichtete er mir, daß er eines Tages seiner eigenen Frau befahl, das Essen an einen bestimmten Platz im Busch zu bringen. Die Frau wußte, daß-ihr Mann draußen an der heiligen Trommel arbeitete. Sie wußte auch, datz sie die Trommel nicht sehen dürfe. Als sie aber ihren Mann an der verabredeten Stelle nicht fand, begann sie ihn zwischen den Gebüschen und den Palmen zu suchen. Da sah sie plötzlich die große, noch unfertige Schlitztrommel vor sich und fiel augenblicklich tot zu Boden. Ihre Neugierde war größer als ihre Achtung vor dem Verbot.„Gott hat sie bestraft. Nicht anders- würde es dir ergehen", schloß er warnend seine Erzählung. Obwohl ich überzeugt war, datz ich nicht gestorben- wäre, wenn ich den geheimen Platz' erfahren und mich unbemerkt angeschlichen hätte, so brachte ich es doch nicht über mich, das Verbot zu verletzen. . Der Glaube dieser Menschen ist so stark, daß wir.mit unserem kritischen, nach Erkenntnis strebenden Geist sein Wesen gar nicht erfassen. können. Wir nennen es Aberglaube, Suggestion oder verderbliche Zauberei: Und doch spendet dieser intensive, unbeirrbare Glaube den primitiven Menschen moralische Kräfte, die allein es ihnen ermöglichen, den harten Kampf mit der Natur»u bestehen. Bunte Woche Ein Sportplatz wird gestohlen Kuriose Dinge aus USA. Von FRIEDRICH SCHEU In Amerika gibt man sich nicht mit Kleinigkeiten ab, dort geht alles in großem Stil. Da stellt eine amerikanische Zeitschrift einige in der letzten Zeit in Amerika begangene Diebstähle zusammen, die sich schon sehen lassen können. In Lang Island wurde einem reichen Mann ein Golfplatz gestohlen. Der Platzmeister ging eines Morgens aus seinem Häuschen heraus, um die Spielfähigkeit des Platzes zu überprüfen, da sein Herr für den Nachmittag einige vornehme Gäste zum Spiel eingeladen hatte. Er blieb entsetzt stehen. Wo gestern noch herrlicher, gepflegter Nasen gewesen war, erstreckte sich heute eine Einöde nackter Erde. Der Platzmeister grfff sich an den Kopf, glaubte zu träumen. Der Golfplatz war weg. Vier Tage spater fanden zwei Detektive den gestohlenen Platz. Auf einem Friedhof, einige Fahrtstunden weit weg, waren 400 Quadratmeter Rasen eingelagert, fein säuberlich aufgeschichtet, ein Rasenstück über dem anderen. Fremde Leute waren in einem Lastauto vorgefahren und hatten dem Friedhofswächter die Rasenstücke verkauft. Der Friedhofswächter konnte nachweifen, daß er selbst an der Sache ganz unschuldig war. Das Lastauto kam nie wieder und die Diebe wurden nie gefunden. Der Eigentümer mußte seinen Rasen-urückkaufen, bevor er ihn an seine ursprüngliche Stelle zurückschaffen konnte. Es dürfte dies in der Geschichte des Sports der erste Fall sein, daß jemand einen Sportplatz gestohlen hat. „Scharfe" Beute Trauriger ist die Geschichte der halben Million Rasierklingen, die in den Kellern eines Magazins in Boston eingelagert worden waren und spurlos verstanden. Eine halbe Million Klingen— bei so scharfen Dingen hätte man schon schärfer aufpassen müssen. Die Firma, die die Klingen von Boston nach Europa verschiffen wollte, hatte das Nachsehen. Aber eS ist manchem aufgefallen, daß die Mitglieder der Bostoner .Unterwelt Heuer viel besser rasiert umhergehen als vorige- Jahr. ,®ne. Million Fatz Rohöl wurden in Texas gestohlen. Eine Bande von einem Dutzend Leuten zapfte die Rohrleitung an, die daS Öl von fünf großen Ölquellen in Osttexas an die Derarbeitungsstätten führt. Nachdem sie eine Million Fatz gezapft hatten, wurden sie hoppgenommen. Nicht beneidenswert ist der Dieb, der in Kalifornien zwei Millionen Wespen gestohlen hat. Allerdings waren eS Gallwespen, die zur Erzeugung von Gallsäure gezüchtet werden. Der unbekannte Dieb ist also vermutlich nicht zerstochen worden. Ein Automobfl ist schon ost gestohlen worden. Aber eine ganze Geschäftsauslage eines AutogeschäfteS, bestehend aus fünfzehn funkelnagelneuen Wagen, wurde in Neuwark ausgeräumt, ohne daß man den Verbleib eines einzigen dieser Wagen gefunden hätte. Das gestohlene Haus Traurig war auch daS Schicksal eines anderen Bürgers von Neuwark, des Advokaten Josef A. F u e r st m a n. Mister Fuerstman ließ sein zweistöckiges hölzernes Landhaus instand setzen, um es zu vermieten, und reiste in die Stadt zurück. Als er einen Monat später zurückkam, um das Haus zu besichtigen, war nur der Keller übrig. Das ganze HauS war von der frierenden Bevölkerung der Umgebung mitgenommen worden, um mit dem Holz die Stuben zu hefzen. Beim Dach hatte man angefangen und war mit der Zeit bis auf den Erdboden hinuntergelangt. Diese Geschichte ist vor allem deswegen traurig, weil sie zeigt, wie schlecht es manchen Leuten auch m Amerika heute geht. Gut hingegen ging es den Sträflingen im Gefängnis von Freehold. Dort wurde nach der Wahl der republikanische Gefängnisaufseher abgesetzt und ein neuer demokratischer Gefängnisaufseher bestellt. Dieser berichtete an seine vorgesetzte Behörde folgendes: Von 90 Sträflingen haben 33 elektrische Kochgeräte, eigene Pfannen und Kessel, eigenes Besteck in ihren Zellen. Alle Sträflinge empfingen Gäste zu allen Tageszeiten und gaben lärmende Gesellschaften bis spät in die Nacht hinein.' Fünf Sträflinge waren abwesend und unauffindbar. Einer von ihnen meldete sich später und teilte mit, er wäre fort gewesen und hätte nicht gewußt, daß man ihn suche. Zwei Sträflinge waren anwesend, ohne daß ihre Anwesenheit durch irgendwelche Akten, Strafverfügungen oder dergleichen begründet erschien. Die beiden behaupteten jedoch fest und steif, zum Straf- lingsbesiand des Gefängnisses zu gehören, und wurden daher einstweilen vorsichtsweise dort belasten. Lütten-Weihnachten Von HANS FALLADA »Tüchtig neblig heute", sagte am 88. Dezember der Bauer Gierke ziellos über den Frühstückstisch hin. Es war das eigentlich eine ziemlich sinnlose Bemerkung, jeder wußte auch so, daß Rebel war, der Leuchtturm von Arcona heulte schon di« ganze Rächt mit seinem Nebelhorn wie ein Gespenst, daS das Ängsten kriegt. Wenn der Vater die Bemerkung trotzdem machte, so konnte »Neblig k" fragte gedehnt sein dreizehnjähriger Sohn Friedrich. »Verlauf dich bloß nicht auf deinem Schulweg", sagte Gierke und lachte. Und nun wußte Friedrich genug. Auf seinem Zimmer steckte er schnell die Schulbücher aus dem Ranzen in die Kommode, lief in den Stellmacherschuppen und stahl sich eine klein« Axt und/ eine Handsäge. Dabei überlegte er:»Den Franz bon Gäbels nehm ich nicht mit, der kriegt Angst vor Rotvoß. Aber Schöns Alwert und die Frieda Benthin. Also los!" Wenn e» für die Menschen Weihnachten gibt, so muß eS das Fest auch für die Tiere geben. sie nur eines bedeuten. erst als Heiliger Wend vorbei war, ließ er sie wieder kaufen. Sicher fit, sie gehen zu einem großen Abenteuer, und daß der Rebel so dick ist, daß man keine drei Meter weit sehen kann, macht alles noch viel geheimnisvoller. Zuerst ist eS ja einfach: die Raine auf der Baumgartener Feldmark kennen sie, das ist RothsprackS Winter- weizen, und dies ist die Lehmkuhle, aus der Müller Timm sein Vieh sommer» tränkt. Aber ft« laufen weiter, immer weiter. Sieben Kilometer find eS gut bis au di« See, und nun fragt H sich, ob st« sich auch nicht verlaufen tat Rebel. Da ist nun dieser Leuchtturm von Arcona, er heult«st seiner Ären«, daß eit«in Grause» ist, aber«S ist so seltsam, genau kriegt man nicht weg, von wo er heult. Manchmal bleiben sie stehen und lauschen, sie beraten lange, und wie sie weiterlaufen, fasten sie sich an de« Händen, die Frieda in der Mitte. DaS Land ist so seltsam still, wenn sie dicht an einer Weide vorbeikommen, verliert sie sich nach oben ganz in Rauch, eS tropft sacht« von ihren Ästen, tau- send Tropfen fitzen überall. Die See kann man noch nicht hören. Vielleicht ist sie ganz glatt, «an weiß eS nicht, heute ist Windstille. Plötzliche bellt ein Hund in der Nähe, sie stehen still, und als sie zehn Schritte weitergehen, stoßen sie an eine Scheunenwand. Wo sie sind, machen sie aus, als sie um die Ecke spähen, daS ist Nagels Hof, sie erkennen ihn an den bunten Glaskugeln im Garten. Sie sind zu weit rechts, sie laufen direkt auf de» Leuchtturm zu, und dahin dürfen sie nicht, da ist kein Wald, da ist nur die steile, kahl« Kreideküste. Jetzt find eS höchstens nur»och zwanzig Minuten bi» zum Wald. Alwert weiß sogar, was sie hier finden: erst eine» Streifen hoher Die Toten halten still und dann lade« sie sich den Bau« auf und laufen an das Meer. AnS Meer muß man noch, wenn man ein Küsten mensch ist, selbst mit solchem Baum. Hier kommen di« Wellen weit, weit her, von Finnland oder von Schweden oder auch von Däne mark. Richtige Wellen... Also sie laufen aus dem Wall» über di« Dünen. llnd au» steh« st« still. Rein, das ist nicht mehr die Brandung allein, das ist ein seltsamer Laut, ein wehklagendes Schreie», ei» endlose» Flehen, tausendstimmig. Was ist es? Sie stehen und lauschen. »Jung, Manning, Mann, das sind Gespenster I" »Da» find die Ertrunkene», die ma» nicht begraben hat." »Lauft schnell nach Hause." Und darüber heult die Nebelsirene. Seht, eS find kleine Menfchentiere, Bauernkinder, voll von Spuk und Aberglaube», zu Hau» wird Noch besprochen, wird gehext und blau gefärbt. Aber sie find kleine Mensche», ste laden ihren Daum auf, sie waten durch den Dünensand, bis auf die letzt« Klippe, und... Und wa» sie sehen, ist ein Stück Strand, ei» Stück Reer. Hier über dem Master weht«s ein wenig, der Rebel zieht in Fetzen, schließt sich, öffnet Ausblicke. Und fi« sehen di« Wellen, grüngrau, wie sie umstürzen, weißschäumend, draußen auf der äußersten Sandbank, näher tosend, brausend. Und sie sehe» de» Strand» mit Blöcken besät, und dazwischen lebt e», dazwischen schreit«», dazwischen watscheU«a in Scharen... »Die Wikdgänse", sage» die Kinder.»Die Wildgänsei" Von SIEGFRIED. VON VEGESACK Not kennt kein Gebot und verordnet immer neue Gebote. Kein Brot Aber in Argentinien heizt man mit Weizen die Schlot. Wir sind noch nicht tot Aber jeden Tag gibt es tausend Selbstmörder^ote■ eine große Stillhalte-Aktion. Aber man hört nicht viel davon: wie Gott und Hoover will, die Toten halten still... Dahingegen jammern Direktoren, Aufsichtsräte und Generäle, wenn sie statt zwanzig nur achtzehn Mille erhalten, lamentieren Bankiersfrauen, weil es ihnen zur Reise nach St Moritz feine weil sie statt drei nur zwei Dienstboten halten... Die Toten erkalten, sind höchstens noch Seele. Besser: es wäre endgültig Schluß, damit der Alpdruck nicht quäle: ob man im Himmel auch stempeln muß? Leider können Tote nichts konsumieren. Daher die Not der Schwerindustrie: Tote sind tot und kaufen nie. Man kann sie nur noch sezieren: wie Gott und Hoover will. die Toten halten still... Dahingegen läßt man Millionen Bushel Wei,, ganz einfach verheizen. um keine Preisstürze zu riskieren: Besitz Ist Besitz. Und Gott? Und Hoover? Was tut er? Keep smiling,— solange der Dollar hält! Die Welt ist ein Witz. Aber kein guter. Wenn für uns ein Baum brennt, warum nicht für Pferd« und Kühe, die da» ganz« Jahr unser« Gefährt«» find? In Baumgart«» jeden- sall» frier» die Kinder vor dem Weihnachtsfest Lütten-Weihnachten für-die Tiere, und daß es ei» verbotene» Fest ist, von dem d«r Lehrer Beckmann nichts wissen darf, erhöht seinen Reiz. Nun hat Beckmann nicht nur körperlich einen Buckel, er kann sehr bösartig werden, wenn seine Schüler etwas tun, wa» sie nicht sollen, und darum ist Vaters Wink mit dem nebligen Tag ein« Sicherheit, daß da» Schulschwänze» heut von ihm jedenfalls nicht allzu schwer genommen werden wird. Schule mutz aber geschwänzt werden, denn wo bekommt man sonst einen Weihnachtsbaum her? Den mutz man aus dem StaatSsorst an der See oben stehlen, da» gehört zu Lütten- Weihnachten. Und weil ma» beim Stehle« erwischt werden kann, und weil der Förster Rotvoß ein schlimmer Mann ist, darum mutz der Tag neblig sein, sonst ist es zu gefährlich. Wie Rotvoß wirklich heitzt, das wisse« die Kinder nicht, aber er ist der Körster und Hal einen fuchsroten Bollbart, darum heitzt er Rotvoß. Bon ihm reden sie, al» sie alle drei etwas aufgeregt über die Feldraine der See entgegenlaufen. Schöns Alwert weiß von einem Knecht, den hat Rotvoß an einen Baum gebunden und so lange mit der gestohlenen Fichte geschlagen, RS keine Radel» mehr dran saßen. Und Frieda weiß bestimmt, daß er zwei Mädchen einen ganzen Tag lang im Holzschauer eingesperrl hat. Kiefern, dann Fichten, grotze und Keine, eine ganze Wttdni», grad wa» fi« brauchen, und dann kommen die Dünen und dann da» Meer. Ja, nun beraten st«, während fi« über einen Sturzacker«andern; erst der Baum oder«rst di« Sex? Klüger ist e», erst an» Meer, denn wenn fie mit dem Baum länger Herumlaufen, kann fie Rotvoß doch erwischen. Trotz des Nebels. Sind sie ohne Baum, kann er ihnen nicht» sagen, trotzdem er zu fragen fertigbringt, wa» Friedrich in feinem Ranzen hat. Also erst See, dann Baum. Plötzlich find fie im Wald. Erst dachten sie, e» fei ein Grasstreifen hinter dem Sturzacker, und dann waren fie schon zwischen den Bäumen, und di« standen enger und eng. Richtung? Ja, nun hört man doch da» Meer, e» donnert nidjt grade, aber gestern ist Wind gewese». es wird eine starke Dünung sei«, aus die fie zu- laufen. Und nun seht, das ist nun doch der richtige Baum, den fie brauchen. Eine Fichte, eben gewachsen, unten breit, ein Ast wie der andere, jedes Ende gesund und oben so schlank, eine Spitz«, aanz hell, in diesem Jahre, getrieben. Kem Gedanke, diesen Baum stehen zu lasten, so einen finde« st« ni« wieder. Ach, sie sägen ihn ruchlo» ab, fi« bekomme»«in schönes Lütten- Weihnachten, da» herrlichste üg Dorf. Und Poften stellen sie auch nicht au», warum soll Rotvoß grade hieher komme», der Waldstreifen ist zwanzig Kilometer lang. Sie binden die Aste schön a» de» Stamm, and dann ejjen fi« ihr Brot, Sie haben davon gehört, fie haben e» noch nie gesehen, das find die Gänsescharen, die zum offenen Waster ziehen, di« hier an der Küste Station machen, eine Rächt oder drei, um dann wetter zu ziehen, nach Polen oder wer weiß wohin, Vater weiß e» auch nicht. Da find sie, die großen wilden Vögel, und fie schreien, und daS Meer ist da und der Wind und der Rebel, und der Leuchtturm von Arcona heult, und die Kinder stehen da mit ihrem gemausten Tannenbaum und starre» und lausche» und trinke» e» in fich«t«'..L' Und plötzlich sehen fie noch etwa», unb ma- gisch verführt gehen fie dem Wunder»Ätzer. Abseits, zwischen den hohen Steinblöcken, steht ein Baum, eine Fichte wie die ihre, nur viel, viel höher, und fie ist besteckt mtt Lichtern und dir Lichter flacker» im leichten Windzug... »Lütten-Weihnachten", flüstern die Kinder. »Lütten-Weihnachten für di« Wildgänse I" Immer näher kommen ste. leise gehe» ste, auf den Zehen— o dieses Wunder!—, um den Felsblock biegen fie. Da ist der Baum vor chnen in all seiner Pracht und neben ihm steht ei» Mann, di« Büchs« über di« Schütter, ei» roter Vollhart... »Ihr Schweinekerl»", sagt der Förster, al» er di« drei mtt ihrer Ficht« steht. Und dann schweigt er. Und auch die Kinder sagen nicht». Sie stehen und starren. E» sind kleine Bauerngesichter, sommersprossig, selbst jetzt im Winter, mit derben Rasen und einem festen Kinn, e» find Augen, die wa» i» sich 'reinsehen. „Immerhin", denkt der Förster,»habe« ste mich auch erwischt beim Lütten-Weihnachten. Und der Pastor sagt, eS sind Heidentücken. Aber wa» soll man machen, wenn die Gänse so schreien und der Rebel so dick ist und di« Welt so eng uird so wett und Weihnachten vor der Tür... WaS soll man machen?" Man soll einen Vertrag mache» auf ewige» Stillschweigen, und die Kinder wissen ja nun, daß der gefürchtete Rotvoß nicht so schlimm ist, wie die Leute sagen... Ja, da stehen sie nunr ein Mann, zwei Jungen, ein Mädel. Die Kerzen flackern am Baum und ab und zu geht eine au». Die Gänse'" schreien und das Meer braust und rauscht. Die Sirene heult. Da stehen sie, e» ist Lütten- Weihnachten, eine Art VerföhnungSsest, sogar auf die Tiere erstreckt, man kann e» feiern, wo man will, am Strande auch,.und di« Kinder werten«S nachher in Vaters Stall feier«. Und schließlich kann man hingehen und danach handeln. Die Kinder sind imstande und bringen eS fertig, Tiere nicht unnötig zu quälen und ei« bißchen nett zu sei«. Zuzutrauen ist ihnen das. Das Ganze aber heißt Lütten- Weihnachten und ist ein verbotenes Fest. Lehrer Beckmann wird es ihnen morgen schon zeigen I M Pul üaaitleiB Zeldumacea Bunte Woche Copyright, Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart Nachdruck Verbotes Der Einbruch in den Himmel Die Menschheit erobert das Weltall Von JAMES JEANS Professor der Universität von Cambridge 300 Millionen Jahre mag es her sein, seit das erste Leben sich auf dieser Erde regte, 300.000 Jahre sind wohl vergangen, seit die ersten Menschen unseren Planeten bevölkerten— kaum eine Sekunde, gemessen an diesen Zeiten, ist verstrichen, seit der erste Mensch ein Fernrohr auf den nächtlichen Sternenhimmel richtete. Seit diesem Abend— es war der 7. Jänner des Jahres 1610—> an dem zum erstenmal das Wunder vollbracht wurde, das die Gestirne mit Hilfe des Fernrohrs dem Blick des Menschen nahe brachte, hat die Erforschung des Weltalls ungeheure Fortschritte gemacht. Von dem Wenigen, das wir bei diesem„Einbruch in den Himmel“ von den Geheimnissen des Sternenmeeres abgelauscht haben, von dem unendlich Vielen, das wir heute noch kaum zu ahnen wagen, wird nun der bekannte Astronom Sir James Jeans, Professor der Universität von Cambridge, in einer Reihe von Artikeln den Lesern der„Bunten Woche“ berichten. Am Abend des 7. Jänner 1610, eines für das Menschengeschlecht hochbedeutsamen Tages, saß Galileo Galilei, Professor der Mathematik an der Universität Padua, vor einem mit' eigener Hand verfertigten Fernrohr. Mehr als drei Jahrhunderte früher hatte Roger Bacon, der Erfinder der Brille, er- kläri, wie man ein Fernrohr verfertigen könne,„das uns die Sterne nach Belieben nahe brächte“. Er hatte gezeigt, wie man eine Linse so formen könnte, daß sie alle, von einem fernen Gegenstand auf sie fallenden Lichtstrahlen sammelt. Sold) ein Instrument würde die Kraft des menschlichen Auges vermehren, wie ein Hörrohr die Hörkraft des menschlichen Ohres vergrößert. Aber erst 1608 wurde das erste Fernrohr von Lippersheym, einem flämischen Brillenmacher, konstruiert. Sobald Galilei von diesem Instrument hörte, bemühte er sich, die Grundsätze seiner Konstruktion zu entdecken, und hatte bald selbst ein Fernrohr angefertigt, das weit besser war als. das Original. Sein Jnsttumeitt hatte in Italien keine geringe Aufregung hervorgerufen. Über die Möglichkeiten dieser Erfindung waren so außergewöhnliche Geschichten verbreitet worden, daß Galilei nach Venedig gerufen wurde, um sie dem Dogen und dem Senat zu zeigen. Die Bürger von Venedig hatten dann gesehen, wie die ältesten Senatoren die höchsten Kirchtürme hinaufkletterten, um durch das Fernrohr nach Schiffen zu spähen, die so weit draußen auf dem Meere waren, daß man sie nur mit HUfe des neuen Instruments sehen konnte. Das Fernrohr ließ etwa hundertmal soviel Licht zu wie das unbewaffnete menschliche Auge und zeigte nach Galilei einen Gegenstand auf fünfzig Meilen so klar, als wäre er nur fünf Meilen entfernt. Vom ersten Fernrohr zum Riesenteleskop Man braucht vielleicht kaum zu sagen, daß das im Vergleich mit der Reichweite moderner Jnsttumente ganz unbedeutend ist. Das Fernrohr vom Mount Wilson in Kalifornien, dessen Öffnung 25 Meter Durchmesser hat, das größte, das gegenwärtig existiert, läßt 2500mal soviel Licht ein wie Galileis, winziges Jnsttument, und daher 250.000mal soviel Licht wie das unbewaffnete Auge. Es besteht die Hoffnung, daß in Kalifornien bald ein Fernrohr von 5 Meter Öffnung gebaut werden wird. Dieses wird viermal soviel Licht einlassen wie das Instrument mit 2 5 Meter Durchmesser oder etwa eine Million mal soviel Licht wie das unbewaffnete Auge. Dieses neue Jnsttument hatte Galileis Interesse so vollständig in Anspruch genommen, daß es aus seinem Geiste fast ein Problem verdrängt hatte, über das er einstmals viel nachgedacht hatte. Mehr als 2000 Jahre fiüher, hatten die griechischen Philosophen Pythagoras und Philolaus gelehrt, daß die Erde nicht im Raum feststeht, fanden sich alle 24 Stunden um ihre Achse dreht und so den Wechsel von Tag und Nacht Hervorrufi. Aristarchus von Samos, vielleicht der größte aller griechischen Mathematiker, hatte weiter behauptet, daß die Erde sich nicht nur um ihre Achse drehte» sondern auch eine jährliche Reise um die Sonne machte, und daß das die Ursache des Wechsels der Jahreszetten wäre. Dann waren diese Lehren in Ungnade gefallen. Aristoteles hatte sich gegen sie er- klärt und behaupt^, daß die Erde im Weltenraum einen festen Mittelpunkt bildete. Später hatte Ptolemäus die Bahnen der Planeten am Himmel durch ein kompliziertes System erklärt. Die Planeten bewegten sich nach ihm kreisförmig um bewegliche Punkte, die sich wiederum in Kreisen um eine unbewegliche Erde drehten. Die Kirche hat diesen Lehren ihre Billigung und aktive Unterstützung gegeben. Es ist in der Tat schwer zu sehen, was sie sonst hätte tun können, denn die Annahme, daß das große Drama des Falles und der Erlösung des Menschen, an dem der Sohn Gottes selbst teilgenommen hatte, sich auf einer geringeren Bühne als dem Mittelpunkt des Weltalls abgespielt haben könnte, erschien fast gotteslästerlich. Planeten, wie Motten um eine Kerzenflamme Der gefährlichste Angriff auf die orthodoxe Lehre war aber nickst von Theologen oder Philosophen gemacht worden, sondern von dem Asttonomen Nikolaus Koperni- kus(1443—1543). In seinem großen Werk „Oe revoiutionibus orbhrni coelestium“ hatte Kopernikus gezeigt, daß die Bahnen der Planeten am Himmel ganz einfach durch die Annahme erklärt werden konnten» daß die Erde und die Planeten sich um eine feste Zenttalsonne bewegten. In den 66 Jahren, die nach dem Erscheinen dieses Buches verflossen waren, waren diese Theorien heiß umstritten worden, aber sie waren immer noch nicht bewiesen oder widerlegt. Galilei hatte bereits entdeckt, daß sein neues Fernrohr ein Mittel bot, auf astronomische Theorien die Probe zu machen. Sobald er es auf die Milchstraße richtete, lösten sich eine ganze Menge Legenden und Fabeln über ihre Natur und ihren Bau in blauen Dunst auf. Die Milchstraße erwies sich als weiter nichts als ein Schwarm schwacher Sterne, die wie Goldstaub auf dem schwarzen Hintergrund des Himmels verstreut waren. Ein weiterer Blick durch das Fernrohr hatte die wahre Natur des Mondes enthüllt. Es waren auf ihm Berge vorhanden, die Schatten warfen, und es zeigte sich, daß er, wie Giordano Bruno behauptet hatte, eine Welt war wie unsere eigene. Was nun, wenn man mit dem Fernrohr irgendwie eine Entscheidung herbeiführen konnte zwischen der orthodoxen Lehre, daß die Erde den Mittelpunkt des Weltalls bildete, und der neuen Lehre, daß die Erde nur einer unter einer Anzahl Himmelskörpern war, die alle um die Sonne kreisten wie Motten um eine Kerzenflamme? Und nun fängt Galilei den Planeten Juptter im Gesichtsfeld seines Fernrohrs ein und sieht vier kleine um die große Masse des Planeten— wie Motten um eine Kerzenflamme— kreisende Himmelskörper. Was er sieht, ist eine genaue Kopie des Sonnensystems, wie es Kopernikus sich vorgestellt hatte. Am 30. Jänner schreibt Galilei an Belisario Vinta, daß diese kleinen Körper sich um die weit größere Masse des Juptter bewegen,„genau wie sich Venus und Merkur und vielleicht die anderen Planeten um die Sonne bewegen". Diese Entdeckungen Galileis machten es klar, daß Aristoteles, Ptolemäus und die Mehrzahl jener, die über diese Dinge in den letzten 2000 Jahren nachgedacht hatten, gänzlich und hoffnungslos in die Irre gegangen waren. Bei der Abschätzung seiner Stellung im Wettall war der Mensch bis jetzt hauptsächlich von seinen eigenen Wünschen und seiner Eitelkeit geleitet worden. Da er sich lange von grenzenlosen Hoffnungen genährt hatte, hatte er die einfachere Kost verachtet, die ihm geduldiges wissenschaftliches Denken darbot. Unerbitlliche Tatsachen entthronten ihn nun von der Stel- lung im Mittelpunkt des Weltalls, die er sich selbst angemaßt hatte. Von nun an mußte er sich mtt der niedrigeren Stellung des Bewohners eines Staubkörnchens abfinden und audj seine Ansichten über die Bedeutung des Menschenlebens ändern. Die Wahrheit bricht sich Bahn Diese Anpassung geschah nicht sofort. Die menschliche, durch die Autorität der Kirche verstärkte Ettelkett machte allen jenen, dre die Aufmerksamkett auf die unbedeutende Stellung der Erde im Wellganzen hinzulenken wagten, den Weg schwer. Galilei wurde gezwungen, seine Überzeugung abzuschwören. Bis ins 18. Jahrhundert hinein lehrte die alle Universität in Paris, daß die Bewegung der Erde um die Sonne eine bequeme, aber falsche Annahme sei. Aber die Menschen konnten ihre Köpfe nicht für immer in den Sand stecken, und die durch Galileis Beobachtungen vom 7. Jänner 1610 herbeigeführte Revolution des Denkens erwies sich als die umwälzendste in der Geschichte des Menschengeschlechtes. Von nun an sollte das Dasein des Menschen sechst in einem neuen Licht erscheinen, und Menschenziele und Menschenstreben mußten von einem verschiedenen Standpuntt aus beurteill werden. Wir können ruhig zugeben, daß die Wissenschaft jetzt noch nicht hoffen kann, etwas Endgültiges über die Fragen der menschlichen Existenz und des menschlichen Schicksals auszusagen, aber das ist keine Rechffertigung dafür, daß man sich nicht mit dem Besten, das sie zu bieten hat, bekannt macht. Die Wissenschaft kann überhaupt sellen ein endgültiges„Ja" oder„Nein" auf eine ihr vorgelegte Frage erteilen. Die Fortschritte der Wissenschaft bestehen eher darin, daß sie immer näher an die Wahrheit herankommt. Auf die Frage:„Wo steht der Mensch im Weltall?" wurde, jedenfalls in neuerer Zeit, der erste Versuch einer Antwort von der Philosophie des Ptolemäus gemacht. Diese Antwort hieß:„Im Mittelpunkt." Galileis Fernrohr lieferte die nächste, und unvergleichlich bessere Annäherung an die Wahrheit:„Die Wohnung des Menschen im Raum ist nur einer der kleinen, sich um eine große Zenttalsonne drehenden Himmelskörper." Die Astronomie des 19. Jahrhunderts ließ, das Pendel noch weiter in derselben Richtung schwingen, indem sie sagte:„Am Himmel sind Millionen Sterne, von denen jeder unserer Sonne ähnell und jeder zweifellos wie unsere Sonne von einer Schar Planeten umgeben ist, auf denen sich durch das von ihrer Sonne empfangene Licht und die von ihrer Sonne gespendete Wärme Leben erhallen kann." Die Astronomie des 20. Jahrhunderts legt die Annahme nahe, daß das 19. Jahrhundert das Pendel zu weit hatte schwingen lassen. Das Leben scheint uns jetzt seltener zu sein, als unsere Väter dachten. Wir wollen jene Annäherung an die Wahrheit erklären, die die Astronomie des 20. Jahrhunderts liefert. Zweifellos haben wir auch jetzt noch nicht die endgülttge Wahrheit erkannt, aber wenn wir uns nicht sehr irren, sind wir der Wahrheit viel näher als die Lehre der Astronomie des 19. Jahrhunderts. Nicht etwa deshalb, wett der Astronom des 20. Jahrhunderts sich anmaßt, besser raten zu können als seine Vorgänger im 19. Jahrhundert, sondern weil er unvergleichlich mehr Tatsachen zu seiner Verfügung hat. Das Raten ist in der Wissenschaft aus der Mode gekommen, es war höchstens ein armseliger Ersatz für Wissen, und die moderne Wissenschaft, die das Raten streng meidet, beschränkt sich, außer bei sehr seltenen Getegenheiten, aus gesicherte Tatsachen und die Schlüsse, die, soweit man sehen kann, unzweideutig aus ihnen folgen. 300 Millionen Jahre Leben... Wir dürfen freilich nie vergessen, daß diese moderne Wissenschaft kaum ihre ersten tappenden Gehversuche hinter sich hat. Am Maßstab des Weltgeschehens gemessen, ist sie kaum einen Augenblick alt, eine Unend- lichkett liegt noch vor ihr. Es ist nicht leicht, die fett der Entstehung des Lebens auf der Erde ver- flossene Zeit zu schätzen, aber sie kann kaum mehr als ein kleiner Bruchteil der ganzen 2000 Millionen Jahre gewesen sein, die die Erde existiert. Und doch war wahrscheinlich wenigstens von 300 Millionen Jahren schon Leben auf der Erde. Das erste Leben scheint im Wasser enfftanden zu sein, aber allmählich entstanden aus Fischen Kriechttere, aus Kriechtieren Säugetiere, und schließlich ging aus den Säugetieren der Mensch hervor. Alles deuttt darauf hin, daß der Einttitt dieses letzteren Ereignisses etwa vor 300.000 Jahren erfolgt ist. Leben gibt es auf der Erde also erst sett einem Bruchteil ihrer gesamten Existenzzeit, und nur einen winzigen Bruchteil dieses Bruchteils nimmt das Dasein des Menschen ein. Die meisten der 10.000 oder mehr Menschengenerationen, die uns mtt unseren affenähnlichen Urahnen verbinden, müssen ein Leben geführt haben, das sich nicht sehr von dem ihrer tierischen Vorfahren mtter- schied. Jagd, Fischfang und Knegführung füllten ihr Leben aus und ließen ihnen nur wenig Zett oder Gelegenhett für geistige Versenkung. Schließlich begann dann der Mensch aus seinem langen griffigen Schlaf aufzuwachen und empfand bmm langsamen Heraufdämmern der Zivilisation das Bedürfnis nach anderen Beschäftigungen als der bloßen Ernährung und Bekleidung seines Körpers. Er begann in der Anmut der menschlichen Form oder in dem Spiel des Lichtes auf der tausendfältig lächelnden See Offenbarungen grenzenloser Schönheit zu entdecken, die er in sorgfältig gemeißeltem Marmor oder in auserlesenen Worten dauernd zu erhalten suchte. Er begann mit Metallen und Kräutern, mit den Wirkungen von Feuer und Wasser Versuche anzustellen. Er fing an, die Bewegungen der Himmelskörper zu bemerken, und suchte sie zu verstehen, und jenen, die die Schrift am Himmel lesen konnten, lieferte das nächtliche Aufgehen und Niedergehen der Sterne und Planeten den Beweis, daß außerhalb der Grenzen der Erde eine unbekannte, nach einem weit größeren Maßstab gebaute Well lag. ... 300 Jahre Astronomie So kamen die Künste und Wissenschaften auf die Erde, unter ihnen die Asttonomie. Den Zeitpunkt können wir nicht genau bestimmen, aber wenn man sie mit dem Alter des Menschengeschlechtes vergleicht, so sind sie erst von gestern, während ihr Alter im Vergleich mit dem ganzen Erdalter nur ein Augenblinzeln ist. Die wissenschaftliche Astronomie, zum Unterschied von der bloßen Sternenguckerei, kann höchstens auf ein Aller von 3000 Jahren zurückblicken. So lange ist es nicht einmal her, seit Pythagoras erklärte, daß die Erde sich um eine feststehende Sonne bewegte. Doch die wirklich bezeichnende Ziffer ist nicht so sehr die Zett, seit die Menschen Mutmaßungen über den Bau des Weltalls anstellten, als die Zeit, feit der sie dessen wahren Bau mit Hufe gesicherter Tafiachen zu enttätseln begannen. Die wichtige Zeitlänge ist jene, die sett jenem Abend im Jahre 1610 verflossen ist, als Galilei zum erstenmal sein Fernrohr auf den Jupiter richtete— bloß drei kleine Jahrhunderte. Die wahre Bedeutung dieser in runden Zahlen ausgedrückten Schätzungen beginnen wir zu erfassen, wenn wir sie in tabellarischer Form wiedergeben. Wir erhalten dann als «twa Jahr« Alter der Erde. 2.000,000.000 Alter des Lebens auf der Erde 300,000.000 Alter des Menschen„ 300.000 Alter der astronomischen Wissenschaft........ 3.000 Aller der astronomischen Forschung mtt Hilfe des Fern rohres 300 Wenn die verschiedenen Ziffern in dieser Form dargeboten werden, sehen wir, was für junge Erscheinung die Astronomie ist. Ihr Gesamtaller ist nur ein hundert- ster Teil des Alters des Menschen, nur ein hunderttausendster Teil der Zeit, seit der Leben auf der Erde existiert. Während 99.999 Tellen von den 100.000 seiner Existenz richtete das Leben auf der Eist>e kaum seinen Blick über die Erde hinaus. Aber während die Vergangenheit der Asttonomie nach der menschlichen Zetttafel gemessen werden muß, etwa hundert Generationen Menschen, so spricht alles dafür, daß ihre Zukunft nach der astronomischen Zeittafel gemessen werden wird. Da die Erde bereits 2000 Millionen Jahre existiert hat, so kann man mit gutem Grund annehmen, daß sie mindestens noch einen Teil der noch vor uns liegenden 2000 Millionen Jahre existieren wird, und mit ihr die Menschheit und die Astronomie. Wir haben sogar Gründe, die uns erwarten lasten, baß sie noch weit länger aushallen wird. So leuchtet es ein, daß die Astronomie erst ganz am Anfang ihres Daseins steht. Darum kann die Kunde, die sie uns gibt, keinen Anspruch auf Endgültigkeit machen — wir geben nicht so sehr die Überzeugungen eines reifen Mannes wieder als die ersten Eindrücke eines neugeborenen Kindes, das gerade die Augen öffnet. Abe- trotzdem sind diese besser als die müßigen beschaulichen Träumereien, denen es einer eingibt, der nicht gelernt hat, um sich und von sich weg zu sehen. Bunte Woche Wenn ich Carnegies Geld hätte... Wun8chträume—als Antwort auf eine Rundfrage der„Bunten Woche“ Es gibt wahrscheinlich keinen Menschen, der weht schon einmal in stillen Stunden den Wachtraum unermeßlichen Reichtums geträumt hat Millionen Menschen in dieser Welt die dem Profit untertan sind, kennen den Hunger, die Not, die würgende Sorge des Alltags aus furchtbarer Nähe— Reichtum ist für sie ein nebelhaft ferner Begriff, eher dem Märchenreich als der Wirklichkeit zugehörig. Zuweilen aber spielt ihre Phantasie mit dem Traumbild unbegrenzten Reichtums und in diesen Augenblicken entsteht manchmal die Fata Morgana gine$ neuen, beschwingten, persönlichen Lebens oder einer neuen, besseren Welt Solchen Waqhträumen von Männern des Geistes und der Tat Gestalt zu leihen, haben wir durch eine Rundfrage:„Was täten Sie, wenn Sie Carnegies Geld hätten?“ versucht Wir baten sie, in einer Stunde der Besinnung ihre Zukunftsträume, die Forderungen ihres Gewissens au eine Zukunftsweit auszusprechen. Dies war der Sinn unserer Rundfrage—- hier sind die Antworten: Albert Einstein: „Das Geld verführt unwiderstehlich zum Mißbrauch...“ Ich Hin fest davon durchdrungen, daß keine Reichtümer der Welt die Menschheit weiterbringen können, auch nicht in der Hand eines dem Mele noch so ergebenen Menschen. Nur das Beispiel großer und reiner Persönlichkeiten kann zu edlen Auffassungen und Taten führen- Das Geld zieht rxur den Eigennutz an und verführt stets unwiderstehlich zum Mißbrauch. Kann sich jemand MoseS, Jesus oder Gandhi bewasstwt mit Carnegies Geldsack vorstellen? ★ Heinrich Mann: „Das nächste Ziel: ein deutschfranzösischer Bundesstaat.. Mit dem Geld einer Milliardärs könnte man zweifellos viel Gutes erreichen, zum Beispiel Arbeitsbeschaffung, richtiger» die Beschaffung von Esten und Wohnung für einen Teil derer, di« es nicht haben. Aber eine gründlich« Hilfe wäre das nicht, denn es wäre keine grundsätzlich« Änderung der bestehenden Unordnung. Sie erstreckt sich auf die Wirtschaft und auf d.as europäische Staatengefüge. Diese» ist so wenig haltbar wie. die Wirtschaft, unter der wir leiden. Die geschloffenen Nationalstaaten sind sogar der Hauptgrund unserer unerträglichen Zustände. Ich habe da» Bekenntnis zum Übernationalen abgelegt und wünschte, daß möglichst viele einzeln« es mit y»ir tun. so lange, bis auch die großen Parteien sich dazu entschließen. Das nächst« Ziel ist ein deutsch-französischer Bundesstaat— dieselbe Utopie die riqst der deutsche Bundesstaat war. Da» vernünftige uird Gebote»« ist immer kurz vor seiner Bergiirllichung noch utopisch. übrigen» frage ich nicht, wieviel Geld meine Utopie kosten würde. Ich weih nur: sie ist die vorweggenommene Wirklichkeit. Denn sie ist hie einzig mögliche Rettung diese» ErdWes und feiner Menschen. tCiß-» * Stadtrat Prof. Jul.Tandler: ich baue die Stadt der Besten“ Sie fragen mich, was ich täte, wenn ich Carnegies Geld hätte und fragen mich weiter, wie ich es für Wien verwenden würde. Ja, wenn ich Carnegie» Geld hätte, Hann wüßte ich wenigstens, wieviel Geld ich hätte. Ich habe es aber leider nicht, sonst wurden Sie mich ja nicht gefragt haben. Ich»oeiß auch nicht einmal, wieviel Gell) Carnegie hatte, so daß mir nicht» übrig bleibt, al» großzügig anzunehmen, Carnegie hatte tausend Millionen Dollar. Di« gehören nun mir und ich soll darüber verfügen. Ich will auch annehmen, daß ich jung genug wäre, um di« Titanenarbeit auf mich ist nehmen, diese» Geld vernünftig auszugebe»— oder wenigstens die Ausgaben zu beginnen, di« sich ja über viele Jahr« erstrecken müßten. Und noch eine kleine Annahme müßte ich machen: Ich müßte annehmen, daß di« Menschen unserer Stadt wirklich vernünftig wären. Sie sehen, jetzt kommt die Utopie, denn wären all« Menschen vernünftig, dann wär« Ihr« Krage q« mich unmöglich, denn oann hätte Carnegie niemals tausend Millionen Dollar besitzen können, ich hätte sie nicht bekommen können und braucht« mich daher auch nicht anzustrengen. Ihnen mitzulejlen, wie ich st« v«r- wendete, Aber nehmen wir an, daß all« Voraussetzungen zutresfen. Ein kurzer Blick auf Eignung und Gefüge der heut« lebenden Generation belehrt mich, daß' sie zur richtigen Verwendung dies«» Geldes noch lange nützt reis ist. Ich muß also bei der nächst«« anfangen. Ich muß jene Eltern assentieren, die geeignet sind, ein« nächst« Generation zu zeugen, die tauglicher wär«— also, Studium dchr Familiengeschichte, AuSsuchen der Tauglichen und Tauglichsten, deren Kinder zur Durchführung meine» Plane» geeignet sind. Gründung«iner eigenen, neuen Stadt am Rande de» alten Wiens, m der die geeignet«» Eltern mit den geeigneten und noch zu zeugende» Kinder» leben könnten. Die Kinder leben zusammen mit ihren Elter« und auserwählten Hilfskräften unter vernünftiger Pflege und Erziehung in der neuen, wunderschönen Stadt. Dort sind nicht nur geeignet« Häuser mit schönen Gärten, sondern auch wunderschön« Kindergärten und prächtig« Schulen. Di« besten Kindergärtnerinnen und die besten Lehrer werd«» zusammengesucht, dort angesiedelt, auf daß sie die neue Generation heranbilden. Di« Zeit benütze ich und baue ein« neue Hochschule. Welle auf Well« der neuen Generation gelangt an die Kindergärten, durch sie in die Schulen und schließlich an die Hochschule. Profestoren ganz besonderer Avt müht«» dort die jung« Menschheit unterrichten und bilden, iut Zeichen wahrer Geistigkeit und wirklicher Menschenliebe. So käme ein Stab erlesener junger Menschen zustande, die. Unter den besten Voraussetzungen geboren, unter den günstigsten Bedingungen herangewachse», von den beste» Lehrer» ausgebildet, nun ihr« apostolisch« Sendung übernehmen müßten, als Lehrer, als Erzieher, als Fürsorger in unserer Stadt zu Wirken.' Für ihr« materielle Unillhängigkeit sorgt der Fond». Sie übernehmen die Verpflichtung, sich al» Helfer de» Leidenden zur Verfügung zu stellen, für da» Recht der Unterdrückten einzu- treienl Krankheit und Rot der Mühseligen und Beladenen zu bekämpfen. In Wien selbst aber sollen in der Zwischenzeit aus den Mitteln des Fonds, gleichsam als zukünftig« Aufnahmsstätten der geläuterten Menschheit, alle jene Institutionen geschaffen und ausgebapt werden, die notwendig sind zur Gesundung des Körpers und des Geistes. Such da soll bei den Kindern begonnen wer- den, Roch mehr und noch schönere Kindergärten, Spielplätze, Planschbäder, als augenblicklich in unserer Stahl. find, solle» au» dein Fonds errichtet werde». Spitaler, Lungenheilstätten für die Kranken, Erholungsheime für die Gesundenden. Grünflächen, für hie. Gesundes. Die«sie sollten unter die Leitung jener kommen, die in der Stadt der neuen Generation geboren, auferzogen und ausgebildet wurden, Die Volksbildung und die Polksbelehrung müßte auf eine ganz neu« Grundlage gestellt werden, Reue, große Bibliotheken, Unterrichtsanstalten für jedermann, Schule» der verschiedenste^ Sri für jung und alt müßten entstehen, auf daß jeder sn die Machtsphäre wahren Wissens gelangen könne, Gleichzeitig aber soff in unserer Stadt die Kunst zp»euer Blüte gelangen. Di« besten Architekten und die- hervorragendsten Künstler der Welt sollen sich bej uns betätigen können. Man hat Kommissionen, dje da» Neugeschaffene begutachten,-um Kauf empfehlen, Werke der Kunst zur öffentlichen, und privaten Aufstellung zensurieren gab doch gjchtK anderes find, als di« Rückendeckung für jene, die nicht mutig genug find, die Verantwortung für da» zu trage», was sie aus hem Gebiet der Kunst geschaffen haben. Ich würde eine eigene Kommission einsetzen, di« die alten und überflüssigen Bilder aus den Museeq U»d Sammlungen entferne» und st« den verschiedenen Privatleuten aller Kategorien überantworte» sollte, mit dem Verbot, sie jemals wieder öffentlich ausznstellen. Ich würde«sge «iaen« Kommission«insrtze«, die di« g«schmack. losen,' längst überlebt«» Monument« unserer Stadt zusammenkaufen und auf einem groß«» Monumentfriedhof zusammenstellen sollte, d«r fern vo» der Staht zur ewigen Warnung zukünftiger Geschlechter errichtet werden müßte, Dann wär« Platz fsir die großen Werk« neuer Bild» Hauer«, neuer Malerei So«in bißchen an», lesendes Pandalentum täte uns schon not. Di« Architekten mühte» aber nicht nur Neue» baue», sondern müßte» vorher Altes umlegen, und auch dazu gehört Mut. schlechtes Alte» zu beseitigen ist schwieriger, als neue« Schlechte» zu erzeug«». Mitten aber in die Straßen unserer Stadt, wo fich der Verkehr abwickelt, sollten die grpßen Denkmäler gesetzt werden, di« anfeuern zu neuen, große» Taten des Frieden», der Menschenliebe, der Wtffenfchaft. Di« Helden aber d«» Morden» und de» Vernichten», sie müßten auch st> den Denkmälern verschwinden und ausgelöscht werden. De» Mufikheroen, die bei un» gelebt und gelitten und nahezu ausnahmslos schäbig Hegraben wurden, würde ich einen großen Tempel errichten, nicht, damit ihre wirklichen oder angeblich«« Gebein« darin»«« zur Ruhe kommen, sondern damit dort alljährlich für da» ganze Voll unserer Stadt di« unsterblichen Meisterwerke ertöne». Reu« Theater sollt«» erbaut werd««, kamst in ihnen die größten Dichter aller Zeit«« vor dem Volk z» Wort käme». Und schließlich baue ich«in- Journalistenschule, in der hip Gescheiteste« und Basten unterrichtet werde«, wie»»an das Volk aufklärt, wt« man ihm dis W chrhklt nicht zubringt, sonder» b«. RchrenSwert und schmackhaft macht. Die Journalisten selbst aber, di« au» dies« Schule hervorgehe», st« wären ihr Leben lang versorgt aus dem Fonds. Ich würde sie in einem modernen Prytaneum speisen« unter einer Bedingung: daß sie die Wahrcheit schreiben! Die Utopie hat ihren Gipfelpunkt erreicht. Die tausend Millionen Dollar, die ich nicht gehabt hab«, find weg E» wird nicht» andere» übrigbleiben, al- arbeiten und wieder arbeiten— ohne Utopie im Hirn, abtt mit der Liebe zu unserem Volk, zu unserer Stadt im Herze». ★ Robert Kronfeld: »... ich möcht’48 Stunden schlafen“ Ich nehme also an, daß ich mich auf die„Bunte Woche" verlassen kann.und demnächst ein Geldbriefträger bei mir ejutriffj, der statt seiner Brieftasche einen Lgsstvagen mitführt, auö dem er ,,,,, zig Millionen ablädt. Was ich also dann tun würhe? Der erste Schritt ist mir sonnenklqr; ich würde mich 48 Stunden auc-schlafen, würde dann»leine» Rucksack packen, meine verstaubten Skier vom Dachboden holen und irgendwohin in hi« Berge»reiner österreichisch«» Heimat fahre». Das wird vielleicht manche Leute enttäuschen, die von mir in diesem Fall einen besondere» Höhen- oder Streckenrekord erwarten oder eine» Geivitterflug über vhö'S Kilometer Strecke, Aber mein absonderliches Verhalten ist leichter zu verstehen, wen» man bedenkt, daß bisher der Geld- hriefträger noch nie bei mir eingetroffen ist.- Ganz im Gegenteil. Meine Laufbahn begann sogar damit, Vqtz ich mein ljcvz» Faltboot verkaufen mußte, tun wexhaupt Pie Segelfliegerei erlernen zu könne«. Und zum Dchktsß mußre ich in der Segelfliegerschule istosittpn, obwohl sie mich förderte, soweit sie irgerw konnte, noch meinen Photoapparat verkaufen, um di« letzten Tage bis zur Prüfung bleibe» zu können. Damit war aber auch mein weiteres Schicksal besiegelt, das sich nach einem alte» Fliegerspruch so ausdrücken läßt:«Der Vater war ein so anständig« Mensch, und doch wurde der Sohn Weg«." Um sich als Segelflieger»über Waffer halten" zu kün»«u, das heißt um überhaupt leben zu Wnen, um die neuen teuren Maschinen anschaffen zu können, um wiffrnschaftliche Studien zu betreiben und die Frage zu bearbeiten, wie jedermann fliegen könnte, muß man arbeiten, arbeiten und wieder arbeiten- Ich bi» seit 1887 Segelflieger und habe seither Tag und Rächt gearbeitet und kein«, freien Tag oder gar Urlaub gehabt wie andere Sterbliche, lind wenn ich«einte: jetzt geht di? Sache endlich gut, dann fiel ich prompt mit irgrndeiner Maschine, di« ich mit viel Mühe und Unterstützung in jahrelanger Arbeit erbaut« oder erbauen ließ, in wenigen Sekunden pom Himmel. Wen» ich mW dann Erde, Sand und Gras, aus den Augen gewischt hatte, sah ich statt einer stolzen Maschine einen mehr oder weniger großen Trümmerhaufen vor mir, und konnte wieder von vor» anfangen. Und jetzt werden Sie vielleicht begreifen, warum ich mich mit dem Geld Carnegie» erst mal 4S Stunden ausschlafen und dann acht Tage unter die verrückt«„Bretilhupfer* gehen möchte. Dan» aber würde ich wieder zu arbeiten anfange», schon deSwegeo, weil ich es so gewohnt bi». Ich würde eine große Segelfliegerschule in Österreich errichten. Vielleicht würden eS auch drei tv«rd«n, und zwar«in« in d«r Näh« vöm Stuhleck, eine bei Salzburg und eine-alpin« Segel flug sch ule" in der Näh« vo« Innsbruck. Dort würde ich dann«rft meinen Lehrern d«r Jugend Österreichs da» Wunderbare de» motorlosen Fluge« zeig««, Auch mein« Villen ausländischen Freund«" würden sicher kommen, um in unseren herrlichen Alpen Gegelflug zu lerne«, so wir»um heute von Pari», London, Berlin und Rom«ach dem Arlberg kommt, um di« Arlbergtechnik im Skilauf«» zu lernen. W«nn da«« dies« Schulen gut im Gange find, würde ich die beste meiner„Segelkisten" hinter eine Mowtmäschine hängen und»sich nach Indien schleppen lasten.(Dieser Plan kam nämlich entgegen allen Zeitungsmeldungen nicht zustande, weil ich nicht das G«ld Carnegies hab«, und hi«, di« xS haben, es nicht hergeben.) Dort gibt es mehr zu tu«, al» nur spazierenzufliegen. SS gift dort de« groß«« Tropcnvögeln ihr Geheimnis abzulauschen, wie sie tagelang ohne Fli'igckschlag fliegen. E» ist fast sich«, daß man auch allerlei Rätsel der meteorologischen Wissenschaft dabei lösen könnte. Und dann würden wir eine Maschine konstruieren, die größer und leichter, wendiger und dabei doch fester wäre als meine„Austria" und meine„Wien". Eine Maschine, an der wir schon lange rechnen und die eS wahrscheinlich möglich macht, bei jedem Wetter in jeder Richtung über Land zu fliege», wie es heute nur Mowrflugzeuge tun.< So würde ein flugwisseuschafiliches Institut mit Fliegerschulen, die ihm angegliedert sind, entstehen, fö wie es da» heute nur auf der Rhön gibt. Es würde so gehen wie im Skilauf, über den man erst lacht« und der sich dann so einbürgerte, daß er heute in de» Alpen Verkehrsmittel geworden ist. Und so wie die Bauernbuben heute auf ihre» Brettln in die Schule laufen, so würden sie von der Höhe de» väterlichen Hofe» hinuntersegeln und mitten auf dem Schulhof landen. O ja, eS ließe sich schon so allerhand anfangen mit dem nötigen„Kleingeld* k Ich glaube, daß ich mich dabei nicht nur auf den Segelflug beschränken würde. Denn auch im Motorslug gibt es allerlei zu leisten, wovon sich heute noch niemand etwas träumen läßt. Ich könnt« dann viel-« leicht auch die Versuche fortsetzen, die ich auf dem Gebiet in letzter Zeit in aller Stille machte. Da gelang es, ein Flugzeug zu starten, nachdem. eS nur 3 Meter Anlauf genommen hatte»nd e» in nicht ganz»Sekunde nauf 106 Meter H ö h e zu bringe». Ich hätte auch höher«nd weiter fliegen können, wenn nicht dann das Geld für die Versuche ausgegangen wäre. Aber abgesehen von alle« diesen Pläne« würde ich sicherlich in Österreich irgendwo— sagen wir auf dem Semmering— einen großen fliegerischen Wettbewerb aufziehen. In der Zwischenzeit hätten wir olle die alpine Srgelflvgtrchnik gelernt und geübt und wären darin gewiß so tüchtig, wie es die österreichischen Fußballer und die Skiläufer, EiSläufer und Fechterinnen sind. Dann wsirdtsi» wir in einem großen internationalen Segelflug- wettlampf, in dem nicht mehr nur ich allein die Farben Österreichs vertret«, der ganzen Welt zeigen, daß wir genau sy viel und mehr können olls manche andere«, und daß das einzige, war uns dazu feM, nichts ist als da» Geld Carnegies. ★ Hains Tietze:‘ E-«. Wien soll eine Schweiz der geistigen Welt weiden u Da» wär« ein wahrhafte» Weihnachtswunder, wen« man wirklich für eine Stund« dem Druck de» Heute entfliehen dürfte, der jede» nicht der Linderung unmittelbarer Not dienende Tun zu unerlaubter Flucht und jede Hingabe an andere Gedankenkreis« zu zeitwidrigem Luxus macht; wenn man«in heimliche» Wiedertreffen mit Idee» begehen könnt«, die al» Pläne und Träum« einst ag» her eigene» Berufsarbeit aufsteigen dursten. Jeder, der. fich einer großen Aufgabe einmal hingegeben hat, kennt diese« Zustand zwischen Wahrheit und Dichtung, wo sich Erstrebte» in Erreichte» verschiebt und zu« Unterlag« weiteren Bauen» wird, bi» zuletzt ein organisch Gewachsene» in kühnster Vollkommenheit dasteht— dem nicht« fehlt als di« Wirklichkeit. Al»«» nach dem Zusammenbruch des alten Österreich» di« Aufgabe Wien» neu zu ermitteln galt, schien mir die Art seiner Erbschaft für di«s« Rolle mitbestimmend zu sein. Hier hatte sich aus historischen Gründe» ein unvergleichlicher Reichtum kostbare» Kulturgutes angehäuft, der schlecht geordnet und unauSgewertet nur der Erweckung bedurft«; hier lebt«, au« den geheimnisvollen Tiefe» völkischer Veranlagung gespeist,«in« unerschöpfliche Begabung zu künstlerischer Arbeit, der die Entfaltung zu sichern war; hier bestand in einer vo« aller Welt anerkannte» und durch Generationen nicht einzuholenden Überlegenheit ein Kapital, da» fruchtbar gemacht werden muhte. "Daß Wien» Lebenskraft nicht erschöpft ist, hat sein« Nachkriegsgeschichte erwiese». Wien hat sich sogleich tapfer seiner neuen Lage anzupaffen begönne» und«i» von aller Welt anerkannte» Auf, bauwcrk errichtet; könnte diese» al» soziale Leistung nicht genug zu preisende Werl nicht auch z»«iner baulichen Erneuerung d«r Stadt werden? Man denke, ein« Gelegenheit wie nicht wieder: ein einziger Bauherr, dem alle Mittel zur Enteignung von Gründe», Stinte Woche z»r Anlage neuer Verkehrswege, zur Verwertung Men technischen Fortschrittes zur. Verfügung stünden; der nicht da und dort, wo Not und Zü- fall es fordern, sondern nach einem großen Plan baute; der eine Stadt schüfe, di« alle Bequemlichkeit der Großstadt mst aller Natürlichkeit des Landlebens verbände. Und der alle Kräfte organisierte, künftigem Dasein eines ganzen Volkes, nicht einer einzigen Schicht durch Reichtum oder Abkunft Ausgezeichneter, Rahmen und Form zu prägen! Dabei mutz allerdings diese Stadt, die ganz neu werden soll, auch alt bleiben, weil ihre Ber- gangenheit ein Besitz ist, den nichts ersetzen kann. Ihre musikalische und künstlerische Tradition müßte sorgsam gepflegt, ihre Wissenschaft, lichen Einrichtungen gestützt, ihre großen Samm- lungen ausgebaut werden— all das, was die ganze Welt wirklich von ihr kennt und schätzt—, um einem von modernen Ideen und modernen Aufgaben erfüllten Volk ihren Stoff und ihre Hilfe zu bieten. In der Verbindung von Tradition und Lebendigkeit ist die Eigenlümlichkeit Wiens gelegen; sie ermöglicht ihm, einen vermittelnden Platz zwischen den Kulturen für sich zu fordern. Wenn Wien so eine Art Schweiz der geistigen Welt würde, könnte es durch sein Beispiel drei große Lehren verkünden: daß die Erneuerung des Daseins, die wir brauchen und fordern, möglich ist, ohne die Werte der Vergangenheit zu zerstören; daß die moderne Form großstädtischen Lebens ihre in die Natur reichen- den Wurzeln zu behalten vermag; daß eine wertvolle— auch im ganzen des Nationalen wertvolle— Kultur auch aus der Berührung und Durchdringung verschiedener Nationen hervorgehen simn. Wiens Besonderheit ist die Frucht eines auf Grund der habsburgischen Reichspolitik mißglückten Versuches eines Zusammenschlusses verschiedener Nationen. Auf der Grundlage einer neuen Wellanschauung ist hier ein Internationalismus zu erhoffen, der nicht auf der. dürren Scholle theoretischer Erkenntnis gewachsen und nicht aus der Retorte ökonomischer Gesetzlichkeit hervorgegangen, sondern aus innerer Einsicht entstanden ist. Diesen zu erwecken aber bedarf es nicht Geldes, sondern Geistes; den Traum Wiens zu verwirklichen, braucht es nicht der SW nett Carnegies oder RockefellerS. ★ Josef Luitpold: . ich baue Kathedralen der Bildung,** Die Weltgeschichte ist keine Lotterie. Am wenigsten gewinnen in ihr die Besten. Die Carnegies geben ihre Schecks nicht her. Und ist«S den« der Dollar, den die Menschheit braucht? Die Nornen der Zukunft heißen: Erde, Arbeit, Soli- darität. Aber, wenn der Geldbriefträger durchaus meine Unterschrift will, um die Milliarde auszahlen zu können— es soll geschehen. Ich geb« das Geld nur für Wien aus. Nur für Arbeiterbildung. In jeden der Wiener Bezirke einen großen Arbeiterbildungspalast. In jedem eine Halle für «X» Menschen. Sportplätze, Bäder, Gärten, Wandelräume, je hundert schalldichte Lehr, und Klubzimmer für je 100 Menschen. Diese Paläste heißen Kathedralen. Also dreißig Kathedralen in Wien. Mit Orgel und Lautsprecher, mit Kurzwellensender und Rundfuntempfang, mit Werkräumen und Laboratorien, mst Bühnen und Büchereten, mit Filmapparaturen und Episkopen. In den Kathedralen spiell sich daS öffentlich« Leben des geistigen Wiens ab. Täglich dreitausend Zusammenkünfte von hunderttausend Kindern, hunderttausend jungen Menschen, hunderttausend Erwachsenen. Dieses geistige Leben wird wirt- schaftlich für dreißig Jahre gesichert. Sogleich erhalten die siebzig Wiener A r» beiterbüchereien je 10.000 Bände, 1935, 1937, 1939 stttS die gleiche Anzahl, in den nächsten zwei Jahrzehnten ebenso. Vom zehnten Jahr an erreicht Wien eine jährliche Enttehnung von vierzig Millionen Bänden, di« richtige Zahl für«ine Großstadt deS Geistes. Statt tausend Bibliothekare werden eS dann zehnmal soviel freiwillige Helfer und Helferinnen sein. Ich freu« mich schon daraus. Auch auf die zweihundert Lesergilde»«nd ihre zweitausend wissenschaftlichen und künstle- rischen Abende alljährlich. An die Errichtung von Kinderbüchereie» gehe ich sofort. Wir brauchen in Wien hundert- vierzig Kinderbüchereien, in jedem Bezirk etwa sieben. Anderthalb Millionen Bände werden sogleich eingestellt, ebensoviel je 1935, 1937, 1939 und in den nächsten zwanzig Jahren. So liest die Wiener Jugend bald sechzig Millionen Bände jährlich, beraten durch schmucke, bebilderte Bücherverzeichnisse. Ich bedaure dann, kein Kind mehr zu sein. ES werden dreitausend Kinder freiwillig, ernst und begeistert als Bibliothekare Mitwirken. Schallplattenarchive mit eigenen Aufnahmeapparaturen werden genug zu tun bekommen: jährlich tausend edle Schallplatte» für Lehrzwecke und Kunstunterricht, stet» in zehn Kopien. Das ergibt in dreißig Jahren dreimal- hunderttausend Platten. Richt zu viel für«ine Stadt, die in thre Mauern und Ohren den Klang des ganzen Erdballs zaubern will. Dreißig I hre Pflege zunälist des Schmal- ftlmS, bald des Tonschmalsilms, zum Schluß deS F e r n t o ns ch m a l fi l m s. In jedem Jahr ihrer fünfzig in vier Kopien. Rach dreißig Jahren 6000 Kopien Etn dynamischer Orbis ptotus. Damit hab« ich 900 Millionen Schilling ausgegeben, aber all« edlen Geister Wiens ermuntert. Ich will nur noch mitteilen, daß jede Kathedrale zehn besondere Zimmer hat, die bald berühmten Zimmer der Gäste. Führende Menschen auS allen Erdteilen werden für je ein Jahr Gäste Wiens. Wir bitten sie, hier als Forscher, Künstler und Lehrer schöpferisch zu wirken. Das gibt das Jahrhundert der großen Zehntausend. Wissen Sie, daß daS nur zwanzig Millionen Schilling kostet? Aber daraus geht der Orden der Freunde von Wien hervor, jene Gemeinschaft, die sich verpflichtet, Geist nie gegen die Masse wirke» zu lassen. Noch eine Belanglosigkeit für Tratschgelüste kommender Geschichtsschreiber. Ich bin den Weg der vollen Hingabe ans Ganze nicht makellos geschritten. Meine Frau braucht für eine Gasrechnung 17 Schilling. Diese Summe habe ich ihr aus der Tasche Carnegies zur Verfügung gestellt. Seltsam, wie sich höchster Flug des menschlichen Geistes nie vom Staube rein hält. ★ Hugo Breitner: „Schluß mit den Carnegies... Es war und ist mir ein Rätsel, weshalb Menschen Reichtümer weit über die Möglichkeit sogar üppigen Genießens anhäufen. Ich wundere mich, welch unsinnigen Gebrauch diese sogenannte» klugen Männer von chren Schätzen machen. Nahezu ausnahmslos gilt ihr Streben der Zukunftssicherung von Kindern und Kindeskindern bis in die weite Ferne. Nahezu ausnahmslos mißlingt dieser Versuch. Diese sehr fleißigen und meist bedürfnislosen Leute erziehen ihre Kinder zu Müßiggängern und sind glücklich, wenn ihre Nachkommen sich jenen Schichten anbiedern dürfen, die bereits beim Verschwenden des ererbten Gute« angelangt find. Es ist eine trostlose Erscheinung, daß von 100.000 größeren und noch so großen Vermögen 99.999 in der zweiten, spätestens dritten Generation zu nichts zerfließen. Nur eine verschwindende Minderhest verwendet ihr Geld scheinbar besser. Ab und zu erfolgt die Errichtung eines Kinderspstals, einer Lüngen- hellstätte, einer Stiftung für Kunst und Wissenschaft oder für Menschen, die sich um die Friedensbewegung verdient gemacht haben. Teils aus edlen Beweggründen, teils aus Eitelkeit oder zur Be- schwichtigung von Gewissensbissen al»«in« Art Versicherung gegen Fegefeuer und Hölle. Aber auch weit häufigere Widmungen, könnten keine fühlbare Wirkung übe». Was nützen Spitäler, wenn es als selbstverständlich gill, daß Kinder und Erwachsene in jeder Beschreibung spottenden Behausungen, ärger als Tiere zusammengepfercht sind und sich dort alle erdenkbaren Krankheiten holen? Was Helsen Heilstätten, solange es als unabänderlich betrachtet wird, daß Unterernährung der schlimmsten Art an einem einzigen Tage mehr Tuberkulotiker schafft, als sämtliche Lungenheime der Welt in einem Jahre zu helfen vermöge»? Hat es einen Sinn, ein paar berühmte Dichter oder Wissenschafter durch hohe Geldsummen aus- zuzeichnen,»Ehrend gleichzeitig eine nach Millionen zählende Jugend samt chren Talenten und Genies zerstampft und erwürgt wird, weil jämmerlichstes Elend als unlösbares Zubehör deS MenschheUsschicksals betrachtet wird? . Ist es nicht abgrundtiefe Verlogenhest, Friedenspreise zu verleihen und jahraus, jahrein phantastisch hohe Beträge für die Vorbereitung de» grauenvollsten Krieges zu vergeuden? Es gibt nur ein« einzige vernünftige Ver- wendung von Reichtümern: daS ist die Förderung des Sozialismus. Sozialismus bedeutet die Vernichtung aller Not von der Wurzel aus! Sozialismus ist die Ausrottung des Krieges! Sozialismus berechtigt und verpflichtet jeden Menschen auf dem Erden- rnnd zur Astbeit und verbürgt ihm als Ertrag ein wahrhaft lebenswertes Dasein in Gesundhest und Schönheit! Nichts ist übrig geblieben von den Schätze» der Krösusse aller Zetten. Dauern kann nur di« Hebung der Lage des ganzen Menschengeschlechtes. Ich würde das Geld von Carnegie und aller seiner raffenden und schaffenden Kapttaltollegen sozialistisch verwalteten Gemeinwesen geben. So würde da» Herrlich« schneller Wirklichkett werden können, al» e» sonst geschehen wird. Geräumige, gut auSgestattete Wohnungen für alle. Weite Parkanlagen an Stelle der niedergerissenen Mietkasernen der Bauspekulanten. AuS den Schulen sind die Vorrechte des Besitzes als Schandfleck getilgt. Ganz ausnahmslos wird die gesamte Jugend bi» zum vollendeten 18. Jahre durch die besten Lehrer körperlich und geistig herangebildet. Die Begabtesten werde» in offtner Auslese den Fachstudien zugeführt. Der allgemein« Bildungsgrad ist aber schon so hoch, daß darüber hinaus für Dünkel kein Raum bleibt. Bibliotheken, Museen, Kunststätten aller Art, Bäder, Sportplätze, Vergnügungen, Reisen sind in Fülle und richtiger Regelung jedem frei zugänglich. In der Geschichtsstunde nur wird ungläubigen Zuhörern von jener Wahnsinnsperiode des Kapitalismus erzähll, in der zu reiche Ernten verbrannt oder ins Meer versenkt worden siE weil es noch eine zu schwere Kunst war, aus der Fülle die Darbenden zu sättigen. Von der Arbett ist der unselige Fluch genommen, den ihr die Geldgier angeheftet hat. Jeder erkennt den-Sinn und Zweck seines Tuns für das Wohl der Gesamtheit und das Glücksgefühl der nützlichen Leistung hebt ihn empor. Aber auf solche Geschenke darf die Arbeüer- schaft nicht hoffen und nicht warten. Der Sozialismus kann nur durch die eigene Kraft errungen werden. Allen Widerständen zum Trotz wird auf die zusammenbrechende, nur von Profttwut beherrschte Privatwirtschaft die Planordnung der Gemeinschaft der Menschheit folge«. Keine Carnegies und keine Arbeitslosen, keine Millionäre und keine Hungernden mehr! ★ P of. Rudolf Radbruch: „Wichtiger als. Carnegies Geld wären neue Menschen.. Nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich bei Ihrem Plan nicht mitmachen kann. Ich glaube mit Ihnen an die vorwärtstreibcnde Kraft der Utopien, aber ich fürchte, mir fehlt dazu der große Wurf der Phantasie und vor allem die Kraft echten utopischen Glaubens. Mein„Wach- und Wunschtraum" würde auf meinem Fachgebiet die Durchführung eines vernünftigen Erziehungsstrafvollzuges sein, zu der„Carnegies Geld" aber nicht genügen würde, da man nicht nur Geld und neue Gebäude, sondern vor allem neue Menschen dazu brauchte. Einige wenige Menschen dieser Art kenne ich fteilich. Einen davon hat der chüringische Faschismus soeben auS seinem Amt entfernt— so sehr ist unter den gegenwärtigen Verhältnissen diese Utopie wirklich eine Utopie. 8chalom Asch: „Nie wieder soll sich ein Carnegie Vermögen bilden..."" Wenn ich Carnegies Geld hätte, so würde ich es dazu verwenden, um die Menschheit davor zu bewahren, daß sich jemals wieder Carnegie- Vermögen bilden können. Denn ein Carnegie- Vermögen— und nicht allein dieses, sondern jedes Vermögen, das über den eigenen Lebensgebrauch hinaus angehäust wird— bedeutet«ine Anhäufung von Sünde. Zu welchem Zweck es verwendet wird, ist dabei nicht von Belang. Und wird es gar vererbt, so ist das eine Sünde, die sich rächt. Denn nichts schädigt die zweite Generation so sehr' wie die Vermögen, die sie von der ersten erbt. ★ Sinclair Lewis telefoniert: Sie fragen mich, was ich. mit dem Gelbe Carnegies täte?— Verlieren! Kaiser Karl hat Angst vor meinen„Mordplänen“ Mein Besuch beim letzten Habsburgerkaiser Von Dr.KARL RENNER, Präsident des Nationalrates, Staatskanzler a. D. Der erste Kanzler der österreichischen Republik schildert hier den Lesern der„Bunten Woche“, wie er dem letzten Kaiser der österreichischen Monarchie gegenüberstand. Er zeichnet jene beklemmende Engstirnigkeit, der das Schicksal des Volkes ausgeliefert war, die aits Unwissenheit und Überheblichkeit gemischte Atmosphäre in den„höchsten Kreisen“ das Land in den Untergang führten. Blutige Wahrheit wird hinter der offiziellen Förmlichkeit dieser denkwürdigen Audienz sichtbar, da es sich zeigt, daß der Mann, der„von Gottes Gnaden“ über Österreich herrscht, noch nie etwas von Renners bedeutsamer politischer und wirtschaftlicher Arbeit gehört hat. Und vielleicht können zehn tiefgründige Bände über das Wesen der Kaiserherrschaft nicht gründlicher mit der Monarchie abrechnen, als es der letzte österreichische Monarch nichtsahnend mit den Worten tat, mit denen er seiner Umgebung von dem Zusammentreffen mit Renner berichtete: er hatte sich gefürchtet, der„gefährliche Freimaurer“ Renner könne ihn während der Audienz ermorden... Ein langer und bezeichnender Umweg war es, auf dem ich zum letzten Beherrscher Österreich-Ungarns, zu Kaiser Karl kam. Beinahe zwei Jahrzehnte hindurch hatte ich unter dem Decknamen„Rudolf Springer" in staatswissenschaftlichen und politischen Schriften die Lebensfrage des Reiches, das Nationalitätenproblem, bearbeitet. Man sollte meinen, irgendein Mitglied der Dynastie oder wenigstens einer der Hofschranzen müßte sich für den Autor und für ein Schriftwerk interessieren, das sich so eingehend und so lange Jahre mit dem Schicksal des Reiches befaßte, das ja auch zum Schicksal der Dynastie werden mußte. Nicht das geringste Interesse war zu merken. Der sogenannte„Hof" war schon längst ein geschlossener Kreis von„Jlliteraten" geworden, der absichtlich alles Geistige von der Dynastie fernhielt. Weil das jedermann wußte, wußte auch ich es und unternahm nie einen Versuch, in jenen Regionen auch nur eine gedruckte Zeile persönlich oder durch Mittelsleute an den Mann zu bringen. Hätte ich einen Traktat über den Heiligen Georg verfaßt, ich bin überzeugt, der seinerzeitige Thronfolger Franz Ferdinand hätte ihn seiner Bibliothek einverleibt. Nicht viel anders als mit den Hofleuten stand eS mit den Staatsmännern. Einer der wenigen, die ein freies politisches Schrifttum schätzten, war Ernst Ko erb er, den Kaiser Franz Josef nach Stürgkh zum zweitenmal zum Ministerpräsidenten gemacht hatte. Dieser bedeutende Kopf blreb auch nach des Kaisers Tod(21. November 1916) einige Zeit lang Ministerpräsident des jungen Kaisers Karl, bis ihn Graf Clam- Martinic, eine politische Null aus dem böhmischen Feudaladel, ablöste. Koerber kannte mich persönlich durch meine politischen Arbeiten und ich war mit ihm schon seit dem Jahre 1900 gelegentlich zusammengetroffen. Das letzte Aufgebot In jener Zeit griff man nach den furchtbaren Blutverlusten der zwei ersten Kriegejahre zum Truppenersatz auf die ältesten Jahrgänge. Ich wurde assentiert, tauglich befunden und in meiner längst abgelegten Charge eines Derpflegsakzessisten der Reserve einberufen. Zunächst wurde ich einer Jntendanzabteilung des Kriegsministeriums zugeteilt. Aus dem Riesenbau am Aspernring wurde ich aber zu meiner Überraschung eines schönen Vormittags in die Herrengasse 7, ins damalige Ministerratspräsidmm beschicken, in dasselbe Amt, das ich zwei Jahre später als Staatskanzler der Republik beziehen sollte. Dort trat ich in der Akzessistenuniform mit Zweispitz und Degen vor Koerber. Unvergeßlich ist mir der Eindruck, den diese Maskerade auf Koerber machte. Er starrte mich zuerst verblüfft an, erkannte mich trotz der Verkleidung und brach in lautes Ge- lächter aus:„Also besser hat Sie das Vaterland nicht zu verwenden gewußt?" Er erklärte mir, die Regierung plane zur Bekämpfung der Verpflegsschwierigkeiten die Errichtung eines Ernährungsamtes und berufe mich nebst sechs anderen Männern in dessen Leitung. Und als Direktor des Ernährungsamtes sollte der poliffsche und staatswissenschaftliche Schriftsteller Rudolf Springer vor den Kaiser kommen. Nach kurzem Bestand dieses Amtes wurde General Höfer— übriaens der Bunte Woche jüngste General der Armee— zum Er- nöhrungsintnister und also zu meinem Bor- gesetztey ernannt, Höfer,, der mich und meine Arbeit kennengelernt hatte, sprach von mir zum Kaiser und bestimmte ihn, mich nach Larenburg, wo die kaiserliche Familie damals wohnte, in Audienz zu rufen. Lange ging ich mit mir zu Rate. waS ich aus dieser Gelegenheit machen könnte. Gewiß würde das Gespräch mit den Ernährungssorgen beginnen. Es schien mir, dem politischen Schriftsteller, dem Verfasser des ,^ampf der Nationen um den Staat" und der»Grundlagen" unmöglich und unwürdig, nicht auch von allgemeinen Fragen, nicht von der damals besonders unsinnigen und verhängnisvollen Behandlung der Tschechen, von der Notwendigkeit einer Verfassungsänderung im Sinne der„Nationalen Selbstregierung" zu sprechen. Ich hatte eben meine Aufsatzrerhe über.„Österreichs Erneuerung" in einem Buch zusammengefaßt und beschloß, dieses Buch dem Kaiser zu überreichest. So ausgerüstet fuhr ich mit her Südbahn und dem Mödling—-Laxenburger Bähnchen hinaus, von einem einzigen Gefühl beherrscht: Neugierde, skeptische Neugierde! „Bücher haben Sie auch geschrieben?. Nach einigem Warten kam ich vor. Ein eleganter Obersthofmeister im ersten Mannesalter— wie ich später erfuhr etn Graf Hunyadi—• führte mich ein und ließ mich mit dem Kaiser allem. Ich hatte einige Muße, die schlanke, beinahe noch knabenhafte Gestalt, das weiche Antlitz und das seltsame Mienenspiel des Kaisers zu beobachten. Mit sichtbarer Befangenheit winkte er mir Platz zu nehmen und fand nur zögernd das erste Wort. Höfer habe ihm über das Ernährungsamt berichtet— wie wir mit der neuen Leitung zufrieden seien? Worin lägen die größten Schwierigkeiten? Ich fetzte auseinander: Zwei Kardinalfehler seien gemacht worden: Der erste im Herbst 1914, als man trotz der Vorstellungen des Kriegsministers Krobatin zugelassen habe, daß Ungarn sich in der Verpflegsfrage von Österreich trennte; der zwette im Frühjahr 1918, als man gegen den Rat aller Volkswirte Statthaltereien, Bezirkshauptleute und Bürgermeister zu Trägern des Er- nährungsdienstes gemacht und dadurch das Ernährungswefen sticht nur unkaufmännisch gestaltet, sondern auch geradezu verländert habe. Ich selbst hätte schon, im Herbst 1914 eine wirklich zentrale Ge- treidebewirtschaftung durch eine kaufmännische-Organisation vorgeschlägen, mein Plan sei aber ist der Schublade des Handelsministeriums liegengeblieben. Die Antworten des Kaisers machten mich etwas betreten. Ich hatte Grundfehler der Organisation gezeigt, die sich nur durch durchgreifende Umgestaltung beheben ließen. Er antwortete mit den naiven Wendungen: „Er habe ohnehin mit dem ungarischen Ministerpräsidenten gesprochen",„er habe Höfer den Auftrag gegeben, an den Prager Statthalter zu telegraphieren" usw, Ich sah, daß ich auf kein Verständnis hoffen konnte und gab dem Gespräch die naheliegende Wendung: Hinter der Prager Stafthalterei stehe die tschechische Nation; die ungeklärten nationalen Verhältnisse müßten die Verwaltung nicht nur im Ernährungswesen lahmlegen, sondern auch die Kriegsführung bedrohen; man werde rasch nachholen müssen, was man durch Jahrzehnte versäumt habe. Dann legte ich dem Kaiser das Buch, das ich über die wichtigen polftischen Fragen geschrieben hatte, vor. Er nahm eS entgegen Und legte es auf den Tisch mit den Worten: „Bücher haben Die auch ge- schriebe n?" Offenbar hatte der Kaiser keine Ahnung von all dem, was die öffentliche Meinung Heschp'rigte. Ich verstummte, brach diesen Gegenstand ab und lenkte das Gespräch auf die Kriegsbetriebe Meines Wahlbezirkes, Kurz darauf erhob sich Kaiser Karl und reichte mir die Hand. Die Audienz war nach einer halben Stunde beendet. Der Kaiser hat Angst gehabt In tiefer Niedergeschlagenheit saß ich tpieder im Eisenbahnabteil. WaS soll aus uns werden? fragte ich mich immer wieder. Welch ein Irrsinn ist die erbliche Bestellung eines Staatsoberhauptes! Jahrzehnte wurden wir regiert von einem Greis, de>' schon durch viel« Jahre nicht mehr die Entschlußkraft gehabt hat, di» notwendigen Umwälzungen zu vollziehen, um das Reich zu retten l Und nun regiert uns— dank dem Zufall des Erbganges, dem Zufall des Todes zweier Thronfolger— ein schwaches Kindl In welcher Umgebung hat man es aufwachsen lassen! Und welch ein Vorfall der monarchischen Einrichtungen: Keiner der Prinzen wirklich erzogen, keiner mit den Aufgaben der StaatSführung ernsthaft beschäftigt, alle in völliger Unkenntnis der grundlegenden Problem« des Reiches, alle ohne Kenntnis des Volkes, alle dem Polke gänzlich entrückt! Kein Landwirt, der selbst zu wirtschaften verhindert ist, würde lernen Hof einem!o unerfahrenen und ungeschulten Lester anvertrauen! Und ein Menschenkind, dem kein Bauer seinen Hof anvertrauen würde, soll ein Reich regieren, ein so schwieriges Reich in der schwersten Stunde seines Bestandes! Der Monarchismus hat ausgelebt— aber dennoch bestimmt er jetzt im Krieg deS Reiches, der Nationen und jedes einzelnen Schicksal! Welches Ende muß der Krieg nehmen? Welches Ende Österreich- Ungarn? Und doch sollte ich noch tiefer erschüttert werden. Nach Wochen führte mich der Zufall mit jenem Hofmann, der mich in Laxenburg gemeldet hatte, wieder zusammen. Ich fragte ihn, ob der Kaiser nachher über diese Audienz gesprochen hätte, warum der Kaiser während dieser Unterredung bis zum Schluß so befangen gewesen wäre. Einerlei, ob die Antwort, die ich erhielt, ironisch gemeint oder aufrichtig war, in beiden Fällen war sie gleich niederschmetternd. Die Antwort lautete: „Der Kaiser-hat Angst gehabt, Sie seien offenbar ei» Freimaurer und könnten doch ei« Attentat vorhaben." Nein, von dieser Seite war für Österreichs Erneuerung. nichts zu hoffen, in diesem Lager war keine Rettung vor dem drohenden Untergang deS Reiches-u finden. Nichts bliÄ übrig, als sich auf die Neuordnung der Welt vorzubereitea. Fischen mehr und dieser da- in einem Doch der Gott Twaschtri ergänzter„Roch kannst du phye sie leben!" u nd wendete. sich von dem Manne ab und ging seinem Werk« nach. Und der Mann stand wie vom Schlage gerührt und überdachte sein Geschick. Und fragte sich, wie vor einer unerdenklichen Aufgabe:„Was tunk' Und diese Frag« stellt sich her Mann auch heute poch, wenn er an die Frau denkt, die ihm Bott Twaschtri gegeben hat, Denn, wahrhaftig, er kynn nicht mit ihr leben und ohne fU schon (jat nicht. Erzählt von Mm ii• t« k auch noch so unwahrscheinlich klingen, nicht einfach ins Reich der Fabel verweisen. Sicher hat so mancher Chronist seist« Phantasie spielen lassen, statt Tatsachen festzustellen; aber wir kommen doch mehr dazu, die Glaubwürdigkeit maligen Herren von der Feder anderen Lichte zu sehen. Schwefelregen Aber nicht nur Tiere kann ein Tornado über die Menschen ausschütten. Es sind viele Fälle bekannt, in denen es Asche und Schwefel regnete, wenn der Wirbelwind vorher über einen Vulkan himvcggebraust war. Das eigenartigste Beispiel für die Macht eines solchen Naturereignisses finden. wir in Beschreibungen aus Persien. Es gibt kann'nicht mit ihr leben!" einen Bericht aus dem Jahr« 1828, einen anderen von 1913, in welchen erzählt wird, wie Wirbelstürme«jne weiße, mehlartige Mast« mit sich führten, die weite Strecken des Landes mehrere Zentimeter hoch bedeckte. Kühe und Schafe fraßen die Mqfse gierig, und di« Einwohner sollen sogar Brot daraus gebacken haben. Diese Substanz erwies sich als eine Art Flecht«, die vom Wistd auS unbekannten Gegenden herbeigetragen worden war. Auf jeden Fall dürfen wir heut« solche Berichte, mögen sie auf den ersten Blick Die Erschaffung des Weibes Eine indische liegende Als am Anfang der Gott Twaschtri zur Erschaffung des Weibes kam, fand ex, daß er seine Stoffe sämtlich bei der Erschaffung des ManneL verbraucht hatte und keine festen Elemente mehr übriggeblieben waren. So versank er in tiefes Sinnen, um aus der Verlegenheit herauszukommen. Und endlich wußte er sich auch zu helfen, sonst wäre er eben nicht der Gott Twaschtti gewesen. Er. nahm die Rundung des Mondes und die Windungen der Schlingpflanzen,»ahm die Schmiegsamkeit der Ranke und das Zittern des Grases, die Schlankheit des Schilfrohres und die Blüte der Blume, das Schwanken der Blätter und die Verjüngung des Elefantenrüssel», die Blicke des Rehes und das Schwärmen der Bienen, die freudige Heitertest de» Sonnenlichte» und das Weinen der Wolken, di« Veränderlichkeit des Windes, die Furchtsamkeit de» Hasen, di« Eitelkeit des Pfaues, die Weichheit der Papageienbrust, die Härte des Diamanten, die Süße des Honigs, dl» Grausamkeit des Tigers, die Schmoichelkrast de« Katze,,.hie Kälte des Schnees, die Echchntzhaftigteit des' Hähers, das zärtliche Girren del: Taube, die Heuchelei des Kranichs, die Halsstarrigkeit de» Esels und die Listigkeit der Schlange. Und als er alle» dies zusammengetan haft«,., erschuf er das SBeft' unk gab es dem Manne. Abex nach einer Woche schon kam der Mann zu ihm und sägt«;.Herr, das Geschöpf, das du mir gegeben hast, macht mein Leben elend. Es , schwatzt unaufhörlich und ermüdet mich mehr, als ich ertragen kann. Es läßt mich niemals allein. E» verlangt unausgesetzt« Aufmerksamkeit, nimmt mir alle Zeit, greint über jede Nichtigkeit und ist immer müßig. Und so bin ich gekommen, um dir dein Geschöpf, daS Weib, wieder zurückzugeben, weil ich nicht mit ihm leben kann!" Der Gott Twaschtri hatte den Man» aufmerksam angehört. Gewiß, daS Weib sollte nicht gegen den Willen und zur Öual des Mannes mit ihm vereinigt sei». Und- so»ahm Gott Twaschtri da» Weib wieder zurück. Aber»ach einer Woche schon kam der Mann wieder und sagte:„Herr, ich finde, daß mein Leben sehr einsam ist, seit ich dir jene» Geschöpf zurückgegeben hab«. Ich erinnere mich, wi« das holde Weib mir zu tanzen und zu singen pflegte und wie e» mich aus seinen Augenwinkeln lustig ansah und mit mir spielte und sich an mich schmiegte. Und ich erinnere mich, sein Lachen war Musik, und e» war schön anzusehen und weich zu berühren. Und so bitte ich dich denn, o Herr, gib mir da» Weib wieder heran» l" Und der Gott Twaschtri hatte de« Mann wieder aufmerksam angehört. Und er dachte sich: «Siehe, dieser Mann verlangt nach dem Weib«, da» ich für ihn erschaff«» hab«— also soll«r eS haben!' Und er gab dem Manne das Weib heraus. Aber nach drei Tagen schon erschien der Mann wieder vor dem Gotte und sagte entschlossen: »Herr, nun bin ich mix endgültig im klare»! DaS Weib,. da» du mir gegeben hast, e» be-> reitet mir, alles in allem, mehr Verdruß als Vergnügen! Darum, o Herr, nimm e» wieder zu dir und behalte e» bet dir, Ich will e« picht ’ wieder verlangen!" Aber nun fuhr der Gott Twaschtrs auf und schrie, daß der Himmel bebt«:.Fort mit dir! Hinweg! Kein Wort weiter! Du mußt fortan mit dem Weib« apökommen, wie du mit dem Weib« auskommen kannst! Basta!" Darauf erklärte der Mann verzweifelnd;«Ich trotz dem Unwetter nicht davon abhalten ließen, die behenden Tierchen einzufangeir. Eine ähnliche Geschichte erzählt ein Chronist aus dem Jahre 1761:„...bei Merthy Tydvil.in Wales öffnete sich bei einem großen Sturm mit vielem Regen der Himmel und ließ Fische herunterfallen, wohl Tausende und Tausende. Als ein Mann einen Tränkeimer an das Regenrohr einer Dachrinne hielt, zählte er zweihundert Fische in jedem Eimer. Zwar waren die Fische nicht zu vielem gut und lpjtntzn nicht des Leibe» Nahrung dienen; r»b«r man vergnügte sich höchlichst mit ihnen...." Im indischen Staatsarchiv findet stch eine Beschreibung aus Singapore, nach welcher dort im Februar 1861 eine Reihe von leichten Erdbeben gespürt wurden, während der Regen in Strömen floß. Zum Schrecken der Einwohner enthielten die vom Himmel fallenden Wasfermassen unzählige Fische der verschiedensten Art, wie sie im Indischen Ozean vorkommen. Als der Regen nachließ, machten sich die Eingeborenen daran, die auf deu Straßen umherliegenden Fische in Körbe zu sammeln: das größte Tier wog nicht weniger als zwei 'Kilogramm! Ein vollständiger Bericht über die Bildung eines Fischregens liegt aus dem Jahre 1889 vor. Damals bemerkte man in einem holländischen Küstenort, wie sich während eine» heftigen Sturmes über dem Meer eine Wasserhose bildete, die von einer dunk- len Wolkenbank herunterzuhängen schien. „Das Wassergebilde", so heißt es in der Beschreibung,„verlängerte sich ständig und hielt sich im Gleichgewicht wie eine Schlange, die qm Kopf aufgehängt ist. Schließlich schien-sich die-Wasserhose vom Meer loSzu- lösest und höher emporzusteiaen: gleichzeitig bewegte sich daS ganze"Gebilde langsam-auf das Land zu. Plötzlich ertönten ein paar ohrenbetäubende Donnerschläge, während der die Wasserhose förmlich in Stücke zerriß. Große Wassermengen stürzten auf das Land nieder, bis zu einem Kilometer vom Hfer entfernt, und Hunderte von fielen gleichzeitig herunter." Wenn 68 Blut und Tinte regnet... Es regnet Flöhe ES ist verständlich, daß solche Vorfälle in früheren Zeiten zu allerlei Aberglauben Anlaß jzegebest haben. So wurden die Einwohner im Haag 1870, während des Deutsch- Französischen Krieges, eines Morgens erschreckt, als wolkenbruchartig ein blutroter Rege» fiel und die Straßen in eiy Meer von»Blut" verwandelte. Allgemein hieß es im Volk, daß dieser Blutrege» ein Zeichen des mörderischen Ringens auf den Schlachtfeldern in Frankreich sei. Aber die Wissenschafter, die Proben der Flüssigkeit unter dem Mikroskop untersuchten, stellten fest, daß die rote Farbe durch Unmengen von winzig kleinen Lebewesen, einer Art W a s s e r f l o h(vapdnis rml«), hervorgerufen war, die von Wirbelstürmen unendlich weit herbeigetragen worden waren. Ein ähnlicher Blutregen siel im Jahre 1382 in der Nähe von Paris, wo„die Menschen ihr Gewand sich färben sahen und es von sich warsen in heulendem Schrecken", wie es in der Chronik heißt. Tinte fällt vom Himmel Ein GeaevWck zum„Blutregen" war der„T i n k« n st u r m" am 9. November 1918 zu Montreal in Kanada. Nachdem mehrere Tage hindurch ein orkanartiger Sturm durch die Stadt gebraust hafte, setzte plötzlich heftiger schwarzer Regen ein. Man sucht« anfangs vergeblich nach einer Erklärung, bis man schließlich daraufkam, daß das Wasser aus bestimmten kleineren kanadischen Seen Herrichten müsse. Diese Gewässer sind von unzähligen Holzkohlenmeilern umgeben, deren Nuß das Wasser allmählich schwarz gefärbt hat. Auch hier muß ein Wirbelwind die tintenartige Flüssigkett mit sich gerissen und über Montreal fallen gelassen habe». Auch der verstorben« Lord Eastnor Hütt« auf seinem Landsitz Typte nhanger Park in der englische» Grafschaft Kent ebenfalls Gelegenheit, ein« solche seltsame Erscheinung zu beobachten, Während eines mehrtägigen Regensturmes fielen Tausende von kleinen Seekrabbe» zu Boden. Lord Eastnor berichtete, daß seine Landarbeiter anfänglich fast außer sich vyr Schrecken waren, späte» aber die Trere zum Verspeisen sorgsam einsammelten. Fische fliegen durch die Luft Ende 1917 muß ein Wirbelsturm tu einen Schwarm junger Aale hinejn- gefahren sein. Rach einem unbedingt zuverlässigen Bericht fiesen um diese Zeit bei Hendon in England hundert« kleine, zappelnde Aale in einem Wolkenbruchregen auf oi« Straße»-er Stadt« wo sich die Kinder Es hagelt Ratten Im Lichte dieser neueren Kenntnisie werden auch die Berichte über vom Himmel gefallene Landtiere verständ- sich, So wird auS dem siebzehnten Jahrhundert sehr ausführlich beschrieben, wie in der norwegischen Stadt Bergen ein Regensturm lebende Rattest mit stch führte! Die Erklärung für dieses seltsame Schauspiel wird darin gesucht, daß ein Wirbelwind eine Anzahl alter Häuser in Trümmer legte und die darin befindlichen Nagetiere in die Luft emporhob. Ein anderer Chronist berichtet über einen Regen von Fröschen in Polen, der eine solche Unmasse der Tiere entlud, daß Straßen und Pacher förmlich damit übersät waren. Und erst auS dem Vorjahr wird beschrieben, wie in Kalkutta während eines Wirbelsturmes plötzlich ein acht Meter hoher Baum auf der Hauptstraße landete, in besten Geäst zum Schrecken der Bewohner vier lebende Giftschlangen verborgen waren; offenbar hatte der Wind den Daum viele Kilometer aus dem Urwald heran- getragen. Von Rrofesso» Dr. R. GEOFFREY, Oxford Die Teilnehmer und Zuschauer eines Tennisturniers bei Kilmelford in Schottland wurden vor kurzem Zeugen einer der seltensten Naturerscheinmcgen. Das Spiel hatte bei strahlendem Sonnenschein begonnen; aber allmählich begann sich der Himmel zu bewölken, und nach kurzer Zett setzte hefnger Regen ein, so daß der Wett kampf abgebrochen werden mußte. Das Merkwürdige aber war, daß d«r Regen nicht nur aus Wassertropfen bestand, sondern auch eine Unzahl von Garneelenfischchen mit sich führte! Es gibt eine ganze Reihe von Berichten aus alter und neuer Zeit über ähnliche Er scheinungen, für die die Wissenschaft heute eine durchaus verläßliche Erklärung hat. Man konnte besonders in Amerika wieder holt beobachten, daß Tornados riesige Men ge» Wasser aus Teichen und Seen auf saugen und mit sich forttragen können; auch die im Wasser befindlichen Lebewesen werden dabei mitgerifsen. Solche Wirbel winde und Windhosen können große Men gen von Fjschen aus dem Meer oder andere kleinere Tiere vom Erdboden heben und sie erst nach vielen Kilometern Reise wieder fallen lassen. Haben doch die ungeheuren Tornados in Amerika, von deren Kraft man sich festen eine richtige Vorstellung macht, sogar schwere Holzbalken meilenweit mit sich fortgetragen. Wenn dann der Wirbel wind sich wieder löst, läßt er die mitgerissenen Gegenständ? oder Tier? zu Boden fallest. Bunte Woche IM WEIHNACHTSGESCHENK: ii« T ASCHE n« A BAKEN I, RotenturmstraBe 13 u. 22 VN. MarlahllferntraBe Nr. 68 Und der Stern leuchtete über Bethlehem... Von den anderen sagen: Keine Versöhnung! Kein Frieden den Menschen auf Erden, ehe das nicht anders wird, ganz anders. Wir brauchen keine himmlische Hilfe, wir brauchen keine Könige, heilige oder unheilige, uns selber brauchen wir, unsere Kinder sollen Ordnung machen in dieser Welt..." Kaspar, Melchior und Balthasar waren drei Neger. Kaspar, der Koch, hatte eine ungeheure Flasche Whisky gestohlen und da hatten sie sich alle drei sternhagelvoll besoffen. Jetzt sollte Mel- chior, der Chauffeur, das Auto in die Garage führen. Schreiend und johlend lenkte er den Wagen. Der wackelte im Zickzack.»Liegt da nicht wer?" fragte Balthasar. Aber da holperte der Wagen schon über ein Weiches— da starben Mary und ihr Kind unter den Rädern. Ob er wirklich ein Erlöser der Welt geworden wäre, der da geboren wurde in der Garage zu Bethlehem in USA.? Niemand weiß es. Es war eine schöne, stille Nacht, die Glocken klangen und der Stern leuchtete über Bethlehem. Es war der Reklamestern der Bethlehem-Steel- Corporation. 2eickuaoLell von?aul Humpoictz ROBERT ANTON Es war am 24. Dezember des Jahres 1032. In Bethlehem, USA., strahlten die Lichter und die Glocken läuteten. Die Direktion. der Bethlehem-Steel-Corporation hatte ihren Angestellten zwar keine Weihnachtsremuneration,.hingegen einen Gratis-Gottesdienst und für jeden hundertsten Kirchenbesucher ein Traktätchen gespendet. An der deutschen Kolonie sangen sie: »Stille Nacht, heilige Nacht..." Es war wunderbar. Für Joe und Mary war es nichts weniger als wunderbar. Arbeitslose ohne Wohnung sind auch am Heiligen Abend nicht glücklich. Joe trug die Pappschachtel mit ihren Habseligkeiten; Mary, in ein altes, wollenes Umschlagtuch gewickelt, trug an ihrem Leib; sie befand sich in den Umständen, die die Sprache seltsamerweise als„gesegnet" bezeichnet, obwohl sie für arme und arbeitslose Frauen, wie Mary, eher ein Fluch als ein Segen sind. Joes Knöchel schmerzten. War es von der Kälte, gegssn die ihn kein wärmender Handschuh schützte, war es vom vielen, vergeblichen Pochen an verschlossene Türen? Im Christian-Hospital' hatte man sie abgewiesen; heute ist der Tag des Herrn, da wird niemand ausgenommen. Das städtische Spital war überfüllt. Wohin? »Einmal", begann Mary, und ihre Augen hatten diesen verzückten Glanz, der Joe nervös machte, weil er immer, wenn sie so schaute, denken muhte, sie sei plötzlich wahnsinnig geworden/„einmal sind schon zwei, die hießen ebenso wie wir, ebenso verlassen und arm wie wir,.^rch,eine Stadt, die Bethlehem hieß, geirrt. Und oann war ein Stall. Das Kind kam. Und die Heiligen Drei Könige..." »Sprich nicht so viel, Mary", sagte Joe,„das kann unmöglich gut sein." Mary blieb stehen. Ein Schmerz schütterte durch ihren Körper. „Joe... ich kann nicht weiter..." Sie lehnte gegen eine Tür. Es war eine große, breite Tür, glatt und kalt. „Ich kann nicht mehr, Joe..." Joe pochte gegen die Tür. Niemand öffnete. Niemand. Niemand nimmt in der Nacht zwei Fremde von der Straße bei sich auf. Niemand. Joe versuchte die Tür zu öffnen. Die Tür gab mach. Vor ihnen war— eine Garage. Eine große, helle, saubere Garage, in der eine Anzahl Autos standen. Aher es war auch leerer Raum da. Sehr viel leerer Raum... „Komm, Mary...'", Sie folgte ihm.* Vielleicht war sie wirklich wahnsinnig, Mary, als sie da, schmerzverkrümmt, auf- dem kalten Boden lag. Jetzt, mitten in den Wehen, mutzte sie an jene Maria denken, die vor 1932 Jahren... Die hatte ihr Kindlein' in einem'Stall geboren. Sanft raschelte Stroh. Ein Tier sah mit verstehendem Mutterblick auf die junge Mutter. Die Nacht klang. Und der Stern leuchtete über Bethlehem und leitete die Heiligen Drei Könige aus dem Morgenland... Mary lag auf kaltem Stein. Blicklos standen Auws um sie. Aber ihr Kind regte sich in ihr, ihr Kind, das vielleicht dazu bestimmt war, der Erlöser seiner Mitmenschen zu werden. Kein Opferwd... Kalt war es in der Garage. Kält und hart mutz einer sei», der der irrsinnigen Welt von heute entgegentritt, der Welt, die Kirchen und Paläste und gigantische Schlachtenschiffe hat und kein Bett für Mary, die Mutter und ihr Kind... „Ich werde einen Arzt holen", sagw Joe. „Ja, geh." Mary lag da und warwte. Ihr Kind wird ge boren. Einer von Millionen, die Hände habe«, um zu schaf fen, und denen diese Gesellschaft keine Ar beit gibt. Einer von Millwnen, die hun gern, und diese Welt hat kein Brot für sie. Seine Augen werden sehen,■ wie'Getreide ins Meer aeschüttet wird, und sein« Mund wird-leer sein, ohne Speise. Einer von Millionen, die> nicht wisien, wozu das alles.-„Er- wird es. wissen", weiß Mary,„er wird es wissen. Und er wird es Eskimo wundern sich sehr... „Seltsame Leute, diese Weißen“ Von GEORGE MIKSCH-SUTTEN Wenn man uns fragt, was wir vom Eskimo wissen, sprechen wir vom langen, dunklen Winter in der Arktis, von Eisbergen, Schneehütten, Schlittenhunden, schmutzigen Kleidern, Tran und Weiberhandel. Fragt man einen Eskimo der Southampton-Insel, was er vom weißen Mann für eine Vorstellung habe, so wird er eine Reihe unaussprechlicher Worte hören lassen, die ihm die folgenden Dinge bezeichnen: sehr große Boote, Radios, Grammophone, Mundharmonikas, Ziehharmonikas, Seife, warmes Wasser, Rasierapparate, Flugzeuge, sonderbare Fußbekleidung, Geistliche in Talaren, Feldstecher und Zeitschriften. Und früh oder später wird man auch zu hören bekommen, daß die weißen Männer fast alle ihre Zeit darauf verwenden, nach Fellen weißer Füchse zu suchen: Der Eskimo scheint zuzugeben, daß der weiße Mann viele wunderbare Werkzeuge, Spielsachen und Maschinen hat, deren er sich zu bedienen versteht. Er scheint zu fühlen, daß es dem weißen Mann so natürlich ist, mächtige Schiffe zu lenken oder den Geistern zu gebieten und sie zu ersuchen, Botschaften durch die Luft zu tragen, wie es natürlich ist, daß der Schnee im Winter das Land bedeckt. Er nimmt die Überlegenheit des weißen Mannes als gegeben hin und beunruhigt sich deshalb nicht weiter. Wirklich weiß der Eskimo so wenig von der Welt, die außerhalb der seinen liegt, auch kümmert er sich so wenig um diese Welt, daß er es nicht für möglich hält- daß wir aus dem Süden ein Interesse für das Polarland haben könnten und etwas darüber wissen möchten. Ein Eskimo geriet einst über meine Vogelpräparate in hellste Verwunderung. Es ging ihm nicht ein, daß ich einen Vogel ebensogut oder besser, als er präparieren könnte, wo dieser Vogel doch aus seiner Welt stammt und nicht aus der meinen. Er wollte nicht recht glauben, daß ich jemals eine„ookpikjuak", eine Schneeule, gesehen oder gehört hätte. Ein anderer Eskimo war sehr überrascht, daß ich ohne besondere Unterweisung ein Ruderboot meistern konnte. Es war das Wasser seiner Welt und also im Augenblick das Boot seiner Welt. „Wah Kudlunga“ Landkarten, Zeitschriften und Bücher haben dem Eskimo eine ungefähre Vorstellung von der Welt und der geographischen Lage der arktischen Insel Southampton vermittelt. Aber die einzige bestimmte Vorstellung, die jeder Eskimo von der Zivilisation des weißen Mannes zu haben scheint, ist die: daß der weiße Mann Fuchsfelle braucht. Er hat den ganzen Winter über Fallen gestellt, Polarfüchse gefangen und die Felle dieser Tiere auf den Markt gebracht, er hat so lange die Aufforderung gehört, schleunigst zurückzueilen und neue Felle zu bringen, daß er endlich zu dem Glauben kommen mußte: der Polarfuchs sei so etwas wie eine Nabe, um die sich das Rad der Zivilisation drehe. Es wird als ganz natürlich betrachtet, wenn sich ein weißer Mann auf seiner Suche nach Fuchsfellen das Unmöglichste leistet. Aber wenn eqj Naturforscher auf dem Vorratsboot alljährlich' nach Southampton kommt und, wie ich es tat, verkündigt, daß er für Lemminge, Pilze und Seeskorpione Interesse habe, dann ist der Eskimo starr vor Staunen, erinnert sich, daß der weiße Mann in seinem Betragen zuletzt unberechenbar, sei und ergibt sich in seiner Aufgabe, alles Mögliche heranzutragen, von halb verfaulten Vögeln angefangen, bis zu ausgewachsenen Werdenbäumen. Die Herstellung von naturhistorischen Präparaten wirkt auf den Eskimo wie eine Theatervorstellung, der ein schweigender, in jtzdes Detail des Vorganges vertiefter Mann beiwohnt. Wenn ich den Schweif oder Hinterfuß eines Lemmings mit-em Messingteilzirkel und Meterband abmesse, flüstert so ein Eskimo wohl ein verzücktes: „Wah,"kudlungal", was ungefähr soviel heißt, wie«Man sollt's kaum glaubens" Eine Eskimokönigin zweifelt Ich dachte, daß die Eskimos meine Wünsche nach besonderen Exemplaren besser verstehen würden, wenn ich ihnen Bilder von Polarvögeln zeigte, und so nahm ich eines Abends ein paar solche Abbildungen hinunter und bat meine Freunde, sie zu betrachten. Ächzen und Grunzen folgte. „Why-ee, why-ee" tönte es vielstimmig. Die Eskimos nahmen die Blätter fast mit Ehrfurcht auf, betasteten die Umrisse der Wolken, Felsen oder Federn, wie um sich zu überzeugen, ob sie nicht gar wirklich wären. Zuletzt gab Shoo Fly, die durch Volksabstimmung Königin unserer Insel war, ihre Meinung ab, indem sie sagte:„Du bist kein Mensch, du bist eher eine Kamera. Aber ich mochte einmal sehen, wie du so etwas machst." Sie zweifelte, diese Königin. Der Eskimo beugt vor dem weißen Mann das Knie; aber in seinem Herzen weiß er, daß er in seinem Lande dem weißen Mann überlegen ist. Der Eingeborene hält sich für den Erben der Erde. Der weiße Mann kommt zu ihm, um zu schauen und mit ihm zu leben, er kommt, weil er seine Umgebung braucht, seine Philosophie oder seine Religion. Und weil er Fuchsfelle braucht. Oder weil er Vogelbilder malen will. Der Eskimo mag die Geschicklichkeit eines weißen Mannes als Jäger oder Handwerker bewundern; er kann ihm Komplimente wegen seines Mutes und seiner Ausdauer machen, aber er behält sich dennoch manches vor. Und wer bin ich denn, daß ich behaupten könnte, ein Eskimo stehe unter mir? Während sich in meiner. Welt eine Besessenheit entwickelt hat, zu erfinden, zu entdecken, zu erobern,„jemand zu sein", hat der Eskimo die Fähigkeit ausgebildet, die„unsagbare Langeweile" des langen Winters nicht allein zu ertragen, sondern anch zu genießen. Er scheint weit besser als ich gelernt zu haben, zufrieden zu sein. Der Eskimo sieht keine Notwendigkeit, sich für andere Zwecke als die Erlangung der täglichen Nahrung zu bemühen. So raucht er und ißt er und erzählt er Geschichten. Er hat keine gedruckten Bücher; seine einzigen Klassiker sind die Legende und die Fabel. Aber warum sollte die gesprochene Fabel von der Ammer und von der Schneeeule nicht einer Seele genügen, deren größter Ehrgeiz es ist, ein Walroß oder ein Renntier zu töten, seine Zeit einigermaßen behaglich im Tupek oder in der Schneehütte hinzubringen oder das Hundegespann geschickt zu lenken? Und warum sollte der Eskimo, solange- er glücklich ist,' einen größeren Ehrgeiz haben? Das Volk der Schweiger Der Eskimo ist auf die übrige Welt kaum neugierig. Auf der Post sieht er nur einen Augenblick lang, auf die Landkarte, aber er zieht es vor, die Wand anzustarren und-em Rundfunk zu lauschen. Er blättert eine Zeitschrift durch, reißt bewundernd den Mund auf, wenn er-eine ganzseitige Miederanzeige erblickt, findet mit Genügtuung das Bild einer. in weißen' Pelz gehüllten Frau, stellt eine Frage wegen eines Pferdes oder einer Kuh, erkennt einen Dackel trotz seiner Verschiedenheit vom' Polarhund' noch als Hund,.gibt uns bekannt, daß die Eskimos eine Schneehütte so hoch bauen könnten wie einen Wolkenkratzer, wenn sie nur wollten,- murmelt' ein selbstzuftiedenes „motoh khah"'(motor car), wenn er ein ge- malles Automobil anschaut, fragt, ob Bananen im Meer wachsen, starrt lange, aber ohne zu lächeln, auf Zeichnungen, die irgendeine komische Situation' illustrieren, brüllt vor Lachen über eine Jeritza im Kostüm der Turandot, schneidet em Viereck aus rotem Papier aus der Umschlagzeichnung, schließt das Blatt sorglos und geht.. Der' Eskimo spiest Karten;,er hört im Rundfuük. Vorlesungen, Wettervorhersagen, Predigten und, Musik. Er, tauscht seine Juchsfelle, Bärenhäute, Fischbein oder Seehundsfellschuhe im Laden gegen Essen, Munition oder.Kleider und macht danx, Weihnachts Sonderangebote in Photoapparaten. Heimkinos, Umtansdi von Kameras Verlangens.'« Gelegenhe tsüste W2 PHOTOHAUS M Christoph schauer|£ Nfig. Julia Küpper■ geb. Schalter I. Getreidemarkt Tel. B-26-7-54 Gegr. 1889 schweigend auf seinem Komatit(Schlitten) sitzend, seinen Weg zurück ins Lager, wo er wieder Ureinwohner wird. Woran desikt er, wenn er über die Tundra fährt? Sinnt er über die Schönheit des Himmels nach, der sich über ihm wölbt? Ist ihm der schwere Schleier des Nordlichtes, ein Geheimnis? Macht er über seine Jagd- und Liebesabenteuer Gedichte? Denkt und staunt er über die Welt des weißen Mannes? Ich bin mit den Eskimos auf ihren Ko- matrks gefahren und habe in Tupek und Schneehütte mit ihnen gelebt. Ich habe sie sehr lieb gewonnen. Aber von ihren Gedankengängen weiß ich so gut wie nichts. Meine Ansicht ist, daß der Eskimo schon vor langer Zeit gelernt hat, daß es Zeiten zum Denken und Zeiten zum Nichtdenken gibt; und daß die langen Stunden der Einsamkeit auf dem Komatik oder beim Seehundsloch aus dem Eise nicht Stunden- der Einsamkeit oder der Langeweile sind, sondern Stunden des Nichtdenkens. O du selige, fröhliche... Von SALPETER Der Konfektionär Schundmeier hat einen neuen Verkäufer aufgenommen. Für das zu erwartende, lebhafte Weihnachtsgeschäft. „Herr Schneider“, belehrt er den Neuling, „passen Sie gut auf: wir haben schlechte Ware und gute Ware. Welche Ware werden Sie der Kundschaft vor Weihnachten aufschwätzen?" „Natürlich die schlechte!" „Grundfalsch! Die gute!— denn nach Neujahr wird ohnehin alles wieder umgetauscht und dann hängen wir den Leuten den Pofel an!"■ ★ Der Laufbursch des Spielwarenhauses„Kinderparadies“ sollte bei Justizrats ein Schaukelpferd und noch ein paar andere Spielsachen abliefern. Unglücklicherweise war die Hausgehilfin gerade nicht dabei, und so öffnete Max, der sechsjährige Sprößling des Justizrates, die Tür. Maxi erblickt das Schaukelpferd, ist sogleich im Bilde und stürmt ins Zimmer:„Mutti, geh mal raus! Das Christkind hat die Geschenke gebracht und wartet auf ein Trinkgeld.“''!n un ★ „Warum hat der junge Kieselmeier so knapp vor Weihnachten geheiratet?“ „Wahrscheinlich, damit er seine Frau nach Neujahr wieder umtauschen kann!“ ★ „Ich kaufe meine Weihnachtsgeschenke erst am Spätnachmittag des Vierundzwanzigsten ein.“ „Das ist aber unpraktisch!" „Im Gegenteil! Am\ Heiligen Abend haben doch alle Pfändungsbeamten dienstfrei!" ★ Der berühmt schmutzige Schriftsteller Egon D. saß im Literatenkaffeehaus und befreite eben behutsam eine verspätete Fliege, die an seinem Hemd kleben geblieben war. Da sagte einer der interessiert zuschauenden Kollegen:„Geh, mein Lieber— bald ist Weihnachten, ein hohes Fest! Wie wär’s, wenn du aus diesem Anlaß mal die Wäsche wechseln würdest?" „Hältst du mich wirklich für so klerikal?" erwiderte Egon D. gekränkt. ★ „Meiner Schwiegermutter kauf ich heuer zu Weihnachten ein Bügeleisen!" „Aber Ihre Schwiegermama ist doch so mondän und kümmert sich gar nicht um die Wirtschaft!" „Eben, darum kauf ich ihr ja das Bügel eisen, damit sie sich die Falten aus dem Gesicht herausbügeln kann!" ★ „Waas? Für den Christbaum verlangen Sie drei Schilling? Der hat doch auf einer Seite gar keine Nadeln tind außerdem ist er total vertrocknet!" „Aber, dafür ist’s doch eine echte Silbertann e!" * „Sagen Sie, Herr Huber, was haben S‘ denn da in dem Vogelkäfig drin?" Ja, wissen S’, mein Bub hat sich zu Weihnachten an Kanari g"wünscht; aber mit so an Viech hat man so viel Schererei, drum hab? ich ihm lieber a Singvogelschallplatfn gekaufte ★ Drei Tage vor Weihnächten sagte Herr Schulz zu seiner Frau:„Ich werde dir heuer zu Weihnachten gar nichts kaufen, Klara, sondern lieber deine alten Kleiderrechnungen bezahlen.“ „Das ist doch unerhört", heulte Frau Schulz los,„mit mir--- hu— ku— mit mir bist du verheiratet und meiner Schneiderin machst du Weihnachtsgeschenke?!?" Vnnte Woche EINE SEITE FÜR DIE JUNGEN Die fliegende Düte Ein lustiges Raketenflugzeug, das ohne jede Gefährdung überall verwendet werden kann, läßt sich auf erstaunlich einfache Weise selbst herstellen. Ihr wickelt euch aus einem Blatt Papier(1) eine saubere Düte und schneidet das obere Ende mit einer Schere ab, wie es die Figiir 2 geigt- Dann werden vom oberen Rand vier oder auch mehr gleich lange Einschnitte gemacht(3) und die einzelnen Teile g|eich Flügel' schief nach außen geschlagen. Dabei achtet auf die strichliert eingezeichneten Büge der Figur 3. Zuletzt sieht die»fliegende Düte“ so ans, wie sie die Skizze 4 darstellt Kräftig durch füe Luft geschleudert, wird sie ruhig und unter stetiger Drehung langsam ihre Bahn ziehen. Da das Ding so leicht und einfach selber her- ZUSteilen ist, tut es auch gar nichts, wann die eine oder andere Düte etwa einmal verlorengehen sollte oder ihr unrühmliches Ende in irgendeinem Öfen fände, denn in wenigen Augenblicken ist dafür leicht doppelter Ersatz zu schaffen. Mit diesem Spielzeug lassen sich auch recht lustige Wettbewerbe durchführen, tr. ★ Barbarazweige Fast ist es schon zu spät„Barbarazweige“ im Zimmer aufzustellen. Ihr wißt nicht, was Barbarazweige sind? Das ist ein alter Brauch in Wien, aber auch in den Alpenländern. Man stellt drei bis vier Wochen vor Weihnachten Zweige von Kirschenoder Pflaumenbäumen, von Gesträuchen wie Forsythia, Ribis und Kreuzdorn in Vasen oder Wasserflaschen ins Wohnzimmer oder noch besser in die stets viel Wasserdunst enthaltende fiÜche. In drei bis vier Wochen entfalten die meisten Zweige ihre prächtigen Blüten und ihr könnt euch mitten im frostigen Winter daran erfreuen., Und wenn die Zweige nicht blühen? Dann habt ihr eben schlechte Zweige erwischt und dies bedeutet nicht, daß der Besitzer des Zweigieins im nächsten Jahr sterben mpß. Die Leser der»Bunten Woche“ sind picht abergläubisch! Das Ergebnis unseres großen Weihnachtspreisausschreibens Abenteuer zu erleben ist schwer, aber Abenteuer zu beschreiben poch viel schwerer. Trotzdem haben über 70 Buben und Mädel uns sehr setiöpe selbsterlebte Geschichten einge- sendet Die drei besten wollen wir in den PÜCbstpn Nummern abdrucken. Erster Preis: Josefipe Weißenberger, 13 Jahre alt Wien XXI, Ouaden- straße 144, Siedlung Hirschstetten.(Teilnahme an einer Winter- oder Sommerkolonie.) Zweiter Preis: Martha Bartuschek, 11 Jahre alt, Leonstein Nr. 18, Oberösterreich. (Eip paar S|d oder Eisschuhe.) Dritter Preis: Johann Th 11, 14 Jahre alt, Wien X, Scheugasse 18, 2/13.(Einen Photoapparat.) Die Wiener Preisträger werden verständigt, wann sie sich die Anweisungen für ihre. Preise in der Redaktion der„Bunten Woche“ beheben sollen. Martha Bartuscbek in Leonstein bekommt brieflichen Bescheid. In der nächsten Nummer werden wir die Namen der übrigen Preisträger veröffentlichen. Die Laterne VON N. KNIASMENSKY ®enabi stürmt freudig nach Haufe. In seiner rechten Hand schwing! er ein« gerne Schachtel auS Pappe, und er schreit, daß es all« im Hause hören:„Jetzt ist sie eingeschraubt! Sie ist eingeschraubt.“ Der Vater, der eben bei Tisch sitzt und eilig wie gewöhnlich seine Kascha, seinen Hirsebrei, löffelt, ruft dem Jungen zu:„Was brüllst du denn da herum, Bub? Breunt's vielleicht wo?“' „Fetzt g'rad haben f die Lamp« eingeschraubt. Heute abends wird sie schon btepnen“, antwortete der Junge, ganz außer Atem.„Wie ich bei der Laterne vorbeigekommen bin, da habe Ich die Schachtel liegen gesehen. Zu uns in der Schule sind auch die Lampen in solchen Schachteln gekommen. Da habe ich in di« Höh« geschaut und die Lampe war wirklich da- Eine ganz dicke Lampe.“ Dann giht'S bald Streit um die Schachtel. Dang heust der Mischka, und dl« Rjurka Hilst ihm. Der Vater hat schon läpM voll Ärger zugehört und endlich reißt ihm die Geduld. Schwei- gend gibt er dem Genadi ein Kopfstück, da heult auch der. Aber der Later macht ein Ende:»Satz du immer Unruhe stiften mußt. Bis jetzt war e» still zu Hause. Du kommst, und schon ist die Streiterei fertig.“ Äber der Vater hat wenig Zeit, sich weiter um die Dinge zu kümmern. Er muß in die Ar- beii. Wie er der dem Laternenmast vorbeikommt, schaut er hinauf, lacht ein bißchen vor sich hin: „Schau, schau, auch bei unS! Wie auf der Lenin» straße.. * Zu Hause können die Kinder den Abend gar nicht erwarten. Genqdi läuft alle Minuten auf Pie Straße schauen, ab die Lampe auch noch ganz ist. Endlich, endlich wird«s. langsam dunkel. Da drängen sich drei neugierige Augenpaare an die grauen Scheiben des kleinen Fensters. Die kleine Njurka ist auch ungeduldig und trommelt mit den winzigen Fäusten auf den Tisch und bettelt: „Hebt mich hinauf, aber schnell, ich bin ja die Kleinste!“ Der Mischka hält sich schon für groß— obwohl«r selbst auf den Sessel steigen muß, wenn er d«r Njurka di« Tür aufmachen will. Genadi hebt Njurka auf den SesseL schiebt sie nahe an» Fenster, und nun ist«S ganz, ganz ruhig im Zimmer. Alle drei warten mit ungeduldigen Lugen auf das LichL Sie müssen lange warten. Die dicke Lampe hängt wie schläfrig hoch oben auf ihrem Mast, als ob es sie gar nichts anginge, daß rings das Dunkel immer dichter wird. Es wird immer mehr finster. Mischka fragt plötzlich ganz unvermutet:„Senil Aber wer wird das Petroleum in der Laterne nachfüllen?“ „Du bist aber dumm!“ antwortet der Bruder, „das Elektrische brennt doch ohne Petroleum.“ „Wie denn sonst?“ „Durch den Strom l“ Da ist der Mischka einen Augenblick ruhig. Er denkt nach und fragt gleich wieder:„Und«er füllt den Strom ein?“ „Ach, du Dummkopf“, wundert sich Genadi. „Der Strom fließt selbst. Der wird nicht eingefüllt— deswegen find doch die Drähte dal“ Mischka ist beleidigt und schweigt darum. Er denkt selbst über den Ström nach: Wie er wohl riecht? Sicher nach Petroleum! Er wagt den Bruder, nicht mehr zu fragen, denn der könnte wild werden und vielleicht gar mit Kopfstücken antworten. Dann müßte er weinen und könnte die Laterne nicht sehen. Die kleine Njurka strampelt mit den Füßen und schreit:„Gleich wird'- brennen! Gleich!" Mischka und Genadi schauen auf die Laterne und warten. Noch eine Minute, noch eine Minute und noch eine... Es ist ganz ruhig, aber Mischka kann nicht lange ruhig bleiben und fragt den Bruder:„Woher wird denn die Laterne angezündet?“ „DaS weiß doch jeder, wo. Bon...“ Er denkt einen Augenblick nach und sagt dann sicher:»Auf der Station, auf der Station.“ „Auf der Station, von der wir zur Großmutter gefahren sind?“ „Zur Großmutter fährt man ja von der Eisenbahnstation. Und das ist die elektrische Station, aber di« ist auch groß", versucht Genadi zu erklären. Mischka aber fragt weiter, doch Genadi schweigt und Mischka versteht, daß der Bruder ihn für dumm hält, mit ihm nicht sprechen will. Da» kränkt ihn und er stößt Rjurka:„G'rad da mußt du fitzen l" Njurka verzieht das Gesicht und weinL Mischka hätt ihm die Faust vor die Nase:„Du, gib acht, kannst nie anderen Ruhe lassen.“ „Was will...“ Aber in diesem Augenblick springt ganz unerwartet da- Licht aus der Latexne. das Fenster wird hell und blinzelt fröhlich zum braunen Brunnenlasten hinüber, zum halbzerbrochenen Zaun des Gemüsegartens. Die Kindemam Fenster sind vor Staunen ganz erstarrt Zuerst schreit Njurka:„Es brennt! Es brennt!“ Genadi schlägt vor Freude den allerschönsten Purzelbaum. Auch Mischka ruft mit seiner hohen Stimme:„ES brennt! Es brennt!“ In seinem Entzücken rennt er mtt der Stirn an di« Tischkante. Da» tut schrecklich weh. Er will weinen. Wer er überlegt es sich und läuft zur Mutter in die Küche, reißt sie am Rock:„Mütterchen, er brennt, komm schaun!" Die Mutter geht ins Zimmer mit, blickt aus da» Helle Gäßchen hinaus und meint zufrieden:„Run, Gott sei Dankl Jetzt ist'S gut. Jetzt werden auch die Banditen verschwinden ★ Mischka liegt ruhig im Bette, kann aber heute nicht einschlafen. Immer verfplgt er den Lichtstreifen auf der Wand:„Fein ist da». Eine Lampe haben sie aufgehängt und die Banditen sind verschwunden. Was sind da- für Banditen? Warum ist es schlechter für sie— bei Licht?“ Mischka beneidet den Bruder. Er hat's gut, er weiß alles:„Gens, hörst, Genf, warum ist die Lampe schlecht für die Banditen?" „Weil«an sie sieht.“ „Wer find sie?“ „Banditen-“ Mischka denkt wieder nach. Banditen, was find das für Leute? Aber er kann«S sich nicht erklären:„Warum hat man früher keine Lampen hergestellt?“ Vie lebenden Schneemänner Kein Versteck ist in der Näh’, Plumps, sie wälzen sich|m Schnee- Mäuschenstill kann man sie seh'p Wie ein rechter Schneemann steh n. „Weil noch die alte Regierung war“, sagt Genadi. Mischka aber kann nicht zur Ruhe kommen: „Die alte Regierung— was Ist da»?“ „Der Zqr.“ Aber auch da» Wort„Zap“ versteht Mischka nicht. Er legt die Stirn in nachdenkliche Falten und füstert zitternd:„Ich hab' so Angst.“ „Wovor?“ „Vor dem Zaren.“ „Wer, Mischka, jetzt gibt e» ja keinen Zaren mehr.“ „Und Banditen gibt's noch?“ „Banditen gibt's.“ „Wo sind die jetzt?“ „Wo es finster ist.“ „Und wo ist der Zar?“ Genadi schweigt, denn er weiß nschi, wo der Zar isL Er weiß nur, daß er fort ist. Mischka wartet auf Antwort, kommt aber selbst darauf und meint mutig:„Auch dort, wo es finster ist— picht wahr?“ ^Ja, gib Ruh'! Laß mich schlafen,“ Mischka liegt und denkt an vieles, und sieht Bilder: Banditen, ähnlich nassen Regenschirmen. Kriechen den Mast hoch— zur Lampe. Oben angekommen, verwandeln sie sich plötzlich in den Zaren. Aus dem Zaren wird de» Vater» Pelzmütze, die ja geraubt wurde. Die dreht sich schwerfällig über die Lampe und große Schatten kriechen durch da» Gäßchen. E» wird finster. Mischka ist fürchterlich erschrocken, weint hoffnungslos. „Was hast du, Mischka?“ „Ich habe solche Angst. Die Laterne ist fort, und ohne Laterne ist es schrerklich.“ „Hör doch auf. Du hast ja nur geträumt!“ Da traut sich Mischka endlich die Augen zu öffnen und sieht an der Wand den warmen Lichtstreifen. Ganz freudig fragt er:„Ist sie wirklich nicht ausgelöscht?" „Ich werd dich morgen schon anslöschep“, sagt der Bruder zornig. Trph seinem Zorn wirft aber auch er einen liebkosenden Blick auf die Helle Nacht im Gäßchen. Mischka steht aber vorsichtig auf, klettert beim Fenster auf erneu Sessel und schaut lange auf die durch die Nacht glänzende Laternx. Dann legt er sich nieder, in dem besten Glauben, daß niemand die Laterne auszulöschen wagt. Jetzt schläft er sofort ein, und schläft fest und glücklich. Denk einmal nach! Unser Rätselzeichner hat sich hier verschiedene Scherze erlaubt. Schon daß er eine weiße Tafel zeichnete, ist noch nie dagewesen. Aber erst die Rechnungen! Und die beiden sonderbaren Worte»vabund kriecht!“. soll jemand klug werden. Und doch soll aus diesen falschen Dingen ein wahres Sprichwort entstehen? Aber halt! Vielleicht ist bei den Rechnungen nur e t w a s falsch, und diese Zahl, richtiggestellt und mit den 13 Buchstaben oben in irgendeine Verbindung gebracht, ergibt vielleicht die Lösung. Probieren wir's. Schreibt uns alle die Lösung und wie ihr das zuwege gebracht habt Ihr braucht nur gut multiplizieren zu können. Wir setzen als Preise wieder drei hübsche Bücher aus. Und die's nicht können, die sollen cs imj recht gut lernen, ihr seht, man kann Erlerntes überall brauchen. ★ Lösung des Jugendpreisrätsels aus Nr. 6 der„Bunten Woche“: Das Jugendpreisrätsel aus der»Bunten Woche“ Nr. 6 war so leicht daß wir die Lösung gar picht abdrucken wehen. Viele unserer Freunde hpben den{.Überfall“ ganz ausgezeichnet ergänzt uqd wir können wieder drei hübsche Preise verteilen. Auch die»schwere Frage“ wurde von vielen richtig beantwortet: Die weißen Schafe verbrauchen deswegen mehr Futter als die schwarzen, weil es eben viel mehr weiße als schwarze Schafe gibt(Ihr schreit:„Au, alter Aufsitzer!“— nun, es sind doch viele darauf hineingefallen.) Die Gewinner: Karl Moser, V, Bacherplatz 6; Hedwig Blaich, XVII, Richthausenstraße 27, 1/9; Kurt P111 w e i p. Hebenberg 20, Traisental. Oie Seite für die Jmuea redigiert Anton T e s a r e k Bunte Woche Sporthaus„ZurTouristin“ MATHILDE WIENER V, Reinprechtsdorferstr. 17 «9 AosrflstDnsu.Beklcldunol.il. Wintersport flLl IklsUtke■.Moduoin.skloutloe. XVI snaker, innrtuimflotti. wtnd- UIU laden. Ski 1»—14. ■■■■Verlanget 5% Rabatti Gibt es eine empfängnis- freie Zeit der Frau? Vcs Dr. PAUL STEIN. Bor einiger Zeit ist die alte Lehre, mit der vor mehr als fünfzig Jahren der Arzt Capellmann in seiner Pastoralmedizin so großes Aufsehen gemacht hat, die Lehre, daß es gewisse Tage ttn Leben der Frauen gebe, in denen eine Befruchtung im Geschlechtsverkehr höchst unwahrscheinlich sei, in modernisierter Fonn wieder auferstanden. Capellnmnns Anschauungen, die einer Kritik der Wissenschaft in keiner Weise standgehalten haben, sind wieder in Vergessenheit versunken, da sich sesn„Rezept, an zehn bestimmten Tagen in dem Zeitraum zwischen zwei Monatsregeln Enthaltsamkeit zu üben, in der Praxis des Lebens nicht bewahrt hat. Aber überraschend und neu war doch seine Behauptung, daß die alte Ansicht, die Frau sei zu jeder Zeit in gleicher Weise „empfängnisfähig", nicht zutreffend sei. Und nun ist diese Behauptung in modernwissenschaftlichem Gewände, gestützt auf medizinische Beobachtungen, wieder aufgetaucht. Die Lehre von Knaus, dem Grazer Frauenarzt, hat in wenigen Monaten Berühmtheit erlangt und viele Paare haben versucht, durch die Enthaltsamkeit während einer bestimmten Zejt des Monats das Glück des Kindersegens zu korrigieren— kein Wunder in dieser Zeit, da die Not so ungeheure Massen um die primitivsten Grundlagen der Existenz, oft aber auch um alle Zukunstshoffnung und UsN den Lebensmut gebracht hat, der die Voraussetzung dafür ist, daß man ein neues Menschenleben als Segen im Hause empfindet... Die Lehre von Knaus ging von der wissenschaftlichen Anschauung auS, daß der Geschlechtsapparat der Frau ein Ei, das von lebensfähigem männlichem Samen erreicht und befruchtet werden kann, nur während einer bestimmten Zeit beherberge. Nur zwischen dem elften und dem siebzehnten Tage, gerechnet vvm ersten Tag der vergangenen MonatSregel, kann nach KnauS ein Liebesverkehr zu einer Schwangerschaft führen. Wie leicht, wie Überraschend einfach müßte eS allen Menschen erscheinen, durch so kurz dauernde Enthaltsamkeit die Nach- wuchsfrage nach eigenem Willen zu regeln! Und rascher als die bewährten medizinischen Mittel zur Empfängnisverhütung ist die Knaussche Methode populär geworden. Das Vertrauen zu ihr würde ja auch durch d;e Anerkennung einiger namhafter Ärzte gefördert, die m ihren Schriften erklärten, an den Lehren des Professor KnauS lasse sich kein Fehler wissenschaftlicher Beweisführung erkennen. Auch von Vertretern der katholischen Kirch?, die ja leider selbst in der Zeit dex Massenarbeitslosigkeit noch ihren alten Standpunkt vertritt, jede Empfängnisverhütung sei sündhaft, ist die Methode von Knaus empfohlen worden: so soll der Gläubige zwischen der Not der Erde und den Forderungen des Himmels hindurchsteuern, er darf kein medizinisches'Mittel, wohl aber eipe Kalendermethode dazu verwenden, um ein Kind zu verhüten... Gleichzeitig mit Professor KnauS hat der japanische Arzt Ogino eine„empfängniS- freie Zeit" auf ganz andere Zeit berechnet als Knaus. Aber die„empfängnisfreien Tage" nach Oginos Lehre fallen am Ende dach ungefähr in die Zeit, die Knaus als sicher empfängnissteie Zeit angegeben hat. Nun aber die große Frage, die entscheidende Frage: Hät die Praxis des Lebens die Richtigkeit der Knaus-Oginoschen Methode bestätigt? Die günstigte Antwort kann nur lauten: Es gibt wohl Frauen, dse in der angegebenen Zeitspanne weniger, vielleicht sogar überhaupt nicht empfänglich sind. Aber immer zahlreicher werden die Berichte aus Laien-' und Arztekreisen, die vor der Unverläßlichkeit der Methode warnen! Von gelehrter Seite wurde insbesondere durch einen italienischen Forscher die Geltung der Knausschen Lehre stark erschüttert! Dieser Arzt hat genaue Aufzeichnungen über den ehelichen Verkehr von Kriegsurläubetn geführt, die nur wenige Tage in der Heimat verbracht hatten und dann von ihren Frauen Kinder bekommen haben. Diese Daten ergeben nun, daß die Empfängnis bestimmt nicht nur— tote Knaus es behauptet— in der Zeit vom elften bis zum siebzehnten Tag nach dem ersten Menstruationstag erfolgen kann. Er fand sogar, daß die Frauen der Urlauber besonders häufig m den aller ersten Tagen nach der Periode befruchtet worden fein müssen und daß offenbar sogar während der MonatSregel Befruchtung möglich ist. In der Wissenschaft bestehen noch große Meinungsverschiedenheiten über die V o r- aussetzungen, die erfüllt sein müßten, wenn wir tatsächlich eine empfängnisfreie Zeit gus dem wechselnden Geschehen iw Organismus der Frau mit allgemeiner Gültigkeit ableiten wollten: An welchem Tage zwischen zwei Monatsregeln, „Perioden", tritt daS gereifte Ei auS dem Eierstock auS? Wie lange Zeft nach einem LiebeSakt sind die Samenzellen deS ManneS im Leib der Frau noch lebens- und befruchtungsfähig? Wie lange ist die Eizelle, die aus dem Eierstock in den Eileiter ge treten ist, wo sie vom Samen erreicht werden kann, noch lebensfähig, noch fähig, sich, mit der Samenzelle vereinigt, zur keimenden Frucht zu entfalten? Dies sind die Fragen, die. eben in diesen Tagen ein deutscher Frauenarzt in der „Deutschen medizinischen Wochenschrift" mit Recht als die noch nicht mit Sicherheit gelösten Grundfragen bezeichnet hat, die zur Klärung des großen und bedeutsamen Problems einer empfängnisfreien Zeit, in der die Frau vor ungewollter Schwangerschaft sicher ist, in wissenschaftlich eindeutiger Weise beantwortet werden müßten. ...wie ein Ei dem anderen Geschichten berühmter Doppelgänger Von Dr. HENRY LAWRENCE, San Franzisko Don einem Kaiser aus der chinesischen MiNg-Dynastie wird berichtet, daß er immer eine große Reihe von Beamten auf die Jagd nach solchen Untertanen seines Reiches schickte, die ihm nach Gestalt und Gesicht möglichst ähnlich waren. Solche Personen wurden dann in einem gefängnisähnlichen Haus der kaiserlichen Stadt aufbewahrt und später der Reihe nach zur Befriedigung des „Gerechtigkeitsgefühls" des Kaisers geopfert. Wie jeder andere Mensch war auch der Herrscher gewissen schlechten Eigenschaften und Schwächen unterworfen, für die er jedoch als„Sohn des Himmels" nicht zur Verantwortung gezogen werden durfte. Die Strafe, die für gewöhnliche Untertanen des Reiches auf Vergehen stand, wie der Kaiser sie beging, wurde dafür dann an einem seiner Doppelgänger vollzogen. Hatte dex Herrscher also beispielsweise im Zorn einen Diener erstochen, so wurde dafür der nächste in der Reihe der zu diesem Zweck yufbewahrten Doppelgänger enthauptet und der Gerechtigkeit wär— wenigstens nach Ansicht des Kaisers— Genüge getan! Charlie Chaplin II Daß ein Mensch tausend Dollar in der Woche bekommt, nur damit man ihn dadurch von her Arbeit fernhält, geschieht gewiß nicht oft, passierte aber dem Italiener Eugen Berhi in Hollywood. Dieser verund- zwanzigjährige junge Mann tauchte vor etwa Jahresfrist in der Filmstadt auf, um sich als Statist fortzubringen. Er hatte nicht nur Talent, sondern das in diesem Beruf noch viel notwendigere Glück und wurde bald in kleineren Rollen verwendet. Ass er jedoch vor einigen Monaten einen Vagabunden zu spielen hatte, begrub er damit gleichzeitig jehe Aussicht auf ferneren Aufstieg zum Ruhm. Was vorher poch keinem der Filmfachleute ausgefallen war, zeigte die Leinwand mit erstaunlicher Deutlichkeit: eine ganz auß^rgemiMUche Ähnlichkeit mit Charlie Chaplin! Da man auf die Sep' sationslust des amerikanischen Publikums selten zu Unrecht spekuliert, so beschloß man, eisten Film herauszubringen, in welchem man Verdi so kostümiert und zurecht gemacht hafte, daß er von Chaplin überhaupt nicht mehr zu unterscheiden war. Dieser Film war schon zur Weiterleitung an die Verleihanstalten ferttg, als der echte Chaplin von der Sache hörte und sich im Atelier der Hersteller den Film ansah. Zwar mußte Chaplin zugeben, daß sein Doppelgänger recht viel Talent besaß, aber er war doch gleichzeitig der Ansicht, daß zwei Chaplins zuviel seien- Kurz entschlossen kaufte er also den fertigen Film und engagierte Berds mit einem zehnjährigen Kontrakt für seine eigene Gesellschaft. Dort erhält er nun-Mr ein Wochenhonorar von tausend Ddllyr, tstipo aber bei Aufnahmen überhaupt nicht verwendet und darf sich keinesfalls schauspielerisch betätigen. Rockefeiler als Heiratsschwindler Auch der Olkönig John Rockefeller jun. mußte exst vor ein paar Wochen fest» stellen, daß er einen recht unsympathischen Doppelgänger hat. In Miami, dem'eleganten Bad Floridas, tauchte im kostbaren Rolls Royee ein Mann auf, der sich als der erwähnte Krösus in das Hotelregister^ein- trug. Wirkte schon der Name allein Mrn- der, so glaubte man hie Identität um to ehex zweifelsfrei ssstgestellr, älH eine illustrierte Wochenschrift zufällig gleichzeitig ein Bild des Rockefeller brachte, welches man unbedingt für eine Photographie des angekommenen Gastes hasten müßte. Im Ler- lauf voN wenigen Tagen hatte sich der resche Amerikaner der Tochter eines der bedeutend» sten WarenhaUsbesttzer von Neuyork genähert und ihr versprochen, haß er sich von seistbr Frpu scheiden lassen sind sie sodann heiraten wolle. Es gelang ihm sogar, unser allerlei Ausreden einen Teil der Juwelen des jungen Mädchens in seine Hand zu bekommen, woraus er dann eines Tages spurlos verschwand. Der echte Rockefeller, au den man sich schließlich wandte, lehnte natürlich entrüstet jeden Zusammenhang mtt der Affäre ab, ersetzte aber der jungen Dame trotzdem den gestohlenen Schmuck, um jedes Aufsehen zu vermeiden. Durch eine Agentur von Privatdetektiven hat man übrigens inzwischen festgestellt, daß der vornehme Gast in Miami der erst kurz vorher entlassene Zuchthäusler Paul Lqngert war. Königliche Doppelgänger Auch historische Beispiele bähen wir füx hie Unannehmlichkeiten, in die hochstehende oder bekannte Persönlichkeiten durch ib^e Doppelgänger geraten sind. So ähnelte die Gräfin Eleonore de Condreaux der französischen Königin Maria Antoinette in jeder Hinsicht so vollkommen, daß während der Revolutionszeit bei ihrem Erscheinen kein Mensch daran glauben wollte, daß die richtige Königin wirklich hingerichtet sei. Da ihr Mann ohnehin der Royalistenpartei angehörte, machten die Jakobiner dem ans der Ähnlichkeit entspringenden Aufsehen kurzerhand ein Ende und warfen die Gräfin ins Gefängnis, Als Gefangene verliebte sich der Revolütionsheld Lamberty in sie und besiegelte damit gleichzeitig sein eigenes Schicksal. In seinem Bestreben, her Gräfin seinen Schutz angedeihen zu lassen, erregte er daS Mißfallen der übrigen Jakobinerführer und wurde zusammen mtt seiner Geliebten zum Tode verurteilt. Im Jahre 1926 tauchte in der Ukraine ein Mann auf, der sich für den ZarenNiko- l a u s H. ausgab und diesem auch wirklich so ähnlich sah, daß selbst frühere Hofbeamte sich täuschen ließen. Dieser Mann versuchte das Volk zur Auflehnung gegen die Sowjetbehörden zu überreden, indem er ihnen für ihre HUfeleiftung Ämter und Ehren versprach. Sein Treiben hatte so viel Erfolg, daß sich in Kiew bereits ein Kpmftee gebildet hatte, welches sich eifrig mtt der Anwerbung von Parteigängern befaßte, die den Kern des gegenrevolutionären Leeres bilden sollten. Schließlich erfuhren aber die Sowjetbehörden von der Sache und verhafteten eine Reihe der Beteiligten, ohne jedoch den falschen Zaren selbst»n ihre Hände zu bekommen. Es heißt jetzt allgemein, daß der betreffende Mann erp illegitimer Sproß aus dem Hause Romanow gewesen sei, wodurch seine Ähnlichkeit dann allerdings eine gewisse Erklärung finden würde. Auch der jetzige englische König hatte bis vor wenigen Jahren einen Doppes- gänger, den Bankprokuristen Edward Browning. Man wurde agf diesen aufmerksqm, als er eines Abends im Frack in der Oper erschien ünh ein Paar im Kriegsdienst erworbene Ordensbändchen trug- Wie ein gNsffeuer perbrettete sich die Nachricht, daß r Honig inkognito im Theater weile, sind daS Orchester stimmt? Msstfttelhar die Nationalhymne an. Browning erklärte zwär den Irrtum sofort, ohne daß man ihm anfänglich recht Glauben schenken wollte. Am näcmten Tag erfuhr der König von dieser Episode lind ließ sich seinen Doppelgänger V0rstellen, an dem er so viel Gefallen fand, dgß her einfache Bankprokurist dqnn bis zu seinem kürzlich erfolgten Tode ah und zu Gast im königlichen Hause gewesen isst Der PriNS von Wales hat seinerseits sein Ebenbild in dem Pariser Hapb- lungsreisenden Charles Leblanc, dem auf Grund seiner Ähnlichkeit auch verschiedentlich kLNsgliche Ovationen dargebracht wurden. Für ihn hgtie dies seltsame Spiel per Patur gber gleichzeitig insofern einen klingenden Erfolg, als er für einen Film engagiert wurde, ist dem er den Prinzen hon Wales zu verkörpern hafte. Henry Fords gefälschte Schecks Bekannt geworden ist die Geschichte von dein Kunstphotographen James Edwards, dßr am 85. Februar>929 gestorben ist sind dem amerttanischen Automobilköuig Henry erzählt,^ nIi A^h. So wird Enthalt in Kannisl'^ l^ m fernem Auf- reportage wo er sich zur Bild- über die Finana'i-r?"^ allerlei Projekten näherte; nur? on Erfindungen die Leute^v?n Wwrerigkeiten konnte er sich nicht Henry ftnrhT*’ 0«:”' cr tüirf' soll Edwards in sei. Ern anderes Mal die Zudringlichkeit Verzweiflung über für einen V in Vaar Sammlern lar mit Henry Kari!« SuÄ. taufcrtb Dol- haben. Es heißt dab D^schrrft ausgestellt diese Dreistiaksi't anfänglich über schließlich aber L Ä«"gehalten war. Mischen Seift von der humo- «aMchlich L,,°"K Ä d-1 Sch-- letztemal in o—l Wwd dann das ALL Ls?nlich^L tourbe M fein a to C Kn^ e- mß% mu& e? aber wohl rlns. oatz er schon mehrfach an dessen Stelle ö£ L?°i L Z A. M Vicht immer sofort gelang seine xidenttM zu beweisen. Warner führt jetzt be?ande?s^^"^I bon bet Londoner Polizei bei W> um flHen gchen.h^^°"«US dem Wege zu fcoWÖ«® 1 TL las»« ms» Was planscht Ihr Kind? Die neue Preisfrage der„Bunten Woche“ an die Mütter Diesmal eine Bitte an die Mütter unter unseren Leserinnen: Wollen Sie nicht an der Junten Woche“ mitarbeiten? Warum sollen all die netten und lustigen Kinderaussprüche, die gewöhnlich unter dem Titel„Kindermund“ in den Zeitungen zu finden sind, nur auf dem Umweg über den Witzredakteur den Weg in die Öffentlichkeit finden? Wir wollen den„Kindermund“ einmal direkt an der Quelle suchen— bei den Müttern! Ihre Kinder haben doch gewiß auch schpn oft spaßige, unterhaltsame Dinge gesagt oder getan, die Sie gern Ihren Bekannten erzählt haben. Wir bitten Sie Jetzt, diese fröhlichen Planschereien Ihrer Kleinen auch den Lesern der Junten Woche“ zu erzählen. Schreiben Sie uns auf einer Postkarte irgendeinen lustigen Ausspruch Ihres Kindes. Wir wergen die besten und unterhaltsamsten dieser eingesandten Aussprüche abdrucken und mit fünf Schilling honorieren. Also bitte, überlegen Sie sich's rieht lange— stellen Sie Ihren Liebling den Lesern der Junten Woche“ vor1 Wieviel ist Ihr Körper wert? 7 Stangen Seife, 2000 Streichhölzer... Der englische Biologe Lawrence hat eine Berechnung aufgestellt, welchen Werl die chemisch-technische Verwertung eines menschlichen Körners ergeben würde. Er kommt zu der beschämend niedrigen Summe von beiläufig 5 8.. Bei der Annahme, daß das durchschnittliche Gewicht des Menschen 70 kg ist, zeigt sich vorerst, daß der menschliche Körper 45 Liter Wasser enthält. Aus den Fettstoffen könnte man 7 Staggen Seif« gewinnen. Die Asche enthält Kohlenstoff, Phosphor, pisen, Kalk und Schwefel. Mit dem Kohlenstoff könnte man 9000 Bleistiftminen herstellen dip Phosphor- menge genügt für 2000 Streichholz- köpfchen das Elsen ist nur in so geringer Menge enthalten, daß man einen mittel- Nagel herstellen könnte, nut der SÄl« mUMroC..«E--- Bunte Woche Roman der„Bunten Woche NORA& HA T EINE FAMOS El IDEE 1 his 8 Von Hermynia Zur Mühlen L Nora Sternbach gähnte gelangweilt und streckte sich träge auf dem Liegestuhl. Es war zu heiß, um schlafen zu können; sogar hier auf dem großen Balkon machte die Schwüle der Augustnacht sich unangenehm bemerkbar. Der leise Wind, der im Garten das Laub der alten Bäume raunen'ließ,, war heiß und brächte keine Erfrischung. Nora griff nach der Zeitung, die auf einem kleinen Tisch neben ihr lag, und begann darin zu blättern. Politik, das interessierte sie nicht;.Mord,.Selbstmord— wie viele Menschen sich jetzt umbringen; Handelsteil— wozu das lesen? Ein langer Artikel: Die Elsterbank in Schwierigkeiten.... Annoncen, vielleicht findet sie da eine geeignete Köchin; Martha hat in. der letzten Woche dreimal die Suppe versalzen, das darf nicht sein. In der Ferne tönte das Rattern eines Motors, kam näher, setzte aus. Nora hörte, wie das Parktor geöffnet wurde, der Motor abermals zu surren" begann, nun bereits ganz nahe.: j<,- Sie runzelte die Stirn und warf einen Blick auf die kleine Armbanduhr. Zwölf..!. Das konnte doch nicht. Ottokar sein, jetzt schon... i Das Auto machte hall. Nora hörte die leise Stimme, ihres Mannes mit dem österreichischen Tonfall, hen er trotz, seinem zehnjährigen Aufenthalt in Deutschland noch Nicht verloren, hatte, dann die rauhe Stimme des Chauffeurs, der eine endlose' Geschichte zu erzählen schien. Endlich sagte der Mann:„Gute Nacht, Herr Graf", und gleich darauf fuhr das Auto in die Richtung der Garage. Nora stand- auf, zupfte das etwas- zerknüllte weiße Seidenpyjama glatt und trat in den Salon. Als Ottokar die Tür öffnete- fragte sie mit leiser Ungeduld: „Sag' mir,. um Gottes willen, warum kommst du denn schon nach Hause?". Er küßte ihr. die Hand.„Es ist zwölf vorbei, Nora. Ich wollte den armen Kerl, den Chauffeur, nicht noch länger warten lassen." „Warten-lassenI Ottokar, hast-du schon wieder Vergessen? Hast du mich schon wieder nicht betrogen? Mein Gott, bist du unausstehlich." Der hochgewachsene schlanke, blonde Mann blickte Nora erschrocken an. „Also denk drr, Nora, das hab' ich vollkommen vergessen. Ich saß im Cafö mit dem Professor Braun zusammen und wir haben uns verplauscht. Er hat eine äußerst interessante Entdeckung gemacht, wenn sie zutrifft, so ist in der Vererbungtheorie..." „Laß mich mit deiner Vererbungstheorie zufrieden. Denk lieber an das arme Fräulein Zehrer, das seit zehn Uhr in der Reginabar auf dich wartet. Jetzt hast du sie glücklich das viertemal versetzt. Wie soll denn unsere Scheidung je zustande kommen, tvenn du regelmäßig vergißt; mich zu betrügen?" „Richtig, Fräulein Zehrer. Das war schrecklich rücksichtslos von mir. Ich werde ihr morgen zum Trost etwas Hübsches schicken."‘ „Du wirst morgen früh mit ihr nach Homburg fahren, dich dort mit ihr im Kurpark zeigen, die Nacht mit ihr im Hotel verbringen. Das geht so nicht weiter." Nora setzte sich'an deti kleinen Schreibüsch und hob den Hörer vom Telephon. Ihre schmalen Finger stellten die Verbindung her, hastig, ungeduldig. Nach einer kurzen Werle hörte sie die erwartete Stimme. '„Sie müssen verzeihen, liebes Fräulein Zehrer'..Mein Mann hatte eine wichttge Besprechung..." Sie. schnitt Ottokar ein Gesicht:„Wie du schon eine wichtige Besprechung haben kannst."’ Sprach dann weiter in den Apparat:„Aber morgen bestimmt. Er holl Sie um elf Uhr ab. Paßt Ihnen das? Wie? Was? Aber-ich bitte Sie... es ist doch eine rein formelle Sache:.. Aber nein, gar nichts, er wird sich in einen Fauteuil setzen,- und lesen, und Sie können, die ganze Nacht schlafen.... Liebes Fräulein Zehrer, ich hatte mich doch so auf Sre- Verlässen... Und jetzt auf einmal..."’'. Sie hängte- den Hörer zurück und sägte ärgerlich:'--‘■ „Da haben wir'-s. Sie hat- sich vetldbt. Will nicht mehr;-Jhv Bräutigam könüt« Verdacht schöpfen. Und dabei bist du dchtz so ungefährlich... Also, was machen wir jetzt?" Ottokar seufzte.„Es war wirklich unverantwortlich von mir,.Nora, verzeih'.- Wenn es nur eine andere Art gäbe, dir die Scheidung zu ermöglichen.-, Das. Gesetz.. „Halt' mir jetzt keinen. Vortrag..über die Gesetze. Ich bin wütend. Ich glaube- ,du machst es absichtlich..Willst.mir meine^Freiheit nicht geben-." Er'sah sie wehmütig an.„Du weK doch. daß ich dir alles geben will, was du verlangst. Alles, auch das, was mir weh tut." Sie wurde plötzlich weicher gestimmt. „Du bist ein guter Kerl, Ottokar. Ich kann mir vorstellen, daß eine andere Frau sehr glücklich mit dir wäre. Aber ich..." Sie zuckte die Achseln. „Ich weiß ja, daß ich langweilig bin, Nora. Viel zu still für dich. Du brauchst einen Menschen voller-Lebendigkeit, nicht einen faden Kerl wie mich...." Er schwieg einen Augenblick, sagte dann:„Aber ich verspreche dir, daß ich dich nicht noch länger warten lassen werde." „Vielleicht notierst du es dir: heute meine Frau betrügen." „Lach' mich nicht aus, Nora: Ich finde diese ganze Prozedur ekelhaft." „Ich ja eigentlich auch", gab sie unvermittelt zu.„Es wäre viel netter, wenn wir einfach als gute Freunde auseinander gehen könnten. Wir sind ja wirklich gute Freunde. Aber es geht eben nicht. Und du willst doch nicht, daß ich..." Er unterbrach sie, zum ersten Male mit einer gewissen Heftigkeit:„Nein, ausgeschlossen. Auf keinen Fall. Das gebe ich nicht zu." Sie sah ihn mit einem forschenden Blick an.„Weshalb eigentlich, Ottokar? Aus Achtung für deinen Namen, oder aus Liebe?" Er zögerte. Wie sie dieses.Zögern in den zwei Jahren ihrer Ehe hassen gelernt hatte! „Vielleicht beides", sagte er dann.„Du weißt, Nora, daß ich wirklich nichts von meinem Titel halte, heutzutage bedeutet das nichts mehr, Aber wir find immer saubere Menschen gewesen, und unseren Frauen konnte niemand etwas nächsagen. Du bist die letzte; im Gothaschen Adelskälender wird stehen: im Mannesstamme erloschen, und da möchte ich nicht..." „Du wirst wieder heiraten." „Bestimmt nicht." „War die Ehe mit mir so schrecklich, daß sie dich von einem zweiten Experiment abschreckt?" „Im Gegenteil, sie war so schön, daß ich keine andere Frau heiraten könnte." „Sprich.nicht so, sonst bekomme ich am Ende noch Gewissensbisse. Weißt du, Ottokar, manchmal habe ich mir gedacht, wir würden uns herrlich vertragen, wenn wir weniger reich wären. Wenn ich etwas zu tun hätte." Sie lachte.„Aber das ist natürlich Unsinn. Du wärst ja verloren ohne dein Geld. Ohne deinen Rechtsanwalt, der alles verwaltet, alles für dich tut." Ottokar schoß plötzlich das Blut ittl die Wangen. „Ich scheine eine etwas klägliche Figur abzugeben", meinte er bitter.„Und leider hast-du recht." „Ich wollte dich nicht kränken. Sei nicht böse." Sie stand auf.„Ich gehe jetzt schlafen. Gute Nacht. Du darfst mich auch küssen, es sieht es ja niemand." Er beugte sich zu ihr nieder; sie reichte ihm kaum bis zur Schulter. Er küßte sie ganz leicht auf die Stirn. Sie lachte ärgerlich.„Also, so küßt du eine Frau, die du noch immer liebst. Und dann wunderst du dich..." .„Ich wundere mich gar nicht." '■ Er hielt die Tür offen und Nora verließ das Zimmer. Ottokar warf sich mit einer müden Bewegung in einen tiefen Lehnsessel, verlöschte die Schreibtischlampe- und blieb im Dunkeln hörte man von der Sttaße her das Hupen eines Autos, oder aus dem Garten das verschlafene Zwitschern eines Vogels. Einmal trat Ottokar auf den Balkon; in Noras Zimmer brannte noch immer Licht. ¥ Nora konnte nicht ejnschlafen. Sie wälzte sich von einer Seite auf die andere; sogar die leichte Seidendecke schien, ihr zu heiß. Sie warf sie ab. Verlöschte die Bettlampe. Schloß die Äugen. Versuchte, an nichts zu denken, fitzen. Eß war sehr füll, nur hin und wieder Äber auch das nützte nichts. Gereizt knipste sie die Lampe abermals an, sprang aus dem Bett, nahm eine, Zigarette und setzte sich an das/breite- Bogenfenster. In. der Ferne zuckten Blitze; Wetterleuchten. Und dann bedeckten mtt einemmal tiefichwarze Wolken den auSPesternten Himmel, als ob sie aus dem Nichts entstanden waren/ durch die nächtliche Sttlle dröhnte Donner,' und schwere Regenttopfen prasselten auf das Laub nieder. Es roch gut nach Erde, und die, Kühle war belebend nach dem heißen Tag und dem schwülen Abend.- Nora seufzte-erleichtert auf; sie-liebte Gewitter. Liebte alles Ungezähmte, Lärm in jeder Form,-Jazz, Autorattern, das Kreischen- und Klingeln der Straßenbahnen., Sie HM' vdr ihrer'Ehe zu'viel Sülle gekannt. Ihre Gedanken kehrten zurück an den kleinen Badeort, wo ihr Vater Arzt war. Früher, lange vor ihrer Geburt, hatte es hier ein reges Leben gegeben. Aus allen Ländern waren berühmte Menschen hergekommen. An den alten Häusern prangten Inschriften und Gedenktafeln mit einstigen großen Namen. Jetzt aber wär der kleine Ort verödet; in den Gärten standen- verlassen große Rosenbäume, und ihre Blätter fielen auf ungekieste, von-Unkraut überwucherte Wege. Die Parks mit ihren Quellen waren verwildert. Pensionen und Privathäuser schrien mit großen Tafeln brüllend nach Gästen; die nicht kamen. Vor zwei Jahren, als Nora neunzehn war, kam ein eleganter junger Mann in die Sprechstunde des Vaters. Die Mutter hatte ihn kommen gesehen, und am Abend quälte sie ihren Mann mit Fragen. „Wer war das? Bleibt er länger hier? Was fehlt ihm?"' Der Vater schob die Brille auf die Stirn, wie-er das immer tat, wenn ihn seine Frau zum Sprechen zwang, und erwiderte schließlich etwas gererzt: „Ein Graf Sternbach, ein Österreicher." Nora erinnerte sich noch jetzt an das Aufleuchten in den kleinen blauen Augen der Mutter. „Hat er Geld? Wo wohnt er?" „Im»Französischen Hof«, aber warum willst du das wissen?" Die Mütter lächelte seltsam. Ihr Mann verstand sie nicht,- aber Nora wußte, was die Fragen bedeuteten, wußte genau, daß die Mutter jetzt'dachte: das wäre ein Mann für unsere Töchter, reich, ein Graf, Nora ist schön genug, um' einen Grafen zu heiraten; Ich muß die Sache geschickt anpacken. Ottokar war ein hübscher Mensch, und Nora wollte um jeden Preis fort. Das Schicksal hatte ihr hier eine Chance geschenkt; weshalb sie nicht ausnützen? Nach vier Wochen machte Ottokar, stammelnd und stotternd, Nora den Heiratsantrag', den die. Frau Doktor so ungedulbig erwarptte..- Atzder Nora noch die Mutter wußteü, daß der Widerspruch der Familie gegen die Ehe mit einer„kleinen Bürgerlichen" viel zu Ottokars Entschluß beige- trägen hatte. Er besaß den-, grenzenlosen Eigensinn stiller Menschen und fand außerdem alle Standesunterschiede lächerlich. Sie heirateten im August, und Frau Behrend ivar glücklich. Sie konnte kaum den Mund öffnen, ohne„Mein Schwiegersohn, Graf Sternbach" zu sagen, sie erschien sich selbst geadett, und dankte Gott, wie sie sagte, auf den Knien, für das Glück ihrer einzigen, über alles geliebten Tochter. Das Glück... Nora, in ihre Erinnerungen versunken, zuckte ungeduldig die Achseln. Ja, die Heirat hatte ihr Geld und einen Titel gebracht; das Leben in der Großstadt, Vergnügungen, Erfolge als schöne Frau. Aber nachdem der Reiz der Neuheit vorüber war, hatte sie abermals die ttostlose Langeweile verspürt, von der sie daheim gefoltert worden war. Ottokar war rührend nett zu ihr, er verwöhnte sie, er tat alles, was sie wollte. Und sogar seine Eltern hatten sich mit ihr ausgesöhnt. Aber Ottokar langweilte sie, seine fülle Art ging ihr auf die Nerven. Er konnte, wenn sie allein waren, stundenlang stumm dasitzen, in ein Buch vertieft, ganz wie daheim der Vater. Sie wußte, daß er alles haßte, was sie liebte, Lärm, Trubel, daß es für ihn eine Qual war, sie zu Diners und Empfangen zu begleiten. Nora wurde nervös und unausstehlich. Ottokar verlor seine liebenswürdige Ruhe nicht. Es war zum Verzweifeln. Wenn er nur einmal auftrumpfen wollte, dachte sie häufig, einmal unangenehm werden, wie ändere' Menschen. Und sie sehnte sich fast nach-der Mutter, die so gut Szenen zu machen verstand. Wenn ich mich in einen anderen verlieben könnte, dachte sie oft. Das, wäre eine Abwechslung,, ich hätte Angst, daß Ottokar mich erwischt. Aber, auch die anderen langweilen mich. Alles langweilt mich. Ich.halle es nicht aus. Nach zwei Jahren erklärte sie ihrem Mann, sie. wollte sich scheiden lassen. Er schien nicht besonders erstaunt, sagte nur: „Ganz wie du willst; ich. bin froh, daß meine Ellern tot find, die hätten sich das sehr zu Herzen genommen.. Ich iverde morgen mit meinem Rechtsanwä'.t sprechen. Natürlich nehme ich die Schuld auf».'ich." Nora war etwas enttäuscht; sie hatte erwartet, daß Ottokar versuchen würde,'.sie zu hallen. Schließlich war sie. ja wirklich sehr schön, und wenn sie wollte, konnte-sie auch entzückend nett sein. „Wir werden doch gute Freunde blerben, nicht wahr, Ottokar?"- fragte sie etwas befangen. „Selbswerständlich. Und..." er wurde rot und ein wenig verlegen,„das Geld... nicht wahr, du weißt doch, daß ich dich standesgemäß erhalten werde?" ' Nora hatte nichts anderes erwartet, aber jetzt schämte sie sich, weil sie bereits mit dem Geld gerechnet hatte. Und weil sie sich schämte, sagte sie betont nüchtern:„Ich möchte auch die Villa." „Ganz wie du willst. Ich werde ja kaum hier bleiben, nach der Scheidung." Nora hatte damit gerechnet, daß sie in wenigen Wochen frei sein würde, doch hatte sie dabei nicht an Ottokars Zerstreutheit gedacht. Seit zwei Monaten vergaß er regel- niäßig, ihr einen Scheidungsgrund zu geben. Nora runzelte nachdenklich die Stirn: vergaß er wirklich oder hoffte er noch immer, daß sie sich die Sache anders überlegen, sich von der Mutter beeinflussen lassen würde? Die war, sobald sie von Noras Absicht erfahren hatte, angerückt gekommen, aufgeregt, rot im Gesicht, den Hut schief auf dem Kopf. ■„Du bist ja verrückt, Nora, das geht doch nicht. Was werden die Leute bei uns daheim sagen? Du weißt doch, wie die denken." Verschwommen hatte Nora vor sich die „Leute bei uns daheim" gesehen, den Apotheker, die Hoteliers, den Pastor mit seiner dicken Frau, den Kurdirektor mit seiner mageren. Sie werden die Köpfe zusammenstecken und tuscheln:„Wissen Sie schon? Die Tochter des Doktor Behrend wird geschieden. Die Eltern sagen natürlich, daß der Mann die Schuld trägt. Aber... Das Mädchen war schon immer so extravagant. Es war unbegreiflich, daß dieser nette junge Mann sie geheiratet hat..." „Ich muß mich ja schämen, wenn ich Bekannten begegne", hatte die Mutter weinerlich hinzugefügt. „Dann wirst du dich eben schämen." Frau Bebrend seufzte herzzerreißend und überfiel Ottokar, als dieser nach Hause kam.-ui im „Ich habe mit meiner Tochter gesprv- chen", sagte sie würdevoll.„Aber sie will mich nicht anhören. Ich muß ja sagen, lieber Ottokar, es ist nicht schön von dir, nach einer so kurzen Ehe deine Frau zu betrügen... Dqtz hätte ich nicht von dir erwartet." Ottokar blickte die erhitzte Frau hilf- los an. „Du bist doch ein Kavalier, ein Aristokrat, also wirklich, Ottokar, du hast mich üef enttäuscht." „Es tut mir leid, Mama." Später bat er seine Frau:„Schau, Nora, ich tu ja alles, was du willst, aber laß nicht die Mama auf mich los, ich habe immer Angst, daß ich die Wahrheit sage..." Nora blickte in den strömenden Regen hinaus und lachte leise, als sie an die Aussprachen zwischen der Mutter und Ottokar dachte. Dann wurde sie plötzlich ernst. Schade, daß er mich so langweilt, dieser liebe, gute Mensch, dachte sie. Er benimmt sich so anständig. Und dieses ganze abgekartete Spiel... Aber ich muß frei sein, mutz tun können, was ich will... Nach der Scheidung werde ich mein Leben genießen, endlich wirklich genießen. Werde Geld haben, einen Titel und keinen Mann dazu. Herrlich... Und er wird seine kleine Schwester zu, sich nehmen, gut, daß Irene schon siebzehn und mtt ihrer Erziehung fertig ist. Alles wird in schönster Ordnung sein. Und sie legte sich gutgelaunt in das breite, niedrige Empirebett, rollte sich zu-' sammen, knipste das Licht aus und schlief ein. U. Nora Sternbach hiell die Scheidungsurkunde in der Hand und lächelte zufrieden. Sie saß allein in chrem kleinen Boudoir und schmiedete Pläne. Was wird sie jetzt tun? Verreisen, so bald wie möglich, damit nicht die Mutter jammernd und vorwurfsvoll daherkommt und sich womöglich auf unbestimmte Zeit bei ihrer„armen Tochter" einquartiert. Auf dem Mittelüsch türmten sich Prospekte von Reisebüros, Schiffahrtsgesellschaften. Sie wird nicht in die Schweiz oder nach Italien fahren, sondern ganz weit fort, nach den Südseeinseln, nach Südamerika, irgendwohin, wo sie den! nahenden Winter enffliehen kann. Oder-vielleicht wäre Kalifornien besser, Hollywood...? „ Das- Telephon- klingelte. Nora hob den Hörer/ab- und erkannte Ottokars Stimme: „Darf ich zu dir kommen? Ich muß dir etwas mitteilen." Bunte Woche Die Stimme klang anders als sonst, fast aufgeregt, wenn man bei Ottokar dieses Wort überhaupt gebrauchen konnte. .Selbstverständlich." .Ich bin in zehn Minuten da." Der Diener, der ihn meldete, war sichtlich verlegen; er wußte nicht recht, waS zu sagen. Nora unterdrückte ein Lächeln über dcä stammelnde: »Der Herr Graf... Graf Sternbach läßt fragen..." Es war wirklich komisch, daß Ottokar sich bei ihr anmelden lassen mußte wie irgendein beliebiger Bekannter« Sie ging ihm entgegen. „Das ist nett, daß du mich besuchst", sagte sie heiter.„Ich wollte dick ohnehin bitten, einmal zu kommen. Muß dir danken, daß du mir die Scheidung so erleichtert hast." Er setzte sich ihr gegenüber in ernen der kleinen Lehnsessel, die er immer gehaßt hatte, weil er nie wußte, wohin mit seinen langen Beinen. „Ich habe heute einen Brief bekommen von meinem Rechtsanivalt..." Er stockte. .Ja, und?" „Nora, es fällt mir furchtbar schwer, es dir zu sagen... Wir hatten doch abgemacht, daß du monatlich achttausend Mark bekommst und..." Er blickte sie hilflos dn. „Ja. Aber ich verstehe nicht..." „Die Bank...", begann er zögernd, ...„weißt du, die Elsterbank, bei der ich alles hatte... sie hat ihre Zahlungen.eingestellt.,. Mein ganzes Vermögen ist zum Teufel." Nora erblaßte. Sie schwieg einen Augenblick und versuchte, OttokarS Mitteilung zu begreifen. Dann sagte sie ungeduldig: „Ja, aber um Gottes willen, hast du -ich denn nie um diese Angelegenheiten gekümmert?" „Nein", gab er zu.„Das hat alles der Rechtsanwalt für mich gemacht. Ich kannte mich überhaupt nicht aus. Und jetzt ist irgendein großer Konzern in Konkurs gegangen und hat die Bank mitgerissen. Das schreibt mir der Rechtsanwalt. Was weiß denn iöh von Konzernen, das bloße Wort war mir immer unsympathisch. Ich sehe ja ei», daß ich falsch gehandelt habe. Schon deinetwegen hätte ich mich um die Sache kümmern müssen." Er seufzte.„Ich bin eben ein hoffnungsloser Tepp, Nora. Aber, daß du darunter leiden mußt..." »Ist gar nichts mehr da?" fragte sie. /""„Zwanzigtausend Mark, die irgendwie, rrgendwoanderS angelegt waren. Ich wollte dir fünfzehntausend davon geben; fünf Möchte ich, wenn es dir recht ist, behalten; rch mutz doch auch für Irene sorgen/ Nora lachte hell auf:„Mit fünftausend Mark!" „Professor Braun ist bereit, mich in seinem Laboratorium anzuftellen. Aber fürs erste bekomme ich nur ein winziges Ge- halt." Nora blickte ihn an. Wie anständig er war, wie hilflos. Wie sollte ex zurechtkommen, in einem Leben daS Brutalität, Reklame, Trompetenlärm fordert? „Du wirst dich ja nie durchsetzen", meinte sie ungeduldig. „Irgendwie wird eS schon gehen. Es ist nur deinetwegen... Du hattest doch dein Leben auf-en Gehanken oufaebaut, kerne Geldsorgen zu haben. Wie wirst du eS ertragen?" '„Na. glso weißt du", sagte sie ehrlich, „als Millionärin bin ich ja gerade nicht ausgewachsen, Von daheim aus bin ich ans Sparen gewöhnt." „Es ist lieb von dir, daß du mir kein« Borwürfe machst." Sie schwieg und überlegte. Er holte sein Zigarettenetui heraus und begann zu rauchen. „Du bist ja so schön, Nora", sagte er dann,„wirst bestimmt bald wieder heiraten. Das ist bei dieser gqnz verwünschten Sache mein einziger Trost. Und einstweilen gehst du vielleicht zu deinen Eltern..." „Gott bewahre! Fällt mir nicht ein." „Ja, aber Liebste, wir werden, das heißt, du wirst die Villa verkaufen müsien. Und auch das Auto, fürchte ich." Nach Hause gehen, in die trostlose Ode zurückkehren, der sie vor zwei Jahren so freudig entflohen war. Zurück in ihr schäbiges kleine- Mädchenzimmer mit der verblaßten Tapete, deren gelbe Rosen auf braunem Grund sie immer so gehaßt hatte. Und wieder die endlosen Abende, die stets aufgeregte Stimme der Mutter, die von belanglosen Dingen redete, die Schadenfreude der Bekannten: natürlich, dir Nora Beh- rend. die hat einen Grafen heiraten müsien, billiger hat die'- nicht gegeben, und jetzt fitzt sie da, eine geschiedene Frau, ohne Geld... Plötzlich fühlte sie, was alles ihr dieser Mann da in den zwei Jahren ihrer Ebe gegeben hatte; und was hatte sie ihm dafür geschenkt? „Hör zu", sagte fl« unvermittelt,„jetzt, da die Sachen so stehen, bleiben wir beisammen." Er starrte sie verständnislos an; sein Blick fiel auf die Scheidungsurkund«, die aus dem Tisch lag. „Wir sind doch geschieden, Nora. DaS ist noch ein Glück für dich." „Man läßt einen Mann nicht sitzen, wenn er alles verloren hat." „Das geht nicht, Nora." „Natürlich geht es. Erstens sind zwanzigtausend mehr als fünfzehn und fünftausend. Und dann, denk an Irene. Du wirst allein nie etwas erreichen. Aber ich,,Sie wurde plötzlich ganz eifrig.„Ich, glaub mir, Ottokar, ich werde etwas finden, womit man Geld macht." „Und da soll ich mich von dir aushalten lassen?" „Wer spricht denn von aushaüen? Sei doch nicht dumm." „Für Irene könnte ich etwas annehmen", sagte er langsam; es war ihm anzusehen, wie schwer ihm sogar dieses Zugeständnis fiel.„Sie ist siebzehn Jahre alt, verwöhnt, weltfremd. Aber für mich... nein..." Sein Widerspruch reizte Nora. Er hatte ihr zwei Jahre lang immer nachgegeben. Sie stand auf und setzte sich auf die Lehne seines Sessels. „Sei doch nicht so eigensinnig, Ottokar", bettelte sie. „DaS ist nicht Eigensinn." „Also Überheblichkeit. Warum willst du von mir nichts annehmen?" Er lächelte.„Liebste, du' versprichst, als ob du schon jetzt ein Vermögen gemacht hättest. Und dabei besitzt du augenblicklich fünfzehntausend schäbige Mark." „Siebzehntausend",- verbesserte sie ihn nüchtern.„Ich habe noch zweitausend von meinem Taschengeld übrig." Sie beugte vor einem Monat ist sie ihm durchgegangen. Er wollte wieder heiraten, damit das Kino jemand hat, der sür eS sorgt. Aber er sagt, es sei schwer, eine gute Frau zu finden, und wenn er jetzt auch noch arbeitslos wird... Er hat eine nette kleine Zweizimmerwohnung, die wird er dann auch nicht mehr bezahlen können." „Herrgott, woher weißt du denn das alles?" „Er hat eS mir erzählt,, und ich war einmal bei ihnen draußen; er wollte, mir den Buben zeigen, ist furchtbar stolz auf ihn. Aber wer wird jetzt für den Kleinen sorgen? Wenn der Mann doch schon wieder geheiratet hätte, dann wäre alles leichter." Nora kniff die Augen zusammen, wie immer, wenn sie angestrengt nachdachte. „Er hat mir mehr als einmal gesagt, daß er einen ganzen Monatslohn hergäbe, wenn er nur die richtige Frau finden könnte." Ottokar war mit seinen Gedanken noch ganz beim Chauffeur. Nora schwieg beharrlich. „Es wird arg sein, ihm zu kündigen", sagte Ottokar. „Er ist ein hübscher Mensch", meinte Nora.„Sogar ein sehr hübscher Mensch." Ottokar sah sie erstaunt an.„WaS hat daS damit zu tun?" „Und es fällt ihm schwer, die richtige Frau zu finden?" „Ja, wenigstens sagt er es. Aber warum fragst du? Hier handett es sich doch nicht um die eventuelle Frau des Chauffeurs, sondern um die Kündigung." „Weißt du was, Ottokar? Du wirst ihm kündigen, das Auto muß verkauft werden. sich zu ihm und fuhr ihm zärtlich über das dichte blonde Haar,„Sieh, Ottokar, du kannst mich jetzt nicht im Stich lassen. Das wäre xjar nicht anständig von dir, Ich brauche deine Hilfe." Ex sah sie etwas wehmütig an.„DaS ist das erstemal, daß du mir so etwas sagst? „Es ist die Wahrheit. Und ich brauche auch dich. Latz mich nicht allein. Wir tverden Irene aus dem Pensionat in Genf holen und zu dritt leben." „Du vergißt, dah wir geschieden find.* „DaS bißchen Scheidung, das ist doch ganz belanglos." Sie trat zur Schelle und drückte auf den Knopf. „Der Graf blecht zum Essen hier", erklärte sie dem Diener,„llstd sagen Sie der Marie, daß sie sein Zimmer in Ordnung bringt. Er kommt morgen vormittag her." «Sehr wohl, Frau Gräfin." „So, und jetzt wollen wir überlegen, Ottokar. Das Haus verkaufen wir nicht. Häuser bringen nicht- ein, und wenn wir eine Wohnung mieten, müsien wir die bezahlen. Das Auw", sie seufzte bedauernd, „das Auto werden wir wohl verkaufen müßen." „Der arme Chauffeur", sagte Ottokar. Nora lachte.„Das sieht dir ähnlich. Du verlierst fast eine Million, und wen bedauerst du: nickst dich, sondern den armen Chauffeur?. „Ja, weißt du, es ist-och wegen des Kindes."; „Kindes?" „Er hat«inen kleinen Buben von drei Jahren, übrigens einen allerliebste« Fratzen. Und seine Fra« ist vor einem Jahr'gestorben. Da hat er sich eine Freundin genommen, die für das Kind gesorgt hat. Und Zeichnung von Franz Plaehy Ottokar»tackte hastig di» täni Mark ein und floh... Aber du wirst ihm sagen, daß er mit dem Kind in den zwei leeren Mansarden wohnen kann, bis er wieder eine Stelle hat." „Nora, das ist wirklich lieb von dir." Sie lachte.„Halt mich jetzt nicht für eine Wohltäterin. Ich weiß, warum ich daS tue." „Warum?" „Das wirst du schon erfahren." Ihre Augen glänzten, ihr kleiner Mund lachte übermütig. „Wir werden weiterkommen, Ottokar, du wirst schon sehen. Ich habe eine Idee, eine famose Idee. Nein, ich sag dir noch nichts. Erst muß alles durchdacht werden..." „Kann ich dabei mithelfen, oder soll ich die Anstellung bei" Professor Braun an» wchmen?" "„Nimm sie ruhig an. Ich kenn« dich doch, weiß, daß vir diese Arbeit siegt und daß du unglücklich wärst, wenn nicht auch du ewras verdienen würdest." „Auch ich? Nora, was hast du vor-?" „Sei doch nicht so gräßlich. Du kannst etwas tun, was vwl, viel unangenehmer ist." „Was?" „Heute nachmittag zu den Eltern fahren und»hnen klarmachen, daß wir wieder zusammen leben," „Nora!" „Ja, mein Lieber, dazu reicht meine Energie nicht, außerdem muß ich sie für wichtiger« Dinge aussparen." Sie nahm vom Tisch das Kursbuch und blätterte darin. „Mr esse« um eins zu Mittag, Um dr«i Uhr sünfundvierzig geht«in Zug. Mit -em wirst du fahren. Um sieben Uhr zehn fährst du zurück. Wir werden heute später zu Abend essen." ★ Am Fahrkartenschalter fiel ihm plötzlich ein, daß er sparen müsse und er nahm ein Billett dritter Klostr. Zum erstenmal in seinem Leben. Und Pim erstenmal in seinem Leben knüpfte er mit den Mitreisenden ein Gespräch an. Er wollte sticht av die unan genehmen Stunden denken, die vor ihm lagen., Während er mit den fremden Menschen plauderte, fiel ihm Noras Ausspruch von dem fremden Land ein. Hier, dieses Abteil, war ein fremdes Land, bevölkert von Bewohnern, deren Leben ihm rätselhaft und unbegreiflich erschien. Die Menschen sprachen von Summen, mit denen sie in einem Monat auskommen mußten, und Ottokar wurde rot, als er daran dachte, daß er bisher für Zigaretten mehr ausgegeben, als eine ganze dreiköpfige Familie zu verleben hatte. Eine junge Frau mit einem kleinen Kind auf dem Arm weinte bitterlich. Sie er- zählte von ihrem Mann, der im Krankenhaus lag: er war Bauarbeiter und ein Balken war ihm auf einen Fuß gefallen. „Und wir waren so glücklich, daß er Arbeit hatte." Als sie auf einer Zwischenstation aus- stitzg, drückte, Ottokar ihr verlegen das ganze Geld in die Hand, das m seiner Börse war... Dann erduldete er still und höflich zwei Stunden lang Frau Behrends Vorwurfe. Ottokar begriff nicht, wie ein Mensch so lange reden konnte, ohne heiser zu werden. Wenn doch Doktor Behrcnd heimkäme, dann würde die Frau vielleicht für einen Augenblick verstummen. Die Ohren taten ihm weh, und es begann ihm zu schwindeln, -wer Frau Behrend redete und redete; si« schien keine Ermüdung zu empfinden. Endlich war es dreiviertel sieben. Otto« kar stand auf. „Verzeih, Mama, aber ich muß gehen. Sonst versäume ich meinen Zug." Als er draußen aus dem Korridor deni Mädchen ein Trinkgeld geben wollte, entdeckte er entsetzt, daß er nur noch zehn Pfennig hatte. Er mußte ins Wohnzimmer zurückgchen und Frau Behrend um da- Fahrgeld anpumpen. Sie lachte höhnisch, als sie ihm fünf Mark in die Hand drückte. „Das fängt ja schön an. Du machst meine arme Tochter unglücklich und dann verlangst du, daß wir dich erhalten!" „Verzeih, Mama, ich schicke dir morgen sofort das Geld zurück." „Das kennen, wir schon; aber ich habe es ja immer gesagt: Aristokrat und Hochstapler, das ist ungefähr dasselbe." Ottokar steckte hastig die fünf Mark ein und floh. m. Bier Menschen standen in der Garage und nahmen- Abschied von dem schönen, blaulackierten Auto, das um elf bei seinem iitzüe« Besitzer abgelieferi werden sollte. Ottokar sah eigentlich nicht die Kckrüfserie vor sich, sondern ein braunes Schulheft, das vielgehaßte„Schönschreibehest", und auf der einen Sette mit krackliger, verwackelter Kin» derschrist einen jener weißen Sprüche, mit denen derarttge Hefte yollgeschriehen werden: „Nicht an die Güter hänge dein Herz, Die das Leben-vergänglich zieren... Er erinnerte sich nicht, wer dies« Weisheit in Reime gefaßt hatte, damals hatte er aller Kräfte bedurft, um den Schönschreib- lehrer zufriedenzustellen, der Sinn der Worte hatte auf ihn keinen Eindruck gemacht. Heute aber begann er bei sich zu philosophieren; Die Guter, die das Leben vergänglich zieren Warum sollte man nicht an ste sein Herz hängen, war doch auch daS Leben etwas Vergängliches; mußte man es daher nicht so schön wie möglich gestalten? Vielleicht wäre die Welt heute bester daran, wenn ein großer Teil der Menschheit— Ottokar dachte an seine Mitreisenden in der dritten Klasse— auf den Besitz vergänglicher Güter bestanden hätten; und auch auf einen anderen kostbareren Besitz: dem Leben? Wenn sie es sich nicht in den grauenhaften Jahren des Krieges hätten rauben lasten, wie ein wertloses Ding, daS man sinnlos, grundlos fortwtrft? Irenens helle Stimme unterbrach seine Gehanken. Auch sie war durch den Abscksied vom Auto literarisch bewegt und zitierte mit spöttischer Wehmut: »Zum Abschiednehmen just daS rechte Wetter, Grau wie der Himmel steht vor mir die Welt." Gott sei Dank, dachte Ottokar, daß sie eS nicht iragischer nimmt. Er blickte auf Nora; die war ein wenig"blaß, ein wenig betrübt. Mer ehrlich war nur der Chauffeur. Der betrachtete mit feuchten Augen daS Auto und sagte zornig: „Unser schöner Wagen! Jammerschad ist's um ihn. Der Batzi, der vermaledeite, der ihn gekauft hat, kann ja nicht einmal ordentlich fahren. Und der Herr Graf hat ihn auch viel zu billig abgegeben. Wenn der Herr Graf auf mich gehört hätten..." Irene blickte auf" ihre Armbanduhr. „Herr' Huber", sagte sie zum Chauffeur, „Sie mikssen losfahren." Der Chauffeur seufzte. ^Zum letztenmal," Nora versuchte zu lächeln. „In ein paar Monaten, Huber, werden Sie wieder am Steuer fitzen", meinte sie. „Gott geh'-", erwiderte der Chauksenr. „Mer was die feinen Leut' sind", und er warf einen mitleidigen Blick auf Ottokar, Bunte Woche „wenn die einmal pleite gehen, die erholen sich nicht so"rasch..." Nora schob ihren Arm in-en der Schwägerin. „Du gefällst mir, Irene. Wir beide werden die Kiste schmeißen. Zuerst, als ich dich auf dem Bahnhof sah, bin ich erschrocken. Du siehst so zart aus, so blond und fein, als ob ein Windhauch dich fortwehen könnte, ich fürchtete, du würdest weinen, verzweifelt sem." „Quatsch! Ich bin bestimmt die Tüchtigste von uns dreien. Ich laß mich nicht unterkriegen, weder von Menschen noch vom Leben." „Du weißt ja nichts vom Leben", sagte Ottokar ein wenig müde.„Was hast du denn in deinem Schweizer Pensionat gelernt?" „Tennis spielen und Tanzen." „Damit macht man kein Vermögen." „Doch, Ottokar. Hast du noch nie von Tennisprofessionals gehört? Ich brauche nur noch ein wenig Übung, dann kann ich ein Professional werden. Schneid doch kein Gesicht, du hast es nicht nötig, ein Snob zu sein." Sie waren in Noras Boudoir angelangt; Nora zündete sich eine Zigarette an, Irene machte eine abwehrende Gebärde, als ihr die Schwägerin die Dose hinhielt: '„Nein, danke. Rauchen ist schlecht für die Hand." Sie setzte sich ans Fenster und blickte in den Herbstnebel hinaus. „Warum verkauft ihr die Villa nicht?" fragte sie. „Ich war ja auch dafür", sagte Ottokar. „Aber Nora besteht darauf, daß wir sie behalten." „Ich brauche eine Villa, brauche schöne Räume", erklärte Nora. „Wozu?" „Das werdet ihr schon erfahren. Nein, fragt mich nicht; ich weiß genau, daß Ottokar gegen meinen Plan sein wird. Er soll ihn erst erfahren, wenn er schon verwirklicht ist. Übrigens schränken wir uns ein: ich habe schon den Dienern gekündigt und nur die zwei Mädchen und die Köchln behalten." „Das nennst du einschränken?" „Rede nicht, Irene, bevor du weißt, worum es sich handelt. Sag, Ottokar, gehst du nicht zu deinem Professor?" „Ich dachte, wir würden uns besprechen, Pläne machen." „Werden wir auch, Irene und ich, aber ohne dich." „Also, wenn ich euch störe..." Ottokar machte ein gekränktes Gesicht. „Ja", erwiderte Nora unerbittlich,„du störst uns. Geh jetzt." , Und Ottokar gehorchte, wie immer, auch diesmal seiner Frau, die nicht mehr seine Frau war, und ging. ¥ „So", meinte Nora, sobald sich hinter Ottokar die Tür geschlossen hatte.„Jetzt an die Arbeit. Gib mir das Adreßbuch her, Jxene. Danke. Und jetzt setz dich an den Schreibtisch, du mußt Adressen schreiben." „Adressen? Das tun doch nur arme Leute in Romanen? Willst du damit Geld verdienen?" „Sei kein Schaf." Nora blätterte im Adreßbuch.„Warte: so, da hast du einen Umschlag, fein, wie? Mit der Grafenkrone! Schreib jetzt: I. H., die Leute haben das gern, wenn man annimmt, sie seien»hochgeboren«. Ich weiß es, im Anfang hat das auch mir Spaß gemacht. Also I. H. Frau Margot Wickler Sandweg 18, I.". „Wer ist Frau Ma^ot Wickler?" „Keine Ahnung! Aber im Ahreßbuch steht, daß sie eine Witwe ist, und der Name Margot ist vielversprechend. Eine Frau, die Margot heißt, will■ bestimmt wieder heiraten." „Sag einmal, Nora, bist du übergeschnappt? Was geht es uns an, ob diese Margot wieder heiraten will oder nicht?" „Sehr viel, mein Kind. Hast du die Adresse geschrieben? Gib her." Nom nahm aus einem Stoß eine auf Büttenpapier gedruckte Karte und steckte sie in den Umschlag. „So, und jetzt schreib: Herr von Ahlen, Reuterweg 3, VI. Der hat einen Adel und kein Geld. Vierter Stock, das sägt alles. Und Frau Margot hat Geld. Bist du fertig?" „Ich schreibe keinen Buchstaben, mehr» wenn du mir nicht erklärst, worum es- sich handelt." „Um Einladungen." „Einladungen, jetzt, da wir auf. jeden Pfennig sehen müssen?" „Gerade deshalb. Schreib: Fräulein Kicki Katzer, nein, warte. Kicki, das klingt verdächtig, das ist keine tugendhafte Jungfrau, die einen Mann will. Zwar, diese Kicki ist bestimmt hübsch, ornamental, man witd sie brauchen können. Also schreib: Fraulein Kicki Katzer, Liebfrauenberg 10, 6et Grundel." „Nora, sag mir sofort, was dieser Blödsinn bedeutet." „Versprich, daß du, es Ottokar nicht verraten wirst." „Ich verspreche." „Hoch und heilig, auch wenn deine aristö- kratischen Gefühle durch meinen Plan verletzt werden" Irl ne lachte. „Meine aristokratischen Gefühle sind mir, soweit ich welche hatte, in der Schweiz ausgetrieben worden. Ich schwöre, daß Ottokar nichts erfährt.", .„Also, dann hör mich an. Liest du manchmal die Annoncen in der Zeitung?" „Eigentlich nie." „Wenn du sie läsest, würdest du wissen, wie viele. Leute heiraten wollen. Standesgemäß oder einheiraten. Da wird eine Frphnatyr gesucht oder ein. gemütvolles Mädchen, Blondine, Christin,, musikalisch. Junge Männer verkünden, daß sie einen Meter dreiundsiebzig groß sind und sich nach einem trauten Heim sehnen. Schuldlos geschiedene Frauen— so wie ich— suchen einen Lebensgefährten, Arier, Naturfreund wünscht Eheglück. Glaubst du, daß die Leute sich finden? Glaubst du, daß der einen Meter dreiundsiebzig große junge Mann mit der Frohnätur zusammenkommt, die ihm am Abend auf dem, Klavier vorspielt? Oder daß der arische Naturfreund die schuldlos geschiedene Frau kennenlernt? Bestimmt nicht. Und wenn ja,. wie und wo lernt er sie kennen? Auf ungemütliche Art, durch irgendeine kultur- und lieblose Ehevermittlung. Das ist eines der Übel unserer Zeit, dem ich qbhelfen werde. Sieh her." Und sie reichte der Schwägerin eine der auf Büttenpapier gedruckten Karten.: „Gräfin Nora Sternbach gibt sich die Ehre, Herrn zu einem ihrer Empfänge einzuladen. Beste Gelegenheit für Heiratslustige, Bekanntschaften mit passender Ehegefährtin zu schließen. Zwanglose Unterhaltung. Gutes Büfett."„Begreifst du? Es gibt immer noch Idioten, die. gern zu einer Gräfin kommen; auch das Weitz ich aus eigener Erfahrung. Die Leute werden uns das Haus einrennen, sie werden einander kennenlernen, einander'm der Verklärung der gräflichen Salons sehen, sich ineinander verlieben, heiraten..." Irene lachte. „Eine Schnapsidee, Nora, aber vielleicht hast du recht, vielleicht können wir auf diese Art Geld machen. Nur Ottokar, der wird doch nie...!"-; „Ottokar wird überhaupt nichts wissen, zumindest im Anfang. Ich gebe einen Empfang, sage ihm, daß die Leute für mrch eine Geschäftsverbindung sind, und er wird, wie das. seine Art ist, mit allen äußerst liebenswürdig sein. Außerdem wird er einen guten Stattsten abgeben." „Nora, du wirst doch nicht deinen eigenen Mann..." „Er ist nicht mehr mein Mann. Vielleicht kann ich ihn sogar auf diese Art gut verheiraten." Irene wurde ernst. „Weißt du, daß ich sehr böse auf dich war, als ich von eurer Scheidung erfuhr? Ich wußte sofort, daß das Ganze mrt Ottokars Schuld ein Schwindel sei. Er hat dich viel zu lieb, um»dich zu betrügen. Ich haßte dich. Und dann tauchte Ottokar in Lausanne auf und sagte: wir haben unser Geld verloren, du mußt mit mir nach Hause» zu Nora., Da, wurde ich ganz konfus. Ihr seid geschieden, und ihr lebt zusammen. Als er Geld hatte, wolltest du fort von ihm, jetzt, da er arm ist..."- „Ich kann doch einen hilflosen Menschen nicht'im Stich lassen. Und du müßt zugeben, daß Ottokar wirklich hilflos ist." .„Vielleicht... Aber das erklärt doch nicht..." '„Frag mich nicht über meine Gefühle aus, Jtene. Schreib nun weiter:, Herrn B. Ahrend, Bockenheimer Landstraße 97, H." ★ „Ottokar", sagte Nora, eine Woche, nachdem sie die Einladungen verschickt hatte, beim Frühstück,'„du kannst heute nach dem Diner nftht ausgehen. Es kommen ein paar Leute her. Du mutzt da sein."' „Leute? Wer denn?" „Du kennst' sie nicht., Es sind... sind Geschäftsbezivhunqen, die ich angeknüpft habe. Menschen,, dre uns viel nützen können. Nicht wahr,' du' bleibst zu Hause und wirst liebenswürdig, sein?" „Liebe Nora,• ich will dir ja in nichts hineinreden. Aber solche Einladungen kosten doch Geld, und wir..." „In'einem solchen'Fall muß man eben sein^Kapital antasten",' erwiderte Nora großartig. 'Ottokar zuckte die Achseln. -„Ich verstehe'ja nichts von Geschäften. Vielleicht kennst du, dich besser aus." „Bestimmt. Also, du bist da, nicht wahr?" „Ganz wie du'willst." Nach dem Frühstück setzten- sich' Irene und Nora zusammen und, lasen noch einmal die Bviese durch, die' als Antwort- auf' die Einladung gekommen waren. „Also' Matgot' kommt' und Kicki und die Frohnatur und der einen Meter dreiundsiebzig- große junge Mann und der arische Naturfreund.'Die Blondine, Christin, scheint leider inzwischen jemand gefunden oder- es sich anders überlegt zu haben. Für die mutzt du einspringen,. Irene. Auch Herr v. Ahlen kommt, Reserveoffizier, um den mußt du dich besonders'bemühen, falls wir keine passende Frau für ihn hier haben. Der darf uns nicht verlorengehen."' Sie wühlte in' den Antworten: .Daist auch eiuGraf, ältester Hochadel, schöne Erscheinung. Wenn wir den nicht an- bringen..." „Wird schon irgendein alter Kracher sein, der kein Geld hat." Das Mädchen bettat das Zimmer und überreichte Nora ein Telegramm. Sie las es und zerknüllte es dann wütend in-er Hand. „Was ist denn los?" fragte Irene. „Die Mama! Sie sagt sich für heute Nachmittag an und will zwei Tage blechen! Also, das hat mir gerade gefehlt!" „Telegraphiere doch, daß sie erst morgen kommt." „Du kennst, sie nicht. Wenn die sich in den Kopf gesetzt hat, heute zu kommen, ,so bringt, nichts in der Welt sie davon ab." Nora stützte verzweifeü den Kopf in beide Hände. „Was machen wir nun, Irene?" „Schick sie ins Theater." „Sie haßt das Theater." Irene überlegte. „Weißt. du was?" sagte sie schließlich. „Du wirst deiner Mutter sagen, daß du einen kleinen Empfang hast, Geschäftsverbindungen." „Gut, das geht noch an, aber wie werde ich den Leuten die Mama erklären?" :„Herr B. Kramer, der ebenfalls zugesagt hat, sucht doch eine Witwe zwischen fünfzig und sechzig, um mit ihr einen harmonischen Lebensabend zu verbringen. Wir werden ihm deine Mutter als Witwe vorstellen." „Und der arme Mann soll glauben, daß jemand mit der Mama einen harmonischen Lebensabend verbringen kann?" „Gib ihr ein»von«, und gib auch ihm eins, dann wird deine Mutter schon liebenswürdig sein." Nora seufzte. .„Es wird uns nichts anderes übrigbleiben. Komm, Irene, wir wollen Einkäufe machen; bei den ersten Empfängen muß das Büfett wirklich gut sein. Ich bin nur froh, daß der Chauffeur eingewilligt hat, für heute als Diener zu fungieren. Das macht sich besser, als wenn ein Mädchen öffnet." Gegen neun Uhr klingelte es. Huber, im Frack, meldete feierlich: „Frau Margot Wickler." „Au!" flüsterte Irene, als eine junge, sehr hübsche Frau eintrat,„schwarze Haare, schwarze Augen, die werden wir bei der jetzigen blonden Konjunktur schwer anbringen." Nora empfing die junge Frau mit großer Liebenswürdigkett. „Ich hofie. Sie mißverstehen mein Kommen nicht, Gräfin Sternbach", sagte Frau Margot.„Mir liegt nichts am Heiraten. Mein seliger Mann hat mir ein schönes Vermögen hinterlasien, aber ich wollte Sie gerne kennenlernen, deshalb komme ich her." „Ich freue mich sehr." Huber öffnete abermals die Flügeltüren: „Herr Gedecke." „Der arische Naturfreund", flüsterte Irene hastig Nora zu. Herr Gedecke war klein und gedrungen und sprach mit einem unverkennbaren ost- preußrschen Akzent. Er warf einen mißbilligenden Blick auf die hübsche Frau Margot, dann, als er Irenes blondes Haar und ihre-blauen Augen erblickte, erhellte sein Gesicht sich.; „Gedecke", sagte er,„Gedecke ist mein Name." »Ich freue mich. Sie hier zu sehen, Herr Gedecke", erwiderte Nora.'„Ich habe durch Bekannte schon viel von Ihnen gehört." .„So, das ist schön. Sie dürfen nicht glauben, Frau Gräfin, daß ich eS aufs Heiraten abgesehen habe. Aber' man verkehrt eben- gern in guten Kreisen, nicht wahr? Und so' hübe ich denn die Gelegenhett wahrgenommen... Darf ich fragen, wer Ihnen von mir erzählt hat?" Nora würde dunkelrot. Sie konnte doch nicht sagen: die Zeitung. Irene kam ihr zu Hilft. „Willst du uns nicht bekannt machen?" ftagte sie und warf Herrn Gedecke einen koketten Blick zu. '„Verzeih',- Herr Gedecke, Komtesse Sternbach, Frau Wickler." ' Herr Gedecke verbeugte sich zweimal, einmal ttef, vor der blonden Aristokrattn, und einmal weniger ttef vor der dunklen Frau Wickler. Dann nahm er Platz, und Irene setzte sich neben ihn und begann von der Natur-zu schwärmen. Nun kamen die anderen Gäste in rascher Reihenfolge: Herr von Ahler, ein dicker, rot- gesichtiger Mann, der wie ein Metzger auS- süh und sofort ein Auge auf Kicki Katzer warf,'die tatsächlich das zu sein schien, was Nora erwartet hatte; die Frohnatur, die Ernestine Balz hieß, gut in den Vierzig war und wie sieben Tage Regenwetter auSsah; der einen Meter dreiundsiebzig große junge Mann, der leicht stotterft und sich verlegen nach allen Seiten umblickte, als ob er einen Zufluchtsort suche. Und dann, alS letzter, Graf Ponitzky, kein aller Kracher, wft Irene angenommen hatte, sondern ein schöner, großer, schlanker Mann, von tadelloser Eleganz und bezaubernden Manieren. Kickr Katzer ließ Herrn von Ahftr sitzen und wandte sich dem Grafen zu, Margot Wickler kokettierte heftig.mit ihm, und über Eimestine Balz'- wehmütiges Gefich huschte eineleiseHeiterkeit.- Der Graf betrachtete prüfend die Frauen, aber keine schien ihm recht zuzusagen. Er plauderte angeregt mü Nora, die verzweifelt versuchte, in dieser seltsamen Gesellschaft eine angenehme Stimmung zu verbreiten. Aber er wurde erst wirklich lebhaft und interessant, als Frau Lehrend eintrat und Irene mit ihr bekannt machte. Er setzte sich mit ihr in eine Ecke und machte ihr auf Tod und Leben den Hof. Nora verbiß nur mit Mühe das Lachen, als sie das geschmeichelte Gesicht der Mutter sah, die seit dreißig Jahren nicht mehr so etwas erlebt hatte. Aber Irene runzelte die Sttrn: die anderen Frauen sahen verdrießlich drein, und sie selbst mußte sowohl den Reserveoffizier als auch den arischen Naturfreund bei guter Laune erhalten, und dabei konnte doch nichts herausschauen. Gegen dreiviertel zehn riß Huber, von Nora unterrichtet, die Türen auf: „Graf Ottokar Sternbach." Ottokar trat ein, verwirrt, mtt dem Gefühl, sein einstiger Chauffeur habe den Verstand verloren, denn wozu meldete er ihn seinem eigenen Hause an. Irene trat hasttg auf ihn zu und flüsterte: „Du darfst dich über nichts Wundern, das hängt alles mit dem Geschäft zusammen." Dann stellte sie Ottokar vor, betonte: mein Bruder. Ernestine Balz wurde dunkelrot, als Ottokar ihr die Hand küßte; so etwas war ihr noch nie vorgekommen. Graf Ponitzky kniff ein Auge zu und lächelte seltsam. Nora aber, von Angst erfaßt, Ottokar oder die Mutter könnten in ihrer Ahnungslosigkeit etwas anstellen, sagft hastig: „Wir wollen ins Speisezimmer gehen. Sie sind bestimmt alle hungrig. Herr Knapp", das war der einen Meter dreiundsiebzig große junge Mann—,„nehmen Sie sich Frau Wicklers an, sie sieht aus, als ob ihr ein Glas Sett gut täte." IV. Nun wurde die Stimmung gemütliche«. Nora atmete auf: alles schien gift zu gehen. Herr Knapp plauderte angeregt mit Margot Wickler, der arische Naturfreund ttank begeistert Sekt, Kicki Katzer kokettterft vergnügt mit allen Männern, und Ernestine Balz lachte glücksefig über Ottokars harmlose Witze. Plötzlich läutete es. „Das wird der Mann mit dem harmonischen Lebensabend fein", meinte Irene flüsternd. Huber ging öffnen, kam dann ein wenig betreten zurück. Irene merkte ihm an, daß, seiner Ansicht nach, etwas nicht in. Ordnung sei. Sie ging in den anstoßenden Salon und Huber folgft ihr. Dort stand, verlegen seinen Hut zwischen den Fingern drehend, ein kleines Männlein, schäbig, ängstlich, augenscheinlich überwältigt von der Vornehmheit der Villa. Das Männlein hatte gute blaue Augen und ein freundliches Gesicht; es war Irene sofort sympathisch. „Kommen Sie doch herein, Herr Kramer", sagte sie liebenswürdig.„Wir sind schon beim Abendessen." Das Männlein begann zu stammeln: „Also, die Sache ist so. Ich heiße nicht Kramer, Herr Kramer ist mein Vorgesetzter..." Das Männlein gab sich einen Ruck „Ja", sagte Irene ermuttgend. „Ich heiße Bitz, Theodor Bitz. Herr Kramer ist mein Vorgesetzter. Herr Kramer ist ein höherer Beamter. Und ich... ich bin nur... nur ein Gerichtsvollzieher." Um Gottes Willen, dachte Irene, werden wir schon gepfändet? Dann aber fiel ihr ein, daß um zehn Uhr abends bestimmt kein Gerichtsvollzieher kommt, und sie lächeüe Herrn Bitz abermals' ermuttgend an. „Die Karte, die Karte der gnädigen Frau Gräfin... Herr Kramer hat sie in den Papierkorb geworfen, das heißt, er wollte es tun, und da ist sie daneben gefallen, und ich habe sie aufgehoben. Ich kann Unordnung nicht leiden. Und dann habe ich sie auch gelesen..." „Ja?" „Und... und... ich möchte doch schon sett ein paar Jahren heiraten. Und aus der Karte ist nichts davon gestanden, daß man eine Vorauszahlung machen muß, da hab' ich mir gedacht... Aber jetzt sehe ich, daß ich nicht hieher passe: das ist mir zu fein." „Aber wenn Sie heiraftn wollen..." „Ja. Das will ich. Sehen Sie, mein gnädiges Fräulein, ich, ich sag's, wie's ist: ich werde drerundfünfzig, in zwei Tagen ist mein Geburtstag. Und wenn man so älter wird, nicht wahr, da spürt man die Änsam- keit. Immer in ein fteres Zimmer kommen, mein Hund ist mir vor vier Monaten gestorben, so ein liebes Tier und so anhäng- lich. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie der sich gefreut hat, wenn ich heimkam. Und dann ist er geswrben, an Altersschwäche." „Der Arme", sagte Irene etwas verwirrt, aber mit ehrlichem Bedauern. Und Irene zog Herrn Bitz fast mit Gewalt ins Speisezimmer. ' Sie stellte ihn vor, unterließ aber, seinen Beruf zu erwähnen. Er sollte sich nicht gleich alle Sympathien verscherzen. Vrmte Woche an. hatte im Pensionat darüber machen müssen), Hraf nur füy Frau Lehrend sie nicht loS, und Frau wie dreißig Jahre von ihr wieder ein junge- hübsches ' V. Nebel, der im Villenviertel der so schön weiß war, wurde immer und drückender, je näher Ernestine Namen zugelegt haben... Übrigens, gibt cs keine wirklichen Sternbachs mehr, die Ihnen draufkommen und protestieren können? Ich habe so das Gefühl, daß ich einmal von einem Grafen Ottokar Sternbach gehört habe. Wenn der erfährt..." Nora und Irene starrten Traf Ponitzky bestürzt an. „Ja, aber,..", stammelte Nora,„mein Mann, das heißt, mein geschiedener Mann..." „Lassen Sie das doch, schöne Frau, ich hab? sofort erkannt, daß Sie mit unserem liebenswürdigen Hausherrn nicht per« heiratet sind. Mir brauchen Sie doch nichts vormachen." „Ich verstehe Sie nicht, Graf Ponitzky, Ottokar ist doch wirklich mein Bruder", warf Irene ein. „DaS glaube ich gern, Die sehen einander ja auch ähnlich. Aver darauf kommt es nicht an. Der Name, ich fürchte, der Name ist unglücklich gewählt, Haben Sie einen Gothaschsn Adelskalender?" „Nein", entgegnete Nora hochmütig", -as haben wir nicht notwendig. Wir wissen ohnehin..." „Sehen Sie, das war der rechte Ton. Bei mir zieht das nicht, ist auch nicht nötig. Aber bei dM anderen. Sie werden es schon lernen. Ich nehme an, daß Sie noch nicht lange dieses Geschäft betreiben?" „Sagen Sie", fragfe er,„sagen Sie, Sie heißen doch nicht wirklich so? Sind doch nicht wirklich die Familie Sternbach?" „Natürlich, was denn haben Sie g«. „Und ich Esel..." Nun begann er zu lachen, schallend, übermütig. „Ich sehe gar keinen Grund zum Lachen", sagte Nora kalt, aber Irene unterbrach sie rasch, „Eigentlich ist e? ja ganz gleichgültig, wer Sie wirklich sind. Sie sehen jedenfalls sehr aristokratisch aus. viel aristokratischer als dieser gräßliche Herr von Ahler, Und wenn Sie ein Hochstapler sind, mein Gott, bei uns gibt es nichts zu holen, gar nichts. Wir sinh total pleite: die Elsterbank..." „Ach so,' ich verstehe, und dq haben Sie...?" „Meine Schwägerin", erklärte Irene, „Kat sich das ausgümcht. Wir können beide nichts verdienen, das heißt, ich werde später Tennisprofessional werden, aber das wird noch eine Weile dauern. Und Ottokar, der verdient eine jämmerliche Summe in einem Laboratorium. Nora hat geglaubt, wir könnten auf diese Art,.." „Daß können Sie auch", sagte Kasimir entschieden.„Natürlich können Sie es. Sie müssen es nur geschickter anfangen. Wie wäre es, wenn wir ein Kompaniegeschäft machten?" Irene war aufgestanden und strebte nach der Tür. „Wohin gehst du?" fragte Nora ängstlich. Sie wollte nicht mit dem Grafen allein bleiben. „Ich bin gleich wieder da", entgegnete die Schwägerin. „Schade", sagte Graf Ponitzky,„schade, daß dieses hübsche Mädel keine Kundin ist. Die würde mir gefallen." Das hübsche Mädel sucht« inzwischen in der Bibliothek eifrig nach einem kleinen grüngebundenen Buch; es war ihm ein seltsamer Gedanke gekommen. Endlich fand sie das Gesuchte, blätterte darin: L. M. NO. P... sie las dje eine Seite aufmerksam und begann von neuem zu lachen. Dann kehrte sie, das aufgeschlagen« Buch in der Hand, in den Salon zurück. „Wir haben ja doch einen Gotha", sagte sie vergnügt.„Ich sehe. Nora, daß deine Mutter ihn euch geschenkt hat, eS steht eine Widmung drin." „Daß ist. recht", sagte Graf Ponitzky. „Schauen Sie jetzt einmal nach, ob es nicht wirklich«inen Grafen Ottokar Sternbach gibt." „Das weiß ich, ohne nachzusehen. Aber ich habe etwas anderes entdeckt: sehen Sie her: Ponitzky, Ponitzky. katholisch, Maso- Wischer Uraoel: Ägenor Onufnus, geb. 164$, vermählt mitClementina GräfinKoratsch... Kinder... Im Mannesstamme erloschen. Sagen Sie, Graf Ponitzky, wie kann die Familie im ManneSstamme erloschen sein, wenn Sie..." Der Graf lachte. „Ich war eben vorsichtiger als Sie, meine Damen und der Ottokar, ich habe mir eine Familie ausgesucht, die nrcht protestieren mnn." „Wie, Sie sind. Sie.., heißen..." „Ich heiße augenblicklich Ponitzky, Cap- mir Ponitzky. Casimir ist übrigens echt." „Und Sie find?" „Dasselbe wie Sie, ein Hochstavler, ein Mensch, der davon lebt, daß er hübsch ist. tadellose Manieren hat, sich zu kleiden versteht, und daß dre Dummen nicht alle werden." Er verstummte und blickte betroffen auf die verwirrten Gesichter vor ihm. Langsam begann er etwas zu ahnen. Gezeichnet von Franz P I a C b y ..Ich habe mir eine Familie ausgesucht, die nicht protestieren kann.“ Der Stadt Balz dem großen alten Haus« kam, in dem sie bei der Frau Regierungsrat Leger ein möblierte- Zimmer bewohnte, Und Ernestines Schritte, die zuerst ganz leicht und flink gewesen, wurden schwerer und müdex. Zum ersten Male in ihrem Leben fiel ihr der Unterschied der beiden Viertel auf: das eine luftig, mit schönen Gärten, daß andere eng, di« Häuser dicht aneinander gepreßt, noch kein richtiges Armenviertel, aber doch schon eines, das nur mit Anspannung aller Kräfte den äußeren Anstand wahrt«, ängstlich auf das„Bessersein" bedacht, wie var- armte Mittelständler ihre Sonntagskleidung schonen,»m wenigstens an einem Tag in der Woche wie„jemand" auszusehen. Nora schüttelte heftig den Kopf. „Keine Angst. Gräfin, ich werde Sie nicht hineinlegen; ich lege nur Leute hinein, die zuviel Geld haben. Wir werden ehrlich zusammenarbeiten. Ehen stiften, Menschen glücklich machen und dafür Geld einstecken. Eine seltene Kombination." „Aber mein Mann, Ottokar.,.* „Dem brauchen Sie ja nicht zu sagen, wer ich bin. Da Sie es nicht wissen, wird Ihnen das nicht schlver fallen. Ich werde eine Zeitlang die Attraktion Ihrer Empfänge sein, der schöne, junge Graf, und wen.« die Sache einmal im Gang ist, heirate ich die Alte."’ „Aber das ist doch meine Mutter l" rief Nora. „Me, Ihre Mutter?" „Ja, uich sie hat kein Geld und.,»* „Und die glaubt, daß man sie ohne Geld heiratet?" Kasimir war ehrlich enfrüstet. „Sie denkt doch nicht daran", verteidigte Irene Frau Behrend.„Sie hat doch einen Mann; Noras Pater lebt." „Also hören Sie, auf das hi» mutz ich doch einen Kognak trinken, so etwas soll mir passieren! Den ganzen Abend mache ich einer ehrbar verheirateten Frau ohne Geld den Hofl DaS geht doch über die Hutschnur!" „Sehen Sie", neckt« Iren«,„auch Sie können noch etwas Zttlernen, nicht nur wir." Sie brachte den Kognak vam Nebentisch, und die drei stießen auf ein gutes Kompaniegeschäft Die Gäste benahmen sich kühl, äußerst Wenn Sie sich nun schon einmal diesen kühl. Der schäbige kleine Mann schien ihnen nicht zu gefallen. Herr von Ahler holte plötz lich ein Monokel aus der Tasche, kniff es ins Auge und fixierte Herrn Bitz mit hoch mütigem Staunen. Dann kehrte er ihm ostentativ den Rücken. Irene wurde wütend; sie goß Herrn Bitz ein Glas voll, bediente ihn, warf Ottokar einen bittenden Blick zu. Aber der hatte bereits das Be nehmen der anderen bemerkt. Er sagte einige entschuldigende Worte zu Fräulein Balz und setzte sich neben den schäbigen Man». „Ich freue mich ganz besonders. Sie bei uns zu begrüßen, Herr Bitz", sagte er viel lauter, als er sonst zu sprechen pflegte. Herr Bitz stammelte einige unzusammen- hangende Worte und trank in seiner Ber- kegenheit das Glas aus einen Zug leer. Herr von Ahler, der bisher Frau Margot Wickler kaum beachtet hatte, wandte sich ihr zu. „Es ist wirklich sthrecklich, wie heutzutage alle Rangunterschiede verwischt werden", erklärte er saft schreiend.(Er hatte schon fünf Gläser Sekt zu sich genommen.) „Das stimmt", sagte Irene bissig.„Man kommt mit Leuten zusammen, die nicht ein mal wissen, wie sie sich als Gäste in einem fremden Haus zu benehmen haben." Herr von Ahler ließ sich nicht ein schüchtern. „Früher wäre einem Offizier nicht zuge- mutet worden, mit Kreti und Piets zu ver kehren", sagte er. Irene zuckte die Achseln. „Ich komme auß Österreich, Herr von Ahler, da hat man mit dem Militär nicht so viel Geschichten gemacht. Wenn eine Familie drei Söhne hatte, so wurde der klügste Geistlicher, der zweitklügste, wenn er etwas skrupellos war, Dipwinat, und her dritte Offizier." „Deshalb hat auch Österreich im Welt krieg versagt", entgegnete Herr von Ähler wütend. Ottokars sanfte Stimme tönte auf, sehr leise, sehr liebenswürdig: „Darf ich Sie fragen, Herr von Ahler, bei welchem Regiment Sie während des Krieges gedient haben?" Herr von Ahler wurde rot, er blähte sich auf wie ein Spatz, der in einer Lache badet, und schwieg. „Oder haben Sie den Krieg im Hinter land mitaemacht?" fuhr die liebenswürdige Sttmme fort. „Ich war beim Train!" brüllte Herr von Ahler. y»uAch so... Eine sehr nützliche Institution, setze.". i...... -^Ottokar lächelte, lächelt« sg, daß Rora erschrocken dachte: Also, wenn ihm der wider liche Ker! jetzt«ine herunterhaut, so kann man es ihm wirklich nicht Übelnehmen. Nora setzte sich zu Herrn von Ahler und versuchte, ihn persöhnlich zu stimmen. Irene fragte den arischen Naturfreund über feine Bergbesteigungen aus und erzählte be geistert von einem Sonnenaufgang auf dem Matterhorn(sie einen Aufsatz Ponitzky hatte Augen: er ließ Behrend fühlte, abfielen und sie Mädchen war. Ottokar machte, total konfus über Noras Geschäftsverbindungen, den liebenswürdigen Hausherrn, schenkte Likör gläser voll, plaudert- mit Fräulein Kicki Kaher, die er, nach ihrer Eleganz zu schließen, für die Besitzerin eines Mode salons hielt, und ignorierte auf höfliche Art Herrn von Ahler, der, sein Geständnis von vorhin vergessend, Nora über seine Helden taten im Krieg berichtete, Im großen ganzen war es ein gelun gener Abend und alle versprachen, wieder zukommen. Herr Bitz küßte Nora und Iren« mit Tränen in den Augen die Hand, „Ich habe mich feit Jahren nicht so wohl gefühlt", beteuerte er.„Der Herr Graf, die Frau Gräfin, die Komtesse waren so gut zu mir. Und diese- Fräulein Balz ist reizend. Ich glaube ja nicht, daß ihr Hund sy klug war wie mein armer Fido, aber nur-in guter Mensch kann so viel von seinem Hund reden.". „Fräulein Balz kommt am. nächsten Sonntagabend wieder",' sagte Irene lächelnd.„Da dürfen wir doch auch Si« er warten, nicht wahr, Herr Bitz?" „Wenn es mir gestatte ist, gern." Die Gäste gingen, nur Graf Ponitzky blieb noch, obwohl Frau Behrend. plötzlich schläfrig geworden, sich zurückgezogen hatte. „So", sagte er,„jetzt sind wir unter uns. Jetzt können wir offen reden." Gras Ponitzky warf sich in einen Lehn sessel und blickte mit zugekniffenen Augen auf Nora und Irene. „Sie machen das schlecht, vor allem Sie, gnädiges Fräulein", sagte er.„Äon den Leuten, die hier waren, haben höchstens drei Geld: Frau Behrend, und die drei reserviere ich mir, Frau Wickler und dieser junge Idiot. Me heißt er nur? Knapp. Mit den anderen ist nichts anzufangen. Außerdem müssen Sie die Sache viel aristokratischer auftll'ben. Mehr Hochmut, meine Damen, nicht diese allgemeine LiebenÄvürdigkeit. L Wk'S A Z Ernestine begann sich langsam auszu- kleiden. Ihre Gedanken weilten noch bei dem schönen Abend, den sie verlebt hatte. Sekt, gute Speisen und Menschen, di« sie wie mne Dame behandelten... Wie jeden Abend, blickte sie auch heute, ehe sie die Lampe verlöschte, zum Bild der Ellern auf, das über dem Bett hing. Aber heute dachte sie seltsamerweise nicht„liehe" Elfern, sondern nur Eltern, nein, richttger, nur Vater und Brüder. Die kleine zarte Frau, die ihre Mutter gewesen, war ia ohnehin nur«ine blasse Erinnerung. Wie kann ein Mensch, der vor sechsundzwanzig Jahren gestorben ist, noch wirklich im Gedächtnis eines anderen weiterleben? Das Bild war vor dreißig Jahren ausgenommen worden; eine kleine Ernestine mit langen, braunen Zöpfen und großen ängstlichen Augen stand vor dem Pater, der die Hand auf ihre Schulter gelegt hatte. Franz, der jüngste, damals acht, lehnte sich au die Mutter, und Eberhardt stand stramm, eine kleine Flinte in der Hand. Sie war sechzehn gewesen, als die Mutter starb. Sie hatte den Haushalt tadellos geführt», hatte für die Brüder gesorgt, hatte aufgehört, ein eigenes Leben zu führen— mit sechzehn Jahren. Und jetzt, nut zweiundvierzia, fragte sie sich plötzlich, sie wußte selbst nicht, wie sie dazu kann bin ich eigentlich hübsch gelvesen? Hütte sch Erfolg haben, heiraten können, wie meine Schulkameradinnen? Sie wußte nicht. Für derlei Fragen hatte es in ihrem Leven keine Zeit gegeben. Erne Pierzimmerwohnung in Ordnung hakten, für die Buben sorgen, dem Vater alles recht machen, damit er. wenn er abends aus dem Dienst kam— er war Deanller, all das hatte ihre Kräfte völlig in Anspruch genommen. In den ersten Jahren hatte die kleine Ernesün« auf ein Lob gehofft, ein paar gute Worte; aber der Vater fand alles, was fix tat, selbstverständlich: Zucht und Ordnung im Hause,., das mußte sein. Aufstände im Reich, Rentenmark, Festigung der Währung; Ernestine saß zu Hauj«, machte Filetipitzen, hielt die Wohnung t» Ordnung. Die Jahre vergingest. Sie wurde älter, sie merkte es nicht, weil sie ui« jung gewesen war. Der Vater wurde pensioniert. Und ordnungsliebend wie er nun einmal war, traf ihn vier^hn Tuge nach seiner Pensionierung der Schlag. Ernestine weinte, weil man beim Tode des Vaters weint, das gehört Mr Zucht und Ordnung, dann gab si« die Wohnung auf, herkaufte die Möbel, kaufte Putzt, den Rehpintscher, und zog^u Frau Regierungsrat Leger. Sie machte weiter Filetspitzen und. fürchtete sich jetzt statt vor dem Vater, vor der Frau Regierungsrat. Sie lebte ohne zu leben, sie war nicht alt, sie war nicht jung, si« war kein Mädchen, sie war keine Frau, war ein geschlechtsloses Etwas, das am Morgeu aufstand, tagsüber Filetspitzen machte, vor her Frau Negierungsrat zitternd die Küche„benützte-", einmal wöchentlich auch das Bad, und abends müde und traurig zu Bett ging. Ihre einzige Freude war Putzt, der Hund. Der saß auf ihrem Schoß, während sie arbeitete, warm und lebendig, und hob manchmal den kleinen schtvarzen Kopf, um Ernestines etwas zu lange Nase zärtlich zu lecken. Als er starb, war es eine Katastrophe- Ernestine weinte, wie sie seit dem Tod der Mutter nicht geweint hott«; sie konnte tagelang nichts essen, und ihr einziger Trost war, daß der freundliche Tierarzt gestattete, Putzi in seinem Garten zu begraben. Der Tod de- kleinen Tieres schien in Ernestine etwas ausgelöst zu haben. Die stumpfe Ruhe wich von ihr, es fiel ihr schwer, ruhig zu sitzen, Wünsche und Sehnsüchte wurden in ihr wach. Unvermittell erkannte sie. daß es außerhalb ihrer vier engen Wände eine Welt gab. Sie sehnte sich nach Menschen, aber sie war viel zu schüchtern und ungelenk, um Bekanntschaften zu machen. Sie las die Zeitung, die die Frau Reglerungsrat hielt, und nachdem sie wochenlang den Annoncenteil studiert hatte, kam ihr der Gedanke, selbst zu annoncieren: vielleicht gab es in dieser Stadt einen Menschen, der ebenso einsam war wie sie, einen nicht mehr jungen Mann, den die weißen Strähnen in ihrem braunen Haar nicht stören werden, vielleicht«inen, der von Natur gezeichnet war,' ein wenig bucklig oder schielend, aber gut, freundlich, der sich nach Liebe sehnte. Und weil sie sich ihr ganzes ödes Leben lang halb unbewußt Frohsinn sind Freude gewünscht hatte, wählte ft« die Chiffre „Frohnatur". Sie hatte«ine Anzahl Antworte« bekommen, aber alle wollten eine junge Frau oder zumindest eine mtt einem kleinen Vermögen oder einer Wohnung. Ernestine verlor jede Hoffnung, da kam an die Zeitung die Karte, die Einladung auf Büttenpapier, und sie war hingegangen, zu diesen fremden, vornehmen Menschen, angstvoll, mll der Erwartung«in« neuerlicher Enttäuschung. Sie setzte sich plötzlich im Bett auf. Enttäuschung? Nein, ein herrlicher Abend, der schönste ihres Lebens... Wie Bunte Woche freundlich waren die Gastgeberinnen zu ihr gewesen, und-er Herr Graf... Ihre Wangen begannen zu glühen, der Herr Graf hatte ihr gesagt:„Sie haben wunderschönes Haar, gnädiges Fräulein, so seidig und weich..." ★ Herr Bitz hatte sich überlegt, ob er Fräulein Balz nach Hause begleiten sollte, "war aber dann zu befangen gewesen, um es ihr anzubieten. Trotzdem kehrte er vergnügt .heim und fühlte zum erstenmal nicht den kleinen stechenden Schmerz, der ihn sonst immer befiel, wenn er die Tür öffnete und kein Fido ihm entgegensprang. , Er lächelte vergnügt, als sein Blick auf die Weckuhr fiel: so spät, Theodor Bitz, du bist ein Lebemann, bummelst, aber in den feinsten Kreisen. Dann fiel ihm Herr von Ahler ein, und ein Schatten huschte über sein gutmütiges Gesicht. Wie der ihn behandelt hatte! Wie einen Schuhfetzen! Fast verging ihm die gute .Laune, als ihm etwas einfiel. Er trat zu dem Regal, wo feine„Bibliothek" stand: eine Bibel, noch von der seligen Mutter, die Werke von Wilhelm Busch, Goethe in einer Prachtausgabe, und ein Adreßbuch. Her Bitz zog das Adreßbuch heraus und blätterte darin. Jetzt hatte er den gesuchten Namen gefunden. Herr von Ahler, Reuterweg 3/TV. Herr Bitz lächelte zufrieden; das war feit drei Wochen sein Bezirk. Na, warte nur, du ekelhafter Kerl, eines schönen Tages tauche ich bei dir auf und klebe den Kuckuck an deine Möbel. Dann wirst du etwas höflicher sein. Er legte die Hose, sorgsam gefaltet, unter die Matratze, gähnte mächtig und dachte erfreut: „Nächsten Sonntag... ja, nächsten Sonntag..." Auch Frau Margot Wickler war zufrie-en. Dieser Graf Ottokar, ein reizender Mensch. Und Gräfin Sternbach, das klingt ja doch .schöner als Frau Wickler. Außerdem hätte der selige Wickler einen Bauch gehabt und war zwanzig Jahre älter gewesen als seine . Frau... Vielleicht wäre es doch besser, wieder zu heiraten. Na, das hat ja noch Zeit, sie kann es sich überlegen. Augenblicklich hat sie keine Rivalin. Diese Gräfin Sternbach, wie die wohl mit dem Ottokar verwandt ist? Wahrscheinlich eine Cousine, oder vielleicht eine angeheiratete Verwandte. Sie ist zwar hübsch und auch noch jung, aber sie kümmert sich nicht um den Grafen, überhaupt nicht. Bestimmt hat sie schon einen Mann... Und die anderen... Frau Margot lachte, weder die Alte, noch dieses ällliche Fräulein Balz, noch Fräulein Kicki Katzer kommen in Be° kracht. Wenn sie, Frau Margot, will, ist sie in kurzer Zeit Gräfin Sternbach... Wieviel Prozent verlangen diese Leute eigenüich? Wohl fünf; ein bißchen viel, aber sie hat es ja, bei ihr kommt es, Gott sei Dank, nicht aüfs Geld an. Sie klingelte ihrer Zofe und ließ sich ausziehen. Ihre Gedanken aber beschäftigten sich noch immer mit dem Empfang bei-en Sternbachs. Nur nichts übereilen; vielleicht kommen noch bessere Partien hin; Fürsten... Aber auch dieser Graf Ponitzky ist nett, sehr vornehm, er wirkt sogar aristokrattscher als Ottokar... Nur zu dunkel, sie braucht einen blonden Mann, als ' Folie... Nächsten Sonntag wird sie das neue Abendkleid anziehen; heute war sie ihrer Sache nicht sicher, das Kleid hätte zu elegant fein können. Und auch die Rubinkette wird sie umlegen... und... »Ja, Frieda, gute Nacht, Sie können schlafen gehen. Ich brauche nichts mehr. Wecken Sie mich morgen erst um zehn." ★ Herr Knapp brachte Fräulein Kicki Katzer nach Hause, und die junge Dame stellte zufrieden fest: „Du bist ein Kavalier, du laßt dich nicht lumpen." Was dem verlegenen jungen Mann, ' einen Meter dreiundsiebzig groß, sehr Wohl tat. Er hatte es gern, wenn man ferne Verdienste anerkannte. ★ Inzwischen saß der arische Naturfreund, Herr Gedecke, in der„Blauen Bar" unwartete auf-en Grafen Ponitzky. Der hatte ihm beim Abschied gesagt: „Sie gehen doch besttmmt noch nicht fchlafen? Ich sehe Ihnen an, daß Sie ein Bummler und. Wissen Sie was? Ich habe nur noch einiges mit den Damen zu besprechen. Erwarten Sie mich in der»Blauen Bar«, ich komme nach, und dann können wir uns noch ein wenig unterhalten." Die„Blaue Bar" hatte zwar wenig mit Natur zu tun, aber Herr Gedecke hatte andererseits noch nie mtt einem Grafen ge» bummelt. Er versprach, Kasimir in der Bar zu erwarten und trank dort einige Cocktails, waS seine Sttmmung hob und seinen Verstand leicht schwächte. Als Kasimir kam, war der arische Naturfreuend zwar nicht betrunken, aber doch etwas beschwipst. Die beiden Männer plauderten eine Weile, Kasimir erzählte Anekdoten, Wer die der andere gröhlend lachte. Das Lokal wurde allmählich leer. Die Kellner schoben lärmend die Sessel zusammen; sie gähnten verstohlen und sehnten sich nach ihrem Bett. „Gleich werden wir an die Lust befördert", sagte Kasimir. ,;Schade, wir sitzen so gemütlich beisammen. Sie sind ein ausgezeichneter Gesellschafter, lieber Gedecke, ich habe seit langem nicht so gelacht, wie Wer Ihre Witze." Und Gedecke, der kaum ein Wort gesprochen hatte, glaWte unerschütterlich, daß er diesen Weltmann, diesen vornehmen Kavalier, der Werall herumgekommen war, so gut unterhalten habe. „Ja, schade", erwiderte er. „Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Wir gehen zu mir ins Hotel, trinken noch einen Whisky und'Soda und machen, wenn Sie Lust haben, ein Spielchen." „Gemacht:" Sie ttanken mehrere Whisky mit Soda, das heißt, Herr Gedecke tat es; Kasimir begnügte sich mit dem Soda. Und dann machten sie ein Spielchen, und Kasimir war verzweifelt, weil sein lieber Freund, dieser famose Gedecke, immer wieder verlor. Aber besttmmt hatte er heute eine Eroberung gemacht, daher das Pech, diese kleine, blonde Komtesse... „Glauben Sie wirklich?" stagte der arische Naturfreuend.„Das würde mich freuen. Das ist so mein Typ. Blond, Nach dem Frühstück hatte Ottokar unvermittelt und in einem bei ihm völlig ungewohnt energischen Ton erklärt: „Ich muß mit euch sprechen." Sie gingen in Noras Zimmer, und während Nora und Irene sich setzten, ging Ottokar nervös und ungeduldig auf und ab. Offensichtlich suchte er nach den richttgen Worten. Schließlich sagte er: „Ich will mich ja nicht in deine Angelegenheiten mischen, Nora, aber diese Leute gestern abend, die passen mir absolut nicht..." „Man kann sich seine Geschäftsverbindung nicht aussuchen,, lieber Ottokar." Er zuckte die Achseln. „Möchtest du mir nicht erklären, was für ein Geschäft du eigentlich betteiben willst?" „Es... eS ist noch nicht so wett...", stammelte Nora. „Wozu brauchst du diesen gräßlichen Herrn von Ahlers? Und diese ordinäre kleine Frau Wickler? Und dann diesen Talmi-Grafen?" Irene und Nora blickten einander erstaunt an. „Warum sagst du Talmi-Grafen?" stagte Irene.„Wie kommst du auf die Idee?" „Aber, liebes Kind, das merkt man doch sofort. So aristokratisch wie der, ist kein wirklicher Aristokrat." Gezeichnet von Franz Flach» Nora schluchzte herzzerreißend... germanisch, kein Tropfen stemdrassigen Blutes i.. Wieviel schulde ich Ihnen..." „Zweihundert, lieber Gedecke." „Ich habe leider nur hundert bei mir. Aber morgen, in aller Früh..." „Aber ich bitte Sie, es eilt doch nicht.' Wir werden noch öfters zusammen bummeln, und auch ein Spielchen machen. Ich bin Ihnen doch eine Revanche schuldig..." Kasimir führte den Leichttaumelnden bis zum Fahrstuhl und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter. „Sie find mir ja so sympathisch, lieber Gedecke, so sympathisch..." Wieder in seinem Zimmer angelangt, lachte er leise vor sich hm: „Wenn ich bedenke, wie ich heute Abend hineingefallen bin, unglaublich. Aber wenigstens habe ich zweihundert Mark eingenommen. Und auch das andere, damit kann man ebenfalls ganz schön verdienen. Es muß nur Schwung in die Sache kommen, Schwung. Na, und dafür werde ich sorgen." Er ging ins Badezimmer und ließ Wasser in die Wanne lausen. Während sie sich füllte und der Dampf sich langsam durch den Raum zog, machte er trotz der späten Stunde Turnübungen; ein Hochstapler muß vor allem auf seine Gestalt bedacht sein. Im Bett griff er nach einem Band Gedichte; er liebte Lyrik, und außerdem machte sie ihn schläfrig. VL Kasimir war ein vollendettr Gentleman; trotzdem er nun wußte, daß Frau Behrend keine steinreiche Witwe, sondern die ehrbare Frau eines schlecht verdienenden Arztes war, holst er sie dennoch zur verabredeten Autofahrt ab. Freilich nicht für einen Tagesausflug, sondern nur für eine Fahrt von zwei Stunden; die brave Frau war auch damit zustieden. Während sie, bequem in die Kisten zurückgelehnt und erstellt den liebevollen Worten ihres neuen Freundes lauWend, Wer die glatte Sttaße fuhr und hin und wieder einen Blick auf die golden schimmernde Herbstlandschaft warf, verlebten Nora und Irene eine unangenehme Stunde. „Aber..." „Er ist ein hWscher Mensch, und wenn jemand hübsch ist, so merkt ihr Frauen den Schwindel nicht. Aber ich sage euch: das ist ein Hochstapler. Der wird euch Hineinstgen." „Gerade der nicht", platzte Irene heraus. „Die anderen", fuhr Ottokar unbeirrt fort,„gehen ja noch an. Dieses kleine Fräulein Balz benimmt sich wie eine Dame, und Herr Bitz ist sehr sympathisch. Auch der lange junge Mann scheint nur harmlos und dumm zu sein." „Und Fräulein Katzer?" stagte Irene, die ttotz der peinlichen Lage mit dem Lachen kämpfte.„Was sagst du zu Fräulein Katzer?" „Eine ganz nette Person; wohl die Besitzerin eines Modesalons. Mit der könntest du, Nora, dich vielleicht zusammentun, bei deinem guten Geschmack." „Wenn eine Frau nur hübsch fft", wiederholte Irene in anderer Fassung die Worte des Bruders,„dann merkt ihr Männer nichts." Nora warf ihr einen warnenden Blick zu. „Jedenfalls wünsche ich in meinem Haus derartige Empfänge nicht", sagst Ottokar energisch. „Deinem Haus?" stagte Nora.„Dst Villa gehört doch mir." Ottokar blickte sie betteten an. „Enffchuldige, das hatte ich ganz vergessen." „Ich werde empfangen, wen ich will." Noras Stimme klang gereizt. Es ist unangenehm, wenn ein Mensch plötzlich weit weniger harmsts ist, als man geglaubt hat. „Dann mußt du eben gestatten, liebe Nora, daß ich mich von deinen Empfängen fernhalle." „Das geht nicht, du mußt dabei sein, der Geschäfte wegen." „Ich mache nicht bei Geschäften mit, von denen ich nichts weiß." „Aber Ottokar!" rief Irene hasttg, um den Bruder abzulenken,„wie kannst du in einem solchen Ton mit deiner Frau reden." „Sie ist nicht mehr meine Frau." „Also eure Familienverhaltnistek" Ire« seufzte.„Erst sprichst du mtt ihr wie ein deutscher Gatte, und dann ist sie wstder nicht deine Frau!..." „Du hast recht, Irene, selbstverfiändllch habe ich hier nichts zu sagen. Vielleicht wär» es doch besser, wenn ich mir irgendwo ein möbllersts Zimmer nähme." Irene sprang von ihrem Sessel auf und eille zu der Schwägerin. Sie beugst sich Wer Nora, die hilflos dasaß, und flüsterst ihr zu: ^Heul, du Schaf, heul, das ist unsere einzige Rettung, das kann Ottokar nicht sehen. Wart doch nicht so lange, heul!" Nora vergrW eilig das Gesicht in den Händen, und weil sie Wer Ottokars Ein- mischung aufrichtig erschrocken und etwas nervös war, begann sie tatsächlich zu weinest. Irene streichelte beruhigend ihr Haar und blickte den Bruder zornig an: „Ich schäme mich für dich, Ottokar. Wie du dich benimmst! Die arme Nora! Erst bettügst du sie, dann verlierst du ihr ganzes Geld, und j«tzt mißhandelst du sie auch noch!" Ottokar hatte seine Frau noch nie weinen gesehen. Er erschrak und kam sich wie ein Rohling vor. Außerdem hätte er gern die Rolle des Trösters Wernommen, die Irene zufiel. Die schlang beide Arme um dst Schwägerin: „Arme kleine Nora, armes Kind. Also, daß Ottokar sich so benehmen kann, das hätte ich nie geglaubt." Nora, einmal ins Weinen gekommen, schluchzte herzzerreißend. „Ich... ich gebe mir alle Mühe, um uns Wer Wasser zu hatten... und du... und du..." „Es war doch nicht so gemeint, Nora. Verzeih mir, wenn ich mich falsch ausgedrückt habe..." Nora lehnte den Kopf gegen die Schuller der Schwägerin. „Ich tue, was ich kann, und du willst mir nicht helfen, du läßt mich im Stich..." „Ich bitte dich, Nora, weine nicht, nur das nicht. Ich wollte euch ja nur warnen..« Ihr wißt ja nichts von der'Wett..." „Um so mehr bedürfen wir deiner Hilst", sagte Irene schroff. Und dann hotte sie ein kstines Taschentuch hervor und wischte sich die Augen. „Daß ich erleben muß, wie mein BrWer, den ich immer für eine wirklich vornehme Natur gehalten habe..." Ihre Stimme erstickst. Ottokar blickte hilflos auf die beiden weinenden Frauen. „Bitte, weint nicht mehr", flehte' er. „Ich habe unrecht, ja, ich gebe es zu. Nora, ich werde tun, was du willst, nur weine nicht mehr." Nora schluchzte weistr. „Du wirst an den Empfängen, die eine rein geschäftliche Angelegenhett find, weiter teilnehmen?" fragst Irene mit zttternder Stimme. „So, ja, alles, was ihr wollt, nur bitte weint nicht mehr." „Und du wirst mtt allen Leuten liebenswürdig sein?" Irene schneuzst sich laut. „Ja, ich werde liebenswürdig sein. 9tota, ich bitte dich..." „Und wirst deine arme Frau, dst nicht deine Frau ist, nicht mehr mißhandeln?" „Ich habe sie doch gar nicht mißhandelt", versuchte Ottokar sich zu rechtfertigen. „Es gibt auch seelische Mißhandlungen", sagst Irene stteng,„dst wett ärger find als körperliche. Und Nora ist doch so empfindlich, ein Nichts wirst sie um. Willst du sie töten, Ottokar?" Ottokar, der in den zwei Jahren seiner Ehe nichts von Noras Empfindsamkeit gemerkt hatte, starrte die Schwester erstaunt an. Diese Frauen haben ja doch einen un- glaWlichen Instinkt; Irene hat in einigen Wochen Nora besser kennengelernt als er in zwei Jahren. „Verzeih mir", bat er, ehrlich erschüttert. „Alles soll nach deinem Willen geschehen.'" Nora hob ihm das stLnenfeuchst Gesicht entgegen. „Danke, Ottokar. Du weißt ja gar nicht, wie mich dein Mißttauen geschmerzt hat." „Und jetzt geh", sagte Irene.„Du hast für heute genug Unheil angerichtet. Es ist auch bester, du kommst zum Mittagessen nicht nach Hause. Iß in irgendeinem Restaurant. Aber in einem billigen", fügte sie boshaft hinzu.. Ottokar küßte Nora reuig dst Hand und ging. Er war den ganzen Tag versttmmt und machte sich Vorwürfe. Wie hatte er Nora so verkennen können: eine empfindsame Frau, und er, er, der sich so vstl auf sein Zartgefichl einbildet, hat sie seelisch mißhandelt! Der Gedanke war ihm so unerttäglich, daß er das Geld für das Mütagesten sparte und nicht einmal in einem billigen Restaurant aß; der Appetit war ihm vergangen... (Lesen Sie weiter— in der nächsten.Bunten Woche“) Bunte Woche UM MM Vis» HI. Heumarkt 9 JiWi-grib« Brillenschlangen im Vorderschiff Von VOLKMAR IRO Der Frachldampfer„Colombo" war schon vier Wochen mit einer Ladung Reis und leerer Fäffer von Bombay nach Triest unterwegs, als ich im griechischen Hafen PatraS an Bord des ! einzig« freie Kabine war zwar reichlich eng und neben mir schnarchte der zweite Steuermann wie ein Baggerwerk, aber sonst war das schiff peinlich sauber, auch das Affen war nicht schlecht und nur eine größere Anzahl von unheimlichen Paffagieren behagte mir nicht: Wir hatten Giftschlangen an Bord! Zwei grotz«. flache Kisten und ein« kleinere 'Aste standen unter einer Luke des Vorderdecks auf den leeren Weinfässern. In den flachen Kisten befanden sich in Holzfächern etliche Dutzend grober Konservenbüchsen, die verlötet und mit Luftlöchern versehen waren. Statt kaliforni- Fjf/ scher Pfirsiche enthielten sie aber klein« indische Vipern und Baumschlan- gen, während in der dritten as Kiste zwei große Kobras nach aP Europa reisten. Man konnte die beiden Schlangen durch ein kaum handgroßes, doppeltes Glasfenster gut beobachten, sie lagen trag in einer Ecke und kümmerten sich nicht um die Spähe der Mannschaft, di« mit den Fingern an das Glas klopften und die Kobras vergeblich zu reizen versuchten. , Diese ganze Schlangenmenagerie war vor der Einschiffung mit Ratten oder Mäusen gefüttert worden, die Schlangen waren einwandfrei gesichert und es wäre nie jener böse Zwischen fav eingetreten, wenn nicht zwei Heizer eine verstohlene Schlangenfütterung veranstaltet hätten. Sie warfen drei Ratten durch das Fenster in die Kist« der Kobras. Beobachteten, wie zwei Ratten von den Schlangen sofort verspeist wurden und wollten am folgenden Morgen nach der dritten Ratte sehen. Aber da war schon dem Kapitän gemeldet worden, daß die Brillenschlangen durch ein großes Loch aus der Kste geschlüpft waren. Die Heizer mutzten jetzt ihren dummen Streich bekennnen und bekamen vom Kapitän keine Liebenswürdigkeiten zu hören, denn«s war klar, daß di« dritte Ratte in ihrer Todesangst ein Loch durch das Holz genagt und so den Schlangen zur Freiheit verhalfen hatte. Die ganze Besatzung wurde sofort zum Suchen befohlen. Feder Winkel en der Nähe der Kisten wurde vorsichtig durchstöbert. I» meiner Kabine, die kaum zwanzig Schritt« von den Kisten entfernt war, wurde das Bett und das VcniilationSrohr durchsucht, beim zweiten Steuermann wurde eine Holzwand der Kabine auf» geriffen, da«^ behauptete, datz es nach Schlangen rieche. Man suchte vergeblich einen ganzen Tag lang und di« Stimmung wurde immer ungemütlicher. Die Mannschaft weigerte sich, in den vorderen Laderaum hinunter zu steigen, da nle- mand' einen tödlichen Schlangenbiß riskieren wollte, der Kapitän schrie wie toll und befahl eben, auch während der Rächt weiler zu suchen. Plötzlich stürzte ein Kohlentrimmer mit einer neuen Schreckensmeldung in das Steuerhaus: Er hatte deutlich bei den Fäffern im vorderen Laderaum Hilferufe gehört! Vom Koch bis zum Kapitän lief nun alles zu der breiten Luk« über den Fäffern und horchten gespannt. Man hörte zwar keine Hilferuf«, aber immer wieder dumpf« Klopfzeichen. Es klang, als ob mit einem harten Gegenstand gegen eine Fäfferwand geschlagen würde. Fetzt mutzte di« ganz« Besatzung auf Deck an treten. Kein einziger Mann fehlte. Auch wir füns Paffagiere waren vollzählig. Die Klopfzeichen tonnten also nur von einem blinden Passagier kommen, der sich unten zwischen den Fäffern versteckt und wahrscheinlich Bekanntschaft mit den Kobras gemacht hatte! Mit Scheinwerfer«, elektrischen Taschenlampen, Pistolen und derben Stöcken stieg bald «in halbes Dutzend Matrosen hinunter, der Kapitän voran. Der Steward und ich folgten als Schlachtenbummler. Fe tiefer wir kamen, um so deutlicher wurde das Klopfe», dann rief der Kapitän in di« Finsternis hinüber. Sofort meldete sich eine heisere Stimme: Httfei Hilfe! Eine Brillenschlange! alten Kastens ging. Das grauenhafte Entsetzen dieser Stimme forderte raschesten Beistand, aber es schien fast unmöglich, dem Mann zu helfen. Denn die hohen Fäffer standen so eng beieinander, daß kaum Platz war, um sich unten liegend durchzuzwängen, man hatte in dieser Enge nicht einmal den Arm frei, um gegen das Reptil loSzu- schlaqen. Der Mana schrie jetzt wie toll, während der Kapitän seine Leute fragte, ob sich einer freiwillig melde, um den Schwarzfahrer zu retten. Ein Leichtmatrose hob die Hand. Ein schlanker, schwarzhaariger Dalmatiner. Er band sich ein« elektrisch« Taschenlampe an die Stirne und eine zweite an die Brust,»ahm in jede Faust eine« Prügel und kroch zwischen di« Fäffer. Wir hörte» bald, wie er sich mit dem Schwarzfahrer verständigte, der ihm die Lage der Kobra genau erklärte. Sie befand sich vor dem Fatz, in dem er satz und war kaum zwei Meter von ihm entfernt. Sie lag schon die ganze Rächt dort und wich nicht vo» der Stell«. Der Dalmatiner fragte ihn, ob er Streichhölzer bei sich habe und befahl ihm, ein Streichholz nach dem anderen anzuzünden, um die Aufmerksamkeit der Schlange abzulenken. Dann blieb eine Weile alles ruhig. Plötzlich ein wilder Schrei. Ein Stock hämmerte zwischen den Fäffern. Wir horchten mit angehaltenem Atem. Immer wieder das Hämmern. Endlich ei» zufriedener Ruf: „Sve dva— alle zwei!" Nach fünf Minute» kroch zuerst der Dalmatiner, dann hinter ihm der Schwarzfahrer zwischen den Fäffern heraus. Der Bursche klappte, kaum aufrechtstehend, wie ei» Taschenmesser zusammen und kam erst nach einem Kognak in der Kajüte de» Kapitän» wieder zu sich. Er war ein arbeitsloser Mctzgergehilfe aus Bayern, war auf einer Zille über die Donau zum Schwarzen Meer hinuntergefahven, hatte sich dann über Syrien und Palästina nach Ägypten durchgeschlagen Und trat schUetzlich in Alexandrien die^schwarze Rückfahrt nach Trieft an. Man hätte»yr» nie entdeck:, wenn nicht in der vergangenen Nacht plötzlich eine Kobra vor seinem Fatz aufgetaucht wäre, al» er eben beim Schein eines Kerzenstummels eine Solopartie Tarock spielte, um sich die Zeit zu vertreiben. Die Schlange witterte das Trinkwaffer, das ihm ein Kohlentrimmer, der mit ihnr im Einverständnis war, vor das Fatz gestellt hatte. Sie rollt« sich bei dem Waffertopf zusammen und er hatte keine Ahnung, daß sie nach der ausgiebigen Rattenmahlzeit viü zu faul war, um gegen ihn loszugehen. Di« zweite Kobra konnte er nicht sehen, da sie«in Stück entfernt lag, die Todesangst vor der einen Kobra hatte ihm aber reichlich genügt. Der Metzger schaufette nach diesem Schlangenabenteuer noch zwei Tage fleitzig Kohlen und verschwand dann in Trieft ebenso unauffällig, wie er an Bord gekommen war. Eine Königin amüsiert sich Der wunde Punkt blutet, brennt,schmerzt beim Gehen und Sitzen,roubt den Schlafl Sind••HAmerrholdanl Verlangen Sie sofort kostenlose Aufklärung. An die BATHAUS-APBTHUtß. Wien I. SIMISRHSS« 1U/B.W.4. Senden Sie kostenlos die wissenschaftliche Broschüre „Die JMaorrlioiftn und ihre tek&aiphw*. Name:— Adresse fa iflw Apotheken. eriyUiUch. gut tut, wen» jeder davon redet und raunt—, ist vernarrt in Schmuck- Nie kann sie widerstehen, wenn dies« geschickten und geschmeidigen Juweliere, diese aus Deutschland zugewanderten Juden Böhmer und Baffenge ihr auf samtene» Platten ihre neuesten Kunstwerke zeigen, zauberhafte Ohr- und Fingerringe und Schließe»». Außerdem machen diese braven Männer ihr de» Kauf niemals schwer. Sie wiffen, eine Königin vo» Frankreich zu ehren, indem sie ihr zwar doppelte Preise anrechnen, aber Kredit gewähren und ihr allenfalls die alten Diamanten zur Hälfte des Werte» in Abzug bringen; ohne da» Herabwürdigende solcher Wuchergeschäfte zu bemerken, macht Maria Antoinette nach alle» Seiten hin Schulden— im Notfall, sie weih es, springt der sparsame Gatte ein. Diamanten koste« Geld, Toilette» kosten Geld, und obwohl gleich nach dem Regierungsantritt der gutmütig« Gatte seiner Frau die Apanage verdoppelt hat, diese reich gefüllte Schatulle mutz doch irgendein Loch haben, denn immer herrscht dort erschreckende Ebbe. Die Ierstörrmg der Legende van Maria Antoinette Von Stephan Zweig Kaum eins zweite Königin der Weltgeschichte hat so oft den Stoff rührseliger Legenden abgegeben, wie die'lochter Mariä Theresias, die als Gattin Ludwigs XVI, von Schönbrunn nach Versailles übersiedelt war und dort an der Seite ihres Mannes ein bnndes, tolles Luxusleben führte, so lange, bis der große Volkssturm der Französischen Revolution losbrach, in dem auch Ihr Haupt unter dem Fallbeil fiel. Die Legende von der„hochherzigen, gütigen Königin, die der Wut des Pariser Pöbels zum Opfer fiel“, hat Stephan Zweig in seinem soben erschienenen meisterhaften Buch„Maria Antoinette, Bildnis eines mittleren Charakters.“(Insel-Verlag) gründlich zerstört Auf Grund historischer Quellen zeichnet er das Porträt dieses„leichtsinnigen und hemmungslosen Geschöpfes“, das während der furchtbarsten Hungersnot in Paris keine andere Sorge kannte, . als die um ihre Toilette, ihre Frisur, ihren Vergnügungstaumel. Stephan Zweig schildert Maria Antoinette, wie sie zur Zeit, da in Paris die Menschen Hungers starben, ihren.Tag verbrachte. Was ist die erste Sorge einer Rokokokönigin, wenn sie morgens in ihrem Schloß von Versailles erwacht? Die Berichte aus der Stadt aus dem Staat? Die Briefe dex Gesandten, ob die Armeen gesi«gt haben, ob man den Krieg an England erklärt? Keineswegs. Maria Antoinette ist wie gewöhnlich erst um vier oder um fünf Uhr morgens heimgekehrt—, sie hat nur wenige Stunden geschlafen, ihre Unruhe braucht nicht viel Ruhe; mit wichtiger Zeremonie beginnt jetzt der Tag. Di« Oberzofe, der die Garderobe untersteht, tritt mit einigen Hemden, Taschentüchern und Handtüchern zur Morgentoilette ein, ihr zur Seite die erste Kammerfrau. Diese verbeugt sich und reich« einen Folianten zur Ansicht, in dem mit Stecknadeln klein« Stoffmuster aller in der Garderobe vorhandenen Toiletten eingeheftet find. Maria Antoinett« hat sich zu entscheiden, welch« Roben sie heute anzuziehen wünscht Welch« schwierige. verantwortungSreiche Wahl! Denn für jede Saison sind zwölf neue Staatskleider, zwölf Phantasiekleider, zwölf Zeremontenkkeider vorgeschrieben, die hundert anderen gar nicht zu zählen, die alljährlich neu angeschafft werden(man erdenke di« Schmach, eine Königen der Mode würde etwa dieselben Roben mehrmals tragen!). Die Wahl dauert gewöhnlich lange: schließlich werden mit Stecknadeln die Proben der Toiletten bezeichnet .welche Maria Antoinette für heut« wünscht, das Staatskleid für den Empfang, das Deshabillt für den Nachmittag, das große Kleid für den Abend. Die erst« Sorge ist erledigt und das Buch mtt de» Stoffprobe» wird hinaus-, die gewählten^ Robe» werden im Original hereingebracht. Leonards härene Wochenschau. Zweite Sorge jedes Morgens: di« Frisur. Glücklicherweise ist hier ein hoher Künstler zur Stell«, Herr Läonard, der unerschöpfliche und unübertreffliche Haarkünstler d«S Rokoko. Als großer Herr fährt er sechsspännig jeden Morgen von Pari» nach Versailles, um mtt Kamm, Haarwäffern und Salben feine edle und täglich neue Kunst an der Königin zu erprobe». Herr Löonard baut über der Stirn jeder Frau von Rang, die auf sich hält, ganze Türme von Haaren auf und modelliert das hochgeftränbte Gebilde zu symbolffchen Ornamenten. Mtt riesigen Haarnadeln und kräftiger Verwendung vo» starrer Pomade werden zunächst di« Haar« von der Wurzel her über hi« Stirn kerzengerade aufgebäumt, etwa doppelt so hoch wie eine preußische Grenadiermütze, dann erst, im luftigen Raum, einen halben Meter über der Augenhöhe, beginnt da» eigentliche plastische Reich des Künstlers. Richt nur ganze Landschaften und Panorameu mit Früchten, Gärten, Häusern und Schiffen, mtt bewegtem Meer, eine farbige Allerweltsschau wird auf diesen.Poufs" mtt dem Kanim modelliert sondern um die Mode recht abwechslungsreich zu machen, bilden diese Plastiken jederzeit daS Geschehnis deS Tage» symbolisch nach. Alle», waS diese Kolibrigehirne beschäftigt» was dies« meist hohlen Fxauenköpfe füllt, mutz auf dem Kopf dargestevt werde«. Wird der König gegen die Pocken geimpft, prompt erscheint dieses aufregende Tagesereignis als„Pouk cks L’inoculation". Kommt der amerikanische Aufstand iu die Mode, gleich wird die„Frciheits- coifsüre" die Siegerin der TageS, aber noch niederträchtiger und dümmer: als die Bäckerläden von Paris während der Hungersnot geplündert werden, weih diese frivole Hofgesellschaft nichts Wichtigeres, al» das Ereignis in den»koanots äs la rövolte" zur Schau zu tragen. Diese Kunstbauten über leere» Köpfen übersteigern sich immer toller. Allmählich werden di« Haartürme, dank massigerer Unterlag«« und künstlicher Strähnen, so hoch, daß die Damen damtt nicht mehr in ihre» Karaffen sitzen kön»«n, sondern mit aufgehobenen Röcken knien muffen, sonst würd« da» kostbare. Haargebäude an die Wagendecke stoßen; die Türrahmen im Schloh werden höher geschnitten, damit die Damen in großer Toilette sich nicht immer beim Durchschreiten zu bücke» brauche», di« Decken in den Theaterloge« werden aufgewölbt Welche besonder« Peinlichkeit«» diese überirdischen Schöpfe gar den Liebhabern dieser Damen bereite», darüber findet ma» mancherlei Ergötzliche» in de« zeitgenöffischen Satire». Aber wen» es ein« Mod« gilt, fi»d die Frauen bekanntlich zu jedem Opfer bereit und die Königin ihrerseits bildet sich offenbar«in, nicht wirklich die König»» zu sein, wen» sie nicht alle diese Tollheiten qmführt« oder überböte, Ihre Majestät, die Falschspielerin Dritte Sorge: Kann man immer ander», arttg angezogea sein, ohu« de» entsprechenden Schmuck? Reim«in« Kömgin braucht größere Diamanten, dick?« Perlen al» alle«»»deren. Sie braucht mehr Ringe urrd Reifen und Armbänder und Diademe und Haarkrtten und Edel- steil»«, mehr Schuhspangen oder Diamanteinfassungen für die von Fragonard gemalten Fächer al» die Frauen d«r jüngere» Brüder de» König», al» alle anderen Damen de» Hofe». Zwar hat sie schon vo» Wien reichlich D-amaaten mitbekommen und von Ludwig XV. zur Hochzeit eine ganze Kaffette mtt Familienschmuck. Aber wozu wäre man König!»», wenn nicht mm immer ne«, schönere und kostbarer« Steine zu kaufen? Maria Antoinette, jeder ivettz die» in Versailles — und ol wird sich bald zeige», datz r» nicht Wie also Geld beschaffen? Für die Leicht, sinnigen hat glücklicherweise der Teufel ein Paradies erfunden: Das Spiel. Bor Maria Antoinette galt das Spiel am Königshof noch als unschuldig« Abendunterhaltung, etwa wie Billard oder Tanz: man spielte das ungefährlich« LqnSquenet mit kleinen Einsätze»». Maria Antoinette entdeckt sich und den anderen daS berüchtigte Pharao, das wir von Casanova al» das erlesene Jagdfeld aller Gauner und Schwindler kennen. Zur Belebung des Geschältes und zur Steigerung des Umsatzes gewährt die Königin jedem Beliebigen, der Geld in die Bud« bringt, Zutritt zu ihrem grüne» Tisch; Schlepper und Schieber drängen sich heran, es dauert nicht lquge urrd man spricht in der Stadt die Schänd« herum, datz in der Gesellschaft der Königin falsch gespieü werd«. Aber Kleider, Putz und Spiel, das beschäftigt nur den halben Tag, die halbe Nacht Eine andere Sorge macht mit dem Uhrzeiger de» doppelten Stundenkreis: Wie amüsiert man sich? Man reitet au», man jagt, uralte». fürstliches Vergnügen; allerdings begleitet man dabei, er ist ja so sterbenslangweilig, selten den ebenen Gatten, sondern wählt lieber den muntere« Schwager d'Artois und andere Kavaliere. Ma»»chmal reitet u»an auch zum Spatz auf Eseln, das ist zwar nicht so vornehm, aber man kann, penn ein solcher grauer Bursche bockt, auf die bezauberndste Weise herunterfallen und dem Hof die Spitzeudeffou»«Nd«ohlgeformten Beine einer Königin zeigen. Im Wtnter fährt man, warm eingepackt, im Schlitten spaziere»», im Sommer belustigt man sich abends an Feuerwerken und ländlichen Bällen, an kleine« Nachikonzerten im Park... Das billigste Weihnachtsgeschenk Unser Kalender 1933 Das reichhaltigste und verbreitetste Jahr, buch. 128 Setten stark. In Kupfertiefdruck hergestellt Mit 37 Photos und 35 Zeichnungen und Karikaturen. Redigiert von Julius Braunthal. Preis 1 Schilling Aus dem Inhalt: Erzählungen: AI de Baran: Der Pluderer erbt — Norbert Bauer: Abdulab Mahmut der Fellach.— Jaroslaw HaSek: Tiergarten zu Hause.— Egon Erwin Kisch: Chaßjad Mir- kulan heiratet zum zweitenmal.— FrantiSek Langer: Der große Hundetraum.— Roda Roda: Filodore, der Menschenfreund.— Alexander Stern: Dominik und das Gespenst Pulkrabek.— Tretjakow-Don Chi-Chua: Eine Hinrichtung, n> Sergejewitsch Turgenjew; Drei Novellen. Lebensbilder: Wilhelm Ellenbogen: Richard Wagner.— Hans Fischer: Konrad von Marburg.— Schiller Marmorek; Der Zeichner eines Jahrhunderts■— Honorö Daumier.— Paul Pisk: Zum 100, Geburtstag Johannes Brahms'.—• Kari Renner: Karl Mara ist 50 Jahre tot und lebt und siegt Chansons, Gedichte und Worte von Walter Bauer, Hermann Claudius, Robert Ehrenzweig, Lion Feuchtwanger, Erich Kästner, Ferdinand Lassalle, Rainer Maria Rilke, Karl Schneller, Wenzel Sladek, Alfred Thieme. Zeichnungen und Karikaturen von Honort Daumier, M. Frischmann, Theo Ger. George Groß, Pa«l Humpoletz, Käthe Rollwitz, Walter Langhammer. Erhältlich in allen Trafiken und Verschleißstelleu. ANORDNUNG DES PROGRAMMS GESCHÜTZT Bunte Woche Sonntag, 25. Dezember 1932 7.35: Weckruf, Zeitzeichen, Wettervorhersage. 7.40: Käthe H y e: Turnen. Für Vorgeschrittene. Am Flügel: Franz Jilg. 8.00—8.55: Frühkonzert(Schallplatten). 9.25: Ratgeber der Woche. 945: Weihnachtslieder der Völker. Ein Zyklus für Kinderchor und Melodie- Insirumente. Leitung: Viktor Kord a. Mitwirkend: Emma Kurz(Gitarre), Wiener Sängerknaben. 10.10: Vom armen Kinde zu Bethlehem. Gesprochen von Maria Mayen. 1045: Franz Schubert Fantasie-Sonate G-Dur, op. 78. 11.00: Univ.-Prof. Dr. P. Wilhelm Schmidt: Weihnachtsgedanke und Gemeinschaft 1140: Sinfoniekonzert Dirigent: Robert H eger. Wiener Sinfonieorchester. Wetzler: Ouvertüre zu„Wie es euch gefällt“. — Braunfels: Taubenhochzeit, aus der* Oper «Die Vögel**(zum 50. Geburtstag des. Komponisten).— Richard Strauß: Liebesszene ans „Feuersnot**.— Beethoven:- VII. Sinfonie, A-Dur. 12.45—14.09 Unterhaltungskonzert Orchester Josef Holzer. Mailiart: Ouvertüre zu„Das Glöckchen des Eremiten**.— Drdla: Vision.— Waldteufel: Ange d'amour.—. Leuscbner: Friedemann- Bach-Suite.—' Bertd: In meinem Herzen klingen 1000 Lieder.— Ganglberger: Tlrili.— Eyslcr: Potpourri aus„Der. Frauenfresser**.— Leiter: Pikanterien.— Stefanides: Vindobona. Stadt voller Pracht— Wacek: Wiener Lieblinge. 15.00: Zeitzeichen, Verlautbarungen. 15.05: Dokumente der Zelt(Bücherstunde.) Märchen und Wirklichkeit Es spricht: Dr. Franz Horch. 1540:Kammermusik. Ros6-Quar4ett Weißmann: Phantastischer Reiten.— Beet- hoven: Streichquartett Es-Dur, op. 127. 1640: Univ.-Doz. Dr. Ferdinand Schern i n z k y: Weihnachtliche Hirten musik aus Italien(mit Schallplatten). 17.00: Nachmittagskonzert Orchester Oskar Jascha. Mendelssohn-Bartholdy: Märchen von der schönen Melusine.— Johann Strauß: Kaiserwalzer.—. Coquard.: Norwegische Suite.— Lehar: Ballettmusik aus„Tatjana***.—' Jascha: Potpourri aus„Revanche**.— Wolf,-Ferrari: Intermezzo aus„Der Liebhaber als Arzt**, Smetana: Entreacte und Einzug des Königs aus der Oper„Dalibor**.— Fall: Zwei Szenen aus „Die Glocken von Paris**.— Suppt: Ouvertüre zu„Das Modell**. 1845: Weihnachtsmusik. Waldhornquintett S t i e g 1 e r. 19.05: Die silbernen Schuhe Von Erika Mitterer. Gesprochen von Lotte M e d e 1 s k y. 1945: Zeitzeichen, Sportbericht 19.45:Margret Naval: Österreicher in Berlin. 20.15: Das Wiener Kripperi von 1919. Von Max Mell.(Uraufführung.) Spielleitung: Hermann W,a wra. 21.45: Abendbericht Verlautbarungen. 22.00: Tanzmusik. Jazzkapelle Adolf Pau- ■ scher. Mitwirkend:.Viktor Sternau (Gesang). Donnerstag, 29. Dezember 1932 11.30: Mittagskonzert Quartett Dr. Philipp de la Cerda. Richard Strauß: Königsmarsch.— Valentini- Schering: Pastorale.— Seibolt: Christfest;— Cerda: Gloria, Friede und Glück.-7- Leon- cavallo: Prolog aus„Der Bajazzo**.— Abraham: Der schönste Gedanke.— Strecker: Drei* zarte Rosen.-J Lindemann:*' Deine Augen sprechen Bünde.-- Mac Connellr Du spielst so gern mit Herzen.— Dax: O Rumba. — Golwyn: Wir stellen uns vor.— Stolz: O wie schön ist ein Feiertag. 12.40: Hedwig von Deblcka.(Schallplatten.) 13.10—14.00: Schallplattenkonzert .5.20: Erfolgreiche Hühnerwirtschaft Doktor Ing. Wilhelm Liebscher: Die Fütterung der Hühner. 15.30:Hedwig Apfel: Aus der musikalischen SpielzeugschachteL 15.55: Robert Schumann: Sinfonische Etüden. .. Julius V a r g h a. 1640: Kultur und Stadtbild. Dr. Kurt Blaue ns feiner: Die westeuropäische Stadt. Paris und London. 16.55: Esperantobericht über Österreich. 17.05: Nachmittagskonzert Kapelle. Isy Geige r. Lortzing: Ouvertüre zu„Der Wildschütz**.*—> Josef Strauß: Nitfluten.— Qounod: Szenen aus„Margarete**.— Geiger: Ungarisches Liederpotpourri.— Kätscher: Lied aus„Essig und öl“.— Erwin StrauS: Tanz mit mir, mia bei la, aus„Der tanzende Shylock“.— Eisele? Ist dein Herz mir noch treu?— Kalman: Potpourri aus«Der Teufdisreiter**..—’ Macho: Der Sieger. 8.15: Frauenstunde. Margarete Leisching: Die Frau im 18. Jahrhundert 18.40: Siegfried Peri: Kunde und Verkäufer. 19.05: Emil Pir ehen(Prag): Theatralisches, Allzutheatralisches. 19.40: Jazz auf zwei Klavieren. Alois Hö- gelsberger-Alfred S'chneider. 20.20: Mikrophon-Feuilleton der Woche. Begleitbrief zu einem Kalender. Friedrich SchreyvogL 2045: Orchesterkonzert Dirigent: Karl “ Ander!eth. Das Wieher Kamme ror ehest er. Haydn: Sinfonie B-Dur. Nr. 85. Kodaly: Sommerabend.— Fuchs: Serenade.— Schubert; Ouvertüre im italienischen Stil. 2145: Schneeberichte aus Österreich. 22.05: Abendkonzert(Schallplätten.) Linz, 14.00: Landwirtschaftliche Kreditfragen Wart Wixidak). WAS HÖREN WER IN DIESER WOCHE! DIE PROGRAMME DER RAVAG UND DER WICHTIGSTEN AUSLANDSENDER ÜLHCHBtflBENhE SENDUNGEN AN WOCHENTAGEN, WIEN: 9.2Bs Wiener Marktberichte.— 9.30: Wettervorbericht(7-Ühr-früh-Beobachtungen aus Österreich).— 10.50: Wasserstandsberichte.— 1130 Mittarskonzert.—• 11.58: Wetterbericht und Wetteranssichten.— 12.00: Fortsetzung des Mittagskonzer es.—- 13.00: Ztitzeichcn. Wetterbericht und Wetteraus»ichten; Mitc-gsbericht, Verlautbarungen, Programm für heute.— 15.00: Zeitzechen, Wiederholung des Wetterberichtes; Börsenberichte; Rnder-, Schweine- oder Jung- und Stechviehmarktberichte.— Zwischen 19.15 und 19.50 und In den Pansen großer Sendungen: Zeitzeichen, Wetterbericht und Wetteraussichten, alpiner Wetterdienst. Programm für morgen.— Zirka 22.00: Abendbe richt. Wiederho un* des Wetteraussichten, Verlautbarungen. BESONDERS WICHTIGE UND HÖRENSWERTE SENDUNGEN SIND DURCH UNTERSTREICHUNG DER STUNDEN.UFF ER HERVORGEHÜBEN Dienstag, 27. Dezember 1932 1140: Mittagskonzert. Quartett Brunner. Boieldieu: Ouvertüre zu„Die weiße Dame**. — Verdi: Fantasie aus-La Traviata**.— Königsberger: Faun und Nymphe.— Johann Strauß: Schallwellen.—- Macho: Pierrot- Serenade.— Hubay: Hejre KatL— Lehar: Potpourri aus„Das Land des Lächelns**.— Jurinann: a) Signorina; b) Wenn ich mal eitle Dummheit mach'. 12.40: Alfred Grünfefd.(Schallplatten.) 13.10—14.00: Schallplattenkonzert 1540: Konzertstunde. Emst Neumann (Violoncello); Edith Wachtel(Klavier). Beethoven: Sonate A-Dur, op. 69.— Korngold: Suite aus„Viel Lärm um Nichts". 15.55:Ing. Johann Weil: Von der Straßen- beleuchtung. 16.20: Ing. Oskar Gr iss ernenn: Bastelstunde. Wettbewerbsarbeiten und der Bastelprater. 16.55: Nachmittagskonzert Kapelle Karl Haupt Leiter: Ouvertüre zu„Der Göttergatte".— Josef Strauß: Translationen.— Wellisch: In der Lady-Bar.— Pernklau: Hessenmarsch.— Masse not: Fantasie aus„Manon**.— Suppt: Coletta-Walzer.— Kälmän: Potpourri aus „Gräfin Mariza*.— Santeugini: Für dich. Rio Rita, 18.00:Dr. Ing. Walter Sedlacek: Der gesunde und der kranke Wald. Stunde der Landwirtschaftlichen Hauptkörperschaften. 1845: Zusammenhänge der europäischen mit der asiatischen Kunst Dr. Melanie Stiaßny: Auswirkung der Beziehungen in der Neuzeit 18.50: Louis Ri viere: Französische Sprachstunde. 1945: Tosca. Musikdrama in drei Akten von V. Sardou, L Illica, G. Glacosa. Deutsch von Max Kalbeck. Musik von Giacomo P u c c i n L Übertragung aus de^ Staatsoper, Wien. 22.10:Tanzmusik/ Jonny Lang mit seinen 12 Musical Girls.(Aus dem Cafe Palmhof.) Mittwoch, 28. Dezember 1932 11.30: Mittagskonzert Quartett Falt!. Lindemann: GriUenbaoner.— Lanner: Die Werber.— Mozart: Ouvertüre zu„Die Entführung an» dem-Serail**.- Ravel: Pavane. — Micheli: Valse du blä d'or.— Schubert: Ballcttmusik aus„Rosamunde**.,— Giordani: Caro mio ben.— Jensen-Popper: Murmeln ' des Lüftchen.— Silving: Eines schönen Tages.— Kronegger-Muus: Wiener Lieder — Spoiiansky: Heute nacht oder nie. 1245: Franz Schreker.(Schallplatten.) Bizet: L’Arlesienne, Suite Nr. 1. 13.10—14.00: Schallplattenkonzert 1540:Konzertstunde. Clarisse Stuckart (Sopran). AmFlügek Hans Hatschek. Mozart: a) Das Veilchen; b) Warnung.— Beelhoven: An sie.— Schubert: a) Die Forelle; b) Gretchen am Spinnrad.— You: Jesuklnd.— Oberieithner: Liebeslied.— Kienzl: Der Matter Wiegenlied.— Marx: Am Brunnen.— Korngold: Sommer.— Richard Strauß: Schlagende Herzen. 15.45:Kinderstunde. Grete Doris: Kinder, wir erzählen euch Sagen! 16.10:Jugendstunde. Dr. Erwin Mehl: Altnordischer Eis- und Schneelauf. 16.35: Für den Erzieher. Univ.-Prof. Doktor Edmund Nobel: Ernährung des Klein- und Schulkindes. 16.55: Dr. Moritz Ertl—Steffi Reinhardt: Das Kochen von Käsegerichten.(Ein Zwiegespräch.) 17.05: Schallplattenkonzert 18.15:Dr. Karl Kautsky: Ärztliche Eheberatung. Stunde der Volksgesundheit 1840: Oskar Schindler: Telegraphistenwettstreite. Stunde der Kammern für Arbeiter und Angestellte. 19.05: Krise und Wende der abendländischen Kultur. Univ.-Prof. Dr. Hans Driesch ,(Leipzig): Die Naturwissenschaften. 19.40: MUitärkouzert Dirigent: Kapellmeister : Julius Qaigg. Regimentsmusik des Infanterieregiments Nr. 3.. rRtts INKl KONffP Graz, 18.25: Schladmlng, die steirische Skistadt (Wolf Lukas). DeMiet StandatäZQOO . mit tick frodyrwn laufsprcchcr^^rr FuLik: Gotteskämpfer, Winterstürme. Regimentskinder, Marinareila. Ein Abend bei Maxim, Donausagen, Fanfarenklänge. 21.00: Deutsche Verleger des 19. Jahrhunderts.(Zum 100. Todestag von \ J. F. Cotta.) Bild und Rückblick. Leitung: Fritz Binder. 22.08: Tanzmusik. Jazzkapelle Charly Q a u- drtot Mitwirkend: Dario Medina (Gesang).:.-n-: Graz, 16.10: Ingenieur Otto Andrlen: Aus eigenen Werken.— Linz, 14.00: Landwirtschaftliche Kreditfragen(Karl Wigidak). in Montag, 26. Dezember 1932 920: Pontifikalamt Leitung: Ferdinand Habel. Orgel: Wilhelm M ü c k. Übertragung aus dem Dom zu St. Stephan. 1045: Das letzte Stündlein des Papstes. Von Heinrich Federer. Gesprochen von Raoul Aslan. 10.55:Wissen der Zeit Dr. Ella Reiner: Weltwirtschaftliche Probleme 1932. 1125:Sinfoniekonzert Dirigent: Hugo Reichen berger. Mitwirkend: Florizel v. Reuter.(Violine), Wiener Sinfonieorchester. Bach-Hobag: Ciaconna(Erstaufführung).— Brahms: Violinkonzert D Dur, op. 77.— Beethoven: III. Leonoren-Ouvertüre. 12.45—14.00: Unterhaltungskonzert Orchester Wilhelm Wacek. 15.05: Künstlerplatten. 15.45: Kammermusik. Graf- Kurz-Quarte 11 Weingartner: Streichquartett D-Moll, op. 24. — Schubert: Streichquartettsatz C-Moll. 16.45:Karl Inhauser: Die wienerisch^ Schaubühne des Bernardon. 17.15: Tanzmusik. Jazzkapelle David Mathfi. Mitwirkend: Wolfgang Ernst(Gesang). 18.50: Hugo Thimig:„Die Zeit, sie orgelt emsig weiter.“(Gedanken und Weisheiten von Wilhelm Busch.). 1920: Bruno Brehm: Kind und Familie. 20.00: Orchesterkonzert Dirigenten: Emil Kahn, Gustav G ö h r 1 i c h. Ausführende: Marguerita Per ras(Sopran), Lauritz Melchior(Tenor), Theodor Scheid!(Bariton); verstärktes Philharmonisches Orchester, Stuttgart F u n k- : c.hor. ' Wagner: a) Ouvertüre zu„Tannhäuser"; b) Winterstürme wichen dem Wonnemond, aus„Die Walküre"; c) Morgendlich leuchtend In rosigem Schein, aus„Die Meistersinger von-Nürnberg": d) Matrosenchor aus„Der fliegende Holländer"; e) Leb' wohl, du kühnes herrliches Kind, aus„Die Walküre". — Weber: Jägerchor aus„Der Freischütz". — Meyerbeer: Arie aus„Die Hugenotten".— Verdi* Credo aus„Othello".— Mascagni: Intermezzo aus.„Cavalleria rusticana".— Kienzl; Selig sind, die Verfolgung leiden a*s „Der Evaqgelimann".— Bizet: Farandole aus der Arltsienne-Sulte.— Johann Strauß. Ouvertüre zu„Eine Nacht in Venedig".— Loewe:'Tom der Reimer..— Millöcker: Dunkel rote Rosen, aus„Qasparone".— Johann Strauß: Mein Lebenslauf ist Lieb und Lust.— Puccini: Walzer der Musette aus „Die. Boh&me*.'—. Arditi: Paria-Walzer.— Strauß(Vater) Radetzkymarsch.. Übertragung aus der Stadt halle in' Stuttgart 22.55: Abendkcitzeri. Henry Hall und sein Orchester. Übertragung aus London. Freitag, 30. Dezember 1932 1140: Mittagskonzert. Quartett Silving. 12.40: Pablo Casals.(Schallplatten.) 13.10—14.00: Schallplattenkonzert 1520:Max Stebich: Mystik der Jahreswende. 15.45: Jugendstunde. Unsere großen Meister. Franz Schubert Oskar Jölli(Gesang). Am Flügel- Otto Schulhof. Aus dem Zyklus„Die Winterreise": Gute Nacht; Im Dorfe; Letzte Hoffnung; Gefröre*»« Tränen; Wasserflut; Frühlingstraum; Die Kräfte; Der Leiermann; Der stürmische Morgen. 16.15: Frauenstunde. Gottfried August Bür ger. Der Dichter und die Schwestern Leonhard. Gesprochen von Lizzi Polten. 16.45: Konzertstunde. Ausführende: Dora Wit-h(Alt); Johann v. Santha (Baß): Emmy Zopf(Klavier); Sed- I a k- W i n k 1 e r-O u a r t e 11 Am Flügel: Erich Mellet. Chopin: a) Prttades C-Dur, Cis-Dnr, Es-Dur; b) Fantasie F-Moll.— Flotow: Laßt mich euch fragen, aus„Martha".— Nicolai: Als Kindlein klein, aus„Die lustigen Weiber von Windsor“.— Erkel: Trinklied ans„Bank ban". — Mozart: a) In-diesen heiligen Hallen, aus „Die Zauberflöte"; b) Wer ein Liebchen hat gefunden, aus„Die Entführung aus* dem Serail".'— Brahma: a) Mädchenlied; b) Maiandacht; c) Mein Liebster ist ein Jäger.— Wolf:' a) Mein Liebster singt: b) In dem Schatten meiner- Locken.— Rinaldlni: a) Im Schnee; b) Liebeslied im Herbst— Marx: a) Windräder:. b) Selige Nacht: c) Vene dänisches Wiegenlied.— l ppi sch: Streichquartett D-Dur. 18.10: Bericht für Reise und Fremdenverkehr. Ing. Erwin D e i n I e i n. 1825:Franz Gabriel: Die Erfolge der österreichischen Renn rüderer im Jahre 1932. 18.40: Wochenbericht für Körpersport. Sektionsrat Prof. Emst Preiß. 18.50: Nach Reaaktlonsschluß... 19.05: Univ-Prof. Dr. Alfred Verdroß: 400 Jahre Völkerrecht. 19.40:»Die Bajadere.“ Operette in drei Akten von Julius Brammer und Alfred Grünwald. Musik von Emmerich Kälmän. Rundfunkbearbeitung der Raväg. Spielleitung: Viktor Flemming. Dirigent: Josef Holzer. 22.15: Blasmusik. Leitung: B. Wal ton ODonneii; B. B. C. Wireless Military Band. Mitwirkend: David Wise(Violine). Übertragung aus London. Graz, 18,10: Die steirische Landwirtschaft Im abgelaufenen.Jähr(Dr. Mühlberger). Samstag, 31. Dezember. 1932. 1140:Mittagskonzert. Kapelle Seidl.' 13.45—14: Armin Berg.(Schallplatten.). 15.15: Josef Prachner:- Wesen und Art des altdeutschen Volksliedes. 16.00: Karl Hans Strobl: Sport zu Silvester. Gesprochen von Willy Schumann. 1620: Chorvorträge. Josef Haydn. Leitung: Josef Seyfried. Gau Wien des österreichischen Arbeitersängerbundes; Chorgemein sc ha ft Floridsdorf und Arbeitersängerbund Oroß- J edlers- dorf. Nun tönen die.Helfen, ans„Die Jahreszeiten". Die Harmonie der Ehe.— Die Beredsamkeit. -— Der Fischer.— Katzenpastete.— Das böse Weib.— Tischlied.— Lob der Faulheit— Scherzkanon. 17.00:Mac Caul Smyth: Englische Sprachstunde. 1725: Nachmittagskonzert. Orchester Heinz Morawetz. 18.50: Der Schauspieler Ludwig DevrlenL (Gestorben am 30. Dezember 1832.) Theodor Heinrich Mayer.' 19.20: Dr. Ernst Molde n: Das Jahr 1932. 20.00:»Tempo der Zeit.“ Dirigenten: Carl Alwin, Josef Holzer. Aüsführende: Maria Re ining(Sopran), Georg Kober(Gesäng), Walter Landauer(Klavier), Wiener Sin- f o n i e o r c bester, Jazzkapelle Hans Robert Korngold. 22.00;»Wir schalten nm auf 1933.“ Silvesterfeier der Ravag. Mitwirkend: Adele Kern; Betja.Milska ja: Charlotte Wald o w; Irene von Zilah'y; Karl Farkas: Hermann Leopold!: Rudolf Ö st e r r e i c h e r; Helge R os- waenge; Hugo Thimig. Orchester Josef Holzer. Conference: Rudolf Österreicher, Silvesterrede: Hugo Thimig. Übertragung aus dem Großen, Konzerthaussaal. 23.58; Silvestergrüße der Ravag. 0.02: Unterhaltungskonzert Orchester Josef Holzer.. Übertragung aus dem Großen Konzerthaussaal. 0.15: Neujahrsgruß der Aus landeten tseben. Übertragung aus Neuyork. 030: Fortsetzung des Unterhaltungskonzertes. 1.00—2.00: Tanzmusik. Jazzkapelle Frank Fox. Übertragung aus dem Großen Konzerthaussaal OIE W C rIG STEN AUSLAND>£NJUNGEN Sonntag. 25. Dezember: 14.30, Mühlacker: „Mutter Schrödern".— 16.00, Leipzig:„Ein Mensch wird geboren" von Rendl.— 17.00, Rom. Neapel* Konzert(Dirigent Richard Strauß).— — 18.00, Frankfurt, Berlin:„Kunterbunt er zählt ein. Abenteuer".— 18.00, P r a g: Deutsche Weihnacht.— 1830. Leipzig:„Tannhäuser" von Wägnter.,19.00. Brünn:„Rückkehr der. Liebe" von, Dessou.— 19.00, Breslau:„Der Rosenkavalier“ von Hofmannsthal.—. 1930, Prag:„Der Kuß" von Smetana.— 20.00, Heilsberg: „Cavalleria rusticana" von Mascagni.„Der Bajazzo" von Leonenvaüo. 20.00, Warschau:„Lemberg im Lied" von Budzynsky und Epler.— 20.00, K a lundborg:„Faust" I. Teil, von Goethe.— 2030. Mailand: Opernaufführung.— 20.45, Rom. Neapel:„Die schöne Helena" von Offenbach.— 2230, Prag: Tschechische Jazzkompositionen. 'Iontat, 26. Dezember: 18.00$ Prag:„Fröhliche Weihnachten" von Strindberg.— 18.00. Brünn: „Der betrogene Kadi" von Gluck.— 1930. Buda« p e s t:„Jänos Vttäz" von Bakonyi und Pongracz. U 20.00. Warschau:„Die drei Wünsche" von Ziehrer.— 20.00, Berlin:„Dritter Feiertag", ein bunter Abend.— 20.05. Beromünster:„Die Lüneburger Heide“.— 20.15. Prag:„Slavlsche Tänze“, von Dworak.— 2035, Berlin:„Die Meistersinger von Nürnberg“ von Wagner Oleustag, 27. Dezember: 1735, Hamburg:„Das Licht am Fenster“ von Dreiser.— 1830. Prag: Vorfeier zum Brahms Gedenkjahr. 1830, Frankfurt am Main:„Das Lebenslicht" von Knab.— 20.00, Beromünster:„Die Zirkusprinzessin" von Kälmän.— 2030, Mailand:„Die schöne Helena" von Offenbach.— 20.40, Hamburg:„König von Korsika" von Sander.— 21.00, Prag:„In einem russischen Dorf".— 2130. Stra-ßbnrg*„L’Arläsienne" von Bizet. Mittwoch. 28. Dezember: 18.30. Prag: Rückblick und Ausblick in der Krise(Franz Rehwald).'— 19.10, B e-r l i'n: Jubiläumskonzert des Deutschen Arbeitersängerbundes.—.20.30, Hamburg:„Das Dorf ohne Glotke" von Künnecke.— 2033, Preßburg: „Lea" von Petiwoky.— 21.20, Frankfurt. Mühlacker:„Die Jagd nach dem Gold des Kapitäns Kid" von Schneider-Schelde.— 21.30. H e i-'l s- b e r g:„Moritaten und Schauerballaden" von Doehr. Donnerstag, 29. Dezember: 1930, Budapest:„Die Königin von Saba" von Goldmark.— 19.40. Bukarest:„Boris Godunow" von MussorgskL— 20.00. Prag: Konzert der Oesangvereinigung mährischer Lehrer.— 2030. Mailand: Opernübertragung.— 2035, Berlin:„Nun schlägt's dreizehn* von Observer.'— 20.40, Preßburg:„WeihnachtsHed" von Moyzes.— 21.00, Brünn:„Hanneies Himmelfahrt" von Hauptmann— 21.10. Breslau:„Abenteuer in der toten Mühle" von Hülsen.— 21.15. R o m Neapel:„Die Geburt des. Heilands" von Perosl.'— 22.00, Straßburg:„Rheingold" (J. Akt) von Wagner.— 22.00, K a l u n d b o r g: „La serva padrona" von Pergolese. Freitag, 30 Dezember: 20.05, Prag: Weihnachtslieder.— 20.15. Warschau: Philharmonisches Konzert.— 2030, Prag: Konzert, der tschechischen Philharmonie.— 21.00, M Dhlacker:„Emilia Qalottl“ von Lessing.- 21.00, Frankfurt: Stimmen der Nacht" von- Wiegler..— 2130. 3 t r a ß hur g* Aus„Romeo und Juliette“ von Gonnod. Samstag, 31. Dezember: 1330, Frankfurt: Kehraus 1932.— 17.00, Leipzig. Berlin:„Das Spiel vom deutschen Bettelmann“ von Wiechert.— 1830, Prag: Sifvesterfunk.-- 19.10. Prag:„Die verkaufte Braut“(l. Akt) von Smetana.— 1930. R e ich ssendung:„Hier sind alle deutschen Sender“— 20.00. Agram: Operettenübertragung. — 2036, Rom, Neapel:„Eva“. von Leiter.— 21.00. B uda pest* Bunter Silvesterabend.— 2130, Paris P P.*„Edgar et sa bonne“ von Bertrand. — 2130. Straßburg:„Die schöne Oalathee“ von Suppe.— 22.05. Prag: Operette aus dem Atelier Bunte Woche Alle die Krank« besuche«,*oB- len itofl teuerer Nichtigkeiten««» Oqm Biomolz mitbnngen sehr«®« Freu C Engi, ftensee, Gesundheit schenken^ IhreMurt fa iphrelong on Nerven- u stspftchmerzoo und erboue gänzlich du™ 1 BI0MA. Zehn Gebote für die „vollkommene Ehe“ Von SOPHIE LAZARSFELD Haben Sie, liebe Leserin, sich zum Beispiü schon einmal über Ihren Mann geärgert?— Ja? Schon oft?— Was Hai er denn getan?— Rücksichtslos war er, schlecht gelaunt, hat grobe Antworten gegeben.— Und was haben Ei« dann getan?— Das möchten Sir nicht sagen? Also müssen wir es erraten, es wird nicht schwer sein, denn die Auswahl ist nicht groß. Entweder haben Sie geweint oder sich beleidigt zurückgezogen (vermutlich nicht ohne vorher eine spitze Bemerkung" gemacht zu haben) oder Sie haben un- liebenswürdig geantwortet, ein ärgerliches Wort gibt das andere, plötzlich ist man mitten im schönsten Zant. Wenn s vorüber ist, dann merkt man schnell, daß eS gar nicht dafürgestanden hat. Aber nächstens macht man'S wiederum so. Es scheint, daß die Weihnachlsbotschaft .Friede den Menschen aus Erden", in der Ehe ebenso wie überall, leichter gehört als befolgt wird. Und gerade da führen kleine Unstimmigkeiten oft zu tiefer Entfremdung. Dar ganze Lieber« und Geschlechtsleben kann dadurch gestört werden. Man ist des nachts ost un ustig gegeneinander und ahnt gar nicht, daß ein Zank des Tages die schon vergessene aber noch wirksame^ Ursache davon ist. Auch der eheliche Fried« wird nicht durch Engel vom Himmel gebracht, er ist in unsere eigene Hand gelegt und muß erworben werden. So wollen wir als bestes Weihnachtsgeschenk den Lesern unserer seelenkundlichen Rubrik einige Winhss gaben, um mit dem lieben Nächsten— und sei es> selbst der liebst« Allernächste, der Ehe» Partner—, in Frieden zu leben: I. Glaub nie, daß du im Recht bist, der andere aber Unrecht hat und eS nur nicht einsehen will. Wenn zwei streiten, haben immer beide recht, beide unrecht. Und nicht der Gescheitere gibt nach», sondern jener, der weniger angestellt hat, kann sichs eher leisten. Denn der andere muß seine schwächere Position mit den stärkeren Mitteln halten. H. Behandle deinen Nächsten wie«inen Fremden, daß heißt, sei so rücksichtsvoll im Benehmen, so freundlich in der Ausdrucksform zu ihm, wie du eS zu Außenstehenden bist. Die meisten Menschen meinen, zu den Angehörigen brauche man nicht lieb zu sein,«S genüge, sie lieb zu haben. Aber manchmal möchte man doch gern etwas von dieser Liebe in die Tat umgesetzt sehen. HI. Merkst du» daß dein Partner bedrückt ist und, nicht davon sprechen will, was ihn bedrückt, dann frag ihn nicht danach. Du meinst e« gut, aber ihm tust du damit nicht- gute-, denn du erinnerst ihn dadurch an den Grund seiner Verstimmung und der ist sicher unangenehm für ihn, sonst wäre er nicht verstimmt. Lenk ihn im Augenblick lieber ab, später spricht er dann«her davon und dann kannst du ihm helfen. IV. Mach keine abfälligen Bemerkungen über Dinge, die deinen Partner freuen, nicht einmal, wenn eS sich dabei um einen Dritten des anderen Geschlechtes handelt. V. Denk daran, daß der wahre Grund eurer Mitzhelligkeiten nie allein in dem liegt, worum eS gerade geht. Es spielt>mmer noch etwa- anderes dabei eine Rolle. Da- zu wissen und auf taktvolle Art herauszubringen, was es sein könnte, ist die beste Grundlage für friedlich» Beziehungen. VI. Lege kein großes Gewicht darauf, das letzte Wort zu behalten. ES kommt nicht darauf an,«er im Augenblick recht behält. Wer auf die Dauer das richtige tut, der behält dann doch letzten Eures recht. VII. Hast du einmal recht behalten, dann benütze nicht die nächste Gelegenheit, deinem Partner unter die Nase zu reiben, daß du immer recht hast. Ersten» ist da- nicht schön, aber vor allem ist er für dich gefährlich, denn der nächste Augenblick kann dich in» Unrecht setzen und dann bist du der Blamierte. Vfll. Bestehe nicht auf offiziell«.Friedensverhandlungen", verlange keine Genugtuung für erlitten« Kränkung, behandle deinen Partner nicht wie einen besiegten Feind. Es hat sich gezeigt, daß der Revanchegedanke nicht einmal m der großen Politik Früchte trägt, wie sollt« er dann in der Eh« zum Guten führen. IX. Hast du einmal vergeben, dann komm auf die Sache nicht mehr zurück. Richt» unzweck- mäßiger, als die Anhäufung von Erinnerungen an verstossene Unstimmigkeiten. X. Auf gar keinen Fall aber darfst du de« Partner sagen:.Früher warst du ganz ander-." Das ist das sicherste Mistel, ihn immer mehr .ganz anders" zu machen. Ern Versuch, sich nach diesen Regel« zu richten, hat erfahrungsgemäß meist Erfolg. Sollten sich dennoch auffällig viel scheinbar««sinnige Streitereien entwickel«, dann muß mau de« umgekehrt«» Weg der Untersuchung gehen. Dann liegen vermutlich sexuelle Unstimmigkeiten vor, die ihrerseits den ehelichen Alltag stark belasten können. Doch davon ein andermal. Vorläufig möge unsere kleine Anleitung dazu beitragen, daß unser Weihnachtswunsch für diesmal wirklich in Erfüllung gehe: Ungestört« Feiertag« und ein glückliches Ehejahrl ★ Wir antworten: E. I. R.: Man kann Ihre Unterscheidung in Fragen der Treue nicht ganz mitmachen. S« lassen Treue nur innerhalb der Ehe gelte« und meinen„außerhalb der Ehe gibt es keine Treue; Liebe kommt, Liebe geht und schließlich legt man den anderen beiseite wie ein altes KlmdungS- stiick". Für die Ehe selbst laffen Sie nur Ver- nunfMründe gelten, zu denen Sie auch die Dankoanleit zahlen. Es ist beruhigend, daß Sie zum Schluß selbst sagen, Ihre Meinung wäre «nicht unumstößlich", so darf man Ihne« wünschen, daß da» Leben Ihnen bald eine schöne Gelegenheit zur Revision Ihrer Meinungen gibt.— Paul« T.: Wir bechaucrn sÄhr, daß Sie unzufrieden mit unk find, weil wir keine Heiratsannoncen bringen wollen. Ihre Frag« nach den Gründen, welche die Redaktion dazu veranlassen, es abzulehnen, finden Sie in der Nummer vom 28. November in der gleichen Rubrik ausführlich beantwortet.— HanS M.: Besten Dank für Ihre Auseinandersetzungen mit dem Problem ver Treue. Ihre Erwägungen über Polygamie werden Sie in einer nächsten Nummer berücksichtigt finden.— H. St.: Auch das von Ihne« gestellte Problem, ob innerhalb der Ehe das Sexualleben durch die Gewohnheit erkalten müsse, wird bald besprochen.— I. S.: Die Ansicht, daß der erste Sexualver- kehr schon zu einer Herabminderung der Gefühle führen müsse, wird auch später ausführlich überprust werden.— H. I.: Sie habe« vollkommen recht, wenn Sie die Schüchternheit in Ihrem Fall auf die Verhätschlung in der Kindheit zurückführen. Solche Menschen fühlen sich überall un sicher, wo sie nicht so verwohnt werde«, wie sie es al« Kind gewohnt waren. Ähre Meinung, die Be fangenheit, mit der die Mutter dem Sexualproblem gegenüberstand und daß Ihnen dadurch keine vernünftige Aufklärung zuteil wurde» habe Sie geschädigt, hat auch ihre Richtigkeit. Aber den dritten Punkt, daß di« MAxhen nur dem Gellt nachlaufen, könne« wir nicht so allgemein gelten lasse».— I. W.: Die seelischen Heilmethoden für Eifersüchtige können leider im Briefkasten nicht angegeben werden. Wir bringe« nächstens eine« allgemeinen Bericht über die Möglichkeiten seelischer Behandlung."—- A. G.: Die Frage, bis zu welchem Alter sexuelle Enthaltsamkeit gut vertragen wird und wann sie schädlich wird, hängt bei jedem einzelnen von seiner gesamten Lebensauffassung ab. Wen« er im ganzen Wesen an Disziplin gewöhnt ist, erträgt er es leichter, als wenn er dazu neigt, seinen Stimmungen nachzugeben. Der Entschluß, Prostituierte aufzusuchen, ist vielleicht doch besser noch hinanSzuschieben und zuerst die Hemmung wegzuräumen, welche Sie hindert, überhaupt Anschluß an Mädchen zu finden. Wir senden an die angegebene Poststelle die Adressen von seelischen Beratungsstellen. Für Ihre Zustimmung zu unserer seelischen Rubrik, die Ihnen„einen lange^ehrsten Wunsch erfüllt", sagen wir Ihnen sowie den anderen Lesern, die uns ähnliches geschrieben, herzlichen Dank.— Julius W. Wir können Ihre Sendung aus Raummangel nicht veröffentlichen. Aber«ine« Satz daran» wollen wir doch wiedergeben:„Ob die Bekanntschaft so oder so zustande kommt, der Mann ist immer so anständig, wie es die Partnerin erlaubt."—Willy Sch. Offen und ehrlich in sexuellen Fragen zu sein, gehört zweifellos zu den wichtigste« Grundlage» guter Sexualbeziehungen. Wir werden einmal besprechen, auf welche Weise das schon durch die Erziehung vorbereitet werden kann— A. St. Wie löst man am besten eine mißglückte Beziehung? /Damit bringen Sie eine wichtige Frage, über dis wir gern noch andere Meinungen hören möchten.— Friedl. Der Politiker, der Ihnen sagte, im Bertif muffe er sich bemühen, bei einer Fra» steht es ihm nicht dafür, der versucht offenbar, sich für berufliche Schwierigkeiten durch das Liebßögcbiet schadlos, zu halten, llm den braucht einem nicht leid zu Tutt, wie um keinen, der so denkt. Kleider für kleine Leute Stickerei verziert oder mit weißen Garni- oder solchen in abstechendcr Farbe wirken Kleider sehr gut, und«an kann sie mit Mühe selbst machen. Wenn man für den und Dreijährige geeignet ist, in dem größer« Mädchen inunec hübsch aus- sich wohl. fühlen werden. Die Spiel- uNd Kleidchen fAbb. 8, 4) für die düng so gewählt werden muß, daß der Körper des Kindes zwar gegen die äußeren Witterungseinflüsse geschützt, aber doch luftig gehalten ist. Höschen oder Rock,«it Trägern daran, üb« einer weißen Muse(Abb. 1), sieht immer kleidsam und appetitlich aus. Man soll darauf achten, daß die Träg« üb« der Brust durch ein« Spange verbunden find. Sonst rutschen sie über die Schul- ter, und das Kind zupft immer daran herum, auch wenn man ihm noch so oft sagt:„Mach da» nicht!" überhaupt sollte man immer, wenn rin Kind ge» wiffe ständige Gesten macht, die ihm leicht al» Unart ausgelegt werden, prüfen, ob nicht irgend reichen. Abbildung 2 zeigt eineg Mantel, der schon für. Zwei»' aber auch sehen und Höschen ganz Kleinen sollen immer, auch im Winter, aus waschbarem Material sein. Waschsamt ist ein sehr warmer und auch nicht kostspielig« Swff, der auch für di« schönen Kleid« sehr geeignet ist. Dyrch ein wenig turen solche wenig Winter zu dem Kleid ein HWchen in der gleichen Farbe hat, so wird das Kind ordentlich aussehen. Gestrickte Wolle für die winterliche Bekleidung von Kindern nimmt einen immer breiteren Raum ein. Außer den Sweatern und Gamaschenhosen, die Buben und Mädchen für den Aufenthalt im Freien den besten Schutz geben und durch ihre bunten Farben lustig wirken, spielen Jumper und Pullover, die sich nur durch die Größe von denen der Erwachsenen unterscheiden, eine große Rolle. Auch zu den Trägerröckait pnd-Hosen zieht man sie den Keinen gern an.~',*»<-. Wenn die Wahl der Kleidung für die keinen Leute auch Sache der Mutter est, so„ sollte fit doch besondere Wünsche der Kinder nach Möglichkeit berücksichtigen, weil dadurch die Frqche der Meinen an' ihren„Anziehsachen" dadurch wachgehalten wird. Und wenn das Kind selbst Jnteresstziwaran hat, sauber und nett auszusehen, dann wird die Pfleg« feiner Keidung unendlich erleichtert. etwas an der Kleidung das Kind dazu verleitet. Besonders Plastron», dir zu hoch an den Hals Hinaufteichen oder enge Ärmel können leicht zu solchen„Unarten" Anlaß geben. Auch der Kragen Uber die richtige Bekleidung von Kindern fft schon so viel gesagt und geschrieben worden, daß man wohl kaum erwähnen mutz, wie' lvichtitz«8 ist, daß die Keinen sich immer, auch wenn dH mMer-, DDDD DMD. liche Eitelkeit verlangt, sie sollen„schön"'sein, fres' des Wintermantels muß nicht bis an die Ohren und^ungehemmt'bewrgen können, nnd daßbieMei^- Unsere Antvort M. L., Ober-Piesting 49: Sie schreiben nicht, was für Sachen Sie außer dem rosenholzfarbenen Ripskleid haben. Eine Farbe Manen wir daher nicht empfehlen. Vielleicht wäre es am besten, den Stoff schwarz färben«i lassen. Die fehlende Weite im Rock könnte dann durch schwarze eingesetzte Cr&pe-Satin-Streifen ergänzt werden. Den Oberteil enger machen, in der Taille einen Gürtel, der Rockans'ot» kann an der Hüfte bleiben. Am Hals eine Garnitur aus schwarzem Crepe-Satin mit weißeitf'Rips- streifchen. Der Halsausschnitt könnte breit gehalten sein, damit Sie oben nicht zp schmal aussehen.— M. R., Mürzzuschlag: Ihr hellgraues Reisekostüm aus Gabardin könnten Sie dadurch verlängern, daß Sie die mitteilange Jacke kürzen und aus dem abgeschnittenen Stoll eine Passe an die Schoß ansetzen. Wahrscheinlich läßt sich dabei das Abtrennen der Samtecken überhaupt vermeiden. Sollte es doch irgendwie notwendig sein, so müßten Sie trachten, den betreffenden Stoffteil gar nicht oder ganz seitlich zu verwenden, da dort die abstechende Stelle durch die Arme teilweise gedeckt wird. Hier etwas Tür Briefmarkensammler Drei Preisfragen in Jeder„Bunten Woche“ 1. Auf welcher Marke Europas ist Karl Marx zu sehen? 2. Welche europäischen Länder gaben Legionärmarken aus? & Warm bezeichnet man ehre Marke als beschädigt? Für die richtige Beantwortung dieser Fragen sind wieder Preise im Werte von 15, 10 und 5 Michelmark ausgesetzt. Die Lösungen müssen auf einer Postkarte geschrieben sein, die im rechten oberen Eck den Vermerk: Briefmarkenpreisausschreiben der„Bunten Woche“ trägst, und bis spätestens 29. Dezember in der Redaktion eintreffen. ★ : Die Lösung unseres 6. Preisausschreibens ' 1. Kreidepapier ist ein Papier mit einem dünnen Kreideüberzug, welcher als Schutz gedacht war, um das Entfernen der Abstempelung zu verhindern. Versucht man auf einem solchen. Papier die Abstempelung zu entfernen, so löst sich mit dem Stempel auch die Krttdeschteht und mit dieser das Bild der Marke. Auf Kreidepapier wurden zum. Beispiel Marken von Österreich-Levante, Großbritannien und Kolonien■ usw. gedruckt 2. Als, erstes Land gab Neusüdwales 1898 eine Wohlt&tigkettsmarke heraus und war deren Inschrift: JBUT THE GERATEST OF THESE IS CHARITY.“ Zu deutsch: „ABER DIE GRÖSZTE VON IHNEN TST DIE BARMHERZIGKEIT.“ 3. Das Bildnis auf der 8. Auksinia blau und ocker sowie 10 Auksinia bianviolett der Ausgabe 1922 stellt den ersten Präsidenten der Republik Litauen, Smetona, dar. ★ Was man aus Briefmarken alles machen kann in Neuyork gab es vor einer Woche große.. Sensation.' Vor-der- Börse stand eine riesige Staffelei mit einem Bildnis, das berühmte Gemälde„Abendmahl“ darstellend.-. Ein Arbeitsloser hatte seine freie Zelt dazu benützt, um aus billigen Briefmarken ein wahres Kunstwerk zu schaffen. Die Sensation aber war, daß er das Bildnis um 100 Dollar verkanten konnte. Daß er wegen unbefugten Straßenverkaufes 24 Stunden Arrest erhielt, dürfte ihn wenig geniert haben. Falsche belgische Wohltätigkeitsmarken Wieder tauchen größere Mengen falscher belgischer Wohltätigkeltsmarken der Ausgabe 1910(Michel Nr. 82 und 86) auf. Vorsicht ist am Platze, da auf diesen falschen Marken auch falsche Aufdrucke„1911“ sowie„Charteret 1911“ erzeugt wurden. Neuheitenmeldungen Finnland: Freimarke T25 Mk. gelb im Löwenmaster.— Niederländischindien: Wohltätigkeitsmarken. Inschrift: „Leger des Heils“. Vier Werte: 2 Cent violettbraun, 5 Cent grün-braun, I2 y h Cent rot braun, 13 Cent hellblau-braun. Auflage 10.000 Satz.— Luxemburg: Freigedenkmarke 73 Cent violett. Bildnis Ermesinge, Zeit 1196—1247. Auflage 50.000 Satz. St. Pierre-Miquelon: Freimarken 1 Cent braun-blau(Landkarte), 2 Cent dunkelgrün-blaugrün(Leuchtturm), 4 Cent rot-braun(Schiff): Portomarke 5 Cent blau-schwarz(Hund). Bevorstehende Neuheiten Frankreich: Eine neue Wertstufe zu 3'50 Franken soll demnächst erscheinen.— Polen: Wie in Nr. 6 der„Bunten Woche“ gemeldet, soll Anfang des Jahres f933 eine Gedenkserie der verunglückten Flieger Zwlrko und Wlgura erscheinen. Hiezu erfahren wir, daß die Auflage 500.000 Satz betragen wird, wovon 100.000 Satz angeblich ungezähnt verausgabt werden. Zeppeünilüge in Amerika nach deutschem Muster Wie uns Herr J. K. Smithens aus Neuyork meldet,- soll nun das große amerikanische Zeppelinluftschiff, das von Deutschland auf Reparationskonto geliefert wurde, größere Flüge nach Nord- und Südamerika sowie Japan und einigen Inseln unternehmen. Um diese Fahrten auf eine sichere finanzielle Grundidee zu stellen, soll das Luftschiff Post befördern, für die eigene Zeppelinflugpostmarken zur Ausgabe gelangen werden. Diese Rubrjk leitet der I.österreichische Ardeiter- B'riefnrarkerisämmlefverelri.' ß Bunte Woche Ara sihvarz-veißen Brett /Ml"50 kompl. Ski-Ausrüstung u MM M Unser langjährig bewährter Schlager: 1 Paar UWW W gute Eschenski, 1 Paar gute Leder-Hultfeld- K Lfl Bindung, I Paar Huitfeld-Backen, I P. FuB- r| TB bleche, 1 P. Haselstöcke,! P. Rohrteller, 1 P. ggSg 8» Lederschlaufen, 1 P. Slclschnallgurten, 1 Spiri- ~ tusklappbrenner, 1 Skispanner samt Klotz, 1 Skischneebrille inklusive erstklassiger Montage. Ski-Hosen in dunkelblauem Schalwolloden S 17°O. A Oratls-Prelslisto B. W. verlangen. Sportvatter so v i, wi»PUNUMnum Nr.* V Geleitet von Hans Kmoch. Aufgabe Nr. 8 (F. Bethge,„Denken und Raten“.) Schwarz: Kb8, Sb7, b4(3 Steine). Weiß: Kd6, Dbl, Ld7(3 Steine). Weiß zieht und setzt im dritten Zuge matt. Bei'aller Einfachheit ein sehr gefälliges Stück, dessen Schlüssel in einer witzigen Wendung liegt Für richtige, bis längstens 29. Dezember einlangende Lösungen setzen wir drei Bücherpreise aus. Für die richtige Lösung der ersten zehn Preisaufgaben shid drei weitere Bücherpreise ausgesetzt. Wir ersuchen daher unsere Löser» ihre Einsendungen fortlaufend zu beziffern. * Da das Schachproblem aus Nr. 6 der „Bunten Woche“ durch einen Druckfehler seinen Sinn verlor, und in Nr.- 7 nachgetragen werden mußte, veröffentlichen wir die Lösung dieses Problems zugleich mit der des Problems aus Nr. 7 in der 9. Nummer der„Bunten Woche“. * Heileres Der Leipziger Meister BlUmich spielte eines Tages eine wichtige Turnierpartie. Es fiel ihm unangenehm aut, daß sein Gegner von Zeit zu Zeit verschwand, um erst nach geraumer Weile wiederzukehren. Gewiß konnte dieses Verhalten gesundheitliche Gründe haben. Trotzdem hegte Blümich den Verdacht, sein Gegner entferne sich nur, um die jeweils vorliegende Stellung mit Hilfe eines Taschenschachs zu untersuchen, was wohl nach den herrschenden Turnierregeln streng verboten, aber schwer zu kontrollieren ist. Nun zeichnen sich die Sachsen nicht nur durch eine beschauliche Lebenseinstellung, sondern auch durch Schlauheit aas, und so verfiel Meister BUimich auf eine teuflische Verteidigung: er begab sich an jenen Ort, wo er seinen regelwidrig vertieften Gegner vermutete, und— drehte das elektrische Licht ab! Wenige Minuten später kam der Gegner mit scheuer Miene zum Brett zurück, zeigte von nun an keinerlei gesundheitliche Störungen mehr und verlor in geziemender Weise die Partie Antworten Pospischil, Liesing: Sie übersehen 1. Da8t matt! Die Idee ist außerdem nicht neu. (Zuschriften sind an die Schriftleitung; V, Rechte WienzeUe 97, zu richten. Anfragen, denen kein Rückporto beiliegt, werden nach Möglichkeit im Briefkasten beantwortet.) BunteJMWoche Abonnementpreise: monatlich vierteljährlich Österreich ...Schilling — 90 270 Tschechoslowakei tsch. Kr. 4— 13— Deutschland ... Mark — 65 2— Schweiz ,. ...Franken — 90 270 Polen... .... Zloty 110 330 Rumänien. ... Lei 18— 54— Ungarn.. ...Pengö. — 90 270 Für das übrige Ausland Einzelexemplar 20 Schweizer Rappen; vierteljährlich'4 Schweizer Franken. ★ Die bisher erschienenen Hummern der „Vunlen Woche liefern wir Ihnen gegen Einsendung von 20 g pro Nummer gerne nach Men Ae sidi Ml ein wenig den Kopi zerrten? Ein Christbaumringel ist nicht immer eine so. einfache Sache, wie.man denkt.. Dieses hier zum Beispiel enthält«ine schrift— eine uralte Botschaft, die leider recht wenig in Erfüllung ging,— zu entziffern. ★ Kreuzworträtsel Waagrecht: 1. Deutscher Sozialistenführer. 6. Strom in Afrika. 8.' Gartenteil. 9. Stadt in der Tschechoslowakei. 10. Einhoken. 12. Chemisches 1 2 3 4 5 6 7 I' W 9 1 10 ii 12 K B 13 14 15 16 17 I 19 J Zeichen für Neon. 13. Ägyptischer Sonnengott. 14. Intervall von neun Tönen. 17. Titel der früheren Herrscher von Algier. 18. Lottogewinst. 19. Ausdruck aus der Seemannssprache. Senkrecht: 1. Obstform. 2. Schwimmvogel. 3. Chemisches Zeichen für Beryllium. 4. Saugwurm.. 6. Ruhen(Militär). 6. Binnengewässer (Mehrzahl). 7; Strom in Sibirien. 11. Inwendig. 18. Strom in Deutschland; Mndewort. 16. Unbestimmter Artikel(weiblich). ★ Preise für Rätsellöser Für die Leser, die richtige Lösungen der beiden Rätsel dieser Seite bis zum 29. Dezember 1932 an die Redaktion einsenden, hat die „Bunte Woche“ 13 Geldpreise ausgesetzt Der 1. Preis beträgt 50 Schilling, der 2. Preis 30 Schilling, der 3. Preis 20 Schilling, der 4. bis 13. Preis 10 Schilling. Der seltsame Vogel— ein Nashorn Die meisten unserer Leser haben das gewiß ohnehin längst herausgehabt, wie die" ungeheure Beteiligung an diesem Preisausschreiben zeigt Sie alle sind auf die gute Idee gekommen, das Bild einfach auf den Kopf zu stellen, worauf sich der„Vogel“ sehr bald als Nashorn entpuppte. Unter den 11.406 richtigen Einsendungen wurden 13 Gewinner ausgelost. Den ersten Preis(50 Schilling und einen Kanarienvogel) gewann Karl Stadler, Wien XIII, Sebastian-Kelch-Gasse 5. Der zweite Preis(30 Schilling) entfiel auf Klara S a b o r, Wien I, Kärntnerstraße 5. Der dritte Preis(20 Schilling) auf Rosina Leitner, Attnang-Puchheim Nr. 209. Zehn Preise zu je 10 Schilling: Hans Dürr» Wien XII. Aßmayergasse 55: Leopold Meißner» Siegersdorf 32, bei Neuiengbach; Sebastian S l m m e r. Ybbsitz 104. Niederösterreich: Hermine Hern.dl. Wien XII. Teichackergassc 5/3; August Neumann. Wien XIX, Iglaseegasse 40; Franz Dienst!. Wien XV. Wnrzoachgasse 24/24; Franz Fellner, Stockerau, Wimmerstraße l: Paula H am« merl, Wien V. Qassergasse 12/8; Trude Härtst. Wien IX, Älthanstraße 1—3, 2/44; Iguaz Z o g m e i e r, Wien II, Josef inengasse 12/3. * (Aus technischen Gründen können die Lösungen der anderen Rätsel aus Nr. 6 erst in der nächsten Nummer veröffentlicht werden.) ft ★ ■■ Zeichne mit Buchstaben! Das neue Preisausschreiben der„Bunten Woche u Wir haben uns ein ganz neues Preisausschreiben für unsere Leser ausgedacht: eine amüsante Zeichenaufgabe für einfallsreiche Leute. Sie sehen hier auf dem Bilde das H bildet das Mauerwerk, das A das Dach, das auf den Kopf gestellte U das Haustor und mit dem S hat der Zeichner sinnig den First verziert. Was der Zeichner konnte, das können einige stilisierte Figuren,' denen man aber, mit Sie gewiß auch: also nehmen Sie rasch einen einigem guten Willen immerhin anmerkt, was Bleistift und Papier zur Hand und versuchen sie'.darstellen.sollen. Links oben eine Tasse, Sie, auf die gleiche Art andere Wörter in Btich- daneben ein Haus, unter der Tasse ein Automobil, ganz unten ein Sofa und' daneben eine Blume. AUe diese Bilder haben die erstaunliche Eigenschaft, gleichzeitig gezeichnet und geschrieben zu sein. Die Zeichnung setzt sich nämlich ausschließlich aus den staben zu zeichnen. Es wird Ihnen gewiß viel Spaß machen. Wenn Sie etwas Hübsches zusammengebracht haben, dann zeichnen Sie es bitte auf eine Postkarte und senden Sie uns diese. Wir werden in jeder Nummer einige der besten Buchstaben, die das Wort des betreffenden Buchstabenzeichnungen unserer Leser ver- Gegenstandes bilden, zusammen. Sehen Sie öffentlichen und die.veröffentlichten Zeichnun-, sich etwas das Haus in unserer Zeichnung an: gen mit fünf Schilling honorieren. Sonderausstellung: „Kein Buch teurer als 6 Schilling“ Buchhandlung„Altes Rathaus“ Wien I, Wlpplingerstr. 8(ZentralsparkasM) Gute Bücher(neu) schon um 1 bis 9 Schilling Katalog gratis 800 Schilling für kluge Köpfe Das Ergebnis der Verlosung unserer großen Denkaufgabenpreisserie Die erste große Denkaufgabenpreisserie de“ „Bunten Woche“ ist abgeschlossen. Vor allem: Besten Dank allen unseren Lesern, die durch ihre Beteiligung an dem Preisausschreiben bewiesen haben, daß sie die Freundschaft der „Bunten Woche“ erwidern und daß sie über kluge, klar denkende Köpfe verfügen. Und diese Preisserie hat gezeigt, daß unter den Lesern der„Bunten Woche“ die klugen Köpfe wirklich nicht rar sind— nicht weniger als 12J48 Leser haben alle vier Aufgaben richtig gelöst. Bei dieser ungeheuren Beteiligung sind trotz der großen Anzahl der Preise— die„Bunte Woche“ hat ja sieb e nun d,s e chz ig Preise ausgesetzt— leider viele unserer Freunde, die richtige Lösungen einsandten, leer ausgegangen. Bitte, sind Sie uns deshalb nicht böse, wir können ja beim besten Willen nicht allen 12.748 Denkaufgabenlösern Preise zukommen lassen, so gern wir es auch täten. Die Auflösung der vier Denkaufgaben Eine unserer Rätsellöserinnen war so nett, die Lösung der vier Denkaufgaben aus der großen Serie in Reime zu bringen.'Wir geben ihr' Gedichtchen hier wieder: 1. Der Wächter soll ruhig ins Häusl gehen. Man fährt in gleicher Richtung. . Es wird schon nix g'schoben. 2. Wie. kann man die Leser nur so quälen? :. Wenn die Frau töt ist, kann sie nichts mehr >;i'f'. 1 erzählen. 3.: Geschossen hat zuerst der Brand, Man sieht’s an der.anderen Sprünge Rand. 4. Hier hat uns der Zeichner was Schönes be schert Die, Schatten fallen allp verkehrt . Die Sonne mag auf- oder untergehen: Die Turmuhr, wird nicht auf Zwölfe stehen! Cn k.aniM Die Preisträger 1. Preis 100 S Franz Seidl, Hilfsarbeiter, XIV, Feiberstraße. 110/43. 2. Preis 50 S Franz Bl eha, XIII, Versorgung Lainz, Pavillon XVI/11, 1. 3. Preis 30 S Josef L e n t s c h, Neusiedl am See 155 (Burgenland). 20 Preise zu je 20 S Elisabeth B e n e s c h. XX. Stromstraße 81—87.'6/1: Jo,et Knie, XV*. Marzstraße 9—11119; Johann Z-I.dek, XVI. Baclicasse 20. 1/7; Philipp 81 n r e r. XVHI, Martin- straße 2/12; Silvester S t e 1 n 11 z e r, Oaschnrn.44 /Vorarlberg): Anton Haase. Wlasenka 55. Post Ceski Metiye*(Tschechoslowakei): Käthe Prinz. IX. Kinder- spitalgasse 4, 11/13; Fritz Riß. VII. Neustiftgasse 112; Karl K r a u t. V. Schwarzhorngasse 1; Josef Loy, Wels. Fabrikstraße 26;> Josef Leck, IX, Marktgasse«6/25; Rudolf E n d e r I e. 1. Neutorgasse 4; Hans Rieder, Kapfenberg. Brauerleiten 5(Steiermark); Franz Eduard Hleke. XI, Kopalgasse 70, 3/38: Franz Matzn.er, Graz, Hauptplatz 14(Steiermark); Rudolf List. XVI. Luxembirrggasse 3. 4/1/8; Anna F a c i n e 111. Innsbruck. Knollerstraße 2(Tirol); Hermine Eder. XIL Steinackergasse 1/26; Josef Mayer, V. Embelgasse 33/18; Karl Kotzinger, XIV. OoldschlagstraBe. 45/27/..'' 44 Trostpreise zu je 5 S Betty D i c r, VIH. Stolzenthalergasse 26/9: Leopold M ö's I e i n, XVII. Zeillergasse 63,.8/9; Hilde Z e i I 1 e r, X, Gudruhstraße 143/38; Franz K u p 1 e n t, Hofstetten an der{ Pi|Bl{ich'(Niederösterreich); Marie K v a s. XIII, Cervantesgasse. 3/14; Stephanie Winter,. Berndorf’AV. Neue Kolonie 151(Niederösterreich); Heinrich K njo t e k, XII, Stegmayergasse 3A; Fritz Sorg er, Zementwerk Vih bei Rcutte(Tirol); Franz Bresonitsch, Stoob'44 (Burgenland); Leo Schwarz, XIV, Märzstraße 109/25; Gustav Schmerling, II, Rotenkreuzgasse 5/19; Rudolf M i I le Ice r. X. Troststraße 68, 17/10: Thekla Schiene r, XIX. Seileräckergasse 43/1; L. H u 1 e s c h. XIII, Faisfauergasse 51; Ida S t i a s n.y, XVI. KoppstraBe Nr. 2, 2/50; Erwin O ö c hing, Bludenz, Hermann-Sander- Straße 39(Vorarlberg); W. T o 11 e r i a n, III, Eslarh- gasse. 13/5; Hans Ehrenberger. XI, Eckplatz 4; Adolf Matlasek, XIV, Beckmanngasse 68/26; Josef Roshon, Leopoldsdorf 56, bei Wien; Steffi Anderer,, Alt-Aussee, Lichtenberg 115(Steiermark!; Karl O Anssi er. IX. Marktgasse 21-23: Otto P r i c h e r, Stammersdorf.„ JedlersdorferstraBe. 56; Rosalia N.ose k, X, Eckertgasse 7. 1/5; Alois Wagner» Innsbruck, Meranerstraße 8(Tirol); Anton Mayer, X. Quarioplatz. 10, 11/3;...Johann Sauten er. Linz. Bethlehemstraße. 72(Oberösterreich); Leo Qlatz- maier, X, Endlichergasse 5, 11/11; Juliane Huber, X, Favoritenstraße 196/21; Johann Brabscfae; IX, Tburygasse 6/3; Poldy Forma nn, IX, Sporkeno ßh^- gesse T.- 11/23: Josef' B e s s i n Ä e r, Eisenerz, Vordern- bergstraße 8(Steiermark); Johann Matzenauer. III. Drorygasse 8, 6-12; Marie Kutsch.er a, X. Rand- hartingergasse 4/37; Josefa Kowalinka, Liesing. Mauergasse 13(Nicdcrösterxeich); Barth.. B r a n d n e r. XVI,.Ottakringerstraße 170/9; Anna Sfroclsy« Orünsting Nr. 16, Post Edlach bei Reichenau(Niederösterreich); Johann Z a n o,n< Hailein. PQfnbergstraße 131(Salzburg); Hans Schal 1. VIII. Laudongasse 1.1/8; Ev» Neumann. XVIII, 1 Gersthöferst'raße lO^Rosa Ebner, Puchberg am Schneeberg, Sirrning 90 ,(Ni w l ssösterrelch): Kurt W o s kn. XV, Neussernlatz 1—4, 1/14: Franz Seidel. X, Herz- tftssa. 53« 1/12: Franz Kretschmer, Enzesfeld• 109 (Niederösterreich)«