Seite 3 Erscheint mit Ausnahme des Montag täglich früh. Jt.Oottlon u. DtrtDoltung: Dran 11, TtelAsanta i&+ Xelept).: 20793. um TtatQtrrOnrt ia& 31 Ujr): 1MM ♦ DonftOrcfami> 37344 13. Jahrgang. Dienstag, 25 Zuli 1933 Rr. 171. ~T~n bivzelvrels 70 Heller. Einschließlich 6 Heller Porto) SA ersdilcßf rebelllsdien Kollegen. Leverkusen, 23. Juli. Der Erwerbslose JaSkowiak, der im Verdacht kommunistischer Betätigung innerhalb d e r N S D A P.(!) steht, würde in der Nacht zum Samstag von einem S2-Mann„zur Abwehr einer augenblicklichen Besahr" erschossen. JaStowiak war angeblich schon verschiedent. lich von Führern der SA und SS wegen seiner illegalen Handlungen zur Rede gestellt worden; er machte bei solchen Gelegenheiten drohende Aeutzerungen. In der Rocht zum vergangenen Samstag wurde er von mehreren SS-Männern gestellt. Al« er hiebei eine drohende Haltung einnahm, sah ei» SS-Man» zur Abwehr sich „genötigt" und gab, um einer augenblicklichen Gefahr„z u v o r z u t o m m e n", einen Schutz ab, der sofort tödlich wirkte. SA-Nann erschossen aufgchinden. München, 23. Juli. Heute sriih wurde In der Nähe des Umspann-Werkes Karlsfeld bei München ein SA-Mann von Ober-Menzing erschossen ausgesunden. Nach den bisherigen Ermittlungen scheint ein U n g l ü ck s f a l l(?) vorzuliegen. Die Erhebungen sind noch im Gange. „Aut der flucht erschossen“ — diesmal zwei SA-Leute) Hannover, 20. Juli. Ich Sonzentrotions- lagerd er SA in W i l scde(Ljinechuraer Heide) sind in der Rächt.zum ist. Juli' zwei mhastierte SA-Leute bei einem Fluchtversuch überrascht und erschossen wordem. Die Existenz dieses Lagers für.die revolutionären SA-Leute hat unter der Bevölkerung der umliegenden Heide-Dörfer stärkst«Erregung erzeugt; allgemein wird die Entlassung der ver- haftete» SA-Leute und die Schlietzung des Lagergefordert. Diese bedenklichen Stimmungen haben oie preußische Regierung dazu veranlaßt, das Wachkommando, das nach der vor einigen Woche« erfolgten Ablösung der SS-Truppen ausschließlich aus Schutzpolizei besteht, wesentlich zu verstärken. Bon der vorwiegend nationalsozialüstschen Bevölkerung wird das Lagerkommando wie eine feindliche Einquartierung behandelt; jeder Derkehr zwischen den Bauern und den Wachtruppen ist unterbunden. NM halten! Wie ungeheuer groß die Gärung in der Nazi-Partei sein, milß, geht blitzlichtartig aus einem Revers hervor, der auf Beschlug der Reichsleituug der NSDAP allen Parteimitgliedern zur Unterzeichnung vorgelegi werden soll. Er hat folgenden Wortlaut: „Ich habe Kenntnis, vast ich mich jeder Kritik an den Mahnahmen der Regierung und der Partei und ihre« führenden Männern zu enthalten habe. Ich weist, vast ich andernfalls nicht mehr der Parteigerichtsbarkeit, sondern dem Strafgericht zugeführt werde. Mit meiner Unterschrift bestätigt...(Name)." Ein SA-Standartcirsührer soll, als er diesen Revers zu Gesicht bekam, geäußert haben: „Die zweite Revolution ist fällig. Die Bonzen scheinen soviel Mist gemacht zu haben, daß. sie jetzt jede Kritik mit Gewalt verbieten. Wir lassen uns nicht den Mund verbinden." „Meiner« Unruhen". Chemnitz, 24. Juli.'Bei einem Generalappell der nationalsozialistische».Beiriebsorganisations- zellen, zu dem sich annähernd 100.000 Teilnehmer eingesunden hatten, hielt der Führer der.Arbeiterverbände Walter Schuman» eine Rede, in der er u. a. sagte: In den Betrieben uiachen sich in letzter Zeit hin und wieder k l e i n e r e U n r n h e tr bemerkbar; es ist verständlich, daß die kommunistische Internationale nzit allen Mitteln versucht, oaS verlorene Gelände zurückzuerobern und zu diesem Zweck ihre klügsten Köpfe in die Betriebe schickt. Es gibt eine große Menge marxistischer Funktionäre, oie glaubt, unserer Aufmerksamkeit entgehen zu können, wenn sie das Abzeichen der nationalsozialistischen Bewegung tragen. Wer sich als Saboteur an der Wirtschaft betätigt, verdient gehängt zu werden. „d Massenverhaftunoen radikaler Elemente in Spanien zur im Versprechungen abgeben. Veschlüsfe wur- Madrid,-24. Juli. Der Innenminister und der Polizeidirektor,sind vor einigen Tagen davon verständigt, worden, daß gewisse Elemente, die der äußersten Rechten'angehören, in enger Zusammenarbeit mit lhrkSradikolen gewerkschaftliche» und anarchistischen"Kressen^eine Verschwör'« ng gege n'd i e Sicherheit d e s Staates vorbereiten.'Die Bewegrmg sollte in den letzten Julitagen oder'Anfang August ausbrechen. Samstag abend Hot' der Innenminister den Gouverneuren sämtlicher Provinzen den Befehl erteilt, die angesehensten recht-- und linksrädikale« Führer zu dertzasteu und die Verhaftung der ganzen Gesellschaft erfolgen konnte und erfolgt ist. Red.) Neber den Beweggrund für seine Sabotage-Tätigkeit befragt, erklärt Schlageter wörtlich: ,^ch habe dieses(die Sabotageakte) getan, tveil ich große Verluste in meinem geschäftlichen Leben erlitten habe. Ich habe mir gesagt: Du wirst die Geschäfte lassen und dich e i n e r e i n« träglicheren Sache zuwenden. Mit nationalen Beweggründen hatte meine Arbeit ebensowenig zu tun, wie meine frühere Tätigkeit in Danzig, wo ich gleickneitig für die Deutschen«nd für die Polen mich bemüht habe." Dieses Dokument trägt, wir wiederholen es, die Original Unterschrift des„deutschen Nationalhelden" Schlageter. Und es wird siir die Leser jenseits des Rheins nicht uninteressant sein zu hören, daß, wie aus dem Gerichtsprotokoll eindeutig hervorqeht, Herr Schlageter nicht zuletzt deshalb zum Tode durch Erschießen verurteilt worden ist, „weil er nicht ans ideellen und nationalen Beweggründen gehandelt hat, sondern>«m des Geldverdienens willen, wie er selbst bekenn». Uw des Geldverdienens willen hat er eine Air» zahl französischer Soldaten gemordet und' nur des Geldverdienens willen hat er schließlich seine eigene Sache und seine eigenen Kamraden verrate«; er rechnete, wie er selbst gesteht, do- ' mit. daß sein Verrat ihn vor der Straf« schützt und ihm sogar eine Belohnung einbrinqt." .4 Versammlungslokale der äußersten Rechten und der äußersten Linken zu sperren. Zugleich wurden die Gouverneure, angewiesen, die Redakteure jener Zeitungen, die saseistische Tendenzen vertreten, sestzunehmen.'-, Auf. Grund dieser Weisungen wurden in der Rächt von. Samstag auf Sonntag in ganz Spanen zahlreiche Be« Haftungen vorgenoiumen, dic in Madrid allein bis zur Stunde mit über 11V. beziffert werden. Sämtliche Polizeikommissäre wurden für heute früh zu einer vertraulichen Sitzung nach Madrid einberufen. Unter den Verhafteten befinden sich Geweik'chaftssübr!-«"" Jesuiten».Fajcistcn und Monarchisten. Paris, 21. Juli. I» Berti» ist gestern eine Ausstellung zum Gedächtnis Schlageters eröffnet worden; zahlreiche Vertreter der Behörden und der nationalsozialistischen Verbände habe» daran teilgenommen und haben Schlageter als Ra t i v- na l b c l den des„Dritten Reiches" vevherrl-cht. Der„T e mps", das offiziöse Organ des französischen Außenministeriums, benutzt diese Gelegenheit, um in seiner heutigen Ausgabe den Inhalt zweier Protokolle über die Vernehmung Schlageters durch die Besahungstruppeu mitzuteilen; diese beiden Protokolle sind von Schlageter unterzeichnet und beglaubigt. In dem ersten Protokoll gibt Schlageter alle Einzelheiten über dieLrganisation und die Arbeit--weise des Sabotage- Kommandos preis; er nennt die Name u, die Adresse und den damaligen Aufenthaltsort seiner zwölf Kameraden, die unter seinem Befehl gearbeitet haben. Er gibt ferner an, welche Beträge an Geld er und seine Kameraden von der Berliner Zentrale erhalten haben, und verrat die Namen und Adressen der Leiter der Reichsorgo- n i s o t! o n sowie deren taktischen Plan und Arbeitsweise. Im zweiten Dokument gibt Schlageter die Namen, Decknamen, den Beruf und die Adressen aller ihm bekannten Mitglieder der Säbotage trüpptz im besetzten Gebiet an sworauf dann schlagartig die Kommunisten und Sozial demokraten sind zu entlassen! Berlin, 23. Juli. Im Reichsgesetzblatt ist unter dem Datum vom 20. Zuli 1033 das Gesetz zur Ergänzung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Beriissbeamtentums veröffentlicht worden. Es bestimmt, daß Beamte, die der kom- m u n i ft i s ch e n Partei oder kommunistischen Hilfs- oder Ersatzorganisationen angehören oder sich sonst in kommüuislischem Sinne betätigt haben, a u s de in D i eu st zu entlassen sind. Bon der Entlassung kann bei solchen Beamten abgesehen werden, die sich schon vor dem 30. Jänner 1933 einer Partei oder einem Verbände, die sich hinter die Regierung der nationalen Erhebung gestellt haben, angeschlossen und sich in der nationalen Bewegung hervorragend(!) bewährt haben. Künftig sind Beamte zu entlassen, die sich im kommunistischen oder sozialdemokratischem Sinn« betätigen. „ionair Meter ein Wer Verräter! Sensationelle Veröffentlichungen des Pariser„Tcmps“ Görings Gesetze Ein Motlvenberlch* .Hermann Go e r im g ist der eigentliche Machthaber in Hitler-Deutschland. Als Reichs- luftrüstungsmiuister, Preußischer Ministerpräsident und Reichstagsbrandpräsident vereinigt er größere Macht in seiner schiehgewohnten Hand, als dieser Adolf Hitler, der sich nach der jüngst in einer Münchener Versammlung offenbarten Bekundung seines getreuen Reichswehrpfarrers Müller selbst als ein Werkzeug Gottes fühlt, wie einst Wilhelm II. öffentlich erklärt hat, daß er sich als Instrument des Himmels betrachte. Um noch einen Augenblick bei dem nominellen Regierungschef zu verweilen, sei daran erinnert, daß er zweifellos zu jenen 6J4 Millionen Irrer und geistig Minderwertiger gehört, die nach der Untersuchung des Professors Lenz in Deutschland vorhanden sind. Hitler leidet ach Erlös e r tv a h n; darum z. B. findet sich in keiner seiner inhaltslosen und desto phrasenreicheren Dauerreden auch nur die geringste Spur eines Witzes, denn der Erlöser bringt doch seine Zuhörer nicht zum Lachen— allerdings bringt auch dieser dürftige Geist die Federkraft des Witzes nicht auf. Doch— Goering! Er sagt, daß die Einführung der von ihm, Freister, Kerrl ustv. vorgeschlagenen Gesetze durch die Reichsregie- rnng bereiis sicher sei. Wir zweijeln nicht daran, denn wo Goering zündet, da brennts auch. He rv o rg e rufen durch die Rebellion enttäuschter SA-P.ro le» t e n, d i e Hi.ii'n', a l s K o m m'n ui st e n aus g i b t, sind diese neuen Gesetze vor allem zur Terrorisierung dieser Rebellen im eigenen Lager bestimmt. Kommunisten sollen ja auch den Reichstag angezündet, Kommunisten die Nachrichten über die deutsche Aufrüstung in die Welt gebracht, Kommunisten sollen auf einer Propagandafahrt vom Auto herab Polizisten beschossen haben. Ein kvinmnnistisches Propaganda-Auto würde heute von der Polizei und den Hitlertruppen berdamint bald zusammengeschossen sein, schon das Zusammenkommen der Mitfahrer und die Ausfahrt würde nicht unbemerkt bleiben und sogleich verhindert tverden. Aber wie mau sich im Innern als Retter vor dem sonst unausweichlichen Bolschewismus die Macht erschlichen hat, so appelliert man ständig mit diesem Schwindel an die Solidarität des Weltkapitals und seiner Regierungen. Aus der Isolierung herauszukommen ist das heiße Bemühen der Reurath-Rosenberg- schen Außenpolitik. Frohgemut kann die Nazipresse melden:„Hitler empfängt Henderson." Aber die Innenpolitik wirf: ihre Gummiknüppel dazwischen. Bisher haben nur die anständigen Zeitungen der nichlsaseistischen Länder. und prominente Redner in vielen Parlamenten gesagt und bewiesen, was Hitler- Deutschland ist— seine Regierung hat alle Terrorbeschuldigungen unausgesetzt dementiert und ihr Deutschland ständig als einen Staat höchster Kultur und reinster Menschlichkeit hiugeslellt. NllN aber, da man selbst den B o r- s a tz zur Tötung eines Polizisten oder Hitler- soldateu, da man die bloße Verbreitung der Wahrheit über ihre Greueltaten, da man die Einschniuggelung verbotener Druckschriften mit der Todesstrafe bedroht, erklären sich die Herren d e S Dritten R e i ch s s e l b st a m t l i ch st als eine Mörderhorde, mit der kein.Kulturstaat irgendeine Gemeinschaft haben kann, zu der er keine Vertreter schicken und" deren Mördersahne er nicht an seinem Naiionalfesttag auf seinem Außen- rninisterium hissen kann, wie das am Tag des Bastillensturms in Paris geschehen ist. Und. der Inhalt dieser Goeringgesetze? Mord, an wem immer, war auch schon bisher in Deutschland unter Todesstrafe gestellt, allerdings nicht auch der unausgeführte Vorsatz. Anarchisten.■ Dafür, wie für Verbreitung von der Regie- ", I rung unangenehmen Mchrichten, zum Beispiel WMsmhner der ReiiMr hei Hindenburg. Königsberg, 23. Juli.(Jnprest.) Wir erfahre» ans sehr zuverlässiger Duelle, vast eine Reihe hoher Reichswchroffizicre den Präsidenten.Hindenburg anfgesuchl hat, um ihn auf die Gefahren hinzuwcisen, die der Reichswehr drohen. In diesen Kreisen saht man nämlich die Renordnung der SB nnd die (Einteilung in Obergrnppen sowie die(Sinfiihrnng der neuen, rein militärischen Abzeichen, als vorbereitende Mahnahmcn zur Aufstellung einer«chren Reichswehr auf. Man befürchtet, das; sehr bald durch einen ncnen Staatsstreich die Reichswehr teils aufgelöst, teils von den SA-Formationen ausgesogen werden soll. In diesen Offizierstreisen nimmt man sogar an, das; die wiederholte . Betonung, eine zweite Revolution werde es nicht geben, lediglich eine Tarnung dieses neuen Staatsstreichs, den die Offiziere gerade als„zweite Revolution" ansehen, bezwecke. Der Reichspräsident konnte keine den nicht gefaßt. Reldiswehr den Statt haltern unterstellt! Berlin, 23. Juli. Das zweite Gesetz- Aenderung des W e h r g c s c h c s wird Reichsgefetzblatte veröffentlicht. Eine wichtige Aenderung gibt die Neufassung des Paragraphen 17. Danach hat im Falle öffentlicher Röt st ä n de oder einer Bedrohung der öffentlichen Ordnung die Wehrmacht aus Anordnung der R c i ch s st a t t h a l t er, in Preußen des Reichskanzlers und der von diesen bestimmten Behörden Hilfe zu leisten. Das Ersuchen soll nur ergehen, wenn die eigenen Kräfte des Landes nicht ausreichen. Wichtig ist ferner der neueingesührte Para graph(40 aj, demzufolge der Reichswehrminister ermächtigt wird, airgestellte Zivi Ij> c rsonen im Bereiche der Wehrmacht den für Soldaten gel tenden gesetzlichen Bestimmungen ganz oder teil weise zu unterstellen, wenn und solange dies die militärischen Notwendigkeiten erfordern. Seite 9 Dienstag, 25. Juki 19SS heit genügt. Ministerpräsident Toeklng hat heute seiner einfachen SA-Pflicht als Mitglied eines Hin« richtungSkvmmandoS in Plötzensee mit kriegs- Sie werden niemand mehr täuschen können. Tos AuSpeitschen wehrloser, nackt au-gezogener Frauen in den Marterställcn der braunen Untermenschen, das scheußlich« Verfahren, entmachtete Gegner als Fangball zu benutzen und sie systematisch zu demütige» und zu vernichten, eS ist, tvenn auch a u f S höchste ordinär und unritterlich, so doch bestimmt eines N a t i o»a l»oz ia l i ste n w ü rd ia! Und daS wollen wir uns für alle Zeiten merken. Deutschland muO angrcllen. Leipzig, 20. Juli. Der Geschäftsführer der RcichSrundfunkgesellschast H a d a m o w s k i teilte in seiner Ansprache an die Propaganda- und Funkwarte mit: „ES bleibt immer unsere Ausgabe: ans Deutschland in Mitteleuropa«ine« Stahlblock zu schmieden, bei dem alle» abprallt. Dann können wir vor dem Führer hintreten und ihm sagen, setzt stelle nnü nach außen; denn wir haben im Innern alles getan!" über Geheimrüstungen, für Einschmuggelung und Verbreitung verbotener Druckschriften gab es bisher nur Freiheitsstrafen. Sondergerichte mn Schnellverfahren, ohne Berufungsmöglichkeit und mit stark verminderten Rechtsgaran- tien gibt es schon lange in Deutschland. Aber seit dem Machtantritt der Hitlerei und besonders sei: den» Goeringschen Reichstags- brand und s e r n c m Nutzeffekt, der Aufhebung der Berfassungürechte durch jenen Hindenburg, der 1914 aus dem Felde nachhause schrieb:„Der Krieg bekommt mir wie e i n e Badekur", während täglich Tausend« fielen oder sich in den furchtbarsten Leiden lvanden— seitdem ist ja daü schnellste Schnellverfahren ohne Untersuchung, Gericht ur»d Urteil citigeführr, seitdem tvird schrankenlos gemordet, mißhandelt, geraubt, gestohlen. Konnte die Regierung das bisher abstreiten oder nach andersfascistischem Muster auf„Nachgeordnete unverantwortliche Organe" schieben, jetzt bekennt sie sich durch die Goering- gesetzt offiziell dazu, indem sie die Todesstrafe auf Delikte seht, die nirgendwo sonst in der Welt so barbarisch bestraft werden. Nach einem halben Jahr Tcrrorherrschafl weiß jeder in Deutschland, ganz gewiß und erst recht jeder SA-Mann, daß er das Leben oder mindestens die Freiheit riskiert, wenn er etwas gegen das Regime unternimmt, ob tätlich oder propagandistisch. Wer es dennoch wagt, wird durch die Legalisierung dieser Methoden, durch ihre Verkündung als Gesetz nicht davon abgchalten werden. Ist es da nicht ungemein töricht von der Hitlerregicrung, ihren Gegnern in» Atrslarrd diese scharfe Waffe der zum ersten Mal in Gesctzesform verkündeten Schreckensherrschaft in die Hand zu geben? Man fühlt sich vielleicht daran erinnert, daß auch den gewiegtesten Verbrechern einmal jene Unüberlegtheit passiert, die dann zu ihrer Unschädlichmachung führt. Aber hier muß man doch noch ein anderes Motiv bedenken: Hermann Goering ist morphinistischer Sadist. Der Gier eines solchen kranken Geistes nach immer neuen Auspeitschungen genügt auf die Dauer nicht» was schon zur Gewohnheit geworden ist, die Schandtaten der SA-Schinder- kncchtc, die Vernichtung zehntausender Existenzen, die Vertilgung jeder legalen Möglichkeit, eine andere Meinung zu äußern, der Massenraub fremden Eigentums, die Schändung des 1. Mai, die sadistische Verkehrung von Gewerkschaften in Kapitalsfilialen, der unsagbare Jammer der Familien der Ermordeten, Eingekerkerten, Exrstenzberaubten Neues, Neues braucht Goering! Und das ist das Neue: Diese Gehirn- fahkcs, diese Paragraphenreiter, diese Federfuchser, diese da in der lveiberhaften Togo und mit dem schlappen Barett auf dem Kopf, die d a S R e ch t studiert und beschworen, die sogar der Republik Treue gelobt haben, die sotten jetzt ran! Zwar haben sie schon das Menschenmögliche an Gleichschaltung geleistet, aber nun sollen sic intellektuelle Henkersknechte sein. Gleichgültig und ohne Ansehen der erbärmlichen Person wimmernder Angeklagter sollen sie die Todesurteile herunter- schtiurren, gleichmütig und mitleidslos verkünden, daß die Hinrichtung in drei Stunden, in einer, in einer halben Stunde, in zwanzig, Tartuile im braunen Hemd. Nazi-Heß„warnt" vor Provokateuren. Herr Heß, Hitlers Stellvertreter in der Führung der NSDAP, erläßt einen Aufruf an die Bravos der SA und SS, in dein er vor Mißhandlungen politischer Gegner„warn t". Es sei, so vcr. sichert der naive Herr Heß, eines Nationalsozialisten„u n w ü r d i g", einen gefangene» Gegner zu mißhandeln. In diesem Zusammenhang ersucht der Nazi seine Spießgesellen, Provokateur« zurückzuweisen. Das ist der Gipfel der Verlogen- heit. Nach fünf Monaten barbarischsten, blutigsten Terrorregimes, nach fünf Monaten SA-Kasernenhölle und Folterkammer. Barbarei erheben die gewissenlosen Nazi-Bonzen, die die ganze Zeit hindurch die unsagbaren Säsiindlichkeiten des SA-Terrors schmunzelnd toleriert haben, plötzlich bcichwichiigend ihre Stimme. zehn, fünf Minuten vollzogen wird. Das oraucht Gocrings Gemüt. Und es sollte unS nicht wundern, wenn MM eines Tages amtlich aus Berlin gemeldet wird: gewohntem Erfolg ausgezeichnetster Treffsicher- „Der Herr Reichsminister und Preußische heit genügt." Ihr seid des Mordes sdiuldld! Aufruf der SPD. Der Vorstand der Sozialdemokrati-> scheu Partei Deutschlands, Ätz Prag, ver öffentlicht folgenden Aufruf: Das Preußenkabinett Goering fordert I vom ReichSkabinrtt Hitler den Erlaß eines „Gesetzes zur Gewährleistung des RechtSfrie. den«". ES kündigt zugleich eine neue Amnestie an, di« zweifellos dir an Johannes Stelling und hundert anderen Unschuldige» verübte« Morde umfassen wird. DaS neue Gesetz soll jeden. Angriff auf Mitglieder der Nationalsozialisti, l scken Partei, ja sogar jede Einfuhr mißliebiger! Druckschriften au« dem Ausland mit dem Tode bestrafen. Der Vorschlag Gocrings erstrebt die Vollen dung eines System«, da« den Mord zum eigenen Vorteil verherrlicht und begünstigt, jeden An griff aber auf die eigene Machtstellung, auch den mit geistigen Waffen, mit dem Tod« bedroht. Das ist nicht Gewährleistung de» RechtSfrirdenS, sondern Zerstörung de« Rechtsstaates und Bürgerkrieg in Permanenz. Hermann Goering zittert vor der Wahrheit. Er weiß warum. Aber vergeblich ruft er den Henker gegen sie zur Hilfe. Vergeblich sucht di« nationalsozialistische Partei die Anklage wegen ihre« hundertfachen Verrats an allen nationalen und sozialen Forderungen ihre« Programm« im Blut der Ankläger zu«rsticke». Wir erklären hiermit: Di« von Goering gefordert« Tötung politi scher Gegner bleibt Mord, auch wenn sie mit i dem durchsichtigen Mantel«ine« angebliche« Ge. setze« umkleidet wird. Minister» die«in solche«!fx„ will!' Besetz beschließen, Richter, die r« anwende», und!. ,,, nnn Vollzugsorgan«, die es auSführen, machen sich' v"g,-lo. Jun IMS. de« Mordes schuldig. Sie habe» am Tag,«Der Vorstand der Sozialdemokrati- der Abrechnung, der kommen wird,f sche» Partei Deutschlands. die verdiente Strafe zu erwarte«. Das Urteil eine« abhängigen Gericht« in Köln hat di« lcx Goering vorweg genommen und über sech« Arbeiter, die an einem Zusammenstoß mit zweifelhafte» Elementen in brauner Uniform beteiligt waren, die Todesstrafe verhängt. Die Vollstreckung diese« Urteil« in einem Land«, in dem der Mord zu nationalsozialistischen Parteizwecken grundsätzlich straffrei bleibt, müßte von der ganze» Welt mit einem Schrei der Empörung beantwortet werden. Ein System, da« solcher Taten fähig ist,«in I System, da« sich nicht ander» zu helfen weiß al« i damit, daß«ü sür die Verbreiter lästiger Wahr- heite» das Schaffst verlangt, hat sich selbst da« Urteil gesprochen. Die Kulturmenschheit darsvor ihm nicht kapitulieren, iw en» sie nicht nntergehen will. Kirchen und bürgerliche Parteien, Wirt. schastSorganisationen und StandeSvertretungen aller Art haben sich unterworfen. Der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschland« ruft zum Kampf. Gegenüber einer Welt der Sklaverei ist er jetzt sür Deutschland da« einzig sichtbar« und wirksame Zentrum de« Widerstand« und Angriff«. Deutsche diesseits und senseit« der Grenzen, | Arbeiter, sreiheitliebende Menschen der ganzen I Welt, erhebt Euch! Di« Entscheidung steht zwischen Kultur und Barbarei, vielleicht für Jahrhunderte! Rur der Sieg der Freiheit und de« Sozialismus kann di« Menschheit vor dem Untcr- ' gang bewahren. Zu un« muß stehe», wer kämp- 84 Die Sadte mit Borris Kriminalroman von Grete Hartwig „Er war unter jenen Menschen, die als erste in de» Raum stürzten, als die Neuigkeit von dem Morde bekannt wurde. In den» Moniente müssen Sie ihm daS Päckchen mit den Papieren oder die Brieftasche zugcsteckt haben. Recht geschickt, das muß ich zugeben, aber es wird alles an den Tag konnnen. Uns die Arbeit zu erleichtern, bitte ich Sie nur in Ihrem eigene»» Interesse." „Sie quälen niich ganz überflüssigerweise. Ich kann Ihnen nichts bekennen; denn ch habe nichts getan." „Sie sprachen von einem Geheimnis." ,,Da« Geheimnis betrifft nur meinen Einschluß, der Einladung ins Separee Nr. 3 sofort Folge zu leisten. Mit de»n Morde l»at eS nichts zu tun. Ich glaubte, mit nteiuem Besuche dort einer dritten Person einen großen Dienst zu tun." „So. so!" „Das Geheimnis preiszugeben, würde nur wahrscheinlich»venig nützen und dieser dritten Person sehr schaden. Dazu l»abc ich vorläufig noch kein« Veranlassung." „Sic sollten um sich selbst ntebr besorgt sein, als um diese dritte Perlon. Es steht verteufelt schlecht um Sie. Dr. Künke wird auf dies« Welle mit Ihrer Verteidigung»venig Ehre einlegen können." Lillian fühlte heftige Kopfschincrzen. Sic wü,richte flehentlich, diese»» Verhör ettdlich ent- rinnen zu können. Der Untersuchungsrichter sah sie scharf an. „Sic sind ohne Nachricht von Ihren» Bräutigam?"- „Sfa", sagte Lillian und zuckle zusammen. „Warum? Sind di« Beziehungen zwischen Ihnen vielleicht gelockert?" „Bon«»einer Seite aus nicht." „Sie würden gerne mit ihm sprechen?" „Gewiß. Natürlich!" „Sic hätten ihm allerhand zu lagen?" „Ja." „Aber Sie wisse»» doch, daß er nicht kommen kann." „Warum kann er nicht komnlen?" fragte Lillian mit Anast in der Kehle. „Soll ich«S Ihnen sagen, oder wollen Sie es mir nicht lieber sagen?" „WaS ist geschehen?" „Sollte«S Ihne»»»virklich unbekannt sein, daß«r in eine DefraudationSaffäre verwickelt ist?" „Um GotteS Willen!" schrie Lillian.„WaS?" „Jawohl! Wir wissen cs seit gestern. Seit »vann wissen Sie eS denn?" „Ich?"_ „Sie wußten es wohl schon vor dem Mord. Ist er vielleicht die dritte Person, die Sie mit eure»»» zu bewahrende»» Geheimnis schütze»» woll- ten?" Lillian faßt« sich mit großer Mühe.„Was hat eS für«ine»» Sinn. Ihnen immer wieder zu beteuern, daß ich nichts von all dem weiß. Sie si»»d so sehr gegen mich vorcingenoinmen, daß Sie mir jedes Dort als Lüge anSlcaen»verden. Aber... ich... glaub«... mir ist nicht gut ..." Sie schloß die Augen und Schweiß stand auf ihrer Stirne. Der Untersuchungsrichter, von ihrer Schuld felsenfest überzeugt, schwankte zum erste»» Male und sah sie prüfe»»- an. Ihr ehrliches Erschrecke»» bei d«r Nachricht über ihren Bräutigam komrte— konnte echt fein. Obwohl, vielleicht erschrak fie, weil sie ihn aus gelungener Fürcht geglaubt hatte. Jedenfalls— daß sie schön war, sogar nach diesen Tagen iliiterliickungshast. schön, sogar noch in dfe'cm Wv.• r»*. jos war jedenfalls verdächtig. Die große»» Abenteuerinnen, Hochstaplerin»»«»», Spioninnen, die »varen alle schön. Trotzdem glomm«ine Art Mitleid in ihm auf. „Sie wissen also nicht- davon?" „Nein." „An» Tage vor-cm Mo»de suchte.Herr Feßler um einen dreitägig«»» Urlaub an. Am Tage des Mordes wurde eine große Unterschlagung entdeckt." „Und er... und er... ist sch»»ldig? Nein, nein, daS kann nicht»vahr sein:!" „Da er bei Ablauf scirics Urlaub« nicht zu- rückkehrte, richtet« sich natürlich d«r Verdacht aus ihn. Man schrieb an di« Adresse, die er hinterlasse»» hatte. Er antwortete nicht und kam auch nicht. Wo ist er?" „Das weiß ich nicht." „Er wird jedenfalls gesucht, als Zeuge und wahrscheinlich als Angeklagter. DaS wird sich erweisen." „Zch weiß von nichts. Aber, daß«r nichts geta»» hoben kann, was irgendwie ehrenrührig oder gar verbrecherisch ist, das steht für mich sest." „Sie haben ihn» allo nicht das t>feld gegeben, das Sie aus Rence Gaubiers Brieftasche nahmen?" „Er hat mit der Sache nicht daS geringste zu tun. Nicht daS geringste! Er wußte nichts vo>» der Existenz dieses Franzosen, er wußte .nichts von meinem Rendezvous mit ihn» und. da er so fort»var. okfenbar auch nichts von dessen Tod." „Sol" „Die Sache.. das alles hat ganz a»«derc Z»lsan»»»»e»»hänge... die Einladung..." Un- Lillian erzählte dem Untersuchungsrich- icr die Sache Init Borris. Sie erzählte mit einigen Beschönigungen, sie ixnschwieg, daß Borris vo»» der Polini gesucht wurde, sie na»»nte nicht seinen Na»»»?>», sonder»» eine», russischen, der ihr gerade einficl, alle- anRr.171 Kirchen,,wählen** In Deutschland Berlin, 24. Juli. Gestern sanden im ganzen Reich die evangelischen Kirchenwahlen statt, di« den hakeickreuzlerischen„Deutschen Christen" des WehrkreisvsarrerS Müller etwa die Zweidrittcl- mchrhcit brachten, was bei der entsprechenden Bearbeitung des Äählermaterial« durch die Noz.z »veiler k«in Wunder ist. Meldn»»gen,-aß sich in den letzten Tagen di« Zahl der eingetragene» Wähler in vielen Gemeinden verdoppelt bis verdreifacht habe, lallen daraus schließe»», was für Methoden die Nazis anweis- doten. In sehr vielen Ort«»»»var überhaupt die Konkurrenz durch Einführung von„EinhcitS- listen" ausgcschaltet worden, auf denen die Nazis 60 und mehr Prozent der Mandat« für sich reservierten. Die amtlichen Ergebnisse dürften erst am Dienstag bekannt gegeben werden. Das liernprohlem. München, 24. Juli. Der stellvertrctciO» Führer, Rudolf Heß, erläßt folgende Verfügung: All« Nationalsozialist«», ob sie sich in partei- aintlicher oder Privater Slrllung von entsprechendem Einfluß befinden, haben nach bestem Können Sorge zu tragen, daß noch arbeitslose Mitglieder der NSDAP., deren Eintrittsdatu»»» vor dem N. Jänner 1933 liegt, bevorzugt in Arbeit kommen. Sllherahhommen in London. London, 24. Juli.(Reuter.) Eines der greif- bar«»» Resultate der Weltwirtschaft»konf«renz ist der gestrr»» zwischen d«>» Delegierte»» Australiens, Kanadas, Chinas, der Bereinigten Staaten, Indiens, Mexikos, Perus und Spaniens vereinbarte Bertrag betreff«»»- die Silberfrage, dessen Gültigkeit auf die Dauer van vier Jahren ab l. Jänner 1934 festgesetzt wurde. J>» dem Ab- komn»en»vird festgesetzt, daß der Verkauf von Silber aus Indien und Spanien eingeschränkt »vird. Für die silberproduzicrcnden Staaten gilt die Bestimmung, daß sic jährlich höchstens 35 Millionen Unzen ihren Silbergruben abkausen dürfen. In den Fachkreisen wird das Abkommen allgemein begrüßt. Ter Staatssekretär der Vereinigten Staaten Hüll soll erklär« haben, daß das Abkonrmen zur Belebung des Welthandels und zur Erhöhung des Silbcrprciles beitrag«»» wird. GftmDOs nach Rom unterwegs. Budapest, 24. Juli. Ministerpräsident Julius Äöinbö« hat sich heilte abends in Begleitung des Minister« des Acußern v. Kanya nach Rom begeben. Der neuerlichcn Romfahrt des Mini- sterpräsidenten Gömbös gingen heute vormittags, nachdem der italienische Gesandte t» den frühen Morgenstiitlden im Ministcrratspräsidium einen Besuch abgestattet hatte, Beratungen voran, in der«»» Verlaufe daS ganze für die Romfahrt vorbereitete wirtschaftliche und politische Material durchbesprochen wurde. An diese» Besprechungen haben sämtliche Wirtschaft« mini st er und zeitweilig auch Minister de« Aeußcrn Kanya teilgenoinmen. DUrgermelsler von KalKntta im Gefängnis gestorben. Ranchi(Bengalen), 23. Juli. Cengupta, der frühere Bürgermeister von Kalkutta und ein bekannter indischer Nationaliftenfiihrcr ist als Strafgefangener hier gcstorbe»». der«, das ihr wichtig schien, berichtete sie haargenau. AlS st« schwieg, lächelte der Untersuchungsrichter. „Der Mann heißt zwar nicht so, wie Sie ihn hier nennen, sondern BorriS Dobrunow. lieber den sind wir bester informiert. Er ist»ms leider entkommen. Er hatte gute Verstecke— nicht bei Ihnen, daS wisten wir— und offenbar auch gute Verkleidungen. Wir verloren ihn aus den Äugen. Daß Sie ihn kannten, ist uns bekannt, doch dürfte er schon vor dem Mord di« Grenze passiert haben. Wir»vcrdcu sein« Spur »veiter versolgen. In» übrigen wird es Sache der rumänisch«»» Gerichte sein, das Auslieferungsbegehren dorthin zu richten, wo eS erfolgreich sein wird. Es ist sehr liebenS»vü»dig von Ihnen, daß Sie n»ir Ihre Beziehungen zu diesem— Menschen so freimütig enthüllen, aber... glauben kann ich Ihnen natürlich nicht. Ich schließe unser Verhör mit der Warnung, sich von nun an zi» hüten,»vcitere Berdunkclungsmanöver aufzuführen. Ueberlcgen Sic sich bis zum nächsten Male die Form, in der Sw mir endlich die Wahrheit niittcilen wollen. Ja?" 19. Künke kombiniert. Lillian erwartete ihren Rechtsanwalt mit Ungeduld und als er endlich kam, übcrschütet« sie ihn mit einer Flut von Bortviirfen. „Warum haben Sie mir nicht gesagt, das Max... warum«rußt« ich eS erst durch der Untersuchungsrichter erfahren! In dieser grausamen, brutalen Art. DaS hätte»» Sie mir dock wirklich erspare»» können. Aber cs kann ja nichi »vahr sein, eS kam» nicht! Sag«»» Sie doch, daß et nicht wahr ist! Mar! Nein! So ein sittenstrenger, korrekter Mensch!" (Fortsetzung tolge.) Nr. 171 Dienstag, 28. Juki 1938 Seite 8 W- Wien, 23. Juli. Zur Angelegenheit A l- venslcbcn versendet die offizielle Politische Korrespondenz eine Kundgebung, in der es heißt: „Die Erhebungen der Polizei in dieser Angelegenheit ergaben sensationelle Einzelheiten, die auf daS Verhalte» der rcichSocut- ichen Behörden ein merkwürdiges Licht werfe». AlvenSleben ist nach dem Attentat auf Dr. Steidle, bei dem er das Auto der Attentäter lenkte, nach München geflüchtet, wo er trotz der sofortigen Kurrente der österreichischen Behörden seitens der deutschen Polizei aus Grund von erwiesenermaßen falschen Dokumenten nicht nur ungeschoren blieb, sonder« sofort «inen falschen reichsdentschen Patz auf den Namen Fritz Steiger erhielt. Dies ist umso befremdlicher, als di« bayrischen Polizeibehörden in München sofort nach dem Attentat von den österreichischen Behörden um Mithilfe bei der Verfolgung der Attentäter ersucht wurden und der bayrischen Polizei hiebei eine genaue PersonSbcschreibung dcS Freiherr» v. AlvenSleben gegeben wurde. ES war bisher ein geheiligtes Recht im internationalen Verkehr der Polizeibehörden, daß die einzelnen Staaten sich gegenseitig bei der Eruierung und Verfolgung gemeiner Verbrecher weitestgehend unterstützten. Die Münchener Polizei erteilte aber dem Attentäter AlvenSleben autzer dem falschen reichsdeutschen Patz auch noch ein« Ausreise- betvilligung auS Deutschland nach Oesterreich, die dieser auch in Anspruch nahm und am 4. Juli mit der offenkundigen Absicht, neuerlich Terrorakte in Oesterreich zu verüben, wieder die österreichische Grenz« Überschritt. „Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt Und gehst du nicht willig, so brauch' ich Gewalt." Zwei neue Todesurteile Berlin, 24. Juki. Dos Schwurgericht verurteilte in dem Prozeß wegen des Kommunisten- Überfalles aus«in nationalsozialistisches Verkehrslokal in Lichtenberg den Arbeiter F ö l z und den Werkzeugmacher S e z o d r h wegen Mordes zum Tode. Wegen Begünstigung wurden der Arbeiter Jankowiak und der Arbeiter Krause zu je sechs Monaten, die Ehefrau Charlotte Kuhl zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Die wiener Dresse uniformiert Sensationelle Zweispalter durch Notverordnung verboten. Wien, 24. Juli. Sämtliche Blätter sind heute in der neuen einheitlichen TypenauS« stattung erschienen und machen äußerlich den Eindruck von Amtsblättern. Tic großen sensationell ausgemachten zwrispalngen und dreispaltigen Titel und Untertitel sind verschwunden. Von setzt an müssen die Titel dem Inhalt der zugehörigen Nachricht entsprechen". Diese Neuregelung wurde durch die bereits angekün- digte und heute in Kraft getretene Notverordnung herbcigeführt. WlMdie„Donauwehr“. Wien, 21. Juli, In den an der Tonau gelegene» Gemeinden, hauptsächlich in der Nähe der d-cui sehen Grenze, wird eine neue militärische Organisation gegründet, die sogenannte Dona u w c h r, deren Zweck es ist, die Tonau gegen die reichSdeutschen Nationalsozialisten zu vorieidigen. Ter Plan wird hauptsächlich von der H e i mwehr unterstützt, doch lwt auch die Regierung ihre Unicrstützung zngesagt. Simmeringer Schutzbündler enthaftet Oberstes Gericht ordnet neue Verhandlung an. Wien, 24. Juli.(Eigenbericht.) Nach ncun- inonatiger Hast wurden heute die fünf Simmeringer Schutzbündler, die nach dem llebcrfall der Hakcnkrcuzler auf das dortige Arbeitcrhcim verhaftet wurden, aus der Haft entlassen. Vom Schwurgericht sind sic bereits freigesprochen worden: da der Staatsanlvalt jedoch die Nichtigkeitsbeschwerde cinbrachte, wurden sic weiter in Hast behalten. Nun hat der Oberste Gerichtshof die alte Anklage wegen öffentlicher Gewalttätigkeit fallen gelassen und durch eine neue Anklage wegen Tötung bei einem R a n f h a n d c l ersetzt. Ta auf dieses Delikt rin niedrigerer Strassatz an- zuwenden ist, wurden die Angeklagten enthaftet. Sic werden sich jetzt vor einem Schösfcnsenat zu verantworten haben. sucher" beschimpft.„ES ist auch zum Steinerweichen: nicht nur, daß seine sämtlichen Pensionen und die Jnvalidenunterstützung, die anzu- sordcrn sich der Großpcnsionär nicht schämte, siitsch sind..."— also höhnt ein sudetendcutsches Blatt über den Mann, dessen Familienangehörigen verhaftet wurden, obzwar er daS Vergehen, daS man ilnn andichtct, gar nicht begangen hat! Freilich, wie kann die„Rumburger Zeitung" einer Kritik an den deutschen Zustande» Raum geben, wenn er, nach ihrem Leitartikel, in Toitschland so auSsieht: „Man hat nicht die„Arbeiterklasse in das finstere Mittelalter zurückgrworsen". ES gibt vielmehr keine Arbeiterklasse mehr, weil«S überhaupt keine Klassen mehr gibt. Der Arbeiter bekommt höhere Löhne und überdies noch einen Teil des Ertrags der Arbeit(!) und man hat dennoch dem Unternehmer nicht nur alle Freizügigkeit gelassen, sondern überdies diese Freizügigkeit dort wicderhergestcllt, wo sie der mörderische Marxismus beschnitten hatte. TeS Wunders Erklärung liegt einfach darin, daß man im Menschen nur die Instinkte gelten läßt, die zu Versöhnung und Frieden drängen; daß man das Tier im Menschen, vom Marxismus bis zum Exzeß hervorge- zerrt, das habsüchtig ist, neidisch, räuberisch und mordsüchtig, in seine Schranken verwiesen hat. Man macht, und wo eS nottut ni i l sanster Gewalt, aus den Menschen wieder Mensche», man kehrt zur Natur zurück, die der Marxismus hartnäckig zu vergewaltige» versucht hak. Man macht di« Liebe wieder mächtig, d i c Liebe zum Nächsten, zur Schönheit, zur Natur, zum friedlichen Nebenei»änderte den und mit der Liebe kommt auch die Wahrheit wieder zur Macht. Die guten Kräfte, die im Menfchrn schlummern, werden geweckt, nachdem sic, feit der Marxismus etwas zu sagen hat, in der Welt schier ausgestorben schienen. Sie waren nicht tot, weil sic natürlich sind und daher ewig, sie waren nur verhöhnt und verachtet.— Dos Leben wird schöner, weil eS wahrhaftiger wird." In Deutschland regiert die Bestialität. Bei U»S muh sie sich noch darauf beschränken, bürgerliche Zeitungen vom Schlage der„Rumburgcr Zeitung" zu schreibe» und zu redigiere». Dieses Amtsblatt des Morphinisten und Großmördcrs Gocring ist ein Fremdkörper in einem demokratischen L a nd. Es möge, da es mit der Gesinnung der Deutschland beherrschende» Mordbande geschrieben ist, ins. Reich der Seligkeit aller Mörder »nd Brandstifter übersiedeln! Die Arbeiterschaft hat die Aufgabe, der„Rumburgcr Zeitung" das Handwerk zu legen, das in der Verherrlichung des Dritten Reiches besteht. Sie wird diese Aufgabe um ihrer Selbstbehauptung und um der deutsche» Kultur willen mit Freude vollbringen. Der Leibschreiber des Herrn Gocring kann sich in den gleichgeschalteten Blättern des Reiches austobe»; die stidetcndeutschen Blätter, die seiner Ungrdanken bedürfen und also die Vernichtung der Demokratie und damit des Sudetendeutsch- tums wollen, mögen sich RcdaktionSräume und Druckereien jenseits unserer Grenzen suchen! Jugcnderliolungshefm „ArbeitcrlOrsorgc; Roch vor wenigen Wochen war aus dem Bau des Hirschberger Jugcnerho- l u n g S h e i m e S des Verbandes»Arbcitersür- sorge" nur der geschäftige Lärm der Bauarbeiter Wettere Wirtldraftshelebung. AuS dem Bericht der Nationalbank. Prag, 24. Juli. Der Dankrat der Tschccho» slowakischen Nationalbank hielt heute seine ordentliche Monatssitzung ab. De» vorgebrachten Geschäftsberichten für den abgelaufcnen Zeitabschnitt entnehmen wir folgendes:‘ Die internationale Wirtschaft wurde in dem letzten Zeitabschnitt durch den Verlauf der Londoner WirtschaftSkonferenz beeinflußt. Der Verlauf der Verhandlungen unterstützte anfangs die internationale Wäh- r u ng S spe ku la t i o n, ober die engere Mitarbeit der Länder, die auch weiterhin stabile Währungen bcibehallen, brachte bald die er- wünschte Beruhigung. Trotz der ungünstigen Entwicklung der Konferenz bezeugten die Nachrichten aus dem Anstande eine weitere WirtschostSbelebung auch in den vorübergehend durch SpekulationSmcmcntc nicht bc- «influßlrn Gebiete, bezw. über deren Einfluß hinaus. Die Wirtschaftslage der Tschechoslowakei deckt« sich in den letzten Monaten mit der Welt, entwicklung, wobei die Schwierigkeiten im int«, nationalen Warenaustausch den Eintritt der Belebung in einem solchen Ausmaß«, wie er del Staaten beobachtet wurde, deren Absatz im Ausland« für die gesamte nationale Erzeugung von kleinerer Bedeutung ist als in der Tschechoslowakei hindert««. Die Großhandelspreise b e s e st i g e n sich Parallel mit der Entwicklung der Weltpreise. Di« Arbeitslosigkeit sank auch in diesem Zeitabschnitt. Ter Absatz der aus die Ausfuhr angewiesenen Branchen bleibt schwierig, die EntwicklunaSlinic befindet sich aber im ganzen «her im Steigen. Tic Baubewegnng erreicht« nach den bisherigen Ergebnissen nicht ihr Vor« jahrSnivcau, der Erfolg der ArbeitSanleihe bildet aber«in« günstige VorouSlctzung für di« zukünftigen öffentlichen JnvestitionSarbeiten. Der Kurs der K6 wies auch im verflossenen Zeitabschnitt eine ruhige Tendenz aus. Mbrdcrzcntralc München. Steldle-Attentäter von Münchener Pollzeidlrchtlon mit falschem Paß nach Oesterreich geschieht t und Profcssionisten zu hören. Mit dem 24. Juni aber ist in dem f chönen, weiß-gelben, weithin leuchtenden einfachen Zweckbau am Ufer des Sees eine andere Lebendigkeit cingezogen. In der erste» Woche waren in dem Heim siebzig erholungsbedürftige Jugendliche aus dem Tcplitzcr, Leipacr und Egerer Gebiete, die ihre kurzen UrlaubStage hier verbrachten. Seit 1. Juli aber bevölkern achtzig Kinder, hauptsächlich aus dem Rcichcnbcrgcr KreiSgebret das Heim. Singen und Lachen hallen wieder in Hans und Wald, am Strand und im Wasser gibt'« luftiges Gekreisch und wenn noch die 180 Falken des benachbarten Falkenlagers der Ain« Ücrsreundc hinzukommcn, ist des Jubel kein Ende. Weitere ErholiingSfürsorgcaktivncn sind im August und Septe»iber geplant; dann aber dient das Heim nicht mehr allein der Erholung, sondern es wird hier mit den Schulungskursen der verschiedensten Organisationen der Bewegung ernste Arbeit cinziehcn. Damit aber alle diese Aktionen auch fernerhin im Heim der„Arbcilcrsürsorge" durchgcführt werden können, muß cs finanziell gesichert werden. Alle können dabei mithclsen, indem sic di« zweit« Esscktcnlottcrie des Verbandes „Arbcitcrsürsorge" durch Abnahme von Losen unterstützen, wobei noch dir Möglichkeit des Gc- winncns eines Einfamilienhauses, einer Möbclcinrichtung und verschiedener Sachwerte gegeben ist. Lose sind i« allen Bezirken bei den Vertrauensleute« der„Albcitersürsarge", der Br- zirksorganisationcn der Partei, und bei den Funktionären der verschiedenen Organisationen unserer Bewegung erhältlich. „Der Tag" begleitet Hitlers Weg in die dunkle Zukunft mit gedämpftem Trommelklang. Richt etwa deshalb, weil er mit der Primadonna nicht übereinstimmtc, sondern weil durch hemmungsloses Loben alles desirn, was Hitler tut. die Jungschcn Flötrntöne noch weniger glaubhaft klängen als jetzt. So verschweigt„Ter Tag" seinen L«s«rn Blatt um Blatt, was sich in der ganze» Kulturwelt nicht verschweigen läßt und klaubt einige Rosinen auS dem Hitlcrschcn Kuchen, von deren Geschmack man sich allerdings nur im deutschen Inland überzeugen kann: es sind vergiftete Dinger, die stark nach Lüge schmecken. Aber die„R u m b u r g« r Zeitung", die schon vor dem 8. März glcichgeschaltet war, braucht sich keinerlei Zwang aufzuerlegen. Sie hetzt in einer Weis« gegen alles Freiheitliche und Demokratische, sie überschlägt sich derart vor Begeisterung für die Konzentrationslager»nd anderen Requisten des Dritten Reiches, daß man, bekommt man sie zur Hand, zunächst gar nicht zu glauben vermag, sie sei ein auf tschechoslowakischem Boden erscheinendes Blatt. Tas Verbot der Einfuhr reichsdeutscher Hetzblätter in der Tschechoslowakei wird eben dadurch wenigstens zum Teil wcttgemacht, daß die„Rumburger Zeitung" erscheint. Sie bringt jene Reden der„Führer" und Original-Hctzartikel der hunnischen Seribisaxe in größter Aufmachung, die auf anderem Wege nicht das Licht der tschc- choflowokischen Oeffentlichkeit erreichen können. Zwar ist auch Herr Zeidler, der im„Tag" schimpft, eine ganz große Nummer; ober er wird doch von einem„Z" auS Berlin übertroffen, der seine Gossencrkenntnisse im Lciurtikel der„Rum- bnrger Zeitung" vom 19. Juli ablagerte. „Die Grcuellügncr lüge» weiter"— also heißt der erste Satz. Obzwar doch die Greuelnach- richtcn, di« die ReichSrcgieruug selbst täglich ausgibt, wahrhaftig auSrekchc»,»nr der Welt das richtige Urteil über die Hnnnenhcrrschaft zu«r- niöglichcn! Einige Zehntausend Teutschc befinden sich in Konzentrationslagern, die jüdischen Blinden läßt man, weil sie Jude« sind, verrecken, die Unorganisierten bringt man uin die Staatsbürgerschaft, marxistische Arbeiter setzt man auf eine Liste der Geächteten, die Familienangehörigen im Ausland lebender Genossen werden als Geiseln genommen— all daS, was von den deutschen Regierungsstellen nicht nur zugegeben, sondern selbst verbreitet wird, gehört natürlich zur „Greuelpropaganda". Oder aber erscheint es der „Rumburgcr Zeitung" so natürlich und verständlich, daß sie das nicht einmal der Erwähnung wert erachtet. Herr„Z" macht sich in der„Rumburgcr Zeitung" lustig über den Tod Stellings, der von der Reichsrcgierung dem deutschen Volk« verschwiegen wurde. Aber in der„Vossischcn Zeitung" ist die Todesanzeige erschienen und an oer Einäscherung Stellings haben mehr als 1200 Menschen teilgenommen! Scheidemann, dem man sogar die Jnvalidenunterstützung des Buchdruckerverbandes verweigert hat, nachdem ihm alle Pensionen genommen waren, wird von Herrn„z"— immer in der„Rumburgcr Zeitung"!— als„berufsmäßiger Barbe- E!n Koinmcutar zu dieser merkwürdigen Haltung der reichsdentschen Behörden gegen gemeine Verbrecher, die von den österreichischen Behörden verfolgt werden, erübrigt sich, wen» man überdies bedenkt, daß c« sich bei vcni genannten Attentäter u»t einen alles andere denn gut beleumundeten jungen Menschen von kann: 20 Jahren handelt, dessen gesamte bisherige Arbeit für die Allgemeinheit dar!» bestand, daß er zu den bc ka n n t est c n Berliner Lebe- N! ä n!l c r» gehörte. Die Art und Weise, wie den Terroristen, di« au» Deutschland nach Oesterreich geschickt wurden und noch werden, nicht nur von den deutschen Behörden keinerlei Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden, sondern wie sie geradezu mit Duldung, ja sogar mit Unterstützung einzelner deutscher Behörden ihre verbrecherischen Absichten vorbereiten und durchführen können, ist ein trauriges Zeichen slir den moralischen Tiefstand, den der Kamps reichsdeutscher Kreise gegen Oesterreich in der letzten Zeit erreicht hat. »ein Drucker für Nazi-Zeitungen. Auch heute sind in Wien kein« nationalsozialistisch« Zeitungen erschien««. Auch der „Kampfruf am Montag" und Wolf»„Nene Wiener Tageszeitung" erjchien nicht. TrcscS Mal bleiben die Nationalsozialisten und auch di« Kommunist«» längere Zeit ohne Presse, da sic biS setzt kein« Druckerei sinden konnten, die den solchen Druckereien arls Grund der letzten Nülver- ! ardnung drohenden KonzcssionSvcrlust riskieren würde. Was machen eigentlich die Kommunisten? Ei» bemerkenswertes bürgerliches Urteil. In den„L i d o v s N o v i n y" befaßt sich Peroutka mit der Frage, was denn jetzt eigentlich im kommunistischen Lager geschehe, und kommt zu dem Schluß, daß sich dort rein gar nichts tue. Die kommunistische Partei existiere weiter als Parasit der demokratischen Rechtsordnung, die ihr die Existenz ermögliche. An ein ehrliches Bekenntnis, daß die Demokratie auch vom kommunistischen Standpunkt ans besser ist als der FasciSmuS, sei nicht zu denken; die Kommunisten wurde» sich lieber die Zunge abschneiden lassen als zugeben, daß die demokratische Freiheit auch ihren Wert hat Der KommiiniS- mus wird daher auch in dem Kampf zwischen Demokratie und Antidemokratie nicht zu verwenden, sondern höchstens ein Hemmschuh mehr für die Demokratie sein. Aufforderungen zum Kamps gegen den FasciSmuS findet man bei den Kommunisten zwar jeden Tag, aber wenn man näher sieht, so wird in allen diesen Ausrufen für die erste Pflicht der Kampf gegen die Sozialdemokratie erkört, genau so, wie in jenen idyllischen Zeiten, da man noch straflos Dummheiten begehen konnte. Neroutka führt diese Erscheinung »arauf zurück, daß der Schlüssel nicht in Prag, andern in Moskau lieg«; um zu wissen, warum ich die kommunistische Partei so verhält, müßte man zuerst willen, was für eine Aufgabe ihr die Kommunistische Internationale zuteilt. Die habe aber bisher von den außerrussifchen Kommunisten nichts anderes gewollt, als daß sie zur Verteidigung Sowjetrußlands bereit seien. An den europäischen Sorgen, wie die Demokratie, liege den Moskauern nichts. Deshalb sei auch ?or keine Hoffnung vorhanden, daß in abseh- arer Zeit eine Aenderung einträte. Man macht die Liehe wieder mächtig.. — in Hnnnendcntschland! Was sudetendeutsche Zeitungen zu schreiben wagen. Seite 4 Dienstag. 25. Juli 1888 Nr. 171 T agesneuigkeiten ich platzte aus bisher unbc- ging. Hiebei sei er so erschöpft gewesen, daßjWasserflugzeug ist unverrichteter Sache zurück- cr nicht einmal recht wußte, wo er niedergche. Ein tschechischen Freiwilligen einem Begräbnis nach Auf dem Auto saßen Tie vielen Tausende von Personen, die dos Ehepaar auf dem New Iorker Flugplatz erwarteten, waren sehr enttäuscht, denn der Landungsplatz Mollisons ist fast eine halbe Stunde vom.Hauptflugplatz entfernt. Aaibo wartet auf besseres Wetter. New?)ork, 24. Juli. General Balbos Fluggeschwader sollte, wie offiziell belannlgegeden wurde, seinen Rückflug nach Europa heute früh am 5 Uhr ostamerikanischer Zeit, d.». 11 Uhr DIEZ, ontreten. Im letzten Moment ließ jedoch General Balbo die Vorbereitungen zum Start einstellen. Er ist offenbar entschlossen, günstigere Weltcrverhaltnisse abzuwarten. Dermitzter Südamerika-Flieger. Natal, 23. Juli. Ueber das Schicksal des deutschen Fliegers W i r t h f ch o f t, der in Dakar mit dem Ziel Brasilien aufgcstiegen war, liegen immer noch keine Nachrichten vor. In Luftfahrtkreisen beginnt man besorgt zu werden. Tas zur Suche nach dem Flieger aufgestiegcne Der Tod in de« Berge«. Eine Frau hängt die ganze Nacht hilflos am Rettungsfril. Oberstdorf(Algäu), 24. Juli. Ter 20jährige Maler Rudolf Duenffer stürzte am Sonntag bei der Ersteigung des Südgrates des Himmelsborn, des sogenannten Rädlcrgratcs, ohne Seilfichcrung vor den Augen feiner beiden Kameraden etwa t, 150 Meter tief ab. Die verstümmelte Leiche des - Abgestürzlen wurde am Nachmittag geborgen. Ein zweiter schwerer Unfall creigneie sich an der s TrrttachEpitze. Der 27jährige Wilhelm Schuckhart aus Stuttgart, der«ine Bergtour mit seiner Frau unternommen hatte, stürzte dort tödlich ab. Dir Frau mußte am Seile hängend die Nacht zubringen, bis Touristen auf ihre Hilferufe aufmerksam wurden. Die Frau wurde ins Waltenberger Haus ge- K bracht. Mar von Schillings gestorben.' Berlin, 24. Juli. Prof. Max vonSchrl- l i n g s, der Intendant der Berliner Städtischrn Oper, ist heute morgens an einer Embolie gestorben.>';• Max von Schillings wurde.1868 in Düren ttelfrauk- r c i ch sortsctzte. Obwohl das Reiseziel Trotzkis offiziell geheimgehaltcn wird, glaubt man, daß Trotzki sich in den französischen Badeort Royat begeben dürste, wo zur Zeit auch der Volkskommissar sür Auswärtige Angelegenheiten Litwinow Aufenthalt genommen hat. WM MM kill» MU AUWM. Zwei Tote und vier Verletzte.. Montag gegen halb 7 Uhr abends ereignete und AloiS P a r i z e k kamen mit Verhältnis auf der Olmützer Straße unweit der Pin- mnbrn reirhterett 9frm« utth Ri>innerlet»iinni>» bulka bei Brünn ein schweres Unglück. Auto der Brünner Feuerwehr wollte zu K o r i t s ch a fahren. außer dem Chauffeur noch fünf Mitglieder der Feuerwehr. Plötzlich platzte aus bisher unbe kannter Ursache in voller Fahrt der Reifen eines Borderradees und der Wagen fuhr gegen einen Bau m. Die Folgen waren furchtbar. Sämtliche Insassen wurde herausgcschleudert. Der Oberlehrer Fuchs aus Schimih blieb auf der Stelle tot liegen. Dem Chauffeur Josef Spcndl wurde der Bauch aufgerissen; außer- dem erlitt er schwere innere Verletzungen. Dem Fleischermeister Franz P e t l a ck wurde ein Arm abgerissen; auch er erlitt außerdem noch schwere inner« Verletzungen. Der Feuerwehrmaun Franz C a st'a erlitt eine schwere Halsverletzung und Abschürfungen am ganzen" Körper; B. Smolik mäßig leichteren Arm- und Beinverlctzungen davon. Die Rettungsabteilung brachte die drei Schwerverletzten ins Arbciter-Unfallspital, wo sic sofort operiert wurden. Pctlach ist jedoch kurz nach der Operation gestorben. Auch der Schwerverletzte S P e n d l dürste kaum mit dem Lebe» davonkommcn. Smolik und Pakizck wurden in die Landcskrankenanstalt gebracht. Das Unglück erregte in Brünn großes Aufsehen. Bis in die späten Abendstunden wartete eine große Menschenmenge vor dem Unsallspital auf Nachrichten über die Schwerverletzten. Eine erschütternde Szene spielte sich ab, als die Gattin Petlachs über Vas Schicksal ihres Mannes Auskunft verlangte und erfuhr, daß er tot sei. Sie brach ohnmächtig zusammen und mußte im Spital gelabt und dann nach Hause gebracht werben. „Revolution gegen Hiller!" Die historische Aufgabe der deutschen Sozialdemokratie. Da» ist der Titel der ersten soeben im Verlag der „Graphia" in.Karlsbad erschienenen Broschüre der Sozialdemokratischen Partei Deutschland». Cs handelt sich um eine.Kampfschrift, die di« ersten geistigen und organisatorischen Grundlagen ür den.Kampf der Sozialdemokratie gegen Hitler mit neuen Zielen und in neuen Formen be. gründet. Der Inhalt der Schrift besteht au» vier Abschnitten: Der Standort der Sozialdemokratie, die Aussichten der Revolution, die historische Aufgabe der Sozialdemokratie, für Recht und Frest beit. Die Schrift, die zweifellos innerhalb und außerhalb Deutschlands großes Aufsehen errege» und Ausgangspunkt lebhafter Diskussionenstiy wird, ist 16 Seiten stark, sie kostet Ke 1.—. und ist durch jede Buchhandlung bzw..durch die sozial demokratischen Organisationen zu beziehen.,>. Ertappte Geldfälscher. An die Polizei' hat im fünften Bezirke in der Wohnung des Kauf- mauncS Alfred Barak ein« vollständig, eingerichtete Werkstätte zur Erzeugung falscher 20 Schilling-Noten entdeckt. Die Fälscher dürften mitten in ihrer Arbeit ertappt worden sein, da sämtliche beschlagnahmte Falsifikate sich in unfertigem Zulande befanden. Es wurden einige Verhaftungen vorgenommen. Neuer Segelflug-Rekord. Aus W a rjchau wird uns geschrieben: Tas motorlose Flugwesen in Polen erzielte einen neuen Rekord. Der Pilot- Konstrukteur des Lemberger Aeroklubs Minarski durchflog«in« Strecke von 80 Kilometern auf der Linie Lemberg—Brzenany und erreichte eine Höhc von 1600 Metern. Der vorherige Rekord betrug 44.8 Kilometer. Automobilunglück. Sonntag vor Mitternacht, ühr der Bäcker Wenzel Drahotinsky au» rrrkow. mit einem Personenauto, in dem noch uns junge Burschen saßen, aus der. Richtung Kiöan gegen Prag. In einer scharfen Kurve,bei der Gemeinde Vojkop platzte plötzlich' ein Reisen. Trahotinsky verlor die Herrschaft über den Wagen, stieß in voller Fahrt gegen einen Baum und- wurde auf die Straße geschleudert. Er erlitt einen Schädelbruch, dem er auf dem Transport' zum nächsten Arzt erlag. Einer von den Mit- ahrern erlitt.Knochenbrüche und ernste.' innere Verletzungen, die übrigen kamen mit dem bloßen' Schrecken davon. Brand im Filmatelier. Bei dem Brande der. Atelieranlage einer Lichtspielfirma sind Samstag in Lissabon zwei Personen umS Leven.gekommen^ und. 21 schwer verletzt worden.. Streik in Hollywood. In der amerikanischen Filmstadt Hollywood sind 775' Tonfilmtechnik« wegen Lohnstreitigkeiten in den Ausstand getreten. Die Produktion sämtlicher großen Film? gesellschasten ist infolgedessen stillgelegt. Rauschgiftsabril! auSgehobrn. In S a l on'ik-i hat die Polizei zwei heimliche Fabriken zur Erzeugung von Rauschgiften ausgehoben, bi« außer Griechenland auch Aegypten und Frankreich mit Rauschgiften belieferten. Zehn Personen- wurden verhaftet. Wahrscheinliches Wetter von heut«: Qm Westteil des Staates: Nacht- vielfach heiter, untertqg» wechselnd bewölkt, vorwiegend tro-len, mäßig war.m, ebflauender Wind. Im übrigen Staatsgebiet: Abnahme der Bewölkung, mäßig warm, abflauenher Nordweslwind. Schweres Unwetter über Lobt. Lodz, 24. Juli.(PAT.) lieber Lodz ging in der Nacht aus heute«in ungewöhnlich starkes Gewitter, das von einem Wolkenbruch begleitet war, nieder. Die niedriger gelegenen Teile der Stadt wurden überschwemmt. Ter Blitz Ichlng in einige-Häuser ein, die nicdcrbrannnten. Unter anderem wurde durch Blitzschlag eine Textilfabrik in Brand gesteckt, die vollkommen nicderbrannte. ES wurde dadurch ein Schaden von eineinhalb Millionen Zloty verursacht. Die Fabrik beichäs- tigte 500 Arbeiter. Militarssugzeug abgekürzt. Die Flieger durch Fallschirm gerettet. P r o ß n i tz, 24. Juli. Montag mittags s flogen der Pilot, Stabokapitiin Vl..Kaluii und■ der Beobachter, Major Vl. Nosrk, beide vom sechsten Fliegrrregiment, mit einem Mililärfiug»' zeug dienstlich von Brünn nach Llmüh. Während deS Fluges, zwischen Prohnitz und Olscha» stürzte da» Flugzeug aus unbekannter Ursache ob und fing Feuer. Beide Flieger, die mit Fallschir. men ausgerüstet waren, verließen daS Flugzeug und landeten glatt auf einem Felde, so daß sie ohne irgend ein« Verletzung davon kamen. DaS Flugzeug verbrannte bevor noch Leute, die in der Nähe auf einem Felde arbeiteten, hinzukamen. An die Stelle deS Unfälle» sind sofort Vertreter der technischen Kommission des zweiten Fliegerregimentes auS Olmüh eingelrosfen, um die Ursache deS Unfalles zu untersuchen. In Rekordzeit um die Welt. Wilcu Post wohlbeholten in New York gelandet New?)orl, 23. Juli. Wiley Post ist um Mitternacht auf dem Floyd Bennet-Flugplatz bei New?)ork gelandet. Nach Greenwicher Zett erfolgte die Ankunft um 3 Uhr 58 Minuten. Damit Hot Post seinen eigenen Rekord um 22 Stunden unterboten. Er hat zu seinem Weltflug 7 Tage, 18 Stunden und 58 Minuten gebriucht. tzhevaar Mollison überfliegt den Ozean. Bei der Landung in New-York verletzt. Bridgeport(Connecticut), 24. Juli. Ta» Flicgcrehepaar M o 1 l i{ o n(jot gestern abends, als cs nach der Ucbcrqucrung des Allaniischen Ozean» aus dem hiesigen Flugplatz landen wollte, einen Unfall erlitten. Tas Flugzeug ging dabei in Trümmer. Tos Ehepaar wurde verletzt. Al» das Ehepaar im Flugzeug über dem Lan dungsplatz eingelrosfen war, kreiste es sünsmal über dem belcüchtelen Flughafen und machte fünf erfolglose Landungsversuchc, während der Vor steher des Flugplatzes verzweifelt signalisierte. Beim sechste» Versuch landete das Flugzeug ttt einem Groben außerhalb des eigentlichen Flug platzes und stellte sich in dem weichen Boden aus den Kopf. Mollison wurde hinauSgeschlcudcrt und mußte mit seiner Frau noch dem Kranken haus gejehofsl werden. Das Echcpaar, dessen Verletzungen nicht ernst sind, konnte im Krankenhaus Journalisten Rede stehen. Dem Vertreter deS Rcu'cr-BüroS erklärte Mollison, er habe den Laildungsoersuch vorgenommen, da der Bcnzinvorrat zu Ende eigentlich sgclchrt. Tic Funkstationen versuchen ununter- I brachen Nachrichten über Wirthschaft;u erhalten. «r. 171 DleuStag, 28. Aull ISS» Set«« 5 Sieben Tage im Maid« verirrt. An« Bergamo wird die fast»»glaublich scheinende Rettung eine« vieriShrtgcn Knaben gerichtet, der sieben Tage In einem. Walde verirrt war. DaS in nich vor dem Mörder bewahren."„Rein," sagte der Vater,„ich werde Dich bei mir behalten. Keiner soll Dich berühren."„Dann wird eine alte Jungfer aus mir werden", sagte die Tochter.„Lieben wird mich dann niemand mehr. Und nur noch der Mörder wird Jntercsie an mir haben, weil er mich leichter umbringcn und beraube» kann, wenn ich alt, hinfällig und häßlich bin."/„Das laste meine Sorge fein'*, sagte der Vater und legte sich nieder, nm zu schlafen. Einen solchen Pater hat cS natürlich nie gegeben. Aber es gibt Leute, die ihm ähneln: gewisse bürgerliche Demokraten, die mit der Demokratie nicht anders umgehen als dieser Vater mit seiner Tochter. nilllllMIKMIIMMMWMMMHM Der Kluey der„«nverttyrvarkeit". Sandy»» Marno; tzU» Sndtena fünfun&toterMa smmonea Varias Bon Professor Max Wyli«(Lahore). Sankarlingam war ein aufgeweckter, etwa zwanzigjähriger Hindu-Stude«tt an der Pand- schab-Universität in Lahore, dessen besondere Vor- lieb« für amerikanische„ProfessorjiS" ihn mich immer wieder bestürmen ließ, einmal seinem HeimatSort«inen Besuch abzustatten. Schließlich gab ich nach und ein^aar Tage später kamen wir auf zwei gelicl-enen Kamelen»n seinem Dorfe an. In der Dorfschule wurde gerade Unterricht erteilt. Etwa dreißig Schulkinder hockten auf der Erde und' wiederholten mit lauter Stimme dem bärtigen„Pundit" ihre Lektion. Bon Zeit z» Zeit erhob sich der Lehrer, ging zu dem das Grundstück umgebenden Zaun und»ahin Schreibtafeln an sich, di« an den Pfählen befestigt waren. Er laS, was darauf geschrieben stand, verbessert« es, befestigte die Schiefertafel» wieder an dem Zaun und kehrte zu seiner kleinen Grupp« unter den Bäumen zurück. Ach befragte Sankarlingam, was das zu bedeuten habe.„Sie lerne» auf der anderen Seite des Zaunes", erklärte er mir,„auf dieser Seite sind die Hindu-Kinder, die eine Kaste haben." „Sie wollen damit sagen, daß die Unberührbaren nicht hcroindürfeu?" fuhr ich fort. „To ist eS, Professorji. Man darf sie nicht berühren. Der Pundii darf von ihnen auch nicht di« Schreibtafeln nehmen. Sie müssen sie zuerst auf de» Zaun hängen. Tann liest er sic und gibt sie zurück. Dann ist hier auch die Quelle. Sie dürfen sie nicht benützen." Ich verbrachte drei Tage in SankarlingamS Heimatsdorf. Bevor wir cS verließen, zeigt« er mir den Waffervorrat der Unberührbaren. Er führte mich zu einem ovalen, etwa«inen Meter zwanzig langem Wasserloch, das zur Hälfte mit schlammig-trübem Wasser gefüllt war. Es gab weder Zufluß noch Abfluß. Die Grube wurde durch die spärlichen weihnachtlichen Regengüsse gespeist; mit ihrem Inhalt mußten di« Unberührbaren ein halbes Jahr bis zur Monsun-Zeit im Juni auSkommen. Erst dann fiel wieder Regen, der die Grube füllte. Während des ganzen Jahres traicken auch daS Vieh und die Hunde des Dorfes aus deniselben Wasserloch, in der heißen Jahreszeit benützte» eS die Büffel als Schwemm«. Der Anblick»»acht einen nachhaltigen Eindruck aus mich und im Verlaus« zweier folgender Jahre sah ich mehr als genug von der«ntioürdi- acuden Behandlung der Unberührbare», um Gandhis unauslöschlichen Haß gegen das Kastenwesen zu verstehen uno zu teilen. Die zufälligen Veobachtnngen weniger Tage, welch lebhaften Eindruck sie auch immer hinterlassen möge«», können einem nicht daS Verstand, iils der äußersten Erniedrigung ini Leben der 45,000.000 Hindu-Parias Indiens erschließen. Die ihnen auferlegten Beschränkungen.sind st nach dem Glaubenseifer der Provinz, in der sie leben, verschieden. Im Pandschab, der aufgeklärtesten Provinz der indisck-en-Halbinsel, lmt die orthodoxe Hindu-Satzung und Sitte im Verlaus deS letzten Jahrhunderts so viel von ihrer früheren Starrheit verloren, daß die„Unberührbaren" dort beiweitem nicht i'o„unberührbar" sind wie sie es wäre««, wenn sie weiter im Süden das Licktt der Welt erblickt hätten. Man sieht einen Brah- manen des Pandsckwb nur selten einen«veitcn Bogen machen, um dem Schatten eines Unberühr- baren auszuweichen, wie dies in allen Provinzen 'üblich von Delhi allgemein üblich ist. Mer gewisse bedeutsame Beschränkungen, sowohl gesellschaftlicher wie berufücher Art, haben in ganz Indien Geltung. Unberührbare dürfen nie und auf keinen Fall einen Hindu-Tempel betreten. Sie müssen unter sich heiraten. Sie dürfen niemals einen Hindu von Kaste berühren Sie müssen gesondert von den anderen Kasten essen und trinken. Sie'müssen sich auf streng abgesondert« Wohnviertel boichränken und dürfen nur«Ute» genau«-gegrenzten Teil des Ge- meindegruudeS bearbeiten. Sie dürfen kein„achtbares" Geschäft, Gewerbe oder Handlverk aus- üben. Am besten Falle dürfen sie Schuster oder Hufschmiede werden, mail die Hindus alles,>vas sich auf di« Füße bezieht, als schamcrregend und unrein empfinden. Ihre überlieserlen Berufe lind vor allem das Abführen des Kehrichts, Stra- ßenreiniaen und SenkgrubenauSheben. Niemals dürfen ste die Quelle, den Wäscheplatz oder die DadesteUc der Hindugemeinschaft benutzen. Häufig sind sie von gewissen Hauptstraßen und be- soiidcrS verkehrsreichen Nebengassen ausgeschlossen. Das sind nur di« üblichste» Einschränkun- geit. Es gibt deren noch weit niehr, die je nach der Provinz wechseln. Man wird rin Unberührbarer durch die Geburt von unberührbaren Eltern und bleibt sein Lebtag lang Paria. Der Unberührbare seht Pariakinder in die Welt. Das Wesen der Kaste besteht darin, daß mau unbeugsamer Ueberllese- rung gemäß die Arbeit seiner Vorväter sortzu- letzen hat. Und dies ist auch die starre Regel für di« außerhalb der Kasten stehenden— die Unberührbaren. Die Hindu-Weltanschauung gründet sich aus den Glauben, daß jeder das ist, was er ist, weil er solcher geboren wurde, und daß er lediglich durch eine Aufeinanderfolge von Reinkarnationen In eine höhere Dascinsfornc aufsteigen kann. Und die alleruntersten in dieser unabänderlich durch die Geburt bestimmten Stufenleiter sind die Unberührbaren. Schon vor vielen Jahren erkannte Mohan- daS Zlaranichand Gandhi die„Unberührbar- keit" als den Fluch Indiens, gegen den er inimer wieder angekämpft hat, so bei der zweiten, übrigens vom vornhin«!» durch die gegenseitigen Eifersüchteleien der indischen Delegierten zum Scheitern verurteilten„Round-Tablc"-Konferenz in London. Keiner von den Delegierten, ncit der alleinigen AuSnahnce Gandhis, vertrat das Interesse Indiens. sondern ieder nur das Interesse der religiöse» oder nationalen Gemeiuschast, der er angehörte, also der Sikhs, der indischen Christen, der Muselmänner, der Anglo-Inder, der Hindus und der Parias. Sie aste strebten nur gesonderte Mandate für die gesetzgebenden Versammlungen der Provinzen Jndicnsau. Auch Ambedkar, der Delegierte der Unberührbaren stimmte mit den übrigen, verriet io das Vertrauen der Parias und be>vieS. daß er irotz seiner Geburt kein wahrer Vertreter der Unberührbaren war. Es war nur zu klar, waS gesondert« Mandate für die Unberührbaren bedeuteten. Indem ihnen neuer-ingS das Brandmal eiicer geiellschoii- lichen Sonderschicht« ausgedrnckt wurde, schien ihre Verfchmalzung.mit der übrigen Hindnbevölkc- rung vereitelt und die Einrichtung der„llnbe rührbarkeit" verewigt. Gemeinsame Mandate für.Hindus und Unberührbare hätten aber mit einem Schlage dem Fluch der Unberührbarkeit ein Elche bereitet, Gandhi erkannte dies sofort und erhob sich, um die Wohl eindrnckvollste Rede seines Lebens zu halten, in der es hieß: „Ich beanspruche, in meiner eigenen Person die gelvaltigen Massen der Unberührbare» zu vertreten... Und ich behaupte, daß ich bei einer Volksbefragung ihre Stinlmen auf mich vereinen würde. Und ich würde Indien vom einen Ende zum andern bereisen»ich den Unberührbaren sagen, daß gesonderte Mandate nicht der Weg ind, diese unheilvoll« Schranke niederzurciße» ... Ich wellte die Sache der Unberührbaren auch nicht nm den Preis der Erlangung der Freiheit Jcidiens verkaiistn... Ich zöge es vor, daß der-Hinduismus stürbe, als daß die fluchwürdige Einrichtung der Unberührbarkeit weiterlebte..." Und der letzte Satz, den er auf der Konferenz sprach, verdiente größere Anfmcrksanrkcit, als die Briten thnc zutvandten.„Wenn ich der einzige Mensch wäre, der sich der Unberührbarkeit widersetzt, dann würde ich mich ihr um den Preis mei» neS Lebens widersetzen." Und unr den Preis seines Lebens begann er bald darauf für das cinzu- stel)en, was er gesagt hatte. Er begann sei» „Fasten bis zum Tod. So dramatisch dieser Entschluß auch erschienen sein»rag, so war er doch lediglich von der ernsten Erkenntnis getragen, daß er die einzige Möglichkeit darstclle, Unheil von den„Uiiberühr- barcn" abzulvehren. Gandhi ist billiger Thcatra» lik völlig unfähig. Sein Fasten war— wie er es vielleicht vorausge'ehcu— wirksam. Es dauerte sechs Tage. Macdonald, ohnmächtig vor des MahatmaS erhabener.Halsstarrigkeit, gab nach. England konnte es sich offenbar»richt leisten, das Werkzeug des Todes Gandhis zu sein. Es koimte es sich nicht einmal leisten, diesen Anschein zu erwecken. Die Sache der Unberührbaren wurde von der Politik der Sonderinandatr losgelöst. Der lange Feldzug gegen den Makel der Unberührbarkeit wurde aber nicht nur durch britische Gleichgültigkeit gehemmt und vereitelt, sondern auch durch den starken Widerstand der Führer der orthodoxen Hindus hoher Kaste. Der vornehme Hindi« ist von der Urberzeugung durchdrungen, daß all seine Vorurteile strenge Sittengesetze und alle entgegengesetzten Meinungen töricht und gefährlich sind. Gandhi ist diese Denkart wohl bekannt. Daß er bei seinen Bemühungen den„Unberührbaren" der Provinz Madras das Recht des Betretens der Tempel zu erwirken, auf geringere» Widerstand der orthodoxen Hindus stieß, als er crwar- tet hatte, ist mehr aus die Macht seiner Perwn- lichkvit, als auf die lkeberzeugungSkraft seiner Bc- iveisgründe zurückzufiihreii. Er war zu dieser Zeit im Berewada-Gesängnis in Poona, etwa 100 Meilen, südöstlich von Bombay. Von seiner Zelle aus führt« er eine ausgedehnte Korrespondenz und gab die Wochenschrift der Unberührbaren „Hari/au" heraus— ein glücklich giivähtter Sanskrit-Titel, der„Kinder Gottes" bedeutete. Die Zeitschrift erlangte solchen Einsluß, daß die orthodoxen Hindus sich schließlich einverstanden erklärten, daß die„Unberührbaren" zugleich mit ihnen im Guruvayoor-Tempcl zu Madras beteten. Sie wurden trotzdem in den Tempel nicht eingelassen. Die Priester des Tempels wußten ihre Zulassung im letzten Augenblick zu verhindern. Als Tempelkurawrcn sind die Hindupriester so gut wie' unfehlbar; ihr« Enl'che'dung ist endgültig. DaS Verdikt wurde durch Gandhis Zcil- schrift„.Havisaii" in ganz Indien bekannt und gab im ganze» Lande zu heftigen Mcinungsver- schicdenheiten Anlaß. Die Jugend Indiens bejubelte jede Ausgabe des„Harijan" und in ganz Indien traten die Unberührbaren mit gemeinsamen encrglschen Forderungen vor die Oeffent- lichkeit. Und als der Mahatma schließlich ankündigte, daß er neuerlich snr die Sache der Unberührbaren fasten wolle, und diesmal volle ein- undzwanzig Tage, wurde auch die englische Re- giening merklich beunruhigt. Es schien kaum wahrscheinlich, daß eirr drciundsechzigjähviqer schwächlicher Mann eine solch mörderische Belastung überleben könnte. Gandhi wurde sofort, als sein Fasten begann, ans dem G.'Iängnis entlassen. Gandhis Fasten dient« diesmal vierfachem Zweck; er wollte gegen die Unduldsamkeit der Hindu-Priester protestieren, die britische Gleichgültigkeit bei Behandlung des Paria-ProblemS brandmarken, den orthodoxer« Hindus, die volle Beranttvortnng für den Fluch der Unberührbarkeit aufbürden und schließlich durch Selbstreinigung seine eigene„Seelenkraft" stärken. DaS Fasten ist im Orient nichts Ungeivöhnlichcs und als religiöse Uebung älter als das Alte Testament; cs ist ein besorcders wirksames Mittel, die allge- wein« Aufmerksamkeit wack>zurütteln. Welchen Erfolg Gandhis Fasten snr die Sache der Unberührbaren hatte, kann, noch sicht ermessen werden: jedenfalls ist er der bedeutsamste, der je erfochten wurde. In ganz Jndieir fielen gegen die Unberührbaren aufgcrichtele Schranken. Eiir Tempel nach dein anderer« wurde ihnen geöffnet und die nchcit Andächtigen strömte» in bellen Schare«« herein,«cur zum erste» Mal in ihrem Leben des GelühleS teilhaft zu werden, in Gegenwart ihrer Hindu-Unterjocher nicht als H»«rde und Parias, sonder» als freie Männer aufrecht dazustehn. Wie immer sich auch die gegenwärtige durch den Mahatma entfachte Begeisterung schließlich auSlvirken wild, so steht doch eines fest: Gandhi hat der„Unberührbarkeit" daS Rückgrat gebrochen und eS ist nicht nnwahrschein- l'ch, daß er noch zu seine«« Lebzeile»« die letzte Bei'chränknng falle«« sehen wird. Er>vjrd damit lein Paterlatid von einem verderblich auf siinfundvierzig Millionen lastende«« uralte«« Fluche befreit haben. ©eite 8 Dienstag, 28. Juli 1888 Nr. 171 Aus der Partei Jugendbewegung. T. I. I. Heute Gruppenabend im Heim der S. I. ll(Gawerbjchaj tSha» s):„Partameiitsdebati«". Beginn Punkt 8 Uhr adevd«.— Vorher vm- X7 Uhr konstituierens« Aussch» ßjitz u n g. Alle neugewählten Funktionär« haben pünktlich zu erscheinen Bürgerlicher Sport. Ueberraschung im Davia< Eup. In P a r i wurds zum Wochenende der Iutcrz.nteu-Hiualkamps zwischen A m e c i k a und England ausgetragen, der für die Amerikaner nicht gerade erhebend ausfiel, denn sie wurden in allen vier Ciuzelspielen geschlagen und nur das Tappel brachte ihnen den Erfolg. Als die Amerikaner am Samstag Vie 2:>>-1 Führung durch den Lieg im Tappel verminderten,! erwartete man, das; su die restlichen spiele für sich I entscheiden werden; cs war trügerisch! Tie beiden s Engländer Austin und Perry schlugen ihre amerikanischen Widersacher PincS und Allison. Ta» Endergebnis lautet daher-k: I für England! Bincs, der in Wimbledon von dem Australier Erawford im Finale besiegt wurvc, erlitt am Sonniag im spiele nut Perry nach erbittertem Kampf, der dabei gar nicht mehr entscheidend für den Ausgang war, im letzten Satz einen leichten Hitzschlag, brach zusammen und der Kamps wurde zugunsten Perrys abgebrochen. Die Hegemonie Amerikas int Davis-Cup ist gebrochen. die gcivaltigcn Anstrengungen, den Pokal wieder zurückzugewinnen, haben nichts genützt.— Frankreich als Vcrteioigcr und England bestreiten nun das- Finale. Fußballergebnisie vom Sonntag. Nach ob: SK. gegen SK. Lyssa k I: 2(-1:1).— Karlsbad: k'AFC. Prag gegen KM'. 8:2(1:2).— Kontotau: TFK. gegen Turner SK. 8:0(2:0).— Saaz: DSP. gegen SK. Adenire 5:>1(8:21.— Gablonz' BSK.— DTK. komb. gegen Team von Reichenbcrg(RFK.— D2B.) 7:1(3:0)!— Warnsdorf: WFK. gegen SpBg. Bodenbach 2:1(1:0).— Troppau: Tcplitzer FK. Profi gegen DSV. 3:1(1:0t.— Preß bürg: OSft. gegen SK. Dilina 6:2(8:1).— Warschau: Hakoah Wien gegen Lrgia 3:3(2:3). Di« Meisterschaften des Verbandes deutscher Lchwimmverciuc in der Tschechoslowakei gelangten am Samstag und Sonntag in T r o p p a u zum Anstrag und wurden zwei Staats- und vier Ber- banosrckordr erzielt. Bei den Frauen stellten Frl. Schrämet(Aegir Brünn) über 50 Meter Erawl mit 318 Sek. und Frl. Hanke'(SB. Telsche»- über ZOO Meter Brust in 8:21.0 Min. neu« Staats- sowie Verbandsrckord« auf. Weitere Berbandsbestlcistun- gen wurden erzielt über: 3 mal 100 Meter Brust für. Frauen von der Staffel des SV. Telschcn in 4:32.-1 Min., 100 Meter Rucken für Frauen von Frl. Blaha(Maffersdorf) in 1:3-1.3 Min. und tu der 3 mal 100 Meter Lagenstaffel der Männer von Aegir Brünn in 8:51.2 Min. Der Waslcrball-Länderkamps Tschechoslowakei-- Ungarn, welcher Sonnlag in B n d a p c st ausgetragen wurde, endet« mit dem erwarlclvn, aber hohen Sieg« von 8:0(3:0) der Ungarn. Einen neuen tschechoslowakischen Schwimmrekord Erzielte bei einem Meeting in Preß bürg über 100 Meter Bntsl für Männer Praöil(VS. Brünn) in 1:20 B!in. Neuer Weltrekord im leichtathletischen Zehnkamps. Sievert(Hamburg) stellte bei den norddeutschen Meisterschaften in Hamburg eine» neue» Weltrekord im Zehnkanrps mit 8107.82 Punkte aus und verbesserte damit die Leistung des Olympia, sicgcrs Bausch lAmcrila) um mehr als 5 Punkte. Seine Einzelergebnisse: 100 Meter: 11.-1 Sek., Wen- sprung: 7.09 Meter, Kugel: 1-1.35 Meter, Hoch- sprung: 1.82.5 Meter, 400 Meter: 52 Sek., 110 Nieter Hürden: 16.2 Sek., Tiskus: 16.66 Meter, Speer: 59 38 Meter, Stabhoch: 3.-10 Meter, 1500 Meter:-1:59.8 Min. Der Leichtathletik* Lönderkamps Ungarn— Oesterreich, welcher in 2 t e i n a m a n g e r durch- geführt wurde, brachte den Ungarn einen überlege- neu Sieg von 83: 32 Punkten. Der Film Sie Ursachen Der Filmuot. 'Noch niemals während des Bestandes der Republik ist«S den Kinos so elend gegangen wie jetzt; noch niemals haben sic so horrende Leihgebühren an die Verleihetkonzerne bezahle» müssen(bis 50 Prozent der Bruttoeinnahmen) und noch niemals gab es so wenig gute Filme zu sehen, wie in den letzten Monaten. Aber auch dir Hcrbstsaison wird keine Ucberraschnngen bringen; außer dem Ton Quichote mit Schaljapin,„König Pansole" mit Fannigs und„'Marie" mit Annobclla(ein Film, der schon jetzt in der Provinz gezeigt wird), eventuell dem Film„Oliver Twist"- sind keine wertvollen Filme in den Bo.'-'eigen der Verleiher zu finden 28 tschechische Filme warten aus die Premieren, es müßte also schon die Eiusuhr von einhundert ausländischen Filmen bewilligt sein; und Irotzdent herrscht ein so großer Filmmangel, daß viele Kinos alte amerikanische Stummjilme spielen, nur um den Betrieb nicht slillegeu zu müssen. Und das Publikum, die vielen Hnnderlausende brav uns Wie gemeldet wird, Hal der berühmte deutsche General von L i» s i tt fl e tt seinen Eintritt in den„Re ich ob und j ü di scher FrontsoIdalc tt" angemeldet, weil die eifrigen Rasseusorschcr in Hiller-Teulschland ihn wegen seiner j üd i s ch c n G r o ß m u 11 e r„zum Juden ernannt" haben. General von Linsingc» war im Weltkriege Führer einer Armeegruppe des deutschen und österreichischen Heeres an der Ostfront. Er war aber, wie»ns ein Genosse, der die Revolution im November 1018 in Dontschland milerlebl hot, als interessante und wichtige Ergänzung mitleilt, noch etwas anderes, nämlich int November 1918 „Kommandierender in den Marken", also Inhaber der höchsten Militärgewalt in der Reichshauptstadt Berlin und in der Provinz Brandenburg. In dieser Eigenschaft wäre es Linsingens Ausgabe gewesen, die Revolution militärisch n i e d e r z» s ch l a g e n. Er tat es n i ch!. Zwar erließ er Anfang November noch eine Verfügung, durch welche die Bildung von Arbeiter- und Soldaten raten verboten wurde, aber e r ließ nicht aus die Arbeiter schießen. Die damals in Berlin stehenden Truppen galten nicht mehr als zuverlässig-'und auch das eiligst herbeigeschasste Naumburger Jägerbatallon sytn- pathisierle mit den Nevolutionären. Ter sozial widerspruchslos zahlender Werktätiger warten vor« t geblich aus neue Programme. Der deutsche Film! dürfte endgültig gleichgeschaltet und damit auSge- schaltet jein; die Einfuhrkommisjion im Handels- Ministerium empsiehlt zwar zum Import Standardwerke wie„Amor an der Leine"(ein Film, den Kurt Gerron nicht zu Ende drehen durste und der dann leider unter SA.-Assistenz beendet wurde) oder „Die Nacht der großen Liebe", die Anpreisungen des Tfchcchensilnts reden hauptsächlich von„Schlagerlustspielen", nichts von alledent ruft aber in uns die> tleberzeugung wach, daß unsere Kinos noch werden >n der Lage sein, den Beweis zu erbringen, daß man ! unter Film etwas anderes zu verstehen hat als ein chemisch behandeltes Zellulioshilfsmittel des Großkapitals zum Zwecke mühe-' und skrupellosen Geldverdienens. Trotzdem Einfuhrscheine für über hundert Filme vorbereitet liegen, wird nicht intportiert und die Tresors diverser Aktiengesellschaften für s Filmhandcl und-erzcugung sind eben um einige Papiere reicher geworden. DaS Rätsel kann bald! und leicht gelöst werden: die großen Vevleiherkon- zerne erzeugen viele tschechische Filme und behalten die Einfuhrbewilligungen bei sich, nm ihren selbst erzeugten Filmen die lästige Konkurrenz zu ersparen. Und die Filmkulturprobleme sind wieder einmal erfolgreich gelöst. Man erzeugt zwar„für die Allgcnteinhcil", man fördert zwar„Volkskultur", aber das alles darf nichts kosten. Es genügt, wenn alles Has in Reklamen nnd Enqueten behauptet wird. DaS in vielerlei Händen ruhende Kapital löst die Rnlturproblcme recht einfach: Kultur ist, woran „man" Geld verdient. Und deshalb wird nicht importiert: denn die Kinos nrüssen doch spielen, also zwingt man sie, durch Filmmangel zu„entsprechenden" Leisttingen. Sie werden eben daS bringen, woran unsere Frlmvaterländcr am meisten verdienen: und das ist eben der heimische Film, dem man nicht einem anderen bezahlen muß nnd für den also lange Spielzeiten und hohe Leihgebühren erzwungen werden. Darum gibt es bei uns keine amerikanischen, russischen Filme z» bewundern... W. Lg. demokratisch« Abgeordnete Otta W e l S ging in die Kaserne des Kaiser Alexander-Garde-Grena- dicrrcgirnentS, der Kaserne, bei deren Einweihung Wilhelm II. seinerzeit di« berühmt gewordene Rede an die Soldaten gehalten hatte, daß sie als Elitetruppe, der der Schutz des kaiserliche» Schlosses auvertrattt sei, auch oereil sein müßten, im Notfall auf kaiserlichen Bcsehl„auf Baler und Mutter zu schießen". In dieser Kaserne waren jetzt als letzter Schutz der kaiserlichen Herrschaft die Naumburger Jäger untergebracht. Wels hielt eine Ansprache an die Soldaten, und nicht einer der Offiziere dieser Elite-Truppe des Kaisers wagte es, den Redner nicderzu schießen oder fest- zu nehmen. Die Naumburger Jäger gingen zum Volke über und damit war der Erfolg in Berlin entschieden. Jetzt erst erfährt man also durch die sensationellen Ergebnisse nationalsozialistischer Nässenschnüffelei, daß in Wahrheit nicht die Machtlosigkeit der Kaiserlichen, sondern die Vcr- s e ii ch tt tt ß des K onttuandante n von Berlin mit dem jüdischen Blut seiner Großmutter die Entscheidung herbeigeführt hat. «■eMeMMoeeeaeeMOMneMeae ^kn das tzelm des Nassenbenmtzlen ^Meilers gehör! d. Zenlralorgmi. gl m Trutfriitn sozkatdemokr. Arbeiterpartei II-„Sozialdemokrat"— Der Zusammenstoß. Ort der Handlung: Gerichtssaal. Publikum sitzt| gelangweilt da und folgt den Vorgängen vor dem I Richtertisch ziemlich teilnahmslos. Die meisten I kamen, um der für 10 Uhr 80 anberaumten I Verhandlung über den Zusammenstoß auf dir I Untergrundbahn beizmvohnen. Endlich Ist es so I weit. Der Gerichksdicner ruft: Willy Leh- I mann und Genossen. Und h«r«in strömt besag. I ter Willy, gefolgt von ein paar Männern, denen I man ei sofort anmerkt, daß si« Beamt« bei I Dritten Reichs sind. Nicht nur an den mostr ch. I braunen Uniformen.. Gedrückt, verprügelt, I getreten nahen sie sich dem Richwrtifch. Nach I Ausnahme der Personalien begiunnt di« Per- I Handlung. S taa t sa n wa l t: Willy Lehmann, Si« I wissen, was Ihnen zur Last gelegt wird. Si« I haben den Zug Nr. 3074a Durch Unachtsamkeit, I ja durch grettzculosc Leichtfertigkeit zum Entgleisen gebracht. Im Tritten Reich ist für solchen, deutscher Wesenart völlig fremden Leichtsinn kein Raum... Tanken Sie Ihrem Schöpfer, daß das Rasscamt eindeutig sestgcstellk hat,-... Lehmann: Ätzer, ich habe... Staatsanwalt: Schweigen Sie... Sie haben den Zug zum Entgleisen gebracht... Und das genügt. Sie haben ihn abfahren lallen in einem Augenblick, da Ti« genau wußten, daß die Ausfahrt nicht frei war. Und diese sträfliche Handlungswei«. diese- dem Germanen völlig art- rcnid«, die Stoatsantorilät mit Füßen tretende Wesen, das seit der nationalen Erhebung, im Sinn« unseres allseits hochverehrten Herr« Reichskanzlers, von uni bekämpft, zerstampft, vernichtet wird, verlangt nach strengster Bestrafung. Lehmann: Ja, aber... ich habe;.. Staatsanwalt(brüllend): W a schaben Sie?»Das'Zeichen zum Abfahren haben Sie gegeben... L-ie haben eS aber viel zu früh gegeben... Ta- ist cs...(lieft ans dem Strafgesetzbuch alle diesbezüglichen Paragraphen vor). Lehmann(zieht indessen einen ganz zerknitterten Zettel'aus der Tasche, entfaltet, glättet ihn...) Staatsanwall(mit überschnavpcnder Stimme): Ange klangt er... Sind Sie-es Teufels? Was tun Sic denn da? Lehmann(stoltcrud): Ich... Ber— per—Verzeihung... aaa—ber eine... Ber— ver—Berordnuttg der Reichsbahn—ver.—ver— Verwaltung... Staatsanwalt(reißt ihm den Zettel aus-er.Hand und liest):„Tie Verwaltung der Reichsbahn ordnet hierdurch, mit sofortiger Wirkung, au, daß mit Rücksicht auf die Verbuu-eiu beit der dcntjchen Reichsbahn mit Reich und Volk sämtliche Beamte. Angestellte und, Arbeiter i nz D i e n st e durch Erheoen des rechten Armes zu grüßen haben." Na, und...? Lehmann(schnell):.., und da iS der Fritze jekommcn. jcrade von der anndern Seite des Bahnhofs... und da ha' ick naticrlich vorschriftsmäßig mein'n rechten Arüt zum Hitler» jruß erho'nt. Uff cenmal jibts'n Ruck und der Zuch setzt sich in Betvejuug. Paar Minuten später is et passiert. Heil Hitler. (Erschüttert zieht sich der Gerichtshof zurück. Nach kurzer Zoit kam er wieder und— sprach Lehmann frei.) Nachspiel: Einige Tage darauf erhielt Lehtnaun seine Beförderung jum Obergauleiter der SA. und eine Berufung ins Eisenbahnmini- stcrium. Turl. Die WWe Großmutter und Sie Revolutton. Amerikanische Humoreske. „Auf keinen Fall," sagte Bankier Williams Dem jungen Mann, der ihm gegenüber im Lehnstuhl saß nnd die Beine von sich streckte.„Auf leinen Fall, Herr Ehawcan, hören Sic mir aufmerksam zu und lrachlcn Sie von mir zu lernen. Sie halten um die Hand meiner Tochter Lotte an. Tas heißt, daß Sie mein Schwiegersohn werden wollen. Und ans Grund dieser Tatsache hoffen Sic Geld zu erhalten. Bor einer Weile haben Sic auf meine Frage, ob Sic Vermögen besitzen, geantwortet, daß Sie arm sind nnd daß Ihr Vermögen nur zweihundert Totlar beträgt." Herr»William legte die Beine übereinander und fuhr fort:„Tic behaupten, daß auch ich einmal arm war und nicht einmal diese zweihundert Dollar besaß. Tas leugne ich nicht, sage aber, daß ich in Ihrem Alter bereits eine größere Geldsumme besaß. Und zwar deshalb, weil ich Verstand hatte, während er Ihnen fehlt. Ich merke, daß Sic sich In Ihrem Lehnstuhl winden, lassen Sir sich nicht stören, doch ich mache Sie daraus aufmerksam, daß wir einen sehr starken Neger zum Diener haben. Hören Sie mir aufmerksam zu und nehmen Sie sich ein Beispiel daran. Im Alter von sechzehn Jahren kam ich zu nieiueitt Onkel. Ur» Geld zu verdienen, überredete ich meinen Onkel, den Neger, der gerade gelyncht werden sollte, auf seinem Grundstück lynchen zu lassen. Gut; man lynchte de» Neger auf dem Grundstück meines Onkels, aber wer Zusehen wollte, mußte eine bestimmte Gebühr bezahlen, denn wir grenzten den Platz mit einem Zaun ab. Das Eintrittsgeld sammelte ich ein und als man den Neger erhängt lzattc, nahm ich das gesammelte Geld und lief noch am selben Abend davon. Der erhängte Neger brachte mir daS Glück. Für- den Erlös kaufte ich ein Grundstück im'Norden nnd verbreitete, daß ich beim Ackern an einer Stelle Gold gesunden lprbe. Tas Grundstück verkaufte ich sehr gut, das Geld legte ich an. Es ist nicht der Rede wert, daß ich später von einem der betrogenen Käufer angcschossen wurde, denn jener Revolvcrschuß, der mir den Knochen in der rechten Hand zerschmetterte, brachte mir nnr zweitausend Dollar Schaden- ersatz. Ich richtete mir ein Geschäft mit RindSleder ein, das ntir einen Haufen Geld etntrug, dann später verkaufte ich nur gegen Barzahlung und kaufte auf Kredit.' Mei« Vermögen legte ich kn Kanada in mehreren Banken an und sagte Konkurs an. Ich wurde eingesperrt und bei der Gerichtsverhandlung redete ich so komisches Zeug, daß mich die Gcrichtsärzle für blöd erklärten und ich freigesprochen wurde, nachdem ich vorher bei den Anwesenden eine Sammlung veranstaltet hatte, die mir soviel cinbrachte, daß ich nach Kanada fahren und mein Geld holen konnte. Dem Brooklyner Millionär, Herrn Hamel- stov, brannte ich mit seiner Tochter nach San Francisco durch, so daß er gezwungen war, Sic mir zur Frau zu gebe», denn ich drohte ihut, ich würde solange mit ihr in San Francisco leben, bis ich die sensationelle Nachricht an die Zcituu- gcn schicken könne, seine Tochter sei die Mutter eines unehelichen Kindes. Sehen Sie, Herr Chalvean, so tvar ich, währen Sie bis heute noch nichts getan haben, das darauf schließen ließe, daß Sie ein vernünftiger Mensch sind. Sie sagen, daß Sie meiner Tochter das Leben retteten, als sie neulich bei einem Ausflug aus einem Kahn ins Meer fiel. Das ist zwar recht hübsch, hatte jedoch für Sic keine» praktischen Wert, denn, wie Sie sagen, haben Sie sich dabei ein Paar neue Schuhe ruiniert. Dafür, daß Tic sich in meine Tochter verliebt haben, kann doch ich nicht damit gestraft werden, der Schwiegervater eine- Menschen zu sein, der keine Spur von Verstand hat. Ich sehe, daß Sic sich wieder im Lehnstuhl hin- und hrrwcrscn, ich fordere Sie auf, Ruhe zu bewahren und meine Fragen zu beantworten. „Haben Tie schon einmal etwa« angestelll?" „Nein." „-Haben Sie Vermögen?" „Nein." „Hatten Tic um die Hand meiner Tochter an?" „Za." „Liebt meine Tochter Sie?" „Za." „Nun richte ich die letzte Frage an Sie: Wieviel Geld haben Sie bei sich?" „Scchsundvierzig Dollar." „Gut, ich habe über eine halbe Stunde mit Ihnen gesprochen. Sie haben mich in Geldangelegenheiten um Rat gefragt. Ich bekomme dreißig Dollar von Ihnen. Einen Dollar für die Minute. „Erlauben Tie, Herr Williams," protc- stierte der junge Mann. „Kein erlauben Sie," sa^te Herr Williams lächelnd, während der auf die Uhr blickte, es ist wieder eine Minute verstrichen." Als der überraschte Ehawcan das verlangte Geld auözahltc, sagte Herr Williams liebenswürdig:„Und jetzt gestatten Sir mir, Ihnen zu sagen: Verlassen Sic mein Hans, sonst wäre ich gezwungen, Sic beseitigen zu lassen." „Und Ihre Tochter?" sragtr der junge Mann in der Tür. „Meine Tochter gebe ich keinen« Dummtopf," sagte-Herr Williams ruhig.„Verlasse»« Sie mein -Haus, sonst steht Ihnen das Vergnügen bevor, Ihre Zähne zu schlucken." „To hätte ich einen feinen Schwiegersohn," sagte Williams zu seiner Tochter, als Ehawcan gegangen war.„Tein Verehrer ist rin ungewöhnlich dummer Mensch, der niemals Vernunft annehmen wird." „Tann hat er also nicht die geringste Hoffnung, mein Mann zu werden?" antwortete Fräulein Lotte. „Unter diesen Umständen ist es unmöglich", sagte Williams," solange er sich nicht mit irgendeiner klugen Tat auSwrist, besteht nicht die geringste Hoffnung." Und.Herr Williams erzählte seiner Tochter von dem gelynchten Neger auf dein Grundstück seines Onkels, von der ganzen Unterredung zwischen ihm und Ehawcan, und fügte hinzu:„Zch habe ihm viel Lehrreiches gesagt." Am folgenden Tage verreiste Williams, um eine neue Geschäftsverbindung anzuknüpfen. Als er eine Woche später zurückkchrtc, fand er auf den Schreibtisch folgenden. Bries: Sehr geehrter Herr! Ach baute Ahnen vielmals für de« mir vor einer Woche erteilten Rat. Ahr Beispiel hat mich so begeistert, daß Ich in Ihrer Abwesenheit mit Jhiicr Tochter nach Kanada gereist bin, nachdem ich au- Ihrer Kassa alles Bargeld und sämtliche Wertpa- oierr»«itgenommen habe. Ahr Ehawcan. Und unte>» stand: Teurer Vater! Wir bitten um Deine» Legen und zeigen Dir gleichzeitig an, daß wir den Kassaschtt'isscl nicht finden tonnten und die Kassa mit Nitroglycerin- sprengen müßten. Dein« Lotte: (Berechtigte Uebersetzung aus dc> Tschechischen.) «r»»I»«b«»t 6l«ofilrt Zail.— Skelttbaltean Wilhelm Rietz»«».— Reraarwartlicher Redakteur! De. Cai« 0tta»|, Prag.— Druck:.Rota' u.-s. fit Heltun»- uad Buchdruck. Vraa— gür bl» Druck»eraulworilich vti» pal'«, ItM,— Si» AeituualmarkeiUrankat»« wurde»a» der Botz-», leleäravdendirektia» mit lkrlatz Rr 13.800/v n 1930 bttsIDlot.— B»t»|»»e»Iuau»|«»! Bei Austelluna lul Hau« oder bet vezu» durch die jjofi monatlich Ud ll.—. olertcljidrliL U U.~» t«l»tttzlitz K4 dd.—,|tiichrt| U WX—•»— 3»I(WI werde» lau I«|i| iuligÜ berechnet, bei iltna»«talcholiuroc» Heeilaachlatz,— Rückliellung oou Llaaullrytte» eNolgi au» dei lteujeuduai»ei*tieuiai*iUa>