Nr. 93. Abomemeitts- Kedlngvngen: Abonnements-Preis pränumerando: vlerteljährl. ZL0 Mb, monatl. l.IVMb, wöchentlich SS Psg> frei ins Haus. Tinzelne Nummer S Pfg. Sonntags- Nummer mit«llustrterter Sonntags» Beilage„Die Neue Welt. 10 Pfg. Post- Abonnement: ZPo Marl pro Quartal. Singelragen in der Post-Zettung«- Preisliste sür 1809 unter Et. 7800- Unter»reuzdand für Teutschland und Oesterreich-Ungarn S Marl, sür da» Übrige Ausland 3 Marl pro Monat. 16. Jahrg. «rscheinl liglich nusjer»onlag«. Vevlinev Volksbl�kt. Die Inscrtions-Geblllsr beträgt für die fechsgespaltene liolonel- ,«tle oder deren Raum 40 Psg., sür politische und gewerlschastliche BereinS- und Bersammlungs- Anzeigen, sowie Arbeitsmarlt 20 Psg. Inserate sür die nächste Nummer müssen bis i Uhr nachmittag» in der Expedition abgegeben werden. Tie Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abend«, an Sonn- und Festtagen bi«8Uhr vormittags geöfsne». Fernsprecher: Bml I, Nr. 1608. Telegramm-Adresse: «Sorlaldemokral Berlin". Csntralorgrm der sorialdemokratischen Partei Deutschlands. Kedakkion: 19. Ventlz-Skratze 2. Donnerstag, den Ä0. April 1899. Expedition: SW. 19, Beukh-Skrasze 3. Der Kanalkrieg. Nach fünftägiger Debatte hat das preußische Abgeordneten� Haus die erste Lesung der Kanalvorlage beendet, jenes mit großer Mühe und großem Fleiße ausgearbeiteten Projektes das bestimmt ist, den Westen Preußens mit dem Osten zu verbinden. Selten ist dem Hause eine so wichtige Vorlage unterbreitet worden, selten aber auch ist ein Regierungs entwurf auf so großen principiellen Widerstand ini Hause ge stoßen und so energisch von den verschiedensten Seiten be kämpft worden. Welches waren die Gründe, die die Re gierung veranlaßt haben, die Vorlage einzubringen, und welches waren die Gründe, die die Gegner ins Feld führten? In den Motiven heißt es:„Die Staatsregierung bringt daher in dem vorstehenden Gesetzentwurf den Vau eines Kanals vom Rhein bis zur Elbe in der Ueberzeugung in Vorschlag daß dieser Kanal im Interesse des Verkehrs und der heiniischen Gütererzeugung not wendig ist, und daß das allgemeine Wohl erheblichen Schaden leiden würde, wenn dessen Erbauung nicht ohne allen Verzug in Angriff genommen wird." Und im Laufe der Debatte bezeichnete es der Eisenbahnminister sogar geradezu als ein Versäumnis, daß nicht schon längst durch den Ausbau der Wasserstraßen die Möglichkeit gegeben sei, Angebot und Bedarf zwischen Osten und Westen zu billigen Preisen auszugleichen, und sowohl auf den heimischen wie auf den fremden Märkten mit Erfolg gegen das Ausland zu konkurrieren. Ganz unverhohlen gab der Minister seiner Ansicht dahin Ausdruck, daß die Eisenbahnen im Westen, namentlich im Ruhrrevier an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt seien und daß die Verwaltung alle Ursache habe, auf eine Entlastung der Eisenbahnen Bedacht zu nehmen. Man blicke mit schwerer Sorge in die Zukunft, wo die Verkehrszunahme in einzelnen Revieren es der Eisenbahn unmöglich machen werden, den Verkehr allein zu bewältigen. Das besorgniserregende Ge dränge im Eisenbahnverkehr habe Erscheinungen gezeitigt, die l�m Lande schwer empfunden worden sind; eine wirksame Hilfe könne nur dadurch geschaffen werden, daß ein Teil des Verkehrs von den Eisenbahnen auf eine andere, mit ihr nicht zusammenhängende Straße, den Kanal, abgewälzt wird, dem die Transporte tunlichst schon von den ProduktionSftätten ab LUgeführt werden. Es handelt sich also bei der Kanalfrage lediglich darum. ob. wirklich die Verkchrssteigerung so gewaltig ist, daß die Eisenbahn nicht mehr im stände ist, in absehbarer Zeit dem Bedürfnis gerecht zu werden. Ist dies der Fall, so muß jeder, der nicht dem wirtschaftlichen Aufschwung ein gewalt sames Halt gebieten will, vorausgesetzt, daß nicht andere schwerwiegende Moniente gegen den Kanalbau vorliegen, dem Entwurf zustimmen. Politische Erwägungen haben hier völlig auszuscheiden. Ebensowenig aber darf man sich von Sonder- interesscn einzelner Landesteile beeinflussen lassen oder, wie einige Redner aus Zorn, daß nach ihrer Meinung nur die Industrie von dem Kanal Vorteil habe, nicht aber auch die Landwirtschaft, das Projekt ablehnen wollen. Leider hat man sich in Preußen längst daran gewöhnt, alle wichtigen Fragen ans dem Winkel agrarischer Engherzig keit und Selbstsucht zu beurteilen. Herr v. Miqucl, dcrLiefr ling der Agrarier, hat vor kurzein den Satz ausgesprochen: „Tie nächsten 20 Jahre sollen der Landwirtschaft gehören," und pochend auf diesen Ausspruch ihres Special-Staatsmannes widersetzen sich die Agrarier allen Plänen, von denen sie keinen direkten Nutzen haben. Das Wohl des Landes gilt ihnen nichts, die einseitige Jntercssenpolitik ist ihr einziges Gesetz, und so haben sie auch die Kanalvorlage betrachtet und sind vorläufig zu ihrer Ablehnung gekommen. Es ist charakteristisch, daß dieselben Hei-ren, denen im Reiche für Militarismus, Marinismus und abenteuerliche Kolonialpolitik keine Ausgabe zu groß ist, sich trotz der durch- schlagenden Argumente der Regierung der Vollendung eines Kultnrwerkes in Preußen so heftig widersetzen. Und aus welchem Gninde? Nichts als Scheingründe und Phrasen konnten die Kanitz, Gamp, Wangenheim und Genossen vor- bringen, um ihre ablehnende Haltung zu begründen. Da heißt es, die Kanäle können mit den Eisenbahnen nicht kon- kurrieren, in dem Konkurrenzkampf haben die Eisenbahnen längst den Sieg davongetragen, und es wird zuni Beweis dafür auf außerdeutsche Länder. auf Amerika, England und Frankreich hingewiesen, wo die Verhältnisse ent- weder ganz anders liegen wie bei uns, oder lvo, wie zum Beispiel in Frankreich, noch fort und fort größere Summen für Kanalbauten ausgegeben werden. Da wird als Grund angeführt, die Kanäle könnten im Winter einige Monate zufrieren; daß auch Eisenbahnen unter dem Einfluß der Witterung zu leiden haben, scheinen die Kanal- gcgner nicht zu wissen. Weiter werden finanzielle Bedenken gegen den Kanal erhoben, obwohl doch schon aus der un- gewöhnlich hohen Garantieleistung, die die beteiligten Pro- vinzen und Verbände übernommen haben, zur Genüge hervor- geht, daß diese Befürchtung hinfällig ist, und obivohl der gewiegte Finanzmann Miquel so vorsichtig zu Werke gegongen ist. daß selbst im allerungünstigsten Fall der in Geldüberfluß schwimmende preußische Staat 6 Millionen jährlich zu opfern hätte. Aber 6 Millionen jährlich sür ein Kulturwerk auszugeben, dazu können sich die Kulturfeinde nicht aufraffen; wie viel besser könnte nicht diese Summe der wendet werden zu Liebesgaben für die Agrarier! All das sind jedoch Scheingründe. Die wahren Gründe, die die Agrarier leiten, hat Graf Kanitz enthüllt, indem er der Befürchtung Ausdruck gab, die Landwirtschaft könne durch den Kanal nicht nur keinen direkten Nutzen haben, sondern es stehe sogar ein direkter Schaden für sie in ziemlich sicherer Aussicht. Und zwar soll dieser Schaden darin bestehen, daß den Ostelbiern wieder Arbeitskräfte ent' zogen werden. Nebenbei bemerkt ist dieser ländliche Arbeiter mangel das einzige, was während der langen Debatte über die Wirkung des Kanals auf die Arbeiter gesagt wurde. Welche Vorteile die Arbeiter sonst von dem Kanal haben, oder welche Nachteile ihnen niöglicherweise daraus erwachsen könnten, das interessiert das Bourgeoisparlament nicht. Nun war ja Graf Kanitz ehrlich genug, zuzugeben, daß da die meisten Erdarbeiten heute mit Maschinen bewältigt werden, die Zahl der Arbeiter, die bei dem Bau des Kanals Verwendung findet, nicht allzu sehr ins Gewicht fallen würde. Viel schwerwiegender für ihn war die Frage — und darin kommt das kulturfeindliche Streben der Agrarier so recht deutlich zum Ausdruck—, wie der Arbeiterbedarf in den Jndnstriebezirken gedeckt werden soll, wenn die Industrie des Ruhrreviers den von den Kanal freunden gewünschten und erhofften Aufschwung erfährt. Die Agrarier fürchten, daß dem Osten noch mehr Arbeiter ent zogen werden, daß Lohnerhöhungen die Folge sind und daß sie sich dann vielleicht, um ihre Arbeiter in den seligen Go filden Ostelbiens zurückhalten zu können, ebenfalls zu Lohn' erhöhungen und zu einer menschenwürdigen Behandlung der Arbeiter entschließen müssen. Ein weiteres Bedenken der Agrarier besteht darin, daß auf dem Wasserwege noch mehr ausländisches Getreide, Fleisch, Vieh und sonstige landwirtschaftliche Produkte in das Land dringen und daß dann die heimische Landwirtschaft für ihre Erzeugnisse zu niedrige Preise erhält. Ja, wenn sie sich völlig gegen das Ausland abschließen, wenn sie mit Hilfe der Gesetz gebung es erreichen könnten, daß die Bevölkerung gezwungen würde, nur einhcinnsche Produkte zu verzehren, dann würden sie um diesen Preis sich vielleicht herbeilassen, den Kanal zu bewilligen; denn dann hätten sie ja die Möglichkeit, das Volk nach Kräften auszupumpen und den höheren Arbeitslohn, den der Arbeiter infolge des industriellen Aufschwungs erhält, in ihre Taschen fließen zulassen. Thatfächlich sind aber diese Befürchtungen der Agrarier, wie aus den Ausführungen des Landwirtschafts Ministers und einiger ehrlicher Landräte hervorgeht, hinfällig. Wie kann man auch nach den bisherigen Erfahrungen glauben, daß eine Vorlage, die die Unterschriften v. Miquel und Frhr. v. Hammerstcin trägt, den Agrariern Schaden bringt! Von einem anderen Standpunkt aus verhalten sich die meisten schlcsischen Abgeordneten der Vorlage gegenüber ab- lehnend. Nach ihrer Meinung wird dadurch, daß es dem Rnhrkohlenrevier ermöglicht wird, seine Produkte auf billige und bequeme Weise dem Osten zuzuführen, die schlesische Industrie schwer geschädigt. Ganz unbegründet ist dieses Argument nicht. Wem aber das Wohl der Gesamtheit am Herzen liegt, der darf sich durch den Schaden, den einzelne Jnteressentengrnppen vorübergehend vielleicht erleiden könnten, nicht abhalten lassen, das zu thun, was der Gesamtheit nützt. Ob die Regierung den Schlesiern die von ihnen für den Kanalbau geforderten Kompensationen gewähren wird oder nicht, darf die principielle Haltung der Abgeordneten nicht beeinflussen. Ueber die Aussichten des Regierungsentwurfs läßt sich heute noch nichts Bestinimtes.sagen. Jedenfalls jwird hinter den Coulissen ausgiebig verhandelt werden. Die Bündler und ihre Genossen frohlocken bereits, daß die Vor- läge gefallen sei, und daß es sich nur noch darum handele, ob ihr ein Begräbnis erster oder zweiter Klasse zu teil werde. Möglich aber, daß die agrarische Hartnäckigkeit nicht aus der Abneigung gegen den Kanal zu erklären ist, sondern daß die Angelegenheit auf eine kleine agrarische Terminspekulation hinausläuft. Sie wünschen, das Kanalprojekt zurückzuhalten, bis die Handelsverträge kommen. Je mehr der Termin des Ablaufs der Handelsverträge herannaht, desto größeren Wert gewinnt der Kanal als— Kompensationsobjekt. Miguels agrarisch- industrielle, west- östliche kanalfeindliche Kanal- Verteidigung war ganz dazu angethan, dem Kanalschacher einen Weg zu bahnen. Der Kapitalismus aber macht jedes Kulturwerk zu einem chmutzigen Tauschobjekt zwischen begehrlich hadernden Jnter- essenten und Spekulanten. Wenn es in dem Kanalkrieg zu einem Friedensschluß kommen sollte, wie ihn die Regierung wünscht, die Kriegskostcn bezahlt der Dritte— das Volk. PoUUWlc UebevMzk. Berlin, den 19. April. Der Reichstag verhandelte heute die Gewerbe-Ordnungs- Novelle, welche die verbündeten Regierungen vorgelegt haben. Die- elbe ist wieder eins der Stückwerke, wie wir sie auf diesem Gebiete alle paar Jahre wiederkehren sehen. In der Vorlage handelt es sich insbesondere um eine andere gesetzliche Rege- lung des Gesindevermietens und der Stellen- Vermittlung, Gewerbe, die künftig der Konzessionspflicht unterworfen werden sollen, ferner um eine Regelung der Hausindustrie, spcciell der Wäsche- und Kleider- konfektion innerhalb beschränkter Grenzen und einer Rege- lung der kaufmännischen Gewerbe in Bezug auf die Ruhezeit und die Pausen des kaufmännischen Personals (Ladenschluß). In Verbindung mit der Vorlage stehen die Anträge Heyl und Genossen und Bas s ermann und Ge- Nossen. Der erstcre will ebenfalls die Regelung der Haus- industrie und weiter der Arbeitszeit für Kellnerinnen im Gastwirtsgewerbe, der Vassermannsche Antrag beschäftigt sich mit einer Erweiterung der Bestimmungen der Gewerbe- Ordnung tzZ 133 und folgende, betr. die Lehrlinge, Betriebs- beamten, Techniker, Werkmeister. Die Antragsteller befürworten zunächst ihre Anträge, wobei der Abg. v. Heyl sich für eine strengere Regelung der hausindnftriellen Arbeit, der Abg. Bassermann außer der Materie, die sein Antrag behandelt, spcciell für die Not- wendigkeit des Schutzes des kaufmännischen Personals ver- wendete. Graf Posadowsky steht den Ausführungen der Antragsteller skeptisch und ablehnend gegenüber. Er findet es von den verbündeten Regierungen besonders weise, daß sie sich in ihren Vorschlägen Beschränkungen auferlegt. Nur langsam kommt man zum Ziel, er rate, es wie die Negierungen. machen und Selbstbeschränkung zu üben. Nach Graf Posadowsky erhielt Herr v. Stumm das Wort, der an der Regierungsvorlage im wesentlichen nur Gutes entdeckt, dagegen an dem Antrag Heyl nur Wider- sprechendes und Unausführbares. Den arnien National- liberalen wurde ganz bange, daß sie plötzlich so böse Oppo- sitionelle geworden sein sollten. Stumm folgte Genosse Pfannkuch, der von vornherein erklärte, die Selbstgenügsamkeit, die der Vorredner und Graf Posadowsky dem Hause empfehle, nicht zu befolgen. Hätte man früher gründlich gearbeitet, so wäre die fortwährende Gesetzesflickerei nicht nötig. Redner erklärt sich gegen die Heimarbeit, als eine der bedenklichsten Prodnktionsforinen in der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung, fiir die a I l g e m e i n e Einführung der Gewerbe- Auf ficht und des Arbeitsnachweises, deren Organisation bereits in dem in den achtziger Jahren von der socialdemokratischen Fraktion eingebrachten Arbeiterschutz-Gesetzentwurf vorgezeichnet worden sei. Mit der geplanten Konzessioniening der Gesinde- � Vermieter und Stellenvermittler sei die Partei nicht ein- verstanden, sie habe keine Neigung, die Gewalt der Polizei über Existenzen zu verstärken. Das gleiche gelte mit einer gewissen Einschränkung für die Pfandverleiher. In Bezug auf die Bestimmung für die kanfmniännisch Beschäftigten, er- klärt sich der Redner für Beschränkung der Arbeitszeit durch Gesetz, desgleichen für die Beschränkung der Arbeitszeit der im Gastwirtsgewerbe Beschäftigten. Schließlich spricht er sich für die volle Gleichberechtigung der Arbeiter mit den Unternehme r n in der zur Wahrung ihrer Interessen zu schaffenden Organisationen aus. Abg. Jacobskötter spricht als Jnnungsbruder und Konservativer gegen Pfannkuch. Dem Abg. Jacobskötter folgt Pauli-Potsdam, der sich dem Vorredner anschließt. Morgen Fortsetzung._ Abgeordnetenhaus. Das Abgeordnetenhaus hatte heute einen SchwerinSta Zur Beratung stand der sreikonservative Antrag, die Regierung au'. zufordern, spätestens in der nächsten Session eine Neuregelung der Verpflichtung zur Unterhaltung der öffentlichen Bolls- schulen dahin herbeizuführen, dah geinätz Art. 25 der Verfassung diese Verpflichtung allgemein den bürgerlichen Gemeinden und Guts- bezirken auferlegt wird. Dasselbe Ziel erstrebte ein konservativer Antrag, welcher einen Gesetzentwurf verlangt, der zur Beseitigung der bestehenden Härten die äußeren Verhältnisse der Volksschule, insbesondere deren UnterhaltnngSlast in gerechter Weise regelt, aber zugleich den konfessionellen Charakter der Volksschule, wwie die Rechte der Eltern und Gemeinden aufrecht erhält und sichert. Beide Anträge unterscheiden sich also hauptsächlich durch die Frage, ob die Regelung der Schulunterhaltungspflicht selbständig oder im Nahmen eines allgemeinen Volksschul-Gesetzes erfolgen soll, und um diesen Punkt drehte sich auch im wesentlichen die Debatte. Ueber die Notwendigkeit einer Regelung der Schulnnterhaltung»- Pflicht ist sich da» gesamte Haus und die Regierung einig, für ein allgcmcines Volksschul-Gesetz ist jedoch nur die konservativ-klerikale Mehrheit, die denn auch mit ihrer Ansicht durchdrang. Der Antrag auf Kommissionsberatung wurde abgelehnt und der konscrvatie An- trag angenommen. Die nächste Sitzung findet erst am F r e i t a g statt. Auf d: Tagesordnung steht der Gesetzentwurf betreffend die Stellun des Kreisarztes.— der g Die Bändigung Berlins wird, wie kaum noch gezweifelt werden kann, so oder so ver- sucht werden. Die Offiziösen sind eifrig beflissen, durch halbe Ablengnungen und halbe Bestätigungen die Bevölkerung all- mählich an den„neuen Zustand" zu gewöhnen. Die„Köln. Zeitung" beginnt zwar, durch journalistischen Quellenneid zu einem mühsamen Ausflug in das Gebiet stunipfer Ironie getrieben, einen Arttkel über die„Berliner Verhält- nisse" mit faden Spöttereien über den Schwindel von der Spree-Präfektur, fährt aber dann in unvermitteltem Wider- spruch fort: ».Erwogen wird ctwciZ anderes, waS allerdings auch Berlin nahe angeht, nämlich den NcgienmgSbezir! Potsdam, der die ganzen Vor- or.e von Berlin mit umfaßt, zu teilen und ans den Vororten Berlins und den nächsten Kreisen in seiner Umgebung einen neuen Nc- giermigSbrzirk zu bilden. Und das würde allerdings für Berlin zu bedeuten haben, dag aus der Eingemeindung der Vor- arte für absehbare Zeit nichts wird, und daß die Träume, die unter dein Rmncn„Großbcrlin" geträumt werden, für das nächste ivienschenaltcr ausgeträumt sind. Die Haupt» Vororte stoße» schon jetzt Mauer au Planer mit Berlin zusammen... St» diese Vororte pulsiert das Großstadtlcben mit all seinen bc- sondere» Verhältnisse» und Bedürfnissen mächtig hinein. Obtvohl sie zur Provinz gehören, ihr Gesicht ist der Zentrale ziigelchrt? dem Lande kehren sie gleichmäßig den Stücken. Und doch ist in de» andere,» Pororteu eine große Nnabhiiugigkcit von der wroßstadt lmfgcfpcichcrt» social nnd Politisch; sie sind eine Welt fiir sich, gesättigt mit konservativen nnd national- gesinnten bürgerlichen Grundsätze», die rcttnngsloS von der freisiiinig-soeialdeniokratisch vcrkliingcltcn Zwingherrschaft im Berliner Stadthanfe in den Sninpf gedrückt würden, in dem letzt datz bürgerlich gemäßigte nnd rcchtöstchcud« Element in der Hauptstadt, sichtbar von Wahl z» Wahl, ohnmächtig hcrnmwatct. Faßt man ciuschlicßlich der Stadtbezirke und großen Gemeinden die Menschen zusammen, die in den vier Kreisen ringsum im Schatten der Großstadt also wohnen, Hann zählt man 760 000. Bon den 30 RegicnmgSbrzirkcit der prenßiichcn Monarchie hat die Hälfte weniger Einwohiicr, und kaum in einem zweiten Distrikt flutet die Bevölkerung so stark, wie in diese» vier Kreisen, kaum in cincin zivcitcn Kreise sind social- nnd wohlfahrts- polizeilich so viel Interessen wahrzunehmen. DnS wäre allein Grnud genug, aus diesen Kreisen oder dem Hauptteil davon riuru neuen Regierungsbezirk zu bilden, nm dadurch der kleinen C e u t r e u k 0 ,ii m n na l e und politische Unabhängigkeit gegen die erwürg ende Umklammerung des nach allen Seiten seine Sangarme ans st reckenden Spree- Polypen zu schützen. Aber es kommt ein zweiter hinzu: die Berliner Stadtverwaltung hat es herzlich schlecht vcr- standen, bei der Regierung nnd bei der Krone nicht minder wie nach dem Lande hin, daö Vcrtrancu zu erwerbe», daß sie die Interessen eines nach Eingemeindung der Vororte ins ricscuhnftc lvachscndcn Gemeinwesens uubcfaiigcn zu tvahrcu versteht. Die Thalsache, daß der zum Oberbürgermeister gewählte Bürgermeister Kirschner noch immer auf Bcstäligimg ivartcsi ist nicht allen, daraus zu erklären, wie es fortschrittliche Blätter möchten, daß etwa der Minister des Inner,, keine genügende Autorität bei der Krone besitze oder daß llcinlichc Ehikanicniug_ die Entschließung des Laiidcshcrri, hiiianszögere. Berlin ist mit Preußen groß geworden nnd hat außerordentlich viel dem Staate nnd der königlichen Hofhaltniig zn danken. Schauspielhaus und OpcnihanZ cr- srwderil große Zuschüsie nuS der königlichen Schatulle. Nicht einen Pfennig zahlt Berlin an Thenter-Snbvcntioi,. Für die Museen sorgt der Staat; der Tiergarten, dieser wunderschöne Stadtpark, lostet der Stadt nur geringes. Er ist königliches Krön- gut; für seine llnterhaltmig sorgt zum größten Teil der Staat. Tic Kliniken der StaatSaiiftaltci, kommen Berlin in erster Linie zugute; es müßte große neue Krankenhäuser bauen, wenn diese Staatscinrichtmigcn nicht beständen. Alle Denkmäler, die durch öffentliche Mittel und Sammlungen aufgebracht worden sind, sind Verschönerungen, die der Kommune nichts gekostet haben. In der Stadtvcrardiictcn-Vcrsnnmllnng hat mau dafür lvcnig Verständnis gehabt. Bei jeder Gelegenheit hat der fortschrittlich- socialdcmo- kra tische.Klüngel" in dieser Versammlung, die„ach der Städte- ordmmg sich mit Staatspolitik nicht befasse» darf, die Politik der Nadelstiche betrieben, und wo mir die Gelegenheit sich bot, sich als politische»„Konvent" aufgcthan, bei der Umsturzvorlage, be, der vorjährigen Enimcnmg an die Märztage, bei dem Bau'der Kaiser Wilhclm-Gedächtniskirche, bei der Ccntenarfeier, anstatt in Wahr- nehmung der städtischen Interessen nnd der Jntereyen des loyalen Teil« der Bewohner aus ein BerhälintS zur Krone zu halten, wie»S eine von jedem Byzantinismus freie Ehrfurcht dem Könige gegenüber gebietet." Tie„Kölnische Zeitung" hat zum Beginn des Artikels nur zu dem Zweck von„Schwindel" gesprochen, um den Schwindel mundgerecht zu machen. Berlin ist nicht genug Byzanz, es soll also diesen Charakter auf gesetz- licheiit Wege erhalten. Berlin soll der Negicrung in Zwangserziehung gegeben werden, und unter ihrem Kuratel werden sich dann alle Verhältnisse gedeihlich, loyal und nihmvoll gestalten. Der Haß gegen das radikale Berlin hat das Wort von dein S p r c ep o l y p c n geprägt, das mm als liberale Monstrosität neben dem ultramontanen Wasserkopf aufbewahrt werden kann. Gerade der Artikel beweist, daß nicht nur eine technische, sondern eine politisch-tendenziöse Vcr>valtt»»lgSänd«unz int Werke ist.— «» G Deutsches Fteich. Ciiiiitm gegen den Mittelland-Kanal. Die Vorstände des Vereins zur Wahrung der grnicinsanien wirtschaftliche» Interessen der Eaar-Jndnstrie und der südwestlichen Gruppe des Vereins deutscher Eisen- und Stahl-Jn dnstrieller haben sich unter dc», Vorsitz des Freiherr» v. S t» m m gegen den Bau des Mittclland-KanalS erklärt, durch den die R n h r i n d n st r i e ihre Erzeugnisse zn antz-rordentlich niedrige» Sätzen nach Berlin usw. verfrachten»Nid dadurch einen neue» erheb- lichc» Vorsprnng vor der Saarindnstrie erhalte» würde. Sie haben Denier beschlossen, die Schritte der Obcrschlcsicr in der Nichtmig zu unterstütze», daß für dc» Fall der Anssübrnng des Kanal» eine erhebliche Ermüßigniig der Eiscnbahnfrachtcn nach Berlin, Ost- Tculschland nnd Antwerpen gewöhn werde. Nachdem Stumm gegen den Kanal aufgeiretcn ist, wird die Negicrung den Enttvlirf mm wohl zurückziehe» müssen. Für die Erkenntnis der tolle» Widersprüche, in denen sicb die kapitalistische„Ordnung" zerreibt, ist dieser Kampf aller gegen alle— Jntcresicntc», wir er sich aus Anlaß eines Äulturwerls erhebt, von dedcntsame», Interesse.— Z» den Banmannschen„Galgcuskizzen" schreibt die.Nordd. «llg. Ztg.": .Auf amtliche Anweisung haben an der Hand der Schmähschrift durch das Gouvernement in Dar-cS-Salaam eingehende Erhebungen soweit solche mangels bestimmter, von Banmann wohlweislich verschwiegener AnhaltZpunkte überhaupt möglich waren— statt- gcfimdcii'nnd zu dem Ergebnis geführt, daß'auch nicht der ge- ring sie Anlaß zn derartigen Berdächtigungen deutscher Beamten in Ostafrika vorliegt. Als eine ab- folntc Unwahrheit stellt sich die Baumnmische Behanpttinq dar, daß sich zu den Ende 1805 anS Anlaß der HochvcrratSprozcsse in, Auf» stände des Hassan bin Onmr vollzogenen Hinrichtungen in Kiliva Amateur- und Bernssphotographrn � eingefunden hätten. Wie stets bei solchen Exekutionen, war denselben auch damals daS Bc- treten des AichtplatzcS untersagt. Als einziger„Gardelculiiant" wohnte der Vollstreckung damals der Leutnant a. D. v. Wissmann als Adjutant des Gouverneurs bei; aber weder leitete er die Exekution, noch ist der ihm von Danmann in den Mund gelegte Aus« spnich jemals gefallew Ebenso ist die Behauptung BaumannS, in Kilwa feien die zum Henken benutzten Stricke unter der Rubrik .Bewirtung fremder Gäste" gebucht, wie der frühere Bczirks- hanptmann Frist, v. Eberstcin ausdrücklich amtlich erklärt hat, eine böswillige Erftnbung. Wie O. Banmann selbst bei der Abfassung seiner Schrift von dieser dachte, erhellt aus seiner eigenen Erklärung, daß sein Werk nichts weiter alö ein humoristischer Fcuilletonartikel sein sollte. Wie weit diese Absicht den, Verfasser, der bekanntlich inzwischen geistig und körperlich erkrankt sein soll, gelungen ist, braucht wohl nicht mehr erörtert zu werden.". Wie weit die amtlichen Aufklärungen ausreichend sind, läßt sich nicht ermessen. Daß aber Exekntionsscenen chatfachlich auch von Photographen aufgenommen worden sind, dafür giebt es nntrüg- liche Zeugen, nämlich die Pholographicn selbst, nach denen die kürzlich von uns besprochenen.illustrierten Galgenskizzen" im Kolouial- lalcnder angefertigt worden sind. Auch scheint es uns nicht gerade klug, einen Hauptzeugen der Regierung im Prozeß Peter» jetzt mit ein paar schmähenden Worten abzuthun. Frech verlogen nennt die„Freisinnige Zeitung' die Behauptmig, die Freisinnigen hätten bei der Nachwahl im zweilcii Berliner Wahlkreis.in wahrhaft erbarmungswürdiger Weise um die konservative Wahlhilfe gebettelt und, als sie ihnen versagt wurde, seien die Konservativen als Verräter von Thron und Altar bezeichnet worden."— Tauach zahlt Engen Nichter die freisinnige Presse, die dies erbarmungswürdige Handwerk, wie urkundlich' nachgewiesen worden ist, auSiibte. nicht zu den— Freisinnigen. Wenn Enge» Nichter eine buchstäbliche Wahrheit als freche Ver- logenheit bezeichnet, so sind wir wohl verpflichtet, ans demselben Standpunkt der verkehrten Welt ihm verlcumderischenveise— lautere Wahrhaftigkeit nachzurühmen. Chronik der Gewaltthätigkeilen. Die„Frankfurter Oder-Zeitung" berichtet:„DaS Schöffengericht zu B e e s k o w hatte den Kausmam, Albert K. in Ncnbrück wegen gefährlicher Körperverletzung und Bedrohung— er bat!« eine» Mann mit einem Schlüssel ins Gesicht geschlagen und mit einem Gewehr in der Hand ihn z n e r s ch i e ß e n g e d r o h t— zu sechs Wochen Ge- fängnis verurteilt. Auf seine gegen jenes Urteil eingelegte Bc- rnsnng wurde auf eine Geldstrafe von 130 Mark ev. fiir je 5 M. ein Tag Gefängnis erkannt."— Offenbar hat daö Gericht gemeint, mit de». Totschießen sei es dem Knufmanil nicht ernst gewesen. Ebenso wenig war es aber den Löbtauer Arbeitern ernst mit ihrer Drohung und doch— man vergleiche die Urteile.— Wie man anslnuvische Arbeiter behandelt. In Bezug das Verhalten.kontraktbrüchigen" ansländisckcn Arbeitern gegenüber sind von scitci, schlcsischcr Landwirte nnd Polizcibcbördcn iviederholt gröbliche Mißgriffe vorgekonmien. indem man in diesen Kreisen der irrigen Anschannim Folge gegeben hat. daß solche Arbeiter ohne weiteres sogar mit ZivmigSinittcln angehalten werden könnten, an ihre Arbeitsstelle zurückznkchrcn. Von arntlickicr Seite wird demzufolge auf eine Vcrfngnng des Obcrpräsidentcn der Provinz Schlesien hingewiesen, die folgenden Wortlaut hat: .Es ist zu»nrincr Kcnntinß gelangt, daß rnssisch-polnische Arbeiter, welche zur Bcschnftigmig iii der Landwirtschaft zugelassen worden waren»nd wegen Lohndtffcrenzcn vor Beendigung ihrer ansgcdlmgcncn Bcschästigling die Arbeitsstätte verlassen hatten, durch Gendarmen behufs Wicdcranfnahme der Arbeit zurück- transportiert worden sind. Diese» Verfahren steht meines Erachtcns mit den gesetzlichen Bestimmungen und den dieser- halb in» Februar 1891 erlassenen Vorslbristen nicht im Einklang, da auf die erwähnten Arbeiter die Bestiimiiunge», der Gesinde- Ordnung nicht Anwendung finden, und jene Ausländer daher zur Fortsetzung der Arbeit durch Zwangs- Nuttel nicht wohl aiigchalic» werden können. Verlassen solche Arbeiter cigemnächtig die Arbeitsstätte, oder verweigern sie die weitere Beschäftigung, so ist, wie die vorgcdachtcn N, inderlasse schon vor- schrieben, dem königlilben Landrät sofort davon durch die zu- ständige Orts-Polizeibchörde Anzeige zu erstatten. Kontrakt- brüchige ausländische Arbeiter erweisen sich dcr Negel nach als lästig, und eö ist deren sofortige A u s w c i s u n g z u I ä s s i g. Es wird sich daher empfehlen, daß der Landrat in» Falle eines Streiks den Arbeitern die Alternative stellt, entweder die kontraktlichen Beding, n, gen unweigerlich zu erfüllen oder die sofortige Ausweisung zu gewärtigen. Daß die ausländischen Arbeiter ja lediglich zum Zwecke der Arbeit nach Preußen gekommen find, also die triftigsten Gründe haben werden, wem, sie eine Arbeitsstelle verlassen, davon steht in der Verfügung kein Wort. Es ist ja auch so leicht,.lästige" Aus- ländcr anszuweisen. Wozu bedarf es»eben der Ausübung des starren Rechts auch noch der Prüsnng der B i l l i g k e i t S- a r ü II d e.— Tic Arbeitszeit der Arbeiter i» den Slctreidcmiihlcn soll endlich durch eine in den nächsten Tagen erscheinende Bundes- rats-Verordnung gercaclt werden. Danach ist fortan. Ivie einige Blätter zn berichten wissen, in Getreidemühlen den Gehilfen und Lehrlingen innerhalb 24 Stunden eine unnntcrbrochene Ruhe- zeit von ,» i» d e st e n S a ch t Stunden zn gewähre». Werden die Getreidemühlen ausschließlich oder vorwiegend mit Tampflraft betrieben, so hat die niinnterbrochcne illuhczcit»lindeste,, s zehn Stunden zn betragen. Für Getreidemühlen, die aus- schließlich mit durch»»regelmäßige Wasserkraft bewegten Triebiverken arbeiten und nicht nichr als einen Gehilfen beschäftigen, könne» durch die unteren Verwaltungsbehörden Ausnahmen von der vor- geschriebenen Ruhezeit an höchstens 15 Tagen im Jabre zu- gelassen werden. Lehrlinge unter 10 Jahre» dürfen in Getreide- Mühlen aller Art nicht in der Nachtzeit von Uhr abends bis ö1/» Uhr morgens beschäftigt werden. TftS elterlich« GrzichungSrccht war im schlcSwigschcn AcrmanisiemngSkncge mehrere».Düiiischgesiimtcn" entzogen wvrdcn. Dies« von den Amtsrichtern Dr. H a h» in Norbnrg, und Linde» in a ii n in Tostlinid untcriiommeiien Versuche sind mmmehr durch ein« kanmicrgcrichtliche Entscheidung adgelhan. Amtsrichter Hah» hatte in seiner Eigenschaft als VonnundschaftSrichtcr dem Hof- dcsitzer Elmifcn-Klingberg das Elternrecht genommen, weil dessen Tochter die Hochschule in dem j ti t« ländi scheu Orte Askov besuch»?. Clausen legte Ve- mfting ein, und das FlenSbnrgcr Landgericht hob das Urteil dcS Amtsrichters Hahn auf. indem eS outführte, daß dem Vater mir ans sehr schwerwiegenden Gründen daS ErzichungSrecht geiiommeii werden könne; wenn er seiner Tochter gestatte, eine dänische Scknlc zu besuchen, sei er damit nicht untauglich, teinc Kinder zu erziehen. Jetzt hat daS Kammcrgcricht das landgerichtliche Urteil bestätigt, so daß die Eingriffe in die Familienrcchle fortan wohl aushören werden. Im übrigen wird mit dem bekannten Erfolge tüchtig weiter germanisiert.— Die Frommen km Lande vrannschweig haben die Regierung z,rr Herausgabe eine» neuen Polizei-Slrafgefetzbuch« zu veranlaffcn vermocht, durch welches die öffentlichen, sowie die Privat- fcstlichlciten von Vereinen erheblich eingeschränkt werden solle». Der Landtag wandte sich namentlich gegen die Bestimmung de« Entwurfs, wonach Vereine und geschlossene Gesellschaften ihre Festlichkeiten um 12 Uhr beenden sollen. Die Negicrung wollte aber gerade in diesem Punkte nicht nachgeben. Der Landtag blieii jedoch in seiner Mehrheit uncrschiitterlich und beharrte mif seinem Antrage, daß man die bezeichneten Festlichkeiten bis drei Uhr nackitS gestatten und den Hagelsciertag verlegen solle. Eine Einigung zwischen Regierung»nd Landtag kam damals nicht zn stände.' Jetzt will mm die Rcgiennig da« neue Polizei-Straf- gesetz publizieren, ohne jedoch die oben erwähnten Beschlüsse dcS Landtages dabei zu berücksichtigen.— Man darf gespannt sein, ob der Landtag oder die Polizcifrvmmigkeit siegen wird.— Gegen die Picrsteurr, welche die Stadt Braunschweig einzuführen beabsichtigt, wendet sich der Verein braunschweigischrr Brauereien in recht energischem Vorgehen. Derselbe hat einen notariellen Vertrag abgeschlossen, wonach sich die zu ihm gehörenden Firmen bei Erlegung einer Konventionalstrafe von 3000 M. ver- pflichten. sofern in der Stadt Brannschweig innerhalb der nächsten fünf Jahre die Einführung einer Bier st euer beschloffcn werden sollte, ihre Bicrpreise um den gesamten Steuerbetrag zu erhöhen. Die Stadtverordnete»,- Versammlung hat sich im Princip für die Biersteuer erklärt, um daraus die Mittel für eine Erhöhung der Ge« hälter der Bürgerschuflehrer und einiger anderen städtischen Beamten zu gewinnen.— Fiir die Verkehrsanstalten wird in Württemberg der Posten eines Unter st aatssekretärs geschaffen. Die Kammer nahm eine diesbezügliche Vorlage an.— AuS fromm- gläubigen Gefilden. Man schreibt uns aus Baden: Vor kurzer Zeit wiesen wir an dieser Stelle auf die auf- fallende Thatsache hin, daß in einer räumlich nicht sehr umfangreichen Gegend des Schwarzwaldes innerhalb weniger Monate drei Mordthatcn sich ereigneten. Sie geschahen alle auf Bauerngütern innerhalb einer katholischen, streng gläubigen Bevölkerung. Nun kommt schon wieder eine Hiobspost aus dem Dorfe Noh r b ach bei Triberg. Dort sielen der frühere CentmmS- Abgeordnete und Bürgermeister L ö f f l e r und seine zlveite Ehefrau einem Atten- tätcr zum Opfer. Em gewisser Dold verletzte die Eheleute durch zwei Schüsse, lvobci der Mann in den Rücken und die Frau in die Achsel getroffen»vnrde. Nähere Auskunft fehlt noch.— Der Arbeiter Hoch in Schonach bei Triberg, welcher im Februar seine ehemalige Geliebte mit Hammer- und Äxtschlägen tötete, wurde vom Schivur- gericbt in Offenburg zum Tode verurteilt nnd von den Geschworenen der landcsvätcrlichei, Gnade empfohlen. Charakteristisch ist die Thatsache. daß dieser Mensch„och acht Tage vorher in Schonach, wo er Mitglied des katholischen Arbeitervereins war, bei der Pro- zession, die anläßlich des Pfarrerjnbilänms stattfand, als Fahnen- träger figurierte.— Der Hosbaner Kornmeyer von Oberharmersbach, welcher wegen Ermordung seines Stiefbruders nur auf einen In- dizicnbcwcis hin zum Tode verurteilt wurde, bemühte_ sich nicht vergebens, die Wiederaufnahme des Verfahrens durchzusetzen. ES wurden bereits vor de», Landgericht Offenburg neue Zeugen ver- nommen.— Der Landwirt Johann Blum von Gutach, der am 20. März bei eine», Familicnstrcit auf dem Hofgnt mit der Jagd- flinte seinen Bruder Konrad versehentlich erschoß, da er ihn für den Binder Christian hielt,»vnrde ivegen fahrlässiger Tötung zu zehn Monaten Gefängnis verlirteilt. Der Attentäter»vor in diesem Zw'.lt von seinem eigenen Vater unmenschlich»nißhandelt worden. Em Bild schrecklicher Verrohung zeigte die Gerichtsverhandlung.— Aus Hesse», 18. April. ftEig. Ber.) In Gegenwart wirklicher Excellcnzen, Minister, Geheimen Hof- und andere», Räten ist in Darmstadt ein Landcsausschuß des Deutschen Flotten- Vereins für Hcslcn begründet worden. Redner war der rühm- lichst bekainttc Victor S ch w e i n b u r g ans Berlin. Schon vor Monaten sind Eisenbahn»»iterbcamte für den Deutschen FlotttNvercin „geivomicn" worden. Wie das gemacht wird, ist ja hinlänglich bekannt.— Chronik der MajestätSbeltidigmigS-Prozessc. Wegen Majestätsbeleidigung in drei Fällen wurde in nichtöffentlicher Sitzung von der Strafkammer zu Frankfurt a. O. der Klempner E. Sch. aus Reppen zu einem Jahr Gefängniß verurteilt. Ausland. Belgien. Ein Kongreß der liberalen Studenten, welcher am Sonntag in B r ü ssel tagte,„ahm das Programm der Liberale», Radikalen, Socialistcn und Christlich-Socialcn an. Die Versammlung sprach sich zu Gunsten der proportioncllen Vertretung, des allgemeinen Wahlrechts, der permanenicii Gerichte für internationale Arbitrage, des Alkoholmonopols, der italienischen Amnestie aus. Auch eine Sympathie-Adresse an die russischen Studenten und die Bevölkerung Finnlands fand Annahme. Auf dem Meeting des Abends sprachen liberale und radikale Führer. DaS allgemeine Thema der Redner war die Notwendigkeit der Koalition der autillerikalc», Parteien.— Die knternationale Konferenz zur Regelung verschiedener Zollfragen, namentlich derjenigen, betreffend die Einfuhr von Alkohol enthaltenden Flüssigkeiten nach Afrika. ist gestern in Brüssel zusannnengetrcten. Die dortigen diplo» matischci, Vertreter von Deut>chlai, d, dem Kongo» staat, Frankreich, England. Portugal, Spanien, Schweden. Norwegen und Italien werden im Aliftrage ihrer Regicriiiige», an derselben teilnehmen; ebenso werden ein Ver- treter Belgiens und Sachverständige der genannten Staaten der Konferenz beiivohneil.— Frankreich. In Fortsetzung der Enttziillnngcn bringt der„Figaro" am Mittlvoch den Schluß der Aussagen P, c q u a r t s. ferner die Aussagen von JuleS Roche, W e i l l, dem Obersten Cordier' nnd Briefe EsterhazyS an JuleS Roche. Picqnart sagte am 3. November, er erimicre sich nicht genau an den Tag. ai, welchem er zuerst Verdacht gegen Estcrhazh schöpfte. Aber als er im August 1890 Briefe von Esicrhazh erhielt, siel ihm die A c h n I i ch k c i t der Schrift auf. Nach Prüfung des geheimen A k t e n b ü n d e l s hatte er die Gewißheit, daß Drcyfns nicht schuldig sei. Im März 1897 kam Picquart ans Urlaub nach Paris und machte zuerst einem Freunde davon Mit- teiliing, daß man sich im Jahre 1394 getäuscht haben könnte und daß der wahre Schuldige Estcrhazy sei. JuleS Roche erklärte. er habe sich beim Kriegsminister Billot für Esterhazy auf dessen Bitten verwendet, um ihm eine Stelle in der Jnfantcrie-Abteilung des KrikgsmiinsteriumS zu verschaffen. Der KriegSminister habe ihn». Jules Noche. indem er aus ein Attenbündel hingewiesen habe, in deutlicher Weise zu verstehen gegeben, daß er sich mit Esterhazy nicht mehr abgeben möge und nicht nur aus Gründen privater Nattir. Die Art. wie der Kri e g«minist e r sich ausgesprochen. habe deutlich gezeigt, daß cS sich um den schlimmsten ver- dacht handele, der einen französischen Offizier treffen könne. Jules Roche legte der Rriminalkainmcr einige von Esterhazy in den Jahre» 1894—1690 geschriebene Briefe vor. Ter letzte enthält scharfe Angriffe gegen mehrere Generale, namentlich auf daS Privatleben eines höher gestellten Generals bezügliche. Ferner bctlagt sich Esterhazy in diesem Briefe, daß die im KriegSmmisterium gegen ihn bestehenden Feindseligkeiten auf Angebereien deS NachrichtenbnreanS zurückzuführen seien. Der Leiter des Bureaus, Oberst Henry, sei ein durchaus unfähiger Offizier, der die ihm anvertrantcn Gelder dazu benutzt habe, nm seine Kameraden durch geheime Polizeispitzel über- wachen zu lassen. ES wäre schrecklich, ivenn man denke, daß der gute Ruf eines Offiziers von einem Menschen abhänge, dessen Hand- werk Mißtrauen einfloßcn müsse. Esterhazy erklärt, Henrys Erbitte- rmig gegen ihn habe ihre besonderen Gründe. Henry se» seit 1370 'ein Schuldner und dies erkläre manches.— Der ehemalige Major Weill, der Esterhazy seit dem Jahre 1877 kennt, sagte aus, Esterhazy habe kurz vor dem Dreyfusprozesse zu ihm gesagt, er ftir seine Person halte DreyfuS für unschuldig, DreyfuS werde aber gleichwohl verurteilt werden, und zwar aus I u d e n f e i i, d s ch a f t. Ferner erzählt Weill. er habe im Jahre 1897 auf Esterhazy» Bitten bei jüdischen Finnnzleuten Unter- stützungen gesammelt und 10 000 Frks. zusammengebracht. Oberst Cordier, der in den Jahren 1894 und 189a Unterchcf des Nachrichten- bnreans gewesen ist, sagte aus, seiner Meinung„ach sei das Schrift- stück„Eetto canaille de D." nicht auf Drcyfns anzuwenden. Ferner erklärte Cordier. Oberst Sandherr habe seiner Zeit erzählt, daß ihn Dreysus' Brüder besucht haben, er jedoch von eine», Bestreben, ihn zu bestechen, nichts wahrgenommen habe.— Paris, 19. April. Die vereinigten Kammern des Kassationshofe« hielten heute nachmittag unter Vorsitz deS Präsidenten M a z e a u eine Sitzung nnd prüften mit Ausschlutz der Oeffentlichkeit verschiedene Fragen hinsichtlich des Verfahrens in der DreyfuS-Angelegenheit. In den Wangclgängeii des Justlzpalastes wurde das Gerücht verbreitet, daß der KasiationShof am Ende dieses Monat« sein Urteil fällen werde.— PariS, 19. April. Der deutsche Botschafter Graf Münster »vill sich am nächsten Sonnabend nach Monaco begeben, um als Vertreter des deutschen Kaisers an der am 26. d. M. stattfindenden Eröffnungsfeier des oceanographischen Museums teilzn- nehmen.— Soll auf diese Weise der Besuch de» Kaisers selbst vor- bereitet werden?— England. Das Unterhaus verwarf mit 1S3 gegen«S Stimmen einen vom ersten Lord des Schatze« Balfour bekämpften Antrag Buchanans, in welchem erklärt wird, daß die Staatsausgaben zu sehr angewachsen seien und herabgesetzt werden könnten, ohne die Sicherheit Englands, dessen Einfluß im Auslande und die Wirksamkeit seiner heimischen Verwaltung zu beeinträchtigen. Spanien. Neben die Karlisten waren in den letzten Tagen vielerlei Gerüchte verbreitet. Man hatte befürchtet, daß sie die bei den Wahlen herrschende Aufregung benutzen würden, um Aufstände zu provozieren. Der bei einem russischen Regimente stehende Don I a i m e, Sohn des D o n K a r l o s, soll sich bereits in Süd« frankreich aufgehalten und auf dem Wege nach der spanischen Grenze befunden haben. Don Jaime soll als Prätendent viel ernster zu nehmen sein, als sein Vater. Jetzt wird aber bekannt, daß er während dieser Vorbereitungen den Befehl erhalten habe, zu seinem Regiment zurückzukehren. Er ist auch bereits in Warschau eingetroffen.— Tortosa, 19. April. Das Begräbnis eines der Opfer der am letzten Montag stattgehabten U n r u h e n, fand heute unter starker Beteiligung der Bevölkerung statt. Die Balkons der Häuser sind schwarz behängt, die Läden sind geschlossen.— 38 A n g e st e l l t e der Municipalität wurden verhaftet.— Rußland. lieber die Arbciterbewegnng in Wcftrnhlaiid wird uns gc- schrieben: Anfangs März hatten die jüdische» Arbeiter in B e l o st o k und Wilna bei der Abfahrt ihrer nach Sibirien verbannten Ge- »offen diesen ein demonstratives Geleit gegeben, welches Auf- sehen unter der gesamten Bevölkerung dieser Städte gemacht hat. In B e l o st o k hatte nur ein Teil der Arbeiter die Zeit der Uebcrführnng der Verurteilten nach dem Bahnhof erfahren. Trotzdem hatten sich mehr als 300 Arbeiter und Ar- beiterinnen um das Gefängnis versammelt und ihre unglück- lichcn Kameraden bis zum Bahnhof begleitet. Die Polizei versuchte znerfft die Arbeiter zu vertreiben. aber dies gelang ihr nicht. Als der Eisenbahnzng mit den Verurteilten sich in Bewegung setzte, rief die Menge:„Hurra hoch die in die Vcr- bnnnmig Gehenden N und sang die jüdische Arbeiter- Marseillaise sin jüdischem Jargon). Diese Demonstration hat keine Verhaftungen herbeigeführt, aber etwas später begannen in Bclostok aus einem anderen Anlaß Maffenverhaftungcn unter der jüdischen Arbeiterschaft. Am 13. sl.) März haben ein paar hundert jüdischer Arbeiter trotz der großen Kälte, welche an diesem Tage herrschte, eine geheime Versammlung außerhalb der Stadt abgehalten, um das Andenken derer zu ehren, welche im Jahre 1881 für die Herbei- führung des Todes Alexander II. hingerichtet worden sind. Ein Weber- nieister hat diese geheime Versammlung ausspioniert und der Polizei vier Arbeiter denunziert, welche an ihr teilgenommen haben. Diese wurden verhaftet. Nach einigen Tagen fand man den Denunzianten erstochen... DaS Ccntralkomitee des„Allgemeinen Indischen ArbeiterbundeS� hat die Arbeiter stets auf die Schädlichkeit terro- ristischer Kanipfmethoden hingewiesen. Die ganze Verantwortung für solche traurige Vorkonimniffe, wie die Ermordung des Weber- mcisters. trifft die russische Regierung, wclibe in der letzten Zeit durch ihre schonungslose Verfolgung der für Verbesserung ihrer Lage kämpfenden Arbeiter die Masse ftirchtbar gegen sich aufgereizt hat. Es ist nicht zu vettvundern. daß in dieser Maffe sich in der letzten Zeit dann und wann Leute finden, welche zu Kampfcsmitteln greifen, die von unseren Genoffen mißbilligt werden. Seit dem am 18. sg.) März erfolgten Tode des Denunzianten sind Verhaftungen in fo großer Zahl erfolgt, daß die Gefängnisse nicht auö- reichem In Wilna hatten sich anfangs März bei Ucberführung eines Trupps nach Sibirien verbannter Arbeiter nach dem Bahnhof auch mehr als 600 Arbeiter in der Nähe des Gefängnisse» versammelt. Diese ganze Masse begleitete die Verbannten unter Ab- siugung revolutionärer Lieder bis zum Bahnhofe. Eine Woche später muhte unenvartet noch ein Trupp„Politischer" den Weg nach Sibirien antreten. Es gelang mir wenigen Arbeitern, davon rechtzeitig zu erfahren, jedoch stellten sich gegen 800 Arbeiter und Arbeiterinnen die Eisenbahnlinie entlang, ,n Erwartung des Zuge», welcher ihre Genossen in die Ferne ftihre» sollte. Einige hatten Geigen und Ziehharmonikas mitgebracht und als der Zug sich zeigte, crrönte unter Musikbegleitung die Arbeiter- Marseillaise, welche von Hochrufen auf die Verbannten und auf die internationale Socialdemokratie unterbrochen wurde.... Plötzlich erschienen berittene Gcndanncn und Polizisten. An Ort und Stelle wurde zwarnicmand verhaftet, aber am andern und den darauffolgenden Tagen wurde eine Reihe von Haussuchungen und Verhaftungen vor« genommen. Die Verhaftungen dauern auch jetzt noch fort. In B r c st- L i t o lv s k ist dieser Tage der Urteilsspruch gegen die vor l'/z Jahren in dieser Stadt Verhafteten bekannt geworden. Obwohl gegen niemand von ihnen Schuldbcwcise vorlagen, sind ver- urteilt worden 5 Schneider zu je 4 Jahren Verbannung nach dem östlichen Sibirien, eine Lehrerin, zwei Lehrer, ein Zahnarzt, zwei Schneiderinnen zu je 6 Monaten Gefängnis und 4 Jahren Polizei- aufstcht.— ylotteitverinehrung. Nu» Odessa wird berichtet: DaS Marineministerium erteilte die Weisung, auf den hiesigen Werften Maßnahmen zu treffen, daß die SchiffSbainhätigkeit behufs der Schwarzen M«er«Flotte wesentlich erhöht wird.- Asien. An Tokio finden seit estiiger Zeit häufig Socialisten« r?* i* 1*" ä e st statt. Die verschiedenen Geivcrk« sind daran, ihre alten Organisatioiicn auf socialisiischcr Grundlage umzugestalten. Der SocialismiiS macht unter den japanischen Arbeitern, ivie die -Arbeiterivelt(die dreisprachig ist: in japanischer, fraiizösischer und engliichcr Sprache) nuttcilt.— a i> � Amerika. Nu« dem Philippinischen Kampfaebiet erhielt der Marine- sekrctär Long in Washington vom Admiral D e w e y ein vcr- stüminelteS Telegramm, nach welchem am 12. d. MtS. ein Kriegsschiff nach der Ostküste von Luzon abgegangen ist, um einer kleinen spanischen Abteilung, bestehend aus 80 Soldaten, 8 Offiziere» und 2 Priestern, welche von 400 Filipinos ctnacschlossen waren, zu Hilfe zu kommen nnd dieselben auszunehmen. A»S dem Texte des verstümmelten Telegramms scheint weiter hervorzugehen, daß ein anicrikanischcr Leiitnant und eine kleine Truppenabtcilung in einen Hinterhalt geraten sind. Der Bergarbeiterstreik in Belgien. Die elende Lage der belgischen Bergarbeiter ist bekannt, es sind nicht allein die schlechtestbezahltcn deS ganzen Kontineiits, zu den Hungerlöhnen treten»och andere Formen der Ausbeutung: lauge Arbeitszeit, miserable Wohnungen, Trucksystem usw. In früheren Jahrzehnten hat sich in Belgien niemand um das Los der Bergleute gekümmert; das Elend versierte sie und machte sie widerstandslos. Erst seitdem es eine Sozinldcniokratie in Belgien giebt, machen sich auch unter den Bergarbeitern Bestrebungen vcnierkbar, durch Organisation ihre Lage zu verbessern. Zahlrriibe Streiks haben in den belgischen Kohlengcbieten stattgefnuden, ohne daß die Arbeiter wesentliche Vorteile dabei erreichten. Tie Or- ganisatio» erwicS sich immer noch als zu schwach; aber die letzten Jahre haben in dieser Beziehung doch Fortschritte gebracht. Die Vorbereitungen für den jetzigen Streik liegen weit zurück. Auf dem letzten Kongreß, der um Weihnachten in Framerie« stattfand, wurde beschlossen, sich auf den Generalstreik vorzubereiten, nachdem die Vertreter der einzelnen Gruben gemäß einem früheren Beschluß sich an ihre Direkttonen um eine Lohnerhöhung gewandt hatten und fast überall abgewiesen worden waren. Die Bergleute fordem jetzt eine Lohnerhöhung von 20 Proz. Die Uuterneyiner haben diese Forderung allgemein abgelehnt, einige Grubenbesitzer haben eine solche von ö Proz. bewilligt. Ohne Zweifel haben sie die Drohung der Arbeiter, in den G enera l- streik einzutreten, nicht ernst genommen. Das Verlangen der Arbeiter lehnen sie ab mit der Mosivierung, daß die Kohlenindnstrie eine solche Mehrbelastung nicht tragen könne. Andererseits behaupten sie. die Löhne der Bergleute seien genügend; sie veröffentlichen Lohn- statistikc», aus denen die Richtigkeit ihrer Behanpsiiiig erwiesen werden soll. Danach soll der Durchschnittslohn eines Heuers im Jahre 1898 4 Fr. 20 Cts. betragen haben; jetzt soll er ans 4 Fr. 60 CtS. gestiegen fein. Die Löhne der übrigen Arbeiter unter Tage werden ans 4,10 Fr. und 3,50 Fr. angegeben. Gegen diese Aufstellung wendet sich der„Pcuple", indem er feststellt, daß die u e b e r z e i t a r b e i t darin nrit eil, gerechnet ist. Die Nachfrage nach Kohlen ist mich in Belgien zur Zeit eine ungewöhnlich große. Der Bedarf an Kohlen ist kaum zu be- friedigen, sodaß der einzelne Arbeiter pro Woche achtSchichtenzu machen hat. Er verdient pro Schicht 3,50 Fr. macht in 8 Schichten bezw. pro Woche 23 Fr. Diese Summe haben nun die Herren Unter- nehmer durch 6 Arbeitstage oder Schichten dividiert und sind so allerdings zu obigen Zahlen gckomincn. Die höheren Löhne, die in diesem Jahre gegen die Borjahre zu konstatieren sind, wurden lediglich erreicht durch Ueberarbeit. Für das Produkt. welches die Arbeiter zu Tage fördern, erhaltm sie auch jetzt nicht niehr Lohn, als ehedem. Auch die Behauptung der Kohlenbarone, die Industrie könne höhere Löhne nicht gewähren, ist angesichts der anßergeivöhnlich hohen Dividenden, die in den letzten Jähren gezahlt werden konnten, durchaus hinfällig. Die Sltliasion ist äußerst ernst. Bis jetzt sind an dem Streik etwa 20 000 Arbeiter beteiligt. Am stärlsten ist die Streik- bcwegung in dem Kohlenbecken von Charleroi, wo allein etwa 14 000 feiern. Im Borinage und im Centrum ist die Bewegung noch schwach; jedoch sind in den nächsten Tagen überall Meesings anberaumt und— da die Delegierten aller vier Reviere sich auf der letzten Konferenz für den Generalstreik ausgesprochen haben— dürfte die Arbeits- niederlcgung wohl allgemein beschloffen werden. Im Lüttich er Revier streiken gegen 4000; in Sairing begannen bekanntlich die Ausstände. In den nächsten Tagen haben auch die Unteriiehmer Zusamnien- künfte anberaumt; daß sie die Forderungen bewilligen, wird nicht angenommen. Und so ivcrden wir wohl einen Kampf sich abspielen sehen, wie ihn der belgische Bergbau noch nicht zu verzeichnen hatte. Werden die Arbeiter siegreich aus dem Kampfe hervorgehen oder werden sie unterliegen, um dann noch mehr geknechtet zu iverden? Jedenfalls haben sie nicht gcruige Chancen ans ihrer Seite. Die Koiijuiiktur ist gut, besser noch als im Winter. Die Industrie pro- speriert allerwärts und bedarf der Kohle; die Preise steigen und die Vorräte im Lande sind gering. Werden die belgischen Kohlenmagnaten es darauf anlommen lassen, ausländische Konkurrenz in, Lande auf- kommen zu lassen? Aber auch an der Organisasion der Bergleute ist in den letzten Jahren fleißig gearbeitet worden. Ob sie aber geniig Kraft besitzen wird, den Kampf glücklich zu Ende zu führen, od sie nrnneiitlich im stände sein wird, die Ausständigen zu unter- stützen? Hoffen wir eS im Interesse der Kultur. Der Sieg der Streikenden würde einer vicltausciidköpfigen Arbeitcrschaar freie Bahn schaffen ftir ihren Aufstieg aus dem gräulichsten Elend zu besserem Dasein.— • �• Lüttich, 19, April. Infolge des Streik» haben die Kohlenpreise eine Erhöhung von 1V CeiisimeS pro Hektoliter erreicht. "Der Empfang de» auS dem Zuckthause entlassenen Genoffen Meyer durch die Parteigenossen deS Ruhrgebietes gestaltete sich trotz des Eingreifens der Polizei zu einer großartigen Demonstration. Die Zahlstelle Herne des Bergarbeiter- Verdandes hatte für Sonntag eine Bersammlung einbernfen, um die Essener Verurteilten »iid spcciell den Genossen Meyer zu begrüßen. Das Saal war festlich geschmückt und außerordentlich überfüllt. Zwei große Lorbeerkränze mit rotseidenen Schleifen waren von den Parteigenossen in Herne und in Essen gestiftet worden. Außer Richer waren auch Gräfe, Imberg und Beckmann anwescud, Sie wurden bei ihrem Erscheinen von der ganzen Versammlung durch Erheben von den Plätzen begrüßt. Vor Eröffnung der Versammlung sollte der Gesangverein ein BegriißungSlicd singen. In dem Augenblick, als die Sänger an- fsinimten, erklärte der Polizcikommissar die Versammlung für auf- gelöst. Infolgedessen emstaiid auf den Straßen vor dem Lokal ein bedeutender Auflauf und eine gewaltige Aufregung be« mächsigte sich des ganzen Ortes. Die Demoiistration ivurde da- durch viel wirksamer, als wenn man die Versammlung ruhig hätte tagen lassen. Eine für denselben Tag einige Stunden später in Bochum ein- berufene Versammlung zu demselben Zwecke war von vornherein verboten worden unter Berufung auf$ 10 de» Allgemeinen Land- rechts. Dennoch wurde hier dem Genossen Meyer ein großartiger Empfang bereitet. AI« er mit Gräf zusammen in dem überfüllten Lolale erschien, erbrausten nicht cndrnwolleilde Hochs durch den Saal. Ein Gesangverein sang einige Lieder und Genoss» Lehmann hielt eine Ansprache. Den Wiedergelehrtcn überreichte man Blumen« spenden. Hier war also da« VersammlungSverbot wirkungslos ge« blieben. Aufgelöst wurde überdies vorher auch die regelmäßige Mit- glicderversammluiig des socialdemokratischen Bolksvereins für Bochum, ivcil einige Redner auf das Essener Urteil und auf Meyer zu spreche» kamen. Ein Parteitag für Schwarzburg-Rudolstadt, der am Sonn- tag tagte, nahm»ach einigen Vorträgen über die Reichstags- und Landtagswahlen und einem solche» zur Organisationssrage folgende Nesolusioii an: Angesichts der veränderten vereinSgesctzlichen Bestimmungen ist eS Pflicht der Parteigenoffen, in allen Orten de» Schwarzburger Landes Ärbcitervereiue zu gründen, deren Aufgabe eS sein soll. nicht nur da» Klassenbewußtsein und da» ZusammengehörtgleitS- Gefühl der Arbeiterschaft zu heben, sondern auch tn marerteller und sittlicher Hinsicht zur Hebung deS gesamten ArbeiterstandeS bei- zutragen. Rudolstadt wird tn diesem Sinne vorgehen und ein Normalstatut ausarbeiten, das den Vereinen in kleineren Orten als Muster dienen und diesen das Arbeiten erleichtern soll. Die Delegierten- Versammlung st. gallischer Grütli- und Arbeitervereine sprach sich über da« Projett einer Reorganisation der socialdemolratischen Partei in folgender Resolution aus: 1. Der Gewcrtschaftsbund hat als solcher der politischen Organisa tion fern zu bleiben. Er soll. abgesehen vo» der Parteistellung seiner Mitglieder, rein gewerkschaftliche Ziele verfolgen. Die Ein- beziehnug" desselben in eine bestimmte polittsche Partei und sein Eingreifen in polittsche Fragen schadet in erster Linie ihm selber, ferner der politischen Organisation und ihrer Aktion. Die Delegierten- Versammlung stellt sich m dieser Frage durchaus auf den Boden deS ArbeitcrtageS in Luzern. 2. Der Griitliverein als größte politisch« Organisasion der Schweiz, bedarf durchaus der Selbständigkeit in den Beschlüssen seiner Delegiorten-Bersammlung und im politischen Handeln. Dagegen können sich kleinere polittsche Verbände und Organi- sationen an seinen Delegierten- Versammlungen mitvertreten lassen in der Weise: daß die rein geschäftlichen Angelegenheiten von den Abgeord- neten der Grütlivereme allein, die politischen von diese» und mit Zuzug der Abgeordneten der übrigen polittsche» Vereine und Ver- bände der socialdemokrattschen Partei erledigt werden. 8. Durch diese« Vorgehen, das der Komposition der Kantonal« verbände entspricht, würde vermieden, daß über die alt bestehenden Organisationen ein neues Gebilde mit neuen Kosten, Auflagen und Delegierten-Versammlungen geschaffen wird und das gewünschte Ziel auf dem möglichst einfachen und billigen Wege erreicht. Der jährliche Kongrest der socialtstischen Jugend Belgiens wird am 11. Juni in Charleroi abgehalten werden. Die schon sehr lange Tagesordnung ist noch nicht definitiv festgestellt. Genosse Jules GneSde, der bekannte Führer der Marxisten in Frankreich, ist, wie das Organ seiner Partei, ,Le Socialiste", mitteilt, so leidend, daß er gezwungen ist, Paris zu verlassen und. sich während mehrerer Monate jeder Teilnahme an politischen Kämpfen zu enthalten. Volizeiliches. Gerichtliche« uflv. — Die polnische Sprache und das sächsische BereitiSgefetz. In Leipzig war eine Versammlung verboten worden, weil in polnischer Sprache verhandelt werden sollte. Die Beschwerde da- gegen ist jetzt auch vom Ministerium abgewiesen worden mit folgenden Gründen: „Da es dem Sinne und dem Zwecke des Vereinsgesetzes ent« spreche, daß in Versammlungen, in denen öffentliche Angelegen- heilen erörtert werden sollen, die Verhandlungen in einer den Beauftragten der Polizeibehörden verständlichen Sprache ge- führt würden, fo könne nicht verlangt werden, daß in den von dem genannten Vereine veranstalteten öffentlichen Versammlungen in polnischer Sprache verhandelt werde und daß die Polizei- behörde die Verpflichtung habe, für das Vorhandensein von Beamten zu sorgen, die der polnischen Sprache mächttg und somit fähig seien, die Versammlungen zu überwachen. Wenn seither dem Pollzci-Amte ein jener Sprache kundiger Beamter zur Verfiigung gestanden habe, so könne aus diesem Umstände, schon der Kon- scquenzen wegen, eine dieSfällige Verpflichtniig der Behörde nicht abgeleitet werden." Mit derselben Begründung lömite auch eine Versammlung ver- boten werden, weil kein Beamter Zeit hat, in die Versammlung zu gehe». — Wegen unbefugten SammelnS für die Angehörigen der zu schweren Zuchthausstrafen verurteilten Löbtauer Arbeiter wurden drei Einwohner aus Planitz in Sachsen mit je 20 M. in Strafe ge- nomnien._ Aus vev Ifrsuen�emegung. Der Franeubewegung wollen sich jetzt auch die Evangelisch- Sozialen bemächtigen. Der Pfarrer Lic. Weber(M.-Gladbach), der Macher der„christlichen" Arbeitervereine, hat einen Aufruf zur Bil- diing eines„Deutsch- evangelischen Frauenbundes" erlassen, der ans eincin„Allgemeinen Deutsch- evangelischen Frauentage" in Kassel konstituiert werden soll. Der Aufruf bezeichnet als Aufgaben des Bundes«. a.: „die Zusammenfaffilng aller Frauen, Jungfrauen, Frauenvereme und Frauenverbände, die auf dem Boden des lebendigen evangelischen Glaubens stehen, zu gemeinsamer planmäßiger Arbeit. In Bezug auf die Förderung der in verschiedenen Berufen thätigen Frauen und Mädchen schließe dies in sich:») Organisation ge» cignetcr Stellenvernnttelung, b) Einrichtungen für die Berufs- bildung, c) Vereine zur religiös-sittlichen Förderung und Be- wahrnug, ä) Hilfskassen und Heunstätten, e) Berufsvereine. k) Rechtsschutz. Die Förderung der Interessen der Frauen in beruflicher Hinsicht ist gewiß sehr nützlich, aber mit dem evangelischen Glauben hat das doch nicht das geringste zu thun. Oder brauchen etwa die nicht evangelisch gläubigen Frauen keine solche Förderung? Die Hervor- Hebung der Glaubcnsfrage erweckt die Befürchtung, daß das Unter- nehmen nur darauf berechnet ist, die Frauen ihren tvirklichen Interessen zu entfremden und namentlich die Frauen- Benifsvereiiie in dasselbe Fahrwasser zu lenlen, in dem die„christlichen" Gewerk- vereine henimplätschern. Die beniflichen Interessen der arbeitenden Frauen iverden weit besser gewahrt durch Oraanisationen, die auf dem Boden der modernen Arbeiterbewegung stehen. Acrzte contra Acrztinncn. Die von dem GcschäftSanSschnß der Berliner ärztlichen Slandcsvcrcine dem Polizeipräsidium erstattete Anzeige, daß die Anstellung weiblicher, in Deutschland nicht approbierter Aerzte als Krankenkaffen-Aerzte den Bestimmnugen des ,Kranken-Ver- sichcrimgsgcsctzeS und der RcichS-Gewerbcordmiiig widerspreche, dürfte wohl von Erfolg begleitet sein, da bereits in Remscheid auf Anordnung der Regierung Frau Dr. med. Gisela Kuhn, welche in Zürich approbiert nnd seit 1. Juli v. I. als Kranlenkasscu-Aerztin in Rem- scheid angestellt war, diese Stelle niederlegen mutzte. Dre betreffende Dame wird in nächster Zeit Remscheid verlassen, um als kaiserliche und königliche Bczirlsärztin in Banjaluba in Bosnien ihre Thätig- aufznnehmcn. Damit ist bewiesen, daß Bosnien ein wildes Land, Deutschland aber ein Kulturland ist. Die Frauen Londons haben gegenwärtig Sitz und Stimme in den Gemeindebehörden. Da aber die Absicht vorliegt, diese Be- Hörden in eine Anzahl Mnnicipalitäten mit Bürgermeistern, Gemeinde- räten und Stadträten umzuwandeln, nnd das bestehende Gesetz es den Frauen nicht gestattet, Mitglieder von Municipalbehörden zu sein, veranlahten sie, im Parlament eine Gesetzvorlage einzubringen. die den Frauen auch in den neu zu bildenden Behörden Sitz und Stimme gewährt. Die Bill hat im Unterhaus die zweite Lesung passtrt, und es frägt sich nun, ob bei der dritten Lesung der die Frauen betreffende Punkt angenommen wird oder nicht. GcsuudlicitSiiispertoriuuen. In Birmingham und Manchester sind versuchsweise vier Frauen al» Jnspektorinnen für Gesundheit»« pflege angcsteht worden. Ihre Funktion besteht darin, arme Fa- milicnmütter m ihrer Häuslichkeit aufzusuchen und ihnen in allen WohlfahrtSangelegenheiten, wie dem Ventilieren der Wohnräume, der künstlichen Ernährung kleiner Kinder u. a. m. mit Rat an die Hand zu gehen. In Manchester, wo diese Einrichtnng schon einige Zeit besteht, soll sich dieselbe bewährt haben. Grmovkfchttf tlirhes. Berlin und Umgegend. An die Bau-, Erd- und getvcrbliche» Hilfsarbeiter der Provinz Brandenburg und Pose»! Auf Grund der Beschlüsse der Magdeburger Konferenz hat sich in Berlin eine Agitattons- Kommission gebildet, die der Ausbreitung der Organiiation in unserem Beruf dienen soll. Wir erbitten uns nun die Zustimmung der Kollegen in der Provinz zu unserem Vorgehen und fragen au, ob dieselben Vertreter in die Agitations-Kommission wählen wollen. oder ob sie die Wahl der Kommission den Berliner Kollegen über- lassen. Kollegen! Unsere Aufgabe wird eS fein, eifrig unter den Bauarbeitern für unsere Organisasion zu werben, wir erwarten aber auch hierzu eine UiNcrstütziing aus den Reihen der Kollegen. Die Lohnkommission der Bauarbeiter Berlins und der Umgegend I. A.: Noack. Me Anfragen sind an die Kommission, die ihre Sitzungen Ecke der Insel- und Neuen Jakobsiraße bei Radtke abhält, zu richten. Die Färber und Färberei-Arbeitcr der Firma Gebauer in Charlottenburg. Franklinstraße, sind seit ca. 2 Wochen im Ausstand. Die Mehrzahl der Arbeiter in der Färberei legten die Arbeit nieder, weil ihnen eine Zulage von 1 Pf. pro Stunde bei einem bisherigen Sttlndenlohn von 26 Pf. abgelehnt wurde. Da nun in allernächster Zeit weitere Differenzen in Aussicht stehen, ebenfalls wegen Erhöhung des Lohnes um 1 resp. 2 Pf. pro Stunde, so erwarten wir, daß die Kollegen den Zuzug nach hier fernhalten. Es wird dieses auch den Kollegen nicht schiver fallen, wenn sie er- fahren, welche Löhne im allgemeinen bei der Finna gezahlt werden. So bekommen unverheiratete männliche Arbeiter 18 bis 22 Pf., verheiratete 22 bis 27 Pf. pro Stunde. Die Arbeiterinnen erhalten 12 bis 13 Pf. pro Stunde. Da nun das Geschäft flott geht, und sich jetzt schon ein Mangel an Arbeitskräften fühlbar macht, so ist Aussicht vorhanden, Ivenn sich keine Arbeitskräfte anbieten, diese gelviß genügsamen Forderungen auf friedlichem Wege durchzusetzen. Der Verband der Textilarbeiter. Deutsches Reich. Zur Sohnbewegung der Maurer. Seit Montag befinden slÄ die Maurer von Velten i. M> und Cammer bei Lehnin im Streik. Außerdem streiken die Maurer in Zehdenick und Lctschin Ldcrbmch. Kollegen, haltet den �uzng fern I Die Agitatiönskommission der Maurer. Die Schuhmacher in Hamburg haben in ihrer Lohn bcNiegnng den günstigen Erfolg zu verzeichnen, daß durch Verein barung niit den meist außerhalb der Innung stehenden Meistern cirka 300 Arbeiter zu den neuen Bedingungen die Arbeit aufgenommen haben. Im Ausstand befinden sich noch 260 Mann. Der Streik der Altouaer Schneider ist beendet. Ueber zwei Drittel der Gesellen arbeiten zu den neuen Bedingungen. Die Tischler in Lübeck haben ihren Arbeitgebern eine Lohm sordenmg unterbreitet und haben gleichzeitig 106 Mann ihre Kün« digung eingereicht. Zuzug ist fernzuhalren. Die Maurer in Köthen haben ihre Forderung. 8S Ps Stundenlohn und zehnstündige Arbeitszeit, in mehreren Gesckmftcn durchgesetzt. ES arbeiten zu den neuen Bedingungen 8g Mann wahrend 28 im Ausstand stehen. 67 Mann von' den Ausständigen smd abgereist. In der Gnhstahlsabrik in Döhlen haben 4S Arbeiter lDrehcr. Schlosser und Hilfsarbeiter) wegen Differenzen die Arbeit niedergelegt. Die Maler in Frankfurt a. M. haben ihre Lohnbewegung durch eme gütliche Vereinbarung beendet. Sie verlangten eine Er- hohung des Stundenlohnes von ö Pf. und wurde ein Minimallohn von 43 Ps. und 36 Pf. für jüngere Arbeiter von den Meistern zu- gestanden. An der 14tägigen Lohnzahlung hielten die Meister fest und gaben hier die Gehilfen nach. Die Holzarbeiter in Chemnitz haben durch Vereinbarung mit der Innung eine SSstündige wöchentliche Arbeitszeit und 10 Prozent un Lohnerhöhung erreicht. Die Lackierer der Hofwagenfabrik I. M. Mäher in ? nachdem ihre Forderung abgelehnt worden ist, die Arbeit niedergelegt. Zuzug ist fernzuhalten. Ausland. Lohnkämpfe in England. Man schreibt uns: Am Sonn- abend, den 15. April, wurde das Resultat der A b st i m m u n g der Lveber in Lancashire in einer Vorstandssitznng in Preston bekannt gemacht. Danach stinmiten 82 Proz. der Mitglieder für die Durchsetzung einer Lohnerhöhung von 10 Proz. Sollten die Fabrikanten sich jetzt noch wcigcrii, die Forderung der Arbeiter gntivillig zu gc- wahre», so steht ein großer Streik' in der Textilindustrie in Aus- ficht. Manche Arbeitgeber erklären 2l/2 Proz. gewähren zu wollen, 10 Proz. würde viele Geschäfte ruinieren. Der Streit ist ans Nordost Lancashire beschränkte welches der größte und wichtigste Distrikt der Bauniivollenindustrie ist. Uiigefähr 6 000 000 Spindeln und 200 000 Webstühle sind ün Betrieb und 120 000 Arbeiter sind beschäftigt. Der Lohn der Weber in diesem Distrikt hat seit 1873 in folgender Weise geschwankt: April 1873.... Reduktion 10 Proz. zugegangen, aus dem ick folgendes entnehme: Es hat sich dort vor einigen Minuten ein Maurer Myrr gemeldet, dem ein früherer Gefangener des hiesigen Strafgefängni'sses, wie er angiebt, erzählt hat:� Er habe eines Tages im Gefängnis Thüren gestrichen und sei dabei auch zur Zelle gekonmicn, in welcher U h d e als Unter snchungsgefangener saß. Dabei sei er mit Uhde in ein Gespräch gekommen, in dessen Verlauf er Uhde gefragt habe, ob er den Mord that sächlich begangen habe. Uhde habe gesagt: Ja. Auf die weitere Frage, was er denn für eine Strafe erwarte, habe Uhde gesagt: Es werde wohl„Rübe ab* geben und, habe er hinzugesetzt, das bloß wegen so einem dummen Frauensmenschl Dieses Gespräch, so fährt der Staatsanwalt fort, hat dann noch eine Fortsetzung gehabt. Der Angeklagte soll nämlich zu einem zweiten Gefangenen, der die Thür von innen strich und das Vorerwähnte mit angehört hat, gesagt haben: ES habe schon früher bei ihm, Uhde, und der Frau Seiwerth die Absicht bestanden, den Ehemann der Seiwerth umS Leben zu bringen. So wären sie einmal alle zusammen nach Düffel forf gefahren und hätten dabei unterwegs den Seiwerth an§ dem Zuge werfen wollen, es sei ihnen aber nicht ge lungcn. Diese Mitteilungen werden von den inzwischen herbeigerufenen Zeugen bestätigt. Der Angeklagte Uhde behauptet trotz allem, daß er die That nicht vorsätzlich ausgeführt habe. Gevilszks-"Seikung. März 1879. Januar 1831... Erhöhung Dezember 1883.. Reduktion April 1884.... Erhöhung Wie man sieht, ist die jetzige Forderung der Reduktion von 10 Proz. in 1878. Im 5 5 5 6 die Wiederherstellung Laufe dieser Woche werden wahrscheinlich beide Parteien in einer Konferenz zusammen trete». Der Ausschluß der Stuccateure dauert unverändert fort. ES ist zu bedauern, daß es den Unternehmern gelungen ist, über 300 aus- ländische Arbeiter zu bekonmien. Vorige Woche wurden erst wieder 30 Italiener importiert. Die Frage eines allgemeinen Ausschlusses rm Baugewerbe wird sehr stark diskutiert. Am 20. April hält der Vorstand der Nationalvcreinignng derBauunternehmcr eineKonferenz in Derby ab, um über den Punkt zu beraten. Bald nachdem soll eine Versammlung sämtlicher Bauunternehmer stattfinden, um endgültigen Bcschlußzu fassen. In L e e d s haben die ausgeschlossenen Stuccateure eine Genossen schaft gebildet und arbeiten jetzt auf eigene Rechnung. Die Gewerb schaftsbcamten sind mit dem Gang der Sache zufrieden und erklären, daß der Ausschluß zu Gunsten der Arbeiter enden muß, weil ein Stillstand im Baugewerbe die öffentliche Meinung auf ihre Seite dringen würde. Vor allen Dingen sei es nötig, daß die Stuccateure auf dem Kontinent sich nicht durch Versprechungen, die nie erfüllt werden, verleiten lassen, ihren kämpfenden Kollegen in den Rücken zu fallen._ Sociales. Die Errichtung einer Poliklinik durch die OrtS-Krankcn kasic von der Zlnfsichtöbehörde vcrbotcn. Ans zuverlässiger Quelle geht der„Verl. Aerzte-Korrcspondcnz" folgende Mitteilung zu: Der Regierungspräsident in Düsseldorf hat mit Zustimmung des Haiidclsministcrs einer Orts-Krankenkasse die Errichtung eines' Vcr- waltnngsgebäudcs untersagt, in welchem eine große Wohnung für einen Arzt und eine Poliklinik vorgesehen war. Die Herrichtung einer Wohnung für den Arzt stehe mit der Erfüllung der den Krankenkassen zugewiesenen Aufgaben in keiner Ver bindung. Die Einrichtung einer Poliklinik könne als eine angemessene Gewährung der Kranleufürsorge nicht angesehen werden, da, abge sehen von der mit dem Zusammentreffen vieler und verschiedenster Kranken verbundenen Ansteckungsgefahr, ein Zwang ans die Ver sicherten ausgeübt werden solle, der nicht nur für daS Befinden der einzelnen Kranken von nachteiligem Einfluß fei, sondern auch leicht zu einer Beschränkung des Maßes von Krankenfürsorge führen werde, auf das der Versicherte billigerweise Anspruch erheben könne. Der Maximal-ArbeitStag in Rußland ist durch voin Jahre 1897 auf 11'/, Stunden festgesetzt. Für mehrere staatliche Industriezweige soll nunmehr ein zehnstündiges Maximum eingeführt werden. Bei den Spiritusbrennereien besteht bereits der Zchnstundentag._ Vom Kölner Gattemnord Prozeß. DaS sociale Nachtbild daS dieser Tage in dem zu Köln verhandelten Gatte nmord-Prozeß entrollt wird, zeigte auch in der Sitzung vom Dienstag zahlreiche Züge tiefsten nioralischen und physischen Elends. Die vernommenen Sachverständigen schließen auS dem Leichenbefund, daß cS sich nicht um Totschlag, sondern um Mord gehandelt haben müsse. Der Zeuge Bäcker Bley, bei dem die Familie Seiwerth 10 Monate lang wohnte, bekundet, daß die Frau oft Männerbesuche empfing, die ihr teil- weise durch ihren Mann zugeführt wurden, Auch sei der Ermordete oft nachts mit ihr durch' die Wirffchaften gezogen und habe sie gewissermaßen feilgeboten. Zeuge hält die Angeklagte nicht der ihr zur Last gelegten That für fähig. Ein anderer Zeuge. der mit im Hanse wohnte, bekundet,'daß die Angeklagte eines Tages, als ihr Mann bei dem Kanalbau Wache zu halten hatte, zu ihm sagte:„Wenn sie den Kerl doch mal totmachten I* Der Gastwirt Weiß, bei dem die Familie Seiwerth zuletzt wohnte, giebt in seiner Aussage ein so entsetzliches Bild von Wohnungs- elend in Köln, daß wohl selbst die berüchtigten Zu- stände im Berliner Schlafburschenwesen kaum damit konkurrieren können. Es stellt sich in der Vernehmung heraus, daß es unter den Schlafburschen Mode ist, daß immer je zwei, drei und m e h r in einem Bette zusammen schlafen. So haben bei dem Zeugen die verschiedensten Lcnte im Bett gelegen, ohne daß er sie auch nur den Namen nach zu bezeichnen vermag. Wiederholt haben auch Italiener, die auf den umliegenden Neubauten arbeiteten, bei ihm geschlafen. Seirsationell wirkt eine Mitteilung des Ersten Staats- anwalts Viebig: Mir ist soeben ein Protokoll meines BureauS Von der ostclbischcn Gcsindcsklavcrci. Gegen das Gesetz betreffend die Verletzung der Dienstpflichten des Gesindes und der ländlichen Arbeiter, sollten sich acht G u tsarbeiter aus der Nähe von G n e s e n vergangen haben, und sie wurden deshalb mit Strafmandaten bedacht. Die Leute hatten sich dem Ritterguts b e s i tz e r Schrot für die Zeit vom 1. April 1898 bis zum 1. April 1899 zu taglichen Dienstleistungen ver- pflichtet, wofür sie freie Wohnung, einen bestimmten Lohn und sechszig Zentner Kartoffeln erhalten sollten. Diese Vereinbarung war mündlich erfolgt. Von den versprochenen Kartoffeln erhielten die Arbeiter zunächst 30 Ccntner. Tanintcr befanden sich aber so furchtbar viel erfrorene, daß sich die Leute eines Morgens auf den Weg machten, um sich beim Distrikts kommissar(AnrtSvorsteher) zu b e s ch w e r e n. Als sie den Herrn nicht zu Hause trafen, wandten sie sich an den L a n d r a t. Dieser hielt denn auch sein Versprechen, die Sache zu untersuchen, indem er einen Gendarm zu Schrot schickte. Natürlich bestritt jetzt der Herr jede böse Absicht. Die Leute hätten keinen Schaden haben sollen. Sie hätten die guten Kartoffeln Tir ihre Familien heraussuchen und die schlechten dem Vieh geben können. Die Arbeiter erhielten dann 30 Centner gute Kartoffeln. Herr Schrot wollte jedoch auch den Ruhm aller echten o st elbischen Agrarier genießen, er stellte Strafantrag gegen die acht Arbeiter, weil' sie an dem fraglichen Tage ohne Grund den Dien st verweigert hatten. Ihren Versuch, sich durch Vermittelung der Behörde Recht zu oerschaffen, stellte er also obendrein noch als ein Vergehen gegen daS b e- kannte Ausnahmegesetz vom 24. April 1854 hin. Das Schöffengericht verurteilte richtig die Angeklagten zu je drei Mark Geldstrafe, das Landgericht sprach sie dann aber frei und der Strafsenat des' Kammergerichts hat jetzt die hiergegen von der Staatsanwaltschaft eingelegte Revision zurückgewiesen. Das Gericht führte auS, eine Bestrafung sei hier schon deshalb ausgeschlossen, weil kein rechts- g i I t i g e r Dienstvertrag vorliege. Es handle sich hier nicht um Gcsindc-Dicnstverträge, sondern um Verträge über Handlungen im Sinne des Landrcchts, die bei einem Wertgegenstand von über 150 Mark der schriftlichen Form bedürften. Da diese Voraussetzung vor- liege, die Verträge aber nur mündlich abgeschlossen seien, so fehle ihnen die rechtliche Wirkung. Eine Bestrafung auf Grunlz des Gesetzes von 1854 wäre in diescnr Falle nur möglich, wenn schrist- liche Verträge da wären. Ei» hartgesottener Verbrecher ist der seiner Zeit mit 40 000 Mark verschlvnuden gewesene 20jährige Kanzlist Willy Lange, der gestern unter der Anklage der Unterschlagung vor der dritten Straf- kammer des Landgerichts I stand. Ter Angeklagte, der in der Verlagsbuchhandlung B r u e r angestellt war, wurde am 22. Februar in Vertretung des erkrankten Kaffenbotcn fortgeschickt, um 40 000 M. in Tausendmarkscheinen auf der ReichSbank niederzulegen. Er kehrte von diesem Ausgange nicht zurück, sondern hat das gesamte Geld unterschlagen. Die geschädigte Firma setzte sofort durch öffentlichen Anschlag eine Belohnung von 2000 M. auf Beschaffung' des Geldes aus. Der Angeklagte ist am 24. Februar in einem Schanklokal gefaßt worden, wo nian gerade die Belohnnngs- Anzeige las, als er eintrat. Man sagte ihm sofort, daß die Anzeige jedenfalls ihn betreffe, er hat dies ohne weiteres zugegeben und sich festnehme» lassen. Von dein Geld ist nichts bei ihm vorgefunden worden. Er machte allerhand Ausflüchte und erfand offenbar Märchen. Zuerst wollte er auf einer Bank am Kreutberg eingeschlafen sein und dabei sollte ihm ein Dieb seine Tasche mit den Tauscndmarkscheincn gestohlen haben. Als ihm die Unwahrheit dieser Behauptung nach- gewiesen wurde, erfand er eine andere romantische Geschichte: er be- hauptcte, daß er einen Bekannten, den er Müller nannte, erzählt habe, daß er die 40 000 M. unterschlagen habe. Bei der Beratung. was nun zu thun sei, sei Müller auf den Plan verfallen, daß er selbst das Geld an sich nehincn und damit nach San Francisco ab- dampfen wolle. Dort würde er ein RestauratioiiSgcschäft kaufen und bei passender Gelegenheit, wenn Lange seine Strafe verbüßt haben würde, ihn nach dort nachkommen laßen, ihm 30 000 M. einhändigen und 10000 M. als Belohnung für sich beanspruchen. Auch dies ist eine Fabel, der Angeklagte ist jedoch durch keine Macht der lieber- rednng zu bcwckgen gewesen, anzugeben, Ivo das Geld geblieben. Wahrscheinlich hat er es irgendwo vergraben. �— Der Gerichtshof verurteilte ihn zum höchsten Strafmaß von fünf Jahren Ge- fäugniS und fünf Jahren Ehrverlust. Der Angeklagte verließ höhiuj'ch lachend den GerichtSsaal. Ter geflickte Gasmotor oder die ehrende«nerkennnng. Im Oktober 1897 richtete Herr Schmuck, Schliemannstr. 22 wohn- baff, eine Wäscherei ein. Er brauchte für seinen Betrieb einen Gasmotor und trat wegen Ankaufs eines solchen mit der Finna Gebr. Dopp, Eichendorffstr. 29, in Unterhandlung. Daselbst wurde Herrn Schinuck ein in Thätigkeit gesetzter Gasmotor gezeigt, er kaufte ihn und leistete eine Anzahlung von 300 M. Als dann die Firma Dopp den Motor an den Käufer ablieferte, wollte eS diesem scheinen, als ob die gelieferte Maschine nicht dieselbe sei. ivelche er in Thätigkeit gesehen und gekauft Haffe. Herr Schmuck glaubte aber dennoch, er werde sich wohl irren; der Motor wurde aufgestellt und in Betrieb gesetzt. Nach kurzer Zeit wollte der Motor nicht mehr richtig funktionieren. Arbeiter und Werkmeister der Doppschen Fabrik gaben sich zu wiederholten Malen die größte Mühe, um die Maschine wieder betriebstüchtig zu machen, es wurden schon im Laufe der ersten Wochen mehrfache Reparaturen ausgeführt, ohne daß es jedoch gelang, de» Motor dauernd und tadellos in Gang zu erhalten. Herr- Schmuck ließ nun seine Maschine durch Sachverständige untersuchen, und dabei stellte sich heraus, daß an der Stelle, wo der Schicberkasten mit dem Fuße des Motors zusammenttifft. ein R i tz vorhanden war. den man durch eine an der Unterseite des Fußes aufge- nietete Eisenplatte geflickt hatte, und daß dieser Riß die Ur- fache der Betriebsunfähigkeit des Motors ist. Herr Schmuck stellte auch fest, daß dieser Motor thatsächlich nicht der von ihm be- 'ichtigte und gekaufte iv a r. Bei dieser Gelegenheit ge- langte ferner die interessante Thatsache zur Kenntnis des Herrn Schmuck, daß der ihm gelieferte geflickte Motor seiner Zeit neben anderen Erzeiignissen der Finna Gebr. Dopp auf der Berliner Gewerbe-Ausstellung im Jahre 1896 ausgestellt war, und daß Herr Dopp vom Preisrichter- Kollegium mit einer ehrenden Anerkennung ausgezeichnet worden ist. Die geflickte Stelle war allerdings durch Kitt und Lack sorgfältig verdeckt, und daher nicht ohne weitere? stchtbyr. Herr Schmuck führt nun einen langwierigen, zur Zeit noch schwebenden Civilprozeß gegen Herrn Dopp, von dem er die Zurücknahme des Motors gegen Erstattnng der geleisteten Anzahlung verlangt. So viel steht auf Grund sachverständiger Gutachten fest, daß die Maschine in ihrem gegenwärtigen Zustande nicht betriebsfähig ist. Herr Dopp beruft sich aber darauf, daß der jetzt 40 Centimeter lange Ritz beim Ver- kauf des Motors eine weit geringere Ausdehnnng gehabt und die Bctriebsfähigkeit nicht beeinträchtigt habe. Wir haben das Streitobjekt mit eigenen Augen gesehen und meinen, anch der nicht fachkundige Laie sieht sogleich ein, daß mindestens die Wahrschein- l i ch k e i t vorliegt, daß ein an der bezeichneten Stelle vorhandener Riß bei der Erschüttcrnng, die ein im Betriebe befindlicher Gasmotor erleidet, sich mit der Zeit erweitern mutz. Herr Schmuck, welcher der Ansicht ist, daß iema»d, der eine Maschine, wissend daß sie geflickt ist, als eine neue und tadellose verkauft, gegen das Strafgesetz verstößt, hatte bei der Staatsanwaltschaft eine Anzeige gegen Herrn Dopp eingereicht. Die Staatsanwaltschaft hat aber in der bezeichneten Angelegenheit keinen Grund zum Einschreiten gegen Herrn Dopp erblickt. Auf eine Beschwerde des Herrn Schnmck hat sich aber dieObcr-Staatsanwaltschaft dahin entschieden, daß sie vor Einleitung eines etwaigen Strafverfahrens gegen Herrn Dopp den Ausgang des' Civilprozesses abwarten wolle. Tä§ Mißgeschick, welche? Herr Schmuck mit dem unbrauchbaren Motor hatte, brachte es mit sich, daß er den Betrieb seiner Wasch- nnstalt nicht aufrecht erhalten konnte. Da Herr Schmuck nicht in der Lage ivar, sich einen anderen Motor anzuichaffcn, so mußte er sein Ge- schüft unter erheblichen Verlusten aufgeben und wieder in einer Fabrik Stellung nehmen. Seine selbständige wirtschaftliche Existenz ist nniiiert. Herr Fritz Dopp, Inhaber der Finna Gebr. Dopp, ist kürzlich in einem Groben- II nfngsprozeß gegen einen Zettel verteilenden Arbeiter als ein Mann bekannt geivordeir, dem die g e w e r k- schaftlichen Bestrebungen der Metallarbeiter als ver- werfliche Hetzerei und Auswiegel ei erscheinen. Herr Fritz Dopp ist früher auch antisemitischer Stadtverord- n e t c r gewesen, er gehört also zu jeneii Leiiteir, denen angeblich die Rettung des Mittelstandes so sehr am Herzen liegt. Falls Herr Dopp heute noch in demselben Fahttvaffcr segelt, so möchten wir ihm, wenn er einmal vor seinen anlisemitischen Freunden einen Vortrag zu halten hat, das Thema empfehlen:„Die Rettung der Kleingewerbetreibenden oder der Eivilprozeß Schinuck kontra Dopp." _ i der Strafsache Karöla vom katholischen und den Wärter B a st i a n. gegen die barmherzige Schwester St. Josefs- Waisenhaus zu Potsdam welche bekanntlich ivcgen der an dem Knaben Steiner ans Berlin verübten Prügelei vom Potsdamer Schöffengericht freigesprochen wurden, hat der erste Staatsanwalt Freiherr v. Dittfurth, welcher der Verhandlnng beigewohnt hatte. den Amtsanwalt angewiesen, Berufung an die Strafkammer ein- zulegen. Auch von dem als Nebenkläger zugelassenen Bornlund des naben ist. wie wir schon gestern berichtet haben, Berufung ein- gelegt worden. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird Professor v. Bergmann, da sich die ganze Sache nicht um eine wesentlich chirurgische Begutachtung dreht, nicht wieder als Sachverständiger vorgeladen werden, sondern ein bekannter Kinderarzt, der die Folgen von Züchtiguiigen an jugendlichen Personen auS der Praxis kennt, wird als Sachverständiger geladen werden. Aus eincm Krankenhause. Aus Frankenthal in der Pfalz berichtet man: Der Körperverletzung in 24 Fällen ist der 23 Jahre alte Bader Philipp Ringle aus Albersweiler, und de» gleichen Vergehens in 10 Fällen der 22jöhrige Fabrikarbeiter Friedrich Hahn aus Klingeenmünster, beide z. Z. in Untersuchungshaft, be- schuldigt. Die Angeklagten waren voin Herbst vorigen bis Februar diesen Jahres als Wärrer in der Kreis-Kranken- und Pflege-Anstalt hicrselbst angestellt und mißhandelten in Abwesenheit des übrigen Personals und der Aerzte ihre Pfleglinge in der Unmensch- l i ch st e n Weise. Es zeichnete sich hierin namentlich Ringle aus. Ihm liegt zur Last, und dies bezeugen die vernommenen Zeugen, hauptsächlich die Blödsinnigen und Gebrechlichen durch F a u st s ch l ä g e, Znbodeniverfcn, Drosseln, Reißen am Ohr, Schlagen mit' Schlüsseln. Stöcken, Besenstielen, Reißen ans den Betten usw. körperlich mißhandelt zu haben. Einem Pflegling schlug der Rohling mit dem Schlüffel zwei Zähne ein, einen Blinden sties er im Januar im Hofe umher und hatte seine Freude daran. ivenn der Gepeinigte einen Schmerzens schrei ausstieß. Die Pfleglinge ivagten zuerst nicht, ihren Wärter anzuzeigen, bis durch einen Arzt. die Spuren der Mißhandlung entdeckt wurden. Die Staatsanwaltschaft beantragte gegen Ringle für jcdcS der 24 Vergehen eine Gefängnisstrafe von 6 und gegen Hahn für jede» der 10 Vergehen eine Gefängnisstrafe von 5 Monaten und eine ent- sprechende Gesamtstrafe. Die Urteilsverkündigung erfolgt am Montag, den 24. d. M., vormittags 11 Uhr. 'Berantwortlicher Redacteur: August Jacobey in Berlin. Flu den Inseratenteil verantwortlich: Th.«locke m Berlin. Druck und Verlag von Mar Bading in Berlin. Uetzke Ztailzttichken und Depepchen« Düsseldorf, 19. April.orden. wobei viele Personen umS Leben gekommen find. Ferner sei durch Eruption des Vulkan Umango in der Nähe von Vinchina großer Schaden angerichtet worden._ Hierzu Beilagen it. ttuterhaltungsblatt. 8..»8. Ii.}»,.» 1. Ifilüjt 1(0 jMfflntle" JttlH ÖDlfelllnlt.» im w. VvLchskÄlg» 69. Sitzung. Mittwoch. 19. April 1899, 1 Uhr. Am BuädeSratStisch: Gros P o s a d o w s k h. Auf der Tagesordnung steht die erste Beratung der Novelle zur Gcwcrbc-Ordnnng. Dieselbe bestimmt, daß auch das Geschäft ciucS Grsindcvcrmictcrs oder Stcllciivermittlers einer bcsoudcrn ilouzrssiou bedarf und diese im übrigen, was die Gültigkeit ihrer Taxen anlangt usw., den Pfandleihcrn gleichstellt. Ferner werden einige Schutzbcstiinniliugru eingefügt für die Arbeiter in der Kleider- und Wäschekonfcktion sowie derjenigen Gewerbe, in denen die Unklarheit der Arbeitsbedingungen zu Mihständeu geführt hat. So kann da z. B. durch Bcschlujz des Bundcsrals angeordnet werden, daß Arbeiterinnen und jugendlichen Arbeitern vom Arbeitgeber für die Tage, an welchen sie in der Fabrik die gesetzlich zulässige Arbeits- zeit hindurch beschäftigt waren, Arbeit zur Verrichtung außer- halb der Fabrik überhaupt nicht für die Tage, an welchen sie in der Fabrik kürzere Zeit beschäftigt' ivaren, annähernd nur in dem Umfang übertragen werden darf, in welchem DurchschnittSarbcitcr ihrer Art die Arbeit boranssichtlich in der Fabrik während des Restes der gesetzlich zulässigen Arbeitszeit würden herstellen können— und auch das nur,«sofern Mißstände in Bezug auf die Ausdehnung der Arbeitszeit zu Tage getreten sind.'— Eine weitere Bestimmung betrifft die Wchilfc», Lehrlinge und Zlrbcttcr in offcncu Verkaufs- stellen, denen»ach Beendigung der täglichen Arbeitszeit eine uiiunterbrochcue Ruhezeit von mindestens zehn Stunden zu gc- währen ist. sowie innerhalb der Arbeitszeit eine angemessene RlittagSpanse. Doch sind dabei auch gewisse A u s n a h m e n vor- gesehen; die Bestimmung soll keine Anwendung finden auf Arbeiten zur Verhütung des Verderbens von Waren, für die Auf- nähme der Inventur, während der letzten zwei Wochen vor Weihnachten, außerdem an jährlich höchstens zehn von der Ortspolizci zu bestimmenden Tagen, Eine weitere Rriicrnng besieht in der Einführung dcS partiellen Acht« oder Ncunuhr-LadcnschlnsseS, der auf Antreg von mindestens Zwcidrittcl der beteiligten Geschäftsinhaber für eine oder mehrere Gemeinden durch Anordnung der Verwaltungsbehörde verfügt werden darf. Ferner soll dem Bundesrat die Befugnis zustehen, den Geschäftsinhaber durch besondere Vorschriften zu zwingen, die Geschäftsräume so einzurichten, daß der Handlungsgehilfe,�«soweit die Natur des Betriebes rS ge- gestattet'', gegen eine Gefährdung seiner Gesundheit und Sittlichkeit geschützt ist. Endlich wird der Geschäftsinhaber verpflichtet, die Gc- Hilfen und Lehrlinge unter 18 Jahren zum Bestich der Fortbildungs- i nd Fachschule anzuhalten. I» Verbindung mit der RegiennigSvorlage stehen Anträge der �bgg. Frhr. Hcyl zn Herrnsheimud es ist ivahrscheinlich, daß ein Teil der Kommunen von dieser Besuguis Gebrauch machen wird. Außerdem ist es möglich, daß bald eine Novelle zum Kraukcnversichernngst- Gesetz erfolgt, und da ist es praktisch, die Embezichmig neuer Kategorien aufzuschieben, bis das Äraulciiverstchcruugs- Gesetz zum Teil neue Grundlagen erhalten hat.— Endlich komme ich zur Ein- b e z i e h u n g der H a n d l u u g s a n g e st e l l t e n unter die Bcstim- mnugcu der Gewerbe-Ordnung. Ich halte diesen Schritt für einen großen socialpolitischen Schritt. Wir haben bei der Bäckcrcivcrorduung die Erfahrung gemacht, daß es nicht praktisch ist, Gesetze ein- zubringen, die in de» Kreisen, welche sie ausführen sollen, einen fast allgemeine» Widerstand finde».(Sehr richtig! rechts.) Daher sind wir bei dieser Novelle wesentlich vorsichtiger vor- gegangen. Gegen den Achtuhr> Ladenschluß sind verschiedene Ein- Wendungen erhoben worden. Ich muß sagen, daß ich auf solche Einwendungen interessierter Kreise gegen ein Gesetz. das ibnen neue Verpflichtungen auferlegt. nicht allzu viel gebe. Wir haben es erlebt, welch' ungeheuerlicher Widerstand gegen das Alters- und JnvaliditätSgcsetz in gewissen Kreisen erhoben worden ist; und es ist jetzt die crsrculiche Acuhcnmg gefallen, daß dieses Gesetz auf dem Laude eines der populärsten sei. lWiderspruch rechts.) Ein Agrarier hat das gesagt. Aber die That- fache steht fest: cS besteht gegen den allgemeinen Achtuhr-Ladenschluß in de» Kreisen der Prinzipale ein ganz außerordentlicher Widerwillen. Und ich glaube daher, wir thun gut. zunächst den Handlungsgehilfen mit etwas sanfteren Mitteln zu helfen. Man darf auch nicht ver« gcsscn, daß die Unterschiede in den Thätigkeiten der Handlungs« gchilfcn in großem und kleinen Städten ganz himmelweit verschieden sind, und' wir müssen doch hier eine Regel aufstellen für alle Teile Deutschlands. In kleinen Städten sitzen die Leute sehr hänsia im Nebenzimmer und treiben cftvas anderes; und> erst. wenn die Ladeuglocke ertönt, erscheinen sie. um laugsam nach den Wünschen des Betreffenden zu fragen. Diese Verschiedenheit der Verhältnisse hat unS. glaube ich, praktischer- weise dazu geführt, nicht eine Maximal-Arbcitszeit, solidem eine Minimal-Nuhezeit festzusetzen. Jedenfalls bedeutet diese einen er- heblichen Fortschritt gegenüber den jetzigen Zuständen. Aehnlich liegt eS mit den Bestimmungen über die Mittagspause. Ich möchte also empfehlen, aus praktischen Gründen gegenüber de» Vorschlägen, die Ihnen hier in der Novelle gemacht worden sind, nicht weiter zu gehen. Die Prinzipale werden sich dann gutwillig in die Bestimmungen fügen, und sie werden wörtlich durchgeführt Iverden. Was die Anstellung von H a n d« l S- I n s p e k t o r'e n betrifft,— so weit geht meine Phantasie nicht!(Heiterkeit.) Viel wiinschenswerther wäre» die vermehrton Austellungen von Gewerbc-Jnspektorcu. Was die Anträge des Abg. Bassermann betrifft, so glaube ich vorläufig persönlich versichern zu können, daß gegen die vorgeschlagenen Bestimmungen Bedenken ernster Art nicht zu er- heben sein werden. Die Anträge des Abg. Frhr. H e y I zu Herrnsheim sind u»S als Anregung sehr willkommen, sind aber zum Teil gar nicht durchführbar. In Amerika und der Schweiz, nach deren Muster er seine Antröge gestellt hat, macht man sich über die Ausführung der erlassenen Bestimmungen keine Sorgen. Bei uns denkt man darüber anders. Da verlangt man, daß auch alles durchgeführt wird, was einmal in Aussicht gestellt ist. Die von dem Abgeordneten gewünschten Bestimmungen über die Hausindustrie sind schon aus dem Grunde schwer in die Praxis zu übersetzen, weil«in« strenge Definition der Hausarbeit gar nicht gegeben Iverden kann. Gestern hat sich hier«in Sturm der Entrüstung darüber erhoben, daß tvir eine Kontrolle der Hausschlachtungen vcr- langen. Und jetzt wünscht man genaue Vorschriften über Ausdehnung und Bezahlung der häuslichen Arbeit. Die Politik Hein- rich» IV., daß jeder Bauer Sonntags sein Huhn. im Topfe habe, und wochentags dazu ein Beefsteak, läßt sich gesetzlich nicht f e st l e g e n. Ich bitte die Herren, Selbstbeschränkung zu übe». wofern sie ernstlich mitarbeiten wollen. In der Beschränkung zeigt sich der Meister. Abg. Frhr. von Stnmm(Rp): Der RcgicmngScntwurf hat im wesentlichen-die vor zwei Jahren von den Nationalliberalen geäußerten Wünsche in Paragraphen ge- bracht. Die unbeschränkte AuSdchmmg auf die Hausindustrie hat der Abg. Hehl vor zwei Jahren selbst als unmöglich bezeichnet, er hat das gerade damals den Socialdemokraten gegenüber ausgeführt. Der jetzige Antrag Hehl geht von ganz falschen Grundsätzen ans. Er giebt keine Unterscheidung zwischen Handwerk und Hausindustrie. Nach meiner Meinung kann man beides nur folgendermaßen definieren: Handwerk ist, wenn(Heiterkeit) der Meister selbst mit- arbeitet; Hausindustrie ist. wenn(Heiterkeit) der Unternehmer Zwischenmeifter beschäftigt. Aber auch diese Definition paßt nicht flir alle Fälle. ES folgt daraus, daß der Antrag Hehl juristisch hin- fällig ist. Redner sucht an den einzelnen Bestimmungen nachzu- weisen, daß er zu unhaltbaren Konsequenzen führt. Wenn die Anträge Hehl und Bassermann zurückgezogen werden, so wäre das für das schleunige Zustmidckonimcn des Gesetzes sehr von Vorteil. Wir brauchten dann überhaupt keine Kommissioilsberatniig, sondern könnten gleich im Plenum die zweite Beratung vornehmen und die Vorlage»och in diesem Jahre Gesetz werden lassen. Abg. Pfannknch(Soc.): Der Mg. Frhr. v. Stumm meinte, wir sollten uns mit der Regieningsvorlnge zufrieden geben, nach dem bewährten Wort: lieber einen Spatzen in der Hand, als eine Taube aus den: Dache. Und der Herr Staatssekretär sagte, man müsse__ doch anerkennen, daß der Entwurf eine große Verbesserung gegenüber dem jetzt bestehenden Zustande darstellt. Nun, ich bin der Anficht: würde man einmal gründliche Arbeit machen und den be- rcchtigtcn Wünschen der Arbciterkatcgoricn, die für dies Gesetz in Betracht kommen, völlig entsprechen, so würde diese fortwährende Flickarbeit nicht nötig sein. Ich glaube aber fast: diese fortwährende Flickarbeit wird ganz systematisch betrieben, und zwar, um den fort- U'ährcndcn Anzapfungen über den Stillstand der Arbeiterschntz- Gesetzgebung etwas entgegenhalten zn können. Würde man einmal ordentlich den Arbeitcrfördcrnngcn nachgeben, so würde man Ruhe haben und sich nicht in jeder Session nnt denselben Dingen befassen müssen. WaS die S chutzb estimmun gen für die Heimarbeit anlangt, so nehmen wir da folgenden Standpunkt ein: Will man zufriedenstellende Zustände schaffen, so mutz man dazu kommen, die Heimarbeit überhaupt anö dem Nahmen mtsrreS Wirtschaftslebens zu streichen.(Sehr richtig! bei den Socialdemokraten.) Die Heimarbeit bildet einen der dunkelsten Flecken unseres socialen Lebens. Sie ist dazu attgethmt, die Arbeitskräfte, die in der sonstigen In- dnstrie oder Landwirtschaft Verwendung nicht finden können, dcmKapital gleichfalls dieustbarzn machen. DicHeimarbcil fäiigtiiuzartcstcuKiudes- aller au und hört erst auf, wenn aus den mürben Knochen nichts mehr hcrnuszuschmdeu ist. Die Heimarbeit ist diejenige Arbeitsform, mit deren Hilfe es dem Kapitalisten noch möglich ist, die Ansbeutuna der menschliche» Arbeit mit der Maschine konkurrieren zn lassen. Ist. cS da nicht besser, mit der Heimarbeit überhaupt aufzuräumen? Wie unzulänglich in diesem Punkte die Regierungsvorlage ist, davon scheint die Regierung selbst überzeugt zu sein. Das geht wemgstens aus der Begründung der betreffende» Bestimmung hervor. Es heißt da:«Gegenüber dem etwaigen Einwände, daß auch durch die jetzt gewählte Fassung Umgehungen des Verbots nichts völlig ausgeschlossen seien,' werde» die gesetzgebenden Faktoren sich mit dem Bewußtsein begnügen müssen(Hört! hört I), das ihrige gethan zu haben, um innerhalb der Grenzen des Mög- lichcn dem Mißstand ein Ziel zu setzen, daß die Wirksamkeit der wichtigen Vorschriften der Gewerbe- Ordnung über die Arbeitsdaucr weiblicher und jugendlicher Arbeiter durch die unbeschränkt zulässige llcvertragung von Hausarbeit vereitelt wird. In, übrigen darf dabei nicht außer' acht' gelassen werden. daß nach den bisherigen Erfahrungen schon das bloße Bestehen cincS solchen Vcr- bols wenigstens für gut geleitete Botriebe genügen wird, um seine Beseitigung zu sicher».'' Für«gut gelciictc" Betriebe, d. h. nichts weiter, als für solche mit sehr humanen Arbeitgeber». Mit solchen kann man doch aber nicht rechnen; wäre das der Fall, so brauchte man schließlich überhaupt keine Arbeiterschntz-Gesetzgebimg. Wenn die Regierung somit der Vorlage selbst das Zeugnis äuSstcllt, daß damit die Grenze des Möglichen bereits erreicht ist— so ist das doch nur ein Anlaß mehr, diese ganze Heimarbeit, der mit Einzelbestimmnngen nicht bei« zukommen ist, zu beseitigen. Natürlich werden auch wir alles daran setzen, die ßZ 114a und 137» nach Möglichkeit zu verbellen. Vor allem müssen wir darauf bestehen, daß die Bestimmung über die Arbeitszeit jugendlicher Ar- bcitcr ans alle Gewerbe ausgedehnt wird. Wir können nicht zugeben, daß man da dem BimdeSrar die Entscheidung darüber überläßt, ob und inwieweit«Mißstände in Bezug ans die Ausdehnung der Arbeitszeit zu Tage getreten sind". Wir sind der Meiniing. daß sämtliche Gewerbe der Art sind, daß die Einführung jener Be- stimnmng das Minimnl-Zugeständnis an die Angestellten bedeutet. Wenn wir die völlige Beseitigung der Heimarbeit verlangen, so ist es selbstverständlich, daß, soll dieselbe zur That werden können, wir zu ganz anderen Aussichtsbestimmungen kommen müssen. Die jetzige Art der Gcwcrbe-Anssicht würde da völlig unzureichend sein. Erfreulich nach dieser Richtung ist ja schon der Antrag des Ten trn« s ans Einsetzung der A r b e i t s k a m m e r n, wenn er auch anS anderen Motiven gestellt ist als den nnsrigcn. Die Thatsache allein, daß der Antrag gestellt ist, giebt uns recht, die wir das alles längst gefordert haben. In den Arbeitskannncrn schcw wir eine Stelle, von der aus sehr viel Zwietracht zwischen Unter- nehmern und Arbeitnehmern beseitigt werden laim. Ihnen wird auch die Regel, mg der ArbeitSvennittelung überlassen werden müssen »nd Iveun der Herr Staatssekretär»ach dieser Richtung eine Revision der Arbcitcrschntz-Gcsctzgebnng vornehmen wollte, so würde das eine sehr verdienstvolle Anigabc sein. Für die Arbeiterinnen haben wir schon längst größere Schutzbestimmungcn gefordert. In Zürich ist man damit schon erheblich' weiter als bei uns, und was dort möglich ist, sollte bei uns nicht immöglich sein. Wenn wie dort die Ucbcrarbcit von weiblichen und jugendlichen Arbeitern nnt einem LSprozcntigen Aufschlag honoriert werden müßte, dann würden auch bei unS die Unternehmer an der übermäßigen Ausnntznng ihrer Arbeitskräfte verhindert sein. Nun enthält die Vorlage die Ausdehnung der Kon« z e s s i o n s p f l i ch t auf S t e ll e n v e r m i tt l e r und Gesinde- vermiete r. Die Rcaiening ist wohl der Meinung gewesen, daß sie ouck bei uns für diese Bestimmung ein vcrstäiidinSvollcS Eni- gcgcukonimcn finden würde. Es ist ja auch nicht zu leugnen, daß das StcllciivcrmittcllmgS- Gewerbe außerordentlich wunde Punkte aufzuweisen hat. In dieser Beziehung sind durch die Kommission für Arbciterstatiftik namentlich im Gasllvirtschaftsgewcrbe haarsträubende Resultate zu Tage gefördert worden. Es wurde dort festgestellt, daß Gebühren von 5 bis zu 400 M. für Vermittelung von Stellen für Stellcnsuchcnde erhoben worden sind. Aber auch andere Maiiipu« latione» sehr niedriger Art werde» von den Stcllenvcrmittlcrn vor- genommen. Die Leute erheben von dem Einkommen ihrer Opfer ständige Prozente und weigert sich jemand, diese Prozente zu zahlen, so läuft er Gefahr, seine Stelle zn verlieren, denn es ist festgestellt, daß sehr viele Arbeitgeber mit diesen StcllmigSvcrmittlern unter einer Decke spielen. Solchen Ucbelstäpdcn aber mit der Ausdehnung der Konzcssionspflicht zu begegnen, halten wir nicht für angängig. Wir sind keine Freunde der diskretionären Gewalt der Polizeibehörde, die nur allzu oft in Polizeiwilllür ausartet. Man soll neber von den lliiternchmem die Gebühren erheben, nicht von den Stcllcnsnchcndcil. Die. Unternehmer werden sich nicht so überS Ohr houcu lassen wie die wirtschaftlich Schwachen. Wie ich schon vorhin angedeutet: habe, denken wir uns in Zn fünft die Arbeitsämter mid Arbeitsnachweise so eingerichtet, daß sie im großesi und ganzen die Stcllnngsverniitteknna übernehmen auch für das platte Land, wo ja die hmlptiächlichen Befürworter der Konzcssionspflicht zn finden sind. Die Ostelbier führen die Lcntcnot als Grund für den Uebermut der Stellenvcrmittlcr an und verlangen schärfere Sckmtzbeslimmungen. Ich möchte darauf hintvcisen, daß schon die jetzige Gewerbe-Ordnung den Behörden Mittel an die Hand giebt. Mißbrauche auf dem Gebiete der Stellenvermittelung zu verhindern. Es scheint allerdings, daß die Behörden nach dieser Richtung hin nicht voll ihre Schuldigkeit gethan haben. Ich könnte noch eine neue Kategorie namhaft machen, die auf« genommen zn werden verdient. Ich meine die Heiratsvermittler. Was auf diesem Gebiet gesündigt wird, zeigt ein Blick in unser« großen Tageszeitungen. Da wird in der ungeniertesten Weise der Handel mit Menschenfleisch betrieben.(Sehr richtig I bei den Soc.) Wenn«twaS unsittlich ist. dann sind e» diese öffentlichen Angebote. Mas nun die gesetzgeberischen Lorschläge bezüglich der Arbeits- zeit der in offenen Verlaufs st ellen thätigen Personen betrifft, so gehen die Wünsche der Angestellten weit über das hinaus. was in der'Nabelte ihnen geboten wird. Der Herr Staatssekretär hat uns versichert, daß über den Achtuhr-Ladeuschlub zu reden ganz überflüssig sei: denn mehr sei nicht zu erreichen, als in den Vor- schlagen der Regierung geboten wird. Mit der zehnstündigen Ruhe- pause ist unseres Erachtens nichts gethan. Es liegt in ihr das Zu- geständnis, dost eine vierzehnstimdige Arbeitszeit zulässig sei. Und rn der Begründung heißt es ja auch, daß nicht nur eine Arbeitszeit von 14, sondern von 15 bis 16, ja in einzelnen Fällen sogar darüber vorkomme. Meines Erachtcns ist es lvi'chtiger, eine bestimmte Arbeitszeit festzusetzen, als eine Ruhepause. Unsere Bemühungen werden sich in erster Linie nach dieser Richtung bewegen. Rönnen wir damit nicht durchdringen, so tuerden wir versuchen, eine Ruhezeit zu verlangen. Die Mindest fordming der Handelsaugestellten ist eine zwölfsliindige Ruhepause Und sie müssen doch am besten wissen, was ihnen gut thut. Ebenso steht es mit der Festsetzung der Mittagspause. Den Angestellten, die im Hause des Prinzipals essen, soll nach der Vorlage nur eine an gemessene Mittagspause gewährt werden. Ja, tvas ist das? Unter einer angemessenen Mittagspause kann jeder verstehen, was er will. Für die Angestellten, die außerhalb des Geschäfts ihre Haupt mahlzeit einnehmen, soll eine einstündige Mittagspause vorgeschrieben werden. Der Herr Staatssekretär meint, daß tvir alle hier für das Einnehmen der Mittagsmahlzeil weniger Zeit als eine Stunde brauchen. Es kann ja in einzelnen Fällen stimmen! aber wir können uns alles übrige doch bequem regeln. Die Angestellten verlangen nicht nur eine einstündige Pause sür die im Hause der Prinzipale Beschäftigten, sie wünschen auch, daß sie nicht, sobald sie den letzten Happen in den Mund gesteckt haben, gleich wieder zur Arbeit müssen Darunter soll nach der Begründung die Autorität des Geschäsis inhabers leiden, weil er doch während der Zeit das Geschäft allein versehen müsse. Wenn man aber dem Grundsatz huldigt, daß Arbeit nicht schändet, so kann die Arbeit, auch wenn sie der Inhaber ausübt. seine Autorität nicht untergraben. Er wird vielmehr den Angestellten als gutes Beispiel dienen. Unser Bestreben geht dahin, eine zwei- st ü n d ige Mittagspause für alle in offenen Verkaufsstellen Beschäftigten zu erziele». Können wir das nicht erreichen, so werden wir wenigstens eine zwölsstündige Ruhezeit sür die außerhalb des Hauses Essenden zu erreichen suchen. Die Bestimmungen des§ 1396 halten wir für gänzlich über flüssig. Außerdem verlangen wir für die Handelsangcstellten eine 14tägtge Ferienzeit und volle Gehaltszahlung. Der Antrags des Abg. Hehl zu Herrnsheim will für die m offenen Verkaufsstellen thätigen weiblichen Bediensteten nur eine zehnstündige ununterbrochene Nachtruhe festgesetzt haben. Wir ver- langen eine z w ö I f st n n d i g e Pause für alle An- gestellten in offenen Verkaufsstellen, nicht nur für weibliche Ge Hilfen. Für die in Wirtschaften und Gasthäusern thätigen will der Abg. Hehl nur eine achtstündige Arbeitsruhe vorsehen und sie für Sonntagsarbeil durch einen halben freien Wochentag cnt- schädigen. Ihnen muß doch mindestens die gleiche Ruhepause zugestanden .werden wie den in offenen Verkaufsstellen thätigen weiblichen Bo diensteten. Die Arbeit der in Gastwirtschaften Angestellten ist auf reibender und anstrengender noch als die der andern. Sie müssen sich in Räumen aufhalten, die von Tabaksluft geschwängert sind. Es sind die Aermste» der Armen, die zum größten Teil auf die Mild thärigkeit der Gäste angewiesen sind. Das Trinkgelder Wesen ist eilt Schandfleck in unsenn öffentlichen Wirtschaftsleben, wie es schlimmer nicht gedacht werden kann.(Sehr richtig!) Diese Aermstcn sollten unter allen Umständen die nötige Ruhe er- halten, damit sie nicht die Anstrengungen ihres' Berufs mit frühzeitigem Tode bezahlen. Wir- winden in der Kommission den Antrag stellen, daß eine andere Art der Entlohnung der GastwirtSgchilfcu gesetzlich vorgeschrieben wird. Die meisten erhalten keinen Lohn und müssen für die Vermittelung der Stelle noch Gebühren zahlen, die wie gesagt voir 5 3)1. bis 400 M. aufsteigen. Das ist eine Ausbeutung, die zeigt wie sehr sie des weit- gehenden Schutzes der Gesetzgebung bedürftig sind. Wünschenswert wäre eine zeitigere Einbringung der Gewerbe- Ordnungs-Novelle gewesen. Verschiedene Redner haben schon darauf hingewiesen, daß die späte Einbringung dieser Vorlage dazu bei- tragen wird, daß sie nicht zur Verabschiedung gelangen kann. So hat die Regienliig wieder eine Galgenfrist und während dieser Zeil kann sie mit ihren Bestrebungen für den Arbeiterschutz paradieren gehen. Ob die Regierung Neigung hat, statt des Schlusses der Session die Vertagung eintreten zu lassen, bleibt abzuwarten. Dann hätte die Kommission Zeit zu gründlicherer Arbeit und ihre Arbeit würde nicht unedcr in den Papierkorb wandern. Ein solches Vorgehen hätte den Ersolg, daß die in den beteiligte» Kreisen herrschende Unzufriedenheit gemildert würde. Sic würden sehen, daß wenigstens in absehbarer Zeit etwas für sie geschehen soll. Nun noch einige Worte zu den Ausführungen des Herr» v. Stumm. Wir halten die Dcsiuition des Begriffs Heimarbeit nicht für so schwierig, wie er es dargestellt Hai, und er selbst hat ja im Laufe feiner Rede eine Definition gegeben, die die Kommission zur Grundlage ihrer weiteren Beratung nehmen kann.— Herr Bassern, ann wünschte die Anstellung von Handels-Jnspektoren. Vielleicht befreundet sich Herr Bassermann mit unserem Verlangen nach einem Arbeitsamt und ArbeitSkammcrn, von denen aus dann auch die Kontrolle in den Handelsbetrieben geregelt werden kann. Auf der rechten Seite sucht man ja die Schaffung solcher Institutionen mit allen Mitteln zu verhindern, da in ihnen die Arbeiter als gleich berechtigte Faktoren mit den Unternehmern thätig sein müßten. Diese Gleichberechtigung wollen Sie(nach rechts) den Arbeitern nicht zu- gestehen. � Wir werden aber alles einsetzen, um diese Gleichberechtigung der Arbeiterklasse durchzusetzen und nicht erlahmen, bis dieses Ziel erreicht ist.(Beifall bei den Socialdemokratcn.) Abg. JacobSköttcr(!.): Meine Freunde stehen der Vorlage freundlich gegenüber; wir begrüßen da insbesondere die Beschränkung aus das Notwendige, und wir werden an unserem Teil mithelfen, daß in der Rommission etwas zu stände kommt. Die Ausdehnung der Konzessionspflicht auf die Stcllenvermittler entspricht einem dringenden Bedürfnis. Was die -Heimarbeit anlangt, so ist sie an sich etivaS Gesundes und Nützliches, wenngleich wir ihre Mißstände zugeben. Ob wir freilich mit ihrer Be- ' feitignng m dcrKommifsion weiter kommen iverden, ist mir sehr fraglich. �Bci der Frage der Arbeitszeit der Handelsangestellten kann man 'nicht verkennen, daß große Mißstände abzustellen sind. Aber eine 'Schablonisicrnng, z. B. der allgemeine Achtuhrschluß, könnte da schädlich wirken. Die Minimal- Ruhezeit ist da das angemessene Mittel. Insgesamt bedeutet die Vorlage wieder einen großen Schritt zur Herbeiführung des socialen Friedens. Abg. Pauli jwildk.) hält es für schädlich, daß man das Hand- werk unter Polizei-Aufficht stellen wolle. Hierauf wird die Weiterberatung auf Donnerstag 1 Uhr ver- tagt. Schluß 5'/2 Uhr. folge von Krankheitswochcn und die Rentenabrundnngen. In erster Lesung war beschlossen. die Gemeinlast aus drei Viertel» sänitlicher Altersrenten und sonst wie nach der Vorlage bilden. Zur Deckung sollen vom 1. Januar 1900 ab vier e h v. t e l der Beiträge aller Anstalten gemeinsam verwendet. die Vermögen nicht angetastet werden.— Die Regierung hatte von, RegierungratDr. Beckmann berechnen lassen, daß die 40 Proz. nicht reiche»; lblO würden bei 3'/» Proz. Zinsen schon 4,2 Millionen Marl Deficit vorhanden sein. Wenn, wie der kon- scrvative Antrag will. 45 Proz. bewilligt werden. so langt dies sür das nächste Jahrzehnt, für länger sicher nicht. Außerdem müßten nicht drei Viertel, sondern sämtliche Altersrenten Gcmcinlast werden. Sonst kommen die beiden notleidenden Anstalten, Ostpreußen und Niederbayern, nicht aus ihrem Deficit heraus. Der socialdemokratische An trag fordert, die Gemeinlast nur aus den Grund bei lägen der Altersrenten zu bilden. Abg. W i e m e r strs. Vp.) spricht sich gegen die von der Vorlage und vom Abg. Schmidt (fri, Vp.) vorgeschlagene Teilung der Beiträge aus und fordert, daß wie bisher jede Anstalt ihr Vermögen und ihre Beiträge allein ver- Ivalten soll. Stadthagen: Wir bezweifeln, daß die Berechnungen sür die Zukunft richtig find; nicht etwa, daß wir glauben, die Mathematikerrechne» unrichtig, sondern weil die Voraussetzungen der Rechnung nicht vorauszusetzen sind, denn die Verhältnisse verschiebe» sich ständig, so daß eine bestimmte Voräusberechnung unmöglich ist. Die von uns p r i n c i p i e l l verlangte R e i ch s a n st a l t au Stelle der Einzel- Versicherungsanstalten wird eben kommen müssen. Was hier jetzt gemacht wird, kann nur Flickwert sein. Das Deficit in Nieder'baycrn kommt auch nur daher, daß zu viel und in falscher Einteilung Anstalten errichtet sind. Bei Errichtung einer einzigen Anstalt schwände das Deficit völlig. Bei dem„Ausgleich' wird, sobald auch die Invalidenrente in das Gesamtvermögen ge zogen wird, verhindert, daß die Krankenversicherung der ländlichen Arbeiter kommt. Hätte Oftelbien Krankenversicherung, so sänke dort die Zahl der Invalide». Auch die niedrigen Löhne in Ostelbien sind an der größeren Invalidität schuld. Wir stimmen siir die geforderten 40 Proz., soweit es sich um die Grundbeträge der Altersrenten handelt, wenn jetzt eine völlige Umänderung nicht zu erreichen ist. Aber wir fordern, daß dann unser Antrag, der die Zuschüsse aus Gemcindevermögen gewähren will, sich auf Altersrenten be- schränkt. Die Gemeinlast auch auf die Invaliden- reuten auszudehnen. hieße anti- socialpolitisch handeln, weil dadurch die Fürsorge für kranke Landarbeiter, d. h.: die Einführung einer Krankenversicherung für diese, gehindert wird. Staatssekretär Posadowsky: Für eine Reichs- a n st a l t oder wenigstens für eine einzige Anstalt in Preußen ist eine starke und einflußreiche Strömung vorhanden, und solche sei allerdings gegen jedes Risiko besser gesichert. Er aber sei für Decentr'alisierung, weil da die Vertvaltung weit besser arbeite als bei einer' großen centralisierten Verwaltung.— Bei der Abstimmung werden mit 19 gegen 4 konservative Stimmen die drei Viertel derAltersrenten und 40 Proz. Zuschuß angenommen, der ganze Paragraph nüt 18 gegen 6(socialdemokratische und freisinnige Stimmen) angenommen und dadurch der s o c i a I d e m o l r a t i s ch e A n t r a g abgelehnt. Zu§ 22 (Lohnklasscn) liegen mehrere Anträge vor, die diskutiert werden. Die Abstimmung wird ausgesetzt.— Nächste Sitzung: Donnerstag. JpsvlcunenkArifisxes. Zur Postnovclle haben die socialdemokratische» Mitglieder der Kommission einige Abändernngsauträge gestellt. Dem Artikel 4 der Vorlage, der die Entschädigung der bei den auf- zulösenden Privatpostaustalten Bedienstete» regelt, enipfchlen die Antragsteller folgende Fassung zu geben: 1. Die Bediensteten, die infolge des Eingehens oder der Beschränkung des Betriebes der Anstalten aus der Beschäftigung austreten oder entlassen werde», sind, falls dieselben das achtzehnte Lebensjahr vollendet haben, und in ihrem Gesund- heitSzustand kein Hindernis liegt, von der Postverwallung in eine, ihren, bisherigen BeschäftigungsverhältuiS entsprechende und ihrem bisherigen Einkommen nicht nachstehende Dienststelle, unter Anrechnung der im Privatdicnstverhältnis verbrachten Bejchäftigungszcit, soweit diese drei Jahre übersteigt, zu übernehmen. Ist mit dem Antritt einer derartigen Stelle ein Wechsel des Wohnorts verbunden, so werden die Umzugs kosten ersetzt. Die Bediensteten, welche von der Postverwaltiuig nicht übernommen werden, erhalten, wenn die Beschäftigung gedauert hat: Paasche(natl.): Sache de? PostgesetzeS sei eS nicht, eine Kon« kurrenz vom Halse zu schaffen. Er sei gegen eine Beschränkung des Expretzbotenwesens, das Interesse des Publikums fordere schnelle Zustellung der Zeitungen. Staatssekretär V. Podbielski: Der jetzt gewährte Kreis von 15 Kilometer sei bereits sehr groß. Bei den Bestimmungen über die Expreßbeförderung handle es sich lediglich darum, Ausschreitungen zu begegnen. Abg. Dr. Pachuicke (srs. Vg.) empfiehlt die 30 Kilometer-Grenze im Interesse der Lokal- presse.' Abg. Dr. Marcour(C.) will den Expreßdienst im Interesse der kleinen' Blätter ausrecht erhalten. Im übrigen ist Redner gegen die Ausdehnung der Grenze nach den Anträgen Singer- Haffe. Abg. Dicif(Soc.): Eine gut geleitete Provinzpresse lasse sich nicht von der großstädtischen Presse unterdrücken, schlecht fundierte Blätter gehen doch zu Grunde. Das Erpreßbotenwesen liege im Interesse des Publikums, die Provinzpresse selbst, die ihre Nachrichten aus den großen Blättern nehme, habe ein Interesse daran, diese recht schnell zu erhalten. Abg. Lcuzmaun(frs Vp.): Die Zeitungsverleger der Provinz wollen gar nicht seitens der Post geschützt werden.— Bei der Abstimmung wird der neu vorgeschlagene Z 2 der Re- girruiigötiorlage mit 20 gegen 5 Stimmen abgelehnt. Das be- stehende Gesetz bleibt also aufrechterhalten. Die Abgeordneten Dr. Hasse, Singer und Müller-Sagau ziehen darauf ihre Anträge zurück.— Die Beratungen werden morgen fortgesetzt.— Berichtigung. Die Wahl des Abg. Kr o patsch eck ist von der Wahlprnfungs-Kom Mission des Reichstages nicht, wie es in der Sonnabend- Nummer hieß, für gültig erklärt, sondern beanstandet worden. ES wurde beschlossen, Erhebungen zu veranstalten.— Rechtsauwalt Dr. Vielhabe» soll die Absicht haben, sein Reichs- tagsmandat(Hofgcismar-Rinteln) niederzulegen und sich vom 1. Mai ab ganz seinem Beruf als Rechtsanwalt zu widmen. Bei der Ersatzwahl soll seitens der Antisemiten der frühere Abgeordnete Zimmermann- Dresden aufgestellt werden.— In der Geschichte des Parlamentarismus wird der witzfunkelude Urheber der„Bülow- schinken" unvergänglich bleiben. mehr als 3 „ 6 1 Monat bis einschließlich 3 Monate «. 1 Jahr Jttvalidenversichernttgs-Kommissiott. 5. Sitzung vom 19. April.§20(Höhe der Bei- träge). Hierzu liegt der socialdemokratische Antrag vor, die unteren Lohnklaisen nicht mit 14 und 20, sondern mit 16 und 20 Pf. Wochcnbeitrag festzusetzen, von dem Betrage aber je lO Pf. aus einem Rcichszuschust zu decke», der durch eine progressive Reichs- Eiukoinnicusteucr von Einkommen mit mehr als 3000 M. auf« gebracht wird. Der Antrag wird gegen 6 Stimmen abgelehnt.— § 20a behandelt den Kernpunkt der Vorlage, die Verteilung der Gemetulast und Sonderlast. Die Regierungsvorlage forderte, daß das bisher angesammelte Vermögen der Anstalten wie die künftig geleisteten Beiträge zu drei Fünfteln als Gemeinde- vermögen und zu zwei Fünfteln als Sondervermögen zu verrechnen seien. Von dem Gemeindevermögen soll die G e m e i n l a st ge- tragen iverden, nämlich die Zahlungen für Altersstufen, die Grundbeträge der Invalidenrenten, die Rentensteigerungen in- Jahr Jahre 1/12. 3/l3, 6/l2, e/l2, «VU, 30/l2, 2e/l2, oder „»6 ,,................ des innerhalb der letzten zwölf Monate bezogenen Gehalts Arbeitsverdienstes als einmalige Entschädigung. Besteht das Gehalt oder der Arbeitsverdienst ganz oder zum Teil aus Anteilen an der Geschäftseinnahme oder am Geschäfts- gewinn, so werden diese Anteile mit dem Durchschnitt der vor der Verkündung dieses Gesetzes liegenden zwei Beschäftigungsjahre angesetzt. Hat die Beschäftigung weniger als zwölf Monate gedauert, so wird der Berechnung der Entschädigung der Betrag zu Grunde gelegt, der»ach dem durchschnittlich für den Tag bezogenen Gehalt oder Arbeitsverdienst sich im Laufe eines Jahres ergebe» hätte. Die Postgefctzc. In der Reichstags-Kommisfion für die P o st n o v e l l e stand heute Artikel 2 zur Beratung, der im Postgcsctz folgenden ß 1a einfügen ivill:„Die Z§ 1, 27. 28, 30—33 finden auch Anwendung auf verschlossene und solchen gleichzuachtcnde Briefe, die innerhalb der Gemeindegrenzen ihres mit einer Post- anstalt versehenen UrsprungSortcS verbleiben." Ferner soll »acki§ 2 die Beförderung durch Expresse nur für höchstens 3 Kilogramm gestattet sein.— Hierzu liegt ein Antrag der Socialdemokraten vor, den Umkreis, in welchem politische Zeitungen auch anders als durch die Post verbreitet werden können, auf vier Meilen festzusetzen, sowie ein Antrag des Abg Dr. Hasse (natl.), 30 Kilometer als solcbe Grenze festzusetzen, sowie die Nr. 2 des Artikel 2. der die Beförderung durch Expreßboten betrifft, ganz zu streichen. Auf Anfrage wird durch den RegicrungS- Vertreter mitgeteilt, daß nach einer Entscheidung des Reichsgerichts als Ursprungsort einer Zeitung der Ort anzusehen ist, von welchem ans die Zeitung an die Abonnenten abgegeben wird. Im Laufe der Debatte erklärt sich Singer mit den Änträgen Haffes einverstandc», während Abg. Müller- Sagan(frs. Vp.) die Grenze für die zulässige private Beförderung politischer Zeitungen bis 50 Kilo- meter erweitern möchte. Staatssekretär v PodbielSki bekämpft die gestellten Anträge. Der Vorschlag MüllerS stelle die ganze Zeitungsbeförderung durch die Post in Frage. Geheimrat Aschen- dorn schildert das Ueberhandnehmen des Expreßbotenwcsens. Eine Einschränkung sei notwendig. Die Expreßbeförderung habe nur Wert "iir die großen Blätter, die Vorlage aber bezwecke auch besonders den Schutz der Provinzpresse. Abg. V. Waldotv-Rcitzenstcin(k.) ist heute, entgegen seiner Stellungnahme im Plenum, für die Rcgierungs- vorläge. Er habe keine Bedenken mehr gegen Arsikel 2, im Interesse der Erhaltung der kleinen Provinzpreffe. Eine Centralisation der Presse sei nicht wünschenswert. Abg. Müller-Fulda(C.) bezweifelt, daß die kleine Presse durch die Bor- chrift des Art. 2 am Leben erhalten werde. Die Expreßboten seien der Post an Schnelligkeit der Zustellung überlegen. Abg. JCcrtel- Sachsen(!.): Ein Bedürfnis über den Umkreis von 15 Kilometer hinauszugehen, sei nicht vorhanden. Von den Anträgen Müller- Sagau, Hasse und Singer würde nur eine ZeitungSgaltung Nutzen haben, die der farblosen Generalanzeiger. Im Interesse der Provinz- presse empfehle sich die Annahme der Regierungsvorlage. Abg. Dr. Mordprozeß Gnthmann. Fünfter Tag. Auch am gestrigen Verhandlungstage wurde sofort nach Er- öffnung der Sitzung die Oeffentlichkeit wieder aus- geschlossen. Um unsere Leser cinigermaßen über den Gang der Verhandlungen zu orientieren, wollen ivir ihnen das unterbreiten, was aus dem Gerichtssaale gerüchtweise hinausgedrungen ist und von Mund zu Mund weiter verbreitet wird. Ob dies alles völlig zutreffend ist und inwieweit Falsches dabei unterläuft, ent- zieht sich leider der Kontrolle, da ja den Verichterstaltern nicht die Möglichkeit gegeben ist, mit eigenen Augen und Ohren zu sehen und zu hören. Wie wir hören, dreht sich die Beweisaufnahme noch immer um das Vorlebe» des Angeklagten und die Frage, ob er mit der Singer bekannt war. Die Mutter seiner Ehefrau soll bekundet haben, daß er die Frau schlecht be- handelt»nd oft geschlagen habe. Dasselbe bekundeten eine Anzahl Mädchen, mit denen er im Verkehr gestanden! er soll versucht haben, im Zornesausbruch einer derselben kochendes Schmalz ins Gesicht zu spritzen. Andrerseits traten mehrere Zeugen auf, die dem Angeklagten das Zeugnis eines fleißigen, flotten Arbeiters gaben.— Eine Zeugin behauptete, daß sie den Angeklagten im März v. I. in Berlin auf der Straße gesehen habe, eine andere will Ende 1897- oder Januar 1898 von' ihm gehört haben:„er würde es einem Mädchen schon besorgen". Eine andere Redensart, die zu einer Zeugin gemacht sein soll, soll dahin gelautet haben:„er, der An- geklagte, habe Angst vor einer mittelgroßen Person, die er geschlagen habe". In einem Falle wurde auch bekundet, daß der An- geklagte in einer Kaschemme als„Hugo" begrüßt worden sei. Ein Zeuge, der mit der Singer in Verkehr gestanden, mußte zu- geben, daß auch er sie öfter geschlagen habe. Den Angeklagten hat dieser Zeuge nicht gekannt, dagegen wußte er zu bekllnden, daß die Ermordete unter ihren Liebhabern auch zwei vorbestrafte Menschen gehabt habe. Aehnlich äußerte sich auch ein anderer Zeuge. Der„Hugo". Sehr bunt waren die Aussagen in Bezug auf die Frage, ob der Angeklagte die Singer gekannt und mit ihr verkehrt hat, ob er' Radfahrer ist und ob anzunehmeii ist. daß er der vielerivähnte„Hugo" ist. Daß die ermordete Singer wiederholt von einem solchen„Hugo" gesprochen und auch Briefe an ihn gerichtet und von ihm empfangen hat, wurde von verschiedenen Zeugen bestätigt. Einem Zeugen hat sie von diesem„Hugo" erzählt und mitgeteilt, daß dieser sie schon mit einem Messer bedroht habe; sie habe dabei daS Bild eines ManucS gezeigt, der aber der Angeklagte nicht gewesen sei. Im„Gemiitlichen Gustav", wo der Angeklagte verkehrte, ist er mit der Singer nie gesehen worden. dagegen will ihn eine Zeugin in einem andern Lokal niit dieser zusammen gesehen haben.— Einem Zeugen hat die Ermordete einmal einen Radfahrer als ihren Hugo bezeichnet, der Angeklagte soll aber der Radfahrer nicht geivescn sein. Eine Zeugin, bei der die Singer seiner Zeit gewohnt, erklärte, daß sie den Angeklagten nicht kenne und daß ihr die Singer nie etwas von Gnthmann erzählt habe. Eine Morphinistin alS Zeugin. Belastend für den Angeklagten soll das Zeugnis der Zeugin Eckardt geivcsen sein, die ein Krankheitsattest eingereicht harte und von dem GcrichtSphysikus Dr. Stornier per Droschke herbei- geholt worden war. ES schien so. als ob sie bei ihrer Vernehmung, die bei der körperlichen Hinfälligkeit der Angeklagten nur ganz be« hutsam sich abwickeln konnte, eincn Verkehr zwischen dem Angeklagten und der Singer bekunden wollte. Sie will auch Briefe gesehen baben. die an die Singer gerichtet und mit Hugo oder Guthmann unterschrieben waren. Die Singer habe ihr auch einmal einen Rad- fahrer als ihren Hugo gezeigt, die Zeugin konnte jedoch nicht sagen, ob dies der Angeklagte war. Die Zeugin wurde, da sie am ersten Tage stark unter dem Einflüsse des Morphiums gestanden, gestern noch einmal vernommen und soll ihre Aussage nun wesentlich eingeschränkt haben: sie habe die Singer und auch den Angeklagten gekannt, wisse aber nicht, ob und in Ivelchcr Verbindung die beiden zu ein- ander gestanden haben. Ein Zeuge, der vor etiva zwei Jahren mit dem Angeklagten bei Gottschalks gewohnt hat, erklärte, daß er die Singer nicht keime und daß Guthmann nicht Rad- fahrer gewesen sei. Dagegen behauptete eine Zeugin, die«ine Zeit lang mit der Singer bei denselben Wirts- leuten gewohnt hat: Nachdem die Singer fortgezogcn war, sei ein Mann erschienen, der nach ihr gefragt habe; sie glaubt, daß dies der Angeklagte gewesen sei.— Belastend waren die Mit- teilnngen einer Zeugin, die nach ihrer Angabe wegen fahrlässigen Meineides vorbestraft sein wollte. Sie erklärte, daß sie die Singer gekannt und etwa 14 Tage vor deren Tode bei derselben einen Drohbrief des„Hugo" gesehen habe, den die Singer in ein grünliches Porte» monnaie gesteckt habe. Sie kenne den Angeklagten alS den„Hugo". Sie will ihn mit der Singer zusammen eines Abends die Treppe eines Rcstaurationslokals hcrabkommcn gesehen und an demselben Abend von der Singer gehört habe», daß dies„ihr Hugo" gewesen sei. Sie will beide auch noch ein anderes Mal zu- sammen in einem Lokal gesehen und sie ein drittes Mal in Treptow getroffen haben, wohin'der Angeklagte mit einem R a d e ge- kommen sei. Diese Zeugin wurde vom Rechtsanwalt Dr. Schwindt und dem Justizrath Dr. S e l l o in ein scharfes Kreuzverhör ge- nommen, da die Verteidigung sie nicht für glaubwürdig erachtet. Durch angestellte Recherchen wurde festgestellt, daß diese Zeugin nicht, wie sie angegeben hatte, wegen fahrlässigen Mein- eides mit neun Monaten Gefängnis, sondern wegen w i s s e n t» lichen Meineides mit einem Jahre Zuchthaus vorbestraft worden »st.— Für den Angeklagten soll wieder der Umstand sprechen, daß am ersten Pfingstfeiertage— wo der Angeklagte bestimmt in Frank» furt a. O. gewesen ist— die Singer Bestub von einein Manne erhalten hat. der als der vielcrlvähute„Hugo" galt. Wichtig sollen auch die Aussagen zweier Brüder gewesen sein, die die Singer gekannt haben. Danach soll die' letztere anfairgs Mai gesagt haben: sie verkehre mit einem Kellner Hugo, der in einer Kaschemme in der Dresdenerstraste thätig sei: er wolle sie erstechen, weil sie nicht mehr zu ihm halten ivolle. Dieser Hugo sei auch als Radfahrer bezeichnet worden.— Mehrere Zeugen bekundeten eine Achnlichkcit mit einem Radfahrer, mit dem die Singer im Ver- kehr gestanden habe; besonders eine Zeugin bekundete dies mit dem Zusatz, daß dieser Mann einen„schlcnkrigen Gang" gehabt und ein ge- streiftesRadfahrhemd undeineRadfahrmiitze getragenhabe. EineZeugin will den Angeklagten eines Tages in der Oranienstraße mit der Singer zusammen gesehen haben. Dies sei etwa im Mai 1893 ge- Wesen. Der Angeklagte habe einen weißen Strohhut mit schwarzem Bande getragen. Die Singer soll dann der Zeugin gesagt haben: sie habe viel Leid durchzumachen, denn sie verkehre wieder mit ihrem Hugo. Dem gegenüber stand wieder das Zeugnis einer anderen Zeugin, die die Singer 14 Tage vor dem Morde mit dem„Hugo" gesehen haben will und behauptet, daß der Angeklagte dieser Mann nicht gewesen sei. Verschiedene andere Zeuginnen haben die Singer mehrmals mit einem dem Angeklagten ähnlichen Manne in weißem Strohhut mit schwarzem Bande gesehen.— Die Verteidiger hatten bei all diesen Zeugenaussagen wiederholt Veranlassung, lebhaft in die Verhandlung einzugreifen, da sie meinten, Widersprüche festnageln zu können, die Glaubwürdigkeit einzelner Belastungs- zeugen anzweifeln zu dürfen und nachweisen zu können. daß die Personalbeschreibung und die Beschreibung derKleidung. die sie von dem „Hugo" gaben, nicht auf den Angeklagten passen. Eingehend wurde auch über einen Brief verhandelt, den die Singer eines Tages an— xHugo Guthmanu" adressiert haben soll. Die darüber vernommenen Zeuginnen sollen sich über den Wortlaut der Adresse nicht einig ge- wesen sein: die eine behauptete, daß er an Hugo Guthmaun adressiert gewesen sei. die andere gab Hugo Schulze als Adresse an, d,e Aussagen wurden dann dahin vereinigt, daß die Singer zuerst an Hugo Guthmaun adressiert, dann den Briefumschlag vernichtet, den Brief in einen anderen Umschlag gesteckt und diesen an Hugo Schulze adressiert habe.— Die Zeugenvernehmungen dürften noch so lange dauern, daß am Sonnabend die Plaidohers kaum werden veguinen können. MonttnunAles. Zur Schulnot. Der zur Vorberatung des Antrages des Stadt- verordneten Borgmann und Genossen, welcher dahin geht, den Moglstrat zu ersuchen, für die Erbauung einer Gcmeindc-Doppel- schule an der Wiclefstraße das schon fertige Projekt für die Gemeinde- Doppesichule an der Siemensstraße in Anwendung zu bringen, hat unter dem Vorsitze des Stadtverordneten L i e b c n o w und in An- Wesenheit des Stadtbaurats H o f f m a n n, um der in dem Stadt- theile hervortretenden Schulnot möglichst abzuhelfen, beschlossen— nachdem der Antragsteller seinen Antrag zurückgenommen hatte der Versammlung zu empfehlen, daß der Magistrat ersucht werden solle, das Bauprojekt für die in der Wiclefstraße zu errichtende Gemeinde- Doppelschule so schnell vorzulegen, daß mit dem Bau bereits im September d. I. begonnen werden kann. £ r£e k c~ ben Bau in den diesjährigen Etat noch nicht ein- geitellt sind, sollen dieselben aus den Ueberschüssen des Etats- jahres 1898 entnommen werden. Zu dem Fall von Prügclpädagogik im katholischen Josephs- Walsenhause zu Potsdam haben auch liberale Stadtverordnete Stellung genommen. Selbstverständlich zeichnet sich die Haltung dieser Herren vor dem socialdemokratischen Antrag durch die all- bekannte liberale Schwächlichkeit aus. Man berichtet aus dem Rath- hause: Von dem Stadtv. Fäh ndrich und Genossen ist folgender dringliche Antrag in der Stadtverordneten-Vcrsammlung eingebracht worden:„Die Versammlung ersucht, anläßlich der Gcrichtsvcrhand- lung über einen in dem St. Joscphs-Waiscnhause zu Potsdam vor- ackommeneii Vorfall den Magistrat»m Auskunft, welche Maßnahmen derselbe betrefts der diesem Waisenhause überwiesenen Kinder zu treften gedenkt." 0 Der wegen Gewährung eines PntronatsbeitrageS zu den Kosten der Dachreparaturen an der Thomaskirche eingesetzte Stadt- verordneten- Ausschuß hat am Dienstagabend unter Vorsitz des Stadtverordneten G e rstenberg und in Anwesenheit des Stadtrats Kauffmann beschlossen, der Versammlung zu empfehlen, der ThomaSIirchgemeinde die Sumnie von 2000 M. zu diesem Zweck zu bewilligen. � s Uoksles. freie Volksbühne. Die Jahres-Generalversammlniig findet wunerstag, den 27. April, abends 8V2 Uhr, in Stcchcrts Andreas-Festsälen, AndreaSstr. 21 statt. Die Tagesordnung lautet: Geschäfts- und Kassenbericht vom letzten Quartal und voni Geschäfts- jähr 181)8/99. 2. Neuwahl des gcsamteir Ausschusses, Vorstandes, der Revisoren und Obleute der Ordner. Festsetzung des Kassierer- geholtes und Verschiedenes. Ein zahlreicher Besuch der General- vcrsninmlnng wird dringend erbeten.— Sonntag, den 2 3. April, nachmittags 23/< Uhr, im Friedrich Wilhelm- städtischen Theater, 6. A b t e i I u u g:„ E r b f ö r st e r." zrheater des Westens, Extra-Opernvorstellnng: „Der Freischütz." Die Verlosung der Plätze beginnt um 2 Uhr. Pünktliches Erscheinen der Besucher der Oper ist erforderlich, da um L Uhr die Thürcn geschlossen werden.(Siehe heutiges Inserat). Der Vorstand. I. A.: G. Winkle r. Arbeiter- VildnngSschule. Heute Abend beginnt der KursnS m R c d e- U e b u n g(Referate und Diskussion über wissenschaftliche Themata und zwar volksivirtschaftlichcn und anderen Inhalts). Vor- tragender: Dr. Alfred Bernstein. Wir bitten um zahlreichen Vesuch.___ Der Vorstand. Wie ein Rohrsperling schimpft die fromme„Germania", weil die Socialdcinokratcn im Roten Hause es gewagt haben, den empörenden Fall der„Schwester Karola" zum Gegenstand eines dringlichen Antrages zu machen. Das moderne Ehristcntuin, gleichviel ob katholischer oder evangelischer Observanz. saßt seine erzieherischen Aufgaben ja nicht selten in einem für minder fromme Leute sehr merkwürdigen Sinne auf, und so kann es dann kaum wundernehmen, daß auch der Vorfall imJosefswaisenhause zu Potsdam ans religiöser Seite seine Verteidiger findet. Der Zorn aber ist ein schlechter Ratgeber und verführt auch die Frommen zu argen Dummheiten. Wenn die„Germania" nach dem Beispiel ge- sittetcr Menschen einfach die Thatcn ihrer frommen Karola b c- dauert und erklärt hätte, daß das Vergehen dieser Pflegerin nicht dem katholischen Christentum zur Last gelegt werden könnte, so hätte man sich mit der Sache abfinden können. Statt dessen arbeitet das Centrumsblatt aber gleichfalls unter der Devise, daß zwanzig Hiebe noch nicht genug sind und findet die b9 Stockstreiche, die dem uiiglücklichcn Waisenknaben appliciert wurden, durchaus am Platze. Ja, es sucht etivas in einem Moment. nicht zur Verherrlichung der prügellustigcn Schwester geeignet von dem wir bisher geglaubt haben,(daß es zu allem eher, aber nur sei. Die„Germania" vergleicht nämlich die Potsdamer Affaire mit dem S chöneberger Fall und schreibt:„In Schöneberg vollzog ein Lehrer im ersten Eifer gleich das Urteil, suchte ohne fach- gemäße Vorbereitung und Hilfe den Jungen„über die Bank zu schubsen"; in Potsdam wurde das Strafnrteil mit Ueberlegung gefällt und so u m s i ch t i g vollzogen, daß kein edler Teil verletzt werden konnte." Das Moment der Ueberlegung, die Wahl des Sonntags als Prügeltag, die Fesselung des Knaben mit Stricken wird hier also als„sachgemäße Vorbereitung" zu Gunsten der. Prügel- Pädagogen angeführt. Ein Glück für sie, daß es der„Germania" nicht beschieden war, die Dame bor Gericht zu verteidigen/ Den Herren aber, die heute in der Stadtverordneten-Sitznna sich etwa in der Rolle des Bes chwichtigungshofrats gefallen sollten, dürfte nach dieser Leistung des katholischen Blattes die Arbeit außerordentlich schwer fallen. Hoffentlich nimmt die An- gclegenheit den Verlauf, der im Interesse der guten Sifte geboten ist. Welcher katholische Vater kann ans dem Sterbebette seine Augen ruhig schließen, wenn er daran denken muß, daß seine Kinder ebenfalls nach dem Princip der ö9 Stockhiebe erzogen werden könnten? Die„Germania" aber möge im Hinblick auf ihre empörende Versündigung an armen Kindern des Bibelspruchs Luc. 17 V. 2 gedenken: Es wäre ihm nützer, daß man einen Mühlstein an seinen Hals hänget und würfe ihn ins Meer, denn daß er dieser Kleinen einen ärgerte. Der Kindergarten für Taubstumme. Man schreibt uns: Am 1. April hatte eine eigenartige Anstalt ihr erstes Lustrum hinter sich. Es ist das der GipSstr. l'öa gelegene Kindergarten für taub- stumme Kinder, welcher, der erste dieser Art in Europa, vor nun mehr fünf Jahren von einem humanen Vereine begründet wurde und seitdem in aller Stille seine menschenfreundliche und schwierige Erziehungsarbeit leistet. Diese bezweckt, die taubstummen Kleinen schon vom dritten Lebensjahre an körperlich und geistig zu entwickeln, bis sie an die Taubstummen- Anstalt abgegeben werden können. Leider sind die Eltern solch eines bedauernswerten Kindes meist nicht im stände. daS taub- stumme Kind in rechter Weise zu erziehen. Sie glauben vielfach, das Kind bedürfe nachsichtigerer Behandlung, und so erfüllen sie ihm alle Wünsche, lassen ihm alles hingeben und ziehen dadurch den Eigensum groß. So ist die erziehliche Arbeit ungemein wichtig, aber auch ungemein schwer. Allmählich stellen sich erst die beabsichtigten Erfolge ein. Das Kind verliert den unsicheren Gang, erhält Käme« radcn' zum Spiel und stärkt seine Muskeln durch geeignete Gymnastik. In ihrer Beschäftigung im Kindergarten unterscheiden sich die Kleinen äußerlich in' keiner Weise von den hörenden Kindern. Mit fröh- lichem Gesicht kommen sie, geben der Leiterin die Hand und be- geben sich. nachdem sie ihre Schürzchen umgethan haben. auf ihre Plätze. Die Schulzeit ist nach einem wohlgeordneten Stundenplan eingeteilt, in dem Beschäftigungen, Spiel und Turn- Unterricht im Klassenzimmer oder im Garten miteinander abwechseln. Spielgeräte aller Art bieten den Zöglingen reichen Stoff zur Unter- Haltung. Um 11 Uhr ist die Frühstückspause. Der Tisch wird gedeckt, jedes Kind bekommt sein Brot und seine Milch und nun beginnt ein fröhliches Essen. Was den Eltern fast nie gelingt, daß das Kind manierlich ißt, ohne Ablenkung und Widerstreben seine Milch trinkt, wird hier spielend erreicht. Gegen 1 Uhr springen die Kleinen vergnügt ihren Angehörigen entgegen, die zur Abholung erschienen find. Es ist sehr zu wünschen, daß die Wichtigkeit der ftühcn Erziehung in den in Betracht kommenden Kreisen endlich mehr und mehr eingesehen wird und daß alle die Kleinen der für sie bestimmten Anstalt zu- geführt werden. Die erste öffentliche Lesehalle in Berlin, die seit 189ö in der Neuen Schönhauserstraße 13 von der Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur unterhalten wird, giebt soeben ihren Jahresbericht für 1898 aus. Er weist eine ungewöhnlich hohe Stcigernng der Be- Nutzung auf: die Zahl der Besucher hat sich von öS 254 auf 89 101, die der gelesenen Bücher von 18 SOS auf 29 S31 seit dem Jahre 1897 vermehrt. Dies erklärt sich dadurch, daß der Ende 1897 unter- nommene Versuch, die Lesehalle nicht nur wie bisher abends von 6 bis 10, sondern auch während der Mittagsstunden von 12 bis 3 Uhr offen zu halten, im Jahre 1898 ganz durchgeführt wurde. Im Durchschnitt fanden sich täglich 251, am Sonntag 280 Leser ein, denen außer den Tageszeitungen aller Richtungen, gewerblichen Fachblätter», Wochen- und Monatsschriften eine Bibliothek von 5500 Bänden zur Verfügung stand. Die Unterhaltungskosten der für jcderniann un- entgeltlich zugänglichen Anstalt betrugen rund 6300 M.. wovon 3000 durch einen Zuschuß der Stadt, der Rest durch freiwillige Beiträge aufgebracht wurde. lieber die Spielerassaire im Klub der Harmlosen weist ein hiesiges Blatt zu berichten, daß die Untersuchung vor ihrem Abschluß steht. Sie ist gegen die Herren v. Kröcher, V. Kayscr, v. Schacht» meyer. Rentier Hermann Wolf, Rentier Lcwin und einen ins Aus- land gereisten Dr. C. gerichtet. Wolf erscheint nach dem Blatt als der Mittelpunkt des Klubs in sseincr letzten Periode. Vorher hatte er Gastrollen im S.-Hotel, in einem jetzt eingegangenen Restaurant der Mohrenstraße und in einem ebenfalls eingegangenen Restaurant der Jägerstraße gegeben. In diese Zeil fällt der An- schluß des verstorbenen Erbprinzen von Sachsen- Koburg- Gotha. eines der Diplomatie angehörigen bayrischen Grafen und anderer Persönlichkeiten. In seinem Zusammentreffen mit Herrn von Kröcher in Aachen und Ostcnde find anscheinend die späteren Operattonen verabredet worden, wobei der lctzrgenannte als vis movaus erscheint. Während man Wolfs Gewinn aus höchstens sechzigtausend Mark bcrccbnct, dort man. daß für von Kröcher weit über hunderttausend Mark gerechnet werde. Bezüglich von Kaysers liegt der Nachweis vor, daß er seine gewinnreichc Laufbahn ohne eigene Mittel als Kommanditist K/s in den Sälen der Jägerstrahe begann. Herr von Schachtmcyer trat ebenfalls ohne Fonds in die Campagne ein, Ivo er, ein von Wolf bevorzugter Günstling des Glücks, schließlich einen Gewinn davontrug, dessen niedrigste Schätzung 50 000— M 000 M. lautet. QberstantSauivalt Drescher, der Erste Staatsanwalt am hiesigen Landgcpicht I, ist, wie dem„Oberschl. Auz." gemeldet wird, als Oberstaatsanwalt beim Oberlaudesgericht in Breslau als Nachfolger deS verstorbenen OberstaatSauivalts v. Drcßler in Aussicht genommen. .Furcht vor dem Zahnarzt scheint die Veranlassung zu dem Selbstmordversuch zu sein. welchen Montagnachmittag die 2Sjährige unverehelichte Marie E. aus der Kaiser Friedrichstraße unternahm. Das Mädchen,- welches schon mehrere Tage über Zahnschmerzen klagte und die Aufforderung seiner Eltern, sich den Zahn ziehen zu lassen, niit der Erklärung zurückwies, daß es sich fürchte, eine derartige Operation vornehnien zu lassen, entfernte sich um die angegebene Zeit, da sich die Schmerzen bis zur Unerträglichkeit gesteigert, saus ihrer Behausung, angeblich, um nun doch ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Etwa zwei Stunden später wurde ani Salzufer ein junges Mädchen, welches dort in den Landwehrkanal gesprungen war, von Schiffern gerettet und gelandet. Die jugendliche Selbstmörderin, die über das Motiv zur That jeg- liche Ansknnft verweigerte, wurde der elterlichen Wohnung zugeführt. Die Lcbeusmüde war Fräulein E. Wie sie ihrer Mutter erzählte, wären in dem Augenblick. als sie die Klingel bei dem Zahnarzt in Bewegung setzen wollte, die Schmerzen verschwunden gewesen. Sie habe sich nun schleunigst auf den Heimweg gemacht, jedoch schon nach kurzer Zeit kehrten die Schmerzen wieder zurück und da sich die E. fürchtete, nochmals zum Zahnarzt zu gehen, habe sie, durch die Qualen zur Verzweiflung getrieben, den Selbstmordversuch unternommen. Zu der Schließung deS BalllokalS„Coursaal" und der dadurch hervorgerufenen Notlage der Angestellten dieses Instituts lchreibt uns der jetzige Inhaber' Herr Drcws:„Am 1. Oktober 1898 trat ich als Compagnon in de» von dem Kauftnann Hanns Z. ge- leiteten. Coursaal" ein. Mein Socius hatte allein circa 25 000 M. Passiven. Die Kaffcnvenvaltnng des Ressorts lag nicht in meinen Händen. Als ich Mitte Januar 1899 entdeckte, daß sich ein schein- barer Irrtum von ungefähr 5300 M. als Kasscnmanko herausstellte. machte ich reinen Tisch und dirigierte vom 1. April ab allein. Mit dem Verlust von 29 000' M. eigenen Vermögens, trotz meines anerkannt unermüdlichen Eifers vennochte ich jedoch nicht das todtkranke Geschäft zu heben und ging nunmehr vor acht Tagen ans ureigenster Initiative aus dem Coursaal hinaus, indem mir mein Personal gerne bestättgte, daß ich nicht die Schuld daran bin, dieses einst so blühende Geschäft rninirt zu haben. Gas und Elektricität sind mir bis zum Schlüsse nicht ver» weigert worden und habe ich selbst den Betrieb abgemeldet. Auch die Version, daß mein Personal hilflos dasteht, ist falsch. Die kleinen Reste ihrer Ansprüche an mein Etablissement versprach ich ihnen ohne Obligo für Tag und Stunde in einigen Monaten, sobald mir dieses irgend möglich, zu zahlen. Verklagt hat mich nur eine Person. DaS Polizeipräfidiui» teilt mit: Nach einer Mitteilung der Staatsanwaltschaft in B r a u n s ch w e i g an die hiesige Kriminal- Polizei ist am Abend(des 8. April in einem die Chaussee Freeden- Erzhausen durchschneidenden Wassergraben die Leiche eines Knaben mit einer klaffenden Hals- beztv. Nackenwnnde aufgefunden worden. Als Todesursache ist Verblutung festgestelt. Die Leiche hatte, ab- gesehen von anderen Umhüllungen, ein Hemdchen an, in welche? die Initialen 8. L. eingestickt sind. Dringend verdächtig, das Kind am 13. März gemeinschaftlich ermordet und in den Graben getvorfen zu haben, sind zwei Personen, ein jüdisch aussehender Mann im Alter von 30 bis 40 Jahren und eine jüngere Frauensperson, welche sogenannte Pony-Lockcn getragen hat. Ueber die Thäterschaft derselben ist bis jetzt folgendes festgestellt: Das Paar hat sich etwa vom 11. bis 13. März in Einbeck aufgehalten und dort angegeben, das Kind, welches es bei sich führte, sei in Frankfurt a. M. geboren. Dort hätten sich die beiden nach der Niederkunft der Frauensperson nur eine Woche aufgehalten. Bon Einbeck aus soll die Mannsperson einen Abstecher nach Hannover gemacht haben. Am 12. März hat sich der Mann bei dem mosaischen Schlächter in Einbeck einen Gebets- riemen geliehen und ein Gebet nach jüdischem Ritus verrichtet. Die Frauensperson hat sich in Einbeck von mehreren israelitischen FaniUien beschenken lassen und hat bei dieser Gelegenheit von Frau Sally Lötvenstein ein Kinderhemdchen gez. 8. L. geschenkt erhalten. wie solches an der Kindesleiche vorgefunden ist. Auch bei dem Vorsteher der israelitischen Gemeinde in Einbeck hat sie vor- gesprochen. Am 13. März hat die Frauensperson das Kind durch die Haushälterin des Wirtes Jacobs in �Einbeck der Ehefrau eines Kaufmanns zum Kaufe anbieten lassen. Am Mittage des 18. März wird das Paar von Einbeck aus nach Gandersheim und von da nach Lamspringe und Freeden gereist sein. Am Nachmittage zwischen 5 und 6 Uhr sind die beiden Ver- dächtigen zwischen Freeden und ErzHansen mehreren Arbeitern be- geqnet. Die Frauensperson hat das Kind zunächst auf dem Arme gehabt, dann aber dem Manne übergeben. Nachdem das Paar den Graben, in welchem die Kindesleiche gefunden wurde, überschritten und im Dorfe ErzHaufen angekommen ist. habe es, wie glaubwürdige Zeugen bekunden, kein Kind niehr bei sich gehabt, sich also desselben am Fundorte der Leiche entledigt. Einem der ihm begegnenden Arbeiter hat der Mann angegeben, er wolle von' Kreiensen nach Gießen, während er in Erzhausen gefragt hat. wann der nächste Zug nach Berlin gehe. Wohin das Paar sich von Kreiensen ab begeben, ist bislang noch nicht ennittelt. Die Staats- anwaltschaft in Braunschweig ersucht, ans die beiden des Mordes Verdächtigen zu fahnden und eventuell telcgraphisch Nachricht zu geben. Z» fibertriebene» Gerüchten gab gestern nachmittag ein Unfall in der S i m c 0 u s k i r ch c Veranlassung. Die große Glocke, hieß es, sei vom Turm herabgestürzt, habe mehrere Balkenlagen durchschlagen und sei im Dcckcngewvlbe stecken geblieben. Der Unfall ist aber thatsächlich ziemlich harmlos. Arbeiter waren dabei, für die Glocke ein neues Lager und einen neuen Ring herzurichten. Dabei entglitt ihnen der 30 Kilogramm schwere Deckel der Glocke und verursachte durch Aufschlagen auf das eiserne Gebälk des Glockenstuhles einiges Geräusch. Die 00 Centner wiegende Glocke ist infolge des Unfalles etwas verschoben und eingeklemmt und muß, um wieder in die richtige Lage zu kommen, zunächst etwaS gehoben werden. Berliner Adreßbuch. Der Nachtrag zum diesjährigen Adreß- buch gelangt von heute ab zur Ausgabe. Das Buch wird allen Besitzern des Jahrgangs 1399 in der Haupt-Expcditton des„Berliner Lokal- Anzeiger". toW., Zimmerstr. 39/41, und in dessen sämtlichen Filial-Expcditionen bis Ende Mai er. unentgeltlich verabfolgt. RbschiedSsrenden. Starken Zuspruch hatten gestern, wie be» richtet wird, die beiden Militär- Arrestanstalten. Von den zur Eni- lassung gelangten Reservisten haben sich während der Uebung viele etwas z» Schulden kommen lassen und sie nmßten sich nach Be- endigung der Uebung aus drei oder mehr Tage zur Vcrbüßung der Haftstrafe stellen. Seiner Lebensgefährtin freiwillig in den Tod gefolgt ist der 67 Jahre alte Grünkramhändler Wilhelm Faber ans der Salzwedelerstraße 0. Faber verlor vor ungefähr 14 Tagen seine ebenfalls betagte Frau durch den Tod. Er konnte den Verlust nicht verschmerzen und wurde von Tag. zu Tag schlvermütiger. Schließlich schoß er sich auf dem Grabe seiner Frau eine Revoiverkugel in den Kops. Schwer verwundet wurde er ins Moabiter Krankenhaus ge- bracht, wo er seiner Verletzung erlag. Mit KochgaS vergiftet hat sich ans LiebeSgram in der ver- gangenen Nacht das Dienstmädchen Lina Müller, das bei einem Fleischcrmeister in der Vadstraße in Stellung war. Der in Konkurs geratene Großschlächtcrnieister Paul Griebe, dessen Verpflichtungen sich auf etwa 25 000 M. belaufen, hat, ob» gleich sich in der Masse nur Pscrd und Wagen befinden, seinen Gläubigern Vergleichsvorschlägo in Höhe von 50 Proz. gemacht, die diese, wie die„Allgemeine Fleischer-Zeitung" berichtet, vorgestern auch angenommen habe». Gestern erhielten nun die Gläubiger vom Anwalt Griebcs die Aufforderung, zu neuen Vergleichsvcrhandlungen sich bei ihm einzufinden, doch haben sie dieses Ansinnen abgelehnt. In der LehrstStte 10 der Huinboldt Zlkademie beginnt heute, Donnerstagabend 8—9 Uhr noch ein Kursus: English Eeading and Conversation. Merriinan, von Mr. W. A. Füller, M. A., welcher am vorigen Donnerstag plötzlich verhindert war. Der heutige Vottrag ist daher für Herren und Damen frei. Durch lleberfahre» wurde gestern, Mittwochnachmittag um 1 Uhr der Tischler Max Fchrmann ans der Wilhelmstr. 10 schwer verletzt. Fchrmann, der bei dem Tischlermeister Donath in der Wilhelmstr. 113 arbeitet, sah sich, als er vom Mittagessen in die Werkstatt zurückkehrte, vor dem Hause Wilhelmstr. 29 den„Grünen Wagen" an, den»or der Wache des 36. Polizeireviers eben einige Sisttertc bestiege». Ans dem Fahrdamm stehend, sah er nicht, daß die Droschke Nr. 3219 1. Klasse hernngefahrcn kann. Als er sich zum Gehen wandte, lief er unter das Pfeerd und wurde umgerissen. Die Räder gingen ihm über daS Kreuz und verletzten ihn so schwer, daß er durch einen Schutzmann mit einer Droschke nach der Unfall- station I und von dort in ei» Krankenhaus gebracht werden mußte. Fchrmann ist 42 Jahre alt und verheiratet. Im Zchiller�Theater wird das demnächst beginnende vierte Quartal nur füns Vorstellungen umfassen, da bereits am 29. Juni die Opernsaison beginnt. Die Ausgabe neuer Abonnements für daS viettc Quartal erfolgt jetzt in der Billet-Abteilnug deS Schiller-TheatcrS und in der Trautwcinfchcn Buchhandlung.— Historifch-moderne F e st f p i e l e. Die nächste Aufführung der„Histori'ch-modenien Festspiele" als Abschluß der ersten Serie wird Shakefpearcs„Troilus und Crefsida" sein. Die Aufführung ist für Sonn- tag, den 7. Mai, mittags zwölf Uhr angesetzt und zwar im„Theater des Westens". Feuerbericht. Dienstag Abend 7 Uhr ging Badstraße 50 eine Waffelbude in Flammen aus. Kurz' darauf war Gericht- st r a ß e 86 in dem Westphalschen Warenhause ein Schanfcnsterbrand abzulöschen. Das rechtzeitige Eintreffen der Wehr verhinderte das Ucbcrgreifen des Feuers ans die Warenvorräte. Fast gleichzeitig erfolgte E l s a s s e r st r a ß e 26 ein Zinimerbrand, bei dem Gar- dincn und Möbel beschädigt wurden. Später kamen von C u v r y- st r a ß e 2 und Klei»beeren st raße4 noch Fencnneldunge». In beiden Fällen brannte der Fußbode» und die Balkenlage unter der Kochmaschine. Die Freilegung des Zwischengebälks nahm die Wehr längere Zeit in Anspruch. STji3 den Nachbarorten. s herdor. Da die bisher von der Gemeinde subventionierte höhere Charlottcnburg. Den Mitgliedern ,ur Kemtfnis. dak heute Knabenprivatschnle den an sie gestellten Anforderungen nicht ent abend 9 Uhr in„Bismarckshöhe� die Generalversammlung des Wahl- spricht. ist schon wiederholt die Errichtung einer hoher Vereins stattfindet. Es wird um zahlreiches und pünktliches Erscheinen I K>« a b e n, ch u l e aus Gcmcindemiiteln gefordert worden. Der enucht. Der Borstand. A»S Nixdorf. Weil er die Arbeit in einer Berliner Fabrik verloren hatte, erschoß sich am Dienstagnachinittag der 33 jährige Arbeiter Alwin M. i» seiner Wohnung Pannierstr. 53 hicrselbst. Der �rod trat auf der Stelle ein. M., welcher erst vor eiiiigen Tagen der Lausitzerstraße in Berlin nach Nixdorf verzogen war. hintcr lagt erne Frau init �einem einjährigen Kinde.— Der am Dienstag Gcmeiudcvorstcher sowie der Referent der Schulkommission wiesen in längeren Ausführungen auf die großen Ausgaben hin, welche durch die Gründung einer höheren Schule der Gemeinde erwachsen. Auf Grund reichhaltigen Materials ist berechnet, daß der jährliche Zuschuß der Gemeinde ca. 15000 M. betragen würde. Die Genossen a r t h und Sonnen bürg stiininten der Errichtung einer höheren Schule zu, sprachen aber die Erwartimg aus. daß dadurch von der elcltrischen S t r° ß b ahn wderB�slräße üb�hr ne St-u.r-rhöhu.-g eintritt da die größte Zahl der Gemeinde Knabe war der Sohn des DroschkenlulscherS«ollnijch� nicht m der Lageft.en. rhren Kmdern bester-» Unter hlcrsclbst wohnhaft. Dem bedauernswerten Kinde war der Leib aufgerissen und die Backenknochen zertrümmert worden, trotzdem winde dasselbe noch lebend nach dem Kreis- Krankenhause Britz gc- bracht, starb dort aber gleich nach der Einliefcrung.— Am Freitag, den 21. d. M.. abends 8 Uhr, findet bei Klcmke.'Bergftr. 137, eine Erfatzwahl zur Generalversammlung der Rixdorfcr Orts- Krankenkasse statt. Zu wählen sind fünf Delegierte der Arbeit- nehmer. Mehr Licht verlangen die steuerzahlenden Anwohner der Apostel PauluSstraße zu Schöneberg. Das Passieren dieser mit eincni proviiorischen Pflaster versehenen Straße ist an Abenden, wo kein j Mondichcin im Kalender steht, geradezu mit Lebensgefahr verbunden, da man durch das Fehlen von Straßenlaternen am ganzen unteren i «"de der Straße Gefahr läuft, in eine der dort zahlreich vor- handenen Pfützen zu stürzen und sich das Genick zu brechen. Auch die per>vnIiche�Sicherheit läßt zu wünschen übrig. Wurde doch erst richt angcdcihcn zn lasten. Ständen doch den 1400 Gcmeindeschülern nur circa 150 Kinder gegenüber, denen bisher ein bestcrer Unterricht erteilt worden sei. Es sei darum auch ein gerechtes Verlangen, daß fähige Gcmcindeschüler die höhere Schule unentgeltlich besuchen dürften. Nach beendigter Debatte stimmte die Veriretung der Errichtung einer höheren Schule unter der Bedingung einstimmig zu, daß eine Steucrcrhöhung nicht erforderlich werde. Der Gemeindevorsteher wurde ersucht, der Ver- trewng demnächst eine Kosteuaufstellung vorzulegen. Dem Leiter der höheren Knabenprivatschule bewilligte man für das laufende Vierteljahr eine Subvention von 500 M. gegen 4 Stimmen. Ans Spandau berichtet man: Ein eigenartiger Zwischenfall hat sich im hiesigen Neuen Stadttheater beim Schluß der letzten Vorstellung der Saison zugetragen. Die Künstlertruppe des Frl. von Braunschwcig-Berlin führte den Schwank„Im Weißen RößT auf. als mit einem Male sich ein Oberlichtfcnster von der Decke vor wenigen Tagen eine Frau dort vonein-m Ätrolch'beläfti? und 1 5Ä mit ibr Rufen na».Wlie von dem Burschen geschlagen. Hoffentlich| großen Sätzm UNd auf ihr Rufen nach Hilfe____________ v,11, bedarf eS nur eines Hinweises, um die Schöncberger Verkehrs� Straßcn-Deputation zur schleimigen Abhilfe zu veranlassen. Zu einem Industrie- Orte von grösfter Bedeutung bildet sia, immer mehr der Vorort Obcrschönewcidc aus. Beträgt die Zahl der Einwohner auch erst 3100. so ist die Zahl der dort beschäftigten. zedoch auswärts wohnenden Arbeiter doch bereits ivohl dreimal so hoch. Diese Zahl wird noch eine sehr erhebliche Steigerung er- fahren mit der begonnenen Vermehrung beziv. Verorößcrun der vorhandenen industriellen Etablissements. So wir! gegenwärtig auf einen, 24 Morgen großen Terrain die Akticiifabrik von Ncie sLöwesche Gewchrfabrik) errichtet. ferner ist der Bau einer großen Akkumulatorenfabrii in Angriff ge nomnien worden, und die bedeutenden Vergrößerungen des Elektro citätsiverkes„Oberspree". sowie des Kabelwerkes werden bis zum Herbste dcS Jahres fertig sein. Auch ist die Güterbahn nach otummelsbiirg im Bau begristcn. Angesichts dieser rapiden Ent- Wickelung geht man auch daran,.Kulturivcrke' zu errichten. So schweben bereits Verhandlungen wegen Erbauung einer eigenen Kirche in Ober- Schöncwcide, mich'sind für die Errichtung cincs Spritzenhauses mit Bcamtenlvohnniigen. Arrestlokal-c. 18000 M. bewilligt worden. davon eilte. Letzterer war, wie sich herausstellte, eine schwarze Katze. die mit dem Lichtfenster durchgebrochen war. Einige Theaterbesucher wurden durch Glassplitter leicht am Kopfe verletzt. Sliich die weiteren Nachforschungen nach den am Karfreitag bei einer Bootsfahrt auf dein M ü g g e I s e e ertrnnkenen drei Ober Realschülern sind ergebnislos gewesen. Auf Veranlastung der Eltern haben ncllerdiugs Fischer die Teile des Müggelsees, wo man die Leichen vermutet, abgefischt, aber stets ohne Erfolg. Auch die Ufer des Sees sind fast täglich nach den Leichen abgesucht worden. Alle Bemühungen aber sind vergeblich gewesen. Der in Zehleudorf entbrannte Kampf«m Einftihrung der freie» Arztwahl zwischen dem Vorstande der dorttgen fteien ein- geschriebenen Hilfskasse und einem Teile der Mitglieder ist jetzt von höherer Instanz geschlichtet Ivorden. Der Borstand widersetzte sich der Einführung der freien Arztwahl sKasscnarzt ist Oberstabsarzt Dr. Soraucr), weil seiner Meinung nach dadurch eine Erhöhung der Kassenbeiträge bedingt sei. Ein Teil der Mitglieder legte daraufhin beim LandratSanitc Beschwerde ein. Dieses hat jedoch die Beschwerde als unbegründet zurückgewiesen. AnS dem Landwehrkaual gelandet wurde gestern morgen um 7 Uhr an der Charlottenburger Brücke die Leiche eines uube- kannten jungen Mädchens, das den wohlhabenden Kreisen angehört Auö Pankow berichtet man iniS: Die G e m e i n d e- V e r- .w. ,»«- Si«mq �>-. Ax-ll n.chm-.°! di7'S.'w b i l d un a S i ck> n l e tv,- h gewerblichen'1" � lein mag, trug einen schwarzen Sammetumhang. ei» dunkles Kleid frage bei hiesigen Gewerbetreibenden 3g leine LchttiA"Näftig� � isi S aefchchnet!''"' tUeXt*oam � � von 64 Lehrlingen haben nur 16 Fachschulunterricht. Bei einer' äBa�C lft � Viclä>nct- Firma, welche meistens Arbeitsburschen beschäftigt, findet ein häufiger Wechsel der jugendlichen Arbeiter statt. Die meisten der Paukower Gewerbetreibenden sind gegen obeugenaniitcn Antrag. Der Antrag wird denn auch einstimmig abgelehnt! Zum Bau der Real s ch u l e beschloß die Vertretung, ein D a r l e h n in der Höhe von 290000 M. bei der Nicdcr-Bnrnimcr Krcissparkassc aufzunehmen; dasselbe ist mit g'/io Proz. zu verzinsen und muß in 30 Jahren getilgt sein. Genicindcvcrtreter Wicnccke beschwerte sich darüber, daß der Bebauungsplan der Ncalschille der Gemeinde- Vertretung im Plenum nicht umcrbreitct sei; ferner tadelte er. daß die B a u k o in Mission nach erfolgter Submission die Arbeiten vergeben habe, ohne dem Plenum auch nur cinc Mitteilung zu machen. Tie Baukommission entschuldigte sich mit einem angeblichen „Verscheii". An der Submission beteiligten sich 6 Jntcrcssciitcn, von welchen Herr Ziminermcistcr Flink-Pankow das Höchstgebot von 164 000 M. abgab, während Herr Manrerineister Malengro als Miudestfordernder 133 000 M. haben wollte. Die Gemeinde- Vertretung erklärte sich nachträglich mit der Anordnung der Baukommission einverstanden, wonach der Miudestfordcrndc den Zuschlag erhalten hat. Für das neue Schnlgcbäude an der Nordvahu wird eine S ch u l d i c n e rst e l l e geschaffen; dieselbe wird mit 400 M. nebst freier Wohining dotiert. Begründet wird das niedere Gehalt damit, daß die Reinigung der Schnie„nebenbei mit gemacht wird" und der Schnldieucr noch andere Arbeit verrichten tönnc. Ob ein großes Gebäude mit 24 Klassen und einer Aula «nebenbei gereinigt" werden kann— diese Frage überlassen wir den Lesern zur Bcurtcilluig. Auf Antrag des Gemeinde KircheuratS wird die Aula der neuen Schule an Sonn- und Festtagen zur Abhaltung des Gottesdienstes her gegeben. Nachdem die Wahl zweier ArmenkommisfionS-Mitglicder vollzogen war, beschloß man die Auflastling von Straßcnterrain im Zuge der N o r d b a h n nach der Völkcrstraße hin. Jntercssant ist dabei, daß für Pankow bei Anflassimg von Straßcnterrain stet« dem C i v i l ka b i n e t des Kaisers Mitteilung gemacht werden resp. die Genehmigung desselben eingeholt werden muß. Die Vergebung der Straße npfla st cr-Arbeiten für das EtatSjahr 1890 rief eine lebhafte Debatte hervor. Beschlossen wurde, die Arbeiten wie bisher an Herrn Brehme als den Mindestfordenden zu vergeben.— In nnscrem Orte werden die Gcmcindc-Arbciten zum größten Teile durch Snbmissioiien abgelassen und zwar werden die am Orte befindlichen Gewerbetreibenden aufgefordert, ihre Anschläge einzureichen. Zn welchen Unzuttäglichkeiten dieses System führt, lehrt der Vau der Ncalschnlc. Drcißigtauscnd Mark beträgt der Unterschied zwischen dem Höchst- und Mindeslforderndcu, und die sogcuaunte Baukommission hält es nicht der Mühe wert, dem Plenum der Geinciudevcrtrctung bei cincm Objekt von ca. 150 000 M. auch{mit Mitteilung zu machen I Erst aus wiederholter Anfrage iverdcu die' Submittenten»nd ihre Forderiiiige» dem Pleninn bekannt gegeben. Ebenso verhält cS sich bei der Vergcbniig der Pflasterarbeiten. Auch die hier mit betraute Kommission hielt es nicht der Mühe Ivcrt, ihre ilc schlüsse dem Plenum zu unterbreiten, ja,»ach erfolgter Anfrage er- klärte ein Komniissionsmitglicd, daß er die Anfrage als ein Miß- trauensvotum anfsasse; der Herr drohte gar mit Niederlegimg seines Amtes. Darauf gegenseitiges Entschuldigen und— es bleibt alles beim qltcn. An den Genossen am Orte liegt eS, derartige Zustände für die Zukunft unmöglich zu machen. Zur Zeit gehört noch kein Socialdcmoftat der Gemeindeverttetnng an. Möge man wenigstens den Sitzungen der Gemeindevertretung mehr Beachtung als bisher schenken und durch Antvcsenhcit bei den Verhandlungen eine wirkliche Oeffentlichkeit herstellen. Die Gemeindevertretung zu FriedrichShagen genehmigte in ihrer am DicnStag abgehaltenen Sitzung verschiedene Etatsüber schreitungen für das abgelaufene Etatsjahr. Ein Antrag des Hans- und Grundbesitzer- Vereins»in Errichtung einer Z w e i g- P o st' au st alt im südlichen Teile der Friedrichstraße fand die Zustimmung der Vertretung. Der Gemeindevorsteher wird er- Die kgl. Mnuittonsfabrik in Spandau hat jetzt, wie bürgcr liche Blätter melde», großen Bedarf an Arbeiterinnen und stellt täglich ueue ein. Die Folge davon sei eine Dienstbotcnkalamität. denn die Dienstmädchen verließen ihre Stellen, weil sie das freiere Leben als Fabrikarbeiterin dem Dienst vorzögen. Durch eine»vahittvitzige That ist in der Nacht zum Dienstag eine Gefährdung des Vorortzuges Nr. 1085 herbeigeführt worden, der abends zivischcn Potsdam und Fürstcnivalde verkehrt und»m 9 Uhr in Köpenick eintrifft. Einig« hundert Meter hinter adowa bemerkte der Lokomotivführer einen heftigen Stoß der Maschine, infolgedesic» er bei der Aiikuiift in Köpenick sofort Anzeige beim Stationsvorsteher erstattete. Die Revision der Strecke ergab, daß bei der Wuhlbnicke ein großer Kalkstein von nahezu einem halben Meter Länge und daneben ei» Mensch rücklings auf einer chicne lag, so daß er von dem»öcksten Zuge hätte halbiert werden müssen. Bei der Feststellliiig der Per sönlichkeit im Stationsburean legitimierte sich der lvlaim als der ans Berlin gebürtige, verheiratete Arbeiter Richard Sicgemnnd zur Zeit in Köpenick wohnhaft. Die Beamten entließen hierauf de» Man», aber im Verlaufe von anderthalb Stunden wurde er noch zweimal und zwar unweit der ersten Stelle auf den Schienen gc- luiiden. so daß»»»mehr zur Verhaftung geschritten werden mußte. Die bisherigen Vcniehniiiiigcn durch die Köpenick«! Polizei lassen noch keine Schlußfolgerung zu. ob Siegcm, nid wirklich ein Attentat ans de» Eiscnbahnzng oder einen Selbstmord beabsichtigte. Auf letztere Annahme lasten mehrere Bleistift-Notizen schließen, die sie bei S. vorfanden. Festgestellt ist jedoch durch die Fußspllren. da. S. den schweren Stein die Böschung hinaufgeschleppt hat. Wie von anderer Seite gemeldet wird, ist der Mann ein Irrsinniger. Marktpreise von Berlin am 18. Slpril 1809 mich Ennittelungen des tgl. PolizeivräsidiuuiS. D.-Ctr. Mcizen Muggen« »)Fuitcr-Werüe„ afer gut mittel» gering. Richtstroh„ Heu. -fOSrMen« f-iSpeisebohnen« Minien, «artofieln, neu« Rindfleisch, Keule Ikx do. Bauch ) Ermittelt pro 16- 14,40 13,10 15,40 14,80 14,10 4,16 7- 40,- 50,- 70,- 6,- 1,60 1,20 Tonne Schweinefleisch ÄaldfUiirti Hammelfleisch Butter Eier, 60 Stück Karpsen Aale Zander Hechte Barsche Schlei« Bleie Krebse per Schock Ii* kkg 1,60 1,80 1,60 2,60 3,60 2,20 3,- 2,60 1,80 1,60 2,80 1,40 12- 1,20 1,- 1- 2- 2,40 1,20 1,80 1- 1,20 0,80 1,20 0,80 3- 14,80 13,60 12,80 14,00 14,20 13,60 3,60 4,50 25,- 25,- 30,- 4.- 1,20 I1'-■ von der Centtalstelle der Preuß. Landwirt- schaftökaiiinier- NotierungSstelle- und umgerechnet vom Polizeipräsidium für den Doppel-Centner. t) AlemhandelSpreis«. Produktenmarkt vom IS. April. Welzen und Roggen schloffen 0,50 M. Häher als gestern. Haser und Rübäl lagen fast umsatzoar aber fest. Am GpirltuS markt herrschte auf große Zusuhrcn matt« Haltung. Angcboten waren 163 600 Liter 70er Ware, die mit«2,20 M.(— 0,10 M.) Verlust gegen geftem gehandelt wurden. 60« Waare nicht zugeführt. Mai- Ter»,», 10 Ps. fester, September abgeschwächt. Kartofielsiärle und-Mehl. ApriMeferuitg 20,50 M.. feuchte Stärke 10,40 M. nominell.— Berlins Getreide- und M-hlzufuhren zu Wasser vom 18 April mlttagS bis IS. mittags betrugen 537 To. Roggen, 20« To. Gerste, 1S8 To. MaiS, 7402 ä- Weizenmehl, 700 ä« Roggenniehl. Städtischer Schlachtvieh markt. Berlin, IS. April. Zum Verlaus stände»: 370 Rinder. 2582 Kälber, 03« Schaf«, 8008 Schwein«. Vom Nindcrauftricb blieben etwa 80 Stück unverkaust. Der Kälberhandel ge- staltete sich ruhig. Bei den Schase» fanden ungefähr 600 Stück Absatz. Der Schweinemarlt verlief unter dem Einfluß de« bedingten Ausfuhrsperre lang- sam, wird aber geräumt._ Sorialo Rechtspflege. Gegen die Zimmervermieterin Dollega klagte das Dienst- »nächtigt, bei der Ober- Postdirektion in Potsdam die Notwendigkeit I mädchcil S. beim Gewerbegericht, indem es 15 M. rückständigen *_____ Jri— cyin t_______«Ts 1_ ct\ J£.. C«..:.xt> I O � y. l___ �>«««* � c m. �4 f.* /s /* P O einer solchen Filiale zn begründen. Die Beschaffung von Miets räumen aus Gemeindemitteln wurde einstimmig abgelehnt, da die Postbehörde dazu verpflichtet sei. Gemäß dem schon früher an- genommenen und von dem Kreisausschuß genehmigten Statut be- züglich der Dienst- und Pensionsverhältnisse der Gemeinde- beamten wurde die Pensionsberechtigung für alle gegenwärtig angestellten Gemeindebeamten beschlossen. Auch soll der Ge- nieindevorsteher die Festanstellung der bisher beschäftigten Bureau-Hilfsarbeiter bei dem Landrat erwirke». Der letzte Punkt der Tagesordnung rief eine längere Debatte Lohn, drei Kleider, zwei Bluse» und ein ordnungsmäßiges Zeugnis verlaugte. Die Beklagte, die in der gestrigen Verhandlung vor der Kliinmer VI durch ihren Schwager verireten wurde, will die 15 M. gegen zerbrochenes Geschirr auftechnen und sich an den Sachen für Weihnachtsgeschenke schadlos halten. die sie glaubte zurückfordern zu lönnen. Die Beklagte behauptete ferner, das in das Dienstbuch eingetragene Zeugnis entspreche der Wahrheit. Die Klägerin bestreitet dagegen ganz entschieden. daß die Bezeichnungen„unbeschreiblich verlogen',„verblüffend un- gehorsam" und„gänzlich unzuverlässig" auf sie zuträfen. Sie wäre schlecht behandelt und sogar geschlagen worden. Als sie ein- mal die Stellung habe aufgeben wollen, hätte ihr die Be- klagte sogar zugeredet, zn bleiben.— Gewerberichter Krause empfahl einen Vergleich und betonte, daß es sich hier nicht um ein Gesiiide-Dienstverhältniß, sondern um ein gewerbliches Arbeitsverhältnis gehandelt habe. Wenn von sieben Zimmem sechs geschäftsmäßig vermietet würden, dann liege einGewcrbebetrieb, eine Art Pensionat vor, wenn auch denMieternKost nicht gewährt werde. Als einer Gewerbegehilfin könnten aber derKlägerin die Weihnachtsgeschenke nicht wieder abgenommen werden, und Geschirr ginge in jeder Wirtschaft entzwei. Was das Zeugniß angehe, so enthalte es da? Extremste, was man sich denken könne. Schließlich kam ein Vergleich zu stände. Die Beklagte durchstrich das im Dienst- brnch abgegebene Urteil über die Führung und Leistung der Klägerin und verpflichtete sich, der Klägerin die Kleidungsstücke und die 15 M. sofort portofrei zn übersenden. Von welchen Zufälligkeiten die Gewährung eiucS Renten- ansprnchS abhängig gemacht wird, crgiebt ein Rechtsstreit, den gestern das Reichs-Versichcrungsamt erledigt hat. Der Schlächter- iehrling Weber vernnglückte im vorigen Jahre beim Bicrholen da- durch, daß er auf dem glatten Bütgersteig ausglitt und mit dem rechten Unterann auf die Scherben' einer zerbrochenen Flasche fiel. Weber durchschnitt sich hierbei eine Sehne. Das Bier war für die Gesellen und für den Meister bestimmt. Die Fleischerei-Bcrnfsgciiosselischaft und das Berliner Schiedsgericht für Unfalllachen wiesen den Rentenanspruch des Lehrlings mit fol- gendcr Begrundimg zurück: Das Einholen des Bieres sei im cigen- wirffchaftlichen Interesse des Unternehmers erfolgt, nicht im Interesse des Fkeischercibetriebes. Es werde aber auch dadurch noch nicht zu einer Betticbsthätigkeit, daß der Unternehmer hiermit cinen in, Be- triebe bcschäftigien Arbeiter beauftragt habe, der infolge seines Ab- hängigkeitsverh'ältnisses zum Unternehmer nicht wohl die Erfüllung des Auftrages hätte ablehnen können. Ein Betriebsunfall wäre somit nicht anzimchmen.— Auf den Rekurs des Kläger» erhob das R ei ch s- B er; i ch ernng s amt noch Beweis darüber, ob nicht vielleicht die Gesellen durch das Spendieren von Bier bätten veranlaßt werden sollen, länger oder schneller wie gewöhnlich zn arbeiten. Die Beweiserhebung ergab, daß die Gesellen stets freie Kost und als Teil derselben des Abends je eine Flasche Bier erhielten. Das Reichs-Versichernngsamt unter dem Vorsitz des Präsidenten Gäbe! verwarf nunmehr nach langer Beratung ebenfalls den Anspruch des Klägers als unbegründer und führte aus: Das Eise» und Trinken sei nicht ein Teil des Be- tricbes gewesen, da der Meister die Gesellen anch sonst beköstigt habe. Hier habe der Bettieb nicht den für den Kläger Verhängnis- vollen Gang veranlaßt. Anders wäre die Rechtslage, wenn der Meister das Bier hätte geben wollen, um Bclriebshandlimgen zu beeinflussen.— Daß derartige Uneile geeignet sind, das Veriranen des Arbeiters gegenüber der Socialgesetzgebimg zu befestigen,»vird niemand zu behaupten wagen. Veimufchkes« In Barmen wurde die Metallknopffabrik von Witte u. Co. durch eine FcuerSbrliiist zerstört. Große Waarenvorräte sind ver» nichtet. Der Schaden ist bedeutend. I« Bon» ging Dienstag früh auf dem nahe der Stadt ge» legenen Stallberge ein etwa 12 Meter hoher Luftballon nieder. Wie aus einem m dem Ballon gefundenen Brief hervorgeht,� war derselbe am 17. d. Mts. nachmittags vom Meteorologischten Observatorinm TrappeS bei Paris abgelassen werden. Verfehlte Spekulation. Aus Meißen wird unserem Cheninitzer Parteiblatt berichtet: Im sogenannten Weinertschen Hause in Brockwitz brach dieser Tage Feuer aus. Der Besitzer Weser, der im Garten arbeitete, eilte schnell in das Hans, um sein Geld und sonstige Wertsachen zu retten, kam aber bereits zu spät, da die Ranch- cntlvickclnng und die Verbreitung des Feuers schon zu groß war. Trotzdem versuchte er aber, zu seinem Besitz zu gelangen, und erlitt dabei erhebliche Brandwunden im Gesicht und an den Händen. Die Nase war fast geschmort und die Haare im Gesicht und auf dem Kopfe vollständig verbrannt. Der Besitzer, ein lediger Mann, hatte daS Wohnhaus allein inne und benutzte es als Getreidespeicher. Sowohl im Erdgeschoß, als auch im ersten Stock befanden sich die gefüllten Getreidesäcke hoch aufgestapelt. Ein Raum mit Möbeln cheint gar nicht vorhanden gewesen zu sein. Wie das„Meißener Tageblatt" erfuhr, hat Weser seit 1893 kein Getreide mehr ver« kauft, sondern feit dieser Zeit auf den Eintritt einer Teuerung gewartet. Das schnell um sich greifende Feuer hat nun den größten Teil des aufgespeicherten Kornes verzehrt. Der Verlust an Geld, das in einem hölzernen Kasten aufbewahrt ivar, soll ebenfalls nicht unerheblich sein. Dieser Spekulant wäre omit empfindlich gestraft worden. Vierzehn Arbeiter durch eine Pulderexplofion getötet. Aus Bilbao wird berichlet: Auf einer Eisenbahnstation, wo zahlreiche Arbeiter mit Reparaturarbeiten beschäftigt waren, fand eine Pulverexplosion statt. 14 Arbeiter wurden gttötet, zahlreiche verwundet. Gasexplosion in London. In einem Haufe in der Victoria- Stteet fand eine Gasexplosion statt, durch welche 9 Personen, unter ihnen 7 schwer, verwundet wurden. BiS auf die Grundmauern abgebrannt ist die der hiesigen Allgemeinen ElektrieitätS-Gesellschast gehörige Spiiinerci in Selz bei Triebe!. Sänitliche Spinnmaschinen sowie etliche Dynamo- Maschinen sind ein Raub der Flammen geworden. Die Sutstehuugs- Ursache des Brandes ist»och nicht aufgeklärt. Der Materialschaden ist bedeutend, Menschenleben sind nicht zu beklagen. Tie Tampfmühle in Krcmentschug, eine der größten Süd- rußlands. mit bedeuiendcn Vorräten ist vollständig niedergebraiint. Sechs Müllergesellen und acht Arbeiter sind, u den Flammen umgeko mm e n. Der Schaden bettägt eine Million Rubel. Galizische Auswanderung. Der Reichsrats- Abgeordnete Skapinski teilt im„Kurjer Lwowski" mit, daß noch den von ihm durchgeführten Erhebungen in der letzten Zeit 70 000 Bauern und Bäuerinnen aus Galizien nach Däueniark und Deutschland aus- gewandert sind, um dort Arbeit zu finden. Mit ungefähr 30 000 angeworbenen Auswanderern wurden schon zuvor Arbeitsverträge abgeschlossen.__ Briefkasten der Redaktion. Tie snrisitsche Sprechstunde»vird TicustagS. TounerStag» und Srettag» abend« van 7'/, btS«'/, Nhr adgehalteu. A. 8. 183. Die Tobesstrafe ist unter preußisch-deuffcher Kultur auch an Frauen voflstreckdar.— Etwa 2 M. P.», 100. Wenden Sie sich an daS Reichs-Marine-Amt,"W., Leipziger-Platz 13. Vrandenburgstrahe. Der genannte Herr liefert un» wohl dann und wann Notizen, steht aber in keinem festen V-rhälttiiS zu uns. lkSitterungSüberslcht vom IS. April 1809. morgen« 8 Uhr. Stationen Swlnemde. : iambnrg 1 Jetliu WicSbadeu München Wien LS l6 h ll i e 767 NO 768 O 766 NO 762N 760.N 760.® 9 W-tler »S c» B 1 5» «% Leiter 2 wölken! wolkig bedeckt bedeckt bedeckt Stationen Haparanda Petersburg Cork ilberdeen Paris Wetter bedeckt 2n»olk«nl wolkig 5 wolkig 3wollenl 3~ K «5. -2 1 9 b 4 Wetter. Proguos« für Donnerstag, den SO. April 1899. Ziemlich trübe und regnensch tet mäßigen südöstliche» Winden und wenig»erändetter Temperatur.«... m Berliner Wetterdureau. Lerantwortlicher Redacteur: August Jacobey in Berlin. Für dm Inseratenteil verantwortlich:»h.«locke in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin. fc ib. i«. Mm 2. Keilm its„Wwiirls" KMl lolWlrtt."■ wl IM. Verfsmutlungezr» Der Wahlbcrciu für den 4. Wahlkreis(Süd- Ost) hielt am Dienstag seine außerordentlich stark besuchte General- Versammlung ab. Der bisherige Borsitzende G e s ch e erstattete zunächst den Vorstandsbericht und konnte die erfreuliche Mitteilung machen, daß der Berein im Verlauf der letzten sechs Monate über 700 neue Mitglieder gewonnen hat. so daß die Gesamtzahl gegen- wältig 1900 beträgt. Das Andenken der verstorbenen Mitglieder Balte, Kurz, Zinke, Haß, Külow, Völker, Grahl, Seifert und Zippe! ehrte die Versammlung durch Erheben von den Sitzen. Der von T r a c z y k erstattete Kassenbericht ergiebt für das letzte Quartal eine Gesamt- E i n n a h m e von 2110,70 M. bei einer Ausgabe von 1044,13 M., so daß ein Bestand von 471,35 M. verbleibt. Da eine Besprechung über den Bericht des Vorstandes nicht erfolgt, wird auf Antrag des Revisors Gubell, der die Richtigkeit der Abrechnung bekundet, dein Kassierer Ent- lasttmg erteilt. Die Neuwahl des Gcsamtvorstandes ergab folgendes; Richard Weisse erster und L i ck f e l d zweiter Vorsitzender: Runge erster und Lasse zweiter Schriftführer; T r a c z y k erster und Zimmer zweiter Kassierer; B e y e r als Bei- sitzcr. Revisoren: Vogt, Berlin und Riem schneide r. Hierauf hielt Reichstags-Abgcordneter B audert einen interessanten Vortrag über Zeit- und Streitfragen.— Unier„Vercinsangelegenheiten" erörterte man einen von Riemschneider gestellten Antrag: am Hinimelfahrtstag einen Ausflug zu machen. Der Antrag wurde abgelehnt.— Nachdem Riemschneider noch zum Beitritt zur Bildungsschule aufgefordert und G e s ch e die Genosten ersuchte, auch fernerhin für den Wahlverein und weitere Verbreitung des„Vorwärts" zu agitieren, erfolgte Schluß der Versammlung. Arbeiter-Sängerbund Berlins und der Umgegend. Eine Husichußsitzung des Bundes fand am IS. April statt. Nach Aufnahme von fünf Vereinen wurde die Wahl des Bundesdirigenten vollzogen und Herr Richard Blobcl einstiinmig wiedergcivählt. Zu Revisoren sind die Vertreter von den Vereinen„Allegro",„Morgengrauen" und „Lyranm" gewählt. Zu Kontrolleuren wurden die bisherigen Ausschußmitglieder, welche diese Posten inne hatten, bestimmt.— Slacg kurzer Diskussion wurde beschlossen, das diesjährige Sängerfcst am 6. August wiederum in Pichelsdorf abzuhalten.'Durch Vcr- lesung des Protokolls der Kommissionssitzung in Angelegenheit des Gciangvcreuls„Echo" in Pankoiv, nahm der Ausschuß Kenntnis von der Verwerfung der Berusimg dieses Vereins, in- dem Me_ Kommission den Ausschluß des Gesangsvereins „Echo" für recht anerkannt hat. Auf Grund eines Antrages wurden dem Gesangverein„Immergrün" in Tegel Prozcßkosten in der Höhe von 60 M. bewilligt. Die Einladungen an die Vereine zur Mitwirkung bei der„Maifeier" sind an sämtliche Berliner Vereine, welche zum Bunde gehören, ergangen und wurde vom Vor- sitzenden darauf hingewiesen, daß es Pflicht der Vereine ist. an Probe und Aufführung sich vollzählig zu beteiligen. Da wiederholt den Vercine» des Bundes verboten worden ist, am Grabe Vcr- storbener zu singen, und sehr stark anzunehmen ist, daß System in diesem Verbot liegt, ist der Vorstand beauftragt. Schritte einzuleiten, um endlich einmal festzustellen, ob die Bundcsgrablieder textlich der- artig sind, daß dieselben bei de» Kirchen« und Kirchhofsvorstehern einen Stein des Anstoßes bilden. Ein anwesender Vertreter der„Treptower Sternwarte" gab in kurzen Umrissen ein Bild von der Einrichtung und den zur Beobachtung dienenden Jiistrnmenten der Sternwarte und stellte es dem Biinde anheiin, seinen Mitgliedern durch Massenabuahme von Billets einen billigen Genuß zu verschaffen. Der Preis würde sich für die ganze Besichtigung auf 73 Pf. stellen.— Der Ausschuß beschloß demgemäß und rst der Vorstand ermächtigt, Billets zu entnehmen. Eine öffentliche Versammlung der HandrlS-HilfSarbcitcr lokaler Richtung tagte am Dienstag in den Arininhallen. Zunächst berichtete der bisherige Vertrauensmann Martini kurz über seine Thätigkcit, ihm wurde Dccharge erteilt, und dann Utes zum Vcr- trauensmann gewählt. Hierauf erstatteten die Delegierten der lokalen Richtung von dem Leipziger Einigungs-Kongreß Bericht, daran schloß sich eine lange Debatte, in der das Verhalten der Delegierten centraler Richtung auf dem Kongreß verurteilt und ihnen die Schuld am Scheitern der Einigung gegeben wurde. Demgegenüber verteidigte S ch u m a n n die centrale Richtung und wies den ihm gemachten Vorwurf zurück, daß gerade seine Person das Hindernis der Einigung gewesen sei. — A l b o I d hatte eine Resolution eingebracht, welche einen Modus für erneute Einigungsvcrhandlungen vorschlägt. Dieselbe wurde ab- gelehnt und folgende von Utes gestellte Resolution angenommen: „Die Versammlung der lokalorganisiertcn HandelS-Hilfsarbeitcr erklärt sich mit der Haltung ihrer Delegierten auf dem Kongreß in Leipzig einverstanden und verurteilt ganz energisch daS Verhalten der Delegierten von der centralen Richtung, welche ihr Ucbergewicht benutzte», um die Kollegen lokaler Richtung zu majorisicren, indem sämtliche von diesen gestellten Anträge abgelehnt wurden. Die Vcr- sammelten erklären, daß durch dieses Vorgehen der centralen Richtung die grundlegenden Principicn der Einigungs-Konferenz vom 11. Dezember' 1893 auf das gröblichste verletzt und illusorisch gemacht werden. Die Versammelten stehen ferner voll und ganz auf dem Standpunkt ihres Delegierten, daß, so lange die jetzigen Leiter an der Spitze des Centralverbandes stehen, ein ge- deihlicheS Zusammengehen nicht von Dauer sein wird, und lverden sie daher mit aller Macht an dem Ausbau der Lokalorganisation iveitcr arbeiten." Die bisherigen Revisoren für Berlin wurden wiedergewählt.— Als Vertrauensmann der lokalorganisierten Handels- Hilfsarbeiter Deutschlands wurde Rein gewählt mit der Maßgabe, daß hierzu die Zustimmung der Kollegen im Deutschen Reich eingeholt werden soll. Zu Revisoren dieses Vertrauensmannes wurde» Stange, Koch, Straube und S ch u l z k e bestinunt. Tegel. Die Antisemiten hielten hier am 15. April eine Volks- versanmiinng ab, in welcher Hans von Mosch aus Friedenau über Warenhäuser, Judentum und Socialdcmokratie sprechen wollte. Da die Versammlung zum größten Teil ans Socialdemokraten be- stand und der Herr Hans von Mosch sein Bureau ans Friedenau mitgebracht hatte, so wurde von Socialdemokraten der Antrag ge- stellt, ein Bureau aus der Mitte der Versammlung zu wählen, was auch geschah, trotzdem es dem Herrn von Mosch nicht recht gefiel. Die Herren mußten die Bureauplätze räumen und an deren Stelle traten Socialdemokraten. Diskussion war auf dem Plakat nicht bekannt gegeben und nun bemerkte. der Vorsitzende, daß volle Diskussion stattfinde, womit auch Herr von Mosch einverstanden war. Hierauf wurde dem Referenten das Wort erteilt. Redner besprach das Thema in anfangs sachlicher Weise, als er auf das Judentum und die Socialdemokratie zu sprechen kam, gab er einige der landläufigen Albernheiten gegen unsere Abgeordneten zum besten. In der Diskussion wendeten sich einige Redner gegen das Referat. Doch konnte wegen der vorge- rückten Zeit die Versammlung nicht zu Ende geführt werden. Die- selbe wurde vertagt und wird Montag, den 24. April, abends 8 Uhr, fortgesetzt werden. Rixdorf. Hier fand am 17. April in den Apollo-Sälen eine allgemeine G e>v e r k s ch a f t s v e r s a ni in l u n g statt. Zu- nächst referirte Johann Sas send och über: die Errichtung von Zwangsinnungen am hiesigen Ort und welche Lehre zieht die Ar« bciterschaft daraus? Nach einem Rückblick auf die Geschichte der Zuifft- organisationen erläuterte dcrRcdner die hauptsächlichsten Bestinmumgen des Jnnungsgesetzes von 1897. Er empfahl die Wahl von Gesellcn-AnS« schüssen. R o s e n b a u m teilte mit. daß in einer Versammlung der Tischlerinnung, der größten Innung im Orte, angeregt worden sei, alle Gehilfen auszusperren, die ain 1. Mai die Arbeit ruhen ließen. Von einem Beschluß sah man ab.— Ueber den Krefelder Weber st reik referierte Textilarbeiter Hübsch. In tvarmen Worten legte er den Versammelten nahe, auch daS Ihre dazu beizutragen, daß der Streik einen Abschluß erhalte, der des langen Kampfes würdig sei.(Beifall.) 91 i e r t ch teilte hierauf mit. daß das Rixdorfer Gewerkschaftskartell bereits 630 Mark nach Krefeld gesandt habe. Heine mann berichtete dann über den Bauarbetterschutz- Kongreß, worauf sich die Versammlung mit den Beschlüssen des Kongresses einverstanden er- klärte und sich verpflichtete, für die Durchführung der Beschlüsse zu wirken. Unter„Verschiedenes" rügte Heinemann, daß bei der Aus- wähl der Unternehmer, die das GewerkschastshauS bauen, nicht die erforderliche Fürsorge für die Arbeiter obgewaltet habe. Auf dem Bau würden die ungelernten Bauarbeiter unter dem Tarif bezahlt, und als die Träger nicht mehr mitmachen ivolltcn, habe man die betreffende Arbeit einfach einem Fahr- stuhl-Unternehmer übertragen. Dieser Herr habe seinen Arbeitern eine„Ordnimg" beschert, die jeder Beschreibung spotte. Das Ver- lassen der Arbeit, um ein Bedürfniß zu befriedigen, darf nur während der Frühstücks-, Mittags- oder Vcsperpause geschehen. Wer mit seinen Kollegen spreche, werde bestraft, wie überhaupt jede Kleinigkeit unter Strafe gestellt sei. Während die Maurer unter angemessenen Bedingungen auf dem Bau arbeiteten, drücke man dort die ungelernten, d. h. die ärmsten Arbeiter. Ceutralverband der Konditoren.(Mitgliedschaft Berlin.) Heute abend 8-/- Uhr bei Schiller, Roscuthalerstr. 37: Mitglieder-Versauimlung. Gäste willkommen. Barbiere und Friseurgehilfeii! Heute abend 10 Uhr finden zwei große öffentliche Versammlungen statt. 1. Liudenstr. 106 bei Fritz Zubeil, 2. Brunnensäle, Brunnenstr. 13. Tagesordnung:„Stellungnahme zur Durch- setzuug des Ncunuhr-Ladenschluffes". Gäste willkommen. Naturheilverei» Friedrichsfelde. Heute abend SV? Uhr in MoinberS Lokal: Vortrag über„die Bedeutung der Naturheillunde uud des Natur- Heilvereins sür das Voll." Referent: E. Lindenau. Em PrOfstein für die Güte eines Getränkes ist seine Bekömmlidikeit. Katlireiners Malzkaffee würde kaum so viele Freunde haben, wenn nicht sein Genuss zu unserem Wohlbefinden beitrüge. Weil der ächte Kathreiner in hohem Grade die aromatischen Eigenschaften des Bohnenkaffees besitzt, nicht aber dessen schädliche Wirkungen, hat er sich überall eingebürgert. Reste Donnerstag, den 20., Freitag, den 21., Sonnabend, den 22. 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Urania fjMIc de« Inhalt der Inserate «brrntniuit die fticdattio» dem Publikum gegenüber keinerlei Ncraiilloortnng. Whentev. DonnerStag, den 20. April. Opernhaus. Mudarra. Ans.? Uhr. SchansPiclhanS. HcrodeS und Mariainne. Anfang?>/, Uhr. Deutsches. HanS. Borher: Mutter- herz. Ansang 7»/, Uhr. Lesslng. Im weifien Nög'l. Ansang TV» Uhr. Berliner. Platz den Frauen I Ans. 7'/- Uhr. Residenz. Der Schlafwagen-Kon- trolleur. Borher: Zum Einsiedler. Anfang 7V, Uhr. Neues. Eine LicveShcirat. Ansang 7'/- Uhr. Mctropol. Nach dem Balle. Vorher Die eisen,« Jungfrau. Ansang 7 V> Uhr. Schiller. Der Mann im Monde. Ansang 8 Uhr. Westen. Der Barbier von Sevilla. Ansang 7»/, Uhr. Cenlral. Die Puppe. Ans. VK Nhr. Thalia. Emtl amüsiert sich! Ansang 7V, Uhr. Luisen. Feuer. Anfang 8 Uhr. Belle-SlNiauer. Die RosaDominoS. Ansang 8 Uhr. griedt ich- Wllhelinstiidiische». Die Kwlst im Waffcnrock. Anfang S Uhr. Alerandrrpkatz. Die Lebemänner von Berlin oder: Der Klub der Hanulofen. Anfang 8 Uhr. 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