I 14. Jahrgang Sonntag, 22. IM 1934 Nr. 169 IENTRALORGAH DER DEUTSCHEM SOZI ALD EMO IC RAUSCHEN ARBEITERPARTEI IM MR TSCHECNOSI0WAKl$CNeN REPUBLIK (RSCHMNT MIT AUSNAHME MB MONTAU TMMICN HUM. MDMWON 1 nirrr T—~n~ rniinr—‘ HRRAUSORURt SIEOTOin TAUB. CHCTRCbAKTWRi WttHRM NHtUin WMHRMBMMCNHt MDMHUBi M. WIL STRAUSS, FRAG. Dollfuß will wieder henken lassen Sein Leibblatt beschwert sich Uber die passive Resistenz der Standgerichte Ungeklärte Situation In Paris Paris, 21. Juli. Aus der gestrigen Kabi- »cttssihiing wird bekannt, daß T a r d i e u erklärte, er habe unter Eid vor dem Untersuchungs- aoSschuß die ganze Wahrheit aussagen müssen; er habe nicht die radiknisozialistische Partei, sondern den ehemaligen Ministerpräsidenten Ehau- tcmps angegriffen, von dessen Schuld er über- »rugt sei. H c r r i o t erklärte in einer zurückhaltenden Rede, das; er Tardieu nicht das Recht absprechc, sich zu verteidige»(wegen der Angriffe betreffend Lui Scheck„Tardi"), das; er aber dessen Zeugenaussage vor dem Untersuchungsausschuß als Angriff gegen die radikale Partei und Verletzung dcö Burgfriedens erachte, woraus die Folgerungen gezogen werden müßten. Ganz unerwartet habe dann auch Außen- ministcr B a r t h o u, dessen Autorität im Kabinett nach den letzten Erfolgen seiner Außenpolitik sehr groß ist, die Notwendigkeit der De- mission Tardieuü betont, und dafür die Unruhe an der Börse und im Ausland ins Treffen geführt. Den Berichten der Linksblättcr zufolge besitzt Tardieu auch noch andere Feinde im Kabinett. Rach einer Berflon wird, falls Tardieu nicht zurücktritt, tzerriot atS Führer der Radikalfozialiften entweder selbst»der zusammen mit Tardieu au» dem Kabinett anS- . scheide». Dienstag dürste die entscheidend« KabinettSsihung stattfinden. Falls Tardieu nicht nachgibt, ist eine Gesamtdemisstau des Kabinetts keinesfalls ausgeschlossen. Zcltungsverbote In SaargeMct Polizei Mei icmMstricrcMe Hakenkrcuzier passiv Saarbrücken, 21. Juli. Die Saar-Regierung scheint sich in den letzten Tagen doch zu einem energischeren Vorgehen gegen die Haken« treuzorganisationen und ihre Presse entschlossen zu haben, die den Terror angesichts der sich nähernden Saarabstimmung etwas gar zu arg und osfen treibt. Bis gestern wurden 20 Zeitungen der„Deutschen Front" verboten, heute folgte ein weiteres Verbot von fünf Zeitungen für drei Tage. Gestern abends kam es bei einer Haussuchung in dem Fascistenblatt„Der braune Kumpel" neuerdings zu Straßendemonstrationen der aufgehehten Hakenkreuzler. Die Untersuchung in der Druckerei des genannten Blattes stand im Zusammenhang mit einem Strafverfahren wegen Verletzung des Briefgeheimnisss. Während der Haussuchung versammelte sich die Menge vor dem Hause der Druckerei und bedrohte die Polizei. Die angesammelte Menge erhielt immer neuen Zuzug durch Demonstranten, die auS Saarbrücken auf Motorrädern oder in Automobilen gefahren kanien. Die Polizisten verlangten einigemale Verstärkung, die ihnen schließlich gesandt kvurde, sich aber den Manifestanten gegenüber vollkommen passiv verhielt. Die saarländische Regiernngökommiffion hat z» dem Vorfall bisher nicht Stellung genommen. Alle studentenlührer aMcsctzt Berlin, 21. Juli. Dem Rcichsführer der Deutschen Studentenschaft, der dieser Tage sein Amt niederlegte, sind nunmehr auch sämtliche .Hauptamtsleiter" und„Amtsleiter"•bet Deutschen Studentenschaft gefolgt. Sie wurden sämtliche ihrer Aemter enthoben und führen sie bis zur Neubesetzung lediglich kommissarisch weiter. Auch die„Deutsche Studenteazeitung" hat aufgehört, ein amtliches Organ zu sein, und wird durch den „Deutschen Studenten" erseht.-Es soll sogar ein neues Arbcitsprogramm für die Nazi-Studenten ausgearbeitet werden, das sogar der wissen räumen soll. Wien, 21. Juli. Die Frist bis zum 18. Juli zur Ablieferung der Sprengstofse und die Drohung, von du an jedes Dprengstoffverbrechen und selbst den Sprengstoffbesitz unnachsichtlich mit dem Tode zu bestrafen, ist,«le wir schon vorge- stern konstatierten, ohne Wirkung geblie- ben. Nun sollen also Standgerichte und Henker an die Arbeit gehen, aber selbst diese letzten Stützen deS DollfußregimeS, die im Feber gegen die sozialdemokratischen Schutzbündler prompt und klaglos nach Befehl arbeiteten, scheinen nunmehr zu versagen. Auch die zeitweise Aushebung der richterlichen Unabsetzbarkoit scheint nicht viel gefruchtet zu haben. Der österreichische Richterftand ist eben schon so stark naziverseucht, daß selbst die StandgerichtSsenate bisher den augeklagten Parteigenosse» nicht viel tun und, falls die Geschichte nicht unter irgend einem Borwand an daS ordentliche Gericht abgetreten werden kann, mit ungewöhnlich milden Strafen Vorgehen, die den Zweck der Standgericht« ad absurdum führen. Darüber stimmt die heutige„Reichs- p o st", das Zentralorga» der Dollsnßchristen, ei» großes Klagelied an. Das Blatt gibt zu, daß Inzwischen find einige Personen verhaftet I .worbe», die— soweit man ans den»sstziellen Meldungen urteile» kann— nach dem strikten Wortlant der letzten Blutgesetze vom Standgericht znkn Tod« venirteilt werde» müßte». Cs handelt sich um Nationalsozialisten, aber auch»m zwei sozialdemokratische Schutzbündler, denen ein amtlicher Bericht«ine» an fich ziemlich harmlosen Anschlag auf di« Donauuferbahn zuschreibt. Bei der eben erwähnten Mentalität der österreichische« Richter ist es leider nicht ausgeschlossen, daß gerade dies» beide« Sozialdemokraten di» erste« Opfer des neuen Blutterrors werden könnte», während di« Nazis»i«d«r glimplich davonkommen. Di« g«samte, nicht hoffnungslos reaktionäre Leffentlichkeit der nichtfaseistischen Länder wird daher in den nächsten Tagen scharf darüber wachen müssen, daß daS Blutregime der Dollfuß und Feh» die kaum einen winzigen Bruchteil der österreichischen Bevölkerung hinter sich haben, nicht wieder neu» unschuldige Opfer fordere! Ueber den Fall wird folgende» bekannt: I« Wien hielt heut« früh ein Wachmann im X. Bezirk zwei Männer an, di« flüchteten und sich den Verfolger durch drei Revolverschüsse vom Leibe zu halten suchten. Zwei davon trafen und verletzte» den Polizisten lebensgefährlich. Die Flüchtende« wurden von Passanten und Wachleute» nach einem weitere« Kugelwechsel festgenommen. Es sind dies der LSjärige Josef Gerl «nd der 21jährige Rudolf A n z b ö ck, beide wohnhaft in der Engerthstraße im XX!. Bezirk. Wie amtlich gemeldet wird, gaben di« beide» bei ihrer Vernehmung zu, Mitglieder der sozialdemokratischen Partei und drs gewesenen republikanischen Schutzbundes zu sein. Sie hätte« heute in den Morgenstunde» an de« Geleisen der Donau-Uferbahn nächst den Lagerhäusern der Gemeind« Wien«ine Sprengung vorgenommen. Tatsächlich soll an den erwähnten Bahngeleisen eine Explosion erfolgt sein, durch die der Zementsockel der Signalanlage zertrümmert wurde, während die Geleise unbeschädigt blieben. Die Anzeige an das Standgericht wurde erstattet. alle Drohungen nichts gefruchtet haben und die Terrorakte weitergehen. Bei der Untersuchung der Ursachen kommt das Blatt auf die Praxis gewisser Gerichte zu sprechen, die für jede Uebeltat eine harmlose Erklärung haben. So sei es gestern in Graz geschehen, daß Leute, die erwiesenermaßen eine Brücke zerstörten, um die Einlieferung abgefaßter Verbrecher zu verhindern, vom Standgericht nicht verurteilt wurden mit der Begründung, daß die Brücke ohnehin morsch gewesen sei und hätte repariert werden müssen". Alaun könne sagen, daß solche Urteile Verbrecher erzeugen. Di« berufenen obersten Stellen würden in dem jetzigen Endkampf gewisse Richter von ihrer schwerer Verantwortlichkeit überzeugen müssen. s Diese Kritik der„RcickiSpost" bezieht sich auf die gestrige Entscheidung deS StandrichteS in Graz, wo vier Nationalsozialisten angcklagt Waren, die über den RiegcrSbach bei Radenthein in Kärnten führende Brücke demoliert zu haben. Das Standgericht überwies die Angelegenheit mit der obangeführten Begründung an das ordentliche Gericht. an Harlander abgeliefert hatte, wurden verhaftet und die Anzeige an das Standgericht erstattet. In Hassendorf bei Bruck a. d. Mur in Steiermark kvurde der Hilfsarbeiter Max Kal« ch e r, ein Nationalsozialist, verhaftet. In seinem Besitz Ivurden ein Sprengrohr und eine geladene Pistole gefunden. Kalcher hat sich Zeugen gegeniiber geäußert, daß er an dem letzten Sprenganschlag beteiligt gewesen sei. Jin Zuge der weiteren Erhebungen ivurdc auch ein gewisser Karl Stromberger angehaltcn, der das Spreiig- material besorgt haben soll. Mittenwaldbahn vorübergehend eingestellt Dem Anschlag auf da» Elektrizitätswerk von Renkte, das dadurch auf Monate hinaus lahmgelegt wurde, folgte in der Rächt auf heute ein Sprengstoffanschlag auf die M i 11 e n w a I d- b a h n, die Innsbruck mit dem Zugspitzengebiet verbindet. ES wird lediglich gemeldet, daß der Bahnbetrieb„vorübergehend eingestellt" werden mußte. Ferner wurde heute Nachts ein Spreng- stosfanschlag auf das Trausforniaiorenhans des Elektrizitätswerkes Schatt waldin Tirol versucht. Bei den durchgcführicn Erhebungen konnten am Tatort Fußspuren festgestellt tverden, aus denen hervorgeht, daß es den Tätern gelungen ist, über die deutsche Grenze zu flüchten. Am 2V. Juli explodierten beim Armenhaus in Achcnkirchen in Tirol zwei Sprengkörper. Durch die Explosion wurden zwei Personen, darunter ein Kind, schwer verletzt. Sie möchten dem Prozefi Seitz auswelchenl Im(gestohlenen I)„Arbeiter-Sonntag" schreibt Bizebürgermeister Dr. Winter air leitender Stelle über die„Hindernisse der Verständigungsaktion" und betont, man könne schtverlich ernsthaft Menschen zur Mitarbeit, einladen, deren Pater, Sohn, Brüder und Freunde nur aus politischen Gründen gefangen gehalten werden. In diesem Zusammenhänge bezeichnet der Bizebürgermeister ,. den Fall des■ früheren Bürgermeisters Seitz als'symptomatisch. Seitz sei ein kranker Mann. Wenn man. ihn eine Heilanstalt aufsuchen lfeße. würde, man dadurch vielen wertvollen Kräften die Mitarbeit überhaupt ermögliche». Vier betet für das Dritte Reich? Von Fred War Adolf Hitler hat in seiner Rede über den 30. Juni betont, daß es in Deutschland doch vor- wärts gehe und alles viel besser geworden sei. Millionen Menschen lieben den Staat und beten für ihn. Er sagte das mit solchem Pathos, daß man annehnien kann, wenigstens er glaubt an seine Worte. Autokratische Regierungssysieine haben in ihrer Todesstunde oft geglaubt, sic feien gesund»nd munter. Diese Selbsttäuschung liegt im Wesen ihres Systems. Wenn sic sich, wie bei Hitler, mit dem Wunsch paart, der große Menschenbeglückcr zu sein, wird die Behauptung des Führers begreiflich. Ganz bestimmt ist cs in jenen Kreisen, wo er lebt, besser geworden. Wir sehen von feinem eigenen Aufstieg ab, der dcnr kleinen Mann als der Aufstieg Deutschlands erscheinen muß, nachdem er sich— unbescheiden wie er ist,— als der Mittelpunkt dieser Nation fiihlt, obwohl er auch in seiner letzten Rede wie- der nur den Beweis dafür erbracht hat, daß er zwar ein Kopf, aber leider nur ein K c h l. köpf ist. Immerhin, er regiert nicht darum, weil überhaupt niemand für ihn betet und begeistert ist. Aber wer betet für den Führer, wer betet für das Dritte Reich? Fangen wir mit der S ch w e r i n d u- st r i e an und hören wir— wie es sich im Drit. ten Reich gehört— mit dem Arbeiter auf. War- um soll die Schwerindustrie nicht für Hitler beten, nachdem der Führer sic vor der Verstaat. lichung bewahrt hat und insbesondere Thyssens Stellung unglaublich verstärkte l Warum soll sic unzufrieden sein mit dem Gesetz zur Vergewal- tigung der Arbeit? Warum soll sic Gott im Himmel und seinem Stellvertreter auf deutschem Boden nicht dankbar sein, nachdem am 30, Juni zwei gefährliche Strömungen(zunächst l) nieder, geschlagen wurden, sowohl Röhm als auch der staatskapitalistische Schleicher, der während seiner Kanzlerschaft im Begriff war, Thyssen seiner Herrschaftssiellung im Westen zu berauben! Und warum sott der Großgrundbesitz, dec Dritte im Bunde der Harzburgcr Front, nicht für das Dritte Reich beten? Herr Darrö hat die Linie des 30. Jänner konsequent eingchalten, die„Gc- fahr des Bolschewismus auf dem flachen Lande" ist gebannt, die Osthilfe geht weiter. Bis zum 1. Dezember 1933 wurden 319 Millionen Mark atlSgezahlt. Als Hitler seine Kanzlerschaft begann, waren es 160 Millionen Mark, die vcr- schleudert wurde». Also cs hat sich allerlei„gebessert". Aitdcrs ist das schon bei der Export, industri c, in den Häfen»sw. Die Ereignisse des 30. Juni müssen ja auch einen ökonomischen Untergrund haben. Und da kann man sagen, daß auch im Bürgertum, und nicht nur im geistigen, sondern ebenso im industriellen, Unzufriedenheit besteht. Die Exportmdustrie ist gar nicht der von Hitler in seiner Rede geäußerten Meinung, das; der Boykott durch das Ausland lind die Roh. stofskrise kraft der Genialität der deutschen Er- sinder und Chemiker gelöst werdell kann. Im Gegenteil, die Spitzenorganisation der deutschen Industrie hat in einer vertraulichen Eingabe au die zuständigen Stetten darum ersucht, alles zu tun, unl Rohstoffe ins Land zu bekommen, denn I die Ersatzstoffe gefährden dcil deutschen Export. lAuch sollten Meldungen, die sich auf Verarbci- tung von Ersatzstoffen beziehen, unterdrückt werden. h- Und warum sollen die K a t h o l i k e n für das Dritte Reich beten? Etwa dafür, daß ihr Klauscner erschossen wurde, daß sie ihren Got- tcsdienst nun schon heimlich in den Wäldern abhätten niüssen, oder dafür, daß die katholischen Jugendorganisationen allmählich ausgehungert werden sollen, indem ihnen praktisch jede Le- bensmöglichkeit genommen wird? Ein' Kandidat für. das. Standgericht ist' in erster Linie der.Bauer Peter Harlan der in Taxenbach.(Salzburg),'bei dem 52,Kilo Spreng- > stoss und fünf Handgranaten retchsdeutscher Her- schastlichcn Betätigung ein gewisses' Feld ein- kunft gefunden wurden. Harlander sowie ein ge- Iwisser Scharmtann^r, dcr den Sprengstoff Zwei SehutzMimMer vir das Standgericht? feettt 2 Sonntag, 22. Juli 1S84 ». 1« Für was sollen die Bauern beten, für was die Kleinbürger? Was ist bester geworden bei ihnen, was hat sich vor allein in der Außenpolitik gebessert? Man hat niemanden gewonnen, aber alle verloren. Rosenbergs Konzeption, England von Frankreich zu lösen, um ein deutsch-italienisch-englischeS Bündnis im Kampfe gegen Frankreich nnd Rußland zustande zu"bringen, ist kläglich gescheitert. England wird sich auf die Dauer nie von Frankreich lösen köii- nen, so stark die Gegensätze zeitweilig auch sein! mögen, und Italiens Beziehung zu Deutschland hat sich auch sehr merklich abgekühlt. Vor allem aber ist Rußland in die Front der Hitlergcgner eingeschwenkt, nachdem Deutschland betonte, daß der Nationalsozialismus nicht nur den innerdcut- scheu BolschewiSinus, sondern den intcrnationa- len Bolschewismus zu schlagen habe. Verschnupft steht die Reichswehr beiseite, die der eifrigste Förderer der Ostpolitik war. Und waS ist anl Leben der A r b e i t e r besser geworden? Wir wollen hier nicht auf die materiellen Verschlechterungen hiniveisen. Der moderne Arbeiter lebt nicht von« Brot allein. Wieviel Brot er hat, ist nicht allein Maßstab da- fiir, ob er gut oder schlecht lebt. Hat der Nationalsozialismus schon das materielle Leben der Arbeiter verschlechtert, so hat er sein geistiges und menschliches völlig vernichtet. Wie das entscheidende Merkmal des Kapitalismus nicht daS materielle Elend der Arbeiter ist, so kann auch die inaterielle Besserstellung bestimmter kapitalistischer Gruppen nicht allein als Beweis dafür gcl- ten, daß das System auf Ausbeutung beruht. Es ist umgekehrt sogar denkbar, daß die Unternehmer materiell schlechter gestellt werden, ihre Machtbefugnisse über lebendige Menschen jedoch unendlich erweitert werden. Das Dritte Reich hat den Uirternehmer materiell und machtpolitisch bereichert, cs hat den Arbeitern zugleich das Brot und die Freiheit geiioinmen. ES spricht für die Reife des deutschen Proletariats, daß es das Stück Brot noch eher verschmerzt als die Freiheit. In vertrauten Kreisen kann man oft hören: „Das Leben ist unerträglich, man lebt ja schlechter als ein Hund. Heucheln und lüge«« muß man, wo immer es sei." Wir Marxisten sind nicht „materialistisch genug," um den Wert eines Systems lediglich vom Brotkorb her zu beurteilen. Wir wollen dem Leben niehr abgewiniici«, und auf dieses Mehr kommt cs uns an. Heute ist das deutsche Proletariat in jeder Hin- sicht gefesselt.Nicht nur wirtschaftlich, auch poli- tisch und kulturell. Während der Sozialismus die Produktion kontrollieren und beherrschen «vill, um den« Menschen in der Konsuintion jede freie Wahl zu ermöglichen, fängt der National- sozialisinus umgekehrt an, er läßt die Wirtschaft frei laufen, er singt das hohe Lied der Privatinitiative, die so kläglich versagt hat, und verstaatlicht dafür«nehr und mehr den Arbeiter, seine Freizeit und alle seine Bedürfnisse. Der Nationalsozialismus«nacht aus der Gesellschaft eine riesige Kaserne im Stile der Vorkriegszeit. Hemmung der Entfaltung der schöpferischen Kräfte der überwältigenden Mehrheit des Vol- kes: diese Praxis ergibt sich aus der grenzen- losen Mißachtung des Arbeiters. Man hält ihn nicht für fähig, aus seinem eigene«« Leben heraus S ■ FRITZ ROSENFELD: ma dxjatta BIN BOMAN ZWISCHEN TRAUM UND TAO Ala Eddin winkte seinem Haushofmeister, flüsterte ih>n ein paar Worte ins Ohr, die Frau mit den Hellen Haaren und den Hellen Augen wurde fortgeführt, in der Richtung des goldenen Gitters, aber in einen andren Raum, in dem weder Lanzenträger waren noch der dicke Mann mit den fetten Fingern, sondern nur ein altes Weib, zahnlos, gebeugt, mit bleichen weißen Haaren. Die Alte geleitete das Mädchen zu einer Truhe mit Kleidern, versprach, es zu salben und zu schmücken, während draußen, im Saal, vor dem Thron, weiter die Reihe der Verhüllten an Ala Eddins Augen vorüberzog und der Finger und das Kinn die Scheidung vornahmen zwischen denen, die der fette Mann und denen, die der dunkle Raum mit den Gewaffneten in Empfang nahm. Die letzten Mädchen besah Ala Eddin nicht mehr. Ihn fieberte zu sehr nach diesem Haar,«ach diesem Leib. Er warf dem Anführer einen Beutel mit Goldstücken zu. Der fing ihn auf, neigte sich zur Erde, küßte den Pantoffel Ala Eddins. Die Neger streuten neues Räucherwerk in die goldenen Becken. Schärfer wurde der Geruch, die Flamme züngelte höher, der Rauch erfüllte den Raum mit dichten, gelülichgrauen Wolken. Ma Eddin saß allein in der Halle, den Kopf gesenkt, die Augen an die Mosaike des Bodens verloren. SS gab noch Frauen, wie er sie nie gesehen; Träume, die er, der mächtigste aller Menschen, nee geträumt» die richtigen Wege zu gehen. ES ist jene Auffassung von der Masse, aus der sich dann eine solche nationalsozialistische These ergibt, wie die, daß ApparatedieGeschichtemachcn. Wer diese Wese für richtig hält, kann nicht anders als nationalsozialistisch handeln, kann sich den Menschen nur als Material seiner Zwecke und Inter- essen denken. Die deutschen Arbeiter bedanken sich für eine solche Praxis. Sie haben in Konzentrationslagern und Gefängnissen, in« Betrieb und in der NSBO gesehen, was sich aus dieser These ergibt. Sie haben dabei zum großen Teil die Erkenntnis bestärkt, daß ihre Befreiung nur ihr eigenes Werk sein kann. Die Beherrschung des Menschen durch einen Apparat hat einen Höhepunkt erreicht, wo sich ein radikaler Um- schlag vollziehe«« wird und«nuß. Der Mensch ist heute entwürdigt, am ineistci« der Arbeiter. Kürzlich hieß es in einer nationalsozialistischen Zeitung:„Es gibt eine Gruppe von Leuten, die der Auffassung sind, der Feierabend und seine Gestaltung sei eine„Privatsache jedes Einzel- nen". Diese Auffassung wird zurückgewiesen, weil sie„rein liberalistischem Denken entspricht". Der Arbeiter ka««n sich heute nicht mehr aussuchen mit wen« er wandern, wohin er gehen, waS er am Sonntag machen will, er darf nicht lieben >vei« er will, kurz, er ist völlig verstaat» licht. U««d diesein Arbeiter soll es besser gehen als früher? Wohl darum auch das AbsttmmungS- ergebniS in den. Betrieben? Wohl darum überall das dumpfe Murren, das rege illegale Arbeiten? Der 30. Juni scheint seine Ursache überhaupt darin zu haben, daß eS in Deutschland in jeder Hinsicht„besser geworden" ist! verschnmndene«« Parteien die„Sudeten« deutsche Heimatfront" getreten, die Koudelka folgendermaßen charakterisiert: Die hervorstechendste Seite des Henleiuschen Glaubensbekenntnisses ist die Ungewißhei t. Henlein bläst sozusagen mit einem Atem kalt und warm. Seine Kundgebungen übernehme«« in vielem die hakenkreuzlerische Dialektik, wobei er gleichzeitig formal die Loyalität beachtet. Gerade diese Unklarheit, bester gesagt, die Zwiespältigkeit der Henleinbewegung überzeugt davon, daß es sich um eine vorsichtige Fortsetzung des Haken kreuzt umes handelt Wenn Henlein damit nicht rechnete, WaS würde ihm wehren mit demokratischer Offenheit und Ehrlichkeit zu reden I So muß man seine Tätigkeit als praktisches Bestrebe«« der Schaffung einer Bewegung betrachten, begründet auf der TotalitätSlehre des reichsdeutschen HakenkreuztmnS der Ueberflüssigkeit aller anderen politische«« Parteien und der teutonischen AuSerwähltheit der Heimatfront... Henleins Beweg mig strebt praktisch die Zerstörung des demokratischen Systems der politischen Parteien unseres Deutschtums an und verbirgt nicht die apolitischen ständischen Ideale, tvelche das Kennzeichen einer Bewegung sind, die zum FaseiSmuS und zu den politischen Formen der Diktatur drängt." Aus dieser richtigen Charakteristik der Hen« leinbeivegung leitet Koudelka auch die richtige Folgerung ab, daß eS die Aufgabe der demokratischen Parteien des deutsche«« Volkes, insbesondere der deutschen Sozialdemokratie ist, gegen diesx und alle ändere«« Formen des FasciSmuS im Sudeten« deutschtum einen entschiedenen politisch-geistigen Kampf zu führen. DaS deinokratische Tschechen» tum hat die Aufgabe, das demokratische Deutschtum in diesem Kainpfe zu unterstützen und gerade deswegen„müsten wir", so sagt der Verfasser", auch Verstä««dnis haben für die Sorgen unserer Deutschen um ihre Sprache und um ihr Sein, so wie wir unü wün- schen, daß die Deutschen unsere Sorge um u»n seren Staat begrei- f c n." Gerade die Demokratie verlangt es,„den Deutschen eine gelvisse grundlegende sprachlich^ und nationale Sicherheit zu gelvährleisten, welche in Uebereinstimmung wäre mit den Hoheitsintcrci- sen und Bedürfniffen des Staates." Die Lösung des Problems sieht Koudelka in der S ch u l- und Kulturautonomie, welche im Programm der tschechischen Sozialdcinokratie von 1930 enthalte«« ist, für die sich auch auf bürgerlicher Seite der LandlvirtschaftSn«i>«ister Dr. Hodja ausgesprochen hat und zu der die wissenschaftlichen Grundlagen in seine«« Schriften Prof. Dr. Zdenik P e s k a geschaffen hat. Als bemerke««swert hebt Koudelka hervor, daß in einer Vorrede zu oessc«« Werke auch der bevollmächtigte Minister Doktor K r o f t a zu den Vorschlägen PeskaS einen sympathischen Standpunkt eingenommen hat. Mit Recht betont Koudelka im vorletztem Kapitel, daß auch die nationale Frage eine soziale ist. Gerade im gegenwärtigen Moment leiden die vorwiegend von Deutschen bewohnten Bezirke unter den Folgen der Wirtschaftskrise und eine Regelung des politischen Verhältnisses der Tscheche» zu dei« Deutsche«« bedingt auch die Sorge des Staats um daö wirtschaftliche Schicksal der deutschen Bevölkerung. Die Tatsache, daß die Tscheche- slowakische Republik eine größere deutsche Minderheit hat, muß für die Zukunft des Staates kein Nachteil, eS kann auch für sie ein Vorteil sein, „Der nationale Staat", so schließt Koudelka sein Büchlein,„verfällt eher den Verführungei« einer nationalen Diktatur, welche sich rasch ii« eine reaktionäre Diktatur verwandelt, als ein Natio- Tschechen und Sndclcndcutschc nach dem Weltkriege Die Schritt eines tschechischen Genossen Unter dein Titel„Mir Cechfi s NSmci“ (Der Friede der Tschechen mit den Deutschen) hat der Redakteur des„Prävo Lidu" Jaroslav Koudelka im Verlag des den Legionären nahestehende««„Svaz närodniho osvobozeni“ ein Büchlein herausgegeben, IvelcheS eine Darstellung und Würdigung der sudeten- deutschen Politik nach dem Weltkriege enthält, ein neuerlicher Beweis dafür ist, daß die tschechischen Sozialdemokraten den nationalen Provleinen des Deutschtums«veitgehendeS Verständnis entgegenbringen und daß sie die Fragen des tschechosloivakischen Deutschtums als das betrachten, als«vas auch wir sie auffassen, als ein bedeutsames nicht nur politisches sondern auch soziales Problem. Koudelka gibt in den ersten Kapiteln eine objektive Darstellung der sudetendeutschen Politik in den ersten Nach krieg s- j a h r e n. Er schildert den Kampf um daS Selbst- bestiinmungsrecht, den die Deutschen bis zum Frieden von St. Gerniain geführt haben, erzählt von den Erklärungen der deutschen Parteiei« beim Eintritt«ns Parlament 1020 und von den nationalen und politischen Programmen der deutschen Parteiei« in diesen Jahren. Den Auffastungen der Deutschen stellt der Verfasser dann die der Tschechen gegenüber, insbesondere die MasarykS, und schildert die Bemühungen des Staatspräsidenten sowie des seinerzeitigen Ministerpräsidenten Tu« sar, zu freundschaftlicheren Beziehungen zu den Deutschen zu kommen, worauf schließlich die gesetzliche Regelung der Frage der nationalen Minderheiten zur Erörterung gelangt. Man kann sagen, daß Koudelka diese heute bereits längst ab- geschlostene Periode des Berhältnistes zwischen Deutschen u««d Tschechen in der Republik ruhig betrachtet und daß er den damaligen Kämpfe«« der deutschen Parteien mit Verständnis gegenüber st eh t. Er stellt an den Kundgebungen der deutschen Parteien in den ersten Nach- lriegsjahren fest, daß hier ein gewisser Unterschied bestand zlvischen den nationalgemätzigten Parteien, welche sich aus den Boden des Staates stellten und den nationalradikalen Gruppen, welche der Republik völlig ablehnend gegenüber standen. Er hebt insbesondere hervor, daß schon in der prograinmatischen Erklärung, mit der Selig e r seine leider nur zu kurze parlamentarische Tätigkeit in der Tschechoslowakischen Republik eröffnete, der leidenschaftliche Wunsch zum Ausdruck kam„im Rahinen dieses Staates" den Kampf der deutschen Arbeiterschaft gemeinsam mit den rsche- chischen Arbeitern zu führen. Auch das seinerzeitige Auseinandergehen des deutschen parlamentarischen Verbandes und LodgmanS Ausscheidei« aus dem politischen Leben 1025 sind ihm ein Zeichen, daß auf bürgerlicher Seite die Klärung bald beggnn, was 1026 zur Bildung einer parlamentarischen bürgerlichen Mehrheit und am 12. Oktober 1926 zur Konstituierung einer Regierung führte, in der zum ersten Male auch Deutsche saßen. Mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt Koudelka selbswer« stündlich die Geschichte des Berhält- nisses der beiden sozialdemokra- tischenParteien und zeigt, wie schon 1927 anläßlich des Tepliher Parteitages auf deutscher sozialdemokratischer Seite Stimmen laut wurden, die mit aller Entschiedenheit ein besseres Verhältnis zur tschechischen Sozialdemokratie verlangten und tvie dann durch dei« denkwürdigen Smjchover Kongreß 1928 eine neue Aera internationaler sozialdeinokratischer Zusammenarbeit in der Tsche- choslotvakei eingeleitet wurde. Weirhin sichtbare«« Ausdruck fand diese gemeinsame Politik im Eintritt beider Parteien in die Regierung 1929, eine Tatsache, die, wi? Koudelka sagt, die Republik bisher nicht zu bedauern hatte. Einen breiten Raum in der Darstellung KoudelkaS nimmt die Darstellung der Politik der letzten eineinhalb Jahre ein. Der Verfasser schildert die bekannten Tatsachen, wie der Sieg des FasciSmuS in Deutschland die demokratische Regierung der Tschechoslowakei einerseits dazu ztvang, der Tätigkeit zweier deutscher sascistischer Parteien ein Ende zu sehen, lvie aber andererseits gerade die Hakcnkreuzlerei in Deutschland zum Zusammenschluß der tschechischen und deutsche«« demokratischen Elemente in der Tschechoslowakei und zur engsten Anlehnung deutscher Parteien an den Staat geführt hat. Allerdings sst an die Stelle der Die Helle stand unterdessen, mit herabhängenden Armen, den Kopf gesenkt wie Ala Eddin, vor der Truhe. Sie sah nicht die Kleider und Tücher, den Halsschmuck und die Stirnreifen. Als zwei Frauen zu ihr traten, die sie entkleiden wollten, kam Kraft in die schlaffen Arme; die Fäuste setzten sich den Frauen an die Brust und drängten sie zurück. Aber J*ie Frauen faßten die Fäuste u««d drehten sie, daß der Schmerz sich tief in die Gelenke der Hellen biß, daß die Helle den Mund zusammenpreßte, um einen Schrei zu unter- drücken. Nun ließ sie alles mit sich geschehen, ließ sich entkleiden, ließ sich salben, ließ sich schmücken mit Blumen und goldenen Ketten, und einem funkelnden Stirnband aus Edelsteinen. Mer heller als die Steine flammte ihr Haar, und ihre Augen überstrahlten den Glanz der Geschmeide. Ihre Blicke jedoch Ware« tot. Man mußte ihren Arm heben, wenn sie in ein Kleid schlüpfen sollte. Sie leistete keinen Widerstand» sie schien nicht zu wissen, was mit ihr geschah. Als sie angekleidet und geschmückt war, bekamen die Frauen Angst vor ihrem Blick, und der dicke Mann fuhr zurück, als er sie sah. So gingen die Feen durch die Märchen, und so mochten die Töchter Allahs aussehen an den Tagen der großen Feste. Die Griechin stand neben der Hellen, auch sie War geschmückt, mit Steinen beladen und Perlen. Sie freute sich der Steine und Perlen und liebkoste sie mit den Händen. In einem silbernen Handspiegel betrachtete sie immer wieder ihr Bild. In den breiten Flachen der großen Steine spiegelte sich der Raum; in fremden Farben und ein wenig verzerrt. Wer immer mit diesen Steinen spielen dürfte! Der Dicke winkte den Frauen, sie geleiteten die Mädchen aus dem Zimmer, durch Gänge und Gänge, an Türen und Türen vorüber in einen anderen Raum. Die Helle warf einen Blick in den Raum. Große Polster lagen auf dem Boden, bunt in seidenen Farben, in einem Winkel stand ein Lager, ein kleines Tischchen davor. Die Wände waren weich von den vielen Teppichen. Heber allem lag silbernes Licht, ein großes vergitterte» Fenster stand dem Mond offen, der durch alle Gitter flutet mit mächtigem, magischem, schweigsamem Rauschen. Einen Augenblick stand die Helle still. Dann wurde sie lebendig, stürzte an das Fenster, legte sich in das matte, silberne Licht, badete sich in die- sein Licht, trank es mit den Augen und den Nüstern und mit den offenen, gereckten Händen. Die Frauen sahen den Dicken an: was wollte die Helle, der Mond schien doch in vielen Nächten, warum warf sie sich ihm durstig entgegen, war er ihr Schuhgott? Sie schloffen die Türe, stellten die Mte als Wache in den Gang. Ihr Befehl war: das Mädchen geschmückt in dieses Zimmer zu bringen. Mochte es dort mit dem Mond Zwiesprache halten, so lange es wollte. Sie verschwanden, ein Riegel klirrte, die Helle hörte e» kaum. Die Helle war allein. Sie fühlte es nicht. Sie fühlte nur den Mond. Fühlte den Tau seines milden Lichtes, das einzige sanfte Streicheln seit Wochen. Seit dem Tag, da ihre Vaterstadt überfallen, ihre Familie erschlagen, ihr Haus verbrannt, ihr Gut geplündert, ihr Leib von den fremden Kriegern in den schweren Panzern aufs Pferd geworfen und endlos durch Wüsten und über Berge geschleift worden war. Fast ließ der Mond sie die» alle» vergeffen. Wenn man ihn lange ansah, ganz lang und ganz starr, uiid an nichts andres dachte, nicht einmal an die Mutter, der sie den Schädel gespalten, auch nicht an den kleinen Bruder, deffen dünnen Körper sie mit einem krummen Säbel an die Tür geheftet, we»«n man an nichts dachte und aus diesem langen Anblicken der silberne«« Scheibe erwachte, dann mußte alles gewesen und auSge- löscht sein. Der Mond saugte eS aus den Gedanken, aus dem Herzen, aus dem Leib. Aber er war tückisch. Wenn man ihn zu lange ausah, warf er ein unbekanntes Gift ins Blut, daß man zu taumeln begann und das irrsinnige Verlangen empfand, nur ihm nachzugehen, so hoch man nur gehen konnte, mit Flügeln ihm nachzufliegen oder mit großen leichte« Schritten den Weg mitten durch die Luft zu ihm zu suchen. Man müßte wohl eine Ewigkeit wandern, bis man den Berg oder den Turm gefunden, der so hoch war wie der Mond. Mit einem lleinen Sprung konnte man dann in die gelbe, leuchtende Scheibe springen. Mst einem lleinen, kleinen Sprung... Da verbarg sich die Helle. In den dunkelsten Winkel des Zimmers flüchtete sie, auf das Lager, das dort bereitstand. Beide Fäuste preßte sie gegen die Stirn, die Augen waren auf den Boden gerichtet, über den der Schatten des Gitters wanderte, langsam, wie der Mond Wer den Himmel ging. So spürte man den Mond, ohne ihn zu sehen, so stand man ein wenig unter seiner Macht und widerstand doch seiner Lockung, auf die Berge und Türme zu steigen und sich ihm hinzugeben mit offenen Händen und offenem Herz. Das Kreischen des Riegels unterbrach die Gedanken der Hellen. In die Mondlichtzeichnung fiel ein schmaler Streif Licht von draußen, dann ein Schatten. Eine Gestalt, groß und breit, mit "einem langen Bart, der sich deutlich auf dem Boden abzeichnete. «la Eddin stand vor dem Mädchen. Sei« Bart sah grau aus in diesem seltsamen Licht, seine Züge waren noch finsterer. Er hatte nicht erlaubt, daß Fackeln gebrächt werden. Der Mond genügte. Die Fackeln sollten nicht das unvergleichliche Licht dieses Haars und dieser Auge« verfälschen. Er stand in der Mitte des Raums, mächtig, fast ihn erfüllend, und suchte das einzige lebende Wesen, das außer ihm zwischen diese« Wänden atmete. (Fortsetzung folgt.)' «r. 168. Sonntag, 22. Juli 1034 Seite 8 Noch einmal Krieg? Mn Rückblick auf den Ausbruch de» Weltkrieg«» vor iwanzlg Jahren | Aehnliche Aeußerungen des Kaisers, von denen man damals natürlich nichts erfahren hat, liegen in großer Menge vor. Dem deutschen Botschafter in London, Fürsten Lichnowsky, der sich in seinen Berichten ähnlich geäußert hatte wie sein Wiener Kollege, schrieb Wilhelm H. Randbemerkungen auf die Telegramme, die man nicht für möglich halten soll. Einmal schrieb er über die Engländer:„Mit solchen Halunken mache ich nie ein Flottenabkommen." Cs soll ausdrücklich betont werden, daß das Auswärtige Amt in Berlin, zu dessen Gunsten man leider nicht viel sagen kann, die Einstellung des Kaisers offiziell wenig beachtet hat. Je länger der Krieg dauerte, um so klarer wurde es, daß er einen für Deutschland sehr bösen AuSgang nehmen müsse, wenn cS nicht gelingen "ollte, rechtzeitig einen Frieden der Verständigung jerbeizuführen. Während Deutschland immer chwächer wurde und schließlich die Verluste überhaupt nicht mehr ersetzen konnte, schlossen der Gegenseite sich immer neue Mächte an. MS die Bereinigten Staaten sich der Entente noch än- chlosscn, konnte der Ausgang deS Krieges nicht Mehr zweifelhaft sein. Dieamerikanischen Soldaten, neu eingekleidet und vorzüglich bewaffnet, gaben den Ausschlag. Auf deutscher Seite hungerten die in Lumpen gekleideten Soldaten längst, vielfach fehlte es ihnen auch an Munition. Von der Not und Verzweiflung des deutschen Volkes, das immer lauter nach Frieden schrie, braucht in diesem Zusammenhänge nicht erst gesprochen werden. Als die deutschen Heerführer sich endlich verständigen wollten, war cS zu spät. Und als am 1. Oktober 1818 Hindenburg nach Berlin sagen ließ, daß die Armee nichtmehrachtundvicrzigStunden auf eine neue Regierung warten könne, die den Präsidenten Wilson um Frieden bitten müsse, da wußte alle Welt, daß das Deutsche Reich erledigt sei. DaS war sechs Wochen vor dem 8. November 1818. Der Zusammenbruch des Heeres und des Reichs war nicht die Folge der Revolution, vielmehr war die Ausrufung der Republik die Folge des Zusammenbruchs der Front und des Staates überhaupt. Für das Verhalten der SPD wird man jetzt auch in den Staaten mehr Verständnis aufbringen, die eö vor zwanzig Jahren leider nicht aufzubringen vermochten. Die sozialistische» Parteien aller Länder bewilligen jetzt— im Gegensatz zu früher — in den Parlamenten die MilitärctatS, gleichviel, ob sie größere oder kleinere Summen fordern, gleichviel, ob die sozialistischen Parteien dem Militarismus„grundsätzlich verwerfen" oder mehr national eingestellt sind. Wir haben es vor nicht langer Zeit erlebt, daß die Sozialdemokraten einer alten Republik die militärischen Forderungen ihrer Regierung zu niedrig fanden und unter Hinweis auf die drohende Gefahr steigerten. Jetzt bewilligt man seitens der Sozialisten militärische Forderungen, um den Fascismus fern zuhalt en. 1814 wurde Deutschland vom Zarismus bedroht, der bestimmt nicht besser war. als der Fascismus von heute. Was das zaristische Rußland war, haben viele heute vergcsien. Hätte der Zarismus gesiegt— das hätte er bei einer anderen Taktik der SPD unbedingt in kürzester Frist—, dann wäre Europa dec Fascismus wahrscheinlich nicht in vielen Ländern erspart geblieben, kommuni st ische Parteien würde es bestimmt weder in Rußland noch in Deutschland geben. DaS Ivcsentlichc ist nicht, daß die Sozialisten aller Länder, niögen sie auch die ernsthaftesten Gegner des Militarismus sein, die LandeSvcr teidigung bejahen und deshalb folgerichtig militärischen Forderungen zustimmen. DaS wesentliche ist, die sozialistischen Parteien aller Länder dermaßen stark zu machen, daß sic jeden Krieg unmöglich machen können. In einem wirklich demokratischen Europa wird c» eine Kriegsgefahr nicht mehr geben. nalitätenstaat. Ein Staat mit nationalen Mn« -erhellen kann sich eher ein« gesunde Demokratie erhälten, da diese gerade«in lebendiges Bedürfnis solcher Staaten und ihrer Nationen ist. Was uns an unserem Staat als Nachteil erschien, erweist sich unter den Verhältnissen neuer Erfahrungen als dessen starke und positive Seite. Es ist nur notwendig, daß wir uns dieses PositwumS bewußt seien und es durch ein« fähige vernünftige Innenpolitik nutzbar machen für das WM der Republik, der Demokratie und aller ihrer Bewohner. In uns liegt unsere Zukunst." Nach der kurzen JnhaltSgabe de» ungefähr hundert Seiten zählenden Büchleins des Genossen Koudelka wird wohl jeder sozialistische und demokratische Leser zu der Ansicht gelangen, daß eS ein Verdienst des Verfassers ist, zur Aufklärung über das nationale Problem im tschechsschen Volke beizutragen. E. St Sandner, der Renegat In dec Traut«nauer Versammlung der Sudetendeutschen Heimatfront fühlt« Herr Sandner das Bedürfnis, seine sozialdemokratische Vergangenheit vergessen zu machen urw beklagte sich, daß ihn der sozialdemokratssche Redner einen Renegaten genannt hat. Er sei jetzt aus Neberzeug u n g bei der Henleinfront und er verstehe deshalb nicht, wie man ihn da einen Renegaten nennen könne. Herr Sandner, der nicht einmal weiß, was ein Renegat ist, wird uns daran zu zweifeln erlauben, daß seine jetzige Gesinnung von langer Dauer sein wird. Wenn er sie— natürlich aus Überzeugung— wieder wechseln sollte, wird der Renegatenruf, der ihm vorauSeilt, nicht etwa verstummen. Denn das Wesen deS Renegatentums ist eS ja, daß man seine frühere Gesinnung verleugnet. Für jene Renegaten, di« sie etwa gar verkaufen, gibt eS das schöne deutsche Wort Schurken. Herr Sandner aber ist„nur"«in Renegat. Er hat in der Trautenauer Versammlung sehr viel über die Not der Arbeiter geredet; aber die soziale Frage ist für ihn lediglich eine Frage der Erziehung. Man müsse den Ausbeutern gut zureden und dann werde sich die Lage der Arbeiter bessern. Werde dieser Appell an da» Mitleid von den Ausbeutern nicht befolgt, so möge manS dem Sandner nur sagen— sie würden dann aus der Henleinbewegung, d. h. aus der.ÄolkSgemeinschast", ausgeschlossen werden.(Um dann außerhalb der„Volksgemeinschaft" die Arbeiter weiterhin auSzubeuten.) Für das Renegatentum SandnerS aber ist das folgende Gedicht ein Beweis, das er im Fahre 1828 in der„Freundschaft" veröffentlichte: „Den Mitleidigen. Kommt nur zu uns mit eurem Erbarmen Mit euren Kreuzern und verdorrten Broten! Wir warten schon auf euch mit offnen Armen, Mit ollen unser» Kranken und auch Toten. Ach, kommt zu unS mit euren blinden Augen, die unser ganze» Elend nie erfassen; Wir können euch so gut zum Schauspiel taugen In der Arenir unserer Hungergaffen. Ach, kommt zu unS mit euren Almosen, Wir stich so dankbar eurer Großmutgeste Und wollen gern un» drängen und auch stoßen Für einen kleinen Abfall eurer Feste. Kommt nur zu unS! Schlagt eure Herzenschlachten, Für ein paar Lumpen läßt sich viel ertragen. Und wenn wir euch im Grunde auch verachten, So wollen wir doch gerne„Danke" sagen". Da» ist eine gar nicht so Üble Geiselung des elenden Mitleids, das die Reichen zu üben pflegen. Heute freilich ist für Sandner dieses Mitleid der Schlüssel zur Lösung aller sozialen Probleme. Dagegen muß er nicht mehr für Abfälle „Danke"' sagen. Er sitzt mit beim Tisch und wird für die Tröstungen, die er den Armen verabreicht, gut bezahlt. Das Bild des Renegaten Sandner ist noch zu vervollständige». Einige Pinselstriche werden wir noch später setzen. Mühsam und di«„Bohrmia". Der erschütternde Bericht, den die Frau des ermordeten Schriftstellers Mühsam über die Qualen ihre» Mannes gab, hat in der gesamten Presse der Tschechoslotvakei großes Echo gefunden und auch das übrige Ausland stimmt mit in den Schrei des Entsetzens ein. Die„B o h e m i a" gibt den Bericht der Frau Mühsam i» 22 Zeilen wieder und wendet die bedingte Redclveise an, um ihren Freunden im Dritten Reich darzutun, daß sie Frau MühsamS Angaben ja doch nicht glaubt. Der ganze„Bericht" erscheint unter der Ueber« schrift„Mihsams Tod— nicht Selbstmord?" Das Fragezeichen sagt alles, was über das Wesen der„Bohemia" zu sagen ist. Gesandter Pavia nach Moskau ahderelst Prag, 21. Juli. Der erste tschechoslowakische Gesandte für USSR Bohdan Pavlü ist heute vormittags mit seiner Gemahlin vom Wilson- bahnhof nach Moskau abgereist. Bon dem Gesandten verabschiedeten sich am Bahnhof Gesandter Dr. Flieder für das Ministerium für Auswärtig« Angelegenheiten und der Sowjetge- sandte Sergej Alexandcowskij. Bon HanS Rheinländer, Berlin. Im September 1814 sollte ein internationaler Sozialistenkongreh in Wien stattfinden, im Anschluß daran wollten die deutschen Sozialdemokraten ihren Parteitag in Würzburg abhalten. Da knallten die Schüsse von Sarajevo die gleich den vielzitierten Tropfen, die da» Maß zum Ueber- laufen bringen, wirkten. Die Kongresse von Wien und Würzburg kamen nicht mehr in Betracht. Die SPD gab sich die größte Mühe, dem ApSlbruch des drohenden Krieges entgegenzuwirken. Zeitungsartikel und Flugschriften gab es in großer Menge, Straßendemonstrationen folgten eine der anderen, aber nichts von alledem kam auf gegen die Stimmungsmacher der kapitalistischen Presse. DieReichSregierung wurde in vertraulichen Besprechungen bestürmt, alles mögliche zu tun, um das drohende Unheil abzuwenden. Wir wissen heute, daß damals schon gelogen worden ist, al» ob in jeder bürgerlichen Zeitungsredaktion ein GoÄbbelSscher Schrumpfgermane gesessen hätte. Der Borstand der SPD schickte sein Mitglied Hermann Müller noch in der letzten Juliwoche nach Paris, damit er mit der französischen Partei über eine gemeinsam einzuschlagende Taktik ein« Bereinbarung herbeiführe. Am Tage seiner Awkunst in der französischen Hauptstadt wurde JaurtS ermordet, die sozialdemokratssche Fraktion der Deputiertenkammer war zunächst kopflos. Man gab dem deusschen Genossen zu verstehen, daß seine Freunde in Berlin die Kriegskredite ebenso selbstverständlich ablehnen müßten, wie es selbstverständlich sei, daß die französischen Sozialisten sie annehmen würden. Hermann Müller kam am 8. August in der gleichen Stunde nach Berlin zurück, in der die sozialdemokratssche Reichstagsfraktion gerade Beschluß über die Kriegskredite fassen wollte. Bor der Abstimmung hörte sie noch den Bericht Müllers und stimmte mit j a. Die Stimmung der deusschen Partei kam sehr deutlich zum Ausdruck in ihrer Presse. Da wurde unter anderem hingewiesen auf die geographische Lage des Reichs, auf den Zwei- oder Dreifrontenkrieg, der nicht nur gegen Frankreich, sondern auch gegen das zaristische Rußland geführt werden müsse.„Wir wollen nicht, daß unsere Frauen und Kinder Opfer kosakischer Bestialitäten würden. Eine Niederlage Deutschland» im Kampfe mit Frankreich und Rußland, vielleicht auch mit England wäre gleichbedeutend mit Zusammenbruch, Vernichtung und namenlosem®Ieni>.* Die, Reichstagsfraktion der SPD lehnte in einer Erklärung, die mit allen gegen, vierzehn Summen angenommen wurde, die Verantwortung für den Krieg ab und verlangte, daß sofort Frieden gemacht werde, wenn die Gegner zu einem solchen bereit seien.„Für unser Volk und seine freiheitliche Zukunft steht bei einem Siege des russischen Despotismus, der sich mit dem Blute der Besten des eigenen volles befleckt hat, viel, wenn nicht alles auf dem Spiel, es gilt, diese Gefahr abzuwehren, di« Kultur und die Unabhängigkeit unseres eigenen Landes sicherzustellen." — Da nach einem Worte Viktor Adlers die Niederlage schlimmer sei als der Krieg selbst, so galt eS, auf eine Verständigung hinzuwirken. Da» war die Taktik der SPD. Es ist hier nicht möglich, die tieferen Kriegsursachen oder gar die größere oder kleinere Schuld der verschiedenen Staaten am AuSbruch des Krieges zu erörtern. Tatsache ist, daß die von dem Reichskanzler Beth» mann-Hollwcg geführte Reichsregierung, die in ihren öffentlichen Kundgebungen über ihre KricgS- ziele die SPD ztoac niemals zufricdenstellte, doch alle Bestrebungen der Sozialdemokratie, die auf die Herbeiführung des Friedens abzielten, unterstützte. Nach Bethmann-Hollweg begannen freilich üble Intriganten ihr Werk. Unter dem Reichskanzler Michaelis wurden beispielsweise die Bemühungen des Papstes um einen Frieden sabotiert, während Bethmann-Hollweg die internationale Sozialistenkonferenz in Stockholm, die besonders von Branting-Schweden, Stauuing-Däne mark und Troelestra-Holland vorbereitet war, nachdrücklich förderte. Unverantwortlich war die Nachgiebigkeit der deusschen Reichsregierung gegenüber Oesterreich gewesen. Ueber die damaligen Zustände unter dem Kaiser Wilhelm unterrichte» einige seiner Bemerkungen zu de» Berichten der deusschen Botschafter in Wien und London recht gut. Herr von Tschirschky hatte kurz vor Ausbruch des Krieges von Wien einen Bericht nach Berlin geschickt, den wir auszugsweise hier wiedergeben. Die Randbemerkungen, die der Kaiser Wilhelm dazu gemacht hat, geben wir(eingeklaminert) wieder. Herr von Tschirschky schrieb:„Hier höre ich vielfach den Wunsch, eS müsse einmal gründlich mit den Serben abgerechnet werden.(Jetzt oder nie. W.)... Ich benutze jeden Anlaß, uni ruhig, aber sehr nachdrücklich und ernst vor übereilten Schritten zu warnen.(Wer hat ihn dazu ermächtigt? Das ist sehr dumm. Geht ihn gar nichts an, da eS lediglich Oesterreichs Sache ist, was es hierauf zu tun gedenkt. Nachher heißt cs dann, wenn die Sache schief geht, Deutschland hat nicht gewollt! Tschirschky soll den Unsinn gefälligst lassen. Mit den Serben muß aufgeräumt werden und zwar bald. W.) Nene Zusammenstöße in Amerika StraOenMmpie in Minneapolis Minneapolis, 21. Juli. Angriffe der Streikenden auf Lebensmittel-Lastwagen führten zu blutigen Kämpfen mit der Polizei und Nationalgarde, wobei ein Soldat erschossen, gegen 7V Personen schwer und 40 leichter verletzt wurden. Der Gouverneur entsandte weitere 3400 Mann Na- tionalgarde. Der Obmann des Syndikats der Transportarbeiterschaft hat die übrigen Arbeitcrsyndikate aufgefordert, de» Generalstreik zu beginnen. Allerdings ist es nicht sicher, ob die Syndikate dieser Aufforderung entsprechen werden, da der Gouverneur entschlossen ist, wenn nötig, das KricgSrecht zu proklamieren. Auch in S e a t t l e(Washington) kam es gestern zu einem scharfen Zusammenstoß zwischen 2000 Streikenden und der Polizei, da die Streikenden nichtsyndikalisicrtc Arbeiter am Löschen der Schiffe verhindern wollten. Dabei wurden vier Polizisten ernstlich verletzt. HalenarheiterstreiK In San Francisco beendet San Francisco, 21. Juli. Nunmehr hat auch der Verband der Transportarbeiter mit 1138 gegen 283 Stimmen beschlossen, die Arbeit wieder aufzunehmen. Etwa 70 Prozent der im Hafen beschäftigte!: Arbeiter sind bereits in die Arbeit zurückgekehrt. Ungarisch-jugoslawisches Abkommen zur Verhütung von weiteren Grenzzwischenfiille» Belgrad, 21. Juli. Nachdem sich die ungarische und die jugoslawische Regierung geeinigt haben, gelvisse Frage» betreffend den Grenzver- kchr zwischen den beiden Staaten zu liquidieren, trat in Belgrgd eine aus ungarischen und jugoslawischen Vertretern bestehende gemischte Delegation zusammen, um diese Frage zu lösen. Die Kommission brachte heute ihre Arbeit zum Abschlüsse, worauf die Delegierten eine Vereinbarung unterfertigten, durch welche sich die beiden Rcgiernngen verpflichten, beiderseits Maßnahmen zu treffen, um für die Zukunft Grenzzivischenfäl- lcn vorzubcugcn. Bombenwürfe in Santiago de Cuba New-kork, 21. Juli.'Stad) einer Meldung aus Santiago de Cuba ist in der Stadt jeder Wagenverkehr»ach 22 llhr verboten worden, nachdem mehrere Boinbenlvürfe erfolgt sind. Gestern nachts sind zlvei Boinben gclvorfcn lvordcn. eine davon am Geschäftshaus einer amerikanischen Nähmaschinenfabrik. Es ivurdc großer Schaden angerichtet. Bei einem Ivciteren Bombeiuvurs im Geschäftöviertcl wurde ein in der Nähe stehender Mann schwer verletzt. Erhöhte Arbellslosenlürsordc Durch das Verdienst der Sozialdemokratie kam cs nach längerer Zeit wiederum zur Durchführung produktiver Arbeitslosen- f ü r s o r g e. Dem Ministerium für soziale Fürsorge>vurde zu diesem Zweck von der Regierung 20 Millionen Aä zugeteilt. Dieses Geld wird als besonderer Beitrag Gemeinden, Bezirken und Ländern, für Notstandsarbeiten, Arbeitskolonien und ähnliche Zwecke, die mit der produktiven Fürsorge znsammenhängcn, zur Verfügung gestellt. Die Beiträge werden täglich ü bis 10 Kd für einen Arbeitslosen betragen. Ferner bewilligte die Regierung nach dem Einschreiten des Ministers für soziale Fürsorge, Gen. Dr. Meißner, 20 Millionen KL aus dein sogenannte» Jnvestitionsfonds für die Unterstützung der Arbeitslosen. Dieser Betrag wird außerhalb der Budgetpost geführt und die bereits bewilligte Dotation Ivird dadurch erhöht. Im Ganzen wurden daher zum Zlveckc der Arbeitslosenunterstützung in der letzten Woche 40 Millionen bewilligt. Mißwirtschaft In den kommunistischen Gewerkschaften Die kommunistischen Gewcrkschaftsorganisa- tioncn, besonders der kommunistische Metallarbeiter- sowie der Tertilarbcitcrverband, veranstalten in der letzten Zeit Protestaktionen und beklagen sich über daS Ministerium für soziale Fürsorge, daß cs ihnen zu Unrecht die Mittel zur Auszahlung des StaatSbcitragcs zur Arbeitslosenunterstützung vorenlhalte. Die Sache verhält sich jedoch anders. Die kommunistischen Geiverlschaftcn erhalten genau so wie die anderen Gewerkschaften Vorschüsse auf die Auszahlung des Staatsbeitrages, welche den Bedarf der Gewerkschaften a u s M o n a t c h i n- an» decken. So hat z. B. der kommunistische Metallarbeitervecband derzeit einen Vorschuß von fast fünf und einviertcl Millionen, der kommunistische Tvxtilarbciterverband von zlvei und dreiviertel Millionen Kü. Wenn aber, wie dies bei den kommunistischen tiletverkschasten geschieht, eine GelverkschaftSorganisation aus dem getvährtcn Vorschuß nicht nur den Staatobcitrag. sondern auch die eigene GewcrkschaftSunterstützung und schließlich auch noch andere VerbandSanSgaben deckt, weil die Gewerkschaftsmitglieder nicht die Beiträge bezahlen, so kann dafür nicht das Ministerium für soziale Fürsorge verantlvortlich gemacht lverdcnl Ein Beleg für die schlechte Finanzwirtschaft der kommunistischen Gewerkschaften ist daS Rundschreiben deü kommunistischen Textilarbeiterver- bandes vom 3t. Mai 1034, in lvclchcm sich die VerbandSleitung darüber beklagt, daß trotz aller Urgenzeu die Mitglieder keine Beiträge zahlen, und ihnen in diesem Falle mit dem Entzug der Arbeitslosenunterstützung droht. Außerdem gibt das Rundschreiben zu, daß die Belege über die Auszahlung der Arbeitslosenunterstützung so u n- vollständig sind, daß das Fürsorgeministe- rium die uubelegte» Fülle streichen kann, ohne vorläufig Ersatz zu leisten. Leite 4 Nr. 188 Rettet LM Rosenthal! Die vogelfreie»RaffeschLnderln-«nd»le RSrnberger»Gerechttgkett- Tagcsncnifjhcitcn Einbrecher schießt Polizisten nieder Nächtliche Berbrccherjagd in Prag Nach dem nächtlichen Eifersuchtsmord in der Londoner Straße in Prag-Weinberge wurde 48 Stunden später dieselbe Straße zum Ausgangspunkt eines neuen Verbrechens, dem dicSinal ein Polizist zuni Opfer fiel. In der Nacht von Freitag auf SamStag fiel dein Wächter der Weinberger Vorschnßkasfa auf, daß sich gegenüber in der Londoner Straße 22 ein verdächtig auSsehendcr Mensch bei den» Grammophongeschäft Kcttncr längere Zeit zu schaffen machte. AlS der Wächter kurze Zeit darauf ein Geräusch vernahm, das ihn vermuten, ließ, daß ein Schloß erbrochen wird, telephonierte er sofort daS Polizeikommissariat an und bald darauf erschien am Tatorte der aus dem Kommissariat entsandte Inspektor Boukal. Der Einbrecher erkannte die Gefahr und flüchtete durch die Jugoslawische Gaffe. Polizist und Wächter rannten dem Flüchtenden nach, der jedoch dem Wächter, der ihn fcsthalten wollte, einen starken Schlag mit einem Stemmeisen versetzte, so daß dieser ihn loölaffen mußte. So jagten die beiden weiter hinter ihm her, bis sie ihn schließlich doch in der Gaffe v Tünich festnahmcn. Doch auf dem Wege zum Polizeikommiffa« riat ritz sich der Verhaftete wieder los und Inspektor Boukal mußte von neuem hinter ihm herjagen. Auf einmal drehte sich der Einbrecher um und schoß mit seinem Browning auf d c n P o I i z i st e n. Dieser wurde in den linken Brustkorb getroffen, setzte aber trotzdem dem Flüchtigen noch weiter nach und brach dann nach ein paar Schritten zusammen. Durch die Schießerei waren viele Paffanten alarmiert worden, die sich nun dem Einbrecher cntgegenstelltcn und ihn an Ort und Stelle zu verprügeln suchten, so daß er von der Polizei, die ihn schließlich abführtc, noch geschützt werden mußte. Es handelt sich um den Arbeiter Josef D c j m aus Prag VIII., der schon ein paar La- dcneinbrüche hinter sich hat. Früher„arbeitete" er zusammen mit seinem Bruder Heinrich, der sich momentan in einer Zwangsarbcitsanstalt befindet. Josef Dejm selber ist erst im Akai 1V34 nach fünfzchnmonatlichcr Haft entlaffen lvorden. Der schwer verlvundete Polizist befindet sich auf der Schlofferklinik und es besteht wenig Hoffnung, daß er am Leben bleiben wird. Warschauer BorftSdte überschwemmt Warschau, 24. Juli. Das Niveau der Weichsel ist heute vormittags bis fünf Meter über normal gestiegen. Die auf dem rechten Ufer der Weichsel niedriger gelegenen Vorstädte Warschaus sind bereits teilweise überschwemmt. Man erwar- tet, daß die aus den Ufern getretene Weichsel morgen ihren Höchststand erreicht. Die Situation gibt jedoch nichtzu direkten Befürchtungen Anlaß, da die Wasserfläche sich im allgemeinen noch etwa zwei Meter unter der Linie des Rettungö- dammcs hält. Bier Pionierabteilungen und Ar- bciterkolonnen überwachen die Weichscldämmc. Die Garnison von Warschau steht in Alarmbereitschaft. In der Umgebung von Sandonierz ist die Situation jedoch sehr ernst, denn die Weichsel ist ständig im Steigen. Polnische Flieger, insbesondere der Transozcanslieger Skarzynski, halten die Verpflegung der überschwemmten Gebiete aufrecht. Die Zahl der Opfer der Ueberschwcmmnngs- latastrophc ist noch nicht bekannt. Erst bis das Wasser abfällt und die Bewohner in ihre Heimstätten znrückkchren, dürfte es möglich sein, die Verluste an Menschenleben anzugcbcn, da eine großeZahlvon Personen vermißt w i r d. In der Umgebung der Gemeinde Pulawy gelang cs dank dem intensiven Arbeiten der Behörden unter Beteiligung der Bevölkerung und des Militärs den Damm in einer Länge von 18 Kilometern um 00 Zentimeter zu erhöhen, so daß im letzten Moment die Ueberschwemmung von 20.000 Hektar Boden und etwa 30 Dörfern verhindert wurde. In dem klcinpolnischcn Ucberfchwemmungs- gcbict ist die Lage nurmehr im Bezirke Tarnolv andauernd ernst, während in den anderen Gebieten Kleinpolens die Lage bereits normal ist. Die Gebiete, aus denen die Waffermaffen abgeflossen sind, bieten ein Bild furchtbarer Verlvüstung. Sanitätskolonnen fanden in der Nähe von Tarnow in einem Gebüsch zlvölf menschliche Leichen. Ucberall sieht man die Kadaver von Pferden und anderen Haustieren. Auch in dem Ueberschwemmungsgcbiet der Kielcer Wojwodschast, in welchem die Waffermaffen bereits zurückgcgangen sind, wurde« zahlreiche Menschenleichen in verwestem Zustand aufgefunden. Die Sanitätskolonnen bestatten die Leichen an Ort und Stelle in provisorischen Gräbern, die mit Kalk desinfiziert werden. Aus einigen Gegenden des kleinpolnischen UeberschwemmungsgebieteS, besonders aus dem Gebiete der Krakauer Wojwodschast wird heute der AuÄbruch einer noch unbekannten Epidemie gemeldet. Die von der Krankheit befallenen Men- scheA Weeden von hohem Weber«saßt. In diesen Tagen, da der deutsche Boden noch raucht vom Blute der gekillten Gangster und der gemeuchelten Unbequemen, in diesen Tagen, da engagierte Bravos in Wohnungen uird Schlafzimmer eingebrochen, sind und niedergemacht haben,>vas ihnen in die Hände fiel, kurz, im Zeichen einer Barbarei, die der NJRA-General Johnson soldatisch-derb, aber höchst zutreffend mit dem Milieu verglichen hatte, in dem sich „betrunkene Halblvilde" aufzuhaltcn pflegen, gilt cö vielleicht vielen als nicht opportun, das t r a- gische Schicksal einer grau vor der Weltöffentlichkeit darzulcgen, die zur Zeit im Gefängnis fürchterlichster Drangsal ausgesetzt ist, nur Iveil sie anmaßend genug war, sich gegen beit Notzuchtsversuch eines braunen Norma l- W ü st l i n gs zur Wehr zu sehen I Kürzlich ging durch die deutsche Presse eine kurze, aber vielsagende Notiz, in der mitgeteilt wurde, daß das SondergerichtNürn- berg eine Frau Lilli Rosenthal zu vier Monaten Gefängnis verurteilt habe. Nach Verbüßung der Haft sei eine„Uebernahine" der Delinquentin in eüt Konzentrationslager in AuS- icht genommen. Lilli Rosenthal habe, so berichten )ic Gleichgcschwindclten, einen SA-Truppführer 'ohne die RcichSrcgicrung„zügellos beschimpft". Nürnberg ist bekanntlich Ritüalmord-Strei- chers Domäne. Hier, wo der niedrigste Pogrom- antisemitiSmuS in Streichers unaussprechlichem Wochenblatt„Der Stürmer"„gepflegt" wird, sind die Manieren der„rauhen Kämpfer" noch um einige Grade rauhbeiniger als in den anderen Bezirken der Barbarei. Kein Wunder, daß ein SA-Truppführer— Herr Hitler wüßte uns ja von den Exzessen seiner vertvahrlosten Landsknechte so manches Erbauliche zu berichten— glaubte, seinen privaten Begierden keinerlei Hemmungen auferlegcn zu müssen. Lilli Rosenthal, die Frau eines unpolitischen Juden in Nürnberg-Röthenbach, ist eine Vollblut- Arierin. Nach de» Begriffen jener Individuen, die heute im„Dritten Reich" an der Macht sind und die die Ehre Deutschlands tagtäglich schänden, ist Lilli Rosenthal, die ihre Liebe einem„Frcmdblü- tigen" schenkte, eine„Raffcschändcrin". Herr Streicher hat es so oft geschrieben, daß cs den kleinen Bonzen längst in Fleisch und Blut Lbergegangcn ist: Rasseschänderinnen sind vogelfrei! Bei einer Hauskontrolle erfährt der„beleidigte" SA-Truppführer, daß Lilli Rosenthal die Partnerin einer Mischehe ist. Von den hohen sittlichen Prinzipien des nationalen Wiederaufbaues getrieben, läutet der Hitlergardist an der Rosenthalschen Wohnung und dringt, als ihm die allein anwesende Frau Lilli öffnet, in die Wohnung ein. Nun erlaubt er sich, wie Herm Streichers 188 Opfer»er Hitze New Dark, 21. Juli. Der noch immer anhaltenden furchtbaren Hihwcllc in den Südwest- laatc, sind bisher 188 Menschenleben zum Opfer gefallen. Das Spiel mit dem Tode. In der„Reichen« »erger Zeitung" vom 19. Juli 1934 finden wir >ie folgende Notiz: IlElegantc Gasmasken.) In einer Londoner Modcschau, wo Modelle der Vergangenheit und der Zukunft gezeigt werden, kann man eine höchst eigenartige Ausstellung„Elegante Gasmasken" bewundern.— DaS von der Luftgefahr bedrohte britische Jnsclvolk hat sich schon ganz auf Gasmasken eingestellt. Hier hat sich nun ei» origineller Kopf den„Scherz" erlaubt, ein paar„modische Gasmasken" an- zubictcu. Vor dem Stand hängt ein Schild: „Im Kriegsfall müssen Sie vorsichtig sein, nicine Dame, aber bleiben Sie kokett." Man kann wohl mit Bestimmtheit annch. men, daß auch den kokettesten Damen der Gesell, schäft die Lust zur Koketterie in einem Gaskrieg vergehen würde. Der Gaskrieg der Zukunft wird sich ja vor allem gegen das wehrlose Hinterland richten, gegen die Millionen unschuldiger Frauen und Kinder, die der Vernichtung Preis gegeben sein werden. In der Umgebung von sterbenden, elend zu Tode gequälten Frauen und Kindern, die sich keine gute und brauchbare Gasmaske kaufen konnten und für die auch sonst keine da sein werden, werde«» sich die„eleganten und mo- dischen Gasmasken" der große»» Damenwelt wunderschön ausnehmen und noch die Sterben- den von den Klassengegensätzen der heutigen Ge. sellschaft überzeugen. Die braunen Singvögel. In Reichenverg befinden sich zur Zeit zwei Mitglieder des SA- MarinesturmS in Haft. Die beiden Recken, die daS blutige Territorium des Landes der leckeren Köpfe mit dem solidere» Boden der demokratischen Republik vertauscht,haben, wissen mancherlei beachtliche Dinge über ihre marinestürmerische Tätigkeit im„Dritten Reich" der Kameradenkiller zu erzählen.„Gebimst", wie der preußische Fachausdruck lautet, wurden sie nach allen Regeln der l Gamaschenknöpse-Almst. Die wundersame At- Kloaken- Gazette neckisch« diskret mitteilt, „einigeklcineFreihciten"!Jn Wahrheit versuchte der Wüstling, Frau Rosenthal, die sich zun» Glück des Lumpen Vertvehren kann, aufS brutalste zu vergewaltigen. Die Ucbcrfallene, in berechtigter höchster Erregung, nennt den SA» Sittlichkeitsverbrecher ein„erbärmliche« Tier" und ein„elendes Schwein".. Eine Charakterisierung, die jedem Unvoreingenommenen zwar als scharf, aber durchaus gerecht erscheinen muß. Der abgewiesene Attentäter geht schließlich, Verwünschungen und Drohungen auSstoßend, fort. Was geschieht nun? Fliegt der auf Notzucht dreffierte Trupp-Führer ins Zuchthaus? Aber nein! Er erstattet beim Sondergericht Anzeige, daß Lilli Rosenthal nicht nur ihn, sondern auch die Reichsregierung beschimpft habe. Das psychologisch Unwahrscheinliche dieser Behauptung ist mit Hande» zu greifen.'Der braune Gentleman lügt wider besseres Wissen, um die Frau, die sich ihm verweigerte, ins Gefängnis zu bringen! Und er dringt damit durch! Der Vorsitzende des Gerichts, kein Richter, sondern ein zu jedem Rechtsbruch fähiger Komplize des geisteskranken Streicher, beschimpft die Angeklagte in der ungeheuerlichsten Weise, nennt sie, wörtlich, ein„rasseschänderischeS Frauenzimmer, das keinen Grund habe, zimperlich zu sein" und brüllt sein Opfer an, wenn eS den Vorfall tatsachengcniäß zu schildern versucht. Das Urteil lautet auf vier Monate Gefängnis. Nach ihrer Verbüßung wird Lilli Rosenhtal ins Konzentrationslager Aichach kommen, wohl„zur besonderen Verfügung" jenes Trupp-Führers»knd seiner Kameraden, denen sich zu verweigern sie die Kühnheit besaß. Zur Zeit kursieren in Nürnberg sehr bestimmt auftretende Gerüchte, nach denen die völlig unschuldige Lilli Rosenthal im Gefängnis schwer mißhandelt wird. Anläßlich des Blutstroms, der durch Deutschland rinnt, ist eS vielleicht schwer, die Aufmerksamkeit der zivilisierten Welt für dies schändliche Verbrechen an einer wehrlosen Frau zu wecken. Trotzdem: sie muß geweckt werden! Dcni» dieses Beweisstück niederträchtigsten Banditentums, dieser Ueberfall auf eine unpolitische Frau, die man im Gefängnis und Konzen- trationSlager aus Rache dafür peinigt, daß sie sich einem toll gewordenen SchweinSkerl im „braunen Ehrenkleid" vertvcigcrt hat. ist nicht nur ein„Exzeß" zügelloser Landsknechte in Hit- lerhemd und Richtertalar. Er ist weit mehr: die stinkende Quintessenz eines Regimes nämlich» daS so wie es regierte, in Grauen untergehen wird! Pierre mosphäre des Feldivebels Himmclswß wird wieder lebendig, wenn wir die Berichte der geflohenen Braunhcnldliuge entgegeunehmen. Bemerkenswert ist die ausgesprochen militärische Ausbildung, die diese Biarinestürmler erhalten haben, ein bestätigender Beweis mehr für die Ansicht der Welt, daß die Blutdiktatur systematisch zur Revanche rüstet. Aber das Schönste ist doch das Reperwire des StrafcxerzierenS. Hier zeigt sich der bereits erstaunlich entwickelte, vielfÄtige Sadismus der toll gewordenen Unterführer, der Kompagniepaschas, in der drastischesten Weise. Wenn dem Marinesturmführer etwas nicht paßte, wenn er schlecht geschlafei» oder zuviel getrunken hatte, mußten„seine Leute" zwanzigmal auf und nieder gehen. Worauf er ihnen zur Krönung dieser Gymnastik befahl» wortwörtlich auf die Bäume zu klettern und das schöne Lied anzustilymen: „Alle Vögel sind schon da, alle Vögel, alle". Nachdem dieser muntere Bogelgesang aus rauhen Biänncrkehlen erklungen war, durften die also dressierten braunen Hanswürste wieder zur Erden herniederstcigen. Das Lied voi» den Vögeln ist in einer Weise tvahr gelvorden, die sich der erfindungsreiche Untersadist Wüspe bcstimnit nicht hat träuinen lassen. Die braunen Vögel sind bereits in zahlreichen Exemplaren zur Stelle, daß»»an geradezu von einer Hausse in diesem unerfreulichen Singvögel»» sprechen kann. Vielleicht'ist Herr Wüspe, dieser getreue Nachfahr des tvilhelmini- schen Menschenschinders, klein, häßlich und anonym ebenfalls unter ihnen. DieseWüspes, diese komplcxbehasetetcn Kleinbürger, die in den Fesseln ihrer triebhaften Bestialität mit Menschen Katze und Maus spielen, um so über ihre eigene Minderwertigkeit triumphieren zu können, sind die Jnitatoren des Nationalsozialismus,»vie wir ihn kennen gelernt haben. Und wie ihn die Hunderttausende der blinden Gläubigen» die auch heute noch» bereits unsicher geworden, hinter ihm hertorkeln, erkennen werden! Tollkühner Befreinngsverfnch geglückt. Die gegenüber dem Nelv Docker Wolkenkratzerviertel im Hafen liegende Bundesarmeeinsel Governors Island»var Freitag der Schauplatz eines mit großer Dreistigkeit ausgeführten sensationellen Handstreiches. Mit einem Revolver bewafsnet, landete ein noch unbekannter Zivilist im Ruderboot an der Insel, um einen befreundeten Militärgefangenen zu befreien. Dieser Freund des Unbekannten arbeitete mit zwei anderen Gefangenen am Südende der«einen Insel. Der Zivilist ging auf die dortige Schildlvache zu, zog den Revolver und befahl der Wache, das Geivehr nieder« zulegen, was auch geschah. Der Zivilist nahm dar Gewehr an sich. Die Insassen eines oorüvertom- wenden Heereskraftwagenö, der Fahre»' u.tb zwei Soldaten, mußten auösteigei» und sich neben der Schildlvache und den beiden Gefangenen aufstel« len. i^ch die zwei Insassen eines anderen Kraft« wageiis lvurden genötigt, sich anzureihen. Nach, dem der Zivilist die Gruppe dann davor gewarnt hatte, ih>» zu verfolgen, eilte er mit seinem befreiten Freund wieder zum Ruderboot, in dem die beiden entkamen. ES ist dies das drittemal, daß der Freund des Unbekannten aus der Militär« gefangenschaft entwichen ist. Der Tod der deutschen Bergsteiger bestätigt. Nach einer Rcutcrmcldnng aus Simla(Britisch, Indien) bestätigt sich der Tod der deutschen Berg« steiger, die bekanntlich bei ihrem Angriff auf den Nangaarbat in einen Schneesturm gerieten und seit einiger Zeit verinißt werden. Ferner sind nach dieser Meldung sieben eingeborene Träger ums Leben gckoinmen. Wolkenbruch bringt Schnellzug zur Entglei- ung. Ain Freitag entgleiste der vom Brenner kom- inende fahrplanniäßige Nachtschnellzug auf der Strecke Bozen-Trient in der Nähe von Nave Sau Felice. Die Lokomotive, der Gepäcks- und Postwagen, ein Wagen dritter Klaffe und ein durch« gehender Wagen München- Ventimiglia lvurden aus den Gleisen gehoben. Der Unfall ist darauf zurückzuführen, daß ein unmittelbar vor de: Durchfahrt des Zuges niedergehender Wolkenbruch große Steine und Erbmassen in rund einem Meter Höhe auf bei» Bahnköper gespült hatte. Der Heizer, der Zugsführer und ein Fahrgast erlitten leichtere Verletzungen. Die Allstem- mungSarbeiten werden in zwei Tagen beendet ein. Der Verkehr wird inzwischen über ein freies llebcngelcife weitergeführt. Die Grenz« Sudan-Lybien erst jetzt festgelegt. Wie vom britischen Autzcnamt bckanntgcge- bcn wird, wurden in Rom zwischen den Regierungen Italiens und Großbritanniens einerseits und der italienischen und der ägyptischen Regierung andererseits die Noten ausgctauscht, durch welche die bisher noch nie genau bezeichneten Grenzen zwischen Lybiei» und dem Sudan definitiv fcstge- cht werden. DaS. Grcnzabkommen tritt mit sofortiger Wirksamkeit in Kraft. Kugelblitze erschlagen sechs Personen. In der in der Nähe von Leningrad gelegenen früheren Zarenresidenz Peterhof ereignete sich ein ungewöhnlich schweres Gewitter, bei dem sich die seltene Natur« erscheinung der Kugelblitze beobachtet wurde. Sech» Personen-wurden vom Blitz erschlagen, während sechs weitere schwer verletzt wurden und 10 Personen mehr oder weniger erhebliche Brandlvunden davontrugen. Russenausweisimgen aus Mandschukuo. Auf Veranlassung der mandschurischen Behörden wurden aus dem mandschurischen Staatsgebiete 48 Sowjetrusscn wegen staatsfeindlicher Betätigung ausgcwiesen.- Vom Rundfunk Empfohlenamartao ana'den Peagrauuneu, Montag: Prag, Sender L.: 10.20: Deutsche Nachrichten, 10.28: Schallplatte«, 18.40: Schallplatte«, 18.16:. Konzert des Salonquartettes, 18.20: Deutsche Sendung: Dr. König- Beyer „Reue Kunst in Reichenberg", 18.88: Dr. Kleinberg: Bildung und Dichtwerk, 10.10: Slowakisches Stündchen, 21.88: Konzert für Violine und Violoncello, 22.18: Liederkonzert, 22.46: Deutsche Nachrichten. Sender S.: 14. Solo für chromatische Harmonika, 14.30: Deutsche Sendung: Mader: Für Angler und solche, die eS werden wollen.— Brünn 17.48: Deutsche Sendung: Prof. Dr. Zeilel: Gang durch die Physik von 160 Jahren, 18: Die Weltmeisterschaft im Schach, 18.80: Schallplatte»», 21.88: Aus tschechischen Operetten.— Mähr.. Ostrau, Deutsche Arbeitersendung 18.20: Dr. HaaS: Was muß der Arbeitnehmer von der Arbeiterunsall- versicherung wissen? Ina. Lindel: Vom Wald zur Kunstseide, 18.66: Deutsche Presse.— Peestburg 12.80: Orchesterkonzert, 20.26: Schuhmann: Klavierquintett. DienStag: ' Prag, Sender L.: 6: Gymnastik, 10.20: Deutsche Nachrichten,"12.10: Schallplatte«, 12.30: Konzert, 17.40: Schallplatten, 18.20: Deutsche Sendung: Halbe Stunde Hausmusik, Mendelssohn: Lied ohne Worte etc. 18.56: Deutsche Nachrichten, 22.18: Tanzlieder. Sender S.: 10.80: Orchesterkonzert, 14.10: Lie- derkouzert, 14.28: Deutsche Sendung: Jng. Jakl liest eine eigene Novelle. Die Talsperre, 14.60: Schallplatte«, 16: DeutscheP r«ss e.—Brün» 16.11: Orchesterkonzert, 18.20: Deutsche Sendung: Soziale Informationen, 18.28: Dr. Spielmann: Glückliche Lebensgestaltung.— Mährisch« Ostrau 18.05: Hawaische Gitarren, 19.88: Konzert. — Preßburg 19.88: Violinkonzert. Wellenlängentausch der holländische« Sendegesellschaften. Am 1. Juli ist wieder der dreimonatliche Wellenlängcntausch zwischen den holländischen Sendegesellschaften vollzogen worden. Die A. B. R. O. und die B. A. R. A. senden für die nächsten drei Monate auf der langen Welle (1876 Meter), der K. R. O., die R. C. R. B. und der V. P. R. O. auf der kürzeren Welle von 301 Meter..(PR)- Nr. 160. Sonntag, 22. Juli 1024 „Sozialdemokrat" Verlangen Sie nicht einfach „ein Mineralwasser"! Nicht jedes Wasser verdient diesen Namen. Vielfach werden auch künstlich mit Kohlensäure versetzte Wässer als„natürlich" bezeichnet. Nicht jeder Organismus verträgt jedoch künstliche Kohlensäure! Verlangen Sie-daher ausdrücklich«ine Ouali- tätsmarke, verlangen Sie„Mattoni'S Gtrßhübler". 2665 Skelette aus dem Weltkrieg. Hirten, die Vieh in den Wäldern unweit der Gemeinde Drieöna im Bezirk Medzilaborce(Karpathoruhland) weide« ten, fanden dort die zerstreut umherliegenden Gebeine von fünf Soldaten, die im Weltkrieg während der russischen Offensive in den Karpathen gefallen waren. Die Hirten meldeten ihren Fund der Finanz-Grenzwache, die die sterbliche» lieber» ccste der gefallenen Soldaten auf dem Militärfriedhof von Medzilaborce überführen lieh, wo sie beigcsetzt tvurden. Es handelt sich anscheinend um die Leichen russischer Soldaten, da bei einem Gerippe eine russische Ilona(Heiligenbild) und bei anderen Gerippen mehrere Stückchen Filz gefunden wurden, von denen die Gendarmerie annimmt, dah es Reste von Filzschuhen sind, ivelche die russischen Soldaten bei der groben Kälte, die im Jahre 1015 während der russischen Karpathen- Offensive herrschte, Wer ihre Stiefel gezogen hatte». Waffen wurden bei den Leichcnrcsten nicht gefunden. Auch unweit der Gemeinde Pritulany wurden Reste des Skelettes eines in deir Karpathen lvahrscheinlich im Jahre 1015 gefallenen Soldaten gefunden, die ebenfalls auf dem Mili« tärfriedhofe von Medzilaborce bestattet wurden. Streikende verschanzen sich im itellrrgewälbe einer Bank in Madrid. 240 Arbeiter, die bei einem Neubau der Bank von Spanien beschäftigt sind, sind in einen eigenartigen Proteststreik getreten, weil ihnen die geforderte 50prozentige Lohnerhöhung nichr bewilligt wurde. Die Arbeiter verweigern sowohl die Arbeit als auch das Verlassen der Arbeitsstellen und befinden sich seit 48 Stunden in dem 85 Meter tiefen Kellergewölbe des neuen Baues, deren Eingänge sie sorgfältig durch Posten gesichert haben, um nicht aus ihrem selbstgewählten Gefängnis Vertrieben zu werden. Die Polizei beschränkt sich darauf, die Versorgung der Streikenden mit Lebensmitteln, zu verhindern, während zahlreiche Arbeiterfrauen den Neubau umgeben und auf eine Gelegenheit warten, ihre Männer mit Proviant zu versorgen. Ausfluggzüge der StaatSbahndirrktion Prag. Vom 28. Juli ViS 6. August nach der Schweiz über klortitalien, der bereits gesichert ist, 1628 XL. Anmeldungen unter Angabe von 100 XL bis 25. d. beim tlurflugSzugreferat.— Am 4. und 5. August nach horste im Vorriesengebirge zumPreiSvo» 82- XL mit Verpflegüüg, 48 XL ohne Verpflegung. Anmeldungen unter Angabe von 20 XL bis 1. August.— Boni 4 bis IV.^August nach Bad Darkob in der Slowakei 680 Kc, nach Stubn. Tcplice und BojnicIL lupele 680 XL und nach Lubochna 650 Xi.— Vom 1. bis 16. September wird eine Exkursion zur Weinlese an der dalmatinischen Riviera und nach Kupari zum Preise von 1100 XL veranstaltet.— Anmeldungen zu allen Zügen beim AuSslugSzugrrserat im Basar neben dem Prager Wilsonbahnhof, Telephon Rr. 38—885, Amtsstunden 8 bis 18 Uhr. Armitterregen bringen teilweise Abkühlung. Die Temperatur ist am Samstag in den tieferen Lagen der ganzen Republik auf 81 bis 83 Grad gestiegen. Vom»rotier MMiwk Der poetische Gehalt der Sagen, die mystische Verzauberung der Wirklichkeit durch die von Mund zu Ohr überlieferten Erzählungen und nicht zuletzt der versöhnliche Humor der eifrig bewahrten und inuner aufs neue ausgestatteten Histörchen aller Art haben nicht wenig dazu beige- tragen, lang vergangene Zeiten im Lichte des guten Alten zu sehen- Die am Samstag von Frau Grete H a e n s e l über Liblitz gegebene Hörfolge»Aus NordböhmenS längst vergangenen Tagen" griff tief in den Wunderglauben, der dunkle Nächte, einsame Menschen, bedeutsame Orte und irdische Seltsamkeiten in die Schleier dichterischer Verklärung hüllt— aber sie scheute auch nicht den festen Zugriff historischen Wahrmules. Als Sprecherin ist sic vor allem in den niundartlichen Dichtungen wertvoll; in der erzählenden Prosa stört ein Zuviel an pathetischem Eifer.— Der Sonntag brachte in beiden Sendungen Ucber- tragungen von den Wallenstein-Festspielen in Eger. Sie waren nicht sehr glücklich. Straschnih versagte säst gänzlich durch scheinbar mangelhafte technische Einrichtung. Vom„Lager" kamen nur arg zerrissene Ezeilenfehen. Der einführende Vortrag des Stadtarchivars Dr. Sturm beschäftigte sich auch aus Kosten der Ucbertragung viel zu viel mit der Stadt Eger. Technisch besser war die spätere Ucbertragung über Liblitz. Man hörte aus der für den Festspielzweck vorgenonunencn Zusnmmeuschlveihung der Trilogie„Die Piccolomini". Eine kritische Beurteilung ist nicht möglich; das Mikrophon nimmt natürlich den aus grosse Distanz berechneten Ueberschweng an Slimmentfaltung auf, noch ehe er sich in der phonetischen Fernwirkung ausgeglichen hat. Man liefe Gefahr, das den Darstellern anzukreidcn- Für die Beurteilung sind also die Berichte der Augen- und Ohrenzeugen maßgebender als der Eindruck, den der Rundfunkhörer empfing.— Die sonntägige Arbei» tersendung muhte leider Gewitters wegen auSgeschal« tet werden.— Am Montag hörte man einen sehr bedeutsamen Bortrag von Priv.-Doz. Dr. Bardachzi- Auffig Uber„Die Aufgaben des modernen Krankenhauses". Alles ist richtig, was der hervorragende Arzt, der erfahrene Praktiker, der geschätzte Wissenschaftler sagt von du Anlage du Einzelzimmer, der Beach. In Böhmen und in Westmähren brachten Gewitterregen am Nachmittag«ine- Milderung her Hitze. Der Luftdruck ist nunmehr im Südwcstcn deö Erdteils relativ niedrig und weist zahlreiche lokale Störungen auf. Eine durchgreifende Abkühlung dürfte vorläufig noch nicht eintreten, da der Luftzufluh aus niedrigen Breiten voraussichtlich noch anhalten wird.— Wahrscheinliches Wetter von Sonntag: Im Westen der Republik.wechselnd bewölkt, strichweise Gewitter. Im Osten sehr warm und im ganzen schön.— Wettervorhersage für Montag: Wetterlage unsichere Luftdruckverteilung über Europa heute um 14 Uhr: Hochdruck 772 Millimeter Azoren, 765 Millimeter Weiher Meer, Tiefdruck: 752 Millimeter Bretagne, 758 Millimeter Begien, 758 Sachsen. Ier MnWel im elften MW M Die Handelsbilanz mit 97,6 Millionen Kronen aktiv Der tschechoslowakische Außenhandel hat im Juni 1984 eine gün st igeEnt Wicklung genommen. Nach dem Aufschlvung im März hatten die Monate April und Mai einen Rückschlag gebracht, der nun im Juni durch eine neue Belebung abgelöst worden ist. ES betrug: reinen Warenverkehr ein Ausfuhrüber- s ch u h von knapp 87 Millionen XL, während im Vorjahre ein Paffivum von 46 Millionen XL zu verzeichnen war. Juni Mai Juni Mai 1934 1934 1933 in Millionen XL 1938 die Einfuhr 492. 528 501 476 die Ausfuhr 579 539 455 . 465 ES ergibt sich demnach für Juni 1934 im Diese erfreuliche Besserung unserer Handelsbilanz ist nicht so sehr dem Rückgang der Einfuhr, als vielmehr durch die Steigerung der Ausfuhr wichtigster Rohstoffe und der Zunahme'der Fertigwarenausfuhr zu danken. Die Holzausfuhr z. B. ist, nach der Menge berechnet, im Juni 1984 doppelt fo groß Ivie im gleichen Monat des Vorjahres; für die ersten sechs Monate 1934 ergibt sich gegenüber dem Vorjahre eine MehrauSfuhr von Holz von 75 Prozent. Auch der Kohlen- und Eisenexport bewegt sich in aufstcigender Linie. Die Fertigwarenausfuhr hat sich von 377 Millionen XL im Mai auf 413 Millionen XL im Juni gehoben; 1938 war von Mai zu Juni ein Rückschlag eingetreten. DaS gute MW der steigenden FertigtvarenauS- suhr wird verdunkelt durch die anhaltende Export- fchrumpfung der Baumwollindustrie, deren AuS- fuhrnmsatz einen neuen Rekord-Tiefstand erreicht hat. Auf der Einfuhrscite ist im Juni ei» leichter Rückschlag der Rohstoffeinsuhr, und ein weiteres Abfallen der Lebensmitteleinfuhr um 20 Prozent festzustellen. Im Mai 1934 betrug die LebenSmittcleinfuhr noch 80 Millionen XL, im Jgni nur noch 60 Millionen XL........ j f-ft>tj'i'-.’,.-;*•■-TV;'. Im ersten Halbjahr 1934 schliesst die tschechoslowakische Grsamt-Aussrnhandelsbilänz mit einem Ausfuhrüberschuss von 97,6 Millionen K£ ab. In der gleichen Zeit des Jahres 1933 betrug der Ausfuhrüberschuß nur 16,1 Millionen XL. Der Export der>v i ch t i g st e n I n- dustricwarcn entlvickelte sich in den Monaten Januar bis Juni 1934 im Vergleich zum Vorjahre, der_Mcnge nach im folgenden Umfang: 1934 1933 in Tonnen Nettogewicht Kohlen 1,748.503 1,474.229 Holz 695.764 404.383 Außer Malz, Zucker, Mehl und Getreide weisen demnach alle übrigen wichtigen Exportwaren eine zum Teil beträchtliche Zunahme der Auöfuhrmengen gegenüber dem Vorjahre auS. 1934 in Tonnen N 1933 ettogewicht Zucker..... 69.130 102.795 Papier und Papicrzeug 60.004 65.121 Eisenwaren.... 48.656 40.487 Tafelglas und Hohlglas (Bruttogewicht) 48.258 26.096 Malz..... 41.850 43.784 Mehl 82.782 61.058 Getreide..... 26.845 81.530 Bausteine.... 26.594 22.394 Stabeisen.... 15.374 5.46« Eiserne Bleche u. Platten 19.651 10.299 Die Einfuhr einiger wicht!« gerRohstpffc gestaltete sich wie folgt: Jänner bis Jänner bis Juni 1934 Juni 1933 in Tonnen Nettogewicht Die Zunahme der Rohstoffeinfuhr, die bei einigen Speziaiwacen, z. B. dem Roheisen, gegenüber dein Vorjahre mehr als 100 Prozent ausmachi. ist durch die Belebung der Produktion bedingt. Wenn wir diese Entwicklung der tsche« chosloivaiischcn Gesamt-AußenhandclSbilanz günstig nennen, so verkennen wir keineswegs, daß uuser Außenhandel noch große Fortschritte machen muh, wenn er dir Ziffern der Krise recht weit überholenund'wieder dein Stand derKbNjNnkttir- jahre nahelommcn soll. Kohlen... «49.512 «04.398 Eisenerze.. 148.801 155.288 Mineralöle.. 155.408 139.691 Mais... 97.052 «0.084 Holz... 57.683 73.623 Roheisen.. 29.344 14.110 Baumwolle.. 44.082 36.571 Fette u. Häute, roh 22.038 13.370 Wolle... 16,758 11.582 Speisefette.. «828 10.278 AVer diese Wendung zum besseren, die durch die Kronenabwertung niit hervorgeru- fe» worden ist, verdient u>n deswillen besonders unterstriche» zu werden, weil in der gleiche» Zeit dir Handelsbilanz der safcisti- schen Staaten Deutschland und Italien sich ungemein verschlechtert hat. Es gibt bekanntlich Leute, die immer wieder behaupten, daß nur die fascistischc Diktatur das Wunderrczept des wirtschastlichcil Aufschwun- ges im Besitz habe. Die Wirklichkeit zeigt, daß tung der Wohnkultur, vom Blumenschmuck, von den Lichtsignalen, von einer dringend nötigen Abteilung für Zähnebehandlung, von Kinderpavillons, vom Säuglingsheim, von den Entbindungsabteilungen usw. Bolle Anerkennung für das, was die Sclbswer- waltungskörpcr in der Zeit ihrer noch autonome» Wirkungsmöglichkeiten geschaffen haben. Wir wissen aber auch, daß wir noch weit davon entfernt sind, die Krankenpflege übereinzustimmen mit den Errungenschaften der modernen Medizin; daß es Krankenhäuser gibt, die nicht anders, denn als Schande bezeichnet werden müssen. Die Parallele zu den Schulverhältnissen liegt nahe.— Sehr schön in Form und Sprache war Franz Senghofers Schilderung von Belgrad, dem Laude ringsum, den Dtenschen und ihrer Lebensart.— Unter dem Titel„Moderne Vir- tuosenmusik" hörte man am Dienstag von dem ausgezeichneten Klavierkünstler Prof. Langer Finkes „Capriccio", Regers„Silhouette"(op. 58) und „L'isfie joyeuse" von Debussy. Prof. Langer war auch der minutiöse Begleiter für die Gesänge Frl. Ilse RömerP. deren Rosen-Arie aus dem„Barbier von Sevilla" wohl nicht ganz zum Programmtitel paßte.— Am Mittwoch sang Dr. August Hok zunächst ein aktuelles Loblied auf den heimischen Sport, der im Wettkampf um Welttneisterschaften in erster Frontlinie steht. In der Arbcitersendung skizzierte Paul Malles in dem Bortrage„Arbeiter und Bauern in Schweden" gesellschaftliche und wirtschaftliche Verhältnisse, die unsere Sehnsucht wohl nach Norden lenken. Dort war es möglich, die von den besitzenden Klaffen bewußt herbeigcführte und zu stets neue» Mißverständnissen gedrängte Entfremdung zwischen Bauern und Arbeiter» zu verhindern und sie ihrer Bundesgenossenschaft im Klassenkampfe bewußt zu machen. Die Arbeiterregierung Schwedens führt konsequent die planmäßige Regelung aller Produktion, eine wirtschaftliche ungemein günstige Exportförderung und eine inibeirrbare PreiSregulicrung durch. Durch diese Maßnahmen und die unermüdliche Arbeitsbeschaffung, verbunden mit der Erhaltung des Lebensniveaus der Arbeiter ynd die Stärkung ihrer Kvnsumtionskrast erreichte sie auch in der Krisenzeit ein segensreiches Aufblühen der Wirtschaft und damit die wachsende Festigung der Demokratie.— In den„Sozialinformationen" gab Frl. Traute Tomitzer Aufklärungen über die ge setzlichen Bestimmungen bezüglich der für Untcr- stiitzuttgsansiiche» von Kriegsbeschädigten geltenden Pflichttermine.— Die Donncrstagscndung tonnte wegen Störungen nicht ausgenommen ivcrdcn.— Tie Berichtswochc endete mn Freitag mit einem Bortrag des Chefredakteurs Dr. Alfred Albrecht, der mit einem nmnenlosen Partner„Bom Werden der Zeitung und ihrem Schöpfer" plauderte. Manche Frage nach dem Wesen, den: Zustandekoumicn, der„Objektivität" der Zeitung wurde beantwortet, mcht ohne begreiflicherweise das Urteil über Journalistik leicht pro domo zu beeinflusse». Daß die Presse heute zuni großen Teile den Geistern erliegt, die sie ries, daß sie der von ihr erzeugten Sensationsgier ein gutes Stück ihrer moralischen Verantwortung umcrordnen und in der beständig wechselnden Rolle als Sklavin und Herrscherin arg an Charakter einbüßen mußte, das verschwiegen die diplomatisch klug bedachten Antworten des Chefredakteurs an seinen Fragesteller.— In der Arbeitersendung besprach, von allerlei Störungen ost unterbrochen, Redakteur Genosse Krejk! die aktuellen Ereignisse in der Politik. Die Hitler- Rede erfuhr die ihr gebührende Kritik mit dein Hinweis auf ihre völlige Bedeutungslosigkeit; die Streikbewegung in Amerika wurde zurückgeführt aus die sehr beachtenswerten sozialen Triebkräfte, die sich zur Offensive gegen den Kapitalisinns jenseits des Ozeans sammeln; das Gutachten über die zu neuer Wendung bereiten Beziehungen zwischen Sowjetrußland und der Tschechoslowakischen Republik waren leider nur teilweise verständlich; sie verbürgen aber eine weitere Festigung der Demokratie.— Zinn Abschlüsse des dieSwöchentlichen Berichtes übermittle ich den Wunsch vieler Rundfinikhörer aus Arbeiterkrciscn, die Arbeitersendungen vom Sonntag womöglich auf einen anderen Tag zu verlegen. Während der heißen Sommertvochen Hai gerade dec während der Woche an die Arbeitsstätte in der Stadt gefesjcllte Proletarier das Verlangen, einige freie Stunden draußen in der Natur Erholung zu suchen; das bedeutet natürlich für ihn den Verlust der für ihn bestinimten Sendung. Vielleicht wäre eS doch möglich, für di« Zeit bis zum Spätherbst den Diontag für die Arbeitersendung zu gewinnen.— Dieser Wunsch hat gewiß fürsprecherische Gründe; er sei daher an wohlwollende Erwägung weitergegeben. Ernst Thöner. Luftig— bequem! 144. demokratische Staaten früher und erfolgreicher de» Weg der wirtschaftlichen Erholung beschreiten. Wenn die Förderung des Industrie-Exportes bei uns nicht durch eine einseitige agrarische Handelspolitik vernachlässigt wird und wenn Hand in Hand damit auch die Schafsung von Voraussetzungen fiir die Belebung des Jnland- Absahmarktes geht, könnte ein weiterer Aufschlvung der Produktion erfolgen. Das gettlager »Koloman Wallisch" Die Prager Jugendlichen habe».zu« samnic» mit ciniacn Jugendgenossen au» der Provinz in Albern bei Neu-Bistritz ein Zeltlager aufgeschlagen. Wir erhielten über das Lager den folgenden schönen Bericht: Ain Dienstag hielten wir hochbcpackt Einzug in dem stillen Dörfchen Albern bei Neu-Bistritz, freudig begrüßt von den dortigen Noten Falken und den Dorfkindcrn, für die unser Lager eine Sensation, wie sic sagen«die schönsten Ferien ihres Lebens""bedeuten. Sic sind auch unsere eifrigen Trabanten, liegen- im Wald versteckt und beobachten interessiert das-rege Treiben, das aus dem grünen, von Wald-und Vach umrahmten Fleckchen beginntf-Dis Kisten-mit Haadwerkzcug, mit Zeltblätrern und Ströhsackcj,"werden anöge- packt, mit Müh' und-Not kommt ein mit frischen, harzigen Brettern beladener Wagen und Ivird abgeladen, Strohsäckc ivcrdcn mehr schlecht als recht gestopft, die„Ingenieure" vermessen den Boden und in» sehr ivichiig, kurz, der Lagcraufvau hat begonnen. Und mit der Hilfe aller, nicht zuletzt der stets sehr zu Rat und Tat bereiten Alberner und Ncn-Bistriher Genossen, steht nach ztpci Tagen das Zeltlager da. mit lustigen los nur zu luftigen I) Wohnzelten, einer großartigen Küche samt Küchentisch und Eßschalenbrctt, einem Schulungstisch und, nicht zu vergessen, zwei geheimnisvollen Latrinen. Am Freitag abend versammelten sich alle Lagerbeivohner in festlicher blauer SJ.-Kleidung um den blumcngcschmücktcn Flaggenmast. Der Aufbau ist beendet, das Lager eröffnet. Die Arme der Lagergcnosscn verschlingen sich, sie bilden einen festen Ring, ans 52 jungen Kehlen erklingt das von der Jugend so sehr geliebte Kampflied der polnischen Arbeiter, die Warschawjanka. Ein junger Genosse tritt aus dem Kreis und, verfolgt von den Augen der jungen Menschen, fliegt die reine, rote Fahne am schlanken Mast empor, die Fäuste strecken sich ihr entgegen„Freiheit!". Eine Genossin spricht über die Aufgaben und Ziele des Lagers. Kameradschaftlichkeit und Solidarität wollen wir in unserer Gemeinschaft halten, unsere Ferien in den Dienst der Partei, der Organisation stellen. Agitation betreiben. Unseren Körper und unseren Geist zu einer scharfen Waise für den Kampf unserer Klasse machen, die Mittel hiezu sind Schulung, Sport. Anäi in diesem, oft stiefmütterlich behandelten Winkel herrscht die Not, die in allen Ecken der kapitalistischen Welt sitzt, Hungerlöhne, Kleinbauernclcnd, Arbeitslosigkeit. Es gilt, die Klasscngcnosscn, die nnö teilnahmslos, sa oft feindlich gegenüberstchen, einzngliedern in dir Kampffront des organisierten Proletariats. ES gilt, die Genossen, die diese aufreibende Arbeit hier seit Jahre» leisten, zu initerstühcn. Aus sie. die so nahe der österreichischen Grenze lvohnen, haben die Feberkämpsc des roten Wien einen noch tieferen Eindruck geniacht, als anderswo; in jedes Hans kommt täglich die„Arbeiterzeitung". Jhrct- lvegen benennen wir unser Lager nach dem tapferen österreichischen Kämpfer„K o l o m a n»• Wallisch-Lager", so wie er kämpfte, wollen cs wir tun, in scinein Sinne arbeiten. Die Siurmsalken singen das Kameradschafts, lied, wieder verschlingen sich die Hände zu einem festen Ring, mit einer kurzen Ansprache dcS Lagerleiters und dem Liede„Brüder, zur Sonne!" Ivird die Eröffnungsfeier beendet. Wenn unsere» sungen Genosse» die Arbeit so gelingt, wie sie es bei-der Eröffnung ihre« Zeltlagers gelobten, wird dieses ein Getvinn für sic und damit für die Jn- gendorganisation und die Partei bedeuten. Seite 6 „Sozialdemokrat' Tönning, Juli. Nr. 18» „Eingesendet" An die Regierung der tahoslovakisdicn Republik! Die Novelle des SozialversicherungsgesetzeS hat es z»gelassen, das! KrankenversicherungSanstalten ihren Versicherten durch Vermittlung ihrer Aerzte sogenannte Spezialitäten, d. i. fertige, in der Fabrik verpackte Arzneien ausfolgen können. Gegen diese Bestimmungen stellen sich jedoch die Apotheker-Organisationen und verlangen deren Aufhebung, was sie auch einesteils in dem in der Tagespresse abgedruckten„offenen Brief", anderenteils durch Interventionen bei zentralen Behörden und auch politischen Faktoren zu begründen bemüht waren. Wir betrachten eS deshalb für notwendig, die Oeffentlichkcit auf ähnliche Art und Weise über die Gründe zu informieren, welche zur Kodifizierung der obenerwähnten Möglichkeit, durch Aerzte Spezialitäten miszufolgen, geführt haben. Die Krankenversicherungsanstalten haben die Ansicht vertreten und halten sie immer noch für richtig, daß eine(magistraliter) vorgeschriebene und in der Apotheke nach individueller Vorschreibung zubereitete Arznei in. ihrer Wirkung die entsprechendste Form einer Arznei ist. ES waren dies jedoch die Apotheker, welche durch zügellose Reklame oft auch bei Spezialitäten von nicht besonderer Bedeutung daS Publikum, die Versicherten und auch die Aerzte zur Verwendung von Spezialitäten heranzogen, wogegen sie sich nun, wo sie daS Verkaufsmonopol verlieren sollen, stellen. Der hohe Preis der sogenannten Spezialitäten wird nicht nur durch den hohen Aufwand für die Emballage der Medikamente und die hohen Reklame-, AkquisitionS- und Propagandakosten verursacht, sondern auch dadurch, daß zwischen Erzeuger und Konsumenten noch zwei Vermittler mit beträchtlich hohen Preiszuschlägen treten. Auf den Preis einer Arzneispezialität schlägt der Grossist IS bis 20 Prozent, der Apotheker 20 bis 60 Prozent zu, wobei der höchste öüprozentige Zuschlag gerade bei den geläufigsten Arzneien im Preise bis 10 KC berechnet wird. Die Möglichkeit der unmittelbaren AuSfolgung von Spezialitäten an Patienten durch die Aerzte verbilligt also den Preis der Spezialitäten auf eine annehmbare Höhe. Das; diese finanzielle Frage nicht gleichgültig ist und daß es sich nicht, wie die Apotheker-Organisationen behaupten, nm einen kleinen Dnichteil des Budgets der Krankenversichenmgs- nnstalten handelt, zeigen die Beträge, welche die Krankenvcrsicherungsanstalten jedes Jahr im gröberen Ausmaße auf die Arzneien für ihre Versichcr- Es ist demnach der Aufwand für Arzneien in der Zeit von sieben Jahren um mehr als 40 Prozent gestiegen. ien aufwendcn; dieselben betrugen im Jahre 1925 g 81.1 Mill. KC, im Jahre 1926 g g g 91.4 Mill. KC, im Jahre 1927 a g 101.9 Mill. KC, im Jahre ltz2tz V 4 tz H 104.8 Mill. KC, im Jahre 1929 • t i ff V t 109.5 Mill. KC, im Jahre 1980 a«, g ff 118.8 Mill. KC, im Jahre 1981 112.9 Mill. KC. Wir sind uns dessen bewußt, das; die öffentlichen Apotheken ein tvichtigcr Teil der gesundheitlichen.Organisation sein sollten, wie daS der „Offene Brief" der Apotheker-Organisationen behauptet. Sie sind es jedoch nicht, wie dies die sich sehr oft ereignenden und betrüblichen Fälle von wesentlichen Ausländen in der Expedition der Medi» kaniente bezeugen. Sehr ost wurde festgestellt, daß anstatt der vom Arzte vorgeschricbenen und den KrankenversichernngSanstalten in Rechnung gestellten Arzneien den Versicherten minderwertigere, weniger wirksame und billigere Arzneien auögesolgt wurden, und das; sogar die Rezepte von Arzneien für Toilettegegenstände oder auch für bares Geld eingetauscht wurden. Der Schaden war hier nicht nur ein finanzieller, sondern natiirlich auch ein gesundheitlicher. Daß es sich nicht um einzelne Fälle handelt, bezeugt das Memorandum der Landesstelle fiir die Versicherung der Arbeiter in der Slolvakei (Zemskä üfadovna pro pojiSt'ovAnl dölnlkö na Slovensku) ans dem Jahre 1920, in welchem der EesundheitSminister darauf aufmerksam gemacht lvird, daß sie in drei Jahren in das Staatliche Institut für Prüfung von Arzneien 628 Muster von in öffentlichen Apotheken abgenommenen Arzneien eingesandt hat, von welchen 148 überhaupt nicht entsprachen, und 76 abweichend waren. Der Üstfednl svaz nemocenakych pojiSl’oven (Zentralverband der KrankcnversicherungSanstalten) führte in den letzten zwei Jahren eine Probeabnahmo von Arzneien in Apotheken außerhalb Prags in 60 Fällen durch, wobei in 47 Fällen sehr grobe Anstände in der Expedition von- Arzneien- festgestellt wurden und es in vielen dieser Fälle zn einer gerichtlichen oder behördlichen Bestrafung der Schuldigen kam. Derselbe Verband hat im Vorjahre auch in 21 Prager Apotheken«ine Probeabnahme von Arzneien durchgeführt und in- allen Fällen wurden anstatt der vorgeschriebenen, wirksamen Stoffe andere billigere und weniger wirksam» Stoffe expediert, so das; der Magistrat der Hauptstadt. Prag mit Erlas; vom 11. August 1988, Zl. X. 20 141/88—Z. 10.635 feststellte, das; dies nicht zufällig geschehen konnte und daß cS den Verdacht anfnötigt, das; viele Prager Apotheken die betreffenden vorgeschriebenen offiziellen Medikamente und vielleicht auch andere offizielle Medikamente überhaupt nicht führen und dast sie anstatt derselben ähnliche Medikamente expedieren. DaS„Öeakoslovenskd üstfedl nemocenakych pojiSl’oven"(Tschechoslowakische Zentrale der Krankenvcrsicherungsanstalten) hat in derselben Zeit 78 Stichproben durchgeführt, wobei in 26 Fällen sehr grobe Verstöße festgestellt wurden. Der„Reichsvcrband der deutschen Krankenver- sicherungSanstalten" hat in derselben Zeit 841 Muster von abgcnommenen-Arzneien überprüfen lasten, von tvelchen 167 dem vorgeschriebenen Rezept nicht entsprachen. Analoge Erfahrungen haben auch die übrigen Verbände gemacht. Die BczirkSkrankenversicherungSanstalt in Prag hat auf Grund dieser Erfahrungen noch in 82 Apotheken Stichproben durchgeführt, ob die Apotheken genau dieselben Medikamente expedieren; in 21 davon wurden anstatt der vorgesöhriebenen Arzneien Präparate, gegebenenfalls andere Sachen an-gefolgt. Diese limstände sind den Apotheker-Organisationen schon lange Zeit bekannt und trotzdem wurde in der Expedition der Arzneien keine Abhilfe geschaffen. Wenn also fertige, fabriksgemäß verpackte Medikamente von Aerzten ausgefolgt werden, kann kein gesundheitliches Interesse bedroht sein, weil die Qualifikation der Aerzte zumindest eine solche ist, wie die der Apotheker selbst. Ans den angeführten Gründen müffrn«ir dar-' auf beharren, daß es bei der den Krankenneisiche- rungsanstalten bewilligten AuSfolgung von Arzneispezialitäten bleibt. Prag, am 19. Juli 1984. „Versicherungsrat": Üstfednl svar. nemocenakych poJiSfoven Zemskä üradovfia pre poist'ovanle robotnikov na Slovenaku v Bratislave Reichsverband deutscher Krankenversicherungsanstalten Ceakoalovenakd üstfedl nemocenakych pojiSl’oven Jednota zemfedeiskych nemocenakych pojiSl’oven Vereinigung deutscher KrantenversichernngS- anstalten. Landesverband der mähr, und schles. Krankenvcrsicherungsanstalten. PRAGER ZEITUNG Haltestelle Skochoviee bei Brant. Heute, Sonntag, den 22. Juli, wird, beginnend mit dem Zuge Rr. 8629 auf der Strecke Prag-Wilsonbahnhof— Brant—Cerkany und Vrant n. Vlt.—Dobfio, die neue Prrsonenhaltestclle Skochoviee zwischen den Nationen Brant und der Haltestelle Libxice und zwischen den Stationen Brant und Trnava-Mtchenice eröffnet. In der Haltestelle Skochoviee werden alle in den ausgehängten Fahrplänen angegebenen Züge halten. Bei BergistungSerschelnungen, hervorgerufen durch verdorbene Nahrungsmittel, bildet die sofortige Anwendung des natürlichen„Franz-J»sef"-Bitter- wasserS ein wesentliches Hilfsmittel. Aerztl empfahl. 2106 Kunst und Wissen Der deutsche Leichenhügel Selbstmord Senta Sünclnnds. DaS Hitlerregime, überreich an Menschenopfern, kann einen neuen Sarg registrieren. Senta Söneland, eine der eigenwilligsten Gestalten des deutschen Kabaretts, aber auch der Bühne, des Films, hat sich in einem Hotel des Berliner Zentrums das Leben genommen. Ihr VcrzweiflungSschritt ist ganz offensichtlich die Konsequenz aus jener brutalen AuShungerungs- taktik, die der GoebbelS-Film und daS gleichgeödete Theater ihr gegenüber eingeschlagen hatten. Senta Söneland, Tochter eines wilhelminischen Offiziers, ist in Deutschland der Vorhitlerzeit außerordentlich populär gewesen. Ihre künstlerische Rote war spezifisch grotesk, ausgesprochen einseitig, jedoch in dieser Einseitigkeit von ausgesprochen starker Wirkung. Im Film kam meist nur das Reißerisch- Effcktvoollc ihres grotesken Spiels zur Geltung, differenzierte Wirkungen, die ihr sehr wohl lagen, wurden ihr hier kaum gestattet. Trotzdem Senta Söneland dem Blutregime, das ihr gewiß in tieffter Seele unsympathisch war, eine Art LoyalitätSerklärnng abgegeben hatte, eine Konzession, die ihre zahlreichen deutschen Freunde schmerzlich berührt hat, wurde sie vom System der Kameraden Hitlers zerbrochen. Ihr grotesker, gleichsam„minderrassiger" Typ war im Deutschland der Kitsch-Marmelade und des byzantinischen Zucker» gustes unbeliebt. So blieb ihr nur ein einziger „Ausweg", der Weg in den Untergang. per Film Das verliebte Hotel Wenn Karl L a m a C einen Schwank mit Anai O n d r a dreht, weiß man, daß auf Vernunft und Stiveau nicht allzu viel Gewicht gelegt wird. Auch die Manuskripte stammen stets aus dem Maskenverleih (Firma Zerlett). Motive, die immer schon viele andere vertragen haben. Die Hauptsache ist. daß es turbulent zugeht und die wirblige Anni Gelegenheit erhält, ihre ein wenig grell geschminkte Charme, die bereits bedenklich in Humorigkeits-Routine übergeht, zu beweisen. Dabei ist LamaC ein gewiffer filmischer Scknniß keincstvcgs abzusprcchen, selbst Einfälle geraten bie und da, aber sie werden dem Publikum so geschludertmid unabgeschliffen als rauhe Bisten hingeworfen daß ihre Wirkung völlig verblaßt. Schlimm ist, daß LamaC auch gröbste Wirkungen nicht versck;mäht und manchmal mit einem Furiose daraus loSkitscht... daß sich-alle unseligen Geister neudeutscher Bierbankseligkeit- gleichzeitig einfinden. DaS Thema ist ebenso alt wie univahrscheinlich. Anni Ondra, Schaubudenfigur, wird plötzlich Erbin des Hotels„Atlantik". Aus einer Verwechslung dieses Hotels, eines verfallenen HäuselS auf Abbruch, mit einem komfortablen Hotel-Wolkenkratzer erge ben sich alle die albernen Schwanksituationen, die unS schon so ost gelangweilt haben. Dazwischen haspelt sich eine etivaS merkwürdige Liebesgeschich«, ab, flankiert von einem Clown von„Herrschaftsdie, ner", getragen von Anni Dndra und Maiihia» Wiemann, der einen jungen Mann mit gepsleg- tem Seelenleben und tremolierender idealistischer Veranlagung aus höchst vornehinen, aber ziemlich bankrottem Hause, zu spielen hat. Ileberflüssig ,u betonen, daß beide ein glückliches Film-Paar werden. Matthias Wiemann zieht sich mit einigem Anstand aus der Affaire und stellt sich ganz auf edle Männlichkeit ein, Gülstorff leiht einem Familienonkel seinen komischen Akzent. Erika Gläßner spielt eine berlinernde Likörfabrikantin so aufdringlich, wie ihr möglich ist und Fritz O d e m a r miinl den„HerrschaftS-Diener" mit gar zuviel Witzblatt« Grandezza. Ein überflüssiger Abend. Das Pnbliimn lachte mäßig. Pierre. Lus der Partei Sozialistische Jugend, Kreis Prag. Diens- t a g abends 8 Uhr im Partciheim Vortrag des Genossen Dr. Paul Ehrlich. Thema:„Amsterda» und San FranriSro. Gibt es eine Kampfsituasion für das Proletariats Koen Luxemburg: Briefe aus dem Gefängnis 94 Seiten, broschiert mit farbigem Schutzumschlag kc&— Zentralstelle für das Bildungswesen Prag XII.. Slezskt 13 wwwmwmiiHWHwmwwwmwwwin KURftHSTAlT’f^REICHENBERC PhnQtal- dlMet. Heilmethoden— SlknlUm IUM Preise.— Chefarzt Dr. J. tanbuerl Aaikflntte i Knranztalt oder rtareh Bl NchtWj hai g» Tontkora<11•• i Varianten Sie In lecker Verkaufsstelle des Konsumvereines SELCHWAREN cker Firma HEGNER ft Cie.. PILSEN Selchwaren der Fa.HEQNER a Cie.,PILSEN SIND DIE AILERBESTENI M Snoenö, lernetfde^tfa wöhrcnd b. Kerlen ob. Echuliadr im Penfienet gilwimim (Mabel«. St. ftinbet 6—20 I. Tschechisch, Srani. Enel Musik, Eport, Reiten, Schwimmen. SonnenbLber für Schwache u. Blutarme. Rbema-Hellanltalt. Drowclte gratis. 2419 Überraschung in Prägt 2638 Heute und täglich das große DAlfftlllf Sensationsprogramm in IllvUlln PragCeletnä 17, Telifnn 60790 Die Drei... Von W. Smolin. Nachstehende Erzählung ist eine der vielen Legenden, die sich u>n das Leben des französischen Dichters Fra n c o i s V i l l o n bildeten, entnommen. Francois Billon, eigentlich de Monteorbier, wurde 1432 in Paris als uneheliches Kind einer armen Wäscherin geboren. Bei einem Abbt erhielt der Knabe seine Ausbildung als Schreiber. Im Jahre 1422 wird Villon zum Magister Ariium in seiner Vaterstadt ernannt. Schon drei Jahre später mnß er wegen eines in Notwehr verübten Totschlages Paris verlassen. In der Verbannung lebend, findet er Anschluß an eine in der französischen Provinz sehr gesürchtete Diebesbande(la Coquillc), deren Anführer er später wird. Infolge Verrats einiger Spitzel, die sich in der Bande aufhiclten, lvird er bei seinem illegalen Pariser Aufenthalt von den Behörden ergriffen und zum Tode verurteilt. Louis XI., dessen Berater Villon zeitweilig gewesen, schenkt ihm durch einen Gnadcnakt die Freiheit. So tauscht-Villon abermals den Galgen gegen die Verbannung. Hier lebt er nun bis zu seinem Tode, welcher angeblich 1485 erfolgte, als.König der Unterdrückten und Vagabunden". In den Straßen lag die lärmende Menge schaulustigen Volkes. Die Scharfrichter lnarcn bei der Arbeit. Das herbeigeströmte Volk spendete reichlichen Beifall. Ein entsetzlicher Scheri sprang vom Nichtplatz herunter in die johleitde und pfeifende Menge. Der Schrei war dem Munde Jean Camillos entflohen. Aufs Rad geflochten wurde Jean Camillos junger schöner Leib, in dem das Blut eines Helden toste, langsam zu Tode gefoltert. Sein Bruder Charles mühte zur gleichen Stunde mit des Seilers Tochter Hochzeit halten. — Die beiden sind tot. Der Pöbel wurde rasend, er überrannte die Wachen, als man die Leichname der beiden zeigte. Die Ueberlebenden der Bande, die von Spitzeln nicht verlauft waren, zerstreuten sich auherhalb von Paris. So blieb Lyonel wohlgeborgen in der Schenke der Madame Perrier, wohin seine Geliebte, Rianon Crctin, ihm täglich Brot und Nachrichten brachte. Dann, als es ivieder ruhiger geworden, steckte der junge Bandit seine Nase wie ein Fuchs zum Eingang hinaus, schnupperte frische Luft— und spürte wieder das Pflaster von Paris unter seinen Fühen. Nebenher ging Manon Chreiin in Männerkleidung. Diese'Verkleidung trug, sie, um sich zu verbergen, teils aus Armut. Gcdemütigt gingen sie nebeneinander her, so hatte sie das Elend gezeichnet. Am Kinn von Lyonel wucherte ein acht Tage alter Bart, und auf Manonö Wangen blühten trotz Hunger die Rosen der Sünde. Ihr zarter schmutziger Hals erinnerte an die Z"it, da sic ohne Obdach bei der eivig gefälligen Mutter Natur in den Weinbergen von Montmartre die stillen Rächte verschlief. Seit drei Tagen waren Lyonel und Manon Crötin unterwegs. Drei Tage hatten sic nichts gegessen. Am Abend des dritten Tages begegneten sic auf der Landstraße von Orleans einem Wagen. Der Fuhrmann war bereit, die beiden trotz ihres schlechten Aussehens und ihrer fiebrigen Augen mitzunehmen. Das Aussehen des Kutschers war robust und zwischen den breiten Schultern steckte ein aufgeweckter Kopf. So wurde das junge Paar vor mörderischen Absichten gewarnt. Sie fühlten sich zu schwach, um die beabsichtigte Sache zum guten Ende führen zu können. Zlvei volle Tage brauchten sie, um den Weg zurückzulegcn und Lyonel machte sich, nachdem er dem von der Vorsehung gesandten Fuhrmann gedankt, gefolgt von Manon, auf die Suche nach Durand, einem alten Kameraden von der Courstille. Auf dem Martrol-Platz trafen sic ihn. Er stand faul am Tische eines Werbers vom Surbcc- Regiment, der sich im Torbogen einer Schenke, die als HerbergSschild di» Jungfrau Johanna führte, niedergelassen hatte. Die drei Gefährten erkannten einander und zwinkerten sich zu. »Ist das nicht Manon Chrötin?" fragte Duralid. „Leider," seufzte das junge Mädchen. Die Werber des Surbcc-Ncgimcnts tragen die Augen eines Falten. Auch dieser. Er beobachtete die drei Taugenichtse. Um Ihre Aufmcrksam- keit zu erregen, rief er lauter als es seine Gewohnheit lvar:„Dreimal in der Woche tanzt man bei uns im Regiment zunt Klange von zwei Flöten und Geigen. O schöne Jugend! Das Regiment hält Garnison in einem Lande, wo daS andere Geschlecht schöner und zarter ist als irgendlvo in Frankreich. Dort kann jeder," und dabei zwinkerte er mit den Augen zu Manon hin,„seine löblichen Neigungen befriedigen. Wenn ihr es wollt, so wendet euch nur an Herrn Monet, Feldwebel im genannten Regiment." Ueber die Tiefe ihres Elend klar, blickicn Durand, Manon Chrötin und Lyonel einander an. Wortlos verstanden sie. Biele Worte liebten sie nicht und deshalb gebrauchten sie and) selten welche. Noch nie lvaren sie so tief gesunken und sie wußten aus Erfahrung, daß sie ohne einen Glückszufall sich nicht wieder aufrichten können. So traten sie in die Schenke ein unv setzten alle drei vor den anwesenden Zeugen Ihr Kreuz unter de>l Werbcbricf. Manon Chrötin, die wie ein junger Mann aussah, ließ sich unter den Namen Laurent einschreiben. Meister Monet, des so vortrefflich gelungenen Fischfanges froh, ließ den Wirt einschenken und behielt sich vor, die Zeche für die drei dem Rcgi- ment einverleibteu Rekruten selbst zu bezahlen. Als der nächste Tag noch im Morgen graute, nahm die kleine Truppe, die in der Herberge übernachtet hatte, den Weg nach Douai. Dori lagen die Regimentsguartiere, zur Hälfte in kleinen, auf den Fcstungswällen erbauten Stuben, zur andern Hälfte in einer schönen neu ereautcn Kaserne. ,(Schluß folgt.) d' n g u n a e n: Bei Zustellung ins Haus oder be, Bezug durch die Poft monatlich KC 16.—, viertel läbng KC 48.—. halbjährig KC 96.—. ganzjährig KC 192—- berechnet. Bei öfteren Einschaltungen Preisnachlaß.— Rückstellung von Maniskripten erfolgt nur bei Eiiisindung der Retourmarken.— Dte ZettungSfrankatur wurde von der Poft, und Telegraphen- dtrektion mit krlaß Nr. 18.800/VH/1980 bewilligt.— Druckerei:.jvrbis". Druck-, Verlags« und ZeitungS-A.«G., Prag.«vo