WWWWUD 11, DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK I* SC HUNT MIT AUSNAHME MB MONTAG TMUCN FRÜH, mdakhon um» vkwmnhg na» xii.,k>chovam. imonsmz?. aomihistrawon mtK>N5Wi. HERAUSGEBER, SlfOfMCD TA»». CHETREO AKTEUR, WILHELM NIESSNER. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR> DR. EMIL STRAUSS, MAO. 14. Sahrgang Donnerstag, s. August 1934 Nr. 184 WcklsuW vor dem Militärgericht Pie Verhandlung unterbrochen Wien, 8. August. Bor dem Militärgericht in Wien Hutten sich heut« nenn akttd« Wochebeamte wegen Nr Beteiligung an dem nationalsozialistischen Putsch am 25. Juli d. I. zu verantworten. Die Anklage lautet auf Hochverrat, hei dem Angeklagten Lreh außerdem auch auf öffentliche Gewalttätigkeit und Beschränkung der persönlichen Freiheit. Der Staatsanwalt schildert in seiner An- klage" die bekannten Ereignisse vom. 25. Juli und erklärt, datz der Putsch bereits vor einem Jahr in Szene gesetzt werden sollte, aber wiederholt verschöben wuÄ»e. Der Plan für den 25. Juli- war gründlich ausgearbeitet und ist drei Wochen hindurch raffiniert vorbereitet worden. Die an* geklagten Wachebeamten waren über denselben■ genau informiert und fanden sich in der Turnhalle in der Siebensterngaffe in ihren Uniformen und.voller Ausrüstung ein.. Auf dem Dege von der Turnhalle, zum Bundeskanzleramt nahmen sie auf. Automobilen der Putschisten eine derar» tige Haltung ein, die die Vermutung aufkommen ließ, daß es sich um eine legale Polizei» a k t io» handle. Die Angeklagten nahmen auch gemeinsam an der Entwaffnung der legalen „ Wache im Bundeskanzleramt teil und bewachten di« zurückgehaltenen Beamten und Angestellten tzieseS Amtes. Nach den Ausführungen des Staatsanwaltes wurde die. Verhandlung unterbrochen, um den Angeklagten Gelegenheit zu geben sich mit ihren Verteidigern zu verständigen. Sämtliche Angeklagten erklären nach Wiederbeginn der Verhandlung schuldlos zu sein und in der Annahme gehandelt zu haben, datz es sich um eine legale Aktion handele, die vom BundeS» - Präsidenten angeordnet worden sei. Der Angeklagte D o b e k, der zugibt, ■- mehrere Jähre Mitglied der nationalsozialistischen Partei gewesen zu sein, erklärt, datz am Tage des PutscheS früh morgens der Detektiv Steiner zu ihm gekommen Ifei und ihn aufgefordert habe, in ' die Turnhalle des Turnerbundes in der Siebensterngaffe zu kotnmen und beigefügt, es handle sich um eine R e f e rv a t ak tt o n auf Be» ft hl deSP rast denke n. Seit diesem Augenblick habe er Steiner nicht wiedergesehen. Der Vorsitzende erklärte, datz der Detektiv Steiner geflüchtet fei und datz zahlreich« Polizisten und Detektiv«, die schwerer belastet seien als die Angeklagten selbst, sich nicht im Saale befinden, weil sie geflüchtet seien. Ebenso wie D o b e k erklären auch die übrigen Angeklagten, von dem Detektiv aufgefordert worden zu sein, in die Turnhalle in der Siebensterngaffe zu kommen, wo sie sich bereit halten sollten. Eine treffende Antwort! Auf die Frage de» Vorsitzenden, ob er denn ' glauben könnte, daß der Bundespräsident«in« Aktion gegen da» Bundeskanzleramt««geordnet . hätte/ erwidert« der Angeklagte Hackel, er habe darin nicht» Auffallendes erblickt, da er ja in» Feber dieses Jahre» an der Brfetzung de» Rathaufe» und an der Verhaftung de» Bürgermei. strr« und Laude»hauptmanne» Seitz trilgrno«. ; men habe.> In der gleichen-Weise-verteidigte« sich auch die übrigen Angeklagten. Die Verhandlung wmdeauf morgen vormittag» vertagt. Die Hinterbliebenen der Jilll-Ppfer Werden beraubt ' Wie«, 8. August. Di« Wiener Polizei hat im Zusammenhang mit der Auflbsung. der fmial- druwkratifche« Partei auch da» Vermögm». de» »Fond» der Juli-Opfer'' beschlagnahmt, aus welche« die Witwen und Waisen«ach den Opfer« de» Vluwergirhen» vordem Juftizpalaibam 15. Juli 19Ä.'unterstützt wurde«. Lebenslänglich I Graz, 8. August. Das hiesige Militärgericht verhandelte heute in Angelegenheit des 52jährigen Schuldirektors Philipp Gragger aus Schwanberg in Steiermark, der mit seinem Sohne am 25. Juli an dem Angriff der Nationalsozialisten auf das dortige Postamt und die Gendarmeriestation teilgenommen hatte. Sein Sohn war bei diesem Angriff von Organen der Exekutive erschossen worden. Der Angeklagte leugnete, an dem Ueberfall teilgenommen zu haben, wurde aber durch mehrere Zeugen überführt'und wegen de» Verbrechens des Hochverrates.'zu lebenslänglichem Kerker verurteilt. S*raniiioll*AlMiiiler-12 Mm Wien, 8. August. Gestern standen die Täter de» Sprengstoffanschlages im Eafl„City" im 9. Bezirk vor dem Schwurgericht. Der Haupt- angcklögte Nationalsozialist Anton Geckel, wurde zu zwölf Jähren schweren Kerkers, sein Freund Theodor Strchtpa zu acht Jahren verurteilt. Zwei weitere Mitangeklagte wurden freigesprochen. Waffen bei der Alpine entdeckt Graz, 8. August. Bei der Hausdurchsuchung in der Alpine Montangesellschaft in Donawitz wurde im alten Kesselhaus, in welchem schon länger« Zeit nicht mehr gearbeitet wird, ein großes Waffenlager entdeckt, in dem sich besonders Gewehr«, Maschinengewehrbcstandteile, Dosen und Röhren zur Herstellung von Bomben usw. befanden. DaS Lager wurde beschlagnahmt.^ „Prager Freise in Wien beschlagnahmt Wien, 8. August. Die heutige Ausgabe der »Prager Presse" wurde in Wien beschlagnahmt. Im übrigen, meint das Blatt der Wiener Regierung, müsse man abwarten, in welcher Weise Papen seiner Mission wird zu entsprechen vermögen. Deutlicher kann ein offizielles Blatt fein Unbehagen über.den Sondergesandten Hitlers nicht mehr ausdrücken. Datz die Betrauung PapenS in Italien unfreundlich ausgenommen wurde, ist seit langem bekannt. Auch die heutige Pariser Presse erwartet von chm nichts Gutes. Doch üben die Blätter auch Kritik an der Wiener Regierung, die'auf all« Sicherungen verzichtet hat. Der„TempS", welcher Papen als„Reichs- kommiffär für Oesterreich" bezeichnet, sagt: ES wäre allerdings die Pflicht der Bundesregierung gewesen, Garantien, für di« Zukunft zu verlangen.' Dass, sich' Deutschland in die inneren Angelegenheiten Oesterreichs eingemischt hat, ist amtlich erwiesen,- und' deswegen kann man' sich mit Versprechungen nicht zufrieden geben, sondern mutz Taten verlangen.— Sehnlich, schreibt„Journal des DkbatS":.Wien hat- vor- Berlin, kapituliert.- Üebri» gen» find in' dieser Angelegenheit, auch die' Grobmächte mitschuldig, weil'sie keinen Schritt unter», nommen haben, älS die Schuld Deutschlands unzweifelhaft festgestellt»bar, zumal e» sich doch um Bayrische Grenze gesperrt Innsbruck, 8. August. Die bayrischösterreichische Grenze ist gestern zum vierte« Male seit der Ermordung Dollfuß geschloffen worden. Deutsch« Staatsangehörige dürfen die Grenz« nicht passiere», Ausländer mir mit gültigen j Pässen..»' Enthaftung von Sozialisten Wien. Die Mehrzahl der Sozialdemokra»! tm und Kommunisten, die in den Tagen des Pro»> zeffr» und der Hinrichtung Gerls in Wien und im übrigen Oesterreich verhaftet wurden und deren Zahl sich auf etwa 3000 belief,«nrden dieser Tage wieder in Freiheit gesetzt. Fünf Leichen Im Inn Darunter ein österreichischer Legionär. Salzburg, 8. August. In der Nähe von Oberndorf wurden aus den über seine Ufern getretenen Inn fünf Leichen, n. a. ein Leich- nahmeinesösterreichischen Legionärs in voller Ausrüstung, geborgen. Der Legionär ist wahrscheinlich bei dem Versuche, den Inn zu durchschwimmen, ertrunken. In einer der Leiche wurde der 38jährigc Schuhmacher Ludwig Stand! ans Oberndorf identifiziert, der wahrscheinlich das Opfer eines Unfalles gclvorden ist. Die Identität der anderen Opser konnte noch nicht festgestellt werden. Meno$iNirfcr in Italien Familienrat la ViarcMle Zita zur Papst Paris, 8. August. Der„Matin" und auch andere Pariser Blätter bringen heute eine Meldung an» Biareggio, drrzufolgr Otto HabSburg dort eingetroffen ist. Der römische Korrespondant de»„Matin" erinnert hiebei an den unlängst im„Giomale d Italia" veröffentlichten Artikel, demzufolge Italien seinen Standpunkt in der Frage der Restaurierung der Habsburger nicht geändert habe und der eS sich mit allen Kräften widersetzt. DaS«Echo de PariS" bemerkt zu dieser Meldung an» London, daß in Biareggio«in großer habsburgischer Familienrat stattfinden werde, nach dessen Beendigung sich die ehemalige Kaiserin Zita zum Heiligen Vater begeben werd«,«m mit diesem Besprechungen zu pflegen. ihre Jntereffen handelte. Europa ist über die Absichten HitlerdeutschlandS gut informiert. Was wird eS tun. bis er eines Tages erkennen wird, datz es schon sehr lange dke Augen vor den Tatsachen verschlossen hatte? papen beruft sieh auf Hindenburg Berlin, 8. August. Papen hat Reuter eine Erklärung übermittelt, in welcher er auf ein Schreiben Hindenburgs an ihn verweist, in welchem es heißt:''< „Wenn ich Sie nunmehr als diplomatischen Vertreter des Reiches nach Wien entsende, so geschieht eS in der auftichtigen Hoffnung, daß eS Ihnen gelingen möge, normale und herzliche Beziehungen mit. dem stammverwandten österreichischen Volke herzustellen. Meine heften Wünsche begleiten Sie bei der Durchführung-dieser-verantwortungsvollen Aufgabe"..'' Gleichzeitig, erklärt Papen, den Auftrag Hitlers d e m@ e,i ft c nach erfüllen zu»vollen. Um Uesen Geist des Dritten Reiches geht es. eben. Friedensworte hat man von dort schon genug gehört. Aber immer folgte ihnen eine feindselige Tat. Oll-Lacanui oder krtegerildie DH-Politik? Adolf Hitler:„Wir-stoppen den.ewigen Germanenzug nach dem Süden und - Westen Europas' und' gehen über zur Bodenpolitik der Zukunft. Wenn wir aber hente in Europa von neuem Grund und Boden reden, können wir in erster Linie nur an Rußland und die ihm untertanen Randstaaten denken." Im Noveniber 1933 führte der Generalsekretär deS Internationalen Gewerkschaftsbundes, W. Scheveneis, unter dem Eindruck des Austritts Deutschlands aus dem Völkerbund und im Hinblick auf die düsteren Aussichten fiir die Abrüstungskonferenz' in einem Artikel u. a. auS: „Allen jenen, die gerne über die Ohnmacht des Völkerbundes schimpfen und ihm Aufgaben zumuten, die ein Bund mehrheitlich kapitalistischer Regierungen gar nicht haben kann, wird durch den Austritt Deutschlands immerhin eines klar gezeigt: d'er Völkerbund wirkt.auf a'n g r i f f S l u st i g e Regierungen hemmend. Sie zweifeln daran, ihr Ziel innerhalb des Völkerbundes mit der gewünschten Promptheit erreichen zu können. Sie treten aus. Diese hemmende Wirkung hat der Völkerbund auSgevbt; er kann sie heute nicht«ehr auSüben l Durch den Austritt Deutschlands sind alle Schrqn» ken gefallen. Die einen rüsten auS Angriffslust, -ie anderen-wollen vorsichtshalber- nicht' abrüsten oder ebenfalls aufrüsten.-- An die Stelle von Besprechungen, Abmachungen und Verträgen, die in aller Offenheit in Genf getätigt wurden, treten autzerhalb deS Völkerbundes jene Verträge, von denen Hitler in feinem Buch„Mein Kampf" in Sperrdruck'sagt:„E i n Bündnis, dessen Ziel nicht diä Absicht zu einem Kriege um- fatzt, ist sinn- und'wertlo S." Solche Bündnisse gab eS in und um- Genf nicht. Wenn auch das Genf von. gestern— wir wollen uns auf den'pessimistischen Standpunkt stellen— den nächsten Krieg kaum verhindert hätte, so konnte es doch immerhin eine Atmosphäre schaffen, die daS Denken auf die Verhinderung van Kriegen lenkte oder im schlimmsten Falle auf die Feststellung und Einschüchterung eines direkten Angreifers. Im Gegensatz dazu haben die Bestrebungen autzerhalb Genfs— auch dies liegt heute eindeutig fest— rein offensiven Charakter I" Was ist unterdessen geschehen? Dänemark, Spanien, die Niederlande, Norwegen, Schweden und die Schweiz legten einen gemeinsamen Abrüstungsvorschlag vor, desgleichen gingen Anträge und Memoranden ein von der Türkei, der Sowjet-Nnion, Frankreich, Italien, England und Deutschland. Endlich wurde im Juni für die Abrüstungskonferenz— die sozusagen als schlechtes Gewissen der verschiedenen Regierungen trotzdem weitcrlebt und sogar fiir den 1. Septeniber eine Sitzung ihres Büros einbe- rufcn hat— eine Art Schlußformel gesunden, in der alle Vorschläge und Anträge feierlich begraben tvurdcn. Datz darin auch von der„Ueber- zeugung der Nottvcndigkeit der Fortsetzung der Arbeiten der Konferenz" gesprochen wird, hat mehr dekorativen Charakter. Hingegen ist von allergrößter Wichtigkeit, daß darin auch die regionale«Pakte erwähnt werden und in diesem Zusammenhang die Errichtung einer Sonderkommission beschlossen wurde,«mit der Aufgabe, diejenigen Borstudien, foittzusetzcn, die sie für notwendig hält,' um den Abschluß der neuen Abkommen der gleichen Art, dse außerhalb der Konferenz verhandelt werden könnten, zu" erleichtern." Ferner hat.die Haupt- kommission die. Aufgabe,„die etwaigen Bez i e h un g e« d ie s e r Abkommen zu der allgemeine« Konvention zu b esti mm en". Im letzten Satz liegt da» ganze Schwer- gewicht dieser Entschließung. Wird eS je gelin- gen. diese Spczialabkommen im Völkerbund zu Kein willkommener Gast Mißtrauen In Wien— Scharfe Worte gasen Papen W t t t, 8. August. Die Kommentare zur Erteilung des Agrements für Papen sind mehr al» kühl und wenig schmeichelhaft für Deutschland. Die„ReichSpost" sagt gerade heraus, daß der Gesandte de» Dritten Reiche» nur ausgenommen wird,»eil eS„auch in schwierige» Fällen gegen die im internattonale» diplomatischen Verkehr bestehrnden Gewohnheiten ist, da» Agrement z« verweiger«. Seite 2 Dimner-tag, 9. August 1934 St. 184. Verankern und ihnen damit den Stempel wahren Friedenswillens aufzudrücken und gleich, zeitig für die nötigen Sank- tionenzusorgen, oder werden sie zu jenen Bestrebungen außerhalb Genfs gehören, von de- ncn Schevenels richtig sagt, daß sie rein offen- siven Charakter haben. Allein von diesem Gesichtspunkt aus muß die Anregung eines Ost-Loearno betrachtet wer- den! Was war West-Locarno? Im Locarno- Vertrag garantieren sich Deutschland und Frank- reich gegenseitig ihre Grenzen; England und Italien traten darin als Garanten dieser gegenseitigen Verpflichtungen auf. Im Osten sollen sich nun in gleicher Weise verschiedene Länder ihre Grenzen garantieren und andere Länder da- bei Pate stehen, ja eS besteht sogar die Absicht, diese gegenseitigen Verpflichtungen im Osten mit jenen im Westen in Verbindung zu bringen. Die Väter von West-Locarno waren Bri- and, Strcseniann, Robert Cecil usw. Unter den Vertragspartnern von Ost-Loearno sollen sich Hitler, Mussolini und eine Handvoll von klci- neren und größeren Diktatoren des Nahen Ostens befinden. Kann man unter diesen Um- ständen überhaupt von einem Locarno und seinem Geist sprechen? Die Antwort liegt auf der Hand. Dessen ungeachtet dürfen wir uns an Ost- Locarno nicht desinteressieren. Gefesselt Räu- ber— auch wenn die Fesseln von Papier sind— sind immerhin ein klein bißchen weniger gefährlich als freie Räuber. Dazu kommt, daß durch dieses Ost-Loearno, das übrigens schon auf den verschiedensten Seiten auf schlechten Willen und auf Abneigung stößt, das eigentliche Problem von Krieg und Frieden überhaupt erst aufgerollt wird. Alle anderen Verträge betreffen mehr oder we- Niger Zustände, an deren Aenderung vorläufig niemand ernsthaft glaubt. Der Osten hingegen ist der Brennpunkt jeglichen politischen Geschehens, seitdem Hitler die Politik Deutschlands mit den Worten umgestellt hat, die im TUel dieses Artikels zitiert sind. Diese Sprache läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Hitler geht dabei von der ebenso realpolitischen wie perfiden Ueberlegung aus, daß man nur dann einen wirklichen erfolg- reichcn Krieg führen kann, wenn man andere Länder mitverdienen und mitstehlen läßt:»Nöl- kerschicksale werden fest aneinandergeschmicdet nur durch die Aussicht eines gemeinsa- men Erfolges im Sinne gemeinsamer Erwerbungen, Eroberungen, kurz, einer beiderseitigen Machterweiterung". Dies ist der Sinn der plötzlichen Freundschaft Hitlers mit Polen. Will nun Hitler mit einem Ost-Loearno auf diese seine Politik verzichten? Wie dem auch offiziell sei, auf alle Fälle wird für Hitler ein Ost-Loearno-Vertrag in der Praxis ein Fet- zen Papier sein. Die berühmte hftlerdeutsche Treue, die wir in den letzten Wochen wieder so wirkungsvoll an der Arbeit gesehen haben, wird auch in diesem Falle nicht versagen. Hitler hat diesen Vertrag sozusagen schon zerrissen, bevor 19 M FRITZ ROSENFELD: «a Cbqutta EIN BOMAN ZWISCHEN TBAUM UND TAO Ihre Augen wurde» trüb in der Finsternis. Ihre Leiber wurden dürr wie Gebeine, die man aus alten Gräbern grub. Sie hoben Gesänge an, um sich wach zu erhalten, denn Schlaf konnte Tod bedeuten. Sie rannten mjt dem Schädel gegen die Mauern, um ihre Qual abzukürzen. Sie machten Scherze mit schmerzverzerrten Gesichtern: ob sie Wandrer seien, die alles sehen sollten, das Paradies und die Hölle, hintereinander? Pal hockte in einem Winkel. Er kämpfte den Kampf um das Brot nicht mit. Nur einen Schluck Wasser erbettelte er. Er hielt das Glückstier Tung- Lis in den Händen und Axjuttas helles Haar. Er dachte an den Garten, an den alle dachten in diesem Kerker. Er dachte an die Brunnen und die Tische mit Speisen. Er dachte an die Sonne und den leuchtenden, durchsichtigen. Himmel. Und an Axjutta, an Axjutta, an Axjutta. Endlich, er konnte sich kaum mehr erheben, kaum mehr die paar Schritte zu dem vergitterten Fenster gehen, ergriffen die Knechte eines abends auch ihn. Sie rissen ihn hoch, faßten ihn an den Armen, schleiften ihn wie einen Ä»ck durch Gänge und.Gänge in einen engen, steinernen Saal, in dem hölzerne Bänke und Tische standen. Dort waren Schüsseln und Krüge, dort durste jeder essen, soviel er wollte. Gierig aßen die Männer, sie erbrachen und aßen weiter, sie spülten die Speise mit Wein hinunter. Wein gab es hier, Weini War man wieder an der Pforte des Gartens? Klang schon der Gong?— er überhaupt auf dem Papier steht, sagt er doch in direktem. Zusammenhang mit,feiner„Ost- landpolitik"?„Insbesondere, ist es totgefährlich, die letzte Entwicklung vor dem Kriege als auch nur im geringsten bindend für unseren'eigenen Weg anzusehen." Damit ist von dieser Seite alles gesagt, was über ein Ost-Loearno zu sagen ist. Wir dürfen unS jedoch— wie bereits be- merkt— dessen ungeachtet nicht an diesem Ost- Locarno desinteressieren. CS kann und wird dein Frieden bicncif in dem Maße, als es sich den augenblicklichen ungünstigen Perspektiven zum Trotz im Rahmen Für eine liberalere Kreditpolitik Kritik deS„Prävo Lidu" am Gouverneur der Rationalbank Seit einiger Zeit begegnet die Kreditpolitik deS Nationälbank-Gouverneurs Englii einer immer ablehnender werdenden Kritik seitens einiger tschechischer Parteien. Zuerst war e» daagrarische Zentralorgan„Benkov", welches sich gegen den Nationalbank-Gouverneur wandte und ihm vorwarf, daß die Rationalbank die Kreditbedürfniffe insbesondere der Landwirte nicht befriedige. Diesem Feldzug gegen Dr. EngliS schließt sich nunmehr auch das Zentralorgan der tschechischen Sozialdemokratie an, welches gestern einen Artikel brachte, der sich in sachlicher Weise mit der Politik der Rationalbank auS- einandersetzt und u. a. folgendes vorbringt: DaS Blatt sieht den Fehler des Gouverneurs vor allem darin, daß die Nationalbank in der strengen Kreditpolitik, welche die Entfaltung der Wirtschaft verhindert, verharrt. An Hand der Berichte der Nationalbank stellt das Blatt fest, daß den größten Rückgang an Umlaufsmittel unter allen Staaten die Tschechoslowakei aufweist, vom 1. Juli 1933 bis zum 30. Juni 1934 ist der Geldmittelumlauf in der Tschechoslowakei um 18.8 Prozent gestmken, in der Schweiz dagegen nur um 7.8 Prozent, in Jugoslawien um 8.9 Prozent, in Belgien, in Bulgarien, Frankreich, Holland, Italien, Ungarn, Polen und Rumänien um 1 bis 3.4 Prozent. Dagegen weisen eine Ber- ! Mehrung des Geldmittelumlaufes auf Finnland !um 12.6 Prozent, Schweden um 11.2, Dänemark um 10.9. Japan um 9.6, Griechenland um 9.2, Deutschland um 8.8, und England, Estland, Lettland, Norwegen und Oesterreich um 1 bis 6.9 Prozent. Nicht minder kst interessant die Statistik der Geldntetige, die auf einen Einwohner in den verschiedenen Staaten entfällt. Ende Juni 1934 entfielen auf den Kopf der Bevölkerung in Frankreich 76.91 GolddollarS, in der Schweiz 64.99, in Belgien 89.83, in Holland 47.18, in England 24.89, in Oesterreich 19.86, in den Bereinigten Staaten(31. Dezember 1938) 29.13, in Nordwegen 17.48, in Schwede« 16.48, in Italien 18.42, in Dänemark 14.29, in Deutschland 14.03, in der Tschechoslowakei 9.26, in den übrigen Staaten von 7.33 bis 3.28 Golddollars. In Prozenten ausgedrückt sank unser Geldmittelumlauf pro Kopf der Bevölkerung vom 1. Juni bis Ende 1983 um 10 Prozent, vom 1. Jänner bis 30. Juni 1934 um 22 Prozent» und in dem ganzen Jahr um 30 Prozent. Aus dem steinernen Raum führte ein kurzer Gang die Männer in den großen, lichterstrählenden, vom Dust indischen Räucherwerkes erfüllten Saal, in dem Ala Eddin thronte, der Scheich al Dschebel, der Fürst der Berge. Gewaffnete standen im Kreis um Ala Eddin. Es konnte einer tzpn dem Raubgesindel, das sein Anführer ihm nun zutrieb, Hand an den Fürsten zu legen wagen! Er konnte einen nach dem edel« steinbesehten Brustschild Ala Eddins gelüsten. Die Kerle waren nicht gewohnt, sich zu versagen, was ihr Auge reizte. Sie hatten derbe Fauste, schnelle Fäustel In einer Reihe mutzten die Männer sich aufstellen. Wenn Heerführer vor der Schlacht zu ihren Soldaten sprachen, standen Männer so. Wenn Könige aus einem Schiff an Land stiegen, standen Männer so. Wenn Könige'zu Grabe getragen wurden, standen Männer so. Ala Eddin verliest seinen purpurnen Sih, seine Hand spielt« in seinem Bart, langsam sehte er einen Fuß vor den anderen, die Steine an seinen Pantoffeln blitzten im Licht der Fackeln. Dann schritt er die Reihe ab. Einem nach dem anderen sah er scharf ins Auge. Bohrend war dieser Blick. Bis in die Tiefe der Seele drang er und fraß sich dort fest. Unwiderstehlich war er: keiner konnte den Kopf senken, solange Ala Eddin ihn ansah. Ala Eddin sprach, und sein« Worte rollten langsam durch den stillen, menschenerfüllten Raum: „Allahs Wille hat mich zum Herren über das Paradies gefetzt. Ihr habt es gesehen, ihr habt Tage und Tage unerschöpflicher Freude genossen. Aber Allah fordert' von denen, die er beschenkt, auch Dienste. Und so frage ich euch in Allahs Namen: Seid ihr gewillt, in mein Heer einzutreten, zu kämpfen wider die Ungläubigen, zu kämpfen wider alles Böse mit dem Schwert in der Hand und der Lanze in der Faust? Furchtlos müht ihr allen Gefahren ins Auge sehen, furcht- der Völkerbundinstitutionen in das internatio- nale Regime gegenseitiger friedlicher Verpflichtungen einreihen läßt und den eindeutigen Cha- rokter einer positiven Verpflichtung aller gegen jeglichen Angreifer annimmt. Ohne diesen-Willen zur Rückkehr nach Genf sind die Versuche zur Festigung be-v. Aufrechterhaltung des Frieden» durch den Abschluß allgemeiner Garantiepakte gegen irgend- lvelche Angriffe, wie sie in den Ost- oder West- Locarno-Verträgen verfolgt werden, nur ein be- quemer Vorwand zur methodischen und hinter, listigen Vorbereitung des Krieges. Bon Interesse ist ferner der Rückgang der Einlagen bei uns. Bom 1. Jänner'1984 bis zum 31. Mai 1934 sanken bei uns die Einlagen in den Sparkassen um 840 Millionen, bei den landwirtschaftlichen Bezirksvorschutzkaffen um 108 Millionen, und bei den bürgerlichen vorschutzkassen um 138 Millionen flö. Auch die Kurse der Staats« Papiere sind seit dem März 1984 im Rückgang. Am meisten sank die Arbeitsanleihe, deren Kurs ungefähr 87 beträgt. Die Eigentümer dieser Papiere haben also 13 Prozent verloren, was das Vertrauen zu den Staatspapieren nicht hebt. Alle diese Tatsachen, so meint das„Prävo Lidu", beweisen, datz die Nationalbank nicht richtig vorgegangen ist. Mit der Bereitstellung eines 300 Millionen-Kredites für das Lombard» und Eskonte-Jnstitut ist nicht alles getan. Man kann auch ein entschiedener Gegner der Inflation sein und doch dafür eintreten, datz die Kreditgewährung seitens der Nationalbank in liberalerer Weise erfolge, insbesondere die Lombardierung von Staatspapieren. Die halbe Milliarde, die in der Zeit der Amtierung des Dr. EngliS dem Geldumlauf entzogen wurde, mutz unserer Wirtschaft eventuell über das ReeSkonte-Jnstitut zurückgegeben werden. Nur durch die Flüssigkeit des Geldmarktes wird sich der ZinSfutz ermäßigen und das vertrauen in die Staatspapiere steigen. Die Reserven der Nationalbank sind übertrieben grotz und eS mutz Abhilfe geschaffen werden. ES gibt kein Abwarten, kein Theoretisieren, so schlietzt daS Blatt, notwendig ist Hilfe und der Mut zum Handeln. eik rcststeunnf Heacnlbcr Herrn Dr. LMtfHMi In unserer Folge vom 31. Juli haben wir einen Auszug aus einem Artikel der„Prager Presse" gebracht, der sich mit der Sudetendeutschen Hcimatfront befaßte und den wir— da wir mit seiner Tendenz einverstanden waren— als bemerkenswert bezeichneten. In diesem Artikel-war nun in einer-Weise, die mit dem. Wesen der vertretenen Auffassung nur losen Zusammenhang hatte, vom„selbsternannten LandeShaupt- man Lodgman" die Rede. Lodgman hatte nun— nicht, an unsere Prager Redaktion— sondern an eine andere Parteistelle ein Schreiben gesandt, in dem er darauf hinweist, datz er sich nicht selbst zum Landeshauptmann ernannt habe, sondern datz er seinerzeit von den deutschböhmischen Reichsratsabgeordneten zum Landeshauptmann genau so gewählt worden sei wie Seliger— was zweifellos eine geschichtliche Tatsache ist. Dieses Schreiben ist verspätet in unsere Hände gelangt, was der ungeduldige Herr Lodgman zum Anlatz genommen hat, in der christlichsozialen und landbündlerischen Presse festzustellen, datz sein los alle Mine Befehle erfüllen. Dann winkt euch wieder der Lohn, von dem ihr einen Teil schon erhalten habt, dann öffnet sich euch wieder der Garten des Paradieses, und ewig fliesten die Brunnen mit Milch und ewig lachen euch die schönsten Frauen. Euer ganzes Leben dürft ihr dort weilen, und Allah schickt seine schönsten Töchter zu eurer Freude." Die Männer standen still, sahen einander an. Pal trat vor, die Augen Ala Eddin» fichten ihn, lagen so schwer auf Hm, datz er zurückwich. Unter den Männern stiegen Worte auf, man vernahm ihren Sinn nicht, sie waren ein dumpfes Murren, das Ablehnung oder Zustimmung sein mochte. Ala Eddin sprach Wester: „Ihr werdet niemals die Tage in dem Garten vergessen, niemals. Ihr werdet die Sehnsucht nach dem Garten mit euch tragen, wohin ihr auch geht. Ihr werdet an ihr verbrennen, denn sie wird ewig unerfüllbar bleiben, sofern ihr nicht meinen Willen erfüllt. Ich sende euch gegen die fremden Reiter, die unser Land verheeren, und gegen die Undankbaren, die Allahs Gnad« mit Spott und Hatz vergelten. Euer Schwert wird sie richten, dies sei euer Dank an Allah! Hat euer Schwert seinen Dienst getan, kehrt ihr zurück in den Garten, und für immer!" Die Gesichter der Männer wurden heller. „Wir wollen dir dienen", sagten sie,„wir wollen dir dienen". „Furchtlos meine Befehle ausführen", sagte Ala Eddin. „Furchtlos deine Befehl« ausführen," wiederholten die Männer. „Bis in den Tod gehorsam," sagt« Ala Eddin. „Bis in den Tod gehorsam," wiederholten di« Männer. „Für den höchsten Lohn: di« Rückkehr in den Garten!" Nun war alle Sehnsucht in den Stimmen der Männer. Gedämpft klangen sie, wie äuS einem Traum. o»'»»»»»»»»»»»»o»O Nau« Schriften.'** Josef Hofbauer: Wien .(Ein Zyklus Gedichte al» Chor- p werk eingerichtet.)- Mit Holz, schnitten von Georg Trapp. Wenzel Jaksch: Was wirt ausOslcrrckhl Im Verlag der Nordböhmischen Druck« und Verlagsanstalt Gärtner& Co., Bodenbach, soeben erschienen. Zu bestellen durch di« Zentralsten« für Bll« dungSwesen, Prag XU., Slezfla 18. ^OOGGGOOGGGGGOGGV „an die sozialdemokratische Presse" gerichtete» Ersuchen erfolglos geblieben ist. DaS erweckt den Eindruck, als ob Herr Lodgman fein Ersuchen an mehrere Stellen gerichtet hätte, was den Tatsachen nicht entspricht. In dem Briefe Lodgmans ist auch, wie wir der„Deutschen Presse" entnehmen, von meiner Unterstellung der in tschechischem Geiste, aber deutscher Sprache geschriebenen Presse" die Rede— was eine Geschmacklosigkeit ersten Ranges ist. Herr Dr. Lodgman hätte die Pflicht(nicht bei uns, sondern in der„Deutschen Presse") offen zu sagen, ob diese Charakteristll der deutschen sozialdemokratischen Presse gilt. Wir fordern ihn zu dieser Klarstellung auf, worauf wir uns mit ihm auseinandersetzen wollen. Internationale Sommerschule In Aussig Sitzung des Generalrate».— Eröffnungsfeier im Ausstger Bolkshau» Aussig, 8. August.(Eigenbericht.) Die vom Internationalen Berufssekretariat flr Lehrer veranstaltete Sommcrschule in Aussig begann heute mit einer Tagung des Generalrates, über dessen Befchlüffe wir noch berichten werden. Abends ehrte die Auffiger organisierte Arbeiterschaft die Delegierten, die besonders zahlreich aus dem Ausland gekommen waren, in einer Begrützungsfeier im Volkshaus. DaS Programm der Veranstaltung wurde vom Orchester des Stadttheaters eingeleitet und erhielt durch Darbietungen der Arbeitersänger und Turner seinen festlichen Rahmen. RamenS des Internationalen BernfSfekreta« riateS sprach Univ.-Prof. Z o r e t t'i-Frankreich, der herzlich empfangen wurde. Bezirksschulinspektor Dr. Dietzel überbrachte die Grütze des Innenministeriums, des Bezirkshauptmanns Dr. Sebesta und des Bezirksschulrates. Die Minister Dr. K r k m a k und Genosse Dr. E z e ch hatten Telegramm« gesandt. Nutzer von den Vertretern der ausländischen Lehrerorganisationen wurden die Teilnehmer von den Sprechern der deutschen und der tschechischen sozialdemokratischen Lehrer in der Republik, der Partei und der ZentralgewerkschaftSkommission begrüßt. von der Versammlung wurde dem Präsidenten der Republik ein Huldi« gungStelegramm geschickt. »Die Rückkehr in den Garten!" Ala Eddin winkte dem Anführer. Die Knechte brachten Schwerter. »Feder erhält ein Schwert, jeder erhält«in Pferd. Aus meiner Hand empfangt ihr da» Schwert. An der Stelle Allahs stehe ich, fein Prophet, und spreche zu euch: Bis in den Tod gehorsam!" Einer nach dem andern trat vor, nahm sein Schwert» sprach mit lauter Stimme, doch Echo brach sich in dem hohen Saal: „Bis in den Tod gehorsam!" • Jeder empfing ein Schwert, und jeder eine« Blick aus den Augen Ma Eddins. Mehr al» da» Schwert und der Schwur besiegelte dieser Blick den Bund der Männer mit dem Fürsten der Berge. Unentrinnbar war dieser Blick. Durch Wüsten und Welten verfolgt« er, wen er einmal getroffen hatte. Pal trat vor Ala Eddin. «Ich will dir dienen,«Her nicht mit dem Schwert," sagte er. Ala Eddin stockt«:'Widerspruch bei einem, der aus dem Garten kam? „Nimm das Schwert, oder di« Sehnsucht frißt dich bei lebendigem Leib wie die Schlange den Frosch. Sie saugt dich auf wie die Sonne de« Waffertropfen." „Ich will dir dienen bis zu meiner Rückkehr in den Garten, aber nicht mit dem Schwert," wiederholte Pal.„Hirte bin ich, der Friede ist meine. Welt, von Rache- und Blut verstehe ich nichts." Da lächelte Ma Eddin. „Du wirst es lernen, mein Sohn. Du hast di» Lehrmeisterin in dir. Willst du wieder in den Kerker zurück? Soll ich dich in der Wüste aussetze« lassen, mit deiner Sehnsucht als Dach gegen die Sonne, mit. den Bildern des Paradieses al» Speise und Trank? Dann weigere dich, da» Schwert zu nehmen!" fFortsetmna kolot* Nr. 184 $onnet»ta», 8- August 193% Lette 3 „Demokratische Mändckammcr Pariser FrairankonpraB für Demokratie und gegen dm Krieg Pari», 8. August. Die Internationale Frauenvereinigung verhandelte gestern in Paris bis spät in die Nacht über die Abfassung eines Manifestes, das dann schließlich einmütig genehmigt wurde. Die Frauen fast aller Länder der Welt sprechen sich in diesem Manifeste gegen den Krieg und den FasciSmuS aus. Die furchtbaren Folgen eines Krieges werden in diesem Manifest eingehend erläutert. Hauptsächlich wiü> an die Frauen appelliert, sich aktiv an der Verteidigung der demokratischen Freiheit zu beteiligen. An diesem Internationalen Kongreß der Frauenvercinigungen nehmen im ganzen 1888 Delegierte teil» u. a. auch auS der Sowejtunion. Neue Streikbewegung in USA New V»rk, 8. August. Mehr als 16.000 Arbeiter in den Trikotwarenfabriken von New Fort haben bekanntgegcben, daß sic in den Streik treten weiften, weil ihnen die Löhne nicht erhöht, wurden und die Arbeitszeit nicht verkürzt worden sei. New?)ork, 8. August. Etwa 21.000 Arbeiter der Wirkwarenindustrie find in der Stadt New Aork sowie in verschiedenen Rachbarstädte» im Staate New Jersey in den Streik getreten. Die Arbeiter verlangen«. a. die Einführung der 35« Stunden-Woche und die Anerkennung ihrer Gewerkschaft. Insgesamt find von dem Streik über 300 Fabriken betroffen. Vas russlsdi-bnlgorlsdie Protokoll Gestern wurde im gegenseitigen Einvernehmen das Protokoll über die Erneuerung der diplomatischen Beziehungen veröffentlicht, das am 23. Juli d. I. in Jnstambul von dem Sowjetgesandten Suric und dem bulgarischen Gesandten Antonov unterzeichnet wurde. Ju diesem Protokolle sichern sich Bulgarien und Rußland gegenseitig die Unantastbarkeit des Staatsgebietes zu und verzichten auf jedwode Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten. Sie verpflichten sich weiter, auf ihrem Territorium nicht die Existenz von Organisationen zuzulasscn, bereit Ziel der Kampf mittels Waffen gegen den anderen Staat ist, oder di« zu terroristischen Aktionen gegen die ossiziellen Bertretcr aufreizen oder solche Aktionen vorbereitcn. Beide Staate» vcc» Pflichten sich tveitcr, auf ihrem Territorium die Aushebung und den Durchzug von bewaffneter Kräfte, den Transport von Waffen und jedweden für die erwähnten Orgairisationen bestimmten Kricgsmaterialcs zu verhindern. Schließlich wird stipuliert, daß Personen, die aus dem einen oder dem anderen der vertragschließenden Länder stammen und sich im Auslande als politisch« Emigranten aufhalten nicht Mitglieder der offiziellen Vertretungen des einen oder des anderen Staates sein können, und zwar auch, nicht in dem Falle, wenn sie die Staatsbürgerschaft eines dritten Staates erworben haben. Nach diesem letzteren Artikel ist es z. B. ausgeschlossen, daß Rußland an seine zukünftigen Gesandtschaften in Sofia als Vertreter irgend einen hervorragenden bulgarischen Kommunisten entsenden kann, der durch seinen Aufenthalt in Rußland die sowjetrussisch« Staatsbürgerschaft erlangt hat. «innoi lostet wieder‘ London, 8. August. Trotz der dringendsten Warnung der Aerzte, daß er sein Leben in schwere Gefahr bring«, hat G h a n d i am Dienstag in W a r d h a(gentralindien) sein siebentägige» Fasten begonnen. Um 4 Uhr morgen» nahm er seine letzte Mahlzeit ein. Tagsüber ruhte er. Am Abend machte Ghandi noch einen recht frischen Eindruck. Der Beschluß des Mahatma ist bekanntlich dadurch veranlaßt worden, daß seine Anhänger einen orthodoxen Hindu mißhandelten, eine Tat, die er durch seine Selbstkasteiung sühnen will. vor Noskoner Echo des nitler-intcrvlews Moskau.(Tatz.) Die„Jsweftija" beschäftigt sich mit den öffentlichen Erklärungen, die in den letzten Tagen von verschiedenen Faktoren Deutschlands abgegeben wurden, und bemerkt hiezu: In der Unterredung mit einem Vertreter, der i»Daily Mail" bemüht sich Hitler, Frankreich gegen England zu stellen. Gleichzeitig erklärte der Vertreter Hitlexs in der Führung der na» twnalsozialistischen Partei Heß in einem Interview, daß eine Annäherung Deutschland» an Frankreich notwendig sei, wogegen der stellvertretende Chef der Reichswehr, General Reichenau, feiner Meinung dahin Ausdruck gckb, daß e» angezeigt sei, Frankreich vor England zu retten. In den letzten Tagen— so führt das Blatt Wetter aus— ist in Deutschland«inederartige Zentralisierung der Macht eingetreten, wie die» in keinem anderen Staate der Fall ist. Eine ähnliche Situation tritt ein, wenn die Menschen nicht den einfachsten Weg au» einer Situatign sehen wollen. Wenn Deutschland wirklich die Feindschaft anderer Staaten fürchtet, so soll e» doch den Regionalpakt unterzeichnen, der Deutschland fest« Garantie» für die Sicherheit seiner Grenzen bietet. Hitler habe sogar zum Schluß erklärt, daß er nicht»«adere» wünsche. Worum handelt es sich also» Ein Verstund zur«Ne .. Abweichend von der Auffassung des patentierten Meister» der Ständeidee,' Othmar Spann», der in der Demokratie platterding» den Antipoden allen Ständewesens, sieht, erklären unsere heimischen Ständestaat!», daß sie, da sei Gott davor,, doch keine Gegner der Demokratie seien, sondern daß sie die Ständeverfassung in die Demokratie einbauen wollten oder umgekehrt, worüber man sich bei der nebulösen Ausdrucksweise der teil» in„Blut und Boden" verhafteten, tritt von den Zaubersprüchen der Enzy- klika„Ouadragestmo Anno" beeindruckten Kündern der neuen lach so alten) Zeit nicht ganz klar wird.. Aber e» kommt wohl auf dasselbe heraus. Also demokratische Ständeverfassung! Besehen wir uüs da» Ding einmal näher und stellen wir vor ollem einmal fest, was demokratisch unter allen Umständen ist, und woran— nicht wahr, meine Herren? — doch in keinem Falle gerüttelt-werden darf, wenn man auch sonst über Proporz oder Majoritätswahlsystem verschiedener Meinung sein kann. Demokratie heißt vor allem, daß alle, im Vollbesitze ihrer staatsbürgerlichen Recht« befindlichen Bürger dö» Staates gleich zu werten sind, daß es also nicht nur heißt: Gleichheit vor dem Gesetze, sondern ebenso Gleichheit beim Gesetze, d. h. bei dessen Schaffung. Wir wollen doch nicht annehmen, daß die Herren Ständestaatler unter Demokratie etwa di« Gleichwertigkeit, bzw. Glcichgewichtigkcit der Berufsgruppen oder der Gesell- schaftsklassen meinen,., so- daß. etliche zehntausend Unternehmer etlichen Millionen Arbeitern gleichkämen. Da» doch keinesfalls?! Nicht wahr?! Nun, da» wäre klargestellt und so nehmen wir denn das „Statistische Jahrbuch der ESN" zur Hand und sehen einmal nach, wie sich die Berufsstände und Ge- sellschaftS klassen auf die Bevölkerung aufteilen und um einmal eine Frage zu beleuchten, die letzthin von gewisser Seite al» aktuell bezeichnet wurde, wollen wir un» einmal ansehen, wie der zur Wirtschaftskammer umgestellte Senat aussähe, wenn e» nach der Forniel„Demokratische Ständevertretung" ginge: Das statistische Jahrbuch weist au» in der Gruppe Landwirtschaft an Selbständigen, Pächtern und mithclfenden Familienmitgliedern(wir sind großzügig und reihen die samt und sonders der Selbständigengruppe«in, wiewohl darunter manche proletarische Existenz sein mag) 1,888.766 Personen, in der Gruppe Industrie, Gewerbe, Handel, Verkehr und freie Berufe ergeben sich an Selbständigen, Pächtern und mithelfenden Familienmitgliedern 654.420 Personen, Beamte und Ange st eilte zählen wir (unter Ausschluß des Militär») 645.206, in der Gruppe der Arbeiter unter Weglassung der Lehrlinge 8,106.688. Ein Senatsmandat würde also vor allem einmal auf 48.067 Personen entfallen. Di« vier großen Gruppen hätten demnach folgonde Man- datszahlen inne: Gruppe: Landwirtschaft 48 Mandate, Industrie, Gewerbe, Handel, Verkehr und freie Berufe 15 Mandate. Beamte und Angestellte 21 Mandate, Arbeiter 71 Mandate, Senat(Wirtschaftskammer) zusammen 160 Mandate. Bei dieser Zählung haben wir die Gruppe„von Renten und Unterstützungen Lebende, Insassen von Anstalten, nicht zuhause wohnende Studenten und Schüler" ausgelassen, da uns die Sichtung de» Materiales nicht möglich ist. Eine eingehende Untersuchung würde wahrscheinlich die Personenanzahl Auch In der Privatwirtschaft werden nur„Oesterrelcher geduldet Wien, 7. August.(AN.) Der Ministcrrat unter Vorsitz des Bundeskanzlers beschloß u. a. ein Bnndesvcrfasiungsgcsetz über den Wirkungskreis des Generalftaatskommiffärs für gutzcr- ordentkiche Maßnahmen zur Bekämpfung staatsfeindlicher Bestrebungen in der P r i v a t w i risch a f t. Dieses Gesetz gibt dem GcneralstaatS- kommiffar die Möglichkeit, gegen staatsfeindliche Dienstgeber und Dienstnehmer einzuschreiten. Diese» Einschreiten kann sich bei Dienstgebcrn im Entzug von Konzessionen oder in der SchließungvonBetrieben, bei Dienst» uchmeru in der sofortigen Entlassung ander Arbeitsstätte auswirken, wobei an ihrer Stelle vaterlandstreue Personen Anstellung finden sollen. E» ist selbstverständlich, daß bei der Handhabung dieser Bestimmungen auf die berechtigten Inter« essen der Wirtschaft entsprechend Rücksicht genommen werden wird. Es liegt der Regierung fern, dadurch in da» System der privaten Wirtschaft»« führung al» solcher einzugreifen, oder ein Präjudiz in dieser Richtung schaffen zu wollen. ES werden damit lediglich Verfügungen getroffen, die au» zwingenden Gründen der Sicherheit und der Staatspolitik derzeit notwendig sind. Der Ministerrat beschloß ferner ein Gesetz über Maßnahmen an Hochschulen, das einerseits Bestimmungen über di« Reorganisation der Hochschule für Bodenkultur und der montanistischen Hochschule in Leoben enthält und andererseits die Handhabe bietet, im Bedarfsfälle aus GrsparungSrücksichten an allen Hochschulen Lehrkanzeln aufzulaffen und den Stamm de» wissen« schaftlichcn Personal» zu vermindern. EOgllMl ArMHIWfflnlll getarnten London, 8. August.(Reuter.) Am 23. Juli d. I. wurden in Großbritannien 2,126.260 Arbeitslose gezählt, d. s. um 315.617 weniger al» zur glichen Zeit de» Vorjahres• der Beamten- und Angestellten« und der Arbetter- gruppe beträchtlich erhöhen(hier sind die Arbeitslosen gezählt!) und damit ihre MandaiSzahl. Aber wir wollen ja an Hand de» vorhandenen Zahlen- materiale» großzügig fein, um nicht kleinlichen Einwänden fixer Addierer und Subtrahierer Vorschub zu leistep. Die obangeführten Gruppen müßten dann nach BerufSzugehörigkeit und Stellung im Berufe in Untergruppen zerfallen und e» ergäbe sich folgend« Zusammenstellung: Gruppe Landwirtschaft: Untergruppe- Selbständige Landwirte 20, mithelfende Familienangehörige 28,-zusammen 48 Mandats. Gruppe Industrie, Gewerbe, Handel, Verkehr und freie Berufe: Untergruppe: Metallindustrie 1, Holzindustrie 1, Bekleidungsindustrie 2, Schuhindustrie 1. Nahrungsmittelindustrie 2, Baugewerbe 1, Warenhandel 6, Gastgewerbe 1, freie Berufe 1, zusammen 15 Mandate. Gruppe Beamte und Angestellter Untergruppe: Landwirtschaft 1, Maschinenbau 1, Textilindustrie 1, Nahrungsmittelindustrie 1, Baugewerbe 1, Warenhandel 8, Htlfsgewerbe des Handels 1, Geld- und Versicherungswesen 1, Post l, Eisenbahn 8, Gerichtswesen und öffentliche Verwaltung 2, sonstige öffentliche Dienste 1, Schul- und Bildungswesen 2, freie Berufe 1, Gesundheitswesen 1, zusammen 21 Mandat«. Gruppe Arbeiter: Untergruppe: Landwirtschaft 17, Bergbau 2, Hüttenwesen 1, Metallverarbeitung 5. Maschinenindustrie 8, Steine und Erden 8, Holzindustrie 8, Chemische Industrie 1. Papierindustrie und polygraphische» Gewerbe 1, Textilindustrie 7, Bekleidungsindustrie 8, Schuh, und Lederindustrie 2, Nahrungsmittelindustrie 8, Baugewerbe 7, Warcnhandel 1, Gastgewerbe 1, Eisenbahn 1, Verkehr 2, Arbeiter in öffentlichen Diensten 1, häusliche Dienste 7, zusammen 71 Mandate. Gesamtsumme überhaupt 160 Mandate. Die Wahl der Mandateur« fände natürlich nach streng demokratischen Prinzipien durch die Angehöri- gen einer jeden Berufsuntergruppe statt. Sie wäre geheim, gleich und direkt nach den Prinzipien der Verhältniswahl. Ter Wirtschaftssenai würde zur Vorberatung in Fachausschuss« zerfallen, die von de» Mandataren des betreffenden Fachgebiete» gebildet würden, sö z. B. Landwirtschaft: 20 Landwirte, 23 Mithelfer, 17 Arbeiter, 1 Angcstelltenvertreter, Industrie(Gewerbe): 8 Selbständigenvertreter, 4 Beamte und Angestellte, 41 Arbeitervertreter ujw. So und, nicht ander» kann die demokratische Ständekammer beschaffen sein. Wir erwarten mit Vergnügen di« Stellungnahme der Herren Propagandisten der neuen HeilSlehre. Al»„echte" Demokraten(zuweilen sogar„höhere" und„bessere" Tenwkraten) haben sie sich ja Wohl von Hau» auS nicht» anderes gedacht und wir machten mit unseren klaren Zahlenfeststellnngen nicht mehr al» die Geburtshelfer au» dem Nebel bisheriger Erörterungen. Meinen's die Herren mit der Verquickung von Demo- kratie und Ständeverfassung anders, dann sind'S faule Ausreden. Nun, wir wollen mal sehn! C. R. Sch. Der norio-Thereslenrltter Een Wie er zu einem Orden kau». Deutschland hat„Konzentrationslager"— Oesterreich„Anhaltelager". In Teutonien werden die Arbeiter„hingerichtet", in Oesterreich„justi- fiziert". Was in Berlin Propagandaministerium heißt, da» nennt sich in Wien„BundeSkommissa- riat für Heimatdienst". DaS Dritte Reich hat ihren Masienmörder: General Goering, und das vaterländische Oesterreich den Major Fey. Die zwei Männer gleichen einander aber nicht nur in ihrer sadistischen Mordlust, sondern auch in der Manie, sich verschiedener Titeln zu bedienen, Phantasieuniformen anzulegen und Orden zentnerweife auf ihre Heldenbrust zu hängen. Man soll nur einmal das Wiener Journal in die Hand nehmen und unter den hochtrabenden Titeln den Namen deS Majors Fey lesen.„AuS einem Gespräch mit Vizekanzler a. D., Minister- GeneralstaatSkommisiär, Maria-Theresienritter Major Emil v. Fey". Und dabei ist dieser Herr Maria-Theresienritter Baron Fey, kein Maria-Theresienritter, infolgedessen'auch kein Baron, da die ihm von N. Wr. I. zugesprochene Baronie mit seinem nicht existierenden Orden zusammenhängt. Der Maria-Theresien-Ritterorden wurde, wie auch sein Name sagt, von der Kaiserin Maria Theresia gegründet, und außer den Mitgliedern d«S Herrscherhauses konnten ihn nur Offiziere erhalten, die„a u f e i g e n e Verantwortung unternommene, durch persönlicheXapferkeit getragen«, erfolgreiche Kampfhandlung" nachweisen konnten. Vor dem Kriege waren kaum fünf Personen in der österreichischungarischen Monarchie, die den Maria-Theresien- rittenorden besaßen. Während deS Krieges wurde der Maria- Therestenritterorden an Kaiser Wilhelm und noch an einige Personen verliehen, deren Heldentum darin bestand, daß sie Millionen von Soldaten in den Tod schickten. Sonst wurde dieser Orden nie- mandem verliehen, denn da» Ordenskapitel beschloß, daß während des Krieges nur die Vorschläge der vorgesetzten Militärbehörden gesammelt werden und nach Beendigung de» Kriege» werde dann im Sinne der Ordensstatuten über die einzelnen Vorschläge entschieden werden. Nun war der Krieg zu Ende, die österreichisch-ungarische Monarchie zerfallen, der k^iiser und König von seinem Thron verjagt. In den ersten Monaten der Revolution galt die Sorge aller Maria-Theresienritter in Oesterreich und in Ungarn,— sie waren fast ausnahmslos Erzherzoge—, ihre Haut zu retten. Dann wurde die Revolution in Ungarn von den Weißgardisten nie- dcrgetrampelt. Die Weißgardistischen Offiziere, an der Spitze mit dem jetzigen Ministerpräsidenten Gömbös, waren die„verdienten" Lehrer der S. A., S. S. und der Hcimwchren. Bald nachher setzte sich eine Jury von Generälen, darunter sämtliche ungarischen Maria-Thercsienritter- ordcns-Besitzer unter dem Vorsitz des Erzherzog- Josef zusammen, um über die während des Krieges gestellten Vorschläge zu entscheiden. Diese Jury sprach dem Emil Fey den Orden zu. Es muß nicht gesagt werden, daß— abgesehen von den Ordensstainten—, eine Jury von Generälen nicht das Recht hatte, einen Orden zu verleihen, der mit dec Baronie-und mit einem kleinen Rittergut verbunden ist. Es ist für unS nicht von besonderen: Belang, ob der Mann, der die Kinderspielplätze unter Kanoncnfeucr nahm, ein Stück Blech berechtigt oder unberechtigt trägt: aber eS ist bezeichnend für die Mentalität deS heutigen Regimes in Oesterreich, daß einer ihrer stärksten Stützen sich mit einem falschen Titel,— dem„v."— schmückt, der obendrein in Oesterreich seit dem Jahre 1918, selbst dem rechtmäßigen Träger aberkannt wurde. Vie russischen Flieger In Rom Rom, 8. August. A!S Gegenbesuch für den Flug des Lustmarschalls Balbo im Jahre 1929 nach Moskau ist in Rom unter Führung deS Ge» inrals Sokolow ein sowjeirussischcS Geschwader von drei Flugzeugen cingetroffen. Auf dem Flugplatz Rom Ivurden die Flieger vom Botsckmster Potcmkin und hohen Ossizicren deS italienischen Luftfahrtministcriums empfangen. Die drei viermotorigen Maschinen stellen den neuesten Typ schwerer Bombenflugzeuge dar; der Gang ihrer Motoren ist trotz ihrer Größe fast geräuschlos. An Bord der Flugzeuge befinde« sich außer der Besatzung noch eine russische Flugabordnung unter Führung des Generals Eidcmann. des Präsidenten der Freiwilligen Organisation„Osso Oviachim". die die Luftverteidigung der Sowjetunion und die Weiterentwicklung der Luftfahrt zum Ziele hat.— Das Geschwader wird einige Zeit in Rom bleiben und dann zu Propagandazwecken die Hauptstädte Italiens ausfuchen. Litauen sudii Schutz gegen Deutschland Kamms, 8. August.(Elta.) Der litauische Außenminister L o s o r a i t i S hob bei einem Presseempfang die Herzlichkeit seiner Aufnahme in Moskau hervor. Den Kern der Unterredungen bildete die Frage des OstpakteS. der zu einer Besserung der Atmosphäre in Osteuropa beitragen soll. Der Pakt würde den unverantwortlichen Elementen den Vorwand zu einer Expansion nach O st e n nehmen. Gesandter Pavlü bei Kalinin Moskau, 8. August. Der tschechoslowakische außerordentliche Gesandte und bevollmächtigte Minister in Moskau Bohdan Pavlu überreichte dem Vorsitzenden des ZentralcxckntivkomitceS des Sowjetverbandes Kalinin die Beglaubigungsschreiben. Rüstungen in Schweden und in den Bereinigten Staaten Paris, 8. August.„Petit Parisien" veröffentlicht eine Meldung aus Stockholm, derzu- folge die schwedische Regierung beschlossen bat, 23 Millionen Frauken für die Armee und die Marine zu bewilligen. Washington, 8. August.(Havaö.) Das amerikanische Kriegödepardcmeut leitete soeben die Arbeiten zum Zlvccke der Erhöhung des Effektivstandes der regulären Armee ein. Der Essektiv» stand wird von 118.000 auf 165.000 Mann im Friedensstand erhöht werden. Die Zahl der Offiziere wird von 12.000 auf 14.000 erhöht. Die Erhöhung der Ausgaben für die Armee beläuft sich auf 35 Millionen Dollars; sie wird in der allernächsten Zeit dem Kongreß zur Genehmigung unterbreitet werden. Neue Putschdrohunsen Paris,«. August. Der heutige„L Oeuvres dringt einen Brief an» Rom, demzufolge die Re- daktion de»„Giornale d'Jtalia" Drohbriefe feiten» österreichischer Nationalsozialisten erhielt, in wel- chen mitgeteilt wird, daß im Falle de» Mißlingen» de» Putschversuche» vom 2b. Juli in Oesterreich em neuer Aufstand vorbereitet wird, welcher Italien«ine andere Gelegenheit bieten wird, fein« Stärke an der österreichischen Grenze zu erweis««. 6 Seite 4 LdäK,ate.-K.^GBM»W«, Die erste» Bilder vom Aufstieg de» amerikanischen StratosphLrendallon» Der Ballon in einem stellen Tal der Black Hills unmittelbar vor seinem Ausstieg, der ihn in eine Höhe von 17700 Meter führte. Hier ritz die Hülle, so daß der Ballon abstürzte. Taftsnaffifkcttci Lod zweier SeaerSle In der Nacht zum Mittwoch ist im Podoler Sanatorium General Jan DiviS gestorben. General Jan Diviö wurde im Jahre 1863 in Pardubice geboren. Er diente in der österreichische» Armee und wurde im Jahre 1014 zum Feldmarschalleutnant ernannt. Rach dem Umsturz organisierte er als Oberbefehlshaber die tschechoslowakische Armee und beseht« den Großteil des Grenzgebietes in den Ländern der böhmischen Krone und in der Slowakei. In Wien ist Dienstag, den 7. August G e- neral KuSmanek gestorben. Er ist im Weltkriege als Verteidiger der Festung Premysl bekanntgeworden. KuSmanek lvar ein gebürtiger Hcrmannstädtcr, der im österreichisch-ungarischen Gencralstab eine rasche Karriere machte und u. a. den wichtigen Posten eines Vorstandes des Präsidialbureauö im Kriegsministerium bekleidete. Im Jänner 1014 wurde er Kommandant der Festung Ptemysl, die zweimal vom 17. September bis 10. Oktober 1914 und vom 8. November 1914 bis 22. März 1915 von den Russen belagert wurde. An dem letzteren Tage kapitulierte die Festung infolge Proviantmangel. KuSmanek geriet in russische Gefangenschaft, von wo er im Feber 1918 zurückkehrte. Der Verstorbene hat ein Alter von 74 Jahren erreicht. Gchulbegim» m Bolksschule« am S. September Der Unterrichtsminister hat sein« Zustimmung dazu erteilt, datz der Unterricht an Volksschulen heuer am 3. September anstatt am 1. September beginne. IS Autobu»pastaslere ertränke« Warschau, 8. August.(PAT.) Der den Verkehr zwischen Warschau und Bialistok besorgende Autobus ist vom Straßenrand in den Fluß Bug gestürzt. Dreizehn Personen ertranken. Der Chauffeur und zwei Passagiere konnten sich retten. Um einen Weltrekord Toronto, 8. August. Zwei kanadische Flieger, ttzapitän Leonard Reid und Kapitän A i) l i n g. sind heute um 5 Uhr 12 Minuten Ortszeit in Wasagebcah gestartet, um den Versuch zu unternehmen, den Weltrekord im Langstreckenflug, den die Flieger Codos und Rossi halten, zu überbieten. Die Kanadier bei'lühen dazu ein" Flugzeug desselben. TYPS, wie das, das im Vorjahre von dem Ehepaar Molli- son zur Ozeanübcrquerung benützt wurde. Die beiden Flieger hatten ursprünglich die Absicht, über Irland in der Richtung nach Bagdad zu fliegen. Sic werden aber mehr südlichen Kurs über das Mittelländische Meer halten, um der Türkei auSzutveichen, da sie zur Ueberfliegung türkischen Gebietes keine Bewilligung erhielten, vielmehr darauf aufmerksam gemacht wurden, daß ihr Flugzeug beschossen oder zur Landung gezwungen werden könnte. Die Flieger wollen so lange fliegen, so weit ihr Betriebsstoff reichen wird. «rplosto« tötet 22 Menschen Tschangtschun, 8. August. In Sanfin bei Kirin explodierte ein mandschurisches Munitionslager. Nach den bisher vorliegenden Meldungen hat das Unglück 22Todesopfer gefordert. Explosion im Wolkenkratzer Panik in New Park. New Port, 8. August. Eine gewaltige Panik entstand durch eine Gasexplosion in einem New Aorker Wolkenkratzer. DaS Gebäude, das 22 Stockwerke zählt, ist nur für Wohnzwecke bestimmt und in lauter Kleinwohnungen aufgctcilt. Durch die Gasexplosion wurde das 8. Stockwerk vollständig vernichtet, sämtliche Zwischenwände, Türen und Fenster wurden eingedrückt. In den unteren Stockwerken ergriffen die Bewohner Hals über Kopf die Flucht, da sie mit einem Einsturz des Gebäudes rechneten. Glücklicherweise waren durch die Explosion die Fahrstühle nicht äußer Betrieb gesetzt worden. Im Hause selbst wurde niemand verletzt. Dagegen gab cs auf der Straße eine ganze Anzahl erhebliche Verletzungen durch hcrabfallende Glasscherben und Trümmer. Mehrfach wurden Autodächer von Ziegelsteinen durchschlagen. Eine Bewohnerin des Hauses wurde mit schwerer Gasvergiftung aufgefunden. Die Explosion ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, daß ein Hausbewohner, der auf Ferienreise gegangen ist, einen GaShahn offen stehen ließ. Gin von ter Gchnittmoschine «otötot Pardubice, 8. August. Gestern schnitt, aus seinem Felde in Jablonns n. Orl. der Fuhrwerker Nous mit einer Schnittmaschine Getreide. Unbemerkt lief das dreijährige Töchterchen deS Rous heran und geriet zwischen die Messer der Maschine. Dem Kinde wurde ein Fuß beim Knöchel abgeschnitten; am anderen Fuße durchschnitten die Messer der Kleinen die Sehnen. Das schwerverletzte Mädchen starb kurz nach der Einlieferung im Krankenhaus in Königgrätz. Augzt»fam«enftotz bet Pro» Prag» 8. August. Der in Prag um 23 Uhr 38 Minuten cintrcffcnde Schnellzug Nr. 125 rannte'gestern nach 23 Uhr beim Durchfahren der Station Bichovire mit dem rückwärtigen Wagen gegen zwei auf einem Ncbengcleis verschiebende Lastwaggons, die beide entgleisten. Ter Schnellzug blieb sofort stehen und setzte die Fahrt»ach einer cinvicrtclstündigcn Unterbrechung wieder fori. Verletzt wurde niemand. Die Ursache des Unfalles wird untersucht. GerSftetnßtnrz Ceskä Tkebova, 8. August. Auf dem Bau des Heizhauses am Bahnhof Ccskä Tkebova stürzte heute aus bisher noch unbekannter Ursache ein Teil des Gerüstes, auf dem Arbeiter beschäftigt waren, ein. Aus den Trümmern wurden zwei A.rb e i t c r s.ch wer verletzt geborgen, Die Ursache deS Unglücks wird untersucht: Der Gchntz im GewSner Cakoveä(Slävonien), 8. August. Ein Arbeiter, der beim Abtragen eines alten Hauses beschäftigt war, fand in dem Gemäuer zwei alte Truhen, die Gold- und. Silbcrmünzen aus dem Jahre 1792 bargen. Der heutige Wert dieses Geldes würde mehrere Huiidcrttauscndc von Xö betrogen. Der„uubelUnute Soldat". Der Presse- dienst des NSDFB(Stahlhelm) hat in einer pathetischen Kundgebung zu der bevorstehenden „Volksabstimmung", die in Wahrheit die elendste Komödie ist, die je gespielt wurde, Stellung ge- nommen. Diese„Volksabstimmung" nannte der Pressedienst nicht zu Unrecht»einen einzigartigen Vorgang". Es ist allerdings„einzigartig", was hier an Volksbetrug und zerschlissener Demagogie geleistet wird. Aber noch etwas anderes sei aus dieser Kundgcbllng hervorgehoben. Die By. zantiner ruiid u>n den ReichsarbeitSministcr Seldte, der wohl verantwortlich für den trau- rigen Erguß ist, betonen, daß„sie den» unbe- kannten Soldaten deS Weltkrieges und Führer der Nation von heute verschworen" seien. Ge- nieint ist Hitler. Der unbekannte Soldat deS Weltkrieges aber war der Mann der anonymen Masse, der schweigend stritt und litt, der schwei- gend in Schlamin und Blut der Schützengräben lag und der im fürchterlichen Trommelfeuer der entfesselte» Kriegstechnik schweigend seine grausame„Pflicht" erfüllte. Unsagbar war das Leid, unsagbar die Größe seines Erduldens, unsagbar aber auch das Elend, daS der Krieg mit sich ge- bracht hat. Die Völker haben diesen unbekannten Soldaten deS fürchterlichsten aller biü jetzt er- lebten Kriege geehrt, den einen unter Millionen, dessen Namen man nicht kannte, weil er schweigend gekämpft hätte und schweigend gestorben war. Herr Hitler aber ist leider kein unbekannter Soldat deS verflossenen, sondern der allzu bekannte Soldat deS kommenden Krieges ge- worden. Ueberall in der Welt spricht man von ihm, jeder kennt seinen Namen, und wenn die Mütter ihn erwähnen,/so ziehen sie wohl unwillkürlich ihre Jungen fester an sich, dössn Hitler, das ist für sie der Krieg, für sie und für viele Millionen in aller Welt. Der„unbekannte" Soldat, der immer wieder den Mund aufreißt und der sich von seinen Ennuchen feiern läßt wie nur je eine launische Primadonna sich feiern ließ, daS ist ein„unbekannter Soldat", wie er eben nur in Deutschland der Barbarei-Vorkommen kann. Die wahren unbekannten deutschen Soldaten de» großen Massenmordens liegen bleich und stumm unter der Erde, während ihre 'Söhne in den Konzentrationslagern schmachten und verenden, die jener Mendes„unbekannte" allzu bekannte Soldat aufrichten ließ, dem sich der„SlSDFB" verschworen hat. Es wäre besser für die Welt und es wäre vor allem besser'für das unglückliche Deutschland, wenn der unbe- kannte Soldat Hitler unbekannt geblieben wäre. Daß er bekannt wurde, bekannt als das Unglück Deutschlands und als das kommende Unglück der ganzen Welt, das ist es, was wir ihm und dem Schicksal nicht verzeihen können! Selbstmord in der Kaserne. Am Mittwoch früh erschoß sich in Bratislava mit. einem Revolver der 27 Jahre alt« Zugsführer Adalbert P o l z e r vom 153. Artillerieregimente in Bratislava. Nach ein Uhr nachts begleitete^er noch das Dienstmädchen Gisela Uhrmcova'nach Hause. Als er sich' von dem Mädchen verabschiedete, übergab er ihm ein Paket und entfernte sich schnell. Das Mädchen öffnete im'Hause das Paket und fand darin seine eigenen Photographien und Briefe,, sowie einen Brief, in dem sich Polzer von ihr verabschiedet. DaS Mädchen eilte schnell in die Kaserne, wo es aber nur noch- den Revolvcrschuß hörte, durch welchen Polzer seinem Leben ein Ende machte. Der Selbstmord soll rein private Gründe habens Livingstones Entdeckrrruhm testritten. viele von uns werden sich noch erinnern, wie. sie als Jungen mit Begeisterung von-Stanleys aben- teuerreichcm Zug quer durch Afrika gehört' oder gelesen haben, der im Auftrag einer amerikanischen Zeitschrift unternonünen war, um den verschollenen englischen Missionär David Livingstone aufzufinden, was denn auch. gelang. Die Geographie verdankt Livingstone die erste Kenntnis von den gewaltigen Biktoriafiillen des Zambcsiflusscs in Südafrika. Run aber haben Buren in Kapstadt beschlossen, am Teufclskatarakt der viktoriä» fälle ein Denkmal für KaroluS Johannes Tr i- ckar t zu. errichten, der als erster Weißer schon um den Jahreswechsel 1839/40 dieses grandiose Naturschauspiel erschaut habe, fünfzehn Jahre früher als Livingstone..Trichart war einer jener Buren, die im»großen Treck"(Zug) die' britische Kaplolonie verließen, um in die unbekannten Länder deS Nordens auSzuwandcrn, wo sie dann ihre, beiden Freistaaten. Transvaal und Oranje gründeten. Heute ist das alles die britische Bundesrepublik der Südafrikanischen Union. Die Schweine»Elite.»Die nationalsozialistische Partei fühlt sich.als Elite der Na« t i o n... Es ist. sicher. nicht unanständig/ auf manchen Posten sogar geboten, wenn ein Rational- sozialist bei Festlichkeiten. ein fröhliche» Glas Wein trinkt. Ein Nationalsozialist aber, der durch Betrunkenheit öffentlichen Anstoß gcht, ist- ein S ch wci n..,.."; Das schreibt Dr: Johann v.. Le er sinder»Deutschen Zeitung". Wonach, also festzustehen scheint, daß d«»Elite der Nation" in ihrer überwiegenden Mehrheit aus Schweinen besteht. Eine Sauperspektivel E» geht abwärts.im braunen Hungerreich. In. der„Germania'' lesen, wir:.. wie im vergangenen Jahr die Volksgesundheit durch, die Bezahlung verhältnismäßig hoher Brotpreise für den Bauern.opferte, so soll in diesem Jahr ... der B a u e r' ein Opfer bringen...- Im übrigen werden auch Handel und Verarbeiter, Müller und Bäcker usw. auf einen Teil ihrer ver- dienstspannen-ve rßichl e n. müssen.". Dollar-Millionen auf der Flucht vorm Erdbeben. Gold im Werte von l^sj Milliarden Dollars wurde aus der Münze.in San Francisco nach Denver im Staate Colorado überführt. Die Maßnahme wird vom Schatzamt damit begründet daß eine solche Goldmenge nicht im häufig von Erd« beben heimgesuchten Gebiete- aufbewahrt- werden dürfe.. Rr. 184 FtonMMM KMTapflM h. b. Zu den wenigen Fällen, wo sich die Staatsgewalt nach Hitlers Sieg entschlossen hat, gegen verleumdete sozialdemokratische Funktionäre ein-Gerichtsverfahren wegen Korruption durchzuführen, gehört der in diesen Tagen vor der Hildesheimer Strafkammer durchgeführte Prozeß gegen den früheren Geschäftsführer der. Hildesheimer Bauhütte, Senator Josef Wedekind. Dem Angeklagten wurde Korruption und Unterschlagung in 90 Fällen zur Last gelegt. Die Gesamtsumme seiner Veruntreuungen sollte angeblich 15.000 Mark betragen haben. Darüber hinaus wurde dem Angeklagten vorgelvorfen, er habe sich bei seinem zwangsweisen Ausscheideii aus der Stellung unberechtigt eine Hypothek von 5000 Mark eintragen lassen. Während der zweitägigen Verhandlung wurden 82 Zeugen und ein Sachverständiger vernommen. Der Prozeß wurde ein hunderprozentiger Reinfall für di« Hildesheimer Staatsanwaltschaft. Wedekind wurde nicht nur die Berechtigung der hypothekarischen Eintragung seiner Forderung zu- erkannt, sondern auch von allen anderen Anschuldigungen freigesprochen. In der Urteilsbegründung stellte das Gericht fest, daß zwar fehlerhafte Buchungen vorgenommen seien, die sich aber ausschließlich zu Wedekinds Ungunsten ausgelvirlt haben. Weiter wurde in der Urteilsbegründung festgestellt, daß die Bauhütte Hildesheim das persönliche Werk WedelindS gewesen sei, der sich für dieses Werk mit ganzer Kraft und unermüdlicher Tätigkeit eingesetzt habe. Außerdem sei nachgewic- sen, daß Wedekind in den Zeiten, in denen eS der Bauhütte schlecht ergangen sei, Monate lang auf wesentliche Teile seines Gehaltes verzichtet habe. Aus diesen Gründen mußte das Gericht zum Freispruch kommen und di« Kosten des Verfahren» der Staatskasse auferlegen. Hoffentlich führen die deutschen Gerichte noch recht viele KorruptionSprozeffe gegen ehenialigc marxistische Funktionäre durch. Besser können nämlich dem deutschen Volke die Augen gar nicht geöffnet werden. De»»saubere Staat-! Zwei Meldungen ohne Kommentar. .„Wegen Veruntreuung von Parteigeldern wurde der frühere Ortsgruppenleiter der Ortsgruppe Altstadt in Osnabrück zu einer GcsamtzuchthauSstrafe von zwei Jahren und drei Monaten, der Orts« grupp e n lasse nwa rt zu einer Gesamtzuchthausstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt." Westfälische Pressemeldung. „Der Kassier Willi Ripke vom»Deutschen Holzarbeitcrverband" wurde in Berlin wegen Unterschlagung von Verbandsgeldern zu zwe,i Jahren Zuchthaus verurteilt."- ■„Frankfurter Zeitung." Dir Gangster. Wie englisch« Blätter berichten, hat die Stettiner Geheime Staatspolizei den Stahlhelmer Kümmerst», der wegen Tötung eine» SA-Mannes vor dem Sondergericht angeklagt war, ckber freigesprochen wurde, in„S ch u tz h a f t" genommen. Er soll sich in einer Hitlerkaserne befinden und dort einer entsprechenden„Behandlung" unterzogen werden. Neudeutsche Gangster an der Arbeit. Freispruch mit anschließender Erschießung„auf der Flucht". Die bequemste Methode! Hagel schlägt Labegäste blutig. In der Nähe von Szombathely(Ungarn) ging ein verheerender Hagelschlag nieder. Wegen der gro- ßcn Hitze befanden sich in den beiden am Rande der Stadt gelegenen Strandbädern tausende von Badegästen, di« sich nicht mehr rechtzeitig retten konnten. Biele der Badenden erlitten durch die großen Hagelkörner blutende Wunden und mußten verbunden werden. Ofserteubschreituug. Die Staatsbahndirektion Olmütz vergibt für da» 1. Halbjahr 1985 im öffentlichen Offertwege die Lieferung von Eisenwaren (Draht, Nägel, Drahtseile, Ketten, Stahl», Weiß- und Zinkblech, Drahtgewebe, sowie BerbrauchSinven- tar). Näher« Kundmachung siche„Amtsblatt der Tschechoflowakifchen Republik".' Wahrscheinliche» Wetter heut«: Stärkere Unterschiede in der Verteilung der Bewölkung, strichweise Gewitter oder Regen, mäßig warm.—- »Wettervorhersage für Freitag: Neigung zu lokalen Gewitterstörungen. Vom Rundfunk Frettagr Prag, Sender L.: 10: Schckklpkatten, 10.20: Deutsche.Nachrichten, 12.10: Schallplatten, 12.80: Konzert, de» Salonorchester», 18.80: Arbeitsmarkt, 15.15: Orchesterkonzert, 18.20: Deutsche Sendung: Blau: Die alten Handelssteig«, die neuen Wanderwege,' 18.45: Arbeiterfun k:" Adolf S chm i d t: Aktuelle zchn Minuten, 18.55 Deutsche Presse, 19.85: Gestern und heute, Montage mir «u«m Tanzsaal, 22.15: Tanzlieder tschechischer Azoren, 22.45: Russische Nachrichten. Sender S.: 14:. Populäre-Lieder, 14.25: Deutsche Sendung: BiertäsMnde der Frau, 15: Deutsche Presse.— Bräun 13.80: Arbeitsmarkt und soziale Informa« tionen,. 18.20: Deutsche Sendung: Fußballrepor« tage.— Mäbrisch-Vftra» 10.80: Blasorchesterkonzert, 18.20: Deutsche Sendung.'— Kascha» 15.15: Orchesterkonzert. 9t.«4 . DonnerSl^z, 9. August 1YS4 «ett, 5 In Marseille hat dreivicrtel Millionen Einwohner.' Wieviele--sinh darunter-- dieweder Beschäftigung, noch Wohnung., noch Nahrung haben! Immer neue Einwanderer lammen aus den Kolonien und wollen das gelobte»Mutterland" erreichen. In Marseille bleiben sie stecken. In den ersten Tagen verlaufen sie ihr wenig Hab und Gut. und dann leben sie eben, wie sie lönnen. Ei« wohnen im»Quartier reservt". Der Name rührt vielleicht daher, daß das gange viertel für allerlei fragwürdige Existenzen sozusagen reserviert ist. Ein Rundgang durch diese üble Gegend ist «in gefährliches Unternehmen. Nur mit Hilfe der Polizei kann man wagen, hier einzudringen. Die Straßen sind höchstens eineinhalb bis zwei Meter brett. Namenloses Wend, Verkommenheit,. Verderbtheit und Laster haust hier. Verfaultes Stroh, verdorbene Gemüse. Schlempe füllen die Straßenrinnen, bedecken das Pflaster, Auf Schritt und Tritt stolpert man über fleinere oder größere Misthaufen. Herrenlose Hunde und halbnackte Kinder versuchen, aus diesen Misthaufen ihre Nahrung herauszufinden. Die großen Hafenplatze mit internationalem Verkehr bergen allerlei dunkle Gcheimniffc. In den engen Gäßchen, in Heinen schmutzigen Kneipen treiben sich Wienschen aus aller Herren Länder herum. Äiatrosen aus allen fünf Weltteilen, die ihr ganzes Leben in harter Arbeit auf dem Meere verbringen, versuchen in der kurzen Zeit ihres Landaufenthaltes all des Vergnügens teilhaftig zu werden, das ihnen auf dem Schiffe vorcnthalten bleibt. Und in dieser Atmosphäre gedeiht das Verbrechen, geschehen Dinge, die selbst die Einheimische» nur vom Hörensagen kennen, von denen auch sie nur mit heimlichem Grauen sprechen. Kommt der Fremde in solch eine Hafenstadt, so erwartet er, allerlei wüste Sensationen zu erleben. Am Ende seines Besuches ist er aber zumeist arg enttäuscht, denn daö, was er zu sehen bekam, war zwar interessant, doch nichts Ungewöhnliches, nichts Sensationelles. Die Erklärung für diese Enttäuschung ist durchaus einfach. Der Fremde ist eben nicht bis dorthin vorgedrungen, wo das wirkliche Laster, das wahre Verbrechen haust. Und er kann noch von Glück sprechen, daß er die Kaschemmen, die er suchte, nicht finden konnte; denn diese Lokale sind für jeden Fremden lebensgefährlicher Boden. * Kairo ist zweifellos eine schöne Stadt. Scharenweise strömen die Fremden, hauptsächlich Amerikaner, herbei, um dann erzählen zu können, daß sie unter den Pyramiden gefrühstückt haben. Kairo besitzt aber auch eine Hölle, die Ezbekieh» Hölle, die natürlich den Eook-Touristen nicht gezeigt wird. Die Straßen dieses verrufenen Viertels bilden ein farbenprächtiges Bild. Pechschwarze Nubier aus Zentralafrika, Sudanesen mtt mächtigen großen Ohrringen, Tunesier, Mgc- rier, Syrier. mtt weißer Haut,. Perser, Kurden, Beduinen und zwischendurch Matrosen, wilde, verwegene Gesellen, bevölkern die Straßen und die vielen BergnügungSlokale. Alles scheint hier für ein Vergnügen brutalster Art geschaffen zu sein. In jedem Haus eine Bar oder ein Cafe! Der anspruchslose Matrose nimmt <üleS Dargcbotenc mit Freude und ohne viel Kritik hin. Hier tanzen alte häßliche Frauen unvcr« schleiert. Die Hölle von Ezbekieh ist vielleicht«in« 5ig dastehend in der ganzen Welt. Sie dient nur dem Laster in seiner häßlichsten, abstoßendsten Form. stehen in kleine». winkligen Gassen,»Gänge" genannt, Natürlich auch Kneipen, ja sogar Gaststätten sind in diesen Häusern üntergebracht. Die Gaststätten bestehen aber nur aus einem einzigen, kleinen Raum, in welchem als einzige Einrichtung zwei Tische stehen, einer für den Aiisschank und einer, für die Gäste. Die Speisen kostest pur wenige Pfennige. Trotzdem wird aber nur wenkg verzehrt. Die Häuser liegen selbst am hellichten Tage im Halbdunkel, und in der Nacht wirken sie geradezu gespenstisch» Es gibt aber auch Lokale der„Unterwelt". Sines der bekanntesten und zugleich auch der vornehmsten ist die»Blaue Grotte". Alles ist hier -In Blau gehalten. Ein Glas Grog kostet 20 Pjen- nigc; es handelt sich also hier um ein„vorneh- 'mes" Lokal. In der„Finkenbude" geht es schon, Wiel gewöhnlicher zu. Alles Gesindel, das sich in Sankt Pauli henimtreibt, hat hier seinen Treff-, punkt. Tritt ein Fremder in dieses Lokal, so entsteht sofort große Unruhe und erst, wenn es sich herauSstellt, daß er mit der Polizei nichts zu tun hat, beruhigen sich die Gäste. Dann aber kvird der„Neuljng" von allen Seiten bestürmt. Finstere Gestalten umringen ihn und betteln ihn an. Selbst die Männer, die auf dem Boden ihren Rausch auSschlafcn, werden wach und torkeln zu dem Fcenrden hin. Die»Finkenbude" ist vielleicht der schrecklichste und trostloseste Platz von ganz Sankt Pauli. Sankt Paulil Jeder, dec einmal Hamburg gewesen, kennt die Lokale, die für di- Fremden geschaffen wurden. Das Chinesenviertel, die kleinen obskuren.Hafenkneipen und die vielen Verbrccherlokale bleiben aber mit sieben Siegeln verschlossene Geheimnisse. Die Chinesenstadt liegt um^die Schmuckstraße herum. Kneipe steht-neben Kneipe, doch nur der Eingeweihte weiß, daß-dies Kneipen sind. Von außen sehen sie aus Ivie bescheidene Privatwöh- nungen. Nur wenn man einige Stufen hinabsteigt- und in den Keller gelangt, wird man gewahr,-Ivo-, hin man geraten ist. In regelrechte Spiel- und' Opiumhöllcn. Die Polizei kann aber nur in den seltensten Fällen solch eine Spielhölle ausheben. Ein Pfiff genügt, der nahende Fremde wird angekündigt, und mit Blitzesschnelle verschwindet alles. Scshst die im Opiumrausch Liegenden, werden fortgeschafft. Unweit der Michaeliskirche findet man viele hundert Häuser, die derart schmal sind, daß in jedem Stockwerk nur ein Zimmer ist. Die Häuser um mich zu blicken, weil ich fürchtete, jedermann sähe mir jenen Vorfall an und würde sich über mich lustig machen oder mich gar verachten. Bon dieser Stunde an nagte etwas ip mir und ich wurde das Gefühl nicht los, als Wäre ich minderwertiger als meine Schnlkolleginnen, deren Väter ebenfalls eingerückt waren..." Noras Stimme wurde ganz leise. Ein Tropfen fiel auf des Mannes Hand. Gr spürte ihn wie einen Stich, aber er ließ ihn liegen, denn es war ihm. als verdichteten sich in seinem Spiegeln die Wort- der Frau neben ihm. „Ich schämte mich meines Vaters—", sagte sie mit einem unendlich wehen Lächeln, .kannst du dir das von mir denken?!"....Aber in der Schule hörten wir tagtäglich und in jeder Stunde nur von der großen Zeit, von Heldentum und von dem Gehorsam, ohne den ein Sieg nicht möglich ist. In meiner kindlichen Phantasie bildete ich mir ein, mein Vater habe cttvas Unehrenhaftes begangen und darum schnauzte ihn der Leutnant an. Vielleicht war mein Vater kein Held? Nicht lange danach kam Lisa, meine Freundin, mit verweinten Angen im weißen Gesichtchen und schwarz gekleidet zur Schule. Ihr Vater war in Rußland gefallen. Nach der Stunde drückte» wir Lisa unser„Beileid" aus, wie eS uns die Frau Obetlehrerin gelehrt hatte. Unh dann starb auch die Mutter meiner Freundin uns eine Abordnung der Klasse ging zum Begräbnis. Aber erst viele Jahre später erfuhr ich, daß sich die arme Frau aus Gram über den Verlust des Mannes aus dem Fenster gestürzt hatte... Damals wußte ich nichts davon. Ich sah Nur die allgemein- Teilnahme, die man Lisa entgegenvrachte, wie sie von de» Lehrerinnen, auch von den strengsten, bevorzugt wurde und vernahm nur das schier Unglaubliche: Lisa, die jetzt bei ihrem Onkel wohnte, war Sonntag regelmäßig bei der Frau Direktor eingeladen!(Und dabei war das Mädel gar keine hervorragende Schülerin I) Deshalb wunderte eS uns auch nicht, daß gerade sie den Prolog bxi der Festakademie, die anläßlich eines großen Sieges gefeiert wurde, sprechen durfte, womit sie sich mit den anderen Waisen in den größten Erfolg des Abends teilte, denn inzwischen hatten schon viele Kinder ihre Väter verloren... Ich aber, die stets ein ziemlich verborgenes Schuldasein stihrte, lmirde immer eifersüchtiger auf die Mädchen in den schwarze» Kleidern, weil. Der Haffe« der Verkommenen Die Ezbekieh-Höllc— Besuch Im„Le Quartier reserot" von Marseille— Sankt Pauli Bon Henry klolliS. Nora und die große Zett „... in diesen Stunden, wo sich die Herzen reinigen und alles abstret- f-n..." („Reichspost", 26. Juki 1914.) Seine Hand streichelte sanft die ihre. Die Lippen geschloffen, blickten sie beide mtt glänzenden Augen in die hellen Vierecke des heraufkommenden Abende im Fenster. „... noch heute packt mich das Grauen und ich komme nicht los von ihm..." Dableiche, mädchenhafte Antlitz glühte, die großen dunklen. Augen hatten alles Licht des scheidenden Tages gesammelt und glänzten st» tiefer Erregung. Der Mann liebkoste, erstaunt über diesen Ausbruch und um zu- beunruhigen, ihr schwarzes Haar. Jetzt wandte sie ihm das Gesicht zu. Sein Warten zwang sic zu sprechen. „Bei Kriegsausbruch war ich genau acht Jahre. Auch mein Vater mußte einrückcn. Es ging uns anfangs nicht schlecht und wenn mir manchmal durch die Stadt gingen, die ganze Familie, waren wir riesig stolz auf unseren Vater. Bis wir eines Tages einem Offizier begegneten. Mein Vater grüßte, ich sah genau-, wie er die Hand vorschriftsmäßig an die Kappx-führt«, aber,,dem Herrn Lentnamit paßte- irgend'cttvas nicht und er stellte ihn zur Rede. Ich erschrak, so schrie er und meine Mutter umkrampfte in ihrer Auflegung so fest meine Hand, daß mfl die Tränen kamen. Ich aber starrte lautlos auf meinen Vater, der blaß und»Habt Acht" vor dem Offizier stand, dessen Brüllen— wir befanden uns auf dem Kärntncrring— schon eine Menge Leute herbeigelockt hatte, vor denen ich mich am liebsten in die Erde verkrochen hätte. Ich verstand kein Wort, mir fiel nur die Jugend des Leutnants auf, der glattrasiert>var, während mein Bater damals einen schönen Bart trug, auf den ich besonders stolz war, „denn richtige Papas müssen Bärte haben", sagte ich immer... Ich kann dir gar nicht schildern, was es für einen furchtbaren Eindruck auf mich machte, als ich jemanden mit meinem Vater, der doch bisher der Inbegriff des Besten, Gescheitesten und Vorbildlichsten für mich gewesen war, wie mit einem kleinen Jungen schelten hörte... Wir gingen dann sofort nach Hause, Vater sprach den ganzen Weg nichts, die Mutter weinte. Ich blickte krampfhaft zu Boden und wagte nicht ich auch so gefeiert»md im Mittelpunkt jeglicher Aufmerksamkeit zu stehen wünscht« und davon träumt«, von allen Menschen verwöhnt und mtt Liebe, Mitleid und Bedauern angesehen zu werden. So wie Lisa... Um diese Zeit ging mein Bater mtt seinem Regiment nach Serbien". Noras Atem kam stoßweise. Die Tränen rannen unaufhaltsam aus offenen Augen.„Ich vermag nichts zu erklären, ich will nichts beschönigen— ich kann nur erzählen, wie es gcwefeü ist. Ich weiß, daß ich bei jedem Feldpostbrief lauernd in das Gesicht meiner Mutter starrte. Ich erinnere mich an die fürchterlichen Nächte, in denen ich die sündigen und schrecklichen Gedanken vergeblich zu verscheuchen suchte, diese Gedanken, die wie eine Krankheit mein Inneres verheerten. Was kümmerten mich vernachlässigte Schularbeiten? Sfleitsüchtig und unausstehlich ließ ich die Rügen der Lehrerinnen über mich ergehen und dachte nur: Es wird schon anders werden...! Und es wurde anders. Zehn Tage nach meiner letzten Strafe— ich hatte hundertmal: Ich soll nicht schwätzen! und fünfzigmal: Ich soll nicht unaufmerksam sein!, zu schreiben!— kam ich mittags heim und finde die WohnungStür offen. Ahnungsvoll stürnie ich durch die Küche und treffe im Zimmer die beiden Nachbarinnen, Heren verstörte und traurige Mientn mitteilsam genug waren. Mutter lag bewußtlos auf dem Diwan. Der Luftzug wehte xin amtliches Formular vom Tisch auf die Erde... Zwanzig Jahre sind seither vergangen, aber noch immer gellen mir die Schrcikrämpfe meiner Mutter in die Ohren, als sie auL ihrer Ohnmacht erwachte.. So bekam auch ich mein schwarzes Kleid, die Kolleginnen drückten mir ihr Beileid aus und auch die Frau Oberlehrerin behandelte mich nun sanft und freundlich. Nie mehr erhielt ich eine Strafe wegen Schwätzens, denn ich wurde schweigsam. So schweigsam, daß der Arzt Ner» verzerrüttung feststellte und ich ein halbes Jahr der Schule fcrnblribrn mußte. Dann schrieb er mich gesund, redete mir gut zu und sagte zu meiner Mutter: Sie hat ihren Bater wohl sehr lieb gehabt? Na, sie wird schon vergessen— sie ist doch noch ein Kind! Er wußte ja nicht, daß mich Gott für ineine eitlen Gedanken gestraft hatte und er hörte nicht die Stimme, die unablässig— heute, wie vor 20 Jahren— in mir ruft: Du hast deinen Bater getötet..." Noras letzte Worte erstickten in einem herzerbrechenden Schluchzen. Tief beugte sie sich, bis ihr Gesicht die Hand des Mannes berührt^. Der strich tröstend über das Weinen, hob dann den Kopf wie den eines Kindes zu sich und sprach mit seiner dunklen Stimme, in der der Strom des Schmerzes verebbte: «Du Liebes, du! Wie. darfst du so etwas sa» gen! Wenn es den Gott gibt, zu dem die Millionen,, beten, von dem sic Erlösung hoffen— glaubst du,,, daß dieser Gott die dummen Gedanken eines kleinen Mädels so fürchterlich rächte? Kannst du dir das von Gott denken? Glaub mir, nicht Gott hat Schuld und auch nicht die achtjährige Nora, daß Väter sinnlos gemordet wurden. Schuldig sind dir Menschen, die den Krieg bejahen, schuldig sind alle, die ihn als etwas Gottgewolltes hinnehmen und in den zlvanzig Jahren vergessen konnten! Schuldig sind die Worte Heimat, Vaterland und Ehre— solange das Vaterland nicht die Heimat der Menschlichkeit und ihrer Ehre ist—11" „Der Weg in dieses Vaterland ist weit". „Wir haben ein Leben lang Zeit, ihn zu gehen". „Man braucht viele Leben, um an sein Ziel zu gelangen". „Daß cs dieses Ziel gibt— lohnt alle' Mühen..." ES war dunkel geworden. Durch das Fenster glitzerte ein Stern. Flug durch de« Nebel Die Svmmersonne schüttet ihre goldene» Strahlen über Prag. Unser Flugzeug hebt sich brausend in die Lust. Die schöne, geliebte Stadt grüßt herauf und bwld versinken die Spitzen des Huchschin im blauen Dunst. Fruchtbar und friedvoll dchnt sich tjef unten das böhmische Land. Die Felder sind fast all« schon geerntet. Manchmal stehen noch die Puppen; ihre Schatten bildeten winzige Punkte. Das SWerband der Moldau windet sich in unsichtbar« Fernen und umschlingt die grünen Pläne und dunklen Wälder der Heimat. Fabrikschornsteine sind wie auf einen Tisch gespießte Streichhölzer; wenn sie Rauch M den Himmel stoßen, sind sie auch von oben imposanter. Schafe und Rinder sind auf den Werden. Ur« Bewegungen teilen sich dem entfernten Auge nicht mtt. Dies gleüet auch bald über die Einzelheiten hinweg und sucht die Fern«. Nur langsam wech» selt das Bild. Das Flugzeug scheint durch die Lust zu kriechen. Mer das ist eine Täuschung. Von der festen Erd« aus gesehen bewegt es sich in sausendem Fluge vorwärts. Dort schickt eine Schnecke weihen Rauch noch oben; es ist ein Expreßzug. Sein ächzendes Hasten vermittelt uns eine Vorstellung Äer die Relativität von Raum und Zett. » Die dunklen Warzen, die jetzt unten auf dem Antlitz der Erde zu sehen sind, erkennt man als die Mittelbergs in der Nähe Bilins. Da die Sonne scheint, sieht man an den. Schatten ihre Kegel- sorm. Sonst finken für das Auge des Men Sitzenden alle Berge sanft in die Ebene »rück. Und das Erzgebirge, das toi« jetzt bei •„ Dux anfliegen, ist nur ein.Kranz von Waldern, kapm unterbrochen von weißen Straßen und lichtem Wiesengrün. Und siehe: an seinem nördlichen Rai«de steht eine dunkelgraue Wand, der sich unsere Maschine rasch nähert. Bald sehen wir die Sonne nicht mehr. Unten huschen weiße Fetzen ii6et den Wald, an die Fenster unserer Kabine peitscht der Regen. Der Kreis, den wir von oben Übersehen, ist kleiner geworden. An seinem Rande verschwimmt das dunkle Grau der Erde mit dem der Wolken und d«S Nebels. Wir fliegen über dem Dritten Reich.— « In diesem Nebel scheint das Land stiller zu sein als das unter der Sonne. Friedlich sind auch die Städte, die wir überfliegen. Menschen sind aus dieser Höhe überhaupt kaum zu sehen. Die Fahrzeuge scheinen ihre Garagen nicht zu verlassen. Leipzig gleicht auch von oben einer toten Stadt. Rings um den Bahnhof, wo immer regstes Leben und Treiben herrschte, ist alles still. Kaum ein fahrendes Auto ist zu xrblicken. Die Schornsteine der Fabriken rauchen ni«P. Dafür aber hängen überall Fahnen. Besonders in den kleineren Städten, wo einer den anderen kennt und kontrolliert. Man sieht von oben nicht, daß sie auf Halbmast gesetzt sind. Es ist, als ob man geflaggt hätte aus Freude über den Tod Hindenburgs. Man weiß: diese Freude ist echt. Die Trauer ist geheuchelt. Des deutschen Spießers Herz jubelt, sein Hitler hat nun freie Bahn'. Er kann die Untertanen herrlichen Zeiten entgegenführen.— Ueber dem ganzen aber liegt Nebel. Wir landen in Leipzigs Große auf Halbmast gesetzte Flaggen hängen- regensehwer an den Stan« gen. Eine mächtige Hakenkreuzfahne ist darunter. Ein halbes Dutzend SA-Leute sind da. Man weiß nicht recht wozu. Aber die tragen nagelneue Uniformen mck> Stiefel und kommen sich sehr wichtig vor.„Heil Hitler!" llingtS auf allen Seiten. In dem Gauleiiergesicht mir gegenüber sitzt ein stilles, zufriedenes Grinsen. Darunter macht sich eine schwarze Krawatte wichtig. Na ja, Hindenburg ist gestorben. Da trägt man Schwarz, Weils die Partei befiehlt. Es kostet nichts Und die Treue ist das Mark der Ehre. Wie beschimpfte man den Alten, als er den Doung-Bertrag unterschrieben hatte! Die Ehren, die man ihm nachher erwies, galten nicht dem Präsidenten, sondern dem Verräter der Verfassung, dem Charakterlosen, der da^ deutsche Volk Hitler auslieferte. Man ehrt den Toten. Mit einer schwarzen Krawatte und verständnisvollem Grinsen. Ueber dem Ganzen aber liegt Nebel. * In di« Wälder Mitteldeutschlands find rote Städte gebettet. Sie sind ganz still. Die Fahnen hängen an den Ziegelbauten noch dichter als anderswo. Wir werden aber davon immer wieder abgelenkt. Denn vor uns türmen sich neue Wolkenwände, Blitze zucken auf und wir steigen höher. Riesige Wolkenhaufen wälzen sich unten vorüber, Wälder und Städte verdeckend. Der Regen schlägt an die Scheiben, aber wir hörens iiü Donnern der Maschine nicht. Den Lauf der Flüsse unterbrechen Wolken, die sich vor das Auge hängen; oft zeigt sich, daß cs nicht Flüsse, sondern verregnete Asphaltstraßen sind. Straßen, auf denen weit und breit kein Auto fährt. Bald aber liegt ein helleres breites Band in der Ferne und unten leuchten die Feuer von Halden und Hochöfen. In de» grauen Nebel mischt sich schwarzer Qualm und weißer Dampf. Fördertürme stehen links und rechts, gesck iftig fahren auf dicht nebeneinander liegenden Geleisen Lokomotiven hin und her. Wir fliegen über da- Ruhrgebiet und landen bald in Essen—Mühlheim. Noch sind wir im Dritten Reich, noch sind wir im Nebel. # Man fühlt hier auf dem Eosener Flughafen eine andere Atmosphäre. Hier weht keine Halenkreuzfahne, hier klingt kein Hitlergruß, hier gibt es keine SA. Hier ist alles so zivil, daß man kaum glaubt, im Dritten Reich zu sein. Es ist katholisches Gebiet. Hier denkt man wohl mchx an Cläusener als an Hitler.— Bald donnert die schwere Maschine wieder empor. Und wie wir uns der Grenze nähern, ändert sich unten wiederum di« Landschaft. Dampf und Qualm bleiben in dec Ferne, grünes Marschland breitet sich aus, mit vielen Armen umfängt die Maas das fruchtbare Land, Windmühlen drehen ihre Arme durch die Lust. Der.Kontrast zwischen dem Grün der Marschen und dem Silber des Wassers wird stärker: von"den Flüssen blitzt eS herauf. Es ist die Sonne, die sich in ihnen spiegelt. Wir sind über freiem Land, der Nebel liegt hinter uns. Im Fluge verging uns die Zeit,!m Fluge näherten wir uns dem Licht. Deutschland wird länger brauchen, ans dem Nebel hinauszukommen. Bald nimmt das brausende Leben Rotterdams Augen und Sinne gefangen. Pon freier Erde fliegt ein Gruß in die freie Heimat. Er fliegt durch den Nebel. Wer die Sonne wird siegen!- 9. K.. „Sozialdemokrat" Donnerstag, 9. August 1934. Nr. 184 WEISSE WOCHE 19OJ Notizen des Orientreporters Da« Rätsel um den Arlosoroff-Mörder— Men- scheajagd am Mittelmeer— Ab« Jilda schießt Gazelle«— Die Sphinq hört Radio— Heiße Wissenschaft— Amazonen der Waste. Bon Erich Gottgetren. Jerusalem, Anfang Juli. Der junge Jude Abraham Stavsky aus Polen ist vom Jerusalcnicr Gericht wegen Ermordung des Arbeiterführers Chaim Arlosorofs zum Tode verurteilt worden— allerdings nicht einstimmig, und von den vier Richtern(zwei Engländern, einem Araber und einem Juden) hat der jüdische Freispruch verlangt. Obwohl die Oeffent- lichkeit die Gründe, die den Schuldspruch rechtfertigen sollen, im Einzelnen nicht erfährt, gestattet das palästinensische Recht dem Richter, der für Freispruch stimmte, die Darlegung der seinen. Der Richter De Valero hat von diesem Recht Gebrauch gemacht. Seine Ausführungen klingen beachtlich und sie verleihen der Kampagne, die Stavsky als Opfer eines Justizirrtums erklärt, großen Auftrieb. Diese Kampagne wird nicht nur bon den Revisionisten, zu deren nationalistischen JdeenkreiS sich Stavsly bekannte, geführt, sondern auch von politisch gemäßigteren Persönlichkeiten des bürgerlichen Lagers. So sehen sich z. B. der Obcrrabiner Kock, hinter dem die orthodoxe Bevölkerung steht, und Meir Dizengoff, der Bürgermeister von Tel-Aviv, für die Unschuld des Verurteilten ein. Hingegen ist man in den Kreisen der Arbeiterpartei, die sich durch den Mord ihres Führers beraubt ficht, von der Richtigkeit des Urteils überzeugt. Ihre Ucberzeugung gründet sich nicht nur auf bestimmte Ergebnisse der Beweisaufnahme, sondern auch auf den Umstand, daß von revisionistischer Seite in unverantwortlicher, zum Teil sogar terroristischer Weise gegen Arlosorofs agitiert worden tvar. Die Erbitterung der Arbeiterpartei wird noch dadurch gesteigert, daß ihr von ihren grimmigen Gegnern„die Blutschuld an der Tragödie", die sie selbst erst provoziert haben soll, zugeschobcn wird. Die Beschuldigung ist unsinnig. Aber im Uebrigen ist es fraglich, oh jemals Licht in das Geheimnis des Mordfall« Arlosorofs gebracht werden wird. Der lebende Führer bemühte sich um die Kraft der Einigkeit, sein Tod zerreißt das Volk in zwei einander hastende Hälften. Dies ist der Tragödie zweiter Teil. In der Nähe von Jaffa haben Beduinen ein Boot, das, beladen mit cinwanderungslustigen Juden ohne Einwanderungöpapiere, aus Alexandria kam, beim Landungsversuch abgefangen und an die Polizei verraten. Die illegalen Reisenden müffcn mit ihrer Deportation, ihre Schmuggler mit einer größeren Freiheitsstrafe rechnen, und die neue Heimat bleibt ein Traum. Zu Luft, Master und Land werden die Grenzen scharf kontrolliert. Einwohner finden nur»auf Zertifikat" Einlaß oder gegen Nachweis, daß sie Touristen sind, die das Land nach bestimmter Zeit wieder verlassen werden. Bereits auf den englischen Konsulaten der AuSrciscländer wird dieser Nachweis verlangt. Er ist gar nicht leicht zu führen. Unter anderem setzt er einen größeren Kapitalbesitz voraus. »... und überhaupt wäre mein Mandant nie gefaßt worden, wenn die Zeitungen nicht immer wieder sein Bild veröffentlicht hätten!", rief Abu JildaS Verteidiger wütend. Ruhig erwiderte der Vorsitzende:„Aber er hat sich stets sehr gern photographieren lasten und sich nie als ein Feind der Publizität gezeigt. Der Herr Verteidiger möge seine Klienten in Zukunft warnen." Der Raubmörder, aus dem Volkslied und Legende im Laufe der Zeit einen arabischen Nationalhelden gemacht hatten, ist gemeinsam mit seinem mitangeklagten Komplizen Ahmed Mustafa alias El Armeet zum Tode verurteilt worden. Die Richter der Stadt Nablus ließen von mehr als einem Dutzend Morden, die dem Uebcltätcr zur Last gelegt werden, nur den letzten» dem ein Polizist zum Opfer fiel, zur Verhandlung kommen. Die Angeklagten erklärten, daß sie zur Zeit des Verbrechens garnicht in Palästina, sondern„auf Reisen", nämlich in Transsordanien gewesen seien. Vorsitzender:»Und die Feuerlvaffen, die man bei Dir fand?" Abu Jilda: benutze ich zum Reb hühner- und Gazellenschießen." Vorsitzender: „Und das Geld um die Waffen zu kaufen?" Abu Jilda:„Das hat mir meine Frau gegeben." El Armeet:»Und mir meine Mutter." Die Sphinx hört Radio—; jetzt wissen wir endlich den Grund ihres„Ich Weitz nicht, was soll es bedeuten"-Lächelns. Um das Radioprogramm des offiziellen ägyptischen Senders, der erst vor wenigen Woche» eröffnet wurde, ist ein heftiger Streit ausgebrochcn. Den Europäern sind die Darbietungen zu arabisch, den Arabern zu europäisch, autzerdem patzt cS ihnen nicht, datz so ost Koran und die alte arabisch« Poesie vorgelescn wird, der kleine. Mann zieht Grammophonmusik vor. Zustimmende Briefe bekam der Direktor des cairinischen Senders bisher nur aus Jerusalem und Damaskus, wo man sein tönendes Geschenk steuerfrei genießt. Was für ein Tohuwabohu grollender Unzufriedenheit wirds aber erst geben, wenn Ende des Jahres das zweiundfünfzigsprachige Jerusalem seinen eigenen Unterhaltungsrundfunk bekommt? * .' Der kleine Cairiner meckert, weil er ein - Pfund Rundfunkgebühren im Jahre zahlen soll. - Der grotze, weil er für das Auto, das er fährt, > eine noch weit erheblichere Steuer zu entrichten > aufgefordert worden ist. Bon diesem unwillkommc- ' nen Kind des Fiuauzministeriums wird nun schon - seit 1931. gesprochen. Aber erst jetzt konnte es ge- > baren werden, da nach der ägyptischen Berfaffung c Gesetze, die ausländische Staatsangehörige berüh- : ren, der Zusttmmung der in Aegypten vertretenen fremden Regierungen bedürfen; und das sind nicht weniger als elf... l« Am unangenehmsten sind die Hitzetage des , Vorderen Orients, wenn sie zu allem Ueberflutz ' auch noch vom„Chamsin" überweht sind. Der . Chamsin kommt aus den Wüstenregionen, ist voll- , kommen trocken, bringt Unmengen von Staub mit ; sich, macht die Atmosphäre undurchsichtig und liegt in den Gliedern wie Blei. Nach Meffungen, die die ' Hebräische Universität in Jerusalem mit Hilfe \ eines Aktinometers angestellt hat, sind die Son- ’ nenstrahlen an Chamsintagen um so schwächer, je . stärker der Chamsin selbst ist. Dieses eigenartige ’ Phänomen wird damit erklärt, datz in bestimm- Spart• Spiel• Körperpflege Der Kongreß der SASA : findet nun endgültig am 6. und 7. Oktober in Karls« i bad statt. Obwohl dieser Kongretz als reine Arbeitstagung gedacht ist, werden ihn doch eine Reihe ' größerer Veranstaltungen umrahmen. Geplant sind: , Ein großer Festabend, ein Aufmarsch der Arbeitertürner, der Jugend und der RW. mit der Partei, bei welchem ausländische Delegierte sprechen sollen; ' Besichtigungen der Sprudelanlagen und anderer Einrichtungen der Kurstadt sollen den Delegierten einen Einblick in dieses Getriebe gewähren. Falls ' noch Zeit und Gelegenheit sst, wird den Delegierten auch ein Teil der schönen Umgebung gezeigt werden. Die Tagesordnung de« Kongreffes wurde bereits bekanntgegeben und falls keine Einwände von den einzelnen Verbänden erfolgen, wird dieselbe alS feststehend angenommen. Da» Bundesfest der finnischen Arbeiterturner Auch das finnische Bundesfest war zahlenmäßig, technisch sowie organisatorisch ein voller Erfolg. Ob im Süden oder Norden, überall, wo die Verbände der SASJ marschieren, da marschieren auch die Massen mit. Eine ausländische Teilnehmerin sandte folgendes Stimmungsbild von dem Fest in Helsinki: Der große Sportplatz in Helsinki war von großen Zuschaurrmassen umsäumt. Die Sonne schien noch hoch und warm wie bei uns am Nachmittag und alles war in festlicher Stimmung. Schlag 8 Uhr abend« setzte die Musik ein, das Fest begann. Unendliche Reihen Turnerinnen in ihren kleidsamen grauen Turnröckchen marschierten in musterhafter Ordnung auf, ihnen folgten die Turner unb die Kinder. Da viele Betriebe sich geweigert hatten, ihren Arbeitern den erbetenen Urlaub zum Feste zu geben, waren die Turnerinnen in der Ueberzahl, was übrigen« auch am Sonntag noch der Fall war. Vom AnSlande waren vertreten: Amerika, Norwegen, Estland, Schweden und die Tschechoslowakei(DTJ. und AtuS). Die Finnen gelten als ein kühles Volk. Desto höher ist die Begeisterung einzuschätzen, mit welcher die in- und ausländischen Genossen begrüßt wurden. Die Brgeistermtg. der Beifall, hielt durch daS ganze Fest an, ein Beweis, auf welcher Kulturhöhe die Arbeiter deS Nordens stehen. Hatten doch die ten Höhenlagen Chamsinströmungen di« Sonnenenergien als infra-rote Strahlen absorbieren, in ihrer Intensität also schwächen. Die Forschungen auf diesem Gebiet werden fortgesetzt. *« Mit der heißen Zeit flüchten nun auch die wanderfreudigen kurdischen Stämme, aus dent Feueratem der Wüste in die Kühle der Berge des nördlichen Irak. Ihr Zug bildet ein Bild bunter Romantik. Hunderte treuer Esel sind die Tragtiere der feierlichen Prozessionen. Alle« kurdische Hab und Gut ist kunstvoll auf ihren Rücken verstaut. Hühner, junge Lämmer und ungezählte Babics vereinigen ihre Schreie zu einer kräftigen Marschmusik. Die Frauen sind im Gegensatz zu ihren städtischen Schwestern unvcrschleiert. Biele von ihnen hat das ewige Wanderleben geradezu vermännlicht: als Amazoninnen der Wüste tragen sie kriegerische Tracht, Gewehre, Patronengiirtel und krumme Dolche. Erst wenn der Zug sich zum Gebete neigt und seine religiösen Waschungen vornimmt, läßt sich hier Kurde von Kurdin unterscheiden. denn dieser Kult der Frömmigkeit ist noch immer den strengen Söhnen Mohammeds zucigen und nicht des Halbmonds Töchtern. Bürgerlichen kurz vorher ein ganz mißratenes Fest steigen lassen, welche« auch in bürgerlichen Zeitungen Unwillen erregt hatte. Und nun dies! Wer hätte an diesem glänzend vorbereiteten Feste etwa« tadeln können— es war nicht möglich. Innere Disziplin, reibungsloser Ab- lauf und technische Höhe hielten sich die Waage. Air wissen wohl, daß die« alles monate-, ja jahrelanger Arbeit bedurft hat, aber die Funktionäre waren auf ihren Posten gewesen, und so klappte eben alles. Besonders hervorzuheben ist die restlo» durchgeführte Pünktlichkeit sowie die vollendete Disziplin in Aufmärschen und Hebungen. War eS für die Schiedsrichter schwer gewesen," au« den durchwegs guten VereinSvorführun«» die beste herauszustellen, so war e« für den Zuschauer schwer, eine der drei Maffenaufführungen als die beste zu bezeichnen. Kinder, Frauen und Männir gaben chr Bestes. Pünktlich wie eS begonnen und durchgeführt worden war, schloß das Fest. Nicht immer kam man von einer Veranstaltung sagen, was man hier mit gutem Gewissen sagen kann: ES war vom Sn« fang bis zum Ende gelungen. „Blumen-Zauberdung" das Blütenwunder Blumen an allen Fenstern! Welche Freud« für den Besitzer wie für den Beschauer! Wenn Sie Ihr« grünen Lieblinge kräftigen unb zu reich«» Blühm bringen wollen, verwenden Sie„Blumen-Zauberdung", ein erprobtes, billige» Düngemittel, da wahrer Wundertrank für Ihr« Blumen. Jetzt müssen Sie mtt dem Dungguß beginnen! Bestell« Sie sofort ein Paket bei der nachstehend angegeben« Adresse und legen Sie den Betrag von. KC 6.60 w Briefmarken bei. Alle Bestellungen richten Eie an die Verwaltung„Die Unzufrieden«", Prag XU., Fochova ti. 62. Sparen mH Anzeige« hiMl dar IHMriarandM KonkurranihtHtn In Sold,«Slatin. Porzellan u»d Nauts-duk. NrdeUen tür die Herren Rente schnell und «IMa. Anton Kopeckj, z-duiechulker. Pro», V!!I. »rUttt 11. rr« Der Traumhändler Bon H c r m y n i a Zur Mühlen. Ich wanderte auf der langen Schlaf-Straße dahin, immer dem Abcndstern nach, der mir als Wegweiser diente. Wie mächtige schwarze Berge balsten sich am Horizont die Wolken. Tief unten erstarb allmählich das Dröhnen der großen Stadt, und ihre Lichter erloschen. Ich erreichte einen freien Platz, auf dem sich eine große, von Säulen getragene Halle erhob. Mit Goldbuchstaben in den Stein gegraben, leuchteten die Worte:„Traumhandlung". Vor her Halle stand ein hochgewachsener Greis; ein regenbogenfarbiger Mantel hüllte ihn ein, und sein langer weißer Bart reichte fast bis zur Erde. Der Greis forderte mich freundlich auf, näher zu treten, und ich folgte ihm in die Halle. Hier gab es zahllose lange Tische, auf denen, sorgsam in Seidenpapier verpackt, allerlei Gegenstände lagen. An dem einen Ende der Halle befand sich eine kleine Eiscntür. »Was für einen Traum willst du?" fragte der Gr.eis und betrachtete mit gütigem Lächeln mein fadenscheiniges Gewand. »Ich verstehe dich nicht", erwiderte ich.„Auf meiner Wanderung gelangte ich hierher, wußte gar nicht, daß es hier eine so mächtige Halle gebe." „Das ist die Halle der Träume", erklärte der Greis.„Stell dich«in wenig abseits, gleich werden meine Kunden erscheinen."^ Ich gehorchte. Schon nach wenigen Augenblicken sah ich auf der Straße eine Schar Kinder kommen; sie lvaren alle zerlumpt und mager, und ihre traurigen Augen hefteten sich bittend an den Greis... Der führte sie mit freundlichen Worten zu dem ersten großen Tisch, holte aus dem Seiden- papier gute Speisen und allerlei Leckerbissen hervor, legte sie in die ausgestreckten Kinderhände. Bon einem andern Tisch brachte er warme weiche Gewänder, von einem dritten schönes Spielzeug. Die Gesichter der Kinder verklärten sich; die kleinen Geschöpfe klatschten jubelnd in die Hände und liefen fröhlich fort. »Du bist ein guter Mensch", sprach ich zu dem Greis,»schenkst den armen Kindern, was ihr Herz begehrt." Das gütige alte Gesicht wurde hart und düster:»Ich schenke cs ihnen nicht. Jeder Traum wird mit hungrigen Stunden und Tagen, mit Frost und Kälte, mit unerfüllten Wünschen bezahlt. Diese Kunden erhalten nichts umsonst. Aber stelle dich wieder abseits. Die nächsten nahen schon." Männer und Frauen kamen auf der Straße daher, mit müden Schritten, mit verzagten Gesichtern. Der Traumhändler fragte freundlich nach ihrem Begehr und holte das Verlangte von den Tischen: sichere Anstellungen, guten Lohn, eine behagliche warme Stube, Gesundheit für ein krankes Kind. Bei den Mädchen und Burschen gab der Greis bisweilen lächelnd noch einen in Watte gehüllten Traum hinzu, auf dessen Verpackung mit großen roten Buchstaben stand: Achttmgl Liebesglück! Zerbrechlich! Nicht stürzen!" Als die Männer und Frauen gegangen waren, schüttelte der Traumlenker traurig den weißen Kopf und murmelte vor sich hin:„Ueber- zahlt! Ucberzahlt! Mit wieviel Leid und Entbehrung müssen diese Träume bezahlt werden." Auf der Schlafstrahe erscholl nun mit einemmal Autorattern und Hupen. In langen Reihen kamen vornehme Herren und Damen gefahren, stiegen vor der Halle aus und befahlen dem Chauffeur, zu warten. Der alte Traumhändler blickte di« Neuankömmlinge zornig an, er begrüßte sie nicht, fragte nicht nach ihrem Begehr, bot ihnen keine Waren an. Sie aber kümmerten sich nicht um ihn, eilten in die Halle, liefen zu.den hinterste» Tischen, rissen die Pakete auf, griffen mit gierigen Händen nach deren Inhalt. Ich sah, wie sie Juwelen und herrliche Gewänder, präch- tige Schlösser, schöne Pferde, Jachten, riesenhafte Fabriken, Gold und Banknoten an sich nahmen. Dann bestiegen sie wieder ihre Autos und» rasten fort. »Womit haben diese Menschen bezahlt?" fragte ich den Traumhändler. »Diese Menschen zahlen nicht selbst", entgegnete er grimmig.'»Die Tränen, der Hunger der armen Kinder, die Rot der Männer und Frauen bezahlen diese Träume.", »Das ist ungerecht!" rief ich empört. Da blickte der Traumhändler mit seltsamem Lächeln nach der kleinen Eisentür, aber er sprach kein Wort. Nach einer Weile sah er auf eine grotze, laut tickende Uhr und sagte:„ES ist spät. Ich will den Laden Wietzen." Ich jedoch rief:„Nein, warte! Ich sehe noch Mensche» auf der Straße." Und wirklich: es kamen noch einige Männer und Frauen. Sie mochten einen weiten, beschwerlichen Weg zurückgelegt hlcken, denn ihre Füße bluteten und ihre Gewänder waren von Dornen zerrissen. Der alte Traumhändker lief ihnen entgegen und geleitete sie in die Halle. Sie aber schritten achtlos an allen Tischen vorüber und machten erst vor der Eisentür halt. Der alte Traumhändler stellte sich vor die Tür und rief mit dröhnender Stimme:„Wißt ihr auch, was ihr für diesen Traum bezahlen müßt?" „Wir wissen eS", erwiderten die Männer und Frauen. »Verfolgung und Leiden, Schmach, Kerker und Tod", warnte der alte Traumhändler und streckte abwehrend die Arme aus. Da sprach eine der Frauen:„Gegrüßt seien Verfolgung und Leiden, Schmach, Kerker und Tod um dieses Traumes willen." Und wie ein Echo murmelten die andern: »Gegrüßt! Gegrüßt!" »Wißt ihr auch", rief der alte Traumhändler,„daß dieser Traum anders ist als alle übrigen Träume? Ihr könnt ihn nicht am Morgen beiseite legen; er wird um euch sein bei Tag und bei Nacht. Und wer diesen Traum wählt, muh auf alle andern Träume verzichten.". «Wir wissen eS", entgegneten die Männer und Frauen. »So tretet ein!" Und der alte Traumhändler öffnete weit die Eisentür. Ein Strahlen und Gleitzen drang in die Halle, datz ich geblendet die^Augen schließen mutzte. Als die Männer und Frauen wieder zurückkehrten und durch die Halle schritten, lag aus ihrem Gesicht ivundersame Helle, und aus ihren Augen strahlte überirdische Freude. Und auch dar Antlitz des alten Traumhändlers leuchtete verklärt. Da die Männer und Frauen gegangen waren, fragte ich: „Was für ein Traum ist das, den diese Menschen gewählt und mit einem so hohen Preis bezahlt haben?" Und der Traumhändler erwiderte: »Es ist. ein Traum, der kein Traum, sondern Zukunft und Wahrheit ist: der Traum einer neuen und gerechten Welt." Wie durch Zauberkraft verschwand mit einemmal die Halle, und zusammen mit ihr der Traumhändler. Ich stand allein auf der Schlaf-Straße. Tief unten aber lag die schlummernde, träumende Welt. Bezugsbedingungen: Bei Zustellung in« Hau» oder bet Bezug durch di« Poft monatlich tiü 16.—, vierteljährig XL 48.—. halbjährig Kö 96.—, ganzjährig Kö 192.—.— Inserate werden laut Tarif billigst berechnet. 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