Nr. 227 14. Jahrgang Freitag, 28. September 1934 ZENTRALORGAN DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK Einzelpreis 70 IMdr («Inichll.NIch SIMtoeP«to| DtSCHHNT MIT AUSNAHME DIS MONTAG TÄGLICH FRÜH. REDAKTION und Verwaltung na« xh.. iocnova«. nvoN SW. abmnimaron hwon ihn, HERAUSGEBER: SIEGFRIED TAUB. CHEfREOAKTEÖRi WILHELM NIESSNER. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR. DR. EMIL STRAUSS, PRAG. Die Kunschak-Partei will weiterleben ArmecDdchl Nasaruks Zum 2t. Grlindunnstatf der tsdiedioslowaklsdien Wehrmacht Der Anzeiger des Ministeriums für Nationalverteidigung hat folgenden Ar« meebefehl des Präsidenten der Republik anläßlich der 20-Jahr-Feiqr der Ent« stchung der tschechoslowakischen Wehrmacht veröffentlicht: Am 28. September 191-t haben Freiwillige der„Ecskä DruZina" in Kiew in Rußland und die Rotte„Nazdar" in Bayonne in Frankreich, die ersten Einheiten unserer Auslandstruppen geschaffen. Der Augenblick, als die erste Militär« fahne nach Jahrhunderten wiederum über den Häuptern unserer Legionen im Ausland wehte, ist ein historisches Datum" der Entstehung dcS tschechoslowakischen Heeres. Die AuslandSarmec hat bewußt an unsere vergangene militärische Tradition angcknüpft, die aus tiefer nationaler und moralischer Ueberzeu- gung quoll, die unsere Vorfahren unüberwindlich im Schuhe ihrer Freiheit gemacht hat. Wir kämpften im Weltkriege für die nationale,^ kulturelle, wirtschaftliche und soziale Befreiung» vor allem unser selbst, als auch anderer Völker., Wenn.heute Tendenzen auftauchen, diese Freiheit zu bedrohen, eventuell sogar durch Her- vorrufung eines neue» Krieges, so glaube ich an den gesunden Verstand der Mehrheit derer, die berufe» find, über die Schicksale der Sttaten z« entscheiden, dass sie gegen de» Krieg, für de» Frieden entscheiden würden. Aber über alles glaube^ch Euch, Soldaten der tschechoslowakischen Armee, glaube ich an Eure Liebe zur Republik und zur Freiheit, glaube ich, daß Ihr mit der gleichen Tapferkeit und Opfcrwilligkeit, mit der wir die Freiheit errungen chaben, auch sie schützen würdet. Sind wir doch hiezu auch unseren gefallenen Kameraden verpflichtet, derer wir am heutigen Jubiläumstage in Uebereinstinzmnng mit dem ganzen Volke dankbar gedenken. Wir werden ihr durch teures Blut erkauftes Vermächtnis vor allem durch Arbeit im Frieden und für den Frieden, aber, wenn es notwendig sein wird, durch Kanlpf wahren. Lany, am 18. September 1934. BradäL m. p. T. G. Masaryk m. p. Schutzbündler holen Waffen W i e n.(Tsch. P. B.) In einem Waffenlager der Heimwehren in der Mariahilfer-Straße wurden Mittwoch zehn Männer, die Waffen entführen wollten, verhaftet. Sie geben an, daß st« die Waffen an die Sozialdemokraten weitergeben wollten. Am gleichen Tage find unbekannte Täter in ein anderes Waffenlager der Heimweh- re«,«i zw. in Ottakring«ingedrungen, wo fie etwa 20 Gewehr« und sonstiges Material entwendeten. In diesem Falle konnten die Täter nicht gefaßt werden.,■ Brüning In Rom . Das„Pariser Tageblatt" meldet: ’„Wie wir von besonderer Seit« erfahren, te» .findet sich der ExreichSkanzler Brüning seit kurzem in Rom. Nachdem er fich mehrere Monat« lang in England aufhielt, hat er de» Weg in die Vatikanstadt gefunden, wo er jetzt, ebenso wie der Zentrumsführer Prälat K a a S, der päpstlicher Hautckämmrrer ist, lebt»nd-auch nach wie vor versucht, einen.gewiffen, Einfluß auf dir Kirchenpolitik drS PapsteS aüSzuütdni" 9«ter In Prag*; Genf.(Tsch. P: B.) Mtüister Dr. Benes ist Heiste abends nach Prag abgereist."Bor seiner Ab.reis« hatte.'er eim längereUnterredunn mit dem französischen Außenminister Barthou, mit' dem '.ersten' italienischen Delegierten Baron Aloisi und .mil dem englischen Delegierten Lordgeheimsiegel- bcwahrer.Eden..Gegenstand der.Unterredungen War die' österreichische Frage und der Ostpält. WeN sie vollku» los Ist Wien.(E.-B.) Donnerstag vormittags trat die Leitung der Ehristlichsozialen Partei zu einer Beratung zusammen. Das Ergebnis der Sitzung war der Beschluß, in der von Dollfuß veranlaßten Liquidierung der Ehristlichsozialen Partei nicht fortzufahrcn, sondern die Ausschaltung des Lr. Dollfuß zu ihrer Wiederbelebung zu benützen. An der Sitzung nahmen neben Schuschnigg noch B u r e s ch und 3 chmitz teil. lieber die Beratungen berichtet das ch r i st« l i ch s o z i a l c„Neuigkcitsweltblait" u. a.: „Die PartrileitungSmitgltrdrr erörterte» auch die Lage, die sich nach dem Tod des Bundeskanzlers Dr. Dollfuß für die Partei ergebe« hat, den» es ist noch in aller Erinnerung, daß die Liquidierung der christlichfoziolen Partei von Dollfuß unter gewissen Bedingungen und Sicherungen gefordert und erreicht wurde. Durch den Tod des Kanzlers ergab sich somit gewissermaßen eine geänderte Situation für die Partei, die in eingehender Aussprache erörtert wurde. Wir es heißt, wurde von der Mehrzahl der Redner gegen eine Liquidierung der Partei unter den derzeitigen geänderten Ber» hältnissen Stellung genommen. ES hab« sich auch Die Nachrichten aus Deutschland mehren sich, die von erbitterten Machtkämpfen im engsten Kreis um Hitler sprechen. Man hatte vom Nürnberger Parteitag erwartet, daß er die Frage derStell- vertretung und Nachfolge Hitlers lösen werde. Hitler ernennt nach dem Diktat vom 2. August seinen Stellvertreter selbst und der Stellvertreter ist für den Fall, daß dem Führer etwas GöringischeS zustößt, auch sein Nachfolger. Wahrscheinlich will Hitler eben deshalb Göring nicht mit der Nachfolge betrauen. Anderseits scheint er Göring so sehr zu fürchten, daß er cS auch nicht wagt, seinen persönlichen Kandidaten, den Mann seines Herzens, Rudolf H e ß, zu berufen. Im„Wahlkampf", das heißt in dem Propagandarunimel vor dem 19. August, hat Heß zwar Gelegenheit gehabt, mehrere Male an repräsentativer Stelle hervorzutreten, aber die Entscheidung hat mich Nürnberg noch nicht gebracht. Wie es heißt, steht h i n t e r H e ß, der als der„getreue Niemand" bezeichnet wird, ein sehr mächtiger Mann des Dritten Reiches, den man lange nicht genügend beachtet hat, der sich aber im stillen hinaufzuarbeiten verstanden hat: Heinrich H i m m lir, Oberster Führer der SS. Himmler hat. sich am 30. Juni als der ver« läßlichste Mann des Regimes erwiesen. Er.hat es aber auch verstanden, nach dem 30. Juni die Blutschuld auf Göring allein abzuwälzen und sich als unbeteiligt an den von der Gestapo durchgeführte« Morden hinzustellen. Neuerlich soll zwischen ihm und Göring ein heftiger Kampf um die Gestapo selbst, die stärkste Position GöringS, entbrannt sein. Bekanntlich hat Himmler SS.-Leute in die Geheime Staatspolizei eingeschmuggelt und durch sie Göring überwachen lassen. Bor allem wurde GöringS Liebesleben bespitzelt. Zwischen den beiden Männern besteht jetzt die denkbar stärkste Spannung. Jeder möchte den anderen beseitigen, jedem ist jedes Mittel recht und jeder schreckt wahrscheinlich nur vor dem Risiko zurück, daß der, andere noch skrupelloser, noch tückischer Vorgehen und ihn hineinlegen könnte. G o e b b e l s stand lange. Zeit auf Seiten Himmlers, dem er große Einkünfte aus einem süddeutschen Zeitungsverlag zugeschanzt hat. Dann sollen sich Mißhelligkeiten zwischen Goebbels und Himmler ergehen haben., Rach einer e n g l i» schen Version sollen Göring, Goebbels und Blomberg kaltgc stellt werden. Das. würde wohl bedeuten, daß die Gruppe Hiistmler-Heß auf der ganzen Linie ge- nicht zur Zeit de» Bundeskanzlers Dr. Dollfuß um eine Auflösung der Partei, sondern mir um eine Einstellung der Tätigkeit der Partei gehandelt. Unter den geänderten Berhältnissen müßt« ater dir christlichsoziale Partei ihre Arbeiten im bisherigen Grifte durchführen." Diese Nachricht ist ein Beweis dafür, wie unangenehm auch den österreichischen Christlichsozialen jenes Tollfuß war, den die katholischen Blätter jetzt zur Heiligsprechung empfehlen. Er hat die Ehristlichsozialen gegen ihren Willen zur Vernichtung ihrer Partei gezwungen und sic versprachen ihm die Erfüllung seines Begehrs. Nun er tot ist, halten sie sich an ihre Zusage nicht mehr gebunden, obwohl sich an dem von Dollfuß geschaffenen politischen Zustand.Oesterreichs nichts geändert hat.— Aus der Formulierung dcrgleich- gcschalteten Zeitung, die den Bericht über die Tagung veröffentlicht, ist förmlich das Aufatmen der 'christlichsozialen Politiker zu vernehmen, die cS nun nicht mehr notwendig haben, auf die Hysterie deS größenwahnsinnigen Dollfuß Rücksicht zu nehmen. Sic werden jetzt die Kollcktivdiktatur der christlichsozialen Parteigrößcn errichten— sofern ihnen die Hcimwehr das erlaubt. siegt hätte. In diesem Fall müßte Himmler aber sehr schnell sein, wenn er vermeiden will, daß Gö« ring und Goebbels gemeinsame Sache machen und daß der brutalste und der geriebenste unter den braunen Gangsters gemeinsam zum Schlage auS- holen, der dann ebenso gut Himmler allein, wie Himmler und den Führer persönlich treffen könnte. Daß die wörtlich verstandene Beseitigung Hitlers die„einzige legale Lösung" sei, die nach der Uebernahme der Reichs- und Heerfnhrung durch ihn noch verblieben sei, ist die zurzeit in Deutschland beliebtestte und meist gehörte VerfassungS» Interpretation in den oppositionellen Kreisen der NSDAP. Ein treffendes Bild von den Zuständen im neudeutschen Ribelungenreich entwirft der Berichterstatter des„P a r i s e r T a g b l a t t e S", dec sie so schildert: „Der Kampf um das Amt deS zweiten Mannes im Staate tobt weiter. Es ist ein verbissener, haßfprühenver Kampf im Dunkel, mit allen Mittel» des SpionageromanS geführt. Briefe verschwinden, Telephongrspräche werden abgehorcht, AgentS Provokateurs find am Werk: die Herren Führer wende« die bewährte« HanSrezepte ihrer Schreckensherrschaft nun gegeneinander an. Alle politischen Krisle d«S nationalsozialistisch«« Spit- zrlapparatS find lediglich auf daS eine Hochziel gerichtet:, irgendeinem Rivale« im Machtkampf« eine Fall« zu stellen. Wenn Herr Goebbels sich einmal verplappert und a»S dem byzantinischen To« der Lobhudeleien auf den„Vollender der Schöpfung" fällt— was übrigens im intimen KreiS öfter vorkommen soll—, so freut ein« derartige Entgleisung Göring mehr alS die Eroberung deS Planeten MarS, di« der Herr ReichSluft- sahrtministrr natürlich ans dem Programm hat. Natürlich steht eS in Goebbels Propagandaministerium, in Darris ReichSernährungsministe- rium, selbst in Dr. FrickS.Reichsinnenministerium nicht viel anders aus, neun Zehntel der hitlerdent- schen Rrgirrunssgeschäfte bestehen anS wechselseitiger Bespitzelung und Bekämpfung. Der berühmte ^Dolchstoß von hinten", den Deutschlands Ratio- nalsozialisten irkanntlich die Alleinschuld am tragische« Zusammenbruch ISIS beimessen— in dieser Zeit der sogenannten nationalen Erhebung wird er täglich von neuem geführt. Ma« begreift» welchen Zweck iier Ehrendolch vag Hitler» Gnaden hat, mit dem die Diadochen paradieren: Reser niedliche, kleine Dolch, den man in der kommenden Berliner Saison auch zum Frack tragen wird."' I Die armen Das„Prager Tagblatt" hat vor einigen Tagen einen Leitartikel Hermann SchefterS den Fabrikanten gewidmet. Während die ersten zwei Absätze dieses Artikels eine allgemein bekannte Erscheinung behandeln, daß nämlich jeweils die dritte Generation der Unternehmer das von ihren Vorfahren erlvorbenc Gut verschleudert, wendet sich in den beiden letzten Absätzen das Mitleid des Verfassers merkwürdigerweise doch wieder diesen leichtlebigen und oft genug unfähigen Nachfahren zu. Man unterschätze die Tätigkeit eines Fabrikanten heute weit und wer nicht in einen Betrieb hineingcborcn sei, habe selten die Eignung zu diesem vielseitigsten aller Berufe. An den praktischen Erfolgen gemessen, würde man allerdings leicht der Meinung verfallen, daß offenbar niemand in den„Betrieb hincingcboren" wurde, denn was diese Erben im allgemeinen übernehmen, das ist der Hochmut und eine souveräne Verachtung der alten, seriösen ProduktionS- und Geschäftsmcthoden. Nach Schcfter soll der Fabrikant Fachmann und Kaufmann. Jurist und Vcrsichcrungsfachmann, aber auch Bankier sein, ferner Welt- und sprachenkundig— aber die Praxis zeigt, daß er dies eben alles nur„soll", eS aber in den nicistcn Fällen nicht ist, von der oft zu Leichtsinn verführenden Welt- und Sprachen- kundigkeit vielleicht abgesehen. Und was der arme, viclgcplagte Fabrikant sonst noch alles soll, das erfährt man aus folgendem Satz: „Er soll seine Pflicht dem Staat, der Gesellschaft, dem Angestellte« gegenüber auf das gewissenhafteste erfüllen, Zinsen, Steuern, Löhne und die meist kartellierten Lieferanten(die ja seine Klassen- und Gesellschaftskollegen sind, Anni. der Red.) pünktlich bezahlen, aber niemand, weder Staat noch Bank oder Gewerkschaft, zerbricht sich den Kopf, Ivie den: Fabrikanten diese« Wunder glücken soll— wenn keine Aufträge konnnen." Die Gewerkschaften haben eS also neben dem Staat und den Banken dem Herrn Schcfter angetan. Staat und Banken mögen sich selbst kümmern, wie sie sich mit dem Herrn Schcfter anS- cinandersctzen wollen, was aber die Gewerkschaften anbclangt, so müssen wir Wohl odeö übel einmal ein paar durchaus offene Worte an die Herren Wirtschaftsführcr und ihre Advokaten richten. Die Welt durchlebt eine der schwersten Wirtschaftskrisen, wie sie überhaupt jemals verzeichnet wurde. ES ist eine Krise der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, allgemein anerkannt als eine strukturelle und nicht bloß konjunkturelle Krise. Man sollte meinen, daß die Verteidiger deS Kapitalismus sich doch irgendwie bemühen würden, einen Ausweg aus der von ihnen verschuldeten und hcrbeigeführten Mißwirtschaft zu finden. Es iväre indessen weit gefehlt, solchen Illusionen nachzugchen. Vielmehr überlassen eS die Herren Unternehmer und ihre Klopffechter allen anderen BevölkerungSkrcisen, sich darüber den Kopf zu zerbrechen und ihre einzige Aufgabe scheint darin zu bestehen, daß sie alle vernünftigen Vorschläge ablehnen und mit einer seltenen Sturheit gerade daS tun, was den gegenwärtigen Zustand nur noch weiter verschärfen, mutz. Unter vernünftig und wirklich volkswirtschaftlich denkenden Menschen besteht kaum mehr ein Zweifel darüber, daß eine der Hauptursachen der Krise in der mangelnden Kaufkraft der wirtschaftlich entscheidenden Bcvöl- kcrungSschichtcn, nämlich der Arbeiterschaft zu suchen ist. Wenn beispielsweise nur die Bergarbeiter dcS Ostrauer Steinkohlenrevieres in: vergangenen Jahre gegenüber dem Jahre 1929 einen Lohnverlust von 576 Millionen XL erlitten, so ist eS ganz klar, daß dieser gewaltige LohnanSfall sich bei allen Kaufleuten des ReviereS, bei den Hausherren, in den Tabaktrafiken, in den Gast- .häufern usw. äuSwirken muß, daß alle diese Leut« Wieder viel geringere Bestellungen bei den Großhändlern» bei den Fabriken, in den Brauereien usw. machen können. Obwohl also dieser Kreislauf der Dinge jedem bekannt ist, lehnen es die Herren Unternehmer— und nicht nur der einzelne Unternehmer, sondern ihre Gesamtheit, ihre Organisation— ab, daraus die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Ja, eS scheint oft genug, als ob sic gerade mit sadistischer Wollust genau das Gegenteil dessen täten, waS zum Nutzen der nck FiachffiantyK in der iMäp Goering, OMttck, Himmler (Sette 2 Stettag, 28. Septem?« 1884 Nr, 227 Gesamtheit und also auch zu ihrem Ruhen zu tun wäre, nämlich ernsthafte Erwägungen über die Hebung der fast vollständig ruinierten Kaufkraft der breiten Massen. Statt dessen jagt ein Lohn« abbau den andern und wo nmn infolge des Druk- kes der Gewerkschaften die vertraglichen Löhne nicht heruntersehen konnte, half man sich mit den Akkord, und Prämiensähen. Damit wurden die Arbeiter gezwungen, ihre Leistungen oft um das Doppelte zu erhöhen, nm nur einigermaßen ihren früheren Lohnstandard zu erhalten, damit stieg die Produktion, aber gleichzeitig wurden immer neue Arbeiter brotlos. Und dies ist das zweite wichtige Problem, wo unsere Unternehmer glatt versagt haben. Sogar die Regierung hat schon ihr Interesse an einer Arbeitszeitverkürzung kundgctan, um auf diese Weise die Kosten für die Arbeits- ldsenfürsorge herabzusehen. Die zwischen den Organisationen der Arbeiter und Unternehmer geführten Verhandlungen haben bis auf wenige Ausnahmen zu keinerlei positiven Ergebnissen geführt, weil die Unternehmer derart unmögliche Forderungen und Bedingungen stellten, daß man schon von einer bewußten und direkten Sabotage der RcgierungSinitiative sprechen kann. Stait einer Arbeitszeitverkürzung macht sich im Gegen teil eine immer mehr ansteigende Ucberzeitarü v bemerkbar, die allen geschlichen Bestimmungen Hohn spricht. Man versucht eine Unklarheit des Gesetzes über die Arbeitszeit auSzunühen, das von der 48 Stundenwoche spricht, und will oft genug die Arbeiter nötigen, 12, 14 und mehr Stunden im Tage zu arbeiten, worauf man sie nach Abarbeitung von 48 Stunden nach Hause schickt, um leine Ueberzeitzuschläge bezahlen zu müssen. Da es sich dabei um Erscheinungen handelt, die sich in vielen Betrieben wiederholen, darf man anneh, men, daß hier eine einheitliche Weisung einer Unternehmerzentrale zur systematischen Umgehung der Gesetze vorliegt. So also wollen unsere Unternehmer die Krise lösen, indem sie die Löhne und Verdienste der Arbeiter auf ein schmachvolles Niveau her» unterdrücken, anderseits aber die Arbeitszeit verlängern und jede Ordnung auf diesem Gebiete verhindern. Jeder Anregung zu einer großzügigeren Lösung der Wirtschaftsprobleme setzen sie ihr stures„Nein" entgegen, ohne auch nur ein ein» zigeSmal einen lonlreten Vorschlag einzubringen, wie nun eigentlich sie eine Besserung der Lage herbeiführen wollen. Und die von Schester so gerühmten Sorgen der Unternehmer um Aufträge, Kredite, Bezah» lung der Steuern und Löhne? Man gehe heute in irgend eine GewerlschaftSkanzlei und frage nach, was dort am meisten Arbeit und Aerger verursacht. Und man wird erfahren, daß sich die Ge» werkschaften heute mit Dingen beschäftigen müs» sen, die sie tatsächlich keinen Deut angehen und die einzig und allein in die Kompetenz derUn- 'ternehmer fallen. Ist irgendwo ein Auftrag zu vergeben: flugS nötigt der Herr Unternehmer den BetriebSauSschuß, bei seiner Gewerkschaft vorzusprechen, damit diese für die Auftragserteilung an den Betrieb interveniere. Man kann sich die Lage der Gewerkschaften vorstellen, wenn sie ein paar Betriebe derselben Branche haben, di« alle etwas von dem geplanten Auftrag für sich zu erreichen wünschen. Bekommt ein Betrieb keinen Auftrag, so hetzt er sogleich die Vertrauensmänner gegen die Gewerkschaft auf, als ob sie Schuld daran trüge, daß der Auftrag anders vergeben wurde. Hat er aber den Auftrag bekommen, so stellen fich nicht selten Schwierigkeiten mit der Fi» pmnzierung ein und wieder ist eS die Gewerkschaft, die bei Banken oder anderen Geldinstituten, bei der gentralsozialverstcherung usw. einschreiten soN, damit dem vielgeplagten Unternehmer ein Kredit eingeräumt werde. Kann er die Zinsen und die Amortisierung nicht aufbringen, soll wieder die Gewerkschaft intervenieren, um ihm einen Ausweg zu schaffen. Kann er seine Steuern nicht bezahlen und droht Exekution, so ist es natürlich nur die Gewerkschaft, Vie beim Finanzministerium und anderswo einschreiten soll, um die drohende Gefahr abzuwenden. Hat er die Beiträge für die Krankenkasse nicht ordentlich abgelicfert, bis der Rückstand so groß wurde, daß die Kasse mit Pfändung droht, werden eilends die Betriebsausschußmitglieder zur Organisation geschickt, damit diese ihren Einfluß bei der Kasse geltend mache. Und cs ist gar nicht so selten, daß Unternehmer von den Gewerkschaften geradezu einen Vorschuß verlangen, um ihren Arbeitern die Löhne bezahlen oder sonst die dringendsten Zahlungen leisten zu können. Und der Dank der meisten dieser Herren besteht dann darin', daß sie die Löhne der Arbeiter noch mehr drücken als vorher und unter Be- rufuug auf die Konkurrenz die Leistungen bis zu einem unmöglichen Ausmaß steigern. So reduziert sich also heute in steigendem Maße die Tätigkeit der Unternehmer darauf, daß sie durch die Vertrauensmänner der Arbeiterschaft von den Gewerkschaften Bestellungen, Material» lieferungen und Kredite beschaffen lassen, bei säu» migen Zahlungen an die Banken, die Lieferanten, die Krankenkassen, die Sozialversicherung und den Staat unter der Drohung der Betriebsstillegung Interventionen durch die Gewerkschaften erzwin» gen, ansonsten aber die Arbeiter nach Herzenslust drangsalieren und bei der erstbesten Gelegenheit auf die Straße werfen. Und das will von jemandem geachtet und anerkannt werden, das erhebt den Anspruch darauf, die Wirtschaft zu führen? Rein, Herr Schester: Automaten zum Einkasste- ren der Reingewinne und luxusgewohnte Söhn» chen von Jndustriellenfamilien, die auch noch ihrem ganzen Familien- und Nebenfamilienanhang eS ermöglichen sollen,„Geld auszugeben wie einst die Fürsten und Barone", haben bei der heutigen unfaßbaren Not deS Volkes keinen Platz mehr in der Gemeinschaft. Sie sind Drohnen, von denen man sich so bald wie möglich hefteten sollte, soll die Katastrophe, in der wir unS befinden, nicht noch größer werden. Zwei Gewerkschafts kongresse Bauarbeiter und Buchdrucker tage« in Prag Heute treten die Delegierten zweier großer gewerkschaftlicher Verbände, nämlich der Bauarbeiter und der Buchdrucker, zu Tagungen zusammen. Die Tagung der Bauarbeiter findet im Rärodnl däm in Prag-Weinberge statt. Die Be» ratungen dieses Verbandes werde:» vor allem un« ter den: Eindrücke der verheerenden Auswirkungen der Wirtschaftskrise stehen, denn unter den Industrien sind gerade das Bau» und seine Nebengewerbe seit Jahren schwer heimgesucht. Die B die Vorbereitungen für die im heurigen Jahre fällige Revision de» kollektiven AÄbeitSvertrageS, um den Kampf um die 40«Stunden»Woche, da die Arbeitslosigkeit nur durch Arbeitszeitverkürzung erfolgreich bekämpft werden kann, um die Frage der Organisierung der Lehrlinge und um wichftge Kulturfragen, von denen die berufliche Fortbildung die wesentlichste ist. Die OpferwiNigkeit der Lüchdrucker.und ihre- gewerkschaftliche Treue werden auch diese Tagung zu einer erfolgreiche« gestalten. Wir begrüße« die nach Prag gekomme« nen Delegierten der beiden verbände und wünschen den Verbandstagen gutes Gelingen. Noch Immer 11 Millionen Arbeitslose In USA Ne» Work.(Reuter.) Die Föderafton da Arbeit verlautbart, daß die Zahl der ArbeitSlo« sen in den Bereinigten Staaten, die bis Mitte August unaufhörlich stteg, anfangs September ein wenig gesunken ist. Im August wurden 10 Mill. 834.000 gegen 10,793.000 im Juli und gegen 10,900.000 im August 1933 gezählt. ArbdtcrclciNl In der TsdNxlioslovakcl Ein Drittel der Arbeiter verdient höchstens 60 Kt wöchentlich I Wiederholt haben wir darauf hinqewiesen, daß eS in der Tschechoslowakei leider keine Lohn- statisftk gibt, so daß er nicht leicht ist, sich ein Bild der Lage der Arbeiterschaft zu machen. Einen Ersatz für diese Lohnstatistik bietet nur die Statistik der Zentralsozialversicherungsanstalt, die naturgemäß nur die Arbeiter umfaßt, welche bei ihr versichert sind. Die Angestellten zum Beispiel scheiden hiebei vollkommen auS. Die Statistik der Z. S. v. A. gibt die Anzahl der bei ihr versicherten nach den verschiede» nen Lohnklaffen wieder. Solcher Lohnklaffen gibt es zehn: In die erste Lohnklasse gehören die Arbeiter mit einem Tageseinkommen von 0 bis 6 XL, in die zweite solche mit von 0 bis 10 XL, in die dritte von 10 bis 14 XL, in die vierte von 14 bis 18 XL, in die fünfte von 18 bi» 22 XL, in die sechste mit 22 bi» 25.50 XL, in die siebente mit 25.50 bi» 28.50 XL, in die achte mit 28.50 bi» 81.50 XL, in die neunte mit 81.50 bis 34.50 XL und in die zehnte mit über 84.50 XL. Nachstehend geben wir zunächst eine Uebersicht über die Anzahl der versicherten in allen Lohnklaffen im Juni 1934: Insgesamt: absolut:»«««««« 2,030.229 in Prozenten100 I II III IV V absolut:.., 204.299 464.978 838.681 269.680 212.861 in Prozente«:« 10.06 22.90 16.68 18.29 10.46 VI VII VIII IX X absolut:.■ a 141.978 87.074 71.267 59.902 180.064 i« Prozenten:. 6.99 4.29 8.51 2.95 8.67 In die erste Lohnflafle, in der der höchste TageSlohn Xi 8.— beträgt, was also wöchentlich 36.— XL ist, gehören 10.06 Prozent der Arbeiter, mehr al» ei« Zehntel all« Arbeiter, die noch Beschäftig«»» Hobe«, verdient olso hSchstenS. Xi 36.— wöchentlich. In der ersten und zweiten Lohnklasse zusammen sind 32.69 Prozent der Arbeiter, ei« Drittel aller Arbeit« verdient also höchstens XL 60.— wöchentlich. In den ersten drei Lohnklaffen sind 49.64 Prozent der Arbeiter, die Hälfte aller Arbeit« v«die«t somit höchste«» XL 84.— wöchentlich. In den ersten vier Lohnklassen sind 62.93 Prozent der Arbeiter, zwei Drittel all« Arbeit« verdient Höch, sten» XL 108.— wöchentlich, nur ein Drittel der Arbeiter verdient mehr. Go schauen also die EinkommenSverhältniffe der Menschen auS, die noch Arbeit habens Im Juni 1984, auf welchen Monat sich die Statt» sftk der Z. G. v.«. bezieht, hat e» 582.810 Ar, beitSlose gegeben(boS find allerdings Arbeiter iund Angestellte.)„ vergegenwärtigen wir un» also: 582781Ü Arbeitslose u. daneben i.007.908 Arbeiter der ersten drei Lohnklaffen, die höchstens XL 14.— täglich oder XL 84.— wöchentlich Arbeitsverdienst haben. Nur 1,022.326 Arbeit« habe« ein Einkommen von mehr al» XL 84.— wöchentlich, wöhrend 1,690.713 Arbeit« entweder ar. beitSlo» oder auf einen Wochenloh« von weniger al» XL 84.— angewiesen find. DaS sind die Lebensverhältnisse der Arbeiter in der Tsche» Ichoslowakei. 7 BRUNO ADLER: Dem Heger klopft da» Herz. Er macht eine Pause. Der Waldboden, die Bäume, alle» ringsum ist regennaß. Er atmet tief, dann traht er das Moo» von dem Schädel ab, räumt die Erde und da» Reisig weg, und da liegt nun auch das Skelett, da» zu dem Kopf gehört. Thalupa läßt alle» unberührt und läuft zur Gendarmerie. Der Richt« Reichenbach und die Gerichtsärzte Prokesch und Michalik nehmen den Befund auf. Die Klimas ist die erste Vermutung. Aber eine Identifizierung ist kaum mehr möglich. Di« Weichteile de» Körpers sind nicht mehr da; die Knochen liegen einzelweise herum, die Länge der Gestalt läßt sich nicht mehr feststellen; die Fäulnis hat im feuchten Grund de» Waldes Leib und Gewand zerfressen, die Reste wimmeln von Würmern. Aber am Schädel hängt noch ein Fetzen Haut mit zwei braunen Zöpfen, und ebensolche Haare hatte das Mädchen. Auch das Ueberbleibsel eine» HemdeS aus grob« Hausleinwand findet fich, graubraun und mit Knöpfen versehen. Man zeigt diese Stücke den Angehörigen. Doch nun behauptet die Marie Areal, die mit der Klima bei Stohanzl im Dienst war, das sei nicht daS Hemd der verschollenen. Sie habe, dessen entsinnt sich di« Areal genau, sie ist ja beim Anziehen dabei gewesen, ein Hemd getragen, wie eS üblich sei: au» zwei Teilen zusammengesetzt, oben au» feiner, ferftg getaufter Leinwand, unten au» gewöhn» lichem Leinen, wie man eS un Hau» webt; und Knöpfe habe das Hemd auch nicht gehabt, sondern eta Bandel zum Ausammenziehen, und aus der Brust sei eS mit de« Buchstaben M. K. groß ge» zeichnet gewesen. Darüber trug sie zwei Röcke, einen gelb geblümte« und einen grau marmorierten, ferner eine schwarze Jacke; und auf dem Kopf ein gelbe» Tuch mit roten Blumen, an den Füßen neue Schuhe mit Lackspitzen und rote Strümpfe. Die Eltern und eine Freundin der Klima, Marie Friedel, stehen ratlos und angewidert vor den scheußlichen Beweisstücken und schütteln die Köpfe. Marie Kreal, noch einmal vernommen, Weiß über die Kleidung und Wäsche nicht» weiter auszusagen. Aber etwa» andere» trägt sie nach: Josefa Strnad, die mit der Toten auch befteun- det war, hat ihr im vertrauen erzählt, daß die Klima am 17. Juli mit dem Knecht Zumpl zur Kirchweih in Zhor verabredet gewesen sei. Das hat die Klima der Strnad seBst gesagt. Für den Richter ist die Aussage über da» Hemd entscheidend. Die Identität ist nicht mehr nachzuweisen. Der Akt wird geschloffen. So kommt und vergeht der Winter. DaS Leben der kleinen Ackerbürger, Geschäftsleute, Handwerker, Frauen und Dienstboten ist mit der Arbeit und Sorge de» Tage» erfüllt. Jeder hat sein Päckchen zu tragen, mancher einen allzu große« Packen. Und man will Ruhe haben. Wer denkt da noch an den verfaulten Kadaver im Herrschaftswald? Leopold HilSner. Ihn läßt die Erinnerung an dies« Tat upd an den von Würmern zerfressenen Mädchenkörper, in dessen Nähe er ahnungslos schlief, nicht loS. In der Nacht schüttelt ihn oft die Angst. Er möchte fort au» den Kellerlöchern, die er mit der Mutter, dem kleinen Bruder und der Tante bewohnt, aber wo ist er vor den schauerlichen Gedanken sicher? Die vier Menschen sind von der Armenpflege der KultuSge- meinde.>m Untergeschoß der deutsch-jüdischen Schule untergebracht. ES ist«kn elendes Häuschen. von draußen führt eine stet» geschloffen« Holztür über ein paar Stufen hinunter in die Wohnung» deren vergittert« blinde Fenster un mittelbar auf dem Boden der Gaffe sitzen. Drinnen, halb unter der Erde, ist es dunkel und feucht. Miete brauchen sie nicht zu zahlen; dafür muß die alte HilSner fremden Juden auf der Durchreise Unterkunft geben. Die einzige Stube, die al» bewohnbar angesprochen werden kann, wird dann dem Gast Überlassen, die Familie zieht sich in zwei Rumpelkammern zurück, deren eine sonst al» Abort dient. In diesen stinkenden Löchern hausen und schlafen sie dann zu viert. Die Mutter ist zufrieden, denn der Gast läßt zumeist ein paar Kreuzer da. Hätte sie diese kleine Einnahme nicht und bekäme sie nicht zuweilen ein paar alte Kleider geschenkt, di« sie wieder verlauft, wovon sollten sie leben? Der jüngere Sohn, Moritz, geht beim Schuster Sie in die Lehre und verdient noch nicht», und Leopold? Mit seinen zweiundzwanzig Jahren ist er alle» andere al» ein« Stütze. Schon in der Schule hat er nichts getaugt, in der Lehre noch weniger, er ist nicht anstellig, ein rechter Untam; nimmt er wirflich einmal irgendwo ein« Arbeit an, so dauert es nicht lang, bi» ihn der Meister wieder fortschickt. Ihm, diesem Strabanzer, diesem Herumtreiber, ist das nur recht. Am liebsten faulenzt er mit den andern Taugenichffen, noch dazu mit Ehristen, auf der Straße oder im Wald herum, spielt Karten und stiehlt dem lieben Herrgott den Tag, wie der ihn gibt. In die Synagoge ist er kaum htn- einzubringen, bestenfalls zu den hohen Feiertagen und am Todestag de» Vaters— das wird noch ein trauriges Ende nehmen, seufzt di« alte Jüdin oft. Aber ist e» denn ein Wunder? Sein Vater, ihr Mann, war ja genau so ein Lump, und ein Säufer dazu. Wenn aber ein Jud trinkt und herumzigeunert, verläßt ihn sein.Gott. Und so müßte der Vater denn auch in Verblödung elend zugrunde gehen. Da» Unglück brachte, er schon mit sich zur Welt: er war ein uneheliches Kind, Sohn eines Forstadjunkten und einer ebenfalls unehelich geborenen Jüdin. Marie HilSner darf freilich ihre Verachtung für dies« Familie nicht laut werden lassen. Ihre eigene Mutter litt ja an der»hinfallenden Krankheit", und die Schwester ist geistig zurückgeblieben. Die hat sie auch noch durchzufüttern, denn wie soll diese verkrüppelte Alte» die sich nur kriechend vorwärts bewegt, etwas verdienen? Sie kann ja nicht einmal auf die Gaffe, weil die kleinen Kinder zu schreien anfangen, wenn sie sie sehen... Zu allem Unglück hat die Gemeinde ihnen jetzt noch die Wohnung gekündigt. Sie rennt zum Rabbiner und zum KultuSvorsteher, jammert und zetert. Wohin soll sie denn mit ihrer Familie? Marie HilSner, ein dummeS armes Weib, besessen von der Sorge um den täglichen Erwerb, ist an» Judentum stärker durch di« dumpfe Vitalität der Raffe gebunden al» durch Glauben. In» stinktiv bringt sie. sich in die Zugehörigkeit zu ihrem Volk und fühlt in seinen Gebräuchen jene» bißchen.Sicherheit, das den Menschen in solchem Elend nicht umkommen läßt. Sie fühlt, warum sie für ihren Aeltesten zu fürchteit hat. Er hat diese Bindung an die„Gemeinde" verloren und damit den letzten geringen Halt. Was könnte solchen Verlust ersetzen? Sich in einen anderen Zusammenhang, einen gesellschaftlich* politischen, einzuordnen, ist ihm nicht gegeben. Einmal wollte er sich den Sozialisten«»schließen, aber die So» kalorganisation lehnte die Aufnahme de» alberne« Burschen ab, dessen ganzer Ehrgeiz nur eine lächerlich primitive. Eitelkeit befriedige« wollt« er• fand de« breitträmpigen„Sozialistenhut" ft schön, daß er sich davon einen Erfolg bet tat Mädchen versprach. Er ist ein rechter Lumpenproletarier und dem Bettelvolk der andern Raffe so ähnlich, daß fich ihr traditioneller Judenhaß nur selten gegen ih« wendet. Freilich, wenn sie sich einen Spaß davon versprechen, dann geben ihm auch die Erwachsenen, wi» der kleine Junge beim Jglauer Waldfest, zu verstehen, daß e» nicht zu ihnen gehört. Selbst die Kameraden der tägliche« Kartenpartie« finden zuweilen nicht» dabei, ihn zu hänseln und zu malträtiere«.(Forschung folgte ' fc. 227 Stettag, 28. Septem-et 1934 Seite 8 Misstraue» gegen Hendln Beratungen der tachechlichen Sozialdemokratie Der Borstand der tschechischen Sozialdemokratie behandelte Mittwoch, den 26. September, eine Reihe von aktuellen Fragen. Zunächst wurden die Berichte über den Gesundheitszustand de» Präsidenten mit Freude zur Kenntnis genommen. Dann wurde über die kommunistischen EinheitS» frontangebote gesprochen und der Meinung Ausdruck gegeben, daß diese Anträge keinen anderen Zweck haben als die Reihen der Arbeiterbewegung zu zersetzen und so der Reaktion zu dienen. Die Frage der Reparaturwerkstätten der Schuhfabriken wird in einer besonderen Kommission behandelt werden. In dem offiziellen Kommunique heißt eS dann weiter: »Die Partei macht auf die hakenkreuz- lerische Tätigkeit der Henleinschen Heimatfront unter der deutschen Bewohnerschaft aufmerksam und verlangt, daß in dieser Hinsicht die Jntereffen der Demokratie und der administrativen Ordnung«nerdittlich gewahrt werden." Andre] Hlinka Am 27. September ist der Führer der slowa- kischen Volkspartei Monsignore Andre, Hlinka 70 Jahre alt geworden. Hlinka hat ein scharf umris- senes politisches Profil und gehört zu den meist umstrittensten politischen Persönlichkeiten der Republik. Hlinka, ein ausgezeichneter Kanzelredner, hat sich schon in den neunziger Jahren politisch betätigt. Als damals die liberale ungarische Regierung eine Reihe freiheitlicher Gesetze durchsetzte, begann sich der klerikale Widerstand dagegen zu regen und in der damals entstandenen ungarischen katholischen Partei war auch Hlinka. Er war in dieser Zeit noch nicht ausgesprochen - slowakisch gesinnt und als im Jahre 1905 die slowakische Bolkspartei entstand, war Hlinka nicht dabei. Bald darauf aber wandte er sich mit großer Leidenschaft der slowakischnationalen Bewegung zu, wofür er von dem ihn vorgesetzten völlig magyarisch eingestellten Bischof von seinem geistlichen Amt suspendiert wurde. Er wanderte auch in den Kerker, in dem er von 1907 bis 1910 saß.(Damals hat sich insbesondere Genosse Dr. Karl Renner für seine Freilassung eingesetzt.) Kaum aus dem Kerker entlasten, machte jedoch Hlinka neuerlich eine Wendung und näherte sich wieder den Magyaren und auch während des - Weltkrieges'-hat er innerhalb der slowakischen Be- ' wegung eine besondere Rolle gespielt. Nach. dem. Ende des Krieges stellte er sich mit Entschiedenheit auf die Seite der Tschechoslowakei und verkündete die Einheit der tschechischen und slowakischen Nation. Aber schon im Jahre 1919 machte er wieder eine neue Wendung, ging ins Ausland und begann für die slowakische Autonomie zu agitieren. DaS wurde auch in den folgenden Jahren sein Programm, mit dem er 1925 seinen großen Wahlerfolg errang. Sein Auftreten während der Feier in Neutra im vorigen Jahr ist noch in Erinnerung. Persönlich ist Hlinka ein sauberer Mensch. Sonderbare Demokraten Wohlwollende Haltung der Deutschen ArbeitS- und Wirtschaftsgemeinschaft zu Henlein Die Kreisleitung B.-Leipa der Deutschen ArbeitS- und Wirtschaftsgemeinschaft hat in ihrer letzten'Sitzung, an der auch der Bürgermeister von Reichenberg Senator K o st k a teilnahm, festge« stellt, daß die DAWG. nicht nur keinerlei Einbußen, sondern bemerkenswerte Fortschritte verzeichnen kann. Einen besonderen Gegenstand der Aussprache bildete da» Verhältnis zur Sudetendeutschen Heimatfront. Hiebei wurde mit Bedauern sestgestellt, daß in vollkommener Verkennung der politischen Tatsachen seitens des OrganisaiionSchefS Henlein die Geschichte der sudetendeutschen Politik der letzten fünfzehn Jahre in öffentlichen Versammlungen al» Geschichte der Unehrenhaftigkeit und Korruption dargestellt werde und daß die politische Agitation von neuem Formen annehme, oie nach den schlimmen Erfahrungen der letzt»n Jahre längst überwunden sein sollten. E» blieb aber die Meinung vorherrschend, daß trotz der schwerbedenklichen Agitationsmethoden der SHF. und bei aller kritischen Einstellung zu ihrer„Politik" eine über- < legene, wohlwollende Haltung der jungen Bewegung gegenüber an den Tag gelegt werden müsse, um unter allen Umständen ein neuer politische» Debakel zu vermeiden. Die Herren Deutschdcmokraten, die diesen Namen zu Unrecht tragen, werden die wohlwollende Haltung zu Henlein solmige einnehmen, bis sie die SHF aufgefreffen hat. Zur Charakteristik dieser Demokraten genügt es, daß sic bereit sind, einer ausgesprochen fascistischen Bewegung»wohlwollend" gegenüberzustehen. Stadwertretung Eidlitz aufgelöst. Die Ko- motauer Bezirksbehörde hat die Stadtvertretung in Eidlitz aufgelöst und eine VerwaltungSkom- miffion eingesetzt. Au» dem Senate. Der technische Berkehrs- «lSschuß hält Dienstag, den 2. Oktober, um 30 Uhr eine Sitzung ab. Keine Einigung über Oesterreich I Alte Vereinbarung bleibt In Kraft Genf.(Tsch. P. v.) Die Delegationen Frankreichs, Englands and Italiens haken Henle Abend folgendes Kommunique veröffentlicht: „Bei neuerlicher Prüfung der Luge Oesterreichs Haie» sich die Lertreter Frankreichs, Italien« und England» i« Namen ihrer Regierungen geeinigt, daß ihre" Erklärung vom 17. Feber 1934 hinsichtlich der Notwendigkeit, die Selbständigkeit und Unantastbarkeit Oesterreichs im Sinne der gültige» Verträge z» wahre», ihr ganzes Gewicht behält»nd auch weiterhin ihre Oastarralchs„Unabhängigkeit“ Nur von innen zu garantieren! Da» Blatt unserer französischen Genosten, der„Populaire", beschäftigt sich mit der Frage der Sicherung der Unabhängigkeit Oesterreich» und kommt zu dem Schluß, daß diese Frage solange unlösbar ist, als das katholisch-fascistische Regime Schuschnigg-Starhemberg am Ruder ist. Das Blatt schreibt: Die Regierung Schuschnigg hat keine Stütze in der Bevölkerung, deren große Mehrheit entweder bei den Sozialisten oder bei den Nazi» steht. Oesterreich hat so keine Aussicht auf Festigung, kein Mittel gegen die tiefe Wirtschaftskrise, die e» aufwühlt. ES gibt für Oesterreich nur zwei Lösung en: A n s ch l u^ß an Deutschland, den die Nazi fordern, oder eine ehrliche Zu- gemeinsame Politik inspiriere» wird." sammenarbeit mit den anderen Donaustaaten, die nur die Sozialisten verwirklichen könnten. Da» katholisch-fascistische Regime von Dien kann weder die eine noch die andere Politik treiben, e» kann nur um Hilfe betteln und um Anleihen flehen. Da» Blatt betont nochmal», daß die Vernichtung der WienerKom« muneO st erreich die einzigeKraft raubte, die fähig war, den Vorstoß der Hitlerleute aufzuhalten. Die sogenannte»Unabhängigkeit", die Oesterreich heute hat und die man ihm garantieren will, sei tatsächlich die Abhängigkeit von Mussolini. Wenn der Zustand andauert, kann er zum Kriege zwischen Italien und der Kleinen Entente führen. Gendarmenmord bei Salzburg Wien.(Tsch. P. B.) Bei B l üh n b a ch in Salzburg wurden drei Burschen, die anscheinend über die deutsche Grenze flüchten wollten, Mittwoch mittag» von den Hilfsgendarmen Gschwandtner und Leibetseder angehalten. Während der Eskorte zum Gendarmeriepostenkommando überfielen die. Festgenommenen plötzlich die zwei Hilfsgendärmen und töteten Gschwandtner durch einenBruft- schuß^ Leibetseder konnte zunächst flüchten und kehrte nach kurzer Zeit mit einem Revierjäger an den Tatort zurück. Man fand dort die Leiche des HilfSgendarmen Gschwandtner und ein Gewehr mit zertrümmertem Kolben. Gschwandtner hatte oberhalb der linken Brustwarze den tödlichen Einschuß. UeberdieS wies er mehrere Verletzungen durch Kolbenhiebe auf. Die weiteren behördlichen Erhebung^ sind in vollem Zuge.- Aegypten vor neuen Wirren? Der König stirbt London.(Tsch. P. B.) Die etwaigen politischen Folgen der derzeitigen Erkrankung de» König» Fuad von Aegypten werden vom„Daily Herald" erörtert. Die Erkrankung sei ernster Natur. Wie da» Blatt meldet, wurde ein italienischer Spezialist au» Kairo nach dem königlichen Sommerpalast in Montazah berufen. In London herrsche große Sorge, weil der TLd de» König» eine schwierige Lage schaffen würde. Bei der Vertreibung des Ministerpräsidenten Sidki Pascha vor einem Jahr sei Aegypten unter der Herrschaft einer Art„Palastdiktatur" gewesen. Diese Diktatur sei bereit» mit dem Nachlaffen der Gesundheit des König» allmählich schwächer geworden. Im Falle seines Tode» würde der 14jährige Prinz Farpuk König werden. Sie würde eine Regentschaft unvermeidlich machen und das jetzige Regierungssystem würde zusammenbrechen. Entweder müsse dann Großbritannien wieder offen die Vormundschaft über Aegypten übernehmen oder man müsse zum System der parlamentarischen Regierung zurückkehren. Afghanistan einstimmig aufgenommen Genf.(Tsch. P. B.) Die Vollversammlung des Völkerbünde» hat heute vormittag Afghanistan mit 47 Stimmen, das heißt einstimmig, in den Völkerbund ausgenommen. Die Unke gegen Doumergue Paris.(Tsch. P.-B.) Der gemeinsame AuS- schuß der sozialistischen und der kommunistischen Partei hat Mittwoch abends beschlossen, gegen die Regierung Doumergue und ihre Reformabsichten, namentlich gegen die Absicht, die Gewerkschaftsorganisationen der Staatsangestellten aufzuheben, eine Proteswersammlung einzuberufen. Die Parlamentsklubs der beiden Parteien wurden damit betraut, die beschleuüigte Einberufung der Kammer zu fordern und Anträge auf Auflösung der Kammer und Ausschreibung von Neuwahlen auf Grund de».'Proportionalwahlrechtes zu stellen. Dia Arbeitszeit In den Kohlengruben Genf.(HavaS.) Der VerwaltungSrat des Internationalen Arbeitsamtes beschloß Mittwoch abends mit 12 Stimmen der RegiecungSvertre- ter und 8 Stimmen der Arbeitnehmervertreter gegen 8 Stimmen der Arbeitgebervertreter, zu einer Revision der Konvention aus demJahre1981zu schreiten, durch die die Arbeitszeit in den Kohlengruben beschränkt wird. Der VerwaltungSrat beschloß ferner, den Beginn der 19. Tagung der Jnternarionalen Arbeitskonferenz auf den 4. Mai 1935 festzusetzen. Selchen der reit Brüssel.(Tsch. P.-B.) Der Minister für nationale Verteidigung D e v e z e stellte sich energisch dagegen, im künftigen Budget die Mili» tärauSgaben um 200 Millionen Franken herabzusetzen, und drohte mit der Demission, fall» sie nicht neuerdings in das Budget ausgenommen werden. Die Demission de» Kriegsministers hätte, wie behauptet wird, eine Ministerkrise zur Folge. Landwirtschaft und Helschergewerbe Einigung gegen die Konsumenten? Nach einem Berichte der„Landpoft" fanden unlängst in Reichenberg und Traute» n a u gemeinsame Beratungen von Vertretern deS Fleischerverbandes und der deutschen landwirtschaftlichen Organisation«: statt. Der agrarische Genossenschaftsfunktionär Ka r l H a a S erstattete dort Vorschläge über die Regelung deS Sch lachtviehmarkteS. ES wurden dann gemeinsame Tauausschüsse geschaffen. Sonst ist der Bericht sehr wortkarg. Die Öffentlichkeit sollte doch erfahren, worüber sich Agrarier und Fleischhauer geeinigt haben. Die Landbündler haben jedenfaflS in der letzten Zeit gegenüber den Fleischhauern eine große Schwenkung vollzogen. Bor einiger gelt schrieb noch die„Landpost": Den Mehrverdienft der Fleischhauer ans Kosten der Landwirtschaft und de» Konsumenten kann man an der Gegenüderstellung folgender Ziffern ermessen:. Beim Landwirt sanken die Preise ftir Rindvieh seit 1929 um 41,5 Prozent, für Kälber um 50,1 Prozent und für Schweine um 55,3 Prozents hingegen bei« Fleischhauer Rindfleisch um 29,3 Prozent, Kalbfleisch 39,3 Prozent und Schweinefleisch um 40,4 Prozent. Au» diesen Angaten ist zu ersehen, daß die Fleischpreise recht gut noch um 1 oder 2 AL heruntergehen könnten, ohne die Reu- tatllttät der Fletschhauertetriete zu gefährden. Ganz ander» sprach Herr KarlHaas ruf dem Fleischerverband-tage in L e i t m e r i tz, wo er nach dem Bericht der«Weftböhmischen Stimmen" erklärte: „Ueter die Preisfragen zu reden, sei üter- flüssig, denn immer wieder wurde einwandfrei festgestellt, dass diePreiShotzen eine»e- »utzte Mache der Margisten find, die nicht nur da» Bewerte, sondern auch die Landwirtschaft vernichten wollen." Hoffentlich wollte Herr HaaS damit nicht behaupten, daß er bisher selbst ein Marxist war. Denn gerade er hat in seinen Schriften und Aufsätzen immer wieder auf die große gwischenhan- delsspanne bet Vieh und Fleisch hingewiesen. Denn nun landwirtschaftliche Genossenschaftsfunktionäre, die früher für die Zusammenarbeit von Konsumenten und Produzenten«intraten, plötzlich in solche lächerliche Redensarten verfallen, dann scheint etwa» nicht in Ordnung zu sein. Wir werden noch sehen, ob sich in diesem Falle die Produzenten mit den Zwischenhändlern nicht gegen die Konsumenten geeinigt haben! Marie seliger 60 Jahre Heute vollendet Genossin Marie Seliger, die Witwe nach unserem unvergeßlichen Führer Josef Seliger, ihr 6Q. Lebensjahr. Marie Seliger, die mit ihrem Mädchennamen Pietsch hieß, wurde am 28. September 1874 als Kind eines Textilarbeiter» in Althabendorf bei Reichenberg geboren. Nachdem sie aus der Schule ausgetreten war, blieb ihr nicht» anderes übrig als in die Fabrik zu gehen. Treu der Tradition ihrer Familie verkehrte sie als junges Mädchen in sozialistischen Kreisen und lernte im Arbeitergesangverein in Althabendorf den Textilarbeiter Josef Seliger kennen, der zu dem jungen blonden Mädchen eine tiefe Neigung faßte und sie 1893 heiratete. Seliger war damals 23, seine Braut 19 Jahre alt. Gleich in den ersten Wochen ihrer Ehe hat es ihnen das Leben nicht gerade leicht gemacht, denn der junge Ehemann mußte in der Fabrik Nachtschicht machen, während die junge Frau tagsüber arbeiten ging. Aber die beiden Eheleute haben das tapfer ertragen, wie sie alles Schicksal, das sie im Leben trugen, gemeinsam auf sich nahmen. Marie Seliger folgte noch im ersten Jahre ihrer Ehe ihrem Seff nach Teplitz und stand ihrem Manne, der alle Mühen und Unbilden eines proletarischen Vertrauensmannes auf sich nehmen mußte, in allen Lebenslagen treu zur Seite. Nicht weniger als sieben Kinder(von denen vier leben) waren zu ernähren, der Gehalt war Nein und konnte nicht jede Woche pünktlich ausgezahlt werden. So mußte Marie Seliger ihren Haushalt betreuen, Neine Kinder warten und außerdem durch Wäschewaschen und Hemdenbügeln mit verdienen. Sie hat, indem sie die meiste Sorge um die Familie auch sich nahm, eS ihrem Manne möglich gemacht, sich mit voller Kraft der Arbeiterbetpe» gung zu widmen. Sie hat dem Manne das notwendige Verständnis entgegengebvacht, das dieses lebhafte Temperament und dieser rastlose Geist brauchte und sie hat ihm ein Heim geschaffen, in welchem er gerne auSruhte, wenn eS in seiner beruflichen Tätigkeit hoch herging und ernste Sorge ihn erfüllte. Josef Seliger war sich dessen bewußt und jeder, der an der Feier des 50. Geburtstages unsere» Seff tcilgenommen hat, wird sich dessen erinnern, wa» Seliger dort über seine Frau gesagt hat und wie es ihm Ernst war mit seiner Behauptung, daß seiner Marie mit ein Verdienst daran zufällt, wenn seine Lebensarbeit für da» Proletariat erfolgreich gewesen sei. DaS werden wir ihr nie vergessen und dessen sind wir unS an ihrem 80. Geburtstage auch bewußt. Marie Seliger konnte ihrem Manne eine so wunderbare Lebensgefährtin nur fein, weil sie seit ihren Mädchenjahren eine überzeugte Sozialdemokratin ist. Sie ist seit Jahrzehnten in der Teplitzer Frauenorganisation tätig, war Jahre lang Bezirks- und Kreisvertrauensperson der Frauen im Teplitzer Kreise, Mitglied der Teplitzer Stadwertretung, Mitglied des Neichsfrauenkomi« teeS und hat sich immer selbstlos in den Dienst unserer Bewegung gestellt. Was sie an ihrem Seff verloren hat, der ihr und unS so jung und so plötzlich gestorben ist, brauchen wir heute nicht zu sagen. Sie weiß, daß sie in der Partei keinen einzigen Feind hat und daß ihre Freunde die feine, gute Frau, die tapfere Sozialistin gern haben und daß wir wünschen, sie möge uns allen und ihnen Kindern noch lange erhalten bleiben. Schuschniggs TreuhMnderschaft Wo nichts zu stehlen ist,„schenkt" er Wien.(Tsch. P.-B.) Die BundeSpolizeidirek« tion in Wien hat die Beschlagnahme de» ver« mögens des aufgelösten Verbandes der Arbefter-' Fußballvereine Oesterreichs(Vafö) aufgehoben. J In der Begründung heißt eS, daß die angemel» 1 beten und voraussichtlich zu befriedigenden Ansprüche der Gläubiger den Wert deS beschlagnahm». ten vermögen- übersteigen. Die Beschlagnahmen bleiben bekanntlich nur i dort aufrecht, wo die katholische Regierung ein 1 entsprechendes Vermögen vorfindet. Damit verfährt sie dann nach dem umgekehrten Grundsatz:! »Du sollst nicht stehlen".>.'Mi Seite 4 Freitag, 28. Scptember1ü34' Nr. 227 Hyänen-es§ 144 Prag. Donnerstag lviirdc vor dem Brauer Senat der GR. Dr. W a l d in a n n die 50jährige Hcbamnie Anna A u ü i k ans.8 i ,11 o v, Podkbradova 98, zu siebe ii M önaicu s ch lv e r e n u n d v e r s ch ä r f- ten Kerkers unbedingt verurteilt. Sic hat eiucni arme» Dienstmädchen„acHolsen", und Mar in einer Art, das; diese? arme Opfer den Tod fand. Eines der vielen, vielen Todesopfer unseres hochsittliche» 8 144. Ein Eins,riff am schwangeren Leib, ausgcfiihrt mit verdrecken Instrumenten, eine Fehlgeburt und ein unsäglich qualvolles Sterben. Der Berichterstatter kann nicht Fall für Fall vermerken, denn diese Fälle find vo» grauenhafter Eintönigkeit. Er kam höchstens nüchterne Bilanz- zisfcrn vorlegen. Ziffern, die ein Ucbermaß menschlichen Leides beinhalten. lind ein llebcrmaß menschlicher Niedertracht und Tagcsnciiighcltcn Neun Todesopfer Bah« gegen Auto Bergamo(Obrritalien.) Ein Güterzug stieß an einem ungesicherten Bahnübergang mit einem Autobus zusammen. Der Kraftwagen wurde völlig zertrümmert. Sechs Ansassen des Wagens wurden ans der Stelle getötet; drei starben im Kraukcuhans. Zehn Personen erlitten schwere Verletzungen. Zehntaufende Obdachlose durch Sturmkatastrophe Mexico Eil». An II n t c r- K a l i f o r- nicn. in deut Gebiete, das von der Sturmkatastrophe schwer hcimgcsucht wurde, sind etwa 20.—30.000 Menschen obdachlos. Sie leiden auch Hunger und Ivandtcn sich daher mit einem dringenden Gesuch an die Fedcralämtcr. damit ihnen Hilfe zuteil tvcrde und die Wege sobald als möglich wieder instand gesetzt werden. An nicht besonders verläßlichen Meldungen wird von Toten und Verletzten gesprochen. Das genaue Ausmaß der Katastrophe und der Sachschaden ist bis jetzt noch nicht bekannt. Mexico-Stadt. Seit dem 15. September wird dv S t a a t I a l i s c o unaufhörlich von Erdstößen hcimgcsucht. Die Zahl der Toten wird mit 50 angegeben. Verletzt wurden über 400 Personen. Man befürchtet, daß noch viele Menschen unter den Trümmern ihrer Wohnstätten liegen. Ganze Ortschaften sind zerstört worden. In dem Bergwerksort Malo allein stürzten 102 Häuser ein. Aus der Arbeitslosigkeit in den Tod Die Tragödie eines Proletariervaters Saaz.(Tfch. B.-B.) Donnerstag wurde hier in einer Sandgrube der Arbeiter Wenzel Bartl von Erdmasten verschüttet und getütet. Bartl, der am Donnerstag nach längerer Arbeitslosigkeit zum erstenmal wieder eine Beschäftigung gefunden hatte, war verheiratet und Vater dreier Kinder. Gelegte Großfeuer Jglnu.(Tfch. P.-B.) 2n der deutschen Gemeinde H o ch d o r f bei Jglau brach in der Nacht auf Donnerstag ein Brand aus, der vier Anwesen und die Wirtschaftsgebäude eines weiteren Anwesens cinäschcrte. Der Schaden wird auf 300.000 Kö geschäht. An der Löschung des Brandes nahmen 12 Fcuerlvchren teil. Ähren vollen vier Stunden dauernden Bemühungen gelang cs, die umliegenden Gebäude zu schützen. Der Brand wurde wahrscheinlich gelegt. .* Salzburg.(Tfch. P.-B.) Anmitten des Marktes Abtenau ist Mitttvoch abends ein ausgedehntes Wirtschaftsgebäude, das große Vorräte an Futtermitteln und Maschinen barg, abgebrannt. Das brennende Objekt strahlte ungeheure Hitze aus und es begannen bereits die umliegenden Häuser, besonders die beiden Schulen» das Stallgebäude des Pfarrhauses und das Gemeindespital zu brennen. Unter großen Schwierigkeiten wurden die Kranken aus dem Gemeindespital geborgen und anderweitig untcrgcbracht. Durch die vereinten Bemühungen der zahlreich erschienenen'Feuerwehren tumbe der Ort vor Vernichtung bewahrt. Das Feuer Ivar gelegt. Weitere Verhaftungen in der Affäre Dr. Chvätal Die politische Staatspolizei hat seit den letzten Meldungen über die Affäre Chvätal ihre Untersuchung fortgesetzt. Die Untersuchung wurde erleichtert und gefördert durch das bei Chvätal gefundene Material. Der Verteiler der antijüdi- schen Flugzettel, Kojer, konnte zunächst nicht gefaßt werden, weil er vorgezogen hatte, rechtzeitig zu verduften. Offenbar nach dem Dritten Reich. Am Dienstag tauchte er plötzlich in Aussig wiederauf und wurde verhaftet. Durch die Verhaftung kam die Polizei in die Lage, festzusteUen, tvo die seinerzeit verbreiteten Flugblätter herge- gcmeingesährlicher Gewinnsucht. In diesem Fall nmßte die zu Tode gehebtc Frau ihren Martertod mit 1600 Ke bezahlen, nebst einer goldenen Uhr, die ihr die AbtrcibungShhäne äbgegaunert hatte, unter der Vorspiegelung, daß mit diesem Geld der Arzt bezahlt werden sollte. Einen Arzt bekam das Opfer allerdings erst dann zu Gesicht, als cs im TodcS- kampf dem Spital eingcliefert wurde. Die Hebamme Anna Iukik markierte int GcrichtSsaal Nervenanfälle und die Verhandlung mußte deshalb auf eine Stunde unterbrochen werden. Aber eben diese Antik wird sich am 2. Oktober vor einem Schwurgericht wegen des Verbrechens dcS Mordes zn verantworten haben. Sie hat einer'im achten Monat Schwangeren zu einer Fehlgeburt verhalfen»nd ihr geraten, das-Kind„ob es lcbe oder nicht, in den Kübel zu werfen". rb. stellt wurden. Das geschah nicht in Kulm, wie früher gemeldet wurde, sondern in einer Druk- kerei in Karbitz. An dieser Druckerei, deren Be-> sitzcr der Buchdrucker Ludwig Beer in Karbid ist. wurde eine Haussuchung vorgcnommcn und im Anschluß daran der Besitzer und sein Sohn Otto verhaftet. Auch die beiden wurden dem zuständigen Gericht überstellt und werden sich wegen Vergehens gegen das Gesetz zum Schuhe der Republik zu vcrantlvorten haben. Bor neuen Sensationen im Lindbergh-Fall New Bork.(HavaS.) Mittwoch wurde ein gewisser Fitzgcrald festgenommen, der erklärte, daß er über die Vorbereitungen zur Ent- iührung des Lindbcrgh-Baby sehr genau informiert sei. Er belauschte in einer Winkelbar zwei Individuen, von denen eines Hauptmann war, als sie sich über die Entführung unterhielten. Die Polizei erlvartet, daß eine plötzliche Enträtselung des Falles bereits in den nächsten 24 Stunden erfolgen, könne. Ter den Fall Lindbergh bearbeitende Staatsanlvalt Foley gab bekannt, daß Hauptmann vor seiner Vorführung im Gericht am Donnerstag in seinem Amtszimmer etwa zehn Minuten dem Oberst Lindbergh gcgenübergcstellt worden sei. Lindbergh, der von 20 Detektiven begleitet war, trug zur Unkcnntlichmachung eine Brille und eine Mütze. Staatsanlvalt Foley versicherte, daß Hauptmann nicht gewußt habe, daß der Mann, dem er gegenübergestellt wurde, Lindbergh war. Roosevelt läßt prüfe«... Washington.(Reuter.) Präsident Roose- v e l t hat angeordnet, das Statistische Arbeitsamt möge die Lohn- und Arbeitsverhältnisse.in der Textilindustrie untersuchen. Weiter hat er angeordnet, der Fcdcralausschuß für Handel möge feststellen, ob vom Standpunkte der allgemeinen wirtschaftlichen Bedingungen aus die Erhöhung der Löhne bei gleichzeitiger Herabsetzung der Arbeitszeit aufrechterhalten werden könne. 100.000 Meter Barbarei. Der Führer, der bekanntlich zu den größten Phänomenen des Kosmos gehört, betätigt sich auch als Filmregisseur. Ter amtliche Nazi-Nachrichtendienst meldete dieser Tage:. Reichskanzler Adolf Hitler hat nach eingehenden Besprechungen mit Leni Riefenstahl für dar monumentale Tonfilmdokument»Reichspartei- tag 1 0 84" den Titel geprägt. Der Film über den Reichsparteitag wird den Titel „Triumpf des Willens" tragen. Nahezu 10 9.000 Meter Film find gedreht worden. • Um der Oeffentlichkeit: einen Begriff von der g e« walti-gen'Arbeit-zu vermitteln/die jetzt durch das Schneiden des FilmS zu leisten ist,- fei feftgestcllt, daß allein 800 Stunden : notwendig sind, um den Film eingehend zu prüfen. Da ein abendfüllender Film nur 8000 : Meter lang sein därf, muß die Auswahl eines jeden einzelnen Meters Filmstreifen sehr genau vorgenommen werden. Dieser erste große nationalsozialistische Film wsrd der Welt das wahre G e s i ch t D e u t s ch l a n d s zeigen. Hoffen wir, daß sic'cs erkennt und sich schaudernd abwcndct! Sollte das Bild undeutlich sein, so empfehlen wir zur Ergänzung' das kürzlich von uns besprochene Buch über die Konzentrationslager.- Lcni Riefcnstahl hat daran zwar nicht mitgearbeitct, um so mehr hat aber der Führer zn seinem Werden bcigctragcn. Ein Verräter auf Reisen. Der Schauspieler Alfred B e i e r l e, der seinerzeit ,als Sozialdemokrat auch für die sudctendeutschen Arbeiter einige Vortragsabende veranstaltet hat, war einer der ersten, die sich nach dem Siege Hitlers gleichgeschaltet haben. Er hat dann mitgcholfen, einigen Ufa-Unrat zu erzeugen und war immer bemüht, den Beifall der braunen Bonzen zu finden.— Nun meldet„Het Volk", das Zentralorgan unserer holländischen Genossen, daß sich Alfred Beierle in Holland herumtreibt»nd dort bemüht ist, sein Brot durch Vortragsabende zn verdienest. Offenbar haben diH braunen Bonzen für den Verräter keine Verwendung mehr gehabt; sic haben in ihrer Bewegung eingesessene Schurken in genügender Zahl. DaS Schicksal dcS Verräters nimmt unö nicht Wunder und bereitet allen Anständigen große Genugtuung. Die Angst vor den Ersatzstoffen. An den Ivestbühmischen Grenzstädten kaini man jetzt erhöhte Einkäufe von Kleidern, Stoffen, Wäsche u. ä. beobachten. Die Käufer find Reichsdeutsche. Sic erzählen, daß in Deutschland keine Onalitäts- waren mehr zu haben sind und in die Geschäfte bereits Waren a»S Ersatzstoffen kommen. Die deutschen Greuzbeaiutcn und SA-Leute durchsuchen alle Grenzgänger sehr streng auf den Besitz von Kleidern und Wäsche tschechoslotvakischer Herkunft.. Vermehrung der Büfettwagen. Das Eisenbahnministerium verhandelt mit der Internationalen Schläfwagengcsellschaft über die größere Auswechslung von Speisewagen durch Büfettwagen. Bisher sind Büfettwagen auf den Schnell- zugsstrccken Eger—Karlsbad—Ncichenberg, Prag —Bftinn, Brünn—Bohumin—Zilina und bei den Sportzügen Prag—Freiheit—Johannisbad eingeführt. Der Vermehrung der Büfettwagen widersetzten sich die Bahnrestaurationen sowohl mit Rücksicht, auf die angestellicn Kellner und Hilfs- kräfleu>- i Zwei Leichen im Schlafwagen. Zu dem Funde zweier Leichen in einem Schlaftvagen des Schnellzuges Paris—Ventimiglia werden durch das-Tfch. P.-B. folgende Einzelheiten mitgcteilt: Die Pariser Polizei hat die Adcntität der beiden Leichen festgcstcllt. Es handelt sich um den Geschäftsreisenden A l i b e r t und seinen Gefährten ohne bestimmte Beschäftigung, den Korsen Bet- l a m c n i. Durch die Obduktion wurde erwiesen, daß Bctlamcni seinen Gefährten im Schlafe ermordet- und sodann Selbstmord begangen hat. Außer einem Revolver wurden im Coupt auch Rauschdrogen gefunden. Durch die Untersuchung wurde festgestellt, daß Aliberti und Betlameni im Zusamnienhang mit den Betrügereien, die der verhaftete Polizeikommissär von Lille Aiariani verübt hat, von der Polizei gesucht wurden.. Die Polizei war auf.der Suche der beiden. Bei jedem von ihnen wurde viel Geld gefunden. Auch in London, wurden im Zusammenhang mit dem Fall Mariani zwei Personen verhaftet. Da« größte Schiff der Mett Am Mittwoch nahm die. englische Königin in-Clydebank(England) die Taufe des gigantischen Ozeanriesen vor: Darauf lief das Schiff—die„Queen Mary" vom Stapel. Unser Bild-zeigt den Ozeanricsen vor Beginn der Tauffeierlichkciten. Links am Bug sicht-man die Tribüne, von der aas Hie Läufe borgenommen wurde. Aufhellung des Falles Leffiug? Eine Verhaftung in Marienbad Die gestrigen Blätter berichteten, über"die Verhaftung eines Chauffeurs Ernst S t e r n- Hof aus Marienbad und teilten mit, daß' diese Verhaftung endlich den Mord an Prof. Les«* sing aufhcllen werde, denn Stcrnhof sei an der Ermordung mitbeteiligt gewesen.— Nun schreibt der„Telegraf", daß Stcrnhof zwar kurz nach der Ermordung Lessings verhaftet worden war und zwar wegen des Verdachtes, in de» Fäll verwickelt zu fein. Aber Sternhof mußte aus der Haft ent»* lassen werden, weil gegen ihn keine Beweise vorlagen. Nach der Entlassung ist er nach Deutsch-' land gefahren, wo er sich einige Zeit aufhiclt. Nach Marienbad kehrte er schon vor längerer Zeit zurück. Seine jetzige Verhaftung erfolgte ivegcn Ucbertretung des Gesetzes zum Schutze der Republik. Die Polizei hat seine wiederholten Ausflüge nach Deutschland beobachtet. Er trat dort mit verschiedenen Personen in Beziehung und verriet Emigranten und Kurgäste. Sternhof ist auch verdächtig, Kurierdienste verrichtet zu haben. ES- wird sein Alibi im Falle Lessing noch einmal geprüft'werden. rSdttcher Arbeitsunfall in Saaz Der in der Sandgrube des Ferdinand Stark in Saaz beschäftigte Arbeiter Wenzel Bartl wurde am Mitttvoch nachmittags von nieder» brechenden Sand- und Erbmassen verschüttet. Der Unglückliche, der eine Fra» und drei Kinder hinterläßt, konnte nurinehr als Leiche. geborgen tverden. Kostenlose Kuren für Rinder in Pistvan. Arme Kinder, die an rheumatischen Erkrankungen des Gelenksorganismns leiden, können in Bad. Pistyan eine unentgeltliche Kur erreichen. Das Gesundheitsministerium hat dort im Kinderheim. „Kvetuöa" eine Anzahl Plätze gestiftet, von denen Heuer noch einige frei sind. Aerzte oder Eltern armer Kinder, die an der genannten Krankheit leiden, mögen daher an daS Gesundheitsministerium in Prag unter Berufung auf den Erlaß, Nr. 24.488 vom 18. Juli 1034 ein Gesuch nm Bewilligung dieser GratiSkur cinreichen. Das Gesuch ist an das Gesundheitsministerium zu adressiere» und unter Beischließung eines amtsärztlichen und Armutszeugnisses als auch dcS Heimatscheines des Vaters bczw. der Mutter einzusendcn. Um die Matteotti-Fahne. Dem OSkD wird aus Innsbruck geschrieben: Vor dem Bezirksgericht hatte sich dieser Tage der 30jährige Schutzbündler Ferdinand H u m e r wegen boshafter Sachbeschädigung zu vcrantlvorten. Hurner versuchte am 28. Mai die Fahne der Matteoiti-Kom- pagnic des Innsbrucker Schutzbundes aus dem von der Heimwehr besetzten Gewerkschastshaus in Innsbruck zu retten. Er stieg daher unbemerkt in die Kanzlei des Gcwerkschaftshauses, indem er die Türfüllung mit einem Taschenmesser entfernte. Leider gelang cs ihm nicht, die Fahne zu finden, da diese an einen anderen Ort gebracht worden war. Humer, der sich bereit erklärte, den Sachschaden wieder gutzumachen und die Beteiligung eines Freundes aufs entschiedenste bestritt, würde zu drei Wochen Arrest verurteilt, die durch die Untersuchungshaft seit dem 0. Juni, also seit mehr als drei Monaten, verbüßt sind. Ob Humer jedoch freigelasse» wurde, war bisher nicht in Ersahrung zu bringen. Defraudationen in Komotan. Im Komo- tauer Fremdenverlchrsverein sind, tvie das T. P. B. meldet, Unregelmäßigkeiten zutage getreten» die dem Obmann des Vereines, Sekretär Schlimp, zur Last gelegt tverden, der zugleich Geschäftsführer des Vereines tvar. Der ermittelte, unbelegte Abgang des Vereines wird mit mehr als 40.000 Kronen beziffert. Schlimp wurde vom Vorstand seiner Funktionen enthoben. Fliegertod. Unweit von Dijon(Frankreich) stürzte Mitttvoch in den Abendstunden ein Jagdflugzeug ab. Einer der besten Flieger, Leutnant R e p i t o n, kam dabei ums Leben. Vom Rundfunk lmptalilen*w«rtai aus Mai» Pra*rammaaa SamStag: Prag, Sender L.: 10.05: Dentsche Nachrichten, 12.10: Schallplatte», 18.40: Schallplatte«, 15.15: Konzert des Jazzorchestcrs, 18.10: Deutsche Sendung: Wir stellen vor: Reue Mitglieder des Deutschen Theaters in Prag, 18.55: Deutsche Presse, 20.10: Liedcrkonzert, 22.15: Chansons auf Schallplatten. Sender S.: 14: Die Jungen sprechen, 14.20: Janetschek: Musikalische Zeitgeschichte/ 15: Deutsche Presse.— Brünn 16.40: Lustiges Wochenende des Sendeorchesters, 17.45: Deutsche Sendung:' Ans Richard WagncrS„Liebesverbot".— Mähr.« Ostrau 12.80: Orchesterkonzert.— Presiburg 21: Operette a»S dem Studio;— 12.30: Orchesterkonzert. Bedeutender Anstieg der Rundfunkhörerzahl im« August. Zum 1. September l. I. wurden in der Tschechoslowakei S24.264 zahlende und 4018 von der Rundfunkgebühr befreite Rundfunkteilnehmer. oe» zählt. Die Tschechoslowakei hat daher derzeit 6 2 8.2 8 2 Rundfunkhörer. Für den Monat August beträgt die Zunahme 11.128, die Abnahme 6688, die reine Zunahme daher 4440 Hörer.' Die einzelnen Postdirektionen weisen folgende Ziffern auf: Prag: reiner Zuwachs 2565, Pardubitz: 588, Brünn! 778, Troppau: 102, Preßburg: 288 und Kascha«: 180. Aus diesen Ziffern geht hervor daß sich die, Tendenz des tschechosiowakischen Rundfunkdauernd sehr günstig entwickelt. Freitag, 28. September 1884 I W, r?7 Sette» !k it ,t te l- :n »kl II M Mkll WM NklMMe WM Bozener JtluN 90 Jahre, A«to« ÄlnbI IS Jahre schwere«««d verfchSrfte« Kerker«— SNchttOkettaOeschwerde de» Gtaatsaawalte« wege» nicht»erhängter Todesstrafe Brand in der Moskaner Untergrundbahn, Moskau.(Tast.) Am 24. September brach in. dem Schacht der Moskauer Untergrundbahn ein Brand aus. Die Flammen erfaßten die Holzverschalungen des Tunnels. Alle Arbeiter und Ingenieure, die sich in dem Tunnel befanden, verließen ihn durch einen Notausgang des benachbarten Schachtes. Während der Läscharbeiten v e ru n g l ü ck t e der Jngenieuer Tschistjakow und der Arbeiter Chussainow. Im Augenblick des Brandausbruches sank der Luftdruck, wodurch ein Schild gelockert wurde, der die Schlemmsandmassen hielt, die aber dann in Be- wegung gerieten und die Senkung eines baufälligen Hauses hervorrief. Der Brand wurde noch am gleichen Tage gelöscht. Die gesamte Einrichtung der Moskauer Untergrundbahn blieb unversehrt. Di« Ursache des Brandes wird untersucht. I« der Untersuchung de» Falles Hauptmann» der vorläufig wegen Erpressung verhaftet und angeklagt wurde, wird nach der Information eines Mannes gefahndet, der einen größeren Geldbetrag bet sich haben mußte, für welchen er sich einen Remorkeur mietete, um den Dampfer „Columbus", dessen Abfahrt er versäumte, einzuholen. Nach Ansicht der Behörden behielt Hauptmann von dem Lösegcld 46.000 Dollar, wovon er 7000 Dollar an der Börse verlor und 7500 Dollar einem gewissen Fssh borgt«. Die Behörden haben auch mit aller Bestimmtheit festgestellt, daß Hauptmann überhaupt nichts an der Börse gewann, wie er dies ursprünglich behauptete. Neun Sträflinge entkommen. In Savannah l Georgia) sind aus dem Staatsgefängnis zehn Sträflinge auf einem Arbeitslastwagen entflohen. Sie übermannten den Wärter und entrissen ihm seine Schußwaffe. Ein Sträfling wurde dabei von einem anderen Wärter erschossen. Die übrigen neun entkamen. Fünf weitere Sträflinge, die ebenfalls hätten entfliehen können, machten keinen Fluchtversuch. 8000 Pfund Dynamit,.die angeblich für Kommunisten auf K u b a bestimmt gewesen sein sollen, wurdet» von der Polizei mit Beschlag belegt, u. zw. 2000 Pfund im Hafen von Santiago und 3000 Pfund im Hafen von Havanna. Die Sprengstoffe sollen von einer amerikanischen Firma verschifft worden sein.- Bei einem Zusammenstoss zwischen Mohammedanern und Indern, der durch einen Angriff von bewaffneten Mohammedanern auf einen indischen Grundbesitzer Wege» eines landwirtschaftlichen Konfliktes erfolgte, wurden nach einer bisher unbestätigten Meldung aus Mianwali, einem 225 Meilen,.von Lahore entfernten Orte, sie- b e n P ersvnem-getö t e-t>und zwei'schwer verlebt.-•••'••; Lau der Zahnklinik der Deutsche« Universität in Prag II. In den erweiterten und adaptierten Räumen der Zahnklinik beginnen am 1. und 15. Oktober 1084 Ausbildungskurse für Bewerber um den Facharzttitel eines Zahnarztes und Fortbildungskurse für Zahnärzte und praktische Aerzte. Die Ausbildung erstreckt sich auf alle Gebiete der Zahnheilkunde wie: Zahnärztliche Chirurgie und Röntgenologie, konservierende Zahnheilkunde, Prothetik leinschließlich Porzellantechnik), zahnärztliche Orthopädie und Paradentosebehandlung. Die Zahnklinik der deutschen medizinischen Fakultät hat da- Recht zur Verleihung de- Facharzttitels. Wahrscheinliche- Wetter heute. Wechselnd be- wölkt bis vorwiegend heiter, mäßig warm, auf den Bergen wieder Abflauen des Windes.— Wetteraussichten für SamStag: Wetter zeitweise unsicher, im ganzen jedoch schön, namentlich aber in den südöstlichen Teilen des Staates, «mm-ssss-ssssssssssss-msssasssiss-s Prag. In dem Mordprozeß gegen das Ehepaar Kindl bereitet« die Verteidigung am Donnerstag den Zuhörern noch eine Ueberraschung. Als nach Abschluß de» Beweisverfahren» die Verhandlung zur Beratung der Sch uldfragen unterbrochen werden sollte, beantragte der Verteidiger Dr. C e r m ä k plötzlich Wiedereröffnung de» Beweisverfahren» mit der Begründung, der bereit» einvernommene OrtSvorst eher von Cervenh U j e z d, Anton P t t h o d a, wünsche seine berett» gemachte Aussage zu ergänzen und außerdem habe sich eine Entlastungszeugin gemeldet. Der Gerichtshof gab diesem Antrag statt. Zwei EntlaftungSzeugen— knapp vor Torschluß Der OrtSvorsteher P k t h o d a begann die „Ergänzung seiner Aussage" mit der sonderbaren Bemerkung, er habe seinerzeit nicht alle» sagen können, weil er aufgeregt gewesen sei und im übrigen „eine ungünstige Stimmung" geherrscht hab«. Ptthoda bekundete weiter, er sei einmal von dem angeklagten Ehepaar zur Schlichtung eine» Streite» in» Hau» gerufen worden und habe bemerkt, daß der ermordete Sindeläk„wie ein Löwe" in der Stube auf» und abgerannt sei, während die Angeklagten verschüchtert m den Ecken hockten. Weiter sagte er dem Ermordeten nach, er sei ein Säufer und gewalttätiger Mensch gewesen und habe nach seinem Tod 800 KC Zechschulden hinterlassen. Dieser Zeuge bekam«inen sehr roten Kopf, al» Staatsanwalt Dr. Svoboda in seinem Plädoyer seine Aussage zerpflückte und ihr die anderen Aussagen, sowie die Akten de» lknhoschter Bezirksgerichte» gegenüber- stellte. Tatsächlich steht die Au-sage diese» Ortsvorsteher» Pkihoda völlig vereinzelt da, wenn* man von der verspäteten Zeugin Antonie Das Heilsarmee-Heim in Gablonz Wir erhielten folgende Zuschrift, di« un» mitteilenswert erscheint; unsere früheren Ausführungen über die Heilsarmee werden dadurch, wie übrigen» au» den Brief selber hervorgeht, in keiner Weise berührt oder gär angefochten. D. Red. Die Tatsache, daß in Gablonz a. R. die Heilsarmee als wesentlicher Bestandteil der offiziellen städtischen Wohlfahrtspflege anzusehen ist und in bestem Einvernehmen mit der sozialdemokratischen Arbeiterfürsorge hier zusammen arbeitet, veranlaßt mich, zu Ihrem Artikel folgende» kurz zu bemerken. Zu den Anschuldigungen gegen das Prager Heim bin ich natürlich nicht in der Lage, Sttzllü'nglzlt'nehmen, da aber auch die Provinz, bzw. die' deutschen Grenzgebiete erwähnt sind, möchte ich seststellen, daß die Heilsarmee in Nordbähmen nur in Gablonz a. R. die Rachtherberge unterhält. Für das Haus, da» nicht Eigentum der Heilsarmee ist, müssen 12.200 XC Jahresmietzins gezahlt werden, zuzüglich ca. 10 Prozent Mietzinsabgaben. Die Einrichtung(u. a. 30 gute, weißlackiert« I Betten mit Matratzen und entsprechender Bettwäsche) wurde größenteils durch Spenden der Heilsarmee in Schweden aufgebracht, wovon bis dato noch kein Heller amortisiert werden konnte; im Gegenteil, beträgt seit Ende 1V28 das Defizit bereits mehr als 50.000 XL. Die Geschäftsgebarung wurde durch feiten» Beauftragter des Gablonzer Stadtrate» vorgenommene Bücherprüfung als„völlig einwandfrei" befunden. Volk absieht, die als nachträgliche EntlastungSzeugin irgendwie ausfindig gemacht worden war und in ziemlich unbestimmten Redewendungen den ermordeten Sindeläl gleichfalls mit übler Nachrede belastete. Diese zwei Zeugen sind die einzigen, die die Angeklagten, wenigstens moralisch, zu entlasten suchten. Den Geschworenen wurden insgesamt nenn Schuldfragen vorgelegt. Der Gerichtshof legte neben dm Haupt« schuldfragen auf Mord, den Geschworenen noch Eventualfragen auf T o t s ch l a g vor und räumte sogar nachträglich auf Antrag der Verteidigung eine weitere Evcntualfrage auf„Tötung während eine» Raufhandels" ein, dessen Strafe noch gelinder ist. Die Geschworenen renen bejahten die Hauptschuldfrage auf Mord für beide Angeklagte mit zehn Stimme«, woraus sich Gerichtshof und Geschworene zur gemeinsamen Beratung über die zu erkennende Strafe zurückzogen. Denn nach dem neuen Gesetz über die Todesstrafe sind die Geschworenen bekanntlich zur Beratung über da» Strafausmaß zugelassen, wobei ihnen allerdings nur beratende Stimme zukommt. Da» Urteil lautete auf zwanzig Jahr« schweren und verschärften Kerker» für Bojena Kindl und fünfzehn Jahre für ihren Gatten Anton Kindl. BoZena Kindl nahm die Strafe an, Anton Kindl behielt sich Bedenkzeit vor. Staatsanwalt Dr. Svoboda meldete Richtig. kritSbeschwerde wegen«ich« verhängter Tode»- I strafe an. rb. Im Gegensatz zu dem Bericht Ihres Prager Sozialreporters geht au» unserem Tätigkeitsbericht hier hervor, daß in der Zeit vom 1. Jänner bis 30. Juni 1S34 insgesamt 4436 Betten auSgegeben wurden, hievon unentgeltlich 116 7. Die Beherbergung erstreckt sich nicht nur auf Männer, sondern auch auf Frauen und delogierte Familien. Jede Nacht sind 4 bis 5, mitunter mehr, vom Stadtrat zugewiesene, in Gablonz zuständige Personen in FreilogiS. ferner wird jeder mittellose, ungezieferfreie Durchreisende unentgeltlich für eine Nacht hier ausgenommen; weitere Nächte kann er gegen da» geringe Schlafgeld von XL 2.50 bis XL 3.— hier zubringen. Tagsüber dient ein großer, luftiger Aufenthaltsraum mit Gesellschaftsspielen etc. den Schlafgästen zur gefl. Benutzung. Die Schlafsäle sowie di« Bettili sind peinlichst sauber, was bei einer ustlängst voll Funktionären der Arbelterfürsorge hier unangemeldet vorgenommenem Be» sicht'gimg anerkennend festgestellt wurde. Kurt Bend a, Kapitän der Heilsarmee, Gablonz a. N. An die gesamte Oeffenttichkeit der Tschechoslowakischen Republik Seit einigen Wachen mehren sich die Ausweisungen politischer Emigranten, die sich vor dem braunen Terror auf da» Gebiet unserer Lande» zu flüchten vermochten.-Bor wenigen Tagen wurde die Frau «ine» seit längerer Zeit Verhafteten kurzerhand an die deutsche Grenze geschafft. Sehnlich erging es einer anderen Emigrantin, di« ebenfalls nach Deutschland abgeschoben werden sollte, obwohl da» ihren Tod be deuten konnte. Sie konnte in letzter Minute gerettet Werden. Ueber ein Dutzend Fälle sind bekannt geworden, in denen e» keine„Rettung in letzter Minute"-gäb, aber wieviel ähnliche Fälle bleiben unbekannt? In wieviel Fällen ist da» Asylrecht— im Sommer 1938' allen politischen Emigranten, die sich in die inneren Verhältnisse der Republik nicht einmischen würden, feierlich zugesagt— verletzt worden? Wenn wir heute also die gesamte Oeffentlich» keit diese» Lande» auffordern, ihre Sttmme für di« volle Gewähr de» Asylrechtes zu erheben, so erfüllen wir damit nur eine selbstverständliche Pflicht gegenüber der gesamten Kulturwelt. Seien wir uns darüber im Klaren, daß die Entziehung oder auch nur die Verstümmelung de» Asylrechts von denselben reaktionären Tendenzen getragen wird, denen nicht nur da» Recht de» Asyl», sondern überhaupt alle Volk-rechte, aller Fortschritt und alle Freiheit im Wege sind. Vergessen wir nicht, daß Männer, die heute an der Spitze diese» Staates stehen, T. G. Ma- saryk und Eduard Beneö, lange Jahre hindurch nur dank dem Asylrecht leben und arbeiten konnten. Wenn neuerdings, anläßlich der Verhaftung einiger Emigranten in Prag gegen diese der Vorwurf erhoben wird, sie hätten sich da» Asylrecht dadurch verscherzt, daß sie«ine illegale Tätigkeit gegen da» Dritte Reich entfaltet hätten, so muß daran'erinnert werden, daß seit jeher die politische Tättgkeit der Emigration gegen die Macht, die sie verfolgte und zur Flucht zwang, al» erlaubt und selbstverständlich angesehen wurde. Wir appellieren an die gesamte fortschrittliche Oeffentlichkrit, ihre Stimme mit der unseren zu vereinen zum Schuh der Leben» und der Sicherheit der Emigranten, denen es gelungen ist, ihr nacktes Leben und den Rest ihrer Freiheit nach der Tschechoflowa- kischen Republik zu retten. Bojena Beneöovä, E. F. Durian, Dr. Max Brod, Oskar Baum, Josef Capek, Rudolf Fuchs, Dr. Julius Gellner, Hana Gregorova, Prof. Alois Haba, Dr. Hilar, Hugo Haas, Dr. A. Hoffmeister, Josef Hora, F. R. HalaS, Prof. K. B. Jirak, Jaroflaw JeZek, Edmond Konrad, Han» Krasa, Dr. Front. Langer, Dr. Georg Mannheimer, vttkzslav Nezwal, Karel Novy, Ferd. Peroutka, Marie Puimannova, Dr. Otto Pick, Dr. A. M. Pisa, Erwin Schulhofs, B. Vhdra, V. Vankura, Dr. Ludwig Minder. Für den Schuhverband der deutschen Schriftsteller: OSkar Baum, Borfihender; Ferd. F. Deml. Gesch. Führer. Für die Liga für Menschenrechte: Jng. Boh. Ptikryl, Präsident: MiloS Vanek, Sekretär. Die große veberschwrmmmtgSkatasirophr., die im Juli Galizien und das mittlere Polen heimsuchte; hat nach den vorläufigen^ Berechnungen einen Materialschaden von-über-100 M i tV lionenZloty hervorgerufen. 176 Brücken wurden zerstört und 260 beschädigt. 2800 Quadratkilometer Land sind überschwemmt gewesen. 1300 Dörser mit 220.000 Einwohnern wurden in Mitleidenschaft gezogen. Die freiwilligen Sammlungen ergaben bisher 0.3 Millionen Zloty. Ertnmke«. In der Killary-Bucht der Grafschaft Galway an der Westküste von Irland kenterte am Mittwoch bei stürmischem Wetter das Motor»' boot einer Jacht. Bier Insassen, darunter Major Kerr-PearS, ehemaliger Privatsekretär de» Gouverneurs von West-Australien, ertranken. Drei Personen wurden gerettet, darunter der Besitzer der Jacht, und di« Tochter de» Majors. Man glaubt, daß da» Motorboot gegen ein im Wasser treibendes Hindernis gestoßen und dadurch leckge- spnmgen ist. Die künischen Freibauern Ei« Böhmerwalb-Vottoftütk Niemand» Herr und niemand» Knecht, Da» i»' künisch' Bauernrecht. Neuern macht seinem.Namen Ehre. Unter den deutschen Kleinstädten des Böhmerwalde» trägt es den stärksten verjüngungswillen zur Schau. Der heitere Glanz des Angeltales schimmert auf seinen Dächern. Nur von fernher dräut der mächtige Osser. Hier öffnen sich dem Wanderer die Tore zum ttefsten Böhmerwald, hier flutet da» Wäldermeer des künischen Gebirges und de»' Arberstocks in freundliche Hügellandschaft über. Dieser Wandel deS Landschaftsbildes sirägt sich auch in den Menschen aus. Hier mifchk"sich srohe Beschwingtheit in da» schwerblütige Waldmenschentum. Neuern war lange Zeit ein Zentrum de» Federnhandels. Bis tief ins alte Ungarn und hinauf zu den Hanfastädten reichten seine Geschäftsverbindungen. Kommerzielle, industrielle und, auch geistige Regsamkeit sind wertvolle Erb- ü stücke solcher Berührung mit der großen Welt geblieben. Mitten in schlimmster Krise bietet Neuern 3'in' Bild' frohen Schaffens. Die optischen Fabriken gehen noch recht und.schlecht. Aber sie gehen. »Auch die Wäschefabriken' ruhen nicht. Der wach- »ende Fremdenverkehr und eine rege private Bautätigkeit modernisieren von Jahr zu Jahr das Wtadtbild. Im Augenblicke beschäftigt die rote Memeindeverwaltung.bci der Angelregulierung an M)0 Arbeitslose. Kein Rundfunk hat bisher den Msthiy dieser erfolgreichen„Arbeitsschlacht" ver- Mndet. Auch im kulturellen Bereich liefert Neuern manches Beweisstück volkstümlicher Leistung. Hans Multerer und seine Laienschar haben letzthin mit ihrem Spiel vom Leben und Sterben de» Waldbauern auf städtischen Bühnen einen großen Erfolg erzielt.' Nun hat Josef Blau einen neuen künstlerischen Ausschnitt aus dem Volksleben des Böhmerwaldes geliefert mit seinem Stück: Die künischen Waldbauern. Das hat seine Vorgeschichte. Blau ist kein Heimatforscher im üblichen Sinne, der tote» Gerümpel beschreibt, Flur« und HauSnamen seitenlang aneinanderreiht. Im Mittelpunkte seiner Forschung steht der lebendige Mensch. Er hat in seinen Büchern dieSozialge- schichte des Böhmerwalde» geschrirb- ben. Das versunkene Dasein der alten GlaShüt« tenleute, der Aschenbrenner, der Pechsieder und Schwärzer entriß er dem Schicksal de» Vergessensein». Keiner hat liebevoller dem hundertjährigen Ringen de» Menschen mit dem böhmisch-bayerischen Grenzwald nachgespürt. Pioniere uno Träger dieses Kampfes waren die Waldbauern, die Ur-Ansiedler, welche da» unwirtliche Land „aus wilder Wurzel" rodeten und bebauten. Unter ihnen waren di« künischen Freibauern eine eigene Sippe. Bayerischer Herkunft, siedelten. sie sich zwischen Neuern und Winterberg an, als die Herrschaft der Grafen von Bogen bis an die Tore von Klattau und Schüttenhofen reichte. Das Gebiet siel aber an die böhmische Krone zurück, hatte als K ö n i' g S w ä l d' seine eigene Geschichte. Die künischen(königlichen) Bauern blieben Freisassen, waren nur den. böhmischen Kwonträgern zinspflichtig. In acht Freigerichten mit dem Obergericht in Seewiesen sprachen sie ihr bäuerliches Recht, trugen Waffen und jagten in den Wäldern, als iss: ganzen Lande die Bauernschaft unter dem Joch der Leibeigenschaft seufzte. Mit Ausnahme der schweizerischen Waldstädte war die» offenbar die einzige Insel der Bauernfreiheit im ganzen deutschen Sprachgebiet. Mehrfach aber wurden die künischen Freisassen von deii Königen verpfändet. Dann war ihre Freiheit bedroht. Die adeligen Gutsherren ließen nachher kein Mittel unversucht, ihre menschlichen Pfandgüter in Eigentum, in Leib- eig« ntum zu verwandeln. Groß ist die Zahl der RechtSsttitte, die die Künischen führten, und der Deputattonen, die sie immer wieder nach Prag und Wien entsandten. Im Jahre 1613 trotzten sie ihrem Pfandherrn, dem Grasen L o b k o w i h von Opalka, sogar mit Waffengewalt. Der Herr von Opalka hatte es zunächst auf da» Gut einer Witwe abgesehen und wollte mitten ins Bauernland seine Vögte hineinsetzen. Daraus erwuchs ein heißer Rechtskampf. Die Bauern verteidigten ihr Erbrecht. Dabei sind der Oberrichter und seine Schöffen mitsamt der Witwe, der GlaS- höferin, nach Opalka beordert worden. Sie beugten sich nicht, wurden in» Verließ gesteckt und sollten nach einigen Tagen nach der S chlüssel- b u r g abtransportiert und dort in den Hunger- türM geworfen werden. Ein al» Spielmann ver- Ileiderter Späher verriet den Künischen. diesen Planl Sie zogen bewaffnet gegen Opalka und befreiten ihre Gefangenen. Ein Gegenstück zu em Freiheitskainpfe der tschechischen Chodenbauern gegen ihre deutschen Grundherren! Aus diesem historischen Geschehen hat Josef Blau ein Bolksspiel gestaltet, welches am Sonntag in dem neuerrichteten R e u.e rne rW a ld- t h e a t e r aufgeführt wurde. Die Rollen wurden durchwegs von Laienspielern bestritten. So wie am historischen Geschehen auch ÄlaShütten- leute beteiligt waren, die den Freibauern sicher, sich bei der Aufbringung der Geldmittel für die kostspieligen Rcchtsstritte und für die Anwerbung bayerischer KriegSlnechte behilflich gewesen sind, unserem Arbeiter-Turn- und GesangSvercin mit. Den Oberrichter gab Schuldirektor Rauscher- so wirkten mich am Spiel die besten Kräfte aus Deschnitz. Den alten GlaSmeistcr Preißler spielte Johann S e e w a l d, den Glasmeister Gerl stellte Karl Thums dar, als lustiger Spiclmann Lenz trat Paul C h r i st l auf— alle drei Fabrikarbeiter. Die schwierige Rolle der Glas- hoferin, einer ländlichen Bisgurn, wurde von Frar^ B l a s ch ausgezeichnet gegeben. Lehrer Maschek zeigte sich al» glitcr Sprecher. Die Bühnenwirkung der ersten zwei Akte ließe sich noch bedeutend erhöhen. Auch der Bauerndialekt wird hie und da abzuschleifen sein. Daß die GlaShoferin auf einen.Schirgn" geschossen hat, verstehen nur die Eingcweihtesten. ES tut der Volkstümlichkeit keinen Abbruch, wenn da von Schergen gesprochen wird. EinzAne Worte, wie da» im Künischen gangbare.sched" statt .nur", müßten einem ortsfremden Publikum übersetzt werden. Die Neuerner Freilichtbühne könnte nach diesem guten Anfang ein weltliches Gegenstück zu den Höritzer PassionSspiclen werden. Das Schauspielerische liegt ja den Leuten dort von alterSher im Blut« und di« künstlerische Qualität ist durch di« vorgeführte« Proben erwiesen. Mancher Böhmerwaldwanderer würde am Ausgangspunkte der Tour ganz gerne einen solchen Einblick in da» Volksleben und in die Geschichte diese» einzigartigen Landstriches hinnehmen. Das Stück Blau's ist Wegweisertum für die Gegenwart. Daß schon vor Jahrhunderten in dem einzigen Winkel des Landes, der nicht in die Nacht der Leibeigenschaft versunken war, Bauern und Arbeiter gemeinsam für Freiheit und Menschenrecht bluteten, daö zeichnet auch der heute lebenden Generation unsere» Grenzvolkes seine geschichtliche Aufgabe vor. I. W.,' Ii «« ■ i it ’i :o >t a ib u hl o .s ■d n li Hl e i' 31 .ii B gl 3 l Ä S V. li sl l e t- r ii x st i ci 31 f: :b l> ir :i !N tz iii it w )° r. u id di n ft A ’.i« 'n ör »n Ul -8, ÖU Ä, ffte JCI er st i «eite 6 „Sozialdemokrat" Freitag, 28. September 1034. Nr. Wt PRAGER ZEITUNG PRAG Abonnements- Be B 9 O V 9 9 9 9 9 Genaue Adresse: O H O V U B B B Letzte Post B B ■ S ■ V V' Unterschrift: •*■ ■■ ■• malischen Geschehens in den Händen und der Dramatiker hatte seine Sanktion zur politischen Richtung gegeben. Die 100 Tage Napoleons sind jene hundert Tage, die zivischen seiner Rückkehr von der Insel Elba und seiner Gefangennahme und Ablieferung nach St. Helena liegen. In diesen hundert Tagen hat sich viel ereignet: der feierliche Einzug Napoleons nach Paris mit Cäsarenkranz und Hermelin, di« Einberufung der demokratischen Nationalversammlung auf dem Maifelde— und Waterloo, Napoleons schwerste und lebte Niederlage. Mgn spricht da viel von der ersten Niederlage, war aber Russland. Mörla», eine gewonnene Schlacht? Der heimkehrende Napoleon kann die Friedenssucht der kriegsmüden französische» Bevölkerung nun und ninimer verstehen — wir glaube» es Herrn Mussolini. Er, Napoleon, traut nicht der gctvähltcn Nationalversammlung; er mißtraut seinen Minister» in dem Augenblicke, in deni ganz Europa gegen ihn steht, vereint trov Ge- üeimvcrträge, die sein Minister Fouchä mit ebenso viel Schlauheit als Schlechtigkeit zu entdecken und auch abzuschliessen versieht. Doch dieser Fauche arbeitet nicht für die gewählte Nationalversammlung, er arbeitet für die Bourbonen; er hat die Verabschiedung de? Diktators in der Tasche, ehe üe von der Nationalversammlung beschlossen wird. Diese Analogie der Historie mühte eigentlich viele kleine Diktatoren und ihre Helfer zum Nachsinnen bringen, die da ihre Finger in fremde Angelegenheiten stecken. Die Schlacht bei Waterloo ist verloren. Eö der Dolchstoss des Hinterlandes, verstehe gut, demokratisch getvähltcn Nationalversammlung, den Kamvfwillcn der Soldaten zerstört hatte. Der Schloßgarten auf der Prager Burg wird beute der breiteren Oesfentlichkrit gegen das nor- male Eintrittsgeld, erwachsene Personen 1 Kä und .Binder 50 Heller, zugänglich sein. Der Garten ist von 8 bis 18 lldr geöffnet. Eingang-in den Schloss« garten vom Prasnh most. Auf der Strecke Prag—Braue—Crriantz verkehren beute bei günstigem Welter noch folgend« ansserfahrplanmässig: Züge: Personenzug Nr. 861Ü ab Vrsovice TAO Ubr, an Jilovö 9.17 Uhr: Perso- nenzug Nr. 8628 ab Jilovö 18.36 Uhr, an Weinberge 20.12 Ubr. erlich stellt sich die totsichere Ncgiekunst Arnold M a r l i s und die Qualität eines aussergewöhnlich guten Schauspiclensembles unter Beweis. Mario n Wünsche verkörpert restlos überzeugend Dmne, Weib. Geliebte und Mensch, Fritz Klippel reiht seine lveitreichcnde Gefühls« und Ausdrucksskala auf, B a l k imponiert durch Schärfe und Eindringlichkeit, Friedrich Richter durch Vornehmheit und Beherrschtheit. Demel durch Ruhe und Ucberlcgen- hcit. Dörner stellt eine auhcrordentlich wirkungsvolle, wenn auch etwas zu/derbe Type, Lotte Stein entwickelt in einer einzigen Szene bewunderungswürdige Charalterisiernngskunst, Walter Taub, wortlos, in stummer MaSke,.spricht.dennoch bctedtcr als tausend Zungen und Schmerzenreich parliert blendend französisch(wirkt aber im Radebrechen eher russisch als romanisch). Das Publikum folgt drei Stunden lang dem Geschehen mit gröhter und eben auch innerer Anteilnahme. Und so ist zu hoffen, dah die Kleine Bühne einem neuen Serienerfolg entgegengeht. zu deni man jedenfalls ans künstlerischen wie aus materielle» Gründen bedingungslos 3a sagen könnte. Sonntag Wanderung ins Blaue. Ziel wird auf dem Sammelplatz bekanntgegeben. Abgang um 8 Uhr früh von der Endstation 21 in Hodkoviöky. war der der MU.. Wo und wie, bleibt dem Nachdenken des Publikums überlassen; die Legende wurde von der Bühne fertig serviert. Der gebrochene Feldherr sieht die Konsequenz der Niederlage nur ans einem Gesichtswinkel: entweder bewilligt die Nationalversammlung neues Heer und neue Mittel zur Kampfführuug, oder sie wird heinigeschickt. Von ein paar Grenadieren oder zehn Haubitzen, ungeachtet des möglichen VolkSauf- standcs. Denn der Kaiser ist sich selbst untreu geworden, meint Mussolini, als er die ganze Macht aus der Hand gab, indem er sie mit seinem Volke teilt«. Dah die Nationalversammlung eine dritte, abweichende Meinung haben kann, kommt dem Diktator nicht in den Sinn— und er täuscht sich, wie er sich im Augenblicke des letzten Aufflackerns seiner Energie täuschte, als die Preussen im Anmarsch waren und die Engländer noch drei Tagereisen zurück, da sie die vösi Napoleon vorausgesehene Deckung gar nicht beabsichtigten. Er glaubt nicht an das Zusammengehen von Engländern und Preussen— er glaubt nur an den Verrat der französischen Regierung. Wenn das Nationalthcater im Bulletin schreibt, dah in dem historischen Spiele ztvei entgegengesetzte politische Prinzipien einander entgegengestellt werden, so trifft dies nicht zu. Ucber die Schattenseiten der Demokratie und die Untauglichkeit ihrer Vertreter wird viel deklamiert und gewitzelt— vor allem von Napoleon und Fonchö. Doch gegen die Herrlichkeit des Diktatorentums. die da im Napoleon und den tadellosen Pkinzest verkörpert wird, soll vckS ein«, Völl der Regie nicht gerade glücklich gelöste Bild der aufgeregten Nationalversammlung, durch beabsichtigt falsche Nachrichten gereizter Menschen— von der Unfähigkeit der Demokratie Zeugnis ablegen? Oder ist es als eine Schwäche der Demokratie anzusehen, wenn die Vertreter der Nationalversammlung nach der verlorenen Schlacht, angesichts der zerschlagenen, zurückflicgcnden voni Kaiser verlassenen Armee, von: siegreichen preuhischen General angeschnauzt werden? Wann haben denn die Generale und Offiziere den demokratische» Nationalversammlungen Respekt bezeugt? Der Diktaior ging, der Monarch kam und ging und bestehen blieb die demokratische Form der Regierung; dem französischen Volke blieb Nichts übrig, als die Wunden zu heilen, die der Diktator und der Monarch schlugen. War aber der Diktator eine starke Persönlichkeit? Wir wollen nicht auf die in Tausende zählende Literatur über Napoleon eingehen— das Schauspiel Mussolinis erzählt keine erhebende Sage vom Diktator. Wir sehen in drei Akten dreimal einen gebrochenen Mann: Das erstemal. als der Versuch mihlang. den Sohn aus den Klauen Metternichs zu retten und in ihm die Fortsetzung der Dynastie zu sicher». Zum ztvcitenmal ist er der gebrochene Heeres- führer, der sich durch eine Diktatur vor dem Zusammenbruch zu retten versucht. Und im dritten Akt endlich der gebrochene Mann, dem auch seine Träume vom idyllischen Familienleben in Amerika— wo Lafayette siegreich war— unerfüllt bleiben. ES bleibi der Diktator, der di« Presse und die Rationalver- sammlung als käuflich schmäht, der zwar arm kam und arm zu gehen vorgibt, der aber durchlebte Verfügungen Bons für verkaufte Wälder an seine Prinz« liehen Brüder verteilt— der das Ende der Prophe- zeihung nicht lesen will und gehen muh, um eS zu erlebe». Das Stück wurde mit Freundlichkeit, die jedoch weit einem Enthusiasmus entfernt war, ausgenoni- men. Der Applaus auf offener Szene galt Herrn D e v l, der als General Labödoyere seine Geschichte der Schlacht bei Waterloo leidenschaftlich vortrug. Ein schwacher Applaus erklang, als der Satz fiel, dah die Vertreter des Volkes- in der Nationalversammlung ihrer Wähler nicht tvert wären. Die beabsichtigte Wirkung, die durch Gegenüberstellung der zwei politischen Prinzipien eintreten sollte, stellte sich nicht ein, ging nicht in die Tiefe» des Verständnisses des Publikums— weil eben keine Rechnung gezogen werden kann, wo zwei so verschieden ausgestattete Komponenten in Vergleich gezogen werden. Eine glückliche Hand in der Verteilung der Nollen zeigte sich hauptsächlich in der Gestalt des Ministers Fouchä, von Herrn Haas mit Betonung der diplomatischen Verschlagenheit und des Glaubens an den Sieg des Schlechten, gespielt, das überall sein Unterkommen findet. Napoleon hatte in Herrn Bydra einen Interpreten, der das menschlich Dramatische, weniger das schauspielerisch Diktatorische. hervorhob,. und die historisch gewordenen Gesten Napoleons nur sehr sparsam und fein gebrauchte. der Arbeiterfürsorge finden jeden Sams- tag von 5—7 Uhr im Verein deutscher Arbeiter, Smrkkagaffe Nr. 27, statt. Name:..,, Die Minister waren typisch, dagegen die Abgeordneten und Lafayette Schemen— wie es eben gebraucht wurde. Von den drei Frauenrollen ist nur die Gestalt der Mutter Letteia von Frau D o st ä- lovä erwähnenswert, weil sie das Menschlich-Ver- söhncnde darstellte. Wenn auch das Stück seine Reprisen' erleben sollte— sei» Ziel. Verständnis zu ertvecken für den Weg des Diktators und fein« polittschen Ziele, hat es nicht erreicht; die inneren Beweggründe leuchten durch die Phrasen von Volk und Land zu auffallend durch- m. i. Kunst und wissen Napoleons 100 Tage* Das Nationaltheater glaubte es jenen Besuchern, die mit der Aufführung von Slonimsfis „Reine Rasse" nicht einverstanden waren— darin eine linksgerichtete Tendenz beanständend— schuldig zu sein, ein Schauspiel zu bringen, das in historischen Koitümcn eine allzumodernc politische Richtung in ausdringlicher Weife zum Ausdruck bringt. Die NaMen der Verfasser versprachen Sensaiion. Denn lein geringerer als der Vater des NachkricgS-Diktätoren- tums. Benito Mussolini, im Verein mit dem erfolgreichen Dramatiker Giovacchino F o r z a n o, der aber nur den stillen Teilhaber darstcllt, brachten ein Schauspiel hervor, das Mussolinis politischen Weg von der Bühne herab rechtfertigen soll. Die Ausführung zeigte, dah die Kunst des politischen Demagogen bis zuni Schlug aushielt. während der, Dramatiker mit dem Schluh des zweiten Aktes fertig lvar. Die Verbeugung Mussolinis— Pardon— Napoleons vor dem italienischen Volke verriet die Absicht und man war verstimmt. Sein Seufzer im lebten Bilde sprach eine zu leicht zu verstehende Sprache: '„Wenn eö ihm gelungen lväre. ganz Italien zu vereinen. ich hätte.Kraft aus dem italienischen Volke geschöpft. Nachdem man acht Bilder lang um das französische Volt und Frankreich gebangt, geseufzt und gekämpft hatte, mutet diese spätentdcckie Liebe Napoleons zu Italien zu künstlich als pro doma an. Denn was Napoleon nicht gelang, brachte Mussolini zustande. Der Politiker hatte hier die Fäden des dra- Urania-Klno, Kllmenlska 4. Ftrnaprecher 61628. Heute Abend bei mir Aenntz 9m««,«OrtiAtr, XI» Mun. Brillantes Lustspiel. Willy Rosen:„Text und Musik von mir Sensationeller Erfolg, Täglich auf der Bühne ln de« Abendvorstellung. Eine Stund« Humorl Manon Neueiustudirrt und neuinszeniert im Neuen Deutsche» Theater. Die Wiederaufnahme der lyrischen Oper „M a n o n" des französischen Konlponisten Jules Massenet in den Spielplan des Prager Deutschen Theaters läßt sich im Jahre 1984 schon auS mnsikhistorischen Gründen rechtfertigen; denn in diesen! Jahre feierte„Manon" ihr fünfzigstes Wiegenfest. Die Erstaufführung des Werke? fand am 19. Jänner 1884 in Paris statt. Aber auch auS künstlerischen und theatergeschäftlichen Gründen lohnt sich die Wiederaufführung dieser Oper. Ihr Komponist JuleS Massenet gehörte in der ziveiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts nicht nur zir den angesehensten französischen Tonsehern, sondern auch zu den erfolgreichsten und— geschmackvollsten. Unter den zahlreichen Opernwerken MassenetS, die alle hauptsächlich lyrisch bedeutend sind und infolgedessen mitunter mehr als erträglich sentimentäl wirken, hat die Oper„Manon" die weiteste Verbreitung erlangt. Ihr durchaus auf lyrischen Effekten aufgebantcs Textbuch, das die französischen Librettisten M e i l h a c und G i l l e nach dem alten Roman deS A b b i Prevost verfasst haben und das in ausgewählten Szenen die Schicksale der schönen, leichtsinnigen und unglücklichen Manon von der Höhe des Glückes bis zuni traurigen Ende schildert, kam dem Lyriker Massenet sehr entgegen. Die Lie» bcsszenen der Oper„Manon" enthalten«das Beste und Echteste, lvaS Massenet überhaupt geschrieben hat. Ueberhaupt ist gerade die Oper„Manon" et» sehr beachtliches^ und gediegenes Werk, das durch die Schönheit der Form sich' empfiehlt, melodisch reich ansgestattet ist, also von der Invention ihres Schöpfers bestes Zeugnis ablegt, immer sicher inr musikalischen Ausdruck und in der nm« sikalischen Stimnumg ist, wirkungsvoll in der Verteilung von Licht und Schatten im Charakter ihrer Lebenslust und LebenSnot illustrierenden Musik, fesselnd in der harnionischen Gestaltung und eindrucksvoll in der farbensicheren, niemals zu dicken Instrumentation. Da die Oper.Manon" auch den GesangSkünstlern schöne Aufgaben bietet, ist ihr Erfolg überall gewährleistet, wo schöne Stinmien sich ihrer annehmen können. Interessant ist schliesslich bei Betrachtung des„Manon"-StosfcS, dass er vielfach Komponisten zur musikalischen Behandlung angeregt hat: Auch Pucctzni schrieb eine Oper „Manon LeScaut" und auS früherer Zeit stammen die„Manon"-Opern Anders und BalfeS sowie ein„Manon"-Ballett H a l e v y s. Die Musikalische Neueinstudierung der Oper hatte Kapellmeister Fritz Zweig besorgt, aufs neue die ausserordentliche Kunst seiner Stabführung erweisend. Denn er gab Massenet und seiner Oper „Manon" das, lvaS beide brauchen: Rhythmische Delikatesse in den bewegten Szene» der Oper, wundervolle klangliche Abtönung in den lyrisch-duftigen, temperamentvollen Schwung in den liebesleidenschaftlichen. Willig folgte seinen künstlerischen Absichten das dynamisch zurückhaltende O r ch e st c r, exakt und schön klangen‘SU Chöre. Stil- und stimmungsvoll und szenenlebendig, war die von Renato M o r d o bewirkte Neuinszenierung der Oper. Aber um bei ihrer epischen Breite Ermüdung zu verhindern, wird es gut sein, für einen noch rascheren Ablauf der Szenenbilder zu sorgen,. Die Besitzung der Solistenrollen der Oper befriedigte nicht ganz. Rose B o o k ist eine gesanglich hochkultivierte Manon, rein sttmmlich aber doch nicht blendend und gross genug; darstellerisch könnte sie leichtsinniger i fein, rnn mehr zu überzeugen. Joseph R i a w e tz als Chevalier de Grieux imponiert durch den Glanz und Schmelz seiner Tenors, bleibt aber als Darsteller herzlich uninteressant. In den übrigen Partien bewährten sich besser und schlechter die Damen Medak, Merz und Santa sowie die Herren Andersen, Popovrez, Göllnitz, Gutmann und H-ey. E. I. "" r Sensationsprozeß Dieses gestern inderKleinenBühn« erst- aufgeführte Stück von Edward Wool gibt Mit mehr und Besseres, als sein Titel verspricht; hier hat man es nicht mit einem nur auf Spannung und Theaterefiekt gerichteten Kriminalreisser zu ttm, sondern mit einem in der Tendenz sauberen, stellenweise auch innerlich ergreifenden, gewissermassen moralischen Stück, dessen Wert bedeutend über den durchschnittlichen seines Genres hinausreicht. Freilich wird die Aufmerksamkeit schon äusserlich so stark und«in- dcuiig in Anspruch genommen, dass die Illusion, man wohne einem Schwurgerichtsprozess bei, ausserordentlich stark ist. Handlung, Regie und Darstellungskunst sorgen dafür, dass man diesen Prozess, in dem ein gegen Verleumdung durch die Presse klagender Lord zum Angeklagten wird, fast ernst zu nehmen bereit ist. Mehr über den Gegenstand und etwas über die Lösung soll nicht gesagt werden, um das wünschenswerte Interesse des Publikums an dieser Aufführung nicht abzuschwächen. Und dennoch könnte man es ohne Bedenken in dieser Hinsicht tun, denn es handelt sich hier,eben um mehr als um ein Kriminalstück, ja auch um mehr als ein genug interessantes Justizstück, hier steigt vielmehr, gewissermassen durch leibhaftiger Erleben, alles Grauen des Krieges mit seiner. nicht nur die Leiber, sondern auch die Seelen mordenden Abscheulichkeit vor uns auf. Und so, als Anklage gegen den Krieg, wenn auch gewiss vom Autor nicht als Hauptgegenstand betrachtet, wird aus dem„Sensattonsprozess" sittliches-Theater. In der Ausführung aber, die ihm das Prager deutsche Theater zuteil werden lässt, wird es vor allem zum blendenden Theater selbst. Neu- Abonniere ab....,.« 1984 das täglich erscheinende Zentralorgan der deutsche» sozialdemokratischen Arbeiterpartei „Gosiaieemotrot" Verwaltung Prag XU., Fochova tt. SS, zum Preise von 16 monatlich, und sende diese» Betrag nach Erhalt des Erlagscheines ein. a s b ed i n g u n g en:»ei Zustellung ins Haus oder bei Bezua durch die Post monatlich Kö 16.—, bierteljä»rlg Kä 48.—, halbjährig K i 96.-, ganzjährig Kä 192.—.— Inserate werden laut Tarif billigst berechnet. Bei öfteren Einschaltungen Preisnachlass. i^stlückstellunavonManuskrpten erfolgt nur bei Einsendung der Retourmarken.— Die äeitungSfrankatur wurde von der Post* und Telegraphendirektlon mit Erlass Nr. 1S.8VV/VH/19Ü0 bewilligt, Druckerei:.^OrbiS", Druck-, Verlag»« und ZeitungS-A.-G., Prag.. Vcrclnsnadirlditcn Allgemeiner Angestellten Verband Reichender», Ortsgruppe' Prag. Amtsstunde» jeden Mittwoch von. 6 bis 8 Uhr im Heim När. tr. 4/8.— Mitgliederversammlung am Mittwoch, den 8. Oktober, um 8 Uhr abends im GeiverkschaftShaus am Pcrstyn. Vortrag des Kollegen Redakteur Fischer über Reiseeindrücke aus England. Belgien. Frankreich.»Der Weltkongress der Konfumenten- gcnossenschaften".— Kurse: Der tschechische Sprach- kiirs beginnt kommende Woche. Neue Teilnehmer können, sich am Montag um 7 Uhr im Arbeiterverein beim KurSlciter anmelden.— Der Buchhalluugskurs beginnt ebenfalls anfangs Oktober.— Stenopraphie- Jntcresfentcn werden für Mittwoch eingeladen.— Uraniablockkarten besorgt euch nur durch unsere Funkttonäre.— Abonnement für die Kleine Bühne und das grosse Theater(Nachmittagsvorstellungen) ermässigt durch uns.— Im Erholungsheim Königshöhe. Jsergebirge, sind noch Plätze frei, ebenso in Karlsbad.— In ngckn gestellt en« Sektion. Nächster Ausflug am 7. Oktober Pru« honice. Nächster Klubabend am 18. Oktober, Don« nerStag, mit Sekretär P l o h s.— Auskünfte in Angestelltenfragen stets Mittwoch abends. Kinderfreund«, Prag. Montag, den 1. Oktober, abends halb 7 Uhr, in der Redaktion»Sozialdemo« krat" wichtige AuSschusssihmrg. Ortsgruppe Prag. S o n n t a g. de» 80. September, um halb 8 Uhr an« Braniker Bahnhof. Fahrt nach L i b i k tz. Wanderung: Zahokaner Tal— Psäry— Rybnik Markvart— Pojärer Wälder— Eule. Fahrpreis 8 Kä. Führer: Zechner.— Geschäftsstelle: Freitag < Feiertag), den 28. September, wird in unserer Geschäftsstelle nicht amtiert. Nächste AmtSstundcn Freitag, den ö. Oktober. Mitteilungen aus dem Publikum MUTr. Richard Epstein, Auffig, und MUDr. Anni Stern-Epstein, Auffig, zeigen ihre stattgefundene Vermählung an. 2711 Vorträge Theodor Lessing, ein menschliches Portrait Der Theodor Lessing-Abend, den die jüdischsozialistische„Poalc Zion" am Mittwoch abends im Saale des Cafes Afcherniann veranstaltete, war ivcrivoll vor allein durch das leidenschaftliche Bekenntnis der Frau des gemeuchelten Gelehrten, die in einer ergreifend persönlich gehaltene» geistigen Porlraitskizze zur warmen Sachwalterin des Erbes des gefallenen Kämpfers wurde. Dies Bekenntnis eines Menschen, der dem Gelehrten nahegcstanden hatte>vie kein ziveiter, lvar kein souveränes, ideologisch untermauertes Plaidoyer für den Dichter und Wissenschaftler, sondern der fesselnde Versuch, die verwirrende Vielfalt dieses aggressiven und doch so kindhaft gefühlsmässigen Mannes ans der nahen Perspektive des rein Menschlichen zu verstehen. Frml Lessing lvar bemüht, die oft scheinbare Jnkonsegucnz in der Harnwnie eines schillernden, inspirativ begabten Temperaments auszulösen und so den Schlüssel zu mancherlei Schivierigkeitcn zu finden, die sich auch Wohlmeinenden aufgetan haben. Dr. Arthur Heller sprach einleitend schlichte Gcdenkwortc. Er nannte Lessing einen aufrechten Kämpfer, der ausgclöscht wurde von einem gedungenen Individuum, das sich der fürchterlichen Tragweite seiner Tat nicht bewusst war. Dieser Meuchelmörder war ein Werkzeug jener dunklen Mächlc, die uns alle zu vernichten drohen. Frau Ada Lessing berichtete von einem Bekenntnis, das ihr Mann kurz vor seinem Tode abgelegt hat und das als ein Fazit feiner eigenen Arbeit angesehen werden kann:„Ich bin nun einmal Philosoph, also weder Hirt noch Herde, bestenfalls ein guter Wachhund, der die Herde in Ordnung hält und dem Führer an die Waden fährt, weil er oft noch diünnter ist als die Herde." Lessing sang, so bekannte seine Frau, immer äusser dent Takt. Er war mutig, aber dieser Mut trug ihm viele Kämpfe ein, die er nicht gewollt hatte. Lessings hervorstechendste Eigenschaft war der Drang zu unbedingter, kompromissloser Wahrheit. Ich habe, so sagte er oft, immer darauf gesehen, mich stets ganz belvahrt zu haben. Seine Bücher entstanden nicht, lvcil er„etwas damit wollte", sondern als Niederschlag seines Lebens. Biele verstanden ihn nicht, das lvar sein Verhängnis! So kam er in Konflikte, so entstand jener Zustand deS Gehetztseins, der ihn, wie er selbst gestand, bis zuletzt in Angstträumen verfolgte.„Er war," so formulierte die Vortragende,„das feinste Spiegelbild, in dem die Welt sich spiegelte, und der das eigene Erlebnis zurücklvarf." Frau Lessing schilderte den Weg Lessings zuni sozialiftischen Zionismus, seinen Bruck) mit Kluges, den die Rednerin als den ideologischen Vorläufer des heutigen Streichcrismus charakterisierte, sie schilderte den zarten, dichterisch beseelten Kinder-, Tier- und Blumenfreund. Lessing war ein beiahender Skeptiker, dem Anfang und Ende die Arbeit bedeutete.„Es ist das Gesetz allen künstlerischen Schaffens, sich Form geben und sich begrenzen zu können," hat er einmal gesagt. Tilctianiischc Rezitationen aus Lessings Büchern beeinträchtigten den starken Abend zum Glück nur wenig. Pierre. ______ 2. G. Spielplan des Reuen Deutsche« Theater». Freitag halb 8 Uhr: Don Carlos, Werbevorstellung der Serie D 2.— Samstag halb 8 Uhr: Admiral Bobby, Erstaufführung, A 2. Spielplan der Kleinen Bühne. Freitag 8 Uhr: Märchen im Grandhotel.— Samstag AI) Uhr: Märchen im Grandhotel.