Mittwoch, 10. Oktober 1934 Nr. 237 14. Jahrgang EkmWs TDUffler {einschlieftlfch 5 HelterJMo) ERSCHEINT MIT AUSNAHME DK MONTAG TXGUCH FRÜH. Redaktion und Verwaltung präg xn.,*ocmoimu2. Telefon sxrr. Administration terefon 5307&. HERAUSGEBER: SIEGFRIED TAUB. CHEFREDAKTEUR: WILHELM NIESSNER. VERANTWORT IC HER REDAKTEUR: DR. EMM. STRAUSS, PRAG. ZENTRALORGAN___ DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN PER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK SolMsIHl5lW D3I^II1OU 6^10^61 Marseille. Als 5tönig Alexander von Jugoslawien, der Dienstag nachmittags im Hafen von Marseille zu einem offiziellen Staatsbesuch in Frankreich eintraf, nach der Begrüßung in Begleitung des französischen Außenministers Barthou im Auto durch die Straßen von Marseille fuhr, durchbrach der 35jLhrige Kroate Peter Kelemen aus Agram, der erst vor zehn Tagen nach Frankreich gekommen war, den Polizeikordon, sprang auf das Trittbrett des Autos und gab etwa 20 Revolverschüffe ab, durch die König Alexander und Außenminister Barthou sowie der französische General Georges getroffen wurden. König Alexander wurde durch zwei Schüsse schwer verletzt«ud starb um 17 Uhr 15 kurz nach seiner Ueberführung auf die Präfektur. Der 72 jährige Außenminister Barthou erhielt einen Schuß in die rechte Schulter. Die Aerzte nahmen sogleich eine Operation vor, während der Barthou a» Herzschwäche starb. Auch der Zustand des Generals Georges ist sehr kritisch. Außerdem wurde der Adjutant des Königs und mehrere Personen aus der Zuschauermenge sowie zwei Polizisten schwer und eine Reihe weiterer Personen leichter verletzt. Der Attentäter wurde von der Menge gelyncht. „Das jugoslavische Kriegsschiff„Dubrovnik", das van einer französische« Marine- cstadre Begleitet war, war nut UÄnig«Iryiphfr von Jugoslawien und seinem Gefolge an Bord kurz vor 16 Uhr in Akarseilte eingetroffen. An Bord des Kreuzers begrüßte der französische Minister der Kriegsmarine Pietri den Gast. Der König begab sich sodann in Begleitung Pirtris auf das Admiralsschiff und traf im Hafen rin, wo er namens des Präsidenten der Republik Frankreich und namens der frauzösischen Regierung von Außenminister Barthou begrüßt wurde. Der König und seine Begleitung bestiegen sodann die Wagen und fuhren in die Stadt. AlS der Zu« etwa um IS Uhr 10 vor der Maiseiller Börse eintraf, wurden von einem Mann, der sich auf das Trittbrett des Wagens schwang, gegen den König etwa 20 Revolverschüffe abgegeben. Die Folgen waren schrecklich. Sowohl der König, wie auch der mitfahrende Außenminister B a r t h- u, der General G e o r g c s und Admiral Berthelot wurden mehrfach getroffen. Inmitten der riesigen Verwirrung und Bestürzung, die durch die Schüsse hervorgerufen wurden, bewahrte der Chauffeur des königlich«! Autos seine Kaltblütigkeit und setzte rasch die Fahrt zur nahe gelegenen Präfektur fort. Der verletzte König wurde mü größter Beschleunigung in daS Kabinett des Präfekten geschafft und sofort Aerzte Herbeigernfen, doch war alle Hilfe bereits zu spät. Alexander, der durch zwei Schüsse in unmittelbare Nähe des Herzens, bzw. in den Mag«! getroffen worden war, starb bereits wenige Minuten später um 16 Uhr 15 westeuropäischer Zeit. Die Gattin deS Präfekten drückte dem Berstor- benen unter allgemeiner Bewegung der anwesenden Würdenträger die Augen zu- ver Tod Barthous Außenminister Barthou wurde durch eine« Schuß verletzt, der eine« Bruch der rechten Hand herbeiführte. Die Brrletzuag BarthonS schien zunächst nicht lebensgefährlich zu sei«. Die Aerzte«ahmen sofort eine Operation vor,»m daS Geschoß z« entferne««nd chloroformierte« Barthon. Da trat plötzlich ei« Bl»terg«ß ei«. Es erwies sich eine Bl»ttra«sfusio« als«otwe«- big; bevor diese jedoch vergenomme« werde« konnte, starb der hochbetagte Minister an Herzschwäche. Der Tod trat nm 17 Uhr 40 em. Aus dem Gefolge des Königs wurde ferner der französische General Georges, der Stell- «ertreter beS Bizepräsidenten des Obersten Kriegsrates General Weygand,, mit schweren Verletzungen mS Krankenhaus gebracht. Sei« Zu- stand ist kritisch.° König Alexander Außenminister Barthou Ein Augenzeuge berichtet Oberstleutnant Piollet, der den Nachtdienst zu Pferde an der Seite des Wagens, in dem der König Alexander fuhr, versah, schildert das Attentat wie folgt: I« Wagen, in dem der König fuhr, saß an riner Sette Außenminister Barthou, ihm gegenüber saß General Georges. Als sich daS Auto gegenüber der Börse an der Ecke der Königin-Elisabeth-Straße befand» sah ich, wie ein Mann aus der Menge heraussprang, an dem Wachmann, der auf dem Gehsteig Dienst versah, vorbeieitte»ud sich direkt auf das Trittbrett deS AutoS stürzte, in dem der König fuhr. Ich wollte daS Pferd zum Stehen bringst, um ein- zngreifen, riß aber zu heftig am Zügel, so daß ich vor daS Auto kam und nicht sogleich den Attentäter mit dem Säbel Niederschlägen konnte. Inzwischen feuerte der Attentäter etwa zehn Revolverschüffe auf die im Wagen sitzenden Person« ab. Ich machte mtt dem Pferde kehrt«nd schlug den Attentäter mit Mei Säbelhieben nieder» auf den gleichzeitig der Chauffeur des Automobils mehrere Revolverschüffe abgab, ohne ihn jedoch zu treffen. Der Chauffeur setzte dann rasch die Fahrt fort. Inzwischen fnhr der Attentäter» obwohl er bereits am Boden lag, fort zu schießen. Zwei von ihm abgegebene Schüsse trafen zwei Polizisten, und durch seine wetteren Schüsse wurden drei Personen leicht verletzt, darunter zwei Frauen. Inzwischen eilten Polizisten«nd berittene Zivilgardisten zur Stelle und umringten sogleich den Wagen des Königs, der in der Richtung zur Präfektur fnhr. Die Menge stürzte sich auf d«t Attentäter«nd lynchte ihn auf der Stelle. vor Attentäter erst kürzlich aus Agram eingetroffen Wie die Agenee Halms meldet, wnrde der Urheber deL Attentates auf König Alexander vo« Jugoslawien identifiziert. Er heißt Peter K e l e m a«, wnrde im Fahre 1899 in Agram gebore«; sei« Paß ist am 30. Mai 1934 i« Agram ausgestellt. I« dem Paß wird Kele«tr« als Kaufmam! i« Agra« bezeichnet. I« Frankreich traf Keleme« erst am 28. Septe«»ber d. I. über die schweizerisch-französische Grenzstation Ballorbes ein. Kelemen war mtt Mei automatischen Pistolen bewaffnet«nd hatte außerdem in der Tasche eine Bombe- Die automattsche Pistole, mtt welcher er König Alexander und Minister Barthou erschoß, ist eine Waffe modernsten TYPS und stellt ein tatsächliches kleines Maschinengewehr dar. Kelemen war der Polizei nicht als verdächtige Person bekannt und, wie es scheint, schoß bloß er allein. HavaS meldet Wetter: Der Zustand des KönigsmördrrS ist so ernst, daß Kelemen bis jetzt noch nicht verhört weichen konnte. Aus Agram wird gemeldet: Die Untersuchung hat ergeben, daß fett 30. Mai des heurigen Jahres kein auf den Namen Kelemen lautender Reisepaß ausgestellt wurde. Es scheint also, daß der Reisepaß des Königsmörders gefälscht war. Peter Kelemen ist der Agramer Polizei überhaupt nicht bekannt. ' Ein politisches Attentat, das wenige seinesgleichen hat, zerreißt den Theatervorhang, hinter dessen zivilisatorischem Schein sich der Abgrund des neuen Europa schamhaft verborgen hat. Wäs die Wissenden längst sahen, erblickt nach solcher Tat auch der stumpfe Zuschauer des Weltgetriebes: Chaos und Barbarei, die von einem ehedem kulttvierten Erdteil Besitz ergriffen haben. In diesem Augenblick, da die berechtigte Trauer der Betroffenen, die Empörung über den verantwortungslosen und blindwütenden Fanatismus den Ton angeben werden, wollen wir auf de»wahren Schuldigen an dieser wie an anderen Gewalttaten Hinweisen. Es ist das ökonomische und soziale System mit seinen politischen und kulturellen Folgen, an dem Europa krankt und sterben wird, wenn die Menschen nicht zur Besinnung kommen. In dieser Zeit, da Millionen ohne Schuld hungern und die Menschen nach Tausenden zählen, die ihr Leben enden müssen, weil sie keine Arbeit und daher keinen Ausweg aus der Rot finden, in dieser Zeit, da der Fascismus alle Rechtsnormen aufgehoben, den Mord geheiligt, die Folter nicht nur wieder eingeführt, sondern sie auch mit der Gloriole des nationalen Heroismus umgeben hat, in dieser Zeit, da man in Verträgen den Krieg abschwört, aber in Wahrheit alle Schrecken des Massenmordes bereitstellt, in dieser Zeit, da christliche Regierungen ihre hungernden Untertanen mtt Kanonen niederschietzen und das jämmerliche Obdach der Armen mit Fliegerbomben belegen lassen— in dieser Zeit, die so grauenhaft ist wie keine seit der Geburt der modernen Gesellschaft, kann keine Gewalttat, uns mehr- staunen machen, kein Att des Wahnsinns den Wahn überbieten, der als Massenerscheinung umgeht. Unter den europäischen Ländern kann man diejenigen an den Fingern herzählen, die keine politischen Emigranten, keine organisierten poli- tschen Verfolgungen kennen. Von Ost nach West, von Hamburg bis Athen, von Lissabon bis Moskau nur wenig Länder, aus denen nicht Tausende und Zehntausende emigrieren mußten, in denen es nicht Konzentrationslager und überfüllte Kerker, Folterkammern der Gestapo, der Siguranza, der Milizia nazionale, der Heimwehr oder der Polizei schlechthin gäbe! Auch B e l g r a d batte seine Glavnjaca, eine Hölle der politischen Gefangenen. Dafür, daß in dieser Hölle von den Bütteln dritter Ordnung Kroaten und Mazedonier gefoltert wurden, mußte jetzt ein König sterben,' der für seine Person vielleicht von den besten Absichten beseelt war, vielleicht wirklich nicht wußte, was in seinen Kerkern vorging, vielleicht ein guter König war. Wundert man sich, dcch Irrsinnige auf die Großen der Erde schießen, da die Großen der Erde doch in vielen Fällen den Irrsinn zur Staatsräson gemacht haben? Wundert man sich, daß oie Fanatisierten Gewalt anwenden, da der Fanatismus imter Millionenvölkern gezüchtet wird wie«ine unbezahlbare Seite 2 Mittwoch, 10. Oktober 1934 Nr. 237 Tugend? Wundert man sich, daß die Namenlosen morden, da die Diktatoren den Mord sanktioniert haben? Steht nicht an der Spitze des größten europäischen Staates ein Mann, der die bestiali- schen Mörder von Potempa als Kameraden begrüßt hat? In dieser Zeit, tn diesen Reichen mag eine so grauenhafte Nachricht wie die von dem Amoklauf des Kroaten K e l e m a n uns erschüttern, aber sie ändert nicht das Bild, das der Denkende sich von unserer historischen Situation gemacht hat, sie bestätigt nur seine furchttiarsten Züge. Auf der Bahre liegt Alexander Kara- georgeviä, ein König, der mit der Diktatur spielte, vielleicht weil er seinem Lande damit zu helfen, die südslawischen Stämme zu einigen hoffte. Der Mörder, der die Tat selbst mit dem Tod unter den Stiefeln der Polizisten bezahlt hat, reißt einen Mann wie Louis Barthou mtt in den Tod. Der demokratische Minister eines demokratischen Staates, ein Mann, der mit seinen 72 Jahren noch Energie und Mut genug besaß, den europäischen Frieden auf neue Grundlagen zu stellen, ein Mann, der schwerer ersetzbar sein wird, als der König, neben dem er fiel, muß als zufälliges Opfer eines Rasenden, das Schicksal des Mannes teilen, dem die Schüsse galten. Andere Menschen sind zu Tode verwundet, fast zwei Dutzend von den Kugeln getroffen. Was erschüttert uns mehr— der Schrecken über diese Tat oder die bange Gewißheit, daß wir deren noch vie^e und gräßlichere erleben werden, wenn die Welt so bleibt, wie sie heute ist. Ueber die betroffenen Länder werden neu« schwere Krise n hereinbrechen. In Jugoslawien werden Cliquen um die Macht ringen, die zum Schein ein Ittiabe besitzt. In Frankreich wird die Lück« zu füllen sein, die Barthous Tod reißt. Aber mag dies oder jenes gelingen oder mißglücken— das Grundübel bleibt, die Todeskrankheit unserer Äulhir wütet weiter, wenn die Menschen selbst, die es angeht, nicht bald erkennen, worum, es geht und wie sie sich retten können. Bor 20 Jahren begann das Unheil mit einem Attentat. Ein Serbe, ein fanattscher Jüngling, der sein Blut für das Haus Karageorgeviä zu opfern bereit war, feuerte die Schüsie von Sarajewo ab— sinnlose Schüsse, gerichtet gegen einen Mann, der flawophll und für die Unterdrückung gerade der Südsiawen nicht verantwortlich war. Eine mystische Geschichtsauffassung, die an Ne- mesiis und tragische Ironie glaubt, könnte den Tag von Marseille so deuten, als habe der gemordete Este aus dem Grabe gelangt, als habe sein blutiger Schatten sich über die Cansbftre gebreitet, als Petr Keleman auf Alexander Kara- georgeviä schoß, der Kroate auf den König, der Serben und Kroaten versöhnen wollte... So ist es nicht.. Mer in tieferem Sinn besteht ein Zusammenhang zwischen dem Bidovdan 1914 und dem 9. Oktober 1984: damals begann die Auflösung des allen Europa, gestern fand der Prozeß seiner Todesktankhett weithin sichtbaren Ausdruck in einer Wahnsinnstat, die deshalb so entsetzlich ist, weil dieser Irrsinn sich zwanglos dem Bild der Zett einfügt. Wendet diese Zett zum Guten! A e n d e r t die Welt, die dem Hunger, dem Krieg, dem FascismuS verfallen istl Gebt den Menschen Brot, Arbeit, Heimat, Frieden— und wir werden nicht Taten erleben wie diese, furchtbar und sinnlos und bestimmt, neues Unheil endlos zu gebären!! König Alexander KarageorgeviC König Alexander, der im Dezember 46 Jahre alt geworden wäre, war der zweite Sohn des Königs Peter I. aus dem Hause Karageor- geviL. Der älteste Sohn Peters, der Kronprinz Georg, begann um 1907 selbständig Polittt zu machen. Er tat sich als wüster Kriegshetzer hervor, zeigte Maßlosigkeit in allen keinen Aeußerungen. Als er 1909 seinen Kammerdiener zu Tode trat und zur gleichen Zeit Oesterreich-Ungarn auf seine Absetzung drängte, mußte er auf die Thronfolge verzichten. Er verschwand in einem Sanatorium. So wurde der zweiteSohn PeterS, Alexander, Thronfolger. Im Ballankrieg gewann der Thronfolger Popularität. 1914 übernahm er für den kranken König die Regentschaft. In diese Periode fällt der Mord von Sarajewo. Er war von der serbischen Regierung nicht geplant und kam dem alten Pasiä wie auch dem Prinzregenten sehr ungelegen. Ob sie von den Vorbereitungen gewußt, ob sie nur geahnt hatten, waS Draguttn Dimitrijeviä, genannt Apis, der Führer der Schwarzen Hand und der Organisator der Verschwörungen von 1903 und 1914, plante, ist bis heute nicht restlos geklärt. Im Krieg kommandierte Alexander die Armee Serbiens, die sich tapfer und ruhmvoll schlug. 1917 soll die Schwarze Hand die Besei« tigung deS Prinzregenten betrieben haben. Ihre Führer, Dimitrijeviä voran, wurden des Hochverrats angellagt, eines Attentats auf Alexander bezichtigt und standrechtlich erschossen. Der Zusammenbruch Oesterreichs verwirklichte alle Träume der grohserbischen Patrioten in einem ungeahnten Maße. Zwar eignete sich das mächtigere Italien südslawisches Land zu, raubte auch Fiume, aber die kroatischen, slowenischen, bosnischen und montenegrinischen Stämme waren nun mit den Serben vereint. In dem neuen Staate dominierte zunächst das Großserbe n- t u m. Sein Druck wandte sich besonders gegen dieKroaten. Es kam zu Unruhen, zu Mordanschlägen in der Skupschtina. Da entschloß sich Alexander, inzwischen selbst König, zum Staatsstreich. Am Dreikönigstag 1928 sistierte er die Verfassung und führte die Militärdiktatur ein. Der General Zivkoviä, Führer der Weißen Hand, der konservativen Gegner der Schwarzen Hand, wurde der Diktator. Die Dtttatur hat niemals die Formen des fascistischen Terrors angenommen. Sie hat manche Eintragung in ihrem Schuldbuch, aber gemessen am deutschen oder italienischen Fascismus war sie beinahe human. Sie hatte auch einen gewissen hi st arischen Sinn. Sie versuchte, die nationale Einigung der Südslawen zu vollenden, die StammeSgegensatze aüSzugleichen. Der König persönlich war bemüht, langsam zu verfassungsmäßigen Zuständen zurückzukehren. Jugoslawien war von allen neuen Staaten derjenige, der die größten Sch wie- rigkeiten zu überwinden hatte. Alexander war stets bemüht, die Probleme seines Staates nach Kräften zu meistern. Man darf ihm glauben, daß er es mit der Versöhnung der Stämme im Innern, mtt der Versöhnung seine- Landes mit den ballanischen Nachbarn ernst meinte. Um sich gegen Italien und Ungarn zu sichern, hielt der König am Bunde mit der Tschechoslowakei, Rumänien und Frankreich fest. Die jüngste Entwicklung, die Verständigung Frankreichs mit Italien, brachte neue Gorgen für Jugoslawien. Seiner Sicherung auch in dem neuen System von Juden und ihre Helfer, den Vorteil. Was soll besspielsweise da» nützen, daß eine verrückte alte Jungfer bekundet, die Müllerin von WjeSnttschka habe ihr versichert, seit dem Mord führe ihr Back blutiges Wasser, und des Nachts kämen die Juden, um sich die Hände darin zu waschen. Oder daß em anderer herumerzählt, in der Judenstadt hätten sie den Katzen und Hunden ein Kruzifix an di« Schwänze gebunden? Mit solchen Geschichten bringt man die Sache nicht vorwärts. Auf die rechte Organisation und Information kommt es an, und daß die eine der andern dient. Die Leute müssen aufgeklärt, da» Material muß gesammelt werden, die Aussagen müssen Hand und Fuß haben. Zum Glück ist der Bürgermeister ein brauchbarer Mann, auf Ditek, den Antisemitenführer de» Ortes, ist Verlaß, und noch ein paar andere sind da, die Verständnis für politische Notwendigkeiten haben. Man wird«in Komitee gründen, in welechem alle Arbeit zentralisiert werden muß. Blätter stehen genug zur Verfügung, Geld ist auch da, so wird die Sache schon in Schuß kommen. Di« Parteipreffe beider Sprachen wird mit zweckgemäß verarbeitetem Material versorgt. Täglich gibt eS Neuigketten. Die Artttel bekommen KolorU. Man reißt sich um die Berichte. Für die Verlag« ist die Sensation ein gutes Geschäft. Mtt Begeisterung verfolgen die Polnaer, wie ihr Ruhm wächst. Die Journalisten, deren immer mehr werden, machen ihnen erst klar, wie die Einzelheiten Zusammenhängen und welche weltgeschichtliche Rolle die Aussage jedes Zeugen spielt. Denn in dieser Affäre soll die Menschheit über das dunkelste Kapitel ihrer Geschichte und Gegenwart aufgeklärt werden. Diesmal wird e? den Juden nicht gelingen, die Sache zu vertuschen. Die Leute von Polna sind von ihrer Aufgabe ganz erfüllt. Jeder und jede kramen sie in Erinnerungen an die Kartage, und alle haben etwa» gesehen oder gehört, was von Bedeutung ist. Die Herren interessiert jede Kleinigkeit; was Ententen sollte der Besuch Alexanders in Frankreich dienen. König Alexander war mit der Prinzessin Maria von Rumänien, einer Schwester de» Königs Carol II. vermählt. Aus der Ehe sind einige Söhne bervorgegangen. deren ältester, der nunmehrige König Peter II. aber noch ein Knabe ist. vestünung in Paris Die Nachricht von der Ermordung König Alexanders verbreitete sich sehr schnell in der französischen.Hauptstadt. Sie rief«nbeschreibliche Bestürzung hervor. Die Sonderausgaben der Blätter, welche die Trauernachricht verbreiteten, wurden den Verkäufer« förmlich a«S der Hand gerissen. Das Attentat durch Zufall gefilmt? Die letzte Ausgabe des„Paris Soir" von 9 Uhr abends bringt eine große Photographie des Königs Alexander, die unmittelbar nach dem Attentat ausgenommen wurde. Aus der Photographie ist ersichtlich, daß der König gleich nach seiner Verletzung in Bewußtlosigkeit fiel, aus der er nicht mehr erwachte. Das ganze Attentat soll auch von Filmoperateuren ausgenommen worden sein, die den Zug des Königs gegenüber der Börse erwarteten. Sie Iraner In der Tschechoslowakei Prag.(Amtlich.) Sogleich nach dem Eintreffen der Nachricht von dem Tode Sr. Majestät des König Alexanders von Jugoslawien wurde eine Sitzung des Ministerrates für Mittwoch, 10 Uhr vormittags, einberufen und Trauerfahnen gehißt, sowie die Staatsflagge an allen Amtsgebäuden und an den Schulen auf Halbmast gesetzt. Gleichzeitig sandte die Regierung der Tschechoslowakischen Republik der verbündeten Regierung des Königreiches Jugoflawien Kondolenztelegramme. ein Interview mit Dr. BeneS 3 um tragischen Tod des Königs Alexander und de» Minister» Barthou hat Außenminister Dr. Bene» an den Vertreter der Pariser Agenoe Havas folgende Kundgebung gerichtet: Sett der Beendigung des Weltkrieges hat mich kein anderes Ereignis so tief betroffen. Der Tod des Königs Alexander ist ein großes Unglück für Jugoslawien sowie für die Tschechoslowakei Gr war eine große Persönlichkeit, er war ein gro» ßet"'Skaäksmädns« wak ein größek^onig. Er' war"«in bewährter Freund der Tschechoslowakei und mein persönlicher Freund, mit welchem ich 16 Jahre lang eng zusammen gearbeitet habe. .Die Tschechosiowakei empfindet über seinen Tod einen ebenso tiefen Schmerz wie Jugoflawien. Und zu diesem Unglück gesellt sich der Verlust eines zweiten großen Freundes der Tsche- choflowakei, des Ministers Barthou. Zu gleicher Zeit verliert unser Boll zwei große ergeben« Freunde, beide Schöpfer der französisch-tschecho« slowakisch-jugoslawischen Freundschaft. Die gesamte, tschechoslowakische Nation ist von tiefer Trauer ergriffen und fühlt das Bedürfnis, in diesem kritischen Augenblick die tieft und unerschütterliche Freundschaft unserer drei Länder noch stärker zu betonen. einem selber zuerst nur möglich, verdächtig oder wahrscheinlich schien, wird bald zur Tatsache, zur Gewißheit. Und nicht viel später kann jeder Leine Handwerker seinen Namen gedruckt lesen. Mtt einem Schlage tritt er aus dem Dunkel der Privatatmosphäre in das blendende Licht der Welt- öffentlichkeit. Begreiflich, daß der Nachbar, der Kollege, der Stammtischfreund nicht in den Hin«/ tergrund geraten wollen. Es regnet Mitteilungen Die„Vekerni Listy" in Prag haben auch schon einen Vertreter in Polna. Er liefert einen sachkundigen Artttel, der in der Frage gipfelt' Wo ist das Blut des ermordeten christlichen Mädchens? Im Tonfall des Fachmanns wird ztvin- gend nachgewiesen, daß das Blut der Toten auf mysteriöse Weise verschwunden sei. Sieben Liter hätten au» der Halswunde auSströmen müssen, und nur ganz wenig habe man an der Leiche gc- funden. Wolle man das Geheimnis lüften, so müsse man sich der allgemeinen Ansicht anschließen, wonach das Opfer schon vorher auserkoren worden sei und mindesten» zwei Personen den Mord vollbracht hätten; eine habe man gefaßt, die andere sei mit dem Blut entkommen. Dieser Artttel wird in der Morgenausgabe des.Deutschen Volksblatts" vom 14. Aprtt wörtlich wiedergegeben, in der Abendnummer derselben TageS wird das Verbrechen noch eingehender und derart geschildert, daß an seinem Motiv kein Zweifel bc» stehen kann. Am nächsten Morgen stellt die Zeitung wiederum die Frage: Wo ist das Blut geblieben? Die Leiche, heißt eS nunmehr, sei völlig ausgeblutet gewesen, eS bleibe in der Tat nur die größte Wahrscheinlichkeit übrig, daß mindestens sechs Liter in einem Gefäß aufgefangen und weg» gebracht worden seien. Und wieder zwei Tag« später schreibt das Blatt: Blutspuren seien fast gar keine gefunden worden. Daß der Mord nicht mit einem gewöhnlichen Messer verübt worden fest« könne, hätten beide Gerichtsärzte ftstgestellt. Um den Schnitt in der konstatierten Weise vorzunehmen, habe man die Unglückliche vermutlich an den I.oui8 Barthou wurde am 25. August 1862 in Oloron in den Nieder-Pyrenäen geboren. Er studierte JuS und widmete sich der Advokatur, wobei er jedoch fündig journalistisch und publizistisch tätig war. Im Jahre 1889 wurde er in seiner Heimat zum Abgeordneten gewählt. Er gehörte der Radikalen Partei an. In seinem 32. Lebensjahre wurde«r das erstemal Minister und dann wiederholt in verschiedenen Kabinetten Leiter verschiedener Ressorts. Nach dem Sturz des dritten Kabinetts Briand im j März 1913 betraute der Präsident der Republtt' Poincarö Barthou mit der Bildung der neuen Regierung, in welcher Barthou das Justizministerium verwallete. Das Kabinett Barthou setzte das Gesetz betreffend die dreijährige Militärdienst- zeit durch. Im Herbst 1913 wurde das Kabinett’ Barthou in der Kammer wegen des Widerstandes der Radikalen gegen die Deckungsvorlagen, vor allem gegen die Anleihe von 1300 Millionen Francs, gestürzt. Das Kabinett Barthou wurde( vom Kabinett Doumergue abgelöst. Während des l Krieges war Barthou im Kabinett Painlevö im, Jahre 1917 Außenminister. Nach dem Kriege| war er im sechsten Kabinett Briand Kriegsminister I und im zweiten Kabinett Poincars Justizminister, r Im Oktober 1922 wurde er Vorsitzender der Re-! Parationskommission und verblieb in diesem Amte f bis zum Juli 1926. Außerdem war er während j des Marokkofeldzuges gegen Md el Krim franzö- sischer Generalresident in Marokko. Im Jahr« 1926 trat er neuerlich in das Kabinett Poincmft j als Justizminister und als Minister für Elsaß- 1 Lothringen ein. Diese zwei Ressorts behielt er bis 1 zum Rücktritt des elften Kabinetts Briand im Jahre 1929. Nach dem Fall deS zweiten Kabi-| net.'S Tardieu im Jahre 1932 bemühte er sich der-| gebens, ein neues Kabinett zu bilden und war dann al» Kriegsminister Mitglied des KabinetteS i Steeg. Nach dreijähriger Pause trat er i m A l- 1 ter von über 70 Jahren in das Ka- I binett Doumergue am 10. Feber 1934 als j Außenminister ein. Seine erfolgreiche in-! tensive Tätigkeit in diesem Amte ist noch allgemein I in lebhafter Erinnerung. Sie äußerte sich auch I in der Schaffung eines fteundschafüichen Verhält« I n iss es zwischen Frankreich und S o w- I jetrußland. Im Frühjahr d. I. besuchte I Barthou offiziell auch die Tschechosiowakei, in! deren Hauptstadt er vom 26. bis 28. Aprtt weilte. 1 Regentschaft für den elfjährigen König Peter Der Nachfolger des ermordete« König», Prinz Peter, befindet sich zur Zeit in einem College in England. Er ist elf Fahre alt. ES wird daher eine Regentschaft eingefttzt werde«» die nach der Verfassung auS dem Vorsitzende« deS StaatSrateS, dem Patriarchen«nd dem Präsidenten des Oberste« Gerichtshofes zu bestehen hat. Die Könlgln-Wltwe im Sonderzug nach Marseille Die Königin Maria von Jugoslawien traf nach 16 Uhr mit einem Sonderzug aus Basel in Belfort ein und setzte sogleich ihre Reise über Lyon nach Marseille fort, wo sie Mittwoch früh ein treffen wird. Dem Präfetten von Belfort fiel die traurige Aufgabe zu, der Königin dft tragische Nachricht vcm der Ermordung ihres Gatten zu übermitteln. Füßen aufhängen müssen, wett es nur so möglich gewesen sei, das abfließende Blut in ein«» Gefäß aufzufangen. Im nächsten Morgenblatt will ein blutrünstiger Artttel beweisen, daß Ritualmord und Frömmigkett einander durchaus nicht widersprächen. Hat nicht auch der grausame Torquemada gottgefällige Opfer durzubrin« gen geglaubt? Gibt es nicht unt«r den Juden eine fanatische talmudgläubige Sette, die heute noch das Menschenopfer kennt? Die jüdische Oef- fentlichkett solle, statt durch bewußte Fälschung der Tatsachen den Beweis, daß ein Jude der Mörder sei, zu erschweren, lieber rücksichtslos diese Beschuldigung untersuchen, auf die Gefahr hin, daß sie sich bestätigt. Die Nummer wird von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. „Wo ist das Blut der ermordeten Agnes?" Dft Frage wird zum Feldgeschrei und von der gesamten nationalen Presse der Tschechen, voran von den„Närodni Listy", und ebenso von den deutschradttalen Blättern in ganz Oesterreich, aber auch von den llerikalen Zettungen ausgenommen. Einzelheiten werden von der Polnaer journalistischen Zentrale gebrauchsfertig geliefert. Die Phantasie einer urwüchsigen, von zivüisatorischer Skepsis unangettänkclten Bevölkerung blüht auf. Immer noch können neue belastende Tatsachen gemeldet werden. Einmal will man in der Nähe der Fundstelle einen Stock gefunden haben, m welchen der Buchstabe H eingeschnitten ist. Ein anderes Mal heißt es, Httsner simuliere Wahnsinn, um sich der Verantwortung zu entziehen. Zu den Lesern dringt kein behördliches Dementt. Der Verhaftete ist nach dem Kreisgericht Kuttenberg überführt. Man hat ihn sofort nach der Einlieferung ärztlich untersucht, ohne etwa» zu finden, was auf eine bei einer Gewalttat erhaltene Verletzung hindeutet«. In der Hast verhält er sich ruhig, fast stumpffinnig und läßt nicht die geringste Aufregung wahrnehmen. Nur mit dem Essen ist er nicht zuftieden. t Fortsetzung folgt.) 17 BRUNO ADLER: Die bürgerliche Presse beschräntt sich im übrigen darauf, eS unbegreiflich zu finden,„daß e» heutzutage in unserem Lande Menschen geben kann, die dem albernen Märchen, als ob die Juden zur Feier deS Passah christlichen Blutes bedürfen. Glauben schenken." Zu einem Berichterstatter der „Neuen Freien Press«" äußert sich der Polnaer Bürg rmeister Sadil, er glaube nicht an den Ritualmord, und der tzftrichtSarzt Doktor Pro- kesch hat auf diese Frage nur die Antwort:„Wir leben ja doch im 19. Jahrhundert!" Von amtlicher Seite wird mitgetellt, daß der Landesgerichtsrat Reichenbach weder seinem Glauben noch seiner Abstammung nach Jude ist. Wer für die antisemitischen Zeitungen ist daS kein Grund, nicht weiterhin von dem jüdischen Richter zu sprechen. Die Führung hat das«Deutsche Bolksblatt" Der Kampf um Polna wird auf breitester Front angesetzt und mit allen Kräften, die verfügbar sind, geführt. Husek aus Prag ist bereits auf den« Schauplatz. Ihm fo^gt der Sonderberichterstatter des Wiener Blattes, Hans Schwer. Die beiden Herren lassen sich genau über den Stand der Untersuchung unterrichten. Sft finden, es sehe nicht gerade hoffnungsvoll aus, und es werde höchst« Zeit, Zug in die Sache zu bringen, ehe e» zu spät sei. Einfältig, wie die Leute von Polna sind, sagen sie vor Gericht entweder zu wenig oder zu viel oder puren Unsinn aus. Auch darf es nicht mehr vorkommen, daß ein Zeuge Angaben macht, die mit denen eines andern nicht in Einklang zu bringen sind. Davon haben nur die andern, die fc. 337 Mittwoch, 10. Oktober 1934 Seite 3 Henlein gestern und heute Politik mit Legenden? Herr Henleinist in einer argen Klemme. Er war ausgezogen, um die sudentendeutsche Par- teienwirlschaft zu„überwinden". Sein Totalitätsanspruch auf dem Felde der Politik und der Erziehung lief darauf hinaus, die„Volks« gemeinschaft" herzustellen, die nach seiner Behauptung bis jetzt an der Selbstsucht der einzelnen Parteien und an dem Klassenkampfgedanken scheitere. Nun beginnen die Widerstände. Dir Arbeiter haben sich zur mannhaften Abwehr des Henleinfascismus unter der Führung der Sozialdemokratie zusammengeschlossen und reißen dem »Führer" und seinen Untergebenen immer wieder die Maske vom Gesicht. Die besten Freund», des„Führers", die maßgebenden Leute aus der Landsländischen Jugendbewegung, demonstrieren. Henleins Grundsätzen nacheifernd. Tag um Tag so eifrig die Treue zur Demokratie undzur Republik, daß einer dieser Demokraten um den anderen in Untersuchungshaft wandert. Der großange- legte Versuch, eine mächtige fascistische Kundgebung in Karlsbad unter Mißbrauch harmloser Parolen durchzuführen, ist gescheitert. Einige Karten, die Henlein ausspielte, haben also nicht gestochen und er scheint zu besorgen, daß er die Partie überhaupt verliert. Für den kommenden Sonntag hat er einen Trumpf angesagt: er will in Gablonz sein Programmverkünden. Der Vorbereikuiig dieses Ereignisses dient der Versuch HenleinS, di» tschechische Presse für seine Bewegung günstig zu stimmen. Er gab kurz nacheinander zwei tschechischen Blättern Interviews, in denen er siw als guter Demokrat und tschechoslowakischer Patriot vorstellte und sogar behauptete, sein« Partei sei nichts als eine Partei unter anderen ünd seine Führerfunktion untersckieide sich in nichts von den Funktionen anderer Parteiführer. Es gibt anscheinend wirklich Journalisten, die ihm seine Erzählungen aufs Wort glaubten: offenbar solche Zeitungsleute, die sich bisher durch ein Vorbeileben an den sudetendeutschen Verhältnissen auszeichneten und den Henlein von gestern ebensowenig kennen wie das innere Getriebe der! Henleinfront. Der Feststellung, daß die Heimatfront aus dem autoritären und dem Führerprin- z i p beruht, stellt Henlein die Legende entgegen, alle verantwortlichen und führenden Funktionäre der Heimatfront und sogar er selbst seien „auS freier Wahl" hervorgegangen. Er beruft sich auf eine konstituierende Versammlung der Heimatfront, die ihn und seine Mitarbeiter ins Jänner diesesJahreS gew ähltchabe. Davon erfährt die Oeffentlichkeit zum ersten Male und sie ist, wie man sieht, teilweise so überrascht, daß sie ihm glaubt. Ein Wahlkongretz der SHF hat jedoch nie stattgefunden; Henlein hat sich lediglich darauf beschränkt die Satzungen der SHF bekanntzugeben, in denen er sich unumschränkte Vollmacht sichert. Er hat sich außerdem von Leuten, die e r zusammengeholt hat, sein vom Kameradschaftsbund festgelegtes„Füh- rertum" bestätigen lassen. Wenn er jetzt behauptet, er sei als Führer der SHF nicht berechtigt, von sich au» Entscheidungen zu treffen, ohne sich vorher mit seinen Mitarbeitern verständigt zu haben und habe bisher lediglich solche Funktionäre abgesetzt, die der staatsfeindlichen Tättgkeit oder de» Hakenkr-uzlertum» geziehen oder überführt worden seien, so sagt er die Unwahrheit. Der frühere schlesische Landesleiter der SHF ist z. B., wie wir berichteten, von Henlein aus ganz anderen Gründen abgesetzt worden. Und die Vollmachten HenleinS sind tatsächlich die eines absoluten Parteiherr, schers nach hitlerschen Muster. In einem Rundschreiben an seine Organisationen (Rundschreiben der Hauptleitung der SHF vom 5. September 1934) spricht Henlein über den angeblich gewählten Führerstab der SHF, gegen den in der letzten Zeit hesttze Opposition zu bemerken ist. also: „Meine Mitarbeiter aber sind Kameraden und Männer meines BertranenS. Tie find in den erste« Tage« de» ersten Aufdaue»«nd de» härtesten Kampfes neben mir gestanden«nd Halen fich bi» hente al» tren« Kameraden»nd verläßlich« Mitarbeiter bewiesen«nd bewährt. Wer «egen fie Borwürfe erhebt, erhebt fie»«gleich »egen mich. Dennich habemirdieMit- arbeiter g«s«cht, die ich für meine A-fgabe tra« che." In seinen Rundschreiben pflegt Henlein eben viel offener und wahrhafter zu sein als ausfragenden Zeitungsleuten gegenüber. DaS hier wiedergegeben« Zitat aus dem Rundschreiben betrifft nämlich eben jene Mitarbeiter HenleinS, von denen er glauben machen wist, daß fie ebenso wie er„gewählt" worden ✓ seien. SBk haben seinerzeit das Rundschreiben ganz veröffentlicht und dadurch nachgewiesen, d a ß i n der SHF da» F üh r e r p rin z i p rest« los durch geführt ist. Henlein droht in d-.esem Rundschreiben allen, die sein« Mitarbeiter fr«- r tn- Jarsin Strafen und damit, die „Kritisierer" au» der Bewegung schunpfltch zu entfernen, vielleicht wird Hen- lnn später so frenndlich sein, einem Interviewer de» Inh«» wese» Rundschreibe« zu erklären. Mr vermuten pämlnh, daß t» Zeitungsleute gibt. denen die dort geäußerten Ansichten ebenso wichttg erscheinen wie die jetzigen Behauptungeu des harmlosen„Parteivorsttzenden" Henlein. Henleins gleichberechtigte Mitarbeiter, die man ununterbrochen in den Agitationsversammlungen hören kann— sie reden ganz im Stile des Herrn Goebbels—, lassen keinen Zweifel darüber, daß die SHF nicht gewillt ist, sich wirklich als eine Partei neben anderen zu konstituieren und zu betätigen, sondern daß sie sich zum Ziele gesetzt hat, die„Volksgemeinschaft" durch die Aufsaugung oder Zerschlagung aller anderen Parteien zu verwirklichen. Bon den Methoden, die dabei angewendet werden, wissen außer den Sozialdemokraten der Herr Stenzel und der Herr K o st k a ein Lied zu singen. Die Henleinleute haben, entgegen den Behauptungen des Führers, nie gezögert, Versammlungen Anhersdenkender zu sprengen oder zu stören, wenn sie sich stark genug fühlten. Noch immer haben sie vorgegeben, die Berufung dazu durch ihr Streben nach der„Ueberwindung des schmutzigen Parteiensystems" zu haben. Das Wort Sandners, des Agitationschefs der Heimatfront, von den fünfzehn Jahren der Parteipolitik, in denen di« Parteibonzen das öffentliche Wohl mit dem Interesse ihrer Taschen verwechselt hätten, ist noch in guter Erinnerung. Henlein hat den Interviewern also Legenden erzählt. Diese Methode ist nicht eines demokratischen Parieivorsitzenden, wohl aber eines autoritären Parteiregenten würdig und offenbar an großen Vorbildern geschult. Wenn sich Leute sinden, die auf sie hineinfallen, ist es gut für den Führer und schlecht für die Demokratie. Die Augenmiswischerei, die Henlein jetzt in großem Stile begonnen hat, soll am Sonntag durch die Verkündung des Programms fortgesetzt werden. Fragte man ihn, wer denn das Programm, das er verkündet, beschlossen hat, so könnte man nicht etwa erfahren, es sei das Ergebnis der demokratischen Willensbildung in seiner Partei. Keine Aufhebung der personalen Sparmassnahmen Verhandlungen mit dem Zwölferansschuß. Präg. In Anwesenheit deS Ministers Dr. Trapl, der vorher einen Bericht über das Budget erstattet hatte, empfing am Dienstag der parla« mentarischß Sparausschuß den Zwölserausschuß der. Slaalsangeslcllten, qn: dein«x.. die. fiuanz-. wirtschaftliche Lage d«S Staate» besprach. Er befaßte sich auch mit der Möglichkeit der Lösung der von den Vertretern deS ZwölferauSschusseS vorgebrachten Forderungen. Unter ihnen wurde an erster. Stelle von dem Vorsitzenden des Zwölferausschusses, Abgeordneten Bergmann, die Einstellung der Wirksamkeit der personalen Sparmaßnahmen nach dem Gesetze 207/32 und der Regierungsverordnung Nr. 282/33 Slg. d. G. u. V. hervorgehoben. Finanzminister Dr. Trapl zergliederte hierauf da» Staatsbudget für das Jahr 1935, verwieS auf die Ergebnisse der Rechnungsabschlüsse für die verflossenen Jahre und kam z« dem Schluß, daß fich keine solche Besserung erwarten lasse, die es der Regierung ermöglichen würde, die Forderungen der Staatsangestellten mit den Bedürfuissen der Staatskasse in Einklang zu bringe«. Die Sparkommiffion sicherte durch eine Erklärung des Vorsitzenden Abgeordneten Beran dem Zwölferaüsschuß der Staatsangestellten einen engen Kontakt zu. wann immer Ä>er Fragen der Staatsangestellten verhandelt werden wird. Die Eisenbahnbediensteten fordern die Regelung ihrer Dienst- und Entlohmmgsverhältnisse Der gemeinsame Ausschuß der Organisationen„Unie Zelezniknich zamöstnaneu v C. S. R.",„Verband der Eisenbahner inder Tschechoslowakischen Republik" und„Federaee strojvudcu" brachte am 9. d. M. dem Eisenbahnminister B e ch y n l ein gemeinsames Memorandum in Vorlage, in welchem gefordert wjrd: 1. Die Aufhebung der Abzüge an den Rebenzügen, Pauschalen und Prämien. 2. Die Erhöhung der Mordentlohnung in den Werkstätten von XL 4.80 auf 6.80. 3. Die Ernennung der Vertrag»- und Hilfsbediensteten. 4. Die Regelung der Arbeitszeit im Sinne und Rahmen des Gesetze». 8. Die Einrechnung de» Militärpräsenz- dienstes. 6. Die Erhöhung de» Kredite» für Erneuerungen und Investitionen des Eisenbahnober- baue». Der Minister erklärte den Vertretern der ge- nannten Organisationen, daß er bereits aus Grund der diesbezüglichen früheren Borsprachen der Eisenbahner-Organisationen bei der Erstellung deS Voranschlags über die Erfüllung dieser Forderungen verhandelt hat und daß die begründete Hoffnung auf deren positive Erledigung besteht. Es wurde von den Parteikörperschaften, die es ja gar nicht gibt, nicht beraten, sondern wird verkündet. Verkündet von demselben autoritären Führer, der fich bei seinem ersten Ans- treten in Reichenberg im Dezember des Vorjahres ans die Programmlofigkeit seiner Bewegung soviel zugute tat«nd in dessen Versammlungen auf großen Bändern der sinnvolle Spruch zu sinden ist:„Kummt ock, Briedr, Hal« mer zsamm» wrttr brauch mer kee Programm!" Der Mann braucht ein Programm, um mit ihm die Oeffentlichkeit genau so an der Nase herumführen zu können wie bisher mit seiner Pro- grammlosigktzit. Er rechnet dabei auf Dumme, die die Komödie der Programmverkündung etwa ebenso ernst nehmen wie seine Behauptung, der demokratische Vorsitzende einer demokratischen Partei zu sein. Nichts anderes hat«r zur Rechtfertigung seiner Programmschöpfung und Programmverkündung vorzubringen, als die Berufung auf sein usurpiertes Führertum. Man darf wohl bezweifeln, daß das für eine demokratische Oeffentlichkeit, die sich selbst ernst nimmt, genügen wird. Die zwei Ausgaben der SHF Die tschechisch- nationalsozialistische „A—Zet" hat gestern ein Interview mit Henlein wiedergegeben, das von der gesamten hitlerfreundlichen Provinzpress« mit großem Behage« zitiert wurde. Die heutigen.A—Zet" schreiben auf Grund von Aeußerungen aus dem Leserkreis in einer längeren Betrachtung über den bevorstehenden Henlein-Rummel in Gablonz u. a.: Es ist aher auch notwendig, daß sich die entscheidenden Funktionäre dessen bewußt werden, daß die Sudetendeutsche Heimatfront in zwei Ausgaben existiert. Das Leben in den Organisationen sieht ganz anders aus, als ihr „Führer" oder Vorsitzender Henlein die SHF schildert. Interessant ist es auch, daß für den Gablonzer„Tag der Heimat" auch der r e i ch s- deutsche Rundfunk Propaganda macht, obwohl Henlein behauptet, daß er gegen die Hakenkreuzlerei sei und nicht im Dienste Hitlers oder des Dritten Reiches stehe." Da» bedrohlich ansteigende Defizit der Staatsbahnen zwang die Staatsbahnverwaltung die An» zahl der Bediensteten fast um 40.000 herabzusetzen und eS vermag nun diese dezimierte Anzahl von Bediensteten den systematisch steigenden Eisenhahnbetrieb nur mit Anspannung aller Kräfte zu bewälttgen. Die Arbeitszeit erreicht anstatt der gesetzlichen 192 Stunden in vier Wochen, bi» 280 Stunden, bei manchen Kategorien noch mehr, so daß nur durch die Regelung der. Nebenbezüge diese erhöhte Leistung teilweise vergütet werden kann. Aus' denselben-Gründen-wurden auf- den Eisenbahnen die Ernennungen der Vertrag»- und Hilfsbediensteten nicht durchgeführt, obzwar bei den anderen staatlichen Ressort» auch zur Zeit der Krise ununterbrochen systemattsch Ernennungen erfolgten. Es handelt sich also um tatsächlich begründete Forderungen. Böhmische LandeSvertretung. Die böhmische Landesvertretung ist Dienstag nachmittags zusammengetreten. Die Session ist der Vorbereitung des Budgets für das Jahr 1935 gewidmet. Der Landesfinanzreferent Dr. K u b i st a legte das Budget vor und begleitete es mit einer mehr als einstündigen Erläuterung. Mittwoch beginnt die Generaldebatte, in der für den deutschen sozialdemokratischen Klub die Genossen Dr. Strauß und K r e j L i sprechen werden. Wie die Kouununisten schwindeln. Am 5. August war in GruSbach in Südmähren eine von unserer Partei einberufene öffentliche Versammlung. Wenige Tage später wurde an den Klub der deutschen sozialdemokratischen Abgeordneten und Senatoren eine Resolutton geschickt, in denen gegen verschiedene neue Gesetze und Verordnungen protestiert wurde. Unterschrieben war diese Resolution von einem sozialdemokratischen Vertrauensmann.— Die angestellten Erhebungen brachten zu Tage, daß die Resolutton von Kommunisten verfaßt und eingeschickt und die Unterschrift deS Genossen Josef Pfeil gefälscht worden war.' Um die Belebung der Baubewegung. Im Fürsorgeministerium fand am Dienstag unter dem Vorsitz des Ministers Dr. Meißner eine Beratung über die Belebung der Baubewegung statt, an der die Vertreter des technischen Wirtschaftsrates, der Jngenieurkammer, der Zentrale der BaumeistergenoffensöWften und der Organisationen der Bauarbeiter teilnahmen. Es wurden einige administrative Angelegenheiten verhandelt; über Vorschläge legislativen Charakters gehen die Verhandlungen weiter. Die SprengstoffanschlSge setzen wieder ein Wien. Ein Sprengstoffanschlag wurde am Montag abend im 20- Wiener Gemeindebezirke ausgeführt, wo eine öffentliche Fernsprechstelle in die Lust flog.'Rings um das zerstörte Häuschen fand man zahlreiche Flugschriften. Seü etwa zwei Monaten war kein derartiger Fall zu verzeichnen. Wie die Polizei mitteilt, waren jedoch schon am Samstag und Sonntag in öffentlichen Fernsprechzellen Sprengkörper aufgefunden worden» die aber, da sie schlecht hergerichtet waren, nicht zur Explosion kamen. Oesterreich deut Kriegsstraßen für Italien Die„friedlichen" Ziele der österreichisch- italienischen Freundschaft werden in sehr bemerkenswerter Weise durch die Tatsache illustttert, daß die österreichische Regierung in Kärnte» die zur jugoslawischen Grenze führenden strategischen Straße» mit Bolldampf ausbauen läßt. Dies geschieht mtt der Landstraße, die von Ebriach, einem Dorf btt Eisenkappel, zu einem Gebirgsübergang an der Grenze hinführt; dort find nicht weniger alS 300 Arbeiter beschäftigt. Ferner wird die Straße zum Plöckenp^tz ausgebaut sowie ein breiter Fahrweg auf daS Gold egg angelegt, wo offenbar eine Fliegerabwehrstatton angelegt werde« soll. Bezeichnend ist, daß diese Straßenbauten nicht durch den freiwilligen Arbeitsdienst, sondern mtt vollbezahlten Arbtttern gemacht werden, daß man also höhere Kosten nicht scheut, um gut und vor allem schnell zu bauen.— Wie es heißt, soll vor kurzem ttn sehr hoher italienischer Offizier in Kärnte» gewesen sein, um mtt den österreichischen Offizieren Jn- struktionSkurse abzuhalten, Italien versteht also, seine österreichische Kolonie seinen strategische« Bedürfnissen dienstbar zu machen. Genosse Paul Richter in Lebensgefahr Der Wiener Sekretär der sozialdemokra- ttschen Partei und Obmann der Naturfreunde Paul Richter, der zu den bekanntesten sozialdemokratischen Politikern gehört und der sich nach dein Umsturz außerordentlich große Verdienste um die Heimbringung der Kriegsgefangenen erworben hat, befindet sich infolge der nun schon acht Monate dauernden Haft in einem besorgniserregenden Zustand. Der Gefängnisarzt hat in einem ärztlichen Parere festgestellt, daß Paul Richter in allerschwerster Lebensgefahr ist. Er hat in der Hast mehr als 15 Kilogramm an Körpergewicht verloren, außerdem besteht die Gefahr einer Angina pectoris. Wie«. Abgeordntter Genosse S e v e r wurde Dimstag in Freiheit gesetzt. Sever, der schwer krank ist, wird fich in ein Privatsanatorium zur Kur begeben. Wien. In den Nachmittagsstunden ist auch der ehemalige sozialdemokratische Stadtrat Richter in Freiheit gesetzt worden. Rlntelens Nachfolger Wien. Wie die„Politische Korrespondenz" erfährt, hat die italienische Regierung für den neuernannten österreichischen agtzexordentlichen Gesandten-und bevollmächtigte« Minister beim königlich italienischen Hofe Alois Voll'-' g r u b e r das Agrement erteilt. Vollgruber war bis jetzt österreichischer Gesandter, in Bukarest. Iltulescu nimmt an Bukarest. Auf Grund des Abkommens, das zwischen dem Ministerpräsidenten TatareScu und TituleScu in dem am 8- Oktober erfolgten Unterredungen abgeschlossen wurde, hatte sich Tite- lescu seine definitive Antwort bis Mittwoch Vorbehalten. Mit Rücksicht auf die gegenwärttgen Ereignisse hat TtteleScu seine zustimmende Antwort bereits Dienstag abends gegeben und wird infolgedessen seinen Ministereid noch im Laufe dieser Nacht abgeben. Spanien Madrid. Madrid ist während des Vormittag und deS frühen Nachmittag deS Dienstag verhältnismäßig ruhig geblieben. Außer einigen kurzen Schießereien am Rande der Hauptstadt ereigneten sich keine bedeutenderen Zwischenfälle. Im Rundfunk wurde am Dienstag nochmals amtlich mitgeteilt, daß die Regierung alle ihr zur Verfügung stehenden Kräfte aufwenden In Asturien und im Baskenland setzt sich der drücken. werde, um den Aufftand vollständig zu unter« Feldzug der Truppen gegen die Aufständischen fort. Es ist aber anzunehmen, baß in Kürze auch die letzten Festungen der Revolutionäre genommen sein werden. Montag abends wurde auf einer Straße, cie kurz darauf ein Lastauto mit einem Zug Soldaten passierte, ein Dynamitanschlag vorbereitet. Durch die Explosion des Dynamits wurde der Kraftwagen in die Luft gesprengt. 5 2 Soldaten fanden hiedurch den Tod. Das spanische Parlament ist, wie vorgesehen, am Dienstag zusammengetreten. Es haben sich außer den Regierungsparteien, die Monarchisten und die baskischen Nationalisten eingefunden. Der Ministerpräsident wurde„stürmisch begrüßt". Es wurde seinem Anträge einmütig zugestimmt, nach dem in Spanien die Todesstr ä- f e wieder eingeführt wird. Sie kommt in Betracht bei Vergehen gegen das Sprengstoffs, setz, in Fällen von bewaffneten Angriffen auf daS menschliche Leben und in Fällen von schwerem Raub. Azana verhaftet Barcelona..(HavaS.) Der Präsident der Gegenregierung, der Sozialist Azana, wurde DienStag verhaftet. Seite 4 Mittwoch, 10. Oktober 1934 Nr. 2S7 Der größte Mordprozeß dieses Jahres Das Ehepaar ByletLlek vor-e« Geschworenen— Die Leiche des ermordeten Baters ei« Jahr lang hinter dem Küchenherd verborge«— Prozetzdaner vier bis fü«f Tage Prag. Vor dem hiesigen Schwurgericht begann gestern' die Verhandlung über den größten Kriminalfall dieses Jahres, den Mordprozeß gegen das Ehe-! paar Marie und Jaroslav Vyletälek, denen> die bestialische Ermordung des Vaters der Frau zur! Last gelegt wird. Bezeichnend für das Aufsehen, das dieser Prozeß in der Oeffentlichkeit erregt, ist die Tatsache, daß bereits um halb acht Uhr früh eine I ansehnliche Menge vor dem Kreisgerichtsgebäude auf! Einlaß wartete, um noch Eintrittskarten zu erhalten. Den Vorsitz in diesem auf vier bis fünf Tage veranschlagten Prozeß führt OGR. Dr. N o v o t n h, die Anklage vertritt Staatsanwalt Dr. S t i b r a l, die Verteidigung führen die Anwälte Dr. M e l l a n und Dr. 2 o u r e k. In den nüchternen Ausführungen der Anklageschrift enthüllt sich ein Sachverhalt, der an grausigen Details seinesgleichen sucht. Den! Auftakt zu dem Drama bildet eine verbargen. Später erklärte fie, sie sei zum Verbergen der Leiche durch Drohungen ihres Gatten gezwungen worden, gestand aber zu, dem Vater mit einer zwei Meter langen Wäscheschnur de« Hals zugeschnürt zu haben, bannt er„nicht mehr erwache". Noch später bezichtigte sie aber ihren Mann auch dieser E r d r o s s e l u n g, die nach dem Sektionsbefund als Todesursache zu betrachten ist, während der Kopfhieb nicht als tödliche Verletzung in Frage kommt. Jaroslav Vyletälek hatte zuerst gestanden seinem Schwiegervater den Axthieb versetzt zu haben. Später änderte auch er seine Aussage und erklärte, er wisse Überhauptnichts von dem Hergang. Bei dieser Aussage blieb er auch bei der heutigen Häuptverhandlung. Strafanzeige der Gattin gegen den Gatten wegen Ermordung ihres Bitters. Am 14. Mai d. I. erscheint Marie V y l e k ä- k e k auf der Polizeidirektion. Ihre Aussagen versetzen das Sicherheitsdepartement in Aufruhr. Marie Vyletälek meldet der Polizei, im Keller ihrer Tante, liege die Leiche ihres Vaters, den ihr Mann vor mehr als einem Jahre mit einer Axt erschlagen hab«. Diese Anzeige ist ein Racheakt. Jaroslav Vyletälek hat sein« Frau unlängst verlassen. Man nimmt das Ehepaar in Haft. Die Aussagen der Ehegatten komplizieren sich. Geständnisse, Widerruf und neuerliche Geständnisse, gegenseitige Beschuldigungen. Nur allmählich legt die Polizei Schritt für Schritt den Sachverhalt bloß und das Resultat ist eine doppelte Mordanklage. Das Opfer der Mordtat, der alte Buchbindergehilfe Josef T h l war der Vater der Angeklagten 30jährigen Marie Vyletälek. Er bezog als Altersrentner eine bescheidene Versorgung und hatte sich im Laufe seines Lebens an 20.000 Xc erspart. T h l selbst hatte in seinem Eheleben wenig Glück. Seine erste Frau, die leibliche Mutter der Angeklagten, starb. Seine zweite Ehe verlief so, daß er sich zweimal scheiden ließ und zweimal mit der gleichen Frau wieder verheiratete. Zum Schluß lebte er mit ihr nach doppelter Scheidung in freier Lebensgemeinschaft. Er teilte seine Wohnung auf der Kleinseite am U j e z d Nr. 408 mit seiner Tochter Marie, die zuerst, als 10jährige einen gewissen P r o s e k heiratete, einen schwer tuberkulösen Syphilitiker, der ihr nach seinem baldigen Tod« nichts hinterließ, als eine luetisch« Ansteckung. Dann führte sie ihr Vater mtt ihrem Gatten zusammen, dem heut« mitangeklagten Jaroslav Vyletälek, den er fett drei Jahren aus dem gemeinsamen Stammlokal, dem Bierschank.Zur Traube" kannte. Auch Vyletälek war Syphilitiker. Die unheilvolle Ehe wurde geschlossen am 10. Dezember 1932 vor dem Standesamt des Prager Magistrates. Sie sollte keinem der drei Beteiligten zum Segen gereichen. Jaroslav Vyletälek bezog als Schlosser der Prager Straßenbahn 800 Kd monatlich, aber nach Behauptung seiner Frau, gingen von dem Wirtschaftsgeld täglich 18 K£ für Rum auf. Angesichts des sonderbaren Ehelebens des alten Thl, des in der Familie herrschenden Attoholismus und der schweren Geschlechtskrankheit der jungen Ehepartner, war die Atmosphäre in dieser Häuslichkeit eine urcheimliche. Zahlreiche Zeugen bekunden sonderbar« Todesahnungen des alte« Thl, der sich mehrfach geäußert hat, er befürchte, daß ihn seine Tochter umbringen wer- d e. Am 19. März 1938 wurde Josef Kajetan Tbl zum letzten Male gesehen, als er in seinem Stammlokal seinen Namenstag feierte. Dann verschwand er spurlos... Wo«ar er geblieben? Am 23. März 1933 traf im Stammlokal, wo man den täglichen Stammgast vermißte, eine Karte aus Solin ein, auf der er mitteilte, er sei im Begriff sich zu verheiraten und ein neues Leben zu beginnen. Diese Karte ist eine Fälschung von der Hand seinerTochter. Am 23. März wurde, wie später festgestellt, die Taschenuhr des Ermordeten versetzt und etwas später kam ein (natürlich gleichfalls gefälschter) Brief aus Kolin an eine Schwester des Verschwundenen, die dessen Sparkassenbuch über 19.723 Ki berwahrte, mit der Aufforderung, das Geld bei einer anderen Sparkasse einzulegen und das neue Sparbuch— seiner Tochter Marie Vy- lekälek zu übergeben! Das geschah denn auch. Neben diesen Mhstifttattonen streute die Angeklagte aus, ihr Vater sitze wegen Ankauf gestohlenen Goldes in Pankraz und später erzählte sie, er sei im Gefängnis geswrben.(Solche Geschäfte hatte Thl öfter gemacht und man wunderte sich daher nicht weiters. Aber der alte Thl war schon längst tot. Freilich moderte sein Körper nicht im Grabe, sondern seine Leiche lag länger als ein Jahr hinter dem Küchenherd seiner Tochter in einer Mauernische verborgen, Fast dreizehn Monate lag die langsam eindörrende Leiche des Baters hinter dem Küchenherd, ohne daß sie den Angeklagten Unbehagen verursacht hätte. Kritisch wurde die Situation, als ihnen der Hauseigentümer Kündigung gab. Und da entschloß Tagcsnenlgkcitcii Japaner überfallen eine britische Insel Zerstörung««d Plünderung London.„Daily Herold" meldet in großer Aufmachung ans BriSbane: 38 Mann der Besatzung eines japanischen Schiffes überfielen die britische Insel H a g g e r st o n in der Torres- Straße, der Meerenge zwischen der Nordspitze Australiens und Neuguineas. Die japanische Mannschaft landete, als dir Ansiedler die Insel vorübergehend verlassen hatten, um Einkäufe zu machen. Bei ihrer Rückkehr sahen die Ansiedler, daß die Japaner die Landungsbrücke zerstört; Häuser geplündert und Kokosplantagen in Brand gesteckt hatten.„Daily Herold" fügt hinzu, die Maßnahmen, die die australische Bundesregierung znm Schutz« der Ansiedler in einzelnen Außen- posten gettoffrn habe, seien anscheinend ungenügend. Seit langer Zeit herrsche z u n e h- m en d e Unruhe ü.bar df r j.Lyu»,-7 Nische Betätig« ng kn den Gewässern um Neuguinea herum. Japanische Kauffahrteischiffe und Schifferfahrzeugc zeigten ein auffallendes Interesse für Gebiete, die weder für den Handel noch für die Fischerei Bedeutung hätten, die aber strategisch wichtig seien. Wiederholt sei in der Straße von Torres das Erscheinen japanischer U-Boote gemeldet worden. Gewaltakte auf der Ostchinabahn Moskau.(Tast.) Wie aus Chabarowsk gemeldet wird, versuchten die mandschurischen Behörden in der Station Pogranitschnaja die Räumlichkeiten des Eisenbahnerklubs zu be- setzen. Sie forderten den Klub auf, die Lokale binnen drei Tagen zu räumen, um in ihnen die Ortspolizei unterbringen zu können, wobei fie erklärten, daß die Verfügung von dem Chef der japanischen Garnison ausgeht. Auf den entschiedenen Pr"o t e st des sowjettussischen Konsuls erfolgte dann die Antwort, daß die Verfügung aus einem Mißverständnis beruhe. Dank der Wachsamkeit der sowjetrussischen Angestellten der Ostchinabahn wurden neuerlich viele Menschenleben und wertvolles Eisenbahngut gerettet. Der sowjetruffische Lokomotivführer der Ostchinabahn, Lokotkow, der am 5. Oktober einen Militärtransport auf der Sttecke Jmanpo—Wei- schahe führte, bemerkte, daß die Schienenbolzen herausgeschraubt waren. Er traf sofort alle Maßnahmen, wodurch sich der Zug in bedeutend verlangsamter Fahrt der beschädigten Strecke' näherte, und.das Eisenbahnunglück nicht jenes Ausmaß annahm, auf das die Attentäter rechneten. Alle Eisenbahnbediensteten verblieben während des Unglücks auf ihren Plätzen. Ein Egerländer-Nazi in LeobeÜ verurteilt Leoben. DienStag vormittags wurde dem Militärgericht in Leoben der 29 Jahre alte nach Dallwitz, Bezirk Karlsbad, zuständige Fleischhauergehilfe OswaldHäring vorgesührt. Dir auf das Berbrechen des Hochverrates erhobene Anklage legt ihm zur Last, daß er, der sich auf der Wanderschaft befand, am 25. Juli in Lirzen sich den aufständischen Nationalsozialisten wo fie durch die Hitze vollkommen gedörrt und ausgetrocknet wurde. Thl ist ermordet worden, das steht fest. Aber wie und von wem? Nach der e r st e n Aussage der Vyletälek habe ihr der Vater bei einer Auseinandersetzung mit einem Stock die Lippe blutig geschlagen und ihr Mann habe im Laufe eines darauffolgenden Streites Tül mit einer Hacke erschlagen, worauf üe gemeinsam die Leiche hinter dem Herd anschloß, bewaffnet Postendienstr versah, in der Nacht zum 26. an der Belagerung des Gendar- meriepostcns in Selztal und am 26. Juli am Pyhrn-Paß im Kampfe gegen das Bundesheer teilnahm. Häring wurde zu 18 Monaten schweren und verschärften Kerkers verurteilt. Der Gerichtshof erkannte außerdem auf Landesverweisung. sich dir Marie Vyletälek zu einem ebenso gewagten als zynischen Manöver. Sie zog eine gewisse Anna K r y s t o f und deren Tochter Marie ins Vertrauen. Freilich erzählte sie diesen Frauen nichts von dem Mord, sondern fischte ihnen etliche phantastische Erfindungen über den rätselhaften Tod des alten Thl auf. Das Ergebnis war Äcr Beschluß' die Leiche durch Kalkmilch anfzulösen, aber dieses Vorhaben scheiterte daran, daß sie statt ungelöschten Kalls gelöschten verwendeten. Das ließen sie sich aber nicht weiter anfechten, sondern transportierten den eingedörrten Körper in einem B o t t i ch in den als Rumpelkammer dienenden Keller einer Tante der Angeklagten in der Seiler- g a s s e in der Prager Altstadt. Obenauf banden fie Federbetten fest. Wer weiß, wie lange der Leichnam in der selten bettetenen Rumpelkammer gelegen hätte, wenn nickit die Anzeige der Angeklagten die Polizei in Bewegung gesetzt hätte. Anna und Marie K r y s t o f werden wegen Vorschublei- st u n g und Leichenschändung in abgesondertem Verfahren verfolgt. Bei der heutigen Verhandlung präsentterte sich Jarofiav Vyletälek als gut aussehender und sprechender Mann. Er bleibt bei seiner Aussage, von nichts zu wissen. Seine Frau macht keinen sonderlich guten Eindruck. Auch fie bleibt bei ihrer letzterwähnten Darstellung, die ihren Gatten schwer belastet. Dieser erste Verhandlungstag war nur ein« Einleitung. Der' erbitterte Kampf um den Schuldbeweis wird sich erst im Zuge des Beweisverfahrens entspinnen. rb. Zajikek vor dem Obersten Gerichtshof Richttgkettsbeschwerde abgewiesen- Der Oberste Gerichtshof in Brünn wies am Dienstag auch den restlichen Teil der Nichtig- kettsbeschwerde ab, die der ehemalige Zentraldirektor der Larisch-Gruben Z a j i c e k gegen seine Verurteilung zu viereinhalb Jahren schweren Kerkers eingebracht hatte. Zajiöek hatte u. a. eingewendet, daß durch das Urteil das Gesetz verletzt worden sei, weil er von den Vereinigten Staaten nur wegen Beruntteuung ausgeliefert worden sei, in der Tschechoslowakei aber wegen Betruges verurteilt wurde. Der Gerichtshof beschäftigte sich dann in nichtöffentlicher Sitzung mit der Berufung gegen das Strafausmaß, die unbedingte Verurteilung und gegen die Nichteinrechnung der Untersuchungshaft. Totschlag i« einer Wähleroersammlung Marseille. In einer Montag abettds abge- hattenen Wählerversammlung tötete ein Chausseewärter aus der Vorstadt seinen politischen Gegner durch fünf Revolverschüsse.,,. „Ein System bürgerlicher auf christlicher Grundlage stehender Ordnung.. nennt ein deutschklerikal.es Blatt das System, dos nun bald in Frankreich herrschen werde, wie es bereits in Oe st erreich und Spanien sich durchgesetzt habe. Das klerikale Blatt ist nicht die einzige katholische Zeitung, die in diesen Tagen Hosiannah schreit und in den höchsten Tönen über den Sieg der christlichen Regierung über das spanische Volk jubett. Die Kerzelweiber haben Blut geleckt und können nicht genug davon bekommen. Nach dem heiligen Dollfuß wird nun der heilige Gil Nobles gefeiert werden, nach dem ehrwürdigen Fey der noch ehrwürdigere Batet. Hat jener nur mit Haubitzen geschossen, so hat dieser sich mit Mörsern in den frommen christlichen Herzen einen dauernden Platz erobert. ES ist erstaunlich, wie schamlos der Klassenhaß die Bür- g e r macht. Man sollte meinen, daß die „ch r i st l i ch e" Gesinnung, mag fie ihnen immerhin nur ein Kleid sein, das sie vor den Men-, schen als Maske ttagen, der Schafspelz, hinter dem sich der reißende Wolf verbirgt, doch die Verpflichtung auferlegte, die Barbarei zu bändigen und die'unverhohlene Freude über den Massenmord an den Hungernden, an Frauen, Grei- sen und Kindern schamhaft zu verhehlen. Nein, sie schreien es hinaus, sie zittern vor geiler Mord- lust und mit wahrem Verbrecherstolz verkünden sie der Welt: wir schlachten sie! Sie tauchen die Hände in das Blut der Opfer, sie singen ihre Choräle nach dem Takt der Kanonen und beten ihre Rosenkränze an den Gurten der Maschinen- gewehre ab. All das, weil in Spanien nun die Schulen und Kindergärten wieder geschlossen, die sozialen Gesetze aufgehoben, die Profite der Unternehmer wieder erhöht werden! So wie sie ja auch in Oesterreich Hunderte niederkartätschten, damit die Mietzinse sttegen und die Breitner- steuern fielen. Das ist eine„auf christlicher Grundlage stehende Ordnung". Wir wollen es uns merken. Wenn einmal die Rächer sich erheben gegen die Träger dieser Ordnung, gegen die blutbefleckten Pfaffen des Kapitals, wenn sie die Symbole dieser Schlächter austilgcn werden aus dem Bild einer entsühnten Welt, dann möge man nicht wehleidig über Terror klagen! Was sagen dazu dir Anhänger der Todesstrafe? Die Blätter bringen folgende Meldung. 1924 wurde der Fleischer K v a«p i l bei O l m ü tz erschlagen und seiner Barschaft von' 30.000 Kc beraubt; die Behörden nahmen den Müglitzer Gastwirt K o v a r i k fest, da ein Zeuge aussagte, daß er Kvapil vor dessen Ermordung zum letztea- Arbeiter-Wi«terto«risttt Der Reichsleirungsvorstand für Wintertouristck im Touristenverein„Die Naturfreunde" tagte am Samstag, den 6. Oktober, in Prag. Es waren der Sitzung auch die Leiter der Gaue Nord und Nordweit zugezogen. Nach dem Bericht über, die vergangene Saison ist trotz der schweren Wirtschafts- verhältnisse die Zahl der eingeschriebenen und der aktiven Wintertouristen fast nicht zurückgegangen, ebensowenig die Ausfahrten. Der Beittag für die Verwaltung und zur technischen Förderung bewegt sich auch Heuer mit den Ortszuschlägen zwischen 2 unv 4 XL für die Saison. Der größte Teil der Wintersportler hat durch eine Zusatzprämie von 3 XL für den Unfall eine größere geldliche Hilfe gesichert. Auw in der vergangenen Saison waren wiederum zwei geeignete Sportler in staatlichen Kursen zur Ausbildung. Schlittschuhlauf findet nun größere Beachtung. Wir beteiligten uns an der Wintersportolympiade durch aktive Läufer, selbsttedend hatten auch einige Bezirke und Gaue ihre eigenen sportlichen Unterhältungen. Die Raturfreunde-Gebirgs- Heime werden auch Heuer Stand-Skilehrer aben so daß kostenlose technische Ausbildung gewährleistet ist; die Unterkunft und Verpflegung ist äußerst billig. In allen Gauen werden Vorbereitungen für das Vierte internationale Treffen der Arbeiter-Wintertouristen 1936 Riesengebirge zu treffen sein; die sportliche» Veranstaltungen werden der Mannschaftsauswahl dienen. Außerdem werden in den Randgebirgen Tourenstafetten veranstaltet werden. Die freien Nationen werden hiezu eingeladen. Dem Slalomlauf als unsere eigentliche Wertungssportart werden die Techniker und Fahrwarte größere Aufmerksam- keit zu schenken haben. Die Gaukonferenzen für Wintertouristik sind bereits«inberufen. Strd. mal mit Kovakik zusammen gesehen habe. Auf Grund dieser Aussage und noch anderer verdächtiger Umstände verurteilte das Olmützer Schwurgericht den Kovakik zum Tode. Kovakik, der bis zum Schluß seine Unschuld beteuerte, wurde allerdings zu lebenslänglichem Kerker be- gnckdigt. Jetzt ist eine Wendung eingetretcn; in einer slowakischen Stadt erhängte sich ein gemis-j ser Z a j i c. Er hinterließ ein Schreiben, in dem er angibt, nicht mit einem Mord auf dem Ge-j wissen vor seinen höchsten Richter treten zu können; er wolle nicht, daß ein Unschuldiger für ihn, büße. Er bekennt sich zu dem Mord und schildert j genau die Tat. Die Eltern Kovakils haben bei der! Staatsanwaltschaft in Olmütz ein Gesuch um Er-! Neuerung des Gerichtsverfahrens eingebracht.—1 Und wenn Kovakik nicht begnadigt worden! wäre? Welches Gefühl hätten da nunmehr die Anhänger der Todesstrafe?! Schwer verunglückt. Der beim Telegraphen-: amte in Reichenberg bedienstete Franz Mach war in Niemes mit Arbeiten an der Telegraphenleitung beschäftigt. Als er am Montag in den Personenzug nach B.-Leipa einsteigen wollte,! rutschte er ckfiS'ttnd g!eÄ?t mit den'Minen unterj die Räder. Er erlitt schwere Verletzungen und) würde sofort in das Krankenhaus nach B.-Leipai überführt. Die Ambutation beider Füße wird und vermeidlich sein. Wegen eines Kranzes für Wallisch fristlos! entlassen! Wie aus Obersteiermark berichtet wird,! hat vor etwa drei Wochen ein Brücker Eisenbah-1 ner(sein Name ist der Redaktion bekannt) auf) dem Leobner Friedhof einen Kranz auf Wallischs I Grab niedergelegt. Er wurde angezeigt und von! der Disziplinarkammer der Bundesbahnen zur! fristlosen Entlassung unter Verlust aller Rechte,! auch der Bersorgungsgenüsse für seine Angehöri-I gen, entlassen. Arbeiter-Unglück. Auf einer Baustelle! bei Tennenhausen(Württemberg) versagte amj Montag abends plötzlich die Karbidbeleuchtung.l Als einige Leute den Karbidbehälter untersuchten,« erfolgte eine heftige Explosion. Zwei Arbeit» ter wurden sofort getötet, ein Arbeiter« wurde sehr schwer und einer leicht verletzt. DerV eine der getöteten Arbeiter ist V a t e r v o n s i e ben Kindern. Die letzten 20 Besatzungsmitgliedrr dec! „C i t y o f C a m b r i d g e", die Montag geschei-» tert ist, sind inSicherheit gebracht wordcn.I Der Maler Jsak Israel im H a a g, der Füh-I rer der holländischen Impressionisten, ist nach! einer Verletzung, die er bei einem A u t o m o bil nnfallc erlitten hatte, geswrben. Im Streit die Frau erschlagen. In der Ge-« meinde Rav bei Kaschau geriet ein gewisser! Moskovic mit seiner Frau in einen Streit und in» der Erregung ergriff er eine Hacke, mit der er» seiner Frau mit zwei Hieben den Schädel spalteteV Moskovic wurde verhaftet und in die Haft deH Kreisgerichtes in Kaschau eingeliefert. Moskoviö! wurde erst vor kurzem aus der Kaschauer Irren-! anstalt, wo er sich zur Beobachtung befunden» hatte, entlassen. Vom Rundfunk empfehlenswert«» aus«en Programmen« Donnerstag v Prag: Sender L.: 10.05 Deuffche Nachrichtens 11.00 Schallplatten. 11.05 Konzert des SalonquarM tettes. 16.55 Musik für Kinder. 17.55 Deuffche Senff düng: Jugendstunde mit Musik. 18.55 Deutschff Presse. 19.15 Wir lernen russisch. 19.30 Bunter Abende20.45 Corneille: Der Cid.— Sender Str.« 15.05 Deutsche Sendung: Schindler: Bemerkungen über Miseren Handel. 18.20 Konzert des OndcicekG Quartettes. 19.15 Tanzmusik.— Brünn: 17.4Ü Blahova: Rhythmik und ihre Bedeutung für diu Schule. 17.50 Deutsche Sendung: HarrenS» Arbeiterdichter aus aller Welt.— Mähr.-Lstra«: 17.55 Halbe Stunde Steirerlieder.— Kaschaut 19.30 Volkslieder für Männerchor. Nr. 237 Mittwoch, 10. Oktober 1934 Seite 5 Grubenunglück bei Lyon Paris. Ein schweres Grubenunglück ereignete sich am Dienstag in der Schwefelliesgrubc „Saint Pierre la Pelud" im Departement Rhone, unweit von Lyon. In der Grube waren mehrere hundert Arbeiter beschäftigt. Plötzlich entwickelte sich eine dichte Rauchmasse, die sich über sämtliche Stollen verbreitete. Drei Bergleute fanden den Erstickungstod. Eine Rettungsmannschaft wurde sofort eingesetzt und bemüht sich, die übrigen Bergarbeiter, es handelt sich um 20, die in der raucherfüllten Grube eingeschlossen sind, zu bergen. Mordanklage gegen Hauptmann New Uork. Das Sondergeschworenengericht in Flemington(New Jersey)', das über die Anklageerhebung im Falle Lindbergh zu entscheiden hat, hat beschlossen, gegen Hauptmann die Anklage wegen Mordes zu erheben. Es hat sich jetzt ein neuer Belastungszeuge eingesunden. Es handelt sich um den Tankstellenbesitzer Charles GalamboS, der in Manville(New Jersey) eine Tankstation unterhält. Galambos hat jetzt in Hauptmann den Mann wiedererkannt, der im Jahre 1932 fünf Monate lang einen schwarzen Personenkraftwagen in seiner Garage eingestellt hatte. Während dieser Zeit hat Hauptmann von Manville aus, das nur etwa 25 Km- vom Lindberghschen Sommersitze Hopewell entfernt ist, sehr häufig Kraftwagenausflüge unternommen. Erforsch-«« Grönland» London. Die britische Forschungsexpedition nach Grönland ist soeben mit wertvollen wissenschaftlichen Ergebnissen zurückgekehrt. ES handelt sich um Leutnant MartinLindsah und seine Gefährten, die am Montag in Aberdeen eingetroften sind. In der Geschichte der arktischen Forschung erzielten Lindsay und seine Gefährten schon dadurch unzweifelhaft einen bemerkenswerten Erfolg, als es sich um eine Forschungsreise handelt, die auf Schlitten durchgeführt wurde. Di« Forscher nahmen ein Gebiet, von 320 Meilen Länge karto- graphisch auf und erweiterten dadurch in bedeutendem Maße die Kenntnisse von der Struktur der Erdoberfläche Grönlands- Ste_ Expedition ging vom Westen nach dem Osten Grönlands auf drei Schlitten, und zwar unter ungemein schwierigen Verhältnissen denn sie hatte sehr ost heftigen Stürmen zu Widerstehen. Es wurde eine Strecke von 3 5 0 Meilen bewältigt, die über eine ununterbro- cheneEiSfläche führte. Das englische Fischereischiff.Jaointh" nahm die Expedition in Angmagsa- lik vier Stunden vor dem Zeitpunkt an Bord, als infolge des Eintritts des Winters der Hafen durch die Eismaffen unzugänglich wurde. GefäffchteSm März deS heurigen JahreS tauchten« Brünn ge-- fälschte Lebensmittelanweisungen für Arbeitslose auf. Diese Anweisungen waren sehr gut nachgemacht. Die Polizei forschte nach den Tätern und verhaftete vor kurzer Zeit einen Mann, der im Verdacht stand, daß er sich eine Rundstampiglie der Stadt Brünn machen ließ. Diese Stampiglie wurde auch tatsächlich in der Zeile vergraben aufgefunden. Vor 2 Tagen verhaftete nun die Polizei die eigentlichen Fälscher der Lebensmittelan. Weisungen. Es handell sich um den 27jährigen AloisBasovnikausHussowitzund den29jäh- rigen Franz Oklestekaus Bilowitz bei Brünn. Bei der Hausdurchsuchung wurden bei OkleStek tatsächlich Papiere, die für die Fälschung vorbe- rettet waren, und schon ferttge Lebensmittelanweisungen, ferner eine Druckmaschine gefunden. Die beiden sind geständig, doch erklären sie, daß sie die Anweisungen nur an Kaufleute für Lebensmittel gegeben haben. Die Polizei nimmt aber an, daß sie diese Anweisungen auch billig verkauft haben. Die beiden wurden dem Brünner Kreissttafgericht eingeliefert. Bukarester Fascisten überfallen eine Redak- Hott. Am 4. Oktober abends nach acht Uhr Lber- fielen 40 bis 50 junge Fascisten die Redaktion der hier erscheinendem»F a e l a". Die Banditen verwüsteten die Räume und mißhandelten dte Redakteure Binea, Titu, BobeS und Ca« r a n d i n o. Die Untersuchung ergab, daß die Jugendlichen vom Rechtsanwalt E m i l i a n sowie den Cuzisten R istor und Brägescu geführt wurden. Mit dem Aato in den Kanal. Montag abends stürzte ein mtt vier Personen besetzter Kraftwagen in einer Kurve Hei Stendal-Vraindal in den Aa- Kanal. Der Wagenführer konnte sich zwar durch die Tür deS Wagens retten, fand aber in der Nacht nicht gleich Hilfe, um den anderen Beistand leisten zu können. Erst am Morgen wurden die L ei ch en der drei übrigenJnsafsen geborgen. Sie hatten sich zwar unter Wasser noch auS dem Wagen befreien können, waren äber bei dem Versuch, ans Ufer zu gelangen, ertrunken. Starkstrom vorzeitig eingeschaltet. Als Sonntag nachmittags in Gabhorn bei Karlsbad der 21jährige Maurer Rudälf Ritirfch an einem Transformatorenhaus Tüncharbeiten vornahm, wobei er sich mtt einer Hand an der Hochspannungsleitung fefthielt, wurde Punkt 15 Uhr der Strom eingeschallet und der Maurer von demselben erfaßt. Rittrsch stürzte aus einer Höhe von 7 Metern zu Boden, wobei er derart schwere Verletzungen beim Sturze erlitt, daß er kurz darauf verschied. Stadt. Seit vielen Monaten führen dre Einwohner der indischen Kleinstadt Pra- togpin bei Jabalpur einen erbitterten Kampf gegen eme Unmenge von Affen die offenbar im nahen Ur- wald nichtmchr genugNahrung finden und deshalb zuimchst bis zu den«sten menschlichen Siedlungen vordrangttuSie bemächtigten sich aller Lebensmittel, -ja sie erreichen konnten und wurden»Umbrich muner Tube» Ki 4.— u. K2 6.—. Inland. Erzeugnis steht gezwungen zu kaufen. 1933 f Schwache Waggonbeistellung im September. Die gleichzeitig veröffentlichten Dat« über die Waggonbeistellung für September d. I. ergibt gegm- Lber September 1988 für das Inland ein« kleinen Rückgang von 358.719 auf 854.410 Waggons, der jedoch durch das Anftetgm der für d« Export beigestelltm Waggons(von 25.184 auf 80.696) aufgewog« wird, so daß noch ein Plus von 1208 Waggons resulttert. frecher, als sie merkten, daß di« Mensch« ihnen nichts taten. Den Indern ist bekanntlich aus religiös« Gründen das Töten von Tieren verboten. So sahen sich die Bewohner der von den Affen bedrängten Kleinstadt gezwungen, ihre Stadt zu verbarrikadieren. Aber das war selbstverständlich wenig aussichtsvoll. ES ließ sich nicht verhindern, datz unübersehbar« Horden di« Stadt überschwemmten. Jetzt hat man sich endlich«ntschlietzen müssen, die Stadt restlos zu räumen. In einer Enffe«ung von 80 Kilometer woll« die 1200 Einwohner von Pratagpur eine neue Stadt errichten, die in ihrer Anlage sicheren Schutz geg« die Affenplage biet« soll. Kaffe« i« Meer vertreibt die Fische. In d« letzten Monaten ist der Fischfang an der brasiliani« Außenhandelsstatistik angeführt sind, Rußland erst au 18. Stelle! Die Entwicklung der russischen Außenhandels von 1933 zu 1984 ist mit den verschiedenen Lände« ganz ungleichmäßig gewesen. Im Vergleich zum 1. Halbjahr 1933 haben im 1. Halbjahr dieser Jahres folgende Länder ihre Ausfuhr nach Rußland st e i g e r n können: Belgien um 33.99 Prozent, Holland um 246.3 Prozent, Frankreich um 81.8 Prozent, die Bereinigten Staaten nm 50.2 Prozent, Schweden um 31.9 Prozent, England um 24.1 Prozent. G e s u n k e n ist die Ausfuhr nach Rußland bei Polen um 87.7 Prozent, Italien 29.3 Prozent, Norwegen 32.4 Prozent, Dänemark 36 Prozent und Deutschland 83.6 Prozent. Dagegen ist die Ausfuhr Rußlands gestiegen: nach Norwegen um 26.6 Prozent, den Vereinigten Staaten um 20.8 Prozent, Dänemark um 14.4 Prozent, Schweden um 6.9 Pro, zent, England um 5.6 Prozent; zurückge- g a n g e n ist sie: nach Hofland um 1.1 Prozent, Polen um 4.7 Prozent, Frankreich um 5.8 Prozent, Italien um 13.7 Prozent, Belgien um 29.9 Prozent, Deutschland um 30 Prozent. Nach der ffchechoslowakischen Handelsstatistik ist in d« Monat« Jänner bis Mai 1934 die Einfuhr der Tschechoflowakei aus Rußland um etwa 18 Prozent höher als im gleich« Zeitraum des Vorjahres» während die Ausfuhr nach Rußland um rund 65 Proz«t gesunken ist! Es ist in den erst« fünf Monaten bereits ein Einfuhrüberschuß für die Tschechoflowakei von über 37 Millionen AL zu verzeichn«. Englische Arbeiterpartei und Sozialisierung Auf dem Kongreß der mglischm Arbeiterpartei wurde auch über die Probleme der Soziali« sierung im Hinblick auf die bevorstehende Arbeiter» regierung verhandelt. Der linke Flügel unter Leitung von Cripps verttat die Forderung nach enffchädigungsloser Enteignung.— Morrison trat dieser Ansicht namens des Vorstandes entgegen. Man müsse, sagte er, unterscheiden zwischen demokratischer und diktatorischer Politik. England und daS englische Volkhätten nichts übrig für eine Enteignung ohne Entschädigung. Man solle kett: solcher Narr sein, die Lehren der jüngsten allgemeinen Wahlen zu vergess«. Jeder Arbeiterkandidat wisse aus Erfahrung, daß der größte Widerstand nicht von den Kapitalisten, son- dern von d« Arbettern und d« flein« Spare« komme, die um ihre paar Schillinge in der Sparkasse bangen. Partei und Gewerkschaften, wenn sie an die Regie«ng kämen, könnt« sicherlich nicht mit der sofortigen Sozialisierung aller Industrien beginnen, weil daS physisch unmöglich sei. ES sei leicht, sagte Morrison, ein radikales Sozialisie- «ngSprogramm aufzustellen: die Haupffache bleibe doch, ob man mtt einem solchen Programm die Mehrheit deS BofleS hinter sich bekommt. Bevor man ein radikales Programm annehme, von dem man wisse, daß eS verworfen wird. Möge man lieber gleich politischen Selbstmord begehen. Der Parteivorstand halte fest an der Auffassung, datz ein« allmähliche Sozialisterung mtt einer redlich«, angemessenen Entschädigung das richtige ist. Allmählich müsse eine Schlüsselindustrie nach der anderen in Staatsbesitz komm«, wodurch die Gesellschaft in genügender Weise Herr wäre über di« Kommandohöhen des ökonomischen Lebens. Erst dann könnten weitere Schritte getan werden, vor dm« man dann nicht mehr Angst z« hab« brauche. Dies« Standpunkt Morrisons machte sich der Kongreß der Arbeiterpartei mtt 2,118.000 Stirn» men zu eigen. Auf den Vorschlag Cripps' entfielen 149.000 Sffmmm...»• Fischarten, die bisher reiche Erträge liefert«, find fast vollständig verschwunden. Man hat sich daher entschloss«, den Grund zu dieser»Fischflucht" ausfindig zu mach«. Was die Sachverständigen sch« lange vermutet«, fand seine Bestätigung. Der Kaffee, der bekanntlich in riestgen Mengen an der brasilianischen Küste ins Meer geschüttet wurde, hat den meisten Fffchen den Aufenthalt verleidet. Man hat Versuch« angestellt und dabei gefunden, datz schon eine geringe Beimengung von Kaffe« inS Meerwasser den Fischen ihren Aufenthalt so verleidet, datz sie' schleunigst das Weite suchen. Da eS ja auch nicht der Zweck der Kaffeebohnen ist, ins Meerwasser geworfen zu werden, wird man hoffentlich in Zukunft davon absehen, daS Leb« im Meer durch überschüssig« ADW Neue Zuchthausurteile wegen Illegaler Arbeit Der Justizterror im Dritten Reich fordert täglich neue, ungezähfte Opfer. Aus den Prozeh- Serien, die hinter verschlossenen Türen sogenannter Volksgerichte stattfinden, ist eine, die sich speziell gegen die Sozialistische Arbeiterpartei richtet, durch ihre brutalen Strafmaße besonders bemerkenswert. Wie wir erfahren, wurden in der vergan- gmen Woche eme Reihe von SAP-Genoffm in Hamburg wegen Vorbereitung zum Hochverrat verurteilt, darunter der in sozialistischen Kreisen weitbekannte Junglehrer Franz B o b z i e n-Ham- burg, der bekanntlich im Feber d. I. unter Bruch des Ashlrechts von Holland an die Gestapo-Agen- ten gefesselt ausgeliefert wurde. B o b z i e n wurde zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt, während von den mitangeklagtm sieb« Flensburger Arbettern einer drei Jochre, zwei je zwei Jahre und einer eineinhalb Jahr« Zuchthaus zudittiert bekamen. Den letzteren wurde als besonders erschwerend angerechnet, daß sie verfolgten Antifascisten— ohne Unterschied der« parteipolitischer Zugehörigkeit-— beim Grenzübertritte behilflich waren. Gegen weitere zehn SAP-Mitglieder aus Berlin fand am 29. September ein Prozeß statt, in welchem die Angeklagten, darunter zwei Frauen, wegen Legaler Beteiligung Gefängnisstrafen von acht Monaten bis eineinhalb Jcchren erhielten. Diese Genossen hatten in der»Voruntersuchung" unendliche Qualen auszuhalten. Auch diese Urteile werd« ihr Ziel, die treu zur Sache des Sozialismus Stehenden abzuschrecken, verfehlen und nur stärker anspornen bei der Arbett zum Sturze dieses barbarischen Systems. Bemerkenswert ist dazu noch folgendes: Die Termine wurden überraschend schnell angesetzt, so daß man annehmen kann, daß die Rechtsanwälte nicht b«achrichtigt wurden. Bobzien kant plötzlich von Berlin nach Hamburg und wurde dort abge- urteilt. UebrigenS befand sich dieser Hamburger Junglehrer schon einmal im Jahre 1932 acht Monate in Untersuchungshaft. Bobzien ist das Opfer holländischer Behörden, die ihn trotz eines gültigen Paffe» und trotz Aufenthallsbewilligung für Dänemark, von wo er nach Holland kam, an die deutsche Polizei ausgeliefert hatten. Mtt ihm noch andere, die bisher noch nicht abgeurteilt wur- Jn den nächsten Tagen beginnen die offi- zieflen Handelsvertragsverhandlungen zwischen der Tschechoflowakei und Rußland. Die bisherige Grundlage im Handelskehr dieser beiden Länder war der am 2. Dezember 1922 in Kraft getretene vorläufige Vertrag ohne Meistbegünstigungsklausel. Es hat sich ein umfangreicher Außenhandel in den zwölf Jahr«, in denen dieser Bartrag wirksam ist, zwischen Sowjetrußland und unserem Staate nicht entwickelt. DaS lag einmal au der polittschen Spannung, die sich nach Beendigung des Krieges aus d« besonder« Berhältniss« gerade zwffchen diesen beiden Lände« ergaben, dann aber auch daran» daß Towjetrußland infolge des Umbaues seines inner« wirtschaftlichen und politisch« Systems nur langsam den Wiederan- schluß an den Welthandel vollzieh« konnte. Als die Einschaltung gelang und Rußland der Reihe nach mit einer Anzahl Staaten Handelsverträge abschloß, stemmten sich in unserem Lande noch politische Hemmungen gegen die wirtschaftliche Verständigung. Unter dem ersten Fünfjahresplan zum Auflau der sowjetrussischen Wirtschaft ist der«ffische Außenhandel besonders«sch vprwärtsgetrieben worden. Rußland brauchte, wenn der Plan auch nur zum Teil erfüllt werden sollte, große Mengen von und Halbfertigprodukten auch Rohswffe. Es war zu jener Zeit selbst wmn die Bedingungen nicht immer dir günstigst« waren. Die deutsche, englische und amerikanische Ausfuhrindustri« hat damals an dem Geschäft mit Rußland gut verdient. Diese guten Zeiten sind für die Handelspartner mit Rußland vorüber. Noch immer muß der Sowjefftaat auf einen starken Außenhandel Wert legen. Aber er hat seine Einfuhr seit 1932 doch »recht stark einschränken.müssen,. Dazu zwingen ^«mna(,tzie Auswirkung« per Weltkrise d,r kapi- talisttschen Wirtschaft, dre natürlich auch Rußland nicht unberührt lassen, und zum anderen die Ber» ände«ng im russischen Bedarf, die durch den Aufbau der industriellen Produktion eingetreten ist. Der gesamte Warenverkehr im«ssisch« Außenhandel betrug im erst« Halbjahr 1934 knapp 300 Million« Rudel, während er im gleich« Zettraum 1932 über 680 Millionen Rubel betrag« hatte. Als Tendenz im«ssisch« Außenhandel ist eine starke Zurückdrängung der Fertig- und Halbfertigwaren und eine Steigerung der Rohstoffe in der Einfuhr festzustellen. Jntereffant ist für uns eine Statistik der an der«ssisch« Sin- und AuS- ftlhr hauptsächlich beteiligten Länder. ES bet«g in Prozenten der Anteil an der Gesamteinfuhr Rußlands im erst« Hafljahr: GEDENKET bei allen Anlassen der Arbeiterfürsorge! An der russischen Gesamtausfuhr bet«g der Anteil in P«zenten im gleichen Zeitraum: 1934 u| IlVUf UllVClv« Vit V Ivlft V IlVly 411IXI l UU^C Ul IC 144 4VU4' Aus dieser Entwicklung darf man schließen, daß den. Unter den Ve«ttelltrn befanden sich Flens- die Möglichkeiten der Intensivierung des tschecho-*■"——:i” v— slowakisch-russischen Außenhandels durchaus gege ben sind. Der Bedarf der«ssisch« Völker, die mehr als 165 Millionen Menschen zählen, an industriellen Waren kann noch auf längere Zett Hittaus nidbt von der russischen Industrie gedeckt werden? Dazu' kommt,' daß die russischen' Wirt schaftsführer gerade in letzter Zeit stark betonen, daß sie n i ch t der Autarkie zustreben. Es ist dem nach mit gutem G«nd zu erwarten, daß die Han delsvertragsverhandlungen einen günsttgen Ver lauf nehmen und einigen unseren Ausfuhrindu strien die Aussichten auf einen stärkeren Export ihrer Produkte nach Rußland eröffnen. Die Finanzgebarung der Staatsbahnen im Juli Wie daS Eisenbahnministerium miüellt, betru- die Einnahmen der Staatsbahnen im Weiks Saline: Ck!orocloni Volkswirtsdian nnd Sozialpolitik Neue Handelspolitik mit Rußland 1983 1934 England. -, 10.1 20.5 Deutschland 54.8 14.7 Vereinigte Staat«. 8.2 7.9 Holland. 1.1 6.4 Jtali«. 5.2 6.0 Frankreich 1.6 4.9 Polen.. 2.8 4.2 Belgien. 0.5 3.5 Schweb«. 0 1.2 2.6 England., N 14.8 18.5 Deutschland. ■ ■ 22.4 18.2 Frankreich« ■ ■ 5.7 6.3 Italien.. ■ ■ 5.3 5.4 Holland.. • 4.6 5.4 Belgien.. ■ 5.7 4.7 Bereinigte Staat« B 2.5 8.6 Dänemark. • 1.6 2.2 Schweden.. 1.5 1.9 Seite 6 „Sozialdemokrat" Mittwoch, 10. Oktober 1934. Nr. 237 PBAGEB ZMIUNft Berichtigung Herr Dr. Max Brod verlangt, gemäß 8 11 des, Gesetzes vom 10. IM 1933, Slg. 126, folgende Berichtigung unseres Artikels„Die Rose und der Duce"(Nummer 224 des„Sozialdemokrat" vom 25. September 1934):„Unwahr ist, daß, da„der Max Brod nicht dabei sein konnte, wenigstens di: Leser seiner Rubrik eine Freude haben sollen". Wahr ist vielmehr, daß Max Brod keine Rubrik im„Prager Tagblatt" redigiert, daher auch keine als„seine Rubrik" bezeichnet werden kann, da er ausschließlich als Verfasser der von ihm gezeichneten Beiträge und Kritiken tätig ist." Simultanvorstellung des Schachmeisters Flohr in Prag. Großmeister Flohr gibt vor seiner! Abreise nach Rußland am Donnerstag, den 11. iNtober, eine Simultanvorstellung an 50 Brettern. Gespielt wird im Grand Cast„Boulevard" am Wenzelsplatz und nicht, wie ursprünglich gemeldet wurde, im Hotel„Zlatä Husa". Beginn der Vorstellung um halb 20 Uhr. Kunst und Wissen Beethoven und wir. Ministerialrat a. D. Prof Leo Ke st en berg hielt im Rahmen der Masaryk- Pollshochschule bereits seinen Vortrag über das gewählte Thema: Beethoven und wir. Mi: lebhafter Rhetorik behandelt er diesen dankbaren Stoff, wohl wißend, daß kaum ein anderer Meister besser dazu geeignet ist, unserer Zeit als Vorbild zu dienen als Beethoven. Der Vortragende stellt diese Persönlichkeit in klares Licht, versucht Beethovens Schaffen dem Zuhörer nahe zu bringen, indem er Werke des Meisters reproduziert. Das erste Mal waren es die Diabellivariationen, nun die Variationen über einen russischen Tanz aus dem Ballett „Das Waldmädchen" und die Cello-Variationen über ein Thema aus Mozarts„Zauberflöte". Der Vortragende spielt, analysiert, erklärt, spielt wieder vor und schließlich gelingt es ihm wirklich, die Zuhörer zu zwingen, zu Beethoven zu kommen. Mit herzlich gespendetem Beifalle endete der anregende Vortrag, der in sechs weiteren Abenden seine Fortsetzung finden wird. Spielpla« des Reuen Deutschen Theaters. Heute Mittwoch, halb acht Uhr: Das kleine C a f 6, B 2.— Donnerstag halb 8 Uhr: Die Entführung aus dem Serail, C 2. — Freitag halb 8: Die S" achtvor dem Ultimo, D 1.— Samstag 3 Uhr: Admiral Bobby, halb 8 Uhr: Rigoletto, Gastspiel Willy Domgraf-Faßbender, D 2. Spielplan der Kleine« Bühne. Mittwoch, 8 Uhr: Nobelpreis.— Donnerstag, 8 Uhr: Märchen s.m Grandhotel.— Freitag 8 Uhr: SensationS Prozeß.— Samstag, halb 8 Uhr: Revue: Hoch klingt das Lied vom braven Mann, Uraufführung. Der Film Klein Dorrit Dieser Lamac-Ondra-Film(der wieder in Deutschland fabriziert wurde) weicht von dem bisherigen Schema dieser Luftspielform ab. Er hat de» Ehrgeiz, eine Erzählung des englischen Dichters Charles Dickens auf die Leinwand zu bringen,— ein Werk also, das nichts mit possenhaften Verwechslungen, schwankhaften Verkleidungen und scherzhaften Verwicklungen zu tun hat, um so mehr aber mit einer gütig-heiteren Menschlichkeit, die uns Heutigen zwar allzu unproblematisch erscheint, aber in ihrer Schlichtheit und Wirklichkeitsliebe doch wirksam geblieben find. Die Anklage, die Dickens gegen die Grausamkeit des Schuldgefängniffes erhoben hat, in das die erfolgreichen Spekulanten die weniger erfolgreichen werfen ließen, und die Klarheit, mit der er den Hochmut und die Gewiffenlosigkeit der „guten Gesellschaft" zeichnet, haben die Institutionen des Schuldturms und die Moden des alten England überdauert. Es hätte also ein werwoller Film aus dieser Vorlage entstehen können, wenn Karel Lama! und Anny Ondra sich der Aufgabe getvachsen gezeigt hätten, historische Echtheit mit sozialer Ethik zu Vereinen. Aber der Uebergang der Lustspiel-Firma ins ernste Fach ist nur unvollkommen geglückt. Der Regisseur Lamac jagt allzu deMich nach den gemütlichheiteren Szenen, die seinem Talent am nächsten liegen— und der Star Anny Ondra spielte allzu sehr im Vordergrund und bleibt bei allem Bemühen um schlicht-ergreifende Wirkungen doch puppenhaft und äußerlich. Es ist kein schlechter Film geworden. Aber ein Film, der beffer hätte werden müffen, um sein Ziel zu erreichen.— eis— Sport• Spiel» Körperpflege Fifa bewilligt Russenspiele! Die sowjetrusfischen Fußballer, welche diese Woche gemeinsam mit Leichtathleten zu Wettkämpfen in der Tschechoflowakei eintreffen, werden au: Sonntag an Stelle des vorgesehenen Spieles mit dem Profiklub Sparta gegen ein Team der FPT antreten. Dienstag, den 16. d., werden die russischen Fußballer und die Leichtathleten in Brünn starten. Der Gegner der Fußballer ist S K. Z i d e n i c e. Die Brünner Prosi haben von der Fifa im Wege durch die CsAF die Bewilligung erhalten. Am20. d. willSpartaKladnoein Spiel mit den Ruffen austragen und voraussichtlich wird die Fifa auch diesem Ansuchen stattgeben Wie verlautet, trägt sich auch Viktoria Pilsen mtt der Absicht, mit den Russen zu spielen. Wie zu ersehen, sind die hiesigen Kommunisten diesmal der erste Gegner, der mit den Ruffen spielen wird— aber nur durch Zufall, da der 14. Oktober ja für die Prager Sparta reserviert war. Die Fifa hat sich anscheinend eines anderen besonnen und die Gegnerschaft gegen Sowjetrnßland aufgegeben, Wohl in der Hoffnung— wie die Boxer- Internationale—, daß die Ruffen Verhandlungen über einen eventuellen Eintritt dann eher geneigter wären. Ist daS Arbeitersport? Im Züricher Bruderblatt„Volksrecht" lesen wir unter obigem Titel: „Am letzten Sonntag grüßten uns rote Fahnen im Sihlhölzli, der Lautsprecher spielt die Internationale — es muß etwas Großes im Gange sein, also gehen wir hinein. Außer einigen Sportlern und Funktionären liegt der große Platz in gähnender Leere. Das Programm gibt uns reichlichen Aufschluß über Wesen und Charakter der Veranstaltung. Der Arbeitersportverein Zürich-Altstadt führt hier Meisterschaftsaustragungen und„internationale" Sportwettkämpfe durch. Die gleiche Organisation führt eine Regiewirtschaft, deren sechs Serviertöchter seit 8 Uhr herumstehen mußten und um Mittag mit aller Mühe einen kurzen Imbiß, bestehend aus Zervelats und Brot, erhielten. Es war aber auch bemühend, mitanzusehen, wie bei vielen der Beteiligten die Sportdisziplin aufgefaßt wurde. So sahen wir Sportlerinnen. die sich noch im Sprungwettkampf befanden, auf den nahen Ruhebänken, ungeachtet ihres Nummeraufrufes,beim Biertrinken. Einzelne Wettkämpfer mußten durch den Lautsprecher vier- und fünfmal ausgerufen werden, bis sich endlich die richttgen Leute am Start meldeten. Unnötig viel Pulver wurde durch den Starter„verchlöpst"; so wurde bei einem einzigen Start nicht weniger als viermal geschaffen. Ost wurden mehr Organisationen zum Wettkampf aufgefordert, als sich Teilnehmer am Start einfanden. Und so etwas nennen die Kommunisten„Rot-Sport" l"— Da erübrigt sich jeder Kommentar! Tennisspielen ein gntes Geschäft. Das Pariser„Weltmeisterschaftsturnier" der Profi hat, wie jetzt feststeht, eine Einnahme von 116.000 Franken ergeben. Allein der letzte Tag brachte 63.000 Franken ein. Nach Abzug aller Unkosten verblieben noch 50.000 Franken, so daß an die sieben Spieler mit Tilden an der Spitze je etwa 12.000 K£ ausgezahlt werden konnten. Uleramr Oskar Baum:„Zwei Deutsche", Verlag: La BWiotheque,' Antwerpen.— Den größeren Teil dieses Romanes hat der Dichter vor dem Machtan- tritt des deuffchen Fascismus geschrieben. In einer kurzen Nachbemerkung sagt er, es erscheine ihm„zur Gewinnung des nöttgen Distanzgefühls zum heutt- gen Deutschland wichtig, nach den grellen Eindrücken des Umsturzes die unmittelbar vorangegangene Zeit, vor allem die Stimmung des Jahres 1932, ungetrübt von Parteilichkeit zu betrachten."— Baums Versuch, objektiv zu sein, ist in erstaunlichem Ausmaße geglückt. Es kann keinen Zweifel geben darüber, auf welcher Seite er steht, aber der Nationalsozialist, der einem zum Marxisten gewordenen Jugendfreunde gegenübersteht, dieser Fabrikantensohn Rolf, hat fast durchwegs sympathische Züge, während sein Widerpart Erhard nicht ganz so gefällt. Rolf ist einer jener Studenten, die wirklich an den sozialistischen Gehalt des Rattonalsozialismus geglaubt haben, gefangen zugleich von der nattonalen Erneuerungsverheißung, einer jener Studenten, die heute längst schwer an ihrer Enttäuschung tragen. Rolf ist so etwas wie ein„reiner Tor", und das ist er vor allem den Frauen gegenüber. Die hübsche Inge liebt er, weil sie ihm der Inbegriff eines keuschen Wesens" zu sein scheint; er vermag die sich zu schenken Bereite nicht zu nehmen, als er erfahren hat, daß sie etwas anderes ist. Ein Nationalsozialist, der nichts, gar nichts von dem Dreck und der Gemeinhett sah, die sich seit je hinter dem Schild mtt dem Hakenkreuz verbergen. Gewiß hat es solche National- sozialisten gegeben und gibt sie noch, aber sie sind wahrlich nicht typisch für die Angehörigen jener buntscheckigen Haufen, die Hitler an die Macht trugen! So daß also Baums nattonaler Student nicht der Repräsentant des NationalsozialiSrttUS ist! Gemeinsam ist ihm und Erhard die Hartnäckigkeit, mit. der die polittsche Ueberzeugung verfochten wird, das Starre, llngraziöse des„besessenen" Deuffchen, der keine Uedergänge, keine Zwischenlichter kennen will. Versöhnend aber fft die trotz allem dauernde Freundschaft-wischen beiden, die sich zweimal bewährt: zuerst, als Rolf wegen vermeintlichen polittschen Totschlages verhaftet ist, das zwettemal, als Rolf nach dem Nazffieg den Freund rettet. Rüben den beiden Männern stehen Inge, die leichte, aber nicht unsympathische bessere Dirne, die von Rolfs Schwester vergebens zu retten versucht wird. Sie fährt doch im Auto eines Kavaliers davon, und Hilde will mit Erhard nach Rußland gehen.— Es gibt in diesem Roman viele interessante Gespräche, viele gutgezeichnete Nebengestalten— die bemeickenswerteste der philosophierende Wanderer, den die Freunde nachts Abonnements- Bestellschein. Abonniere ab., 1934 das täglich erscheinende Zentralorgan der deuffchen sozialdemokratischen Arbeiterpartei Verwaltung Prag XU., Fochova tr. 62, zum Preise von 16 Ke monatlich, und sende diese«! Betrag nach Erhalt des Erlagscheines ein. twUie••,„DM D D M D D D H D D MD Genaue Adresse: Letzte Post: Unterschrift: im Walde treffen— und manche sehr schöne Epi«I sode, die man gern nochmals nachliest. Wie alle Büq cher Oskar Baums zeichnet auch dieses sich durch einfach-schöne, klare Sprache aus.— Eines der be-I sten Details: Im Gefängnis, in der Zelle, fäll» Rolf das Bruchstück eines Buches in die Härwe, das ihn ungemein fesselt, in dem er viel ihm richtt« Scheinendes findet. Aber als er später in einen« Buchladen das Fragment vorzeigt, dieses Buch kau-I fen will und erfährt, daß es das„Kapital" von! Marx ist, flieht er. Das ist wirklich charakteristisch! für den deuffchen Intellektuellen: er will den Mar-I xismus nicht kennenlernen, er will sich mtt ihm nicht! wirklich auseinandersetzen, es genügt ihm, von einen« „Führer", der auch vom Marxismus keine Ahnungl hat, zu hören, daß er schrecklich und verderblich iftJ — Oskar Baum hat in seinem Roman nicht gauzl die Spannungen des Jahres' 1932 eingefangenck jenen furchtbaren Schwebezustand, und seine beidem Deuffchen sind auch nicht charatteriftisch, nicht tnicM lich repräsentativ für die Deuffchen dieser Zeit—4 aber zwei interessante Menschen hat er gezeichnet undj ein wesentliches Stück ihrer Zeit und ihrer Well! I. H. j I Filme in Prager Lichtspielhäusern bis einschließlich Donnerstag, de« 11. Oktober i Adria:.Vergessene Männer".— Alfa:„De« ist mein Herz". E.— Avion:„Klein Dorit". D. Fenix:„Musik des Herzen". Tsch.— Flora:„Di» falschen Zwillinge". D.— Gaumont:„Der letzte, Mann". Tsch.— Hollywood:„Musik des Herzen"« — Hviizda:„Vergessene Männer".— Kinema, 8.4 Th.: Journale, Groteske. Report- Ab halb 2 bis r ii — Sowa:„Jud Süß". E.— Lucerna: ,Zud Süß". E.— Metro:„Der letzte Mann". Tsch.— Olympier„Helden der Eismeere— die Tscheljuskinleute". R.— Passage:„Maskerade". D.— Radio:.Der heldenhafte Kapttä» Korkoran". Tsch.— Skaut:„Tob ogg a n". Fr. — Svittozor:„Der letzte Mann". Tsch.— Carlton: ..Ter heldenhafte Kapitän Korkoran". Tsch.— Favorit:„Der heldenhafte Kapitän Korkoran". Tsch« — Lido:„Bella Donna". E.— Roxy:„Der Helden» haste Kapitän Korkoran". Tsch.— tt Bejvodu: . Zwei Herzen in Zärtlichkeit vereint". D.— Balde!:„Die falschen Zwillinge". D. ■■i.- 1 Mitteilungen aus dem Publikum Stuhlverstopfung. Spezialärzte für Verdau» ungskrankhetten erklären, daß das natürlich«: „Franz-Josef"»Bitterwasser als ein sehr zweckdie« liches Hausmittel warm zu empfehlen ist. Pariser Brief Bon Hans Hirth. Du irrst Dich, mein lieber Peter, wenn Du meinst, ich müsse schon allein deshalb ein glücklicher Mensch sein, weil ich in Paris leben darf. Nein, lieber Freund, es wäre höchstens ein Grund mehr, um noch unglücklicher zu sein. Paris soll die schönste, amüsanteste Stadt der Wett sein. Möglich! Wir aber, die kein Geld haben— wett man die wenigen Franken, die hier zu verdienen sind, wirklich nicht Geld nennen kann— merken nichts von den Schönheiten dieser Stadt. Die Annehmlichkeiten des Lebens bleiben überall den Reichen Vorbehalten. Hier scheint es sogar alleiniges Privilegium der Reichen zp sein. Ich werde es versuchen. Dir Paris so zu schildern, wie es in Wirklichkeit ist. Nicht mit den Augen der Tou- ristrn,' die sich an den Schönheiten des Place de la Concorde begeistern, die den Bois de Boulogne für den schönsten aller Großstadtwälder halten, den Verkehr vor der Oper, der von berittenen Wachleuten geregelt wird, mit dem größten Respekt betrachten, sehe ich Paris, sondern mtt den Augen der Erwerbslosen, der, um essen zu können, seinen Anzug verkaufen will und selbst dabei auf größte Schwierigkeiten stößt. Ja, glaube mir mein lieber Peter. Wir hatten neulich nichts zu essen, weshalb ich einen Anzug verkaufen wollte. Das Paket unter meinem Arm ging ich in die Gegend, wo die Altkleidergeschäfte wie die Pilze nebeneinander liegen und ihre von Herrschaften abgelegten Kleider feilbieten. Ich ging von Geschäft zu Geschäft, konnte aber meinen Anzug nicht loswerden. O nein. Es war ein guter Anzug. Mein Sonntagsanzug. Aber verkaufen konnte ich ihn doch nicht. In Frankreich darf der Trödler in seinem Geschäft nichts einkaufen. Wenn ich etwas zu verkaufen habe, dann muß er zu mir in die Wohnung kommen und es lohnt. Ich wohne in einem kleinen Hotel, wo ich nur mit schwerer Mühe und Not die Monatsmiete bezahlen kann. Nicht nu,r ich, sondern fast alle die„Glücklichen", die mtt' mir in einem Hotel wohnen, können nur mit den größten Schwierigkeiten sich den Luxus des Wohnens leisten. Du darfst nicht glauben, daß ich unter die Hochstapler gegangen bin, weil ich ständig im Hotel wohne. In Paris kennt man nicht den Begriff von möblierten Zimmern. Wer hier auch nur fünf bis sechs Zimmer vermietet, schreibt auf sein Haus mit großen Buchstaben oas Wort „Hotel" heraus.(Es muß schon eine gewattige Anstrengung kosten, in Paris einen Namen für ein neues Hotel zu finden. Dieser scheinbar vornehme Zustand des Hotelwohnens birgt schrecklich Gefahren in sich. Wer nicht pünülich auf die Stunde den Zimmerpreis bezahlen kann, wird unbarmherzig auf die Sttaße gesetzt. Und dann hat man die Möglichkeit, in den schönsten aller Großstadtwälder, den Bois de Boulogne, oder unter der Seine das Nachtquartter zu suchen. Hier ist alles auf Massenbetrieb eingestellt. In den Mammutwarenhäusern werden tausende und aber tausende Konfektionsanzüge verkauft und alle diese Menschen, die in den Konfektionszügen herumlaufen, nehmen auch ihre Mahlzeiten in Großbetrieben ein. Pris-Fix steht auf den großen Tafeln vor den Massenausspeisungen. Nun muß ich Dir von der berühmten französischen Küche auch etwas erzählen. Nicht von der Küche des Hotels Claridge, Grand Hotel oder den kleinen verschwiegenen Restaurants, wo ein Mittagessen zu zweit einige hundert Franken kostet, sondern von den Pris-Fix-Restaurants, wo um 6 bis 7 Franken eine Mahlzeit zu haben fft... x Lange, mit schmutzigen roten Tüchern bedeckte Tische stehen im Speisesaal. Körbe, so groß, wie sie bei uns die Frauen zum Einkauf auf den Markt mitnehmen, stehen mtt Brot gefüllt bereit. In allen diesen Gastwirffchasten besteht die Mahlzeit aus Vorspeise, Braten mit Beilage, nach dem Braten noch /in. Gemüse- Nachttsch, eine Flasche Bier oder ein Viertelliter Wein und Brot so viel matt will. Am Abend dasselbe und auch noch Suppe dazu. Es scheint recht ausgiebig zu sein. Tatsächlich, wenn man vpm Tisch aufsteht, kann man sich kaum rühren. Aber eine Stunde später hat man wieder Hunger. Die. Speisen werden aus ganz minderwertigem Rohmaterial hergestcllt, auf billigem, schlechten Oel gekocht. Ich kann Dir sagen, eine Portion Kraut mtt Knödel ziehe ich so einer Pariser Mahlzeit unbedingt vor. Hast Du aber nur 6 Franken in Deiner Tasche, dann wirst Du kaum diese reichhalttge Mahlzeit Dir in einem Restaurant kaufett könnt», weil Du einen Franken Trinkgeld'geben'mußt. Hast Du es nicht, dann bleibst Du mtt Deinen sechs Franken in der Tasche hungrig.' Dü meinst. Du würdest nur eine von allen diesen Speisen essen? Dann genügt noch weniger Deine Barschaft, weil es egal ist, ick Du nur eine'Suppe oder die ganze Speisekarte von oben bis nach unten bestellst. Du mußt das Couvert bezahlen, was im kleinsten Restaurant mindestens 1.50 bis 2 Franken kostet. Dafür bekommst Du eine Serviette und Brot. Dann das obligatorische Trinkgeld und Du kannst wahrhaftig höchstens einen Teller Gemüse essen. Es bleibt Dir nichts anderes übrig, als in ein Kaffeehaus zu gehen» dort einen Kaffee zu stinken und dazu ein Sandwich zu essen. Der Kaffee kostet am Barpull 60 Centtmes. Setzt Du Dich aber nieder, dann kostet er 1.25 bis 1.50 Franken. Warum? Ja mein Gott. Der Cafetier ist der Meinung, wer auf Bequemlichkeit reflektiert, der soll zahlen. i Auch in der Metro scheint dieses Leitprinzip zu sein. Es gibt erste und zweite Klaffe, gepolsterte und Holzbänke. Oft sind wir wie Heringe in der zweiten Klaffe hineigepreßt und der erste Klaffe-Wagen hinter uns fährt halbleer mit, bis im Champs Elysees, wo auch die wenigen Paffa- giere, meistens elegante Frauen, ausstergen, um in den Kaffeehäusern— wo eine Jause meht kostet als mein Mittagessen und Nachtmahl zu! sammen— ihre Modellkleider ausführen. Ich komme nur selten in diese Gegend. Wo« würde ich auch dort suchen? Mein Weg führt miE in diese Teile der Stadt, wo man doch ein wenik Aussicht auf Arbeit hat. Fast einen jeden Tai gehe ich an der Großmarkthalle vorbei. Hundert« und aber Hunderte von Menschen stehen hier he« um in der Hoffnung, für zwei bis drei Stunde! Arbeit zifi bekommen oder*— ein bißchen Obst stehlen zu können. Am hellichten Tag liegt eÄ alter Mann in bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt« Lumpen und schläft. Ein Wachmann steht unbw kümmert ein paar Schritte weiter. Warum ej ihn nicht wegjagt? Aus Mitleid? Aus Glei« gülligkett? Oder vielleicht, weil es auf dies» Einen vielleicht nicht mehr darauf mehr ankomnG da in ganz Paris Menschen auf der StraM schlafen. Wenn in der Nacht die Mesto gff schlossen wird, wirst Du auf einem jeden TrejU penabsatz der Eingänge Menschen finden, die&K Nacht hier verbringen. Der Parffer sieht es gat nicht mehr. Es gehört genau so zu dem Bild vöt Paris, wie die Männer auf dem Grand BoulG vard, die den unternehmungslustigen Fremd» in allen Sprachen der Well überreden, das bei rühmte Parffer Nachtleben zu studieren. M« würde glauben, daß zumindest in diesem MiliÄ alles glänzt. Aber mein lieber Peter, hier schr» einem das Elend vielleicht noch greller entgegen wie in der Marllhalle. In düsteren Nebengassebor den Häusern, die mit goldenen Möbeln, Te« pichen und Spiegelwänden auf den Besucher fom ten, stehen die Frauen dutzendweise. Frauen, m» eingefallenen Wangen— vorgestern vielleicht noy Verkäuferin bei Lafayette und heute steht sie veo braucht, ausgehungert auf der Sffaße, um sio für ein Nachtmahl, für ein paar Franken& verkaufen. Siehst Du, lieber Peter, das ist Paris. Bezugsbedingungen: Bei Zustellung ins Haus oder bei Bezug durch die Post monatlich Xö 16.—, vierteljährig Xi 48.—, halbjährig KC n«—. ganzjährig Kö 192.. Inserate werden laut Tarif billigst berechnet. Bei öfteren Einschaltungen Preisnachlaß.— Rückstellung von Manuskripten erfolgt nur bei Einsendung der Retourmarken.— Die Zeitungsfrankatur wurde von der Post- und Telegraphendirektion mit Erlaß Nr. 13.800/VH/103V bewilligt. Druckerei:.Orbis". Druck-, Verlags- und Zeitungs-A.-G. Prag