Nr. 243 14. Jahrgang Mittwoch, 17. Ottober 1934 ZENTRALORGAN DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEM ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung präg xu., fochova«. telefon atn. Administration toefor swä. HERAUSGEBER; SIEGFRIED TAUB. CHEFREDAKTEUR: WILHELM NIESSNER. VERANTWORTLICH» REDAKTEUR: DR. EMIL STRAUSS, PRAG. Einzelpreis 70 ffeNer (emcMMHch 5 Hdlar tato) Wahlsieg der norwegischen Arbeiterpartei Oslo. Am Montag fanden in ganz Norwegen Gemeindewahle« statt, an denen alle politischen Parteien, die Konservativen»ater andere« Bezeichnungen, z. B. als bürgerliche Einheitsgrnppe, teilnahme«. Roch liegen endgültige Berichte nicht vor. Nach den bisher eingelanfenea Meldungen hat die Arbeiterpartei einen bedenteade» Gewinn erzielt, in der H a« p t st a d t wird sie möglicherweise die absolnteMehrheit bekommen. Die norwegische Arbeiterpartei ist eine streng marxistische Partei. Der„sterbende Marxismus" hat ein sehr merkbares Lebenszeichen gegeben. Er erobert mehr«nd mehr eines der Nordischeste« Völker. Bei de« Gemeindewahlen im Jahre 1931 erhielt die Arbeiterpartei ans dem Lande 35.5 Prozent, in den Städte« 40.17 Prozent der Stimme«. Im Vorjahre erzielte die Partei bei den Parlamentswahle« bekanntlich einen sehr große« Erfolg. Ma« sah den Ge- meiadewahle» mit großer Spananag entgegen: sie mußte« zeigen, wie sich seit den Parlamentswahlen die Arbeiterpartei in der Bevölkerung behauptet hatte. Selbstverständlich hofften die Bürgerparteie«, die Sozialisten znrückzndränge«. Sie haben sich getäuscht. Für 230 Millionen öffentliche Arbeiten Arbeitsbeschaffungsprogramm des Fürsorgeministeriums— Heran* Ziehung der schon länger Arbeitslosen— Beschäftigung der Jugendlichen— 40stündlge Arbeitswoche bei staatlichen Aufträgen Montag sprach eine Abordnung der beiden sozialdemokratischen Parteien und d^r gemeinsamen Landeszentrale der freien Gewerkschaften beim Fürsorgeminister Genossen Dr. Meißner vor, um ihm die Wünsche der Arbeiterschaft auf dem Gebiete der Arbeitsbeschaffung und Arbeitslos en fürs arge vorzutragen. Die Mitglieder der Abordnung setzten dem Minister die, durch die langandauernde Maffen- arbeitslosigkeit geschaffene Situation auseinander und beschäftigten sich insbesondere mit der Notwendigkeit, für die Finanzierung gemeinnütziger Arbeiten Sorge zu tragen, da die Selbstverwaltungskörper nicht mehr in der Lagt sind, die Mittel hiefür aufzubringen. Sie verwiesen ferner auf die Schädigung der Arbeitslosen durch die trotz der Arbeits- lcsigkeit andauernde Ueberstundenarbeit und brachten eine Reihe von Wünschen hinsichtlich der Durchführung öffentlicher Arbeiten und der Kontrolle der Arbeiterschutzmaßnahmen überhaupt vor. Der Minister erklärte der Abordnung, daß er sich mit allen diesen Problemen bereits eingehend beschäftigt und ein Programm ausgearbeitet habe, das er sodann entwickelte. Wir geben den wesentlichen Inhalt der Darlegungen des Genossen Meißner im nachstehenden wieder: Um den Gemeinden und Bezirken» welche die notwendigen Eigenmittel nicht aufbringen können, die Durchführung von Notstandsarbeiten zu ermöglichen, hat die Regierung auf Anregung des Ministers für soziale Fürsorge beschlossen,«inen Betrag von 45 Millionen XL bereitzustellen, aus welchem den Bezirken und Gemeinden Darlehen für gemeinnützige Arbeiten gewährt werden sollen. Auf diese Weise können Arbeiten mit einem Gesamtaufwand von 230 Millionen XL durchgeführt werden. Dazu sollen vor allem die Arbeitslosen herangezogen werden, die besonders lange unter der Arbeitslosigkeit leiden. 1.5 Prozent d er so eingestellten Arbeitslosen sollen der arbeits» losen Jugend entnommen werden. Bei Durchführung größerer Arbeiten in Bezirken mit geringer Arbeitslosigkeit sollen Arbeiter aus den von der Arbeitslosigleit besonders schwer betroffenen Bezirken herangezogen werden, und.zwar entweder in der Form freüvilliger Arbeitslager oder auf Grund behördlicher Zuweisung. Durch abwechselnde Beschäftigung soll einer möglichst großen Anzahl von Arbeitslosen Aicheitsgelegenheit geboten werden. Aehnliche Maßnahmen sind auch bei den von der staatlichen Eisenbahnverwaltung, vom Ministerium für nationale Verteidigung, vom Land- wirtschaftsministerium und änderen Zentralbehörden durchzuführenden Arbeiten geplant. In jenen Gemeinden und Bezirken, welche auch die Möglichkeit der Darlehensaufnahme nicht ausnützen können, will der Minister im Einvernehmen mit dem Ministerium des Innern dahin wirken, daß durchMitwirkungderver-- mögenden Bürger Notstandsarbeiten durchgeführt werden, zu welchen das Mini-, sterium für soziale Fürsorge aus dem Titel der produktiven Arbeitslosenfürsorge beitragen wird. Der Minister teilte ferner mit, daß er eine Enqutte der Arbeitnehmer und Arbeitgeber über die Möglichkeit der Belebung der Baubewegung abgehalten habe, in welcher die Wünsche legislativer und administrativer Natur vorgetragen wur- Paris. Silvester M a l« y, der am Montag in Mein» verhaftet worden war, gab beim Verhör an, daß erMioKralj heiße«nd am 17. September 1908 in Koprovice in Jngofta- wien geboren wurde. Das Verhör dauerte die ganze Nacht an. Schließlich gestand Kralj ei«, daß er an der Verschwörung gegen König Alexander beteiligt war. Er sei mit dem Mörder Kelemen-Georgijew in Marseille beisammen gewesen und habe den Befehl erhalle«, an seine Stelle z« trete«, falls Kelemen i« letzte» Augenblick daran verhindert sein sollte, das Attentat ansznführe». Kralj hat auch eingestande«, daß die drei Gepäckstücke mit Waffe«, Kleider»«nd Papiere» der an dem Marseiller Verbreche« beteiligte« Terroristen, die in der Garderobe des Lausanner Bahnhofes hinterlegt Ware«»nd am Montag von der Geheimpolizei geöffnet wurde«, ihm gehören. Spätere Berichte besagen, daß das Geständnis Malny-Kraljs sich in vollem Umfange mit den Geständnissen Benes-Rajtik und Novak-Pospisils deckt, daß sie nämlich B« d a p e st m i t u u g a r i- scheu Pässen verließen und sich am den, die der Minister schrittweise zu verwirklichen beabsichtigt. Bei allen staatlichen Aufträgen soll die vierzig stündige Arbeitswoche streng st ens eingehalten werden. Die Arbeitgeber bzw. die öffentlichen Bauführer sollen verpflichtet werden, um so viel mehr Arbeitskräfte neu einzustellen, als dem Werte des Staatsauftrages bzw. der bewilligten Subvention entspricht. Diese Arbeiter sollen eventuell in Wechselschichten beschäftigt werden. Die näheren Einzelheiten sind mit dem Betriebsausschuß bzw. den Vertrauensmännern der Arbeiter zu vereinbaren. Bei allen öffentlichen Arbeiten sind vor allem Arbeitslose zu beschäftigen, insbesondere solche, welche Unterstützung beziehen. Bei der Auswahl ist auf die Dauer der Arbeitslosigkeit, die Vermögens- und Familienverhältniffe Rücksicht zu nehmen. Auch hier sind 15 Prozent Jugendliche einzustellen. Die Aufnähme der Arbeiter darf nur durch die öffentliche oder gewerkschaftliche Arbeitsvermittlung erfolgen. Maschinelle Einrichtungen, durch welche Arbeitskräfte überflüssig werden, sollen nicht verwendet werden. Es darf nur inländisches Material verwendet werden. Die Kontrolle über die Einhaltung dieser Vorschriften, sowie auch über die Zahlung der vertraglichen Löhne und die Einhaltung der kollektivverttaglichen Bestimmungen soll nicht nur von den Organen der Gewerbe- inspcktion, sondern auch von den Organen der technischen Bauaufficht durchgeführt werden. Uebertretungen sollen streng, im Wiederholungsfälle mit Strafen bis zu 50 Prozent des Lieferungspreises oder der Subvention geahndet werden. Der Minister erklärte auch, daß er einen Ausbau der Gewerbeinspektion, insbesondere auch durch Heranziehung von Arbeiter-Inspektoren, plant. Zu diesem Zwecke wurde die einschlägige Budgetpost erhöht. Der Minister teflte ferner mit, daß in dem Staatsvoranschlag für das kommende Jahr die Uebernahme der Staatsgarantie für Darlehen zur Durchführung gemeinnütziger Arbeiten bis zum Betrage von 50 Millionen XL vorgesehen ist. Zu den Beschwerden über das Ueberstunden- wesen erklärte der Minister, daß er die Erlaffung strenger Vorschriften in dieser Richtung vorbe- reitet. Die Arbeiteröffentlichkeit wird dieses Programm des Fürsorgeministers sicherlich mit großer Genugtuung zur Kenntnis nehmen. Die Sozialdemokratie«nd die freien Gewerkschaften werden für die Verwirklichung dieser Maßnahmen, deren Durchführung zweifellos wesentlich zur Milderung der Arbeitslosigkeit beitragen kann, alle ihre Kräfte einsetzen. 26. September in Zürich mit Suk-Kelemen- Georgijew«nd dem von der Schweizer Polizei fieberhaft gesuchten Hauptdelegirrten Paveliis, Kraemer- Kvaternik, ,trafen. Bon Zürich fuhren sie alle nach Lausanne, wo sie sich im Hotel als Ungarn eintrugen. Bon Lausanne begaben sie sich mit tschechoflowakischen Pässen in zwei Gruppen über Evian, bezw. Thonon nach Frankreich. Am 28. September trafen sie in dem nach Paris fahrenden Zuge neuerlich zusammen. Was das Marseifler Attentat anbelangt, behauptet Krolj, daß er vor dem Attentat in Ge- sellschaft Kelemens war und daß er im letzten Augenblick gezögert habe, das Attentat aus Furcht, er könnte„Unschuldige töten", durchzuführen. Er habe auch Kelemen überreden wollen, der aber in Wut geraten sei und ihm gedroht habe, e r werde ihn erschlagen. Er habe daraufhin Kelemen verlaßen und behauptet, in dem Augenblick, da Kelemen das Attentat verübte, nicht mit diesem gewesen zu sein. Auf Grund des Geständnisses Malnys entdeckte die Polizei m dem Hotel in Aix, in dem die Berschwörer schliefen, in einem Strohsack einen Revolver und zwei Bomben. Die gefundenen Bomben waren den bei dem Mörder Kelemen vorge-! denen Bomben ganz ähnlich. Auch Malny-Kralj gesteht Gemeinsame Abreise der Verschworenen von Budapest Ein Verärgerter spricht... Mayr-Harting gegen Sramek „Nichts leichter für einen Vertreter der Opposition, als der Regierung und Mehrheit ein langes... Sündenregister vorzuhalten..." Also begann Mayr-Harting sein politisches Referat auf dem christlichsozialen Landesparteitag in Tetschen. Er hat dann aber doch der Aufgabe leichteren Teil gewählt. Denn seine Rede ist erfüllt von oberflächlichstem oppositionellen Ge- raunze. Nichts, garnichts hat die gegenwärtige Regierung dem christlichsozialen Exminister recht gemacht, denn sie leidet an einem Geburtsfehler, den ihr Herr Mahr-Harting nie verzeihen wird, nämlich daran, daß für ihn, trotz verzweifelter Anstrengung und Anbiederung, kein Ministerseffel mehr ftei blieb. Nun spielt Herr Mahr-Harting die gekränkte Leberwurst. Er, der deutsche Bürgerblockminister, bellagt sich über den„systematischen Abbau der Demokratte", über die Verschärfung des Schutzgesetzes, über die Ernennungen in den Gemeinden. Ohne zwingende Not, nur aus antidemokratischer Gesinnung heraus hat er seinerzeit Berwaltungsreform und Gemeindefinanzgesetz beschlossen, in Bezirken und Ländern das SystemderErnen- n u n g e n eingeführt. Heute wagt es Mayr-Har- ting, ohne schamrot zu werden und ohne um den letzten Rest seines poltttschen Kredits besorgt zu sein, sich zum Anlläger wider die Rotwehrmaßnahmen aufzuspielen, welche in der Abwehr des fascistischen Terrorismus ergriffen werden mußten! Daß Bürgermeister abgesetzt wurden, daß die Gemeinde-Autonomie geschmälert worden ist, daran ist nach der Meinung eines deutsch-christlichen Parteiführers nicht die Bankrotteurpolitik der K r e b s und Jung schuldig, das erkühnt er sich wider besse re sWissen den deutschen Sozialdemokraten zum Vorwurf zu machen. Herr Mayr-Harting hat sich mit dieser Argumentation auf das geistige und moralische Niveau jedes Dutzendschwätzers der Heimatfront begeben. Besonderes Gewicht scheint Herr Mayr-Harting darauf zu legen, als Wirtschaftspolitiker nicht ernst genommen zu werden. Er wettert über das Defizit im öffentlichen Haushalt. Er ist gegen die Ersparungspolitik, aber auch gegen neue Steuern. Wie will er das Defizit überwindend Beileibe nicht durch Kreditoperationen. Die Devalvation der Währung war auch schlecht. Also was will Herr Mayt-Harting eigentlich? Ja, die Militärlasten haben es ihm angetan! Zur Zeir des Bürgerblocks hatte der brave Mann gegen den Rüstungsfonds und gegen die Dienstzeitverlängerung nichts einzuwenden. In einem Augenblicke aber, da Hitlerdeuffchland bis an die Zähne aufrüstet, Ungarn stn Eldorado für Terroristen und Oesterreich ein Aufmarschgebiet für Mussolini geworden ist, geht Mahr-Harting unter die Pazifisten. Der Tschechoslowakei gibt er so nebenbei einen guten Rat: sie möge den römischen Protokollenbeitreten und sich damit unter die Patronanz Mussolinis und des Vatikans begeben. In Oesterreich und Ungarn, beide unter gut christlicher Herrschaft, bemerkt man allerdings von dem' neuen Wohlstand, begründe: durch italienische Präferenzen, noch verteufelt wenig. Ein Blick auf die jammervollen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse dieser christianisierter Nachbarländer hätte dem christlichsozialen Exminister die Deplaciertheit seines oppositionellen Geredes wenigstens ahnen lassen müssen. Reben der Wirtschaft der gut christlichen Diktatoren in Oesterreich und Ungarn können sich die Leistungen unseres demokratischen Regimes aber schon ans allen Gebieten sehen lassen! Wen will Mayr-Harting treffen, wenn er über den Niedergang des Exports zetert? Die Autarkiepolitik Hitlers? Nein. Die gehaßte rotgrüne Koalition in der Tschechoslowakei. Und dabei muß er auf die geisttge Beschränktheit seiner Zuhörer spekulieren, wenn er von einer rot-grünen Koalition spricht. Dieser Koalition gehört auch die tschechische Bruderpartei der deutschen Christlichsozialen an. Sie trägt für die Taten und Unterlassungen der Regierung zumindestens soviel Verantwortung wie die deutschen Sozialdemokraten. Warum hält sich Mäyr-Harting nicht an Kollegen Sramek? Sette 2 Mittwoch, 17- Tli-oer 1934 Nr. 243 Mr laßt den Annen schuldig werden..? SdNHles Vorgehen gegen den wilden Bergbau Untätigkeit gegen den Hunger Erfolg der französischen Konsolldlerungsanlelhe Paris. Die Zeichnung der inneren Konsolidierungsanleihe des Staatsschatzes wird Ende der Woche geschlossen werden. Die Anleihe hat einen sehr großen Erfolg. Bisher ergaben die Zeichnungen den Betrag von 8.760 Millionen Franken. Oder sollte in der Form einer antimarxistischen Rede ein versteckter Angriff gegen die tschechische Volkspartei geführt werden? Natürlich meldet sich der christliche Parteiführer zu den Antimarxisten. Der traurige Ruhm der Starhemberg und Schuschnigg scheint ihn nicht schlafen und sogar vergessen zu lassen, daß in den reichsdeutschen Konzentrationslagern katholische Politiker neben Marxisten sitzen. Frei nach Goebbels ruft Mayr-Harting aus:»D e r MarxiSmuSisttot. Eslebeder Sozialismus." Was ihn aber nicht hindert, einige Minuten später zu sagen:»W i r sind sozial, abernichtsozialistisch." Wofür will er also den Sozialismus leben lassen? Für die nächste Abschlachtung im Zeichen eines christlichen Henkerregimes? Vorläufig übt sich der abgetakelte Bürgerblockminister nur in sozialer Demagogie. Heuchlerisch beklagt er die»rücksichtslose Kürzung der Arbeitslosenunterstützung",»die Verschlechterung der Sozialversicherung". Welche Verschlechterung meint er denn da? Jene, die von den deutschen Christlich sozialen zur Zeit des Bürgerblocks mit- beschloffen und durchgeführt wurde? Oder meint er damit— um bei der Sozialversicherung zu bleiben— die gerade in Gang befindlich« Rentenaufbesserung für 160.000 Sozialversicherungsrentner? Was die Arbeitslosen-Unterstützung anbetrifft, ist die Unterstützungsfrist nach dem Genter System heute noch doppelt bis dreifach so lang und der StaatSbeitrag doppelt so hoch wie während seiner eigenen Ministerschaft. Mayr-Harting versteht eS gut, beißende Selbstkritik zu üben. Dr. C z e ch hat einmal gesagt, im Verhältnis zu dem, was in der Regierungszeit der deutschen Christlichsozialen geleistet wurde, seien die deutschen sozialdemokratischen Regierungsleistungen ein Himalaya. Mayr-Harting macht aus dieser Leistung einen»bescheidenen Maulwurfshaufe n". WennS auf fremde Kosten geht, kennt er sogar Bescheidenheit... Diese Demagogie scheint aber einem jugendlichen Sprecher des Parteitages, Schubert, denn doch zu arg geworden zu sein. Bei der Behandlung deS Jugendproblems fand er die passende Form, um seine Meinung über di« Leistungen Dr. C z e ch S und indivekt über die Tiraden Mayr-HartingS zu sagen, indem er erklärte: »Es ist ein Widersinn, auf der«inen Seite die demokratische Erziehung der Schuljugend zu fördern und auf der anderen Seite die bereits vorhandenen Ansätze positiver Mitarbeit der politisch mündigen Jugend beider Böller auf sozialem Gebiete, di« unter Minister Tzech so verheißungsvoll begonnen tont d e. wiederum abreißen zu lassen." Dieser Hieb saß nicht schlecht. Unter der Ministerschaft Dr. CzechS gab es einen verheißungsvollen Beginn. Vorher, unter Mayr-Harting, und das scheint auch die Meinung eines jungen christlichsozialen Politikers zu sein — nicht einmal eine» Maul« wnrfshaufenl Wir haben schon einmal auf die Verwaltungskunst der nordwestböhmischen Bürokratie hingewiesen» die mit den rabiatesten Methoden den wilden Bergbau bekämpft, aber den Menschen nicht sagt, wovon sie leben sollen. Nunmehr hat die Tepliher Bezirksbehörde in einem— von der „Freiheit" bereits veröffentlichten— Erlaß neuerlich das Verbot deS wilden Bergbaues ausgegeben und sozusagen begründet. ES heißt in dem Erlaß: Als Begleiterscheinung der Wirtschaftskrise und Auswirkung der langandauernden Arbeitslosigkeit entwickelte sich in den Kohlengebieten unbefugter Bergbaubetrieb auf den aufgelaffenen Gruben, genannt»Wilder Bergbau". Sein jetziger Umfang und die Art der Durchführung schädigt nicht nuräußerftfühlbardieEigen, tums-ünd Benutzungsrechte der privaten Besitzer von Gr-uben, Grubenmatzen und dazugehörige Grundstücke,... Die Bezirksbehörde Teplitz-Schönau scheint aber doch zu empfinden, daß die Eigentums- und Benützungsrechte der Kohlenbarone in dieser Zeit keinsehrwirksamessozia- l«S Argument sind, und stellt daher fest, daß der wilde Bergbau nicht nur diese gefährdet. Sondern er gefährdet auch bedeutend daS öffentliche Interesse und die öffentliche Sicherheit(LebenSgefährdungderwil- denBerghäuer, deren Mitarbeiter und der rechtmätzig in der Nachbarschaft der wilden Schächte arbeitenden Bergleute legaler Schächte, Gefährdung der Sicherheit der Gebäude und Kommunikationen durch Unterfahrung und Unterbauung u. dgl.) Ein rührendes Interesse, das man unter anderen Verhältnissen geradezu als human bezeichnen könnte. Merkwürdig nur, daß den Bürokraten solche Gedanken nie kommen, wenn sie wirklich einer hungernden Kreatur helfen könnten, sondern stet» dann, wenn sie einen» um ihm das Lebe« zu retten» zum Hungertode verurteilen! Die Bezirksbehörde aber macht auch noch darauf aufmerksam, daß der Kohlenhandel und durch Steuerhinterziehung die Staatsfinanzen geschädigt werden. Nun, beiden wird nicht aufgehol-fen werden, wenn man den wilden Bergbau und den wilden Kohlenhandel unterdrückt. Denn wie wir schon einmal geschrieben haben: die armen Leute, die als Abnehmer der ArbeitSlosen-Kohle in Frage kamen, werden nun keineswegs die teuere und richtig versteuerte Kohle kaufen,^sondern sie werbest ebütt ss r i e r e n. Genau sS wie'es rin Irrtum der Wirtschaftspolitiker ist zu meinen, daß durch die Einschränkung der Margarine-Erzeugung der Butterkonsum, oder durch das Verbot de» PilzesammelnS der Fleischverbrauch steigen könnte. Geige» kann hei all dieser Derwaltungskunst und resoluten Wirtschaftspolitik nur«ine»— der Hunger. Mit dem Hunger aber alle jene sozialen und kulturellen, politischen und polizeilichen Probleme, die nun einmal auf dem Nährboden der Krise gedeihen und deren Mtualität un» die Neuigkeiten jede» Tage» bestätigen! Der Erlaß der Tepliher Bezirksbehörde schließt: Schließlich macht die Bezirksbehörde darauf aufmerksam, daß die Erfolglosigkeitder Geld- oder Ersatzarreststrafe dazu zwingt, daß den beim wilden Bergbau oder beim ungesetzlichen Kohlenhandel betretenen Tätern neben der Kohle auch alle Erzeugung s-, Förderungs- und Zufuhrbehelfe(Gezähe, Rollbäume, Handwagen». dgl.) werden abgenommen werde». Man hat bisher nicht gehört, daß die Behörden gegenkapitalistischeSteuer« Hinterziehung so energisch vorgegangen wäre. Den armen Teufeln die Wägelchen und ihre Seile zu nehmen, das ist wahrhaftig keine Kunst und wird den Staat und die Gesellschaft nicht reicher machen. Wenn wir aber fordern wollWie wirtschaftet der Landeskulturrat? Patteipolitischer Mißbrauch der Mittel Das Finanzministerium hat für die durch die Mißernte betroffenen Gebiete einen außerordentlichen Hilfrbeitrag bereitgestellt, welcher eine Sonderdotation der Elementarfonds der Landes« kulturräte darstellt. In Böhmen beträgt der Zuschuß ungefähr 70 Millionen Kronen. Bei der Durchführung der Unterstützungsaktion haben sich in einzelnen Bezirken sonderbare Vorgänge abgespielt. welche Genosse H a l a in der Landesvertretung zur Kenntnis brachte. I» Weletsch im Bezirke Podersam hat das landwirtschaftliche Kasino verlautbart, daß die Anmeldungen zur Notaushilfe lediglich beim Kasino an» zumeldrn find. Und so nebenbei wurde ettlätt, daß nur Mitglieder des Bundes der Landwitte Anspruch auf Notaushilfe hätten. Die Herren vom Kasino mutzten durch die Bezirksbehörde belehrt werden. In der Gemeinde Rudig mutzte erst Beschwerde gegen den landbündlerischen Vorsteher eingebracht werden, weil er die Kundmachung über die Anmeldung zur Notstandsunterstützung nicht ottSüblich ver» lautbatt hatte. In der Gemeinde Hettine bei Teplitz wurde» nur bei ihre» Mitgliedern SchadenSerhebungea angestellt. In der Gemeinde BrunnerSdorf bei Kaa» den sind die Mitglieder des Bundes der Landwitte von Hau» zu Hau» gegangen und haben Bestellungen auf Mais entgegengenommen, wobei fie erklärten, daß ihnen bissiger Mai» von rer Regkettrfiz z»r Birfügung gestellt'wird, / und zwar n»r für di« Mitglieder des Bunde» der Landwitte. Den Mitgliedern des Kleinbauern-VerbandeS wurde erklätt, daß sie von der Zuteilung ausgeschlossen seien. ES mußte vom Abgeordneten L e i b l interveniert werden, damit auch die Kleinlandwirte zu den Gemeinde- und BezirkSkommiffionen hinzugezogen werden. Zu einer Weisung des Landeskulturrates, die sich mit der Durchführung der Notstandsaktion befaßt, nahm Genosse H a l a ebenfalls kritisch Stellung.' Ein Passus dieser Weisung lautet:„Unterstützt können werden: 1. Landwitte, 2. Nichtland- witte, soferne sie grundsteuerpflichtig, wirtschaftlich schwach und einer besonderen Hilfe bedüstig sind." ten, daß man wucherischen Bankiers, gewissenlosen Wirtschaftsführern, Schiebern und Preistreibern ihre Autos auf der Straße wegpfänden, ihnen die K l u b s e s s e l unter den Hintern wegziehen, ihnen die Uhren und Brillanten kurzerhand abnehmen sollte, dann würde die ganze Oeffentlichkett, die das sehr fadenscheinige Argument von der Berechtigung deS Raube» an den Hungernden ruhig hinnimmt, über die Verletzung de» heiligen Eigentumsrechtes aufschreien l Nein— so löst man die soziale Frage, so löst man die Krisenprobleme nicht. Mehr Brot, mehr Lebensmittelkarten in das Bergbaugebiet» vor allem aber Arbett für dir verzweifelnden Menschen, denen man nichts als zu verhungern erlaubt, das wäre ein Beweis von Berwaltungskunst. WaS jetzt geschieht, beweist nur, daß die Bürokraten i la Amtshauptmann Wehrhahn nicht auS- gestorben sind, von dem die Mutter Wulfsen sagt: Da seh' ich durch mein Hühnerauge mehr als der durch sein Glasooge... WaS geschieht mit den tausenden von Kleinpächter«, di« keine« eigenen Besitz habe« und daher nicht gründ steuerpflichtig find? Sie wollen wohl leer ausgehen? Gerade diese Schichte der ländlichen Bevöllerung trifft doch die Mißernte am hätteften. Es muß also eine Revision der Richtlinien verlangt werden in dem Sinne, daß auch diese Kreise in die Aktion miteinbezogen werden. Line überflüssige Anfrage an Hacker Der»Mlady Denkov", das Organ der tschechisch-agrarischen Jugend in dem der Landbund- Jugendführer Hacker noch vor nicht allzulanger Zett versichett hatte, daß die deutsche Landjugend dem Anschluß an Deutschland endgültig entsagt habe und die Tschechoslowakei schon bis in alle Konsequenzen als ihr Vaterland ansehe, hat angesichts der Henleinbegeisterung Hackers und der Verhaftung seiner Mitarbeiter Schmidt und Winkler an Hacker neuerdings einen offenen Brief gerichtet, in dem es heißt: „Da es uns nicht gleichgültig ist, wa» in den Reihen der jungen Generatton geschieht, an deren Spitze Sie stehen, ob sie nämlich agrarisch oder hakenkreuzlerisch ist, aktivistisch oder staatsfeindlich^ und Ihre frühere Ettlärung Sie moralisch wie polittsch verpflichtet, fordern wir Sie auf, der jungen tschechoslowakischen Generation, vornehmlich der agrarischen, eine offene Aufklärung zu geben." Wir können den tschechischen Agrariern schon 'Heute verraten/was für eine Antwort sie bekommen werden: selbstverständlich eine zu 100 Prozent loyale und staatstreu«. Wenn der Herr Henlein bei jeder Gelegenheit vor Loyalüät Lberfließt» warum spllte es sein gelehriger Schüler Hacker nicht auch treffen? Aber zwischen Reden und Handeln dürfte da wohl doch ein verdammter Unterschied sein, den schon die Spatzen von den Dächern pfeifen und den nun auch die tschechischen Agrarier schon langsam begreifen sollten! Böhmische Landrsvettrettmg. Der Landespräsident eröffnete die Dienstagsitzung mit einem Nachruf für den verstorbenen Präsidenten P 0 in- c a r t. Die Landesvertretung setzte hierauf die Spezialdebatte über das Landesbudget fort. 28 BRUNO ADLER: FÄMPF um POLNA ll^k= BIN TATSACHENROMAN Copyright UM by Mlehal Mach» VerUl. Pr»r XIX I Die Phrase vom»bluüeeren Leichnam von Polna" sei«in Unststn und eine Lüge, die Verdächttgung de» Kantor» Kurzweil verleumdettsch. Die Bettchterstattung dieses Blattes diene ausschließlich der Hetze. Im Falle eines Verbrechens die Wahrheit zu erforschen, dazu sei das Gericht berufen, nicht aber eine Zeitung, deren Herausgeber und Redakteure wegen Bestechung, Betrug usw. vorbestraft sind. Ein Hetzblatt habe nicht die Aufgabe, dem Ilnter- suchungSrichter die heikle Mission der Wahrheitsfindung abzunehmen; selbst dann nicht, stwnn sich «in Journalist der Gemeindefunktionäre als Hilfsorgane bedient. In diesen Tagen wandett auf der Tttester Reichsstraße, wenige Kilometer von Wien, ein schlecht gekleideter, fremdartig auSsehender Mann mit schwarzem Bart, ein Bündel in der Hand, auf dem Rücken einen kleinen Ranzen mit einem Kochtopf darüber. ES ist ein Franzose«amen» Rousseau, Bahnarbeiter. War beim Bau der sibirischen Eisenbahn tätig und kommt von Ungarn, um weiter gegen Westen zu ziehen. Ec trifft einen Haufen Schullinder. Die Kinder starren den Mann an, ihre Phantasie verknüpft sein fremdartiges Aeutzere und die Schüssel auf seinem Rücken, zu der doch sicherlich auch ein Messer gehört, mit mancherlei Gehöttem. Sie rufen:„Der Jud, da» ist der Jud, er will uns abschlachten!" Steine fliegen hinter dem Mann her. Ein paar Buben rennen nach der Ziegelei in der Nähe und schreien atemlos:„Schnell! Der Jud ist da, der unser Blut haben will! Am Rücken hat er die Schüssel!" Die Ziegelarbeiter laufen gleich auf die Straße, fallen über den Franzosen her und schlagen mit Fäusten, Stöcken, Ochsenziemern, Scheibhandeln und was sonst zur Hand ist auf ihn ein, reißen ihn zu Boden, als er davonläuft, treten ihn mtt Füßen und lassen den Ohnmächttgen blutend liegen, nachdem fie ihm die Schüssel zer- trümmett haben. Später wird er ins Mödlinger Spital gebracht, mit ein paar zerbrochenen Rippen und schweren Verletzungen am Kopf. Wenn er Glück hat, wird er nach ein paar Wochen imstande sein, seinen Weg fortzusetzen. Die Arbeiter werden angezeigt und sagen vor Gettcht auf die Frage, ob sie denn wirklich den Kindern geglaubt hätten, übereinstimmend auS: Gewiß, das hätten sie schon ost gehört und in der Zeitung gelesen, daß die Juden Kinder schlachten. Die Kinder erllären. eS von den Erwachsenen gehört zu haben. Der Staatsanwalt läßt äl» mildernden Umstand gelten, daß die Angeklagten in einem Irrwahn handelten, der böswillig genährt und verbreitet werde. Es würde den wirklichen Verhältnissen nicht entsprechen, wenn gerade diese von einer gewissenlosen Hetze Verblendeten ihre Schuld allzu hart büßen müßten, während die Urheber und Verbreiter des Irrwahn» von der Justiz nicht getroffen werden könnten. Der Vetteidiger schließt sich dieser Ansicht an: Wenn man sieht, wie im Landtag und in anderen Körperschaften, wie in Wott und Bild zu Raub und Mord gegen die Juden aufgefordert wird, ohne daß dagegen Einspruch erhoben werde, wenn man sieht, daß die katilinarischen Existenzen, welche die Hetze geschäftsmäßig betreiben, zu Namen, Ansehen und vermögen gelangt sind, und daß nicht» geschieht, was diesem Treiben Einhalt gebietet, dann darf man sich fteilich nicht wundern, daß so beschämende Erscheinungen zu Tage treten wie in diesem Falle... Ungehindert setzen die Journale ihr einträgliches Gewerbe sott; sie beschimpfen die Justiz- I behörden und den UntersuchungSttchter, der ihnen nicht willfährig genug ist, und ohne Bedenken üben sie den nach dem Wortlaut de» Preßgesetze» strafbaren,„dem Ausspruch des Gerichtes vorgreifenden Einfluß auf die öffentliche Meinung" aus. Bestraft hingegen wird der Verfasser eine? ArttkelS, der zu äußern wagt,„daß gegen HilS- ner nicht der Schatten eines Beweises erbracht werden könne, und daß sich die ganze Anflage auf dem Gebiet der Hypothese bewege." Die liberale Presse bewahrt im allgemeinen vornehme Zurückhaltung. Sie ist ängstlich bedacht, nach keiner Seite anzustoßen, und da sie da» Geschäft nun einmal den Gegnern überlassen muß, behandelt fie den peinlichen Fall mit überlegenem Schweigen. Im. Böhmischen Landtag in Prag erregt ein junger Abgeordneter, der Advokat Dr. Karl Bara, Aufsehen mit einer Rede, in welcher er den Ritualmord als wissenschaftlich bewiesen hinstellt. Man ist nicht erstaunt, etwas später zu hören, daß der Bürgermeister von Polna über Intervention Berganis den Advokaten Baxa veranlaßt hat, in dem bevorstehenden Prozeß die Vertretung der Mutter Hruza'als der Pttvatbeteiligten zu übernehmen. Dr.Baxa hat nunmehr die Möglichkeit, in die Akten Einsicht zu nehmen und gegebenenfalls gegen andere verdächtige Personen Subsidiaranklage zu erheben. Wege der Wphrheitsncher Nach der nur halb gelungenen Sache Kurzweil muß Schwer doppelt« Anstrengungen machen. Sein Blatt braucht für die Klage, die der Kantor von Jenikau angestrengt hat, unbedingt einen Wahrheitsbeweis. Zu den Kämpfern für die gute Sache gehört auch der Schuhmacher Sic, bei dem der lleine Moritz Hilsner in der Lehre war, bevor die Familie abgeschoben wurde. Mit dem Jungen wird sich doch etwas anfangen lassen, wenn man ihn richtig anpackt! Der Schuster und der Berichterstatter fahren also nach Groß-Meseritsch, und weil der eine nur tschechisch, der andere nur deutsch versteht, nehmen sie den Fabrikanten Novotny aus Polna mit, der den Dolmetsch machen soll. Die Kosten der Expedttion trägt da» Rechtskomitee. In Meseritsch lassen sich Schwer und Novotny in einem Restaurant nieder, während Sic e» so einrichtet, daß er dem Jungen zufällig auf der Straße begegnet. Freundlich, wie»Jtzig" es noch nicht erlebt hat, spricht ihn der frühere Lehrherr an, unterhält sich mit ihm von der Ueberschtvemmung, die sich jüngst ereignete, sieht sich auch di" Wohnung der Hilsners an, die durch das Hochwasser stark gelitten hat, und nimmt ihn schließlich in das Restaurant mit. Jtzig bekommt Kuchen und einen Viertelliter Wein. Die Herren sind außerordentlich liebenswürdig, haben hundett Dinge zu fra- gen, dazwischen drängen sie in ihn, zu essen und zu trinken. Viel ist auS dem Bengel nicht her- auSzubekommen, also kriegt er noch ein Biettel vorgesetzt, und schließlich ein drttte». So ist er in seinem Leben noch nicht ttakttert worden. Der ungewohnte Wein steigt chm zu Kopf, er redet viel und alles durcheinader, aber das, was man von ihm hören will, daß nämlich Kurzweil in der Nacht vor dem Mord bei HilSnerS gewesen ist, das will er um keinen Preis zugeben. Er ist schon völlig betrunken und weiß nicht, was er sagt, aber noch immer leugnet er Stein und Bein, den Kantor überhaupt zu kennen. Auch sonst ist nichts Brauchbares von ihm zu erfahren» und die drei fahren wenig befriedigt nach Polna zurück. Ein Artikel, der kurz darauf im»Deutschen Bolksblatt" erscheint, weiß von der Beichte des Jtzig Interessantes zu berichten. Den Wein stürzte dec Junge mit jüdischer Gier herunter; nach dem zweiten Viertel wurde er gesprächig; nach dem dritten GlaS aber»legte er ein Geständnis ab, daß den Hörern die Haare zu Berg« standen... ^Fortsetzung folgt. Nr. 243 Mittwoch, 17. Oktober 1934 Seite 3 Normale Rekonvaleszenz des Präsidenten Masaryk Prag. Dienstag vormittags wurde über den Gesundheitszustand des Präsidenten der Republik nachfolgendes ärztliche Bulletin ausgegeben: „Die Erholung des Präsidenten der Republik nimmt einen ganz normalen Berlauf. Die Sehkraft in der rechten Hälft« des Sehkreises ist fast völlig zurückgekehrt, wodurch auch die normale Möglichkeit des Gehens gegeben ist. Das geistige Arbeitsprogramm nimmt einen immer größeren Umfang an. Prag, den 16. Oktober 1934. MIlDr. Adolf Maixnerm. p. Professor Dr. Josef P e l n ä k m. p." Eine abgesagte SHF-Versammlung Für Montag hatten die Henleinleute in I g l a u eine konstituierende Versammlung einberufen. Die Einladungen waren schon ausgegeben und die Plakate vorbereitet. Herr Skomo- rovskytt der mährische Landesleiter, sollte sprechen. Als am Abend eine große Anzahl Arbeiter vor das Versammlungslokal kamen, erfuhren sie, daß die Versammlung abgesagt ist. Die Absage war im letzten Augenblick erfolgt. Die Henleinleute scheinen erfahren zu haben, daß die sozialdemokratischen Arbeiter fest ent- schloffen waren, sich mit Herrn Skomorovskyi auseinanderzusetzen; solche Unterhaltungen erfreuen sich bei den getarnten Fascisten keiner besonderen Beliebtheit. Man konnte jedoch auch erfahren, daß die eigenen Anhänger der Henleinbewegung, insbesondere einige Arbeitnehmer aus der Umgebung Jglaus, wegen des Nichtauszahlens der Arbeitslosenunterstützung durch die Henleingewerkschaft empört sind und die Absicht hatten, Herrn Skomorovskyi einige Wahrheiten zu sagen. Die zahlreich erschienenen Arbeiter kamen alsbald im„Schützenheim" zusammen, wo sie unter dem Vorsitz des Genoffen Herzig eine improvisierte 8-2-Bersammlung abhielten. Genofle Karl Kern, Prag, erstattete ein mit großem Beifall aufgenommenes Referat, in dem er die Stellung der Partei zu Henlein umriß, über Probleme der tschechoslowakischen Arbeiterpolittk und über die internationale Lage sprach. Oie Arbeitslosigkeit in Nord böhmen Im September 1934 Ende September wurden in Nordböhmen 116.310 Arbeitslose ausgewiesen.. Es ist dies die .niedrigste. Zahl, im heurigen. Jahres.mn. 10.52, d- i. um 0.9 Prozent niedriger als Ende August, um 11.036, d. i. um 8.74 Prozent niedriger als Ende September 1933 und um 3699, d. i. um 3.10 Prozent niedriger als Ende September 1932. Bon den im ganzen Staate ausgewiesenen 673.624 Arbeitslosen entfallen auf Nordböhmen 20.10 Prozent. Die größte Anzahl der ArbeüSlosen erscheint wiederholt in den Industriebezirken auSgewiesen- Bor allem sind dies die polittschen Bezirke: Reichenberg mit 10.882 Arbeitslosen, Teplitz-Schönau 9266, Gablonz a. N. 9060, Tetschen 8931, Aussig a. E. 7905, Ko- motau 7880, B.-Leipa 7872, Dux 7565, Brüx 6703, Friedland 6186, Schluckenau 6088 usw. Den Berufsgruppen nach zeigt sich im Vergleich mit dem Vormonat sowie im Vorjahre eine Erhöhung der Anzahl der Arbeitslosen nur bei den Bauarbeitern, im Vergleich nur mit dem Vormonate bei den Metall- und Tagarbeitern und beim Haushaltungspersonal, wogegen in den anderen Berufskategorien ein weiterer Rückgang sowie gegenüber August 1934, als auch gegenüber September 1933 zu verzeichnen war, wie folgende Zahlen, bei denen die Daten von Ende August 1934 und von Ende September 1933 in den Klammern erscheinen, beweisen: Bauarbetter 10.310(9804, 9155), Metallarbeiter 10.155 (10.044, 11-976), Tagarbetter 9607(9559, 10.082), Haushaltungspersonal 3039(2939, 3156), Textilarbetter 22.052(22.376, 25.950), Hilfsarbeiter 17.607(18.025, 19.991), Glasarbeiter 16.495(17.873, 19.509), Holzbear- beüungsarbeiter 4308(4351, 4654), Bergarbeiter 3262(3285, 3599), landwirtschaftlich« Arbeiter 3003(3371, 3930) usw- Zur Beffe- rung der Lage der Bau- und Tagarbeiter, bei denen zufolge des Saisonschluffes mit einer Verschlechterung gerechnet werden muh, wurde mit der Durchführung einiger weiteren Jnvestitions- und Notstandsarbeiten begonnen. Verhaltungen In vux Am Sonntag war der kommunistische Stadtvertreter Tasta in Dux wegen verschiedener Neuerungen in der Stadtverttetersitzung aus Anlaß der Ermordung des jugoslawischen Königs verhaftet worden. Die Kommunisten haben daraufhin in der Nacht von Montag auf Dienstag Flugzettel verteilt. Noch in der Nacht wurden die Arbeiter Oskar Roda und Wenzel M i k e s ch von der Polizei aufgegriffen und verhaftet. Man fand bei ihnen viel selbsthergestellte Flugzettel, deren Inhalt nicht wiedergegeben werden kann. Am Dienstag früh hat die Brüxer Fahndungsabteilung nach den übrigen Mithelfern geforscht und noch weitere Verhaftungen vorgenommen. Auch die Geheimdruckerei wurde bereits » ausgeforscht. Die Tarnkappen-Front „Welche Kappe nehm* Ich heute?” Fünf klrchener Bergarbeiters treik erfolgreich beendet Budapest. Das Ungarische Pressebüro meldet amtlich: Der Streik der Bergarbeiter in Fünstirchen ist nunmehr endgültig bcigelegt worden, nachdem die durch Vermittlung der Bertre- ter der Regierung geführten Verhandlungen zwischen der Bergwerksdiricktion Md den Bergarbeitern^ zur Einigung, führten,, wonach Tben Bergarbeitern außer einer Hervstanshilfe von 5 7.3 00 P e n g ö auch eine W i u- teraushilfein der gleichen Höhe Ve- willigt wurde und die Zusicherung gemacht worden ist, daß alle Bergarbeiter keine Retor- sionSmaßnahme« zu befürchten hätten. Nachdem di« Bergarbeiter die Bedingungen angenommen hatten, sind die im Hungerstreik verharrenden Knappen noch im Laufe der Nacht zum Dienstag n ach v k e r t ä g i g e m H« n« gerstreik wieder aus der Grube auS- gefahren. Kelemen ist GeorsiJew Durch die Fingerabdrücke Identifiziert Sofia. Die bulgarische Polizei hat von der französischen Polizei die Fingerabdrücke deS angeblichen Peter Kelemen, des Mörders König Alexander, erhalten. Durch Vergleich dieser Fingerabdrücke mit jenen des mazedonischen Terroristen Georgijew wurde mit aller Bestimmtheit festgestellt, daß Kelemen«nd Georgijew e i n und dieselbe Person sind. Der Daß der Johanna Majerskä Verdächtigungen aus Budapest zurückgewiesen Ein Prager amtlicher Bericht befaßt sich ausführlich mit dem Patz der in Budapest wohnhaften tschechoslowakischen Staatsbürgerin Johanna M a- jerskä, der dieselbe Nummer 185.744 trug, wie der falsche Patz des Mörders Kelemen. Ungarische Blätter hatten nämlich behauptet, daß der alte echte Patz der Majerskä, der ihr bei der Ausstellung eines neuen Paffes im Jahre 1932 abgenommen worden war, in die Hände der Attentäter geraten sei, und hatten daran Vermutungen über Beziehungen irgendeines Organes-des Budapester tschechoflowakischen PatzamteS zu den Attentätern geknüpft. Außerdem wurde das Konsulat verdächtigt, weil es den neuen Paß hinter dem Rücken der ungarischen Behörden der Majerskä eiligst in der Nacht abgenommen habe. Hiezu wird amtlich mitgeteilt, daß sich die Gesandtschaft wegen der Nachforschungen nach der Majerskä zunächst an die Budapester Polizei gewendet habe und erst, als sie dott„keinem genügenden Entgegenkommen" begegnete, dirett— und zwar bei Tag— einen Beamten zu der Majer- stä gesendet habe. Der Patz wurde hierauf bei der Gesandtschaft hinterlegt. Der alte Patz der Ma- jerskä ist seit 5. Ottober 1932 bei der Gesandtschaft hinterlegt und in dieser Zeit nie in fremden Händen. Die Aufbahrung in Belgrad Belgrad. Der Sarg mtt den sterblichen Ueberresten König Alexanders wurde um Mitternacht auf Dienstag auf dem Belgrader Bahnhof von der Königinwitwe, dem Regentschaftsrat, der gesamten Regierung, der Generalität und anderen hohen Staatsfunktionären erwartet. Durch ein dichtes Spalier der Bevölkerung wurde der Sarg in das alte Königsschlotz gebracht, wo die Toten- meffe zelebriert wurde. Um 6 Uhr früh wurde der Zutritt zur Bahre für die Bevölkerung freigegeben, die in dichter Reihe an dem Sarg vorbeizieht. Gegen Mittag erschien das diplomatische Korps, die Regierung und die Mitglieder der parlamentarischen Körperschaften. Loyalitätskundgebung der Opposition Günstig vermerkt wird in Belgrader Kreffen der Umstand, daß die ehemaligen Parteifiihrer, die seit dem Umsturz vom 6. Jänner 1929 dem neuen Regime gegenüber eine ablehnende Haltung eingenommen hatten, der Familie des Königs und der Regierung ihr Beileid ausgesprochen haben. So wird der bisher auf Hvar internierte Führer der slowenischen Volkspartei K o r o ö e c au der Leichenfeier persönlich teilnehmen. Der Führer der kroatischen Bauernpartei Dr. M a- c e k, der sich im Agramer Gefängnisspital befindet, hat gleichfalls ein Beileidstelegramm geschickt, in dem er sich als fanatischer Anhänger der staatlichen Einheit bekennt und seiner Ergebenheit gegenüber der Krone Ausdruck gibt. Auch Goerlng kommt! Hiller hat als oberster Befehlshaber der Wehrmacht den General G o e r i n g als Sonderbevollmächtigten nach Belgrad entsendet. Goering soll dort am Grabe des Königs einen Kranz mit der Inschrift»Ihrem einsttgen heroffchen Gegner in schmerzlicher Ergriffenheit, die deutsche Wehrmacht" niederlegen. Abreise der tschechoslowakischen Delegation Prag. Dienstag um 13 Uhr 40 reiste mittels Sonderzuges vom Masarykbahnhof in Prag der Vorsitzende der Regierung Malypetr zum Begräbnis des Königs Alexander ab, wo er den Präsidenten der Republik vertreten wird. Zugleich reiste Verteidigungsminister B r a d äö ab, der zusammen mit Justizminister Dr. D 61 e r, der sich in Preßburg anschlietzen wird, und mtt Außenminister Dr. Edvard Benes, der in Belgrad direkt aus Paris eintreffen wird, die Dele- , gation der tschechoslowakischen Regierung zum j Begräbnis des Königs Alexander bildet. Parlament am 25. Oktober Prag. Der Präsident der Republik hat unter Gegenzeichnung des Ministerpräsidenten Mei Handschreiben, datiert vom 16. d. aus Lana, erlassen, in denen er die Tagung der beiden Kammern der Nationalversammlung mtt dem 19. Oktober für beendet erklärt und sie zur ordenllichen Herbsttagung für Donnerstag, den 25. Ottober, nach Prag einb ernst. S.A.I. und Moskau Die Brüsseler Verhandlungen Brüssel.(Tsch. P.-B.) Am Montag abends traten der Vorsitzende der Sozialisttschen Arbeiter-Internationale Vandervelde und ihr Generalsekretär Adler mtt den Delegierten der HI. Internationale C a ch i n und T h o r e s zu einer Besprechung zusammen. Sie befaßten sich mtt der Möglichkeit einer gemeinsamen Aktion der beiden Internationalen. Die Vertteter der S. A. I. erklärten, daß die Stellung der Mitglieder der S. A. I. in jedem Lande eine andere sei und daß es ihnen nicht möglich wäre, bindende Beschlüsse ohne vorhergehende Beratungen mit den einzelnen Repräsentanten der S. A. I. zu faffen. Trotzdem sei es jetzt schon möglich, sich mtt einer gemeinsamen Aktion zur Unterstützung des Proletariates in Spanien, wo äm Sonntag das Mitglied des Vollzugsausschusses der S. A. I., Eaballerov, verhaftet wurde, zu befaffen. „Wir bedauern, daß es uns nicht möglich ist, sofort gemeinsam, was Spanien anbetrifst, zu verhandeln, doch sind wir fest überzeugt, daß diese unsere heutige Zusammenkunft eine große Bedeutung besitzen wird für die weitere Entwicklung der Dinge," besagt das Kommunqus, welches nach der Sitzung ausgegeben wurde. Es wurde auch Wer die Annäherung der Sozialisten und Kommunisten in Frankreich ver- handett und der Beschluß gefaßt, daß das stenographische Protokoll über die Sitzung an alle zuständigen Organe beider Internationalen abgeschickt werden wird. »er Endkampf der spanischen Revolution Madrid. Wie aus Bilbao gemeldet wird, hat sich wiederum eine große Zahl asturischer Aufständischer den Regierungsabteilungen ergeben. Das„Hauptverdienst" daran hcchen die F l u g z e u g e, die die Lager der Aufständischen durch ihr Bombardement sehr bedrängen. .Der Widerstand der Revolutionäre ist in Asturien besonders zähe. Man schätzt die Zahl der Aufständischen auf 6000-Mann. Sie sollen gut bewaffnet sein, hauptsächlich deshalb, weil sie die Waffenfabrik in ihrem Besitz brachten. Das Blatt „El Sol" nimmt an, daß in dieser Provinz etwa 600 Aufständische gefallen sind. Revision der Todesurteile? Madrid.(Havas.) Dienstag wurde ein außerordentlicher Ministerrat einberufen, nm einige von dem Mllitärgerichte in Gijon gefällte Todesurteile zu Überprüfen. Vollkommene vederelneilmmuno rwlschen Dr. Bene! und Laval Paris. Minister Dr. Benes hatte Dienstag vormittags eine lange Unterredung mit dem französischen Außenminister Laval. Beide Minister stellten die volle Uebereinstimmung ihrer Ansichten in den Fragen der Außenpolitü fest. Außerdem hatte Minister Dr. Benes eine Zusammenkunft mit dem Finanzminister Germain-Martin und mit dem Handelsmini- ster Lamoureux, mit dem er über die französisch-tschechoslowakischen HandelSvertragSver- handlungen sprach. Am Nachmittag stattete Minister Dr. Benes dem btttifchen Botschafter Sir Georges Clerk einen Besuch ab. Minister auf Hitler vereidigt Berlin. Das Reichskabinett hat ein Gesetz über den Eid der Reichsminister und der Mitglieder der Landesregierungen angenommen, wor- nach die Minister schwören,„dem Führer des Deutschen Reiches und Volles Adolf Hitler treu und gehorsam" zu sein. Von einer Verfassung ist nicht mehr die Rede, sondern nur von der Wahrung der Gesetze. Wie durch ein Versehen ist in der Eidesformel auch noch der PaffuS stehen geblieben, daß die Geschäfte„unparteiisch und gerecht gegen jedermann" geführt werden sollen. j Zwölferausschuß und Exekutive Prag. Dienstag vormittags traten zu gemeinsamer Beratung der Zwölferausschuß der koalierten Staatsangestelltenorganisationen unter dem Vorsitz des Senators Dr. Karas mit den Vertretern der Exekutive zusammen. Diese betonten die Bereitwilligkeit der Exekutive, bei der Lösung der Forderungen mitzuarbeiten. Zu den vorgebrachten Ansichten der Delegierten der Exekutive nahm der Zwölferausschuß in Fortsetzung seiner eigenen Sitzung Stellung und setzte den Zeitpunkt fiir die zweite gemeinsame Sitzung mtt Dienstag, den 23. Oktober, vormittags, fest. Mittwoch, 17. Oktober 1934 Nr. 243 Leite 4 Der Tag der Plädoyers im Mordprozeß Vylefälek Heute fällt der Urteilsspruch Tagcsnculgkcitcii 17 Zentimeter Schnee auf der Schneekoppe Niilte-Einbrnch in ganz Europa Prag. Die plötzliche Ausbildung eines kräftigen Tiefdruckwirbels über Nordeuropa am Sonntag hatte, wie die Staatsanstalt für Meteorologie mitteilt, für den ganzen Erdteil den Einbruch kalter Luft aus Rordwrstrn zur Folge. Auch im Karpathengebiet des Staates hat es sich nunmehr abgekühlt. Auf den Bergen ist Frost«nd Schneefall eingetreten. In der Nacht auf Dietts- tag sanken die Temperaturen auf der Schneekoppe auf minus 6, auf dem Altvater, der Lysä Hora und in Strbske Plcso ans minus 4 und auf dem Fichtelberg auf minus 3 Grad. Die Schneegrenze liegt in Böhmen bei etwa 800 Metern, in den Karpathen bei etwa 1200 Metern Seehöhe. Die Schneekoppe meldete Dienstag eine Schneedecke von 17 Zentimeter, der Altvater von 6 Zentimeter, der Fichtelberg von 4 Zentimeter, der Panzer«nd die Lhsä Hora von je einenr Zentimeter. In B ö h m e n ist auch vielfach in den tieferen Lagen nasser Schnee gefallen. Der Luftzufluß aus höhere»» Breiten dürfte anhalten und die Niederschlagsneigung allmählich abnrhinen. Feierliche Wiedereröffnung in Kremnitz Sillein. Der zweite Tag der Kremnitzer Feierlichkeiten aus Anlatz der offiziellen Wiedereröffnung der staatlichen Hüttenbetriebe gestaltete sich zu einer bedeutungsvollen Manifestation. Vom Ministerium für öffentliche Arbeiten war der Generaldirektor der staatlichen Berg- und Hüttenbetriebe Jng. Stauch anwesend. Die Feierlichkeiten wurden in der Direktion der Hüttenver- waltüng durch Vorträge der Ingenieure eröffnet Hierauf folgte ein Defile der Bergknappschaft in Uniformen mit deren Fahnen. Auf der Anhöhe vor der Grube„Luise" scharten sich die Bergarbeiter und die Gäste. Dann folgten Ansprachen der Gäste und der Delegierten. Hierauf wurde der Befehl erteilt, den ersten Wagen mit dem Golderz zu fördern, der dann mit altertümlichen Zeremo- >»ien unter Böllerschüssen und unter dem Klange der Staatshhmne sowie der Bergwerkshymne in die neue Werkstätte gefahren wurde. Die Gäste verfolgten dann den ganzen Herstellungsprozetz. Von den Feierlichkeiten wurde ein Begrüßungs- telegramm an den Präsidenten der Republik, an den Minister für öffentliche Arbeiten Dr. C z e ch und an den slowakischen Ländespräsidenten O r s z ä g h abgesandt. Mit zwei Enkeln in der Theiß ertrugen Uzhorod. Der Landwirt Michael Toth ans der Gemeinde Farkasfalva im Bezirk von Sevljus »sollte auf einem gewöhnlichen Bauernwagen neun Personen über die Theitz nach der Gemeinde Trsnik bringen. Die st arte Strömung der Theitz z e r r ist den Bauernwagen in zwei Teile, als er sich in der Mitte des Flusses befand. Sechs Personen hielten sich an dem Vorderteil des Wagens, der von zwei Pferden gezogen wurde, fest und konnten sich retten. Die 45jährige Schwiegermutter Toths, Anna KordaNovä, wollte die zwei Kinder ihres Schwiegersohnes, die einjährige Äfargit und die sechs Monate alte Rozalia retten. Die starke Strömung ritz alle drei Personen in die Tiefe, wobei sie ums Leben kämest. Das Unglück ereignete sich in der Nähe der Gemeinde Trsnik, wo sich eine Ueber- fuhr befindet. Da der Wasserspiegel des Flusses in den letzten Tagen durch die Regenfälle ziemlich gestiegen ist, war auch der Wasserstand bei der Ueberfahrt höher: Die Leichen wurden bisher noch nicht aufgefunden. Ein 20jähriger enthauptet... Berlin. Die Justizpreffestellr teilt mit: Der 20jährige Kurt Bogelmann ist durch Urteil des Schwurgerichtes Berlin vom 28. April 1934 wegen Raubmordes, begangen an seiner Großmutter, rechtskräftig zum Tode verurteilt worden. Dieses Urteil ist gestern im Hofe des Strafgefängnisses in Plötzenfee durch Enthauptung des Bernrteilten vollstreckt worden. Ei« politischer Mord? Wien. Der Bürgermeister von Obe r-B ier- b a u m bei Tulln, Josef Kaiblinger, wurde Dienstag früh von Dorfbewohnern in einer Pfütze tot aufgefunden. Er war erwürgt worden. Bon den Tätern fehlt bisher jede Spur. Der Ermordete ist politisch stark hervorgctreten. Er war einer der führenden Männer des Niederösterreichischen Bauernbundes und Funktionär der Vaterländischen Front und der Ostmärkischen Sturmscharen. Möglicherweise hcmdelt es sich um ein pol 11 isches Verbrechen. Prag. Als der Vorsitzende die dienstägige Verhandlung eröffnete— es war der siebente und vorletzte Verhandlungstag— trat im Gerichtssaal atemloses Schweigen«in. Denn n»m erfolgte die Verlesung der zehn Schuldfragen, die der Gerichtshof den Geschworenen vorgelegt hat imd von deren Beantwortung das Schicksal der Angeklagten abhängt. Was Marie Byletäld betrifft,• so hat der Schwurgerichtshof nur eine Hauptschuldfrage über das Haupthema formuliert: die Frage auf gemeinen Mord. Außerdem noch zwei loeitere Fragen auf Betrug, begangen durch Fälschung der Unterschrift des ermordeten Vaters und des Diebstahls von 3000 KL an einer Freundin(diese Sache steht mit dem Prozeß in keinem Zusammenhang). Bei Jaroslav Lyletälek Hai der Gerichtshof neben der Frage auf gemeinen Mord noch eine Eventualfrage auf vorsätzliche schwere Körperverletzung gestellt. Bei beiden Angeklagten'kommen noch die Wichen Zusatzfragen dazu, die die Niedrigkeit»md Nneh renhaftigkeit der Motive betreff«». Hierauf erteilte der Vorsitzende dem öffentlichen Än- kläger das Wort. iDe Anklagerede des Staatsanwaltes Dr. S t i b r a l dauerte eineinhalb Stunden. Dr. Sti- bral entwickelte vor den Geschworenen in großen Zügen die Lebensgeschichte der beiden Angeklagten, das u»»heilvoll« Zusammenleben mit dem getöteten Vater und summierte das umfangreiche, direkt und indirekt belastende Material. Er sieht in der Tötung des alten Tyl eine mit größter Unmenschlichkeit und kalter zynischer Uoberlegung verabredete und ms Werk gesetzte Mordtat, an der beide Angeklagten gleicherweise schuldig gewesen seien. Ms Hauptmotiv müsse Geldgier und Genußsucht niedrigster Art angesehen werden. Die Unmenschlichkoit der Tötung, wie auch die rohe Gefühllosigkeit, mit der mit der Leiche verfahren wurde, stelle den Charakter der beiden Angeklagten ein hinreichendes Zeugnis aus. Die Unschuldsbeteuerungen des Jaroslav Vylekälek, die im Widerspruch'zu fernem ursprünglichen Geständnis^tehen. seien ganz unglaubwürdig. Das Plädoyer schloß mit der Bitte an die Geschworenen, die Schuldfrage auf Mord für bei de Angeklagten einstimmig zu bejahen. Der Verteidiger der Marie Bylekälek Dr.' S o u r e k entledigte sich seiner keineswegs leichten Aufgabe in zweistündiger Rede. Er bemühte sich die urspriingliche Eelbstbeschuldigunq seiner Klientin, daß sie die Mörderin gewesen sei, nach Möglichkeit abzmchwächen»md als die aufopfernde Tateinerliebenden Frau hinzustellen, die die Schuld ihres Gatten auf sich genornmen habe. Diese große Liebe habe sie auch zu allen übrigen Handlungen bewogen, die sie in den A»»gen der Oef- fentlichkeit so schwer belasten. Mit einem Wort: Marie Vylekälek sei ein Opfer ihrer Liebe und unglücklicher Umstände. Dr. Sourek bat schließlich um FreispruchvonherMordanklage. Ganz anderer Meirmng war natürlich der Ver« teidiger Jaroslav Vhlekäleks Dr. Mel- l a n, der erst am Nachmittag zu fast dreistündigem Plädoyer das Wort ergriff. Er wandte sich sehr scharf gegen die mitangeklagte Frau seines Klienten. Es sei offenkundig, daß die von ihr gebrachten belastenden Aussagen gegen ihren Mann ein R a ch e- a k t seien, weil er sie verlassen hatte. Glaubwür- digkeit könne ihr nach ihrem ganzen Lebenswandel wie auch nach ihrer moralischen Beschaffenheit nicht zugebilligt werden. Anderseits sei Marie Vylekälek selbst eines solchen Verbrechens fähig, wie schon das Mefserattentat gegen ihren ersten Mann beweise, wogegen die Urchescholtenheit und der gute Leumund seines Mandanten und insbesondere sein freundschaftliches Verhältnis zu dem alten Tyl berücksichtigt werden müsse. Einen heiklen Punkt bildet auch bei Jaroslav Vylekälek sein ursprüngliches Geständnis. das er später widerrief. Der Verteidiger ist der Ansicht, daß er das Geständnis bei der Polizei nur deshalb abgelegt habe,»nn seine Mutter, die gleichfalls verdächtig war, aus der Untersuchung auszuschalten. Die verschiedenen verfänglichen Aussprüche seines Klienten seien bloße Redereien ge- tvesen und als solche ohne Bedeutung. Dr. Mellan plädierte auf Freispruch seines Mandanten. Nach Replik des Staatsanwaltes und D»»plik der Verteidiger endete der vorletzte Verhandlimgs- tag erst gegen Abend. DaS Urteil dürfte heute nach- I mittags gefällt werden. rb. ARBEITERJAHRBUCH 1935 SOEBEN ERSCHIENEN! ans SEITEN TEXT 1« SEITEN KUNSTDRUCK Kc IO.- Das schwere Einstnrzunglück, das sich Mon-! tag beim Neubau der Kathedrale in Kattowitz ereignete, hat bisher keine Todes- i Opfer gefordert. Insgesamt sind 62 Verletzte noch im Krankenha»»s, die sämtlich Verletzungen durch herabfallende Balken erlitten haben. Die Polizei dichtet. Die krankhafte Sucht nach„Neuerungen", durch die das Dritte Reich sich anstelle anderer Erfolge von dem früheren Regime unterscheiden will, führt zu den absurde- i sten Purzelbäumen. So ist die Stadt Wolfen- t b ü t t e l(meinte sie damit, daß sie das dem Geist Lessings schuldig sei?) auf die Idee Versal- len, die wichtigsten Polizeiverordnungen in g e-, reimterFormzu bringen, um sie dem Pub-» likum„mundgerechter" zu machen und„aus dem starren Paragraphengefüge herauszulösen". Zu dem Zweck wurde ein Preisausschreiben veran- t staltet. Die Welle ansteckender Kinderkrankheiten ist Heuer ziemlich früh bei uns angelangt. Bald nach Beginn des Schuljahres»»mßten Klaffen, ja sogar ganze Schulen wegen Scharlach ltnb Dyph- terie geschlossen tverden. Nach der Meirm»»g der Aerzte ist eine weitere Ausbreitung dieser Epide-' rnien zu erwarten. Die Eltern«»erden deshalb auf-[ gefordert, durch Vermittlung der Elterrwereinignu-- gen Schutzimpfstellen gegen Dyph-» t e r i e zu organisieren. Durch eine Maffenaktion läßt sich eine bedeutende Verbilligung des Impfstoffs' erzielen. Gemeindevorsteher gegen Gendarmen. Der Strafsenat des Kreisgerichtes inBerehovo verurteilte 12 Bürger aus der Gemeinde■ Som bei Berehovo, unter ihnen den 61jährigen Gemeindevorsteher Koloman S ü t ö, zu je einem Monat Gefängnis und 100 KL Geldstrafe, weil sie eine Äendarmeriestreife an ihrer Dienstausübung hinderten. Der Vorfall ereignete sich, als Gendarmen auf den» Bahnhof gegen B. Turoez einschreiten wollten, der von der Assentierung in angetrunkenem Zustand heimkehrte und im Zuge, mit dem er reiste, einen Exzeß hcr- vorricf, so daß er von der Beförderung ausgeschlossen wurde. Als die von dem Bahnpersonal herbeigerufene Ge»»darmerie die Personalien des Turoez feststellei» wollte, rotteten sich einige Bürger aus Som zusammen, die die Gendarmen an der Verhaftung des genmmten Ruhestörers hindern wollten.— Der Prokurator Dr. Svitacic legte wegen zu geringe»» Strafausmaß Berufung ein. Dampfer in Nanrmen. Der Frachtdampfer „Point San Petro" teilt durch Furckspruch mit, daß seine Ladung in Brand geraten ist. Das Schiff treibe steuerlos. Der Dampfer„Charcas" ist zur Hilfeleistung unterwegs. Die Küstenwache in San Francisco hat allen in der Nähe befindlichen Schiffen durch Funkspruch mitgeteilt, daß das Feuer an Bord der„Point San Pedro" gefährliche Aus- dehnung angerrommen habe, so daß Hilfe äußerst notwendig sei. Der Schutz durchs Fenster Aus Hab st ein, bei B.-Leipa wird gemeldet: Ein rätselhafter Mord wurde am Sonntag abends in dem kleinen Dörfchen Halbehaupt bei Molschen verübt. Der 30jährige Landwirt Franz Zimmermann saß gerade'Beim Abendessen, als plötzlich ein Schuß fiel. Ziimnerman stürzte» in den Kopf getroffen, top»» Boden-Der Schuß wurde aus einem Jagdgewehr durchs Fenster abgegeben. Der Täter entkam. Heber den Hergang der Tat und über die Beweggründe des Mörders ist nichts Näheres zu erfahren. Möglicherweise handelt es sich um einen Racheakt. Zeppeline für Japan Tokio.(AP.) Japan verhandelt zur Zeit mit Deutschland wegen des Ankaufs von Zep- p e l i n e n. Zu dem Zweck bildete sich bereits eine Gesellschaft mit einem Anfa»»gskapital von 50.000 Den. Verbot der„Deutschen Freiheit"' Die in Saarbrücken erscheinende Tageszeitung„D s u t s ch e F r e i h e i t" ist von der Re- gierungskommisfion der Saar auf die Dauer von vierzehn Tagen verboten worden. Das tapfer für den Status quo eintretende sozialistische Organ hat in einer seiner letzten Ausgaben, ohne weitere Schlußfolgerungen daraus zu ziehen, darauf hingewiesen, daß der faktische politische Nutznießer des verbrecherischen Attentats in Marseille Hitler-Deutschland sei. Das war für die kurzsichtige Regie- rungskoinmission Grund genug für das Verbot, das nur Wasser auf die Mühle der Hakenkreuz- ler ist. Bo« Goebbels Muse geküßt... Die Verwandtschaft der SHF mit der Hitlerei wäre, außer an vielen anderen Symptomen, auch daran leicht zu erweisen, daß in beiden Bewegimgen die deutsche Sprache in gröbster Weise v e r h u n z t wird. Vielleicht reicht das dunkle Pathos Henleins nicht ganz an das barbarische Urideutsch des großen Adolf heran. Von viele»» seiner Reden könnte der Führer Henlein aber mit Oskar Wildes geistreichelndem Lord wohl | sagen, daß er selbst sie nur verstehe, wenn er sehr gut aufpaffe. Ganz einwandfrei ist die Verwandtschaft bei der zweiten Garnitur festzustellen. Henleins Dichter sind dieselben, die noch unter Krebs und Vie re r bl gedient haben und denen Goebbels den Geist der Dichtung eingehaucht hat. Da hat z. B. der „K a m e r a d" Zirn ein Kampflied hergestellt, das in der Henleinfront in Massen- auflagen verbreitet wird. Nach der Melodie„Turner auf zum Streite" ist folgendes zu singen: Brüder auf, wir marschieren, Konrad Henlein rief, will u»»s inutig führen aus dem Elend tief, Heiirmt in Not, Volk ohne Brot, im Parteiensumpf ist die Lüge Trumps.— Dreiste Bonzen thronen heut in unsrem Volk, feste Schufte lohnen ihnen es mit Gold, weil man uns will ruhig»md still, in Leid und Zwist gebannt, unser Heimatland.— Bangen und Zagen helfen uns nicht, mutvolles Wagen führet uns»um Licht. Jugend hat Mut, wallendes Blut, in der Ju- gendhand liegst Du, Heimatland.— Wahrheit wird siege»», einmal kommt die Zeit, Bonzen werden fliegen, Arbeit wird befreit. Dann bricht die Not, was uns bedroht, dann, Brü- ■ der, dann bricht der Morgen an.— Brüder auf, »vir marschieren, Konx.ad Henlein..riefl wird zum Sieg uns führen, aus dem Ele»»d tief. ES weicht die Nacht, Brüder erwacht. Recht und Kraft uns führt, S. H. F. marschiert. Es könnte im Liederbuch der Hitlerjugend stehn und hat dort wohl auch seine unmittelbaren Vorbilder. Es beweist, daß die Henlein-Jugend wirklich Mut hat, nämlich den zur Schä»»dung ihrer Muttersprache. Die Hoffnung, daß die Nacht von ihren Hirnen weicht, ist nach der Lektüre dieses Songs leider gering. Abgeordneter Proküpek gestorben. Dienstag starb»mch jahrelanger schwerer Krankheit der Abgeordnete der tschechischen Agrarier Adolf Proküpek im 66. Lebensjahre. Proküpek«rar Vorsitzender des tschechoslowakischen Nationalrates und Präsident des böhmischen Landeskulturrates. Er hat sich um die Entwicklung des landwirtschaftlichen Genoffenschaftswesens und der Raiffeisen- kaffen im tschechischen Lager schon vor dem Krieg große Verdienste erworben. Bergarbeitertod. Auf der Schachtanlage Werne der Kloeckner-Werke in E s s e n wurden am Montagmorgen die Kohlenhauer I a n u s und B o e ck e r aus Werne an ihrem Arbeitsplatz von einem Gasausbruch überrascht. Während Boecker dem Schachtausgang zustrebte, wurde Janus' von den nachstürzenden Kohlen- maflen verschüttet. Da die Lustzuführung durch die abstürzenden Kohlenmaffen abgeschnitten wurde, ist Boecker e r ft i ck t. Der Bergmann Janus ist bisher noch nicht aufgefunden worden. Poincares Beisetzung. Rach dem ausdrücklichen Wunsche Poincares werden die sterblichen Ueberreste des Staatsmannes nach dem Nationalbegräbnis vom Pariser Pantheon aus noch am gleichen Tage abends auf dem Friedhof in Nubkcourt(Departement Meuse) in der Nähe seines Großgrundbesitzes Sampigny bestattet «»erden. Staatsminister H e r r i o t und T a r d i e u«»erden den Sarg nach Lothringen begleiten. Dr. Albert Mühlwerth gestorben. In K r e m s starb am Monntag der ehemalige Abgeordnete Dr. Albert Mühlwerth»»ach langer schwerer Krankheit im Alter von 73 Jahren. Mühlwert vertrat im ehemaligen österreichischen Reichsrat den Wahlkreis Falkenau. Die Moskauer N-Bahn. Der Bau der ersten Linie der Moskauer Untergrundbahn, die eine Länge von 11.5 Kilometern hat und mit deren Bau Ende des Jahres 1931 begonnen wurde, wird in absehbarer Zeit fertiggestellt sein. Montag abends wurden Probefahrten mit dem ersten Untergrundbahnzug in einem 2.5 Kilometer langen Teilabschnitt absolviert. Die Probefahrt nahm einen günstigen Verlauf. Vom Rundfunk taptaMuimrlef au* den Programmen; Donnerstag: Prag, Sender L.: 10.05: Deutsche Nachrichten, 12.10: Schallplatte«, 13.45: Hochzeit bei Mijava, Zigeunermusik, 16.55: Musik für die Jugend, 17.20: Bücher guter Autoren, 17.55: Deutsche Sendung: Jugendstunde:„Die Schatzgräber", Hörspiel, 20.10: Bioloncello-Kdnzert. Sender S.: 14.35: Konzert für Klarinette, 15.05: Deutsche Sendung: Dr. Schmied!: Die neue Altersrente in der Pensionsversicherung, 18.20: Blasorchesterkonzert, 19.15: Schallplatten: Schubert: Streichquartett.— Brünn, 14.05: Deutscher Arbeitsmarkt, 17.50: Deutsche Sendung: Schmidt: Die Bedeutung des Getreide- nwnopols für Kleinbauern und Arbeiter.— Mähr- Ostrau, 15.55; Orchesterkonzert, 17.55: Deursche Sendung: Bon früh bis um Mitternacht, Osttauer Radiorevue.— Kascha», 15.55: Orchesterkonzert. Reichsverband der sudetendeutschen Rundfunkhörer in Auffig aufgelöst. Das Ministerium des Innern hat mit Erlaß vom 7. Oktober l. I. auf Grund des§ 113, Abs. 2, der Berfassungs- urkunde und§ 3, Abs. 1, 3 und 4,»md 8 14 des Gesetzes vom 25. Oktober 1933, Zl. 201 der Slg. der Gesetze u»»d Verordnu»»gen über die Auflösung der politischen Parteien den Reichsver- ba»»d der sudetendeutschen Rundfunkhörer mit dem Sitz in Auffig aufgelöst. Die Staatspolizei Auffig hat im Laufe des Samstag-Bormittag Haussuchungen bei den Fu»»ktionäre>» des aufgelösten Verbandes vorgerwmmen. Dazu erfahren wir, daß die Vereinigung eine eigentliche Tättgkeit nicht mehr entfaltete. Man versuchte, die Bereinigung erst wieder lebensfähig zu machen. Seit der Auflösung der Nazipartei war auch die Tätigkeit der Bereinigung mtterbunden. Str. 243 Mittwoch, 17. Oktober 1V34 Seite 5 Kriegswerkstatt Sachsen DreSde«. Im Bautzener Gebiet ist eine An- tyeisung herausgekommen, nach der alle kriegswichtigen Betriebe Gasschutzkeller bauen müssen.— In der Jeßnitzer Heide, zehn Kilometer von Kamenz, wird ein neuer Flugplatz errichtet. Die Flughalle wird unterirdisch angelegt. Das Fundament liegt 40 Meter unter der Erde. — Die Phänomen-Werke in Zittau erhöhten ihre Belegschaft von 200 auf 800 Mann. Wöchentlich werden 40 Militärkraftwagen hergestellt. Die Aufträge sind so groß, daß die Firma ein neues Fabrikgebäude errichten muß.— Die Karbidwerke in Hirschfelde arbeiten in drei Schichten. In früheren Jahren war um diese Zeit in Kunstdünger keine Konjunktur. Jetzt werden zwei neue Oefen aufgestellt. Jeder Waggon geht an eine andere Bahnstation. Dort werden die Frachtbriefe geändert und die Waggons erst an den richtigen Bestimmungsort beordert. Die Produktion der Karbidwerke wird für die Herstellung von Giftgasen benötigt.— Die Textilfabrik H. C. Müller in Rosenthal bei Hirschfelde stellt Mantel- und Uniformtuche in zwei Schichten her.— In Seifhennersdorf werden in der GEG Drillichanzüge und Militärmäntel produziert. Di« weibliche Bevölkerung ist zum größten Teil in der Bekleidungsindustrie beschäftigt. Man beabsichtigt, di« erwerbslosen Frauen für die Unterstützung in den Betrieben nähen zu lassen. Drahtlose Berbindiurg Zapa«—Europa—Amerika Osaka. Montag abends und Dienstag früh wurden Versuche einer drahtlosen Verbindung zlvischen'Osäka, London und San Francisco unternommen. Sie sind erfolgreich ausgefallen und die radiotelefonische Verbindung zwischen Japan, Europa und Amerika wird formell im März des nächsten Jahres nach weiteren Versuchen, die in der allernächsten Zeit unternommen werden, ausgenommen werden. Ein Dreiminutengespräch wird 70 Den kosten. Dem» die Elemente Haffe«... Manila(Philippinnen). Manila und Umgebung wurden von einem Teifun heimgesucht. Zahlreiche Häuser sind eingestürzt, viele Bäume wurden entwurzelt und die Telegraphenverbindungen sind unterbrochen. Ein mächtiger Liegenguß setzte die Straßen unter Wasser. Zahlreiche kleine Fischerbarken gingen auf hoher See unter. Es werden Befürchtungen gehegt, daß der Taifun zahlreiche Opfer anMenschen- leben ge fordert hat. Nähere Einzelheiten fehlen. Em Organ mit sintflutartigem RLgen ging tzn Süden von Tunis nieder. Sämtliche Flüsse sind aus den Ufern getreten. Teilweise ist jeder Verkehr unterbunden. Der Sachschaden soll sich auf 10 Millionen Francs belaufen. Man weiß nicht, ob auch Menschenleben zu beklagen sind. Sahnamtliche Fürsorge will, so scheint eS, den sudetendeutschen Nazi di« Wallfahrten inS gelobte Dritte Reich möglichst erleichtern. Denn das ist wirklich eine amtliche Mitteilung, daß vom 27. Öftrer bis 1. November eine Sonder« fahrtnachBayern zum Oktoberfest gemacht wird. Preis 778 Kronen.— Bequemer kann man es den Nazi nicht mehr machen. Wohl werden, angelockt von den zu erhoffenden Bierfreuden, auch andere die Reise mitmachen, aber den größten Reiz wird sie doch für die Nazi haben, die so auf ganz legale Art, ja sogar einer Einladung der tschechoslowakischen Bahn folgend, zu einem Besuch im Münchener Braunen HauS fahren können. Oder will man vielleicht vorsorglicherweise gleich ein paar Detektive mitschicken, um die Reiseteilnehmer auf anderen Wegen als den zum Bier führenden zu überwachen? Tat««- Tater Der Satz: Richt die Tat, sondern der Täter soll bestraft werden, ist einer der Grundsätze unseres modernen Strafverfahrens. Der berühmte Strafrechtslehrer Franz v. Liszt war der erste, der strengste Berücksichtigung der Täterpersönlichkeit verlangte. Er war eS auch, der die Rechtsbrecher in drei verschiedene Gruppen teilte: in die Augenblicksverbrecher, in die sogenannten besserungsfähigen Zustandsverbrecher und in die unverbesserlichen oder Gewohnheitsverbrecher. Wenn auch diese Einteilung keinen Anspruch auf Vollständigkeit machen kann, und wenn im Leben sich der Mensch nur außerordentlich schwer einem bestimmten Typus unterstellen läßt, so muß doch gesagt werden, daß diese Einteilung die besonderen charakteristischen Merkmale scharf herauSar- beitet. Der Augenblicksverbrecher ist keineswegs anders geartet als die übrigen Menschen. Der Grund seiner Verfehlung liegt in einer gewissen Schwäche der Hemmungen, die man zutreffend als »seelische Bremsvorrichtung" bezeichnet, und die bei ihm im kritischen Moment nicht oder nicht genügend stark funktioniert. Dabei gibt es Umstände, durch die die Wirkungen dieser»seelischen Bremsvorrichtung" herabgesetzt werden. Allohol, hoher Affekt usw. Es ist nun sehr interessant, daß gerade die schwersten Verbrechen, die sogenannten Blutverbrechen, von solchen Menschen begangen werden. Wenn man an die vielen Mörder und Totschläger denkt, so muß man sagen, daß der Großteil Ein Brand der Druckerei des Pariser„Journal" ist in den frühen Morgenstunden der Dienstag gelöscht worden. Einer der S e tz e r konnte sich nicht mehr retten und fand den Tod durch Ersticken. Der Sachschaden, den der Brand verursacht hat, soll beträchtlich sein. Die Zeitung wird nunmehr in einer befreundeten Druckerei hergestellt. Die österreichischen Nazi-Studenten. Wie dje„Reich-post" erfährt, ist an die Rektoren der österreichischen Hochschulen ein Erlaß des Unterrichtsministeriums ergangen, demzufolge für alle absolvierten Mittelschüler und Hochschüler, di« an der Juli-Revolte direkt oder indirekt teilgenommen haben, die Aufnahme bei der Jnskrip-i tion sowie jede andere Zulassung zur Benutzung! von Hochschuleinrichtungenen bis auf weiteres zurückgestellt wird. Schwerer Einbruch in Aussig. Unbekannte Täter drangen in das Delikatessengeschäft des Grotz- kaufmmmeS Karl Heller in Aussig nachts durch das Fenster ein, wobei sie daS eiserne Gitter verbogen hatten. Im Geschäfte selbst durchbrachen sie die Rückwand der feuersicheren Kassa und die Schutzwand deS Tresors, aus dem sie sodann 1 8.0 0 0 K c in Bargeld und dort verwahrte wertvolle Sachen raubten. Nach den Dieben wurde di« Untersuchung eingeleitet. Mammutfunde. Auf der Jamal-Halbinsel(Si- birien) iu der Nähe des Neuen Hafen» am Fluss« Parusnaja wurden im Eisboden zwei vollständig erhaltene Mammutleiber gefunden. Bereits im Borlahre wurden bei Kap Drobjany drei solche Leiber gefunden, mit deren Fleisch die Ostjaken eine geraume Zeit hindurch ihre Hunde füttern konnte». hinein In die Heie Derei sosiakstiseker flWonUUr! Volkswirtschaft und Sozialpolitik Ein Bündnis gegen die Verbraucher Sie haben sich gefunden: die kapitalistisch eingestellten Fleischer und Landwirte, zwischen denen sonst stetiger Krieg herrschte. Krieg um die Preise von Vieh. Es waren bekannte Wortführer der Agrarier(Abg. Böhm, Direktor Haas) und andere mehr, die sich früher scharf gegen die Preisdrückerei der Fleischer wandten. Die reichen Fleischer und die armen Landwirte•— daS waren die offenkundigsten Gegensätze auf dem Dorfe. Nun liegen sich beide in den Armen, um ge.eint gegen die— organisierten Verbraucher loszugehen. Wie schon anderwärts, fand auch in Tetschen eine gemeinsame Beratung der Fleischer und Landwirte mit dem Ziele statt, den Absatz des heimischen Viehes zu fördern und den Preis zu stabilisieren. Nun sind wir Sozialdemokraten stets dafür eingetreten, daß eine direkte Verbindung zwischen dem Landwirt und Verbraucher im Wege der genossenschaftlichen Organisationen zum Wohle beider Teile hergestellt wird. In der Praxis geschieht dies ja längst bei einer Reihe von wichtigen Artikeln. Die direkte Fleischversorgung ist allerdings das schwierigste Problem. In der Tetschneic Versammlung gestand Direktor HaaS unumwunden, daß landwirtschaftliche Großschlächtereien unrentabel seien. Wohl in der Hauptsache deshalb, weil der wahre genossenschaftliche Gedanke bei den Landwirten vielfach noch nicht lebendig genug ist! Aus diesem Grunde und weil die politische Einstellung hiebei eine große Rolle spiett(die„roten" Konsumvereine sind beiden Gruppen nicht genehm), suchen Bauern und Fleischer das bisherige kritische Verhältnis zueinander in ein friedliches umzuwandeln. Die heimischen Landivirte sollen eine Art Absatzmonopol erhalten und die Einfuhr fremden BieheS und Fleisches ausgeschaltet werdens.Die Ueifchrr sollen dabei bessere Preise zahlen. Ber.-em feierlich geschlossenen Pakte ging der Tenor wieder einmal gegen die— Marxisten. Sie wurden als Verfechter übertriebener Preisherabsetzungen hingestellt, die marxistischen Gemeindevorsteher als Verschwender usw. Der Verbandssekretär der Fleischer, ein Herr Hans E y b e n, macht« besonders gegen die Konsumvereine scharf und denunzierte sie, daß dort auch an Nichtmitglieder Fleisch, Wurst, Fett etc. verkauft werde. Daß diese Waren von— heimischen Fleischern bezogen werden, welche dabei sehr gut fahren, weiß der Herr Eyben wohl nicht. Die in der Versammlung anwesenden Lieferanten der Konsumvereine haben auf diese Tatsache anscheinen auch nicht aufmerksam gemacht. Die von den Landwirten betriebenen Hausschlachtungen gefielen diesem Vertreter der Fleischerzunft ebenfalls nicht. Herr. Vizebürgermeister Thiel«-Bodenbach und Abg. B ö h m-EberSdorf gaben dieser Hetze gegen die organisierten Verbraucher ihren Segen. In den Gauausschuß wurden folgende Herren gewählt: Bon Seite des Fleischerverbandes Franz Muzik, Krochwitz, Arth. Störch, Bensen, Rob. Prautsch, Politz a. E., Karl Bcitlich, Böhm.-Kamnitz, und von der Landwirtschaft Ignaz Parthen, Buschmüi le, Franz Schicht, Markersdorf, Sekretär Josef Brosche, Rieder-Ebersdorf, und Richter llftidolf, Hennersdorf. Die Wirkungen des Bündnisses der sich bisher bekriegenden Fleischer und Landwirte werden für die Verbraucher unter Unständen bald fühlbar werden. Die Verbraucher haben alle Ursache, sich der Konsumvereinsbewegung anzuschlie- ßen, die gegebenenfalls auch- imstande ist, die Fleischversorgung für ihre Mitglieder selbst in die Hand zu nehmen. Die heimische Landwirtschaft und daS Fleischergewerbe unterstützen und dafür bekämpft und vernadert zu werden, ist deS„Guten" denn doch zu viel,... „Blumen-Zauberdung", das Blütenwunder Blumen an allen Fenstern! Welche Freud« für den Besitzer wie für den Beschauer! Wenn Sie Ihre grünen Lieblinge kräftigen und zu reichem Mühe« bringen wollen, verwenden Sie„Blumen-Zauber- dung", ein erprobtes, billiges Düngemittel, ein wahrer Wunderttank für Ihr« Blumen. 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Das alles wäre relativ unerheblich und kaum der Erwähnung wert, wenn nicht die betelligten Personen wieder einmal bewiesen, wie unbedenklich der Heimwehrfaschismus auch die zweifelhaftesten Subjekte in sein« Dienste stellt» sofern sie bereit sind, sein Loblied zu singen. Sozusagen „Chefredakteur" der„Deutschen Zeitung" ist ein Herr Max Gruschwitz aus Breslau, dessen po- liüsches Vorleben immerhin bemerkenswerte Viel- fältigkett aufweist. Er war im Jahre ISIS Parteisekretär der Unabhängigen Sozialisten in der schlesischen Hauptstadt. Da Gruschwitz sich bald überzeugte, daß die Unabhängigen auch nur „flaue Reformisten" seien und er überdies keine weiteren Aufsttegsmöglichkeiten bei ihnen sah, ging er alsbald nach Sinowjews bekannter Rede auf dem Hallenser Parteitag zu den Komm u n i- st e n über und brachte eS hier sogar zu einer Kandidatur zum preußischen Landtag. Richt weiter, denn die kommunistischen Sttmmen waren nicht zahlreich genug, um Herrn Gruschwitz als Vertreter der bolschewistischen Theorie in das Par- I lamcnt zu entsenden. Titf enttäuscht wandte er sich von' dieser unzulänglichen Partei ab And zog sich aus der Sphäre des kommunistischen Kolletti« viSmus in die des a n a r chisti sch e n I n d i v i- dualiSmuS zurück, den er in einem von ihm herauSgegebenen Wochenblatt neben der Skandal« chronik aus besseren zahlungskräftigen Gesell« schaftSkreisen, nicht allzu aufdringlich propagierte. Mtt nicht minder kühnem Schritt fand er von dort den Weg zum FaseiSmuS, vorerst zum ttalienischen Faschismus, denn von dem deutschen wußte man noch nicht so recht, ob er oder ob er nicht. Die Faschismen pflegen in der Pflege ausländischer journalistischer Beziehungen großzügig zu sein. Unschwer erreichte Max Gruschwitz einen Freiflugschein in den sonnigen Süden u. ein Interview mit A. Mussolini, dem Bruder deS Duce, dem natürlich eine Unterredung mtt Benito folgen sollte. In der schlesischenHeimat aber wurde ihm ein Bein gestellt; die Vertreter der bürger« lichen Presse eälärten dem Konsul, daß jegliche Beziehung zu ihm abgebrochen würde, wenn der Wochenblatttedakteur in Italien offiziös weiter unterstützt würde. GruschwitzeS Bewunderung für Mussolini, die sich inSbesonderS in dem Nachweis kundtat, daß in Südttrol Deutsche kaum vorhanden seien, hat dessentwegen aber nicht abgenommen. Am Borabend des Dritten Reiches biederte er sich bei der S ch w a r z e n F r on t an, die zu Ende 1832 von der Regierung zeitweise gefördert wurde, um den Nationalsozialismus zu dämpfen. Doch die rauhen Kämpfer des Hauptmann Sten- neS bemerkten bald, mit wem sie es zu tun hatten und setzten G. mit Brachialgewalt an die Luft. Di« von ihm in die politische Ehe eingebrachte Zeitung behielten sie. Gruschwitz aber gründete sofort eine neue und war bald wieder obenauf. DaS Geheimnis seiner journalistischen Erfolge in BreSlau bestand weniger in der nunmehr auch bei der„Deutschen. Zeitung" festzustellenden Fähigkett, drei bis vier Seiten über sich selbst zu schreiben, sondern in der Angst honetter Bürger, es könne eines Tages in der gruschwitzschen„Tri« büne" mit viel Details, ohne Namen, aber doch für jeden erkennbar, irgend ein kleiner Skandal, ein Seitensprung oder irgend eine möglicherweise auch erfundene Geschichte zu lesen sein. Niemals faßbar für den Staatsanwalt, der sich übrigens an die sechs gleichartigen Skandalblätter Breslaus nie heranwagte, florierte dieses Geschäft immerhin so, daß G. ein ganz angenehmes Leben zu führen verstand. Nur einmal wäre es beinahe schief gegangen, als nämlich eine derartige Unterhandlung den ebenfalls in Wien„emigrierten" und anscheinend auch an der„Deutschen Zeitung" tätigen Advokaten Dr. Gotthilf vor die Ehren« gerichtSbarkeit der deutschen Rechtsanwälte brachte, wo er wegen unstandesgemäßer Handlungsweise zur höchst zulässigen Strafe vor der Ausstoßung aus dem Rechtsanwaltsstande verurteilt wurde. Nur die zarte Rücksicht, die man in juristischen Kreisen«inander entgrgenbringt,- bewahrten ihn und dest' dtrztftigen SchriftleitersAitt Wh-HfE- hembergischen„Deutschen Zeitung" vor einer Anklage wegen Erpressüng. Auch Herr Gotthilf hat übrigens eine marxistischeBergangenheit,aus jener Zeit, da sich ein Parteibuch zu rentieren schien. Man konnte damals als Sozialdemokrat beispielsweise Justitiar beim Staatskommissar für Schlesien werden oder— in späteren Jahren— die Prozesse der„Roten Hilfe" übernehmen. Rach dem nationalsozialistischen Umstürze gaben die beiden Wahrer guter Sitten im schlesischen Bürgertum Fersengeld; Herr Gotthilf wohl ' ans rassischen Gründen, Gruschwitz, weil die Nazi» ihm angesichts seiner beweglichen politischen Laufbahn nicht über den Weg trauten. Mit dem rich- tigen Jnstingt, daß das austtofaschist. Milieu die Möglichkeit bieten werde, neuerdings publizistisch tätig zu sein, wandten sie sich nach Wien. Sie hatten sich nicht getäuscht. Wo ein Lip» powitz und ein Sandor Weisz als Journalisten geschätzt wurden, konnte man auch den Skandalblatt- Redakteur aus Schlesien und seinen Advokaten gebrauchen. Die„Deutsche Zeitung" verkörpert publizisttsch da» moralisch-politische Niveau dieses Regimes. zu den Augenblicksverbrechern gehört, zu Menschen, die sonst einen einwandfreien Tharatter besitzen, aber nur im krttischen Moment die Herrschaft über sich selbst verloren haben. Einer von ihnen, ein gewisser Max R., kann gewissermaßen als Schulbeispiel bezeichnet werden. Er war Oberleutnant und hat als solcher eine Frau aus sehr vermögendem Hause geheiratet. Durch den Umsturz wurde er aus seiner Laufbahn gerissen. Die Frau verlor ihr ganzes Vermögen. Er selbst brachte sich al» Vertreter fort. Die geänderten Verhältnisse bewirtten eine Entftemdung der beiden Eheteile; e» kam z« Mihhelligkeiten und schließlich zur Scheidung. Der Mann ftmnte aber trotzdem von der Frau nicht loskommen. Es gab neuerlich heftige Szenen und im Laufe einer solchen Mete er die Frau durch einen Revolverschuh. Obwohl er also das schwerste Verbrechen begangen hat, das unser Strafgesetz überhaupt kennt, kann man ihn doch nicht als Verbrecher im gewöhnlichen Sinne des Wortes bezeichnen. Er hatte sich bis zu dem Augenblick, wo da» Entsetzliche geschah, auch nicht die geringste Verfehlung zuschulden kommen lassen. Er wurde damals von den Geschworenen, die SinneSverwirrung annahmen, freigesprochen. Und obwohl seither schon Jahre verstrichen sind und es dem Mann keineswegs gut geht, schlägt er sich doch auf anständige und ehrliche Weise durch, und es liegt auch nicht daS geringste gegen ihn vor. ES haben eben damals die Hemmungen nicht genügend stark funktioniert, und so geschah die entsetzliche Tat. Er ist der TYPUS eines echten Augenblicks- oder Gelegenheitsverbrechers. Die zweite Gruppe sind die sogenannten besserungsfähigen Zustandsverbrecher, Deren Charakter ist bereits angekränkelt. Sie weisen schon eine gewisse Neigung auf, immer und immer wieder strafbare Handlungen zu begehen. Es sind dies schwache und haltlose Charaktere, die zwar immer Besserung geloben, aber keiner Versuchung widerstehen können; und da daS Leben für jeden Menschen Versuchungen mannigfaltiger Art bringt, immer wieder rückfällig werden. Zu dieser Gruppe gehören auch die sogenannten Psychopaten, die moralisch Minderwettigen. Und gerade diese Leute sind eS, die die Gerichte immer und immer wieder beschäftigen. Die dritte Gruppe sind die unverbesserlichen oder Gewohnheitsverbrecher. ES soll gleich hervor« gehoben werden, daß deren Zahl besonders bei uns sehr gering ist. Der Berufsverbrecher verhält sich gegen Abstrafungen unempfindlich. Die Strafe ist daS Berufsrisiko, daS er mit in Kauf nehmen muß. Er hat sich das Verbrechen gewissermaßen al» Beruf ausersehen und denkt gar nicht mehr daran, sich auf ehrliche und anständige Weise fortzubringen. Im Gegenteil; er sieht mit einer gewissen Ueberhebung auf die Leute herab, die tagaus, tagein schuften, um nur den nöttgen Lebensunterhalt verdienen zu können. Die Berufsverbrecher sind Leute, die fast mehr als die Hälfte ihres Lebens im Kerker verbracht haben, die nach ihrer Entlassung immer wieder rückfällig werden, bis sie infolge des fortgeschrittenen Alters nicht mehr die entsprechende Kraft besitzen, di« für Begehung schwerer Verbrechen notwendig ist... A. T. Sitte« „Sozialdemokrat* Mittwo», 17. Oktober 1934. Nr. S4S PBAGB« ZHTUMG Ei« Besuch Bei Anatole Francs Bon Ott» Friedländer Billa Said ist eine kleine, ganz stille Privat- stratze, nahe dem Bois de Boulogne. Ein unauffälliges Haus, ganz aus grünem Stein, mit hvher geschloffener Wir, die wie eine ruhig abwehrende Handbewegung Neugier vertreibt, bewohnt Anatole France. ' Eine Matrone in schwarzem Kleid, mit gutmütigen, roten, schnell überpuderten Apfelbäckchen öffnet.' Der sorgliche Doktor wird um Rat gefragt, ehe man den Besucher meldet. } In einem kleinen Rokokosalon heißt man mich warten. Alte schöne Bilder hängen an den Wänden. Durch die Glastür grüßt eine marmorn« Büste des Dichters. Auch hier, wie in vielen Pariser Woh- npngen, spürt man, daß Frankreich im Rokoko und Empire seinen Stil fand. Einheitlichkeit herrscht rmd sichert vor Ueberraschungen des Stils, die oft allerdings auch ernste Laute neuen Lebens sind. Während die Gedanken wandern, wird fast das freundliche„Bitte!" überhört. Eine schmal« Treppe hinauf zum halbvcrdunkelten Zimmer. Rahe der Tür sitzt Anatole France. Scharfen und feingeschnittenen welken Zügen entfließt ein weißer Bart, lieber den schwarzen klugen und klaren Augen wölbt sich die hohe Stirn, um die ein leuchtend rotes Seidentnch malerisch geschlungen ist. Patriarch und Jakobiner! Weltweise und spöttisch ist France, im Altern noch Jugend, die aus Hüllen von Spott und Skepsis leuchtet, in ihrem herrlichsten Recht: der ewigen Empörung. Empörung, die immer zuletzt aufbegehrt aus verwundeten Tiefen der Gläubigkeit. Der Kranke im Lehnstuhl sprach zuerst mit matter Stimme, aber er wurde lebhaft, je mehr die Rede in Fluß kam. Von dem Widersinn der Welt, am Ende eines Jndustriekrieges, gleich wie nach Feudalkriegen, Sieger und Besiegte zu erwarten, ging«r aus. Die europäischen Notwendigkeiten standen ihm vor Augen, plastisch— anekdotenhaft formt er schließlich noch einmal den Gedankengang: „Eine Russin hat mir eine kleine Geschichte erzählt, mr die ich immer denken muß bei allem Hin und Her unserer Tage. Ihr fünf Jahre alter Junge stritt und schlug sich mit einem anderen Kind«. Unmöglich war es der Mutter, die beiden Kampfhähne zu trennen. Schließlich wurde sie gar dringend fortgerufen und ging ängstlich und besorgt auf einige Minuten aus dem Hans. Als sie zurückkam, fand sie bestes Einvernehmen zwischen den beiden Wildfängen vor. Erfreut fragte sie, was so schnell den Streit geschlichtet habe. Zögernd, halb trotzig und halb beschämt kam die Antwort:„Es war doch nur ein„Oertchen" da!"—„Und sehen Sie," setzte mit leisem Schalk der Erzähler hinzu: „Allzu ost haben wir alle in Europa doch buch m>r solch„ein einziges Oertchen":" Madame France gab ein freundliches Zeichen zum Abschied. Mit eindringlichem Blick, schwerem Händedruck und einem jähen Leuchten im Gesicht hob der Greis beschwörend die Linke.„Bor allem vergessen Sie nie das ein«, daß wir gute Europäer sein müffen." Aus der Treppe kam mir die Kcaukensckstvester nach und bracht« ein Blatt Papier. Das sendet Ihnen Herr France zur Erinnerung. Ich entfaltete den Bogen und las gerührt die zitternd geschriebenen Worte:„SohonS bons Europeens. Anatole France." Morgen kein Theater und keine Unterhaltungen Die Prager Polizeidirektion- hat für den Tag der Beisetzung König Alexander I. folgende Maßnahmen vorgesehen: Am 18. Oktober dürfen im Weichbilde von Groß-Prag weder Theatervorstellungen, Dilettantenvorstellungen inbegriffen, noch Vorstellungen in den Kinos, noch musikalische Produktionen stattfinden(musikalische Darbietungen in Gast- und Schankstätten, Kaffeehausern, Weinstuben, Bartz oder Konzerte in Konzertsälen). Das Verbot betrifft auch Unterhaltungen (Tanzunterricht inbegriffen), ferner Grammophonmusik und Rundfunkmusik, sei es in öffentlichen oder in Gcschäftslokalen. Diese Maßnahme erstreckt sich auf den ganzen Tag des 18. Ottober bis 24 Uhr nachts, also auch auf Vorstellungen und Produktionen am Abend. Allen Aufsichtsorganen wurde aufgetragen, die Einhaltung der Maßnahme sorgfältig zu überwachen. Ein Krebsbekämpfungs-Institut. Die tschechoslowakische Gesellschaft zur Erforschung und Bekämpfung bösartiger Wucherungen ist heuer an den Bau eines KrebÄbekämpfungS-Jnstitutes in Prag- B u l o v k a geschritten. Der Bau erreicht bereits die Dachgleiche. Heute findet um 11 Uhr vormittags eine Besichtigung des Baues durch die Mitglieder der Gesellschaft und andere Jntereffenten statt.<•-' Kunst und Wissen Spielplan des Renen Deutschen Theaters. Mittwoch halb 8: Gespenster, Gastspiel Moiffi, B. 1. — Donnerstag: geschlossen.— Freitag halb 8: Das kleine Cafk, D 2.— Samstag 7: Neu- inszeniert PeerGynt, C 1. Spielplan der Kleinen Bühne. Mittwoch 9: H o ch klingt das Lied vom braven Mann. Donnerstag: geschloffen.— Freitag 8: Sensationsprozeß.- Samstag 8%: Hoch klingt des Lied vom braven Mann. Der Film Das geflertte Band Wer die serienweise angeferttgten Kriminalgeschichten(zum Unterschied von den künstlerischen, die bis zu den„Brüdern Karamasoff" reichen) überhaupt gelten läßt, der wird ein altes Sherlock Holmes-Abenteuer einem moderneren, aber desto geistloseren Wallace-Schmöker vorziehen. Und so wird er zufrieden sein, daß sich hier die Engländer auf ihren Kriminalklaffiker Conan Doyle besonnen und eine seiner Erzählungen verfilmt haben, in der Sherlock Holmes einen schurkischen:- früher in Indien an- säffigen Schloßhcrrn des Giftmordes au seiner Stieftochter überführt, nachdem er die Inneneinrichtung jenes Schlosses einer gründlichen Besichtigung unterzogen und den indischen Mordmethoden sein be- sonderes Studium gewidmet hat. Das Beste an dieser Geschichte ist, daß sie sich nicht an das Schema vom unverdächtigen Täter und von den verdächtigen Unschuldigen hält, sondern im Gegenteil an der Täterschaft des Schuldigen kaum einen Zweifel läßt und nur das Problem stellt, ihm den Mord nach- zuwersen und einen zweiten zu verhindern. Im Film ging freilich von Logik und Witz des alten Sherlock Holmes viel verloren— aber der Regisseur Raymond hat die Sache doch noch ziemlich spannend gemacht, und der Holmes-Darsteller Maffey läßt nichts zu wünschen übrig. Interessant ist das Wiedersehen mit dem Schauspieler L'h n H a r d i n g, der als alter Komponist in der„tteuen Nymphe" erschien und der hier— etwas überdeutlich—- den mörderischen Stiefvater spielt.—eis— Sport• Spiet• Körperpflege Neues aus dem Wild-Westga« In Schönbach fand Sonntag ein Fußballspiel zwischen dem Ortsverein und Franzensbad statt, das beim Stande 4:1 für Schönbach ein gewaltsames Ende fand. Ein Franzensbader Spieler hatte einen Zusammenstoß mit dem gegenerischen Tormann und wurde daraufhin von einem Schönbacher Spieler insultieri. Das war das Signal für die Schönbacher Zuschauer, um in den Platz zu dringen und den Franzensbader in«ine Eck» zu treiben, wo er fürchterlich verprügelt wurde. Weiter« Franzensbader Spieler und Anhänger wollten dem Angegriffenen zu Hilf« kommen und schützen, doch die Wut der Schönbacher richtete sich nun auch gegen sie und einem Franzensbader Spieler wurde dabei der Arm ausgedreht. Ein Arzt, der anwesend war, mußte fünf Franzensbadern— wie das„Prager Montagsblatt" meldet— erste Hilfe leisten. Nun wird sich damit das Gericht befaffen, da die Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet wurde. DTJ Pilsen II gegen DTJ Liben 59:45. Der Leichtathletikwettkampf beider Vereine, welcher am Sonntag in Prag-Lieben stattfand, endete mit dem Siege der Pilsener. Das Meeting wurde bei starkem Regen durchgeführt und demzufolge gab es nur in einigen Disziplinen gute Ergebniffe. Beide Gegner waren.sich gleichwerttg Und der Sieg hätte ebensogut bei etwas Glück den Liebenern zufallen können.— Die wichtigsten Einzelergebniffe: 100 Meter: Vhleta(P.) 11.8 Sek.; 400 Meter: Pekar (L.) 69.8 Sek.; 1500 Meter: Kral(P.) 4:57.2 Min.; Weitsprung: Holubec(P.) 6.43 Meter; Hochsprung: Smrcka,(L.) 1.64 Meter; Kugel: Stejskal (L.) 11.48 Meter; Speer: Neruda(P.) 42.76 Meter; Diskus: TeSitel(L.) 33.40 Meter; 4X100 Meter: Pilsen 53.7, Liben 54.2 Sek.; Olympische Stafette: Pilsen 4:30.2 Min., Liben Brustbreite. Sowjet-Fusttalltram gegen Zidenice Brünn 3:2 (2:0). Am Dienstag trugen die rusiischen Fußballer gegen den bürgerlichen Proftklub Zidenice ein Spiel aus, das sie knapp für sich entschieden. Die Brünner mußten auf Burkert und Rulc verzichten. Sowjetboxer in Brünn. Entgegen allen Meldungen trugen die russischen Boxer am Montag in Brünn doch das Match gegen die Bürgerlichen aus. Die Russen traten nur mit fünf Mann an, da zwei kampsrmfähig sind und siegten mit 8:2 Punkten. Die Ueberraschung bildet« diesmal die Niederlage Mi- chajlows im Halbschwergewicht, die anscheinend recht problematisch war. Die einzelnen Ergebniffe sind: Bantamgewicht: Serow gewann gegen Novak nach Punkten; Leichtgewicht: Ogurenkow schlug Kosina n. P.; Mittelgewicht: Stepanow siegte über Schmidt n. P.; Halbschwergewicht: Havelka schlug Michajlow n. P., zuerst wurde ein Unentschieden verkündet; Schwergewicht: Postnow schlug Peska in der ersten Rund« mittels Magenschlag k. o., Neuer Frauen-Weltrekord. Die polnische Leichtathletin Walas iewicz gastiert derzeit in Japan, Bei ihrem ersten Start in Osaka lief sie Wer 2 0 0 Meter in 23.8 Sek. eine neue Weltrekordzeit, welche um drei Zehntelsekunden beffer ist als der alte Rekord. Den Lcichtathletik-Klubkampf Stavia—Sparte gewannen die Slavianer mit 79:55 Punkte». LrAa (Sparta) stellte im Gehen Wer fünf Kilometer«ft 22:02.4 Min. einen neuen Rekord auf. Den Boxländerkampf Polen—Tschechoslowakei der Amateure, der in Warschau stattfand, verloren die Tschechoslowaken mit 11:5 Punkten. Ans der Partei Der Bildnngsansschuf? der Prager Bezirksorganisation hält Donnerstag, de» 18. Oktober, um 19 Uhr in der Redaktion des„Sozialdemokrat" eine Sitzung ab. Persönliche Einladungen ergehen nicht. Bezirksfrauenkomitee. Sitzung am Freitag, de» 19. Ottober um halb 7 Uhr im Parteiheim. Besprechung des Winterprogramms. Separate Einladungen ergehen nicht. Verelnsnadirlditcn SPD Flüchtlinge, Prag. Arbeitsgemeinschaft Falsch über Bauerntum und Mittelstand tagt Donnerstag, den 18. Ottober nach«. 5 Uhr im Parteiheim Närodni tk.Nr. 3. Stock.— Arbeitsgemeinschaft Organisations-Probleme, tagt im gleichen Raum ab 7 Uhr. Literatur Nie wieder Krieg! Herausgegeben vom Internationalen Gewerkschaftsbund, Paris 1934, 5. Auflage, 60 Seilen. „Der Hauptkriegstreiber ist heut der Fase Ismus! Er hat sich bereits einiger Länder bemächtigt und seine weitere Entwicklung bedeutet offene Kriegsgefahr. Soll Krieg und Kriegsgefahr gebannt wer den, so gilt es, den Fascismus zu bekämpfe»:. Kampf dem Fascismus in allen Formen und in jedem Augenblick bis zum bitteren Ende ist ein Gebot des Friedens." So heißt es in der Einleitung zu der neuen, fünften Auflage der Schrift„Nie wieder Krieg", die vom Internationalen Gewerkschaftsbund in Paris herausgegeben wird. Diese aufrüttelnde Kriegsanklage, die das grauenhafte Elend des Krieges in etwa 50 ganz- seittgen Photographien von Toten, Verstümmelten und von Verwüstungen aus dem letzten Kriege bringt, stellt sich in den Dienst des anttfascistischen Kampfes. Die Bilder, denen ein erläuternder Text in sechs Sprachen beigefügt ist, sind von erschütternder Wirkung. Keine noch so beredte Beschreibung kann die Schrecken des Krieges anq fchaulicher machen als die in diesem Buche enthaltenen Photographien, die einzig in der Welt sind, da das reiche Material, dem sie entnommen wurden, in Deutschland der Vernichtung anheim gefallen ist. Wieder geht eine neue Auflage dieser Schrift, die in vielen hunderttausenden Exemplaren Wer die Well verbreitet ist, hinaus, um als Warner und Mahner zu dienen, insbesondere dem Heranwachsenden Geschlecht, das die Scheußlichkeiten des Weltkrieges nicht am eigenen Leibe erfahren hat. Mit der Verbreitung dieser Schrift befolgt man ein Gebot des Friedens und trägt zur Bekämpfung des Fascismus bei. Bürger Gljobsch rettet den Fünfjahrespla» Von F. T. Pantelejew Pytnikow. (Es zeugt vom inneren Krastbewußi- sein Sowjetrußlanüs ebenso, wie von der Erkenntnis der heilenden Wirkung der Kritik, daß die russischen Schriftsteller ihre Satire auch gegen die Sowjet-Institutionen richten.) Interessant, liebe Freunde und Mitbürger, ist das Leben! Der Mensch, sagen wir, ist zum Beispiel in einem Amt angestellt, er schuftet dort den ganzen Tag, hat Verdrießlichkeiten mit seinen Vorgesetzten, streitet mit den Parteien herum, die auf die Bürokraten schimpfen— zum Haarher- ausreißen ist es. MWe kommt nun der Mensch nach den Amtsstunden nach Hause, klebt sich aufseufzend in die Sofaecke— aber hier ist derselbe Jammer: die Gattin lamentiert, die unmündigen Kinder schreien, die Mitbewohner schlagen Krach, es riecht nach Heringen und Wanzen, trostlos ist alles, grau scheint die Zukunft, niemals wird es anders sein. Aber siehe— plötzlich ändert sich alles! Das Leben reißt den Menschen vom klebrigen Söfatvachstuch, eins zwei gerät alles um ihn in Bewegung, und derselbe Bürger/' der bisher nichts getan hat, als über die Zeiten zu jammern, sieht' sich plötzlich in das Licht der Oeffentlichkeit gestellt, er fängt an eine Rolle zu spielen,'man gibt ihm einen verantwortungsvollen Posten oder man sperrt ihn gleich ein. Was ist geschehen? Vielleicht nur eine Kleinigkeit. In der Tramway mag der Bürger unversehens einem Fräulein auf die Zehen gestiegen sein,„Pardon", sagt er,„entschuldigen Sie, Bürgerin", und kommt so mit der Person ins Gespräch. Verführerisch hüpft unter der Bluse der runde Busen, das Luder klappert mit den Augendeckeln, und der Mensch vergißt auf der Stelle seine angetraute Gattin, die unmündigen Kinder, Sofa, Heringe und Wanzen, verliebt sich und plündert die Amtskaffe, Eins, zwei, kommt eine Revision, der Mensch zittert, wird blaß, fällt auf die Knie, er beschwört, bittet— nichts hilft, man packt ihn und schleppt ihn ins Gefängnis.... So plötzlich kommt es Wer den Menschen und war anfänglich nur eine Kleinigkeit. Aber nicht von einem ttaurigen Kapitel des Lebens wollte ich erzählen, teure Mitbürger, sondern von einem, das einen befriedigenden Ausgäng hat— ich meine den Fall meines Bekannten Affa- nassij Gljobsch. Die große Veränderung im Leben dieses Bürgers hat eine ganz gewöhnliche, wenn auch französische Weckeruhr bewirkt. Wie der Bürger Gljobsch in den Besitz dieser Uhr kam, weiß ich nicht. Irgendwie hatte er sie vor der Revolution bei einem Trödler gekauft oder sie auch möglicherweise irgendwo gefunden. Jedenfalls, es war eine gute Uhr, an der nichts auszusetzen war— höchstens, daß man sie ein- oder zweimal im Tag um fünfzehn oder zwanzig Minuten zurückdrehen mußte. An solche Kleinigkeiten gewöhnt man sich aber bald und schließlich merkt man sie gar nicht mehr— auf jeden Fall, der Bürger Gljobsch war mit seiner französischen Weckeruhr sehr zufrieden. Dieser Bürger ist, um es gleich zu sagen, ein Langschläfer, das Aufstehen fällt ihm schwer. Um sich nun nicht zu verspäten, stellt er jeden Wend seine Uhr neben seinem Bett auf einen blechernen Topf und ließ sich von ihr jeden Morgen aus dem Schlaf trommeln. Die Uhr tat die gewünschte Schuldigkeit— niemals, daß der Bürger Gljobsch zu spät in sein Amt kam. So lange half seine französische Weckeruhr dem Bürger Gljobsch zur Pünttlichkeit, bis er sie eines Morgens, da er sie noch so im Halbschlaf abstellen wollte, mit einer unbedachten Bewegung von ihrem Postament stieß. Nun war das Malheur fertig, schon am anderen Tag kam der Bürger Affanaffij Gljobsch verspätet ins Büro und erhielt eine Rüge. Andern vielleicht hätte das nichts ausgemacht, ihn schmerzt die Rüge und so rennt er noch am gleichen Tag mit seiner Weckeruhr in den Mechano- trust. Der Spezialist besieht die Uhr, ftagt dies und das, schraubt herum, nimmt ein Rädchen heraus, schüttelt den Kopf, zündet sich eine Zigarette an, klopft wieder ein bißchen an der Uhr herum, hält sie ans Ohr, lauscht, und stellt schließlich ein Zettelchen aus und sagt Affanaffij Gljobsch, daß man ihm die Uhr in vierzehn Tagen repariert zu- rückgeben werde. Der Bürger Gljobsch jammert natürlich, das wäre zu lang, er brauche seine wähnt, er wird es verschlafen, zu spät ins Büro kommen und von dort am Ende noch gespritzt werden. Die Leute sagen aber: es geht nicht anders, dies sei ausländische Produktion, ein kompliziertes Werk, und Affanaffij Gljobsch kann abschieben. In den folgenden zwei Wochen kommt der arme Bürger bald zu spät, bald übernächtig in sein Amt, denn bald verschläft er, bald wacht er mftten in der Nacht auf und gettaut sich dann natürlich nicht mehr, sich noch für eine Weile aufs Ohr zu legen. Im Büro gerät er der Reihe nach mit allen Vorgesetzten in Konflikt. Schließlich sind aber die vierzehn Tage um und Affanaffij Gljobsch findet sich im Mechano-Trust ein.— Die Uhr ist natürlich»och immer nicht in Ordnung gebracht, man gibt dem erbleichenden Bürger einen neuen Zettel: in weiteren vierzehn Tagen soll er wieder kommen. Verzweifelt ist der Arme, er fällt völlig vom Fleisch, sein Gesicht wird gelb, er kann überhaupt nicht mehr schlafen und in seinem Amte droht man ihm bereits mit der Disziplinierung. Jedoch alles geht vorbei und auch die neuerlichen vierzehn Tage des Wartens und Schreckens nehmen ein Ende und im Mechano-Trust steht Affanaffij Gljobschs Weckeruhr für ihn bereit. Blitzblank geputzt ist sie, jedes Schräubchen ist auf seinem Platz, man zieht sie vor ihrem Besitzer auf, läßt das Uhrwerk ein wenig repetieren, das Läutewerk ein bißchen ratschen, alles funktioniert. Affanaffij Gljobsch überglücklich, unterfertigt eine Quittung, zahlt, man drückt ihm das ftanzösische Prachtstück in die Hände und er darf abziehen. Es ist ein erstklaffiger Betrieb hier. Auf dem Weg nach Hause fällt ihm plötzlich ein, daß heute eine Versammlung abgehalten wird, in der ein bekannter Redner, sprechen soll. „Warum", denkt der Bürger Gljobsch,„soll ich nicht dorthin gehen? Die Uhr habe ich, verschlafen werde ich also morgen bestimmt nicht, mag es doch ruhig spät werden!" Und der brave Bürger Gljobsch zieht spornstteichS in die Versammlung. In den Versammlungen ist es nicht so wie im Amt, da macht eine halbe oder dreiviertel Stunde Verspätung nichts aus. Man sitzt, man wartet, bis auch die säumigen Besucher sich eingefunden haben, kaut mittlerweile Sonnenblumenkerne, spuckt die Schalen auf den Boden und singt zwischendurch die„Internationale" oder„Un- sterhliche Opfer ihr sänket dahin". Ein Vergnügen ist eine solche Versammlung. Schließlich wird das Meeting eröffnet, der berühmte Redner fängt zu sprechen an, das Thema ist intereffant:„Der Fünfjahrplan und die Werktätigen" oder so ähnlich. Wie gesagt, ein Vergnügen. AfsanaffijGljobsch lehnt sich zufrieden zurück und lauscht. Die Weckeruhr hat er in die Tasche seines Winterrocks gegeben, weil es unbequem ist, sie ewig in den Händen zu halten. Quietschvergnügt ist er, weil er in aller Ruhe da sitzen darf, dem berühmten Redner zuhören kann und keine Sorgen zu haben braucht, am morgigen Tag eine Rüge wegen Zuspätkommens auszufaffen. Direkt glücklich ist der Bürger Gljobsch. Zärtlich faßt er die Manteltasche, streichest den kleinen Metallkörper und spielt wie ein Verliebter an den glatten, feinen Schräubchen herum... da— Der berühmte Redner brüllt eben:„Der Plan wird durchgeführt werden. Genoffen, durchgeführt mst dem ganzen Elan, deffen die Werktätigen fähig sind!"— da ratscht die ausländische Produttion in der Tasche des Bürgers Gljobsch los, klirrt und raffest, daß es Gott erbarmt. (Schluß folgt.) Bezugsbedingungen: Bei Zustellung ins Haus oder bei Bezug durch die Post monatlich XL 16.— vierteljährig Kd 48.—, halbjährig Kd 96— ganzjährig Kd 192.—.— Inserate werde» laut Tarif billigst berechnet. Bei öfteren Einschalttmgen Preisnachlaß.— Rückstellung von Manuskripten erfolgt nur bei Einsendung der Retourmarken.--- Die Zeitungsfrankatur wurde von der Post, und ' Telegraphendirektton mit Erlaß Nr. 13.800/VII/1930 bewilligt. Druckerei:„Orbis" Druck-, Verlags- und Zeitungs-A-G Prag.