ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung präg xii., fochova«. telefon 53077. Administration telefon 5307«. HERAUSGEBER: SIEGFRIED TAUB. CHEFREDAKTEUR: WILHELM NIESSNER. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR: DR. EMIL STRAUSS, PRAG. ZENTRALORGAN DER DEUTSCHEM SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK Einzelpreis 70 Heller (einschlieBlich 5 Halter Porto) 14. Jahrgang Donnerstag, 18. Oktober 1934 Nr. 244 VerscKiebuns des Saar-Plebiszit? Schwierige Ueberprüfung der Wähler-' listen Paris.„L e Matin" erinnert in Bespre-, chung der Unterredung zwischen Laval und Dr.< Benes daran, daß hiebei auch über die B o r- bereitungenfürdasSaar-Plebis- z i t gesprochen wurde und schreibt: Bekanntlich sind auch Gerüchte aufgetaucht, daß das Saarplebiszit wahrscheinlich von seinem ursprünglichen Datum aufeinenspäteren Zeitpunkt werde verschoben werden. Diesbezüglich wurde bisher noch nichts Definitives bekanntgegeben, sicher sei jedoch, daß die Plebiszitkommission die Verifizierung der Wählerverzeichnisse durchführen müßte, die sicherlich längere Zeit in Anspruch nehmen wird. Die Wirtschaftsverhandlungen mit Frankreich auf gutem Wege. Paris. Das französische Handelsministerium hat ein Communiquee veröffentlicht, in welchem es über die Unterredung des Außenministers Dr. Benes mit dem Handelsminister Lamoureux berichtet und ausführt, daß sich nach die-, sem Austausch der beiderseitigen Ansichten die französisch-tschechoslowakischen Handelsvertragsverhandlungen auf gutem Wege befänden und daß man eine baldige Unterzeichnung des Abkommens erwarten könne. Von informierten Stellen erfährt das Tsch. P.-B., daß die französische Regierung die Kon- zessioiren für das kommende Jahr übertragen und erweitern wolle, die sie für das letzte Vierteljahr des Jahres 1934 dem tschechoslowakischen Handel einräumte; ausgenommen seien jedoch hiebei die Textilindustrie-Erzeugnisse. Krise in Japan Militärdiktatur in Sicht Nach einem Bericht der„D ailyHerald" wird die Regierung des Admirals Okadä noch vor dem Parlamentsbeginn zurücktreten, da ihr ein Mißtrauensvotum droht. Es wird von einer\ Militärdiktatur gesprochen. Zwischen dem japa-! Nischen Botschafter und Generalissimus in Man- dschukuo Takaschi Hischikari und den Zivilbeamten! besteht ein scharfer Gegensatz wegen des Kaufpreises für die südmandschurssche Bahn. Die Zivilbeamten von Port Arthur sind bestraft worden, weil sie die Einsetzung einer Zivilregierung gefordert haben. im Leichen des Kreuzes Madrid. Reisende» die aus Oviedo ringetroffen sind, wo sie während der revolutionären Unruhen geweilt haben, erklären, dass einige Viertel dieser Stadt den gleichen Anblick gewähren, wir seinerzeit das zerstörte Gebiet an der französischen F r o t. Der Schaden in Oviedo allein wird auf mehr als 200 Millionen Peseten geschätzt. Todesurteile in Spanien Schwere Kerkerstrafen für sozialistische Jugendliche ' Der Leutnant-Colonel Iuan Ricard March, gewesener.Leiter des Sicherheitsdienstes in Katalonien, ist vom Kriegsgericht für seine Teilnahme an dem katalanischen Aufstand zum Tyde verurteilt worden. Das Kriegsgericht von Segovia hat drei Führer der sozialistischen Jugendbewegung zu einigen Jahren Gefängnis verurteilt, weil sie an dem Aufstand teilgenom- men und Sprengstoffe verwahrt hatten. Spanische Revolution Wie es wirklich war Keine Demarche in Budapest Belgrad. Die Belgrader amtlichen Kreise erklären, daß in Angelegenheit des Königsmordes bisher an eine Demarche in Budapest oder in Genf nicht einmal gedacht wurde, und heben hervor, daß vor allem die Ergebnisse der Untersuchung abgewartet werden müssen, bevor eine unmittelbare oder entfernte Berantwortlich- keit festgestellt werden könne. * Eine Reihe Pariser Blätter nimmt an, daß die Unterredung zwischen Laval und Dr. Benes sich auch mit der Frage der Verantwortlichkeit für den Marseiller Mord beschäftigt hat. Man hofft, daß der Ständige Rat der Kleinen Entente der Angelegenheit volle und bedachte Aufmerksamkeit zuwenden werde. '„Petit Parisi en" schreibt: Jugoslawien will die tatsächlich« Wahrheit über die Verschwörung erfahren, denke jedoch nicht daran, unüberlegt eine Anklage zu erheben und so die Spannung zu erhöhen, die auf der internationalen Atmosphäre seit dem 9. Oktober so schwer laste.„Echo de Paris" rät ebenfalls zu Ueber- legtheit, gleichzeitig aber auch zu Entschiedenheit. Das Blatt meint gleich dem„Oeuvre", daß es zweckdienlich wäre, behufs Feststellung von unbestreitbaren Tatsachen die Angelegenheit dem Völkerbundrate zu unterbreiten, und zwar im Interesse des. Friedens. Seite freiselassen? Eine Prager Zeitung meldete vor kurzem, daß Karl Seitz»reigelaffeu worden sei. Eine Bestätigung dieser Nachricht war aber bisher noch nicht zu erhalten. Allerdings, so teilt man uns In der Erregung Europas über das Attentat von Marseille und seine möglichen Folgen ist. zu Unrecht, das Interesse an dem Heldenkampf der spanischen Sozialisten ein wenig zurückgetreten. Es ist aber nötig, die Blicke der Arbeiter immer wieder nach dem Schauplatz eines , heroischen Kampfes zu lenken, der gerade wegen des Heroismus, der eingesetzt wurde, nicht der letzte und entscheidende Kampf um die sozialistische Republik Spanien gewesen ist. Wir bringen im folgenden den Bericht eines Augenzeugen. Das Bild, das er am Schluß seines Artikels entwirft, stimmt auch zur Stunde noch. Unter dem stärksten Druck der Konterrevolution harren noch immer Zehntausende Sozialisten Spaniens aktiv und passiv im Widerstand aus. Am 4. Oktober war die spanische Regierungskrise gelöst, der katholisch-monarchistische Rechtsblock in das neue Kabinett ausgenommen. Damit aber begann die eigentliche, die schwerste Krise des Landes. Am Morgen noch hatte„El Socialista"— es war seine letzte Nummer— geschrieben:„Unsere Rückzugstaktik ist zu Ende ■— jetzt ist es Zeitl" Um 6 Uhr nachmittag konstituierte sich die Regierung; zwei Stunden spä- mit, ist die Richtigkeit der Meldung wahrscheinlich. Seitz ist nämlich sehr schwer krank und dir ihn behandelnden Aerzte treten sogar für eine Operation ein. Die Regierung will sich durch Seitzrns Freilassung von der Verantwortung für eine etwaige Berscklimmcrung seines Zustandes freimachen. j ter schon bildeten sich die ersten Schlangen vor den Lebensmittelläden; um Mitternacht brach im ganzen Lande der Generalstreik aus. Um zwei Uhr früh tagte der erste Ministerrat: angesichts „eines umfassenden, einheitlich geleiteten revolutionären Aufstands". Zur selben Stunde flammten die ersten Kämpfe in Madrid auf. Noch ehe der Tag graute, füllten sich die Gefängnisse, die Krankenhäuser, die Leichenhallen. Ueber Asturien wurde der Kriegszustand verhängt. Die Provinz stand in Aufruhr. Ein Truppentransport nach dem andern wurde hingejagt. Aus Madrid müßte man Guardia Eivil schicken. Aber die Formationen kamen nicht durch. Das Land war vom restlichen Spanien abgehängt. Breite Lücken klafften im Schienenstrang. Brük- ken waren gesprengt, Telephon und Telegraph durchschnitten. Die Arbeiter hatten sich im gebirgigen Terrain verschanzt. Jeden Fußbreit Boden deckten sie mit ihrem Leben: Ihr Boden war es — die erste spanische Räterepublik. Im Baskenland wurde die erste Arttllerie aufgefahren: vor die berühmte Waffenfabrik von Erbar, die die Arbeiter besetzt hielten. Genaues über den erbitterten Kampf ist zur Stunde nicht zu erfahren. Rahe bei Eibar liegt M o n d r a- g r o n, mit seinen großen Metallwerken: dort wurde das'erste Revolutionstribunal gegründet -— an zwei Industriellen hat es Todesurteile vollstreckt; einer der Hingerichteten hatte auch als Politiker einen Namen: es war ein bekannter monarchistischer Abgeordneter. Lückenlos stand der Generalstreik in Katalanien. Selbst in Dörfern, mit nur 200 Einwohnern feierte alles. Im ganzen Gebiet stockte der Zugsverkehr. Stunde um Stunde wandte sich der Präsident der katalanischen Gene- > ralidad Companys durch den Rundfunk an die Bevölkerung: Die Regierung ist bereit, die Freiheit Katalaniens und die Demokratie— den Inhalt der Republik— zu verteidigen.... Und Stunde um Stunde stieg die Aufregung dort. Revolutionskomitees wurden gebildet. Demonstrationszüge formierten sich. Ihnen vorangetragen wurden Banner mit der Inschrift:„Wir fordern das unabhängige revolutionäre Katalanien". Von den Volkshäusern verkündeten Transparente:„Wir dekretieren den revolutionären Generalstreik". Das war das Bild am F r e i t a g: Ueberall ruhte die Arbeit; im ganzen Lande knallten Schüsse; allerorts gab es die schwersten Kämpfe. Behörden wurden gefangen genommen; Radiostationen besetzt, Kasernen erstürmt; Schlachten geliefert. Wichtige Posten entglitten der Regierung: so gab es im Arsenal von Cartagena einen blutigen Aufstand. Der Zugsverkehr wickelte sich mehr als mühsam ab; in den nördlichen Provinzen stand er völlig still. Die Waggons wurden nicht entladen. In den Städten gab es kein Brot und auch alle andern Lebensmittel verknappten sich. Die Post funktionierte kaum. Die telegraphische Verbindung hatte Lücken. Mer die Regierung schwamm vom ersten Augenblick an in einer Welle des Optimismus. Das zentrale Ra- d i o von Madrid war in ihren Besitz; es prokla-, mierte Sieg um Sieg. Zwei Rechtsblätter, das monarchistische„ABC" und das Jesuitenorgan „El Debate" wurden in den Polizeikommissarja- ten verkauft. Der Ministerpräsident erklärte darin, er habe mit allem gerechnet:„Die Stärke der Rebellen steht in einem so krassen Mißverhältnis zu der der Staatsverteidigung, daß jeder subversive Umsturz scheitern muß." Samstag^frühmorgens gab es das erste schwere Geplänkel in Madrid— um eine Kaserne der Guardia Civil im Arbeitervorort Cuatro Ca- minos. Von dieser Stunde an kcun die hiesige Garnison nicht mehr aus den Kleidern. Ueberbean- sprucht, übermüdet, überreizt,, verliert sie völlig die Nerven. Das Echo eines Pistolenschusses schon entfesselt ein langes wütendes Gewehrfeuer— am Schauplatz bleiben unglückliche Frauen, die das Fenster schließen wollten, unbeteiligte Straßenpassanten. So.neigk sich, der Tag, das Dunkel kam und. es begann die Jagd auf Schatten. Dachschützen, begünstigt durch die flache Bauart der Häuser, tauchen auf und verschwinden. Um acht Uhr abends Sturm auf die Ministerien,, die Cortes, die Telephonzentrale. Das Regierungsge- bäud. auf der Puerta del Sol hat kein ganzes Der Wahlsieg der norwegischen Sie nähern sich der absoluten Mehrheit Sozialisten Bei den Gemeindewahlen in Norwegen hat die Arbeiterpartei gegenüber ihrem Stande von 1933 neue Erfolge erzielt. Verglichen mit den Gemeinderatswahlen von 1931 ist der Gewinn außerordentlich groß. Bis Montag nachts war das Ergebnis von 121 Gemeinden bekannt. In diesen 121 Gemeinden erlangte die Arbeiterpartei 1129 Mandate, was einen Gewinn von 214 Mandaten bedeutet. Die bürgerlichen Parteien besetzen zusammen 1460 Mandate und verlieren 230. Andere Arveitergrnppen behalten bei einem Verlust von 19 Mandaten 58. Totalziffern sind aus 141 Gemeinden bekannt. In diesen 141 Gemeinden erlangte die Arbeiterpartei 86.849 Stimmen, das sind ungefähr 47 Prozent. Auffallend ist der Verlust der Bauernpartei, die nicht dem Beispiel ihrer schwedischen Schwesterpartei folgte, sondern der Sozialdemokratie feindlich gegenüber st eht. Sie geht in 67 Gemeinden von 178 Mandaten auf 156 Mandate zurück. Auch die Stimmenanzahl ist gesunken. In der großen Stadt T r o m s ö stieg die Arbeiterpartei von 15 auf 22 Mandate. Die norwegische Arbeiterpartei hat die Wahlaktion mit großer Intensität geführt. Sie hat von den modernsten Propagandamitteln Gebrauch gemacht, die sich sowohl an den Verstand als auch an das Gefühl richteten. An das Gefühl richtete sich besonders das neue Symbol, unter dem die Arbeiterpartei in die Wahlen gegangen ist: der Hammer. Man wirkte auch sehr viel mit kurzen kräftigen Parolen, die in den Köpfen der Menschen gut hängen blieben. Bei den Parlamentswahlen 1933 war die Losung„Das ganze Volk an die Arbeit". Diesmal hieß es:„Aufs neue vorwärts für Freiheit, Arbeit und Brot!" Es lief auch ein außerordentlich guter Wahlsilm und das politische Kabarett gewann eine große Bedeutung. Die Ursache der enormen Aufmerffamkett, die die sozialdemokratische Wahlagitation in der ganzen Bevölkerung hervorrief, kann in erster Linie in der Tatsache gesucht werden, daß sie es verstanden, ihre Wahlzusammenkünfte z« wahren Festen zu gestalten. Oellerreidi vor neuen Sdimierigkeiien Konflikt Heimwehr—Christlichsoziale verschärft sich Für den tiefgehenden Konflikt zwischen Heimwehre« und Christlichsozialen ist eine Rede bezeichnend, die der alte christliche Arbeiterführer Kunschak am Sonntag in Wien gehalten hat. Er wies darauf hin, daß die Heimwehr, die bisher vorgegeben habe, keine Partei sein zu wollen, überall Vertretungen verlange uud also fakttsch dafür eintrete, daß es neben der Vaterländischen Front eine zweite im Staat mitbestimmende Bewegung gibt. Das bedeute, daß es eigentlich schon wieder zwei Parteien gibt. Angesichts dieser Tatsache sei es notwendig, auch die christlichen Arbeiter wieder zu sammeln nnd mit ihrer Hilfe Brücken zu den anderen Arbeitern z« schlagen. Tatsächlich rüste« die Ostmärkischen Stnrmschare«, die den alten christlichsozialen Politiker» ergeben sind, mit großem Eifer gegen die Heimwehr. Aber auch die Heimwehr ist nicht müßig und es ist in Oesterreich öffentliches Geheimnis, daß sie einen Putsch vorbereitet. Hohe Beamte, um eine Stellungnahme befragt, antworteten vor kurzem:„Nach dem Heim- wehrputsch werden wir ja weiter sehn". Seite 2 Donnerstag, 18. Oktober 1934 Nr. 214 Fenster mehr; die schöne Fassade ist von tausenden Schußspuren durchfurcht. Gleichzeitig verkündet zu den Klängen von „El Seqador", der katalanischen Freiheitshymne, der Barcelonaer Rundfunk die Ausrufung deS Unabhängigen Bundesfreistaates Katalanien. Ml» nuten später begann dort die wilde Schlacht, die von dem Radiosprecher der Generalidad in allen Einzelheiten geschildert wurde: zehneinhalb Stunden lang, bis zu dem Augenblick, da die Truppen des regierungstreuen Generals Batet in das Gebäude eindrangen und ihn niederschossen. ES war die sensationellste, die aufregendste, die lcbenSnachste Ansage, die je gesendet: Die Scharmützel auf der Hauptstraße; das Feuer verstärkt sich; Truppen marschieren an; einzelne Regimenter stehen schon im Gefecht; von allen Seiten strömen der Generalidad Hilfstruppen zu; immer neue Massen entsenden die Arbeiterbegirke — RabassaireS kommen aus den Dörfern. Der Sprecher fährt fort: er schildert das Gemetzel. Noch haben die Katalanen die Obermacht. Aber schon dröhnen die schweren Geschütze, schon brennen Häuser, schon naht das Luftgeschwader, die Innenstadt zu bombardieren. Der Sprecher fährt fort: 6.30 Uhr früh—- da plötzlich erklingen zwei Schüße aus dem Laut« sprecher. Die Stimme deS Speakers schnappt ab. Pause. Zehn trockene Worte, in spanisch jetzt, nicht mehr in katalanisch: Batet hat die Generakidad gefangen gesetzt. Er und sein Stab herrschen in Barcelona. Vom Madrider Rathaus wird der Bürgermeister verjagt. Zahllose Ortschaften regieren die Kapitäne der Guardia. 3500 Golda« ten kämpfen sich in Asturien durch. Zwei Kreuzer —„Libertad" sFreiheit) heißt der eine— be« schießen die Stellungen der Arbeiter an der kantabrischen Küste. Gendarmerie ficht im Süden. — Das alles ist heute schon Geschichte, die Literatur darüber wird einst Bände füllen... Das Blutbad in Barcelona, die Schlacht im Baskenland, der Kampf um Asturien, der Heldenmut der Madrider, die Aufstände in den Dörfern— was weiß man heute schon darüber? Nichts. Nicht einmal die Zahl der Toten. Nicht die der Verwundeten und die der Verhafteten. Nur daß der Aufstand niedergeschlagen ist. Und Stunde um Stunde verkündet ein Rundspruch:„Wer nicht zur Arbeit zurückkehrt, wird fristlos entlassen." Wer nicht zur Arbeit zurückkehrte, war die spanische Arbeiterschaft. Der Streik geht weiter, das Ende ist nicht abzusehen. In den Gas« und Elektrizitätswerken arbeiten seit Freitag Soldaten. Straßenbahnen, einzelne Metrolinien, Taxis werden von Soldaten geführt. Zu wenig. In den Kasernen wird Brot gebacken■— zu wenig, viel zu wenig. Mit allen Mitteln sucht die Regierung, das öffentliche Leben aufrecht zu erhalten. Bei Strafe von 20.000 Peseten werden die Geschäftsinhaber gezwungen, ihre Läden zu öffnen. Lichtreklame muß gebrannt werden. Die Autobesitzer ^müssen spazieren fahren. Die Wohnungsinhaber dürfen bei Tag die Rolläden nicht herablassen. Aber die Arbeiter gehen nicht zur Arbeit. Uebermüdete Soldaten führen die Untergrundbahn, lenken die Straßenbahn, versehen den Reinigungsdienst in der Stadt und bei Nacht den Sicherheitsdienst. Aber die Arbeiter haben die Hände in den Taschen. Wichtige Stellungen sind verloren, wichtige Führer verhaftet. So die der sozialistischen Jugend. So eben A z a ü a, erster Ministerpräsident der Republik und einer ihrer wichtigsten Geburtshelfer. Die Zentrale des Aufstandes und des Generalstreiks jedoch ist noch nicht entdeckt. Und die Arbeiter gehen spazieren.... Die deutsche Arbeiterschaft ist widerstandslos in den FascismuS geplumpst. An dem Fehlen der Solidarität weiter Arbeiterschichten zerbrach die Insurrektion in Wien. Der Aufstand in Spanien ist von der Armee niedergeschossen. Aber noch bleibt übrig: einmütige, eiserne passive Resistenz. Die Regierung sagt:„Zusammenbruch. In weni gen Tagen ist alles vorbei!" Das Jesuitenorgan „El Debate", von katholischen Arbeitern gedruckt, beruhigt seine Anhänger:„Nur das letzte trotzige Aufbäumen, keine planmäßige Aktion." Aber die Arbeiter sagen: „Und wenn wir Sohlenleder fressen müßten! ManzwingtunSnicht." Soztaldcmolcratisdic Initiative: Audi die Jungen sollen Arbeit benommen! Nach einer Aussprache mit den Vertretern der beiden sozialistischen Jugendverbände haben die Klubs der deutschen und der tschechischen Sozialdemokraten in der böhmischen Landesvertretung den Anstoß dazu gegeben, daß die Aktion zur Beschaffung von Arbeitsmöglichkeiten für arbeitslose Jugendliche auch im Bereiche des Lande«, der Bezirke und der Gemeinden in möglichst großem Umfange durchgeführt werde. Als Vorbild dienen die Maßnahmen, welche das Fürsorgeministerium auf Grund der Initiative der sozialistischen Jugend bereits ergriffen hat. Die beiden sozialdemokratischen Klubs haben die Forderungen in folgendem gemeinsamen Antrag zusammengefaßt: 1. In die Bergabededingungen für Landesarbeiten und bei Durchführung von Arbeiten, welch« vom Lande unterstützt werden, wird die Vorschrift ausgenommen, daß wenigstens 15 Prozent der beschäftigten Arbeiter den Altersklassen von 18 bis 24 Jahren angehören müssen. Den anderen SelbstverwaltnngSkörpern wird derselbe Vorgang bei den von ihnen durchgesühr- ten Arbeiten empfohlen. 2. DaS Land errichtet bei hiezu geeigneten Arbeiten Arbeitsgemeinschaften jugendlicher Arbeitsloser nach den Grundsätzen des Ministeriums für soziale Fürsorge und empfiehlt auch den an- dern GelbstverwaltungSkörpern die Errichtung solcher Arbeitsgemeinschaften bei hiezu geeigneten Arbeiten. Dir Antrag sieht ferner vor, daß der Lan- dcSausschuß in der nächsten, im Dezember stattfindenden, Sitzung der Landesvertretung einen Bericht über die Vorarbeiten zu dieser Aktion vor- lcgt, wobei besonders Rücksicht auf die Kontrolle ihrer Durchführung genommen werden soll. Die sozialdemokratischen Klubs setzten sich für die Interessen der arbeitslosen Jugend auch in der Budgetdebatte in der Landesvertretung ein. Es sprachen in der Mittwochsitzung zu dem angeführten Antrag die Genossin Deutsch, für die tschechischen Genossen die Genossin Bulikovä. Bürokratische Schwerfälligkeit I bringt Gemeinden an den Bankrott Die Gemeinde Ntstersitz im Aussiger Bezirk hat im Jahre 1931 eine Wasserleitung mit einem Kostenaufwand von 1.5 Millionen XL durchgeführt. Von dem technischen Beamten des Landes- amteS erhielt sie die Zusage, daß ihr, für den Bauaufwand bis zu 740.000 XL eine Subvention bewilligt werden würde. Bis heute aber erhielt die Gemeinde trotz vieler Interventionen und obwohl sie an den Bau auf Drängen deS technischen Beamten des Landes gegangen war, keinen-Heller. Die Gläubig» drohen mit Klagen und Exekutionen, weil die Gemeint«, welcher die Subvention borenthalten wird, die Annuitäten nicht fristgerecht bezahlen kann. Aus denselben Gründen sind a p ch a n d e r e Gemeinden in eine schwierig« Situation geraten. So wurde z. D. auch der Gemeinde Kleinpriesen ssvm technischen Beamten des Landes eine Subvention zugesagt, die jedoch, nachdem der Bau durchgeführt worden war, nicht ausgezahlt wurde. Um die auf solche Weise entstandenen finanziellen Schwierigkeiten vieler Gemeinden zu beheben, hat Genosse P ö l z l in der böhmischen LandeSbertretung einen Antrag überreicht, durch welchen der LandeSauSschuß aufgefordert wird, dafür zu sorgen, daß im Interesse einer geordneten Gemeindeftnanzwirtschaft und deS Kommunalkredits die rückständigen Subventionsangelegenheiten sobald wie möglich aufgearbettet werden. Vie Unverantwortlichen Die„Deutsche Presse" nimmt in einem Leitaufsatz, betitelt„Die Verantwortung", zur Duldung und Unterstützung deS kroatischen Terroristenlagers durch Ungarn Stellung. Sie begnügt sich damit nicht, sondern schreibt u. a.: „Aber auch in Marburg... stehen heut« an der österreichischen Grenze Hunderte bewaffneter österreichischer Legionäre, des Winkes gewärtig, ihre terroristische Tätigkeit wieder zu beginnen. Ebenso beherbergt die Tschechoslowakei ein« nicht geringe Zahl jener austromarxistischen Aufrührer, di« nach der mißlungenen Juntre» voltehier ihr Asyl gefunden haben. Daß derartige Emigrantenzentren die Brandherde in Europa werden können, steht außer Zweifel." Das ganze ist, wieder ein Versuch, den österrei- chtschen Feber fluchtungen das Asylrecht in der Tschechoslowakei zu nehmen. Diesen Versuch unternimmt die„Deutsche Presse" in wahrhaft teuflischer Weise im Zusammenhang mit dem Attentat von Marseille— und allerdings in einer Zeit, da die katholische Emigration aus Deutschland immer größer wird. Der JesuitiS- muS handelt nicht immer klug..* Der VerkehrSauSschutz deS Senates verhandelte am Mittwoch neuerdings die Regierungsvorlage über die Fahrt mit Motorfahrzeugen, d. i. das definitive Automobilgesetz, und schloß sich den tagSvorher vom verfassungsrechtlichen Ausschuß beschlossenen Äenderungen und Resolutionen an. Frankreichs neuer AuBenmlnlster Laval, der Nachfolger des ermordeten Barthon Die Arbeitslosigkeit der Jugend Erschütternde Ziffern aus dem SoriaHstb sehen Jugendverband Das soeben erschienene Funktionärblatt deS Sozialistischen Jugendverbandes,„Der Wegweiser", enthält den Bericht über eine Funktionärschule, die der Verband für den Kreis Karlsbad abgehalten hat. Es waren vierzig Teilnehmer. Eine Umfrage über die sozialen Verhältnisse ergab folgendes: Teilnehmer ViS zu ü Jahr waren arbeitslos. 10 Vis zu 1 Jahr waren arbeitslos. 3 Lis zu 1% Jahren waren arbeitslos 7 ViS zu 2 Jahren waren arbeitslos 6 ViS zu 8 Jahre» waren arbeitslos 3 ViS zu 4 Jahren waren arbeitslos 2 Bon 40 der führenden Funktionär« unserer Karlsbader Jugend-KreiSorganisation sind also 31 arbeitslos. „Der Wegweiser" schreibt nach der Wiedergabe dieser Zahlen: „Richtig zum Bewußtsein kommt einem aber die Not und auf der anderen Seite die Aufopferung der Genossen, wenn man erfährt, wie eS zu Hause in der Familie mit der Arbeit bestellt ist. Man könnte darüber einen gesonderten Artikel schreiben. Nur einige Beispiele: Familien- mitglieder 6 8 4 davon über 14 Jahre'.... 5. Keiner davon Arbeit, 4. Keiner davon Arbeit. 4 Seiner davon Arbeit. 8 7 4 Ehrer davon Arbeit 4 Einer davon Arbeit. 3 Einer davon Arbeit, Diese Reche könnte man ins unendliche fortsetzen. Jeder, der weiß. waS eS heißt, erwerbslos zu sein, kann sich die Folgerungen dieser Zahlen auf die Arbeit der Orgamsation auSmalen." Diesen Feststellungen wird jeder beipflichten. Sie sind noch zu ergänzen durch einen Hinweis ai{f den Opfermut, den diese arbeitslosen Jugendlichen Tag um Tag im Dienste ihrer Organisation beweisen. 24 BRUNO ADLER: Ein weiter Platz im Walde! Ringsum stehen Rabbiner im Talar, in der Mitte wetzt ein Schächter ein riesiges Messer. Endlich wird das Opfer herbeigeschafft: ein schöne- Mädchen. Der Schächter erhebt sein Messer..." Hier versagt dem Berichterstatter die Feder, das Weitere niederzuschreiben. Der Platz am Waldrand, wo man di« Ermordete gefunden hat, ist geheiligt. Fromm« Her- ->en und Hände haben ihn gepflegt und verschönert. Niemand geht vorüber, ohne vor dem Bild der heiligen Agnes an der großen Fichte eine stillt Andacht zu verrichten. In diesem Jahr wird in Polna der Peter- und PaulS-Tag besonders feierlich begangen. Tausende Wallfahrer sind in der Stadt zusammengeströmt, um- in Prozessionen zum Bresina- walde zu ziehen. Alles ist dort eindrucksvoll ber- gerichtet. Der Weg wurde verbreitert, die geweihte Stelle oberhalb des Hohlwegs mit Kränzen, Blumensträußen und Kerzen geschmückt. Betpulte und Bänke sind aufgestellt. An einem Baum ist ein buntes Gemälde angebracht: drei scheußliche Männer, krummnasig, zottelbärtig, in langen Talaren, Gebetbücher in den Händen, schlachten mit einem großen Messer ein Mädchen «ch. Neben ihnen eine Frau, die daS«»uSströmende Blut in einem metallenen Kecken auffängt. Die Wallfahrer singen' und beten, die Frauen weinen, die Männer schlagen ernst daS Kreuz, der Priester segnet die Menge. Viele gehen nachher nach WjeSnitschka hinüber, und im Haus der Hruzas ist ein unaufhörliche- Kommen und Gehen. Jeder will der armen Mutter einmal die Hand drücken. Für den nächsten Sonntag ist eine Wiederholung der Prozession angesagt. Die Juden in Wien regen sich auf. Der Ministerpräsident soll daS Bild mit der Darstellung deS Mordes sofort entfernen und den Urheber dieses Frevels bestrafen lassen. Daß die Regierung diesen Wünschen unverzüglich nachkommt, und daß daS Bild am Sonntag vor Morgengrauen von Gendarmen weggeholt wird, steigert di« Empörung der Gläubigen. Die Wallfahrt ist heute eine politische Demonstration. Durch die Teilnahme der Geistlichkeit erhält sie ihre Weihe. Böhmen und Mähren werden überschwemmt von Propagandaschristen und Bildern. Ueberall in den Fenstern der Buchhandlungen und Papierläden liegen Broschüren und Flugblätter aus, die da« rituelle Schächten von Menschen und speziell den Mord von Polna beschreiben, Ansichtskarten vom Schauplatz der Tat werden in riesigen Mengen verbreitet. Das Bild der Agnes und ihrer Mutter, aber auch des HilSnerS ist allerorts zu sehen. Kolporteure tragen eine illustrierte Darstellung deS Ritualmords von Tür zu Tür. So primitiv und grob die Zeichnungen sind, so übertrieben die Einzelheit««, wie Nasen, Messer, Blut, so grell die Farben— dieser rohe Realismus trifft genau ins Ziel. Unvergeßlich prägen die Bilder sich ein; sie erregen die Phantasie, sie welken die geheime Lust an der Grauscnnkeit. Auch der Stil der Texte ist vortrefflich auf daS Gehör des Volkes abgestimmt. Salbungsvoller Herzenston und völkische Phrase üben ihre Macht. Die Traktätchen triefen von Eltern-, Kindes- und Heimatliebe, von National- und Rassenehre. In jedem Kramladen ist HilSners dichterisch ausge- schmückte Lebensbeschreibung, tschechisch, deutsch, siowakisch und ungarisch, zu haben. Ein Flugblatt beschreibt mit überzeugend wissenschaftlicher Akribie den MordrituS: Der den Kopf des Opfers hielt, war„ein Kultusbeamter der Hebräer, Oberer des Kahal, der Polizei- und Henkertruppe der Hebräer"; der daS Messer führte, war„der Zaodick oder der heilige Mann der Hebräer, der Wunderrabbi und Schächter der alljährlichen Sühneopfer". HilSner spielte dabei eine zwar untergeordnete, doch wichtige Rolle: er war„der Beschaffer des Opfers". Mit Schriften dieser Art und Bilderkarten hat ein gewandter Berliner Verleger außerordentlichen Erfolg. Für die Zeitungen ist der Fall ein Geschäft, das die stille Saison großartig belebt. In den Volks- und höheren Schulen unterrichten anti- semitische Lehrer über das rituelle Blutopfer. Ter katholische KleruS aber lonn nicht zusehen, wie er seine Gläubigen an die Parteien verliert, die den Pogrom programmätzig fördern; also wetteifert die Kanzel mit der SensationSpreffe. Die Propagandazentrale in Wien läßt keinen Tag ohne neue Enthüllungen vergehen. Gestern haben zwei Juden ein laut weinendes christliches Mädchen über den Stephansplah geschleppt, meldet das„Deutsche BolkSblatt" und leitet Nachforschungen über den mysteriösen Fall ein. Heute berichtet eS, daß in Wildenschwert, im nördlichsten Böhmen, wieder ein Ritualmord entdeckt worden sei, dem vor bald zwei Jahren ein junges Mädchen zum Opfer fiel. Ihre halbverweste Leiche wurde damals in der Wilden Adler gefunden. Man vermutete einen Selbstmord. Jetzt, im Juli 18öS, vertraute ein Mann der Mutter jene- Mädchens an, daß er damals in der Nacht gesehen habe, wie zwei Leute das Mädchen ins Wasser warfen. Beim Aufflammen eines Zündholzes habe er di« beiden Männer erkannt. Er nennt ihre Namen, es sind zwei Wildenschwerter Juden. Die Behörde wird in Bewegung gesetzt, die Leiche wird exhumiert, sanitätSpolizeilich und gerichtsärztlich obduziert, die beiden Verdächtigten werden verhört, nichts ergibt sich. Ein neuer Beweis, daß die Justiz in diesem Staate nicht wagen darf, gegen jüdische Verbrecher einzuschreiten. Die Menschen von Polna sind unfrei, ängstlich und grausam. Fremd ist ihnen die Welt, alle« Fremde unheimlich; sicher fühlen sie sich nur zu Hause. Zur Heimat gehören auch daS harte Los, der dumpfe Trotz und der finstere Glaube. Ihr Denken ist verstrickt in überlieferte Bilder, ihre- Seele befangen in mythischen Bannkreisen. In der Tiefe deS Gemüts lauern Urmächte, um hervorzubrechen. Die Welt ist böse. Der Feind frißt dich und trinkt dein Blut. Der Teufel ist häßlich, hat eine krumme Nase und schleppt ein Bein nach. Wahr ist, waS wirklich ist, Wirllichkeit aber wird und wächst aus der Vorstellung. Gegen diese Mächte hat auch das„Rechts- komitee" einen schweren Stand. Es kann über die Bilder und Spiele einer erregten Phantasie keine Kontrolle au-üben. Wenn sich plötzlich einer erinnert, daß aus dem Kamin im Hause der HilSners zu Ostern brennende Hosen hinausgefiogen seien, so dient das der Sache keineswegs. ES dient ihr auch nicht, daß der Schneider Strnad bei der gerichtlichen Vernehmung behauptet: auch er, nicht nur Ein!, Skareda und die Huber, habe am 29. März um 8 Uhr nachmittags die drei Burschen gesehen, aber ganz wo anders als jene; er sah sie durch die Kandia, die Untere Stadt, zum BräuhauS hinaufeilen.„Sie sprangen geradezu in- Tor," offenbar, um auf diesem Weg über den Katharinenhügel in den Wald zu gelangen. Hils» ner habe nicht den grauen WerktagSanzug, sondern das blaue FeiertagSgewand angehabt, und auch der Hinkende ist dem Zeugen anders in Erinnerung als den andern Beobachtern. Im Juli erhebt der Staatsanwalt die An- klage gegen Leopold HilSner,„daß er am LS. März 1899, gegen sechs Uhr abends im Walde Bresina bei Polna, in Gemeinschaft mit bisher unbekannten Tätern gegen Agnes Hruza in der Absicht, sie zu töten, auf eine solche Art gehandelt hat, daß daraüS deren Tod erfolgte, daß der Mord in tückischer Weise verübt wurde, und daß er sich somit deS in 88 13- und 188, Abs. I, St.-G., verzeichneten, nach 8 136, St.-G., strafbaren Verbrechens deS Meuchelmordes schuldig gemacht hat.".(Fortsetzung folgt.). Nr. 344 Donnerstag, 18. Oktober 1034 Seite 3 Nazi-Stammbaum der SHF unter Beweis gestellt Ein PreBproxeB, der viel verspricht Prag, 17. Oktober. Heute fand vor dem Pressesenat des Obergerichtsrates H o m a n die fortgesetzte Hauptverhandlung in dem Prozesse statt, den Dr. Adolf Kellner in Trautenau gegen den Verantwortlichen Redakteur unseres »Lrautenauer Echo", Genossen Palme angestrengt hat. Gegenstand des Prozesses sind drei im Oktober und November 1933 veröffentlichte Artikel des„Trautenauer Echo", die unmittelbar nach der Auflösung der deutschen nationalsozialistischen Partei und nach der Gründung der„Sudetendeutschen Heimatfront" geschrieben worden sind und die die Zusammenhänge zwischen der aufgelösten und der neu'entstehenden Partei aufzeigen. Der Privatankläger Dr. Kellner, der Gründer der Trautenauer Ortsgruppe der„Sudetendeutschen Heimatfront", fühlt sich u. a. dadurch, beleidigt, daß behauptet worden ist, die„Sudetendeutsche Heimatfront" diene zur Tarnung der aufgelösten Nazi-Partei und inkriminiert ferner den Vorwurf, daß er die Vertretung des reichs» deutscken Nazi-Spitzels Riemer übernommen habe. Bei der heutigen Hauptverhandlung hat nun der Verteidiger des Genossen Palme, Genosse Dr. S ch w e l b, umfangreiche Beweisanträge, welche bei Gericht auch" vorher schriftlich eingebracht worden waren, gestellt und u. a. folgende Tatbestände unter Beweis gestellt: Der Privatanklägrr Dr. Kellner war bis zur Auflösung Mitglied der nationalsozialistischen Partei und ist»och am 26. September 1933 von dieser Partei in die Rechts- und Berwal« tungskommission der Stadt Trautenau und um di« gleiche Zeit von der gleichen Partei in den Ortsschulrat in Trautenau delegiert worden. Einige Tage danach, nämlich dm 8. Oktober 1933, wurde in der Trautenauer nationalen Zeitung«Trautenauer Tagblatt" bereits eine Ankündigung über die Gründung der Ortsgruppe Trautenau der„Sudetendeutschen Heimatfront" publiziert und mitgeteilt, daß in der Kanzlei des Pri- vatanklägers Dr. Kellner Mitgliederanmeldungen in die neue Partei entgegengenommen werden. Der Wahrheitsbeweis wurde ferner angetreten darüber, daß der unseren Lesern bereit wohlbekannte Jng. Riemer ein reichsdeuischer Spitzel war, mit dem Propagandaministerium in Berlin in Verbindung stand, diesem Ministerium Berichte über die Verhältnisse in der Tschechoslo» vakschen Republik lieferte und vom Kreisgerichte in JiLin dann wegen Vergehens gegen das Schuh« gesetz unbedingt verurteilt und ausgewiesen worden ist. Zum Dank dafür erhielt Riemer im Dritten Reiche die Stelle des Kommandanten deö Konzentrationslager- in Dachau und von Deutschland aus überreichte er eben durch Dr. Kellner gegen den verantwortlichen Redakteur deS„Trautenauer Echo" eine Presseklage.- Ferner trat der Verteidiger einen umfangreichen Beweis darüber an, daß in fast allen Ortsgruppen der„Sudetendeutschen Heimatfront" ehemalige Nationalsozialisten und Deutschnationale führende Funktionen inne haben. AlS Beleg hiefür wurden die Fälle von 33 konkreten Ortsgruppen der„Sudetendeutschen Heimatfront" aus dem ganzen Staatsgebiete angeführt und die Funktionäre der betreffenden Ortsgruppen, etwa 90 Personen, als Zeugen geführt. Der Vertreter des Klägers Dr. P r o ch e, Kanzlei Dr. Stark, führte demgegenüber an, daß die„Sudetendeutsche Heimatfront" etwas ganz anderes fei, als die aufgelöste Nazi-Partei und beantragte darüber Beweis durch daS Programm der Nazi-Partei und daS Programm der „Sudetendeutsche« Heimatfront",(welches überhaupt noch nicht bekannt ist, sondern von Herrn Henlein demnächst„verkündet" werden soll). Nach längerer Beratung verkündet der Gerichtshof den Beschluß, daß sämtlichen Anträgen des Verteidigers stattgegeben wird und alle von ihm beantragten Beweise durchgeführt werden, insbesondere werden etwa 90 Funktionäre der „Sudetendeutschen Heimatfront" als Zeugen darüber«invernommen werden, ob sie vor ihrer Tätigkeit in der„Sudetendeutschen Heimatfront" einer aufgelösten Partei angehört Haven. Zum Zwecke der Durchführung dieser Beweise wurde die Verhandlung vertagt. Die Not der Selbstverwaltung und die LandbUndler Jedermann ist eS bekannt, daß die Not der Selbstverwaltung ihre Ursachen vor allem in der Finanzreform vom Jahre 1027, dem Steuergesetz und schließlich der Wirtschaftskrise hat, nur die Leute um die„Deutsche Landpost" wollen da» nicht wissen. Sie schreiben in der SamstagauSgabe unter dem Titel„Die Not der Selbstverwaltung" einen Artikel, in dem die alten, von den Land- bündlern hundertemale aufgewärmten Mätzchen über die„Luderwirtschaft" in den Gemeinden wiederholt werden. Der Mann sieht die Ursachen des Uehels in den Gemeinden in der Reform der Gemeindeverwaltung, die nach dem Kriege durchgeführt wurde. Diese Reform hat angeblich mit sich gebracht, daß i.Leute, die die örtlichen Verhältnisse nicht kannten oder gegen sie gleichgültig waren, in den Gemeinden mitbestimmen konnten". Diese„Zugereisten" hätten ohne selbst zum Unterhalt der Gemeinde etwas beitragen zu müssen, ganz einfach die tollsten Dinge„auf Kosten einiger Bauern und Gewerbetreibenden aufgeführt" und das Ende sei eben jetzt der finanzielle Zusammenbruch der Selbstverwaltung. Hätte man das Mitbe- stimmungSrecht von einer langen Dauer der Seßhaftigkeit und der Steuerleistung abhängig gemacht, dann hätten die„demagogischen Gunstbuhler" ihre Rolle nicht spielen können. Kein Wort darüber, in welcher Weise diese Mißwirtschaft ausgeübt wurde, wo die„tollsten Dinge" aufgeführt wurden und worin diese bestehen. Pauschalanllagen, die durch kein einziges konkretes Beispiel belegt werden und die läppische Bemerkung über die Rolle der„Zugereisten" in den Gemeinden. Längst schon weiß jedes Kind, daß die Umlagen in der Finanzgebarung der Gemeinden keine entscheidend« Rolle innehaben, daß Abgaben und Gebühren, Preiserhöhungen für Wasser, Strom und andere von der Gemeinde an die Bevöllerung gelieferte Bcdarfsmittel zu den Haupteinnahmen der Gemeinde zählen, trotzdem ober immer noch die ranzige Behauptung,„wenige zahlen und die andern regieren". Glauben die Landbündler mit dieser demagogischen Argumentation Menschen zu gewinnen oder den deutschen Gemeinden einen Nutzen zu bringen? Späte agrarische Erkenntnis Unter den zahlreichen Forderungen der Agrarier an die Regierung, respektive den Staat, befindet sich auch das Verlangen nach der obligatorischen Alters re ntnerver-' Sicherung der Landwirte. Bekanntlich besteht das noch nicht vollzogene Gesetz vom 10. Juni 1925, Zahl 148 d. D. d. G. u. V.(Sozialversicherungsgesetz der selbständig Erwerbstätigen). Dieses Gesetz wurde infolge deS ä g r a r i.s ch e n W i d e r st a n d e S bisher nicht durchgefÜhrt, weil«S angeblich zu kostspielig fei. Jetzt, wo für den Landwirt schlechtere Zeiten wie 1925 herrschen, gill dieses Argument plötzlich nicht mehrl Was die Sozialdemokraten stets als eine dringende sozial« Notwendigkeit zugunsten der Kleinlandwirte forderten, die Agrarier jedoch ablehnten, wird nun von ihnen als Hauptschlager aufgezogen. Sind es rein wirtschaftliche Erwägungen oder politische Gründe, welche die Agrarier zur späteren Einsicht bringen, daß dem Landwirt wirllich eine gesicherte Altersrente not tut? In der„Landpost" spricht sich Herr Dr. Karl Werndl(Eger) warm für die endliche Aktivierung des erwähnten Gesetzes aus. Was er dabei anführt, ist eine einzige schwere Anklage gegen die kurzsichtige Politik der Agrarier, die wieder am unrichtigen Orte zu sehr„gespart" haben. Herr Werndl schreibt mit vollem Recht u. „Die Aufteilung der landwirtschaftlichen Betriebe in Böhmen auf die einzelnen Größengruppen nach dem Hektarausmaß zeigt folgendes Bild:* Betriebe mit einem durchschnittlichen Ausmaß bis 8 Hektar 69.6 Prozent, über 6 bis 10 Hektar 14.6 Prozent, das sind 84.2 Prozent aller Betriebe; über.10 bis 20 Hektar 9.8 Prozent, über 20 Hektar 6 Prozent, das sind 15.8 Prozent aller Betriebe. ES wird daher keinem Zweifel unterliegen, daß der weitaus größte Teil der Landwirt« der Fürsorge für dar Alter bedürftig ist, da er eben so wenig wie der unselbständige Erwerbstätige in der Lage ist, nennenswerte Ersparnisse zu machen, von deren Zinsenerträgniffen er im Alter leben könnte." DaS haben wir Sozialdemokraten schon 1928 gesagt und damit die Notwendigkeit der obligatorischen Altersrentenversicherung der Landwirte nachgewiesen. Herr Dr. Werndl hebt weiters hervor, daß durch verzögerteJnkraftsetzung dieses Go- zialversicherüngSgesetzes den selbständig Erwerbstätigen bei Berücksichtigung der zukünftigen Staatszuschüsse nach einem längeren Bestand der Versicherung an Staatsbeiträgen zu den Renten über eine Milliarde XL verloren gegangen seien. Wer könnte es verantworten, durch eine weitere Verzögerung diefe bedeutende Der« lMziffer auf Kosten der selbständig Schaffenden noch weiter zu steigern? An der Hand von Daten zeigt Herr Dr. Werndl die Vorteile des Gesetzes auf— auch wir haben das 1925 schon getan, ohne daß wir bei den Agrariern damit durchdrangen. Wenn diese setzt auf Verwirklichung der Sozialversicherung der selbständig Erwerbstätiges drängen und damit ihren Anhängern dartun wollen, daß sie wieder einmal das Landvolk„retten", dann muß die volle' chuld der Agrarier an der Verzögerung des Vollzuges hervorgehoben werden. Der durch sie angerichtete Schaden ist nicht mehr wettzumachen. Die volkswirtschaftliche Abteilung beim Ministerratspräsidium Ministerpräsident Malypetr gab Montag den Blättern Gelegenheit zu Informationen über die Aufgaben der neu geschaffenen vülks- wirtschaftlichen Abteilung beim Ministerratspräsidium. Der Ministerpräsident gedachte zu Beginn der Konferenz deS eben verstorbenen ehemaligen Präsidenten Frankreichs, Poincar», dessen Bedeutung er würdigte. Er wiederhoÜe dann die Gründe, die zur Schaffung der neuen Abteilung geführt haben und drückte die Ueberzeugung aus, daß eS nicht notwendig sei, dem Pessimismus und Defaitismus zu erliegen, sondern daß wir Anlaß haben, der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung mit Optimismus«ntgegenzublicken. Der Direktor des vollswirtschaftlichen Departements Arch. Bittermann gab dann eine Uebersicht der Aufgaben und Ziele der Abteilung. Er knüpfte an die Worte des Ministerpräsidenten an, daß kein„Amt über den Aemtern" geschaffen werden soll, und legte dar, daß die Wteilung dem Informationsdienst deS Ministerpräsidenten und dem Studium der inländischen und ausländischen Wirtschaftsprobleme, dienen werde. Es soll ferner die Uebereinstimmung der Arbeiten sowohl aller staatlichen Dienststellen als auch aller Institutionen und öffentlichen Organisationen herbeiführen. Es wird jedoch in die Kompetenz keiner dieser Stellen eingreifen, sondern mit ihnen nur zusammenarbeiten. Böhmische Landesvertretung. In einer ganztägigen Sitzung erledigte Mittwoch die Landesvertretung die Kapitel„Gewerbe",„Soziale Fürsorge" und„Gesundheitswesen". In der Debatte sprachen die Genossinnen Schaffer und »Deutsch. RcldistagsbraiNl Beweise werden in einem „WelßbudT verOlicntlldit aufgeklärt! Der schwedische Senator Rechtsanwalt Branting veröffentlicht im„Sozialdemokraten"«inen sensationellen Artikel mit der Ueberschrift:„Das Geheimnis des Reichstagsbrand«» ist restlos aufgeklärt." In dem Artikel teilt Branting mit, daß der Obergruppenführer Ernst vor seiner Ermordung am 30. Juni einen detaillierten schriftlichen Bericht über die Geschichte des Reichstagsbrandes verfaßt habe. Die Ermordung Ernst's sei in erster Linie auf den Wunsch zurückzuführen gewesen, sich erstes lästigen Zeugen zu entledigen. Aber das Dokument blieb. Man glaubte zuerst, es befinde sich im Besitze Dr. Sacks(des ehemaligen Verteidigers von Torgler), der daraufhin kurz nach dem 30. Juni verhaftet wurde. Sack wurde erst freigelassen, als er den glaubwürdigen Beweis erbracht«, daß er das Dokument nicht besitze. „Indes", schreibt Branting,„das Dokument befand sich in Händen einer anderen Persönlich keit, und heute ist eS in unserem Besitz. ES wurde aufs gewissenhafteste auf seine Authentizität untersucht, Schriftsachverständige haben die Unterschrift nachgeprüft, so daß heute kein Zweifel mehr über seine Echtheit besteht. Es wird in einem „Weißbuch" nebst anderen Dokumenten über den 30. Juni veröffentlicht werden.. „Wir begegnen in dem Ernst'schen Bericht denselben Namen, die seit dem 28. Feber 1933 in aller Munde waren. ES sind dir Namen von Goering, Goebbels, Heines, Helldorf, Röhm und Ernst selbst. Darüber hinaus wird die Rolle einer Anzahl weiterer DA-Führer bei der Brandstiftung aufgeklärt, deren Namen bisher noch nicht genannt wurden." „Die Geständnisse Ernst's stellen ein historisches Dokument von unschätzbarem Werte dar." Papen auf der Eichjagd Der deutsche Gesandte in Wien, der sich überall, nur nicht an seinem Dienstort aufhält, Herr, von Papen, wird sich einer. Stockholmer Meldung zufolge, noch diese Woche in Schweden einfinden, um an Elchjagden in der Probinz Lestergötland teilzunehmen. In diesem Zusammenhang taucht neuerlich das Gerücht auf, daß Papen endgültig erledigt sei und aus der Politik ausscheiden werde. ES besteht aber auch Grund zu der Befürchtung, daß die Elchjagd des Herrenreiter» anderen Zwecken dient. Bei der ungarischen H i r s ch j a g d, an der P a p e n. zugleich mit Gömbös teilnahm, war das der Fall und bei der galizischen Jagd der Herren Beck und Goering auch. In Schweden» ist zwar außenpolitisch für das Dritte Reich wenig zu holen, aber der nordische Staat ist immerhin einer der wichtigsten Srzlieferanten für die devisenarme deutsche Rüstungsindustrie. Goebbels In Nöten „Spione“ in seinem Ministerium Wir lesen in der„Saar-VolkKstimme": „Am 21. September in der Nummer 219 konnte die„Deutsche Freiheit" berichten, daß im Reichspropagandaministerium eine List« mit 1184 Namen von am 30. Juni Ermordeten kursiert. Ein Dementi dieser Nachricht erfolgte nicht. Nun wird sie durch ein« Untersuchung bestätigt, die Goebbels in seinem Ministerium eingeleitet hat.. Es ist.läpgst.bekannj, daß.der Minister Goebbels über die Vorgänge in seinem Amte sehr wenig unterrichtet ist. Wir können ihm aber versichern, daß di« Liste längst nicht nur in seinem Ministerium, sondern auch in anderen politischen Zentralen Berlins herumläuft. Die Untersuchung wird ergebnislos bleiben. Wir werden uns auch in Zukunft erlauben, wichtige Informationen über Berliner Regie« rungSgeheimniffe im Saargebiet zu veröffentlichen, ohne vorher die Genehmigung des Herrn Goebbels abzuwarten." Japan forciert Flottenparitfit London. Der Dienstag in London eingetroffene japanische Hauptvertreter zu den Besprechungen zur Vorbereitung der Flottenkonferenz 1935, Admiral Damamoto, sagte in einer Unterredung mit einem Pressevertreter, Japan fordere Gleichstellung mit Großbritannien und den Bereinigt«? Staaten. E» wünsche entweder einfache Gleichheit oder verhältnismäßige Gleichheit im Hinblick auf die nafionale Sicherheit. Per Segen der Diktatur; Kulturreaktion in Polen Betrunkene Schulkinder— 700.000 Kinder ohne Unterricht Warschau.(AP) Der„Robotnik" bringt aufsehenerregende Mitteilungen über die Verbreitung de» AlkoholiSmuS unter der polnischen Schuljugend. Den statistischen Angaben der Stadt Warschau zufolge sei die Zahl der Kinder, die alkoholische Getränke genießen, erheblich ge- stiegen. Selbst unter den Mädchen seien acht Prozent Alkoholiker.-Viele Volksschüler nähmen täglich Alkohol zu sich, und es. sei festgestellt worden, daß zahlreich« Schulkinder bereits inbetrun- kenenZustände in di« Schule kommen. Die Gewöhnung an den Alkohol werde zu einer Massenerscheinung. Branntwein und Aether würden als Beruhigungsmittel gebraucht, und zwar schon in der frühesten Jugend.— Einer Broschüre des oberschlesischen Schulinspektors Hrabin zufolge nimmt die oberschlesische Schuljugend außerdem sogar narkotische Präparate zu sich, die aus Zucker, Zimt und Aether hcrgestellt werden und deren berauschende Wirkung bei weitem die Wirkung alkoholischer Getränke übertrifft In Oberschlesien tranken von 9835 Kindern 2579 systematisch Branntwein, 3890 Wein und 4499 Bier... * Die Ankündigung, daß das Budget des Kultusministeriums verringert werden solle, und di« Erörterungen darüber, daß die Zahl der Unterrichtsjahre in der Volksschule von sieben aus vier bis fünf reduziert werden solle» haben große Beunruhigung hervorgerufen. Man erklärt seitens der Lehrerschaft, daß der Grundsatz der allgemeinen Schulpflicht dadurch in Frage gestellt werde. Schon jetzt haben die Sparmaßnahmen(Herabsetzung der Lehrerzahl, Mangel an Schulräumen) zu überfüllten Klassen, überlasteten Lehrern und einem Sinken der Qualität des Unterrichts geführt. Schon jetzt sind 70 0.0 00 Kinder auSMangelanSchulenohneUnter- r i ch t, d. h. es fehlen 2000 Volksschulen. Bei einem Steigen der Schülerzahl— zur Zeit 5.4 Millionen— wurde die Zahl der Lehrer um 5000 verringert, während sie um 17.000 hätte vermehrt werden müssen. Man fürchtet, daß die Zahl der Kinder, denen kein Unterricht erteilt werden kann, 1935 auf eine Million, also 20 Prozent, steigt. Die Regierung erwägt ein Schulgeld von zehn Zloty jährlich, was für die Arbeitslosen untragbar wäre, oder eine Schulsteuer,- di« 50 Millionen bringen soll. Seite 4 Donnerstag, 18. Oktober 193-t Nr. 244 Marit WeKlek—25 Jahre schweren Kerkers Jaroslav VQleTOlch— zweieinhalb Jahre Der Abschluß des achttägigen Sensationsprozesses Prag. Nach achttägiger Verhandlung ist Mittwoch in dem Mordprozeß gegen das Ehepaar Vylekälek das Urteil gefällt worden. Nach dem zweieinhalbstündigen klaren, umfassenden und objektiver. Referat des Vorsitzenden OEM. Dr. Novotny zogen sich die Geschworenen zur Beratung zurück, die über zwei Stunden dauerte. Das Verdikt lautete folgendermaßen: Marie Vylekälek wurde mit zwölf Stimmen des gemeinen Mordes schuldig erkannt, desgleichen auch des eingeklagtrn Nebendeliktes(Betrug durch Fälschung der Unterschrift des Ermordeten). Jaroslav Vylekälek dagegen— gleichfalls mit Stimmeneinheit— bloss des Verbrechens der schweren Körperverletzung, begangen durch den Axthieb, der von den Sachverständigen nicht als tödliche Verletzung gewertet wird. Der Staatsanwalt beantragte hierauf Verhängung der gesetzlichen Strafen im vollen Ausmaß der einschlägigen Paragraphen. Der Verteidiger der Marie Vylekälek Belgrad im Zeichen der Trauerfeier Die jugoslawische Hauptstadt soll nach den Berichten vom Mittwoch rund eine halbe Million Fremde beherbergen, zum größten Teil natürlich Jugoslawen, die in die Hauptstadt gekommen sind, um dem König die letzte Ehre zu erweisen und Wohl auch, um für die Idee der nationalen Einheit der Südslawen zu demonstrieren. Zahlreiche ausländische Delegationen sind bereits eingetroffen, darunter die tschechoslowakische unter Führung des Ministerpräsidenten Malypetr und der Generale Syrov y und KrejLi. Zwischenlandung in Budapest G o e r i n g ist Mittwoch vormittags— in Fliegeruniform, wie ausdrücklich gemeldet wird— auf der Junkersmaschine„Manfred von Richthofen" von Berlin abgeflogen, um sich zu dem Begräbnis des Königs Alexander zu begeben. Den Lorbeerkranz Hitlers führt eine zweite Maschine. Die deutschen Trauergäste werden i n B u d a p e st eine Zwischenlandung vornehmen. Ob sie dabei einen Abstecher nach Janka Puszta machen, wird nicht gemeldet... Um den Pak der Majerskä Das ungarische amtliche Preßbüro verbreitet eine Erwiderung auf die Nachricht des Tsch. P.-B., daß die tschechoslowakischen Behörden gezwungen gewesen seien, sich den Paß der Majerskä selbst zu besorgen, weil die Budapester Polizei ihre Hilfe verweigerte. Dies sei unwahr. Die ungarische Polizei habe ihre Dienste zur Verfügung gestellt. Das Tsch. P.-B- beruft sich auf die amtliche Verlautbarung und erklärt neuerlich, man habe den Paß sofort gebraucht und die Versuche der Ungarn, die Beischaffung zu verzögern, als Weigerung auffaffen müssen. PospiLil geständig Paris. Rajic und PospiDil wurden Mittwoch früh nach Marseille gebracht, wo die gerichtliche Untersuchung über alle mit dem Attentat in Marseille zusammenhängenden Umstände konzentriert werden wird. Pospisil wurde Mittwoch vormittag vom Marseiller Untersuchungsrichter verhört und bestätigte im ganzen die bereits früher mitgeteil- ren Umstände. Auf die direkte Frage des Untersuchungsrichter, ob er das Attentat verübt hätte, wenn er den Befehl dazu erhalten hätte, erwiderte Pospisil:„Ja, ich war zu allem bereit. Wir alle haben übrigens schon im Vorhinein unser Leben geopfert, um die Unabhängigkeit Kroatiens zu sichern!" Der Untersuchungsrichter hat Mittwoch gegen die gesuchte junge Frau einen Steckbrief erlassen, die sich in Aix en Provence und Paris in Gesellschaft der Verschwörer befand, sich mit einem falschen tschechosiowakischen Paß auswies und un-' ter dem falschen Namen Vondräckobä auftrat. In Paris wohnte anfangs Oktober in einem Hotel in der St.-Annestraße ein Mann mit ihr, der sich als ihr Ehemann Jan Vondräkek eintrug. Es wurde festgestellt, daß Vondracek weder mit dem gesuchten Kramer-Kvaternik, noch mit Malny identisch ist. Er ist wahrscheinlich ein weiteres Mitglied der Terrorgruppe. Michailow wird Interniert? Paris.(Tsch. P.-B.) Eine Privatagentur berichtet aus Istanbul, dahier Führer der mazedonischen revolutionären Organisation Iwan Michailow, der vor kurzem spurlos verschwunden war, durch die türkischen Behörden in einer entserntliegenden türkischen Provinz interniert worden fei. machte alle in Betracht kommenden mildernden Umstände geltend und bat die Geschworenen, bei der Beratung über das Strafausmaß dahin zu wirken, daß über seine Klientin die geringste zulässige Strafe verhängt werde.(Die Mindeststrafe ist nach dem neuen Gesetz 15 Jahre schweren Kerkers. Anm. d. Red.) Der Verteidiger des Jaroslav Vylekälek beantragte für seinen Mandanten Anwendung des außerordentlichen Milderungsrechtes und Zuerkennung der bedingten Verurteilung. Darauf begaben sich die Geschworenen mit dem Gerichtshof zur gemeinsamen Beratung über das Urteil, das um 2 Uhr nachmittags verkündet wurde. Marie Vylekälek wurde zu 25 Jahren schweren und verschärften Kerkers verurteilt, Jaroslav Vylekälek zu zweieinhalb Jahren schweren Kerkers. Die Angeklagten, die das Urteil mit größter Ruhe aufnahmen, behielten sich Bedenkzeit vor.— Mit diesem Urteil schließt gleichzeitig die vierte Schwurgerichtsperiode dieses Jahres, rb. Tagcsncuighelten Mit 45 Mann gesunken Tokio. Wie aus Manila gemeldet wird, ist der japanische Dampfer„K o t o M a r u" auf der Fahrt von Kadiak nach den Königin Charlotte- Jnscln mit 45 Mann gesunken. Dampfer in Seenot Bei Rettungsfahrt in einen Taifun gerate» Der britische Kreuzer„Adventure", der Hongkong verlassen hatte, um dem chinesischen Schleppschiff„Taiko" Hilfe zu gewähren, hat dieses etwa 300 Kilometer von der Küste in gefährlicher Situation vorgefunden. Die„Taiko", die bekanntlich ausgefahren war, um den Schiffbrüchigen des britischen Dampfers„City o f Cambridge" zu Hilfe zu eilen, wurde von einem Taifun überrascht und befindet sich jetzt selbst in Gefahr, mit der 80köpfigen Besatzung unterzugehen. Beim Kohleverladen erschlagen Brüx.(Tsch. P.-B.) Als Mittwoch vormit- tag mehrere Arbeiter am Kohlendepot des Johann II-Schachtes in Maria-Ratschitz mit dem Ausladen von Kohle beschäftigt waren, stürzte plötzlich ein etwa sieben Meter hoher Mast der Lichtleitung um und traf den 23jährigen Arbeiter Johann Bayer aus Liquitz. Bayer, dem der Kops zerschmettert wurde, war sofort tot. Er hinterläßt eine Witwe und zwei unversorgte Kinder. Der Leitungsmast war über dem Boden durchgefault und durch den herrschenden Sturmwind durchbrochen worden. Nachspiel zum Braud de» »Morr» Castle" Auch die Offiziere schwer belastet New Aork. Kapitän W a r m s, der den lln- glücksdampfer„Morro Castle" zu der Zeit befehligte, als auf demselben der Brand ausbrach, sowie die vier Offiziere des Schiffes werden in dem Berichte des Jnspßktionsdienstes der Dampferlinien der Vereinigten Staaten einer strengen Kritik unterworfen. In dem Berichte heißt es vor allem, daß die Zahl der Toten hätte viel geringer sein können, wenn der Dampfer im Augenblick, da das Feuer bemerkt wurde, sofort gestoppt und SOS-Signäle ausgesendet hätte Warms und jene vier Offiziere wurden aufgofor-» dert, sich am 26. d. vor der Untersuchungskommission einzufinden und die Gründe aufzuklären, warum ihre Offizierspatente nicht vorübergehend oder überhaupt aufgehoben wurden. In dem Bericht heißt es auch, daß sich die Mannschaft, nachdem sie in den Rettungsbooten Platz genommen hatte, um die im Hinterdeck des Dampfers befindlichen und um Hilfe rufenden Passagiere nicht gekümmert habe. Unglück im Bergwerk Belgrad. Im Kohlenbergwerk Vrska Cuka, unweit Zajeca in Serbien, ereignete sich ein tödlicher Unglücksfall. Infolge eines Felssturzes wurde der Ingenieur Kostic und ein Arbeiter getötet, zwei Arbeiter wurden verschüttet. Gc» Ostlaud wollen sie. Die Sachsen waren schon immer von alpinem Geiste beseelt. In früherer Zeit haben sie diese Gefühle zum großen Teil in der Sächsischen Schweiz abreagiert. Man sollte meinen, daß in den Zeiten der Autarkie diese alpinistischen Gefühle noch mehr ins Inland verlegt werden. Das trifft aber nur für den gewöhnlichen Sachsen zu. Ihm wird die Abneigung der Behörden gegen Auslandsreisen sehr deutlich zum Ausdruck gebracht. Anders ist es nun aber mit den nationalsozialistischen Sachsen und braunen Parteigenossen. Diese dürfen und sollen außer alpinistischen Belangen auch noch großdeutfche, strategische und propagandistffche wahren. Sie sind beauftragt, ihre braunen Gefühle zu den Deutschen im Ausland zu tragen. Eben aus dem alpinem Geist der Sachsen heraus, wurden sie bestimnft, über die deuffchen Sprachinseln der Zips u. Karpathorußlands herzufallen. In die Tatra schwimmen sie wie das Fett auf der Suppe. Aber dort ist man abgehärtet gegen Kurgasterzühlungen. Wenn jemand erklären will, wie gut und herrlich es ihm zu Hause gehe, setzt er sich so osfensichtlich der Gefahr einer ansckstvellenden Rechnung aus, daß die Sachsen schon herausgefunden haben, daß man in der Tatra besser nicht aufschneidet. Aber es gibt ja noch jungfräuliche Gebiete. In denen kann man leichter große Reden führen, ohne der Gefahr überhöhter Preise ausgesetzt zu sein. Dort in den deutschen Sprachinseln von Karpathoruß- land sind die Preise niedrig. Dort find die hohen Berge nist der schönen Aussicht. Also ausgesprochen etwas für Sachsen. In Leipzig und Dresden hat man einen„Karpathenklub". In Scharen ergießen sich seine Mitglieder über die Karpathenorte der Böhmerwälder Holzfäller Maria Theresias. Ueberall wo man es anbringen kann, erzählen diese Propagandasachsen von der Herr- lichkeft des Dritten Reiches. Die Bauern hören anstandshalber zu, denn es fließt dadurch schönes Geld nach Königsfeld und Deuffch-Mokra. Man glaubt den Schönrednern nicht. Wer die Deutfch- Mokraer kennt, der weiß wie dankbar sie für jede antifascistische sozialisttsche Druckschrift find. Die Sprachinseln sind gegen die Hitlerseuche offen- sichtlich widerstandsfähiger als die großen deut- schen Siedlungsgebiete, De« deuffchen Staatspreis wird eine Jury verleihen, die aus folgenden Herrn zusammengesetzt ist: Max B r o d, Karl E s s l, Josef K ö r- ner, Walter Seidl, Erich Steinhard, Theodor V e i d l. Soldatensrlbstmord. Dienstag wurde auf der Strecke zwischen Cakovice und Miskovice(bei Prag) vom Streckenwärter die Leiche des längerdienenden Korporals Wilhelm T o m e k gefunden. Durch kommissionellen Befund wurde festgestellt, daß es sich um Selbstmord handelt. Der Verstorbene war ein musterhafter Soldat. Aus den hinterlassenem Briefe sowie aus den Mitteilungen an seine Freunde und Kameraden soll nach amtlichen Meldungen klar hervorgehen, daß die Grunds dieses Selbstmordes in Familienangelegenheiten zu suchen sind, genauer gesagt, in der unglücklichen Bekanntschaft zu einem Mädchen. Bor dem Jiöiner Schwurgericht hatte sich Mittwoch der Bauer Antonin Kovar aus Stki- brnice wegen des Verbrechens des gemeinen Mordes zu verantworten. Kodak hatte, in dem Be- streben, sich seines Schwiegervaters Jandura, mit dem er in Streit lebte, zu entledigen, diesen, als er betrunken auf den Hof zurückkehrte, mit einer Heugabel Schläge über den Kopf versetzt. Als Jandura wankte, versetzte ihm Kovar noch weitere Schläge mit der Heugabel, so daß der Ueber- fällene das Bewußtsein verlor. Kodak zog seinen Schwiegervater dann zur Jauchengrube und ließ ihn dort bis zum Morgen liegen. Früh war Jandura tot. Die Sezierung ergab, daß die Heugabelhiebe eine Gehirnerschütterung verursachten, daß, der Tod aber durch Ersticken eingetreten war, und zwar dadurch, daß der Ueberfallene mit dem Kopf in der Jauche lag. Kodak wurde von den Geschworenen, welchen Fragen auf Mord, Totschlag und schwere Körperverletzung vorgelegt wurden, nur des Verbrechens der schweren Körperverletzung für schuldig erkannt und vom Gericht demgemäß zu drei Jahren schweren Kerkers und zum Ersatz der Kosten des Gerichtsverfahrens verurteilt. Der Tod im Tanzsaal.' In der Gemeinde Rezni Selistk bei Chust nahm Dienstag der Ge- meindenachtwächtex Michal Alexi an einer Tanzunterhaltung teil, in dexen Verlauf er plötzlich auf einen Stuhl fiel. Infolge des Anpralles öffnete sich in seiner Brusttasche sein Jagdmesser und drang ihm in das Herz, so daß Alexi auf der Stelle getötet wurde. Freitod eines Hotelangestellten. Dienstag erhängte sich in Karlsbad der Empfangschef eines der führenden Hotels Rudolf Christel. Er mietete sich in einem Kurhaus ein Zimmer und kam bis zum Abend nicht zum Vorschein. Als man Nachschau hielt, fand man ihn bereits tot vor. Die Ursache des Selbstmordes ist,unbekannt. Goethe auf Jiddisch. Der Moskauer jiddische Dichter Esra Pininberg hat soeben eine lieber- setzung von Goethes„Faust" ins Jiddische beendet. Die llebersetzung, ein Produkt zehnjähriger Arbeit, wird demnächst als Buch erscheinen. Schwachsinniger an der Grenze erschossen. Am 15. Oktober war an der ungarisch-jugoslawischen Grenze bei der Gemeinde Lenti der ungarische Staatsbürger Konek von jugoflawischen Grenzwachorganen erschossen worden. Eine gemischte ungarisch- jugoslawische Kommission stellte fest, daß der Waffengebrauch gerechtfertigt war, da Konek, der übrigens schwachsinnig war, weder auf die an ihn gerichtete Aufforderung noch auf den Warnungsschuß hin stehen geblieben ist. Rach zwanzigjähriger Irrfahrt heimgekrhrt. Der Held einer modernen Odyssee mit Namen Gilles Metayer hat sich dieser Tage der Polizei seines Heimatdorfes Angouleme gestellt, den alle seine Angehörigen längst tot geglaubt hatten. Er hat die französische Armee im Jahre 1915 verlassen und mit einem falschen Patz das Weite gesucht. Nach langjährigen Kreuz- und Querfahrten um die ganze Welt, packte ihn derartig die Sehnsucht nach feinem Heimatdorfe, daß er schwer widerstehen konnte. Man führte ihn seiner Mutter zu, die ihn nicht erkennen wollte. Die Polizei hat ihn in Freiheit gelassen. Axel Munthe. Wie aus Zürich gemeldet wird, gelang es der modernen Chirurgie, dem bekannten schwedischen Schriftsteller und Arzt Axel Munthe die Sehkraft wiederzugeben.— Axel Munthe ist der Verfasser des vielgelesenen, in viele Sprachen übersetzten Werkes„Das Buch vom San Michele". Hauptmann wird ausgeliefert. Hauptmann, der der Entführung des Lindbergh-Kindes beschuldigt wird, wird auf Anordnung der obersten Gerichtsinstanz dem Staate New Jersey ausgeliefert, wo er im ordentlichen Verfahren wegen Mordes abgeur- tellt werden wird- Die Verteidigung will gegen diese Enffcheidung noch Berufung beim höchsten New Dorker Gerichtshof einlegen. Vom Rundfunk Empfehlenswertes aus den Programmen* Freitag: Prag, Sender L.: 10.05: Deuffche Nachrichten, 10.30: Schulfunk für Volksschüler, 11: Schallplatten, 12.35: Orchesterkonzert des Salonorchesters, 13.35: Arbeitsmarkt, 16.45: Tschechischknrs für § deutsche Hörer, 17: Konzert des Ondricck-Quar- | tettes, 18.20: Deutsche Sendung: Dr. Birk: Ueber und durch den Arlberg, Zwiegespräch, 18.45: Ar- sbeiterfunk, Aktuelle zehn Minuten, 18.55: »Deutsche Presse, 19.10: Saxophonkonzert, 20.05: j Liederkonzert, 21: Konzert des Prager Sendeor- .»chesters, 22.15: Tanzmusik auf Schallplatten.— Sender S.: 14.25: Schallplatten, 14.40: Lieder ; und Arien, 15.05: Deutsche Sendung: Viertelstunde ' der Hausfrau.— Brünn, 16.45: Zwei Ouvertüren auf Schallplatten von I. Strauß, 18.20: Deutsche Sendung: Sportbericht, 18.28: Sturm: Bedeutende Frauenromane.— Mähr.-Ostrau, 18: Deutsche Sendung: Liederkonzert. ElnsturikatastroDhe beim Neubau der Kattowitzer Kathedrale 2in Teil des Baugerüstes am Neubau der Kathedrale in Kattowitz brach plötzlich zusammen, während 70 Arbeiter sich auf dem Gerüst befanden. Sechzig von ihnen wurden verletzt, davon dreißig schwer. . Nr. 244 Donnerstag, 18. Oktober 1934 Sekte 5 Kampf der Not! Sonntag Opfertag für dir frierenden Kinder. Der Kapitalismus ist das Gesellschaftssystem der peinigenden Gegensätze—. Während in den noblen Merteln der Sorglosen der Winter nur neue Möglichkeiten des Amüsements bietet, greift er den Armen direft ans Herz und läßt das Mast der täglichen Sorgen ins Riesenhafte anwachsen. Woher nimmt ein Erwerbsloser das Geld zu Kohlen?! Woher nimmt er das Geld, um seinen Kindern warme Kleidung, Schuhwerk, die so drin» gend notwendigen Untersachen zu kaufen?! Hier wird der Winter zu einem fürchterlichen Problem, einem Problem, das in dieser Gesellschaft gewist niemals zu lösen sein wird! Die hungernden Kinder der Armen, die frierenden Sühne und Töchter der Ausgebeuteten sind e>ne ständige leidenschaftliche Anklage gegen alle die, die den Profit über die Menschheit, den skrupelwsen Einzelegoismus über die elementarsten Interessen der Allgemeinheit stellen. Eine neue Ordnung wird diesem schmerzlichsten Unrecht, dem Unrecht, das an hilflosen Kindern begangen wird, ein Ende setzen. Aber auch unter den lähmenden Bedingungen der alten untergehenden Gesellschaft gilt eS zu helfen, zu lindern, das Aergste und Schlimmste zu verhüten! „Die Demokratie für die Kinder", die es sich zum Ziel gesetzt hat, Wäsche, Schuhe und Kleider für die Aermsten herbeizuschaffen, ruft zum 21. zu einer Sammlung auf, der sich niemand entziehen sollte, wer irgendetwas entbehren kann. Gewist, der Arbeiter, der selbst oft nicht weist, wie er mit dem kärglichen Lohn auskommen soll, wird wenig erübrigen können und die, die eine Schuld abzutragen haben, an denen, die fie freudlos, elend und verzweifelt gemacht haben, werden, wie so oft, nicht oder nur sehr ungenügend zur Stelle sein. Trotzdem— auch der kleinste Erfolg ist jeder Mühe wert. Wir stoßen die ehrliche soziale Empfindung nicht von uns fort, wir bekritteln nicht den Versuch, helfen zu wollen, auch wenn wir wissen, dast es nur ein Versuch mit unzulänglichen Mitteln ist Unser Ruf geht an die Eltern, Solidarität mit denen zu üben, denen«s noch schlimmer geht, als ihnen. Unser Ruf ergeht an die Arbeiterkinder, ihrer kleinen Kameraden zu gedenken, die nicht so glücklich sind, einen warmen Mantel für die Tage der Kälte zu besitzen. Proletarische Solidarität, im kleinen wie im Wwsten, istl«ttMaS> Schönste, was baS Volk: besitzt- An sie wird man am kommenden Sonntag nicht vergeblich appellieren! P. Michels Mützen»nd die Kürschner. Der Reichserziehungsminister Rust hat eine Anordnung getroffen, die dem sogenannten»Schülermützenstreit" ein Ende bereiten soll. Allzu eifrige Hillerjungen hatten in den letzten Monaten wiederholt Schülermützen als»Zöpfe einer veralteten Zeit" verbrannt. Dies führte nicht nur zu starken Spannungen zwischen den Jungen, die an der Schülermühe. festhielten, und ihren Altersgenossen, die sie ablehnten, sondern veranlaßte auch das geschädigte Kürschnergewerbe zu einer Eingabe an das ReichSerziehungsmini- sterium. Hieraus entschied Reichsminister Rust, daß zwar der Schüler zum Tragen der Mütze nicht verpflichtet sei, er es jedoch nicht billigen könne, daß.durch Zwangsmaßnahmen das Tragen der Schülermützen unterbunden würde. Rekonstruktion des Londoner ThemsehafenS. Der britische Verkehrsminister kündigte die baldige Inangriffnahme der geplanten umfangreichen Rekon- struktionsarbeiten an den Londoner Hafeneinfahrten an, deren Kosten sich auf 1.6 Millionen Pfund Sterling belaufen. Es sollen u. a. die alten Kanäle erweitert, zehn Brücken an der Themsemündung umgebaut, einige Brücken geschleift und ein ganzes System hoher Viadukte geschaffen werden, mn die Mängel zu beseifigen, die sich aus dem Zeitverlust bet denjenigen Schiffen ergeben, für deren Durchfahrt bisher die Zugbrücken gehoben werden Müssen. Bildfunk England—Australien. Am Dienstag wurde zum erstenmal auf drahtlosem Wege von England nach Australien eine Photographie übertragen, die in der Melbourner Zeitschrift.Argus" veröffentlicht wurde. Die Uebertragung dauerte 26 Minuten und wurde mittels eines Systeme- durchgeführt, bei welchem gleichgerichtete Wellen zur Verwendung kommen. Opfer der Sensationsgier. Eine Tonfilmgesellschaft hatte von New Aork aus ein Wasserflugzeug dem Dämpfer„Washington", der sich etwa 900 Kilometer vor New Aork befand, entgegengesandt, um Aufnahmen von der Ermordung des Königs Alexander l. möglichst schnell nach New Dork zu bekommen. Das Flugzeug unternahm mehrere Versuche, neben dem Dampfer, der gestoppt hatte, zu wassern. Dabei schlug eS um. Ein Mechaniker ertrank. Ein Rettungsboot der„Washington" konnte die vier andern Flugzeuginsassen Übernehmen. 50.000 Dollar Löscgeld. Frau Toll, die Frau eine- reichen Kaufmannes aus LouiSville(Kentucky), die vor einer Woche entführt wurde, wurde nunmehr von der Staatspolizei lebend und gesund aufgefun- den und nach Hauke gebracht. Es wird erklärt, daß der Entführer in einer Anstatt für Geisteskranke interniert gewesen ist. Bisher wurde er noch nicht verhaftet, doch wurde seine Frau angehalten; man fand bei ihr einen Teil des Lösegeldes in der Höhe von 60.000 Dollar. 64 Kilometer Bücherregal«. Der englische König wird am Montag dir feierliche Eröffnung der neuen Universitätsbibliothek in Cambridge vornehmen, die über 1,600.000 Bücher besitzt, welche in Fächern von rund 40 Mellen Länge(über 64 Kilometer) eingeordnet sind. Einer der kostbarsten Schätze dieser Bibliothek ist die berühmte Mainzer Bibel, welche im Jahre 1466 in Mainz gedruckt wurde und die auf den Betrag von 50.000 Pfund Sterling versichert ist. Der Bau dieser Bibliothek wurde mit einem Aufwande von 800.000 Pfund Sterling durchgeführt. Der feierliche Eröffnungsaft wird vom König in dem 194 Fuß langen Lesesaale vorgenommen werden. Zu Fuß um die Welt Die Rekordreise eines Chinesen In Toronto, Ontario, ist soeben ein seltsamer Mann aufgetaucht, ein Chinese mit wetterzerfurchtem Gesicht und ausgefranstem Khaki- Ueberwurf. Er meldete sich bei der Stadtverwal- tung und gab an, er heiße Poon Tuck Ming und komme größtenteils zu Fuß aus seiner chinesi- Die Caisson-Krankheit In der Medizin stehen wir Zivilisierte bekanntlich noch vor ungeahnten Möglichkeiten. Um ein Haar wäre, eben an diesem Haar, der Krebserreger von einem gleichgeschalteten Berliner Gelehrten ans Licht gezogen und dem Führer in Freiheit dressiert vorgeführt worden. Die Sera mehren sich beträchtlich. Für wann ist eigentlich berechnet, daß wir alle den wohlverdienten Ernährertod gestorben sein werden, weil wir eS nicht lassen wollen, mehr Produtte, die auf fremden Boden gewachsen sind— Bananen aus Florida, ReiS auS Eeylon, Erdnüsse aus Kamerun, Emmen» thaler aus Kattowitz— täglich zu verzehren, als solche, die von unserer eigenen Höhensonne be- strahlt worden sind? Die Lichtreklame, die KinoS, all die Prachtfeuerwerke für fremde Devisen im Dritten Reich werden tofficher einmal zu einer allgemeinen Erblindung, dem sogenannten Netzhauttod führen— aber wann? Auch neue Krankheiten werden noch fast täglich entdeckt. Kennen Sie übrigens die Taissonkrankheft? Nun, in Wien ist jemand daran gestorben. Ein ganz simpler und schlichter Jemand/ Ein schen Heimat. Aus seinem schmalen Bündel, seinem einzigen Reisegepäck, wieS er«in kleines zer- ledertes Notizbuch vor, das über und über von Stempeln und NamenSzügen gefüllt ist. Man wollte seinen Augen nicht trauen, als man neben den Namen berühmtester europäischer Staatsmänner, Wissenschaftler und Künstler auch die Schriftzüge des amerikanischen Präsidenten Roosevelt entdeckte. Innerhalb kurzer Zeit waren die Reporter der Zeitungen informiert, die sich auf dem schnellsten Wege auf der Stadtverwaltung einfanden. Was sie erfuhren fft zwar gerade nicht welterschütternd, aber immerhin der Mitteilung wert. Poon Tuck stammt auS einer Provinz, in der bitterste Hungersnot herrschte, so daß er sich entschloß, auSzuwandern. Seine Wanderschaft machte ihm viel Freude, und da blieb er einfach im Laufen. Fünf Jahre ist es her, daß er aus China auswandert«. Er marschierte quer durch Asien, dann durch Europa, ließ sich nach Amerika übersetzen und ist jetzt auf dem Wege durch Kanada. Seinen Lebensunterhalt verschafft er sich durch den Verkauf von Autogrammen berühmter Leute. Bis jetzt hat er 22 Paar Schuhe durchgelaufen. Er hofft, daß in China die Hungersnot beendet sein wird, wenn er nach seiner Weltreise zurückkehrt. Arbeiter. Ein Arbeiter, der eine junge Frau hatte und zwei Kinder.— Ein besserer Herr stirbt nicht an der Caissonkrankheit. Was das ist und wieso das kam? Sehr einfach, wenn man dieser Tage die Wiener, jetzt auf ettel Frömmigkeit abgestimmten Blätter laS: Der Arbeiter namens Wawreckawar beim großen Reichsbrückenschlag über die Donau beschäftigt. Er stteg mit seinen Kollegen in die große Wanne, die auf den Grund des Stromes versenkt wird, damit. man drinnen und drunten schaufeln und mauern kann. Nur(!) 1,66 Atmosphären Ueberdruck herrschten in dem Zau- berkübel— so stellen die auf Gottesfurcht gleichgeschalteten Blätter fest. Und bis zu 3.3 Attnosphären haben schon andere Wawreckas durchaus gesund überstanden. Aber jener erstgenannte Wawrecka starb nun einmal an dem .Kübel, wie an den Atmosphären. Herzschwäche und Lungenödem! Sonst nichts weiter! Gleich hinter seinem Caisson brach er zusammen. Daher der schöne, wohlklingende und doch so wissenschaftlich exakte und propre Namen Caissonkrankheit! Ueber die neue Reichsbrücke werden sicher einmal gutlackierte Limusinen sanft dahingleiten. Eine einfache Rechnung: 6+ 10= 16 Ein Kind mit 6 Jahren in der Hand des Gegners, wird mit 16 Jahren ein Kämpfer 82ZLI> UnS sein. Ein Kind mit 6 Jahren in unserer Hand, wird mit 16 Jahren... ein Kämpfer RIF IMS sein. ArbeltereKem, merket: 8+ 10=■ 101 Werbet Hlr die Kinderfreunde, CjalalflfaO euere Kinder in unsere Falken» JMIIIKCI Gemeinschaft 1 Max Winter. Bom Sinn der Solidarität Von Irma Bächli. Die Nöte unserer Zett bieten mancherlei Anlaß, Solidarität zu bekunden. Bald sind es Angehörige verschütteter Bergleute, die unsere Hilfe brauchen, bald sind es von Unwetterkatastrophen betroffene Opfer, ein anders Mal handelt es sich um die Unterbringung von Flüchtlingen oder um die Verschickung von Arbeits» losenttnder. Man müßte tatsächlich ein vielfacher Millionär sein, um all diesen Hilfsbedürftigen und Hilfesuchende^ zu helfen. Wie verständlich ist es, wenn der einzelne resigniert den Kopf schüttelt: Was kann ich t u n, bei all dem Elend? Und statt auch nur im kleinsten zu helfen, vertieft er sich in soziologische und philosophische Betrachtungen über die schädlichen Auswirkungen der kapitalistischen Gesellschaftsform. Wo soll man auch anfangen? Was sind hunderttausende bei dieser Unmenge unterstützungsbedürftiger Menschen? Nichts! Nichts! Es bleibt also nur die Hoffnung, daß einmal diese kapitalistische Wirtschaft abgelöst werde durch den Sozialismus. Was kann i ch tun, so fragen andere. Und wenngleich wenige frei sind von Sorgen, wenn leise die Not auch an die eigene Tür pocht, hie und da ist doch etwas Geld übrig, ein wenig Essen, etwas Wäsche und Kleidung. Meist sind es sogar die weniger bemittelten Genossen, die sogar ein Arbettslosenkind oder einen Flüchtling bei sich aufnehmen. Fremden- zimmrr und'Chaffelogue haben sie" allerdings 'äksir" mit ihrem. Buben. unP^ihrem Mädek schlafen sie zu dritt in zwei Betten und haben so noch ein Plätzchen frei, für einen, dem si^ helfen wollen. Und mit dem Essen teilen sie sich schon ein. Was schadet es, wenn die Ration des einzelnen etwas kleiner wird? Die Not rings umher ist so groß. Da will es ohnehin nicht so recht schmecken, wenn man nicht ein ganz klein wenig auf seine Weise mithilft, das Elend etwas zu lindern. Und schließlich kommt es nicht allein auf den geldlichen Wert einer Sache an. Ein freundliches Wort, ein warmer Händedruck ist bei der Art des Gebens wesentlich. Vom Ueberfluß zu schenken ist kein Kunststück. So teilen freudig und gern viele das wenige, das sie haben, um diesem oder jenem Genossen zu helfen- Sozialismus verpflichtet Fühlen wir uns denn nicht alle miteinander verbunden? Von dieser Hilfsbereitschaft sollte man gar nicht reden. ES ist so selbstverständlich. Genossin! Ist Deine Nachbarin schon bei der Pa r telf Vielleicht werden fesche Oberleutnants darüber den Säbel klirrend schleifen? Vielleicht wird ein Arbeitermädel hinterm ersten Brückenpfeiler ihrem Schatz, der keine Arbeit und so viel Hunger hat, ein Paar Würstel kaufen? Das wird das Leben sein— — wqx kommt da auf Lungenödem und Herzschwäche? Wer weiß noch von der Caissonkrankheit? Solche Leute, welche die Welt nicht zur längst verdienten Ruhe kommen lassen wollen, möchten freilich glauben machen, daß das ganze Arbeiterleben einem Krankendasein in einem Caisson, einem großen, tiefen und dunklem Caisson gliche; Ueberdruck, so wolle es wohl der Kapitalismus, die gleitenden Limusinen und die klirrenden Leutnantssäbel, sei wahrhaftig überall genug vorhanden, nicht nur auf dem kühlen Grund der blauen Donau... Noch ein paar lumpige Atmosphären gefällig? Was liegt daran, an einem von so vielen Wawreckas? Ein besserer Herr stirbt ja nicht im Kübel. F. E. Roth. Dreimertel-Zahres-Handelsbilanz Die Exportkonjunktur nach Deutschland und ihr Ende— Ausgleich durch Ausfuhrsteigerung nach Ländern, mit denen mir passiv sind Die letzte Bilanz unseres Außenhandels, von unS am Dienstag veröffentlicht, muß auf den ersten Blick einen recht günstigen Eindruck hinterlassen. Ist doch die A u S f u h r mit 73 Mill. XL auf einen Stand angekommen, wie sie ihn innerhalb der ersten drei Jahre nicht erreicht hatte. Und da auf der anderen Seite di« Einfuhr keinen wetteren Rückgang erfahren hat, so ist im ganzen eine bedeutende Vermehrung des Außenhandelsumsatzes zu verzeichnen, wie ihn nicht viele Länder von einer ähnlichen wirtschaftlichen Struktur wie die Tschechoslowakische Republik aufzuweisen haben- Der verhältnismäßig hohe Ausfuhrüb er schuß von 251 Mill. XL im September und die Taffache, daß er im wesentlichen durch die Steigerung der Ausfuhrvon Halbfabrikaten und Fertigwaren zu« standegekommen ist, würde, wenn im Außenhandel noch die früheren normalen Verhältnisse bestünden, vorbehaltlos begrüßt werden. Wäre er doch ein Beweis dafür, daß, sich die Erzeig« .nisse- unseres Landes auf den Absatzmärkten- 'gegenüsier' der Konkurrenz erfolgreich durchzusetzen vermochten.. Aber von diesen„normalen" Verhältnissen hat sich der Außenhandel aller Länder weit, sehr weit entfernt. Die beträchtliche Attivspitze im tschechoslowakischen Außenhandel, die in dem Dreivierteljahr 1934 höher als eine halbe Milliarde XL ist, ist darum auch leider nicht alS der Ausdruck einer allgemeinen Besserung im Nutzenhandel anzusehen. Liegt bis jetzt auch die Länderstatistik unseres Außenhandels für September noch nicht vor, so zeigt doch eben die starke Ausfuhrsteigerung in Hotz und in Halbfabrikaten der Textil- und Metallindustrie, daß der Ausfuhrüberschuss-um erheblichen Teil durch Mehrausfuhr nach Deutschland entstanden ist. Diese Exportkonjunktur hat ihre Ursache in der Rohstoff-«nd Devisenknappheit Deutschlands und hat dazu beigeiragen, die Forderungen der tschechoflowakischen Exporteure an Deutschland immer näher an 300 Millionen XL heranzubringen. Daß diese Entwicklung für die tschechoslowakische Exportindustrie nicht ungefährlich ist, darauf ist in den letzten Wochen auch von amtlicher Sette aufmerksam gemacht worden. Die Haltung Deutschlands in den zurzeit stattfindenden Wirt- schastsvcrhandlungen mutz diese begründeten Be- fürchtnngen noch verstärken. Da unter den bisherigen Bedingungen die Exportkonjunktur nach Deutschland nicht weiter genützt werden kann» da aber von deutscher Seite eine für die Tschechoflowakei tragbare Regelung des Zahlungsverkehrs für den Außenhandel abgelehnt wird, muß mit dem nahen Ende dieser Exportkonjunktur gerechnet werden. I« den letzten Tagen sind verschiedene Meldungen durch die Presse gegangen, aus denen ersichtlich war, daß die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik des Dritten Reiches unsere Industrie schwer schädigt«nd die Arbeitslosigkeit von tausenden sudctcndeutschcr Arbeiter verschuldet. Eine Kapitulation der Tschechoflowakei vor den deutschen Forderungen würde für die tschecho- flowakische Wirtschaft keine günstigere Situation schaffen. Vielleicht könnte die Exportkonjunktur noch eine kurze Zeit ausgenützt werden. Das allerdings aber nur mit der trüben Aussicht, daß dann die Beträge, die in Deutschland eingefroren > sind,^noWNelHöher-sind- Dann^auß-enttveder der Staat für die geschädigten Exportindustriellen einspringen und die Mittel, die dazu notwendig sind, doch wieder von den breiten Volksschichten durch Steuern" oder andere Belastungen eintreiben oder aber zahlreiche wirtschaftliche Unternehmungen stehen vor unüberwindlichen finanziellen Schwierigkeiten, bie. in den Bankrott münden. So oder so— die Exportkonjunktur ist dann auf jeden Fall zuende, nur mit dem Effekt, daß Wirtschaft und nicht zuletzt die Arbeiter noch viel schärfer geschädigt sind. Aus diesen Gründen, und weil ein anderer Teil unseres Ausfuhrüberschusses aus dem Außenhandel mit den Balkanländern kommt, in denen unsere nicht sofort einbringbaren Schuldenfor- derungen rasch angewachsen sind, zwingt die jüngste Entwicklung unserer Handelsbilanz geradezu dazu, die Handelsbeziehungen mit jenen Staaten zu überprüfen und neu zu regeln, von denen wir für viel größere Beträge Waren beziehen, als sie von uns. Rach dieser Richtung mutz der tschochoflowa- ftsche Außenhandel mit den größten Anstrengungen ausgebaut werden» wenn der im Handelsverkehr mtt Deutschland durch die Schuld der faseistischen Wirtschaftspolitik unvermeidliche Rückschlag nicht alle Ansätze zu einer wirtschaftlichen Belebung erschlagen soll. Seite 6 „Sozialdemokrat* Donnerstag, 18. Oktober 1834. Rr. 244 PRAGER Schwarze Fahnen Nun hängen sie schon acht Tage lang im Oktobergrau. Ernst, in langen bauschenden Bahnen, über zwei, drei Stockwerke tief hinabreichend, wehen sie vor den Fronten. Der Regen erster kalter Tage peitscht sie, der Wind hebt sie, reißt sie hoch wie in aufbrechender Geste des Schmerzes und läßt sie langsam, in getragener Schwere wieder sinken, als streiften die finsteren Wolken selbst die Stadt. Wer von außen her in die Stadt kommt, den mahnt Schritt für Schritt auf seinem Wege das tiefhängende Schwarz: die Stadt trauert. Wie die Schatten tragischer Ereignisse umflort es die Straßen. Immer dichter hängen die schwarzen Fahnen nach dem Stadtinnern zu, als würde gleichsam näher dem Herzen der Stadt die Trauer immer tiefer, schmerzvoller. Der Wenzelsplatz erscheint, wenn man eng in den Häuserfronten entlang blickt, in feierlichem Ernst schwarz verhängt. Und als in wolkengrauer Mittagsstunde das tagesbleiche Licht der Laternen und Lichtmasten eingeschaltet wurdet sprach das ernste Bild mit der Kraft eines elementaren Gefühls: die Stadt trauert, und mit ihr das ganze Land. Schüsse sind gefallen, die nicht nur die Opfer getroffen haben. Ihr gräßlicher Knall hallt wider in den Herzen aller, die das Attentat auch gegen ihre Gesinnung gerichtet fühlen, gegen die Gesinnung, die den Frieden, die Völkerversöhnung, die Menschlich- keit schlechthin ersehnt und erstrebt. Es waren Schüsse in die Friedensfront Europas, und verzweifelt fragen sich die Mitgetroffenen, ob es denn unabwendbares Verhängnis sein müsse, d