10 et 343 et est 01 #HE Sosialdemokrat ZENTRALORGAN DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK ERSCHEIN MIT AUSNAHME DES MONTAG TAGLICH FRUH. REDAKTION UND VERWALTUNG PRAG XH., FOCHOWA 62. TELEFON 53077. ADMINISTRATION TELEFON 53076. HERAUSGEBER: SIEGFRIED TAUB. CHEFREDAKTEUR: WILHELM NIESSNER. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR: DR. EMIL STRAUSS, PRAG. 14. Jahrgang Zwei Absagen an die Kommunisten Stockholm. Die schwedische Sozialdemo kratie hat erklärt, daß sie jegliche Zusammenarbeit mit der kommunistischen Internationale a b= Ichne. Donnerstag, 25. Oktober 1934 Unruhe im Dritten Reich Steigende Lebensmittelpreise Angsteinkäufe Aus allen Gegenden Deutschlands kommen| Man raunt sich allerhand tolle Gerüchte zu und in diesen Tagen Meldungen, die auf ungeheure einer mahnt den andern zur Vorsicht und Vorkehr gegen Ueberraschungen im kommenden Winter. London. Der Vollzugsausschuß der Ar- wirtschaftliche Schwierigkeiten und große Unruhe heiterpartei ver warf den Antrag, daß mit der unter der Bevölkerung schließen lassen. Daß diese Fommunistischen Partei und mit den Organisatio- Berichte nicht aus der Luft gegriffen sind, kann en der äußersten Linfen über die Schaffung einer man aus dem Verhalten unserer deutsch- bürgerEinheitsfront gegen den Fascismus verhandelt werden soll. lichen Bresse schließen, die sonst meist alles was zu ungunsten Deutschlands spricht, unterschlägt, diese Meldungen aber, wenn auch sehr gemildert, wiedergibt. Gesandtenempfang bei Masaryk Einzelpreis 70 Heller ( einschließlich 5 Heller Porto) Nr. 250 Für soziale Demokratie Zum Zusammentritt des Parlaments Nach längerer Pause tritt heute das Parlament zusammen. Die erste Sigung wird dem Gedenken der Opfer des Marseiller Attentates, des jugoslawischen Königs Alexander und des Man erzählt sich und offenbar nicht mit auch dem Andenken des verstorbenen ehemaligen französischen Außenministers Barthou, sowie Unrecht von der drohenden Warenknapp- französischen Staatspräsidenten Poincaré gewidheit und jeder, der noch etwas Geld auftreiben mei sein. Die eigentliche parlamentarische Arbeit tann, geht damit in ein Warenhaus oder Geschäft, wird am Freitag beginnen, an welchem Tage um das Geld gegen Ware umzutauschen. Gekauft dem Abgeordnetenhause der Staatsvoranschlag wird alles was Haltbarkeit besitzt, vor vor allem für 1935 vorgelegt werden, wobei der FinanzTextil- und Lederwaren. In Berlin minister Dr. Trapl ein Erpose halten wird. Fast alle Lebensmittelpreise zeigen in werden die Warenhäuser von den Angsteinkäufern Weist schon die Vorlage des Budgets auf die BeDeutschland in den letzten Wochen eine aufstei- in den letzten Tagen fast gestürmt, in den großen deutsamkeit der beginnenden parlamentarischen Prag. Amtlich wird bekanntgegeben, daß Tagung hin, so wird diese noch erhöht dadurch, Bräsident Masaryk am Mittwoch den neuen grie- gende Tendenz und besonders die Preise für Geschäftsstraßen herrscht den ganzen Tag über ein daß auch der Außenminister Beneš das Parchischen Gesandten Cv utsaleris in Anwesen- Fleisch- und Wurstwaren sind in erschreckender fast lebensgefährliches Gedränge und vielfach lament über die auswärtigen Ereignisse, die sich heit des Ministers Dr. Benes, des Kanzlers Sa- Weise hinaufgeschnellt. Zwar versuchen die Be- stehen die Käufer vor den Geschäften seit dem Sommer in Europa abgespielt haben, mal und des Chefs der Militärkanzlei General hörden diesen alle Ordnung und Ruhe bedrohen- Schlange. Aehnliche Bilder sah man nur wäh- unterrichten wird, und daß wahrscheinlich auch der Blaha zu der üblichen feierlichen Antrittsaudienz den Preisbildungen entgegen zu wirken, aber die rend des Krieges und in den Tagen der Infla- Ministerpräsident Malypetr das Wort erempfangen hat. Die Audienz fand im Schlosse von Lana statt. Eigenkräfte der Wirtschaft sind stärker als Verord- tion. Von wirtschaftlicher Ruhe oder vielleicht gar greifen und über die wichtigsten Staatsprobleme Wichtiger als die dabei gehaltenen Reden ist nungen und von Tag zu Tag wird die Preislage von wirtschaftlicher Befferung kann angesichts die sprechen wird. Die beiden Häuser des Parlafür uns vor allem die Tatsache, daß Präsident tatastrophaler, die Unruhe der Bevölkerung immer fer mehr als bedenklichen Erscheinungen im Drit- ments werden über die Exposés der drei genanngrößer. In den Großstädten des Reiches werden ten Reich nicht gesprochen werden, eher von schwe- ten Minister eine Debatte abführen, die vorausdie Menschen nur noch von diesen auf große Er- rer Erschütterung und großen Gefahren für sichtlich in zwei Teilen absolviert werden wird, wovon die eine mehr den finanz- und wirtschaftseignisse hindeutenden Preissteigerungen beherrscht. Deutschland und dessen Bevölkerung. politischen, die andere den außen- und innenpolitischen Problemen gewidmet jein wird. Die deutschen sozialdemokratischen Abgeordneten und Senatoren werden Gelegenheit nehmen, in dieser Debatte den Standpunkt der von ihnen vertretenen Schichten der deutschen Bevölkerung dieses Landes klar zum Ausdruck zu bringen. Masaryk bereits wieder so weit hergestellt ist, daß er sich dieser immerhin anstrengenden offiziellen Funktion unterziehen kann. Es war dies der erste Gesandtenempfang seit dem Frühjahr. Wie verlautet, sollen in den nächsten Tagen weitere Gejandte empfangen werden, die schon seit längerer Zeit auf Audienz warten. Tschechische Nationalsozialisten für Wirtschaftsdemokratie Heute Parlament Rundfunkübertragung aus den beiden Kammern trag eine vorläufige Debatte für eine der nächsten fünf Sizungen anzuberaumen ist, die von einem Mitglied der Regierung eröffnet wird und in der von jedem Klub nur ein Redner sprechen kann. Der Finanzminister Dr. Trapl wird diese Debatte am Freitag mit seinem Finanzexposee einleiten. Bra g. Für heute sind die beiden Häuser der Das Schicksal der Tschechoslowakischen ReDie Erefutive der tschechischen nationalsoziali- Nationalversammlung zu ihrer ersten Sibung nach publik und ihrer Bewohner ist zum erheblichen stischen Partei hielt am Mittwoch eine Sißung den Ferien zusammenberufen. Wie schon erwähnt, Daß eine kurze richtunggebende Debatte Teile abhängig von der Lösung der großen ab, an der alle Parlamentarier der Partei und werden diefe Sitzungen den Charakter von diesmal noch vor der langwierigen Behandlung europäischen Probleme. Die Spandie Minister Ben es und rante teilnahmen. Trauerfeiern für König Alexander, Barthon und des Budgets im Ausschuß erfolgen soll, ist gewiß nungen in Europa sind in den letzten Monaten Die Partei sprach sich außenpolitisch für den Poincaré haben. Die Nachrufe der Vorsitzenden zu begrüßen. Allerdings müßten die Parteien auch nicht geringer geworden. geworden. Die Aufrüstung Frieden und innenpolitisch für das heutige Koali werden diesmal im tschechoslowakischen Rundfunk dieser Neuerung Rechnung tragen und sich auf Deutschlands geht weiter, aus dem Saar- Prob tionssystem aus. Sie begrüßte die ersten An- verbreitet werden, und zwar aus dem Parlament eine wirklich prägnante und vor allem nicht zu lem drohen allerhand Gefahren, Polen setzt seine zeichen des Weges zur Wirtschaftsdemokratie, von 11 Uhr bis 11 Uhr 30, aus dem Senat von lange Formulierung ihrer wirtschaftlichen und vie er durch die Eingriffe in das liberalistische 17 Uhr 17 bis 17 Uhr 35. ſtaatsfinanziellen Wünsche und Forderungen be- agressive Politik fort, die Reise des ungarischen Wirtschaftssystem beschritten wird und verlangt schränken. Zu einer politischen Aussprache Ministerpräsidenten hat die Gefahr dieser polnidie Garantie der Rentabilität der Arbeit des Arwird ja in der nächsten Woche Zeit sein, wo vor- schen Politik deutlich aufgezeigt und die Schüsse beiters, Gewerbetreibenden, der Bauern und der aussichtlich Dienstag der Ministerpräsident Ma von Marseille waren ein Flammenzeichen dafür, Intelligenz. lypetr sowie Außenminister Dr. Beneš spre- von welchen Gefahren der europäische Frieden Minister Franke: Zusammenarbeit mit Sozial- sierung, bezns. über Beschluß des Präsidiums demokraten und Agrariern. In einem innenpolitischen Referat sagie Minister Franke über die Zusammenarbeit mit den übrigen Koalitionsparteien: Wir bekunden unseren guten Willen, die toalitionelle Zusammenarbeit mit den Sozialdemofraten auch weiterhin zu pflegen, mit welchen wir durch Jahre vor allem auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiete einvernehmlich arbeiten, und mit den übrigen Stoalitionsparteien. Unter ihnen berbindet uns hauptsächlich mit der republikanischen Partei die einträchtige Ansicht über die Schädlichkeit des Liberalismus und über die Nüßlichkeit der öffentlichen Regulierung des gesamten wirtschaftlichen Schaffens, und wir erwarten ge= rade von dieser Partei, daß wir mit ihr an der Sicherung der gerechten Rentabilität der Arbeit in jedem Wirtschaftsbereiche werden mitarbeiten tönnen. Beneš glaubt an den Frieden. Außenminister Dr. Benes erstattete Bericht über die außenpolitische Lage. Der Minister unterstrich seinen festen Glauben an den Weiterbestand des europäischen Friedens. Handelsabkommen mit Frankreich unterzeichnet Es ist beabsichtigt, diesmal bei der Vorlage des Budgets zum erstenmal den neuen§ 20 der Geschäftsordnung anzuwenden, wornach vor der Zuweisung an den Ausschuß über Wunsch der Neüber einen im Druck vorliegenden Regierungsan- eine mehrtägige politische Aussprache anschließen. = chen werden. An diese beiden Expofces soll sich Wirtschaftslage der ČSR unverändert bedroht ist. Der Kampf für den Frieden, dieses höchste Gut der europäischen Völker, das es zu bewahren gilt, wenn nicht unsere ganze Kultur in den Flammen eines zweiten Weltkrieges verbrennen soll, ist das Zentralproblem auch der auswärtigen Politik der Tschechoslowakei. Es geht um Sein oder Nichtsein Europas und damit auch Bankratbericht: Viehstand wird gut überwintern, keine Aenderung der Bevölkerung unseres Landes. in der Industrie, Besserung der Ausfuhr Auch innen politisch werden an die sozialdemokratischen Parteien große Anforderun gen gestellt werden. Die wichtigste Aufgabe des sozialistischen Proletariates ist es, die TschechosloDer Bankrat der Tschechoslowakischen Die gute Grummetmahd mit dem underwartet Nationalbant hielt am 24. I. M. seine ordent- großen Ertrag des Stoppelfeldfutters und dem liche Monatssitzung ab. Dem vorgebrachten Rübenblätterertrage verbessern die Aussichten auf wafei als Insel der Demokratie, die umbrandet Geschäftsberichte für den verflossenen Zeit- befriedigende Ueberwinterung des Viehstandes. abschnitt entnehmen wir u. a.: In der Industriebeschäftigung fleinerem Umfange. ist vom fascistischen Meere, zu erhalten. Ist es in In der Weltwirtschaftsentwicklung der letz- wurden in den letzten Wochen keine größeren erster Linie die Aufgabe unserer tschechischen Geten Wochen verursachte die Frage der Beteiligung Aenderungen gemeldet, wenn man von jenen ab- nossen jeder fascistischen Bewegung im tschechiDeutschlands an dem internationalen Warenaus sieht, die sich direkt aus dem Uebergange zur schen Volfe entgegenzutreten, so ist die Aufgabe, tausch und die damit verbundenen Zahlungs- Herbstsaison ergeben. Auch das Niveau der Ar- welche die deutschen Sozialdemokraten auf sich probleme Zahlungsbeitslosigkeit änderte sich im September bloß in genommen haben, den Fascismus innerhalb des eine gewisse Beunruhigung, ebenso auch die wiederholten Kursverschiebungen Sudetendeutschtums unversöhnlich zu bekämpfen. der Notierungen des amerikanischen Dollars. Die Das Resultat des Außenhandels bot im mit aller Leidenschaft und mit aller Kraft, die Stonjunkturbelebung der europäischen Staaten September ein Bild der fortschreitenden Aus der deutschen sozialdemokratischen Arbeiterklasse wies auch in diesem Zeitabschnitt teinen einheit- fuhr besserung, dies um so mehr, als der dieses Landes innewohnt, und die sie seit Jahrlichen Charakter auf, schreitet jedoch in den außer Zuwachs nicht bloß aus der ganz außerordentlich: zehnten erwiesen hat, werden wir der fascistischen europäischen Gebieten in jenen Ländern fort, die zeitweiligen Besserung der Ausfuhr nach Deutsch- Bewegung Herr werden. Wir sind mit Schönerer als die ersten von der Weltdepression betroffen land resultiert, sondern auch aus Abfabbele und Wolf fertig geworden, wir werden auch mit bung auf entfernteren Märkten. Die infuhr ift Konrad Henlein fertig werden. Während kein ein wenig funken. Die Außenhand bilan; Hahn mehr nach Karl Hermann Wolf kräht, den endete im September mit einem hohen Aktivu; das deutsche Kleinbürgertum ebenso vergöttert das Kaffenergebnis der ünitineren Außenhandelsbilanz der lekten Monate kommt auch in hat wie es heute Konrad Henlein zujubelt, lebte dem Anwachs... des Devisenvorrates der National- die Sozialdemokratie und wird weiter ihre gebank zum Ausdruck. schichtliche Aufgabe erfüllen. So wie die Ereignisse unserer Politik im alten Oesterreich Recht gegeben haben, so wird die Zukunft auch unserer jetzigen Politik Recht geben. Entschlossen stellen wir uns zu den Kämpfen, die uns bevorstehen und während der Führer der Sudetendeutschen wurden. Die allgemeine Wirtschaftslage der Tschecho slowakei stabilisierte sich in der letzten Zeit auf dem gebesserten Niveau der Vormonate, wobei loPari 3. Nach den abschließenden Ver- tale, meist durch die vorgeschrittene Saison behandlungen zwischen der tschechoslowakischen Han- gründete Aenderungen eintraten. delsvertretung in Paris und den französischen Die herbstlichen Erntearbeiten nähern Ministerien für Handel und Aeußeres wurde sich ihrem Abschluß. Die Kartoffelernte war Die Situation der Strone war au. Aus Mittwoch gegen Abend die endgültige Regelung zwar uneinheitlich, im Durchschnitt ist jedoch die landsmärkten unverändert ruhig und st tie des tschechoslowakisch- französischen Handelsabkom- borläufige Schäßung befriedigend. Die Zucker- Währungsreserve der Notenbant erfuhr auch mens unterzeichnet, über welches in der letzten rübenernte wird besser sein als im Vorjahre, der ohne Rücksicht auf d. Ergebnisse der Ablieferung Zeit in Paris verhandelt wurde. Budergehalt der Rübe aber wesentlich niedriger. aus der Anbotsaktion eine Erhöhung. SrtteS Donnerstag, 25. Oktober 1934 Nr. SSV Varrsr an der Saar Gegenaktion tut not! Labour-Kandidat gewählt London. Bei einer Ersatzwahl zum Unterhaus in Nord Lambeth, das bisher durch einen Liberalen' vertreten war, wurde der Kandidat der Arbeiterpartei Strauß gewählt.■ Heimatfront in seiner Leipaer„Programmrede" den schweren Notstand, in dem sich die sudetendeutsche Bevölkerung befindet, einfach übergan- gen hat, als ob es nicht zehntausende deutscher Arbeitsloser und Kurzarbeiter gäbe, werden ge- rade wir in den kommenden Wochen die s o- zialeNot der Sudeten deutschen in den Vordergrund st eilen. Die Entwicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse zeigt, daß das Eingreifen des Staates in die Gestaltung der Wirtschaft des Landes in den nächsten Wochen eine Lebensnotwendigkeit für die Bevölkerung ist. Es handelt sich darum Menschen, die jahrelang ohne regelmäßige Arbeit sind, wieder in den Produktionsprozeß einzugliedern und wir haben in unserem Aussiger Kampfprogramm, dessen Sachlichkest, Bestimmtheit und Klarhest von den unklaren Phrasen Henleins deutlich absticht, ge- sagt, daß eine solche Arbeitsbeschaffung nur möglich ist durch die Verkürzung der Arbeitszeit, durch große öffentliche Investitionen und die Sa- nicrung der Selbstverwaltung, damit auch diese öffentliche Arbeiten unternehmen kann. Dabei muß der Arbeitsbeschaffung für die junge Generation im Interesse der Zukunft des Sudetendeutschtums ein besonderes Augenmerk zugewendet werden. Unsere Sorge gilt weiter der Be- lebung des Exportes und auch da haben wir im einzelnen klar ausgesprochen, was geschehen muß. In erster Linie aber werden wir mit der größten Zähigkeit dafür kämpfen^ daß die von der Krise Betroffenen wenigstens über den Winter hinwegkommen, nicht hungern und frieren müssen. Unsere Vertrauensmänner werden alle bürokratischen Schikanen aufdecken, die sich bei den, verschiedenen Unterstützungsaktionen für die Arbeitslosen ergeben. Die deutsche Sozialdemokratie und ihre parlamentarische Vertretung hat fest mehreren Jahren den Kampf um die Erhaltung der Demokratie und die Sorge für die Opfer der Krise in den Mittelpunkt ihrer Politik gestellt. Die Freiheit und das Leben berat- beiten d?n Schi ch^t e n d e S Sude tendeutschtums zu erhalten, war unsere ober st e Aufgabe und muß es auch weiterhin bleiben. Wir haben dazu beigetragen, die Demokratie zu festi- gen, welche die Arbeiterklasse nach den Worten Matteottis so notwendig braucht wie die Menschen die Lust zum Atmen. Die ganze europäische Entwicklung hat uns darin Recht gegeben und wir werden die Politik der Demokratie und der Fürsorge für die notleidenden Menschen weiter betreiben, die Politik der sozialen Demokratie, die sowohl im Interesse der arbeitenden Klassen unseres Volkes wie auch des Sndetendeutschtums gelegen ist. Eine Untersuchungskommission über den nationalsozialistischen Terror an der Saar, bestehend aus Lord Marley(London), William O. Thomson(New Jork), Georg Bran- t i n g(Stockholm) und Michael Karolyi (Paris) hat über Einladung verschiedene Organisationen, marxistischer wie katholischer, das Saargebiet bereist und unterbreitet der Weltöffentlichkeit und dem Hohen Rat des Völkerbundes nunmehr einen Bericht, der ein Hilferuf in zwölfter Stunde ist. An der Saar bereitet sich eines der größten Verbrechen der Geschichte vor. Ein Volk, das über sein Schicksal selbst entscheiden soll und in seiner großen Mehrheit das Urteil schon gefällt hat, wird durch den denkbar schamlosesten Terror von außen gezwungen, gegen seine Interessen zu- entscheiden., Deutsche Wahlen finden unter dem klar erkennbaren Druck der Staatsmaschine statt. An der Saar wird dem Namen nach frei abgestimmt. In Wahrheit herrscht dort der gleiche Terror wie in Deutschland selbst, nur daß die Terroristen ihre Gegner noch als national- Verräter hinstellen und so den rein seelischen Druck verstärken. Die Kommission berichtet, daß ihre Erhebungen selbst schwer waren: Da die Kommission keinerlei amtlichen Charakter trägt und ihr daher jede amtliche Unterstützung fehlte, war ihre Arbeit verschiedenen Einschränkungen ausgesetzt. Dies um so mehr, als der physische und moralische Terror der Na- tionalsozialisten im Saargebiet viele Opfer und Zeugen dieses Terrors aus Angst vor neuen Verfolgungen davon abhielt, sich bei der Kommission zu melden. Trotzdem haben sich bei der Kommission über 40 Opfer des nationalsozialistischen Terrors(mit wenigen Ausnahmen durchwegs Fälle aus dem Monat September 1934) und eine noch größere Anzahl Zeugen von Terrorfällen gemeldet. Vernommen wurden Angehörige aller sozialen Schichten: Bergleute, Priester, Straßenbahner, Angestellte, Kaufleute, Aerzte, Juristen, u. zw. aus allen Bezirken des Saargebietes. Das jüngste Opfer des Terrors, das einvernommen wurde, war drei Jahre alt, das ä l t e st e— eine Frau— 60 Jahre. Zum größeren Teil waren die Opfer und Zeugen, die man anhörte, parteilos. In fast allen Fällen wurde ermittelt, daß die Polizei nur zögernd und verspätet eingriff und sich weigerte, den Namen des Angreifers sicherzustellen. Sämtliche Fälle wurden durch zlveiZeügen"(äußer'dem Opfer" selbst) erhärtet. Die schon von früher bekannten Anschläge werden nicht mehr neu aufgeführt. Unter 40 Fällen hat die Kommission eine Auswahl von acht Fälle", getroffen, die sie mit allen Einzelheiten der weitesten Oeffentlichkeit mitteilt. Da ist ein Bergmann, der von 30 bis 40 Nazis überfallen und mit Ochsenziemern und Stahlruten geschlagen wurde, bis er umfiel, ein Kommunalangestellter, der besinnungslos geschlagen wurde, ein Kaufmann, den sie mit Stahlruten schwer verletzten, so daß er arbeitsunfähig wurde, ein Elektrotechniker, der vor seinem Hause überfallen und bewußtlosge- i s ch l a g e n wurde, eine Witwe, die man prü gelte, bis sie bewußtlos umfiel, ein Schlosser, dem man auf deutschem Gebiet acht Tage Dunkelarrest aufdonnert«, eine Frau, vor deren Haus Rauchbomben zur Explosion gebracht wurden, endlich ein Bergmann, den man prügelte, daß er tagelang arbeitsunfähig war. Solche Fälle ereigne': sich, wie die Kommission berichtet, tagtäglich und sprechen sich in dem dichtbevölkerten Gebiet(489 Menschen pro Quadratkilometer) rasch herum, so daß jeder Einzelfall von Terror doch eine Massenwirkung erzeugt. Eine Frau halb totzuschlagen, das bedeutet zugleich hunderte Frauen einzuschüchtern, einen Menschen durch Terror seiner Sache abwendig zu machen, bedeutet Dutzende Kämpfer mutlos zu machen. Sehr beliebt sind die öffentlichen Anprangerungen und vor allem die Drohung, „Denk an 19881", die in Hunderttausenden Flugblättern verbreitet wird. Als sehr gefährlich bezeichnet die Kommission die Tätigkeit der Bischöfe von Spever und Trier,- die— selbst vermutlich unter stärkstem Druck— gegen die katholischen Geistlichen, die gegen Hitler sind, mit Disziplinarstrafen, vor allem mit der lebensgefährlichen Versetzung ins Dritte Reich, vorgehen. In weiten Kreisen sei man überzeugt, so berichtet die Kommission, daß die Abstimmung nicht geheim sein werde. Die Nazi verbreiten diesen Glauben und schüchtern die Menschen dadurch begreiflicherweise furchtbar ein. In den G-- meindeausfchüffen sitzen fast nur Anhänger der Deutschen Front. In den rund 90 Gemeindeausschüssen sitzen nur 7 Sozialdemokraten und nur ein Kommunist, obwohl beide Parteien bei den letzten Wahlen 37 Prozent der Stimmen I auf sich bereinigen. Diese Ausschüsse setzen aber die Wählerlisten zusammen. Man nimmt auf Grund genauer Berechnungen an, daß dem Wahlschwindel schon dadurch Vorschub geleistet 88 Kriegsschiffe in Rekorzeit durch den Panama-Kana] Christobal(Panama). Eine aus 88 Kriegsschiffen bestehende Flotte der Vereinigten Staaten unternahm in der Nacht auf Mittwoch den Versuch, den Panamakanal in Rekordzeit zu durchfahren. Der gesamte übrige Kanalverkehr wurde eingestellt. Der bisherige Rekord betrug 48 Stunden. Dir Pazifik-Flotte, die seit Ende April im Atlantischen Ozean weilte, befindet sich nunmehr auf der Rückfahrt in den Stillen Ozean und man erwartet, daß die Kanaldurchfahrt in 40 Stunden beendet sem wird. Die PPS gegen Becks Außenpolitik Der Hauptausschuß der Sozialdemokratischen Partei Polens hat in einer scharfen Resolutton gegen die Außenpolitik PilsudskiS und Becks Stellung genommeck. Die Resolution stellt fest, daß Polen ein Bundesgenosse deS HitleriSmus ist, der eine eminente Kriegsgefahr bedeute. Diese Außenpolitik gefährde auch die Entwicklung Polens. Im Sv BRUNO ADLER: Auch das Organ der böhmischen Statthalterei wendet sich gegen die Ritualmordbeschuldigung. Sie sei gegen die ersten Christen wie später gegen die Ketzer und die Juden erhoben und von den Kirchenvätern und einer ganzen Reihe von Päpsten ex cathedra verworfen worden. Die Zumutung, daß die Juden, denen die Religion jeden Genuß von Blut verbietet, Menschenblut genießen, sei ungeheuerlich. Mit dem Mädchenmord von Polna stehe das Judentum in keinerlei Verbindung. Die Kultusgemeinde Groß-Meseritsch erklärt in einer Zuschrift an den Präsidenten des Kreisgerichts Kuttenberg, daß sie mit Hilsner und seiner Familie gar nichts zu tun habe. Dr. Aured- nicck überreicht beim Obersten Gerichtshof die Nichtigkeitsbeschwerde. Sie gründet sich auf die Ablehnung der von ihm in der Hauptverhandlung gestellten Anträge: ein Fakultätsgutachten über die angeblichen Blutflecke auf der Hose, ein zweites Uber die Frage, ob die Strangulierung oder die Schnittwunde den Tod herbeigeführt habe, einzuholen; einen Lokalaugenschein und eine'Sehprobe mit dem Zeugen Pesäk unter Zuziehung des gesamten Schwurgerichts voczunehmen; den wegen Mordes und Sittlichkeitsverbrechens verhafteten Franz Wehr herbeizuschaffen und ihn den Zeugen aus Polna gegenüberzustellen; und die 82 Gutachten zu verlesen, aus denen hervorgeht, daß die jüdische Religion keinen Ritualmvrd kennt. Der allgemeinen Diskussion des Falles macht vorläufig, eine Meldung ein Ende: .6 i I 3» t f o e st e h t." Leopold Hilsner hatte das Urteil unbewegt ausgenommen. Er war in seine Zelle zurückgebracht worden. Die Häftlinge, mit denen er sie teilt, Mörder, Sexualverbrecher, Berufsdiebe, interessieren sich nicht besonders für ihn. Einer, der bisher von seiner Schuld nicht überzeugt war, ist ein wenig verlegen; ein anderer hat es längst gewußt Nnd begrüßt ihn jetzt schadenfroh. Einer tröstet ihn: begnadigt müsse er werden, weil er ja nur auf Grund von Indizien verurteilt sei, und eines Tages werde man ihn schon herauslaffen, wenn er'S erlebe. Hilsner lächelt stumpfiinnig vor sich hin. Wer am Wend verliert er feine Ruhe. Er jammert und schreit und beteuert seine Unschuld, und wenn ihm die andern nicht glauben, flucht und tobt er um so wütender. Am stärksten richtet sich sein Zorn gegen die Polnaer Juden. Ihre zurückhaltenden Aussagen haben sein Unglück verschuldet, glaubt er. Auf die Genossen macht das wenig Eindruck. Sie treiben wieder ihre Scherze mit ihm, prügeln ihn und lachen ihn aus. WaS sie nur immer mit dem Miffek, dem Aufseher, zu tuscheln haben? Wenn sie im Hof spazieren gehen, ist der Miffek stets neben ihm und brummt in ihn hinein: ganz recht geschehe ihm, wenn sie ihn aufhängen, warum gestehe er nicht.— Was er denn gestehen solle?— Wer die andern Juden waren, mit'denen er das Mädel geschlichtet habe! Wenn er das bekenne, werde er begnadigt werden ... Die Zellengenossen sagen dasselbe, und Moj- ois macht ihnen vor, wie man ihn hängen wird; schlingt ihm einen Fetzen um den Hals, hebt ihn hoch und alle lachen sich krumm über sein Geschrei. Miffek kommt herein und lacht mit:„Ganz recht, du Jud> warum bist du so verstockt!" Hilsners Aufregung wächst von Stunde zu Stunde. Er schläft kaum mehr, tagsüber sitzt er geistesabwesend herum, von Zeit zu Zeit bricht er in wildes Geschrei aus. Dann kommen Arator und Pro- chaska, sie meinen es gut mit ihm, sagen sie, und raten ihm, zu gestehen. Und wieder versinkt er in den dumpfen Zustand. Die Nacht von Dienstag aus Mittwoch ist die schlimmste. Alle Glieder schmerzen ihn von den Püffen und Prügeln. Schließt er die Augen, steht hoch und drohend der Galgen vor ihm. Zum tansendstenmal sagt er vor sich hin: man kann doch einen Unschuldigen nicht aufhängen... Wer warum sollte man eS eigentlich nicht können?... Wenn er ein Geständnis ablegte? Zwei Juden, sagen sie, waren mit ihm, einer von ihnen hinkt. Der Erdmann aus Trebitsch hat einen kurzen Fuß. Er hat heuer einmal bei der Mutter genächtigt, zugleich mit dem Wassermann, auch so ein Schnorrer... Am Morgen erdröhnt das Haus vom Hämmern und Klopfen. DaS Gerichtsgebäude bekommt eine Telephonanlage, eben werden unten die Isolatoren befesttgt.„Hörst du, Polda?" sagt Arator,„jetzt wird der Galgen für dich aufgestellt!" Hilsner weiß, daß das nicht wehr ist» Und doch geht ihm jeder Hammerschlag durch Mark und Bein. Nicht anders wird es sich anhören, wenn es erst so weit ist. WaS soll er nur tun, großer Gott! Er wird noch verrückt werden, er hält das nicht aus! Gr stöhnt und jammert. Arator und Prochafla setzen ihm wieder hefttg zu:„Sei doch nicht so blöd, was gehen dich die andern an, sag halt, wer es war!"—„Aber gleich,„sonst ist eS zu spät!" „Da!" Arator schiebt ihm ein Stück Papier und einen Bleistift hin. Wo er den nur her hat? geht es Polda flüchtig durch den Kopf.„SchreibS auf, wenn dus nicht sagen willst!" Wer er schreibt Nicht.„Also laß mich schreiben!" Polda schweigt. In ihm ist kein klarer Gedanke mehr.„Wie heißen sie?" fragt ihn jener. Und wie selbständig kommt es heraus:„Wassermann."—„Und der andere?" —„Erdmann."—„Und ihr habt sie miteinander umgebracht?"—„Nein... sie haben bei der Mutter übernachtet."—„Am Tag vor dem Mord?"„Ja."—„Und dann?" Wie gerufen erscheint nun Miffek und steUt weitere Fragen. Hilsner gibt nur kurze Anttvor- wird, daß 70.000 bis 80.000 Wähler mehr ein» getragen sind, als es tatsächlich gibt. Die Zählung der Stimmen und Bekanntgabe der Ergebnisse soll durch die Bürgermeistereien erfolgen. Auch darin sieht man eine Gefahr. Die Kommission ersucht den Hohen Rat deS Völkerbundes, die Durchführung einer Reihe von raschen Reformen zu erwägen, von denen die J wichtigsten wären: Schaffung neuer Gemrindeausschüffe mit patttälischer Vertretung der Wstimmuugs»! Parteien, Prüfung der Wahllisten durch neu- trale Kommissionen, Bekanntgabe des Wahlergebnisses nach Kreisen statt nach Gemeinde« (um das Nachrechnen der Stimmen und Erraten der Reinsttmmen zu verhindern, bzw.■ die Angst davor auszuschalten), dir Stimm-Z zählung für daS ganze Gebiet an einem Ort, j und zwar möglichst im Ausland, Stimmzäh-' lang durch neutrale Beamte, Vernichtung der Zettel nach, der Zählung, Belehrung der Bevölkerung über alle Sicherungen der geheime« und freien Abstimmung, Intervention bei« Vatikan gegen den bischöflichen Terror gegen die Priester. Sicherung der BersammlungS- freiheit und der Propaganda für i.lle Parteien, unparteiische Handhabung der Polizei-! und ttchterlichen Gewalt. Es steht fakttsch zu befürchten, daß an der Saar keine freie Abstimmung stattfindet, wenn nicht biefe. Reformen durchgeführt werden. Es ist leider so, wie kürzlich ein Beobachter schrieb: ä Die Nazi wissen, daß ihnen nichts geschieht, auch wenn die anderen siegen; die Demokraten wisseti,! daß ihnen der Tod droht, wenn die Nazi siegen.’ Daher sind jene hemmungslos, diese stehen unter i einem Terror, der selbst dann noch da wäre, wenn er nicht so sichtbar brutal geübt würde. Die 17 Millionen Menschen, die in Deutschland s dem braunen Terror unterworfen wurden, konnte die Welt nicht retten. Die halbe Million, die im Saargebiet geopfert werden soll, könnte dus zivilisierte Europa retten, indem sie die Freiheit der Abstimmung sicherte. Es wäre ein Verbrechen, lastend auf dem Gewissen aller noch Freien, wenn zur Rettung der Saarkämpfer nichts geschähe! besonderen wendet sich die PPS«egen die an ti ts ch e ch o sl o w a kis ch e Politik der Regierung. Sie fordert Zusammengehen mit der Kleinen Entente. Ausweisung von Geistlichen aus Mexiko Mexiko-Stadt. Wie aus Ciudad Bravos,, dem Staate Guerrero, gemeldet wird, hat die, dortige Staatsregierung angeordnet, daß der Bischof von Chilapa sowie sämtlichen übrigen katholischen Geistlichen innerhalb von 72 Stunden des Staatsgebiet verlassen müssen. Den Ausgewiesenen wird Verletzung der Verfassung vorgeworfen. Im Staate Chihuabna hak die Regierung «ine Kirche geschloffen, in der sich ein behördlich nicht genehmigte- Priesterseminar befand. Bei Erscheinen der Polizei waren 22 Seminaristen anwesend, die, ebenso wie' die Geistlichen der Kirche, aus dem Gebäude entfernt wurden. Wie das katholische Blatt„Palabra" aus dem Staate Colima meldet, sind dort die letzten beiden Kirchen geschloffen und die noch vorhandenen Geistlichen ausgewiesen worden. ten. Wer schließlich haben sie alles aus ihm herausbekommen, was sie wissen wollen: daß ihn die beiden und ein dritter namens Frailer nach einem Mädchen gefragt haben, und daß er ihnen die Agnes Hruza nannte. Was fie mit ihr vorhatten, wußte er nicht, vielleicht wollten sie mit ihr schlafen. Ob er am Nachmittag mit ihnen durch das Gäßchen bei der Pojmann gegangen sei?— Ja. — Und ob einer von den Fremden hinke?— Ja. — Er habe sie in den Wald geführt, an den Ort, wo man das Mädchen kommen sehen mußte. Dort versteckte sich Wassermann hinter einem Baum, Erbmann im Gestrüpp. Als sie vorbeikam, wurde sie mit dem Stock geschlagen und in den Wald gezerrt. Er selber wollte nichts weiter sehen und sei weggelaufen. DaS Geständnis ergänzt er mit der Versicherung, die Polnaer Juden seien eine Bande— wenn sie vor Gericht besser über ihn gesprochen hätten, wäre ihm daS alles erspart geblieben. Der Aufleher erstattet sofort die Anzeige, und HilSner wird vor den Richter geführt. Dort wiederholt und ergänzt er sein Geständnis. Er habe eS früher nicht ablegen wollen, weil er alles auf sich zu nehmen entschlossen war. Er habe geglaubt, man werde ihm nichts beweisen können, er werde mit einem Monat davonkommen, und dann habe er auch befürchtet, die Juden würden e- ihm nachttagen, wenn er spräche... Der Richter, Dr. Bavdysch, mißtraut der Ausfage. Bruchstückweise dringt der Inhalt des Geständnisses in die Oeffentlichkeit. Fette Lettern verkünden den Sieg auf der ganzen Linie. Die tschechischen Blätter, voran„Närodni Listy", schwelgen im Triumph. Die Wiener völlischen nnd christlichsozialen Zeitungen fordern die Austreibung der Juden. Der Untersuchungsrichter wahrt Zurückhaltung: das Geständnis bedürfe noch der Aufhellung. (Forfletzung folgt.) St. 260 Donnerstag, 25. Oktober 1934 Seile 3 Flucht aus der NSDAP Disziplinlosigkeiten In der SA— Drohung mit dem 30. Juni Das gelockerte Listenwahlrecht Die erste Probe auf die»Vorzugs* stimmen“ In Kesmark Bei den am Sonntag stattgefundenen Wahle« in die Gemeidevertretung von Kesmgrk Äußerte sich, wie amtlich gemeldet wird, zum erstenmal erfolgreich die Lockerung der Gebundenheit der Kandidatenlisten, wie sie die letzte Novelle zur Gemeindewahlordnung im 8 38, Absatz 3, durch Zulassung sogenannter Vorzugs- stimmen einführte. Der Wähler kann nämlich die Stimmliste unverändert abgeben oder er kann für einen bestimmten Kandidaten dadurch stimmen, daß er die Nummer seiner Reihenfolge a n st r e i ch t. Hat ein Kandidat eine wenigstens der Wahlzahl gleichkommende Anzahl solcher Borzugsstimmen erhalten, ist er zum Mitglied der Vertretung gelvählt und tritt an Stelle dessen, der sonst nach der Reihenfolge der Kandidatenliste als letzter gewählt wäre.(Der Listenführer darf hiedurch jedoch nicht betroffen werden.) In Käsmark trat bei den sonntägigen Wahlen gleich bei drei Kandidatenlisten eine Verschiebung ein. Die Wahlzahl betrug 87. Auf der Kandidatenliste der vereinigten christlichen Parteien erhielt der an zehnter Stelle stehende Kandidat 202 Vorzugsstimmen und wurde daher, da auf die Kandidatenliste acht Mandate entfielen, an Stelle des achten Kandidaten gewählt. Auf der Kandidatenliste der Zipser deutschen Partei, die ebenfalls acht Mandate erhielt, wurde sogar auf diese Weise ein Kandidat, der die Nummer 27 hatte und 138 Vorzugsstimmen erhielt, an Stelle des achten Kandidaten gewählt. Auf die Kandidatenliste der jüdischen Partei entfielen fünf Mandate; der bie sechste Nummer innehabende Kandidat erhielt 90 Vorzugsstimmen und trat somit an die Stelle des fünften Kandidaten. Diese Lockerung der starren Reihenfolge der Kandidaten auf der Liste einer Partei durch die Novelle 122/83 war eigentlich ein Versuch, wie das Listenwahlrecht etwas elastischer gestaltet werden könnte. Man hatte sich seinerzeit keine allzugrotzen Aendelungen davon versprochen. Nun hat sich aber bereits bei der ersten Wahl gezeD, daß diese Neuerung sich tatsächlich in der Praxis beträchtlich auswirken kann. Allerdings wivd man wohl erst abwarten müssen, wie sich dies« Neuerung in größeren Städten auswirken wird, wo die Wahlzahl beträchtlich höher ist als in KeSmark. Dann muß natürlich eine bedeutend größere Anzahl von Wählern ein und derselben Partei ihre Bemühungen aus einen und denselben Kandidaten konzentrieren, um ihm zu einem U«berspring«n seiner Vordermänner zu verhelfen. Ob eine analoge Bestimmung auch für Parlamentswahlen eine Bedeutung haben könnt«, wo 20.000 bis 80.000 Wähler einer Lifte einen bestimmten rückwärts stehenden Kandidaten ausdrücklich herauSheben müßten, muß wohl bezweifelt werden. Immerhin dürfte dadurch die DiSkuffion über ein« gewisse Lockerung deS Listenwahlrechtes, ohne beffen gute Grundprinzipien zu berühren, wiederum angefacht werden. Wehrmacht und Dienstzeit General Bläha für zweijährige Dienstpflicht. Der Chef der Militärkanzlei des Präsidenten der Republik, General Jng. Blaha, hielt Mittwoch abends im Klub„Pkitomnost" in Prag über das Thema„Die Forderung des zweijährigen Präsenzdienstes und die Bedürfnisse der Verteidigung deS Staates" einen Vortrag.> Die Rückkehr zum zweijährigen Militärdienst hält General Inst. Bläha unter den gegenwärtigen Umständen für eine Staatsnotwendig- keit, weil die Republik bei dem zweijährigen Militärdienst erstens eine an Qualität bessere Armee gewinne und zweitens die Mobilisierung der Streitkräfte im Falle eines plötzlichen Angriffes auf den Staat gesichert haben werde. Der komplizierte moderne Kampf, der von jedem Soldaten viel Selbständigkeit und Fähigkeit zum taktischen Handeln beansprucht, setze notwendig eine lange Ausbildung voraus. Dadurch werde auch Disziplin, Zusammenhalt und Abhärtung erzielt. Die französische und die belgische Armee, die einen kurzen Präsenzdienst haben, hätten andere Aufgaben als die tschechoslowakische Armee. Frankreich und Belgien seien strategisch günstiger gelegen als die Tschechoslowakei und außerdem seien ihre Grenzen stark befestigt. Der Landesausschuß für Böhmen behandelte in seiner Sitzung vom 24. Oktober 1934 außer einer Reihe laufender Angelegenheiten 118 Gemeindebudgets und bewilligte 329 Gemeinden die Einhebung verschiedener Abgaben und Gebühren. Er verlieh MUDr. A. Riegl den Posten der zweiten Gehaltsstufe als Direktor der Landesirrenanstalt in Dobbany. Mit Rücksicht auf die in der letzten Tagung der LandeSvertrctung hinsichtlich des Neubaues des LandeSarchives erhobenen Beschwerden wurde durch die vorgenommene kom- missionelle Untersuchung festgestellt, daß es sich nicht um Baumängel, sondern bloß um kleine bei jedem Neubau übliche Unzulänglichkeiten handelt. Diese Unzulänglichkeiten werden durch die betref- jenden Firmen ans ihre Soften beseitigt Werdau Obergruppenführer vonJagowhat einen Gruppen-Sonderbefehl erlassen, aus dem hervorgeht, daß es bisher trotz aller Säuberungsaktionrn nicht gelungen ist, die SA-Männer zu beruhigen und die Opposition zu unterdrücken. In dem Befehl wird u. a. mitgeteilt, daß auf dem ersten Transportzug der Berliner DA nach Nürnberg „ein unerhörtes Vorkommnis" geschehen sei. SA- Leute haben am Aeußeren der Eisenbahnwagen „die gemeinsten und unerhörtesten Aufschriften angebracht, die der Stabschef als gegen den Führer gerichtet auffaßt und als Hochverratsangelegenheit den Gerichten übergeben werde". Die Täter wurden bisher nicht gefaßt. Fagow warnt und erklärt,„im neuen Staat wird Hochverrat mit dem Tode bestraft. Der 30. Juniisthiefür ein warnendes Beispiel!" Außerdem enthält der Gruppen-Sonderbe- fehl Mitteilungen über die Maßregelungen von mehreren Sturmbannführern. Als Grund wird in der Mehrzahl der Fälle Ungehorsam und Disziplinlosigkeit angegeben. Zu Hirsen Maßregelungen erklärt Jagow: „Ich habe diesmal von einem Ausschluß noch abgesehen, da ich weiß, daß ein Ausschluß aus der SA unter den heutigen Umständen die Zerstörung jeder Lebensmöglichkeit für den Betreffenden in Deutschland bedeutet. Ich ersuche daher, es nicht als Weichherzigkeit aufzufaffen, wenn ich auf die nachfolgenden Bestrafungen erkannt habe: Zurück- Versetzung in den Stand eines SA-ManneS, Verbot zum Tragen der SA-Uniform, Beurlaubung." Der Präsident der„deutschen Arbeitsfront", Dr. Robert Le y, hat auf dem Gauparteitag in Köln erklärt: „In den letzten Monaten hat mancher alte Kämpfer« n s e r e B e w e g u n g v erlas s e n. Das ist bedauerlich und schwer. Ich hoffe jedoch, daß sie alle einmal wieder zu uns zurückfinden werden." Damit hat Ley den Parteiführer Hitler Lügen gestraft. Dieser sagt immer, die nach der Volksabstimmung am 19. August zugestandenen 10 v. H. Neinsager seien samt und sonders Volksgenossen, die der NSDAP noch fernstehen und noch gewonnen werden müßten. Ley aber gibt zu, daß schon ein Rückstrom aus der NSDAP eingesetzt, und zwar gerade von„alten Kämpfern". kl» Dokument „christlicher" Kultur DollfuB-Innitzers Schergen: Mörder, Diebe, Hehler.,. Die Christlichsozialen suchen die Blutschuld des österreichischen und spanischen Henker-Regimes» an der sie geistig> teilhaben, durch, infame Greuelmärchen aufzuwiegen. Sie lügen, hemmungslos wie die Schüler der Jesuiten in Dingen des Gewissens sind, daß Arbeiter in Asturien Bürgerkinder geblendet haben. Nur ein Nazi- oder Jesuitenhirn kann solche Dinge erfinden, um dem politischen Gegner zu schaden. So erlogen diese Greuel sind, so wahr ist, was über die Verbrechen der christlichen Fascisten berichtet wird. Was sich unter dem Szepter der katholischen Machthaber Oesterreichs, unter dem Segen Jnnitzers und d e r H e r r s ch a f t d e s Heiligen Dollfuß abspielt und abgespielt hat, wird wieder einmal an einem erschütternden Beispiel deutlich, von dem wir in einer Zuschrift Kenntnis erhalten. Wir geben sie vollinhaltlich wieder. Sie lautet: Sehr geehrte Redaktion! Sie schreiben in Ihrer Nummer vom 23. Oktober 1934 in einem kleinen Bericht über„Gutheißung der Morde von Marseille" in Oesterreich. Ich wundere mich über diese Sachen gar nicht. Seit Februar 1934 ist es in Oesterreich Sitte und Gebrauch, daß man Morde gutheißt oder selbst mordet. Ein kleines Beispiel von mir. Meine Mutter, die Obmännin der soz. Frauenorts» gruppe Klagenfurt, wurde am 13. Feber 1934 von einem Heimwehrfaseisten (der laut Strafkarte 12 Jahre wegen Raubmordes in Wie» gesessen ist) feiglings von rückwärtsniedergeschossen, meinen Bater traf darauf der Schlag, und mein» Schwester vergiftete sich am selben Tage wegen Kränkung. Also dreiTodeSopfer in zwei Stunden. Roch nicht genug, daß ich an einem Tage meine ganz« Familie verlor, wurde ich wegen Beleidigung der H e i m- w e h r z u sechSMonaten schweren KerkerS verurteilt. Ja, die Regierung ging weiter. Sie beschlagnahmte das Erbteil meines BaterS, 80.000 Schilling, welche' bei der Zentralsparkaffa der Gemeinde Wien eingelegt waren, die ich bis heute noch nicht bekommen habe. Die Leichenbestattung verlangte 3000 Schilling für die Bestattung. Woher nehmen? Jetzt kam die gemeine Tat. Eine Billa am Wörthersee, die das Eigentum meiner Elter« war, im Werte von 280.000 Schilling wurde«m 3000 Schilling verstei-gertl Der Polizeidirektor von Klagenfurth hat sie bei der Verauktionierung erworben. Jetzt braucht stch wenigstens seine Tochter, d i e A e r z t i n ist, keine Instrumente kaufen, da meine Schwester, die erste Assistentin an der chir. Klinik war, einekomplett einge» r i ch t e t e Ordination hatte. Ich hab« durch meine Bertreter den Bundesverwaltungsgerichtshof angerufen, wurde aber a b g e w i e» s e n. Außerdem wurde ich(stand vor dem Doktorat) von sämtliche« österreichischen Universitäten relegiert. Ist das Gerechtigkeit??? Obwohl der Herr Schuschnigg immer die Worte „Justitia fundamentum regnorum" im Munde führt, sieht man in Oesterreich von einer Gerechtigkeit nichts. Aber die Zeiten werden sich ändern. Ich will nur»och hinzufügen, daß derjenige» der meine Mutter erschossen hat, nach den Februarunruhen mit der„G o l d e- nen" ausgezeichnet wurde, und heute Präsident der Kärntner Arbeiterkammer ist.„Und jetzt soll mir einer sagen, ob es in Oesterreich nicht Sitte ist, Leute hinzumorden und Morde gutzuheißen." Hochachtungsvoll: Wir kennen den Namen und die Person des Autors dieser Zuschrift, die wohl zu den furchtbarsten Dokumenten dieser Zeit überhaupt, des sittlichen Verfalls katholischer Würdenträge r im besonderen gehört. Unser Gewährsmann teilt uns auch mit, daß er seine Behauptungen b e- weisen könne. Das Wort dazu hat die österreichische Regierung, deren Chef als I u st i z mitt i st e r ja ein doppeltes Interesse daran haben müßte, diese Anklage zu widerlegen oder aber den Mörder und die in seiner Spur schreitenden Diebe, Betrüger, Hehler und ungerechten Richter zur Verantwortung zu ziehen. Dollar»Pfund-Stabllislerung 7 Ein amerikanischer Versuchsballon. Washington. Die Edinburger Rede des Botschafters der Vereinigten Staaten in London, in der eine Stabilisierung des Verhältnisses zwischen dem Dolla» und dem englischen Pfund befürwortet worden war, ist in hiesigen politischen Kreisen mit Interesse ausgenommen worden, zumal die Rede vielfach als Fühler angesehen wird. Die Tatsache, daß der Gouverneur der New Dorker Federal Reserve Bank Harrison, seit seiner Rückkehr von Europa bereits wiederholt im Weißen Haus vorgesprochen hat, findet um so mehr Beachtung, als man bislang eine Stabilisierung des Dollar erst zu späterer Zeit erwartet hat. Frankreich vor einer Regierungskrise Die Radikalen gegen Doumergues Verfassungsreform Zwischen den Vertretern der radikalsozialistischen(bürgerlich-demokratischen) Partei'm Kabinett Doumergue und dem Ministerpräsidenten ist ein heftiger Kampf um die Ver- faffuttgsreform entbrannt. Doumergue hat einen Plan entworfen, der angeblich der Sicherung der Republik gegen Umsturzversuche, aber auch gegen wirtschaftliche Schwierigkeiten dienen soll. Es handelt sich um den Uebergang von der parlamentarischen zur autoritären De m o k r a t i e mit starker Spitze. Vor allem soll di? Stellung des Ministerpräsidenten gefestigt werden, der heute als President du conseil nur eine vermittelnde u'>d ordnende Tätigkeit ausübt, aber kein: Möglichkeit der Initiative hat. Auf die Verwaltung kann er nur durch die Ressortminister einwirken, desgleichen auch die Gesetzgebung in der Kammer nur durch die Ressortminister beeinflussen: Doumergues Reformen laufen vor allem darauf hinaus» dem Ministerpräsidenten eine Stellung zu geben, wie sie der englische Premier hat oder der deutsche Reichskanzler hatte. Daneben w>!i Doumergue auch den Weg fiir die Ermächtiaung»n politischer und wirtschaftlicher Art freimaÄen. Bei der strengen Zentralisation d.r französischen Verwaltung würde diese Refcrm die Legale. Schaffung einer Diktatur des Ministerpräsidenten bedeuten. Da der ganze Verwaltungsapparat von Paris aus dirigiert wird, liegt die einzige Einschränkung d-r bürokratischen Willkür in dem Einfluß der oft wechselnden Ressortminister. Unterstehen awr die Präfekten der Departements und die N:terprä- fekten der Arrondissements, die Bürgermeister (die„Maires") und die ganze Polizei dem Premierminister, so ist er unter Ausschaltung der Parteien des Parlaments der Herr Frankreichs. Leon Blum erklärt darum im„Prpuläir-", daß die Reform Doumergues das Ende der Republik bedeuten würde. Die Radikalen, die nach dem Sturz Chauxtemps' und dem Feberaüfitand der Fascisten in einer Panikstimmung waren und sich mit Haut und Haar Doumergue verschrieben hatten, scheinen bereits weitgehende Zugeständnisse gemacht zu haben. Nach den Kantonalwahlen, bei denen ihre Positionen aber im wesentlichen unerschüttert und sie die weitaus stärkste Partei blieben, wächst ihnen neuer Mut zu und sie rebellieren gegen Doumergue. Der Parteivorstand der Radikalen hat sich.schroff gegen die Reform ausgesprochen. Die Minister scheinen zu einem Kompromiß geneigt. Doumergue selbst will den Plan nicht aufgeben, sondern für jedes seiner Projekte einzeln kämpfen und nur zurücktreten, wenn der Plan als Ganzes abgelehnt wird. Man muß aber nach den Erfahrungen der letzten zehn Jahre sehr stark mit einem Umfall der Radikalen rechnen. Bezeichnend ist, daß Herriot in der„Ere nouvelle" grundsätzlich für die Fortdauer des Burgfriedens Stellung nimmt. Schuschniggs Romreise verschoben Wien. Der österreichische Bundeskanzler Dr. Schuschnigg wird seine ursprünglich für Anfang November in Aussicht genommene Romreise erst zu einem späteren Termin unternehmen, der bisher noch nicht definitiv festgelegt worden ist. Man kann aber als sicher annehmen, daß der Besuch der italienischen Hauptstadt erst nach dem Wiener Besuche des ungarischen Ministerpräsidenten Gömbös stattfinden werde. Mitschuldige in Budapest verhaftet Budapest. Auf Ersuchen des jugoslawi- schen Gesandten in Budapest hat die Budapester politische Polizei einen kroatischen Emigranten, der mit dem Marseiller Anschlag in Verbindung stehen soll, ausgeforscht und stellig gemacht. Sein Name wird jedoch im Interesse der weiteren Erhebungen bisher geheimgehalten. Einer, der mehr weih? Salzburg. In der Untersuchungshaft des Salzburger Gerichtes befindet sich ein gewisser Vinzenz Stoklasa, ein jugoslawischer Staatsangehöriger, der kürzlich nach seiner Ankunft aus München in Salzburg verhaftet wurde, weil er gefälschte Dokumente bei sich hatte. Stoklasa ließ sich dieser Tage dem ihn verhörenden Polizeibeamten vorführen und teilte ihm mit, daß er die an dem Marseiller Attentat beteiligten Pexsonen kenne und über sie wichtige Informationen liefern könne. Stoklasa wurde darauf- hin nach Wien gebracht und dort, einem neue» Verhöre unterzogen. Seine Aussagen bilden den Gegenstand einer amtlichen Untersuchung. Japan will FlottenparitMt London. Mittwoch begannen die amerikanisch-japanischen Flottenbesprechungen. Nachdem die Japaner ihre Haltung allgemein begründet hatten, baten die Amerikaner um nähere Aufklärung. Die japanischen Vorschläge wurden an Präsident Roosevelt gekabelt. Die amerikanische Abordnung leugnet nicht, daß einer der stärksten Punkte in Japans Forderungen sein Verlangen nach Gleichheit in den Bertei» digungsrechten sei. In Tokio wird bestätigt, daß Japan bei den Flottenbesprechungen in London folgende Vorschläge machen wird: Gleichheit der Verteidigungskräfte, Aufhebung des Flottenvertrages und Einführung einer Globaltonnage sowie Beseitigung der Angriffswaffen. Amerika dagegen Rach einer späteren Reuter-Meldung ist die amerikanische Flottendelegation durch dir Unnachgiebigkeit der japanischen Delegierten und ihre Forderungen beunruhigt, obwohl die japanische Delegation ihre Forderungen nur flüchtig stizzieren. ES wird versichert, daß die Amerikaner entschlossen sind, sich jeder Forderung nach einer Aenderung des bisherigen Verhältnisses der Flottenstärken z« widersetzen. politische Häftlinge in Oesterreich Die„Times" veröffentlicht einen von Wick Ham Streed, dem bekannten englischen Publizisten und von H, G. Wells, dem berühmten englischen Schriftsteller unterzeichneten Brief über die Lage der seit den Feber-Unruhen eingekerkerten Sozialistenführer. Es wird darauf hingewiesell, daß der Bürgermeister von Wien, Seitz, noch immer in Hast ist, obwohl keine Anklage gegen ihn erhoben wurde und obwohl seine Gesundheit schwer gelitten hat. Das Mitglied des Nationalrates S e v e r wird in einer Heilanstalt in Einzelhaft gehalten und ist fast erölindet. General Körner, Otto Glöckel und Paul Speiser sind nur einige der Namen der vielen Hunderte, die im Gefängnis und Konzentrations- lager ohne Anklage und ohne Gerichtsverfahren festgehalten werden. In dem Brief wird die Forderung erhoben, die Gefangene sobald wie möglich fteizulasseu. Seite 4 Hundert Paßfälscher Donnerstag, 25. Oftober 1934 in Polen verhaftet Nähe befinden sich Lager heilträftigen] Schlamme 3, der für Heilzwecke nach der so genannten„ ägyptischen Methode" verwendet wer den kann. Es ist die Errichtung von Bä= dern an dieser Stelle beabsichtigt. Nr. 250 Ziehung der Klassenlotterie ( Unverbindlich.) Prag. Bei der Mittwoch- Ziehung der V. Klasse der 31. tschechoslowakischen Klassenlotterie wurden nachfolgende Gewinste gezogen: 80.000 Kč: 36308. 20.000 Kč: 24672 81934. 10.000 Kč: 70653 43090 71052 69741. 5.000 Kč: 97642 8694 45873 50083 32297 Leichenfund bei Budweis. Am Dienstag wurde aus der Moldau bei Böhm.- Budweis die Leiche einer unbekannten Frau geborgen, die nach den Schäßungen des Aerztes bereits etwa 10 bis 14 Tage im Wasser lag. Die Unbekannte ist 180 68862 42030 43720 35156 98763 88029 43562 Zentimeter groß, hat ein rundes Gesicht und 33196 88589 61624 13240 43070 69937 29202 weilen in die Totenkammer des Böhm.- Budweiser 2.000 Kč: 27711 58724 103793 94702 51433 Friedhofes gebracht, da die Identität der Toten 105849 5836 97280 89757 84917 72526 22553 Hunderte echte Bässe gestohlen und gefälscht Warschau.( DNB) Die polnischen Un- der Polizei in die Hunderte. Die falschen tersuchungsbehörden sind einer großen Organisa- Bässe wurden aus gestohlenen echten Päffen durch tion von Paßfälschern auf die Spur gekommen, neue Photographien und Personalangaben umge: deren Umfang alle bisher in Polen bekannten arbeitet, während alle Unterschriften und Stempel dunkelbraune Haare. Die Leiche wurde einst- 44032. Fälscherbanden weit übertrifft. Unter Leitung verblieben. Die Fälscherorganisation arbeitete eines gewissen Schiffmann, der zu einem einerseits, um Strafverfolgte oder großen Vermögen gekommen ist, arbeiteten Zweig- Fahnenflüchtige aus Polen herauszu- noch nicht festgestellt werden konnte. 75494 73013 67701 32575 91277 76144 57648 stellen seiner Fälscherorganisation in Warschau, bringen, andererseits, um Flüchtlinge aus 24873 11518 75387 32660 51896 49190 64571 Wilna, Bialystok, Krakau und anderen polnischen Rußland mit polnischen Pässen zu versehen, Die merikanischen Studenten veranstalteten 69588 44303 96200 6627 93562 96964 62549 Städten sowie im Auslande. Bisher sind etwa und nach Amerika, Frankreich usw. zu bringen. eine Abstimmung über die Weiterführung oder 57482 11837 9337 26242 56740 84849 91033 100 Personen verhaftet worden. Schiffmann Die Paßfälschungen wurden durch die Aufmerk- den Abbruch des Streiks, der sich gegen die 105935 17762 20976 80869 103334 80931 13889 selbst er lag einem Herzfchlag, als famkeit eines Grenzbeamten entdeckt, dem es auf- Abschaffung der Freiheit des Unter 1073 27187 6482 102258 43343 37395 44844 die Polizei seine Wohnung betrat. gefallen war, daß einige in verschiedenen Städten richts und gegen die Einführung der sozia 16239 34717 37262 18381 38525 90345 270 87499 ausgestellte Päffe die gleiche Handschrift bei den list is chen Schulung richtet. Die Mehrheit 29184 41502 107882 76407 100743 38503 71639 der Studentenschaft sprach sich für die Fort= 103114 45973 26256 19326 24619. setzung des Streits aus. Die Studenten der 1.200 Kč: 56607 3391 81758 6794 89462 Chemie, denen der Polizeipräsident die Herstellung 61388 72840 88066 27851 90557 9002 104637 von Bomben vorgeworfen hatte, erklären diese 68439 11565 93824 93631 70108 97314 58139 Behauptung für absurd. Der Waffen und 49494 71423 67180 25407 52059 55110 1461 Munitionshandel in der Hauptstadt und 52528 29577 27909 41842 100393 86292 79334 in vielen Provinzen wurde behördlich ge= 88059 29171 64158 43759 88887 38957 59287 ich I ossen. Die Zahl der in Umlauf gesetzten falschen Pässe ist bisher unbekannt, geht aber nach Ansicht Personalangaben aufwiesen. Tagesneuigkeiten Fünf Attentate gegen einen amerikanischen Botschafter Havanna. Im Zusammenhang mit dem Attentat gegen den amerikanischen Botschafter in Havanna, bei welchem ein Maschinengewehr in Anwendung gebracht worden ist, wurden seitens der kubanischen Polizeibehörden fünf Personen verhaftet. Im Verlaufe von bloß vier Monaten ist dies bereits der fünfte gegen die Person des Botschafters der Vereinigten Staaten gerichtete Anschlag. 54312 91085 17462 86261 47630 28534 57038 33411 22744 56589 63821 102870 47795 41140 99947 97599 76620 8613 95155 34751 48773 25306 56039 58823 48929 74777 45107 54711 28047 72613 74491 82696 57405 12449 17623 35782 74686 70941 9928 104044 15207 43551 69863 85644 10601 53657 20522 484457 52481 85765 68785 74306 85160 76591 34137 19596 14365 19894 54080 47078 70177 63387. scheint: nämlich die Tatsache, daß Christen" solche Blendung erfinden können, um Revolutionäre, um Sozialisten, um verhaẞte Rote ganz allgemein zu diffamieren, um Menschen, die für Ideale kämpfen, als Abschaum der Menschheit hinzustellen. Wir wissen, was die„ Deutsche Der Dornierwal„ Boreas"( 10 Tonnen) 27484 59685 87454 92488 60246 63662 84929 Presse" so sehr verblendet hat, daß sie selbst vor der deutschen Lufthansa, das am Dienstag um 19863 89713 93744 30585 89552 107229 102338 diesem erdichteten Blendungsgreuel nicht zurück- 16 Uhr 43 Minuten von dem Motorschiff Schwa- 85182 47164 93261 97398 70338 70295 9146 schreckte: in Desterreich und Spanien haben sich benland" vor der afrikanischen Küste zum 44955 80076 73432 9142 22711 16185 52721 die guten Christen" so viele abgründige Schlech- Flug nach Südamerika abgeschossen worden 23740 45204 63755 81156 84643 13082 2752 war, landete in Natal Mittwoch früh. Damit ist 85716 105471 18226 469948 101183 35419 64272 tigkeiten zuschulden kommen lassen, daß gerade der erste durchgehende Nachtpost= der einfache fromme Mann sich schaudernd von Flug auf der wöchentlich betriebenen Lufthansa solchem Grauen abwendet; die ganze Welt weiß, poststrecke nach Südamerika durchgeführt. daß in Spanien die drei katholischen Minister beinahe eine Kabinettskrise herbeiführten, weil Zamorra und Lerrour davor zurückschreckten, die Elf Knaben verschüttet gefangenen Revolutionäre dugendweise hinrichten zu lassen. Und nun versucht das christlichsoziale teren Lautsprechern, die über das zu sichernde Blatt, die unausdenklichsten Lügen zu verbreiten, Grundstück verteilt werden und mit einer kleinen Grammophonanlage verbunden sind. Sobald ein New York. Elf Knaben versuchten am um durch Erfindung gegen die Roten die Tat Unbefugter das Grundstück betritt und einen der Mittwoch in einem stillgelegten Bergwerksschacht sachen vergessen zu machen, die die Schwarzen vielen ausgespannten Drähte berührt, die mit den in Plainville( Pennsylvanien) Kohle zu holen. setzten und setzen. Aber nur die Verblendetsten Lautsprechern verbunden sind, dann ertönt plößSie wurden dabei von herabstürzender Kohle ver- werden ihnen glauben, nur die Bösesten weiterlich ein wütendes Hundegebell. Wie man schüttet. Drei Knaben wurden von der Rettungsgerechnet in Chikago versichert, soll dieses mannschaft nur noch als Leichen geborgen. Zwei verbreiten, was eine mit den übelſten Salben gemehrstimmige Gefläff die Verbrecher so sehr er Knaben sind auf dem Wege ins Krankenhaus falbte schwarze Journaille erlog. Wenigstens in Die Radiohunde von Chikago. Auf einer schrecken, daß sie schleunigst Reißaus nehmen. ihren Verlegungen erlegen; sechs werden noch diesem Punkte wollen wir hoffen, daß die Wahr- Rundfunkausstellung in Chikago wurde dem stau- Wir glauben jedoch, daß in diesem Galle bas alte nenden Publikum als neueste Erfindung der Sprichwort: Hunde, die bellen, beißen nicht, ganz Radiohund" vorgeführt, der einsam gelegene besondere Berechtigung hat. Das scheinen auch Gehöfte unbedingt zuverlässig gegen Einbruch die Besucher der Ausstellung eingesehen zu haben; und Diebstahl schüßen soll. Es handelt sich nun denn bisher hat sich noch niemand gefunden, der nicht etwa um eine neu gezüchtete Hunderasse, sich die kostspielige Radiohund"-Anlage getauft sondern um eine komplizierte Apparatur mit meh- hätte. vermißt. Reiner gerettet? Matuschka an Ungarn ausgeliefert Budapest. Der Gerichtshof des Pester Landbezirkes erhielt Dienstag von der Direktion des Gefängnisses in Stein( Desterreich) die Verstän= digung, daß über Ersuchen der ungarischen Behörden Sylvester Matusch ka, der Eisenbahnattentäter, Mittwoch mittags an der Grenzstation Hegyeshalom den ungarischen Behörden überstellt werde. Ein Tornado vernichtet eine amerikanische Stadt heit schon jetzt siegt. „ Karlsbad" in Armenien. Bei Forschungen im Gebiete der Mineralquellen in I st is in Armenien wurde festgestellt, daß dort den berühmten Karlsbader Quellen ähnliche Quellen vorhanden sind. Ihre Temperatur beträgt 42 Grad. In ihrer Brozeß Hauptmann am 2. Jänner. Wie aus Flemington( New Jersey) berichtet wird, hat das Gericht auf Antrag des Staatsanwalts den Berhandlungstermin in dem Prozeß gegen Hauptmann wegen Entführung und Ermordung des Lindbergh- Kindes auf den 2. Jänner 1935 festgesetzt. Zwei Verkehrskatastrophen im 12. Wiener Gemeindebezirk forderten ein Todesopfer; mehrere Feuerwehrleute wurden schwer verletzt. Die fliegenden Holländer als zweite gelandet Nach ihnen der Amerikaner diennen. aus dem siegreichen" Comet"-Flugzeug der Englän der Scott und Black hat in der ganzen Stadt einen wahren Freudentaumel hervorgerufen. Der holländische Ministerpräsident Dr. Co liin hat folgende Erklärung abgegeben:„ Ob wohl ich von größter Bewunderung für die Lei stung Scotts und Blacks erfüllt bin, glaube ich doch, daß der Flug der„ lliver" für die Entwvidtung ist. Die Tatsache, daß ein gewöhnliches Verkehrsflugzeug auf der 2000 Stilometer länge ren Strecke trotz der notwendigen Landungen zur Aufnahme von Benzin nur wenige Stunden hinter einem Rennflugzeug liegt, ist einfach verblüffend." Fizmaurice will Black und Scott schlagen London. Die beiden holländischen Mollisons, ein holländisches, eins von NeuFlieger Parmentier und Moll trafen gestern um guinea, ein australisches und ein amerikanisches. Maryville( Staat Missouri). Ein heftiger 1 Uhr 52 Minuten nach Mitternacht in Mel- Zehn Maschinen waren Mittwoch früh noch im lung der Luftfahrt von größerer Bedeu Tornado hat die Stadt Maryville heimgesucht; bourne ein. Das amerikanische Flugdie Stadt wurde verwüstet. Drei Personen zeug unter der Führung von Turner und PangIn Gewitter und Sturm tamen ums Leben, zahlreiche andere Orts- born ist gestern um 4 Uhr 36 Min. m. 3. in Parmentier sagte in einem Rundfunkbericht, bewohner erlitten Verlegungen. Viele Häuser- Melbourne gelandet. dächer wurden abgetragen. Die telephonische und Mit dem Eintreffen der ersten drei Flug- das Flugzeug habe zweimal versucht, aus dem telegraphische Verbindung mit der Außenwelt ist zenge in Melbourne war der Stand des Luftren- Gewittersturm herauszukommen und diesen zu unterbrochen. nens England Australien in den frühen Mor- umfliegen. Es sei aber durch Blitz, Regen und genstunden des Mittwoch folgender: Drei Ma- Hagel zur Umkehr gezwungen worden. Die Buenos Aires. Die Gebirgskette der Anschinen, eine englische, eine holländische und eine Tragflächen des Flugzeuges feien mit einer den ist südlich von Santiago und Mendoza so- amerikanische, haben das Ziel erreicht. Eine e n g- Eisschicht bedeckt gewesen. wohl auf der westlichen chilenischen, als auch auf Iische Maschine ist in Italien verunFreudentaumel in Holland der östlichen argentinischen Seite bis hinunter nach glückt, wobei die zwei Flieger das Le= Feuerland und Patagonien von heftigen ben eingebüt haben. Sechs FlugAmsterdam. Die Meldung von der glüd Schnee stürmen heimgesucht worden, die als zeuge haben aufgegeben, und zwar lichen Landung des holländischen Verkehrsflugdie schwersten der letzten Jahre anzusehen sind. zwei englische. darunter das des Ehepaares zeuges in Melbourne als erste Maschine hinter Auf der argentinischen Seite mußte der ge= samte Verkehr eingestellt werden. * Tokio. Der amerikanische Dampfer, Carrydcheny" ist im südlichen Stillen Ozean in einen Taifun geraten und hat SOS- Rufe ausgesandt. " Zitternd vor Empörung, erschüttert durch Mitleiden und geschüttelt von Abscheu haben wir jenen Brief gelesen, den wir an anderer Stelle abdrucken und der wiederum erschreckend Licht wirft in den Abgrund, genannt Oesterreich) von heute. Und wenn es eine deutsche Bezeichnung für jene Empfindungen gäbe, die jeden Sozialisten, jeden anständigen Menschen erfüllen müssen, der die gestrige Nummer der Deutschen Presse" mit ihrem wahrhaften Greuelbericht über die Blendung spanischer Kinder durch die Revolutionäre dort gäbe eine solche Bezeichnung wäre das stärkste, das auf politische, journalistische und menschliche Infamie zutreffen könnte. Mit Friedrich Schiller, auf den das christkatholische Blatt zu diesem Zwecke zu berufen sich nicht schämt, haben wir bis heute geglaubt: Sterben ist nichts, aber leben und nicht sehen, das ist ein Unglück; mit aller gesitteten Welt haben wir uns bis heute nichts Unmenschlicheres, nichts Grausameres, nichts Verwerf licheres und nichts Strafwürdigeres vorstellen können, als die Blendung von Menschen durch menschliche Bestien. Jetzt aber haben wir etwas criebt, das noch abscheulicher, noch gemeiner erBom Luftrennen London- Melbourne Die Sieger im Australienflug, der als bisher größte flugsportliche Veranstal tung von London nach Melbourne zum Austrag kam, sind die Engländer Scott ( links) und Campbell Black, die hier unmittelbar vor dem Abflug gezeigt werden. London. Der irisch- amerikanische Flieger Fizmaurice, der von der Teilnahme an dem Wett flug England- Australien ausgeschlossen werden war, weil sein Flugzeug nicht den angekündigten Bedingungen des Wettfluges entsprochen habe, beabsichtigt, heute von London zu starten, um den von den Engländern Black und Scott aufgestellten Weltrekord zu schlagen. Fizmaurice gelang es, auf dem Flugplatz von Portsmouth die erforderlichen Landungsbedingungen zu erfüllen. Der Vertreter der amerikanischen Luftfahrtabteilung hat ihm die Erlaubnis zum Start erteilt. Der„ Comet" London. Der erstaunliche Flug, des britischen Comet"-Flugzeuges, das in weniger als drei Tagen die halbe Welt umfreist hat, wird mit eindrucksvollen Vergleichen hervorgehoben. Ein Dampfer, der am Freitag abends zivölf Stunden vor dem Start der Flugzeuge England verlassen hatte, wird erst Ende des nächsten Monats Brisbane erreichen. In Bagdad konnte man am Samstag abends schon die London er Morgenblätter des gleichen Tages lesen, was in verschiedenen Orten Schottlands noch nicht möglich ist. Der Vizekönig von Indien soll in seinem Palast in Delhi am Montag die„ Times" vom Samstag gelesen haben, was bestimmt zum erstenmal in seinem Leben geschah. Den tiefen Eindruck, den die Leistung des holländischen Flugzeuges in England gemacht hat, gibt „ Daily Telegraph" mit folgenden Worten wieder: Wenn ein Verkehrsflugzeug mit Fluggästen und Luftpost an Bord beinahe so schnell nach Australien fliegen fann, wie eine Rennmaschine, dann ist es Aufgabe der maßgebenden englischen Stellen, dafür zu sorgen, daß wir Verkehrsflugzeuge be siben, die auch dazu imstande sind. Scott und Blad haben als Sportmänner eine große sport liche Leistung vollbracht. Parmentier und Mo II flogen ihre Maschine, als ob es sich nicht um viel anderes als eine gewöhnliche Berufsarbeit handelte. Dieses Rennen macht eine leberprü fung der britischen Politik gegenüber der Zivil luftfahrt auf den Verkehrswegen des britischen Reiches unbedingt notwendig. Nr. 250 Donnerstag, 25. Oktober 1934 > ■T* Ein Kind Hand de* Mit großem Interesse sieht man dem Ausgang eines in Bern am 29. Oktober d. I. beginnenden Prozesses entgegen, bei welchem zum ersten Male mit allen einem Gerichte zur Verfügung stehenden Mitteln festgestellt werden soll, ob die sogenannten»Protokolle der Weisen von Zion" authentisch sind oder eine Fälschung darstellen. Die sogenannten„Protokolle der Weisen von Zion", das bekannte Standard-Werk und Hauptrüstzeug der antisemitischen Propaganda, auf welches sich auch die nationalsozialistische Bewegung in Deutschland stützt und bezieht, ist die Uebrrsetzung und Umarbeitung des Elaborates eines Beamten der russischen zaristischen Geheimpolizei und wurde im geben. Hinter diesem Pseudonym verbirgt sich Hauptmann a. D. Müller von Hansen, ein Freund Ludendorffs und Herausgeber der antisemitischen Zeitschrift„Der Hammer". Das Buch erregte bei seinem Erscheinen großes Aufsehen. Es erhebt den Anspruch, eine Wiedergabe jüdischer Originaldokumente zu sein, und zwar sollen es Protokolle der Reden auf dem ersten Zionistenkongreß in Basel im Jahre 1897 sein. Diese sollen das Streben der Juden" nach Zerstörung der bestehenden Staaten durch Herbeiführung von Aufstanden, Wirtschaftskrisen, Weltkriegen vermittels des Kapitals, der Presse, der Freimaurerlogen usw. und der nachherigen Errichtung der jüdischen Weltherrschaft mit dem König der Juden an der Spitze, welcher„der wahre Papst des Weltalls sein wird", beweisen. fen Robert Rys als"Strohmann für die Konzession vor. Gleichzeitig aber Kauften" sie den Schacht Josefa" im Teplitzer Revier für 400.000 Kd, wobei es ihnen blutwendig verschlug, daß sie keinen roten Groschen ihr eigen nannten. Als Käuferin schoben sie die Könkstbine Nejedlys vor, eben jene Angela S p r i n g l, die heute wegen Mittäterschaft angeklagt ist. In der neuerworbenen Eigenschaft als„Grubenherren" begannen sie nun eine Reihe weiterer„Transaktionen" und„privatwirtschaftlichschöpferischer" Unternehmungen ins Leben zu rufen, wobei zahlreiche Dtellensuchende um ihre Kautionen geprellt(bis z« 30.000 KL!), zahlreiche Gewerbetreibende und Handwerker hereingelegt und sonstige vertraumseligr Leute aufs schwerste geschädigt wurden. Natürlich blieben die feinen Unternehmer auch die Arbeitslöhne schuldig. Die Teplitzer Firma Kumert und Co. wurde um 160.000 KL geprellt und auch andere Firmen haben schwere Verluste zu beklagen. Selbstverständlich hatte auch der„Rasier- und Frisiersalon" inzwischen Bankrott gemacht, wodurch verschiedene Personen schwer zu Schaden kamen. Inzwischen führten die Unternehmer aber das üppigste Leben, obwohl st«»ft nicht einmal Geld für daS Penzin zum Betrieb, ihrer LuguSautoS hatten! Auf die näheren Umstände und di« Rollen der Mitangeklagten werden wir im Zuge des Beweisverfahrens zurückkommen. Der gestrige Verhandlungstag brachte bloß die Einvernahme der zwei Hauptangeklagten, die natürlich ihre völlige Unschuld beteuerten. Der eingeklagte Gesamtschaden übersteigt eine halbe Million.~ rb. ginnt der Mitschüler aus Korsika, der Schatten seines Schicksals, ihn zu begreifen, ihm nahe zu kommen. Nun, da nichts mehr an Napoleon zu bewundern ist, gesteht er, ihn immer bewundert zu haben. Der Lauf der Dinge aber hat bewiesen, daß nicht die Bewunderung, daß der Zweifel, daß die Verneinung der Gröhe und des Glanzes berechtigt gewesen ist. Nicht die stolze Erinnerung an vollbrachte Leistung umgibt Chaplin-Napoleon auf St. Helena, nicht mehr der Glaube an sich selbst, nur die große, bleierne Dämmerung der Melancholie... Der Geist Bernard Shaws weht durch dieses Filmdrehbuch, das die Fragwürdigkeit allen Gewaltheldentums andeuten und die heimlich nagenden Zweifel des Weltbeherrschers an Sinn, Wert und Berechtigung seiner Taten aufzeigen will. Der Mitschüler aus der Schul« auf Korsika ist ebenso eine Chaplin-Figur wie dieser Napoleon; er ist die zweite Hälfte eines gespaltenen Ich, er ist der nüchterne, kleinliche Verstand, der die schöpferische Phantasie lähmt und den Machttraum innerlich aushöhlt, er ist der Geist der Aengstlichkeit und des Zauderns, der immer\ in der Stunde zugegen ist, in der ein großer Entschluß gefaßt werden soll, und er ist die Angst vor derLächerlichkeit, die allen selbst-' herrlichen Diktatorenposen zu trotz im Herzen jedes Herrschers sitzt, ja der erst* diese gewaltigen Gesten gebiert. Nicht Kraftbewußtsein allein, auch Gekränktsein über den Mangel an Vertrauen und an Glauben bei fernen Nebenmenschen kann zu einer Tat antreibend der namenlose Mitschüler, der auf der Schulbank den Traum seines Nachbarn verhöhnt, kann diesen eben durch seinen Spott zu einer Tat entflammen, deren er sonst nicht fähig gewesen, kann ihn hinaufschleudern auf den Gipfel der Macht. So werden Helden, so Kaiser und Diktatoren... £>ie Dichter und Künstler dieser Zeit, deren Aufgabe es wäre, die wahnsinnige Vergottung des Gewaltmenschen, die Apotheose des Bramarbgs durch kritische Durchleuchtung ihrer Ursachen zu bekämpfen, haben sich nur zu oft dem billigen Zauber, den der Heros ausstrahlt, hingegeben und Lobhymnen auf jene Helden gedichtet, die immer auch Henker sind. Charlie Chaplin, der in seinen Werken nie von Glanz und Macht, sondern stets nur von der Sehnsucht armer Herzen und dem Schicksockskampf der Stieffinder des Glücks ausgegangen ist, bleibt sich treu,.. auch wenn er | die Uniform des Franzosenkaisers anzieht. Seit ! Napoleon wird, wie Aufriß und Idee des neuen Films erkennen lassen, der Mitschüler Mensch auf der harten Schulbank des Lebens sein, der Glorie entkleidet, des göttlichen Nimbus beraubt. Doch wo das Kleine jrn Großen sichtbar wird, dort wird auch das Große im Kleinen sichtbar: das Heilige und Erhaben« in Herz und Seele des Menschen, der seinen Namen nicht in die Blätter der Geschichte einträgt, der bescheiden die Bürde des Daseins trägt bis an das Ende seiner Tage, der Millionen Menschen vertraute und geliebte z Mitschüler Charlie aus„Goldrausch" und„The Kid", aus„Zirkus" und.Licht der Großstadt". Die Charlit Chaplin verehren, warten auf seinen neuen Film und hoffen, daß nicht nur Legende und Reporterphantasie bleiben mag, was bisher über ihn bekannt geworden. Die Welt iväre ärmer, würde dieses Werk, diese Auseinander« setzung des Menschen mit dem Helden, nicht vollendet. Fritz Rosenfeld. Prag. Bor dem hiesigen Kreisgericht begann Mittwoch die Verhandlung iwer einen geradezu mon- strösen Prozeß— einen Prozeß, der die Möglichkeiten d«S zusammenbrechenden kapitalistischen Systems so grell beleuchtet, daß man glauben soll, daß selbst den verblendetsten Nachläufern dieser Ordnung die Auge^i aufgehen müßten. Acht Angeklagte sitzen auf der Anllagebank. An erster Stelle der berüchtigte 44jährige Wenzel Nejedly, ehemaliger Bankbeainter, später Unternehmer, Großbetrüger und Kautionshyäne. Ihm zur Seite sein Kumpane, der ö ljährigeKaufmann Wenzel Kretba, gleichfalls übel berüchtigt durch seine zweifelhaften„Tr ansaktionen". Weiters di« Lebensgefährtin Nejedlys, die 24jährige Angela S p r i n g l und die 70jährige Theresie S k r i o a- n e k, die der Beihilfe an den Betrügereien der Hauptangeklagten beschuldigt sind. Dann sitzt da der Disponent Moritz Felsenberg und der 80jäh- rige Advokaturskonzipient Dr. Johann P e ch ä L e k aus Zizkov', der Kommissionär Josef C i h I ä t und der Vertreter Ottokar V e l e b i l. Die Anklageschrift umfaßt 71 Maschinenseiten und 71 Geschädigte führt auch daS sieben Seiten lange Enunziat der Anklage an. Der Prozeß dürste eine volle Woche dauern. Wir begnügen uns für heute mit einer ganz knappen Kennzeichnung der eingeklagten Delikte. . Der Hauptangeklagte Wenzel Nejedly ist Absolvent der Handelsakademie, im Krieg Direktor des„Königiyhofer Bankverxins", der sich, später als HolzgroMndler etablierte.(Der.Krieg ist ihm offenbar wohlbekommen).-Später trat er mit 6000 KL Monatsgehalt bei der„Stkedostavovskä ZäloZna" ein, die im Jahre 1928 auch, wie bekannt, verkracht« und viele kleine Existenzen ins Verderben riß. Da- Strafverfahren gegen die schuldtragenden Funktionäre, zn denen auch Rejedly zählte, ist bis heute noch nicht erledigt. llebrigenS hindert« dieses Strafverfahren den Herrn Nejedly nicht, später als Funktionär der .Lvkrni SpoleLnost"(Kreditgesellschaft) zu fungieren, die sich bald nachher gleichfalls„umlegte". Im Oktober 1987 erwarb der treffliche Vertreter der „schöpferischen privatwirtschaftlichen Initiative" die Firma.Lasst"(Erzeugung von Musikinstrumenten u. dgl.), di« gleichfalls in kurzer Zeit Bankrott machte. Im Jahr« 1930 gründete der Unermüdliche abermals einen Holzgroßhandel und begann ohne Heller Geld Bergwerke zu kaufen, und zwar auf eine Art, die unter den Betrugspara- graphen fällt und bei diesem Prozeß noch zur Sprache kommen wird. Der zweite Angeklagte Wenzel Kretba, der getreue Kompagnon Nejedlys ist auch durch allerlei fragwürdige Geschäfte bekannt. Er kam 1920 nach Prag und erwarb angeblich für 300.000 KL eine Maskenverleihanstalt. Im Jahr« 1927 kaufte er zwei Großgrundstücke, eines in Fiume und eines in der Slowakei. DaS Geld streckte unbegreiflicherweise di« Sparkasse in BechynL bei Tabor vor, und zwar nicht weniger als 9 Millionen KL. Aber noch während der Verkaufsverhandlungen häuften stch Klagen und Exekutionen gegen den Herrn Großgrundbesttzer, di« schließlich mit Konkurs und Zwangsverwaltung endeten, wodurch eine Reihe von Personen aufs empfindlichste geschädigt wurde. Im Jahre 1931 taten sich Nejedly und Kretba zusammen und gründeten, unbekümmert um die laufenden Exekutionen, Konkurse und Strafverfolgungen gemeinsam einen Rasier- und Frisiersalon. Mit Rücksicht auf ihren schlechten Ruf schoben die beiden ehrenwerten Herrn den Friseurgehil- Vom Rundfunk Empfehlenswertes ans den Programmen« Donnerstag: Prag, Sender L.: 10.05: Deutsche Nachrichten, 10.15: Konzert des Salonorchesters, 11: Jazzorchesterkonzert, 12.10: Schallplatte», 17.20: Volkslieder, 17.55: Deutsche Sendung: Jugendstunde mit Musik, 19.10: Schallplatte»(Smetana), 22.15: Jazzorchesterkonzert. Sender S): 14.35: Liederstunde, 15.05: Deutsche Sendung: Axmann: Hat das Gewerbe in der modernen'Volkswirtschaft eine Existenzberechtigung?. 18.20: Schrammelkonzert.— Brünn 13.35: Deutscher Arbeitsmarkt, 15.55: Orchesterkonzert, 17.50: Deutsche Arbeitersendung: S ch u st e r: Vom Jugendstrafgesetz, 19.50: Liebesduette aus tschechischen Opern.— Mährisch-Ostrau 17.50: Deutsche Sendung: Liederkonzert.— Pretzburg 19.50: Lieder und Arien.— Kasch au 17.10: Aus dem Kinderleben für Kinder. Freitag Prag: Sender L.: 10.05 Deutsche Nachrichten. 10.30 Schulfunk. 12.10 Tanzmusik. 13.35 Arbeits-, markt. 13.45 Harmonika-Solis. 18.55 Deutsche I ««in. Ein unserer Hand, wird mit 16 Jahren... ein Kämpfer TUr UrlS sein. ArbeKereltern, merket: 8+ 10— 1*1 Täglich hilft Dir. gegttt dywi/usteW' l.chen Nase für tue Atmung zu? 18.45 A r b e rt e r- friedliche Heiterkeit eines ausgeglichenen kleinen \ Herzens ebenso intensiv nachzuerleben vermögen wie die tragische Zerrissenheit einer mit allem Kummer der Welt beladenen, von allem Schmerz des Lebens zerfurchten großen Seele. Der dänische Prinz, der an seinen Zweifeln und seiner Tatlosigkeit zugrunde geht, und der Leutnant Bonaparte, der in eisernem Selbstvertrauen und in dem felsenfesten Bewußtsein seiner Sendung einer Epoche seinen Namen aufprägt, sind zwei diametral entgegengesetzte Gestalten; aber sie haben miteinander gemein, daß sie von den Rol- len, die Chaplin bisher spielte, durch eine Welt getrennt sind. Um Chaplins Atelier liegt stets eine Wolke der Geheimnisse, um seine Filmprojekte schlingen sich Legenden, und kaum ein Zehntel der angeblich im^Entstehen befindlichen Filme, deren Stoff, ja deren Details die emsigen amerikanischen Reporter der Welt verrieten, ist dann auch wirklich gedreht worden. Als der Plan eines Napoleon-Films auftauchte, dachte man an eine Parodie auf den historischen Helden, in der Art des unvergessenen Carmen-Films, in dem Chaplin die heroische Opernfigur karikiert, ein Zerrbild des Herzenbezwingers gezeichnet hat. Die Nachrichten, die nun über Chaplins Napoleon- Film zu uns. dringen, und die vertrauenswürdiger sind, da sie auf Gespräche und Briefe des Künstlers zurückgehen, deuten jedoch den Umriß eines Filmwerkes an, das sich in ganz neuen Bahnen bewegt und dennoch auf einem echt chaplinschen Einfall beruht; das wohl den Kreis seiner Gestalten erweitert, aber aus der geistigen Haltung und seelischen-Einstellung zur Welt erwächst, aus der Charlie Chaplin seine hungrigen Tramps, seine Pechvögel und Schicksalsnarren erlebt, geschaut und geformt hat.. „Es ist nicht der mächtige General, nicht der ruhmreiche Kaiser, es ist aber auch nicht der Verbannte von St. Helena, sondern der Mensch, der mich interessiert," schreibt Chaplin über seinen Film.„Der schweigsame Mensch, der körperlich Schwache, beinahe Kranke; der Mann, der an seine Familie, an seine AngehörigeDdenkt. Kurz, der Sohn der Lätitia." Dieser körperlich schwache, beinahe kranke Napoleon träumt in seiner Jugend von der Macht über die Welt; doch ein Mitschüler, ein hämischer, verkleinernder, zweifelnder Gcisi, zerfetzt seine Traume: wohl mag Bona-, patte Talent haben, dach er werde nie ekn großer! Mann werden, weil er immer lächerlich wir-! ken wird. Und dieser Mitschüler begleitet nun Napoleon auf seinem Lebensweg: er steht als Schatten des Zweifels an sich selbst hinter ihm, er begegnet ihm körperlich an den wichtigsten Stationen seiner Laufbahn» er ist in Italien neben ihm, in Aegypten, in Paris, in Elba, in der Stunde von Waterloo und schließlich auf St. Helena. Was Napoleon erreicht und errungen hat, setzt er herab; gegen den wcitausgreif«nden Schwung der Gedanken, gegen die geivaltigen Pläne von Weltherrschaft und Einigung Europas unter der Fahne Frankreichs stellt der kleine Geist seine hausbackene Vernunft. Weder der siegreiche Feldherr, noch der glanzgleihende Imperator imponieren ihm, keine Tat, kein vollendeteL Werk vermögen seine Zweifel in Napoleons Talent und Größe zu zerstören. Erst auf St. Helena, als der Kaiser bezwungen und gebrochen, als er wieder ein Mensch mit menschlichem Leid geworden-, be- Werbet für die Kinderfreunde. CrhlAlrA* euere Kinder in unsere Falken- gemeinschaftl Max Winter. Mitschüler Napoleon Charlie Chaplins neuer Film. Seit Europa den zweifelhaften Segen einiger Diktaturen genießt, ist eine Napoleon-Mode über das Theater, den Film, den Büchermarkt herein gebrochen. Der gymnasiastenhaft-pathetischen Napoleon-Tragödie Mussolinis haben Bühnen handwerker und Tonfilmlibrettisten, die in der Auswertung einer Konjunktur Erfahrung besitzen, eine Flut papierener Napoleon-Dramen folgen lassen. Die heroische Geste, das Wortgetösc und der Ausstattungsprunk einer auf die Bühne ge stillten Diktaturepoche der Geschichte sollen durch erkünstelte Parallelen zwischen Vergangenheit und Gegenwart den Diktaturen von heute den An schein einer schicksalhaften Zeitnotwendigkeit ver leihen; die unterschiedlichen Diktatoren und Dik- tatörlein schmeicheln sich, ihr eigenes Spiegelbild vor sich zu haben, wenn sie das Bildnis Napo leons betrachten, sie wähnen, die Kraft seines Geistes in ihren Umkreis zu bannen, indem sie feine Büste auf ihren Schreibtisch stellen und stu dieren sein Leben, um aus der Kenntnis seiner Taten und seiner Meinungen so etwas wie eine Legitimation für ihre eigene Herrschgier, für ihre Gewalthandlungen und für ihre Menschenmiß achtung zu gewinnen. Die Karriere eines Schau spielers wird heutzutage von der Fähigkeit, den...! Napoleon zu spielen, wesentlich gefördert, und die! Jahre 1919 von Gottfried zur Beek herausge- einer Schauspielerin kann unter. Umständen da von abhängen, ob sie der Josephine oder der Maria Louise ähnlich sieht. Mie dieser Napoleon-Mode hat der Neue Film, den Charlie Chaplin nach einer Dreh pause von mehreren Jahren nun in seinem Atelier vorbereitet, nichts zu schaffen. Er wächst aus einem alten Traum des großen Schauspielers und großen'Zsilmdichters Chaplin: einmal das Kleid des armen Vagabunden abzulegen und zwei in ihrem Wesen vollkommen verschiedene Figuren zu verkörpern, den Hamlet und den Napoleon. Es war immer die höchste Sehnsucht der Komiker, auch tragische Rollen zu spielen, wie die Tragödien immer ihre Kraft auch an komischen Rollen er probten; jedem Künstler ist der Drang eingeboren, die Welt mit allen ihren Spannungen, mit der Vielfalt ihrer Erscheinungen zu umfassen und in ihrem Werk das Dasein in seiner Totalität nach- EineeinfacheRechnung: 6+ 10= 16 mit 6 Jahren in der Gegners, wird mit 16_____ Jahren ein Kämpfer ZLZLii UnS Kind mit 6 Jahren in Schweiz durch verschiedene Druckschriften und Pamphlete, darunter auch die obengenannten„Protokolle" antisemitisch« Propaganda betrieben wurde, erstattete» der Schweizer israelitisch« Gemeindebund sowie die israelitische Kultusgxmeinde in Bern Strafanzeige gegen die Verbreiter dieser Druckschriften, die Gauleitung des damals neu gegründeten „Bundes nationalsozialistischer Eidgenossen", und strengte gegen sie auf Grund des Berner Kantonalgesetzes gegen Schundliteratur eine Klage an. Die Kläger beantragen, die inkriminierten Schriften, besonders aber die„Protokolle der Weisen von Zion" als aufreizende grobe Fälschung zu verbieten und zu konfiszieren. Der Streit geht also um die Echtheft oder um die Fälschung dieser Schriften. Auf Antrag der Kläger wurde vom Richter eine Expertise von drei Experten, von denen je einer von der klägerischen Partei, der beklagten Partei und vom Richter nominiert werden, angeordnet. Der von den Beklagten nominierte Expert, Pastor Münch- meyer in Oldenburg, konnte von der deutschen Post nicht aufgefunden werden, so daß der Gerichtspräsident eigen anderen Experten namhaft mache« mußte. Die beiden anderen Experten sind ein Professor der juridischen Fakultät der Universität-Basel und ein Berner Schriftsteller. Die von den Beschuldigten gegen die Anordnung einer Expertise eingebrachte Beschwerde ist vom Berner Qberkantonalge- richt abgewiesen worden. Laut Verfügung des Gerichtes müssen die Expertengutachten bis spätestens 25. Oftober dem Gerichte übergeben werden. Außerdem sind mehrere Wissenschaftler als Zeuge» Die Vorgeschichte des Berner Prozesses ist kurz i vorgeladen und«in umfangreiches Dokumentenfolgende: Als zu Beginn des Vorjahres in der j material herbeigeschafft worden. M Hk» Moinillen»er kaWMWMMM Bergwerke gekauft, Grundstücke erworben, Geschäfte gegründet ohne Heller Geld! Sendung: Dr. Hoop: Sportvorschau. 18.25 Prof.! zugestalten. Sie wollen beweisen, daß sie sich 1«Bedeutung kommt^der Mensch.! in jedes Menschengeschöpf zu verwandeln und die sendung: Aktuelle zehn Minuten. 18.55 Deut sche Nachrichten. 19.50 Uebertragung aus dem Deut schen Theater: Smetana: Zwei Witwen. 22.25 Schallplatte».— Sender St.: 14.25 Schallplatte«. 15.05 Viertelstunde für die Frau. 18.00 BlaSorche- sterkonzert.— Brünn: 18.20 Deutsche Sendung: Jng. Wunderle: Mensch und Technik. 19.30 lleber- tragung aus dem Brünner Landestheater: DaS Ge heimnis von Smetana.— Mähr.-Ostrau: 18.00 Deutsche Sendung: Funkspiele.— Preß bürg: 17.00 I Konzert des Klavier-Quartettes.— Kascha«: 17.00 I Kammermusik. Seite 6 „Sozialdemokrat* Donnerstag, 25. Oktober 1934- Nr. 250 PRAGER ZMTBMG Fabriksbrand in Karlin In der Nacht auf Mittwoch gegen 1 Uhr brach in der Metallwarenfabrik L u st i g in Karlin, Po- bveßni 1, in der Politurabteilung ein Brand aus, durch welchen diese vollständig vernichtet wurde. Von der genannten Abteilung griff das Feuer auch auf die benachbarte Abteilung für Nickelarbeiten über. Erst gegen 4 Uhr morgens gelang es einigen Feuerwehrabteilungen, den Brand zu lokalisieren. Der angerichtete Schade, der jedenfalls groß ist, konnte bisher nicht genau festgestellt werden; er ist durch Versicherung gedeckt. Vylekälek läßt sich scheiden. Der bekanntlich vor kurzem vom Prager Geschworenengericht wegen schwerer Körperbeschädigung, begangen an seinem Schwiegervater Josef Kajetan Tyl, zu 2% Jahren schweren Kerkers verurteilte Jaroslav Vylekälek hat eine Erklärung abgegeben, wonach er auf alle Rechtsmittel verzichtet und die Strafe sofort antritt. Das Urteil gegen seine F r a u, Marie Vylekälek, die wegen Mordes an ihrem Vater zu 25 Jahren schtveren Kerkers verurteilt wurde, ist noch nicht rechtskräftig, da die Verurteilte Berufung eingelegt hat. Durch die Verurteilung ist auch der von Jaroslav Vylekälek gegen seine Frau angestrengte Ehescheidungsprozeß in ein anderes Licht gestellt. Eine Verurteilung zu mehr als fünf Krhren aus Verschulden des Bestraften gilt nämlich nach dem Gesetz als hinreichender Schendungsgrund. Eine Festveranstaltung der Prager„Urania" anläßlich des Staatsfeiertages findet im Bühnensaal der Urania am 27. Oktober um 6 Uhr abends statt. Mitwtrkende Ehm-Quartett, Dr. Frankel, H. Krasa, G. Mannheimer, H. Multerer, Th. Beidl. E. Wanka. Gcrlchtssaai Kommunistischer Schreier und — Hitlerspion! Fünf Fahre schweren Kerkers für Norbert Wolf. Prag. Wir haben seinerzeit ausführlich über den Militärverratsprozeß gegen Norbert Wolf berichtet. Norbert Wolf, preußischer Staatsangehöriger, kam im Jahre 1830 nach Prag, ließ sich pro forma an der deutschen medizinischen Fakultät einschreiben, schloß sich der„Liuksftont" an und betätigte sich als wütender kommunistischer Schreihals. Seine „revolutionäre" Gesinnung hinderte ihn nicht, Militärverrat im Dienste.der B r e s l a ü e r„© p i o n ä g e z e n t r a l« des Dritten Reiches auszuüben. Es gelang ihm, einen Soldaten aus einer Stabskanzlei zu gewinnen, der ihm Pläne des Preßburger Brückenkopfes verschaffte, die er nach Hitler- Deutschland zu verschieben suchte. Zu diesem Zwecke wollte er seine Freundin Charlotte F. mißbrauchen, eine Emigrantin mis Chemnitz, die sich aber trotz verschiedener Drohungen zu solchen Diensten nicht hergab. sondern gegen den„Freund" die Anzeige erstattete. Heute wurde diese Verhandlung zu Ende geführt. Norbert Wolf wurde vom Gerichtshof des OGR. Dr. Pazdersky im Sinne der Anklage voll schuldig erkannt und zu fünf Jahren schweren und verschärften Kerkers und zu 5000 Kc Geldstrafe verurteilt. Außer ihm war noch sein Handlanger Pitter- m a n n angeklagt, der mit fünf Monaten Ker und 1000 KL Geldstrafe wegkam- rb. Vorfrage Praf. Kozäk von der tschechischen Karls-Universität spricht am Freitag, den 26. Oktober, in der Kantgesellschaft(Urania- Klimentstä) über das Thema„Marxismus in der Praxis". Beginn 8 Uhr. Der Film in einer englischen Karikatur als Don Juan in dem Film„Die letzten Liebschaften des Don Juan", der anfangs November in Prag herauskvimnt. Filme, die mir sehen möchten In Paris läuft seit einer Woche der neueste Film Reiri: Clairs„Der letzte Milliardär". der— wie die französische Presse berichtet— eine bittere Satire gegen die bestehende Gesellschaftsordnung und die nationalistisch-militaristischen Zeitströmungen ist.— In Rußland ist ein großer Film beendet worden, der den Titel„Drei Lieder Lber Lenin" trägt und die Zivilisierung der östlichen Sowjetunion, die Volkstrauer um Lenin und die Arbeit am Fünfjahrplan behandelt.— In Nordafrika hat Pierre Benoit-Levy, der Schöpfer des„Maternelle"-Films, seinen neuen Film „J t to" gedreht, in dessen Mittelpunkt das Schicksal eines Äraberknaben steht. Wir sehen der— hoffentlich baldigen— Prager Aufführung dieser Filme mit Interesse entgegen. Und mit nicht minder großer Spannung warten wir auf die amtliche Bestätigung des Gerüchts, daß der Einfuhrstreit mit der amerikanischen Filmindustrie been- dte worden ist. Sollte es sich bestätigen, dann wäre ein so großer Vorrat an sehenswerten, aber hier noch nicht gezeigten Filmen verfügbar, daß wir auf viele Monate hinaus sämtliche Kitschfilme und sämtliche Schundprodukte aus dem Dritten Reich. entbehren könnten.- Kunst und wissen Spielplan des Neuen Deutschen Theaters. Donnerstag halb 8. Schottenring, Gastspiel Gisela Werbezirk, neueinstudiert, C 2.— Freitag 8: Zwei Witwen, D 1.— Samstag halb 8: Schottenring, Gastspiel Gisela Werbezirk, A 2.—> Sonntag halb 3 Uhr:DaskleineCafe, halb 8: Zwei Witwen. Festvorstcllung anläßlich des Staatsfeiertages, C 2. Spielplan der Kleinen Bühne. Donnerstag 8: Sensation sprozeß.— Freitag 8: Hoch klingt das Lied vom braven Mann.— Samsmg halb 8:Das lebenslängliche Kind, Erstaufführung.—- Sonntag 3: Hedda Gabler; 8: Hoch klingt das Lied vom bravenMann. Spart• Spiel• Körperpflege Zehn Gebote für Schwimmer 1. Wenn du dich für das Schwimmen als Leibesübung entschieden hast, so trete einem Schwimmverein bei. Man wartet schon auf dich, um von dir etwas zu lernen. Wegen der dort herrschenden Ordnung und Disziplin brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Diese Dinge sind ja so einfach und werden von dir aus dem ff. beherrscht! 2. Zum Schwimmunterricht komme möglichst selten oder überhaupt nicht. Wenn du dann nichts gelernt hast, ist es ja leicht, den Schwimmlehrern den Vorwurf der Unfähigkeit zu machen I 3. Wenn du aber zur Uebungsstunde kommst, dann immer unpünktlich. Vergiß dabei Seife, Badehose und Handtuch mitzubringen. Die anderen stehen schon bereit, dir damit auszuhelfen. 4. Bemühe dich dann sofort— mit dem Staube des Alltags belastet— ins Schwimmbecken. Später kannst du dann gelegentlich die Brause benützen, um dich bei der Warmwafferabteilung beliebt zu machen. Boxe jeden nieder, der dir dabei im Wege steht! Zarte Rücksichten sind hier nicht am Platze! 5. Hatz du dich freigeschwonunen, so tobe dich gründlich aus! Wellenschinder und Schaumschläger genießen viel Ansehen bei den Schtvimmern! Wenn der Schwimmtvart zum Antreten pfeift, so nimm dir Zeit. Langsam und widerwärtig folge dem Rufe. Du gibst damit ein glänzendes Zeugnis von der Liebe zur Sache und die anderen merken sofort, was für ein Prachtexemplar du bist! 6. An der Sprunganlage hast du Gelegenheit, Kraft und Mut zu entfalten. Mache möglichst immer den gleichen Sprung bis zwanzigmal hintereinander. Deutsche sozialdemokratische Frauenorganisation Prag Freita g, den 26. Oktober, abends acht Uhr im Monopol(gegenüber Masaryk- bahnhof) Frauen- und Mädchenabend Genossin Emma. Riedel spricht über „Die internationale genossenschaftliche Frauen- konferenz in London". So ein bißchen Theaterspiel drumrum und recht viel Spritzer schinden Eindruck. Bist du dabei mit der Bundesbadehose bekleidet, so werden deine Sportgenoffen besonders stolz auf dich sein! 7., Beim Tauchen mache die Augen zu, damit du recht viel siehst! Auch den Mund kann man dabei aufmachen I Manchmal schnappst du etwas auf. Beim Herauskommen kannst du dann schön husten und spucken, das beweist, daß du etwas geleistet hast! 8. Während des Wasserballspieles findest du genügend Gelegenheit, den Ball mit irgendeinem Kopf zu verwechseln! Auch Faustschläge kannst du anbringen( Schön ist es, wenn du lange Fingernägel hast. Dieser Umstand macht dich schristgewandt! Deine Mitspieler können dies immer sehr deutlich lesen! 9. Wenn du diese Gebote befolgst, bist du auch ein ausgezeichneter Rettungsschwimmer! Du hast Gefühle erweckt, die du bestimmt pflegen wirst! 10. Im allgemeinen mußt du jede Gelegenheit zur Kritik wahrnehmen! Wenn man von dir irgendeine Mitarbeit verlangt, so weigere dich entschieden aus bestimmten, nur dir bekannten Gründen! Mache grundsätzlich immer Schwierigkeiten, damit die Funktionäre mehr Lust und Liebe zu ihrer ideellen Arbeit erhalten! Der Weg zum Größenwahn ist dann für dich frei!' K. Sch. Aus der Partei Sozialistische Jugend, Kreis Prag. Freitag, den 26. Oktober, 8 Uhr abends im Parteiheim: Funktionärappell. Vcrdnsnadirlditcn PRAG ab. Wir erwarten Genossinnen!. Genossen! Am Mittwoch, den 31. Oktober, um 8 Uhr abends halten wir im Hotel Monopol. Prag II.. Hav« liLkova 5(gegenüber Masaryk- Bochnhof) unsere Generalversammlung die Teilnahme aller Mitgliedes SPD.-Flüchtlingshilfe am Donnerstag, 25. Oktober, abends um 7 Uhr im Gewerkschaftshaus, Prag II., Perstyn 11: Mitgliederversammlung mit Vortrag über die politische Lage. Die Ärbeitsgemein- chaft über Mittelstandsfragen fällt aus. Zutritt nur mit Mitgliedskarten. Süße Pflanzen Von E. Aldt. Eigentlich haben wir es erst in der Kriegsund Nachkriegszeit so richtig verstehen.gelernt, daß dem Zucker in unserer Ernährung eine ungeheuer wichtige. Rolle zukommt. Etwas gedankenlos und überheblich hat man früher gern die Vorliebe für Süßigkeiten als„Genäschigkeit" abgetan. Daß Kinder gern Süßes aßen— nun gut, dafür waren es eben Kinder, denen man diese Schwäche gern r-achsah, lveil sie es eben noch nicht verstehen konnten, daß man sich manches im Leben versagen muß." Wenn aber Erlvachsene ihr Geld zum Konditor trugen, so wurden sie deshalb von vielen verurteilt, die es merkwürdigerweise durchaus nicht für eine Schwäche, vielmehr für etlvas durchaus Selbstverständliches ansahen,, wenn sie ihr Geld für Tabak und Bier au-dgaben. Trinken und rauchen galten für„männlich". Wer ein richtiger Student sein wollte, mutzte entsprechend trinkfest sein, sonst war er eben noch ein kleiner Junge. Nnd der Halbivüchsige fühlte sich schon als ganzer Mann, tvemi er seine erste Zigarette rauchte. Die Zigarren und das Bier waren durchaus notwendige Ausgaben und selbstverständliche Posten im Budget. Aber Süßigkeiten kaufen■— welche Verschwendung! Erst der Mangel an Süßstoffen während des Krieges hat es vielen zum Bewußtsein gebracht, welche Rolle dem Zucker in unserer Ernährung zukommt. Jeder Sportler weiß, welche Erfrischung und Hebung der erschöpften Kräfte ein paar Stück Zucker bewirken können. Es gibt kein leichter lösbares und leichter verdauliches Nahrungsmittel, keines, das in kürzester Zeit vom Körper aufgenommeu und an die Stätten des Verbrauches geschafft würde, keines, das besser'geeignet wäre, die erschöpften Reserven zu ergänzen, den Muskeln neue Energiequellen zuzuführen. Und'jede Frau, die auf Schlankheit Wert legt, Iveiß, daß" sie Süßigkeiten meiden mutz, eben dieses hohen Nährwertes wegen. Biel mehr als bisher sollte der Zucker Volksnahrungsmittel seist, sollte er auch dem Aermsten zugänglich sein. Die Gewinnung von Zucker aus verschiedenen Pflanzen wird schon seit urdenklichen Zeiten be trieben, freilich nicht bei uns, sondern in den Ländern der Tropen; denn unser Klima bringt wenig zuckerhaltige Pflanzen hervor. Das Mittel- alter kannte hierzulande als Süßstoff eigentlich nur den Honig. Dann kam das Zuckerrohr, dessen Verarbeitung in den Tropen von alters her geübt wurde. Es ist noch keine 200 Jahre her seit der Entdeckung des Zuckergehaltes der Rübe und erst im 19. Jahrhundert gibt es Fabriken zur Verarbeitung des Rübenzuckers. Die Tropen sind reich an Zuckerpflanzen, Ueber die ganze Tropenwelt verbreitet wird Zuckerrohr gebaut, und seit den ältesten Zeiten kennt man Verfahren, den süßen Preßsast der Pflanze einzudicken und den Zucker daraus zu gewinnen. Aber daneben gibt es zahlreiche andere Pflanzen, die den gleichen Zwecken dienen. Verschiedene Palmenärten,■ die Dattelpalme, ine Kokospalme und allen voran die Arenga-Palme sind als Zuckerpflanzen sehr geschätzt. Der Säst wird den Palmen zu gewissen Zeiten abgezapft und dann entweder direkt auf Zucker verarbeitet oder zu einem alkoholischen Getränk, dem Palmwein, vergoren. Die Gewistnung des Saftes erfolgt in der Weise, daß man den Blütenstand abschneidet und an der Schnittstelle ein Bambusrohr zum Auffangen des Saftes befestigt. Einige Tage nach der Verwundung beginnt der Saft zu fließen und fließt tage- und wochenlang. Der Geschmack dieses Saftes soll etwa dem eines sehr süßen Mostes entsprechen. Die Arenga- palme blüht ungefähr nach dem 10 Lebensjahr. Ihre Blüten- und Fruchtstände sind massig und schwer. Den reifen Fruchtstand kann ein starker Mann nur mit Mühe heben. Zucker ist es, den der Baum als Baustoff für diese Fruchtmaffe in seine Krone hinaufsendet. Zucker ist die Nahrung, die, vielfach umgewandelt, die Blüten sich entfalten, die Früchte reifen läßt. Aber der Mensch wartet nicht ab, bis die Pflanze diese kostbare Nahrung für ihre Zwecke verwendet hat. Er köpft den jungen, sich entfaltenden Blütenstand und leitet die vom' Stamm in die Krone gesendeten Säfte in seine Behälter ab. Dabei ändert sich der Nahrungszustrom scheinbar gar nicht, ja es scheint, fast, als ob der Wundreiz die Pflanze zu noch größerer Produktivität anregen würde. Es ist, als ob der Baum/es gar nicht gemerkt hätte, daß er seines Blütenstandes, seiner Nachkommenschaft, beraubt wurde und verschwenderisch sendet er weiter seinen Reichtum hinauf in die Krone. Es wird berichtet, daß ein einziger Baum in 5 Tagen 18 Liter Zuckersaft liefern kann. In ähnlicher Weise überlistet der Mensch schon seit uralten Zeiten eine andere, in Amerika heimische Pflanze, die Agave, deren Saft vergoren und als Pulque bezeichnet, seit Jahrtausenden das Nationalgetränk der Mexikaner gewesen ist, aber vielfach auch zur Zuckergewinnung diente und dient. Die Agave wird als Zierpflanze vielfach auch in Europa gezogen. An den Küsten des Mittelländischen Meeres kann man diese schöne Pflanze alljährlich zu tau-, senden blühen sehen.. Sie blüht nur ein einziges- mal in ihrem Leben. Ihre dickfleischigen Blätter, die zu einer riesigen, grundständigen Rosette vereinigt stehen, sammeln durch viele Jahre Reservestoffe auf. Und in einem Frühjahr kommt'dann inmitten der Rosette ein Blütenschast hervor, der eine Höhe von 6 bis 8 Meter erreicht. Die Pflanze hat durch Jahre Nahrungsstoffe erzeugt und aufgestapelt und Wasser aus dem kargen Boden gesogen und aufgespeichert, um dann in wenigen Monaten wundervolle, üppige Blüten hervorzubringen, sich ganz zu erschöpfen und dann zusam- mcnzubrechen, um anderen, nachkommenden Pflanzen Platz zu machen. In Amerika, ihrer Heimat, lebt eine solche Pflanze etwa 8 Jahre, etwas langer an den Küsten des Mittelmeeres. In unserem kargen Klima gelingt es selten, Agaven zur Blüte zu bringen. Solche Treibhauspflanzen blühen kaum ftüher als in 30 bis 50 Jahren. Zur Gewinnung des süßen Saftes schneiden die Mexikaner den aufschiehenden Blütenschaft, wenn er erst etwa 3 Meter Höhe erreicht hat, ab, höhlen dann nach einer längeren Ruhezeit die Mitte der Pflanze aus, wodurch ein Kessel entsteht, in dem sich der Säst sammelt, der zweimal täglich mit einem aus einem Flaschenkürbis hergestellten Stechheber abgesaugt wird. Es wird angegeben, daß eine mittelgroße Pflanze nun durch ein halbes Jahr täglich 6 bis 8 Liter Säst liefert. Man kann so von einer einzigen Pflanze über tausend Liter Säst erhglten und da der durchschnittliche Zuckergehalt etwa 10 Prozent beträgt, so bedeutet das eine Zuckerausbeute von nicht weniger als 100 Kilogramm pro Pflanze. Dann allerdings ist die Pflanze völlig erschöpft und geht zugrunde, wie es ihrem normalen Entwicklungsablauf entspricht. Eine andere amerikanische Zuckerpflanze ist ser Zuckerahorn, der bei den Indianern schon von alters her sehr geschätzt war. Nach der ursprünglichen, alten Gewinnungsmethode wurde der Baum mit einer Axt horizontal angeschnitten. Den ausfließenden Saft leitete man durch Rindenstücke ab. Heute bringt man Bohrlöcher an, in Ivelche Metallrohre eingefügt werden. Ein großer Baum kann 50 bis 150 Liter Saft liefern, der 12 bis 35 Kilogramm Zucker enthält. Der Ahornzucker wird auch heute noch in Amerika sehr geschätzt. Ausschließlich Pflanzen find es, welche uns mit Zucker versorgen. Bei dem vorerwähnten Honig sind ja die Bienen nur die Sammler und Bereiter. Auch sie müssen den Zucker von den Pflanzen beziehen, den einzigen Wesen, die in ihren grünen Blättern die Zuckersynthese vollbringen können. Aber sie können es nur im Sonnenlicht, und daher kommt es, daß die Pflanzen der Tropen so viel zuckerreicher sind als die unserer Heimat. Selbst der süße Birkensaft enthält kaum mehr als 1 Prozent. Die südliche Sonne vermag Wunder zu vollbringen» sie zaubert ein viel üppigeres Wachstum hervor, als wir in unseren kühlen Heimat es uns auch nur träumen lassen können. Aber die Kunst des Pflanzenzüchters hat unserer kargen Natur abzulisten gewußt, was sie uns nicht freiwillig gab. Die Stammpflanze unserer Zuckerrübe ist eine Pflanze der südeuropäischen Küsten. Die Züchter haben durch planmäßige, fortgesetzte Auslese den Zuckergehalt der Rübe von kaum 7 Prozent auf durchschnittlich 14 bis 20 Prozent gebracht, ja man hat bereits in einzelnen Fällen einen Zuckergehalt von 26 Prozent erzielt, so daß unsere Zuckergewinnung trotz dem für die Zuckerproduktion in den Pflanzen so ungünstigen Klima hinter der von der Sonne begünstigten Erdstriche nicht zurücksteht. Bezugsbedingungen: Bei Zustellung ins Haus oder bei Bezug durch tue Post monatlich KL 16.—, vierteljährig KL 48.—, halbjährig KL 96.—- ganzjährig KL 192.—.— Inserate werden laut Tarif billigst berechnet. Bei öfteren Einschaltungen Preisnachlaß.— Rückstellung von Manuskripten erfolgt nur bei Einsendung der Retourmarken.— Die Zeitungsfrankatur wurde von der Post- und Telegraphendirektion mit Erlaß Nr. 13.800/VH/1980 bewilligt. Druckerei: ,3Orbis" Druck-, Verlags- und Zeitungs-A.-G.. Prag.