Nr. 253 Sonntag, 28. Oktober 1934 14. Jahrgang IENTRALORGAN DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK Einzelpreis 70 NM» (•MIMlich 5 Helfer Parte) G Ä ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung präg xii.,fochova 62. teufon swz. Administration ielefon s»7«. HERAUSGEBER: SIEGFRIED TAUB. CHEFREDAKTEUR: WILHOM NIESSNER. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR: DR. EMIL STRAUSS, PRAG. Sie packeln schon „Nationale“ Unterhändler bei SchuschnlSB Wien. Wie amtlich gemeldet wird, wurde eine Reihe nationaler Persönlichkeiten, die schon früher Pläne über die Liquidierung der Er- rigniffe vom 25. Juki, sowie über die Möglichkeit einer Teilnahme dieser Kreise am Wiederaufbau matzgebewden Kresen vorgelegt hatten, über Antrag des Bundeskommissärs für Heimatdienst zum Empfang in das Bundeskanzleramt geladen, wo sie von Schuschnigg, Starhem- b e r g und dem neuen Generalsekretär der Bater- ländische» Front Adam empfangen wurden. In einer längeren Aussprache sei den einzelnen Erschienenen die Möglichkeit gegeben worden,„ihre Meinung über die auf die nationalen Gruppe» bezüglichen Fragen vorzulegen". Schuschnigg und Starhemberg haben erwidert, daß die Mitarbeit nationaler Kreise deren Einfügung in den Rahmen und das Statut der Vaterländischen Front zur Voraussetzung habe. »Die primäre Voraussetzung für diese Entwicklung sei jedenfalls bedingungsloses Bekenntnis und Eintreten für den österreichischen Gedanken, für die innere und äußere Freiheit und Unabhängigkeit Oesterreichs und daher loyale Unterstützung der Regierung. Für weitere Fühlungnahme stehen die Wege offen." Keine Versühnung mit den Kleriko-Fascisten I ■ Die Aktion Winters gescheitert : Wir lesen in der„Arbeiter-Zeitung": Die„Aktion Winters" ist von allen gesinnungstreuen Arbeitern von Anfang an abgelehnt worden. Jetzt wendet sich immer schärfer auch die Faszistenregierung gegen Ernst Karl Winter. Der Sicherheitsdirektor von Oberösterreich hat die von Winter angekündigten Versammlungen in Linz Steyr, Wels und E b e n s e e verbo- ün. Die„Reichspost" greift Winter heftig an. 8m„Vorwärts"-Gebäude hat man Winter sein Arbeitszimmer entzogen. Winter hat es versucht, Feuer und Wasser, die Arbeiterklasse und den Fa- scismus zu versöhnen; der von Anfang an aus- Nchtslose Versuch ist selbstverständlich gescheitert und wird nun wohl auch formell bald liquidiert werden. PerceviE in Wien verhaftet Wien.(Havas.) Die Polizei nahm bei dem ehemaligen Oberstleutnant der österreichischungarischen Armer PerceviL, einem gebürtigen Kroaten, eine Haussuchung vor, die ohne Ergebnis verlieft auch das Verhör lieferte keinen schlagenden Beweis für eine Berbindung seiner Person mit den kroatischen Terroristen. PerreviL wurde trotzdem für den Fall in Haft belassen, daß dir jugoslawischen Behörden seine Auslieferung verlangen sollten. Vie freu mit eien zwei Passen Paris.(Havas.) In Paris wurde eine Frau derhaftet, die aus Bordeaux kam und die im Verdachte steht, eine Komplizin der Marseiller Atten- läter zu sein. Sie gab an, Marie T r o d t zu Meißen und am 13. März 1908 in Custin(?) in Deutschland geboren zu sein. Sie hat zwei Pässe, einen auf den Namen Lucie Josephsohn und den anderen auf den Namen Sybille von Schulenburg. Vie Staatspreise Am Vorabend des Staatsfciertages wurden wie alljährlich die Träger der Staatspreise-be- lanntgegeben. Von tschechischer Seite erhielten dm Staatspreis für Literatur Vitöslav Nez- Val, Karl Eap ek und Josef G re tzck-r,- Tajo Vs ky, für dramatische Kunst Edmond Konrad und Mlem Zit e k, für Musik Josef Suk. Den Deutschen Staatspreis erhielt Ludwig Binder für den Roman„Familie Dörre überwindet die Krise." Wir stossen vor! Am nächsten Sonntag fünf Kundgebungen Für Sonntag, den 4. November bernst die deutsche sozialdemokratische Arbeiterpartei »ach a Karlsbad, Bodenbach, Komata«, Teplitz-Schöna«, Mähr.-Schö«berg und Zagerndorf öffentliche Kundgebungen ein mit der Tagesordnung: Für Freiheit und Brot! Gegen getarnten Fascismus! In ernster Stunde erheben wir die Stimme des arbeitenden Volkes. Gegen die Phrase« des Nationalismus und Fascismus stellen wir unser Bekenntnis zur soziale« Demokratie, zu einer Republik der Gleichen und Freien, z« einem friedlich geordneten Enropa. Genossen und Genossinnen! Diese Äuudgebuugea sollen Zeugnis gebe« von der unerschütterlicheu Kraft der sude- tendeutschen Arbeiterbewegung, vou ihrer Kampflust, ihrer Siegeszuversicht. Setzt i« den wenigen Tage« der Vorbereitung alle Kräfte ei« für eine« machtvolle« Pexlanf der Manifestationen s_.,,. Die nähere« Weisungen ergehe« d«rch dir Kreis- imd Bezirksorganisationen. Ueberfüllte Gefängnisse Madrid. Das für 1100 Häftlinge bestimmte Madrider Gefängnis birgt jetzt mehr als 3000 Häftlinge, dir zum überwiegmdm Teil im Zusammenhang mit dm letzten politischen Er- eigniffm eingeliefert wurdm. Der sozialistische Führer Largo Caballero ist noch immre an einem unbekannten Orte inhaftiert. Lastautos sammeln Leichen I In Oviedo haben die Behörden zum Sammeln der Leichen der Opfer der Unruhen in der Umgebung der Stadt einige Lastautos requiriert. Bei der Durchsuchung von niedergebrann- tm Gebäuden wurden einige verkohlte Leichname gefunden. Vorn Ständestaat enttäuscht I Ein Protest des niederösterreichischen Gewerbebundes Wien. Die„Oesterreichische Gewerbezeitung" meldet, dass die Landesleitung Niederösterreich des Gewerbebundes bei der Landesregierung einen Protest dagegen erhoben hat, dass auf das Gewerbe mit seinen 50.000 Kammerwählern bloss vier, auf den Handel mit seinen 24.000 Kammerwählern nur zwei Mandate in den Landtag zugeteilt wurden, während der Landwirtschaft mit ihren 110.000 Kammerwählern volle 18 Mandate zügewiesen worden sind, von denen bloss drei mit Arbeitnehmern zu besetzen sinh. Vas deutsches Recht bedeutet Sechs Jahre Zuchthaus für einen Holländer Wir lesen in»Het Volk": . Der in V e n lo wohnhafte Niederländer G. I. Ziersist wegen Hochverrats gegen den deutschen Staat in Berlin'hinter verschlossenen Türen zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Der Rechtsanwalt E. D a u b aus Venlo, der die Verteidigung des Angeklagten'übernommen hatte, hatte ersucht, dem Beschuldigten gegenübergestellt zu werden. Die Behörden haben ihm jedoch das Zusammenkommen mit Ziers vollständig untersagt. Ein deutscher Verteidiger, der dem Angeklagten zugewiesen worden war, beantragte Freispruch; der Staatsanwalt- verlangte fünf Jahre Zuchthaus. Der Gerichtshof verhängte sechs Jahre. Eine politische Todesanzeige Vom Pressedienst der Deutschen Arbeitsund Wirtschaftsgemeinschaft übernimmt der „Teplitz-Schönauer Anzeiger" einen Artikel,> wo zu lesen ist:, „Nachdem nun Henlein überdies den Totalitätsanspruch der ersten Zeit aufgegeben hat, ist '— bei der.aufgezeigten Gleichheit des politischen Wollens— die beste Gelegenheit zur Schaffung einer Einheitsfront gegeben. Heimatfront— Landbund— Christlichsoziale— DAWG— Gewerbepartei, vereinigt im gleichen politischen Willen, geschieh» in verschiedenen Nuancen der Weltanschauung— welche Macht könnte diese Einheitsfront erringen." Die in der Form eines geschäftlichen Angebotes veröffentlichte Todesanzeige der letzten Reste des deutschbürgerlichen Liberalismus verdient registriert zu werden. „Wohin rollst du, Aepfelchen?“ Unter diesem geschmackvollen Titel beginnt ein Artikel in der männiglich als hundertprozentiges Hakenkresizblatt bekannten»Rumburger Zeitung" wie folgt: „Prag(DAWG). Die deutschen Sozialdemokraten haben eine böse Woche hinter sich. Man kann nicht sägen, dass sie in dieser Woche besonders rühm- und erfolgreich abgeschnitten haben." Dann kommt eine Spalte Näziötismüs. Auf das Gewäsch von der beabsichtigten Verschmelzung beider Grosscinkaufsgesellschaften usw. einzugehen, wäre zuviel Herablassung. Nur soviel sei festgehalten, dass eine Korrespondenz der Bacher-Rosche- Gruppe derzeit nichts anderes zu tun hat, als die nordböhmische Schriftleiterpresse mit antimarxistischem Schmus zu beliefern. Henlein sei Dank, dass er uns wenigstens vor der physischen Qual erlöst hat, solche Leute mit dem Demokratenhut herumlaufen zu sehen! Kann es noch einem Zweifel unterliegen, wohin das deutschdemokratische Aepfelchen rollt? Rlesenunterschlasungen im Justizkommissariat der Ukraine Moskau. Der Oberste Staatsanwalt der Sowjetunion Akulow und der Kommissar Balicki (OGPU) haben im Zusammenhang mit den Rie- senunterschlagungen gegen 32 Beamte des Justizkommissariates der Ukraine Haftbefehle erlassen. Der Prozeß wird Mitte November in Kiew stattfinden. kesl uiid Verpflichtung Zum 16. Geburtstag der Republik Wenn wir deutschen Sozialdemokraten heute die Republik feiern und uns der inneren Festig, keit wie der Sicherheit nach außen freuen, deren sie sich am Abschluss ihres 16. Jahres rühmen kann, so bekennen wir uns zu Prinzipien, die wir niemals verleugnet haben, auch nicht in den Zei- tat, da wir das in der Republik herrschende politische System heftig bekämpften! Immer haben wir dem tschechoslowakischen Volk dieFreiheit gegönnt, die es sich 1918 nach dreihundertjähriger Pause in seiner grossen Geschichte wieder erkämpft hat, immer haben wir es begrützt, dass die Erneuerung des tschechoslowakischen Staates im Herzen Europas, das der monarchischen Staatsform Vorbehalten schien, eine Republik nach westlichem Muster schuf, immer haben wir die demokratischen Fundamente des Staates fteudig bejaht. Aber wir würden lügen, wollten wir be- haupten, dass der Staat und seine Einrichtungen unseren Herzen immer gleich nahestanden. Von 1918 bis 1932 war die Tschechoslowakei eine unter drei mitteleuropäischen Republiken, die nach demokratischen Grundsätzen aufgebaut waren und regiert wurden. Ihre Existenz war von diesen beiden Nachbarn nicht bedroht. 1932 änderte sich das. Als in Deutschland dex Junker Franz vonPapen ans Ruder kam, fiel der grössere Teil Mitteleuropas aus der demokratischen Ordnung aus, die 1918 begründet worden war. 1933 wurde er vollends zum Bollwerk der Konterrevolution und zum Herd furchtbarer Kriegsgefahren. Nun war die Tschechoslowakei nicht mehr eine Republik unter anderen, nun erhielt ihre Existenz einen weit tieferen geschichtlichen Sinn. Je mehr sie bedroht war, desto enger schlossen wir uns ihr an. Nun da ihr Gefahr drohte, der- sicherten wir gern und aus ganzem Herzen, daß wir sie schützen wollen. Man brauchte uns zu solchem Bekenntnis nicht zu nötigen. Weder Druck noch Werbung, weder Konjunktur noch raffinierte Tattik veranlaßten uns, das Bekenntnis zum Staate, das schon Josef Seliger 1919 abgelegt hatte, nun herzlicher und lauter zum Ausdruck zu bringen. Wir hatten da nichts zu revidieren und brauchten uns nicht umzuschalten. Denn wir hatten, nochmals sei es betörst, den Gedanken der staatlichen Unabhängigkest der tschechoslowakischen Nation, die republikanische Staatsform, die demokratische Verfassung und mit dem System des Friedens, den wir erhalten wollten, auch die territoriale Jntegrstät des Staates von Anbeginn bejaht. Aber nun kam ein neues Moment hinzu. Nun fühlten wir Und sagten es gern, daß dieser Staat auch unser Staat ist, mögen auch manche seiner Einrichtungen unserem Ideal von Demokratie nicht enffprechen. Als 1934 auch Oesterreich dem Fascismus verfiel, als nun auch im Süden statt eines neutralen und befreundeten Staates, ein höchst labiles Gebilde entstand, das gefährlicheren Mächten zum Sprungbrett gegen die Republik werden könnte, wurden wir uns der Schicksalsverbundenheit mit der Republik noch deutlicher bewußt, war sie doch jetzt der letzte demokratische Fels in der Flut der fa.sci sti sch en Reaktion. Von diesen Gefühlen und Erwägungen find wir auch heute beherrscht. Wir bejahen diesen Staat als Republik, als D e m o k r a. tie, als die Lebensform eines Volkes, das dank seiner Selbständigkeit erst seine großen Fähigkeiten voll entfalten und sei- nen Platz in der europäischen Kulturgemeinschaft ganz ausfüllen konnte. Wir sehen in diesem Staat aber unsere Heimat, unseren Staat deshalb, weil er ein Garant des Friedens, weil seine Verfassung eine Gewähr ftiedlicher Macht» entfaltung der deuffchen Arbeiterklasse, ihrer sozialen und kulturellen Entwicklung ist. Wir wollen aber nicht vergessen, daß u«- jer f e st l i ch e s B e k e n n t n t s zum Staat Grite 2 Sonntag, 28. Oktober 1934 Nr. 253 „Landwirtschaftliche Arbeiter Paris. Der Sonderkorrespondent des„Exel- sior", der im Lager von Janka-Puszta geweilt hat, erklärt, daß dort bereits kein Kroate sei. Er dementiert jedoch die ungarischen Nachrichten, daß die Kroaten, die früher dort geweilt hätten,»landwirtschaftliche Arbeiter" gewesen wären, und erklärt vielmehr, Zeugen hätten bestätigt, daß niemand die kroatischen Terroristen arbeiten gesehen hätte. auch Pflichte« in sich schließt. Pflichten, die wir gegen den Staat haben, nicht nur der bequemen Art, daß wir ihn bejahen und uns bereit halten, ihn zu schützen, sondern auch i n demhöherenSinne, daß wir ander Entwicklung dieses Staates mit- arbeiten, damit er dem Ideal das seine Gründer anstrebten, immer ähnlicher werde. Wir wissen, daß die Demokratie ihre soli- deste Sicherung in einer gesunden sozia- l e n B a s i s findet. Darum verpflichtet uns das Bekenntnis zum demokratischen Staat zu verstärkter Arbeit und zu unablässigem Kampf in der Richttlng der sozialistischen Ideale. Hunderttausende Staatsbürger hungern an diesem Staatsfeiertag. Ihnen Arbeitund Brot zu schaffen, wäre der größte Dienst, den Parlament und Regierung der Republik leisten könnten. Der demokratische Staat wird von den Mächten der fascistischen Konterrevolution innen und außen bedroht. Wir wollen nicht ablassen, ihn gegen diese Gefahren zu verteidigen, wir haben die Pfllcht, vor diesen Gefahren zu war-, »en, die w i r in der jüngsten Zeit oft eher und besser erkannten als die gewissermaßen„erban- gesessenen" Hüter der Republik. Wir freuen u n s der Tatsache, daß die Republik in ihrem 16. Bestandsjahr endlich ihr Verhältnis zuSowjetrußland regeln konnte, daß herzliche Freundschaft unseren Staat mit der Bundesrepublik der, russischen Arbeiter und Bauern verbindet. Wir sehen darin eine solide außenpolitische Sicherung der Republik und zugleich eine Rückendeckung für das sowjetistische Rußland, an dessen Bestand uns so viel liegt. Wir können nicht ganz so ruhig wie wir nach der Aussöhnung mit Rußland und nach der Erneuerung des herzlichen Verhältnisses zu Frankreich, über die Außenpolitik urteilen, die innerpolitische Lage beurteilen. Hier drohen der DemokratieGefahren, die vor allem deshalb groß sind, weil viele sie nicht sehen wollen. Im nächsten Jahr der Republik werden wichtige Entscheidungen fallen. Die Republik, sichern, heißt vor allem dafür kämpfen, daß dieWahlen des Jahres 1985 die wahrhaft staatserhaltenden, die d emokratischen Kräfte stärken, daß nicht leichtfertig ein Anwachsen der fascistischen Kräfte heraufbeschworen wird. Das ist in erster Linie eine Aufgabe der Staatspolitik gegen übe r de n R a»bj e b i'e i e n und der deutschen Arbeiterklasse, die mit Einsatz des Besten, was sie zu geben hat, für die demokratische Republik kämpft. So verbindet sich mit dem Fest für uns die Verpflichtung der Demokratie und der Republik das tägliche Brot zu schaffen, das sie zu gedeihlicher Existenz bedürfen: den sozialen Inhalt, das Maß sozialer. Gerechtigkeit, wirtschaftlicher Stabilität und kulturellen Lebensrau. mes, dessen-die Nationen und zwät die schaffe nden Massen der Völker bedür- fen, um gute Bürger, gute Soldaten, wahre Hüter ihres Staates zp sein! Wir können diese Betrachtung nicht schlie- ßen, ohne des Mannes zu gedenken, in dem sich für uns alle körperlich, sinnfällig das Ideal offenbart, dem die Republik zustreben muß, will sie blühen und in die Jahrhunderte wachsen, des Präsidenten Thomas G. Masaryk. Ihm gilt unsere Verehrung auch heute. Angehörige aller politischen Parteien, mit Ausnahme der Kommunisten, werden sich auch an den diesjährigen Staatsfeiern beteiligen. Darin manifestiert sich zweifellos die breite Basis des tschechoslowakischen Staatsgedankens im Denken und Fühlen der Bevölkerung, Ueber die Abstufungen der inneren Bereitschaft, für den dcmokratisch-repllblikanischen Staat auch in schwersten Stunden mit Taten einzustehen, sei hier nicht gesprochen. Ein offenes Wort aber sei aus diesem Anlaß gesagt, über das Ausmaß der persönlichen O p f e r, die für den einzelnen Bürger je nach seiner Nationalität und sozialen Stellung mit dem offenen Bekenntnis zum Staate verbunden sind.'' In Prag und Brünn ist eS leichter für die Republik rinzntreten, als in Wcipert, Braunau oder Asch. Die deutschen sozialdemokratischen Arbeiter erfahren diese Wahrheit fast täglich am eigenen Leibe. Sie sind die unbekannten Soldaten der Republik. Den 28. Oktober feiern auch weite Schichten des deutschen Bürgertums mit. Aber nicht der eine Staatsfeiertag im Jahre, sondern der politische A l»l t a g ist entscheidend. Und im politischen Alltag sind die deutschen Sozialisten vom giftigsten Haß des deutschen Nationalismus verfolgt wegen ihres Bekenntnisses 4ur demokratischen Republik. Cs liegt ein grotesker Gegensatz vor zwischen den tschechenfreundlichen Redensarten des Herrn Henlein und dem täglichen Vorwurf seiner Anhänger an die Adresse der deutschen Sozialdemokraten, daß sie es mit den Tschechen halten und dadurch das deutsche Volk verraten! Werden deutsche Mittelschulen gesperrt, dann heißt es im Chorus, der bei den Ha- kenkreuzlern beginnt und bei den Kommunisten aufhört: die Sozialdemokraten sind schuld! Werden die Mar g a r i n e- Kontingente ungerecht verteilt, dann brüllt jeder Hen- leinmann: die Sozialdemokraten verraten den deutschen Arbeitsplatz. Wird ein deutscher Rostler abgebaut und ein Tscheche dafür, eingestellt im derAchen Gebiet, dann gehl^vGWre!wtedexios:^sehr, das sit die nätionale Gerechtigkeit, tvesche die Sozis m der Republik eingeführt haben! Kommt ein Revisor der Landesbehörde in die Notstandsgebiete hinaus und streicht unsinnig die Listen der Ernährungskartenbezieher zusammen, dann schallt der Ruf von den Kommunisten bis zu den Nazis:. Da schaut, ihr Roten, das ist die soziale Gerechtigkeit in der Demokratie! Die Beispiele ließen sich endlos verlängern, daß in der heutigen Krisensituation der ganze nationale Haß, die ganze undemokratische Gesinüung der sudetendeutschen Reaktion abreagiert wird in der Form einer täglichen antimarxistischen Hetze. Offen auf die Tschechen und auf den Staat zu schimpfen, wäre zu riskant und der gehässigste Nazi wird lammfromm, wenn er die Mütze eines ihm als Menschen und als Symbol derRepublik. Ihm gelten unsere Segenswünsche an diesem Tag wie keinem zweiten sicht- baren Repräsentanten der demokratischen Idee und Mission dieses Staates! Gendarmen auftauchen sieht. So suchen sich die nationalistischen, und fascistischen Stimmungen, die von Deutschland herüberschlagen und die durch den reichsdeutschen Rundfunk täglich genährt werden, einen bequemeren Ausweg. Sie werden auf die deutschen Sozialdemokraten abgeladen in der Hoffnung, daß mit dieser Methode auch die Sympathien des tschechischen Bürgertums zu gewinnen find. Es bleibt nicht bei politischen Argumenten. In unseren Notstandsbezirken überall das gleiche Bild: Dir bravsten, die tapfersten unserer Bertrauensmännrr schon fest Jahre» arbeitslos. Wer kann den schlüssigen Nachweis erbringen, daß diese Menschen aus politischen Gründen entlassen wurden, aus politischen Gründen nicht mehr eingestellt werden? Der Seelenkauf der hit- lerbegeisterten Unternehmer hat seine bewährten Schleichwege. Immer wieder kommen alte, goll>- treue Parteimitglieder in unsere Sekretariate: „Wenn ich der Heimatfront britreten würde, bekäme Arbeit. Was soll ich tun?" Natürlich wird mit solchen Verheißungen viel ftecher Schwindel getrieben. Wenn alle Arbeitslosen zu Henlein gingen, wäre deswegen um keinen Schlag Arbeit mehr im ganzen Land. Kann aber ein Arbeitsloser, der seine Frau jammern hört, seine Kinder dahinsiechen sieht, in solchen großzügigen Maßstäben denken? Besonders exponierte Vertrauensmänner in den Grenzorteck erleiden noch viel mehr sür ihre Gesinnung. Hier der Auszug aus einer Eingabe des Herrmann Strunz, Häusler uNd Holzhauer in F ü r st e n h u t, Bezirk Winterberg: „Durch unbekannte Täter wurde mir vor wenige« Woche« mei« Kartoffelacker verwüstet. Dadurch ist meine Hoffnung auf eine Ernte für meinen Hausbedarf vernichtet worden. Trotzdem die Gendarmerie in dieser Sache Erhebungen pflog, konnten die Titer, welche nur politische Feinde sein können, nicht eruiert werden. Der. mir-«gefügte Schaden beziffert sich auf AL 500..—.”. Kurz» Zeit später ging es mir mit meinem angebaute« Hafer ebenfalls so. Auch hier haben unbekannte Täter während der Nacht ihr Zer» störungSwerk durchgeführt, nur um mich neuer» lich um AL 300.— zu schädig«:. Hiezu will ich noch erwähnen, daß mir vor der Heuernte auf meiner Wiese ebenfalls von unbekannten Tätern abgebrochen« Stahlstangen von Regenschirme» ins GraS gesteckt worden find, um mir einerseits daS Mähe» zu erschweren und anderseits mei» Bieh zugrunde zu richte«. Diese unbekannten Täter find nur in Politische» Feinden»n suchen, welchen ich durch mein Eintreten sür Demokratie und Republik unbequem geworden bin. Wenn ich nicht durch di« schwere ArbeitS- lostgkeit so geschädigt wäre, so würde ich auch jetzt nicht mit der Bitte herantreten, mir in diesem Falle eine außerordentliche Zuwendung zuteil l werden zn kaffe« und mir z« helfen, diesen Scha- den zn überwinden. Aber nachdem ich im Borjahre wie auch Heuer kaum j« 40 Arbeitstage mit einem durch- i schnittliche« Verdienste von 10 biS 12 AL zusammenbringe und davon eine Familie erhalten soll, ferner eine Hypo- thekarschuld verzinse» muß, so bin ich durch dies« Bubenstreiche wirtschaftlich sehr schwer betroffen, nachdem Hafer und Kartoffel die einzigen Produkte find, welche in unserer Gemeinde auf dem kargen Boden wachsen." Soweit entnehmen wir die Darstellung einem Ansuchen um Hilfe aus dem Fonds für Ele- mentarschäden, welche vom Landeskulturrate aus formalen Gründen nicht gewährt werden konnte. Der Bericht entstammt einem Grenzorte, wo sich die Hakenkreuzler durch die unmittelbare bayerische Nachbarschaft noch immer sehr sicher fühlen und vor keinem Terror zurückschrecken. Solche Fälle sind nicht vereinzelt. Wir verweisen nur auf den Sprengstoffanschlag, welcher im Frühjahr auf das von einem sozialdemokratischen Pächter bewirtschaftete Hotel Schwarzenberg in K u schwär d a durchgeführt worden ist. Unsere Vertrauensmänner in den Grenzorten stehen ständig unter Terrordrohungen, die sich jeden Augenblick bis zur ernstesten Gefährdung ihrer persönlichen Sicherheit steigern können. Die Namen und Adressen der im Grenzgebiete tätigen Sozialdemokraten sind schon längst nach Deutschland gemeldet und dort z. T. öffentlich affichiert worden, wie in S e b n i tz bei Rumburg. Diese Männer und Frauen, die verfolgt von Hunger und Gefahr ihrer Gesinnung treu bleiben und dem gewalttätigen Geist des HitlerismuS täglich tapfer die Stirne bieten, sie sind die unbekannten aber auch die treuesten Soldaten der Republik. Es ist leicht und gefahrlos, in Prag philosophische Betrachtungen anzustellen, ob nicht in der Henleinfront doch irgend ein positiver Kern steckt. Schwerer ift es, im Hexenkessel der nationalen und reaktionären Leidenschaften seinen Mann zu stellen, unter Aufopferung von Existenz und Familicuglück die.Sache der, Demokratie zu vertreten. Wenn es keine kämpferische deutsch« Sozialdemokratie gäbe, dann hätte es Henlein garnicht notwendig, um das Vertrauen der tschechischen Oeffentlichkeit mit honigsüßen Reden zu werben. Dann hätte der Hitlerismus mit keiner ideologischen Gegenwirkung im deutschen Volke mehr zu rechnen und er könnte die Maske lüfteil. Wir bleiben auf der Wacht! Wir stelle» uns zum Kampfe. Der unbekannte Soldat der Republik und des demokratischen Sozialismus soll aber auf seinem schweren Posten den Rückhalt der republikanischen Soli- Parität aller genießen, die zu Schützer« der Republik berufen find. Wer diesen Rückhalt zerstört oder schwächen'will, leistet den Todfeinden der letzten Demokratie in Mitteleuropa willkommenen Helfersdienst. Der unbekannte Soldat der Republik Jener Dr. Bulova hat noch eine andere bedeutsame Feststellung gemacht. Er ist in Kuttenberg gewesen und hat sich von dem Untersuchungsrichter die Kleidungsstücke der Ermordeten zeigen lassen. Dr. Baudysch, der Ritualmordtheorie nach wie vor unzugänglich und immer noch auf eine Klärung der vielen ungelösten Fragen hoffend, empfing den Arzt und dessen Frau in Gegenwart zweier Zeugen und zeigte ihnen die corpora delicti, ohne sie allerdings aus der Hand zu geben. Den Besuchern fiel etwas auf, was er selbst bisher , übersehen hatte. Das Jäckchen, das nach der Anklage„an beiden Armen über die Ellbogen hinaufgestreift" war, war zugeknöpft. Nicht rin einziger Knopf war aufgegangen und beschädigt. Wie verträgt sich das mit der Annahme der Anklage, daß die Dkörder ihrem Opfer die Jacke in größter Haft über die Brust und den Köpft gezogen haben? Und noch etwas: Frau Bulova, als Inhaberin einer Nähschule sachverständig, konstatiert, daß das Hemd mit einer Schere durchschnitten worden ist. Die Täter müßten demnach die Schere in den Wald mitgenommen haben... AuS all dem ergibt sich dem Kritiker mit größter Wahrscheinlichkeit, daß der Mord nicht im Walde, sondern in einer Wohnung erfolgte, und zwar zu einer Zeit, als Agnes entkleidet war. Dafür spricht übrigens auch, daß an ihren Fingern und Handflächen nur Blut und keine Spur von"Erde gefunden worden war, wiewohl doch der Frühjahrsboden des Waldes weich und durch Regen aüfgelockert gewesen sein mußte. Man hat den Leichnam bekleidet in den Wald gebracht und bei dem TransportEürd'en die Glieder in der beschriebenen Form verkrümmt. Was nun die Art des Mordes betrifft, so geht aus dem,Befund unzweideutig hervor, daß Agnes nicht„geschächtst" oder„unterschnitten", sondern erstochen wurde. Mit einem spitzen Meffer wurde sie in den Hals gestochen, und von diesem Stich ist der Schnitt verursacht worden. Ein Schäch- termeffer hätte die Wunde, wie sie wirklich war, nicht beizubringen vermocht. Nur weil Anklage, Zeugen und Gerichtsärzte unter der Suggestion des Ritualmordes standen, konnte der Tatbestand verkannt werden und der Aberglaube triumphieren. Und wie kann der Staatsanwalt von einem heimtückisch, in größter Eile und mit besonderer Grausamkeit verübten Meuchelmord sprechen? Die Beschreibung des Fundortes allein läßt den Schluß zu, daß die Mörder sich reichlich Zeit ließen und die Oeffentlichkeit geradezu auf sich aufmerksam machten. Den Platz haben sie herausfordernd hergerichtet, die Tücher säuberlich zusammengelegt, die Jacke sorgsam zugeknöpft, den Korb und das Geldtäschchen den Blicken des Finders auffällig dargeboten; und vor allem: sie wählten einen von Polna aus sichtbaren Ort, nach dem sie durch die Stadt erst im Galopp gelaufen waren. Was sie nur tun konnten, um die Entdeckung des Verbrechens zu provozieren, haben sie getan. Wenn es tatsächlich einen Ritualmord gäbe und wenn ein solcher vorläge, so hätte sich das Ritualmord- synedrium just den dummen Hilsner und zwei ebenso alberne Individuen ausgesucht, die eS einfach darauf anlegten, daß ihre Tat so schnell wie möglich anS Licht kam. Aber alle sogenannten Ritualmorde stehen ja in Widerspruch mit den Voraussetzungen, welche die Ritualmordtheorie selbst zur Bedingung macht. Gin Kapitel für sich bilden die Zeugenaussagen. Masaryk stellt die zahlreichen Widersprüche fest, an denen sich die Anklage keineswegs stößt; vielmehr macht sie sich immer nur diejenige Darstellung zu eigen, die ihrer vorgefaßten Meinung entspricht. Bedeutungslos ist auch die vom Gericht veranstaltete Sehprobt, wiewohl sie die Bekundung des Kronzeugen Pesäk entwertet. Dessen Aussagen sind von denen der Vomela und anderer beeinflußt. Ungelöst sind die Differenzen, in welchen sich die Angaben der Zeugen hinsichtlich der Zeit, bewegen: man sah Hilsner um 5 Uhr 10 Minuten an verschiedenen Stellen der Stadt, um 5 Uhr 15 Minuten auf dem Hügel bei der Bre- sina, zwischen 5 und 6 wiederum in Polna. Er und seine Komplizen rannten unbekümmert herum, obgleich der Auftrag, in dem sie handelten, ein geheimer, wohldurchdachter, gefährlicher Mordplan gewesen sein soll. Und welche Rolle spielten die grauen Hosen? Am 2., April wurden sie bereits gefunden, jedoch nicht beschlagnahmt. Vom 7. April an war in den Zeitungen von ihnen die Rede. Hilsner und seine Mutter vernichteten nun das gesuchte Indiz keineswegs, sondern ließen es drei Wochen später vom Untersuchungsrichter' nochmals finden. Den zu der Hose gehörigen Rock suchte man nicht yrehr. Wie und wann die angeblichen Blutflecken auf die Hose gekommen sind» bleibt ebenfalls dahingestellt. Die Sachverständigen erklärte«, die Flecken seien entweder alt und abgewetzt, oder sie seien gewaschen worden— die Anklage hielt sich lediglich an die zweite Möglichkeit. So ungenau und mangelhaft ist die ganze Anklage aufgebaut, so sind die Befunde abgefaßt, so die Spuren untersucht. Zeugenaussagen, welche in das von der Anklage entwickelte Bild nicht passen, werden von ihr ignoriert oder korrigiert. Während die Vomela HilSners Identität mit dem Unbekannten, der sie ansprach, bestreitet, läßt der Staatsanwalt diese Identität just auf Grund eben ihrer Aussage gelten. Während die Zeugin Sobotka behauptet, HilSner vor 6 oder um 6 herum gesehen zu hchben, legt ihr der Ankläger die bestimmte Aussage in den Mund, eS sei viertel sieben gewesen. Widersprüche, in die sich der Staatsanwalt notwendigerweise ver- wickelt, bleiben ungeklärt. Bekundungen wie die, Welche auf die Blutspuren vor der Entdeckung deS Mordes Hinweisen, werden nicht zur Kenntnis genommen. Dagegen beruft sich die Anklage daraus, daß die Bolksstimme gegen Hilsner gewesen sei, verschweigt aber, daß es ebenfalls die Volksstimme war, die erst auch einen anderen verdächtigt hat. Ja der Staatsanwalt geht so weit, aus dem Sektionsgutachten einen Vordersatz zu zitieren. und den Nachsatz zu unterschlagen, dessen Inhalt jenen völlig aushebt. Masaryk vermutet auch einen Zusammen.« Hang zwischen den Mordfällen Hruza und Klimq, einen andern allerdings, als ihn das Volk und seine Wortführer unentwegt behaupten. Sich dar« über öffentlich zu äußern, unterläßt er; dagegen faßt er seine kritischen Bedenken in einer Niederschrift, die zur Publikation bestimmt ist, zusammen, nachdem er in allen Fragen, für deren Beantwortung ihm sein eigenes Wissen nicht genügt, das Urteil von Fachautoritäten eingeholt und verwertet hat. Seine Freunde warnen ihn. Es sei nicht klug, sich in einer Sache zu exponieren, die ihm den Haß des ganzen Volkes eintragen müsse. Auch die Juden würden ihm zuletzt keinen Dank wissen. Aber er ist nicht zu beirren.„Ich kann in dieser Lust nickt leben. Ich muß sprechen." Auch andere sind tätig Aukednikek ist in Wien, und findet in einem Kreis ehrenhafter und kultivierter Menschen, zu denen Männer des Adels und bedeutende Geister gehören, Unterstützung. Auch das Ausland meldet sich zum Wort. In den Preußischen Jahrbüchern verurteilt der hervorragende Historiker Delbrück„den wahnwitzigen Aberglauben des Ritualmordes. Blätter, die ihn auch nur als eine Möglichkeit hinstellen, sollen sich ihrer Unwissenheit schämen." Aber weder^ das„Bayerische Vaterland" und das „Deutsche BoUsblatt" in München, noch das Wiener Blatt desselben Namens, oder das feudalistische„Vaterland" und die„Ostdeuffche Rundschau" lassen sich von Delbrück imponieren oder gar bekehren. «Fortsetzung folgt) Nr. 253 Sonntag, 28. Oktober 1934 Seite 3 Das Ausland über Henlein In der letzten Ausgabe der„R u n d s ch a u" will Henlein glauben machen, ganz Mitteleuropa Habe den Atem angehalten, als er in Böhmisch- Leipa sprach. Das Ausland hat seiner Bewegung tatsächlich einige Aufmerksamkeit geschenkt. Es ist «cher anzunehmen, daß Henlein daran nicht viel Freude haben wird. Das Amsterdamer„H e t Volk" veröffent- licht einen ausführlichen Artikel unter der Ueber- kchrift„Henlein, Hitlers Statthalter". „Henlein ist", schreibt„Het Volk",„ein . ziemlich langweiliger, keineswegs imponierender . Mensch. Aeußerlich hat er nichts von einem Führer. Vielmehr macht er den Eindruck eines Rechts» anwalts aus der Provinz. Ein kleinbürgerlicher Mann in Herz und Nieren. Aber nicht in seinen persönlichen Eigenschaften liegt die Bedeutung dieses Mannes, sondern in der hierzulande(in der Tschechoslowakei. D. Red.) allgemein bekannten Tatsache, daß Henlein, niemand anders ist als der. geheime Statthalter Hitlers in der Tschechoslowakischen Republik... Der Statthalter Hitlers hat im Auftrag seiner Berliner Hintermänner die Demokratie für seine Zwecke ausgedeutet... Es scheint, daß das schnelle Wachstum der Henlein- bewegung für viele andere Politiker dieses Lan- . des eine willkommene Gelegenheit ist, sich in die Konjunktur einzuschalten, um auch hier einen antimarxjstischen, autoritären Kurs zu steuern." Richte Denn leichte Kost wird leicht verdaut— kann Magen und Herz nicht beschweren. Schwere Fette kann der Magen nur schwer verdauen, sie bleiben liegen und verursachen mancherlei Störungen. Seien Sie also vorsichtig, wählen Sie ein Fett, das bekannt ist durch seine leichte Verdaulichkeit: DAS REINE PFLANZENFETT NUR ECHT MIT NAMENSZUG Wer hat Dollfuss ermordet? ben weide, mich ausreichend mit der Verteidigung zu besprechen. 3. Daß das Verfahren gegen mich ein ordentliches ist, also kein Militärgerichtverfahren, und daß es in allen seinen Phasen öffentlich in vollstem Sinne des Wortes ist- 4. Daß ich aus dem Auslande, wo ich jetzt weile, ohne Umweg über Polizei- und Heimwehrkasernen in die Strafhaft des Landesgerichtes überführt werde, und daß die Regierung die Verpflichtung übernimmt, daß keinerlei Mißhandlungen, Folterungen und„Selbstmorde“ an mir vorgenommen werden. Kurz gesagt, ich verlange für mich zum Unterschied von den nationalsozialistischen Putschisten freies Geleite nach Oesterreich, in die Strafhaft des Landesgerichtes. 5. Die österreichische Bundesregierung müßte ihre Verpflichtung nicht vor dem deutschen Gesandten, sondern vor den Gesandten jener Länder übernehmen, bei denen sie jetzt Um Kredite für ihre brave Exekutive betteln • Ein Einzelner fordert die österreichische Regierung in die Schranken. Allerdings ein Einzelner, der im Namen von Millionen Gerechter spricht. Die Antwort, die die Regierung Schuschnigg erteilen wird, erwartet nach dieser Anklage und diesem Angebot die ganze gesittete Welt mit Spannung. Wird sie antworten? Wird sie das Angebot des tapferen Fritz Kreisler a n n e h men? Anklage und Beweise gegen Fey/ Der Ankläger stellt sich Schuschniggs Gerichten Die Geschehnisse des 25. Juli sind aufgeklärt! Das Dunkel, das durch die„Rechtfertigungsschrift" der österreichischen Regierung, das bekannte„Braunbuch", nur noch dichter geworden war, wurde von einem jungen Juristen gelichtet. Er heißt Dr. Fritz Kreisler. In der Nordböhmischen Druck- und Verlagsanstalt läßt er eine kleine Schrift erscheinen, die aus ihrer Titelseite die schwerwiegende Frage enthält:„W er hat Dollfuß ermorde t?"Die Antwort, die Kreisler auf den 75 Seiten seiner Schrift gibt, ist schlüssig: nicht der Hingerichtete Nationalsozialist Planetta hat Dollfuß erschossen, sondern ein anderer. Neber diesen anderen kann allein der jetzige österreichische Minister Fey Aufschluß geben. Wer ist Dr. Kreisler? Dr. Kreisler sagt über sich selbst: „Eines sei vorausgeschickt: Was hier ausgesprochen wird, kommt aus Oesterreich selbst. Dies ist keine Kgmpagne, bezahlt von irgendeiner politischen Richtung oder irgendeiner ausländischen Gruppe. Es werden hier keine anonymen Anklagen erhoben und nichts wäre verfehlter, als die folgende Darstellung für bloße Sensationsmache zu halten. Nein, sie ist ernst gemeint und wird ernsthaft hier in diesen Zeilen belegt. Ich selbst trete in Prag, wo ich mich aufhalte, für jede meiner Behauptungen ein. Man möge mich in Haft nehmen, bis zur Klarstellung des ganzen Sachverhaltes, ich bin bereit, falls sich die Behauptungen als unrichtig erweisen, die verdient« Strafe widerspruchslos auf mich zu nehmen... Noch einige persönliche Worte. Ich selbst bin in Wien geboren und wohnhaft und war in den letzten zwei Jahren als Gerichtspraktikant bei derschiedenen Gerichten in Wien, zuletzt seit 27. März 1934 beim LandeSgericht für Strafsachen in Wien I tätig. Am 27. Juli ließ ich mich von der Gerichtspraxis entheben bzw. suchte nicht um weitere Berlängeruüg an, die mir gewährt worden wäre. Ich bin nach Prag ge- , kommen, um diese Anklage an zuständiger Stelle zu erheben. Das heißt nicht vor den Wiener Gerichten und nicht vor der Wiener Staatsanwaltschaft, die unter unborstellbarem Terror stehen, sondern vor der KulturweltEuropas, die aufgefordert wird, über die Schuldigen ungesäumt Gerichtstag zu halten. Ich bin bei völliger geistiger Frische, kein Morphinist, kein Meuchel- oder Fememörder und auch sonst unbescholten und bin, wie gesagt, bereit, für dtese Anklagemit meiner ganzen Person einzustehen." Das folgende ist, in gedrängter Form, der Inhalt der von Dr. Kreisler verfaßten Anklageschrift: Fey schickt„Beobachter** Bei der letzten Umbildung des KabinetteS Dollfuß war Emil Fey aus dem Vizekanzleramt verdrängt worden. Er wurde„Generalstaatskommissär" für das Sicherheitswesen". Wie sein Blatt, das »Neue Wiener Journal" mehr als einmal betonte, genügte dieser Titel dem Major Fey nicht, er forderte auch die Macht dazu. Fey war entschlossen, diese Macht an sich zu reißen. Daß zwischen ihm und Dollfuß eine starke Spannung bestand, bezeugt vor allem der ehemalige Vizekanzler Winkler, der auch behauptet, Fey habe wiederholt mit den Nazis verhandelt. Am 25. Juli sollte, wie fest Wochen und wie vor allem den Leitern der nationalsozialistischen Partei bekannt war, ein Ministerrat stattfinden. Um spätestens 11 Uhr dieses TageS, wahrscheinlich schon früher, wird dem Major Fey gemeldet, daß sich in der Siebensterngaffe— 20 bis 80 Minuten vom Kanzleramt entfernt— Bewaffnete zusammenrotten und daß ein Putsch auf das Bundeskanzleramt geplant fei. Fey sendet Beobachter in die Siebensterngaffe. Diese Beobachter werden dort „gefangen" und beim Putsch mit auf den Ballhausplatz geführt. Seinen Adjutanten Wrabel sendet Fey in ein Cafe zu einem mysteriösen Konfidenten, der bisher weder genannt noch einvernommen wurde. El» Gespräch ohne Zeugen und ungeladene Gewehre Dem Bundeskanzler macht Feh eine Mitteilung, für die es keine Zeugen mehr gibt,' da nur Dollfuß und Fey gehört haben, was gesprochen wurde. Auf diese Mitteilung hin schickte Dollfuß jedenfalls die Minister nach Hause. Fey und Karwinsky aber erstatten Dollfuß einen Bericht, der so lange dauert, bis Bewaffnete in das Palais eindringen. Erst eineinhalb Stunden, nachdem er selbst die Nachricht erhalten hat, gibt Fey sie der Polizei weiter. Es ist zu spät: der Ueberfall ist inzwischen geglückt. Die Wache des Bundeskanzleramtes hat ungeladene Waffen und keine Munition, daS Tor steht"offen."Angeblich,'weil gerade die Wache- Ablösung stattfinden sollte. Erst später wird angeführt, die Polizei habe den Michaeler platz sichern wollen, wo ein Attentat auf Dollfuß geplant gewesen sei(das inzwischen nuf dem Ballhausplatz ausgeführt wird). Fey telephoniert Die Rebellen warten im BallhauspalaiS vergebens auf ihren Führer Kunze, recte Rintelen. Da er nicht erscheint, bitten ste Feh, ihnen auS der Verlegenheit zu helfe«. Feh telephoniert mit verschißenen Stellen» erscheint mehrere Male auf dem Balkon, verbietet der Exekutive, einzugreifen und verlangt vor Zeugen, daß man den Führer des Putsches, Anton Rintelen, rufe. Er sagt kein Wort davon, daß Dollfuß ermordet ist. Seine Freunde verbrüdern sich mit den Putschisten. Eine Revolverkugel verschwindet Auf den Bundeskanzler hat, sofort nachdem die Putschisten eingedrungen waren und— auffallend rasch in dem Gewirr von Sälen und Zimmern den fliehenden Dollfuß fanden— Otto Planetta einen Schuß abgegeben. Er ist nicht tödlich. Zweimal geschossen zu haben, leugnet Planetta— und seine Aussage in diesem Punkte ist glaubhaft— bis zum letzten Atemzug. Das Gericht führt als Zeugen dafür, daß Planetta zweimal geschossen habe, den Diener Hedvicek, aber seine Aussage widerspricht dem Gutachten der Sachverständigen, daß der tödliche Schuß aus einer anderen Enffrrnung kam, und den nackten Tatsachen, daß er aus einer in jener Situation unmöglichen Schußrichtung abgefeuert wurde; ferner bleiben ungeklärt die 11 n t e r f ch i e d e i» den Messungen und daS Set« Dr. Kreisler, der, von seinem Gewissen getrieben, nach Prag gekommen ist, um hier die Anllage gegen die wahren Schuldigen des 25. Juli zu erheben, macht der Regierung Schuschnigg das Angebot, sich ihr zu stellen und das um den 25. Juli schwebende Dunkel als Angeklagter aufzuhellen: „Der Prozeß Planetta und Holzweber hat die Ereignisse am Ballhausplatz nicht geklärt. Das Urteil war ein Fehlurteil. Es muß ein neuer Prozeß geführt werden. Um dies za ermöglichen, Mn ich bereit, niu>h Wien ins Landesgericht für Strafsachen zurückzukehren, und zwar in die Haft. Man möge mich wegen Verleumdung oder Hochverrats oder irgendeines anderen Deliktes ankla- gcn, ich werde mich verantworten. schwinden Ver einen Kugel. Mit dem Kanzler hat nach dem Attentat nach den bisher gemachten Aussagen nur der Major Fey, wie er aussagt, einmal, wie der Staatsanwalt behauptet, mdhreremale, gesprochen. In einem der Prozesse staucht die Behauptung auf, man habe von außen her den verwundeten Bundeskanzler noch sprechen hören. Der Vorsitzende läßt das Thema sogleich fallen, denn es ist offensichtlich kaum vorstellbar, daß Dollfuß nach der zweiten tödlichen Verwundung noch laut sprechen konnte. Ist die zweite Verwundnngaber später, etwa nach der lauten Aussprache erfolgt, so bricht die ganze Beweisführung im Prozeß Planettas zusammen. Am Abend des Mordtages halten' Fey und Schuschnigg Ansprachen’ im Rundfunk. Sie sind voller Widersprüche.' Vie Regierung vertuscht... Alle Welt wartet auf die Klarlegung der Zusammenhänge.'Die Regierung führt überstürzt einig« Prozesse durch, die allen Regeln der Kriminaljustiz spotten. Hals über Kopf wird Dollfuß begraben, über den Hergang des Mordes, über die Verwundungen des Kanzlers werden widersprechende und zum Teil offensichtlich falsche Nachrichten verbreitet. Rintelen begeht einen„Selbstmordversuch", der nach Aussagen dritter Personen(Winkler) ein Mordversuch gewesen sein soll. Auf der Ministerliste Rintelens soll auch Fey gestanden haben. Der Lester der Polizei, Hofrat Skubl, beschuldigt Fey ganz offen, das Gelingen des Putsches verschuldet zu haben. Bis heute weiß di« Welt nicht, wieviel e Le u t e und wer den Putsch durchgeführt hat, wieso von ihnen eine Reihe sehr wichstger Mitwirkender entkommen konnten. Warum schwelgt Schuschnigg? Dr. Kreisler kommt zu dem Schluß, daß die Hingerichteten Putschbeteiligten Holzweber und Planetta von ihren Hintermännern und ihrer Partei geopfert wurden, damit der wichtigere Fey erhalten bleibe. Auch Schuschnigg wisse von den Zusammenhängen, aber: „Unsere Minister, die Herren Starhrmberg und Schuschnigg, setzen sich mit jedem zusammen, wenn er nur bewiesen hat, daß er ein Antimarxist ist. Denn die Preisgabe des Wiener Landrsfüh- rers der Heimwehr, Emil Feh, des Helden gegen die Marxisten vom 12. Feber her, würde auch bedeuten die Preisgabe der ganzen Heimwchr und damit wären die Grundlagen des gegenwärtigen Regierungssystems zerstört." Dennoch müssen mit Rücksicht auf die bekannten Verhältnisse in einem faschistischen Lande gewisse Sicherungen gegeben werden, damit ein ordentliches Gerichtsverfahren gegen mich durchgeführt wird. Ich bin bereit, nach Wien zurückzukehren, wenn die österreichische Bundesregierung in feierlicher Form folgende Verpflichtungen übernimmt: . 1. Daß alle auf den Putsch vom Ballbausplatz bezüglichen Prozeßakten und ebenso die Namen aller„hundertfünfzig zweihundert“ Putschisten veröffentlicht-werden, damit ich die Akten studieren und r-.teh verteidigen kann. 2. Daß mir erstattet werde, zu meiner Verteidigung»isländische Verteidiger heranzuziehen, d»«ne österreichischen Verteidiger unter Twror stehen. Daß mir Gelegenheit gege- Polltische Blockbildungen Wie sehr die Innenpolitik bereits von den kommenden Wahlen beeinflußt wird, zeigen die Bemühungen, die in verschiedenen Lagern auf eine Blockbildung abzielen. Im tschechischen Lager geht dies allerdings nicht ohne große Schwierigkeiten ab. So wachsen in nastonaldemokrastschen Kreisen die Widerstände gegen die Eingliederung Stkk- brnhs in die nastonale Front mit jedem Tage und finden ihren stärksten Ausdruck darin, daß sich»der Pilsner Kreis Lukavskys, des Vorsitzenden der nastonaldemokrastschen Parlamentsfraktion, mst größter Enstchiedenheit gegen den Zusammenschluß mit der Stribrnh-Gruppe zur Wehr setzt. Aehnliche Schwierigkeiten gibt es auch im katholischen Lager, in dem ryan trotz allen Bemühungen nach dem Anschluß der Hlinka-Gruppe über fromme Wünsche nicht hinauskommt, da Hlinka gerade angesichts der sich nähernden Wahlen von seinem auto- nomistischen Programm und seinen sonstigen hochgespannten Forderungen nicht ablaffen will, und auch sonst hinsichtlich des Miöura-Flügels unerfüllbare Forderungen stellt. Im deutschem Lager wird der Zusammenschluß des Landbundes mst der Henleinfront immer deutlicher. Auf der Karlsbader Tagung des Landbundes hat es aus dem Munde des jetzigen geschäftsfüh- renden Vizepräsidenten Hacker ein förmliches Be- kennmis zu Henlein gegeben, wobei es natürlich an gehässigen Kampfansagen gegen den Marxismus nicht fehlte. Die anderen deutsch-bürgerlichen Parteien sind ratlos. Durch Henleins letzte Kundgebung hypnotisiert, schwanken sie zwischen der Begeisterung für den neuen„Führer" und dem Existenzinter- effe ihrer Parteien und bieten so ein klägliches Bild, was sich Henlein natürlich zunutze macht. Trotz alldem ist die deutsche Einheitsfront noch lange nicht auf dem Marsch.. Alle die halb- oder ganzpathologischcn Schwärmer für die Einheitsfront dürften noch ihre blauen Wunder erleben, nicht in letzter Linie auch Herr Henlein, der irriger Weise anzunehmen scheint, daß er das Spiel schon gewonnen hat. v«5 Mißtrauen wächst Im„Demokratickh Stked" werden„Neue Fragen an Henlein" gestellt, deren Autor den Loyalitätsbeteuerungen Henleins vom rein st a a t l i ch e n Standpunkt aus sehr kritisch und zurückhaltend gegenübersteht. Er quittiert zwar aus dem Staatsintereffe heraus mit Dank Henleins bekundete Bereitschaft zu akttver Mitarbeit, stellt aber fest, daß es vom Standpunkt desselben Staatsintereffes u n v e r n ü n f- t i g wäre, ihm mehr Zutrauen zu schenken, als er wirklich verdient, und nicht vielmehr erst seine Taten abzuwarten. Als sehr ungenügend und absolut unbefriedigend wird namentlich- der außenpolittsche Teil der Böhm.-Leipaer Henlein- rede bezeichnet, d. h. sein Auskneifen vor einer klaren Stellungnahme zu Hitler und die Lobeshymne auf dessen Friedensrede. Das Blatt schreibt dazu u. a.: „Bon Deutschland her droht dem europi- ischen Frieden Gefahr. DaS ist jedem klar, der Angen zum Sehen hat. Warum steht es Herr Henlein nicht? Oder will er nicht sehen? Unsere Staatspolitik muß fich darauf einrichten, daß ste imstande ist, dieser Gefahr zu begegnen. Wie vereinbart damit Henlein seinen AktiviSmnS? Da gstt nur: entweder mit«ns»der gegen»nS, und gar erst von dem, der nicht mit uns geht, wen» Le- benSwortwörtlich: LebenSintereffen des Staates auf dem Spiel stehen, müsse« wir urteile«, daß er gegen«ns geht. In diese» Ding en verstehe« wir keinen Spatz. Daher ersuchen wir auch Henlein, derartige Scherze zu unterlassen, wie daß er sich über da», was in Drntslchand vor stch geht, nicht äußern könne, wenn e» ihm praktisch unmöglich gemacht werde, nach Deutschland zu fahren, um dort die Dinge znprü- fen; durch solche Worte verschärft er nur unsere Wachsamkeit und unser Mißtrauen." Dr. Kreisler stellt sich den Wiener Gerichten Seit« 4 Sonntag, 38. Oktober 1934 Nr. 253 vcr Gcnosscnsdiattsgcdanlfc und die FOrderund des Gemeinwohls Eine sonderbare Ironie des Schicksals will es, daß zu einer Zeit, die der praktischen Genossen- schastsarbeit, wenigstens an der Praxis der verantwortlichen Wirtschaftsführer gemessen, nicht freundlich gegenüber steht, die Ausdrucksformen der Genosscnschaftsbewegung die weiteste Verbreitung erfahren haben. Der private Handel und die private Industrie hängen sich ein soziales Mäntelchen um und sprechen nur noch vom«Dienst am Volke", wenn sie ihre Reklame steigen lassen. Als "erste graste Firma hat sich Baka dieser Worte bedient und ihm folgen die Kleidermacher, die Strumpferzeuger, die Nahrungsmittelhersteller und viele andere. Dast die Gewerbetreibenden und die Kaufleute in ihren Zwangsgenossenschaften eine wertvolle Förderung ihrer Wirtschaft erblicken, dürfte allgemein bekannt sein. In den Blättern dieser Richtung findet man genossenschaftliche Artikel, die sich des Wortschatzes der Konsumgenossenschaften voll bedienen. So schreibt die„Gedeka", das Organ der Grosteinkaufsge- nossenschaft der Kaufleute in Aussig, am 30. August d. I. in einem Artikel„Genossenschaftlicher Nachwuchs" über die genossenschaftliche Willensbildung der jungen Kaufleute und verweist darauf, dast in anderen Staaten bereits in den Schulen über Genossenschaftswesen gelehrt wird. Sie zitieren auch eine kleine Erzählung von dem bekannten französischen Konsumgenossenschafter Charles Gide, allerdings ohne zu erwähnen, dast diese„Moral von der Geschichte" aus jenen Kreisen stammt, die von den Kaufleuten hierzulande mit allen Mitteln bekämpft wird. In der landwirtschaftlichen Presse finden sich ebenfalls rühmende Worte für den Gedanken der Genossenschaft und cs ist zweifellos der starken genossenschaftlichen Organisierung der Landwirtschaft zu danken, dast diese, gestützt"auf ihre wirtschaftliche Macht, ein so entscheidendes Wort bei allen Fragen von Bedeutung im Staate zu sprechen haben. • Wenn nun also Handel, Gewerbe, Landwirtschaft und zum Teil auch die Erzeuger so überzeugt davon sind, daß im genossenschaftlichen Zusammenschluß, in der genossenschaftlichen Arbeit ein so wertvoller Kern zu suchen ist, warum treten dann die diese Kreise repräsentierenden politischen Parteien in einer, besonders gehästigen Form gegen die Ko'nmgenossen- scv afte n auf, die in.en Reihen in über- toiegender Anzahl Arbeiter- und Angestelltenfamilien als Mitglieder vereinigen? Sieht es nicht so aus, als ob die genossenschaftliche Idee, die Vorteile einer vereinigten wirtschaftlichen Kraft, zum Nutzen, jener Kreise allein vorhanden sind, die "an und für sichrere'iS Äs stärkere' imrischaMche Faktoren in Erscheinung treten? Soll es denn allein dem letzten Verbraucher verwehrt sein, sich der genossenschaftlichen Arbeit zur Hebung seiner wirtschaftlichen Lage zu bedienen, nur weil dieser Zusammenschluß das Profitinteresse bestimmter Kreise schädigt? Die ganze Art des Kampfes, der von privatwirtschaftlicher Seite gegen die Konsumgenossenschaften geführt wird, zeigt nyr blinden Haß gegen das aufstrebende Genossenschaftswesen der Arbeiterschaft und läßt alles von jenen genossenschaftlichen Gedankengängen vermissen, deren sie sich sonst in ihrem eigenen Kreise und ihren Publikationen bedienen. Tatsache ist, daß der Genoflenschastsgedanke, die genossenschaftliche Arbeit hervorragende Elemente zur Förderung des Gemeinwohles enthalten. Das setzt jedoch voraus, daß die breite Masse der Verbraucher in ihren eigenen Selbsthilfeorganisationen Gelegenheit findet, sowohl ideell als auch praktisch diese Gedanken kennen zu lernen und zu üben. Nur die praktische Genossenschaftsarbeit Eger und Reichenberg, viele Geschäfte, die sich mit dem Vertrieb von Nahrungsmitteln befassen, mit einem Kundenstock von nur 50 Familien. Das bedeutet, daß keines dieser Geschäfte, rein volkswirtschaftlich gesehen, eine lebensfähige Grundlage besitzt. Das Einkommen ist in allen Kressen gesunken und demgemäß muß sich der Verbraucher — und das betrifft den größten Teil der Fa- orr-aanisie.tfteti~ Konsumenten üfän&umenferi ff p/ca y-nossensciiafttee&e. jroifaiktion vryczaisiert a n&gyfaisc&en. Ionita,*' die ti&Lrtfna&icre ffl'oduA- tixm-, für den rvr~ ISSndenen föecAcvrf clee- gibt weiten Kreisen der Arbeiterschaft die Möglichkeit, den Ausbau einer für das Gemeinwohl arbeitenden Wirtschaftsweise zu fördern und in ihrer allgemeinen Anwendbarkeit zu prüfen. Unsere Genossenschaften haben den Beweis erbracht, daß die Warenverteilung in billigerer und zweckmäßigerer Weise durch die Verteilungsstellen der Genossenschaften vor sich geht. Heute arbeiten erwiesener- nmßen in einzelnen Handelskammerbezirken, z. B. mitten— einschränken und kann nur wenig umsetzen. Die Anzahl der Konkurse und Ausgleiche ist seit Krisenbeginn in aufsteigender Linie und hat der Volkswirtschaft Milliardenverluste gebracht, die letzten Endes wieder vom Verbraucher bezahlt werden müssen. Die Verteilungsstellen der Kon- sumgenoffenschaften haben eine durchschnittliche Anzahl von weit über 100 Familien zu versorgen. Durch die planmäßige Warenbeschaffung— die Genossenschaftsleitung kann von vornherein mit dem Absatz der Waren rechnen— fällt das spekulative Aufhäufen eines Lagers fort, daS der Privatwirsschaft und damtt dem Kunden ebenfalls viel Geld kostet. Die Aufgabe der Genossenschaften ist es, der Arbeiterschaft alle Möglichkeiten genossenschaftlicher Wirtschaft aufzuzeigen und nahezubringen und sie wirklich zu Genossenschaftern zu machen, denn dann sind sie unüberwindlich und eine so starke wirtschaftliche Macht, daß die gegen« wärtigen Hindernisse, die ihre Entwicklung hemmen wollen, von selbst zusammenbrechen. Die arbeitenden Menschen müssen sich klar darüber sein, welch starke Macht ihr vereinigte rEink auf ist. Sie müssen diesen durch ihre Konsumgenossenschaften gemeinsam auswerten, dann können sie als gleichwertige Wirsschastspartner, beispielsweise mit den land« wirsschaftlichen Genossenschaften, auf den Plan treten. Jede denkende Arbetter- und Angestelltenfamilie, alle, die von ihrer Hände und ihres Geistes Arbett leben und nicht zu den Reichen dieser Welt zu zählen sind, gehören in die Reihen der Konsumgenossenschaften. Das Recht zur wirtschaftlichen Wah-mng eigener Interessen wurde den Gewerbetteibenden, Kaufleuten und Landwirten noch niemals von fetten der Konsumgenossenschaften bestritten. Es ist die eigentümliche Auffassung von Genossenschaft auf jener Seite, die es den Arbetter« verwehren will» sich auch ihrerseits auf genossenschaftlichem Boden ihre wirtschaftlichen Rechte zu wahren. Der Kampf entbrennt nun nicht mehr allein bei den Warenverteilern. Er greift mit der wachsenden Eigenproduttion auch auf die großen Erzeuger über, die sich allerdings verschiedener politischer Parteien bedienen, um ihre rein Witt« schaftlichen Interessen zu verteidigen. Wir haben eingangs erwähnt, daß die Firma Baka A.-G. sich rühmt,„Dienst am Kunden" zu leisten. Sie erzählt dtr vertrauensvollen Oeffentlichkeit allerdings nicht, daß ihr dieser„Dienst" Millionengewinne eingetragen hat und noch einträgt. Der Fuchs kann deS Hasen Freund nicht sein und alle Faseleien von der Herstellung einer Bolksgemein« schäft bleiben graue Theorie, solange der Volksgenosse Unternehmer dem Volksgenossen Arbeiter den Bissen zuteilen und den Lohn nach Beliebe» kürzen kann. Es ist ein recht ungleiches Spiel der Kräfte, bei dem der eine Partner alle Mittel moderner Kriegsführung besitzt und der andere nichts hat als seine zwei nackten Fäuste. Eine wahre Volksgemeinschaft wird erst dann entstehen, wenn jeder schaffende Mensch seinen gerechten An« !eil an den arbeitenden Gütern erhält. Eine wahre Volksgemeinschaft blüht nicht auf, solange das mörderische System des Kapitalprofits-die Menschen in zwei Teile scheidtt. Sie wird erst dann Aufblühen, wenn getreu nach wirklichen genossenschaftlichen Grundsätzen eine planmäßige Vorsorge bei. der Produktion und Verteilung der Güter vorherrscht und wenn nimmer eine kleine Minderheit der großen Mehrheit die Gesetze des Lebens diktieren kann. Wenn wir den Genossen^ schastsgedanken auf unser praktisches Leben über- ttagen und in jeder Beziehung genossenschaftlich handeln, dann bereiten wir die neue Wirtschaftsform vor, die das Gemeinwohl zum Ziele hat. R i e d l E. „Die Entstehung der Tschechoslowakischen Republik" Ein deutsches Werk Uber die Entstehungsgeschichte der Republik Es ist erfreulich, daß die Geschichte der Entstehung der Tschechoslowakei endlich eine umfangreiche und wissenschaftlich fundiette deutsche Darstellung findet, es ist für uns doppelt erfteulich, daß ein als Histottker und Politiker weithin bekamiter deutscher Sozialdemokrat der Autor dieses ersten größeren Werkes in deutscher Sprache ist, das den Ursprünge^ und dem bielgewunhenen Lauf der Geschichte des unabhängigen tschechoslowakischen Staates nachgeht. So ist es ausnahmsweise keine Phrase, wenn man auf das Buch„Die Entstehung der Tschechoslowakischen Republik", das im Orbis-Verlag erschienen und dessen Autor unser Genosse Dr. Emil Strauß ist, das oft mißbrauchte Wott anwendet, es komme einem lang empfundenen Bedürfnis entgegen. Die deutschen Bürger der Republik, die öffent- lichen Büchereien, die Schulen, Lehrer und Schüler sechst, haben den Mangel einer objektiven, gründlichen und zusammenhängenden Darstellung der Geschichte Und der Vorgeschichte der sechständigen Tsche- choslowakischen Republik ost und drängend empfunden. Das Buch von S t r a uß füllt die Lück« aus und man darf auch sagen, daß es nicht etwa ein Notbehelf, sondern ein seriöses und gediegenes Werk ist. Daß Strauß keine oberflächliche Matettal- sammlung oder ein flüchttge» Resuutt, sondern eine wissenschaftliche Arbeit liefert, erkennt man schon in den ersten Kapiteln, die weit in die Geschichte der Sudetenländer und des tschechischen Volles zurückgreifen- Strauß setzt im wesentlichen bei der Darstellung der Revolution von 1848 ein, flizziert aber auch die Voraussetzungen für das Erwachen der Tschechen und Slowaken, also die gewalttge sozialökonomische Umschichtung Europas um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Er folgt hier vorwiegend den Auftaffungen, die OttoBauer in seiner »Nationalitätenfrage" entwickelt hat. Es gelingt da» Autor sehr gut, den dauernden dialekttschen Zusammenhang zwischen der ökonomischen Emanzipation der Tschechen und den steigenden Tendenzen zur Unabhängigkeit und staatlichen Selbständigkeit aufzudecken. 1848 beginnen die Tschechen noch mit einem sehr bescheidenen Programm, das sie anfangs mit den Deutschen gegen Habsburg, im Laufe der Revolution mit Habsburg gegen die großdeutschen Strömungen durchsetzen wollen. Noch sind sie zu schwach, um allein auf sich gestellt kämpfen zu können. Palackys Wott, daß man Oesterreich schaffen müsse, bestünde«S nicht schon, erscheint als Ausdruck des Anlehnungsbedürf- nisses einer noch wenig entwickelten Natton von Kleinbürgern und eben erst restlos befreiten Bauern an stärkere Gewalten. Aber schon die nächsten zwei Jahrzehnte wandeln daS Tschechentum. Die Entfal- tung der bürgerlichen Klaffe stättt die sozialen Bedingungen deS Kampfes, die Erfahrungen, die der Nation im Ringen mit der immer wieder wortbrüchigen Dynastie blühen, wirken zurück auf das Denken und Handeln großer Volksschichten, die sich jetzt erst im„Sokol" und in anderen Massenorganisationen die geeigneten Waffen für ihren Kampf schmieden. Der gleiche Vorgang wiederholt sich in den achtziger Jahren: die Polittk der Alt-Tschechen und Taaffes weitet den LebenSraum des tschechischen Kleinbürger- tumS, und in den neunziger Jahren meldet dieses Kleinbürgertum in Gestalt der jungtschechischen Bewegung neue, weitergehende Forderungen an, tritt eS mutiger auf den Plan. Strauß zeigt auch, daß die Geschichte des Aufftteges der Tschechen auf der einen Seite, die Geschichte einer katastrophalen Reihe von Fehlern auf der Seite der österreichischen Regierungspottttt ist. Insbesondere tritt die Unfähigkeit Franz Josephs,, das Nattonalitätenproblem auch nur zu erkennen, geschweige denn zu meistern, deutlich hervor. Strauß war ohne Zweifel nicht nach der Seite hin voreingenommen, die Möglichkeit det Lösung der tschechoslowakischen Frage im Rahmen des österreichischen Gesamtstaates erweisen zu wollen. Er hat sich bemüht, alle Ansätze zu der revolutionären Bewegung, die 1914 mü Nachdruck einsetzt, in den vorhergchenden Jahrzehnten aufzuzeigen. Trotzdem ergibt sich das Bild einer Revolution, deren letzte Konsequenzen den Tschechen aufgezwungen wurden. Bis 1914 und bei vielen tschechischen Politikern noch länger, erscheint die Forderung nach dem tschechoflowakischen Staat noch nicht in Widerspruch mit der Idee einer mitteleuropäischen Föderation. Es hat verhängnisvoller außen- und vor allem innenpolitischer Fehler der Krone bedurft, ehe sich das tschechische Volk und feine Politiker von der Vergangen- heit ganz lossagten, ehe die Westmächte ihre These von der notwendigen Existenz Oesterreichs aufgaben. Strauß stand wie jeder Histottker der tschechischen Revolution vor der schweren Aufgabe, den Anteil der Auslands- und der Jn- landSrevolution gerecht gegeneinander abzuwiegen. Der Eindruck, den man aus seinem Buch gewinnt, ist der eines wechselseittgen Verhältnisses in den Wirkungen der Auslands- und Jnlandsrevo- lution, aus dem keiner der bttden Faktoren wegzudenken ist, in dem aber M a s ä r h k und Benes die am frühesten erweckten, die am schärfsten utteilen- den und darum auch die führenden Geister waren. M a s a r h k hat den Anstoß zur tschechischen Revo- lutton gegeben, ohne ihn wäre sie wahrscheinlich auch, aber später und darum viellttcht zu spät ins Rollen gekommen. Denn die Rechnung, die K r a m a i und D ü r i ch mit Rußland machten, ging nicht auf. Nach der Niederlage Rußlands wären die Tschechen zunächst weit zurückgeworfen worden, hätte nicht damals schon das Werk Masaryks und Beness ein solides Fundament der Revolutton bedeutet. Daß wiederum die Auslandsrevolution der Ergänzung im Inland bedurfte, nicht nur der Maffia, die ja. ihr ureigenes Wett war, sondern auch großer selbständiger Mionen wie des Manifestes der Schttftsteller, des Drei- königsschwurs, der Erklärung, die StanA im Reichsrat abgab, geht aus Strauß' Darstellung ttndeuttg hervor. In dem schweren und zähen Kampf, den Benes um die Anettennung des Nationalrats als Regierung führen mußte, hätten„Dolchstöße" der Heimat, wie sie anfangs gelegentlich als Folge des Wiener Terrors und einer manchmal übettriebenen Prager Vorsicht vottamen, zu verhängnisvollen Rück- schlägen führen müssen. Die seit dem Frühsommer 1917 immer stärker einsetzenden Akttonen der Hei- mat haben erst die Erfolge möglich gemacht, die Masaryk und Benes 1918 in Washingtons Paris und London erzielten- S t r a u ß' Geschichtsbetrachtung ist marxistisch. Um so interessanter ist es, in seinem Werk die Wirffamkeit der Persönlichkeit und des menschlichen Willens gebührend eingeschränkt zu finden. Als Marxist zeigt-Strauß dauernd die Bedingungen und Grenzen der bewußten Aktton auf, zeigt er, daß auch Männer wie Masaryk und Benes erst unter ganz bestimmten Konstellattonen zu so weittragende» Schlüffen gelangten, ettt in besonderen Situationen mit ihren Ideen durchdrangen. Als Marxist widerlegt Strauß aber auch den vulgärmarxistischen Aberglauben, als würden die Verhältnisse selbst Geschichte machen, als geschähe irgendetwas ohne den bewußte» Einsatz ttneS starken, ost der Entwicklung borgreifenden und in seiner ersten Erscheinung utopifttsch anmutenden Willens. And noch ein Eindruck bleibt fühlbar hafte»: die Revolution der slawischen Nationen mutzte— dank der Unfähigkeit der österreichischen Staatsführung, wie bei Strauß deutlich wird — Mitteleuropa zerschlagen, um an ihr Ziel zu gelangen. Sie hat aber damit nicht nur eine» reaktionären Feudalstaat, sondern auch eine gesunde Symbiose in Wirtschaft und Kultur zerstört. In Mitteleuropa entstand ein Vakuum a» Macht. Erst dieser Zustand hat die Erfolge des deutschen und italienischen FasttsmuS im Donauraum ermöglicht, erst daS macht bttde so gefährlich. Alle Bedenken der Tschechen gegen ttne radikale Lösung, dir vor 1914 lebendig waren, erweisen sich heute als vollberechtigt. Der deutsche Imperialismus bedrängt die tschechische, der italienische die südflawische Unabhängigkeit. Das neue Mitteleuropa z» schaffen, diese konstruktive Aufgabe der slawischenRevolution, bleibtz» lösen. Ihre Lösung erst wird die reaktionär« Gespenster im mitteleuropäischen Raum für immer bannen. Strauß, der mit dem Fttedensvertrag und der AnabafiS der Legionen sein Wett schließt, stelst diese Betrachtung nicht mehr an. Sie ergibt sich zwangsläufig für dm denkenden Leser. Und auch die», daß es zum Weiterdenken anregt, ist ei« der starken Seiten des Buches, das neben d« öffentlichen auch den Arbeiterbiblotheken zu empfehlen ist(geb. XL 55.—, 355 Seiten). «. r. Nr. 253 Sonntag, 28. Oktober 1934 Seile 5 Wir beraten Sie gerne und kleiden Sie gut Kleidung■—- mit Garantieschein 272? Neuer Schnelligkeits-Flugrekord versucht Auf dem Rückflug Melbourne—Eugland Tagcsnculghcilcn Jugend baut für die Jugend Wer täglich gegen fünf Uhr nachmittags das Arbeitslager Bodenbach von der Schäferwand heruntermarschieren sieht, ist meist verwundert über die frohen Gesichter der jungen Menschen am Ende des Arbeitstages. Was zeichnet ihnen wieder Freude in die Augen?. Sie bauen ihre Jugendherberge. Sie lehnten es ab, Aeltere, Erfahrenere, Stärkere zur Hilfe zu bekommen, allein wollen sie ihr Werk schaffen. Mitten im Naturparke der Schäferwand gelegen, wird durch die Jugendherberge erst ein Teil der Schäferwand erschlossen, der bis jetzt V-" Rindern und ihren Müttern meist gemied. wurde. Der schmucke, einfache Bau, entworfen von Herrn Arch. Josef Peukert, bietet für etwa 40 junge Wanderer ein Obdach im frischen, stillen Walde und doch in nächster Nähe der Stadt, gelegen. Der Bau, dessen Kosten mit 140.000 KL ursprünglich errechnet wurden, wird diese Summe bei weitem nicht erfordern, da nicht nur die Steine, sondern auch der Bausand an der Baustelle gefunden wurde. An Bedeckung für die Jugendherberge waren vorgesehen: 30.000.— KL vom Verbände für die Jugendherbergen und KL 20.000.— an Spenden. Der Rest sollte aus den Mitteln der produktiven Arbeitslosenfürsorge der Stadtgemeinde Bodenbach beigestellt werden. Mittlerweile haben die Erben nach Herrn Ehr. G a r m S zur Unterstützung der guten Sache im Sinne des Verstorbenen das Legat von 30.000.— KL zur Verfügung gestellt. Die Sparkaffa Bodenbach spendete 10.000.— KL und das Ministerium für soziale Fürsorge bewilligte 20.000.— KL als Zuschuß zu den Löhnen. Damit ist auch die Bedeckung einer einfachen, aber geschmackvollen Inneneinrichtung und einer Gartenanlage, die Kindern und Erholungsbedürftigen ein stilles Ruheplätzchen bieten wird, sichergestellt. Wenn der Bau, der in besseren Zeiten leicht erweitert werden kann, im Frühling 1938 seiner Bestimmung zugeführt sein wird, wird die letzte Kritik verstummen. Tödlicher Unfall am Bahnhof Aussig Sin Opfer seines Berufes wurde der Bahnbedienstete Meiner aus Salesel, ein Vater von fünf Kindern. Soweit wir ermitteln konnten, hatte M. am Samstag nachmittag einen leeren Personenzug zum Marienberg verschoben. Dort ist er beim Verlassen des Fahrzeuges in einen vorüberfahrenden Zug gesprungen und sofort zermalmt worden.— Näheres konnten wir trotz Anfrage bei tei Verwaltung des Aussiger Bahnhofes nicht erfahren. Man erklärte uns, keine Zeit zur Auskunfterteilung zu haben, und verwies uns an die Polizei, wo aber kurz vor Redaktionsschluß noch nichts bekannt war. Sechs Arbeiter schwer verletz/ Warschau. In der Erdölraffinerie in Nad« Warna bei Stanislau brach Feuer aus, das erheblichen Sachschaden anrichtete. Durch die Explosion eines unterirdischen Gasbehälters wurden sechs Arbeiter schwer verletzt. Schiffsverbindmrg Moskau—Archangelsk Ein Riesenprojekt wird verwirklicht Bombenflugzeuge mit Panzertürmen London.(Reuter.) Der Luftfahrtminister bestellte bei einer englischen Firma neue mit Geschützen in drehbaren Panzertürmen ausgerüstete Bombenflugzeuge ganz neuen Modells, die wie b.i den Geschützen in den Panzertürmen der Kriegsschiffe ein ganz genaues Schießen ermöglichen. Die neuen Flugzeuge erreichen eine Stundengeschwindigkeit von 200 Meilen. Goeriug-llultur tu Amerika Ein Neger gelyncht. Marianna(auf Florida). Vor dem hiesigen Gefängnis rottete sich eine Menschenmenge an. London.(Reuter.) Die gegenwärtige Lage im England-Australien-Flug ist folgende: MarGregor und Walker befinde» fich auf dem Wege nach Charleville. Hewett und Key starteten bereit- von Koepang nach Port Darwin. Die Brüder S t o d a r t sind von Batavia abge- flogen. Melrose startete bereits von Singapur. Hansen befindet fich in Singapur. Wright und P o l a n d o find in Karachi. Durch Motordefekte werden noch immer Shaw in Buchir, Davies und Hill auf Cypern und B r o o k in Athen zurückgehalten. Die Engländer I on e s und W a l k e r, die als vierte Mannschaft im Luftrennen England- die in das Gefängnis eindrang und sich dort eines Negers bemächtigte, der beschuldigt war, ein weißes Mädchen vergewaltigt und dann ermordet zu haben. Die aufgehetzte Menschenmenge erschlug den Neger und hängte dann seine Leiche an jener Stelle auf, wo der Neger seine Tat begangen haben sollte. Dichter«ud Komponisten, heraus! Gestern sind unL folgende Zeilen zu Gesicht gekommen: Dünnes Mondlicht geistert über dem nächtlichen -.. Platze. Durch das ungewisse Dämmer streife» die schweigenden Gestalten.... die Krügen hochgeschlagen, denn die Nacht ist kühl. In der schnell gezimmerte» Bretterbude... liegen die Leute der Ablösung auf den paar Schütten Stroh. Weit hinten in der Nacht, wo der Platz zu einer Bodenwelle ansetzt, blinke» die Scheinwerfer. Immer wieder. Und so weiter. Man muß daS mst leiser, verhal-» tener Stimme lesen, eben recht gespenstisch, so wie die Situation geschildert wird.„Letzte Atempause vor einem großen Tag",„verhaltene Span- nrmg",„tiefe Erwartung". Dann langsam die Stimme erheben, denn„ein grauer Morgen steigt aus den Nebeln", dann noch wehr steigern,„denck der heiße Strom einer großen Erwartung fließt dem werdenden Tage entgegen". Und sodann: Hörner, Trompeten, Pauken: um den Orkan der Begeisterung wiederzugeben, als dieser unbeschreibliche Tag geboren ward und Er, Er, der Herrlichste von Allen, seine Scharen zum Siege führte. Wenn den Dichter» und Komponisten diese Angaben nicht genügen, verweisen wir sie auf das Original. Es ist Konrad Henleins „Rundschau" vom 28. Oktober. Der völkische Schmock hat sich dort in seinem Bericht über Böhmisch-Leipa also wundervoll ausgelebt. Wir beantragen, ihm einen Trost-Staats- Preis zu bewilligen. Und ihm und allen seinen Kollegen wären Halbhakenkreuze an die Kragen zu nähen— da sie die Henleindeutschen Kragen nicht kennen. Arbeiter, waS sagt ihr daz«? Jener von uns schon öfters zitierte Herr, der allwöchentlich in der„Deutschen Landpost" seine „Spreu und Körner" Magert, leistet sich in der Nummer des Spina-HauptblatteS vom 27. Oktober, in einem Begeisterungserguß über Henleins Böhmisch-Leipa folgende Bemerkung: „Die gedankenlos Worte verwendet werden, davon zeugt in den Zeitungsberichten das Wort „Massen", mit dem die Zehntausende in Leipa bezeichnet wurden. Nein, ihr Herren Berichterstatter, das waren keine Masse» und nicht die„breite Masse" des Volles, sondern Voll oder Gefolgschaft. Die Masse, der Wunschtraum der Marxisten,' das ist Lin Haufe entpersönlichter Menschen, der— man verzeihe mir— aufs Haar der in der Bibel erwähnten Schweineherde gleicht, die sich, vom Teufel befallen, in einen See stürzte." und Korner"-Mann wandell immer auf solchen Bahnen. Und die„Deutsche Landpost" erlaubt ihm dar! Aus der„guten" Gesellschaft. Auf Ersuchen der Budapester Behörden wurde in Wien der ungarische Großgrundbesitzer Baron FLlix Gerliczy verhaftet und dem Landesgericht überstellt. Gerliczy ist ein Enkel des ehemaligen ungarischen Ministerpräsidenten Geza von Fejervary und war einer der reichsten Großgrundbesitzer Ungarns. Er wird nach Budapest wegen betrügerischer Valutengeschäfte ausgeliefert werden. EifersuchtSmord. In Budapest stürzte der Tischler Mathias Balogh Freitag abends in eine Werkstätte, in der seine von ihm geschieden lebende Frau arbeitete, und gab auf diese Mei Revolverschüsse ab. Die Frau war sofort tot Balogh gab auch auf einen Arbeiter einen Schuß ab und verletzte ihn leicht. Dann wendete Balogh die Waffe gegen sich und tötete sich durch zwei Schüsse. Ursache der Tragödie ist Eifersucht. Australlen in Melbourne gelandet waren, sind am Freitag um 21.05 Uhr zum Rückflug gestartet. Sie wolle« versuchen, de« Schnelligkeits- rekord Melbourne—England und den Rekord England—Melbourne und zurück zu schlagen. Die Strecke Melbourne—Charleville durchflogen sie mit einer durchschnittlichen Stundengeschwindig- kiet von 209.8 Meilen, was auf dieser Strecke einen Rekord bedeutet. Die Neuseeländischen Flieger Mac Gregor und Waller find in Charleville um 5.28 Uhr gelandet. Sie stehen an fünfter Stelle. Es verbleibt ihnen iwch die Absolvierung der Strecke bis Melbourne, damit ihnen die fünfte Stelle im Weltftug definitiv zuerkannt werde. Jedem Kinde eine Weihnachtsfreude! Unter dieser Parole haben unsere tüchtigen Fallen im Vorjahr eine Solidaritätsaktion durchgeführt. Das Ziel dieser Aktion war: 10.000 Spielsache» in den Fallengruppen herzustellen, und dann anläßlich des Weihnachtsfestes an die Kinder arbeitsloser Familien zu verschenken. Unsere Fallen wollten damit einen Att proletarischer Solidarität erfüllen und etwas Freude zu den Kindern unserer arbeitslosen Klaffengenossen tragen. Das gesteckte Ziel wurde von unseren Fallen nicht nur erreicht, sondern sogar überschritten. Wer Gelegenheit hatte, in einer solchen Bastelstunde zuzuschauen, und wer sich die Mühe nahm, dann zum Schluß die Weihnachtsausstellung zu besuchen, weiß, mit welcher Liebe unsere Falken bei der Sache waren und wie sehr sie sich an dem Erfolg ihrer Arbeit freuten. Mexiko ohne Geistliche. Wie die Zeitung „Universal" aus Chihuahua meldet, ist nunmehr auch den im Staate wirkenden protestantischen Geistlichen die Amtserlaubnis entzogen worden. Der katholische Bischof von Chihuahua hat sich bereits nach El Paso in Texas begeben und di^ Driaen!fltbolijchen GeistlichenweÄen ihm in den nächsten Tagen folgen, so daß damit überhaupt kein Geistlicher mehr im Staate vorhanden sein werde. Funde aus der Eiszeit. Beim Dorfe Kost e n k ö im Gouvernement Woronesh(Rußland) finden gegenwärtig Ausgrabungen interessanter Siedlungen-aus der letzten Periode der Eiszeit statt. Es wurden menschliche Wohnstätten aus der Eisperiode aufgefunden, in denen Reste verschiedener Tiere, wie z. B. von Mammuts, Renntieren, Höhlenlöwen und Bären vorgefunden wurden. Vor allem wurden sehr viele Mammutsreste gefunden. Außerdem entdeckte die wissenschaftliche Expedition auch eine 30 Meter lange und 15 Meter breite Wohnstätte aus der paläolithischen Zeit. Diamantenraub in Chicago. Vier Räuber überfielen in Chicago einen New Uorker Diamantenmakler, schlugen ihn mit einem Piswlenkolben nieder, schleppten ihn in ihren Kraftwagen und fuhren davon. Unterwegs raübten sie ihm eine Schachtel mit ungefaßten Diamanten im Werte von 50.000 Dollar und 500 Dollar Bargeld. Dann stießen sie ihn aus dem Wagen und suchten das Weite. Weibliche Polizeitruppe in Pari-. Ein Mitglied des Pariser Stadtrates hat eine Entschließung eingebracht, durch die der Polizeipräfekt aufgefordert wird. Vorschläge für die Schaffung einer weiblichen Polizeitruppe zu unterbreiten. Die weiblichen Polizisten sollen besondere, ihrer Eigenschaft entsprechende Aufgaben erhallen. Ziehung der Klassenlotterie (Unverbindlich) Prag. Bei der Samstag-Ziehung der V. Klaffe der 31. tschechoslowakischen Klaffenlotterie wurden nachfolgende Gewinne gezogen: 300.000 KL 51058; 200.000 KL 102931; 50.000 KL 51494; 40.000 KL 51920; 30.000 KL 87103; 20.000 KL 96935. 18092; 10.000 KL 92728 19449 78159 908 58201 17058 5000 KL 39756 30426 95961 100099 3620 52835 27433 63094 54834 62980 49752 46240 60470 97835 101644 31259 75986 19799 19048 107061; 2000 KL 28041 88409 51559 101027 20495 97375 81927 69192 99881 95327 76851 55958 3158 76660 77840 74035 21860 19174 60818 107185 42663 29433 55085 79229 21684 19958 1237 65 72603 102120 6771 29027 85709 57272 17067 16978 69816 33138 28167 78480 67055 1014 36639 78148 78747 37511 47808 54301 79981 87457 19101 57864 76040 26869 822 17898 92957 25497 50956 72903 77877 83016 58710 48837 32132 105715 48864 87305 74626 1041 59973 42556 35959 95815 86528 28705 73381 67593 82556. Vom Rundfunk ■mpfehlenswertei au* den Programme«! Montag: Prag, Sender L.: 10.05: Deutsche Nachrichten, 11: Schallplatten, 12.10: Leichte Musik, 13.85: Arbeitsmarkt, 16.55: Kinderecke, 17.20: Schallplatten, 18.20: Deutsche Sendung: Dr. Werner: Deutsche im Leben Masartzks, 18.40: Goldschmidt: Vorschau auf das Musikprogranun der tschechoslowakischen Sender, 18.55: Deutsche Presse, 20: Cembalokonzert, 22.15: Chansons. Sender S.: 14.45: Liederkonzert, 15.10: Deutsche Sendung: Dr. Swoboda: Musik aus Böhmen, 19.15: Qpern-Duett« auf Schallplatten.— Brünn 15.55: Orchesterkonzert, 17.45: Deutsche Sendung: Dr. Kubelka: Warum lesen wir keine Gedichte?— Mäh risch-Ostrau 12.35: Orchesterkonzert, 18.20: Deutsche Sendung: Arbeiterfunk: Dr. Lederer-Beer: Die soziale lftopie Thomas Moms, Groß: Aktuelle volkswirtschaftliche Fragen. Preßburg 20: Blasorchesterkonzert—Kascha» 15.55: Jazzorchester. Dienstag: Prag, Sender L.: 10.05: Deutsch« Nachrichten, 11.05: Deutscher Schulfunk, 12.10: Unterhccktungs- musik, 17.25: Schallplatte», 18.20: Deutsche Sendung: Dr. Steiner: Wirtschaftliches Relief, 18.30: Baum: Halbe Stunde Hausmusik, 19.30: Uebertra- gung aus dem Rationaltheater: Blodek: Zttel, Singspiel, 22.15: Tanzmusik. Sender S.: 15.05: Deutsche Sendung; Ullmann: Bedeutung der Hausmusik. — Brünn 17.45: Deutsche Sendung: Soziale Informationen, 17.50: Arbeiterfunk: Dir. Gerlich: Zum Weltspartag.— Mährisch-Ostrau 15.55: Orchesterkonzert— Kascha« 15.55: Militärkonzert Sport• Spiel»Körperpflege ATUS gegen STAK Das Verbands-Fußballteam des At»S trägt heute auf dem Sportplätze des TK Star Prag VII «.Troja das Rückspiel mit der Prager Gau Mannschaft des Stak-BerbandeS aus. Beide Teams trete» in der stärksten Aufstellung an. DaS letzte Treffen endete mit 2:0 zugunsten des AtuS. Beginndes Spieles um 3 Uhr. Der Sport, platz befindet fich beim Pomologffchen Garten in Troja. Es wird mit einem starke» Besuch von seilen unserer Parteigenossen sowie des Turnvereines gerechnet Unterstützet unsere» Arbeitersport! Kein Unterschied Die russischen Sportler, die vor kurzem in der Tschechoslowakei an den Start ginge»:, haben bekanntlich mit allen, welche eS wollten, Weist- käurpfe ausgetragen. Für sie, die auS einem A r- beiterstaat kamen, existierte kein Unterschied zwischen bürgerlichen und Arbeitersport. Aber auch zwischen Amateur- und Profis Port wissen sie nicht zu unterscheiden. Sie stehen diesen Gegensätzen hilflos gegenüber und verstehen nicht, warum das eine scharfe Trennung erfordert. Man hätte erwarten können, daß diese Sportler aus der Sowjetunion über die Sportverhältnisse außerhalb ihres Lander besser unterrichtet worden wären— aber nichts davon war zu sehen und zu hören. Sie zeigten z. B. in Prag bei der DTJZizkov, mit welcher sie eine leichtathletische Veranstaltung durchführen wollten, in bezug von Arbeitersportfragen eine direkte Hilflosigkeit und waren bestürzt als ihnen auch von den ffchechischen sozialistischen Arbeitersportlern die Widersprüche ihres Handelns vorgehalten wurden. Aber die Repräsentanten der Sowjetunion waren auch inpolitischerHinsicht sehr armselig in ihren Antworten. Man gewann den Eindruck, daß sie nichts weüer sind als Nur-Sportler, denen der Klassenkampf«in Buch mit fieben Siegeln bedeutet. Hätten die Russen nicht die hiesige Filiale der RSJ, die FPT, zur Seite gehabt, es wäre ficher ein grandioses Schauspiel erlebt worden: sie hätten nämlich ihre ganze Sporttourne« nur mit Bürgerlichen ausgetragenl Am 18. November werden die beiden Sowjetathleten Znamenski und Denisow in Paris gemeinsam mit den Professionals Ladoumegue(Frankreich) und Piet- kowicz(Polen) starten. Also, es existiert tatsächlich für den Sowjeffport kein Unterschied. Man sage daher nicht mehr, daß es Arbeitersport ist, welcher in der Sowjetunion betrieben wird; es ist staatlicher Sportbetrieb mit bürgerlichem Einschlag. Die RSJ wird ja bald Farbe bekennen müssen— und wir werden nicht„enttäuscht" werden. Für die FPT und die hiesigen Einheitsfront- ler wird es«cher«ine unangenehme Sache... Fucabohnen und Fuca-Tee macht schlank und’s tut nicht weh Erhältlich in allen Apotheken oder dem. Depot; Adler-Apotheke, Teplitz Moskau. Amtlich wird mitgeteflt, daß die Regierung die Errichtung einer Schiffahrts-Linie Moskau-Archangelsk beschlossen hat. Der Wasserweg wird auf dem Moskau-Fluß nach Gorki(früher Rischni Nowgorod) und von dort aus dem Scheksne-Fluß und den Norddwin« Flüssen nach Archangelsk führen. Die Länge dieser Schiffahrtsverbindung beträgt etwa 3320 Kilometer. Die Schiffe werden für die Hin- und Rück- fahrt insgesamt 27 Tage benötigen. Dieses Projekt stellt ein Experiment dar, da alle bisherigen Versuche der Einführung einer Schiffahrtsverbindung von der Hauptstadt nach Archangelfl stets fehlgeschlagen sind. Das ist keine Entgleisung, denn dieser„Spreu Seite 6 „Sozialdemokrat" Sonntag. 28. Oktober 1934. Nr. 253 Prager Zeitung Deutsche Republik-Feier in Prag Die am Vorabend des Staatsfeiertages von der Prager Urania veranstaltete Republik-Feier, durch die Teilnahme des Außenministers Doktor Benes ausgezeichnet und aus der Reihe sonstiger deutscher Veranstaltungen emporgehoben, war eine kurze, durch ihre. Einfachheit des demokratisch-republikanischen Staatsgedankens würdige Feier. Der Besuch war gut. Besonders fielen die in großer Zahl erschienenen deutschen Soldaten der Prager Garnison auf. Nicht recht verständlich ist, warum sie im voraus dazu bestimmt waren, im Hintergründe und auf den Galerien zu stehen.— Ueber der Bühne war eine große Staatsfahne angebracht, die Rückwand der Bühne zierte ein neues Porträt Masarhks, das den Präsidenten so zeigt, wie es wirklich am charakteristischesten ist für dieses Staatsoberhaupt: mit einem Buche in den Händen. Der Gelehrte als Staatsführerl Das Bild, das für den großen Lehrsaal der Urania-Volkshochschule bestimmt ist, wurde am Samstag zum ersten Male gezeigt. Eröffnet wurde die Feier durch das„Präludium" Dr. Th. V e idls, vom Komponisten gespielt. Dr. Mannheimer sprach die von ihm geschriebene„Ballade vom Hradschin", eine Huldigung an Masarhk, die in die Worte aüsklingt:„Wer Freiheit will, kennt ein Unmöglich nicht I" Professor Dr. Frankl, der Leiter der Urania, würdigte in kurzer Ansprache die Bedeutung des Staatsfeiertages; er verwies besonders nachdrücklich auf die reiche Entwicklung des deutschen Volksbildungswesens in der Republik, ermöglicht durch die Volksbildungsgesetze, und bezeichnete als Bildungsaufgabe der nächsten Zeit die Erziehung der Jugend für die Demokratie. Die Rede klang aus in herzliche Glückwünsche für den Präsidenten der Republik. Nachdem die letzten Worte der Festansprache verklungen waren, sang das Ehm-Quartett deutsch die erste Strophe der Staatshymne, die von den Anwesenden selbstverständlich stehend angehört wurde.— Hans Multerer las seine kurze Bergbauern- geschichte„Die Wallfahrt", las sie mit anheimelndem mundartlichen Anklang. Dann folgten Lieder des sudetendeutschen Komponisten K r a s a, eindrucksvoll gesungen von Frl. Betty Graf, und ein langes Ge- . dicht„Lob der Heimat", vorgetragen vom Dichter Viktor Sorta«. Es ist an dieser, Stelle nicht möglich, die beiden literarischen Beiträge zur Prager deutschen Staatsfeier eingehend zu würdigen. So viel aber darf gesagt werden, daß sie nur einen Ausschnitt sudetendeutscher Dichtung boten, keineswegs den repräsentativsten. Denn die sudetendeutsche Dichtung ist nicht nur religiös gefärbte Heimatdichtung, ist nicht nur Lobpreisung bäuerlichen Wesens, ist nicht nur jene freiwillige Begrenzung auf einen engen Raum, aus dem kein Weg in die Weite führt, in die Welt. „Wir haben unsere Seelen verloren, als wir in die Städte zogen.. Ist diese Flucht aus der Stadt Wirklich das Wesen deutscher Kultur? Ist die deutsche Kultur fchollengewachsen, sind die große deutsche Dichtung und Musik in Dörfern und Weilern erblüht? Nein! Alles Drängende, Vorstürmende, Zukunftweisende ist in den Städten gewachsen! Ohne Zweifel hat jene Dichtung, die„Heimatdichtung" genannt wird und diesen Namen doch nicht ganz verdient, weil zur Heimat genau so die Städte und Jndustrieorte, die Fabriken und die Bergwerke gehören,.ihre Daseinsberechtigung. Aber man soll sie nicht als. besonders kennzeichnend für die deutsche Dichtung unserer Zeit oder auch nur für die sudetendeutsche Dichtung erscheinen lassen wollen... Den Abschluß der Feier bildete Brahms':-„An die Heimat", gesungen vom Ehm-Quartett. Die Festveranstaltung wurde, auch durch den Prager Rundfunk übertragen.—fb— * Die heutigen Feier« Das Prager Programm für den heutigen Staatsfeiertag sieh: für 9 Uhr 30 eine Sitzung des Tschechoslowakischen Nationalrates im Gemeindehaus, für 10 Uhr 50 die Enthüllung einer Gedenktafel für S v e h l a in der Hybernergaffe und an- schließend einen Festumzug zum Altstädter Rathaus vor, wo Primator Baxa sprechen wird. Drei Frauen überfahren. Eine etwa 70jäh- r i g e Frau wollte am Freitag in der Smichover tholeökova, gerade als ein Autobus der elektrischen Unternehmungen in die Nähe kam, die Straße überschreiten. Sie wurde von dem Kotflügel des Wagens erfaßt und niedergestoßen. Auf der Klinik Jiräsek wurden mehrere Riß- und Quetschungen im Nacken festgestellt. Die Identität der Verletzten konnte bis jetzt nicht eruiert werden. — Ebenfalls am Freitag um 17.30 Uhr überschritt üi der Närodni tk. die 30jährige Bozena Sindeläkovä aus Smichov, Zborovskä 54, ohne Taille, auf 3 Knöpfen schliessend. Wenn Sie nicht nur gute, sondern auch wirklich MODERNE HERRENKLEIDUNG tragen wollen, dann kommen Sie in eine der 90 Filialen der grössten inländ. Kleiderfabrik DER MODERNE WINTERRA6LAN 19351 Die Preise unserer Kleider sind zur Kontrolle aut das Taschenfutter gedruckte die Fahrbahn hinter einem elektrischen Stratzen- bahnzuge.' Dabei wurde sie von dem Personenauto P 3042, das der 33jährige Franz R e h o r aus Prag VIII., Krälovskä 146, lenkte niedergestoßen: Bruch des linken Fußes und zwei Kopfwunden waren die Folgen. Am gleichen Tage stieß der Chauffeur Karl F i s e r mit dem Personenauw P> 5897 in Bubenec die Beamtin Sofie K o- houtovä so heftig nieder, daß sie einen Bruch des rechten Schienenbeines erlitt. Der Schloßgarten auf der Prager Burg ist am 28. Oktober der Oeffentlichkeit von 8 bis 17 Uhr zugänglich. Eintritt: Kc 1.— pro Person, Kinder zahlen die Hälfte,'»■•••.< Beratung für Körperbeschädigtc,(Rückgrawer- krümmungen, x-Beine, angeborene Gclenksablösung usw.) findet jedesmal Mittwoch und Donnerstag von 10 bis 12 Uhr für Unbemittelte im Jedlicka- Jnstitut in Prag-Pmckräc, Benesova tr. Nr. 13, statt. Kunst und Wissen „Das lebenslängliche Kind" Lustspiel in vier Akten von Robert Neuner. Hinter dem Pseudonym Robert Neuner.soll sich angeblich Erich Kästner verbergen. Wenn das richtig ist, so hätte Kästner allen Grund; sein Inkognito besser zu wahren, denn der Verwechslungsschwank, der sich pseudonym— also mit falschem Namen—„Lustspiel" nennt, macht einem Dichter, selbst wenn er sonst nur den Ehrgeiz hat. Gebrauchslyrik zu verschleißen(unter der sich mancher Wertgegenstand findet), keine Ehre. Der Einfall könnte ergiebig sein, aber die Technik ist mehr als plump, das gedanklich«, Gerüst^dürftig, die Tendenz kindisch. Ein Dichter würde aus dem Stoff ein Spiel zwischen Ernst und Satire formen, wie Georg Kaiser itt der unvergeßlichen Komödie„Kolportage" gerade aus der Banalität des Stoffes und der Verlogenheit einer bewußt übernommenen Tendenz die stärksten Wirkungen geholt hat. Die Handlung entwickelt sich aus der Laune eines Millionärs, der seine Menschenkenntnis erweitern will und sich in einem Luxushotel als armer Mann und Preisträger eines Wettbewerbs ausgibt. Dem Hotel wird die Komödie avisiert, aber es verwechselt nun den fälschen Armen noch mit einem echten, der als Millionär geehrt wird, während der wirkliche Millionär hinausgeekelt werden soll. Die Geschichte endet mit mächtigem Happy end, aber zieht sich bis dahin Mer endlose Bemühungen, das längst bekannte Geheimnis zu entschleiern, langweilig hin. Zwischendurch gibt es ein paar zwar alte, aber noch erträgliche Situationswitze. Für diese Nichtigkeit hat man einen Regisseur wie G e l l n e r, Darsteller wie LeopoldKra- mer, Götz, Lotte Stein, Willy Volker strapezsiert. Die spielten denn auch so gut, daß man das Stück mit in Kauf nahm, seine Schwächen' allerdings gerade an dem Kontrast zu der Mühe, die dafür aufgewandt wurde, erst recht deutlich merkte. Im Mittelpunkt der Komik standen eine nord- deutsch-doofe Hausdame, die Lotte Stein nuancenreich verkörperte, und ein liebenswürdiger Typ von altem Diener, den Willy Volker spielte, einen neuen Beweis für seine Vielseitigkeit und seine gediegene Kunst der Charakterzeichnung erbringend. Kramer gab den Millionär— es war eine kleine Porträtstudie in wenigen, feinen, aber gutsitzenden Zügen, den armen Teufel spielte Götz charmant und aufopfernd, auch wo der Text vorschriftswidrig ist. Frl. Schneck blieb auch diesmal wieder sast- und farblos, weil ihr augenscheinlich das ganze Fach nicht liegt, für das man mst Nutzen die eine, u. zw. die dunkle der jungen Damen, heranziehen würde. die als„Erste" und„Zweite Dame" auf dem Zettel rangieren. Denn hier waren das Temparament und das Fluidum da, die dem in anderen Aufgaben sicher versierten Frl. Schneck abgehen. Aus der großen Zahl der übrigen Mitwirkenden sei noch der Hotelportier Stadler hervorgehoben. Man bedauerte, daß dieses Ensemble unter dieser Leitung so selten vor größere und würdige Aufgaben gestellt wird(die freilich, wie heuer schon bewiesen wurde, auf das Unverständnis gerade der Gebildeten unter den Verächtern wahrer Bühnenkunst stoßen). Dem Publikum gefiel es, die Stimmung im Saal war die einer Kinderaufführung. Die Jugendlichen unter 16 Jahren, denen der Zutritt verwehrt ist, hätten vermutlich nach dem ersten Akt die Flucht ergriffen und Iß'IM herrlichsten MMüstll'däS hellste Entzücken— etwa über die gut nachgeahmte Ungeschicklichkeit eines Ski-Anfängers nicht abgewartet. E. F. Wochenspielplan des Neuen Deutschen Theaters. Sonntag nachmittags halb 3 Uhr: Das kleine Cafe; Festvorstellung anläßlich des Staatsfeiertages der Republik: halb 8: Zwei Witwen. C 2. — Montag 8: Wo war ich heute nacht? Gastspiel Werbezirk.—- Dienstag 8: Das lebenslängliche Kind, A 2, Gastspiel Leopold Kramer.— Mittwoch 8: D i e Schaukel, Gastspiel Werbezirk, B 1.— Donnerstag halb 3: S en- sationsproze ß, halb 8: Die Hugenotten, neuinszeniert, CI.— Freitag 7: Peer G y n t, D 2.— Samstag, 8: Die S ch.au ke l: Gastspiel Werbezirk, C 1. Wochcuspielplan der Kleinen Bühne. Sonntag 3: HeddaGabler, 8:Hoch klingt das Lied vom braven Mann.— Montag 8: Hedda Gabler?, Bankbeamte und fieier Verkauf.— Dienstag 8%:© ensatio n s p r o z e ß.— Mittwoch halb 8: Das lebenslängliche Kind. Gastspiel Kramer.— Donnerstag 3: Bunbury, 8:Nacht vor dem Ultimo. — Freitag 854: Hoch klingt das Lied vom b ra v e n M a n m— Samstag halb 8: Das lebenslängliche Kind, Gastspiel Kramer. Täglich Ziehungen I Die Prämie der V. Csl. Klassenlotterie Ki 1,000.000'- kommt am 15. November 1934. Vergessen Sie nicht Ihr Los rechtzeitig zu besorgen! Lotterieabteilung des Bankhauses I. G. SELIG PRAG I., Na Prikopä 17. Tel. 20651-55. 2743 Aus der Partei Bezirksexekutive. Montag, den 29. Oktober, um 7 Uhr abends im Parteiheim wichtige Sitzung. Sozialistische Jugend, Kreis Prag. Dienstag, den 30. Oktober, 7 Uhr, im Parteiheim wichtige gemeinsame Ausschußsitzung der SJ Weinberge und SJ Smichov.— 8 Uhr: SJ Zentrum: Die politische Lage. SJ Holleschowitz: Die russische Oktoberrevolution. SJ Weinberge: Vortrag des Genoffen Kern über die Henleinbewegung. SJ Smichov: Die russische Oktoberrevolution(Referent Genoffe Paul Ehrlich). Mitteilungen der»Urania« Sonntag 8 Uhr: Hans Multerer: Ernstes und Heiteres. Gedrucktes und Ungedrucktes. Einer der besten sudetendeutschen Vorleser.— Montag %9 Uhr:„Jngagi". Künstlerischer Film.—D iens- tag 8 Uhr:„Die verhexte Hand". Marionettenspiel. Mafaryk-Bolkshochschule Heute 4 Uhr:„Kleidernähen". Leitung: Else Eichner. Vom Schnittzeichnen bis zum fertigen Kleid.— Montag 6 Uhr:„Moderne Gesellschaftsformen". Caroline Schönay. Beginn eines neuen Kurses. Zehn Stunden.— Montag acht Uhr:„Beethoven und wir". Ministerialrat Prof. L. Kestenberg. Wechselwirkung zwischen Form uNd Freiheit in Kunst und Leben. 32 Variationen in C-Moll.— Dienstag 6 Uhr: Strick- und Häkelkurs.— Dienstag 8 Uhr:„Bewußte Lebensgestaltung oder Schablonenleben". Dr. Aryold Hahn. Gibt es heute noch Wege zu einer individuellen Lebenskunst?— Dienstag 8 Uhr: „Umgang mft Kindern". Jndividualpsychologe Paul Fischl. Sexuelle Aufklärung. Mitteilungen aus dem Publikum Hartnäckige Verstopfung, Tickdarnikatarrh, Empordrängung der Leber, des Magens und. des Zwerchfelles, allgemeines Krankheitsgefühl werden durch das natürliche„Franz-Josef"-Bitterwaffer morgens und abends je ein kleines Glas— sicher beseitigt. Aerztlich bestens empfohlen. GEDENKET bei affen Anlässen der Arbeiterfürsorge! 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Besonders die kleinbürgerlichen Mittelschichten gaben sich der Hoffnung hin, daß ein«autoritäres» Regime Wunder wirken und die ost trostlos scheinende Lage bessern könne. Di« vorliegenden Ergebnisse fascistischer Wirtschaftsführung gestatten ein Urteil darüber, inwieweit es auf antidemokratischem Wege gelungen 'ist, die wirtschaftlichen Verhältnisse zu normalisieren. Man muss sagen, dass der Erfolg nicht zur 'Nachahmung reizt. I« Italien ist die staatliche Verschuldung in ständigem Aufstieg begriffen mtt> heute betragen die italienischen Staatsschulden bereits 106 Milliarden Lire. Ein grosser Teil der staatlichen Einnahmen muh für die Verzinsung und Tllgung der aufgelaufenen Schulden Ber- loendung finden und da die ausgepowerte italienische Wirtschaft diese Auslagen unmöglich decken kann, wachsen die Schulden ununterbrochen an. Hatte das italienische Staatsbudget im Jahre 1929 noch einen Ueberschutz von 382 Millionen Lire zu verzeichnen, so war es 1932/33 bereüs mit einem Defizit von 3938 Millionen Lire belastet. Diese immensen Verluste der staatlichen Wirtschaft drücken dann auf die private Unternehmer- und Handelstätigkeit, da die Steuerschraube auf ein unmögliches Mass angezogen wird. Es steigen di« Regien, man sucht einen Ausgleich in der Senkung der Löhne und Gehälter, womit aber die Schwierigkeiten nur vermehrt werden. In Deutschland hat man grosszügige Versuche mit der Arbeitsbeschaffung unternommen. Sehen wir davon<ä>, dass viele Pläne und Projeste nur auf dem Papier blieben, dass man auch aus den geringsten Arbeitsmöglichkeiten mehr propagandistische Erfolge holte, als dem vorliegenden Objekt entsprach, so ist doch zu sagen, dah man tatsächlich die Zahl der Arbeitslosen fersten konnte. Aber um' welchen Preis? Schon Papen hatte mit dem System der Steuergutschein« begonnen, mit welchen die meisten öffentlichen, aber auch viele private Arbeiten vorfinanziert werden. So wurden viele Milliarden Mark an Steuergutscheinen in die Wirtschaft hineingepumpt, die alle nichts anderes darstellen als eine Belastung der öffentlichen Hand für virile Jahre voraus. Was man so heute unorganisch für die Finanzierung der unmöglichste» Arbeiten verwendet, wird in fünf und zehn Jahren der deutschen Staatswirtschaft fehlen und wehe dem Regime, das eines. TageS gezwungen sein wird, diese traurige Erbschaft anzutreten. Rur lein erklärter Staatsbankerott oder eine weit- ,gehende Geldentwertung wird hier einen Ausgleich 'schaffen können. Als jüngster»autoritär" regierter Staat ist Oesterreich anzuführen, dessen Staatsschulden von 1926 bis 1934 von 2482 auf 3661 Millionen Schilling, also um Völle 50 Prozent gestiegen find. Allem im Laufe des Jahres 1933 hat sich di« österreichische Staatsschuld um 700 Millionen Schilling vermehrt, an die österreichische Notenbank schuldet der Staat allein gegen 600 Millionen Schilling. Gegenwärtig müssen schon rund 30 Prozent der Steuereingänge auf den Schuldendienst verwendet werden, gegen 184 Millionen Schilling, die im Jahre 1932 für die Verzinsung und Tilgung der Staatsschulden aufgebracht werden mussten, sind eS 1934 schon 239 Millionen. Die Feber- und Julikämpfe haben allein Ausgaben von mehr als 120 Millionen Schilling verursacht und die erste Massnahme der österreichischen Regierung nach der Niederschlagung der demokratisch gesinnten Arbeiterschaft war die Einführung einer besonder«» Sicherheitssteuer, die besonders schwer auf Industrie, Handel und Gewerbe lastet. Unnötig zu sagen, dass kein einziges dieser »autoritären" Regimes die Versprechungen erfüllt hat, di« es vordem der Bevölkerung machte. Nirgends sind di« Stenern und Abgaben gesenkt worden, es hat höchstens eine Neuverteilung stattgefunden, die i» jedem Falle ungerechter war als der ursprüngliche Zustand. Ist doch erwiesenermassen jede diktatmisch geführte StaatSwirtschaft teurer als eine demokratische, weil jede Kontrolle fehlt und weil jede dieser kontrollosen Regierunge» unendlich grössere repräsentative Bedürfnisse hat als eine zur Einfachheit gezwungene demcckratische Staatsführung. Es ist wahr, dah die Bewältigung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten in der Demcckrati« nicht mit so grossem Pomp und mü so viril Getöse erfolgt, wie in den Diktaturen,«wer dafür ist sie seriöser, solider und anhaltender. Die Gebarung der öffentlichen Hand steht hier unter ständiger Kontrolle der gesamten Bevölkerung. Während in der Diktatur jeder Korruptionsskandal vertuscht wird, da ja immer nur wenige von ihm erfahren, während er nur zu einer Waffe gegen missliebige Konkurrenten wird, die man für günstige Gelegenheiten im Köcher behält, wird in der Demokratie rücksichtslos jede Kmruption bekämpft, wo immer! sie sich zeigt. So wirtschaftet der demokratische| Staat zweckmässig und billig und es ist klar, dass 1 die Gesamtwirtschaft davon nur ihren Vorteil hat. i Man beachte, dass beispielsweise Großbritannien auch in der Zett der Krise seine staatlichen Finanzen in Ordnung halten konnte, dass es in der Lage war, Steuersenkungen vorzunehmen und dabei gleichzettig auch eine Verbesserung seiner sozialen Gesetzgebung, seiner Arbeitslosenunterstützungen usw. vornehmen kann. Oder nehmen wir das Beispiel der skandinavischen Länder, besonders Dänemarks und Schwedens, wo durch den Einfluss der Arbetterschaft und durch die Stärkung des demokratischen Gedankens ein vorbildlicher Ausgleich zwischen den Interessen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen geschaffen werden konnte. Und das scheint uns das Wichtigste und Matz- gebendste in der Beurteilung der wirtschaftlichen Fragen in der Demokratie zu sein: dah man alle vorhandenen Interessen gegeneinander abwiegt und dann jenen gerechten Ausgleich herbeiführt, der allein die Grundlage für eine gesunde Wirtschaft bllden kann. Zweifellos muh di« industrielle Produktion geschützt und gefördert werden, zweifellos muss man der Landwirtschaft geben, wessen sie zu ihrer Entwicklung bedarf, aber es darf auch nicht der Arbeiter, der Konsument vergessen werden. Denn er ist es, der den eigentlichen Pfeiler aller Wirtschaft darstellt, ohne ihn vermag man zwar vielleicht viel zu produzieren, aber nichts abzusetzen. So mutz überall dort, wo die Interessen einer Bevölkerungsschicht über jene aller anderen gesetzt werden, schliesslich eine Disparttä» entstehen, die nur die vorhandene Krise verschärf» und ihre Lösung noch unmöglicher macht. Freilich mutz auch der Bürger als Konsument selbst dazu beitragen, die vorhandenen Schwierigketten beheben und mildern zu helfen. Er hat dazu di« Möglichkeit, wenn er im Rahmen seines ost mageren Budgets den« notwendigen Warenbedarf rechtzeitig deckt und vor allem der tschechoslowakischen Qualitätsware den Vorzug gibt. Wir sind sicherlich Anhänger der Weltwirtschaft und wünschten nichts sehnlicher, als dah die Menschheit wieder zum freien Austausch ihrer Produkte zurückkehrte. Solange wir aber mit der Tatsache zn rechnen haben, dass sich die Staaten gegenseitig absperren, dass man der Warenausfuhr alle möglichen Schwierigkeiten in den Weg legt, solange müssen auch wir auf Selbsthilfe bedacht sein und unsere eigen« Wirtschaft, unsere eigen« Produüion, unseren eigenm Absatz unterstützen und fördern. Demokratie erfordert Geduld. Sie ist nicht so romantssch wie die Diktatur, sie arbeitet nicht mit grohartigen Beleuchtungseffetten, aber was sie schafft, das hat Bestand und das hat vor allem seinen unvergänglichen Wert für die Zukunft. Nur in der Zusammenarbeit aller Bevölkerungsschichten und aller Wirtschastskreise wird es uns ge- lingen, der vorhandenen Schwierigkeiten Herr zu werden und Verhältnisse zu schaffen, die allen Bürgern diese? Staates ein auskömmliches Dasein sichern und ihre wie des Staates Wohlfahrt gewährleisten. 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Zuschriften unter„Nur Parteigenossen" an die B«r- waltnng des„Sozialdemokrat". 2734 Revol.u8.nf 9 27» Seite 8 Sonntag, 28. Ov^er 1934 Jedem arbeitslosen Metallarbeiter zahlt der Internationale Metallarbeiterverband die ihm zustehende Unterstützung. Jedem organisierten Metallarbeiter 'hilft mit Rat und Tat der Internationale Metallarbeiterverband....... Trete auch Du bei! Anmeldungen werden von allen Vertrauensmännern in den Betrieben und in folg. Sekretariaten entgegengenommen: E* n kiHigerWagen für jeden Zweck! 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Die Gurke ist keine für alle Menschen gleichmäßig gut verdauliche Speise und besonders Frauen haben nach ihrem Genußinfolge empfindlicher Gallenblase— oft heftige Beschwerden. Aber dem zarten Geschlecht bietet die ausgleichende Gerechtigkeit dafür den Wert der Gurke in anderer, sympathischer Form: nämlich als Schönheitsmittel, als welches der frische Gurkensaft schon seit ungezählten. Jahren gepriesen wird. Ein altes Rezept behauptet, daß der Genuß von täglich einer Taffe frischem Gurkensaft garantiert einen wundervollen Teint bewirken würde. W. N. D O N AU ILLGEMEIIE VERSICHERUHGS-AKTIEMGESELLSCH1H II WIEL Direktion für die Cecboslov. Republik: Prag II., hrodel 10. Feaer-, Chomage-, Maschinenbruch-, Glas-, Einbruchdiebstahl-, Hagel-, Transport- und Reisegepäck-Versicherungen. Unfall-. Haftpflicht-, Autocasco-, Lebens-, Renten- und Heim spar-Versicherungen. 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So finden wir auf dem Hofe vor der Burg den um das Jahr 1100 erbauten sogenannten Heidentempel. Alte Bürgerhäuser und Kir chen verkörpern Gotik, Re naissance und Barock. Um die Stadt ziehen sich zum Teile noch guterhalten« Reste der alten Stadtmauer mit ihren gewaltigen Wehr türmen. Darüber hinaus das Bild einer neuen Zeit mit ihren modernen Bau ten und prächtigen Billen. Als befestigte Stadt kam Znaim im Mittelalter besondere Bedeutung zu. Aus der Geschichte Znaims sei nur erwähnt die Verleihung des Stadtrechtes durch Premysl Ottokar I. im Jahre 1226, der Tod des Kaisers Sigismund in der Znaimer Burg im Jahre 1437 sowie die Belagerung der Stadt durch die Hussiten und Schweden. Endlich verdient noch erwähnt zu werden der Aufenthalt Wallensteins und Napoleons in der Znaimer Burg. Heute zählt Znaim zirka 26.000 Einwohner, davon ungefähr 10.000 Deutsche. In der Stadt selbst, die von vielen Fremden besucht wird, herrscht reges Leben. Ein interessantes Bild bieten die Wochenmärkte, und die des Sommers zweimal täglich abgehaltenen Obstund Gemüsemärktc. Hier wird der Reichtum Südmährens an Edelobst, wie Kirschen, Marillen, Pfirsichen, Weintrauben» zum Verkaufe anangeboten. Ein besonderer Marktartikel jedoch ist neben vorzüglichem Gemüse die weltberühmte Znaimer G u r k e. Es werden Unmengen dieser Gurke auf den Markt gebracht. und herrscht in der Gurkensaison ganz besonders lebhafter Marktbetrieb. Waggon- ladungen grüner Ware werden in alle Teile des Jn- und Auslandes verschickt. Waggonladungen werden in den Znaimer Gurkenkonservenbetrieben konserviert und sodann als die allgemein anerkannte, weltberühmte Znaimer Gewürzgurke auf den Markt gebracht. Der Export von Znaimer Gurken, die an Feinheit des Geschmackes und hervorragender Zubereitung einzig dastehen, die jeder wie immer gearteten Konkurrenz standhalten, vollzieht sich in gewaltigen Mengen. Waggonweise werden die Gurken in Fässern und Flaschen ausgeliefert und bildet diese Industrie eine besonders in der jetzigen Krisenzeit sehr erwünschte Beschäftigungsmöglichkeit für viele hunderte Arbeiterinnen und Arbeiter. Neben der Gurkenindustrie hat Znaim noch Tonwaren- und Lederfabriken, Brauhaus, Spiri- tuSraffinerien, Sägewerk, Mühlen und noch«ine Reihe größerer und kleinerer gewerbl. Betriebe und viele Geschäftshäuser, Wenn Znaim als die Perle Südmährens bezeichnet wird, denkt man an das herrliche Landschaftsbild im Thayatal, an die herrliche altehrwürdige Stadt am Thayastrande, im Unterbewußtsein aber auch an die unvermeidliche Znaimer Gurke. L. - Xmrf JKinAiic JldcAlL, Jrans Gurken-, Obst- und Gemüse-Export Znaim Masarykplatz Nr. 11— Tel. 91 Alle Obst~ u. Gemüsesorten 2692 wie Äpfel, Birnen, Zwiebel, Knoblauch, v Petersilie usw. liefert billigst L. Simecek, Export, Znaim Viktor K. 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