ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung präg XIU fochova«2. telefon 53877. Administration telefon 53075. HERAUSGEBER: SIEGFRIED TAUB. CHEFREDAKTEUR: WILHELM NIESSNER. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR: DR. EMIL STRAUSS, PRAG. IENTRALORGAH DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK Einzelpreis 70 Heiler (einschließlich 5 HeHarlerto| 14. Jahrgang Freitag, 16. November 1934 Nr. 269 Ungarns Mitschuld an Marseille Scdis pclnlidic fragen an Gömbös 1 Prag. Ernste Blätter hatten in letzter Zeit vielfach die Gerüchte registriert, daß die tschechischen Agrarier zur Durchsetzung ihrer Wünsche bezüglich der landwirtschaftlichen Entschuldungsaktion gesonnen seien, die von der Koalition in Aussicht genommene Zusammenlegung der im Frühjahr 1935 fälligen Wahlen in die Landesund Bezirksvertretungen mit den erst im Herbst fälligen Parlamentswahlen zu sabotieren, um damit die Linksparteien„zu schrecken". Donnerstag hat nun der agrarische Innenminister Dr.<5 e t n D diesen Gerüchten den Boden entzogen, indem er bindend erklärte, daß die Nationalversammlung noch in diesem Jahre Gelegenheit haben wird, sich mit der Frage der Zusammenlegung dieser Wahltermin zu beschäftigen. Ms aktuellstes Problem der in Borbereitung stehenden legislativen Arbeiten seines Refforts bezeichnete der Innenminister die Sanierung der Selbstverwaltung und die Regelung der Rechtsverhältnisse der Landes-Geldanstalten. Da es sich empfehle, die Durchführung der Sanierungsmaß- nahmen in der Selbstverwaltung eingearbeiteten V e r t r e t u n g s k ö r p e rschaften anzuvertrauen, wird eS notwendig sein, d i e F u n k t.ionSp«- riode der gegenwärtigen Bezirks- und LandeSv«rtr«t««» gen verlängern. Im Hinblick auf die kommenden Wahlen wird auch eine gewisse Regelung der Wahlvorschriften und der Rechtsstellung der politische» Parteien notwendig sein. lieber die Lösung der Frage der Registrierung der politischen Parteien und die Regelung ihres Jahre hindurch nicht allein das ungarische Asylrecht genießen, sondern auch materielle Unterstützung seitens der Vertreter ungarischer amtlicher Stellen erhalten, die der Meinung waren, daß diese Personen eine revisionistische Tätigkeit betreiben? Ist es bekannt» daß alle Schuldigen des Marseiller Attentats, mit Ausnahme der Rädelsführer» die aus einemUngarn befreundeten Staate kamen, direkt aus Ungarn kamen? Ist es dem ungarischen Ministerpräsidenten bekannt, daß die Mörder inmitten der Stadt Groß- Kaniczaganz ungestört im Hause Rr. 23 in der M. H o r t h y- S t r a tz e durch Los die Personen zur D«rchfLhr«ng des schrecklichen Attentats bestimme« konnten und diese ausgelosten Personen von Groß-Kanicz mit dem Zuge und sogar in Begleitung ungarischer amtlicher Personen abreisten? Ist es dem ungarischen Ministerpräsidenten bekannt, daß Ante P a v e l i ä» Gustav P e r L e L und Servazzi vollkommen mittellos waren und daß ihr einziger Berus darin bestand, terroristische Banden und die Borbereitung von Anschlägen zu organisieren, deren Gipfelpunkt die Ermordung des Königs Alexander war? Wer hat nach Ansicht des ungarischen Ministerpräsidenten eigentlich die ganzen Jahre hindurch die gesamte Bande finanziell unterstützt? Ist es dem ungarischen Ministerpräsidenten bekannt, daß die Königsmörder bedeutende Geldbeträge durch Vermittlung der irredentistischen Organisationen„Tes" und„Möwe" erhalten haben? Gehört vielleicht — so schließt das Blatt seine Fragen— auch die finanzielle Unterstützung der Mörder des Herrschers eines Nachbarstaates zum Asylrecht? Rechtsverhältnisses wurde bisher in der Regierung nicht entschieden. Der Entwurf" wird im' Innenministerium vorbereitet. Die Frage der Verlängerung des Parteiengeset- zes, sei es unverändert oder in veränderter Form, war bisher noch nicht Gegenstand der offiziellen Verhandlungen der Regierung. Jedenfalls aber ende die Geltung des Gesetzes mit dem Jahre 1834. DieWahlen i« das Abgeordue- tenhanS werden aufGrund der gesetzlichen und verfassungsmäßigen Bestimmungen durchgeführt werden. In Sachen der Wahlen in die Bezirks- und Landesvcrtrctungen spricht eine Reihe von Umständen dafür, daß sie im zeitlichen Zusammenhang mit den Parlamentswahlen stattfinden. Rebe» Ersparnisgründen ist auch das Strebe« maßgebend, die öffentliche Verwaltung nicht mit Arbeiten zu überlasten, die mit der Durchführung von zweierlei Wahlen verbunden sind. Der Nationalversammlung wird noch in diesem Jahre Gelegenheit gegeben, über diese Angelegenheit z» verhandeln. Neuwahlen der Gemeindev er t re- tun g e n werden nur in solchen Gemeinden vorgenommen, wo. die Vertretungen aufgelöst wurden oder ihre Funktionsperiode abge- laufeu ist./ Die Gesetzesnovelle über die W ä h l e r v e r- z e ich» iss c. ist im Ministerium vorbereitet und bringt wesentliche Vereinfachungen des bisherigen j Verfahrens. Es wird auch die Forderung erfüllt wer- den, daß die Wahlen auf Grund von Verzeichnissen stattfinden, die kurz vor der Wahl zusammengestellt worden sind. (Schluß auf Seite 2) f Belgrad.(Avala.) Die„B r e m e" beschäftigt sich ausführlich mit den jüngsten Erklä- Zungen des ungarischen Ministerpräsidenten Gömbös und stellt ihm folgende Fragen: 1. Ist es wahr, daß seit dem Jahre 1931 Janka Puszta der Sitz von Verbrechern war, deren Aufgabe die Durchführung von Attentaten in Jugoslawien gewesen ist? Ist es wahr, daß Janka Pnszta tatsächlich ein Militärlager war, in dem Tag und Rächt terroristische Revolverschießübungen auf eine den König Alexander darstellende Silhouette stattfanden? Ist es wahr, daß Janka Puszta rin tatsächliches Arsenal von Waffen, Munition und Explosiv st offen darstcllte» das ausschließlich aus den ungarischen Militärlagern beliefert werden konnte? Am 26.April 1934 mußte die ungarische Regierung die Existenz dieses terroristischen Lagers durch eine Note folgenden Wortlaute- amtlich anerkenne«:„Die ungarische Regierung hat Maßnahmen getroffen, damit die jugoslawischen Politischen Emigranten Janka Puszta, das sie vor einiger Zeit mieteten, verlassen." 2. Ist es wahr, daß aktive Offiziere der.ungarischen Armee, deren General der ungarische Ministerpräsident ist, den Terroristen Sprengmittel und Waffen zur Verfügung stellten, und die A u s b i l, düng der Terroristen im Bombenwerfen, in der Erzeugung von Höllenmaschinen, Errichtung von Schützengräben, illegalen Grenzüberiritten und im Umgang mit Gewehten und Revolvern überwachten. .„Breme" führt zehn Namen aktiver Ungarischer Offiziere aus dem Generalstab und »km Kundschafterdienst an, die mit der Ausbildung °kr Terroristen besonders beauftragt waren. g-J Ist es richtig, so fragt„Breme" weiter, daß die Königsmörder Eernozemskh, Pospi- b i l, R a j i L und K r a l j durch den Kapitän der ungarischen Armee Buda, den Obersten J i§ und durch die Kapitäne B r o s y und "ahovskh besonders ausgebildet wurden? 3. Das Blatt veröffentlicht ein Verzeichnis von zehn Anschlägen, die in der Zeit vom 17. Juli 1932 bis zum 9. Dezember 1933 auf jugoslawischem Gebiete verübt wurden und deren Urheber Terroristen auS dem Lager ' Janka Puszta waren und richtet die Frage an den ungarischen.Ministerpräsidenten» ob ihm diese Tatsachen bekannt sind und ob auch die Ermordung unschuldiger Reisender durch Höl- . lenmaschinen zum Asylrecht gehöre. 4. Das Blatt erinnert an das Vorgehen der ungarischen Behörden in Ungarn und im Auslande, die den Terroristen ungarische Pässe auf falschen Namen ansstcllten, und fragt, ob auch dieses Borgehen unter die Gewährung des Asylrechtes falle. - 5. In Budapest ist bekannt, daß einer der Königsmörder der Terrorist Mijo Kralj war. Dieser Name ist nicht unbekannt. Wenn der ungarische Ministerpräsident das im Monat Mai des heurigen JahrrS dem Bölkerbundsratr übergebene und auch der Oeffentlichkeit bereits. vorliegende Memorandum der jugoflawischen' Regierung durchsieht, wird er darin eine Zusammenstellung jener Verbrechen finden, in welche der Name Mijo Kralj bereits über ein- ' einhalb Jahre verwickelt ist. Am 1. August 1933 forderte die königlich jugoslawische Gesandtschaft in Budapest die Verhaftung Mijo Kraljs und Eduard Premecs. Diese beiden Terroristen übergaben am 29.Juli 1933 auf dem Bahühofe in Gyekenycs /ine in Buchform gehüllte Höllenmaschine öffentlich dem jugoslawischen Eisenbahnangestellten Slavko Jegar, der dieses Paket in Jugoslawien dem Präsidenten des Gerichtshofes zum Schutze des Staates in Belgrad,! 2u5smmen!ezun8 der Wahlen vom Innenminister angekiindist Regiert der Fey ganz Mitteleuropa? Grundsätzliches zum Fall Kreisler Die österreichische Regierung hat an die Behörden der Tschechoslowakischen Republik ein a b- surdes Verlangen gestellt: sie sollen ihr den Dr. Fritz Kreisler ausliefern, gegen den das Sondergericht Wien I. die Anklage wegen Verleumdung erhebt. Wann, wo, womit hat Dr. Fritz Kreisler das Delikt der Verleumdung begangen? In der in Bodenbach gedruckten und verlegten Broschüre»Wer hat Dollfuß ermordet?" Fritz Kreisler behauptet, daß seine Broschüre keine Verleumdungen enthalte, sondern Tatsachen interpre- tiere und dort, wo sie Tatsachen anführe, sich auf amtliche Berichte, auf Zeugenaussagen und Sachverständigen-Gutachten stütze. Hier steht also Aussage gegen Aussage. Wer hat darüber zu enffcheiden, welche richtig ist, wer entscheidet, ob Verleumdung oder ob eine politische Kampagne vorliegt? Darüber hat nurdaszu- ständige Gericht zu entscheiden. Das zuständige Gericht für ein in Bodenbach begangenes Delikt ist, solange nicht der Friedcnsvertrag von St. Germain geändert ist und insoferne man sich an die bestehende europäische Rechtsordnung hält, das KreisgerichtinLeitmeritz. Mag sein, daß der Emil Fey, der ja zu den Getreuen des Kaisers und Königs Otto gehört (oder zur Abwechslung wieder einmal zu denen Hitlers?) Bodenbach für einen laut pragmatischer Sgulliop Pom Lahre 1713 von den ösierr.-böhw, Erblanden des Hauses Habsburg»inseparablen" .— nicht zu trennenden— Bestandteil der Monarchie hält. Aber es ist schon ein starkes Stück, I sich mit dieser Rechtsauffaffung— und eine andere macht das Auslieferungsbegshren vollends lächerlich— ins Licht zu stellen und der tschccho- slowakischen Regierung zuzumuten, daß sie sich die völkerrechtlichen Grundsätze des Feh zu eigen mache. Das Ansinnen muß umso größeres Erstaunen Hervorrufen, als doch Oe st erreich eben jetzt indem Fall P er c ev.i k eine ganz andere Auffassung des Asylrechts verraten hat. In Oesterreich leben der Generaloberst Sarkotit und der Kroatenführer Perkevik, die mindestens Gesinnungsgenossen und Helfer, der eine aber vermutlich sogar der Anstifter der Attentäter von Marseille sind. Die österreichische Regierung hat sich bisher schützend vor diese Helden gestellt. Während also einem mit der Tschechoslowakei verbündeten Staat, dessen-König das Opfer einer großangelegten Verschwörung wurde, die Verfolgung der geistigen und faktischen Urheber des Mordkomplotts durch die strenge Auffassung, die Schuschnigg und Fay vom Asylrecht haben, erschwert wird, fordert dieselbe Regierung Schuschnigg-Fey von der tschechosl. Regierung eine flagrante Verletzung des AsylrechteS. Und dies wegen eines Herrn Fey, der wie jeder andere Sterbliche, wenn er seine Ehre intakt halten will, den gesetzmäßigen Weg der Klage vor dem zuständigen Gericht zu gehen hat, weil er weder ein Staatsoberhaupt noch sonst ein Würdenträger ist, dem eine besondere internationale Rechtstellung zukäme. Mit dem gleichen Recht, mit dem die österreichische Regierung die Auslieferung des Doktor Kreisler fordert, könnte sie die aller Emigranten verlangen, die in Wort oder Schrift die Wahrheit über Oesterreich und das Kronjuwel des Otto Habsburg, den„Theresienritter" F e y, ausgesprochen haben. Mit dem gleichen Recht könnte die d eu-t sch e Regierung die Auslieferung aller Emigranten in allen europäischen Staaten verlangen, die sich über den Goering oder irgendeinen andern preußischen Fey despektierlich, also wahrheitsgetreu, geäußert haben. Dann könnten a b er auchdie demokrati sch en Staaten von Hitler und Millas fordern, daß sic ganze Kompagnien ihrer Untertanen ausliefern, weil es in Deutschland und Oesterreich, wie sich erst wieder nach der Mordtat von Marseille gezeigt hat, an der Tagesordnung ist, daß sich zweifelhafte Subjekte jedes Ranges in den ordinärsten Tönen über die demokratischen Nachbarstaaten und deren Staatsmänner auslassen. Wenn die österreichische Regierung sich auf das Gebiet völkerrechtlicher Auseinandersetzung begibt, dann wäre aber auch die Frage aufzuwerfen, worauf sich die Gewalt des Bubanj, übergeben sollte. Dieses Paket explodierte auf dem Bahnhofs-Kommissariat in Kroprivnice, wobei ein Polizist getötet und ein Polizeikommissär, sowie einige Polizisten verletzt wurden. Das Ersuchen um Verhaftung der beiden erwähnten Terroristen wurde am 2. August wiederholl. Am 7. August bot die königlich jugoslawische Gesandtschaft den ungarischen Behörden Einzelheiten über den Wohnsitz Mijo Kralj an, der sich damals in einer Spritbrennerei, etwa sieben Kilometer vom Bahnhofe Gyekeiyes entfernt versteckt aufhielt. Auf diese Note erhielt die königlich jugoflawische Gesandtschaft keine Antwort. Sie unternahm daher am 12. November 1933 eine neuerliche Demarche, auf welche die ungarische Regierung am 14. Dezember des gleichen Jahres antwortete und konstatierte, daß nach Ansicht des ungarischen Justizministers d i e B e r- Haftung des Mijo Kralj auf ungarischem Gebiet unmöglich sei, daß Mijo Kralj vom Jänner bis zum Feber 19ZA ist Ungarn weilte und den ungarischen Behörden seit dieser Zeit der Aufenthalt Mijo Kraljs unbekannt sei. Im übrigen ist bekannt, daß die ungarffchen Behörden auch den Aufenthaltsort Servazzis nicht kannten, der in Budapest, Attila-Straße Nr. 81, öffentlich wohnte, desgleichen auch nicht die Adresse von Gustav P e r£ e c, der in Janka Puszta und vorher in Budapest, zuerst im vierten Bezirk(Besci Utca 8) und später in der Josef ter. 12 wohnte. Glaubt der ungarische Ministerpräsident, daß diese öffentliche Mitschuld der ungarischen Behörden am Schutze von Mördern und die offizielle Hilfe bei der Erleichterung der verbrecherischen Arbeit dieser gleichfalls zum Asylrecht gehört? 6. Ist es bekannt, daß alle Mitschuldigen des Marseiller Verbrechens Personen sind, die v i«l e Vorstoß des offiziösen Belgrader Blattes jrcmc“ Seite 2 Freftag, 16. November 1634 Nr. ras Kabinetts Sch uschnigg überhaupt gründet. Hitler kann immerhin mit Volksabstimmungen aufwarten und die Genitur seiner Machtstellung bis auf den 8 48 der Weimarer Verfassung, wenn auch in komplizierter Stammbaumkletterei, zurückführen. Aber die österreichische Regierung basiert staatsrechtlich auf einer oktroyierten Verfassung, denn die Nationalratssitzung, die dem Wechselbalg von„autoritärer Verfassung" zu einem Schein von Rechtsgültigkeit verhalfen hat, tagte wider alles Recht und war rechtens nicht befugt, die Verfassung' zu beschließen. Die Vergewaltigung des Nationalstaates aber erfolgte auf Grund der von Dollfuß in jesuitischer Rechtsverdrehung herangeholten kaiserlichen Verordnung von anno 1917. Hier halten wir also wieder bei der„Quelle des Rechts", aus der die österreichische Regierung schöpft: bei dem Kaisertum von Gottes Gnaden. Wenn die Regierung Schuschnigg zu Recht im Amt ist, dann ist allerdings auch eine Diskussion darüber zulässig, ob Bodenbach in den Erblanden des Kaisers und Königs Otto liegt und ein Delikt, für das die tschechoslowakischen Gerichte zuständig sind, nicht durch allerhöchsten Entscheid in Wien abgeurteilt werden kann, so wie man in der Zeit, aus der Schuschniggs rechtliche Basis stammt, ja zahlreiche Tschechen nicht vor dem ordentlichen Gericht, sondern vor Wiener Ausnahmsgerichten abgeurteilt hat. Nur einen einzigen Unterschied gibt es da: KramäL und Genossen wurden immerhin amnestiert, während der Dr. Fritz Kreisler, wenn der Fey ihn erst in den Krallen hätte, unfehlbar einen„Selbstmordversuch" begehen würde, ehe Miklas dazukäme, ihn zu amnestieren. Das Vorgehen der österreichischen Regierung setzt den zahlreichen Provokationen, die sich fasci- stische Regierungen gegen die Tschechoslowakei geleistet haben, die Krone auf. Das Ansinnen des Fey rührt an den Ehrenpunkt eines Rechtsstaates. Jeder selbstbewußte Bürger der Republik, der für die Würde seines Staates noch Gefühl hat, muß das Auslieferungsbegehren im FallKreisleralseineschwereHer- ausforderung ansehen. Denn die Leichtfertigkeit, mit der hier eine Rechtsverletzung als völkerrechtliche Forderung präsentiert wird, rollt die Frage auf, ob man uns in Wien noch als souveränen Staat oder als ein Kronland der Habsburger ansteht, deren blutbefleckte und ehrlose Kreaturen aus Oesterreich ein Dorado der Heim- Wehrbanditen gemacht haben und sich nun anmaßen, auf dem Umweg durch die österreichische Regierung auch die Tschechoslowakei ihrem Diktat zu unterwerfen! (Schluß von Seite 1) Hilfe für die Selbstverwaltung „— Pflicht des Staates r" In Sachen derSelbftverwaltuug befaßte sich der Minister zunächst mit der finanziellen Aushilfe für die SelbstverwaltungAörper. Dies ist Pflicht und Gebot des Staates aus volkswirtschaftlichen und staatspolitischen Gründen. Man muß der Selbstverwaltung aus der wirtschaftlichen Passivität heraushelfen und sie zur wirtschaftlichen Aktivität zurückfüh ren. Eine geordnete Selbstverwaltung ist ein wichtiger Faktor bei der Lösung der Arbeitslosigkeit. Fast die ganze Selbstverwaltung ist heute aus der öffentlichen Unternehmungslust ausgeschaltet. Es ist Pflicht unser aller, der Selbstverwaltung die Möglichkeit zu geben, ihre Aufgaben zu erfüllen. Das Innenministerium befaßt sich im Einvernehmen mit dem Finanzministerium mft dieser Frage' und wird demnächst einen Antrag auf Sanie« rung der unerfreulichen Finanzen der Bezirke und Gemeinden embringen, di« eine kritische Situation aufweisen. Der Minister wandte sich dann dem Sicherheitsdienste durch Polizei und Gendarmerie zu. 49 BRUNO ADLER: r AMPF UM POLNA BIN TATSACHENRGMAN Copyright 1984 by Michal Kacha Verlag. Prag XIX (Schluß.) Rach«ort des Verfasser« Mft dem gegen Leopold Hilsner ausgesprochenen Todesurteil schließt dieser Bericht, der nur die Zusammenhänge zwischen Verbrechen und Politft nachweisen wollte. Ergänzend sei er durch wenige Daten vervollständigt: Das Todesurteil wurde nicht vollstreckt, vielmehr auf dem Gnadenwege in Zuchthausstrafe auf Lebenszeit umgewandelt. Die Revision des Prozesses oder eine Amnestie zu erwirken, bemühten sich jahraus, jahrein viele Kreise und Kräfte, jüdische und hochadelige Politiker und Wissenschaftler. Franz von List, der größte deutsche Strafrechtslehrer seiner Zeit, bezeichnete das Urteil öffentlich als Justizmord, und zahlreiche Veröffentlichungen namhafter Gelehrter setzt« sich dafür ein, das Verfahren, welches nach der nunmehr allgemein herrschenden.Ueberzeugung in Grund und Boden verfahren war, wieder aufzunehmen. Alles war vergeblich. HilSner blieb in der Strafanstall. Erst im Frühjahr 1918, als Oesterreich- Ungarn bereits in allen Fugen krachte, erfolgte durch Kaiser Karl ein Gnadenerlaß, durch den. Die««Deutsche Landpost“ berichtigt Hacker I Pressekampf um die Brüxer Hackerrede Wir haben vor einigen Tagen das Bekenntnis registriert, das der amtierende.Parteivor- sitzende-Stellvertreter des Bundes der Landwirte, Herr Gustav Hacker, auf der Brüxer Tagung des Landstandes zur Henleinbewegung abgelegt hat. Der genaue Text der Hackerrede wurde in der„Brüxer Zeitung" wiedergegeben. Aus ihm geht hervor, daß Hacker nicht etwa für sich gesprochen hat, sondern auch für den Bimd der Landwirte. Die„Deutsche Landpost" hat jedoch die Hacker-Rede frisiert. Nach ihrem Berichte hat Hacker der Henleinbewegung gegenüber lediglich seine persönliche Meinung vertreten. In der Rede- Wiedergabe der„Deutschen Landpost" heißt es: „Der Bauernstand.... ist die Grundlage für die ganze biologische, seelische und geistige Ge- famterneuerung eines Volkes. Aus dieser Erkenntnis und Einstellung enMehme ich(Hacker— D. Red.) als notwendig für ein gesetzmäßiges Handeln des Bauernstandes seine Berufung auch im polittschen Leben. Auch der Bauernstand ist verantwortlich für das Geschehen im Vollstum, er hat Verpflichtungen auch den anderen Ständen gegenüber." AuS dieser Einstellung entnimmt der Redner auch die Haltung deS Bundes der Landwirte in volkspolitischer Hinsicht seit Oftober des v. I. und s«ine eigene Haltung zur sudetendeutschen Heimatfront... Diese Form der Berichterstattung nimmt nun die„B r ü x e r Z e i t u n g"— offenbar im Auftrage des von der„Deutschen Landpost" zensurierten Hacker— zum Anlaß, noch einmal auf den von ihr wiedergegebenen authentischen Text der Hacker-Rede zu verweisen, in der die betreffende Stelle der Hacker-Rede so lautet: „Aus dieser Einstellung entnehmen Sie mein« Haltung und die deS Bundes der Landwirte, diese unsere Haltung seit dem Oktober deS vergangenen JahreS, als» auch unsere Haltung zur sudetendeutschen Heimatfront." Es kann also kein Zweifel darüber bestehen, daß Hacker zum Ausdruck gebracht hat, nicht nur e r, sondern auch der Bund der Landwirte sei der Henleinbewegung gegenüber festgelegt. Daß diese Feststellung der„Deutschen Landpost" so unangenehm ist, daß sie in dem Bericht über Brüx unterdrückt, bezw. unrichtig wiedergegeben wurde, ist nicht uninteressant. Es scheint zu beweisen, daß im Bund der Landwirte die Meinungen über Henlein noch immer geteilt sind. Rur fragt es sich: wer spricht eigentlich im Namen deS Bundes der Landwirte: der Parteivorsitzende-Stellvertreter Hacker oder das parteiamtliche Organ? Ist die„Deutsche Landpost" auch das Organ Hackers oder ist es die „Brüxer Zeitung"? Verständigungsbereitschaft der Seemächte? Dir jüngsten Londoner Meldungen über den Stand der Floftenverhandlungen zwischen Großbritannien, Japan und den Bereinigten Staaten lanten wieder ein wenig optimistischer. Es scheint, daß die beiden angelsächsischen Seemächte untereinander einig find und daß Japan gegen gewisse Zugeständnisse z« einem neuen Abkommen bereft wäre, bei dem alle Teile Opfer bringen. Richt recht verständlich erscheinen die Nachrichten, die von einer„grundsätzlichen Gleichberechtigung Japan- bei Aufrechterhaltung des Schlüssels 5:5:3" spreche«, den« eben diesen Schlüssel lehnt doch Japan ab, da eS ihn durch den Schlüssel 5:5:5 ersetzt haben will. Die Zugeständnisse laufe« vorläufig darauf hinaus, daß man die Tmmage der'Schlachtschiffe mit 35.000 t beschränken will und daß jederMachterlanbt werde« soll, ihre Spegiialwaffe«ach Belieben innerhalb der Gesamttonnage auszubauen, Japan also U-Boote, die USA Schlachtschiffe und Flugzeugmutterschiffe und Großbritannien schnell» und gut armierte Kreuzer. Im Grunde heißt das natürlich, daß man sich einigen würde, mit Bolldampf aufden Seekrieg zuznsteuern, wobei lediglich aus Ersparungsgründen jeder Teil die Waffe ausbant, die er von sich aus für besonders wertvoll hält! Militärbündnis Deutschland—Irland 7 Paris. Wir veröffentlichen mft allen Borbehalten folgende Meldung des Pariser Blattes „Le Matt«":„General John Morgan, Mitglied der brttischen Friedensdelegation im Jahre 1919, welcher hierauf Professor des Internationalen Rechte- an der Londoner University College wurde, kam geheimen Verhandlungen auf die Spur, der« Ziel ei« mllitärischeS Bündnis deS Ministerpräsidenten d«S Irisch« Freistaates de Balera mit Deutschland ist, welches gegen Großbritanni« gerichtet ist." Das Blatt sagt am Schluffe seiner Meldung: Wir werd« nicht überrascht, wmn wir erfahr« würd«, daß der Irische Freistaat Deutschland sein Gebiet alS Flugbasis für ein« eventuell« Konflikt mft Großbritannien anbieten Würde. Hollands Neutralität durch deutsche Kriegsvorbereitungen gefährdet? Berlin. Im„Angriff" macht Donnerstag der holländische Korrespondent des Blattes seinem gepreßten Herzen Lust darüber, daß in der letzten Zeit angeblich der Versuch unternommen wurde, Holland in das Netz der französischen Machtpolittk einzuspannen und daß diese Versuche beunruhigende Form« annehmen. Gefährlich werde die Sache dadurch, daß die holländische Regierung der Tättgkeit der französischen Propaganda mft einer fast unerllärlichen Ahnungslosigkeit gegenüberstehe. Der Artikel schließt mft der Wendung, Holland stehe am Scheidewege, w«n nicht im letzt« Augenblicke starke nationale Kräfte sich regen. Das„Berliner Tagblatt" beschäftigt sich mft der Rede, welche der englische Kriegsminister Hailsham im Oberhaus gehalten hat und in welcher er sagte, eS sei für England lebenswichtig, daß keine Luftangriffe von Holland aus unternommen werden können. In dem Artftel des„Berliner Tageblatts" wird unter anderem erklärt, es bedürfe nicht eines fein« Ohres, um aus d« Worten HailshamS zu entnehmen, daß die ! Einbeziehung Hollands ein lebenswichtiges Ziel der englischen Politik" ist. Das Blatt lobt dann Holland, das seine Neutralität sowohl gegenüber England als auch gegenüber Frankreich auftecht erhält. mit vielen anderen, auch Leopold Hilsner die Freiheft erhielt. Sie brachte ihm kein Glück. Hils- ner führte zwar von nun an den Namen Himmelreich, seinen Lebensunterhall aber sicherte ihm notdürftig der richtige Name. Biele Jahre lang zog er bettelnd und allerlei Kram verkaufend durch Böhmen und Mähren, ein wellberühmter Schnorrer. Dann starb er ftgendwo unterwegs. Sein Verteidiger in Kuttenberg und Pisek, Dr. Aurednicek, mußte seine Heimat und das Land Verlässen, um der Rache der Gegner zu entkommen. Professor Masaryk, der sich selbst zum Anwalt bestellt hatte, hatte noch Jahre hindurch unter dem Haß zu leiden, den das verhetzte Voll dem „Verräter" entgegenbrachte. HiEners Gegner, vom Triumph über ihn emporgetragen, erst«« sich eines Lebensabends in Ehre und Wohlstand. Der vorstehmde Bericht ist unausgedeutet dm Quellen nacherzählt. Nichts ist retuschiert, nichts erfunden. WaS hier vorliegt, geht jedem Wort auf gewissenhafte Forschung zurück. Ich habe mich damit begnügt, den Rohstoff der Fakten in sinngemäße Ordnung zu bring«. Literarische Zwecke wurden nicht verfolgt. Die„Ritualmordfrage"— die keine Frage, sondern eine der ewigen Erscheinungsformen tteri- scher Dummheit ist— soll in diesem Zusammenhang nicht die mindeste Rolle spielen. Wenn heute die Führer eines großen Bolles auf das geisttge Niveau der Polnaer Kleinbürger von 1900 gekommen sind, so ist das noch kein Anlaß, sich mft deren längst abgetane'.„Problemen" nochmals zu befassen. Aber diesem Bericht lag es ebenso fern, den Justizirrtum zu beweisen oder die kriminal psychologischen Merkwürdigkeiten und Lehren des Falles zu untersuchen. Auch wird nicht zur Teilnahme an dem Schicksal eines unbedeutend« Einzelnen aufgerufen. Wie käme eine Zeit dazu, sich dieses minderwertigen Taugenichts christlich zu erbarmen, da sie zusieht, wie Dausende und aber Tausende, und unter ihnen die Tapfersten, Besten, Edelsten, an dem Geist von Polna zugrundegehen? Was die Erinnerung an dm Fall Hilsner lohnt, ist einzig seine exemplarische Bedeutung für die Funktion, die dem Verbrechen als einem Instrument aller Gewaltpolitft zukommt. Wo Politik nichts als Gewalt kennt, will und gellen läßt, kann sie des Verbrechens nicht entraten, Man muß nicht allzuweit in die Vergangenheit zurückgehen, um die Beweise dafür zu finden. Und noch aus einem anderen Grunde ist eS lohnend, das Gedächtnis an Polna aufzufrischen. Was dort und damals di« Seelen und die Hirne verblendet hat, das war die Macht des Aberglaubens, desselben Aberglaubens, der hinter jedem Chauvinismus, jedem Rassenwahn und allem Glaub« an Blut und Scholle steckt. Im Kampf um Polna kämpfte die Vernunft gegen die dumpfe Besessenheft, der Geist gegm das Blut, der freie weltoffene Mensch gegen die schollengebundene Borniertheit. Vernunft und Geist, damals am reinsten in der Gestalt Masaryks verkörpert, unterlagen. Die Gegner verstanden ihr politisches Geschäft so gut, daß es sich dreißig Jahre später noch bewährte: die Spekulation auf Aberglauben, Phrasen und Unwissenheft trug dauerhafte Früchte. Aber schließlich erwies sich die größere Idee/der sittliche Gedanke doch als Sieger. — Ende— Hitlers„tote Seelen** an der Saar 90.000 falsche Wähler! Genf.(Tsch. P. B.) Dem Völkerbund sind drei Beschwerdm der sogmannt« Einheitsfront und der Arbeüsgrmeinschaft für die saarländische» Jnteressrnl eingrgangrn. Diese beidm Organisation« behaupt«, daß die provisorische» Wahlverzeichnisse für daS Plebiszit unrichtig ausgcarbcitct ward« und daß die Mitglieder der sogenannt« Deutsch« Front aas die Anlegung dieser Verzeichnisse Einfluß geno«- mm hab«. Auf diese Weise sind 90.000 Wih- l e r zu Unrecht im die Verzeichnisse ausgenommen Word«. Die Organisatto- n« verlang« eine Berlänge«ng der Frist zur Einreichung von Beschwerdm gegm dir Mißstände bei der Verfertigung der Wahlverzeichniffe. Bisher find, wie die Pleviszitkommission deS Saargebietes mitteilt, gegm 100.000 Beschwerdm«in- gegangen. Zahlreiche Wähler, insbesondere Juden, wurdm in die Berzrichniffe nichtri«- getragen, obwohl sie am Plebiszit stimm- berechtigt find. Bürgermeister Im Pleblsztt>Geblet wegen AmtsmiObrauch verurteilt Saarbrücken.(Havas.) DaS Oberste Gericht verurteilte den Bürgermeister der Stadt Hom« bürg, der beschuldigt würde, bei Ausübung seines Amtes die nöttge Unparteilichkeit verletzt zu haben, zu sechs Wochm Gefängnis. Der Wolf beschwichtigt die Schaft Paris.(Tsch. P.-B.) An informierten Stel- len wird behauptet, daß von Ribbentrop der Vertrauensmann Hftlers, anfangs der nächst« Woche auf seinem Wege von London nach Rom in Paris Aufenthalt nehme» wird, wo er mit dem Ministerpräsident« F l a u- d i n und mft Außenminister Laval Unterredungen haben^wird. Information« aus deutscher Quelle versichem, daß Ribbentrop, so wie et es in London tat, auch der französisch« Regierung die Berficherung abgeben will, daß die deutsch« Rüstung« lein« aggressiv« Charakter tragen, sondem daß sie nur daS einzige Ziel verfolgen, Deutschland die Mittel ficherzustellm, die eS S« seiner notwendigsten Berteidignng bedarf. Deutschland habe nicht die Absicht, den Vertrag von Versailles zu kündigen, und auch im Saargebiete werde es sowohl während deS Plebiszites als auch nachher die Bestimmung« der Friedensverträge respektieren. An Pariser politische» Stellen sieht Man dem Besuche Ribbentrops oh»« Voreingenommenheit, aber auch ohne Borbereitu»- gen entgegen. Man behauptet insbesondere, daß die Belege über den deutschen RL- stungsstand, welche die fvanzösische Regie- rung besitzt, und die Kriegsminister Marsch«- Petain kurz vor der Demission der letzten Regierung vorgelegt hat, sehr schwerwiegend seien. Schuschnigg hilft den erwerbslosen nicht Wi«- Bon der Durchführung des vor einiget Zeit aufgetauchten Planes eines gesetzliche» Moratoriums für Erwerbslose$ wegen Schwierigkeiten Abstand genommen worden. Hilfe für die spanischen Republikaner Beratungen der SAI. Paris. In Paris konstftuierte sich eine Gesellschaft der FreundeSpanienS. die den Zweck verfolgt, das Asylrecht für die spanischen polittschen Flüchtlinge zu organisier«». Außer ungefähr 280 Abgeordneten, die Mitgliedes der französisch-spanischen Parlamentsgruppe sind. gehör« dem Ausschüsse zahlreiche Schriftsteller. Professor«, Advokaten, Mitglieder französischer Institute u. a. an. Der in Paris tagende Exekutivausschuß Sozialistischen Arbeiter-Internationale befaßte ft® mit der Lage des spanischen Sozialismus und der spanischen polittschen Flüchtlinge. Der Delegierte der Internationale, der ftanzöstsche Abgeordnete Vincent A u r i o l, der in Spanien eine Enquete abgehalten hatte, berichtete dem Exekutivausschuö über die Situation. Untersuchung in Asturien Gil Babks will sie verhindern Madrid. Der schon vor einig« Tag« a»- gekündigte Untersuchungsausschuß französischer und englischer Sozialisten, hat sich am Mittwoch im spanischen Parlamentsgebäude eingefunden, um die Führer der katholische» Bolksaktton wegen der Vorgänge in Asturien 3» verhören. Gil Nobles weigerte sich aber, die Mit- glieder des Ausschusses zu empfang«. Er ließ ihnen nur sagen, er hoffe, die Regierung weck» sie möglichst umgehend an die Grenze schaffe»- Die Deputation hat jedoch von der Madrider Regierung die Bewilligung zum Aufenthalte in Ast»- um erhalt« Nr. 289 Freitag, 16. November 1934 Seite S Weitere Belebung des AuBenhandels Nach den Erhebungen des Statistischen Staatsamtes weist der Außenhandel imMonat Oktober 1934 folgende Daten auf: Die Einfuhr betrug 588,097.000 XL gegen 532.892.000 XL im Oktober 1933, die Ausfuhr 724.231.000 gegen 574,634.000 XL. Die Handelsbilanz war somit im Oktober 1934 mit dem Beträge von 136,134.000 XL aktiv, im Oktober 1933 mit 41,742.000 XL gleichfalls aktiv. Es ist also Einfuhr und Ausfuhr bedeutend gestiegen, die Ausfuhr noch mehr als die Einfuhr und damit auch das Aktivum der Handelsbilanz. In derZeit vom Jänner bis Oktober betrug die Einfuhr 5195,383.000 XL, die Einfuhr in derselben Periode 1933 4646,219.000 XL. Die Ausfuhr in den ersten zehn Monaten des heurigen Jahres 5838,057.000 XL, in der gleichen Zeit des Vorjahres 4699.903.00 XL. Die Handelsbilanz war somit in der Periode Jänner bis Oktober 1934 mü dem Betrage von 642,674.000 XL aktiv, in derselben Zeit 1933 mit nur 53,684.000 XL aktw.(Sämtliche Ziffern beziehen sich auf den remen Warenverkehr, es ist also Goldein- und Ausfuhr ausgeschlossen.) Auch diese Ziffern bestätigen, daß unser Außenhandel seinen Tiefpunkt überschritten hat und drch die Ergebnisse 1934 günstiger sein werden, als die von 1933, des Jahres ärgsten Tiefstandes des Außenhandels. ein schöner Erfolg Die Verstaatlichung der deutschen Lehrerakademie durchgesetzt Unsere Vertretung im Kulturausschuß, vor allem die Genossin K i r p a l, die seit Jahren unermüdlich dafür eintrat, daß die einzige deutsche pädagogische Akademie, die in Prag besteht, nach dem Vorbild der analogen tschechischen Anstalten verstaatlicht werde, hat nach unzähligen Interventionen dank der tatkräftigen Unterstützung durch die zentralen Stellen unserer Partei in diesen Tagen endlich das angestrebte Ziel erreicht. Auf dem Wege dazu waren wiederholt wahre Leidensstationen, die Wer nicht erfüllte Zusagen der zuständigen Stellen gingen, zu verzeichnen. Nunmehr ist endlich nach dem Schulmini- st e r i u m auch, das entscheidende Finanz- mi n i st e r i u m für diesen Plan gewonnen und auf dessen sofortige Durchführung festgelegt worden. Genossin Kirpal hat vom Finanzministrr ; Dr. Trapl die offizielle Mitteilung erhalten, daß dem Antrag de« Schulministeriums auf Verstaatlichung der bestehenden deutschen privaten pädagogischen Akademie vom Finanz- - Ministerium mit Zahl 84.775/34—1/26 die Zustimmung erteilt wurde, und zwar mit Wirksamkeit vom 1. Jänner 1935. Die einzige Voraussetzung, an die diese Zustimmung noch gebunden ist, die Genehmigung des vorgelegte« Voranschlages für 1935, wird aller Voraussicht«ach wohl auch erfüllt werden. Schulminister KrLmar hat überdies am Donnerstag diesen Tatbestand im Budget auf eine deutsche Anfrage in einem Zwischenruf ausdrücklich bestätigt. NeukS Mitglied der Landesvertrrtnng Böhmens. Genosse Richard Lorenz(Teplitz- Schönau) wurde zum Mitglied der böhmischen Landesvertretung ernannt. Genosse Lorenz, der außer seinen Funktionen in der Partei auch ein Mandat im Teplitzer Bezirksausschuß bekleidet, mutz dieses Mandat niederlegen, da die Funktion eines Mitgliedes der Bezirksvertretung mit der eines Landesvertreters unvereinbar ist. Die Journalisten für die Buchdrucker. Gegenwärtig finden Verhandlungen zwischen den Buchdruckereibesitzern und dem Personal wegen eines neuen Kollektivvertrages statt. In diesem Zusammenhang ist interessant, das alle Journalistenorganisationen in der Tschechosiowakei, darunter das Syndikat der tschechoslowakischen Journalisten, die Reichsgewerkschaft der Deutschen Presse und die Union der ungarischen Redakteure eine Sitzung abgehalten haben, in der zu jenen Punkten des in Verhandlung stehenden Kollektivvertrages Stellung genommen wurde, durch welche die Journalisten getroffen werden. Die Sitzung sprach sich gegen den Antrag der Unternehmer auf Einführung einer dritten Schicht bei der Herstellung der Tagesblätter und für den Antrag der Buchdruckergehilfen auf eine entsprechende Einschränkung der Termine für den Druck der Tageszeitungen aus. Der»Gutenberg", das Organ der Buchdrucker, begrüßt den Beschluß der Journalistenorganisationen auf das herzlichste. vomdensnsckISze In Spanien Madrid. In der Nähe der nordfpanischen Hafenstadt Vigo legten unbekannte Täter unter dem Hochaltar einer Dorfkirche vier mit Dynamit geladene Bomben, die kurze Zeit daraus explodierten und wertvolle KunstschStze zerstörten. Ferner explodierte in den Büroräuinen einer keramischen Fabrik eine Bombe. Die Fabriksanlagen wurden schwer beschädigt. Drückende Alltagssorgen Aus der Rede des Genossen Die Verteilung der Arbeitslosigkeit nach Gebieten gefallen war, blieb Pesäks Aussage das glaub- würdige-Hauptbelastungsmomeni, um so mehr als Hilsners Alibiversuch mißlang, tete nämlich, daß er am S. Mordtages zu einer Zeit,' die etwa knapp der Zeit| des Mordes voranging, Zum Kapitel Innenministerium war, wie wir schon kurz berichteten, in der Mittwochsitzung des Budgetausschuffes Genosse Kremser der Sprecher unserer Fraktion. Redner beschwert sich darüber, daß die Verwaltungsbehörden die grundsätzlichen Entscheidungen des Obersten Verwaltungsgerichtshofes einfach nicht zur Kenntnis nehmen wollen, so vor ,allem betreffs der Ve rp fl eg sko ste n r ü ckstän d e, und, wirft dann etliche strittige Fragen aus dem Gebiete der Ernennung von Gemeindevertretern auf und verlangt, daß hiefür einheitliche Richtlinien herausgegeben werden. Unmögliche Zustände werden ost auch durch die sogenannten Aktenverschiebungen von einer Behörde zur anderen hbrbeigeführt. Es gibt da direkt Spezialisten, di« grundsätzlich immer Genosse Kremser legte zunächst an Hand einer tabellarischen Uebersicht über die Arbeitslosigkeit in einer Reihe von tschechischen und deutschen Bezirken ganz augenscheinlich dar, wie ungeheuer groß die Arbeitslosigkeit in den deutschen Randgemeinden ist. Er zieht dabei deutsche und tschechische Bezirke mit ungefähr gleicher Bevölkerungsziffer in Vergleich: daraus ergibt sich für die deutschen Bezirke durchwegs ein hohes Vielfaches der Arbeitslosenziffer des in Vergleich gezogenen tsche- chischen Bezirkes. Investltlonspolltik In den Notstandsbezirken Investitionsarbeiten durchzuführen, wie es Dienstag der Herr Ministerpräsident im Ausschuß angekündigt hat, ist schwer, da die Gemeinden keine Darlehen erhalten und so ihre Quote einfach nicht aufbringen können. Da müßte der Staat das gesamte Geld für solche Investitionen zur Verfügung stellen. Bei Investitionen wird es sich meist um E r d a r b e i- ten handeln. Wenn wir warten, bis der Frost kommt, dann werden auch dies« Investitionen vor dem Winter unmöglich. An große Jnvesti- tionsarbeiten glaubt Genosse Kremser nicht, weil die hiezu notwendigen finanziellen Mittel fehlen. bürokratisches Hilsner behaup->, pätnachmittage^des j f en^nn, wann er eigentlich gelogen hatte. '..* Einige Wochen später erfuhr ich zufällig, daß _ ,.-H-- W* fernen Kameraden sich Dr..Aukedniäek, der seinerzeitige V er- - 1 n CJ r>> D b o k a^ ek u n d L^e ix n er Leidiger Hilsners, in Prag aufhalte: ich teilte ihm die sonderbare Aussage dieses einen seinerzeitigen Zeugen mit. Dr. Aukednikek legte ! dieser Sache eine solche Bedeutung zu, daß er darin die Basis für eine Wiederaufnahme des Prozesses erblickte. Selbstverständlich mußte er es versuchen, die zwei anderen Kameraden des A. stellig zu machen. Dann hörte ich längere Zeit nichts von der ! Angelegenheit; erst einige Monate später wurde ! ich vor Gericht zitiert, um dort amtlich über die Aussage des A. zu berichten, ein Beweis dafür, daß Dr. Aukednikeks Aktion bereits im Gange war. Ich schilderte bei Gericht als sachverständiger Zeuge die Umstände der Aussage des A. und über die Glaubwürdigkest des A. befragt, gab ich dort die gleiche Ansicht zu Protokoll, die oben schon erwähnt worden ist. Kurze Zeit darauf bekam ich von Doktor Aurednicek Bericht über die Recherchen nach den zwei anderen Zeugen. Der Bericht war überraschend: Der eine war angeblich in einem verblödeten Zustand gestorben und dürfte nach den Schilderungen an Epilepsie gelitten haben; der andere befand sich in einem verblödeten Zustande in einer Irrenanstalt und war nicht vernehmungsfähig. Längere Zeit hörte ich nichts mehr von der «Angelegenheit; erst nach vielen Monaten teilte ' mir Dr. AukedniLek daö überraschende Resultat ! seiner Bemühungen mit: er gelangte bei der Verfolgung der Wiederaufnahme des Prozesses bis Izum I ustiz m ini st e r, demnach Vorlage des '.‘. f« nähme gewesen fein soll. Es kam jedoch nicht [ dazu, Kaiser Franz Josef hat sich energisch gegen die Wiederaufnahme ausgesprochen mit der Begründung, erhabeschongenug v o n d e m P r o z e ß, der die Gemüter nur beunruhigt habe, dem Hilsner gehe eS in der Strafanstalt ganz gut, jedenfalls besser, als es ihm in der Freiheit gegangen ist. So klang in Wirklichkeit das Ritualmärchen von Polna aus! Der Zeuge aus der Irrenanstalt Von Oskar Fischer Wir veröffentlichen im nachstehenden Mit tellungen, die zweifellos allergrößtes Interesse nicht nur bei den Lesern unseres heute ablau fenden Romans„Kampf um Polna" sondern überhaupt bei allen jenen finden wer den, die die Bedeutung des HilSner-Prozeffes kennen. Der Autor des nachstehenden Artikels, Dr. Oskar Fischer, hochgeschätzter Freund unseres Blattes, ist Professor an der Prager Deutschen Unwersität und Leiter des bekann ten Sanatoriums für Nerven- und Geistes kranke in Beleslavin bei Prag. Die Red. Bruno Adler hat den Ritualmordprozetz von Polna in einer Form verarbeitet, die er Tatsachen roman nennt. Richtiger und besser kann man die ses Werk nicht bezeichnen; der Autor bringt näm lich nichts als Tatsachen und trotzdem wirkt das Gebrachte so romanhaft unglaublich, wie wenn es der Phantasie eines Romanschriftstellers entstam men würde. Adler hat es verstanden, das Milieu des Prozesses trotz aller Einfachheit der Schil derung so packend wiederzugeben, daß sich der Leser beinahe in die von Haß und Politik aufgewühlte, sonst weltvergessene Kleinstadt hineinversetzt fühlt Klar und plastisch kommt hiebei zur Darstellung die Entwicklung der durch dilettantenhafte und Be rufshetzer geschürte Massenpsychose der Polnaer Kleinbürger, die plötzlich die Augen der ganz gro ßen Welt auf sich gerichtet sehen, und die sich in ihrer vermeintlichen Wichtigkeit demenffprechend gebärden; so entwickelte sich diese eigenartige Massenpsychose, die dem Polnaer Prozesse die ent scheidende Richtung gab.- In der Darstellung von Adler kommt der juristische Kernpunkt des Prozesses etwas weniger deutlich heraus. Hilsner wurde hauptsächlich des halb als Täter angesehen und verurteilt, well er etwa zur Zeit der Tat in der allernächsten Nähe des Tatortes gesehen und erkannt worden sein soll und weil ihm sein Alibi nicht gelungen ist. Der Mann, welcher Hilsner am Tatorte erkännt haben wollte, war der sogenannte„Kronzeuge" P e s ck k, welcher behauptete, daß er der Zeit Nach kurz vor der Tat Hilsner aus dem Wald heraustreten und wieder zursicktreten gesehen habe, und zwar aus einer Entfernung von etwa 800 Metern. Einen Menschen auf eine Entfernung von mehr als drei Viertel eines Kilometers zu erkennen und mit Sicherheit zu identifizieren, ist etwas so unglaub liches, daß man eine solche Zeugenaussage unter normalen Umständen kaum als Verdachts- ge schweige denn als Belastungsmoment hinnehmen würde. Trotzdem nun ein Versuch mit Pesäk am Tatorte bei gleicher Entfernung recht lläglich aus- Das noch unbekannte SchluB- kapital des Hllsnerproxesses neuerdings das Recht erhalten sollen, die Gemeind«-; Voranschläge nicht nur sachlich, sondern auch m a- s teriell zu beurteilen und abzuändern.£»»,/ haben unser« Erfahrungen aus dem Jahre 1928 und| d-rholt herauszuholen versucht, ob er seine letzlge 19301—~‘‘ Redner bemängelt die Untätigkeit des Be ratungsausschusses für Selbstverwaltungsfragen und appelliert an das Innenministerium, die Frage der Annuitätenzahlungen durch di« Gemein den gründlich zu überprüfen, da die Rückstände an Annuitäten bereits über ein« halb« Mil liarde betragen. Wenn wir die Gemeinden zwingen, die Annuitäten zu bezahlen, so ergeben sich daraus Schwierigkeiten für di« Gemeinden, verlan gen wir andererseits bei den Sparkassen Rück sichtnahme aus die Gemeinden, so kommen wieder die Geldanstalten in Schwierigkeiten. Gerade die Kom munaldarlehen kommen aber nicht von den Aktien banken, sondern ausschließlich von den Sozial- -nstituten und Volksgeldanstalten. Hier sehen wir«ine große Gefahr. Dazu kommt, daß ein Großteil dieser Rück stände an Annuitäten bereits am 1. Jänner 1985 verjährt. Daraus werden sich wieder nur neue Unannehmlichkeiten, Klagen, Pfändungen und Exekutionen ergeben, alles wieder auf Kosten der Gemeinden. Es kommt auch vor, daß die Landes behörde den Landesbeitrag unmittelbar an einen Gläubiger überweisen läßt; di« Gemeinden haben aber in der Regel m e h r.als einen Gläubiger. Da darf nicht ein einzelner voll befriedigt werden, son dern da muß ein Ausgleich unter allen Gläubigern zumindest versucht werden! Unmöglich ist eS auch, daß man den Gemeinden sogar zukünftige Forderungen aus Abgaben und Gebühren pfändet. Es ist dringend notwendig, daß das Ministerium in allen diesen Fragen die Initiativ« er greift und den untergeordneten Behörden entspre- chend« Weisungen gibt. richterReichenbachsie nach ihrer Zeugenaussage besonders ermahnt hätte, sie sollen vorsichtig sein, der Hilsner fei als Jude doch auch ein Mensch wie sie, und sie sollten sich doch reiflich überlegen, was sie aussagen(es scheint, daß der Zu dem Problem der Selb st Verwaltung Richter ihren Aussagen nicht recht getraut hatte). übergehend, nimmt Redner gegen die Absicht Siel- Als sie dann das Gerichtsgebäude verließen, hätte lung, daß durch die Novellierung des Gemeinde» eine von ihnen noch vorwurfsvoll bemerkt, der finanzgesehes di« Bezirks- und Landesbehörden Richter hätte ganz recht gehabt., lieber diese Angelegenheit habe ich mit dem Wir Patienten später wiederholt gesprochen, habe wie- Aussage nicht deshalb mache, um sich irgendwie interessant zu machen, er betonte aber immer wieder, daß das, was er jetzt auögesagt habe, die reine Wahrheit sei. Jeder wird nun fragen, weswegen sich dieser Patient A. in der Irrenanstalt befand. A. hatte eine recht bewegte Vergangenheit; als Kind wurde er in einer Besserungsanstalt erzogen, aus der er entfloh; dann lebte er ein Vagabundenleben, wurde wiederholt wegen Vagabundage, Bettelei und Trunksucht bestraft, später verübte er meist in Trunkenheit Exzesse und Raufhändel, führte sich in den Gefängnissen äußerst rabiat auf und landete I schließlich in der Irrenanstalt. Zu jener Zeit, als | er die hier besprochene Aussage machte, war er > das viertemal in der Irrenanstalt, wobei er jedesmal aus irgendeiner Strafhaft abgegeben worden war. Es handelte sich bei ihm um eine geistige Abnormität, die man als psychiate Degeneration j mit hysterischen Zügen bezeichnen kann; seine Trunksucht, seine Reizbarkeit und Hemmungs- i losigkeit, seine Unverbesserlichkeit in der Straf- !anstalt, seine Abneigung gegen die Arbeit und ! sein Trieb zum Vagabundenleben sind psychopathische Züge, die insgesamt ein Krankheitsbild formen, das man auch moralischen Schwachsinn , nennt. Es muß noch erwähnt werden, daß dieser | Patient A. etwa ein Jahr später wieder, diesmal ! das fünftemal, in die Irrenanstalt eingeliefert wurde— und zwar wegen Totschlag in Trunkenheit— mit dem Auftrag des Gerichtes, er möge dauernd interniert belassen werden. Unter diesen Umständen ftagt es sich, welche Bedeutung der Aussage eines solchen Menschen zukommt. Leute mit moralischem Schwachsinn nehmen«S mit der Wahrheit nicht immer ganz genau, und deshalb kann man die letzte Aussage des A. auch nicht als vollwertig Hinnehmen. Da jedoch seine geistige Abwegigkeit angeboren war, so kann mit Sicherheit behauptet werden, daß die Aussage im Hilsnerprozeß denselben, geringen Wert hatte, wie der in der Irrenanstalt gemachte Widerruf. Seine Aussagen hätte man wieder erst durch andere glaubhafte oder wenigstens glaubhaftere Zeugen kontrollieren müssen, damit man feststel- i zirksrichter gingen, beraten, was sie aussagen sollten, und trotzdem sich einer von ihnen dafür einsetzte, die Wahrheit zu sagen, blieb er in der ._.. Minderheit, die anderen zwei siegten unter der Kremser Im BudsetausschuB Devise nur«ine Zeil« les-n und den Akt dann weiter- /m 8. tf“ 8dem“ wandern lassen; das nächst« Mal wiederholt sich da«!(Nur hmem mit dem Juden!) Spiel und so wächst der Akt mit der Zeit zu einem Der Patient«. betonte noch, daß der B e z i r k S- Folranten an, der von einem einzelnen Amts---■--- u—- r diener gar nicht mehr getragen werden kann. Hier wäre Abhilfe dringend notwendig! Sorsen der Selbstverwaltung in einem Straßengraben Karten gespielt hätte, und zwar an einem Ort, der vor Polna in ganz ent gegengesetzter Richtung" als die Mordstelle liegt. Wenn das erweisbar gewesen wäre, dann hätte er in der kurzen Zeit, die nach den Berechnungen nur einige Minuten betteffen konnte, unmöglich bis zum Walde der Mordstelle gelangen können, dem Opfer aufzulauern und es in vorbereiteter Weise umzubringen. Dieses Alibi mißlang; HilSners Kameraden bestritten die Richtigkett der Alibi-Aussage Hilsners. Dies alles muß ich vorausschicken damit das Folgende verständlich wird; denn hier erst beginnt mein Erlebnis. Als ich noch Assistent an der psychiatrische« Klinik in Prag war, teilte mir eines Tages der Oberwärter mit, ein Patient erzähle, daß er wichtige Angaben über den Mordprozeß Hilsner machen könne, er wisse, daß Hilsner unschuldig ist und wünsche mit mir zu sprechen. Ich ließ ihn vorführev; es war einer der drei Kame raden Hilsners, auf die sich Hilsner bei seinem Alibiversuch berief und die dabei versag ten. Dieser Patient,— wir wollen ihn Zeuge A. nennen, denn Namen sind heute belanglos,— sagte mir gegenüber aus, er könne es bekräftigen, daß HilSner unschuldig sei; denn er wisse ganz positiv, daß Hilsner an dem Mordtage mit ihm und noch mit den zwei anderen Kameraden an dem von Hilsner de- zeichneten Platze spazieren war. Seine damaligen Aussagen und die Aussagen der--Materials^ für die W ied tu u f anderen zwei Kameraden, bezeichnete er als un-~*“ wahr, denn sie alle starken gerade so wie ganz- Polna unter einem mächtigen Druck der öffent-I lichen Meinung; ganz Polna war im Zeichen des Aufruhrs gegen die Juden, alles war durch Agi tation aufgestachelt, und die Agitation war viel, wütender als zur Zeit der Wahlen; eS wären auch Leute von Prag dagewesen, mehrere Redakteure und die hätten sich bemüht, die Leute aufzu stacheln, beschwerend gegen HilSner auszusagen. Die drei Kameraden hätten, bevor sie zum Be- «eite 4 Freitag, 16. November 1934 Ä. MO TagcsncuighcHcn Genosse Dr. Veleminsky gestorben Gestern ist in Prag der ehemalige Ministerialrat im Schulministerium und tschechische sozialdemokratische Landesvertreter Genosse Dr. Karel Beleminskh gestorben. Der Verstorbene, 1880 in Myslitin bei Pacov geboren, war vor dem Kriege Mittelschulprofessor und literarisch außerordentlich tätig, insbesondere als Ueber- setzer der Werke Tolstois ins Tschechische. Er war selbst mehrere Male in Jasnaja Poljana, dem Wohnsitze Tolstois, wo er mit diesem längere Zeit verkehrte. Nach der Entstehung der Republik ins Ministerium für Schulwesen berufen, wurde er dort schließlich Leiter der Studienabteilung. 1929 kam er in die Landesvertretung und hat hier sehr erfolgreich gewirkt. Insbesondere dem Gebiete der Schule galt sein Interesse und wie man zu seinem Lobe sagen kann, nicht nur dem tschechischen, sonq dern auch dem deutschen Schulwesen der Republik. Gemeinsam mit den Schulfachleuten der übrigen sozialistischen Parteien hat er sich mit aller Kraft bemüht, das Schulwesen im Lande Böhmen zu heben und eine Reihe von fruchtbaren Maßnahmen der böhmischen Landesvertretung auf dem Gebiete des Schulwesens find seiner unermüdlichen Arbeit zu danken, Alle, die ihn kannten, werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren. Auch jene deutschen Genoffen, die mit ihm in Verbindung getreten find, werden diesen hochachtbaren, geistig hochstehenden und gerecht denkenden Genossen nicht vergeffen. Zwei entsetzliche Flugzeug- Katastrophen in Australien 18 Todesopfer Sydney. Ein britisches Verkehrsflugzeug stürzte Donnerstag früh ungefähr 45 Kilometer von Long Roach(Queensland) ab. Die vier Insasse»— drei Mann Besatzung und ei« Fahrgast fanden dem Tod. ES handelte sich um daS zweite britische Verkehrsflugzeug, das Post von London nach Australien gebracht hat. Im Verlaufe des letzten Monates hat sich schon ein schwerer Lerkehrsuufall in Australien ereignet. Bor nicht ganz vier Wochen ging ei« Passagierflugzeug mit 11 Insassen verloren und, da keine Spur von ihm entdeckt werden konnte, wird angenommen, dass eS indieSee gestürzt ist. Grubenexploston in Frankreich Paris. In der Kohlengrube Gardanne unweit Marseille ereignete sich Donnerstag vormittags eine Explosion, wobei zehn Bergleute verschüttet wurden. Bier davon fanden den Tod, die übrigen sechs wurden verletzt- Die neue Taifnnkatastrophe auf den Philippinen hat, wie allgemein befürchtet wird, noch größeren Schaden verursacht, als der Taifun vom 16. Oktober. Die Regierungs-Rundfunkstation in Legapsi auf der Insel Luzon wurde vollkommen z e r st ö r t. Die E r n t e in dem betroffenen Gebiet ist v e r n i ch t e t. Sämtliche Telegraphen- und Telephonleitungen sind unterbrochen. Der Taifun erreichte eine Stundengeschwindigkeit von über 120 Kilometer. Da man befürchtet, daß der Taifun auch die Hauptstadt Manila erreichen wird, wird die Bevölkerung durch Sirenen-Signale gewarnt. Prozeß Matuschta Budapest. In der DonnerStag-Berhandlung des Matuschka-Prozcffes wurden weiter« Augenzeugen der seinerzeitigen Katastrophe verhört. Ihre Aussagen stimmten mit denen der früher vernommenen Zeugen überein. Alle haben Ma- tuschka nach dem Attentat gesprochen. Er machte den Eindruck eines nervösen, aber keineswegs geistesgestörten Mannes. Einem Zeugen gegenüber brüstete er sich mit seiner Teilnahme an dem Rettungswerk und behauptete, daß er mit Einsatz seines Lebens zehn Personen aus den Trümmern geholt habe. Interessant war die Aussage des Lokomotivführers jenes Lastzuges, der gewöhnlich den von Matuschta in die Luft gesprengten Viadukt vor dem Schnellzuge fahrplanmäßig zu passiere» über neue Motorräder(mit und ohne Beiwagen) 14801 33105 20794 81111 Zu einem entsetzlichen Ereignis, welches zweifellos hätte vermieden werden können, wenn die Gendarmerie besonnen gehandelt hätte, kam es Donnerstag in der Gemeinde Domkov bei Neustadt a. d. Mettau. Der Häusler Franz N y c, ein 37 Jahre alter Mann, sollte delogiert werden, da die Bezirksvorschußkasse in Neustadt, welcher er eine Schuld nicht zahlen konnte, sein Häuschen bei der gerichtlichen Versteigerung erworben und Nyc gekündigt hatte. Nyö, der sechs Kinder und seine jetzt wieder schwangere Frau zu erhalten hat, wußte nicht, wohin er übersiedeln sollte. Als der Gerichtsvollzieher mit Gendarmerie- affistenz zu N y L s Häuschen kam, fand er den Eingang verbarrikadiert. Als der Exekutor sich näherte, bewarf ihn Nyä mit Steinen und verletzte ihn leicht. Die Gendarmen kletterten nun auf das Dach und wollten in das Gebäude eindringen. N y c, der ein Gewehr mit aufgesetztem Bajonett geholt hattt, wehrte sich einige Zeit, flüchtete aber schließlich in die Scheune. Die Gendarmen verfolgten ihn. Als der Mann sich mit dem Gewehrkolben zur Wehr setzte und dabei den 5karcchiner eines Gendarmen zerschlug, schoß ein Gendarm. N Y 5 blieb tot liegen. Die Exekution wurde durchgeführt, die Bezirksvörschutz- kaffa hat ihren Willen durchgesetzt. Diese Tragödie darf nicht übergangen werden. In einer Zeit der größten Not ist eS eine empörende Hartherzigkeit, eine Familie von acht Personen knapp vor dem Winter auf die Straße setzen zu lassen. Es ist nicht alles Recht, was sich auf die Buchstaben des Gesetzes berufen kann. Das gilt sowohl für die Geltendmachung privater Ansprüche als auch für das Borgehen der Gendarmerie, welche wahrscheinlich darauf verweisen wird, daß der unglückliche Nyc sie an einer Amtshandlung hindern wollte. Soll deswegen ein Menschenleben vernichtet werden dürfen? Es wird niemand zu überzeugen sein, daß die Tat des Gendarmen entschuldigt werden kann. Das Innenministerium muß diesen Fall mit aller Strenge verfolgen und dafür sorgen, daß die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden und eine Wiederholung solcher Schreckenstaten unmöglich gemacht wird. Familientragödie in Krumau Montag, den 12- November in den Nachmit- tagsstunden ereignete sich in Krumau eine folgenschwere Familientragödie, welche die ganze Stadt in Aufregung versetzte. Der Pächter des Neuwirtshauses Herr Kastl, gab in der Küche auf seine Frau einen Schuß ab und tötete sich dann selbst durch einen Schutz in den Kopf. Frau Kastl wurde schwerverletzt in das Krankenhaus überführt und ist ihr Zustand ziemlich ernst. Die Tat scheint in zerrütteten Familienverhältnissen ihren Grund zu habe». Allgemeine Teilnahme wendet sich den drei Keinen Kindern zu. „Näheres in de« Tageszeitungen". Ein Leser teilt uns eine Beobachtung msi, die er beim Anhören hitlerdeutfcher Rundfunkberichte in den letzten acht Tagen gemacht hat. Während früher über alles des langen und breiten berichtet wurde, find in der jüngsten Zeit die Meldungen des deutschen Rundfunks nicht nur knapp, sondern meist auch so lückenhaft, daß der Hörer sich nichts daraus nehmen kann. Ost fehlen gerade die ent- scheidenden Punkte. Immer heißt es dann:„Nä- heres in den Tageszeitungen". Man will also offensichtlich die Rundfunkhörer aufmuntern, die Zeitungen zu lesen und, wenn möglich, auch zu abonnieren. Der akute Zeitungs- geübten Turner zeigen. Sportabzeichen für Jugendliche Im Jabre 1985 wird das erstemal im Aius eine Leistungsprüfung für Jrmendliche durchgeführt. Für die Altersstufen 15 bis 17 und 18 bis 21 Jahr« ist diese Prüfung vorgesehen. Sie umfaßt nicht nur sportliche Leistungen, die einen guten Durchschnitt darstellen, sondern mrf dem Gebiete der Hilfeleistung und des allgemeinen Wissens gewisse Kenntnisse- Jeder Besitzer des Sportabzeichens muß sich bereit erklären, gewisse Verpflichtungen im Interesse der gesamten Arbeiterbewegung zu übernehmen. In Baku entsprang aus einer Tiefe von 1358 Metern ein mächtiger Naphthastrahl mit eitler Tagesleistung von 1500 bis 2000 Tonneck Erdöl. Zunahme an neuen Kraftfahrzeugen in de« Tschechoslowakische» Republik. Nach der Erhebung die das Statistisch« Staatsamt monatlich vornimmt, wurden bei den Evidenzbehörden in der Tschechoslowakei im Oktober 1934 753 neue Kraftwagen und 829-- KreiSfeste 1935■ In allen Kreisen des Atus finden 1935 große KreiSfeste statt, die technisch bereits durch großangelegte Vorturnerstunden vorbereitet sind. Im 5. Kreis (Nordwestböhmen) wird das Kreisfest anfangs Juli, im 6. Kreis(Westböhmen) zu Pfingsten in Eger stattfickden. Die Vorarbeiten für Eger werden mit dem Pilsener Kreis der DTJ gemeinsam getroffen, da sich diese am Fest stark beteiligen wollen. Die Kreisfeste werden in ihrer Gestaltung drei Höhepunkte haben. Der Festzug soll ein Massenaufmarsch aller Uniformierten und aller derer werden, di« bereit find, mit uns zu marschieren. Die Massenfreiübungen werden eine Uebersicht über unsere aktive Bereitschaft bringen und sollen unter dem Motto „Wir stehen bereit" stehen. Die Mannschaftskämpfe werden«inen Aufmarsch unserer technisch geschulten und WKW Ziehung der Klassenlotterie (U n v erbindli ch.) Prag, 15. November. Am gestrigen Ziehungstage der ö. Klaffe der 31. Tschechoslowakischen Klaffenlotterie entfiel der Treffer von 2000 K1.IM^ eins Erhöhung frei?- Ziffer Her zahlenden Mitglieder'' um" 897.893 bedeut«. Wenn man die Mitglieder mitzählt, auf die sich die Verbände unbedingt verlassen können und die ordentliche Mitglieder werden, sobald sie zur Zahlung der Beiträge imstande sind, so kann die Mitgliederzahl auf 5,650.000 angesetzt werden. Geht man noch einen Schritt weiter und rechnet man alle jene Arbeiter zu den Mitgliedern der A. F. of L., die in ihr die angewiesene und anerkannte Verhandlungsinstanz sehen, so kann man sagen, daß heute ungefähr 12 Millionen Arbeiter hinter der A. F. of L. stehen. A. F. of L. und Internationales Arbeitsamt: Im Hinblick auf den Beitritt der Vereinigten Staaten zum Internationalen Arbeitsamt hatte sich der Amerikanische Gewerkschaftskongreß u. a. auch mit dem Problem der Teilnahme an den Veranstaltungen des I. A. A. zu befassen. Er sprach sich für eine möglichst umfassende Ver- tretung der Arbeiterschaft an den Konferenzen des I. A. A. aus. ttwirWl M Sozialpolitik Im Haus der Freudlosen Gefängniserlebnisse von Felix Fechenbach Di« Tage im Gefängnis werden mir lang. Aber die Nächte sind fast endlos. Man sollte die Zett im Gefängnis nicht nach Tagen, man müßte sie nach Nächten zählen. Diese qualvollen Nächte ohne Schlaf kennt außer dem Gefangenen nur noch der Kranke. Am acht Uhr löscht daS Licht aus. Bier Stunden kann ich schlafen. Dann dehnt sich die Nacht in langen Stunden, und jede Minute schleicht ihre sechzig Minuten in quälender Trägheit. Erst um sechs Uhr früh gibts wieder Licht. In die Schlaflosigkeit hinein erinnert mich das Eisengitter am Zellenfenster, wo ich bin. Immerwährend hab ich dies Gitter vor Augen. Auch des Nachts, wenn ich noch nicht oder schon nicht mehr schlafe. Meine Eisenbettstelle ist tagsüber an die Wand hinaufgeklappt. Nachts steht sie mit dem Fußende gegen die Tür, so daß ich das Fenster nicht sehe, wenn ich im Bett liege. Aber im Gar- im vor dem Zellenbau brennt eine elektrische Laterne, und ein tückisches physikalisches Gesetz will, daß sie ihr Licht durch das vergitterte Fenster und damit den Schatten des Fenstergitters scharf umrissen auf die gegenüberliegende Zellenwand wirft. So kann ich dem Gitter nicht ausweichen. Ich muß seinen Schatten sehen» sobald ich nur die Augen öffne. Einmal,— in der Zelle war's schon dunkel — machte ich mit der auSgespreizten Hand eine zufällige Bewegung nach oben. Sofort erscheint an der Wand im Schattenbild des Gitters der scharf gezeichnete Schatten meiner Hand. Das Ganze sieht aus, als strecke sich eine Hand voll Sehnsucht durchs Gitter ins Freie. Unwillkürlich ballen sich meine Finger zur Faust und das Bild an der Wand wird zu drohender Auflage.- Närrisches Schattenspiel. Und doch, wieviel Wahrheit liegt in diesem Spielt Ist die Nacht sternhell, dann stehe ich ost auf meinem Schemel vorn beim Fenster und schaue die Majestät des nächtlichen Himmels. Drüben, jenseits des Gartens, liegt das Hauptgebäude, das ehemalige Kloster. Daneben ragt die alte Basilika. Eine wuchtige Silhouette. Wenn ich am Fenster stehe, muß ich mich vorsehen, daß der Nachtwächter mich nicht erwischt. Er schleicht zuweilen an den Zellentüren entlang und schaut durch die Gucklöcher. Werde ich gesehen und gemeldet, gibts eine HauSstrafe. Ist Vollmond, dann fällt das bleiche Mondlicht in meine Zelle auf die Nordwand. Ich beobachte das Weiterrücken des LichtstreifenS und zähle daran die Stunden. Ist das Licht hinten in der Ecke angelangt, wo die Opferschale steht, dann ist's fünf Uhr morgens. In einer solchen Mondnacht hatte ich einmal Besuch in der Zelle. Eine Maus war unten beim Heizrohr hereingeschlüpft. Bon meinen Papiertüten war eine auf den Boden gefallen. Darin raschelte die Maus herum, bis ich eine unbedachte Bewegung machte. Da huschte das geängstigte Tierchen erschrocken davon. Am nächsten Abend legte ich ein paar fleinr Reste vom Abendbrot mit einem Stijckchen Papier auf den Bode». Stundenlang wartete ich und! lauschte angestrengt, ob meine nächlliche Besucherin sich nicht einstellen wollte. Um ein Uhr kam sie. Dem Keinen Mahl, das ich ihr bereitet, tat sie alle Ehre an. Roch ein paar Nächte konnte ich mich an dem Keinen Tierchen freuen. Dann wurden eines Tages die Zellen ausgebessert und das Loch unten beim Heizrohr mit Gips verschlossen. Die Rächte waren jetzt wieder einsam, wie vorher. * Die Nacht läßt alle Geräusche deutlicher hören, als es der Lärm des Tages gestattet. Jede Viertelstunde höre ich die Turmuhr schlagen. Fm Zellenbau folgt dann der silbrige Schlag der großen Standuhr. Wenn der Nachtwächter seinen Rundgang macht, höre ich jeden Schrüt am Gebäude entlang. Zuweilen dringt ein Gespräch herauf, das unten zwei Beamte führen. Und drüben vom Dorfkrug schallt bis zwölf Uhr frohes, ausgelassenes Gelächter herüber, manchmal auch Gesang. Nach seinem Rundgang kommt der Nachtwächter wieder in den Zellenbau. Ich höre jede »einer Bewegungen. Wenn er sich auf den Schemel eht, wenn er die Pfeife anzündet, ja, wenn er ',eim Lesen ein Blatt des Buches umwendet, höre ich's. Das leute Schnarchen seines auf den Mann dressierten Hundes dringt vernehmlich in meine Jelle. Im Garten vorm Zellenbau ist ein Bassin. Kqrpfen sind drin. Ich höre sie, wenn sie sich im Wasser emporschnellen. Manchmal tut einer einen zu kühnen Sprung und fällt nicht ins Wasser zurück. Dann lixgt er ost die ganze Nacht neben dem Bassin und schlägt mit dem Schlvanz in eine Pfütze. Das klatschende Geräusch davon konnte ich mit lange nicht erklären, bi- ich eines Mor gens einen Karpfen neben dem Bassin liegen sah. Ost hatte ich nachts in halbwachem Zustande ttaumhafte Vorstellungen. Am häufigsten kehrte das drückende Gefühl wieder, als würden Mauern und Decke der Zelle auf mich eindringen, mich zu zermalmen. Und ich war an meinem Platz festgehalten, konnte mich nicht bewegen. Einmal sah ich mich auf einer Wiese inmitten einer Baumgruppe. Von fern kommt ein riesenhafter, ungeschlachteter Mensch auf mich zu. Er ist nackt. Er kommt näher und ich sehe seinen brutalen Gliederlau, seine sehnigen Arme, seine krallenden Hände, die aussehen, als sollten Menschen damit zerdrückt werden. Auf den Schultern trägt er ein zusammengerolltes Stacheldrahtnetz. Das befestigt er an einem Baum und ehe ich mich umfchaue, hat er das Drahtnetz um die ganze Baumgruppe l,:rum- geschlungen und mich mit eingeschlossen, lieber mir wächst der Stacheldraht zusammen. Ich frage den cyllopenhaften Riesen entsetzt, tvas er will. Er anwqrtet nicht. Ich frage, wer er sei. Da grinst er zynisch: „Kennst du mich nicht? Ich bin die deutsche Justiz." Jetzt sehe ich auf seinem flobigem Kopf eine hohe Krone aus lauter aneinandergereihten l'ärä- graphenzeichen zusammengesetzt. Das Bild verschwindet und ich älze mich wieder unruhig auf meinem Lager. Die Minuten lvollen sich nicht zu Stunden formen, und ich habe noch so viele schlaflose Nächte vor mir. Wie viele? Seite 6 „Sozrnldrmokrat" Freitag, 16. November 1934. Nr. 269 PRÄGER ZHTBMG Raubüberfall in der Smekkagafse In ihrer Wohnung in Prag II., Smeöka- gasse Nr. 16, wurde gestern früh die 59jährige Anna B o h a d o v a von dem stellenlosen Privatbeamten Josef Ci hl aL aus Prag XII. überfallen und durch Messerstiche in den Hals verletzt. Auf die Hilferufe der Verwundeten ergriff der Attentäter die Flucht, wurde aber auf der Straße von Passanten augehalten und der Polizei übergeben. Bei der Einvernahme gab er an, die Tat aus Not verübt zu haben, in der Hoffnung, bei der Bohadovä Geld zu finden. Die Ueberfallene wurde ins Spital überführt, wo sich herausstellte, daß ihre Verletzungen nicht lebensgefährlich sind. Gcriclitssaal Am Tage der Anerkennung Sowjetrußlands Schmährufe eines Betrunkenen. Prag. Es ist»och in guter Erinnerung, welche Kapriolen die fascistische und Halbfascistische Presse vollführte, als im August d. I. die de jure- Anerkennung der Sowjetunion durch die Regierung unserer Republik erfolgte. Das hohle nationalistische Pathos dieser Hetzartikel konnte freilich nur in wenigen Gehirnen zündend wirken, vor allem freilich in solchen, denen vorher reichlich alkoholischer Brennstoff zugoführt wyrden war. Dies war denn auch der Fall beim 33jährigen Buchbinder Josef Ohädal, in Moskau gebürtig als Sohn eines mährischen Auswanderers, aber tschechoslowakischer Staatsbürger und zuständig nach Vsetin in Mähren. Der junge Mann vollführte am 13. August, am Tage nach der offiziellen Anerkennung Sowjetrußlands, auf dem Wilson- b a h n h o f einen beträchtlichen Exzeß. Beim Einsteigen in seinem Zug begann er zu brüllen: „Schande über unsere Regierung, dieSowjetrußland anerkannt hat, welches kleine Kinder umbringen läßt!" Dieses geistreiche Schlagwort hat der Exzedent vermutlich aus den fascistischen Presseerzeug- niffen übernommen, die sich in jener Zeit an hysterischer Demagogie Überboten. Gleichwohl werden die Nationalisten an diesem„Märtyrer seiner Überzeugung" kaum Freüde haben, denn der Schreier war schwer betrunken. Am Donnerstag war er angellagt wegen Störung des öffentlichen Friedens und Schmähung der Republik nach Paragraph 14 des Schutzgesetzes. Vor dem Strafsenat P e r n t erklärte er, er habe sich aus Groll und Enttäuschung über die Anerkennung Sowjetrußlands mit Rum einen ordentlichen Affen angetrunken und in berauschtem Zustand den Krawall verursacht. jn. Die Motive seiner Entrüstung find übrigens durchaus materieller Natur. Sein Vater hatte in Moskau ein Geschäft, um welches er bei dem bolschewistischen Umsturz kam, wobei er als Legionär auch sein gar^es Vermögen verlor. Der Angeklagte habe gehofft, daß bei der Anerkennung des Sowjetstaates auch eine Entschädigung für solche Geschädigte äusbedungen werde! Als diese Erwartung nicht er- füllt wurde, betrank er sich gründlich und di« Folge war der erwähnte Exzeß. Der Gerichtshof erkannte den Angeklagten nur der U e b e r t r e t u n g schuldig und verurteilte ihn zu drei Tagen st reu gen Arrestes u n d 360 Kd Geld strafe unbedingt. rb. Kunst and wissen Zweites Konzert der Bruckner-Gemeinde. Die junge Prager Bruckner-Gemeinde setzt sich mit beachtenswertem Fleiß für die Lösung der selbst gestellten Aufgaben ein. Erst kürzlich hat sie ein Orgelkonzert veranstaltet, weil die Pflege der Orgelmusik eine besondere Richtung ihres Arbeitsprogrammes darstellt. Vorgestern diente sie mit einem V o- kal-K o n z ert Bruckner selbst und seinem tonkünstlerischen Schaffen. Es gelangten nämlich vorwiegend Kompositionen des großen oberösterreichischen Meisters zur Aufführung: Ein vierstimmiger Chor mit Begleitung von drei Posaunen und Orgel„Ecce sacerdos", ein Tantum ergo für vierstimmigen A-capella-Chor, vier Motetttn, für vierstimmigen A-capella-Chor, zwei Marien-Lieder(eines für All und Orgelbegleitung und eines für siebenstimmigen A-capella-Chor) und als Besonderheit des Programmes das einzige Orgelwerk Bruckners, das Vorspiel und die Fuge in C-Moll. Zur Ergänzung und entsprechenden AusgostäÜllng der intereffanten Vortragsordnung, dienten zwei schöne Choralvorspiele von Joh. Sebastian Bach. Die künstlerischen Mittler des abermals durch starke Anteilnahme des Publikums ausgezeichneten Konzerts waren der neuge- gründete Chor derBruckner-Gemeinde unter der liebevollen und sorgfältigen Leitung Herbert H i e b s ch s, ein Vokalkörper, der weniger durch sein« klangliche Fülle auffällt als durch seine gute Disziplin und seine stilistische Geschultheit, der ausgezeichnete Orgelmeister der Prager Deutschen Musikakademie Prof. Josef Langer und die Altistin und Gesangsmeisterin derselben Musikhochschule Frau Prof. Brömse-Schünemann. E. I. Arbeitcrvorstellung„Zwei Witwen", komische Oper von Smetana, am Sonntag, den 18. Novenüber. nm halb 3 Uhr nachmittag im Neuen Deutschen Theater. Karten täglich von 8—4, 2—6 bei Optiker Deutsch, Graben, Koruna. Werbckonzert des Theaterorchesters. Deutsches Haus, Mittwoch, 21. November, 8 Uhr,(Dirigent: Szell) Johann, Josef, Richard Strauß-Abend. Solisten: Book, Konetzni. Rur drei Preise: Kö 7.—, 10.—, 12.—. Vorverkauf täglich an der Theaterkasse und im Deutschen Haus. Für ei» karpathoruffisches Nationnltheater. Mittwoch wurde im Saale der Uzhoroder Gewerbeschule in feierlicher Weise der sechsmonatige Vorbereitungskurs zur Ausbildung von Kräften für das karpatzhorussische Nationaltheater eröffnet, zu dem sich rund 40 Teilnehmer beiderlei Geschlechtes gemeldet haben. Der feierlichen Eröff- imng wohnten u, a. der Landespräsident Rozsypgl bei. Die Theaterkrachs im Dritten Reich. Die Krise der Theater in Deutschland dauert an. Jetzt sit wieder ein Theater, das lange hindurch das feine Lustspiel gepflegt hatte, das Theater in der S t r e- semannstraße, gezwungen gewesen, nach der r2. Aufführung von„Romeo und Julia" zu schließen. Spielplan des Reuen Deutsche» Theaters. Freitag 7j4: Giuditta, DI.— Samstag 7%: Nacht vor dem Ultimo, C 2. Spielplan der Kleine» Bühne. Freitag 8: Fremdenverkehr. Kulturberbandsfreunde und freier Verkauf/— Samstag 8: Hoch klingt das Lied vom braven Mann. lpgrl» Spiel» Körperpllege Trschtennis-Wettkänrpfe in Aussig Am Samstag, den 10. November, veranstaltete die Tennis-Sektion des Atus Aussig eine Wettbe- veranstaltung für Tischtennis. Es wurde der Rückwettkampf Atus Lerchenfeld gegen Atus Aussig ausgetragen, und zwar sieben Einzel- und zwei Doppelspiele. Der Wettkampf endete mit dem Resultat von 7:2 für Atus Aussig. Die Ergebnisse: Einzel: Aron gegen Stibor 2:1(21:19, 13:21, 21:13); Hoche gegen Ritschel 2:0(21:6, 21:11); Gregor gegen Heger 2:0(21:11, 21:10); Aron H. gegen Bartel 2:0 (22:20, 21:16); Gampe gegen Weishaupt 2:0 (21:15, 21:19); Stibor gegen Helmich 0:2(6:21, 11:21); Hoche M. gegen Gebert 2:1(10:21, 23:21, 21:19).— Doppel: Aron—Hoche gegen Stibor—Weishaupt 2:0(21:19; 21.10); Hoche M.— Gampe gegen Bartel—Gebert 2:1(10:21, 15:21). Während und nach dem Wettkampfe zeigte Ge- noffe Charwat, AtusPrag, Tischtennis- Exhibition im wahrsten Sinne des Wortes und bewies, daß unsere Prager Gruppe in dieser Sportart tonangebend ist. Sieben der stärksten Aussig«! Spieler stellten sich ihm zum Wettkampfe und alle mußten sich in zwei glatten Sätzen geschlagen bekennen. E. A. Boxländerkampf Norwegen—Rußland. In Oslo fand ein Länderkampf im Boxen zwischen dem Arbeitersportbund und einer russischen Ländermann- fchaft statt. Nachdem allgemein bekannt war, daß die Ruffen ihre stärkste Vertretung entsandt hatten, war man auf den Ausgang dieses Kampfes sehr gespannt. Die norwegische Mannschaft war aber der Situation gewachsen und der Kampf endete unentschieden 4:4. 4000 Zuschauer waren anwesend. Las der Partei Sektion der sozialdemokratischen Bankbeamten. Dienstag, den 20. November 1934 um halb 19 Uhr im Parteiheim Prag ll, Narädni tr. 4, findet ein« wichtige Sitzung statt, zu der das Erscheinen aller Mitglieder erbeten wird. Freie Bereinigung sozialistischer Akademiker. Unser ehemaliges Ausschußmitglied, Genoffe Kurt Swoboda, wird Samstag, den' 17. d. M., um 12 Uhr an der deutschen Universität in Prag zum Doktor der Rechte promovieren. Devtsche sozialdemokratische Frauenorganisatto« Prag Freitag, den 16. November um 8 Uhr abends im „Monopol" Frauen- und Mädchenabend Genoffe Ernst Paul wird über das Thema „Querschnitt durch das Lebe» des sudeten- deutschen Arbeiters" sprechen. Das Bezirksfrauenkmnitce. Erwartet Sonntag die Sammler der„flrbeiterfürsorge“! PW Der Prager Bezirksverein„Arbeiterfürsorge" erläßt gemeinsam mit den übrigen Prager sozialistischen Organisationen einen Aufruf, in dem es u. a. heißt: Das Schicksal der Arbeitslosigkeit macht vor keinem Hause Halt. Wenn es bisher an deiner Tür vorbeigegangen ist, so sei glücklich, daß du zu denen gehörst, die geben können und nicht bitten und nehmen müffen. Vergiß nicht derer, die dir die Hände entgegenstrecken und deine Hilfe erwarten. Hilf den verzweifelten Vätern und Müttern, hilf den armen schuldlosen Kindern, hilf der arbeitslosen Jugend, der man den Segen der Arbeit genommen hat, die, kaum der Lehre entwachsen, feiern und hungern muß. Beweise die Kraft der Hilfsbereitschaft und die Solidarität der arbeitenden Menschen, sie ist das Licht, das die Gegenwart erhellt und die Zukunft in einen Hoffnungsschimmer taucht. Wir können nur auf einem lteinen Teilgebiet die Rot der Krisenopfer lindern helfen. Wir haben das Steinschönauer Gebiet, wo 48 Prozent der Einwohnerschaft arbeitslos sind, gewählt. In Steinschönau sind von 100 erwerbsfähigen Menschen 71 arbeitslos. In diesen Ziffern mall sich die ganze Not der Glasarbeiter in der Krise. In diesen Ziffern spiegelt sich das Schicksal der unterernährten Kinder, die kraftlos den Schülerepidemien zum Opfer fallen, das Schicksal der vielen unglücklichen Kleinen, die nicht mehr die geistige Kraft haben, dem Unterricht zu folgen, weil ihnen der Hunger fast das Bewußtsein raubt. Seid ihres Schicksales eingedenk und helfet und gebet uns für sie. Wir sammeln für Steinschönau nnd die umliegenden Orte: Geld— Kleider— Wäsche— Lebensmittel. Am 18. und 25. November vormittags kommen unsere Helfer und holen getragene Kleider und Wäsche und was sonst eventuell vorbe- reitet wurde(Schuhe, Lebensmittelspenden usw.)1 aus der Wohnung ab. Auch Geldspenden werden angenommen. Wir bitten um Zuwendung voa Geldspenden, die von den Obmännern und Ber- trauenspersonen der Organisattonen für den Be- zirksverein Arbetterfürsorge Prag angenommen werden, sowie auf das Postsparkaffekonto der Arbeiterfürsorge Nr. 95839 eingezahlt werden können. Vcrclnsnadirldrtcn © Ortsgruppe Prag. Sonntag, deck 18. November, um halb 9 Uhr bei der Endstation der 8 er-Elektrischen in Hlupocepy. Wanderung ins Zigeunertal. Führer: Plotz. Auskünfte und Anmeldungen jede» Freitag von 6 bis halb 8 Uhr i» der Geschäftsstelle in Prag II, Nä- rodni tr, 4. 2. Stock. Urania-Kino, Klimonishä 4. Fernsprecher 61623. Sin Mel Mell M die M mit Magda Schneider, Harald Panlsen und Jnkad Liedtke. Auf Arbeitsuche in Brafilie« Hans Hirth. Als in mir der Gedanke aufkam, nach Brasilien auszuwandern, wußte ich von dem Land nur soviel, daß dort vorzügliche Zigarren und ebenso guter Kaffee zu haben sind. Als Mensch von schnellem Entschluß, saß ich einige Tage später am Bord eines Schnelldampfers und blAterte in crnem Sprachführer herum, in der holden Hoffnung, einige Worte portugiesisch zu- erlernen. Ich glaubte auch, nach drei bis vier Tagen imstande zu sein, nach einer Straße fragen zu können, die notlvendigen Kleinigkeiten zu besorgen, etc. Erst als ich in Rio de Janeiro meine Sprachkenntniffe gebrauchen wollte, merkte ich, daß man nicht eine einzige Silbe von dem verstanden, was ich sagte. Ich ging am zlveiten Tag in ein Geschäft hinein, um mir ein Stück Seife zu kaufen. Meine Ver- ftrche, mich mit dem Perkäufer zu verständigen, blieben ergebnislos. Durch unsere lebhafte Unterhaltung lvurde ein Herr auf mich aufmerksam, der dann auf uns zukam und mit ein wenig akzentier- tcm Deutsch fragte, tvas ich eigentlich wünsche. Er war der Chef des Hauses. Ich bekam mein Stück Seife, auch eine Rasierklinge und, Zahnpasta konnte ich ohne weitere Schwierigkeiten einlaufen und tvährend der Herr mich zur Kaffa begleitete, erkundigte er sich, wie lange ich in Rio zu"bleiben beabsichtige. Ich antlvortete ihm, daß ich ein Auswanderer sei und mich in Rio niederlassen wolle. Er schaute mich vom Kopf bis Fuß an, nahm das Paket aus meiner Hand, mich beim Arm und geleitet« mich durch das riesige Ge- schä'tslokal in sein Kontor. Dort bot er mir Platz an und fragte mich, woher ich komme, wer und was icb sei. Dann stand er auf, kam auf mich zu, legte seine Hand auf meine Schulter und sagte: „Mein lieber Freund, ich bin vor 40 Jahren als achtzehnjähriger Bursche mit meinem Bruder, der damals zwanzig Jahre zähüe, nach Brasilien ausgewandert. Wir kamen mit etwa fünf Milreis an und am zweiten Tag verkauften wir Zeitungen im Hafen. Ich will Ihnen nicht sagen, daß Sie das gleiche tun sollen, aber folgen Sie meinem Rat, tragen Sie kein Taschentuch in Ihrer Zigarrentasche, die gelben Handschuhe legen Sie in Ihren Koffer zurück» hier ist es Ivarm, hier-braucht man die Hände nicht gegen die Kälte- zu schützen, den Photoapparat lassen Sie zu Hause und gehen Sie Arbeit suchen. Aber Sie sollen Arböit suchen und keine Stellung. Ich habe diesen Rat schon an manche eingewanderten Intellektuellen gegeben. Befolgt hat ihn noch kaum einer." Dann nahm er seinen Hut und hieß mich, ihm folgen. Er ging mit mir aus seinem Geschäft und führte mich zu einem Keinen Laden, ging mit mir hinein, verlangte Seife, Rasierklinge und Zahnpasta. Ich schaute ihn verwundert an: „Mein Geschäft ist zu teuer für einen Einwanderer, hier kaufen Sie um vieles billiger ein." Ich befolgte den guten Rat des Herrn K. und legte zu Hause meine gelben Handschuhe, meinen Photoapparat und das Taschentuch aus meiner Zigarrentasche ab und ging und suchte eine— Stellung. Wenn man bedenkt, daß ich außer der ungarischen, die meine Muttersprache ist, die deutsche so mehr oder weniger perfett beherrschte, braucht man nicht viel Kombinationsgabe, um auszurechnen, welchen Erfolg meine Suche hatte: nach kurzer Zeit besaß ich kein Geld'mehr. Der Reihe nach wanderten die Requisiten eines europäischen Intellektuellen zum Trödler und in die Pfandleihanstalt: Photoapparat, Zigarrenetui, Ring und Taschenuhr, goldene Knöpfe, dann der Smoking— wozu auch so etwas für einen Einwanderer— und in rascher Folge alle Anzüge bis auf den letzten, den ich anhatte. Dann suchte ich Arbeit und ich fand welche. Wenn auch in Brasilien die Arbeitslosigkeit immer mehr wächst, so ist es doch verhältnismäßig leichter, Arbeit zu finden als bei uns in Europa. Bor allem,"wer sich von seiner Hände Arbeit erhalten will, llrnn doch leichter Beschäftigung finden. Ich wurde an einen Hotelier empfohlen, der mich wieder in eine Familienpension schickte, wo man einen Hausdiener brauchte. Der Einzug in meine künftige Arbeitsstätte vollzog sich höchst einfach: Die Besitzerin der Pension fragte mich, ob ich arbeiten wolle. Ich bejahte effrig und in den nächsten fünf Minuten stand ich schon mit aufgerollten Hemdärmeln in der Küche und wusch das Frühstücksgeschirr. In dieser Pension hatte ich ein ziemlich ab- wechslungsreiches Tagesprogramm. Ab 7 Uhr in der Früh bis 9 Uhr mußte«h das Frühstück den Gästen im Speisezimmer servieren, nachher das Geschirr waschen, die Zimmer in Gesellschaft einer Negerin aufräumen, um gegen halb 12 mich wieder in einen Kellner zu verwandeln und das zweite Frühstück zu servieren. Nachdem ich wieder beim Geschirrwaschen geholfen hatte, durfte ich die Besorgungen für die Gäste erledigen und am Abend wieder den Kellner spielen. Für meine Arbeit wurde ich verhältnismäßig gut bezahlt: ich hatte ein kleines Zimmer, ausgiebiges Esten und 40 Milreis Lohn in der Woche. Fast zwei Monate arbeitete ich in der Pension, als sch erfuhr, daß in einer kleinen Strickwarenfabrik ein Arbeiter gesucht werde, dem die Aufficht über die Maschinen, Warenausgabe etc. untersteht. Ich sprach bei dem Fabrikanten vor, der mich fragte, ob ich mich bei den Maschinen auskenne. Ich sagte, daß dies der Fall sei» worauf er mich mit einem Tageslohn von 16 Milreis aufnahm. Es dürfte meinem Arbettgeber nicht lange verborgen geblieben sein, daß ich kein hervorragender Fachmann bin, weil er mir nach acht Tagen meinen Lohn auszahlte und bemerkte, ich solle vorläufig nicht zur Arbeit kommen; wenn er mich wieder brauche, lasse er mich rufen. Hier muß ich bemerken, daß in Brasilien von niemandem ein Befähigungsnachweis oder Zeugnis verlangt wird. Behauptet jemand, daß er imstande sei, eine Arbeit zu verrichten, wird er ausgenommen. Kommt er dann seinen Pflichten nicht nach, wird er fristlos entlaffen. So geschah es auch mir und nun stand ich wieder ohne Arbett da. Ich hörte schon früher, daß man in der größten Bierbrauerei Rios, in der„Antarcttca", als Arbeiter besonders leicht ankommen könne. Diese Information stimmte zwar nicht ganz, aber etwas Wahres war doch daran. Die Hilfsarbeiter werden nicht nach Namen,'', sondern nach Nummer» registriert. In der Früh um 6 Uhr stehen die Leute in langen Reihen vor dem Eingangstor und beim Einlaß geben sie ihre Nummern ab. An einem jeden Donnerstag ist Lohnauszahlung, was zur Folge hat, daß Freitag ftüh eine beträchtliche Anzahl von Arbeitern nicht wiede rckommt. Stellt man sich also hinter diejenigen, die bereits Nummern haben und den Kontrollbeamten passierten, wird man ohne wetteren Formalitäten ausgenommen, das heißt, man bekommt eine Nummer und nun kann die Arbeit beginnen. Unter allen physischen Arbeiten, die ich in Brasllien verrichtete, ist die bei der„Antarctica" die schwerste und am schlechtesten bezahlte gewesen. Zchn Stunden lang Bierflaschen waschen, ständig im Waffer stehen und in fließendem kaüen Waffer die Etiketten abkratzen, die hineingestopsten Korke aus den Flaschen herausziehen, das alles für einen Stundenlohn von 800 Reis(damals ungefähr 3 Kronen) I Es ist nur selbstverständlich, daß ich eine andere, weniger schwere und besser bezahlte Arbett zu bekommen trachtete. Ich ließ meinen Name» bei einem Arbeitsvermtttler einschreiben und nach wenigen Tagen erhielt ich von ihm einige Adressen, wo Copeiros(Hausdiener) gesucht wurden. Ich sprach zu dieser Zett schon ziemlich gut portugiesisch, so daß ich bei einem Arzt als Copeiro eintreten konnte. Ueber drei Monate arbettete ich bei dem Arzt, der mir dann zu meiner ersten Stellung verhalf. Ich wurde bei einer der größten Tageszeitungen als Photoreporter angestellt. Fast ein ganzes Jahr habe ich gebraucht, bis ich so wett war, als Auswanderer in Brasilien eine Stellung und nicht nur Arbeit zu bekommen! Bezugsbedingungen: Bei Zustellung ins Haus oder bei Bezug durch die Post monatlich Kd 16.—, vierteljährig Kd 48.—. halbjährig Kd 96.—, ganzjährig Kd 192.—.— Inserate werden laut Tarif billigst berechnet. Bei öfteren Einschaltungen Preisnachlaß.— Rückstellung von Manuskripten erfolgt nur bei Einsendung der Retourmarken.— Die Zeitungsfrankatur wurde von der Post- und - Telegraphenhirektjon mit Erlaß Rr: 13.800/VII/1930 bewilligt. Druckerei:-jDr6tä" Druck-, Verlags- urür ZettungS-A.-G., Prag.