Nr. 289 Dienstag, 11. Dezember 1934 14. Jahrgang Einzelpreis 70 Heller (einschlieBlich 5 Haller Porto) ZENTRALORGAN.„ DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHER ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung präg xi,.. fochova 62.-»ton sm. Administration Telefon sm, HERAUSGEBER: SIEGFRIED TAUB. CHEFREDAKTEUR: WILHELM NIESSNER. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR: DR. EMIL STRAUSS, PRAG. Die Sprache der Gemeindewahlen: Wachsendes Vertrauen sur Sozialdemokratie Die Kommunisten überall geschlagen— Henlein beerbt das Bürgertum Auch die tschechischen Linksparteien erfolgreich— Koalition gefestigt Der Geist des 4. November eint die Arbeiter Sonntag fanden in zahlreichen Orten G hoher innenpolitischer Bedeutung. Sie zeigen l rungskoalitio««ach wie vor das Vertrauen i der Bevölkerung besitzt. Noch erfreulicher find 1 bewegung. Ans deutscher wie auf tschechischer Z demokratische« Pofitionen neuerdings unter Bi aus tschechischer Seite, haben die Sozialdemoki liche Fortschritte erzielt. Die kommuni bewahle« auf der ganzen Lii schwenken vielfach die abtrünnigen kommunisti Gewinn HenleinK bewegt fich jedoch in mäßig fitzstand der aufgelösten völkischen Parteien.$ sozialen und Landbündler. Der Sozialdemok spenstig zu machen vermocht. Auch im tschechisr „nationalen Opposition" als fiq_mä«iaer ja tischen Partei Heraus, der politisch garnicht i Rothau gibt ein Beispiel Von den Wahlergebnissen in den deutschen Gemeinden ist daS herrlichste das von Rothau. I« dieser Erzgebirgsgemeinde, deren Bevölkerung infolge der Werkstillegung seit vier Jahren fast z« hundert Prozent arbeitslos ist, deren Arbeiter zum Teil adgewandert find, hat die Sozialdemokratie nicht nur ihre 15 Mandate behauptet, sondern noch hinzugewonnen. Rothau ist die reinste Verkörperung des Kampfgeistes vom 4. November, der am vergangenen Sonntag wieder über alle Hoffnungen der Gegner triumphierte. Erfolg in Westböhmen Aus Karlsbad wird gemeldet: Die deutsche Sozialdemokratie hat in den Gemeinden Rothau, Abertham, Pechgrün, Schwarzebach, Doglasgrün und Stelzengrün bei den vorletzten Gemeindewahlen 2170, diesmal^ aber 2283 Stimmen erhalten. Sie gewann zu den vorher in diesem Orten innegehabten Mandaten noch vier hinzu. Mit dem Sterben der Sozialdemokratie ist es also nichts. In der westböhmischen Gemeinde Schwarzebach ist es uns gelungen, der bürgerlichen Wahlgemeinschaft von 7 Mandaten fünf zu entreißen. Ein Zeichen, daß das Vertrauen zur Sozialdemokratie nicht nur unter den bisher kom- meindewahlen statt. Ihre Ergebnisse find von or allem» daß unsere demokratische Regie» er überwältigen den Mehrheit ie Resultate vom Standpunkte der Arbeiter- eite wurde die Unerschütterlichkeit der sozial- weis gestellt. In vielen Gemeinden, namentlich aten auf Koste« der Kommunisten sogar erhev- stischr Partei hat diese Pro- ie verloren. Im deutschen Gebiete chen Wähler in die Henlein-Front ein. Der n Grenzen und umfaßt hauptsächlich den Beeilweise geht er auch auf Kosten der Christlich- atie hat Henlein keinen einzigen Wähler oben Lager stellen fich die örtlichen Gewinne der MMMLNwachs der bisherigen nationaldemokra- s Gewicht fällt. munistischen Arbeitern, sondern auch unter den vom Bürgertum mißbrauchten Proletariern im Wachsen begriffen ist. Wahlergebnisse: Abertham(Bezirk Neudek): 1932 erhielt die deutsche Sozialdemokratie ein Reststimmenmandat, welches diesmal den Kommunisten zufiel. 9. Deze mber Letz te Wa hlen St. M. St. M. Deutsche Sozdem. . 593 11 «13 12 Kommunisten . 248 5 183 4 Henleinfront. . 777 14 Dn. 38« 8 Nazi 291 « Doglasgrün(Bezirk Elbogen): 9. Dezember Letzte Wahlen St. M. St. M. Deutsche Sozdem. 193 6 188 6 Kommunisten.. 116 4 136 5 Bund der Landwirte 164 5 118 4 Rotha«(Bezirk Graslitz): (Drutschbgrl. Part.) 9. Dezember Letzte Wahlen St. M. St. M. Deutsche Sozdem. . 1109 1« 1091 15 Kleind. n. Häusler 88 1 Kommunistm . 385 5 458 7 SHF u. B. d. L. . 627 9 501 7 Lauterbach*) St. M. St. M. Deutsche Sozdem..» 45 1 207 5 Kleinlandwirte.. 57 2 136 4 Bund der Landwirte. 216 6 332 9 KPL 41 1 — — Henleinfront und Gewerbepartei. 304 8 — — *) Bei der letzten Gemeindewahl stimmte infolge schwerer Differenzen unter den Bürger- lichen, der Großteil derselben und der Bund der Landwirte aus Trotz für die Sozialdemokraten und Kleinlandwirte. Stklzengrün St. M. St. M. 164 4 KPL 172 5 399 11 B. d. L.«. Henleinfront 295 8 97 3 Schwarzebach St. M. St. M. Deutsche Sozdem... 108 5 — — KPL...... 171 8 169 8 Gewerbepartei... 46 2 138 7 Pcchgrnn St. M. St. M. Deutsche Sozdem... 101 4 118 5 KPL...... 177 7 145 6 Bund der Landwirte. 112 4 110 4 Schlag(Bezirk Gablonz): 9: Dezember Letzte Wahlen St. M. St. M. Deutsche Sozdem. . 199 4 191 4 Kommunisten. . 11« 238 5 Henleinfront. . 929 18 932 21 (Mrlft.-S»». «. Rat.-».) Proschwitz(Bezirk Hohenelbe): 9. Dezember Letzte Wahlen St. M. St. M. Deutsche Sozdem.. 138 4 . 148 4 Kommunisten.. 15« 4 178 5 Bund der Landwirte 158 4 138 4 Gew.-P. u> Lhr.-Soz. 89 2 58 2 Tsch. Minderheit. «1 1 33 0 Italienischer Raubzug das Völkerrecht nach Abessinien An der Grenze von Italienisch-Somali-1 Land und dem Kaiserreich Abessinien arbeitet seit langem eine englisch-abessinische Kommission an der Festsetzung der Grenze. Dieser Tage wurde die abessinische Begleitmannschaft dieser Kommission von italienischen Kolonialtruppen unter Führung italienischer Offiziere überfallen und mit schwersten Waffen, wie Tanks, Flug- zeugen und schwerer Artillerie angegriffen. Es kam in der Gegend von U a l u a l und B a r d a i c zu einem mehrstündigen Gefecht, i« dem nach abessinischer Darstellung 60 Italiener getötet und 400 verwundet wurden, während die Verluste der Abessinier an Toten und Verwundeten aus 100 beziffert werden. Die italie- nisch-mbessinische Spannung geht darauf zurück, daß die Abessinier vor einiger Zeit die Beschuldigung erhoben, die Italiener hätten ihre Grenze verletzt. Eine andere Ouellc der Reibungen liegt darin, daß Abessinien Japan große Konzessionen für den Anbau von Baumwolle und andere wirtschaftliche Vorteile gewährt hat, die nach italienischer Auffassung dem italienisch-abessinischen Vertrag zuwiderlau fen. Beide Regierungen, die abessinische wie die italienische, haben scharfen Protest— jede gegen das Vorgehen der andern— erhoben. Es ist kaum anzunehmen, daß die Schuld hei Weffinien liegt, da doch die Italiener offensichtlich in großer Zahl und technisch gut ausgerüstet in den Kampf eingetreten sind. Sie sollen bereits 100 Kilometer tief in abessinisches Gebiet eingedrungen sein. Es handelt sich eben wieder, wie seinerzeit beim Bombardement vonKorfu, um eine Mussoljnische Interpretation-des Völkerrechts,! vor dtt die andern natürlich zunickweichen. Es ist l bezeichnend, daß der englische Vertreter bei der i angegriffenen Kommission den Auftrag erhalten hat, sich nicht einzumischen. .Der Zwischenfall erinnert an den für Jta-! lien so wenig glorreich verlaufenen abessinischen Feldzug von 1896. Damals wurde nach einigen kleineren Niederlagen ein italienisches Expedi- tionsheer unter General Baratieri bei Adua vernichtend geschlagen(1.• März 1806). In dem folgenden Friedensschluß hatte Italien das Protektorat über Abessinien 1 aufgeb, u müssen. Mit den Mitteln der modernen. Kriegstechnik können die italienischen Generale als Vertreter eines Kulturstaates, der über Tanks^und Flugzeuge verfügt, natürlich leicht über die Aethioper triumphieren«■■ Die unübcrwlndlldic Partei Als am 4. November 90.000 sudetendeut- scher Proletarier unter den Fahnen der Sozialdemokratie aufmarschiert waren, war für jeden, der Augen hatte, zu sehen, das Totali. tätsgerede der Sudetendeutschen Heimatfront ist abgetan. Die verkappten Fascisten in der Heimatfront und in den RedcMonsstuben der Schriftleiterpresse trösteten sich:„Nicht Aufmärsche, sondern Wahlen!" wurde ihre Parole. Sie erzählten das Märchen, die Massm seien am 4. November zu den Kundgebungen getrieben worden und außerdem seien es nicht soviele gewesen. Aber bei Wahlen werde sich Herausstellen, daß die Sozial- demokratie kein politischer Faktor mehr sei und daß als einzige in Betracht kommende Vertretung der Sudetendeutschen Heimatfront die SHF angesehen werden müsse. Am vergangenen Sonntag wurde die Forderung der Henleinleute und aller anderen bürgerlichen Politiker, die einen Zusammenbruch der Sozialdemokratie bei den kommenden Wahlen erhoffen, erfüllt: in etlichen Gemeinden fanden Wahlen statt und das Ergebnis hat den gewaltigen Eindruck, den der 4. November in der ganzen politischen Oeffentlichkeit hinterlassen hat, nur bestätigt: die Sozialdemokrat i e i st u n e r s ch üt t e r t. Es ist der SHF nicht gelungen, einen Stein aus unserem Bau zu brechen, geschweige denn den vorausgesagten Einbruch in unsere Reihen zu bewerkstel- ligen. Die Männer und Frauen, die am 4. November unter wehenden Fahnen durch die Straßen, unserer Städte marschierten, haben an der Wahlurne keinen anderen Griff getan als den, der ihrem öffentlich abgelegten Bekenntnis entspricht. War schon das Ergebnis der am 2. Dezem- ber in Krmusch und Dönis durchgeführten Wahlen ein Beweis für die Festigkeit des sozialdemokratischen Besitzstandes, so ist dieser Beweis am vergangenen Sonntag durch den Wahlausgang in Westböhmen auf das nachdrücklichste bestätigt worden. 8a, noch mehr: der am 4. November begonnene Gegenangriff der sozialdemokratischen Arbeitermassen schlägt immer neue Bröschen in die Reihen unserer Feinde. Er trägt vor allem dm Gedanken derproleta- rischen Einheit unter den Fahnen der Sozialdemokratie in unsere Städte und Dörfer und liquidiert dm politischen Irrtum jmer Arbeiter, die durch ihr Bekenntnis zu den kommuttistischm Spaltungsparolen wider Willm mitgeholfen haben, dem Fäscismus den Boden zu bereitm.— Das ist das auffallendste Ergebnis des hinter uns lie- gmdm Wahlsonntags; daß dieKommuni- sten fast überall Niederlagen erlitten. Wir habm freilich nur einm Teil ihres Besitzstandes erobern können. Es wäre auch sehr verwunderlich, könntm wir das Den- km und Fühlm, das eine maßlos hetzerische kommunistische Propaganda in vielen Arbeitern geweckt hat, auf einen Schlag überwindm. Aber wir sind auf dem bestm Wege dazu. Den größe- rm Gewinn aus der kommunistischen Niederlage hat—: vorläufig— die SHF. So zeigt sich auch hierzulande, daß die sozialdemokratische Erziehungsarbeit die Massm nicht nur befähigt hat, Üm fascisttschm Lockungen zu widerstehm, son- dem sogar derm Offmfivkrast nach fünfjähriger Krisendauer bewahrt hat, während die Arbeit der Kommunistm die Widerstandskraft der Ar- bester gegen die fascistische Verseuchung vermindert und vielfach gebrochm hat. Die Wahlen haben in dm ausgesprochenen Elmdsgebietm stattgefunden: Die Wirklürg der Krise ist zweifellos in R o t h a u stärker als in allen anderen Orten unseres Landes. Die Rothauer Arbeiter haben am 4. November nicht gefehlt; sie hfiben am Sonntag das Versprechm eingelöst, dm Gegnem die Trme der Proleten, (Seite 2 Dienstag, 11. Dezember 1934 Nr. 289 Roman von Olga Scheinpflugovä Copyright by Pressedienst E. Prager-Verls*, Wien ,-Sie ist ein Lüder, mein Herr. Sie werden es noch bedauern, daß Sie sie mitgenommen haben." Babiola hielt den Atem an und mit ihrem Herzen öffneten sich auch ihre erstaunten Augen. Am liebsten hätte sie sich in den Sand gesetzt. Die Welt bekam neue Farben und die Luft bebte. Sie sah die schönen Schuhe des Herrn, denen sie, weih Gott wohin, folgen sollte und in ihrem Kopfe Überstürzten sich die Gedanken. Sie legte behutsam die letzte, leere Flasche, die sie in der Hand hielt, in den Sand—- ihre Arbeit in Bidar war damit für immer zu Ende. Herr Bonnetier hatte keine Ahnung, wie man mit'Mädchen dieses Alters umgehen solle. Er haßte alle Dienste, die er seiner Gattin leisten mußte, wie: das Suchen von Taschentüchern oder verlegten Handtäschchen. Das Fragen nach So»« nenschirmen und Tüchern mit echten Spitzen Ivar ihm in der Seele zuwider. Er verhandelte nicht gern mit Menschen anderer Gesellschaftsschichten. Er wollte dem allen ein Ende machen und schämte sich dabei des unverständlich unangenehmen Gefühles, daß sie— die zwei Männer— ohne das Kind zu fragen, über dessen Schicksal verhandelten. »Äleine, ich habe mit Ihrem Bater besprochen, daß Sie mit mir gehen sollen." Süße Hoffnung bebte in ihrer Stimme: „Rach Paris, mein Herr?" „Ja, nach Paris. Jetzt aber- wollen wir zu «einer Gattin gehen." .Da gönnte sie es sich, ehrlich zu sein. Sie setzte sich in den Sand und rief:„Raoul, Raoul, jetzt ist es dal" Das Leben, wie sie es in ihren überheblichen, kindlichen Träumen fatamorganisch vor sich aufsteigen gesehen hatte, wurde Wirklichkeit und diese Wirklichkeit überwältigte sic. Sie hatte gewonnen; sie hatte das Gefühl eines Falschspielers, der schon vor dem Spiele weih, daß er gewinnen wird. Sie zweifelte dennoch fast an der Wirklichkeit des Herrn Bonnetier mit den weißen Schutzen. Stand er nicht da wie vom Himmel gefallen, an dessen Existenz sie eigentlich nicht recht geglaubt hatte. Sie zerkaute ein paar Worte in kleine Stücke, da- mit sie das Herz verdauen könne. „Ich bin glücklich, mein Herr." Cloture sah sie Kein und sonnverbrannt im Sande sitzen und ging in seine Kammer zurück, um die letzten Reste seines Gefühls zu verbergen. Der Wind peitschte das Meer und warf die Wellen ans Ufer. „Wir wollen sehen", sagte der Herr und zog Babiola zu sich empor. Ihr wurde ganz feierlich zumute. Sie sühne, es sei besser zu schweigen und hüpfte gleichfalls in die Kammer. Hier war nichts, das der Mühe des Abschiednehmens lohnte. Rur der alte Vater, häßlich, arm und grauenerregend, durch die Gewohnheit ihr nahe» stand mit ratlosen Händen beim Ofen. „Adieu", sagte sie und wagte nicht, ihm ins Gesicht zu sehen. Ergriffenheit ist nichts für Menschen, die in harter Rot leben. Sie hätte sich gerne noch einmal auf die Kohlenkiste gesetzt, um noch einmal ihre kleine Welt überblicken zu können. Dann schritt sie wortlos aus der Türe. „Adieu", winkte sie Nochmals dem Vater über den Rücken zu. Cloture war froh darüber, daß Babiola ihn nicht angesehen hatte. Sie ersparten sich das Weh des Abschiednehmens. Aber nach einer Weile lief er ihnen nach und winkte mit dem alten Tuche, in das er Babiola einstmals gewickelt hatte.»Hier, „Sudctcndcutsdic volkshllir als Ergänzung des Dctrlebsterrors Genosse Reyzl über die neueste Henlein-Schöpfung Im Budgetausschuß des Senats hat Genosse Reyzl einige Feststellungen über die neue „Sndetrndentsche Volkshilfe" gemacht, die Herr Henlein, bzw. fein Mitarbeiterstab unter fremder Flagge in jüngster Zeit groß aufziehrn. Hier verbirgt sich, wie Genosse Reyzl offen darlegte, unter harmloser Firma etwaS, was sich würdig dem bekannten Betriebsterror der Henlein- Fabrikanten anschließt und ihn ergänzt. Nun sollen auch noch die Fürsorgeaktionen der Gemeinden auf eine Henleinbafis gestellt, d. h. zu einem politischen Werkzeug dieser Herren gemacht und so auch noch die Arbeitslosen unter ihre Fuchtel gebracht werden. Wenn schon Betriebsarbeiter vielfach nur mehr mit Henleins Parteilegitimation ausgenommen werden, wessen hätten sich erst die Arbeitslosen zu versehen, wenn Henlein-Leute darüber zu entscheiden hätten, ob und wie viel Unterstützung sie aus gesammelten Geldern zu erhalten haben!--- Daß Genosse Reyzl sich dabei kein Blatt vor den Mund genommen und die Dinge so geschildert hat, wie sie sind, ist sicher auch ein großes Verdienst um die in jahrelanger Arbeit aufgebauten, wirklich unparteiischen HilfsaktionenderGemeinden, die die Sudeten- deutsche Volkshilfe jetzt einfach an sich reißen möchte. bestellt das Wallücft-jSucft! ob sie noch arbeiten oder schon lange beschäftigungslos sind, zu ihrer Partei, zur Sozialdemokratie, vor Augen zu führen. Dabei stand Rothau im Mittelpunkt der fascistischen und kommunistischen Propaganda. Mit dem Hinweis auf Rothau wollten die politischen Scharlatane von rechts und links die Ergebnislosigkeit und Schädlichkeit sozialdemokratischer Politik beweisen. Sie hielten die durch die langdauernde Arbeitslosigkeit erfolgte Zermürbung unserer tapferen Rothauer Menschen für eine Bundesgenossin ihrer betrügerischen Werbung. Aber die Rothauer wissen, daß an ihrem Elend nicht der Klassmkampf und nicht die Sozialdemokratie schuld sind, sondern eben jene deutschen Kapitalisten, die in Autos zur Henleinkundgebung nach Böhmisch Leipa gefahren sind, um den Phrasen von der Volksgemeinschaft Beifall zu klatschen. Was die Rothauer Arbeiter an Not und Elend erleben, verdanken sie den Volksgenossen Kapitals st en. Was sie ast Hilfe haben, verdanken sie der So- z.i a l d e mokr a t i e, also, sich selbst und der Kraft und der Solidarität der Genossen,.mit denen sie in einer kampferprobten Partei vereinigt sind, Gegen die Anmaßung her SHF- Führer setzten die Rothauer Arbeiter und mit ihnen alle Proletarier, die am Sonntag mit. dem Stimmzettel in der Hand die ungebrochene Kraft unserer Bewegung demonstrierten, das sozialistische Selbstbewußtsein unh gegen das Bekennt- nis zur unverbindlichen Phrase das Bekenntnis zur, Tat. Die s u d e t e n d e u t sch e Sozialdemokratie bleibt eine Macht— sie bleibt die stärkste, festeste politische Gruppierung unseres Volkes. Daran vermag das Auftreten des neuen Heilands Henlein nichts zu ändern. Es hat sich am Sonntag nur bestätigt, daß seine Bewegung das ist, als was wir sie schon immer kannten: das Sammelbecken der Nationalsozialisten und Nationalparteiler. Wenn er darüber hinaus Stimmen errang, so nur auf Kosten der Kommunisten und jener politischen Gruppierungen, die mit ihm um seines antimarxistischen Programms willen liebäugelten. Henlein frißt höchstens seineBe sch ütze r, nicht aber die Sozialdemokratie. Im tschechischen Lager ist der von den Fascisten vorauSgesagte und erhoffte Vorstoß gegen die sozialistischen Stelküngest ebenfalls nicht gelstygey, Die KoplitionSpgktöien, vör allem aber die Sozialdemokraten, haben auch im tschechischen Lager, ihre Positionen glänzend be- Kapptet, So ist denn die Wahlentscheidung vom der- gangenen Sonntag ein schwerer Schlag gegen die fascistischen Gelüste. DaSVolk hat in der Demokratie denken gelernt — trotz Not und Ungemach. Es weiß, daß eS mit seiner politischen Freiheit auch die Möglichkeit verlöre, um ein besseres. Dyseip zu kämpfen. Der Wille dazu ist stärker als die fascistischen Lockungen. Sorgen wir dafür, daß er siegt. Genosse Reyzl sagte«. a.: Heute ist es in den Gemeinden so, daß die von den einzelnen Körperschaften gesammelten Gelder von einer auS allen Parteien zusammengesetzten Sozialkommission gerecht aufgeteilt werden. Wollte man diesen"Zustand ändern, so müßte das als eine Schädigung der Arbeitslosenfürsorge bezeichnet werden. Nun macht die sogenannte„Sudetendeutsche Volkshilfe" viel von sich reden. Die Firma gab dazu der Bund der Deutschen her. Es ist bezeichnend, daß es gerade Henleins „Rundschau" das erste Blatt war, das die Mitteilung von der behördlichen Bewilligung der Volkshilfe in großer Aufmachung brachte. Hinter dieser Gründung stehen in erster Linie die deutschen Unternehmer, die ihre Vertretung in der Rosche-Grupp« der AWG haben. Wie diese Gruppe der Arbeiterschaft gegenüber eingestellt ist, weiß man zUr Genüge! Sogar die Wahl des NamrnS verrät den Zweck:.„Sudetendeutsche BolkShilfe" Singt sehr an„Sudetendeutsche Heimatfront" an. Der einfache Mensch wird als» glauben, daß eventuelle Unterstützungen von der SHF. auSgrhen! Ich bedauere nur, daß die übrigen deutschen Parteien, mit denen vorher verhandelt wurde, dem Henlein auf den Leim gegangen sind. An unsere Partei ist man gar nicht erst herangetreten.. Es ist kein Geheimnis, daß unsere Unternehmer, die durch die Bank Freunde der SHF. Und Hitlers find, in ihren Betrieben für die SHF. agitteren. An die Seite dieses Betrirbsterrors tritt jetzt also nach«ön anderes Mittel, um Wäblerfang. betreiben,, die SudetendeutsHe Holkshbie.. Man begnügt sich nicht, die Arbeiter in die SHF. zu ' pressen, sondern will auch die Arbeitslos« durch Spenden seitens der Sudetendrutschen BolkShilfe ködern. Ich weiß nicht, ob die Landesbehörde bei der Bewilligung der SB.H. sich auch überlegt hat, was daraus werden könnt- Denn diese sudetendeutsche Volkshilfe droht die gesamte Gemeindefürsorge über-den Haufen zu werfen. Sie gibt sich den Anschein einer amtlichen Institution, lädt zu ihren Sitzungen die Gemeindevertretungen ein und will jede Verteilungs- aktion, die die Gemeinden in Händen haben, a n sich bringen. In meinem Bezirke bemüht sich die SVH. sogar die Brotaktion, also eine staatliche Fürsorgeaktion, in. ihre Hand zu bekommen! Es ist Sar, daß die SBH nicht so unparteiisch ist und ihre Mttrl nicht so unparteiisch verteilen wird, wie eine Gemeindekommiffion, und daß vor allem jede Kontrolle über die Verteilung der Unterstützung« fehlt.; Es ist ja bezeichnend, daß jetzt gerade jene Leyte auf einmal die größte• Tätigkeit entfalten, die sich bisher um die Arbeitslosen nicht gekümmert haben. In Warnsdorf hat bei der letzten Spendensammlung durch die Gemeinde eine Reihe von Leuten bereits erklärt, wenn jetzt die SHB sammeln gehen würde, so würden sie für die Aktion der Gemeinde nichts mehr hergeden. Mit all« Mitteln will die SHB den Anschein erweck«, daß sie die gesamte Fürsorgeattion durchzuführen hätte. DaS ist eine direkte Sabotage aller jener kommunalen Einrichtungen, die seit Jahren klaglos funktionieren. Der Herr Innenminister sollte den Landesbehörden den Auftrag geben, diese Dinge zu überwachen. Unsere Arbeiterschaft ist beunruhigt und empört, und diese Empörung müßte sich steigern, wenn Gemeinden der SHB soweit«tgegenkommen, daß ihr auch die Verteilung der staatlichen Für- sorgemittel übertragen wird.-' Wenn diese Herr« nach viel« Jahr« der Krise endlich ihr Herz für die Arbeitslose««t- deck« und Mittel sammel», dann soll« diese der Gemeinde zugeführt, aber nicht damit Agitation für diese n«e faseistische Bewegung getrieb« werd«! Die S«detend«tsche BolkShilfe ist ja 1 nichts anderes als ein politisches Kompsmittel der Sudetendrutschen.Heimatsront Henleins. Den Bund der Deutschen schiebt man vor, weil man sich hinter seine«npolittsche Firma versteck« und dabei doch dir größte politisch« Demagogie treib« kann! * In einer späteren Erwiderung erklärte Senator Kahler vom Bund der Landwirte, daß die Ausführungen des Genossen Reyzl angeblich nur einer.ganz einseitigen parteipolitischen Einstellung" entspring«. Die Ländesbehörde hätte die Volkshilfe n ich t bewilligt, wenn sie nicht überzeugt gewesen wäre, daß es sich um eine eminent not w e nd i g e Hilfsaktion handelt, die an di« Seite der heute nicht'mehr aüs- reichetiden staatlichen Hilfsaktionen treten soll. Die Tatsache, daß sich alle deutsch« bürgerlichen Par- teien hinter diese Volkshilfe gestellt haben, sei der beste Beweis dafür, daß es sich n i ch t um eine parteipolitische Wahlaktton handeln könne und werde, * Wenn die Götter eine Partei mit solcher Blindheit geschlagen haben, dann kann man halt nichts machen. Die Deutschbürgerlichen könnten aber wenigstens nach den Wahlergebnissen des Sonntags endlich einmal daraufkommen, daß den ganz« Henleinrummel schließlich und endlich sie und nicht" die verhaßten Marxisten ausbad« werden! Flugverbindung mit Rußland vom Arbeitenministerium vorbereitet Zum Kapitel Flugwesen stellte Genosse Dr. Cze ch im Budgetausschuß des Senates fest, daß es in den letzten Monaten doch gelungen ist, dm staatlichen Flugdienst durch Einschaltung weiterer Fluglinien, sowie durch Vorarbeiten zur Einführung des Flugverkehrs während der Winters und auch während der Nachtzeit auszugestalten, den Flugpark zu vermehren und schließlich durch Einführung der Fluginspektion und Ueberprüfung des gesamten Flugparkes die Sicherheitsverhältnisse im Flugverkehr auf eine festere Grundlage zu stellen. Seither ist es gelungen, einen Beschluß der Regierung zu erreichen, durch den die Flugverbindung nach Rußland sichergestellt wird, so daß das Arbcitenmi- nisterium die diesbezüglichen Vorarbeiten bereits in Angriff zu. nehmen vermag. Es dürfte auch möglich sein, eine entsprechende finanzielle Unter- stühung für den Sportflugverkehr zu erlangen. Die Letnä-Reguliernng. Zu den verschiedenen Zeitungsmeldungen über die Regulierung des Letnä-Plateaus in Prag erklärte Genosse Dr. Czech im Budgetausschuß des Senates, daß in dem aufgelegten Regulierungsplan auf die vom Staate mit einem Aufwand von etwa 50 Millionen Kronen erworbenen Grundstücke, die der Hinterbringung staatlicher Behörden dienen sollen, nur zum Teil Rücksicht genommen wurde. Deshalb haben das Schulministerium, das Just-rmi- nisterium und das Arbeitenministerium in Vertretung des Staates als des Eigentümers der oben erwähnten Grundstücke gegen diesen Plan Einwendungen überreicht; das ist alles, was in der Sache geschehen ist. Die Kladnoer Grubenbarone Im Angriff Die Direktoren der Prager Eisen beriefen Montag die Vertreter der Bergarbeiter in Kladno zusammen und teilten ihnen mit, daß sie die WshÄe P r o z-^wr g ei e-w f ssaftm, wozu angeblich die Bergarbeiter ihre Zustimmung gegeben haben. Außerdem würden sie 2000 Bergarbeiter entlassen. Die Vertreter der Organisationen protestierten und beriefen sogleich eine Konferenz ein, in der die Herabsetzung der Löhne ynd die Entlassungen abgelehnt wurden. Die Organisationen fordern die Arbeiter und Angestellten auf, in den nächsten Tagen alle Weisungen der Gewerkschaften zu befolgen. Das„P r ä v o L i d u" bezeichnet das Vorgehen der Direktion als einen Racheakt für die Haltung der Arbeiter bei den Detriebsrats- lvahlen,. die trotz des Terrors der Unternehmer zugunsten der sozialistischen Organisationen, vor allem der sozialdemokratischen, ausgefallen sind. Monsieur, damit ihr nicht kalt wird. Der Weg nach Paris ist weit." Er reichte das Tuch dem Herrn, als ging das alles die Kleine nichts an. Ihr Herz krampfte sich zusammen, sie wandte jedoch die Methode ihres Vaters an und sprach kein Wort. Der Herr ließ das übelriechende Tuch in den Sand fallen und die Kleine schwieg. Der Alte schlich gebückt und langsam wie eine Krabbe heim- Frati Bonnetier wqrts, wo ihm die Banknoten unsterbliche Selig- kcüen versprachen.' Im Hotel„Mon Reve" kannte mau Babiola. Das heißt, die Gäste kannten sie Wohl nicht, aber Portier und Diener. Sie hatte hier so manches Mal im Winter gebettelt. Herr Bonnetier sagte: „Komm nur" und setzte sie in den Aufzug.„Beim Emporsteigen fühlte sie: mit mir geht es aufwärts. Richt nur hier. Sie ging barfuß über den Teppich und es fiel ihr auf, daß sie der Herr nicht mehr bei der Hand hielt. Ich werde auch hier nicht fallen, dachte sie. Der Groom machte eine groteske. Geste hinter ihr, die Prügel bedeuten sollte. Er war der Meinung, sie habe etwas angestellt. Türen gab es hier wie in einem Narrenhaus. Sie sah, wie unruhig der Herr war. Er fürchtete offenbar, gesehen zu werden. Leise tappte sie hinter ihm her. Dann öffnete sich eine der Türen. Das Wunder war da. Jedes Märchen hat seinen Anfang. Dieses begann in dem wohlriechenden- spiegelgleißenden Korridor des Hotels. In dem Zimmer lag die Dame aus dem Zelt, genau so, wie sich die Kleine immer große Damen vorgestellt hatte, auf dem Sofa mit einem Umschlag auf d«m Kopfe wie eine Künstlerin. Künstlerinnen, die Langweile haben, haben immer Kopstveh. Auf dem Bett, halb in die Spitzendecke vergraben, kauerte der Bulli und knurrte die neue Konkurrenz an. Die Dame mit dem Umschlag erhob sich. Weiß Gott, was ihr fehlte. Aber sie bewegte sich, als ob alle ihre Gelenke schlaff wären. Babiola hörte beschämt, daß man vop ihr in einer fremden Sprache redete. Das ergriff sie ebenso, litte kurz vorher der wortlose Abschied von der Hütte und dem Vater. Der Herr ging hinaus und die Dame nahm den Umschlag ab. Bei dem nun folgenden Verhör bellte der Hund in die Rede. „Wie alt bist du?" „Du hast keine Mutter, keine Kleider und kein Benehmen!" DaS war kurz und bündig. Frau Bonnetier machte sich weiter keine Sorgen darüber. Sie lvollte das alles nachholen. Sie musterte die Kleine von allen Seiten. Tas Ergebnis war von der Skala ihrer Langweile leider nicht abzulesen. Bulli wurde in das andere Zimmer verbannt. Er rangierte heute an zweiter Stelle und kratzte neiderfüllt an der Türe. (Fortsetzung folgt.) Re. 289 Dienstag, 11. Dezember 1934 Seite S Df. Czech im Senats- BudgetausschuB Der X. allgewerktchaftliche Kongreß in Prag Die Teilnahme des Auslandes die Die Vertreter des arbeitenden Volkes tagen Imposanter Verlauf Prag. Am Montag trug Arbeitenminister Genosse Dr. Czech im Budgrtausschuß des Senates ein Expose vor. das seine kiirzlichrn Ausführungen im Abgeordnetenhaus nach mehr als einer Richtung wirksam ergänzt. An klare« Worten legte er dar, daß die Arbeitsbeschaffung vor allem in den Krisengebieten mit den normalen Mitteln seines Refforts nicht zu erreichen ist, sondern daß man sich zu großen und writausgreifenden JnvestitionSkreditrn wird entschließen müssen, um eine wirklich fühlbare Entspannung auf dem Arbeitsmarkt herbeizuführen, daß man jedoch auch daran gehen müssen wird, der weiteren planlosen Rationalifierung in unserer Industrie» die schon so viel Schaden angestiftet hat, auf gesetzgeberischem W e g e ein Ende zu machen. Die Herren Bergbaubesitzer dürften überdies nicht wenig überrascht gewesen sein, alS sie auf ihr bekanntes Schreiben an den Arbeitenminister, das sie im Ausschuß vor Beginn der Sitzung an alle Mitglieder zur Verteilung brachten, sofort eine solch« schlagfertige und beweiskräftige Antwort erhielten! Dem Expose entnehmen wir in einem knappen Auszug folgende Stellen: Johanson(Schweden) auf die Erfolge der Arbeiterregierung dieses Landes hin, die durch großzügige Wirtschafts- und Sozialpolitik die Arbeitslosigkeit auf f a st e i n D ri t t c.l zurückdrücken konnte. Genosse Meister(Schweiz) zog Vergleiche zwischen der CSR und der Schweiz, die beide von fafcistischen Diktaturen umgeben sind. Auch in der Schweiz sind reaktionäre Kräfte tätig, trotzdem konnten die Sozialisten mit ihrem Wirtschaftsprogramm in weiten Kreisen solche Zustimmung finden,' daß die für das kleine Land unglaubliche Zahl von 350.000 Unterschriften zur «Volksinitiative" ausgebracht wurden. Nach den Ansprachen der Genossen de la Bella(Holland) und der Vertreter der Arbeiter turn er (D. T. I.), der Arbeiterakademie und Verband der Genoss ensch a f t e n, ergriff das Wort der Generalsekretär der Gewerkschaftszentrale, Abgeordneter Tayerle zum Referat über den Tätigkeitsbericht -Dieser liegt in Form einer zweibändigen Broschüre im Umfang von 700 Seiten vor und umfaßt den vierjährigen, an schwerwiegenden Ereignissen so reichen Zeitraum von 1930 bis 1933. Der Bericht gliedert sich in einen wirtschaftlichen, einen sozialpolitischen und einen organisatorischen Teil, von denen jeder überreiches Material enthält. Die Gemeinsame Zentrale der freien Gewerkschaften, die trotz der Krise seit 1929 um etwa 80.000 Mitglieder zugenommen haben, stellt 19H3 mit einer Mitgliederzahl von 628.850 weitaus die stärkste Gewerkschaftszentrale in der TSR dar.(Auf die deutschen Verbände entfallen davon 216.672 Mitglieder.) In seinem Referat betonte Gen. Tatze r l e zugleich mit dem erfreulichen Wachsen der Mitgliederzahl auch die Steigerung der Aufgaben und Leistungen unserer Gewerkschaften. Es galten diesen vier Jahren sich ganz neuen und sehr schwierigen Verhältnissen anzupassen. In dieser Richtung haben alle Funktionäre ihr möglichstes getan. Eingehend befaßte sich Genosse Tayerle mit den Auswirkungen der Krise auf gewerkschaftlichem Gebiet. Er kennzeichnete u. a. die Tätigkeit der gelben»Gewerkschaften", wie auch die Agitation der,Kommunisten, die aber nur wenig Erfolg hatte. Dagegen ist die Zusammenarbeit mit den deutschen Verbänden auf gutem Wege. Unsere Gewerkschaftsorganisation bleibt sich trotz aller ermüdenden Tagesarbeit ihres hohen Zieles bewußt und arbeitet weiter unter Einsetzung aller Kräfte und Erfassung aller Möglichkeiten, an der Verwirklichung desdemokratischenSozia» l i s m u s. In dieser Richtung gilt es weiterzu- arbeiten, die Agitation zu steigern, immer neue Kräfte heranzuziehen. Unsere Arbeiterschaft wird keine» Verführungskünsten unterliegen, aber auch keinem Druck weichen.(Einmütiger Beifall.) Nach dem Referat des Genossen Tayerle wurde der erste Kongreßtag geschloffen: „Wir gedenken dankbar Ihrer Arbeit für unseren Staat, in welchem Sie auch ein freies Volk wollten. Deshalb sind wir überzeugt, in Ihren Intentionen zu arbeiten, wenn wir uns für die soziale Gerechtigkeit einsetzen." Die Versammlung ehrte hierauf durch Erheben von den Sitzen das Andenken der auf den Barrikaden, Md auf dem Schlachtfeld der Arbeit Lk^sUeükiiGeuoffen uy!) der.verstorbenen gewerkschaftlichen Mitkämpferund gedachte'der'unter fasciftischem Joch schmachtenden Genoffen jenseits der Grenzen. Dann folgten die vegrvBungsreden Als erster nahm das Wort Fürsorgeminister Genosse Dr. Meißner, der erklärte, daß alle Bemühungen darauf gerichtet seien, Arbeitsgelegenheiten zu schaffen und diese auch im sozialen Sinne aufs beste auszunützen. Solche administrative Maßnahmen-— dazu gehört auch der Kampf gegen bürokratische Schwerfälligkeit— sind freilich nur Linderungsmittel. Die großen Probleme sind vor allem Verkürzung der Arbeitszeit, und Kampf gegen unsoziale Lohnsenkungen. Nachdem Stadtrat Genosse,Kellner den Kongreß namens des Prager Magistrates begrüßt hatte, nahm das Wort Genosse Jouhaux, der in französischer Sprache ausführte, er fasse die Botschaft des Kongresses an Masaryk als hocherfreuliches Symbol auf. Masaryk ist der Repräsentant des demokratischen Denkens, der Freiheit und Gerechtigkeit. Die Zeit ist furchtbar ernst! Wir brauchen Vertrauen in uns selbst, Vertrauen auf die internationale Solidarität der Arbeiterklasse, brauchen die aus innerster gemeinsamer Ueberzeu- gung beruhende Einigkeit und Geschlossenheit. Demokratie ist kein leeres Wort, sondern bedeutet Freiheit und Menschlichkeit. In diesem Geiste arbeiten und kämpfen auch wir für eine bessere Zukunft des Proletariates und der gesamten Menschheit. Genosse Abg. Hampl wies auf die trotz momentaner Entspannung ernste politische Situation in Europa hin. Der Störenfried ist der internationale und dabei überall mit chauvinistischen Schlagworten arbeitende Fascismus, die sozialistische Arbeiterschaft wird gegen diesen Feind einig zusammenstehen. In diesem Sinne entbot er dem Kongreß die Grütze der tschechischen Sozialdemokratie. Genosse Abg. Taub führte, nachdem er die Grüße unserer Partei übermittelt hatte, aus: Alle Kämpfe, die das deutsche und tschechische Proletariat geschlagen hat, sind gemeinsam geschlagen worden. Wir sind uns bewußt, daß Einheit und Entschlossenheit aller Zweige der Arbeiterbewegung heute notwendiger sind, als je zuvor. Wir leben in der Zeit der Gärungen und Verwicklungen. Es ist vornehmste Aufgabe der Arbeiterklasse, die Demokratie zu stärken und gegen alle zu kämpfen, die sich bemühen, sie zu schwächen. Die Situation stellt uns vor schwere Aufgaben. Die Vertreter des Proletariates haben aber ihren Mann gestellt und so wird es auch bleiben. Nachdem, Genosse Stanczik die Grüße der polnischen Arbeiter überbracht hatte, wies Genosse lischeuKollegen, deren Betriebe, wenn sie «ach nicht florieren, so doch viel besser den schwierige« Verhältnissen zu trotzen vermöge»«ls die überrationalisierten Betriebe unseres Landes! Wenn die Herren vom Verbände, erklärte Dr, Czech, mir die sozialistische Presse Englands vorhalten, die auf beschleunigte Rationalisierungsmaßnah- men gedrungen hat, daun möchte ich darauf verweisen, daß auch ich mich niemals gegen die Rationalisierung an sich ausgesprochen habe. Was ich aber ebenso wie di« vom Verbände zitterte englische sozialistische Preff« verlange, ist, daß di« R at i o- nalisierung planmäßig durchgeführt wird, daß sie vom Interesse aller Teile der Bevölkerung getragen wird und daß ihre Früchte vor allem auch der Arbeiterschaft zugute kommen. Es umssen jene ttaurigen Erscheinungen aus überrationalisierten Betrieben verschwinden, wo die Leistungen der Arbeiter auf 200 Prozent erhöht werden, ohne daß sich dies auch nur itn geringsten in der Erhöhung der Arbeiterlöhne ausgedrückt hätte! Dr. PeterS macht auch noch ein« wettere Feststellung, die mein« Ansicht über di« Ueberftürztheit der Rationalisierung und ihre Schäden für die Industrie selbst voll bestättgt. Er sagt wörtlich: „Die Mechanisierung der Förderung hat nicht nur die vorerwähnten Vorteile, sondern auch Nachteile, welche sie mit allen Zweigen mit vervollkommneter maschineller Einrichtung gemeinsam hat. Die Maschinen bringen nicht nur die Möglichkeit einer Höheren Arbeitsleistung, sondern machen auch höher« Abschreibungen des Investitionsaufwandes notwendig, welche sich in einer Zeit, da die Produktton gering ist und nur ein kleiner Bruchteil der Kapazität der Maschinen ausgenüttt werden kann, sehr emsindlich fühlbar machen. So steigern sich in den schlimmsten Zeiten die ungünstigen Auswirkungen dieser Bestandteile des Pro- dnktionSanfwandes." Es ist wirllich überflüffig, diesen Feststellungen auch nur ein weiteres Wort hinznzufügen l Am Sonntag, den 8. Dezember, traten im Prager Repräsentationshaus die Delegierten der 64 in der gemeinsamen„Gewerkschaftszentrale" zusammengefaßten deutschen und tschechischen Gewerkschaftsverbände zum zehnten allge- werkschaftl ich en Kongreß zusammen, der bis Dienstag, den 11. Dezember dauern wird. Die Estrade des SmetanasaaleS, in dem sich 479 Delegierte zu dieser hochbedeutsamen Tagung versammelten, war mit-roten Draperien und'der Staatsflcmge geschmückt, unter der die Büsten Mnsaryks und Karl Marx' aufgestellt waren. Der Chor der„Typografia" leitete den Eröffnungsakt mit den Staatshymnen und dem„Lied von der Arbeit" ein, worauf der Vorsitzende der Gewerkschaftszentrale Genoffe Wenzel N i m e öek in tschechischer und deutscher Ansprache den Kongreß für eröffnet erklärte. Genoffe Nemeöek wies darauf hin, daß dieser Kongreß in einer Zeit der furchtbarsten Arbeitslosigkeit und des ärgsten Elends der arbeitenden Klaffe zusämmentritt, in einer Zeit, die außerdem auch in politischer Hinsicht überaus ernst ist. Um so größer ist die Bedeutung dieser Tagung der Vertreter der arbeitenden. Schichten. Der Vorsitzende hieß hierauf die zahlreichen Gäste willkommen. Herzlichster Beifall begrüßte insbesondere die persönlich erschienenen Minister für öffentliche Arbeiten, Genossen Doktor Czech und Fürsorgrminister Genossen Dok- torMeißner. Das HandelSministe. r i« m hatte Vertreter entsendet, das Fi» nanzministerium schickte ein Entschul» digungSschreiben. Bon ausländische« Gäste« hattest sich eingrfunden: alS Vertreter des„Interna- lionalrn Gewerkschaftsbundes" und gleichzeitig der französischen Gewerkschaftszentralr Genosse I o« h a« r; für die dänischen Gewerkschaften Genosse Chr. Brün; für die holländischen Genosse d e l a B e l l a; für die polnischen Genosse S t a n e z i k; für die schwedischen Genoss« Johanson und für die schweizer Grnosse M e i st e r. Als lieber Gast war ferner-«gegen der frühere Führer der österreichischen freien Gewerkschaften,»nser Wiener Genosse S ch o r s ch. Begrüßungsschreiben liefen ein von den belgischen, bulgarischen, englischen, estländi- schen, griechischen, jugoslawischen und ungarischen Gewerkschaftszentralen. Als Vertreter des Parteivorstandes und der parlamentarischen Klubs unserer Partei war Vizepräsident Genoffe Taub erschienen, für die tschechische Sozialdemokratie Genoffe Abg. Hampl. Außerdem hatten sich Vertreter verschiedener befreundeter Körperschaften und Institutionen eingefunden. Unter einsttmmigem Beifall wurde Absendung eines BrgrüßungstelegrammeS an Präsidenten Masaryk bcschloffen, in welchem ihm die versammelten Gewerkschafter Grüße und Wünsche entbieten und in welchem es Wetter heißt: triebenen Rationalisierungsmaßnahmen im Bergbau entsprechend krittsiert worden waren. Genoffe Dr. Czech hatte aufgezeigt, welch gewaltigen Umfang die maschinelle Kohlengewinnung in unseren Steinkohlengruben bisher angenommen hat, während England mit einem viel niedrigeren Prozentsatz maschineller Kohlengewinnung das Auslangen fand. In der Antwort hatte der Verband der Bergbaubesitzer betont, daß man es im englischen Bergbau im Gegensatz zu unseren mit sehr mächtigen Kohlenflözen zu tun habe und daß überhaupt die im Exposä angeführten Daten.etwas veraltet" seien und„vom Anfang der Weltkrise" datieren. Dem gegenüber stellt Genoffe Dr. Czech fest, daß sich Flöze unter 60 Zentimeter ausschließlich im Für staatliche Kontrolle der Rationalisierung! westlichen Teil des Ostrauer Revieres befinden, daß aber auch die weitaus stärkeren Flöze des umfangreicheren östlichen Tests maschinell gewönnen werden. Dem englischen Rationalisierungsaufstieg von 35 Prozent auf 42 Prozent in den Jahren'1931 bis 1933 steht gegenüber, daß es unsere Steinkohlenproduktton schon im Jahre 1926 auf 58.2 Prozent und inzwischen im Jahre 1933 bis auf 96.4 Prozent der Produkttonsmechanisierung gebracht hatte! Die Ziffern des Exposes gehen übrigens auf einem im November des Jahres 1932 gehaltenen und später zu einer Broschüre verarbeiteten Vorttag des seither verstorbenen Direktors des Verbandes der Bergbaubesitzer, Dr. Josef Peters, zurück. Die Behauptung der Bergbauunternehmer, es habe niemand vor Jahren den Unfang der heuttgen Krise voraussehen können, läßt Genosse Dr. Czech nicht gelten. Jedem Volkswirtschaftler mußten schon seit dem Weltkriege die außerordentlichen Schwierigkeiten des Bergbaues bekannt sein, die, wie Genoffe Dr. Czech wieder an Hand der Broschüre des Dr. PeterS zittert, vor allem auf die erhöhte Verwendung anderer Energiequellen, auf die technische Entwicklung und den dadurch verringerten Bedarf an Kohle und auf die Veränderungen auf dem Weltkohlen- markte zurückzuführen sind. Die Herren vom Verband« mußten ebenso wie Dr. P e 1 e r S di« Entwicklung erkennen, a«S den drohenden Gefahren ihre Schlüffe ziehen und i« der Durchführung der Ratio««- lifierungSmahnahmen ebenso z«- rückhaltendvorgehenwie ihre e« g- Jm Jahre 1934 standen dem Arbeitsministe- tkum rund 700 Millionen für Jnvestttionszwecke zur Verfügung, für 1935 ist einschließlich des Straßen» fonds ein Gesamtbettag von 669 Millionen vorgesehen. Diese Beträge sind sicherlich sehr bettächtlich, aber was bedeuten sie, gemessen an dem schweren Arbeitshunger, den die steigende Maffenarbettslosig« kett mit sich bringt. Dieser Aufwand drückt sich begreiflicherweise ja nur zu einem Teil in Arbeitslöhnen aus und es ist auch nur zum Teil möglich, den Bedürfniffen der Krisengebiete in jenem Verhältnis, wie es der Krisennotstand erheischt, Rechnung zu tragen. Darum wiederholt da- Arbcitcnministcrium neuerlich den Ruf nach großen und weit««»- greifenden Jnvestiti-nskredite«, welche eine Anpassung a« die Bedürfnisse der Kri- sengebiete ermögliche» und in größere« Maß« als mit Hilfe der ressortmäßige« Mittel zur Linderung des Elends der Arbeitslosen und zur weitgehenden Entlastung des Staates von der Arbeitslosenfürsorge nutzbar gemacht werden könnte«. Auch mit Rücksicht aus die hunderttausend« Opfer der Ra- tionalifierung, die man doch unmöglich dauernd auf dem niedrigen Lebensniveau erhalten kann, daS die karge Arbeitslosenunterstützung bietet, habe« wir Wittlich keine andere Wahl, al» neu« Wege zur Arbeitsbeschaffung z« suchen, für die— wenn die erforderliche« Kredite gesichert find— gerade das Arbeitenreffott hundertfältig vorzusorgen vermag. In dieser Rich- tung zeigen sich bereits gewiffe Kout«re« e i n e r L ö s u n g, die vielleicht doch den ersehnten Ausweg bilden könnten! ■ Das Arbeitenministerium behält immer die Notwendigkatt der Heranziehung einer m», liehst großenZahl von Arbeitsde Werbern im Auge. Diesem Ztvecke dient vor allem die E i n f ü h r u n g derVierzigstundenwoche im Jnvesti- ttonsdienst, sowie die obligatorische Heranziehung der erforderlichen Arbetter aus den Reihen der Arbeitslosen und durch Vermittlung der zuständige« öffentl. Arbeitsvermittlungsanstalten. Als eine notwendige Ergänzung muß daS Arbeitenministerium auch gewisse M a tz n a h- me« zur Verhinderung der planlosen Rationalisierung bezeichne«. Hier hat die Regierung mit ihrem Beschluß vom 7. Juli 1933 bereits den ersten Schritt getan, indem sie für den Bereich der öffentliche» Arbeiten die Anwendung deS maschinellen Betriebes auf die unumgänglichen AnSnahmSfälle beschränkte. Di« Erfahrungen aber, dir in letzter Zeit bei a l l e n Produktionszweigen gemacht wurden, machen«S notwendig, daß«S nicht bei diesem erstenSchritt bleibe, und daß dem weiteren Umsichgreifen der planlosen und rücksichtslose« Rationalisierung der Jndusttt« auf»esetzgebe- rische Weise: ein Ende gemacht «ad daß sie unter die Kontrolle deS Staates gestellt wird. Vor allem im Bergbau, aber auch in anderen Produkttonszweigen, und insbesondere auch n» Bauwesen kam es nach dieser Richtung zu unglückseligen Erscheinungen. In vielen Fällen wurde durch die Planlosigkeit und Uebereiutheit der Rationalifierungsmaßnahmen nicht allein die Arbeiterschaft aufs schwerste gettoffen, sondern auch die überrationalisierten Betriebe gleichfalls aufS schlimmste in Mitleidenschaft gezogen. WaS will man etwa dazu sagen, wenn die Statistik für den Bergbau für de« Monat Oktober zwar die erfreuliche Taffache registriert, daß die Zahl dr» abgearbeiteten Schichtest um 12.65 Prozent bei Steinkohlen und um 14.10 Prozent bei Braunkohle«, die Förder«ng«m 14.31 Prozent tzw. um 20.59 Prozent g e st t e g e n ist, in beiden Fällen aber di, Zahl der beschäftigten Personen«eiter verringert wurde? DaS sind ganz ungesund« Wirt- schaftserscheinungen, die selbst vom Standpunkt des einzelnen PttvatbetriebeS nicht zu rechtfertigen sind,«ms» weniger ater»am Standpunkt deS Staates! Antwort an die Bergbaubesitzer Genoffe Dr. Czech geht dann ausführlich auf das Schreiben des»Verbandes der Bergbaubesitzer ein, welches gegen jenen Teil seines Exposees im Budgetausschuß des Abgeordnetenhauses polemisiert, in dem die über- Neue Wese zur Arbeitsbeschaffung nur durch Investitionskredite möglich Seite 4 DienStag, 11. Dezember 1834 Nr. 288 Der zweite Kongreßtag: Das gewerkschaftliche Wirtschaftsprogramm Nachdem der Kongreß auf Antrag der Kontrollkommission einstimmig und mit Dank den Funktionären die Entlastung erteilt hatte, folgte ein großangelegtes Referat des Genossen Tayerle zum zweiten Hauptpunkt der Tagesordnung: »Das Wirtschaftsprogramm der einheitlichen Gewerkschaftsbewegung". Zu diesem Punkte liegt dem Kongreß eine ausführliche Resolution vor, auf die wir später zurückkommen werden. Diese wirt sch a f t- liche Resolution fordert in den einzelnen Sektoren des Wirtschaftslebens eingreifende Maßnahmen. 2n seinem Referat zu diesem Punkt wies Genosse Tayerle darauf hin, daß heute auch die Vertreter der kapitalistischen Wirtschaftsform nach„Planwirtschaft" rufen, aber freilich meinen sie das anders als wir. Sie wollen, daß ihnen der Staat hilft, aber weitere Eingriffe in ihr Wirtschaften wollen sie nicht zulassen. So weit heute Eingriffe des Staates überhaupt geschehen» sind sie eher administrativer Natur, sind noch keine planmäßige Erfassung und Regulierung des Wirtschaftsprozesses zum Wohl der Allgemeinheit. Man sucht noch nicht Absatzschwierigkeiten durch Stützung desKon- s u m s zu überwinden, sondern greift zu-P r o- dnktionseinschränkungen oder Herabminderung der Konkurrenz. Unter Anführung drastischer Beispiele solcher kapitalistischer Wirtschaftsführung konstatiert Genosse Tayerle, daß offizielle Nationalökonomie in ihren Theorien stets vor allem die Steigerung derProduk- t i o n im Auge hat, aber den Konsumenten, der doch dec Träger des Absatzes ist, vergißt. Die Existenz des Arbeiters blieb außer acht. Dann aber klagt man über die sinkende Kaufkraft. Unser Ziel mutz sein: planmäßiger Schutz drS Konsumenten. Unser Weg führt zunächst als Vorstufe der rein sozialistischen Wirtschaftsform zum Neuaufbau der Wirtschaft durch Angleichung der Produktion und des Verbrauches, die heute" infolge der kapitalistischen Anarchie auseinanderklafsen. Dies ist der Sinn des in der Resolution vorgeschlagenen allgemeinen Programms. In zäher Arbeit sind alle Kräfte zu seiner Verwirklichung anzu- spanneN. Von heute aus morgen ist dieser Umbau nicht durchzuführen. Wir müssen auch Schichten des früheren Mittelstandes gewinnen, die der fascistischen Demagogie ausgesetzt sind, insbesondere die kleinen Landwirte und Gewerbetreiben-, den. Es ist gerecht, wen« dem Landwirt sein Einkommen gesichert wird, nun muß die Sicherstellung des Arbeitslohnes folgen, ohne welche der Landwirt ayf die Dauer keinen Absatz für seine Erzeugnisse finden kann, denn der Arbeiter ist sein größter Abnehmer. Genosse Tayerle befaßte sich auch mit den Angeboten der kommunistischen Gewerkschaften, die angesichts der sonstigen Haltung ihrer Führer kein Vertrauen einflößen können. Zuerst muß der Beweis erbracht werden, daß es sich nicht um eines der üblichen Manöver handelt, deren Zweck nur darin besteht zersetzende Agitation in die freien Gewerkschaften zu tragen und zu zerstören, was wir in jahrzehntelanger Arbeit aufgebaut haben. (Beifall.) DaS deutsche Referat zu diesem Punkte der Tagesordnung erstattete Genosse Abg. Macoun, der sich besonders eingehend mit, der Rolle des FasriSmuS als Sturmtrupp der kapitalistischen Reaktion gegen den Sozialismus befaßte. Der überlebte und zusammenbrechende Kapitalismus mobilisiert mit Hilfe nationalistischer Schlagworte das unwissende und verwirrte Bürgertum. Unsere deutschen Kapitalisten öffnen ihre Taschen der Henleinfront und der Generalsekretär des Jndustriellenverbandes, Dr. Hodak, ist der Führer der„Nationalen Eini- g u n g", d. h. der fascistischen Reaktion auf tschechischer Seite. Gleichwohl hat die sudetendeutsche Arbeiterschaft trotz Unbeschreiblichster Notlage gerade in ihren Siedlungsgebieten allem offenen und versteckten Terror der Unternehmer und aller über die Grenzen dringenden hakenkreuzlerischen Propaganda in Wort, Schrift und Tat, dank ihrer alten sozialistischen und gewerkschaftlichen Tradition bewunderswerte Widerstandskraft bewiesen und durch die mächtigen Aufmärsche vom 4. November neuerlich ihr Bekenntnis zu Demokratie und Sozialismus vor aller Welt abgelegt. Die politische Demokratie soll zur Demokratisierung der Wirtschaft sichren. Genosse Macoun beschäftigte sich hierauf mit dem Elend in den Randgebieten und den Maßnahmen zur Linderung der Arbeitslosigkeit, insbesondere durch produktive Fürsorge, wobei er mit Dank die unablässigen Bemühungen der sozialistischen Ressortminister feststellte. Wie der Vorredner analysierte auch Genosse Macoun die katastrophale Weltwirtschaftslage, die bestätigt hat, daß das privatwirtschaftliche System völlig gescheitert ist und die Zeit reif ist für den Umbau der Gesellschaft. Zu diesem Zwecke wollen wir alle unsere Kräfte in gemeinsamer Arbeit konzentrieren.(Beifall.) Besonders herzlich akklamiert sprach hierauf der alte Führer der österreichischen Gewerkschafter Genosse Schorsch warwe Dankworte für die tätige und moralische Hilfe der deutschen und tschechischen Arbeiterschaft für die österreichischen Klassenbrüder. Man könne feststellen, daß nach der Katastrophe vom Feber die österreichische Arbeiterschaft einig und entschlossen dasteht und dafür sorgen wird, daß dir fascistische Episode Oesterreichs nicht allzu lange dauere. Das österreichische Proletariat wird sich für die tatkräftige Solidarität unserer Genossen nicht nur dankbar, sondern auch ihrer würdig erweisen.(Stürmischer Beifall.) Hierauf wurde die Debatte über dir Wirtschaftliche Resolntion eröffnet. Die Debatte, zu der sich 14 Redner meldeten, stand auf sehr hohem Niveau. Am Sonntag kamen elf Drbattenredner zu Wort, der Rest am nächsten Morgen. Der Rtst des Nachmittags war, wie am vorhergehenden Tag von Kommissionsberatungra ausgefüllt. Der dritte Kongreßtag: Sozialpolitische Referate und Debatte Nachdem am Montag noch drei Redner zur Debatte über die wirtschaftspolitische Resolution gesprochen hatten, ging der Kongreß nach dem Schlußwort des Genossen Tayerle zu Punkt 4 der Tagesordnung über, der lautet: „Der soziale Schutz im ArbrilSverhältni- des Arbeiters und Angestellten." Dem Kongreß liegt eine umfangreiche Sozialpolitische Resolution vor, auf die wir noch zurückkommen werden. Sie fordert: 1. Sicherung des Koalition s r e ch t es, 2. Sicherung des Arbeitseinkom,- mens, 3. Kampf gegen die Arbeits- l o s i g k e i t(gegliedert in zehn Unterabschnitten), weiteren Ausbau der sozialen Schutzbestim m u n g e n(gegliedert in acht Hauptabschnitte, die wieder in Unterabschnitte gegliedert sind) und endlich Vervollkommnung der Sozialversicherung. Das erste Referat zu diesem Programmpunkt erstattete Wg. Genosse Anton Schäfer, der die Dringlichkeit einer Erweiterung des sozialen Schutzes betonte Und auf die Notwendigkeit starker Gewerkschaften als wertvollstes Instrument zur Durchsetzung dieser Forderungen hinwies. Bei Besprechung der einzelnen Resolu- tionspunkte beschäftigte sich Genosse Schäfer u. a. eingehend mit der Frage der 40stündigen Arbeitszeit. Er verwies darauf, daß die vom Ministerium zunächst empfohlene Regelung im Wege der freien Vereinbarung zwischen den Unternehmer- und Arbeitnehmerverbänden an der Haltung der Unternehmer scheiterte. Sie erklärten damals, diese Frage sei nur international zu lösen, die hiesige Industrie allein könne keine solche Verpflichtung eingehen, ohne sich gegenüber der AuAandSkonkurrenz in Nachteil zu setzen. Als aber die internationale Regelung spruchreif wurde, stimmten die Vertreter unserer Industrie in Genf dagegen. Da sich der Verhandlungsweg schließlich"als ungangbar erwies, bleibt nur der Weg der gesetzlichen Regelung, ebenso wie in früheren Kämpfen um die Arbeitszeit. Genosse Schäfer erinnerte weiter daran, daß in Deutschland die unter Brüning einsetzenden Lohnkürzungen den Zweck hatten, Geld in den Kaffen der Unternehmer anzusammeln, in jenen Kaffen, aus denen die„BraunenHäu- s e r" finanziert wurden. Wir wissen, daß es auch bei uns Gruppm von Unternehmern gibt, die sich sagen, daß ihre rrichSdrutschen Kollegen mit dtr von ihnen finanzierten gewaltsamen Zerschlagung der Gewerkschaften»in guteS Geschäft gemacht haben. Gerade wir in.den deutschen Gebieten müssen ein scharfes Auge auf solche Möglichkeiten haben. Für die bevorstehenden parlamentarischen Kämpfe um den von der Regierung vorzulegenden Entwürf des Gesetzes über die Arbeitszeit brauchen wir aber nachdrücklichste Unterstützung der gesamten Arbeiterklasse. Sn seinen weiteren Ausführungen besprach Genoss« Schäfer eine Reihe sonstiger, in der Resolution angeführter sozialer Notwendigkeiten. Er schloß mit der Feststellung, daß es bisher gelungen ist, den Abbau deS ArbeitrrschutzeS zu verhindern, daS Bestehende zu halten und selbst NeueS hinzuzufügr«. Auch weitere Schichten sollten eS unserem Staate als Ehre anrechnen, daß er in seiner sozialpolitischen Gesetzgebung unter den übrigen Staaten einen ehrenvollen Platz einnimmt. Als zweiter Referent sprach Abg. Genosse Robert Klein, der mit treffender Schärft die vereinigten Fasciften und ihre„neutralen" Helfershelfer als Saboteure jedes sozialpolitische« Fortschritts bezeichnete. Man wird diesen Herren eine deutliche Antwort geben müssen. Die Situatwn muß klar erkannt werden. Wichtig ist, die engen Beziehungen zwischen Wirtschaftspolitik und Sozialpolitik zu begreifen und beiden Gebieten ein gründliches Studium zu widmen. Wir müssen dir Sozialgesetzgebung als vollkommen neues Rcchtsgebiet ansetzen. Die übernommenen altösterreichischen Gesetze entsprechen den völlig geänderten Verhältnissen nicht mehr. Zur Geltendmachung der neuen sozialen Prinzipien müssen aber die Gewerkschaften ihr ganzes Gewicht in die Waagschale werfen. Ter Referent besprach hierauf Punkt für Punkt die wichtigsten in der Resolution enthaltenen Forderungen. Er betonte, daß das neue A n g e- stelltengesetz ein Stück Pionierarbeit bedeute und als brauchbarer Ausgangspunkt für weitere Arbeiten auf diesem Gebiet angesehen werden könne. Zum Schluß betonte Genosse Klein, daß sich der Einfluß des Staates auf immer weitere Gebiete der privatwirtschaftlichen Sphäre zu erstrecken beginnt. Diese erstarkende Staatsmacht werde im demokratischen Staat den Interessen der Arbeiter eben soweit dienen, als sie ihren Einfluß geltend zu machen wissen. Er schloß mit dem Zitat: Sdiwcrcs DrandunglOdf in nähren Drei Tote, drei Verletzte In einem Brechhause in Ober-Mohrau bei Römerstadt brach Montag früh Feuer aus, das so rasch um sich griff, daß sich von dreißig dort beschäftigten Arbeitern und Arbeiterinnen nur zwanzig rechtzeitig retten konnten. Sechs Frauen erlitten zum Teil schwere Brandwunden und entgingen dem Tode nur durch AbGrung aus den Fenstern des ersten Stockwerkes. Drei Arbeiterinnen fanden in den Flammen den Tod. Das Gebäude wurde vernichtet. „Die Sozialpolitik wird so sein, wie wir sie uns selbst machen." In der folgenden Debatte, die über drei Stunden währte, traten 24 Redner auf, die zu verschiedenen Punften der Resolution Stellung nahmen. Nachmittags arbeiteten wieder die Kom- missionen. * Abends fand ein geselliges Beisammensem im „Odborovy dum" stäkt. Am Dienstag werden die Verhandlungen des Kongresses zu Ende geführt. Die uebergrlfle der Saazer Polizei Diskussion Im Saazer Stadtparlament— Die Bürgerlichen kneifen In der gestrigen Sitzung der Saazer Stadtvertretung brachte unsere Fraktion die Vorfälle in der SHF-Persammlung im Saazer.Schützenhaus zur Sprache, wobei sie an dem Verhalten der Saazer Polizei schärfste Krisik übte. Die Genossen D i t t r i ch,§ e r n y, Ott und Uhl stellten fest, daß die Polizei in dieser Versammlung parteiisch gehandelt hat, indem sie die Henlein-Front- ler offensichtlich begünstigte. Umso rücksichtsloser ging sie gegen die sozialdemokratischen Arbeiter vor, auf, die sie mit ihren Gummiknüppeln brutal einschlug, obwohl hiezu nicht der geringste Anlaß gegeben war. Hier muß, erklärten unsere Vertreter, einmal Wandel geschaffen werden. Die Polizei, berufen,»die Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten, soll wissen, daß sie nicht zum Prügeln da ist. Unsere Genossen wandten sich auch auf das entschiedenste gegen die Schreibweise der bürgerlichen Presse, insbesondere des„Sa a z e r Anzeiger s", der in seinem Bericht über die Hen- leinversammlung die Tatsachen direkt auf den Kopf gestellt hatte und nicht einmal vor der Gemeinheit zurückgeschreckt war, marxistisch« Arbeiter,, die, sich, nicht das geringste hatte« zuschulden kommen lassen, als Ruhestörer zu denunzieren. Unsere Fraktion verlangte schließlich, daß das Kapitel Sicherheitswesen im Voranschlag um 500 Kronen erhöht werde, welcher Betrag für S ch u- lungszwecke zu verwenden wäre, damit die Saazer Polizei über ihre demokratischen Pflichten gegenüber der Bevölkerung entsprechend unterrichtet werde. Interessant war die Stellungnahme der bürgerlichen Stadtvertreter. Außerstande, die Anklagen zu entktäften und nicht gewillt, die demokratischen Rechte der Bevölkerung zu verteidigen, wichen sie der Verantwortung lieber aus und liefen einfach davon. Daß keiner der Herren den Mut aufbrachte, die Schreibloeise der bürgerlichen Presse auch nur teilweise zu rechtfersigen, bewies, daß sie selber den Lügenberichten des„Saazer Anzeiger" keinen Glauben schenken. Damit bestätigen sie also, wenn auch ungewollt, nur die Richtigkeit unserer Angaben. Sie erreichten durch ihre wenig ruhmvolle Taktik immerhin, daß die Sitzung beschlußunfähig wurde. Ob sie Ursache haben, sich Wer diese Beschlußunfähigkeit zu freuen, wird erst die Zukunft lehren. Der tschechische Nationalsozialist Gala! kündigte an, daß er demnächst die Frage der B e r- staatlichung der Saazer Polizei zur Diskussion stellen werde. In nicht gerade beneidenswerter! Lage befand sich in dieser Sitzung der christlichsoziale Bürgermeister S ch ö n f e l d. Von seinen Partei- und Gesinnungsfreunden im Stiche gelassen» half er sich dadurch aus der Verlegenheit, daß er erklärte. Wer die Vorkommnisse in der Henleinversammlung nicht genau informiert zu sein. Auch das ist ein recht bezeichnendes Moment. Die bürgerliche und die Nazipreffe haben wiederholt geschrieben, di« Schuld an der Prügelei am 2. Dezember treffe ausschließlich die Sozialdemokraten. Als aber den bürgerlichen Vertretern Gelegenheit geboten war, das Verschulden der Sozialdemokraten nachzuweisen, nahmen sie entweder Reißaus oder erklärtes „nicht im Bilde zu sein". Die Arbeiter werden sich darauf ihren Vers machen! Neue Konflikte drohen dem Dritten Reich Der Londoner„Daily Telegraph" meldet aus Berlin, daß Dr. Schacht einen Angriff auf die Offiziere der SA und SS vorbereite. Er verlange, daß die Gehälter der Sturmtrupp- führer ab 1. Jänner um die Hälfte herabgesetzt werden sollen. Ein Standartenführer» der bisher 1,4.000 Mark(rund 130.000 KL!) Jahresgehalt erhielt, soll als» nur noch 7000 Mark erhalten. Ebenso sollen auf Schachts Wunsch auch die Gehälter der Regierungsmitglieder und politischen Beamten gesenkt werden. Daß dieser Vorstoß gegen die nationalsozialistische Partei- Armee und die Parteibuch-Beamten im Einvernehmen milder Reichswehr geschieht, gehe daraus hervor, daß Schacht gleich zeitig für die Erhöhung der Offi- ziersgrhältcr im der Reichswehr eintrete. Das Reuter-Büro verbreitet inzwischen die Meldung, daß der Borstoß der Staatspolizei und der SS gegen die Bekenntniskirche (der, wie die„TimeS" berichtet, schon vor drei Wochen stattfinden sollte), mit Rücksicht auf die Saarabstimmung bis Mitte Jänner verschoben worden sei. Die Geheime Staatspolizei habe bereits eine Liste von 30 Führern der Bekennt- niskirche angefcrtigt, die«egen Ungehorsams gegen den Reichsführer Hitler und dem Ausland verhaftet werden sollen. An der Spitze dieser schwarzen Liste ständen die Namen des Bischofs Koch und des Pfarrers Niemöller. Oesterreich—Deutschland Weitere Schritte zur Versöhnung In einer Versammlung der Heimwehr in Villach sprach Starhemberg über das Verhältnis Oesterreichs zu Deutschland. Er leierte die alte Walze von der Unabhängig keit Oesterreichs(lies: Untertänigkeit unter Mussolini) und betonte, daß es niemals zum Anschluß kommen dürfe, auch wenn Berlin die Macht dazu haben sollte. Schroff lehnte er Verhandlungen mit dem nationalen Lager ab, eine Regierung der betont nationalen Kreise dürfe e- nir geben. In diametralem Gegensatz zu dieser Attacke gegen die Politik der Verhandlungen mit Reinthaler und Bardolff, die von Schuschnigg betrieben wird, steht die Tatsache, daß ausWöl- lersdorf 2500 Nazi entlassen wurden und daß weitere Entlassungen avisiert sind. Es scheint also, daß Schuschnigg im Augen blick mit den Nazis packelt, während Starhem- berg gegen diese Politik intrigiert. Daß die Nazi auf die versöhnlichen Gesten mit ähnlichen Antworten eingehen, beweist folgende Wiener Meldung: Der Bund der Reichsdeutschen in Oesterreich veranstaltete gestern abends im Ufa-Tonkino eine H i n d en v urg- Gedächtnisfeier, bei der u. a. auch der Gesandte v»n Popen sprach. Ein weiterer Redner, Krüger» kündigte eine Aenderung der reichsdeutsch«« 10 0 0-M a r k-S p e r r e gegen Oesterreich sir dem Sinne an, daß Reisen von Familienangehörigen nach Oesterreich ohne der 1000-Mark-Tare erlaubt sein werden. Auch eine Winterhilfe für deutsche Staatsangehörige in Oesterreich wird seitens Deutschlands organisiert werden. Nr. 289 Dienstag, 11. Dezember 1934 1 Seite 5 Friedens-Nobelpreise: Arthur Henderson Ralph Norman Angell Die Friedenspreise der Nobelstiftung für 1933 und 1934 wurden an Arthur Henderson, den Vorsitzenden der Abrüstungskonferenz und langjährigen Führer der englischen Arbeiterpartei, und an den anglo-amerikanischen Pazifisten Sir Ralf Norman Angell verliehen. Norman Angell hat sich vor allem schriftstellerisch betätigt. 1910 veröffentlichte er das in 25 fremde Sprachen übersetzte Buch„What price the war?"(deutsch unter dem Titel„Die falsche R e ch nu« n g" erschienen), in dem er überzeugend nachwieS, daß ein Krieg zwischen modernen kapitalistischen Staaten niemandem nützen könne, sondern auch die Sieger ruinieren müffe. Er besprach darin vor allem die Gefahr eines deutsch-englischen Krieges und sagte voraus, daß der Ruin Deutschlands auch England treffen werde. In diesem Sinn hat Angell dann auch den Wahnsinn der Reparationen bekämpft, die zu einer schweren Schädigung der Sieger selbst führen mußten. In der Union für demokratische Kontrolle hat Rorman A n- gell nach dem Kriege gemeinsam mit E. D. Morel für eine vernünftige Organisation des Weltfriedens gekämpft. Pertec als diplomatischer Berater Ungarns Belgrad.(Avala.) Die„Politika" setzt ihre Enthüllungen über den Aufenthalt des Terroristen Percec in Ungarn fort. In den früheren Artikeln waren Einzelheiten über seinen Aufenthalt in Oedcnburg und vorher in Steinamanger angeführt. Nunmehr teilt das Blatt mit, daß sich Pertec von Oedenburg in Begleitung der Unterpräfekten von Steinamanger nach Budapest begab. Dort wohnte Per- Lec in der Vatsi-Gasse Nr. 56, wurde aber bis zum 2. Dezember nicht bemerkt. Am 2. Dezember fand in der Wohnung Perkecs eine Beratung statt, an der der hohe ungarische Beamte D r. D a r a n y, ein höherer Offizier aus dem Kriegsministeriüm, ferner der Budapester Polizeipräfekt und der Chef der Fremdenabteilung bei der Präfektur, teilnahmen. Als der höhere Offizier in einem Autos das das militärische Kennzeichen trug, in der Vatsi-Gasse eintraf, standen bereits zwei andere Automobile vor dem Haus, in dem Perkec wohnt, während einige Geheimpolizisten in der Nähe des Hauses Wache hielten. Die Beratung begann um 15 Uhr. Nach zwei Stunden trat der Cchef der Fremdenabteilung bei der Präfektur aus dem Haus und schickte einen der wachestehenden Polizisten zum Zeitungskiosk am St.-Georgs-Platz um jugoslawische Zeitungen, in denen das jugoslawische Memorandum an den Völkerbundrat veröffentlicht war. Der Name des Polizisten, der diesen Gang besorgte, ist I m r o K a s. Als der Polizist mit den verlangten Zeitungen zurückkam, traf auch der offizielle ungarische Dolmetsch für slawische Sprachen namens Bella Molo v a n ein. Dieser blieb etwa eine Stunde im Hause Vatsi-Gasse Nr. 56, worauf er in das Außenministerium zurückkehrte, während die Beratung in Percecs Wohnung bis 20 Uhr abends fortdauerte. Es ist wahrscheinlich, schreibt die„Politika", daß bei dieser Beratung die Daten betreffend die ungarische Antwort auf das jugoslawische Memorandum gesammelt wurden. Wenn diese Vermutung richtig ist, wäre dies eine große Sensation, schreibt das Blatt, da die ungarische Regierung Perkec ersuchen muß, ihr bei der Redigierung der ungarischen Antwort auf das jugoslawische Memorandum behilflich zu sein, jenen Terroristen Perkec, dessen Beteiligung an dem Marseiller verbrechen unwiderlegbar bewiesen ist. 5000 Mann für die Saar Rach Meldungen aus Genf wird die internationale Truppe für das Saargebiet wahrscheinlich 5000 Mann zählen, die in drei Bataillons gegliedert werden, und zwar ein englisches, em italienisches und ein gemischtes. Dieses sollte zuerst aus Schweizer und holländischen Truppen zusammengesetzt sein. Nun hat die Schweiz neuerlich abgelehnt, Polizei in die Saar zu entsenden und der Bundesrat Motta hat dies der englischen Regierung mitgeteilt. Statt der Schweizer dürften daher schwedische Truppe» herangrzogen werden. Die schwedische Regierung hat sich zur Entsendung eines Kontingents bereit erklärt. Für maßvolle Propaganda Saarbrücken.(DNB.) Die Abstimmungskommission veröffentlicht eine Verordnung, die jedes öffentliche Anbringen von Auffchristen, Abbildungen und Plakaten, die sich auf die Volksabstimmung beziehen, während des Zeitabschnittes der Abstimmung verbietet und unter Strafe stellt. Nur auf Antrag bei den zuständigen drei Abstimmungsbüros darf jede der drei Abstim- mungsparteien gleich große AnschlagStafelN errichten, deren Plakate sich auf di« Volksabstimmung beziehen. Bereits vorhandene Aufschriften müssen bis zgm 10. Dezember entfernt werden. Strafverschärfung Im Hunnenreich Berlin. Ein weiteres Zeichen für die strenge Verschärfung des Strafvollzuges in Deutschland ist ein jetzt veröffentlichter Hinweis der Justizpressestelle, wonach die Versendung von Lebensmitteln und Weihnachtspaketen an Strafgefangene und andere Häftlinge nicht mehr gestattet ist. Einlaufende Pakete sollen den Absendern zurückgeschickt werden. Blutjustiz in Bulgarien Sofia.(Havas.) Sechs K o m m u n i- st e n, die wegen der Beschuldigung, in den Provinzgarnisonrn kommunistische Zellen orgamsirrt zu haben, zum Tode verurteilt worden waren, wurden durch den Strang hingerichtet. Revisionsfront in Genf Die Debatte im Völkerbundrat hat für dir Vertreter der jugoslawischen Anklage unangenehme Ueberraschungen gebracht. Nur Laval hat sich wirklich für Jugoslawien eingesetzt. Der italienische Vertreter Baron A l o i s i nahm mehr minder für Ungarn Partei und kam auf die notwendige Revision der Verträge zu sprechen. Lord Eden hielt eine schläfrige Rede, in der er den Fall bagatellisierte, den Streit als rein juristisch bezeichnete und politische Folgerungen ablehnte. Der polnische Vertreter polemisierte gegen beide Streitparteien, benützte aber den Anlaß vor allem, um gegen dieTschecho- slowakei einige Giftpfeile abzuschießen. Ein Teil der französischen Presse ist heftig erregt. Die Rede Edens wird scharf kritisiert. Er habe, schreibt ein Blatt, so gesprochen, als ob es sich um einen Käsehandel drehe. Ueber Italien schreibt die französische Presse nunmehr offen, es stehe ebenfalls mit den Terroristen in Verbindung. Die jugoslawische Regierung habe Beweise für die Rolle Ita- Der Korrespondent des belgischen Blattes „Le Soir" hat mit dem rechtmäßigen Bürgermeister Wiens, dem Genossen Karl Seitz, eine Unterredung in dessen Wohnung gehabt. Der Besuch erfolgte kurz nach derFreilassung Seihens aus dem Gefängnis. Der Korrespondent erzählt darüber: Bor der Wohnung des ehemaligen Bürgermeisters stehen zwei Agenten, die den Zugang bewachen. Sie lassen niemanden passieren. Ich sage, daß ich erwartet werde und bekomme die Zustimmung, hineinzugehen. Ich gehe in den zweiten Stock, wo Seitz wohnt. Auf der Wohnungstür ist kein Name vermeldet. Auf mein Klopfen öffnet sich ein Türspalt und ich gewahre ein Auge, das mich mustert. Die Tür wird geöffnet und ich werde von einem Polizeibeamten in Zivilkleidung empfangen. Ich sage, daß ich Seitz sprechen möchte. Er sagt, daß er meine Frage nicht beantworten kann. Aber ich dringe so in ihm, daß er zum Schluß doch in den angrenzenden Raum geht. Nach halbstündi- l i e n s, die nicht anders als die Ungarns sei, in London und Paris unterbreiten lassen. Ungarn hat sein Memorandum unterbreitet das sich fast wörtlich mit der Rede Tibor Eckhardt- deckt und in der Fordernng nach Revision des Vertrages von Trianon gipfelt. Grundsätzliche Einigung Uber Resolutionsantrag erzielt Paris. 10. Dezember. Die Agentur Havas meldet abends aus Genf, daß bei der Beratung des französischen Delegierten Laval, des britischen Delegierten Eden, des italienischen Delegierten Aloisi und des ungarischen Ministers für Auswärtige Angelegenheiten. Kanya eine grundsätzliche Einigung über einen Resolutionsantrag erzielt wurde, der infolgedessen im Bölkerbundrat eine einstimmige Aufnahme wird finden können. Es erübrige nur noch eine Einigung über Einzelheiten dieses Resolutionsantrages. (Anmerkung: Ungarn tritt, wie es heißt, in dieser Resolution einer neuerlichen genauen Un- terfuchung über die Verantwortlichkeit seiner Beamten bei.) gem Warten werde ich ungeduldig. Ich klopfe^n die Tür des Raumes und gehe hinein. Mir gegenüber an seinem Arbeitstisch fitzt in der Tat Seitz. Es ist der erste Tag seiner„Freiheit". Er trägt seine schwarze Kleidung von früher. Ueber dem Arbeitstisch, der früher mit Papieren und offiziellen Akten belegt war, steht nun ein Teller Suppe. — Neben Seitz steht ein ganz in Schwarz gekleideter Herr, der sich nicht bemüht, zu verbergen, daß er Polizeimann ist, beauftragt mit der Beaufsichtigung des fteigelassenen Gefangenen. Seitz steht auf und geht einige Schritte auf mich zu. Sein Wächter ebenfalls. Der Alt-Bürgermeister begrüßt mich auf seine bekannte herzliche Weise, die ihn in Wien so populär gemacht hat. Sein Antlitz ist ziemlich blaß, nur seine Augen, umgeben von schwarzen Schatten, sind so strahlend blau wie ehedem.— Ich stelle mich vor und sage, daß ich keine Erklärungen wünsche, sondern lediglich wissen wolle, wie sein Gesundheitszustand ist, da über ihn allerhand Gerüchte umlaufen. „Sehen Sie mich nur gut an," antwortet Seitz,„und erzählen Die den Menschen dann, wie Sie mich angetroften haben. Sie mögen sagen, daß Die einen alten Mann gesehen haben, aber einen, der aufrecht steht und ungebeugt geblieben ist. Mein Gesicht ist blaß, aber man soll begreifen, daß das nicht anders sein kann, wenn man die Verhältnisse in den letzten Monaten berücksichtigt." Wie er dies sagt, kommen Seitz Tränen in die Augen. Ich erkläre, nicht gekommen zu sein, um dem Politiker einen Besuch zu machen, sondern dem Privatmann Seitz. Seitz lächelt und sagt:„Seit 40 Jahren bin ich kein Privatmann mehr." Ich nehme Abschied und Seitz begleitet mich in den ersten Raum. Sein Wächter bleibt bei der Tür stehen und behält uns von dort aus im Auge. Bei dem Ausgang stehen einige Polizisten, die Haltung einnehmen, als sie Seitz sehen. Sie haben ihre alte Gewohnheit noch nicht verloren. Auch Frank II abgesetzt I Berlin.(AP.) Nach Feder, Brückner und v. d. Gold ist eine neue nationalsozialistische Säule geborsten: Reichsjustizkommif- s a r Dr. Frankl! ist ab gesetzt worden und bleibt nur noch Präsident der Akademie für deutsches Recht. berliner Disharmonisches Orchester Ple Musiker gehen— die Musikanten bleiben I ««Ich hin alt« aber aufrecht und ungebeugt** Eine Unterredung mit dem populärsten Mann Wiens Tagcsnculglicitcn Genosse Ferry Löw In Brünn ist einer der treuesten und unermüdlichsten Parteigenossen Samstag plötzlich im 53. Lebensjahre gestorben. Er war einer der bekanntesten Funktionäre der Partei, ein geachteter Anwalt der Armen in der Gemeindevertretung der Stadt. Brünn, Gründer der Organisation der Brünner sozialdemokratischen Gewerbetreibenden, hervorragenden Funktionär der Freidenker und der Kinderfreunde. Sein Tod reißt eine unausfüllbare Lücke in die Reihen der sozialdemokratischen Arbeiteibewegung und immer wird man sich dankbar seiner erinnern. Die Geliebte erschaffen * Mord und Selbstmordversuch in Leitmeritz. In Leitmeritz lebte die 57 Jahre alte Besitzerin einer Gastwirtschaft, Schuster, mit dem 36jährigen Jugoslawen Josef Kvcdr in gemeinsamem Haushalt. Kvrdr führte mit dem Geld« seiner Geliebten ein beschauliches Leben und tut« ternahm wiederholt mit anderen Frauen Autoausflüge. Do verbrachte er die ganze Nacht in einem anderen Leitmeritzer Gasthaus und zechte dort in lustiger Gesellschaft bis in die frühen Morgenstunden. In Begleitung einer Kellnerin suchte er noch ein anderes Gasthaus auf und kehrte erst gegen Mittag zu seiner Geliebten Schuster zurück. Als diese ihm KL 100.— gegeben hatte, fuhr er in Gesellschaft eines Mechanikers nach Raudnitz, trank dort weiter und kehrte nach Leitmeritz in die(Gastwirtschaft zurück, in der die Kellnerin beschäftigt ist, dir ihm vorher Gesellschaft leistete. Als Kvedr dort erfuhr, daß die Schuster dort gewesen und der Kellnerin Vorwürfe gemacht habe, packte ihn die Wut, er rüste in seine Wohnnng, nahm auS dem Nachttisch einen Trommrlrevolver und schoß die Schuster in die linke Schläfe, als sie die weitere Hergabe von Geld ablehnte. Dir Schuster war sofort tot. Dann richtete Kvedr die Waffe gegen sich selbst, verletzte sich aber nur leicht. Bluttat aus Rache In Karbitz wurde am Samstag mittags die Arbeiter- und Angestelltenschaft der Stahlgutzhütte alarmiert durch die Mitteilung, daß die Gattin des Werkmeisters Stingl im Werkshof überfallen wurde. Tatsächlich fand man in der Wohnung die Frau mit mehreren Kopfwunden und verletzten Händen vor. Sie konnte noch mitteilen/ daß sie überfallen worden sej. Die GendkMerie stellte folgenden Sachverhalt fest: Tin in"bet Stahlgutzhütte beschäftigter Lehrling lockte die Frau auf den Hof mit der Angabe, unten liege eine tote Henne. Als die Frau hinter den Glühofen ging, spürte sie Hiebe auf dem Kopfe. In ihrer Geistesgegenwart legte sie die. Hände über den Kopf und die weiteren Schläge trafen die Hände. Der Täter, der seinem Opfer eine Anzahl offener Hiebwunden am Kopfe beigebracht hatte,— apßer den Verletzungen an den Händen,— warf sein Werkzeug, ein Eisenstück, fort und flüchtete. Gegen 5 Uhr abends wurde der Junge in einem Versteck entdeckt und abgeführt. Bei seiner Vernehmung gab er nach längerem Leugnen zu, die Tat aus Rache orangen zu haben, weil der Mann der Frau ihn gegen schlechter Arbeit getadelt habe. Falschmeldungen über Richard Sttauß Er bleibt Hitler-Latei! Berlin.(D. N.-B.) Der Präsident' der Reichsmusikkammer Dr. Richard Strauß, der soeben seine Konzertreise durch Holland beendet hat, sandte, da er an der Veranstaltung im Sportpalast anläßlich des einjährigen Bestehens der Reichskulturkammer nicht anwesend sein konnte, an Reichsminister Dr. Goebbels folgendes Telegramm:„Zur großartigen Kulturrede sende herzlichen Glückwunsch und b e g e i st e r t e Z u st i m- mung. In treuer Verehrung Heil Hitlerl Gez. Dr. Richard Strauß". Wieder Taifun in Luzon Tausende vermißt. Manila. Die Insel Luzon wurde zum siebentenmal im Verlaufe der letzten Wochen von einem Taifun heimgesucht. Bei der letzten Elementarkatastrophe sind 16 Personen ums Leben gekommen. Wie gemeldet wird, sind zahlreiche Menschen obdachtlos, mehrere tausend Personen werden noch vermißt. Elf Todesopfer des Alkohols New Nork. In den Logierhäufern des Hafenviertels von Portland(Oregon) sind in der vergangenen Nacht elf Männer nach dem Genuß von denaturiertem Alkohol gestorben, mehrere liegen noch schwer erkrankt darnieder. Der Alkohol stammte angeblich aus einer am Platze befindlichen Drogenhandlung Nr. 280 Seite 6 Dienstag, 11. Dezember 1934. Die Schatzkammer desVeits-Doms als Gefängnis von 18v Touristen Wiener Eisenbahnräuber Wien. Die Wiener Polizei hat eine gefährliche Bande von Eisenbahnräubern gefaßt, die seit dem Jahre 1933 auf der Nordbahnstrecke ihr Unwesen trieb und es hauptsächlich auf aus der Richtung Triest kommende und nach dort abgehende Güterzüge abgesehen hatte. Der letzte Diebstahl, der dieser Bande gelang, war der Raub von fünf Koffern aus dem Bisitz des italienischen Konsuls Sergio Gradenigo, der sich bis vor kurzem in Nantes in Frankreich aufhielt und jetzt das italienische- Konsulat in Krakau leitet. In den Koffern befanden sich kostbare Familiendokumente aus dem florentinischen Staatsarchiv— die Familie Gradenigo gehörte zu den historischen Patrizierdynastien der Stadt— eine Sammlung von antikem. Meißner Porzellan, chinesische Elfenbeinschnitzereien aus dem 18. Jahrhundert, Oelgemälde der italienischen Hochrenaissance und echte Stücke aus der Barockepoche. In einer der Diebeshöhlen fand man nur den Rest dieser Kostbarkeiten. Die Banditen- hatten die Kunstschätze, die nach bescheidenster Schätzung einen Wert von 100.000 Schilling haben, zu lächerlichen Preisen an. Trödler und Private verkauft. Die chinesischen Elfenbeinwaren erhielten bei diesem „Ausverkauf" Preise von 5—10 Schilling, Gemälde aus der Schule Correggios gingen für 20 bis 28 Schilling weg. Besonders tüchtige Käufer erhielten sie aber auch schon für 10 bis 18 Schilling. Die Führer der Bande waren zwei Arbeitslose aus dem 21. Bezirk Wiens. Es dürften noch mehrere Diebesverstecke vorhanden sein, die die Polizei bisher nicht ausfindig machen konnte. Die Schweiz will ein Kulturstaat bleiben Basel. In Basel besteht seit einiger Zeit eine kleine politische Gruppe, welche eine antisemitische Zeitung unter dem Namen„Bolksbund" herausgibt. Der Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt hat nun der Zeitung und ihren Hintermännern unter Androhung strafrechtlicher Ahndung jede gemeine Schmähung oder Verunehrung der jüdischen Raffe oder des jüdischen Glaubens verboten. Unter dieses Verbot fallen insbesondere der öffentliche Gebrauch der Verwünschung„Juda verrecke", die öffentliche Verbreitung des Anwurfes, daß die Juden zu ritualen Zwecken Menschen Men, die öffentliche Aufforderung, sich des Verkehres mit Juden als etwas Entehrendem zu enthalten, jede gemeine Verspottung oder böswillige Verunehrung der Gegenstände, die von den Juden aus religiösen Gründen verehrt werden oder ihrem Kultus dienen. Ein Brandstifter'— verbrannt Budapest. Sonntag nachts brach in Oedenburg ein Feuer aus, durch welches mehrere Wirtschaftsgebäude eingeäschert wurden. Bei der Wegräumung des Schutthaufens stieß man auf eine verkohlte Leiche. Die Polizei stellte fest, daß das Opfer der 67jährige Taglöhner Josef Schütz ist, der wahrscheinlich aus Rache gegen seine Verwandten eine Scheune anzündete und dabei bei lebendigem L^ibe verbrannte. Kommunistischer Erzbischof? Athen. Dem armenischen Erzbischof in Athen wurde der Ausweisungsbefehl zugestellt. Der Erzbischof muß innerhalb von fünf Tagen das Land verlaffen, nachdem ihm eine Berbin- dungmitKommunisten, sowie eine Mitarbeit an staatsfeindlicher Propaganda nachgewiesen worden ist. Karlsbad» neuer chirurgischer Pavilla« Karlsbad. Sonntag vormittags wurde der neue chirurgische Pavillon des allgemeinen öffentlichen Krankenhauses in Karlsbad feierlich eröffnet. Der im Jahre 1930 begonnene Bau hat einen Aufwand von 19 Millionen gefordert. Bau und Einrichtungen entsprechen allen nrodernen Anforderungen. An die Eröffnungsfeier schloß sich eine Aerztetagung an, bei der Dozent Dr. G. Doberauer, Prof. Nonnenbruch und Prof. Starckenstein Fachvorträge hielten. StratosphLre«fl«g Bartlcsvillc. Der Flieger WileyPost unternahm mit dem Flugzeug einen Strato- sphärenflug. Bei der Landung erklärte er, daß er seinen eigenen Rekord, den er am vergangenen Montag erzielte, geschlagen habe. Man ist der Ansicht, daß er eine Höhe von 18.240 Metern erreichte. TLrke«fel«dttche Manifestationen in Griechenland Das neue türkische Gesetz, durch das den Priestern aller Konfessionen, das Tragen der Priestergewänder in der Oeffentlichkeit verboten wird, hat in Griechenland große Erbitterung hervorgerufen. Die Griechen sind der Ansicht, daß dieses Verbot in erster Reihe gegen die griechisch-orthodoxen Priester in der Türkei gerichtet ist. In ganz Griechenland finden große Proteswersammlungen statt, die besonders von den griechischen Flüchtlingen aus Kleinasien maffenhaft besucht werden. Der Verein der tschechoslowakischen Touri- i sten veranstaltete Sonntag nachmittags eine Exkursion in den Prager Veits-Dom, an welcher 180 Personen, darrmter auch Kinder, teilnah- men. Nach Besichtigung des Domes wurden sie in die Schatzkammer geführt, in welcher Gegenstände von größtem historischen, künstlerischen und materiellen Wert aufbewahrt werden und die aus diesem Grunde durch die modernsten Einrichtungen geschützt ist. Meterdicke Mauern und schwere Eisentüren mit besonders konstruierten Sicherheitsschlöffern sorgen dafür, daß nieniand in die Schatzkammer gelangt, der nicht den Mechanismus der Türen und die Schlüffelworte der Schlösser kennt. Diese Sicherheitseinrichtungen wurden Sonntag den Touristen in einer Weise demonstriert, an die sie ihr Leben lang nicht vergessen werden. Als die 180 Besucher die Schatzkammer betreten hatten, bemerkte plötzlich der Führer, daß die schwere Panzertür aus unerklärlichen Gründen geschloffen war. Auch jetzt noch wurde nicht aufgeklärt, wer die Tür zugeschlagen haben kann. Ein Zufall oder ein selbsttätiges Schließen ist vollkommen ausgeschlossene Zu allem Unglück läßt Der Letzte London. Wie„Daily Expreß" meldet, starb in London der Journalist Marold Moyne, der letzte der acht Teilnehmer an der äyptischen Expedition, die vor zehn Jahren das Grab Tutan- chamons öffnete. Beschwerdetelegramme gratis Mexiko Stadt. Um Kenntnis von berechtigte» Klagen aus allen Kreisen der Bevölkerung zu erhalten, hat Präsident Cardenas angeordnet, daß alle Telegraphenämter täglich zwischen 12 und 13 Uhr B e s ch w erdetelegram me bis zu 20 Worten anzunehmen und k o st e n l o s an ihn zu befördern haben. Geeräuber Shanghai. Auf dem Küstendampfer„Tsin- haimen" schlichen sich 20 Seeräuber als Passagiere ein, übermannten kurz nach dem Auslaufen des Schiffes den Kapitän und die Schutzwache, töteten einen Matrosen, verwundeten zwei und plünderten 13 Stunden lang die Passagiere und die Ladung. Die Räuber steuerten zu den bereitliegenden Dschunken und nahmen 20 Passagiere, Matrosen und den größten Teil der Ladung Sie gehören.her berüchtigten Tai- tschau-Banße an. Heil Schröder! Der„Völkische Beobachter" meldet aus Kiel: Ein Kieler SA-Mann, der bei der Firma Schröder und Sohn in Kiel als Lehrling tättg war, wurde, als er am Morgen den Inhaber Schröder mit„Heil-Hitler l" grüßte, von diesem angefahren:„Ich bin nicht Herr Hitler, ich bin Herr Schröder, bei mir heißt es „Guten Morgen!" Sodann flog der Lehrling aus der Werkstätte mit dem Bemerken:.„Du kannst nach Hause gehen und mir morgen Bericht geben, wer dir lieber ist: der Herr Hitler oder ich." Dieses Exemplar von einem Reattionär, sagt der „Völkische Beobachter" ist Vorsteher einer Innung und lebt von Staatsaustägen. Bei Bekanntworden seines Benehmens wurde er von einer großen Menschenmenge durch die Stadt geführt. Da die Gefahr bestand, daß sich die Nazi an Schröder vergreifen, wurde er in„Schutzhast" genommen... Borweihnachtssonntage. Wir haben bereits mitgeteilt, daß mit Verordnung des Landespräsi- ten für Böhmen vom 14. November d. I. die Aufhebung des zuletzt üoch in Böhmen außerhalb Prags in Geltung gestandenen silbernen Sonntags erfolgt ist, daß also nur am sogenannten goldenen Sonntag, das ist heuer am 23. Dezember, die Geschäfte offen bleiben dürfen und gleichzeitig die Arbeitszeit an diesem Tage geregelt wurde. Wie nun bürgerliche Zeitungen berichten, haben gewerbeparteiliche Funktionäre beim Landespräsidenten vorgesprochen und in der Mitteilung über diese Vorsprache, die jedenfalls von feiten der Gewerbepartei stammt, wird berichtet, daß die Landesbehörde die Bezirkshauptleute ermächtigt habe, die Regelung der Sperrstunden im eigenen Wirkungskreis auf Grund der örtlichen Verhältnisse durchzuführen. Das könnte den Eindruck erwecken, als ob an der Verordnung des Landespräsidenten etwas geändert werden sollte. Das ist, wie wir uns erkundigt haben, nicht der Fall. Es darf also in Böhmen(in Mähren- Schlesien ist dies schon längere Zeit eingeführt)» nur an einem Vorweihnachtssonntag, nämlich am 23. Dezember, in den Geschäften verkauft werden. Bier Menschen ermordet. Ein grauenhaftes Verbrechen hat sich in der Nacht zum Sonntag in einem Bauernhaus in der Nähe des Dorfts Hand- bjerg in Jütland abgespielt. Dort hat ein 31jäh- riger Gutsknecht seinen früheren Arbeitgeber, dessen Schwiegermutter und dessen etwa 4 Jahre altes Kind durch Beilhiebe ermordet. Außerdem hat er die Frau seines Arbeitgebers so schwer verletzt, daß an ihrem Aufiommen gezweifelt wird. Nach der Tat holte der Verbrecher die Polizei und machte ihr von seinem Verbrechen Mitteilung. , sich die Tür von innen nicht öffnen, so daß es ! den Eingeschlossenen nichts half, daß der Führer | die Schlüssel hatte. Die 180 Menschen in dem recht Keinen ! Raum waren in einer wenig beneidenswerten ! Lage. Klopfen und Hämmern an meterdicken • Mauern und Türen drang nicht in die Augen- ‘ Welt und es hätte nicht viel gefehlt und der Ein- ! geschlossenen hätte sich eine Panikstimmung be- i mächtigt, als einige Kinder zu jammern anfingen. Die Luft in dem engen Gemach begann zu ! verderben. In diesem Augenblick erinnerte sich der ! Führer an ein winziges Fensterchen, welches aus ! der Schatzkammer in das Hauptschiff des Domes führt. Er zerschlug das Glas und jetzt endlich hörten die Besucher des Domes die Rufe aus dem Gefängnis. Einem schnell herbeigeholten Polizeiinspektor wurde durch das Fenster der Schlüssel ^»geworfen und die Gefangenen atmeten auf. Freilich mußten sie sich noch gedulden. Obwohl der Führer dem Inspektor genau angab, wie er mit den Patentschlössern umzugehen habe, dauerte es fast zwei Stunden, bevor der Ausgang offen war. Zweifellos eine gute Empfehlung für die Schutzvorkehrungen im Veits-Dom. Ermäßigung der. Eisenbahntransportgebühr für Arbeitslosen gespendete Kohle. Das Cisen- bahnministerium hat für den Transport von 8800 Tonnen Kohle, die von den Staatsgruben für Zwecke der staatlichen Hilstaktwn t für Arbeitslose gespendet wurden, eine 38prozentige Transportgebührermäßigung bewilligt. Die Kohle wird entsprechend dem Austeilungsplan, von welchem die Bezirksbehörden bereits benachrichtigt wurden, an die Gemeinden abgeschickt werden. Auto und Eisenbahn. Als am Samstag der 41jährige Drogeriebesitzer in Pilsen Wilhelm I a r e§ mit einem Personenauto die Bahnstrecke zwischen Blatnä und Sedlice im letzten Augenblick übersetzen wollte, obzwar bereits ein Zug herannahte, dessen Lenker ein Warnungszeichen gab, wurde das Auto vom Zuge erfaßt und beiseite geschleudert. Jares wurde hiebei schwer verletzt. Er wurde nach der ersten Hilfeleistung in ttefer Bewußtlosigkeit ins Bezirkskrankenhaus von Strakonice gebracht, wo er nachmittag der tödlichen Verletzung eines Schädelbruchs, sowie inneren Verletzungen erlag. Zwei Flugzeuge zusammengestoßen— drei Flieger verbrannt. In der Nähe von Birmingham stieß am Sonntag abends ein Bombenflugzeug, das mit einem Offizier und einem Soldaten besetzt war, mit einem. Privatflugzeug zusammen. Ms bmtdsnem'Hvilflleger gtsteüerkmüWe^Deloe Maschinen stürzten in Flqmmen aufgehend ab. Beim Eintreffen des Rettungswagens der in der Nähe gelegenen Flugstation erlagen die drei Flieger ihren schweren Verletzunen. Clemens Krauß nach Berlin berufen. Für den fteigewordenen Posten des Operndirettors an der Berliner Staatsoper hat Ministerpräsident Goering den Operndirektor der Wiener StaatSoper Clemens Krauß. berufen. Die Telephonvrrbindung mit Sowjetrußland wurde Montag eröffnet.» Allerdings kann noch nicht von allen Orten mit Rußland gesprochen werden, sondern nur aus Prag, Brünn, Preßburg, Pilsen, Aussig, Karlsbad, Marienbad, Reichenberg, Kladno, Budweis, Zlin und Mähr. Ostrau. In Rußland haben nur Moskau und Leningrad Anschluß. Ein Dreiminutengespräch Wird 89.28(zwischen 19 und 8 Uhr), bzw. 98.70 Xä(zwischen 8 und 19 Uhr) kosten. Ein Mitbegründer der PPS gestorben. In Krakau starb Samstag der bekannte polnische Publizist und Cheftedakteur des sozialistischen Parteiorganes„Naprzod", Emil Haecker. Haecker gehörte zu den Mitbegründern der polnischen sozialistischen Partei in Polen. Autokatastrophe. Auf der Straße zwischen Mailand und Turin stürzte das Auw des Mailänder Seidenfabrikanten G e r l i in den 18 Meter tteftn Straßengraben. Der Chauffeur, die T o ch t e r des Fabrikanten, sowie deren Gouvernante wurden auf der Stelle getötet. Cerli selbst schwer verletzt. Die paraguayanischen Truppen haben die Festung Samahiuata eingenommen, wo sich früher das Ha^ptquartter der bolivianischen Truppen befand. Wenn man nicht gehängt wird, muß man den Henker bezahle«. Nach demnationalsozialisti- schen Aufftand in Steiermark und Kärnten wurde ein Oberlehrer wegen Beteiligung am Aufftand zum Tode verurteilt, dann aber zu lebenslänglichem Kerker begnadigt. Vor einigen Tagen erhielt nunmehr seine durch einen Schlaganfall gelähmte Frau die Aufforderung, 60 Schilling an die Gerichtskasse für„Bereithaltung des Henkers" zu bezahlen, widrigenfalls bei ihr gepfändxt würde. Diese ungewöhnliche Zahlungsvorschrerbung hat das Befinden der unglücklichen Frau, die in den Julikämpfen auch einen Sohn verloren hat, erheblich verschlechtert. Kältewelle in USA. Die ungewöhnliche Kälte dauert im Osten der Bereinigten Staaten vom Seengebiet bis nach Fwrida fort. Zahlreiche Menschen sind erftoren. Vom Atlantik werden schwere Stürme gemeldet. Alle Dampfer, die in den nächsten Tagen in New Dork erwartet werden, müssen mit Verspätungen bis zu 30 Stunden rechnend■ Ans der Arbcitcr-Tnrn- und Sportbewegung Durch gemeinsame Arbeit zum Zusammenschluß An der letzten Sitzung des erweiterten Aws- Vorstandes nahm als Vertreter der Arbeitsgemeinschaft Genosse Haufe vom Aruk teil. In seinem Referate über die Entwicklung der beiden Verbände und der Arbeitsgemeinschaft zwischen Aws und Aruk nahm er auch zur Frage des Zusammenschlusses Stellung. Durch die praktische Zusammenarbeit in den Kreisen und Bezirken wird sicher nach und nach der vollständige Zusammenschluß erreicht werden. Es ist wahrscheinlich, daß schon die Verbandstage im Jahre 1936 dieses Ziel erreichen. Genosse Haufe weist auf die bereits gemeinsam geleisteten Arbeiten hin und konkrete bevorstehende, besonders die große Stafette des Aruk im Jahre 1935. Stellung des Aws zur kommunistischen Turnbrwegung Die Vertreter der einzelnen Kreisgebiete konnten anläßlich der letzten Sitzung des erweiterten Vorstandes feststellen, daß die kommunistische Turii- bewegung in den meisten Gebieten jegliche Bedeutung verloren hat. In vereinzelten Gebieten versucht man trotzdem noch durch Zellenpolitik gegen den Verband und seine Funktionäre zu arbeiten. In der Frage der Einhettsfront hält sich der Verband an die Beschlüsse der Arbeiter-Sportinternationale(SASJ). Selbswerftändlich ist allen abgesplitterten Arbeiter- Turnvereinen die Rückkehr rn den Verband möglich, wenn sie sich verpflichten, seine Beschlüsse einzuhalten. lieber die Ruffenspiele wird festgestellt, daß der AWS gern bereit ist, mit den Russen zu spielen, wenn von Seite der Russen die sicher verständlichen Beschlüsse der SASJ(Spielverbot gegen Bürgerliche) beachtet werden. Die Schwierigkeiten bei den letzten Verhandlungen haben sich vor allem durch Einschieben unverantwortlicher kommunistischer Zwischenstellen ergeben. Wenn die Russen mit dem Aws sport- lichen Verkehr haben wollen, mögen sie sich direkt mit diesem in Verbindung setzen. Den Herrn Kant werden wir bald haben. Bei einer Hausdurchsuchung fanden Kriminalbeamte der Wiener politischen Polizei, die nach einer angeblich fortgeführten Organisation sozialistischer Hochschüler fahndeten, ein Buch mit dem Stempel„Immanuel Kant". So nannte sich nämlich der verbotene Verein. Beftiedigt ob dieser Entdeckung bemerkte der durchsuchende Beamte:„Aha, jetzt wissen wir endlich, wie der Obmann von dem Verein heißt. Den Herrn Kant werden wir bald haben..." Ob dieser Optimismus nicht doch ein wenig verfrüht war? Dampfer in Seenot. Der schwedische Dampfex„Lister" hat 300 Meilen von Bordeaux entfernt SOS-Rufe ausgesendet. Der ftanzösische Dampfer„Montaigne" funkte, um 10.20 Uhr, baff er derWssffch versucht" MvdV Mr'^WihristKn l Dampfer in Schlepptau zu nehmen. Der japanische Dampfer„Victoria Maru"(8875 Tonnen) hat SOS-Rufe ausgesandt. Das Schiff meldet, daß es in schweren Sturm im mittleren Teil des Atlantischen Ozean steuerlos umhertreibe. Eine große Welle habe die Kommandobrücke zerstört. Ein Mann sei über Bord gespült worden. Acht Besatzungsmitglieder hätten Verletzungen erlitten; einer der Verletzten sei bereits gestorben. Das holländische Taükschiff„Amsterdam" eilt dem japanischen Dampfer„Victoria Maru" Hilfe. Bulkanausbruch. Der Vulkan Cerro Negro (Honduras), der ständig in Tätigkeit ist, spie auch gestern Lava und Asche aus. Zwei in der Nähe des Vulkans gelegene Dörfer wurden teilweise vernichtet. Tribüneneinswrz mit Todesopfern. Während eines Stierkampfes stürzte in Patzcuaro(Mexiko), eine Zuschauertribüne ein. Dabei wurden mehrere Personen getötet. Die Zahl der Verletzten, die sehr groß sein soll, steht noch nicht genau fest. Autounglück oder Verbrechen? Auf der Straße von Eichardt nach Klosterbuch bei Doebeln(Sachsen) geriet am Donnerstag abends die Frau eines Händlers aus Tschoppach mit ihrem Kraftwagen in den Straßengraben, gngeblich infolge einer Reifenpanne. Ohne umzustürzen, fuhr der Wagen durch den Graben auf das dahinter liegende Feld und fing dann auf bisher ungeklärte Weise Feuer. Die Frau ist dabei am Steuer des Wagens völlig verbrannt. Der Ehemann, der erst seit einem halben Jahre verheiratet war, konnte sich retten. Er hat außer einer Rauchvergiftung nur leichte Verletzungen erlitten. Die Mordkommission aus Leipzig, die an den Anfallsort gerufen wurde, ist sich noch nicht völlig klar, ob Anfall oder Verbrechen vorliegt. Die Frau hatte den Führerschein erst seit 14 Tagen. Vom Rundfunk ImphMencwertu aus den Programmen* Mittwoch: Prag, Sender L.: 10.05: Deuffche Nachrichten, 11.05: Deutscher Schulfunk, 12.35: Konzert des Jazzorchesters, 13.45: Deutscher Arbeitsmarkt, 17.30: Chansons, 18.20: Deutsche Sendung: Aktuelle zehn Minuten, 18.30: Arbeiterfunk: Abg. Blatnh: Kind, Familie und Staat, 18.50: Sozialinformationen, 19.15: Vergangenheit und Gegenwart unserer Kunst, 19.80: Italienische Lieder und Arien, 20: Uebertragung aus dem Smetana- saal: Tschechische Philharmonie, 22.15: Tanzmusik. Sender S.: 15: Deutsche Sendung: A. Tischer liest eigene Gedichte. 18.20: Turnen wir Kinder!— Brünn 16.45: Theater für Kinder, 17.50: Deuffche Sendung: Friffch: Teufel unter uns, Hörspiel.— Mährisch-Oftrau 19 30: Vwlinkonzett.— Preßburg 17.05: Tylophonkonzert Nr. 28S Dienstag, 11. Dezember 1934 Seite 7 »Ausrottung der Gangster" Washington. Der Kampf, den die amerika- nffche Regierung mit der Ausrottung der Gangster gegen das Verbrechertum eingeleitet hat, soll jetzt zu einer umfassenden Bewegung ausgebaut werden. Am Montag begann hier eine mehrtägige Beratung von 600 Sachverständigen aus allen Teilen des Bundes, um die Richtlinien für die Bekämpfung der Verbrecher festzulegen. Präsident Roosevelt eröffnete die erste Sitzung mit einer Ansprache, in der er die Verluste, die alljährlich durch Verbrecher in den Vereinigten Staaten verursacht werden, auf 12 Milliarden Dollars schätzte. Allein durch betrügerische Spielverluste gingen 800 Millionen Dollars jährlich verloren. 40 reiche Familien in Chicago mußten sich durch besondere Schutzwachen gegen die Entführung von Familienmitgliedern sichern. Andere hätten ihre Kinder in den letzten Wochen nach Europa geschickt, um sie vor Ueberfällen zu schützen. Die gegen den illegalen Rauschgifthandel in Baltimore und gleichzeitig in einigen anderen Städten eingeleitete Aktion führte zur Verhaftung von 7S0 Personen, darunter von 178 Frauen. Die beschlagnahmten Mengen von Rauschgiften find unermeßlich groß und es läßt sich bisher nicht einmal deren Wert abschätzen. fleberfahre«. Der Schuhkorpsmann(Heimwehr- mrn) Franz Woltraum aus Lanzenkirchen wurde aus dem Eiseichahngeleise nächst Payerbach töt auf- gefimden. Die Leiche weist eine Zertrümmerung des Schädels auf. Der Schutzkorpsmann dürste von einem Eisenbahnzug überfahren worden sein. Maler Borttinger gestorben. In Prag starb nach längerer Krankheit der tschechische Figuralmaler und Graphiker Hugo Borttinger im Alter von 64 Jahren. Er war als Karikaturist und Zeitungs- Illustrator unter dem Pseudonym„Dr. Desiderius" bestens bekannt. Bon ihm stammt u. a. auch ein Por- tvät der Präsidenten Masarhk. Für 10 Pfund nach Amerika bei Verpflegung ans eigene Kosten, also für 1180 K£, wird man von Liverpool reisen können. Stilliegende Schiffe der großen Linien sollen auf diese Weise wieder nutzbar gemacht und dadurch die Staatssubvention an die betreffenden Gesellschaften wesentlich herabgedrückt werden. Schatzkanzler Neville Chamberlain äußerte sich daher zustimmend zu diesem Plan, doch verlangten verschiedene Abgeordnete, daß man für dies« billige» Reisen neue Schiffe tauen solle, um die Reffrerei wieder hochzubringen. Jmi Prager Rundfunk Die Berichtswoche nahm«inen weihevollen An- sirng mit der aus Brünn auf die anderen Sender übertragenen Gustav Mahler-Konzert- fc® u d e. tuirt» nmn bte Lieder.Rheinlegendchen« und.Wer hat dieses Liedlein erdacht?". Luise»rubl sang mit ganz wunderbarem Alt.Urlicht" und.Das irdische Leben". Drauf folgte di« Uraufführung des„Klagenden Liedes" aus.W aldmärchen", mit feinstem Empfinden geleitet von Kapellmeister Rose. Am Dienstag war dem»Ehrsamen Stand"«ine Hörfolge von Volksliedern alter und neuer Zeit gewidmet. Die musikalische Durchführung dieser von Dr. L o u g i n zusammengestellten und mit Worten begleiteten Revue war dem Dr. Ehm-Quar- tett anvertraut, dem auch diesmal keine AuSge- glichenhert nachgerühmt werden kann, so sehr die einzelnen Stimmen Schulung und Kultur verraten. Ei» junger Prager Komponist, Dr. Reimer, machte am Sonntag auf sich aufmerksam durch di« Begleitmusik zu dem Hörspiel.Einer vonVie- lett", einer Folge ganz tartrefflicher Szenen, die erschütternd« Illustrationen liefern zu dem Schicksal des jungen Schauspieler-Rachwuchses. Die Verfasser Reich und Ferner sind zu beglückwünschen, ebenso die vorzügliche Spielleitung, der sich Mitglieder d«S Prager Deuffchen Theaters mit künstlerischem Geschmack unterordneten. Der deutsche Anteil an dem Musikprogramm der Woche, z» dem Oskar B a u m di« Einführung gegeben hatte, war im Grunde recht bescheiden, wen» man von Dchallplatten-Uebertragungen absieht. »Der Enkel des Golem" Uraufführung im Deuffchen Theater. Endlich ein« Uraufführung, die durch den Wert der Dichtung wie durch den. Erfolg gerechffertigt wird! Paul Leppins„Nachfftück aus dem alten Prag" will zugleich ein Problemstück und eine Milieu-Dichtung sein; was so selten aelingt, hier ist es gelungen: ohne daß die dramatische Handlung Schaden nimmt, wird eine Stimmung herbeigezaubert, enffteht die vielberufen«„Atmosphäre", und zwar ganz ohne Mätzchen, ohne Reinhardtsche Spektakel, aus der Kraft der Wortes und einer verständnisvollen Regie. Das Problem des Leppinschen Golem-Dramas ist, auf den innerste» Kern zurückgeführt, die Ur- Frage der Tragödie überhaupt, das ewige Problem, mit dem das Theater seit Aeschylos ringt, die FragenachderSchuld. Leppin stellt und beantwortet sie im Grunde wie die Alten und sein Nachtstück erinnert an die Schicksalstragödi« im guten Sinn. Merkwürdig ist das Zurücktreten des Jüdisch-Kabbalistischen, in dem das Werk nur oberflächlich haftet. Seine Wurzeln reicht» in eine tiefere Schicht. Der antike Glmcke an den Fluch der Gptter, die christliche Gnadenlehre sind die Pole, zwischen denen der Faden der inneren Handlung gesponnen wird. Der„Enkel des Golem" ist der Armendoktor TÄbias Jonatan, ein Gezeichneter en jedem Sinne: Findelkind, Sonderling und körperlich abstoßend häßlich. An seine Gestalt heftet sich darum di« Sage von dem fortlebenden Samen des Golem, jenes Lehmkoloffes. dem der Hohe Rabbi Loew Atem einWeit ergiebiger war diesmal die Reihe der Vorträge, die von einer Untersuchung über das»Roma rrt?i sch e Element in K unstundPoli- t i k"(Wagner) eingeleitet wurde. Der Vortragende ging zurück an den Beginn des 19. Jahrhunderts, da aus Erinnerungen an national heldische Vergangenheit und Hriftkatholischem Mystizismus die Roman- ük als Kunstform in Gegensatz trat zur klaren Ruhe des Klassizismus. Dann versuchte er den Nachweis, daß die Romantik auch im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben in Erscheinung trat, im Kampf gegen den an klassischen Vorbildern gewachsenen Liberalismus, der das Leben nur in seinen ökonomischen Zusammenhängen sieht. Erschütternde Elendsbilder vom Frauenleben in Indien malte Ruth Körner in der Arbeitersen- dung am Mittwoch. Die Frau als völlig rechtlose, erbarmungslos ausgebeutete Arbeitskraft mit 14- bis 17stündigem Frondienst, der ihr nicht einmal die Zeit gibt, die notwendigsten Mutterpflichten zu erfüllen. Die Tagesereignisse, Tod, Scheidung und Hochzeit im Leben der Gekrönten besprach Oskar Duff; in den.Sozialinformationen" sprach Dr. Otto Frei zu dem Thema„Im Dienste der Arbeitsbeschaffung". Die fascistischen Triebkräfte der Prager Jn- signienäffäre wurden von Genossen Wenzel I a k s ch in der Freitag-Arbeitersendung aufgedeckt. Sie fanden ihre Verurteilung nicht- nur in den zitierten Pressestimmen, sondern auch in der eigenen sachlichen und überzeugenden Argumentation. Ein sehr lehrreiches und§ im gegebenen Wirkungskreise bestimmt überaus wichtiges Hörspiel „Warum Unfälle vorkommen" hatte Dr. O t ä s e k (Vorstand der Arbeiter-Unfallversicherungs-Anstalt in Prag) für die landwirtschaftliche Sendung am Donnerstag verfaßt und darin die Dringlichkeit aller Schutzvorrichtungen bei landwirtschaftlichen Maschinen betont. Vorher sprach Lehrer Heger über „Kulturfragen des Dorfes"; er zeigte in seinen Ausführungen, wie wichtig es für den Dorflehrer ist, sich mit den besonderen Voraussetzungen des Landlebens und der Landbewohner vertraut zu machen. Für.die trostlosen„Aussichten unserer Jugend in der Wirtschaft" stellte Dr. S i m o n(Aussig) ein überaus reichhaltiges, leider nur allzu beweiskräftiges statistisches Material zur Verfügung der Freitag-Sendung. Rach H a d i n a s Proben aus eigenen Werken fand die Woche einen leichffinnig-heiteren Ausklang mit den Schlagerliedern der„Melodischen Neu n", dem Saazer Doppelquartett, das Dr. Linke zielbewutzt diszipliniert, Ernst Thöner. PRAGER Der Stadtrat nahm in seiner letzten Sitzung u. a. den Antrag an, so rasch als möglich mit dem Bau des dermato-venerologischen Pavillons beim Bulovka-Krankenhaus zu beginnen, wofür 3.6 Millionen Kc ausgesetzt sind. Dem Ansuchen des Reftorats der Karls-Universität, die Insignien provisorisch im Tresor der Hauptkasse der Stadt Prag unterzubringen, wurde enffprochen. Angenommen wurde ferner der Antrag auf Bereitstellung eines größeren Betrages für den Aufenthalt der Vertreter ausländischer Reisebüros und der Auslandspreffe in Prag im kommenden Jahre, sowie eine Reihe von Anträgen administrativer und technischer Natur. Schließlich wurde der Ankauf von zwanzig Kunstwerken im Gesamtwerte von 69.800 KC beschlossen. Was den Stand der Arbeitslosigkeit anbetrifft, wurde bekanntgegeben, daß in den Arbeitskolonnen 11.947 Personen beschäftigt sind gegenüber 9300 im Vorjahre.— Die neue Strecke der Prager elektrischen Straßenbahnen, die Vrsovice mit Strasnice verbindet, ist bereits fertig und wird in der nächsten Zeit, wahrscheinlich Anfang Jänner 1936, dem Betrieb übergeben werden. Noch vor Weihnachten soll auf dieser Strecke die Begehung durch die technisch-polizeiliche Kommission des Cisenbahnministcriums und des Landesamtes erfolgen, die sich von der Sicherheit der Strecke überzeugen und ihre Zustimmung zu deren Benützung erteilen soll. Wrihnachtsbämnchen— Wcihnnchtsfrrudr. Die deutsche Haupfftelle für Kinderschutz und Jugendfürsorge hat ihre Bäumchen im Deutschen Haus aufgestellt und wendet sich an alle Deuffchen Prags mit der herzlichen Bitte, eine kleine Spende in die Sammelbüchsen zu werfen. Die deutsche Jugendfürsorge unterstützt Kinder aller deutschen Schulen Prags ohne Unterschied der Konfession, durch Beiträge zur Weihnachtsbescherung und. beteilt eine große Zahl von Jugendlichen mit Kleidern und Schuhen. Die Anforderungen werden immer größer, viel« tschechoslowakische Familien verloren in Deutschland ihre Existenz und vermehren nun die Zahl der Hilfesuchenden. Es fehlt an Einrichtungsgegenständen, die ZE1TVNG Miete ist fast unerschwinglich, die Delogierung oft nur durch Hilfe der Jugendfürsorge abwendbar. Leider reichen die Mittel nicht aus, um all deyi Elend abzuhqlfen und nur die Opferwilligkeit aller Kreise kann unsere druffche Jugendfürsorge aufrecht erhalten. Malaria als Behandlung. Unter diesem Titel hält Prof. Dr. E- G a m n- r am Sonntag, den 16. Dezember, um 10 Uhr vormittags an seiner Klinik einen, Fortbildungskurs für Aerzte ab; dieser ist für alle Angehörigen der deuffchen Aerztevereine frei zugänglich. Sport• Spiel• Körperpflege Das Prager Turnier Samstag und Sonntag fand auf dem DFC.- Platze eiü von der Slavia arrangiertes Turnier statt. Von den vier beteiligten Vereinen— Slavia, DSV. Saaz, DFC. und Vittoria ZiZkov— war die Uederraschung das Team der S a a z e r. Ein Versager wqr der DFC., der am Samstag nichr einmal mit der Viktoria fertig wurde, während das Spiel mit Saaz für ihn eine aussichtslose Sach« war. Nicht so sehr im Ergebnis, sondern in der spielerischen Wirftmg. Die Saazer, welche gegen Slavia«in« hervorragende Partie lieferten und einen Vorsprung von 2:0 bzw. 8:1 in einem herrlichen Finish aufholten, zeigten ein Spiel, das alle Zuschauer begeisterte. Slavia hatte schwere Mühe, eine Niederlage abzuwenden, obwohl sie alle Kanonen zur Stelle hatte und es auch Mit der Fairneß nicht genau nahm. Der Retter in der Not Ivar— wie denn anders— der Schiedsrichter. Viktoria ZiZkov ist wohl Spitzenführer der Division Mittel- böhmen, aber ihr Eindruck, den sie in beiden Spielen hinterließ, war kein günstiger. In punkto Fairneß besonders schlecht. Und der DFC.? Er war in beiden Matchs nicht schlecht, lieferte ein schönes Feldspiel, aber vor dem Tore war das Talent zu Ende. Die Stürmer, besonders gegen Saaz, bewiesen wenig Selbstvertrauen und damit war die Partie auch schon verloren. Zu verurteilen ist aber, daß beim DFC. auch die„schöne" Sitte des Spieleraus- tausches platzgegriffen hat und dadurch der Gcgne- in Nachteil gebracht wird. Zudem konnten es sich einige DFC.-Spieler nicht versagen, über die Sträng« zu hauen, besonders gegen die beiden Saazer Flügel. Die Schiedsrichter waren bis auf einen wohl das Schlechteste, was existierte. Die Ergebnisse: Slavia gegen eaaz 3:3(2:1), Viktoria Ziikov gegen DFC. 3:2(1:1), Saaz gegen DFC. 3:2(3:1), Slavia gegen Viktoria 8:1(l;0). Slavia gewann das Turnier durch das bessere Torverhältnis vor Saaz, Viktoria und DFC. Die Staatoliga bracht« wieder einige Spiele der Herbstsaison zum Adichstl^.^lL«ükberraschung,^brachte, das mggere- Ergebnis' de- Zusammentreffens Z ko eniet mir A FK. K o l i n. Die Brünner gewannen auf eigenem Platze nur 1:0(0:0). Sparta getpann wie erwartet in Teplitz gegen TFK. 2:0(1:0). S K. Kladno schlug daheim SK. Pilsen gleichfalls 2:0(2:0). Cechie Karlin hängte Mit 4:(r (1:0) die Bohemians ah.— Di« Tabellenspitze haben nun Sparta(11 Spiele, 17 Punkte), Slavia(10—16), Zideniee(11—15) inne, während das Ende Bohemians(11—7) und Kotin (10—2) zieren. Di« erfte Niederlage der Wiener Austria in England. Am Montag trug die Austria mit dem der ersten Division angehörenden Sheffield Wednesday ein Spiel aus, das 0:3(0:0) verlorrn ging. Prager Fußball. Sportbrüder gegen Cechie I 4:1(1:0); Cechoslovan Kosir gegen Sparta KöMr 4:0(2:0), SK. Russe gegen Nuselsky SK. 4:2 (8:1),. CAM. gegen Sparta Michle 2:1(1:)), M-teor VIII gegen Slavoj VHI 4:8(1:1), SK. Liben gegen Slavoj IX 8:1(l:0), Radotinsky SK. gegen Rapid Prag 3:3(1:2). Italien gegen Ungarn 4:2(2:2}. In Mailand gelangte dieses zum Europa-Cup zählende Länderspiel zum Austrag, in dem die Ungarn nach der Pause vieles vergaben. Schnee unter der Sonne Indiens Ein englisches Truppenlager an der Nordwest grenze Indiens, das in dieser winterlichen Umgebung gar nicht so aussieht, als ob es in den Tropen läge. gegeben hatte, und der das Töchterlein des Wunderrabbi vergewaltigt haben soll. Als in der Judenstadt ein Kind ermordet wird, nennt das Gerücht den Dr. Jonatan als Täter. Bald wird er in den Kreisen der Prager Unterwelt, in den Sauftneipen der Studenten, in den Tratschwinkeln der Hausmeisterinnen und Kartenlegerinnen als Kinderschlächter und Lustmörder, als Untier und Gespenst verschrien. Die Dirne Zdenka gibt dem Gehetzten für eine kurze Frist den ersehnten Frieden, dem häßlichen Ausgestoßenen «inen Traum von Liebe. Da wird auch Zdenka erdrosselt anfgefunden. Ist Dr. Jonatan der Täter? Hat er die Geliebte sich zur Lust erwürgt? Der Dichter läßt die Frage offen. Vielleicht wütet der blinde Zufall, vielleicht schiebt ein Verbrecher mit Vorbedacht den- Gezeichneten vor, vielleicht hat der Enkel des Golem traumwandelnd die Untaten vollbracht. Ihn quält die Schuld, die in seinen Träumen Gestalt bekommt, ihn wirft der Zweifel nieder und wie ein Opfertier läßt er sich von der Meute der Berufsverbrecher niederstechen. Auf dem Grabe des sagenhaften Urvaters, des Hohen Rabbi, der dem Golem den Schem gegeben hat, entssieht der Schem, der lebensspendende Atem, dem mißgestalteten Leib des Tobias Jonatan. Welche Tat immer er vollbracht hat, ist er schuldig? Das ist die Frage des Dramas. Auf Jonatan lastet der Fluch des Ausgestoßenseins. DaS Bewußtsein von seiner Häßlichkeit macht ihn zum Gespenst. Aber auch dieses Bewußtsein und mit ihm der ganze Fluch, sind nicht so sehr Verhängnis und Erbe als ein Produft des Milieus. Die hämische Schmähsucht der Mitmenschen, der geblähte Stolz der Normalen, Lieblosigkeit und Tücke der namenlosen Menge formen erst das Untier, zeichnen ; das Opfer, erwecken in ihm alles Böse. Weil sie ihn für den Enkel des Golem halten, wird Dr. Jonatan der Sonderling, weil sie ihm Verbrechen an- sinnen, ergreift der Blutrausch Besitz von seinen Träumen. So steht am Ende dieser Schicksalstragödie nicht nur die Verkündigung der Gnade für den fluchbeladenen Sünder, sondern auch die immanent« Anklage gegen die Instinkte der Herde, gegen die fleinen und wahrhaft bösen Leidenschaften der Gewöhnlichen. Die Aufführung unter Gellners Regie wurde mustergültig. Der Dichter hat sein Stück in das Prag der Jahrhundertwende verlegt. Finde- siscle Stimmung paart sich mit der Vorahnung von kommenden, noch schlimmeren Zeiten. G« llner spielt das Drama als Kostümstück, aber er läßt das Szenische nicht überwuchern. Nicht einen Augenblick lang lenken die Kostüme ab, nicht einen Augenblick lang wird das Alünodische und Lächerliche Mittelpunkt, es bleibt Szene, Rahmen, notwendiges, aber gebändigtes Beiwerk. Die Bühnenbilder vyn Professor H u g o S t e i n e r sind dse Grundakkorde der optischen Stimmüngsmusik. Sie versetzen uns-» das akte Prag, aber auch sie sind' silhouetteiihaft gehalten, lassen den Menschen den Vordergrund der Bühne. Unter den Darstellern gibt es eigentlich keinen Versager. Man könnte stärker« Konzentration im Sprachlichen fordern, die Verbannung der Berliner Töne, d«s wienerischen Tonfalles aus dem Alt-Prager Dialog, aber es hat auch viel für sich, das Märchenhafte und Gespenstische des Spiels nicht durch zu starken sprachlichen Naturalismus zu stören. V a l k war, wie nicht anders zu erwarten, ein großartiger Jonatan. In Erscheinung und Sprache ist dieser Schauspieler wirflich der gewaltige Dämon unter den fleinen Seelen und bleibt doch, vor allem in der Sterbeszene, der Mensch, Wesen aus Fleisch und Blut, erfüllt von Angst und Qual, so wie er vorher schön, in der Szene im Bordell, wirklich aus dem Lehmkoloh zum fleinen Jungen wird, der üu Schoße der Hur« Frieden und das Glück sucht, das der Mutterlose nie gekannt hat. Der Dirn« Zdenka, die einen Schiuuuer der Poesie Peter Altenbergs abbekommen bat, lieh Marion Wünsche zartes Leben echte Herzlichkeit. Der Zuhälter Franta wird von Leo Siedler ausgezeichnet verkörpert, ein Typus„männlich" aur- trumpfender Feigheit und Niedertracht. Die Frau Stetnschuß(Emmy Frank) hatte beinähe die Üeberlegenheit der Werbezirk, Marl« spielte mit sicherem Geschmack den alten Tonda, der nachts Tee und Wurst verkauft, tagsüber von den Visionen des Zweiten Gesichts geplagt wird. Für die rührende Menschlichkeit des alten Karfunkelstein fand Walter Taub wie immer die richtigen Töne. Das Kolorit dieses Nachtstückes entwickelte unter Gellners Meisterhand zwischen Schwarz und'Grau phantastische Töne, so im Terzetr der Leichenwäscher (L e w i tt, B a u e.r, L i t t.e»),,im Trifolium der besoffenen Studenten(Klippel, T r a- bauer, Tauchen), im Kleeblatt der Prostituierten(Lott e S t e i n, Mandik, Schne ck). Die Damen B r i n g o l f, W a f n h o l tz— als gut gesehene Kuppler-ü 7— Schlesinger, die Herren Stapler, Demel, Kühne hatten die Partien des vielsprachigen Orchesters in sicherer Obhut. Der Dichter, wurde in der Panse und nach dem Schluß wiederholt hcrvorgerufen. Der Erfolg ist für ihn!vie mindestens uach der künstlerischen Seite, I für das Theater unzweifelhaft. E. Franz«!. I Eeite 8 „Sozialdemokrat^ Dienstag, 11. Dezember 1934. Ar. 289 Sonstige Fußballergebnisse. Pilsen: Viktoria 'gegen Olympia 4:3(0:3) und gegen LSK. Böhm.- Budweis 4:0(0:0).— Karlsbad: KFK. gegen Sparta 5:1(1:0).— Komotau: SK. Kopisth gegen DFK. 2:1(0:1).— Gablonz: BSK. gegen DSV. Reichenberg 13:0(8:0). B rünn: TSV. gegen Moravia 3:1(1:0).— Preßbu r g: SK. Proßnitz gegen LSK. 4:3(2:3).— Wien: Admira gegen Rapid 7:5 und gegen Wacker 4:3, Rapid gegen Hakoah 3:1, Wacker gegen Hakoah 8:1, Sportklub gegen FAC. 6:2, FC. Wien gegen Fav. SK- 3:1, WAC. gegen AC. Graz 4:0.— Florenz: FC. gegen Vienna Wien 2:1.— Sofia: Kispest-Soroksar gegen Nationalmannschaft 3:0 und 1:4.— Athen: Ujpest gegen Auswahlteam 2:2. — Cannes: Hungaria-Bocskay gegen AC. 8:1.— Englische Liga: Arsenal gegen Huddersfield Totvn 1:1, Tottenham Hotspurs gegen Stoke City 3:2, Chelsea gegen Liverpool 4:1, Sunderland gegen Birmingham 5:1, Aston Billa gegen Leeds Un. 1:1, Derby C. gegen Westbromwich Albion 9:8, Everton Der Kreidekreis Alexander Zemlinsky, der Komponist der am Sonntag im Prager Den t s ch e n T h e a- t e r erstaufgeführten Oper„Der Kreidekreis", ist mit dem Prager Musikleben aufs engste verknüpft. Ein Jahrzehnt lang war er verantwortlicher Leiter der Operngeschicke des Prager Deutschen Theaters, Kom- positions-Meisterlehrer und Leiter der Dirigentenklasse an der Prager Deutschen Musikakademie, und seit zwanzig Jahren gehört er zu den erlesenen Gastdirigenten der Konzerte der Prager Tschechischen Philharmonie. Die Prager haben also alle Ursache, auch dem Komponisten Zemlinsky verständnisvoll und freundlich entgegen zu treten. In der Tat hat sich Zemlinsky bisher über die Pflege seines Tonkunst gerade in Prag nicht zu beklagen gehabt. Seine Lieber waren in den Prager Konzertsälen ebenso oft zu hören wie seine instrumentalen Werke, und um seine Opern hat sich wiederholt das Prager Deutsche Theater bemüht. Zwar sind seine beiden ersten Opernschöpfungen,„Sarema" und„Es war einmal", in Prag bisher unbekannt geblieben, aber alle späteren Opernwerke Zemlinskys hat das Prager Deutsche Theater zur Aufführung gebracht; die„Floren- tinische Tragödie", die Opernidhlle„Kleider machen Leute" und die Märchenoper„Der Zwerg". Nun hat sich die Prager deutsche Opernbühne auch Zemlinskys letzter und neuester Opernschöpfung, der Oper„Der Kreide krei s", angenommen, seines Werkes, das vor einem Jahre in Zürich durch den ehemaligen Kapellmeister des Prager Deutschen Theaters Dr. Kolisko seine erfolgreiche Uraufführung erlebte. Im Opernschaffen Zemlinskys ist der„Kreidekreis" schon deswegen bemerkenswert, weil sich der Komponist in dieser Oper zum ersten Male der exotischen Musik ergeben hat. Denn es scheint, daß gerade das exotische Milieu di« Opernkomponisten besonders reizt. Meyerbeers„Afrikanerin", Verdis„Aida", Goldmarcks„Königin von Saba", Puccinis„Butterfly" und.Llürandot" sind Musterbeispiele.'Zemlinsky hat den chinesischen Charakter in seiner„Kreidekreis"-Musik ganz ausgezeichnet getroffen. Er malt nicht mit den kräftigen Farben etwa eines Puccini oder Verdi, sondern ist zarter in seiner exotischen Musik, die mehr in der harten Harmonik und Instrumentation zum Ausdruck kommt als in der Melodiebildung und Themengestaltung. Der feinsinnige und vornehm denkende Musiker Zemlinsky kommt in der Opernmusik zum „Kreidekreis" überall zum Vorschein; eine gewiss» Abgeklärtheit des musikalischen Ausdrucks macht sich sogar in den bewegteren und leidenschaftlicheren Sze- n«N der Oper geltend, die Gewagtheiten der chinesisch-exotischen Akkordbildungen bleiben immer erträglich und verständlich. Formal bringt Zemlinsky in dieser Oper insofern« eine Neuheit, als er zur Beschleunigung und besseren Verdeutlichung des Ab- gcgen Blackburn Rovers 5:2, Wolhampton Wanderers gegen Portsmouth 2:3, Preston Northend gegen Manchester C. 2:4, Grimsby Town gegen Middlesbrough 2:2, Leicester C. gegen Sheffield WedneSdah 0:1. Die Eishockey-Saison im Gange In Paris trug die Vertretung Kanadas bei den diesjährigen Europa- und Weltmeisterschaften, Winnipeg Monarchs, das erste Spiel aus. Francais Volants, verloren 2:4.— Die WembIe" Lions siegten in Mailand gegen HC. 2:1.— Der Berliner Schlittschuhklub wurde in London von den Richmond Hawks 2:0 und von den Wembley Canadians 8:0 abgefertigt.— Das Amsterdamer Turnier begann mit dem 11:0-Siege der Oxford-Studenten über ein Pariser Stadtteam und der WEB. Wien besiegte das holländische Rationalteam mit 6:0.— In Wien wurde der Skiklub Preßburg vom WAC. mit 0:3 geschlagen. laufes der Geschehnisse mitunter die gebundene musikalische Linie verläßt und zur Prosarede greift, wobei er Gelegenheit zu eindringlich wirksamer melodramatischer Untermalung hat. In der Milieuschilderung ist Zemlinsky stärker als in der musikalischen .Erfassung der Gefühle und Affekte; die Hauptfiguren seiner neuen Oper sind musikalisch lebendig charakterisiert und scharf umrissen, zeigen hinsichtlich ihrer Gefühle und Leidenschaften aber mehr ästhetische Beherrschtheit als natürlichen Ueberschwang. Im allgemeinen ist über den musikalischen Charakter des Zemlinskyschen„Kreidekreises" zu sagen, daß er mehr lyrisch betont und reflexiv im Sinne Mahlers als dramatisch ist. Das mag schon dem Stoffe und der Handlung des Stückes entsprechen, das die Mutterliebe und ihren Triumph in glücklichster Lösung verherrlicht. Der, Inhalt der Oper, die sich des Textbuches des chinesischen Bühnenspieles„Der Kreidekreis" von K l a b u n d bedient, ist in Kürze folgender. Bei einer chinesischen Mädchenversteigerung -wird die junge und schöne Haitang Besitztum des reichen Mandarins Mo, der besser zahlen kann als der Prinz Pao. Da Haitang dem Mandarin den ersehnten Sohn schenkt, wird sie seine Lieblingsfrau. Pü-Pei, die Hauptgattin des Mandarin, fühlt sich dadurch geschädigt und sinnt auf Rache; sie vergiftet den Mandarin, gibt sich selbst als Mutter des Kindes aus und beschuldigt Haitang des Gattenmordes. Die durch Pü-Pei bestochenen Richter verurteilen Haitang zum Tode. Ein glücklicher Zufall fügt es, daß Prinz Pao, der Haitang liebt, gerade zu dieser Zeit den chinesischen Kaisertron besteigt. Er nimmt den Prozeß gegen Haitang neuerlich selbst in die Hand und spricht selbst das Urteil:„Welche von den zwei Frauen mehr Kraft besitzt, das Kind aus einem Kreidekreis zu ziehen, ist die rechte Mutter!" Pü-Pei, die in leidenschaftlicher Brutalität und mit Gewalt sich des Kindes bemächtigen will, ist natürlich nicht die rechte Mutter, sondern Haitang, die im Streit um ihr Kind nur darauf bedacht ist, daß ihm kein Leid geschieht. Die falsche Mutter Pü-Pei wird verurteilt, die recht« Mutter Haitang Kaiserin von Chiya. Hinsichtlich der künstlerisch-reprodukfiven Leistung war die sonntägige„Kreidekreis-Erstaufführung einer der besten Opernabende der heurigen Spielzeit, ein auch im lleinsten Detail sorgfältigst betreuter Opernabend, der zeigte, daß das Theater seinen einstigen Opernchef ganz zufrieden gestellt wissen wollte. Märchenhaft schön die Bühnenbilder Prof. Emil Pirchans, einfallsreich phantastisch Renato M o r d o s Inszenierung und Regie, unbedingt genau, rhythmisch beschwingt und dynamisch wirkungsvoll gliedernd Prof. Georg S z e I l s Stabführung. Mit besonderer Passion diente dem Werke seines einstigen Chefs das Orchester. In der Hauptrolle der Haitang war Frl. K o n e tz n i vor allem gesanglich ausgezeichnet, während ihrer Darstellung noch mehr Wärme zu wünschen ist. Auch alle übrigen Rollen erwiesen sich aufs vorteilhafteste besetzt. Der Prinz und Kaiser mit H. Fischer, der Mandarin Ma mit H. S ch e i d l, Pü-Pei mit Fr. Pauly, die Mutter mit Fr. W a n k a, der Bruder mit H. P o p o v i ö, eine Hebamme mit Fr. Grab, ein Kuppler mit H. Taub, ein Gerichtssekretär mit H. Hage», der Oberrichter mit H. Du d e k, zwei Kulis mit H. L i b a l und H. G ö l l- n i tz usw. Das Theater war sehr gut besucht, der Erfolg Zemlinskys und seines Werkes sehr freundlich. E. I. „Trauer ziemt Elektra" Dieses erschütternde Drama ging am 8. Dezember als Premiere über die Bühne des National- theaters. Jedes der zwölf Bilder dieser„modernen Trilogie", in die wohl das stärkste Stück der letzten Jahre zusammengefaßt wurde, ist ein Drama für sich. Es zeigt in moderner Aufmachung eine antike Schicksalstragödie, die, die Tiefen der menschlichen Leidenschaften enthüllend, das vergossene Blut, sei es durch Mord oder auf dem Schlachfelde, nach Sühne schreien läßt. Eine sittlich zerfallende Familie, in der der Bruderzwist um ein Weib das erste Verbrechen nach sich zog, wird durch den Krieg unwiderruflich dem Niedergange geweiht, Mord auf Mord häufend, dessen Sühne stets Blut bedeutet. Esra Mannon, ein kapitalhäufender Reeder, dessen unbeftiedigtes Familienleben an der Seite einer erkaltenden Frau, einer geliebten Tochter und eines ungeliebten Sohnes ihn erst in den Richterberuf und dann in den Krieg zwingt, kommt nach dem Befteiungskriege heim, um in der ersten Nacht von der Frau vergiftet zu werden, nachdem er sie mit dem von der Tochter erweckten Verdacht peinigt. Das Gift kommt aus der Hand ihres Liebhabers", des Kapitäns Brant, des Sohnes der verjagten und ver- „Erzlehungs- und Propaganda* mittel der Gegenwart“ Ein kulturpolitischer Kursus des Bezirksbildungs- auSschusseS der DSAP in Prag Donnerstag, den 13. Dezember, um halb 8 Uhr im Parteiheim, Narodni tr. 4, f ü n f- t e r Ku r sab e n d: Der Rassenwahn. Vortragender: Dr. E. F r a n z e l. kommenen Geliebten des alten Mannonvattr. Er kam als Rächer seiner Mutter und schwankt nun als Geliebter zwischen Tochter und Gattin Esra Mannons. Am offenen Sarge des Vaters zwingt die Tochter den aus dem Kriege zurückgekehrten Bruder zur Rache, den Verrat der Mutter durch ihr Zusammenbrechen beim Anblicke des Giftes, daß sie dem toten Vater an die Brust legte, beweisend,. Dem Revolver des..Bruders, oer vom Kriege fontmciw Äe unumerbrochene Kette des Menschenmordes im Kriegsantlitze des Vaters schaut, unterliegt der Liebhaber der Mutter. Das drückt auch ihr den Revolver in die Hand, trotz der Liebe zum Sohne und der Liebe des Sohnes, die sich scharf an der Kante des Abgrundes einer dunklen erotischen Liebe zu Mutter-Weib bewegt. Das Grauen und die Unruhe, die sinnlichen Triebe, die die Tochter vom Vater zum Liebhaber der Mutter, vom stillen einfachen Mann zum Bruder treiben, lassen nun auch den Bruder an Selbstmord zugrunde gehen. Als die unbefriedigte, Rächerin, weder Gott noch den Menschen, sondern nur sich selbst die Gerechtigkeit zugestehend, bleibt die Tochter, eine moderne und doch antike Elektra, im menschenleeren und sonnenlosen alten Familienhause, das einem antiken Tempel der Rache und Verwesung gleicht, zum Grabe der ganzen Familie wird,— allein und lebendig begraben, freiwillig aus der menschlichen Gesellschaft ausscheidend, das Leben als schwerste Strafe hinnehmend. Zur Trägerin des Dramas wird die Tochter Lavinia(Vinka)-Elektra; eine achtunggebietende Leistung, der Frau Scheinpflugovä gerecht wird. Diese Tochter, die als fremdes Stück Fleisch in den Leib der Mutter gelegt war, von der Mutter ungeliebt, sie hassend, von der sinnlich-sündigen Liebe zum Vater, Bruder zum Freund, nicht zuletzt zu dem gehaßten Liebhaber der Mutter, getrieben, füllte mit Grauen die ganze Handlung des Stückes- Frau Scheinpflugovä. gab der Lavinia alles, was diese Gestalt zur grauenvollen Märtyrerin stempelt und ihr trotz allem, trotz allem, Mftleid schafft. Wie sie zum Schluß die lebenden Blumen zum Fenster hinauswirft, die letzte Jalousie herunterlätzt, schwingt sich mit in den Seufzer der. Erleichterung, auch beim Zuhörer, das Verständnis mit für die ruhelose, im Suchen nach dem Schwerpunkt des Lebens irrende Jugend der Nachkriegszeit. Frau Dostalovä war die Kristine Mannon mft rotleuchtendem Haar und grünen Augen, die nach dem Glücke strebende leidenschaftliche Frau des älter» Mannes, der das Lied von der Insel der Seligen, wo Liebe keine Sünde ist, am heißesten klang, trotz eigener Verlogenheit und Unsittlichkeit. Den unglücklichen Bruder Orin, der durch falsches Heroentum dem Kriege geopfert war und das mörderische Werkzeug des Haffes an Mutter und deren Liebhaber wurde, gab Herr K o h o u t. Er hat das erschütternde Bekenntnis der Jugend zu sagen, was der Krieg für sie bedeutet, und die seelische und sittliche Zertrümmerung des Menschen durch den Krieg in seiner Wahnsinnsgebrochenheit zu veranschaulichen. Keine der Rollen, sei es des General Mannon. des Geschwisterpaares Peter und Hazela Nilles, des Kapitäns Brand usw. ist gering zu schätzen. Satz für Satz bedeutet dramatische Hochspannung; es erheischt eine gute Dosis Ncrvenstärke, um diese Spannung zu ertragen und trotzdem läßt sie den ganzen Abend lang den Zuhörer nicht aus ihrem Bapn, wozu auch viel die Ausstattung von V. Hofmann in ihrer düsteren Bestimmung beiträgt. Regie hatte K. H. Hillar. m. i. An unsere Abonnenten und Genossen! Wir werden wie im Vorjahre die Neujahrs-Enthebunsen in unserem Blatt veröffentlichen, wodurch den Genossen die mit den Neujahrsgratulationen verbundenen erheblichen Unkosten erspart bleiben. Die Enthebung kostet Kö 10*— und wird nach Orten geordnet, lediglich Namen und Beruf enthalten. Wir ersuchen alle Abonnenten die tieferstehende Enthebungsbestellung frdl. auszufüllen und umgehend an uns einzusenden. Die Bestellungen müssen bis spätesten 16. Dezember bei uns einlangen. Die Verwaltung "'"■■ 111 1 11 1•" Leserlich aisfhllen!■■■ 1 1■■—————>>> Neujahrs-Enthebung für„Sozialdemokrat“ Ich bestelle hiemit unter dem Namen: Beruf:; Ort:■ eine Neujahrsenthebung zum Betrage von Kc 10*-— und sende ihnen diesen Betrag per Erlagschein ein. Unterschrift: Kunst und Wissen A» Ateitd stkteiU äee auf der Corona und es ist gut so. Es gibt keine zweite Handfertigkeit, die so allgemein von Nutzen wäre. Auf der Corona lern: man richtig tippen, sie hat dieselbe Anordnung wie die großen Maschinen und ist nicht zu verderben.— Die Corona M aber kein Spielzeug. Sie ersetzt die grolje Maschine im Büro, kommt mit nach Hause, ist flink, ordentlich, ruhig und kostet nur die Hälfte!—— GIBIAN.^a P R A G, SlipinsÜ 32, Tel 351-5-1 Wir lehren Sie kostenlos schreiben. Melden Sie stehl Wochenspielplan des Neuen Deutschen Theaters. Heute Dienstag, halb 8 Uhr: Der Enkel des G o l em, A 2.— Mittwoch halb 8: Blau- bar t, B 1.— Donnerstag halb 8: Der Kreidekreis, C 1.— Freitag halb 8: Der Enkel des Golem. D2.— Samstag 7: Tan n- häufe r, C 1. Wochenspielplan der Kleinen Bühne. Heute Dienstag, abends 8 Uhr: Großreinemachen.— Mittwoch 8: Nacht vordemUl- timo.— Donnerstag halb 8: Schule für Steuerzahler, Erstaufführung.— Freitag 8: Schule für Steuer z ah l e r, Kulturver- bandsfteunde und freier Verkauf.— Samstag 3%: Max und Moritz, Erstaufführung, 8: Schule für Steuerzahler. vor Film Woronzefk Brigitte H e lm, die sich jetzt sogar durch Gefängnisstrafen interessant machte ist tatsächlich ein interessanter Fall: sie fällt sett Jahren dadurch auf, daß sie im Film Temperament und Dämonie vorführt," ohne es zu können,— und daß sie außerdem auch Auto fährt, ohne es zu können, hat sie nur noch bekannter gemacht. Die gleichgeschaltete Ufa, die über keine anderen Berühmtheiten mehr vxrfugt, hat die berühmte VerfäßeriN'ibMer Mtk einec Haupk- rolle betraut. Brigitte Helm spielt die Geliebte eines russischen Fürsten, und sie spielt sie wieder so dämonisch, wie sich der sagenhafte Keine Moritz ein Teufelsweib vorstellte,— mit aufgeriffenen Augen, zurückgeworfenem Nacken und heftigen Schlangenbewegungen. Warum diese Fürstenmätresse sich so gefährlich benimmt, wird bis zum Ende des Films ebensowenig Kar wie die Frage, wen sie eigentlich liebt,— und ebenso rätselhaft bleibt auch das Verhalten des Fürsten, der, um die Echtheit seiner Tochter zu beweisen, die Gerichte mit einem Doppelgänger betrügt. Aber der Ufa hat es genügt, daß diese verrückt« Geschichte in Monte Carlo spielt, wo sich bekanntlich Eleganz und Leidenschaft am Roulettetisch treffen, der Ufa hat es genügt, daß hier ein schwerreicher russischer Aristokrat verächtlich von den„Roten" spricht, der Ufa hat es also genügt, einen reaftionären Schundroman verfilmen und so die neu erwacht« deutsche Kunst bereichern zu können. Und wenn es Leute gibt, die sich von der eleganten Aufmachung dieser Nichtigkeit anlocken kaffen, dann hat die Ufa ihr edelstes Ziel erreicht: sich selbst zu hereichern.—eis— Ans der Partei G Sozialistische Jugend, Kreis Prag. Mittwoch, den 12. Dezember, acht Uhr abends: S F W einberg e— Smichov: Gemeinsamer Abend mit der.MSD Zizkov im Gewerk- fchastshause, Prag I, Perstyn 11, Restauratton. Im Programm: Rezitation, Musik, Gesasig in tschechischer und deutscher Spräche. Nachher Tanz.— SJ. Zentrum: Geschichte der Arbeiterbewegung in der Tschechoslowakei. SJ Holleschowitz: Diskussionsabend über Mfli« tarismus. Vcreinsnadiridifcn AtuS. Ausschuß sitzuno am Dienstag, den 11. Dezember, um 8 Uhr abends im Parteiheim, Närodni 4. Filme in Prager Lichtspielhäusern biS einschließlich Donnerstag, den 13. Dezember Avion:.Pier Teufel". Mit Orchesterbegleitung.— Beranek:„Don Juans letzte Liebe." E. — Flora:„Bengal."— Kincma, B.-Th.: Journale, Groteske, Reportage. Ab J42—% 8.—. Koruna: „Kapitän und Abenteurer." E.— Kotva:.„Stürmische Jugend." Fr.— Lurerna:„Stürmische Jugend." Fr.— Olympie:„Bengal."— Radio:„Don Juans letzte Liebe." E.—- Skant:„Flughel» d e n." E.— Belvedere:„Der letzte Mann." H. Haas. Tsch.— Besrda:„Csibi, der Fratz." D. Bezugsbedingungen: Bei Zustellung ins Haus oder bei Bezug durch die Post monatlich Kc 16.—, vierteljährig KL 48.—, halbjährig Kc 96.—, ganzjährig Kä 192.—.— Inserate werden laut Tarif billigst berechnet. Bei öfteren Einschaltungen Preisnachlaß.— Rückstellung von Manusftipten erfolgt nur bei Einsendung der Retourmärken.— Die Zeitungsftankatur wurde von der Post- und Tele- graphendirektion mit Erlaß Rr. 13.800/VH/1930 bewilligt.— Druckerei:„Orbis". Druck-, Verlags- und Zeitungs-A.-G., Prag.