Dienstag, 25. Dezember 1934 14. Jahrgang Eiazelprels 70 Haller (•liMchlieBlich 5 Heller Porto) A A A 1ENTRALORGAN DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK ERSCHEIN r MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung mag»>., fochova a. Telefon sw7. Administration telefon 53074. HERAUSGEBER« SIEGFRIED TAUB. CHEFREDAKTEUR« WILHOM NIESSNER. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR« DR. EMIL STRAUSS, PRAG. Vor dem kritischen Jahre Die neuralgischen Punkte der Weltpolitik Vielsagendes Schweigen Berlin.(DNB.) Reichswehrminister Generaloberst von Blomberg empfing den Berliner Chcfkorrrspondenten der Associated Preß P. Lochner z« einer etwa anderthalbstündigen Unterredung. Auf die Frage über die deutsche Rüstungslage erklärte Generaloberst von Blomberg: „Zu einer solchen Auskunft bi« ich natürlich nicht befugt. Eine Antwort auf diese rein politische Frage kann ich Ihnen alS Fachminister nicht geben." Vormarsch der Italiener in Abessinien Paris. Nachrichten aus der abessinischen Hauptstadt Addis Abebe zufolge, haben italienische Flugzeuge die strategischen Punkte in Abessinien bombardiert und Eingeborenen-Abteilungen von Jtalienisch-Somaliland dringen, wie die Meldungen besagen, allmählich in abessinisches Gebiet vor. Drei Todesurteile in Graz Graz. Das Schwurgericht hat SamStag abends nach mehrtägiger Verhandlung das Urteil gegen sieben"Nationalsozialisten gefällt, die unter der Anklage standen/ Waffen, Explosivmittel, insbesondere Gasbomben- aus Deutschland nach Oesterreich geschmuggelt und airfbewahrt zu hgben. Drei Angeklagte Wieser, THaller und Sonnhaus, wurd^r zum Tode durch den Strang verurteilt, ein vierter erhielt elfeinhalb Jahre, zwei weitere zehn Jahre Kerker und einer sechs Monate Gefängnis.. Englisch-amerikanische Elnhelts- front gegen Japan Paris.(Havas.) Dem„Mafia" zufolge folgten der Kündigung des Washingtoner See- mächte-Vertrages seitens Japans unverzüglich Verhandlungen zwischen London und Washington. Der amerikanische Botschafter in London ist nach Washington zurückgekehrt und hatte eine lange Unterredung mit Staatssekretär Hüll. Hierauf wurde ein Kommuniquee über die künftige Politik veröffentlicht, in welchem eine Zusammenarbeit mit Großbritannien namentlich in Angelegenheit der Ablehnung der japanischen Forderung nach Seerüstungsgleichheit mit Amerika und England angekündigt wird. Neuer Sekretär der Labourparty Die Landesexekutive der Brifischen Arbeiterpartei wählte bei ihrer. Sitzung in London am 28. November I. S. Middleton als Nachfolger Artur Hendersons zum Parteisekretär. Er wird sein Amt Anfang 1935 antreten. Middleton war Hilfssekretär der Partei seit ihrer Gründung im Jahre 1900. Seine Wahl erfolgte einstimmig. Es ist vorgesehen, daß der neue Sekretär seine gesamte Arbeitskraft der Verwaltung der Partei widmet und dem Parlament nicht angehört. Verschärfung des deutschen Kirchenkonfliktes Berlin. 22. Dezember. Die evangelische Kirchenkonferenz ist am Freitag auf unbesttmmte Zeit vertagt worden. Das vor Weihnachten er- wartete Uebereinkommen wurde bisher nicht erzielt, doch wird in kirchlichen Kreisen die Hoffnung nicht aufgegeben. In den Verhandlungen tauchten plötzlich neue Schwierigkeiten auf, indem die Deutschen Christen die unerwartete Forderung erhoben, daß der Neuner-Ausschuß unter Bischof Marahrens, der das Einigungsprogramm für. die verschiedenen Kirchen festftellen soll, paritäfisch zusammengesetzt sein müsse, also daß mindestens vier deutsche Christen darin sitzen müssen. Dis Delegierten der altpreußischen Kirchenunion erhoben dagegen Widerspruch und erklärten, daß sie nicht um den Besitz von kirchlichen Aemtern kämpfen, sondern um ihren Glauben, der es ihnen verbiete, Dinge des Glaubens aus polifischen Gründen zu opfern. ein katholischer Paradeschuft Vor kurzem berichteten wir über die Greuel- nachrichten, die sich die Wiener„Reichspost" über die Aufständischen aus Span.cn kommen ließ und bemerkten, daß der Lieferant dieser Greuel- meldungen ein gewisser W. M. Ullmann, alias Lherman sein dürfte, der in Frankreich wegen Urkundenfälschung und Betrugs verurteilt worden ist.. Die„Reichspost" hat nun z u g e g e b e n, daß sie sich den Betxuger engagiert hat; zu seiner Ehrenreimng bemerkt, sie nur, der Ullmann sei früher, nicht linksorientiert gewesen. Sei dem wie ihm sein: fest steht, daß sich die „Reichspost" von einem Urkundenfälscher bedienen läßt und daß die„Deutsch e Presse" die Lügenmeldungen über die spanischen Revolutionäre, die der Feder des. Urkundenfälschers. entstammen, übernommen hat. Sie hat bis heute nicht die von den höchsten spanischen Aemtern mitgeteilten Richtigstellungen gebracht. Wahrhaftig, die Schuschnigg-Hilgenreiner- Katholiken können auf ihre Presse stolz sein. kein Einmarsch von Sowjettruppen in Mandschukuo Moskau.(Taß.) Aus Charbin wurden Meldungen des Inhaltes verbreitet, daß Abteilungen der Roten Armee in mandschurisches Territorium eingedrungen seien, dort milttärische Eisenbeton- Befestigungen errichtet häben, von mandschuri- Noch vor kurzem schienen die Fragen der Außenvolitik in den Hintergrund gerückt. Die in- nerpofitischen Sorgen und Konflikte, durch die nicht aufhörcn wollende Wirtschaftskrise ungemein verschärft, standen überall im Vordergrund. Je mehr aber das kritische Jahr 1935 seinen bleifarbigen Schatten auf die beunruhigte Welt abwirft, desto, mehr wird die Außenpolitik zum Mittelpunkt der Politik schlechthin. Die allgemeine Unsicherheit erzeugt die allgemeine Unruhe. Die Angstpsychose.' wird zur KriegSvsychose. Krieg in Sicht! Warum eigentlich im'Jahre 1935? Woher dieses bange Vorgefühl der Völker? Woher diese trostlose Prophezeiung, die von Journalisten und Parlamentariern, von Diplomaten und Generalstäblern immer wieder gemacht wird und die die an sich bereits'gefährliche Festigkeit eines Vorurteils, vielmehr eines Aberglaubens erreicht?'" Es gibt in der Tat zwei euralgische P u n k t e in der Weltpolitik, die mit dem kom- schen Truppen umzingelt und vom Sowjetterritorium abgeschnitten worden sein sollen. Sowjetflugzeuge sollen über dem mandschurischen Gebiete kreuzen und dergleichen mehr. Die Sowjetruffische Telegraphenagentur erklärt diese Meldungen für Erfindungen, die die Tendenz verfolgen, die Beziehungen zwischen Sowjetruß- land und Japan zu verschärfen. menden Jahre sozusagen chronologisch verbunden sind. Das find das Saarg biet und die S e e k 0 n f e r e n z. Im Saargebiet wird zunächst das Schicksal des europätscheä Friedens entschieden, auf der Seekonferenz 1935 das des Weltfriedens. Daher die Angstpsychose der beunruhigten Völker. Daher die fieberhafte Tätigkeit der offenen und der geheimen Diplomafie. Daher das wiederaufgenommene Wettrüsten und die Kriegsvorbereitungen aller gegen alle. Das heikle Saarproblem ist eines der schlimmsten Folgen der kurzsichtigen Siegerdiplomatie. Seinerzeit haben die französischen Sozialisten gegen die gefahrbergende provisorische Lösung protestiert und in der Kammer dagegen gestimmt. Auch die Briandsche Friedenspolitik hat es versäumt, auf dem Wege der Verständigungspolitik mit dem demokratischen Deutschland diesen Zankapfel aus der Welt zu schaffen. Nach der Machtergreifung durch Hitler ist das Saarproblem zum kriegsgefährlichcn Objekt geworden. Frankreich hat das Saargebiet praktisch, aufgegeben. Aber es gilt nunmehr die Freiheit des Plebiszit gegen die von Berlin instruierten und unterstützten Terrorbanden der Saarnazis zu sichern. Es gilt die Saareinwohner, die Sozialdemokraten und Kommunisten, die Katholiken und die Juden, die gegen das Hitlerdeutschland stimmen wollen, vor der kommenden Nazirache zu beschützen. Aber hinter, dem Saarproblem steht in Europa ein viel wichtigeres und akuteres Problem, das eigentlich auch, das„lokale" Saarproblem so kriegsgefährlich macht. Das ist die eigenmächtige und vertragswidrige Aufrüstung de? DrittenReich«.s. Auch in der Abrüstungsfrage haben die führenden Siegermächte alle Berständigungsmöglichkciten mit dem demokratischen Deutschland verpaßt und dadurch den Sieg des kriegerischen und revanchelusfigen Nazismus erleichtert. Die Aufrüstung Deutschlands bedeutet eine potenzierte Kriegsgefahr. Sie hat den Umgruppierungsprozeß, der durch den Sieg Hitlers veranlaßt wurde, ungemein beschleunigt. Sogar im englischen Unterhaus wird Alarm geschlagen, wie dies nicht nur die jüngste Anklagerede Churchils, sondern auch die abgewogene Rede des Lordkanzlers Baldwin bewiesen hat. Baldwin suchte zwar die Feststellungen von Churchil abzuschwächen, indem er den geheimen Charakter der Rüstungen des Reiches betonte. Aber gleichzeitig fügte er vielsagend hinzu:„Es kann sein, daß Deutschland bald selbst diesen Schleier des Geheimnisses lüftet". Diese Worte können nicht anders ausgelegt werden, als die Absicht der englischen Diplomatie, die vertragswidrige Wiederaufrüstung Deutschlands zu legalisieren— natürlich„im Rahmen des Völkerbundes". Die wankende Haltung Englands in bezug auf die Auftüstung des Dritten Reiches riet in Frankreich Enttäuschung und Nervosität hervor. Sie ist gewiß durch realistische Erwägungen be- stimmt, sowie durch die Berücksichtigung der Kriegsangst der Volksmaffen in England. Aber zum Teile auch durch das Mißtrauen, das in England die Annäherung zwischen Frankreich und Sowjetrußland, die sich zu einem Kriegsbündnis zu verdichten scheint, hervorgerufen hat. Andererseits drängt gerade die wankende Haltung Englands Frankreich zur engeren militär-politischen Verständigung mit Sowjetrußland, besonders nach der Abschwenkung Polens. Hitler weiß nur zu gut die Uneinigkeiten und Gegensätze im Lager seiner Gegner auszunutzen, um Zeit zu gewinnen, den Ring der Isoliertheit zu lockern und Maximalsorderungen, wie Rückgabe der Kolonien, des Korridors, Oberschlesiens und Danzigs als Preis für die Rückkehr nach Genf aufzustellen. Aehnliche Uneinigkeiten und Differenzen kommen auch dem Friede ns st örer im Fernen Osten zu Nutzen. Japan weiß nur zu gut die Interessengegensätze und die„Ressentiments", die zwischen England und Sowjetrußland, sowie zwischen England und'Amerika bestehen, auszunutzen, um seine Eroberungspläne in Ostsibirien und in Nordchina zu verwirklichen und hiermit seine Hegemonie- und Expansionspläne im Stillen Ozean vorzubereiten, Das di-. Vcrsdiwönmg wen Hitler? 3000 Verhaftungen Paris. Der Sonderberichterstatter des„Mattn" in Bersin berichtet über zahlreiche Verhaftungen in Deutschland. Es soll sich um mehr als 1800 Personen handeln. Der Korrespondent verzeichnet die Nachricht, daß gegen Hitler eine neue Verschwörung angezettelt worden sei. Rach Informattonen des„Journal" soll es sich um eine noch größere Zahl von Verhaftungen handeln, man spreche sogar von 3000 Personen. Anter de« Verhafteten solle« sich hauptsächlich junge Leute mit perverser Veranlagung befinden, doch sollen die Ursachen der Verhaftungen auf einem anderen Gebiete zu suchen fest»: es sei dieS die Spannung zwischen der Rattonalsozialistische« Partei und der Reichswehr. Die deutsche Seffenttichkett befinde sich in einem Zustande großer Erregung, trotzdem diese Angelegenheit verheimlicht werde. Alle Nachrichten würden zensuriert und alle auslündischen Blätter, die von den Verhaftungen spreche«, werde« beschlagnahmt. Arbeiter-Weihnacht 1934 „Mein Junge— es werden doch einmal andere Weihnachten kommen...I M Seite 2 Dienstag, 25. Dezember 1834 Nr. 301 Jugend und Fascismus Staat der lugend? plomatische Spiel des japanischen Militarismus wird übrigens durch die Uneinigkeit zwischen England und den Bereinigten Staaten erleichtert. Die letzteren sind durch das Gespenst der Wiederherstellung des anglo-japanischen Bündnisses der Vorkriegszeit offenkundig beunruhigt. In London wird gleichzeitig die ruffisch-amerikanische Annäherung von manchen Kreisen als Gegenstück zur ruffisch-französischen Annäherung in Europa mißtrauisch empfunden. Niemand traut also niemandem. Bünd- niffe werden nur mit Rückversicherungen geschlossen. Die beiden Friedensstörer— Hitlerdeutsch- land und Japan— können unter solchen Verhältnissen ihr kriegsgefährliches Treibe» in voller Uebereinstimmung fortsetzen. Die internationale Friedensfront wird gelockert und es ist nicht verwunderlich, daß die Anbiederungsversuche der Hitlerischen Emissäre nicht überall erfolglos bleiben und daß sogar in Frankreich Stimmen laut werden, die nach einer direkten Verständigung mit dem Dritten Reich dringen. Das Jahr 1835 kann das Kriegsjahr unter Umständen werden, wenn alles beim alten bleibt, wenn die Geheimbündniffe zur Regel werden, wenn das Wettrüsten marschiert und Die Nacht der Wintersonnenwende senkt sich wieder über die Erde. Die Welt will wieder Weihnacht feiern. Selige, fröhliche Weihnachtszeit.— Lauter werden diesmal von den Kirchtürmen die Glocken rufen, lauter wird die Erlösermär in die Lande schallen, denn es gilt, das brausende Meer menschlichen Jammers zu übertönen, das die Welt durchflutet. Selige, fröhliche Weihnachtszeit sollen die Menschen feiern! Selig sollen fie sein im gegenseitigen Liebe-Schenken, fröhlich im Glaüben daran, daß durch die Geburt des Kindes von Nazareth der Menschheit Erlösung geworden ist. O— wie Welt und zeitfvemd dies Verlangen! Ironie auf das unselige, unfröhljche Leben, das Millionen und Abermillionen Menschenkinder zu leben gezwungen sind k Können denn die Menschen glücklich sein in dieser Zeit, können sie fich ihres Lebens, ihres Daseins freuen, kann die Welt froh werden in diesen Tagen? Seit Jahr und Tag ist der Hunger daheim in den Stuben der Arbeiter. Ungeheuer angewachsen ist die Zahl der Notleidenden innerhalb weniger Monate. Da ist nicht nur das Millionenheer jener, die wegen Sperrung der Betriebe der Arbeitslosigkeit verfallen sind. Es hungern und darben auch jene Hunderttausend«)'die ihrer Gesinnung wegen aus Arbeit ustd Verdienst gestoßen wurden. Das vernunftlose Wirtschaftssystem"de- Kapitalismus hat die Arbeiterklasse in tiefstes Elend gestürzt; sein getreuer Basalle, der Fascismus, hat ein UebrigeS getan und die organisierte Arbeiterschaft vieler Länder niedergerungen, ihr alle Rechte geraubt, ihre Lebenshaltung verschlechtert, ihre Besten in Kerker und Konzentrationslager geworfen. Legion ist die Zahl derer, die in Italien und Ungarn, in Bulgarien und Deutschland, in Oesterreich und Spanien gehenkt, geköpft, niedergeschossen und zu Tode geprügelt worden sind. Ihr Blut raucht noch zum Himmel, die Tränen ihrer Witwen und Waisen sind noch nicht versiegt, die Schreie der Gemarterten zerreißen noch immer die Luft und die Qualen der Eingekerkerten erneuern sich noch von Tag zu Tag. Und zu dem millionenfachen Weh und Leid, das auf der die Uneinigkeft im Lager der Gegner der Frie« drnszerftörer andauert. Nur das solidarische Auftreten der zurzeit friedfertigen Staaten im Zeichen und im Rahmen des Völkerbundes, nur die baldige Wiederaufnahme der Genfer Abrüstungskonferenz mit der festen Absicht, eine maffive Ab- rüstungSkonveution mitoderohneDeutsch- l a n d und I ä p a n abzuschließen, kann den Frieden retten und beide kriegslustigen Staaten zum Eintritt in den Völkerbund und zum Verzicht auf eigenmächtige Aufrüstung zwingen. Das internationale Proletariat, durch die andauernde Krise und durch die Niederlagen der letzten Zeit geschwächt, muß trotz alledem seine Friedenspolitik fortsetzen. Indem es sich keine Illusionen über die bürgerliche Friedenspolitik, über den Völlerbund und über dit Gruppenpakte macht, darf es ebensowenig in die kriegs-revolu- tionären Illusionen verfallen und mit dem„unvermeidlichen" Krieg, dem„Befreiungskrieg gegen den Fascismus" irgendwelche sozialrevolutionäre Hoffnungen verbinden. Denn der kommende Krieg wird wahrhaftig ein Vernichtungskrieg sein, der nicht das Aufiommen einer sozialistischen Gesellschaft, sondern eine Bersenkung in«in« neue Barbarei mit sich bringen kann. gepeinigten Arbeiterllaffe lastet, gesellt sich die ständige, berechtigte Angst vor dem Entflammen eines neuen Krieges.— Kann die Welt, können die Menschen froh sein in dieser Zeit? Nein! Es gibt kein Frohsein, solange es Not und Hunger gibt, solange Menschen ihrer Menschenrechte beraubt sind. Die Welt kann nicht ftoh werden, solange Mensch vom Menschen in Elend gestoßen, gemartert und gemordet wird! Sie kann nicht ftoh werden, solange der glück- und ftiedenersehnenden Menschheit das Gespenst des Krieges droht.— Und leerer Schall muß inso- lange auch das fromme Weihnachtswünschen bleiben; inhaltslos und unwahrscheinlich die Kunde von der Menschheitserlösung. Ungetrübte Weihnachtsfreude— das ist etwas, das zu finden sein mag bei den Reichen, bei jenen, deren harte Herzen ungerührt bleiben beim Anblicke des entsetzlichen Schicksals ihrer Mitmenschen. Aber die sind nicht die Menschheit. Die Menschheit leidet und laut und gewalfig llingt der millionenfache Schrei gequälter Menschenbrüder über die Erde und nicht froh ist diese Welt, sondern erfüllt von fi«fem, niedergehaltenem Weh. O, daß die Welt endlich ftoh werde! Daß sicheNdlichvaS Wort vorder Menschheitscrlösung erfülle!— Ein Licht leuchtet in der Finsternis und dies Leuchten gibt den Leidenden Kraft, die Gegenwart zu ertragen: das warme Licht einer Zukunft^ die der ganzen Menschheit Befreiung und Erlöser sein wird. Furchtbare, qualbringende Geißel ist der Untergang des kapitalistischen Zeitalters den Menschen, aber auch Verheißung und Offenbarung einer' neuen, schöneren Well. Der Wille, daS Neue zu schaffen und die Kraft, das Höchste, das Menschen je gewollt, zu vollbringen, sie steigen unbeugsam und alles bezwingend auf aus dem stürmischen Sehne» der Menschheit nach Erfüllung ihres heißesten Wünschens:„O Welt, werde froh!" Erna Haberzettl. Von Otto Friedrich Der Fascismus gilt wellen Kreisen der Jugend als ein erstrebenswertes politisches System. Seine Anziehungskraft beruht auf der Vitalität seines Auftretens und auf den jugendgemäßen Formen seines Handelns. Der Schmuck der Uniformen, die Musik, die Rangerhöhung bei seinen Kampfformationen, das Lagerleben, die Aben- teuerlichkett größerer und lleinerer Kämpfe gegen den Gegner, das unkomplizierte Machtstreben und vieles andere entspricht den seelischen Regungen der Pubertät und des Jünglingsalters. Dazu kommt, daß die meisten parlamentarisch regierten Staaten ein Ausleseprinzip bevorzugen, das der jungen Generation wenig Möglichkeit läßt, schnell zur Macht zu kommen. Sie erwartet vom Fascismus also eine Hebung ihrer sozialen Lage, den Zugang zu den Machtposüionen des Staates, eine Befriedigung ihrer romantischen Neigungen und ist wie jede Jugend eher bereit, fich dem Nimbus eines„Führers" unterzuordnen, als am unpersönlichen Wahlgang teilzunehmen, der eine idealisierbare Menge mehr oder weniger bekannter Persönlichkeiten zu Funktionären der Allgemeinhell bestimmt. Haben die fascistischen Staaten in Wahrheit die Erwart u n- gen der Jugend zu erfüllen vermocht? Wir glauben nein sagen zu müssen und führen Deutschland zum Beweis an. Mitte dieses Jahres wurden in Deutschland 166.467 Jugendliche unter 18 Jahren und 1,150.966 Jugendliche im Alter von 18 bis 25 Jahren als arbeitslos gezählt. Sie machen nicht weniger alseinVierteldergesamten offiziell zugegebenen Arbeitslosenziffer aus. Ihnen muß man die mit Notatbeiten beschäftigten 165.265 sog.»Landhelfern" und die im Arbeitsdienst beschäftigten 226.522 Jugendlichen hinzurechnen. Auch die Zahl der jugendlichen Obdachlosen auf den Landstraßen, die bereits beim Machtantritt Hitlers im Reiche nicht weniger als 800.000 betrug, dürste fich nach übereinstimmenden Berichten eher vermehrt als vermindert haben. Man wird also mit 2.5 b i s 3 Millionen Jugendliche rechnen müssen, die bis zum heutigen Tage nicht dem r.e g u l ä r e n P r o d u k ti o ns p r o z e ß zu g t'I e it? k werdm könnten. Zu diesen Jugendlichen wird aber in Kürze eine noch größer« Armee aus den Reihen derer stoßen, die nach dem„neuen Plan" älteren Jahrgängen in den Betrieben Platz machen müssen. Da nach der letzten Berufszählung etwa 40 Prozent der noch beschäftigten Arbeiter, also rund sechs Millionen, im Alter bis zu 25 Jahren stehen und lediglich die Verheirateten und die Mitglieder der Nationalsozialistischen Partei bis zur Parteibuchnummer 500.000 sowie die Besitzer eines vom Arbeitsdienst ausgestellten Arbeitspaffes, von dieser Maßnahme befreit find, kommen für die geplante Ausschiffung aus dem Arbeitsprozeß schätzungsweise drei bis vier Millionen junge Mestschen in Frage. Biele von ihnen waren in legier Zeit überhaupt nur zur Einstellung ge langt, weil fie sich bereit erllärten unter Lohn und Arbellsbedingungen zu arbeiten, die die früher gc-> werkschaftlich organisierten Arbeiter ablehnten. Einige Unternehmer haben sich, so etwa die Betriebsleiter der A. E. G. in Treptow, zwar gegen diese Entlaffung Jugendlicher gewendet, aber cs kann nicht verkannt werden, daß gerade von älteren Arbeitern, die während des Rationalisierungs- prozeffes häufig den jungen Kräften Weichen mußten, diese Maßnahme durchaus begrüßt wird. Auf eine Unterstützung durch die öffentliche Meinung werden die Jugendlichen deshalb in Deutschland kaum rechnen dürfen. Was wird aus ihnen nach der Entlaffung werden? Weder Landhilfe noch Arbeitsdienst können sie unterbringen, selbst wenn der Arbeitsdienst, wie verlautet, bis auf eine Million verstärkt wird und selbst wenn durch eine Verkürzung der Dienstzeit auch die Reichswehr neue Rekruten benötigt.(Man spricht von 400 bis 600.000 Mann.) Das Millionenheer der jugendlichen Arbeitslosen wird also erneut um 2 bis 3 Millionen verstärkt werden und wird vorsichttg gerechnet, auf vier bis fünf M.i llionen steigen. Besonders schwierig wird die Lage für die 20- bis 25jährigen. Unter Ausschaltung der Verheirateten gibt es 2,780.000 männliche und 2,310.000 weibliche Jugendliche in diesem Alter. Da für sie die Einreihung in den Arbeitsdienst, die für die noch jüngeren Jahrgänge bestimmt ist, kaum in Frage kommt, wird ihr Schicksal, soweit sie bisher im Produktionsprozeß waren und nunmehr ausgeschaltet werden, besonders bitter werden. Dabei ist selbst die geringe Arbeitslosenunterstützung, die sie beziehen, gefährdet, wenn Verfügungen Schule machen, wie die des Arbeitsgaues Franken, in der es heißt:„Ich fordere daher alle Arbeitsämter, Wohlfahrtsämter usw. auf, Unterstützungen an jeden erwerbslosen jungen Mann unter 25 Jahren rücksichtslos zu streichen, wenn er nicht nachweisen kann, daß er im Besitz eines ArbeitSpaffeS ist, oder daß er fich vergebens um Aufnahme in den deutschen Arbeitsdienst beworben hat." Wie es in dem Arbeitsdienst und der sogenannten„Landhilfe" aussieht, dafür seien zum Beweis einige Berichte aus Deutschland zittert: Arbeitslager in Sch.: Hier waren früher 260 Mann, jetzt sind hier nur 150. Die Verminderung geschah mit der Begründung, daß das , Geld für die Reichswehr gchrapcht. werde. Während noch am Anfang des Jahres allgemeine Zufriedenheit unter den Lagerinsaffen herrschte, ist die Stimmung jetzt vollkommen umgeschlagen, weil man fich in der Hoffnung, nach Erledigung der Lagerdienstzeit in Berlin bevorzugt zur Arbeit vermittelt zu werden, getäuscht sieht.— De: DienstimLager beginnt morgens um 5 und endet erst abends um 10 Uhr. Die Leute werden mit Heckenschneiden, Gras mähen usw. alles Arbeiten, die früher nur von Wohlfahrtsarbeitern ausgeführt wurden, beschäftigt. Darüber wird unter den Wohlfahrtsarbeitern viel ge- llagt.— Der Arbeitsdienst wird aber auch zum Streikbruch verwendet. In einem kleinen Betrieb in Schwedt streckten die Kohlenttäger, weil der Unternehmer die vom Treuhänder der Arbeit festgesetzte Entlohnung nicht zahlen wollte, der Unternehmer wandte sich an den Arbeitsdienst, der sofort 30 Mann schickte, die einen Tag lang für einige Mollen und ein paar Zigaretten O Welt, werde froh! Copyright by Pressedienst K. Pra und rief ratlos:. „Bleibt nicht zu lange!" (Fortsetzung folgt.) Nr. 301 Dienstag, 25. Dezember 1934 Seite 3 Ein Hilf swerk für die Jugend Erwerbslosenhilfe in Aussig und Bodenbach Die Aussiger Arbeitsgemeinschaft am Werk Gesichtspunkten zu treffen—- siehe den Projekt der Bodenbachei Jugendherberge. demokratischer Führung stehen: es sind die Städte Bodenbach und Aussig, deren verantwortliche Männer und Frauen nicht müde werden, ihrer Sorge um die erwerbslose Jugend tätigen Ausdruck zu verleihen. Trotzdem wachst das Werk weiter—jn Aussig wie in Bodenbach. Hier wie dort haben Jugendlichen die einstweilige Auflassung des Lagers mit dem grössten Bedauern zur Kenntnis genommen. ES liegen rührende Aeuherungen der Dankbarkeit So wurde auch in Aussig und Bodenbach bewiesen, dass überall dort, wo Sozialdemokraten Morgengymnastik der Aussiger Arbeitsgemeinschaft Essenausgabe in der Bodenbacher Arbeitsgemeinschaft gab es eine halbe Stunde Vortrag; die Vortragenden stellten der Stadtbildungsausschuß und. die Fachorganisationen bei. Es gab für die Jugendlichen auch alle Möglichkeiten sportlicher Betätigung und unbeschränkte Benützung der Büchereien. Jeder Insasse des Lagers bekam ein Taschengeld von wöchentlich 25 KL, ausserdem Verpflegung und Wohnung,«inen Arbeitsanzug, Arbeitsschuhe und Reparaturen. Innerhalb der Arbeitsgemeinschaft übten die Jugendlichen ihre Berufe aus: Schuster, Friseure, Schneider arbeiteten für die Kameraden. Wie dringend diese Hilfsaktion für die Jugend war und ist, geht aus den Arbeitslosenziffern des Bezirkes Tetschen hervor. Von den 5193 Arbeitslosen, die der Bezirk im Oktober hatte, waren 2276 Ledige. Die meisten dieser Ledigen sind Jugendliche ohne jegliche Unterstützung. Und wenn die Stadtgemeinde Bodenbach 97 von ihnen geholfen hat, so wird dadurch nur bewiesen, was noch zu tun bleibt. Die H e i m st ä tt e n a kt i o n erfaßt nur einen Bruchteil der arbeitslosen Jugend, aus der Ernährüngsaktion werden die Jugendlichen von beschränkten, jugendfremden Bürokraten hinausgeworfen. Nur ein Drittel der ledigen Erwerbslosen im Bezirk Tetschen bezieht die Ernährungskarten; im Genter System stehen wenige Hundert. Die Arbeitsgemeinschaft für jugendliche Arbeitslose in Bodenbach verdankt ihre Entstehung bor allem dem Eingreifen des Bodenbacher Bürgermeisters, des Genossen Fritz Kehler, der, vertrauend auf die Mitwirkung aller Freunde der Jugend und auf die Jugend selbst trotz den grössten Schwierigkeiten die Eröffnung der Arbeitsgemeinschaft am 15. Mai 1934 erreichte. Als die erforderlichen Geldmittel beschafft waren, muhten die vierzig jungen Menschen ein Obdach bekommen. Die alte Kaserne hinter dem Bahnhof wurde wohnlich gemacht. Drei graue, russige Räume waren bald von arbeitsfreudigen jungen Händen in helle, freundliche Zimmer verwandelt, in denen die Angehörigen der Arbeitsgemeinschaft wohnten; im Nebengebäude liehen sich die jungen Tischler, Schlosser' und Schuster me- der, di« für ihre Kameraden arbeiteten. Im Kasernenhof war bald eine schöne Gartenanlage entstanden, die den Gärtnerlehrlingen Schulungsstätte sein wird.— Aber nicht nur ihr Heim und dessen Umgebung haben die jungen Menschen ausgestaltet: sie bauten Wege auf dem Pfaffenberg und auf der Schäferwand, richteten den verfallenen Wolflteig und eine Friedhofsanlage her. Die Fertigstellung der im Rohbau vollendeten Jugendherberge, die von der Arbeitsgemeinschaft gebaut wird, ist nur durch das ungünstig- Wetter unterbrochen worden. Die Arbeitsgemeinschaft wurde nach fünfmonatiger Dauer aufgelöst und wird im nächsten Jahr neu gebildet werden. Dann wird der Umbau der Kaserne in eine Gewerbeschule durchgeführt und ein Sportplatz vergröhert. So arbeitet die Jugend für die Jugend. Uno so wie die Arbeitsleistung der Arbeitsgemeinschaft zuftiedenstellend war, ist auch deren soziales Ergebnis äußerst erfreulich. Im Lauft der fünf Monate waren 97 Jugendliche im Lager, von denen 33 aus Orten aus der Umgebung Bodenbachs waren. Diese 97 Menschen, die vor dem sozialen Nichts standen, erlebten einige Wochen hindurch den bildenden Wert der Arbeit und der Gemeinschaft, hatten ein schönes Heim und bekamen ausreichend zu essen.« Die Stadtgemeinde Bodenbach wendete für Investitionen, Werkzeuge und Material 12.120.30 KL auf, für Verpflegung, Bekleidung und soziale Lasten monatlich 15.770 KL. Die Jugendlichen arbeiteten täglich fünfeinhalb Stunden. Jeden Tag -» Aehnlich sind die sozialen Verhältnisse in Aussig-Stadt und-Land. Darum hat dft Aussiger Arbeitsgemeinschaft, nach dem Bodenbacher Muster errichtet und erhalten von der Stadtgemeinde und betreut von einem Stadtratsausschuß(die Genossen K r e h a n und Brosche und Herr Nowak), in den Kreisen der Jugend ebenfalls freudige Zustimmung gefunden. Dft Voraussetzungen waren hier etwas besser als in Bodenbach. Aussig ist im Besitz einer prächtigen Jugendherberge, in der die Arbeitsgemeinschaft— zuletzt 54 Jugendliche— sofort untergebracht werden konnte. Die jungen Menschen schlafen hier in schönen, Hellen Sälen und werden durch die Herbergsküche verpflegt. Es meldeten sich selbswerständlich viel mehr als untergebracht werden konnten; aus der großen Zahl der Bewerber werden die sozial Schlechtestgestellten ausgesucht.. Ein Versuch, Jaie Auswahl nach poli- Die Arbeitsgemeinschaft für jugendliche Erwerbslose, die unter der Führung des Ministeriums für soziale Fürsorge im Sommer d: I. für soziale Fürsorge im Sommer dieses Jahres in Theresienstadt errichtet und im September zum großen Bedauern der Insassen zu Ende geführt wurde, war für einige sudetendeutsche Gemeinden ein Beispiel für die Ausgestaltung ihrer eigenen Fürsorge für jugendliche Arbeitslose. Es ist bezeichnend, daß die zwei sudetendeutschen Städte, die zuerst und am erfolgreichsten dem Beispiel des Fürsorgeministerium folgten, unter sozial- Bau der Jugendherberge in Bodenbach entsprechende Wirkungsmöglichkeit haben, die Einsicht in die entsetzliche Lage der Erwerbslosen und besonders der erwerbslosen Jugend, von der helfenden Tat begleitet ist. Ohne große Worte wurden hier Werke geschaffen, an denen sich di.- gesamte Oeffentlichkeü ein Beispiel nehmen kann, Karl Kern. vor, die die jungen Erwerbslosen zu den wackeren Männern hegen, die ihnen in selbstloser Weise und gestützt aus ihre Partei uind.den.jugendfreundlichen Teil der Oeffentlichkeit halfen. Genosse Keßler, den wir um seine Meinung über das Ergebnis der Arbeitsgemeinschaft befragten, äußerte sich in begeisterten Worten. Die Bodenbacher und die Aussiger Genossen haben den festen Willen, die Aktion auszugestalten. Aber sie geben sich nicht dem Glauben hin, daß damit die Verpflichtungen, die die Gesellschaft gegenüber den iugeNdlickien Opfern der Wirtschaftskrise hat, er« füllt, sind. Der Aussiger Genosse K r e h a n formuliert diese Meinung sehr richtig so: Ich kann mit voller Ueberzeugung auSspre- chen, daß Arbeitsgemeinschaften im Sinne der Do- .detibacher und Aussiger Lager als Fürsorge a k t i o n für jugendliche Arbeitslose zu bejahen sind. Dies« Lager unterscheiden sich wesentlich, von dem in Theresienstadt im Sommer bestandenen Arbeitsdienstlager. Schon die Unterbringung in ehemaligen Ruffenbaracken, di« Unterstellung unter militärische Leiter zeigen, daß eS besser ist. wenn die Durchführung dieser Für, sorgeaktionen nicht vom Staate, sondern durch die Bezirke oder Städte übernommen wird. Der Staat hätte Subventionen beizustellen. Die arbeitslose Jugend braucht Hilfe. Ständige Arbeit können wir ihnen leider nicht verschaffen. Sport- und Spielplätze sind überall notwendig, auch andere zusätzlich« Arbeit gibt es genügend." » das Kino besuchen, Wanderungen und Exkursionen unternehmen und außerdem kostenlos das Stgdt- bad benützen. Für den schlechten Ernährungsstand'mancher Jugendlicher ist ein Fall charakterisch: ein Mit- glftd der Aussiger Arbeitsgemeinschaft hat elf Kilo Gewichtszunahme. Der junge Erwerbslose hat in den ersten Tagen mit wahrem Heißhunger gegessen. Als er die Körperkräfte wiederhergestellt hatte, war er ein»normaler Esser". Das war na chvier Wochen der Fall. Es ist ein Jugendlicher, der kein Heim hat. Vier seiner Kameraden sind in der gleichen Lage. Ihnen war dft Arbeitsgemeinschaft Rettung vor dem Untergang. Die bürgerliche Oeffentlichkeit nimmt an diesem schönen Fürsorgewerk keinen Anteil. Eine Besichtigungs-Einladung des um die Arbeitsgemeinschaft ungemein verdienten Bürgermeisters der Stadt Aussig, den Genossen V ö l z l, an die Presse wurde nur von der sozialdemokratischen OrtSzeitung und einem tschechischen Blatte befolgt. tischen famoftn Erlaß der Landeskommission für Kinderschütz und Jugendfürsorge über die Heimstätten I—, wurde von den Sozialisten abgewehrt. Die meisten der eingestellten Jugendlichen waren schon zwei bis drei Jahre arbeitslos! Zwei ältere Jugendliche— denen besondere Anerkennung gebührt— leiten die Arbeitsgemeinschaft. Sie wurden von der Stadtgememde ernannt- und genießen bei den Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft unbegrenztes Vertrauen. Je zehn Mann haben einen Vertrauensmann; von diesen fünf Vertrauensmännern wird einer zu den Beratungen des Stadtratsausschusses beigezogen. Jede Woche gibt es mindestens eine Betriebsversammlung. Die Jugendlichen bekommen. von der Stadtgsmeinde Arbeitskleider,-Schuh/ und-Kappe. Das Waschen der Arbeitskleider läßt dft Stadtgemeinde ; besorgen. Jede r Jugendliche erhält wöchentlich 30 KL Taschen geld, die Arbeitszeit beträgt täglich fünf Stunden. Selbstverständlich sind alle Insassen der Arbeitsgemeinschaft ebenfalls in der Kranken- und Unfallver sicherung. Auch hier hat die Arbeitsgemein schäft wichtige„zusätzliche" Arbeit— d. i. solche, dft unter normalen Verhältnissen und mit den üblichen Mitteln nicht ausgeführt tvorden wäre— geleistet:. es wurde ein Sportplatz in Schönpriesen gebaut, zuletzt wurden die Vorarbeiten zur Errichtung eines Bades beim Stadion dürchgeführt... In der Freizeit gibt.es Vorträge, deren bunte Reihe die Jugendlichen auf wichtige Wissensgebiete führt; die Vortragenden, vom Stadtbildungsausschuß nud den Gew.'vkschäften vermittelt, arbeiten umsonst mit. Die Jugendlichen konnten— wie hie in Bodenbach— dft Streikbrecherdienste verrichteten. Als dft Sach« bekannt wurde, war unter den Arbeitsdienstlern große Empörung. Am zweiten Tag wurden dir alten Leute zu dem festgesetzten Satz eingestellt. Ein anderes Lager: Das Lager liegt mitten im Luch(Fluß und Ort beim Rhein) und enthält Baracken für schätzungsweise 200 bis 300 Leute. Anscheinend voll besetzt. Militärischer Umgangston ist hier üblich. Es wird fast garnichi gearbeitet, sondern hauptsächlich gedrillt. Die -»Führer" sind durchwegs junge,' gutaussehende. Burschen, denen keine Not anzumerken ist. Lager bei Torgau: Die Straßenarbeiter Hausen in Baracken, die völlig verlaust sind, da die Arbeiter wochenlang dieselbe dreckige Kleidung tragen, weil sie nichts zum Wechseln haben. Nicht viel besser sieht es in der„Land- Hilfe" aus. Außer der fteien Verpflegung gibt es eine Summe in bar, die von 20 auf 10 Mark im August gesunken ist. Die Bauern entlassen deshalb ihre Knechte und stellen Landhelfer ein. Zwi-| scheu den Knechten und der neuen Konkurrenz kommt es häufig zu Zusammenstößen. Gelegentlich allerdings wehren sich auch sogar die Bauern gegen die städtischen Landhelfer, die für sie eine unbequeme und lästige Zwangseinquartierung darstellen. Dabei ist das Leben der Landhelfer denkbar aufreibend, die Arbeit beginnt morgens um 4 Uhr, spätestens um 5 Uhr, man füttert das Vieh, mistet ab, wäscht sich, trinkt Kaffee, geht aufs Feld. Mittags wird das Vieh besorgt, dann das Essen heruntergeschlungen und wieder gehts aufs Feld. Um 7 oder halb 8 Uhr abends kommt man ans den Hof, füttert das Vieh und erst um 9 Uhr ist man mit der Arbeit fertig. Auch Sonntags muß der Landhelfer das Vieh besorgen, so daß er keinen Tag für sich übrig hat. Die Mädchen haben es nicht besser als die männlichen Landhelfer. Vor allem werden sie auch zu sinnlosen Marschübungen herangezogen, Studentinnen, die sich in einem Lager bei Schneidemühle befanden, mußten ständig Nachtmärsche machen und am Tage 30 bis 40 Kilometer marschieren. Ein 14jähriges Mädchen berichtete, daß es drei Tage hintereinander täglich 30 Kilometer marschieren mußte. Dieser materiellen Notlage der Jugend entspricht ihre ideellellnfrei- h e i t. Soweit die Jugendlichen nicht der Hitlerjugend beigetreten sind und anderweitig organisiert waren, haben sie auf alles Eigenleben verzichten müssen. Alle Jugendorganisationen wurden gleichgeschaltet, die»hündische" Jugend(Wanderfolgebünde u. a.) wurden ebenso der Reichsjugendführung unterstellt, wie die konfessionellen Jugendorganisationen, denen obendrein das Tragen ihrer Tracht und das Zeigen ihrer Wimpel untersagt wurde. Die Üehergriffe gegenüber ict-ji udi e- rendenJügend Haven bereits zü einem sol- i chen Maß von Unwillen geführt, daß beispielsweise bei der Abstimmung über die Reichsführer- schast Hitlers im vergangenen August die Studentenstadt Bonn eine unverhältnismäßig große Zahl von Neinstimmen aufwies. Man ist zwar von dem ursprünglichen Plan, die Studenten in Kameradschaftshäusern zu kasernieren wieder abgekommen. Aber der Zwang zur Teilnahme an militärischen Leibesübungen, die Einreihung in„Referendarlager",»Theologenlager" u. a. haben, nachdem das militärische Leben dort den ersten Reiz der Neuheit verloren hat, gleichfalls be- trächllichen Unwillen erregt. So muß man also festsftllen, daß die Lage der Jugend im Dritten Reich sich nicht gebeffert, sondern ganz außerordentlich verschlechtert hat. A l l e s E i g e n l e b e n hat a u f g e h ö r t, die Jugendverbände einschließlich der Sportorganisationen sind»gleichgeschaltet", überall regiert der militärische Drill. Die Löhne der jugendlichen Arbeiter sind beim Fehlen jeglichen wirklichen LohnschutzcS und der gewerkschaftlichen Gegenkräfte außerordentlich gesunken, die Arbeitslosigkeit der Jugend ist in Wahrheit gestiegen und wird durch die nunmehr eintretende Umschichtung ums millionenfache wachsen. Erschütternd ist die Tatsache, daß laut einer Ar- bcitszeitverordnung des Reichsarbeitsministers vom 26. Juli„in Anlagen, die mit ununterbrochenem Feuer betrieben werden, die Dauer der wöchentlichen Arbeitszeit fiir K i n d e r 36 Stunden, für jugendliche Arbeiter bis zu 16Jahren 6 0 S t u n d e n, für Arbeiterinnen 58 Stunden nicht überschreiten darf". Was für Deutschland gilt, gilt auch für andere fascistische Länder, wie etwa Italien, wo die Jugendlichen bereits 41.5 Prozent der Arbeitslosen und somit außer in Ungarn, den höchsten Anteil an der Erwerbslosenziffer haben. Auf der anderen Seift muß,-wie im Hitlerreich, jeder italienische Jugendliche im Alter von 8 bis 12 Jahren an dem militärischen Vorbereitungsdienst teilnehmen. Trotzalledem wäre es verfehlt zu glauben, daß abgesehen von Einzelfällen, heute schon eine Rebellion der Jugend gegen den fascistischen Staat eingesetzt hätte. Seine äußeren Anzichungsmittel wirken zu stark auf das jugendliche Gemüt, der Ueberblick über die wirkliche Sachlage ist bei der Unterdrückung jeder Meinungsfreiheit den breiten Schichten verschlossen und ein aktiver Widerstand setzt eine Resistenzfähigkeit voraus, die bei Ju-1 gendlichen nur selten anzutreffen ist. Immerhin ist' es symptomatisch wichtig, festzustellen, das die illegale Arbeit in Deutschland vorzugsweise von Jugendlichen, im Alter zwischen 29 und 30| Jahren, geleistet wird. Durch ihre oft heldenmütige! Tätigkeit gibt diese kämpferische Elite auf die Frage, ob der Fascismus einen Staat der Jugend i errichtet habe, die klare Antwort: R e t n 1 1 Seite 4 Dienstag, 25. Dezember 1934 Rr. 301 Schule und Völker Versöhnung Ein Mahnruf an die sudetendeutsche Lehrerschaft Freiheit der politischen Gesin- Der Fascismus kann den traurigen Ruhm für sich in Anspruch nehmen, den Hatz in ungeahntem Matze gesteigert zu haben. Planmätzig wurde dieser gefördert und angesichts des Erfolges erschrickt man geradezu Wer sein Ausmatz. Ein Blick über die Grenzen der Republik genügt, um sich ein genaues Bild davon zu machen. Was er allein in den Reihen der Lehrerschaft angerichtet hat, ist mehr als niederschmetternd. Tausende reichsdeutsche und österreichische Lehrer brachte er um Stelle und Brot. Noch schlimmer Wer wie der materielle Schaden ist die geistige Verwüstung. Die Schulen hat er zu Rekrutenanstalten, die Lehrer zu Feldwebeln und Profotzen erniedrigt. Die Aufgabe der Schulen im Dritten Reiche charakterisiert treffend das Gedicht„Der letzte Kamps" aus einem Lesebuch für die Oberstufe: „So soll Europa stehen in Flammen Bei der Germanen Untergang!" Durch geschickte Maskierung verstand der Fascismus auch Teile des Sudetendeutschtums zu infizieren. Die Niedertracht wurde durch fortgesetzte Wiederholung zur Wahrheit umgelogen. In vollständiger Verkennung der wahren Absichten hat er auch innerhalb der sudetendeutschen Lehrerschaft Eingang und Anhänger gefunden. Die Folgen dWon blieben nicht aus: Nichts Wer wäre schlechter, als wenn jene, die rechtzeitig davor warnten, sich schadenfroh die Hände reiben wollten. WW wir den fascistischen Terroristen so Wel vermerken, darf kein Mittel unseres Kampfes sein. DW soll nun nicht heitzen, daß wir uns zu einem saft- unh kraftlosen Pazifismus bekennen, der den Fascisten eine leichte Möglichkeit böte, uns jenes Schicksal zu bereiten, wie es Lehrerschaft und Schule in Deutschland, Oesterreich uW anderwärts erfahren mutzt«. Die sozialdemokratische Lehrerschaft kennt aus den Opfern ihrer Brüder die Folgen eines fascistischen Sieges, sie weih, was auf dem Spiele steht. In der Tschechoslowakei Wer würde im Falle der Aufrichtung des Fascismus die Zeche nicht allein von der sozialdemokratischen, soWern von der gesamten sudetendeutschen Lehrerschaft bezahlt werden. Zunächst Wer käme wohl gerade jene Schulgruppe unter das Fallbeil, deren Vertreter augeWlicklich am meisten autoritären Gedanken zuneigen. Jene also, die so gerne den Fascismus auch bei uns herbeisehnen, damit„endlich die Schulautonomie kommt", würden sehr grohe Augen machen über das Ergebnis ihrer politischen Weitsichtigkeit. An dem glücklichen Ausgang des Ringens zwischen Freiheit und Fascismus ist die gesamte sudetendeutsche Lehrerschaft interessiert. Was der totale und autoritäre Staat der Lehrerschaft zeigt, ist wenig verlockend. Wie kommt es nun, datz diese unmenschliche Art der Staatsführung und öffentlichen Verwaltung auch bei uns Anhänger fand? In diesem Zusammenhänge in- teresiiert uns nur der Zustand innerhalb der sudetendeutschen Lehrerschaft. Die Lehrerschaft ist ein Teil unseres Volkes uW es wäre fast verwunderlich, wenn sie den Auswirkungen der bracchia- len nationalsozialistischen Propaganda mit ihren schillernden Phrasen nicht erlegen wäre. Bis zum 30. Jänner 1933 ist vieles verständlich, was nachher kam, ist weniger erklärlich. Bis zum 30. Jänner gab es nur unabänderliche Programme, wie etwa den Punkt 1 in den Richtlinien für die Beamtenpolitik, aufgestellt auf dem Nürnberger Parteitage der NSDAP im Jahre 1929. Er lautet:„Die NSDAP kämpft für die Aufrechterhaltung des Berufbeamtentums mit seinen verfas- snngSmätzig garantierten Rechten,inSbesondere der nung und der freien Meinung s« äußerung der Beamten. Nach dem 30. Jänner 1933 hat sich an diesen unabänderlichen Punkten manches geändert. Ohne Unterschied der Gesinnung wurden alle jene Lehrer verfolgt, die in Wort oder Schrift gegen die Nationalsozialisten ausgetreten sind. In einem Erlatz an die Lehrer Sachsens z. B. erklärte der Kultusminister Dr. Harten! e, jeder Kritiker, der Mahnahmen der Regierung der nationalen Erhebung hat„die schwersten Folgen" des DienswerfahrenS zu tragen. Fast zur selben Zeit verkündete im Prager Parlament der nationalsozialistische Abgeordnete Simm, datz die sudetendeutsche Lehrerschaft im Lager des Nationalsozialismus stehe. Als Obmann der nationalsozialistischen Lehrergemeinde mußte er das wissen. Wie so war das möglich? Es wäre nichts unrichtiger. als zu sagen, die sudetendeutsche Lehrerschaft habe keine Ursachen zu Beschwerden. Eine lange Lifte könnte vorgelegt werden, aber verglichen mit der Lage der reichsdeutschen oder österreichischen Lehrer geht es uns hundertmal besser. Man hat uns wohl den Gehalt gekürzt, das ist in Deutschland und Oesterreich ebenfalls in ausrei- chendem Matze geschehen, und wenn er dort noch etwas höher ist als bei uns, so ist das der so übel verleumdeten RepWlik und nicht etwa den neuen Herren zu danken. Neben dem Gelde haben aber diese Lehrer die Freiheit verloren, das höchste Gut, das der Mensch besitzt. DaS Eindringen der fascistischen Ideologie in das Sudetendeutschtum hat seine Hauptursache im verlorenen Kriege und in dem damit verbundenen Verluste der Machtstellung seiner Herrenschicht, die den geeigneten Zeitpunkt Wwartete, um gegen die sudetendeutsche Arbeiterklasse, deren Vertreterin die Sozialdemokratie ist, eine Pogromstimmung zu erzeugen. Innerhalb der Lehrerschaft setzte der Umbruch mit dem Gehaltsabbau ein, das Haupwerdienst an der Ueberführung der Lehrerschaft in das Lager des Fascismus hat die„neutrale" sudetendeutsche Lehrerpreffe. Sie sah im GehaltSWbau nur einen Schuldigen, die Sozialdemokratie, und vergaß ganz, daß sich im Laufe der Jahre von 1929— 1934 in unserer wirtschaftlichen Struktur manches änderte, insbesondere aber Wersah sie, daß die Zahl der Arbeitslosen von 50.000 auf 750.000 gestiegen war. Die Folgen blieben nicht aus. Als die Demokratie sich zur Wehr setzte, tat man ganz verwundert. Ein in Deutschland wirkender Lehrer schrieb vor kurzem, daß in jedem„Land, in dem der Fascismus noch nicht an der Macht ist, der äußerste Einsatz gegen diese Barbarei notwendig ist." Jqr Laufe des letzten Jahres ist nun auch bei uns manches anders geworden. Die Vorgänge in Deutschland und Oesterreich haben ihre Auswirkungen nicht verfehlt, aber immer noch nicht viel anders ist daS Verhalten der„neutralen" Lehrerpreffe geworden. Sie spricht geheimnisvoll von der „wahren Demokratie", im Gegensatz zu„entarteten". In dunklen Orakelsprüchen wird von einem Kampf erzählt, in welchem„die Lehrerschaft in eherner Geschlossenheit allen finsteren Mächten die Sfirne bieten muß", damit„schwerstes Unheil von Staat, Volk und Jugend abgewendet werde". Wer find die finsteren Mächte? Das ist die Preisfrage. Führen heißt, den Geführten die Wahrheit und wenn notweWig auch etwas Unpopuläres zu sagen. Präsident M a s a r y k sei uns da wieder einmal Vorbild. Der gegenwärtig so i hoch in Kurs stehend« Heroismus, schlicht Mut genannt, fehlt hier vollkommen. An der Beschneidung der Freiheit der sudeteWeutschen Lehrerschaft trägt die alleinige Schuld der reichsdeutsche Nationalsozialismus. DW ist der Feind aller deutschen Lehrer, alle die mit ihm sympathisieren oder versuchen, ihm eine gute Seite abzugewinnen, sind ebensolche Schädlinge. Nicht weniger schuldig aber siW jene, die dazu schweigen. Damft die Lehrerschaft wieder Ellenbogen- freiheit bekommt, ist zunächst die Erkennung des Kampfzieles notwendig. Das besteht in der Nie- derringung der fascistischen Ideologie und in dem Bekenntnis zur Völkerverständigung. Die Völkerverständigung ist der einzige Weg zur Erhaltung der sudetendeutschen Schule. Dazu müssen die Lehrer schon in der Schule den GruW legen. Ein großer Versuch auf dem Wege zu diesem Ziele wird die in der Zeit vom 14. bis 19. April in Teplitz-Schönau stattfindende„Pädagogische Woche" sein, die für deutsche und tschechische Lehrer zugänglich ist und in umfassender Weise dW Problem„Schule und Bölkerversöh- n u n g" behandeln wird. Josef Hu dl. *.‘ Das genaue Programm der in der Zeit vom 14. bis 19. April in Teplitz stattfindenden„Pädagogischen Woche" lautet: 1. Die kulturellen Aufgaben der Deutschen und Tschechen. Redner: Außenminister Dr. Edvard Benes, Prag. 8. Wie kann der sudetendeutsche Lehrer für die Völkerversöhnung wirken? Redner: Minister für öffentliche Arbeiten Dr. Ludwig C z e ch, Prag. Die Solidarität der Arbester und Angestellten ist Weraus groß. Besonders in dieser schweren Zeit der Wirtschaftskrise hat sie wahrhaft herrliche Beispiele ihrer Wirksamkeit gesetzt. Dabei muß man bedenken, daß die Geber und SpeWer selbst nur auf karge Lohn- und Gehaltsbezüge angewiesen sind uW neben diesen Opfern noch viele andere Verpflichtungen zu erfüllen haben. Vor uns liegt eine rohe Zusammenstellung des De» zirksvereines.Arbeiterfürsorge" Teplitz- Schönau Wer seine Leistungen in den Jahren 1930, 1931, 1932,1938 und 1934. Mehr alS ein« Biertelmitlivn Kronen wurden in diesen fünf Jahren allein im Bezirkgebiete verteilt! 1891 Personen erhielten Lebensmittelanweisungen im Gesamtbeträge von 36.928 Ki. Je nach der Bedürftigkeit und der Kinderzahl erhielten die Empfänger für eine Anweisung Lebensmittel im Werte von 15 bis 60 K£. 494 Familien erhielten Lebensmittelpakete im Welte von 21.671 Ai, die zum größten Teil vor den Weihnachtsfeiertagen ausgegeben wurden. • 142 Frauen, die ohne Hilfe krank oder im Wochenbett lagen, wurden der Hauspflege an mehr als 1200 Tagen teklhastig, was einem Betrag von 12.015 K5 erforderte. 177 Personen(Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer) erhielten Schuhe im Werte von 9226 AL. 115 Familien wurde angesichts ihres steigenden Notstandes eine Mietzinsaushilfe im Ge- Paula Wallisch: Ein Held stirbt Leben. Kampf und Tod de» Koloman Wellisch Preis im Buchhandel Ki 40.—, für die Parteien* Ausgabe Kc 22.—% 8. Wie soll die Demokratie nationale Konflikte lösen? Redner: Unw.-Prof. Dr. Emanuel R ä d l, Prag. 4. Wie betreibe ich in Geschichte und Muttersprache Völkerversöhnung? Redner: Prof. Dr. Kleinberg, KarlsbW. 5. Der Gedanke der Völkerversöhnung in den neuen Lehrplänen für Volks- Bürger- und Mittelschulen. Redner: Doz. Dr. V. P i i- h o d a, Prag. 6. Wie wirke ich für die BMerversöhnung in der Volksschule? Die Teilnehmergebühr für die ganze Veranstaltung beträgt 80 K£. Der Besuch eines Einzelvortra- ges kostet 5 Kc. Auswärtige Teilnehmre erhalten billige und gute Unterkunft mit sehr guter Verpflegung zum Preise von 200 KJ für die ganze Dauer der „Pädagogischen Woche". Junglehrer bis zu zehn Dienstjähren zahlen 150 Kc. Anmeldungen und Auskünfte bei: Professor Dr. Ludwig Kohler, Teplitz-Schönau, Durer Straße 16. samtbetrage von 6013 Kc gewährt. 187 unterernährte Kinder wurden mehr als 4000 Tage(jedes Kind mindestens 25 Tage) in Seidenschwanz, Hirschberg mid Dittersbach während der F e r i e n verpflegt und betreut. Dies erfordert« einen Aufwand von 41.858 KL. 104 Frauen, die niemals einige Tage von der Last ihres Alltags ftei sein konnten, wurde ein E r- holungsaufenthalt in Eichwald gewährt. Der Aufwand betrug 28.298 KL. 74 jugendlich« Arbeiter und Arbetterinnen erlangten durch den Bezirksverein Erholungswochen, wofür 6050 KL verausgabt wurden. 87 krank« Personen, die infolge langer Arbeitslosigkeit, keiner Lraiüenversicherung mehr angehörten, erhielten- M cd t iam en te nu Betrage von 3345 KL. 52 niederkommende Mütter wurden mft Kinderwäsche beteilt, wofür 7250 KL ausgegeben wurden. Außerdem wurden Bargeldnnterstützimg«»» Brotzuweisungen, Subventionen für soziale Werke, FahrtauSlagen und sonstige Zuwendungen an Hunderte Familien im Betrage von 103.000 KL auSbezahlt. Dieser fin^e Auszug aus den Berichten der letzten fünf Jahre spricht eine deutliche Sprache. Er ist ein erhebendes Dokument proletarischer Solidarität. Wieviele Freude und Sonne konnte in Kinderherzen getragen, wieviel Hoffnung und Ruhe den Armen und Hilfsbedürftigen gegeben werden. Und alles das ohne Gesinnungszwang, ohne Seelenfang, ohne den Druck auf das Denken und Fühlen der Menschen, wie wir ihn anderwärts beobachten konnten. Unsere Arbeiterfürsorge in fünf Krisenjahren Fahrt ins Blaue Bon H. K Breslauer. „Ausgerechnet!" sagte der dicke Herr zu dem magern Herren, als die entzückende junge Dame die Abteiltür auftiß. „Ach— da ist ja noch genügend Platz—" rief die junge Dame,„komm, Alfted, das haben wir prächtig-getroffen... Du wirst dich hier in die Türecke setzen—" Vorsichtig schob sie den jungen Mann ins Abteil, der zögernd die Bank abtastete und sich.in die Ecke sinken ließ. „Freust du dich, Alfred?". „Du bist so gut, Irmgard!" lächelte der Blinde dankbar. „Den Koffer legen Sie hier ins Netz—" wandte sich die junge Dame an den Gepäcksträger,„— so, Alfted, dein Koffer ist gerade über dir..." und zu den beiden Herren sich wendend, sagte sie bezaWernd liebenswürdig:„Bitte, sich nicht stören zu lassen; mein Bruder wird sie nicht belästigen!" Sie warf einen besorgt zärtlichen Blick auf den Blinden und fügte ttau- rig hinzu.„Er ist erstaunlich selbständig!" „Oh, bitte, bitte—" knurrte der magere Herr. „Danke, Irmgard—' sagte der Blinde leise. „Grüß Mama—" Und Bruder und Schwester nahmen Abschied. Der dicke Herr sah den magern Herrn mißmutig an, zuckte die Achseln und vertiefte sich in die Zeitung. Der Blinde saß still in seiner Ecke. Nach einer Stunde nahm er die schwarze Brille herunter. Seine Augen waren geschlossen, die Lider ver- sebwollen und gerötet; blaugelb in den Augenwinkeln, ließen sie den magern Herrn einen unwillkürlichen AuSruf des Entsetzens ausstoßen. „Verzeihen—" murmelte btt Blinde, sich mit dem Taschentuch die Augen abtupfend, „— verzeihen— ich vergaß, daß ich nicht allein bin—" „Nein— nein—" beruhigte ihn der dicke Herr,„— wenn Ihnen die Brille unangenehm ist—" Der Blinde schüttelte den Kopf. „Sie sind zu liebenswürdig—" beklommen seufzend setzte er die Brille wieder auf, Irmgard hat mir gesagt, wie fürchterlich meine Augen aussehen—" ,Lh^e Schwester?" „Ja— ich bat sie, mir die volle Wahrheit zu sagen... Man muß doch wissen wie man aussieht, wenn man seinen Mitmenschen nicht gar lästig fallen will!" „Sie machen etz schlimmer als es ist!" tröstete der dicke Herr. „Oh— ich weiß alles— ich weiß es... Irmgard hat mich nicht getäuscht!" Nnd leiser, wie mit sich selbst sprechend,, flüsterte er zärtlich,„Sie ist ein Engel!" „Fahren Sie weit?" ftagte der dicke Herr. „Nach Udine!" „Hm machte der dicke Herr betteten. „Zu Verwandten!" „Und Sie fürchten sich nicht:— so allein!?" „Fürchten? NLinl Die Menschen find ja so hilfsbereit... Man hat mich nie fühlen lassen, daß ich blind bin... Leider konnte meine Schwester nicht mitkomtnen... Sie muß bei der Mutter bleiben... Und außerdem bin ich die Sttecke schon gefahren... Vor Jahren..." Stunde um Stunde verging. Der Blinde regte sich nicht. Er schlief. Erst als der Morgen dämmerte, richtete er sich langsam auf und zog seine Uhr. „In einer halben Stunde sind wtt an der Grenze!" sagte er. _„Ja—" nickte der dicke Herr ftöstelnd. „Sonderbar—* meinte der Blinde,„— sonderbar, daß Sie gar keine Angst haben!" „Angst?" wunderte der Dicke sich. „Wegen des Geldes!" „Gell>?" fuhr der Magere auf. „Allerdings——— ich habe genau gesehen, wie Sie das Leder der Bankpolsterung loS- machten und das Geld darunter schoben—"' „Sie— Sie— haben————" der Dicke schob kläglich die Unterlippe vor. „Muß eine nette Summe sein!" „Sie ttäumenl" schnaubte der Magere. „Ebenso wie ich blind bin!"«—„Was ist Ihnen mein Schweigen wert?" „Herr—" „In fünfundzwanzig Minuten ist es zu spät!" Der Dicke sah den Magern ratlos an. „Sind Sie mit fünftausend Dollar zufrieden?" ftagte der Dicke nach einer Pause. Der Blinde schob die Brille auf die Stirne und lachte vergnügt. „Donnerwetter— müssen Sie eine Menge Geld mithaben... Na— dann sagen wir siebentausend— und ich war immer blind!" Rasch nahm der Magere die Banknoten aus dem Versteck, während der Dicke, in der Tür stehend, Ausschau hielt. „Sehen Sie," schmunzelte der Blinde, nachdem er seinen Anteil in Empfang genommen und der Magere den Rest wieder in Sicherheit gebracht hatte,„ich mache das viel praktischer!" Er steckte die Banknoten in ein Kuvert, bog es in der Mitte zusammen und schob eS tief hinab in den Fensterspalt. „Einfach, nicht Ivahr?... Wenn wir über der Grenze sind, helfe ich mtt dem Stock etwas nach' — öffne die Fußbodenklappe— und ziehe das Kuvert unten heraus.. Das Abbiegen ist notwendig, damtt sich das Kuvert da drinnen verklemmt und nicht vorzeittg hinunterfällt— denn es könnte so einem Zöllner einmal einfallen— da unten nachzusehen—" Der Dicke war sprachlos. „Und— und— wie ist das mtt Ihren Augen?" ftagte der Magere, zitternd vor Empö- rung. „Ebenso einfach... Künstliche Entzündung und etwas Schminke... Sieht gräulich aus und ist äußerst wirksam. Besonders bei Damen hatte ich damit schon den allergrößten Erfolg... Tja — ich habe das Geschäft in der letzten Zett an der Schweizer Grenze betrieben und arbeite heute zum erstenmal auf dieser Sttecke... Der Anfang war jedoch ganz zufriedenstellend... Aber entschuldigen Sie, meine Herren, ich muß meine Braut rufen—" „Ihre Braut—-" „Ja— sie sitzt im Damenabtefl und langweflt sich bestimmt, die Aermste... Ich mache näm- lich die Fahrt ins Blaue aus taktischen Gründen niemals allein. Eine schön« Frau und ein bedauernswerter Krüppel, das ist doch so rührend und man ist viel unbehelligter bei der Grenzkontrolle—“ Der Blinde erhob sich, öffnete die Tür und rief kläglich. „Irmgard— Irmgard— komm doch zu mir—" Lächelnd betrat die entzückende junge Dam« das Abteil. „Gut geschlafen, Alfted?" „Sehr gut, Irmgard... Die Herren haben sich in der liebenswürdigsten Weise meiner an- | genommen... Es ist alles in schönster Ordnung!" Nr. 301 Dienstag, 25. Dezember 1934 Seite 5 Mr werden ain Radio die nächsten Bombenopfer stöhnen hören Von Peter Paul Hofer L In Goethes„Faust", einem Fundamentalwerk der Weltliteratur, sagt bei einem Spaziergang am Ostermorgen ein Bürger zum anderen: Nichts Besseres weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen, als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei; wenn, hinten, weit in der Türkei, die Völker aufeinanderschlagen. Das Gespräch«Märt sich aus der damaligen Zeit. Zurzeit Goethes konnte man von Frankfurt am Main und Weimar auS nach der Türkei selbst mit den schnellsten Postpferden bestenfalls nach wochenlanger Reise kommen. Vom Zentrum Deutschlands aus ncnb dem Bosporus zu gelangen, gebrauchte man mehr Zeit— doch das läßt sich an modernen Beispielen anschaulicher darlegen. Eine Zeppelinmannschaft kann am Sonntag früh vor ihrer Abreise vom Bodensee Frühstück servieren, fliegt dann über das Mittelmeer, über Frankreich, Spanien und Portugal, fliegt über den Großen Ozean nach Argentinien und Brasilien, lädt Passagiere und Waren in Buenos Aires und Rio de Janeiro aus und reist zurück. Am Sonntag nach ihrer Abreise von Friedrichshafen find fie wieder am Bodensee und können dort schon wieder ihr Frühstück einnehmen.— Oder ein anderes Beispiel. Flugzeuge fliegen von London nach Australien, die Flieger aber erheben sich zwischen Abfahrt und Ankunft am Ziel kaum von ihrem Sih.— Oder: um die Sache kurz zu machen: Die Fliegerbomben, die in dem nächsten Kriege über London und Paris, über Berlin, Köln und Hamburg, über Prag, Wien und vielen anderen Städten explodieren, werden in der ganzen Welt am Radio gehört werden können. Vielleicht hören wir sogar das Stöhnen der zerfetzten Menschenleiber. Wir werden hören, was in den Schützengräben vor sich geht und jedes Trommelfeuer wird auch unsere Ohren und Nerven quälen, wenn wir das Radio in Funktion lassen. 7— Damit dürfte der Unterschied zwischen dem spießbürgerlichen Gespräch zu GoethÄ Zeiten— und der heutigen Zeit anschaulich genug gemacht worden sein. Jetzt bedeutet ein europäischer Krieg Krieg für die ganze Welt. * Es ist immerhin ein Glück, daß daS Radio nicht, wie die altmodisch« Telegraphit, mit Dräht arbeitet. Sonst würden, man braucht nur an Herrn Dr. Joseph Goebbels zu denken, di« Siegesmeldungen von den nächsten Kriegsschauplätze« die Radiodrähte zum Zerreißen bringen Die Kriegsstimmung soll in Deutschland an« ter allen Umständen aufgepeitscht werden. Das hat Deutschland, abgesehen von 1914, schon einmal hundert Jahre zuvor erlebt. Damals wurde das, deutsche Volk zum Befreiungskampf gegen Napoleon aufgerufen. Goethe aber, der bis auf den heutigen Tag als der Beste und Größte aller Deutschen gefeiert wird, verbot seinem Sohn die Teilnahme an dem Befreiungskriege, denn, so soll er gesagt haben:„Erhebt" sich ein Volk, das man aufpeitscht? Heute käme dieser deutsche Geheimrat unter allen Umständen in irgendein Konzentrationslager. Täglich wird besonders auf die sungen Leute kriegerisch eingewirkt. Aber auch die älteren Jahrgänge sollen in Stimmung gebracht werden. Deshalb reden die Göring und Goebbels so geheimnisvolle Töne. Feder soll etwas ganz Großes hinter ihren versteckten Anspielungen suchen. Man munkelt von furchtbaren Fortschritten auf den Gebieten der Chemie und der Technik.„Strahlen" sollen jedes näher bestimmte Munitionslager zur Explosion bringen können. Andere Strahlen sollen ganze Bataillone und Regimenter niederstrek» ken können. Das find die sogenannten Todesstrahlen. Wieder andere Strahlen lösen angeblich jede Schraube und schmelzen jede Vernietung, so daß die Flugzeuge schon in der Luft fich in ihre einzelnen Bestandteile auflösen und hundertteilig auf den Boden stürzen. Kanonen aber zerfließen zu Brei unter dem Strahl. Natürlich geschieht das alles nur mit deutschen Strahlen, die auf die Feinde, ihre Waffen und Munition gerichtet werden. Der Sieg ist das nächstrmal für Deutschland eine Spielerei. Das ist die Ueberzeugung, die dem deutschen Volke beigebracht werden soll. Besonders werden natürlich die kriegspflichtigen 15 oder 16 Jahrgänge bearbeitet, die im Alter von 17 bis zu 32 Jahren sich befinden. Die haben den Weltkrieg nickt mitgemacht, werden aber im nächsten Kriege ave Gegner besiegen, kurz und klein schlagen, denn sie haben Waffen— o— o. Und sie haben eine wirkliche Führung im Vergleich mit den Stümpern, die von 1914 bis 1919 Deutschland und sein Heer geführt haben. Diesen Leuten verdreht man die Köpfe, indem man ihnen teils romantisch, teils mit dem Hinweis auf die Arbeitslosigkeit kommt. Alles wird ganz anders und viel schöner und herrlicher nach dem Siege. Der Sieg aber kommt totsicher. Zwar ist etz noch nicht ganz sicher, warm er kommt, aber er kommt wie die Herrlichkeit des Dritten Reiches auch. Nur darf man nicht die Ge- dnld verlieren. Zunächst hieß es: wenn morgen Hitler kommt, dann ist eS übermorgen mit der Arbeitslosigkeit vorbei. Als dann Hitler sein Amt von Hindenburg bekommen hatte, da sagte er, daß I man ihm zunächst vier Jahre Zeit laffen müsse. Jetzt sogen die Führer schon, daß in fündig Jahren der Nationalsozialismus verwirklicht sein wird. Zwischendurch wird auf die tausend Jahre hingewiesen, während denen der Nationalsozialismus herrschen wird. II. Durch daS Kriegsgerede soll das deutsche Volk von den gräßlichen Zuständen im Jnlande abgelenkt werden. Das uralte Rezept aller Regierungen, die sich festgefahren haben, wird in Anwendung gebracht. Krieg! Krieg! Das Volk soll und mutz in Stimmung gebracht, mutz abgelenkt werden. Die Frau soll nicht an die Lebensmittelpreise denken, nicht an das fehlende Nähgarn, an die fehlende Wolle und Baumwolle. Die Männer aber sollen die Konzentrationslager, die Gefäng- find ganz klar zu erkennen, Deutschland steht jetzt noch viel schlechter in der Welt da als 1914. * Wie intensiv in Deutschland zum Kriege gerüstet wird, ist jüngst in der französischen Deputiertenkammer nachgewiesen worden. Seitdem halten die hitlerschen Paladine den Mund und be- streitcn nicht mehr die Beweise der Franzosen und Engländer. Durch ihr jetziges Schweigen geben fie zu, daß sie die Bestimmung des Versailler Vertrages, soweit er sich mit militärischen Fragen beschäftigt, längst nicht mehr beachtet haben. Empörend ist es, wenn man von deutscher Seite immer wieder von der selbstverständlichen Gleichberechti- gung der Nationen untereinander spricht. An sich ist diese Forderung eine Selbstverständlichkeit. Wer aber Gleichberechtigung von anderen fordert, mutz zunächst selb st Gleichberechti- 88 Stille Rächt! Du Rächt der Rot, Rächt der ausgelöschten Kerzen, Deinen Kindern, ohne Brot, Wird sie zu der Nacht der Schmerze«! I l I j Stille Rächt! D» Rächt voll Leid, Hinter hunderttausend Türe«, Schlügt der Herzschlag dieser Zeit, Stille Rächt—. Wirst du«ns führen? Heilige Rächt! Linst wird sie sei«. Wen« der Ster«, der jetzt erblindet, 3« der Ankunft Feuerschein Seine« Weg zur Erde findet! Still« Nacht.. Von Pierre nifse und ihre Gewerkschaften vergessen. Sie sollen nicht mehr an die Hilfe denken, die ihnen ihre Organisationen und das„verruchte System" gewährt haben. Die Gefolterten und in den Konzentrationslagern zu Krüppeln Geschlagenen, die Gemordeten, die Unglücklichen, die man in den komfortablen Zellen(mit Stricken an den Wänden!) zum Selbstmord gezwungen hat, die Opfer des 30. Juni— alles das soll vergessen werden. Deshalb die nationalpatriotische Stimmungsmache für den Krieg. Der ehemalige Weltkriegsgefreite Hitler ist als Führer des Dritten Reiches noch nicht der Krieg, nein, aber er ist die Vorbereitung zum Krieg. Er ist die immerwährende Bedrohung mit dem Kriege. Sein System hat das politische und kulturelle Unglück über das deutsche Volk gebracht und das namenlose Elend als Folge der durch seine Unwissenheit und die unfähigen Ratgeber vollkommen zerschlagenen deutschen Wirtschaft. Der deutsche Nationalsozialismus hat aber nicht nur das eigene Voll unglücklich gemacht, sondern alle Nachbarvölker, ganz Europa beunruhigt, und schliesslich die ganze Welt zu ungeheuerlichen Rüstungsausgaben gezwungen. Die Folgen gung im eigene« Lande gewähren. In Deutschland aber gibt es, man kann es nicht oft genug feststellen, nicht nur keine Gleichberechtigung mehr, es gibt überhaupt kein Recht mehr. Göring hat offen vor den von ihm zusammenberufenen Staatsanwälten verkündet, dass der Grundsatz„Fiat justitutia pereat munddus"(Gerechtigkeit muß bestehen, und ginge die Welt darüber zu Grunde) im Dritten Reiche keine Geltung habe. Zuvor schon hatte er verkündet,„des Führers Wille ist Recht!". Wie kann ein Staat, der alles Recht mit Füßen tritt, von anderen Völkern Rechtsgleichheit verlangen. Mtt Deutschland steht es nun, wie in der Presse ost betont tuorden ist, so, daß eS niemals im Jahre 1918 einen Waffenstillstand oder 1919 den Frieden hätte bekommen können, wenn es nicht dem deutschen Volke unbedingt Demokratie a u f die Dauer ziHefichett hätte. Die Zusicherung der Demokratie war eine unerläßliche Vorbedingung des Präsidenten Wilson gewesen, bevor er sich bereit erklärte, den von der deutschen Regierung geforderten Waffenstillstand und Frieden zu vermitteln. Als Hindenburg, der damals der Forderung Wilsons selbstverständlich zu» Wiener Augenblicke Dezember 1984— kalter Wind streicht über die abendlich-verlassenen Straßen und Plätze. Man ist froh, Platz zu finden auf der Plattform der Straßenbahn. Dort stehen jetzt dichtgedrängt die vielen, die nur zehn Groschen für eine Fahrt ausgeben können. Die anderen sitzen für 36 Groschen im bequemeren Wageninnern. Und so spürt man schon, während man noch kaum vom Oftbahn- hof bis zum Schwarzenbergplatz gekommen ist, wie sich das Rad rückwärts dreht. Hat der Motorführer meine Gedanken erraten? Wir fahren beim Deutschen Volkstheater vorbei, auf dessen Stirn ein breites Band ankündigt, daß jetzt dort„Lueger" Auferstehung feiett. „Was für ein Stück ist denn das?" frage ich in scheinbarer Ahnungslosigkeit.„Aber, a Blödsinn, Herr! Selbst wann i das Geld dazu hätt', gingett i net eini! Da erzählens allerwei, jetzten wird's besser! Ja, steili, was denn! Zruckdrahn tuans döS Rad!" Ersteuliche Erkenntnis unersteulicher Tatsachen. Am erfreulichsten aber, daß die Wiener Proletarier weder sich abgewöhnt haben, eine Meinung zu haben, noch sie zu äußern.!!nd daß sie ihre Meinung erst recht nicht ändern, wenn sie in den Zeitungen und überhaupt öffentlich nicht erlaubt ist! Ein paar Stunden später spreche ich mtt einem pensionierten Hofrat. Er geht jetzt, so erzählt er mir, täglich schon zeitlich früh inS Kaffeehaus. Warum? Weil er sonst stundenlang warten müßte, ehe er die paar Zeitungen bekäme, die lesenswett find.„I bin zwar kein BolkSwirtschastler; aber i les' jetzt besonders gern den„Oesterreichischen Bolkswitt"; den zensutteren's net so streng und so findt man hatt dort hie und da ein g'scheites oppositionelles Wörtll" Abend in der Staatsoper gibt'S einen kleinen Pallawaffch im Stehparterre; neuestens hat man dieses Parterre nämlich wieder zweigeteilt: in einen kleinen Raum, in dem sich die Zivilisten drängen, in einen größeren, in dem sich'S die Offiziere bequem machen. Das Rad wird zurückgedreht und die monarchistischen Spießer warten auf ihren Otto. „Der kommt ganz bestimmt, und zwar bald," sagt mir ein alter k. k. Offizier, mit einer Habs- burger-Rosette am RockreverS. Und dann geht er zum Sacher, der sich rot-golden renoviert hat, um den Herrschaften das gewünschte Milieu zu bieten. Ich aber stehe wieder auf einer Tramway- Plattform und bringe den Wagenführer zum Sprechen. „Ja, schön Wern dö Weihnachten net Wern!; Purigs Joahr Ham mer zwahundett Schülling ilDinierabend in der fremde Alt« Gaffen ranne« Geschichte, Alte Häuser wecken Gesichte Und es schwanken die stockigen Rebelschwade« Um dir gasige» Lichter im Schatten der Hausfaffaden. Die Kirchenglocken sind dumpf und dem Dunkel( unheimlich verschwöre«. „Welt ging verloren... l"* Kaudalader strahlen ins Wolkengeflecht, Breite Plätze rücken den Menschm zurecht. ES gibt auch Straße«, i« denen eS dröhnt uud schimmert und flammt Uud«an trifft dort Auge«, gütig, freundlich und weich wie Samt. Da fällt der Panzer der Angst in den wesenlosen Rebel zurück Kein Heiland ersteht, aber rin wenig Hoffnung aus Heimkehr und spätes Glück! Otto Friedrich. stimmte, im Januar 1933 die Republik an Hitler auslieferte, wurde die Demokratie zerschlagen und mit der Demokratte alles Recht. Was bedeutet deshalb im Munde der Diplomaten und Staatsmänner Rosenberg, Goebbels usw. die Forderung der Gleichberechtigung? Sie ist im Grunde genommen doch immer eine Herausforderung an alle anderen Staaten zu der Antwort: Haltet zunächst Euer Gelöbnis der Demokratie, gebt erst Eurem eigenen Volke das Recht wieder, das ihr zerschlagen habt, gebt erst Eurem eigenen Volke Gleick- berechtigung, bevor ihr sie von uns fordert! Httler hat in seinem Buch„Mein Kamps" den Franzosen an vielen Stellen Raffenverschlechterung Europas durch ihre eigene„Vernegerung" vorgeworfen. Dr. Goebbels ging noch weiter, indem er die Franzosen als die Affen Europas bezeichnete. Beide, Httler und Goebbels, haben oft genug ihren Anhängern dargelegt, wie unsinnig eS sei, jemals an eine Verständigung mtt Frankreich zu denken. Diesem heimtückischen Erbfeinde gegenüber komme nur ein Niederschlagen für immer in Betracht. Es wird für Deutschland nach der Hitler- Herrschaft ein grausiges Erwachen geben. Gleichviel, ob seine Beherrscher eS in ihrer Hilfslosig- keit bis zu einem Kttege treiben oder nicht. In einem Kriege würde Deutschland endgülttg zerfetzt, also in seine einzelnen Länderbestandteile aufgelöst werden. ES würde verwirklicht werden, was die Sozialdemokraten 1918 verhütet haben. Zunächst belasten die Rationälsozialisten sich mtt viel neuer Schuld. Was sie an zerstöttem Glück, an Vernichtung zahlloser Existenzen, an der Zerreißung vieler tausender Familien, was fie an unsühnbarer Blutschuld auf sich geladen haben, das ist furchtbar. Jeder neue Tag bringt neue Barbarei zur Kenntnis der Wett. Gerade jetzt wieder haben 600 Aerzte an den Reichsinnenminister Dr. Frick telegraphiett, daß er umgehend ein neues Raffengesetz vorlegen soll. Dattn müsse stehen, daß eine christliche Frau, die sich mit einem Juden einläßt, in ein Arbeitslager gesperrt und außerdem unfruchtbar gemacht werde. Der Mann aber— also der Jude!— müsse mtt mindestens 6 Jahren Zuchthaus und nach deren Verbüßung mit der Landesverweisung bestraft werden. ES sind jetzt mehr als zwanzig Jahre her. da erflärte im Preußischen Landtag der christliche Zentrumsabgeordnete Giesberts, nachdem er eine Anzahl böser Erlebnisse in Preußen geschildert hatte: ,,Man mutz sich schämen, ein Preuße zu sein." Man hat deshalb GieSbetts damals arg mitgespielt. Wer aber könnte heute einem deutschen Abgeordneten widersprechen, der im deutschen Reichstage erflärcn würde, daß man„sich schämen muß, ein Deutscher zu sein". Freilich, kann das heute ein Abgeordneter gar nicht sprechen, denn es gibt keinen Reichstag mehr, in dem derattiges gesagt werden könnte und eS gibt keinen Abgeordneten mehr, der es wagen dürfte, dergleichen zu sagen. Er würde seine Rede nicht um «ine Minute überleben. kriagt zum Chttstkindl; heier können mer durch d' Finger schaunl" „Na, wirds denn nicht bald besser werden?" „Aber, gor ka Idee! Da gibts nur Kttag oder Redolutton!" Und dann treffe ich einen Genossen. Er will mtt allerhand erzählen. Und schon sprudelts aus ihm hervor. Ohne Unterlaß. Er ist glücklich, mit jemandem sprechen zu können, dem er sich rückhaltlos anvertrauen und von dem er etwas auS dem Ausland— über Oesterreich hören kann. Und dann wieder treffe ich eine jüdische Mutter. Ihr Bub geht in die Realschule. Getrennte Klaffen für die katholischen und für die jüdischen oder protestanttschen Schüler. Ja, das Rad wird rückwätts gedreht. Wie weit? Das hängt nicht vom Schuschnigg, nicht vom Starhemberg und nicht vom Fey ab. Die Wiener nehmen diese Herren nicht sehr ernst. Wer nicht ganz verrannt ist, lächelt über die Plakate, die die Oesterreicher auffordern, Oesterreicher zu werden. Die Arbetter find geblieben, was sie waren. Arbeitslosigkeit und Hunger drückt sie mehr denn je. Aber sie lassen sich nicht untettriegen. Der Kampfgeist lebt. Mit bewundernswerter Ruhe warten fie auf den Augenblick, der fie wieder aktiv machen wird.—ld— Seite 6 Dienstag, 25. Dezember 1834. Nr. 301 von der Schwerindustrie— trotz ihrer tagtäglichen, ja stündlichen Verbrechen— und trotz des mehrwertheckenden Opfertodes von Millionen immer und immer noch nicht erkannt haben. Das Erkennen dieser Rüstungsindustrien— wäre allerdings auch ihr wohlverdientes Ende... Doch was sehen wir statt besten? Ein Krupp, der wirklich nach 1918, zumindest für einige Zeit, fertig und aus dem Rüstungsgeschäft ausgeschaltet war, hat sich heute— und stärker denn je— wieder in das große Triebwerk eingeschaltet, das nicht nur den Fascismus und Nationalsozialismus großgemacht und an die Macht gebracht hat» sondern das auch— wenn es die Profite oder gar die„Rettung der Gesellschaft", also noch einmal die Profite und Dividenden erfordern—- den großen Krieg der Nationen andrehen wird. Wir meinen allerdings, daß es viel nationaler gedacht und gehandelt wäre, wenn unternommen würde, das internationale Rüstungsgeschäft an seinen Quellen abzustopfen. Unmöglich? Nichts ist auf die Dauer unmöglich, was große, zielbewußt geführte Volksmassen wollen. Allerdings bedarf es einer Führung. Und dann auch eines Zieles. Die Massen sind willig und, was mehr ist, fast allüberall in Bewegung. Nur kann diese Bewegung ebenso gut für den Krieg-wie für den Frieden ausgenutzt werden. Für den Krieg arbeiten die Krupp und Genoffen, wenn wir nicht— unter Einsatz unseres Letzten — für den Frieden wirken, wer soll es denn tun? Der Andere?'Nein. Zuerst und noch einmal und noch einmal pnd immer wieder: Du. Und wenn das so sein wird, dann werden sehr bald gar viele andere mit dir— mit uns— sein. Immer mehr, und immer mehr werdend, bis„unbesiegbar eure Menge"— schon Shelley sagte eS—„Zahllos seid Ihr— Nichts sind sie". Arthur Seehof. 10 Minuten Krupp und Genossen I Die gleichgeschalteten Museen das chen ner „der" Museumskäufer abstrakter modernen Säle waren gut. Was tun, nach dem Auf bruch der Nation? Dörner legte vor die Bilder seiner von ihm in Wort und Schrift aufs höchst« verehrten Meister auf Pulte schwarze Tafeln, weiß und rot beschrieben, mit. Texten, in denen er seine teuer gekauften Bilder verhöhnt und den dümmsten Instinkten der Museumsbesucher preisgibt. Klee, Feiniger, Nolde, Archipenko— er enthüllt sie jetzt als Dokumente des sterilen„liberalistischen" Zeitalters. Vor kurzem pries er sie noch als kommunistische Avantgarde. von überallher Waffen haben, soviel und welche! er auch nur will. Wenn— nach Larissa Reißner— in der Vorkriegszeit„ein einziges Wort des Agenten der Frima Krupp in Peking mehr wog, als die weitläufigsten Versicherungen der offiziellen Landesvertretung", so wird das heute kaum anders sein. Und man kann sich also in etwas vorstellen, was für eine Rolle die Herrschaften spielen, die heute, in intimster Zusammenarbeit, än einem großen Die Gleichschaltung auf dem kürzesten Weg hatte Mannheim 1933 vollzogen. Dort wurde Chagalls weltberühmtes, großes Oelblld„Der Rabbiner" auf einem Karren als Pranger durch die Stadt gefahren und öffentlich verbrannt—dd. Schneider-Creusot,. Herr Hora von den Skoda- „Kukz vor dem Krieg— so heißt es in einer! Werken, Monsieur Laurent von den Brünner scheu Gheto? Oder gilt der Judenparagraph nicht für Ausländer? Aber man hat doch Georg Brandes weggehängt! Aber Brandes war doch kein Maler? Nein, aber das Modell zu einem der drei ergreifendsten Altersbildnisse von Lovis Corinth. Weg .damit I A propS Corinth erzählt Berlin folgende Anekdote. Der Maler Franz Heckendorff ist natürlich Nazi geworden. Da er wegen Einbruchs im Wiederholungsfall, bei eigenen Freunden übrigens vorbestraft ist, eröffnet sich ihm in der Partei eine gigantische Karriere. Im Sommer lebte er von einem eleganten Weekend-Hotel, in der Nähe Berlins, ein beliebtes Absteigequartier höherer Parteiführer. Auch Hitler mit seinem Adjutanten war dort" zum Essen. Natürlich bittet Heckendorf, der„Führer" möge sich seine Bilder„ungestört" ansehen. Nach dem Rundgang bestürnit er den Begleiter:„Was hat Hitler gesagt? Bitte die Wahrheit." Der Adjutant zögert. Er ist schließlich zu Gast. Endlich gibt er nach. Also der Führer hat gesagt:„Dieselbe Klexerei wie Corinth". Es war Heckendorfs glücklichster Tag. Den Vogel der Gleichschaltung hat allerdings Museum in Hannover abgeschossen, wie Wippstand würde. Dessen Direktor Alexander Dorstand früher links von den Linksten. Er war Bilder. Seine Aus Berlin wird uns geschrieben: Nachdem die Gleichschaltung des ganzen öffentlichen Lebens erfolgt ist, haben die deutschen Museen auch nicht unterlassen können, ihr Jntellektopfer zu bringen. Wie man Museen klassischer Kunst gleichschalten kann,-ist allerdings eine Frage, die nur tiefste Unkenntnis stellen kann. So wenig die Museumsschätze Deutschlands mit Politik zu tun haben/ den meisten Direktoren ist es gelungen, sie hrtlerisch zu synchronisieren: durch Sonderausstellungen und Vorträge. Zitieren wir, waS allein jetzt in Berlin geboten wird. Das Kaiser-Friedrich-Museum hat eine Sorrderqusstcllyug,„Sport.und Spiel bei Griechen uni Römern". Dem Schmeck, die hergeführt werden, liefert der Lehrer den wehrsportlichen Kommentar. Niemals fehlt die Erklärung, daß die alten Griechen Germanen waren. In einer anderen deuffchen Stadt wird die Eingangstür eines Museumssaales durch zwei Büsten flankiert. Rechts ein Grieche mit dem Etikett: Nordischer Typus. Links ein Phantasieaffe mit dem Etikett: Negroider Urmensch. Aber weiter: TaS Münzkabinett zeigt„Deutsche Kriegsmedaillen", das Kupferstichkabinett„Die Kunst der gordischen Stämme und Völker", darunter Rembrandt. Seine herrlichen Judenbilder sind noch immer nicht im Depot. Das, Zeughaus zeigt Weltkriegsbilder von der Bogesenfront. Warum nicht endlich die Marneschlachtcn, wie sie wirklich waren? Das Museum für Völkerkunde ist erbhösisch eingestellt. Seine Ausstellung heißt:„Vom Grabstock zum Pflug." Auch die Privatgalerien bleiben . Ferdinand Möller hat eine Schau „Nordisches Land". Weniger Charakter hat die Moderne Galerie im Kronprinzenmuseum. Alle bekannten jüdischen Maler sind weggehängt. Aber ein neuer ist eingezogen: der große, frühverstorbene Amadeo Modigliani. Sein Mädchenbild mit dem Blick unendlicher Trauer verfolgt den Betrachter noch, wenn er weitergeht: Wußte man nicht, daß Modigliani mütterlicherseits von Spinoza abstammt, väterlicherseits aus dem römi- gehen die Geschäfte und Beziehungen in und durcheinander, und lediglich die Massen der Völker sind die gutgläubigen Lämmlein, die die„nationalen" und ach so tüchtigen„Wirtschaftsführer" Was war das für eine ganz große Silence I stungswettlauf verstärkt wird, indem ein Land Hotel in Shanghai sitzen und— natürlich keine nird dann auch für ein wirres Durcheinander und gegen das andere ausgespielt wird." Was heute Politik machen sondern lediglich Waffen verkau- Aufgeregt sein, als der Senatsausschuß zur Un< geschieht, war also schon damals und noch viel, fen. Da ist zu treffen Monsieur Marchand von tersuchung der amerikanischen Rüstungsindustrie^ viel früher.& 1«»-*■*- einiges von den Geschäften der Electric Boat Com-„, pany in New Jork und der Vickers-Armstrong Ltd. Arbeit„Krupp und Esten" der genialen Larissa i Waffenfabriken, Mister Zunder^von Vickers-Am- in London feststellen konnte. In einigen Blättern tat man wirklich so, als hätte man etwas ganz, ganz neues erfahren, etwas worüber unser braver Mond nicht schon so oft mehr als nur ein Auge zugedrückt hat. Schließlich hätten die aufgeregten Redakteure amerikanischer und europäischer Blätter aus einer ganzen Reihe von Publikationen schon längst fast alles wissen können, was jetzt im USA- Senatsausschuß zur Verhandlung kam— wenn eS ihnen nur jemals eingefallen wäre, in aktuellen Büchern zu lesen. Wenn sie vor lauter Tempo und Aktualität auch nur einmal dazu kämen, das wirk lich Aktuelle und Wichtige zu sehen. Und wenn sie es schon sehen auch zu berücksichtigen und mitzu teilen./ Schon im Jahre 1932 konnte die Union os Democratic Control eine Schrift„The Secret In ternational" veröffentlichen, in der das interna tionale Waffen- und Giftgasgeschäft in aller Ein deutigkeit beweiskräftig dargestellt wurde, dann brachten— wir glauben es, es war im Jahre 1933— die Amerikaner Hanighen und Engel brecht(H. C. Engelbrecht ist Redakteur für Ge- s schichfe an den„Social Science Abstracts") eines Arbeit„Merchants of Death" heraus, in der sie eine Anklage erheben konnte» die umfassender und^ gewaltiger ist, als die, die der USA-Senatsaus-! schuß bis heute formuliert hat. Weiterhin mag j hier, außer auf die Schrift von Richard Lewinsohn> (Morus) über Sir Basil Zaharoff(die sich nicht gerade durch Weitblick und Aktualität auszeichnet), auf die Arbeit von Guiles Davonport, die in Bo ston erschienen ist und ebenfalls über' Zaharoff handelt, aufmerksam gemacht sein. Dann hat z. B. H. C. Engelbrecht in verschiedenen amerikanischen Blättern wie„The World Tomorrow" usw. lange vor dem Zusammentritt des Senatsausschuffes; über die Geschäfte der blutigen.Internationale ge handelt. Doch warum, wenn es sich um das verbreche rische Tun der Rüstungsindustrie handelt, bis aus die andere Seite des Globus gehen, bleiben wir bei uns, in Europa, bleiben wir— für diesmal —- nur in Deutschland, und es dürste zur Genüge klar werden, daß es niemals eine nationale Rü stungsindustrie gegeben hat. Wer sehr viel und vollkommen einwandfreies Material zum Thema deutsche Rüstungsindustrie haben will, dem seien von Arthur Saterpus«Die-Schwerindustrie in und nach dem Kriege", die anonym erschienene Arbeit„Hinter den Kulissen des französischen Journalimus", von Otto Lehmann.Rußbüldt„Die blutige Internationale der Rüstungsindustrie", weiterhin Louis Launay und Jean Sennac„Les Relations Internationales des Industrie de Gu- crre",„Marchands de Canons", die verschie densten Schriften von Delaisi und last not least von H. R. Murray„Krupps and the In ternational Armaments Ring" empfohlen. Es ließe sich hier noch die eine und andere Arbeit an führen, doch wir wollen schließlich keine Biblio graphie des internationalen Rüstungsgeschäftes geben sondern lediglich an einigen Beispielen zei gen, daß die Enthüllungen des USA-Senatsaus schusses keineswegs Enthüllungen gewesen sind sondern lediglich Wiederholungen. Wiederholun gen auf einem Klavier, das schon seit Jahrzehn ten in Mißtönen klingt. Schließlich hat sich sogar einmal, ein Sonder ausschuß des Völkerbundes mit der Tätigkeit der Rüstungsindustrie beschäftigt. Allerdings ist das Material, das die Nachforschungen ergaben, nie mals veröffentlicht worden. Veröffentlicht sind lediglich die Schlußfolgerungen, zu denen dieser Ausschuß im Jahre 1921 kam. Und die sagen u. a.:„daß Rüstungsfirmen internationale Rü stungsringe organisiert haben, durch die 8er Rü- Neißner—, ich glaube, es war 1913, sagte Krupp. strong und— er ist auch schon wieder da— Herr auf einem Pressebankett die geniale Phrase, die! Kornwalzer von der Firma Krupp. Sie machen ebenso bemerkt wurde wie vor vierzig Jahren der! aber nicht nur jeder für sich Geschäfte, o nein, Stahlklotz:„Eine Fabrik muß sich ihre Nachftage sie machen sie alle sehr schön und friedlich zusam- selbst schaffen." Nun Krupp machte Kanonen und men. So schanzt der eine dem anderen und umge- der Krieg war fein Käufer." Damals wie immer.' kehrt Aufträge zu. Und ist einmal Not an Mann, Als sich im April 1866 der preußische! dann hilft Herr Kornwalzer sehr gern Monsieur Kriegminister von Roon mit der vertraulichen! Marchand oder Mister Zunder aus, wie auch die Bitte an Krupp wandte, mit Rücksicht auf die po-! wieder Herrn Kornwalzer oder einem anderen. Es litische Lage keine Kanonen an Oesterreich zu lie-[ wäre ja auch unverständlich, wenn es anders fern, da redete sich Herr Krupp mit bestehenden! wäre. Denn besteht zwischen der verschiedenen Verträgen und ähnlichem heraus, und schließlich Rüstungsindustrie nicht allerengste Liierung z. B. beschossen sich beide, Oesterreicher wie Preußen,| in den. Stahlwerken von Puchow in China? Diese aus Kruppschen Kanonen. Nur das die Ocsterrei-. Werke sind von Krupp gebaut. Ihr Rohmaterial cher ihre Kanonen wohl weniger teurer eingekauft erhalten sie von der„Societe hunanaise de traite- haben, als die Preußen. Denn während der Pa-! ment de minerai" in Siang-Kiang. Diese Gesell- triotismus des Herrn Krupp der wilhelminischen schäft ist Eigentum einer französisch-chinesischen Flotte Nickelstahlpanzerplatten für 2300.— Mk. j Schneider-Creusot-Gruppe,' in*der neben der die Tonne verkaufte, lieferte er die gleichen Pan-; französischen Gruppe von Olivier, die deutsche zerplatten für 1900.— Mark die Tonne an aus-, Gruppe von Schnabel und die FrankfurterMe- ländische Mächte. Weiter. Bis zum Jahre 1911- tallgesellschaft figurieren. Weiterhin ist die Oli- hatten die Krupp-Werke 53.000 Kanonen fertig- pier-Gruppe mit der amerikanischen Metallfirma gestellt, aber nur 26.000 dieser Kanonen sind in Schnabel-Gaumer liiert, die in Europa durch das Deutschland geblieben, 27.000 sind an 52 der- Haus Lissauer in Köln repräsentiert wird. So schiedene Auslandsstaaten gegangen. Wie Krupp, so machten es natürlich auch die anderen„nationalen" Rüstungsindustrien, die- „Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken" in Karlsruhe, die der aus der Bullerjahn-Affäre be kannte Paul von Contard leitete, Thyssen, Stinnes, und manche andere mehr. So lieferte z. B. der stramme Nationalsozialist Thyssen während des Krieges Jnfanterieschutzschilde, die er an die deutsche Heeresverwaltung mit 117.— Mark für das Stück verkaufte, für 68.— Mark über Hol land an die Entente-Mächte. Dann ist— auch , dies nur als Beispiel für viele ähnliche Geschäfte — der Stacheldraht, in dem Lie deutschen Douau- monf-Stürmer vor Verdun hängen blieben, von den Magdeburger Draht- und Kabelwerken wäh- - rend des Krieges über die Schweiz nach Frankreich geliefert worden. Daß die Rüstungsindustrien der anderen Staaten Gleiches und Aehnliches taten — nichts ist, vom kapitalistischen Standpunkt aus gesehen, selbstverständlicher und natürlicher. Es wäre nun ein toller Wahn zu glauben, dieses internationale Geschäftsgebaren der Rü-! stungsindüstrie' hätte in der Nffch'ftMKzeit'Aach-’ gelassen. Im Gegenteil, es ist immer umfassen-! der gefährlicher geworden. So find auf dem: Kriegsschauplatz des Gran Chaco Waffen aus\ aller Herren Länder zu finden, zum Teil auch i Waffen, die ihre zum erstenmal zur Anwendung> gelangen, gewissermaßen als Generalprobe für. das kommende Weltgemetzel. Und MUitärmistio-! nen aus den verschiedensten Ländern verfolgen! hier, im Gran Chaco, in dem blutigen Versuchs laboratorium des kommenden Krieges das Funk tionieren der Werkzeuge und Maschinen, die wäh rend des letzten großen Krieges noch unbekannt! waren. Weiter sind während der chinesisch-japani schen Kämpfe auf den gleichen Schiffen, von den gleichen Firmen Waffen sowohl nach Shanghai wie nach Uokohama gegangen. Und auch während! des chinesischen Bürgerkrieges sind die verschiede-! neu kriegführenden Parteien von ein und densel- ben Firmen beliefert worden. Wer Geld hat, kann!, ur ü> Weihnachten in der* USSR Soweit man überhaupt von Weihnachten in der USSR sprechen kann, muß gesagt werden, daß sie zeitlich nicht mit unseren Weihnachten zusam- mcnfallen. Denn obwohl die Sowjets den alten gregorianischen Kalender beseiftgten, halten die, die noch die Feiertage begehen, zäh an ihm fest. So feiern diese Kresse ihren Weihnachtsabend nicht am 24. Dezember, sondern 13 Tage später. Im Straßenbild sieht man keine Aenderung. Nur, wenn man die sogenannten„freien" Kommerzläden beobachtet, in denen man so gut wie ohne Beschränkung Butter, Wurst, Fleisch, Schokolade, Zigaretten, Weine, wenn auch zu einem mehrfachen der Kooperativpreise, kaufen kann, sieht man, daß die Läden voller sind als sonst, daß Käufer mit kleinen und großen Paketen über die Straßen eilen. Ein Funkttonär des„Bundes der kämpfenden Gotllosen" verriet mir, daß vor Weihnachten 1933 die Tagesumsätze der Kommerzgeschäfte sich in Moskau und Leningrad gegenüber dem normalen Durchschnittsumsatz fast verdoppelt hatten. In den wenigen Kirchen, die die Großstädte noch haben, drängen sich die Menschen, zelebriert der Pope in großem Ornat die Weihnachtsmesse. In Moskau selbst, in einem winziKn Kirchlein in der Nähe des Roten Platzes erlebte ich, wie sich die „Internationale", das Glockenspiel vom Kremlturm, in den Kirchengesang mischte.— Weihnachtsfeiern im Hause sind offiziell nicht verboten, wie die Sowjetregierung überhaupt weniger in die rein private Sphäre eingreift, als allgemein angenommen wird. Sie weiß, daß Verbote nur zur Uebertretung reizen und bevorzugt die indirekte Methode. Am Weihnachistag werden regelmäßig antireligiöse Feiern in den Klubs, Kulturhäusern» Roten Ecken der Betriebe veranstaltet, um die Leute von Zuhause fortzulocken. Außerdem gibt es den„moralischen Druck". Die als„religiös" Verdächtigen erblicken ihre mehr oder minder gelungenen Karikaturen einige Tage vor dem Fest in der überall vorhandenen Wandzeitung mit einer Unterschrift„Iwanow feiert die Geburt des Christkindleins", wobei das„Feiern" meist als reichlicher Genuß von Wodka dargestellt wird. Auch auf andere Weise erschwert man die Weihnachtsfeiern. Tannenbäume dürfen auf der Straße nicht verkauft werden, sie„schwarz" in den ausnahmslos dem Staat und den Gemeinden gehörigen Wäldern zu fällen, ist„Diebstahl gesellschaftlichen Eigentums" und wird mit nicht unter 5 Jahren Gefängnis oder Zn^augSarbeit bestraft. Und trotzdem finden die Russen immer wieder Mittel und Wege, sich ein, manchmal ganz winziges Bäumlein zu beschaffen, dessen ganz spärliche, auch heute noch schtver zu beschaffende Kerzen sie heimlich, bei fest zugezogenen Fenstern und verschlöffenen Türen anzünden.-— Ich sah in den Kirchen neben alten Leuten auch ganz junge, solche, die vom ersten bis zum letzten Jahre ihrer Erziehungsperiode Sowjetschulen besucht haben mußten, auf die kein Einfluß von früher gewirkt haben konnte. So fragte ich einen Bekannten, der mir nach langem hin und her gestand, daß er Weihnachten gefeiert hatte. Nach dem warum.„Um den Kindern eine Freude zu machen..." Ich sah ihn lange prüfend an. Da rückie er endlich heraus:„Und auch, um selbst mal eine andere Atmosphäre zu spüren. Religiös bin ich bestimmt nicht. Aber sehen Sie, das Leben ist so hart, so rücksichtslos und schwer. Im großen genau so wie in Kleinigkeiten. Und da ist es ganz schön, mal nicht an falsche Akkordsätze,, Brotpreis- erhöhungen, an die Drängelei in der Straßenbahn zu denken. Da gehe ich, das einzigemal im Jahre in die Kirche, hör die schönen weichen Lieder. Und wenn wir dann nach Hause kommen, ist meine Frau nicht verärgert und nervös,, wir packen die feinen Ehwaren aus, für die wir uns das Geld seit langem zusammensparten, die Kleinen sind froh und lustig, und wir verleben beim Schein der Lichter einen schönen Abend." Als ich dieses Gespräch meinem Freund von den Gottlosen erzähüc, war er gar nicht erstaunt. „Da sagst Du mir nichts Neues. Es ist eine alte Geschichte, daß der Mensch aus den Mühen des Alltags in das Reich des Mythos flüchtet, ob das nun die christliche, die mohammedanische, die jüdische Religion, der Spirittsmus oder sonst etivas ist. Er sucht sich dort den Halt und den Trost, den er im Leben nicht finden kann." Damals verstand ich erst wirklich, warum noch heute so viele Menschen, die mit beiden Füßen lernend, arbeitend, organisierend im Sowjetleben stehen, Kirchen besuchen, Weihnachten feiern. Ich verstand, weshalb die Sowjetregierung in den letzten Fahren, besonders seit 1932, die antt- religiöse Propaapnda abgebremst, weniger aggressiv gestaltet hat. Und ich muß wieder den Funkttonär der „Gottlosen" zitieren, der mir zum Schluffe sagte: „Solange wir den Leuten keine besseren, größeren Wohnungen geben können, solange die meisten Löhne niedrig, die Preise hoch sind, erzählen wir der Masse umsonst von KopernikuS, Galilei, Häckel und Darwin. Wir werden erst dann I>en wissenschaftlich begründeten Atheismus in der Masse verankern können, wenn es uns'gelungen ist, eine heitere, ftohe Wirllichkeit zu schaffen, aus der man nicht in das Surrogat des Mystizismus zu flüchten braucht. Dan» wird cs auch wohl keine heimlich gefeierten Weihnachten mehr geben." «. RudoH. *r. 301 Dienstag, 25. Dezember 1934 Seite 7 Weihnachtsphantasie 1934 In jedem Mann« steckt ein Kind. Das will spielen. Nietzsche. Die Maschinengewehre ratterten. Die Flags spritzten weiße Wölkchen in die Luft. Flugzeuge jagten einander» warfen Bomben ab, träufelten den„Tau des Todes"(eine Chlor- phenylarsinverbindung) auf die aufgewühlte Erde, Tanks fuhren sich gleich rasenden Untieren in die Flanken... Aus der rauchenden, krachenden, zischenden Vernichtung drang kein menschlicher Laut. Fegte der Sturm über das Land, sah man zuweilen furchterregende Gestalten in Gräbern und Trichtern hocken, aus den Maschinen klettern, sinnlose Bewegungen vollführen, bis sie endlich hinschlugen, oder sich eine häßliche Maske vom Gesicht rissen. Dann kamen grauenhaft verzerrte Mäuler zum Vorschein, Augen, die aus ihren Höhlen hingen, Blut, Speichel und Ueberreste von Menschenfleisch. Mitten in dieser Hölle tauchte ein Kind auf. Es hatte ein blaßrosa Hängekleidchen an, darauf waren zarte Kränzchen pastellfarbener Blüten gestickt. An den Füßen trug das Diädchen -— es mochte sieben oder acht Jahre alt sein— weiße Schuhe und ebensolche Söckchen. Seiire Locken glänzten wie ein Aehrenfeld, auf das die Morgensonne scheint. Und die weiße Seidenschleife leuchtete wie ein großer Falter. Es war ein wunderschönes Kind. Niemand wußte, wieso es in diesen Wahnsinn aus Giftgas und explodierenden Granaten gelangte. Plötzlich schwieg der Lärm. Scheu krochen die Soldaten näher, verließen die Tanks und die Geschützstände. Die Flugzeuge kamen zur Erde herab. Die Piloten jedoch entsicherten die Maschinenpistolen. Vorsicht war geboten. Die kühnen Männer hatten nicht die Absicht, einem Trick des Feindes ins Garn zu gehen. Vielleicht war dies Wunder eine Kriegslist? „Wer bist du?", fragte endlich einer.(Er erschrak heftig, als er seine Stimme hörte.) „Ich bin euer Kind", antwortete das Mädchen furchtlos. „Die Krieger sahen sich an und gröhlten: „Hahaha! Unser Kindl... Unser Kinder sind daheim!" „Wo denn?" „Na— in Wien", sagte einer.„In Berlin", erwiderte ein anderer.„A Paris!" meldete sich der Dritte.„In London— surel", fiel der Vierte ein. „.. Es gibt kein London mehr. Paris ist zerstört. Berlin verschwunden—", kam es. leise von den Lippen des Kindes. „Aber der alte Steffel—?!", rief schmerzvoll und ungläubig ein Soldat. „Ist ein Trümmerhaufen— so wie die ganze Weft..." „Unsere Frauen?"„Tot."„Meine Mutter—?"„Meine beiden Jungen?!"„Tot, alle tot... Habt ihr das nicht gewußt?" Das Mädchen stand aufrecht im Kreise der schauervollen Gesichter, aus denen die Augen wie Irrlichter funkelten. Reggh... k Paulon..*! Mizzi... t Enrico... l Namen wurden gemurmelt und sie türmten sich zu der Frage:„Ja, wozu kämpfen wir denn dann? Warum? Pourquoi?WHY?!!" „Weil E r es will...!", gab das Kind zurück. „Dann laßt uns zu ihm gehen! Komm Mädel, führ uns!" I ... Sie stießen die Tür auf, drängten über die Schwelle.* „Maria—I", rief er überrascht und sah von seinem mächtigen Diplomatenschreibtisch auf.„Was wollen die Leute hier? Mit ihren dreckigen Stiefeln ruinieren sie mir den teuren Teppich!.... Ihr seid wohl verrückt!?", brüllte er sie an. Einige wurden sofort eingeschüchtert und entschuldigten sich, sie hätten sich draußen abgeputzt. Andere aber schrien:„Ja, wir waren verrückt! Mer jetzt sind wir vernünftiger geworden!.... Wir wollen nicht mehr kämpfen!" Er stand starr.„Was? Nicht mehr kämpfen? Was fällt euch ein? Wovon soll ich denn leben?" „Das ist uns gleichgültig!" „So, das ist euch gleichgültig— ihr Egoisten! Ihr gottlosen Kerle! Heißt es nicht in der Bibel: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!?" Sie schwiegen betroffen.„Das schon.... Aber es heißt auch: Friede auf auf Erden!" entrang es sich dem Sprecher der Soldaten. „— und den Menschen ein Wohlgefallen!.. Sagt selbst: Hat euch der Frieden Wohlgefallen? Habt ihr nicht immer gejammert und geklagt und euer Leben verflucht? Haben eS nicht Tausende von euch im Frieden weggeworfen? Und jetzt paßt euch der Krieg auch nicht? Was wollt ihr denn, ihr Nörgler, ihr Ewig-Unzufriedenen?!" Er trat dicht an sie heran. Bor seiner Kraft und Energie erzitterte die Masse. „Gott hat gesagt: Du sollst nicht toten...", wagte einer ganz rückwärts leise zu sprechen und duckte sich sogleich, damit ihn Sein Auge nicht erspähe. E r lachte überlegen.„Dummköpfe! Ihr tötet doch nicht! Ihr verteidigt die heiligsten Güter! Eure Ehre, euer Vaterland, unser Geld— eh, ich meine... und der Held... wird siegreich heimkehren!... Hat nicht Gott durch den Mund seiner Priester eure Waffen gesegnet?... Nun?... Ich frage dich!" Er faßte den Nächfistehenden am Waffenrock. „Zu Befehl!" „Und dich!" „Jes, sir." „Und dich!" „Oui, M'sieur." „Und dich!" „Si, si, Signor!" „Seht ihr!", scholl es triumphierend aus seinem Munde. „Wberr ssu denken:— Roma, der ewige SStadt... caputt! Alles caputt... Serr traurig, molto triste...!" „Paris!... verniktet... olalal... Le Louvre... Tour d'Eifel... le Bois de Boulogne, les cafes, l'Opera— seehr föne Dingel Tres jolis— et maintenant—-... c'est dommage, n'est ce Pas?" „Berlin..!"„London.. l"«Wien.. l" „Wir werden sie neu und schöner aufbauen! Krieg schafft Arbeit!" trompetete er. „O meine Mutter..", weinte plötzlich einer. „And daddy..." „Schlappschwänze! Sie waren ohnehin schon alt und fielen dem Staat zur Last." „Aber unsere Kinder!!", drÄhnte der Chor, wie von einem unsichtbaren Dirigenten geführt. Angstschweiß trat auf Seine Stirne, er wich bis in die hinterste Ecke zurück, er hielt die Hände abwehrend und flehend vor sich, aber seine Finger konnten die Frage nicht aufhalten:„Wo sind unsere Kinder?" „Ich weiß es nicht... Es tut mir leid, um eure Kinder! Ich bin unschuldig. „Auch qm Tod deines Kindes?" Der Luxuszug entgleist Von Klans Klassen Der Lokomotivführer des LuxuSzuges Paris —Cannes sitzt im Erholungsraum des Bedienungspersonals des Bahnhofes von Marseille. Er hatte den Zug in rasendem Tempo von Lyon bis Marseille geführt und war eben angekommen. Erst mit dem Nachtzug sollte er wieder an die Ausgangsstation zurückkehren. Jean Pinson ist ein klotziger Mann mit breiten Schultern, einem enormen Brustumfang, derben Händen und wuchtigen Beinen. Dieser Menschriese paßt so recht in den Lokomotivriesen hinein. So wuchtig Jean Pinson äußerlich erscheint, innerlich ist er ein sanfter, ruhiger Mensch, naiv wie ein Kind. Er hat keinen Feind, hat niemand verletzt oder beleidigt. So sitzt er auch jetzt ruhig und zufrieden bei grünen Oliven und einem Stück gebratener Muräne und trinkt dazu ein Glas Besuvio. Noch eine kurze Kartenpartie mit Kollegen und dann rasch niedergelegt und einige Stunden Schlaf, um abends zur Heimfahrt wieder gerüstet und ausgeruht zu sein. Da tritt ein Mann in den Raum, und fragt nach Jean Pinson und übergibt dann diesen einen Brief. Der Mann verschwindet ebenso rasch, wie er gekommen war, und der Lokomotivführer dreht unschlüssig und erstaunt den Brief in den flotzigen Händen rundum. Endlich bricht er ihn auf nd liest. Jean Pinson liest langsam, denn Lesen ist niemals seine Sache gewesen. Aber dafiir liest er gründlich. Er liest. Er liest lange Zeit. Seine Hände beginnen zu zittern und auf die Stirne tritt „Meines Kindes? Mein Kind lebt doch!" Und in jähem Entsetzen:„Maria! Maria! Wo bist du?!" Das Mädchen im rosaroten Kleidchen trat dicht vor ihn hin.„Hier Vater!" „Ich kann dich nicht sehen!" „Weil ich tot bin, Vater! Eine Granate aus deinem neuen Weihnachtsmodell Z 5666/1 hat mir den Kopf weggeriffen—"\ Der Mann sperrte stöhnend die Augen auf/ „Verzeihen Sie, Herr Chef, daß ich Sie in Ihrer Mittagsruhe gestört Habel", wiederholte Herr Metzle, der Geschäftsführer.„Ich möchte nur fragen, ob ich die neuen Weihnachis- modelle B 444/11 Sterbende und verwundete Soldaten und die modernen Bomber, Modell Z 5666/1, die sich Herr Chef zur Ansicht Herausnahmen, in die Auslage geben soll?" Der Chef starrte auf die Zinnsoldaten vor sich auf dem Tisch.„Ja, natürlich...", sagte er dann langsam. Der Geschäftsführer räumte das Spielzeug sorgfältig in einen Karton. Der Chef erhob sich.„Wie geht es unten?" -„Unberufen— ausgezeichnet! Jetzt habe ich eben eine komplette Schlacht verkauft." „So..Der Angestellte wunderte sich, weshalb der Chef kein erfteuteres Gesicht machte.„Hat jemand angerufen?" „Nur das kleine Fräulein." „Maria?" „Ja, ich sagte ihr, daß ich jetzt nicht stören dürfe... Sie wollte nur guten Tag sagen... Ein reizendes Kind..." „Ja. Hören Sie, Metzle, ich möchte Sie bitten streng darauf zu achten, daß Kampfflugzeuge, Geschütze, Tanks und die neuen Gummigranaten nur an die reifere Jugend verkauft werden!" „Selbstverständlich, Herr Chef! Die Kleinen sind ja sowieso noch zu dumm dazu i.. I" Devot ließ er dem Chef den Bortritt, der sich festen Schrittes in die Berkaufsräume begab. HansLeoReich. Schweiß. Er preßt die Lippen zusammen und blickt irr über den Tisch. Dann springt er auf und stürmt aus dem Raum. Im Gebäude gegenüber reißt er«ine Tür auf und schon steht er vor dem Bahnhofsleiter, der erstaunt aufsieht. „Ich kann nicht bis zum Nachtzug warten, Herr Vorstand. Ich muß den Mittagszug nach Lyon zurückführen. Ich springe ein." Er sprudelt diese Worte mit äußerster Hast ungelenk hervor. Die Kappe hält er verlegen in beiden Händen und in den Augen glost chaotische Verzweiflung. „Es geht nicht!" erwidert erstaunt der überrumpelte Borstayd. „Es muß gehen!" stößt Pinson hervor. Jetzt stützt er sich wuchtig auf den Schreibtich und schiebt seine massig« Gestalt an den Borstand heran.„ES muß. Ich habe Sie niemals um etwas gebeten, Herr Vorstand. Mer heute bitte ich Sie— wie ein Kind—, es muß gehen!" Es scheint, daß in den treuen Augen des Riesen Pinson Tränen stehen. „Was ist denn geschehen?" Pinson gibt keine Antwort. Weiß er keine oder will er kein« geben? Jedenfalls schweigt er. Mer der Vorstand blickt in die Augen des guten Riesen und merkt: der muß! Da stimmt etwas nicht, aber er muß eben. „Gut. Ich lasse Sie einspringen, Pinson. Wer machen Sie mir so eine Sache nicht wieder. Ich liebe nicht derartige Ueberraschungen, die der Dienst nicht immer vertragen kann. Sie führen also den MittagSluxuSzug nach Lyon, statt des AbendzugeS. Gut!" „Ich danke!" gibt der Riese als einzige Antwort zurück. Die Worte fallen leise, langsam, schwer; sie atmen Dankbarkeit, die nicht an die Was schenken Sie zu Weihnachten—.—? Interviews mit Prominenten. Unser Pi-Korrespondent hat einige bekannte und einige allzu bekannte Zeitgenossen über Weihnachten, bzw. die Frag« der Weihnachtsgeschenke interviewt: Hitler, Adolf, Reichskanzler: „Ich schenke dem deutschen Volke zu Weihnachten mancherlei. So die B r o t m a r k e, sinnige Erinnerung an Deutschlands größte Zeit. Die E r s a tz st o f f e. Sie tragen sich wunderbar, dürfen jedoch niemals in den Regen kommen. Die T e u e r u n g. Es ist ein Vergnügen, im erwachten Deutschland, für mehr Geld weniger Ware zu erhalten! Ein neues Konzentrationslager. Ein Volk kann nicht genug Erholungsheime besitzen! Gesunkene Löhne! Denn für die Arbeiter, die vom„deutschen Sozialismus" geschlagen sind, ist Geben seliger denn nehmen! Die Bolksgemeins chaft. Sie ist ein kostbarer Besitz— für den Unternehmer, sichert sie ihm doch den schrankenlosen Profit, unbehindert von den überwundenen Methoden des jüdischmarxistischen Klassenkampfes. Dem Kollegen G o e r i n g schenke ich ein altgermanisches Trachtenkostüm, Daß ich dem deutschen Volke meine» Abgang schenken werde, stimmt nicht und wird hiermit dementiert!" Schuschnigg, v., K., Bundeskanzler: «Ich schenke allen wahren Oesterreichern das Trümmerfeld, das ich einst zu hinterlassen gedenke. Weiterhin die christlich- katholische B a r m h e r z i g k e i t, die sich sinnbildlich ausdrückt in den Galgen der Febertage von 1934.— Den gelben Volksgenossen schenke ich das Vermögen der marxistischen Arbeiterverbände, das nicht mir gehört. Ich gebe stets gern, was ich anderen genommen habe. Den Nazis schenke ich die Freiheit und die notwendigen Böller für die kommenden Bersöhnungswochen. Der Vaterländischen Front schenke ich die Futterkrippe, die mit der Weihnachtskrippe höchstens den zweften Teil des Namens gemein hat. Herrn v. P a p e n schenke ich ein in purem Neugold angefertigtes Gebiß als Ersatz für jenes, das ihm in den stürmischen Tagen um den 30. Juni 1934 ausgeschlagen wurde. Den Arbeitern schenke ich die Delogierung, den Rentner den Verlust der Pension, den Zeitungen einen Autoritären Maulkorb, den Juden die Möglichkeit, den österreichischen Antisemitismus zu ftnanzieren und dem lieben Gott die Bilanz meines bisherigen christlichen Wirkens im Vaterland." Henlein, Konrad, Turnlehrcrführer:, Ich schenke meinem Führer Adolf Hitler mein ganzes Herz, dem tschechoslowakischen Staat meine entsprechende Loyalität, und den Dummen, die nicht alle werden, meine „Rundschau". Dem„Bund der Landwirte" schenke ich einen Sarg, geschmückt mit den Farben der ,Leimatfront" und mit der Inschrift:„In treuer Freundschaft" am Fußende. Dem Gesundheitsministerium schenke ich die diversen Z ä h n e, die ich mir an der„sterbenden Sozialdemokratie" ausgebissen habe. Mir selbst schenke ich eine neue Tarnkappe und dem sudetendeutschen Volke ein braunes Eintopfgericht, an dem es sich totsicher den Magen verderben wird!" Außenwelt kann, aber innerlich aufkeimt. Der Vorstand nickt und Pinson verläßt den Amtsraum. Der Riese steht bei seiner Lokomotive. Er betrachtet sie liebevoll wie ein Lebewesen, bevor er auf sie hinaufflettert. Der Heizer klettert hinter ihm. Pinson hat in der Zwischenzeit den Brief wiederholt gelesen. Hafte ihn auch ganz verstanden. Jedenfalls hatte er jeden einzelnen Buchstaben herausgefaßt und zergliedert, um sich zu vergewissern, daß er nicht träume. Mer trotz aller Grübelei ist nichts anderes herauSgekomme» als der ftockene Sinn, den er auch schon beim ersten Lesen erfaßt hafte. „Werter Herr! Ich test« Ihnen mit, daß Ihre Frau Sie betrügt. Während Ihrer Fahrt nach Marseille hält immer der Wagen des Advokaten Bonmille aus Serriöre vor Ihrem kleinen Haus. Fahren Sie mit dem MittagSzug zurück und Sie werden sich überzeugen können— Einer, der es ehrlich meint." Pinson zieht die Hebel bei der Lokomotive an, um sich zu überzeugen, daß sie alle funktionieren. Er macht die? Mechanisch, innerlich ist er vor seinem kleinen Haus in Le Pcngc, das von der Bahnstrecke aus zu sehen ist. Es ist doch nicht möglich! DäS Abfahrtszeiten wird gegeben und der Zug donnert aus der Halle. Langsam, majestä tisch, anfangs; bald aber rattern die Waggons mit jägender Eile über die Wechsel und Schwellen. Eisen auf Eisen erdröhnt und zischende Dampflraft jagt die Eisenmasse des Zuges über die Schienen in das Land hinaus. Das ist docki unmöglich! Wohl ist Claire eii' sehr schönes Weib. Das ganze Dorf sieht auf sie und wenn sie nach Lyon kommt, dann bleiben aut Weihnacht des Diktators Veite 8 DienStag, 25. Dezember 1934 Nr. 301 fudetendeutstfier Xeitfspiegef Der deutsche Arbeitsplatz und die Dtirgerpressc Immer wenn irgendwo ein deutscher Arbeitsplatz verloren geht, Weitz die nationalistische Bürgerpresse sofort, wer daran schuld ist: der Marxismus! Es kann zehnmal erwiesen sein, datz die Unternehmer.— mit Herrn Hodäk und den Magnaten der Zivnobank im Svaz prümyslniku verbunden— schuldig sind oder wenigstens nichts getan haben, einem deutschen Arbeiter das Brot zu wahren, es mag erwiesen sein, datz die deutschen Unternehmer selbst die schlimmsten Terroristen sind, es mag klar zutage liegen, datz die sozialdemokratischen Organisationen alles getan haben, den Schlag abzuwenden oder zu mildern;: der Effekt bleibt der gleiche— schuld sind die Roten! So war es auch, als das Margarinekontingent für die nordböhmischen Fabriken gekürzt wurde. Nicht die Unternehmer, die keinen Finger gerührt haben, nicht die Agrarier, die das Kontingent betrieben haben, sondern die Sozialdemokraten waren schuld. Anders aber, wenn ein Erfolg erzielt wurde. Dcmn schweigt die Bürgerpresse entweder oder sie bestreitet in der frechsten Weise, datz die Sozialdemokratie ein Verdienst an dem Erfolge habe. Die gerechtere Verteilung der Kontingente, die dazu führt, datz den Arbeitern die Arbeitsstellen in den nordböhmischen Margarinefabriken gesichert werden, ist nach den Behauptungen der Henleinblätter kein Verdienst derMarxisten. Wir sollten uns, meint das nordböhmische Blatt des JndustriellenverbandeS, nur nicht rühmen. Die Neuaufteilung sei ausschlietzlich auf die Einsicht und Gerechtigkeitsliebe des Ministerpräsi- denken zurückzuführen. Es liegt uns fern, das Verdienst des Ministerpräsidenten um das Zustandekommen der Einigung in einer volkswirtschaftlich so wichtigen Frage zu schmälern. Aber wenn Malypetr der gerechte Richter war, was wir nicht im entferntesten bestreiten, so waren die Sozialdemokraten die Anwälte der Arbeiterschaft, und ohne das Wirken der sozialdemokratischen Funktionäre, von den Vertrauensleuten der Partei und Gwerkschaften im Ekbegebiete bis zu den Ministern, wäre es nie zu einer so gerechten Lö- sung gekomnM.. Di«! BüpgeMrxsse richtet, sich mit chrer" demagogischen Entstellung der Sachlage in den Augen anständiger Menschen selbst! klner Kokainhändlerbande auf der Spur Der Polizei in Türmitz in Aussig ist es gelungen,. eine internationale Rauschgift-Schmuggler- und Händlerbande zu entdecken. Sie verhaftete einen Gärtner V 5 l k e l t, der sich durch sein Aussehen als Rauschgiftsüchtiger verdächtig gemacht hatte. Im Laufe der Vernehmung gestand der Verhaftete ein,.ein Mitglied, bzw. Werkzeug einer internat. Bande zu sein. In der sächsischen Strafanstalt Waldheim lernte er einen berufsmäßigen Kokainhändler kennen. In Reichenberg besuchte ihn ein David Rubin,"der ihn den Antrag machte, sich in den Dienst des Rauschgifthandels zu stellen. Er bekam danU einige Büchsen Kokain in Verwahrung und gab es an die Abnehmer in kleinen Dosen ab. Völkel nannte auch die Adressen aller Personen, die er mit dem Gift belieferte. Er fuhr sonst immer elegant mit einem Taxi nach den verschiedenen Absatzorten Böhmens, wo er von den unglücklichen Kunden sehnsüchtig erwartet wurde. In den letzten Tagen war bei den Rauschgifthändlern der Verdacht aufgetaucht, datz die Behörden etwas ahnen. Böllelt wurde nach Teplitz beordert. Er sollte dort zu Futz und ohne Papiere eintreffen. Erst in Teplitz sollte er mit neuen Papieren ausgestattet werden. Auf dem Futzmarsch nach Teplitz ereilte ihn das Schicksal. 8öIIen und Hakenkreuzfahnen Nachspiel zum 1. Mai von Schönlinde In der Nacht zum 1. Mai d. I. schritten in Schönlinde ein paar hitlertreue Nazi zu einer antimarxistischen Tat. Da sie, wie die meisten ihrer Art nicht dicht halten konnten, war die Gendarmerie und Polizei schon eher von ihren Plänen unterrichtet, als ihnen lieb sein konnte, und als sie, drei Mann hoch, in dem Fabrikskamin der Firma Hille und Wünsche eingestiegen waren, um auf ihn das Symbol der Lumpengesinnung, die Hokenkreuzfahne, zu hissen, verriegelten ihnen ein paar Leute, die ihr Treiben beobachtet hatten den Rückweg und sie saßen wie die Ratten in der Hölle. Als dann die Einsteigtür geöffnet wurde, nahmen Gendarmen die drei Nazihelden in Empfang. ES waren dies der 28jährige Chauffeur Ernst C i s e l t, der 26jährige Gärtner Wenzel Veit und der 32jährige Wirker Heinrich K ö g l e r, alle aus Schönlinde. Bei den Beteiligten wurden Hausdurchsuchungen vorgenommen, wobei mehrere Böller aus Dynamon gefunden wurden. Diese Bomben sollten während der sozialdemokratischen Demonstrationen zur Explosion gebracht werden. JPA. Der diplomatische Wiener Korrespondent der Internationalen Presse-Agentur meldet: Endlich war es möglich, zu erfahren, was alles. bei den verschiedenen Besprechungen und Bittgängen Oesterreichs in Italien besprochen und vereinbart wurde. Bundeskanzler Schuschnigg, der kurz vor dem Abgehen Dollfutz' noch dessen Italien-Politik in vertrautem Kreise verurteilt Ui« behaüptet hatte, sie sticht ÄehL^lcingd Et- machen zu können, hat taffächlich nach seinem Regierungsantritt eine nähere Anlehnung an Frankreich gesucht. Es war dies zur Zeit jener geheimnisvollen Riviera-Fahrt, bei der selbst den findigsten Journalisten das Auto des österr. Bundeskanzlers bekanntlich für mehrere Stunden aus den Augen kam. Die AnnäherungS-, bzw. Pumpversuche hatten in Frankreich nicht den von Schuschnigg gewünschten Erfolg. So blieb dem Kanzler, offenbar nach längeren Beratungen mit dem geistlichen Rom, nichts anderes übrig— wollte er seinen Kurs nicht um 180 Grad Herumwerfen— als sich ebenso wie der von ihm deswegen verurteilte Kanzler Dollfutz voll und ganz unter das Diktat Mussolinis zu beugen. Reben den veröffentlichten Vereinbarungen ist auch ein geheimes Militärabkommen abgeschlossen worden. Demnach bekommt Oesterreich von Italien 16 Jagdfliegerstaffeln«nd Eiselt wird ausserdem zur Last gelegt, dass er einem gewissen Adolf M i ch e L der nach dem Menschenraub in Kreibitz nach Deutschland geflüchtet ist, und in der SA. dient, einen Brief geschrieben hatte, in dem er ihn ersucht, datz er(Michel) einen Brief an das Leipaer Kreisgericht schreiben und mitteilen sollte, dass der damals beim Leipaer Kreisgerichte inhaftierte Marschner aus Schönlinde die Kreibitzfahrt ohne Wissen des Zweckes getan habe. Die Anklage legt allen die Störung des allgemeinen Friedens und das Vergehen gegen das Sprengmittelgesetz zur Last, Eiselt ausserdem das Vergehen' nach 8 17 des Schutzgesetzes. Der Senat fand die Angeklagten im Sinne der Anflage schuldig und verurteilte sie wie folgt: Eiselt zu drei Monaten, Veit und Köglerjefünf Wochen strengen Arrestes unbedingt. Bei Veit und Kög- ler ist die Strafe durch die Untersuchungshaft, die allen eingerechnet wurde, verbüht. Wer Ist der Mörder? Sonntag nachmittags gegen 5 Uhr fanden Arbeiter, die Schächte täuften, im aufgelassenen Tagbau des ,/Segen Gottes"-Schachtes bei Ullersdorf die Leiche der Frau Sophie Scharf aus Ullersdorf. Wir haben, bereits darüber berichtet, dass Frau Scharf seit 17. Dezember abgängig war. Die Ereignisse vollzogen sich unter eigenartigen Begleitumständen. Die eine Seite des Falles ist nun aufgeflätt. Frau Scharf ist ermordet worden. Das geht aus den Verletzungen am Kopfe hervor. Die Untersuchung bewegt sich nun in der Richtung„W epistderMörderi"? Bestimmte Spuren liegen vor und die Gendarmerie hat auch bereits Verhaftungen borgenommen. zahlreiche Tanks. Die anderen Waffenlieferungen werden fortgesetzt. Dafür mußte sich Oesterreich verpflichten, den Durchmarsch italienischer Truppen zuzulassen und im Falle eines Zusammenstoßes Italiens mit einer andern Macht(Jugoflavien? Red.) 400.000 Mann zu stellen. AieAman'Uese'Tatsachen in Betracht? ftiird^ auch die Forderung nach militärischer Gleichberechtigung und Aufrüstung Oesterreichs, die geplante Einführung der allgemeinen Wehrpflicht und vor allem aber die kriegerische Rede, die Bundeskanzler Schuschnigg vor einiger Zeit in Innsbruck gehalten hat, verständlich. In Innsbruck hat Schuschnigg bekanntlich die Gründung einer Soldatenfront angekündigt. Endlich mutz wiederum darauf hingewiesen werden, datz die neuen, bereits in Auftrag gegebenen Uniformen der österx. Selbsffchutzverbände in Farbe und Schnitt vollkommen den italienischen Uniformen gleichen, damtt auch in dieser Richtung die militärische Zusammenarbeit mit Italien erleichtert wird. Mussolini hat nach diesen weitgehenden Konzessionen Oesterreichs auf die Auszahlung der ibm für die Bereiffchast vom 28. bis 30. Juli 193.4, laut Geheimvertrag mit Dollfutz gebührenden 8 Millionen Unkostenersatz verzichtet. Italiens mlttdcnropaisdic Kolonie Pas geneime MllltaraDhommcn zwischen Oesterreich und Italien die feinen Herren am Gehsteig stehen und sehen ihr nach, wie sie rank und schlank durch die Stra- hen geht, den Körper leicht in den schwellenden Hüften wiegt, mtt bezaubernden Lächeln auf den Lippen. Ja, ja, schön und fein ist sie wohl, die Claire, und dass der Advokat Bonmille aus Ser- riäre sie haben will, das ist ja zu versteh n. Aber die Claire würde sich dazu doch niemals einverstanden erflärenl Niemals! Seft drei Jahren sind sie verheiratet, der Jean Pinson kann sich an keinen Augenblick erinnern, der ihn die Liebe und den Glauben an sie hätte ins Wanken geraten lassen. Nein! Der Zug jagt durch das Land. Hügel fliegen vorbei wie Schatten, Bahnhofsgebäude werden zu Abziehblldern. Die zerschnittene Lust umbrandet den sich einfressenden Zug. „Das Temvo ist zu rasch!" meint der Heizer. „Schweig!" Der Heizer schüttelt den Kopf und schaufelt Kohlen in die Feuerung. Er gibt keine Antwort, denn noch niemals hatte er den gutmütigen Pinson so wortkarg gesehen, mit der Falte zwischen den zusammenstohenden Brauen und den bleichen Lippest, Im Salon- und Speisewagen lehnen Herren und Damen auf gepolstetten Sitzen. Man raucht, man nippt an Drinks, man kostet von den Tellern Croquettes und Hühner-Curry und ißt dazu Buttertoast. Und so nebenbei spricht man von Brüsseler Spitzen, Sevres-Vasen, Gobelins, Neger- starS. von den Badeschlangen in Florida und dem Schenkelschmuck für Damen, der aus Carneols besteht und in Buenos Aires kreictt und getragen wird. Alle zeigen Ausgeglichenheit, Zufriedenheit. Keine Ungewißheit liegt vor ihnen, keine Sorge, kein Herzleid. Wissen diese Menschen überhaupt, was Herzleid ist? Wissen sie, was das heißt, einen Wagen vor dem fleinen Haus in Le Penge In wissen und zu fürchte», datz dieser Advokat Bon mille aus Serriöre mit Claire ebengerade in diesem Augenblick.... Nein! Wie können diese Menschen des fühlen oder wissen, oder ahnen? Der Zug jagt. Die Kuppelungen zwischen den Waggons ächzen und verzerren sich. Die Kurven lassen den Zug schief liegend erscheinen. „Es ist Wahnsinn!" stöhnt der Heizer. „Schweig!" Der Riese Pinson steht beim Auslug und hält die Hebel in den massiven Händen. Alles hat er auf die höchste Geschwindigkeit eingestellt. Ein Gebäudekomplex fliegt vorbei, zerflattert im Augenblick: das war Saint Biellier.• Nach wenigen Minuten jagt ei» anderer Gebäudekomplex heran: Serriäre. Das ist der Ort, woher der Advokat Bonmille ist. Die nächste flein« Station ist Le Penge und gleich einen Kilometer nach der Station steht Pin- sons Haus, ungefähr zweihundert Schritte vom Schienenstrang entfernt. Zwischen Fliederbüschen und Jasminhecken. Ganz versteckt wie ein Kleinod. Der Zug schüttelt hin und her. Die Maschine dampft. Dieses Tempo wurde noch aUs keiner Maschine berausgeholt. Pinson holt es heraus, denn er will sein Haus sehen und den Wagen... Eine Kurve. Ein fleines Bahnwächterhaus. Eine Wiese, blumig und weit. Und ietzt... Ein fleines HauS zwischen Fliederbüschen und Jasminhecken. Grüne Jalouften decken die Fenster. Ein Gartenzaun durchsttcht die grünen Wogen. Und vor diesem Zaun steht— ein Wagen. Der Kaul läßt müde den Kopf hängen und das Dach ist über den Eindecker gespannt. Leichenblasse überzieht das Gesicht deS Riesen Pinlon. Schon sagt der Zug um die nächste Kurve. Das Haus ist verschwunden. „Das Signal!" brüllt der Heiner. Pinson ist taub und blind. Mit aller Kraft HM er sich an den Hebel fest. Der Zug zerschnei det die Luft. Eine schwarze Masse taucht vor ihm auf, der Zug jagt in sie hinein. Ein Splittern, äuszischender Dampf, ein Krachen und Dröhnen. Eisenteile verbohren sich ineinander, Holzfetzen fliegen auf die Böschung, Blut und Fleisch! wird zwischen Stahl zermalmt. „Adieu, mein Kind!" meint der ahnungslose Advokat Bonmille aus Serriere und klopft die! Wangen der schlanken und ranken Claire. Dann i besteigt er den fleinen Wagen und der Gaul führt ihn im Zotteltrab durch das Dorf Le Pengx in die Kanzlei nach Serriere zurück. Claire aber stellt sich zum Bügelbrett und bügelt singend ihr Kleid, denn morgen will sie nach Lyon gehen, wo sie ihren lieben Riesen Jean abholt, der ihr versprochen hat,"ein neues Kleid zu. kaufen. Weihnacht der Armen Hinter hellen Fenstern strahlt das Licht, Aber auf die Sttatze fallen nur die Schatten, Di« dort drinnen keine Heimat hatten. Doch die Armen wärmen Schatten nicht—. Dunkel liegt die Straße—, still und kalt. Deinen Weg bekreuzen keine Sterne, Hilflos starrst du, müde und so alt In die graue, ewig gleiche Ferne... Glocken singen, weltentrückt und matt. Ahnen sie, zu wessen Wohl sie schlagen—? 1 Heute äßest Du Dich gern mal satt—, Aber wie—? Sie wissen's nicht zu sagen—. Denn den Armen leuchtet noch kein Baum, Nur die Hoffnung können sie sich schenken, Ihren heißen, unerlösten Traum- In der Zukunft Erdreich zu versenken I «iS. v Herr Hacker windet sich... Der„Neue Morgen" hat bei verschiedenen ' öffentlichen Persönlichkeiten eine Umfrage über die Stellung zur Demokratie und deren Aussichten der« : anstaltet. Vornehmlich kommen Vertreter der ^agrarischen Richtung zu Wort, vor allen entwik- l kelt Herr Minister Dr. H o d z a wieder seine i grundlegenden Gedanken zur Agrardemokratie. ! Der„Neue Morgen" gab aber auch dem Gustav j H a ck e r Gelegenheit, endlich einmal klar zu sagen, was er über seine eigene und über die Stellung der deutschen Landjugend zur Demokratie und den Aufgaben der Gegenwart zu sagen hat. Es war um so mehr zu erwarten, datz konkrete 1 Aeutzerungen und Bekenntnisse kommen werden, als diese ja von der„Deutschen Landpost" in Aussicht gestellt worden waren. Aber Hacker macht lediglich viel Worte über den Glauben und die Hoffnungen der Jugend und gibt seiner Freude darüber Ausdruck, datz man der deutschen Landjugend den Vorwurf einer talentreichen Gleichgültigkeit gegenüber den Dingen des öffentlichen Lebens nicht machen könne. Wie sehr er und seine Bewegung demgegenüber eine talentlose Betriebsamkeit betonen, geht aus diesen Worten Hackers hervor: „Man soll sich im Gegentefl nicht einmal davor fürchten, daß gegen unsere Landjugend Vorwürfe erhoben werden, welche sie zu Staats» feinden erklären möchten. Es gilt da ein sehr feines, allerdings nicht jedem Menschen eigenes Gefühl, das wohl festzuftcllen vermag, daß der in seiner Entwicklung um die Wahrheit ringende, um die Zukunft besorgte und um die Gemeinschaft arbeitende Mensch der Staatsfeind nicht ist. Sein Ringen ist ein Ringen um den Aufbau, um die Zukunft, um den Wert der Gesellschaft, ein Tun, das den sehr zweifelhaften Staatsfreund, den sogenannten braven Bürger, blutwenig küm- mett. In aufgeregten Zeiten gibt es noch eine weitere, in solchen Zeiten gefährliche Sötte. Das sind die Angeber. Wenn ihnen auch heute der Weizen wieder blüht; sie kommen zur Vernunft, weil sie die Taubheit der Aehren doch gewahr werden. Für das Leben enffcheidend bleibt, was für unsere Landjugend von besonderer Bedeutung ist, daß dem der Boden unter den Füßen nicht verloren geht, dessen Denken und Handeln weit in die Zukunft gläubig sich winden. Schwerer schon fällt es der Jugend, erttagen zu müssen. Und doch ist es der heutigen Jugend vornehmlich« Pflicht. Die Jugend unserer Zeit wächst nicht aus Hoffen allein. Sie muß tragen und dulden." Was hofft sie? Was trägt sie? Was duldet sie, die deutsche Landjugend? Die Bemerkungen Hackers sind doch politisch gemeint! Vorläufig ist nur.das eine-.flar:-,nicht Mr Den- ken"8no Händeln„iveit in die Zukunft gläubig sich winden"auch der H acker windet sich! Lockerung der Gebundenheit der Kandidatenlisten. Die letzten Wahlen in die' Gemeinde- vcrttetungen haben gezeigt, datz die Wähler von der Lockerung der Gebundenheit der Kandidatenlisten, welche durch die letzte Novelle zur Gemeindewahlordnung eingeführt wurden, Gebrauch gemacht haben. Durch Anstteichung der Zahl der Reihenfolge der Kandidaten kommt der Wille der Wähler, welchen Kandidaten sie bevorzugen, zum | Ausdruck. So wurde in einer Gemeinde im Bezirk Horovic auf der Liste der tschechischen Sozialdemokratie der achte Kandidat statt des siebenten gewählt, in einem Orte des Bezirkes Kame- nice an der Linde würde für eine wirtschaftliche Vereinigung der vierte Kandidat statt des dritten gewählt, im Reichenberger Bezirke auf der Liste der deutschen Wahlgemeinschast der 18. Kandi-. dat anstelle des 13; im Bezirk Pelhkimov für die republikanische Partei der zehnte und elfte Kandidat statt des achten und neunten, im selben Bezirke in einem anderen Orte für die bürgerliche Gruppe gar der fünfte Kandidat statt des zweiten. In einem Otte des Bezirkes Prestic für die republikanische der achte Kandidat statt des sechsten. In einem Orte des Bezirkes Rakov- nik für die ffchechische Sozialdemokratte der 13. Kandidat anstelle des fünften, für dieselbe Partei in einem Otte des Bezittes Schlan der fünfte statt des zweiten. In einem Orte des Bezirkes' Rokycan erhielt die tschechische Sozialdemokratie drei Mandate, gewählt wurden der erste, dtttte und siebente Kandidat, in demselben Orte wurden^ vier ffchechische Nationalsozialisten gewählt und zwar der erste, zweite, vierte und sechste. Der „Venkov" glaubt aus diesen Gemeindewahlergebnissen schließen zu können, daß sich die neuen Bestimmungen bei den Wählern einzuleben beginnen. Das Krisengebiet der TSR. Soeben ist eine Broschüre erschienen, welche die Darlegungen des Genossen Dr. Meißner im sozialpoliti- schen Ausschuß des Abgeordnetenhauses am 20. November enthält. Die Broschüre beinhaltet ausgezeichnete und instruktive Statistiken über Witt- schaftskrise und Arbeitslosigkeit. Bemerkenswert und neuartig sind die angefügten Karten. Die erste enthält eine graphische Darstellung des prozentualen Verhältnisses der Anzahl der Arbeitslosen im Verhältnis zur Anzahl der Bewohner, die zweite eine Uebersicht über den Rückgang der Anzahl der industriellen Arbeiter und die dritte eine Darstellung der eingestellten Fabriksbetrie- bc. Aus allen drei Darstellungen geht hervor, wie sehr das notdböhmische und nordmährische Industriegebiet unter den Wirkungen der Krise gelitten hat und datz diese zumeist von Deutschen bewohnte Gebiete der Republik das Krisengebiet der Tschechoslowakei sind. gar. 301 Dienstag, 25. Dezember 1934 Seit« 9 Hitler-Methoden in Moskau treffen Schuschnlss amnestiert wieder einmal! Die österreichische Regierung, die aus Anlaß tzes christlichen Weihnachtsfestes doch wieder ihre „M i l d e" zeigen muß, verkündet, daß sie neuerlich das Strafverfahren gegen 2000»Minderbeteiligte" des Feber-Aufstandes einstellt. Bis Neujahr werde sie weitere 1000 solche»Minderbeteiligte" amnestieren. Dazu ist zu sagen, daß erstens die österreichische Regierung unglaubwürdig ist. Ihre Meldungen über Gnadenakte häben sich in drei Vierteln aller Fälle als unwahr erwiesen. Ferner handelt sich bei den»Minderbeteiligten" natürlich > um Leute, denen man nicht das geringste nachweisen kann, die nur aus Privatrache auf Grund irgendwelcher Denunziationen in Hast sind und die man wohl oder übel bei der dauernden Ueberfül- lung der österreichischen Kerker mit politischen Gefangenen entlasten muß. Glaubhaft ist dagegen, daß man 300 schon verurteilten»Schwerbelasteten" die Strafe erläßt, weniger glaubhaft, ,daß darunter 93 Feberkämpfer sind. Es dürfte sich zum größten Teil um Nazi und«m Heimwehrbanditen handeln. Jene sind wegen Sprengstoffanschlägen, diese aus ihrer Vorgeschichte wegen Totschlag, Raub, Diebstahl, Notzucht und anderer Verbrechen bestraft, auf Grund derer man eben in die Heimtvehr ausgenommen wurde. Daß die amnestiert werden, bezweifeln wir n i ch tl Daß sich im übrigen das Regime Schuschnigg zum Christlichen wandle, ist solange nicht glaubhaft, als eS sich nicht entschließt, den jProzetzFey endlich anzusagen und durchzu- führen! Besserung der Wirtschaftslage in USA. Dem amtlichen Ausweis zufolge ist der Außenhandel der Bereinigten Staaten in dem mit dem 30. Juli abschließenden Jahr bedeutend gestiegen. Der Ausfuhrwert vergrößert« sich um 42, das Volumen um 18 Prozent gegenüber dem Vorjahr, die Einfuhr stieg im Werte um 47, dem Gewichte nach um 20 Prozent. Die Ausfuhr nach Europa stieg um 88, die Einfuhr aus Europa um 48 Prozent. Di« Waste« der französischen Reserveoffiziere. Der Kommerausschuß für zivile.Gesetzgebung beschloß in letzten Tagen einen Gesetzes-AbänderungS- Antrag der Reserve-Offizieren das Tragen und die Aufbewahrung von Waffen verbietet. Dieser Antrag hat unter den Reserveoffizieren scharfe Proteste auSgelöst. Frankreichs Budget genehmigt. Der franzöfi- sche Senat hat in der Nachffitzung zum Sonntag das Getreidegesetz in der von der Deputiertenkammer beschlossenen Fassung angenommen. Ministerpräsident Flandin stellt« zweimal die Vertrauensfrage. Zum ersten Male wurde ihm das Vertrauen mit 188 gegen 40, zum zweiten Male mit 155 gegen 64 Stimmen ausgesprochen. Di« Deputiertenkammer nahm in der Rachtsitzung das Staatsbudget für 1935 mit 468 gegen 120 Stimmen in der dritten Lesung an. Kürzung der StaatSbeamtengrhältrr in Belgien. Der belgische Ministerrat beschloß die Kürzung der Staatsbeamtengehälter um fünf Prozent. Auch die Familienzuschläg« der Staatsbeamten werden herabgesetzt werden. Die Italiener rücken vor. Der„Daily Erpreß" berichtet, daß italienisches Militär in der Gegend von tlalual ostensw gegen das Innere von Abeffi- uien vorgeht. Helmatfront erobert neutrale Organisationen Die bürgerlichen Parteien helfen mit, ihr eigenes Grab zu schaufeln In der Montagsausgabe der„Lidovk Novi- ny" kommt B. Gutwirth auf die Sudetendeutsche Bolkshilfe zu sprechen und zeigt, daß es sich dabei nicht um eine neutrale Fachorganisation handelt, sondern daß die SBH ein Werkzeug der Heimatftont ist. Der Verfasser knüpft daran folgende Bemerkungen: Henlein ist sich gut dessen bewußt, daß er nach einem scharfen Vormarsch in di« Defensive gelang t ist. Es wurden einige Fragen an ihn gestellt, so nach seinen Verhältnissen und Beratungen mit den führenden Leuten der«ingestellten und aufgelösten Parteien und nach den finanziellen Hintergründen der Heimatfront. Auf diese Anftagen hat Henlein keine Antwort gegeben. Er hat sich auf eine Verteidigung beschränkt, die ebenso einfach wie ungenügend war. Er hat einzelnen Bläffern Berichtigungen geschickt, nach denen nicht wahr sei, daß wahr ist. Henlein konnte dabei nicht einmal klar sagen, was er will. Deshalb bestreben sich nun sein« Leute auch in die nach außenhin unpolitischen Korporaffonen einzudringen. Sicherlich besteht auch einer der Zwecke der Sudetendeutschen Volkshilfe darin, die nach außenhin neutralen Organisationen vor allem den„Bund der Deutschen" vollkommen unter das Komman d oder Sudetendeut- chen Heimatfront zu bringen. Die Ärgerlichen Parteien, einschließlich der Christlich- 'ozialen, sind so töricht, den Heimatfrontlern dabei zu helfen, daß ihre eigenen Positionen untergraben werden. Bum, bum, bum— die Trommel seht um Aus allen sudetendeutschen Gebieten wird gemeldet, daß der Mitgliederzustrom in die Sudetendeutsche Heimatfront aufzuhören beginnt und daß insbesondere der Versuch der Herren Henlein und Sander, in die Reihen der organisierten Arbeiterschaft einzubrechen, völlig mißlungen ist. Die SLF beginnt stun gröbere' Methoden anzuwenden als bisher, um ihre Herde zu vergrößern. In der letzten„Rundschau" können wir erfahren, daß es der SHF gelungen ist, das Ei des Kolumbus zu finden, nämlich 300.000 Menschen in der Tschechoslowakei— nichts mehr und nichts weniger— Arbeit zu beschaffen, bzw. ein„Sofort-Programm zur Arbeitsbeschaffung" Vorschlägen zu können. Während jahrelang sich in aller Welt die Menschen die Köpfe zerbrechen, wie man der Arbeitslosigkeit Herr werden könne, ist das der SHF, die ja über besondere Geister verfügt, in wenigen Tagen gelungen, das herauszufinden. Der Plan der SHF hat dabei den Vorteil, daß er,, wie die „Rundschau" schreibt, erstens sofort in Angriff genommen werden kann, zweitens, daß er den Staat nichts kostet, drittens, daß es nicht eine einmalige Nothilfe, sondern eine dauernde Besserstellung der Arbeiter ist, viertens, daß auch derjenige Arbeits- lose verdienen wird, der bisher„aus politischen Gründen zum Hungern verurteilt war".(Bekanntlich erwirbt jeder gewerkschaftlich Organisierte den Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung), von anderen Vorteilen nicbt zu reden. Die SHF tut sich auf dieses Programm sehr viel zugute, ohne auch nur zunächst mit einem Wort zu verraten, worin dieses Programm besteht und welches der Stein der Weisen ist, den die Herren Henlein, Sander, Brand usw. entdeckt haben. Jedenfalls aber ist dieses Programm weit besser, wie die„Rundschau" schreibt, als alle Vorschläge, welche die Sozialdemokraten auf ihrer Aussiger Tagung gemacht haben. Das Programm der Sozialdemokraten sei ein„Wunschzettel", während das Programm der SHF wirklich Arbeitsgelegenheiten verschaffe. Um den Hunderttausenden Arbeit zu verschaffen, ist gar nichts anderes notwendig, als„eine einfache Verfügung des Nationalbankgouverneurs und eine einfache Verordnung des Finanzministers ohne langatmige Parlamentsdebatten, ohne endlose Ausschußverhandlungen", der Weg liegt offen, beschreiten muß ihn die Regierung. Was muß man nun um Gotteswillen tun, um diesen Schatz an Ideen, den da die SHF anpreist, zu finden? In der nächsten Zeit wird eine Broschüre, aber beileibe nicht eine gewöhnliche, sondern eine„umfangreiche Broschüre" erscheinen, aus der man alles Nähere erfährt. Vorläufig muß silb der Leser darüber beruhigen, daß es der SHF tatsächlich gelungen ist, Arbeit für 300.000 Menschen zu finden. Man sieht, wenn sich die SHF auch nicht darauf versteht, Mittel zur Bekämpfung der Wirt- schaftskrise anzugeben und den Arbeitslosen zu Helses, sie versteht sich wenigstens auf das Reklamemachen, wie der Ausrufer im Wurstelprater, der um den Eintrittspreis von 20 Groschen dem staunenden Zuhörer, der Augen, Mund und Ohren aufmacht, alle Freuden des Paradieses verheißt, j tungen an den»Weißgardisten" hat man eine „V e rschwörung" inderUkraine aufgedeckt und hat neuerlich— wieder ohne Beweise anzuführen» ohne Gerichtsverfahren, auf Grund eines durchaus Göringschen Schießerlasses— Massenabschlachtungen durchgeführt. Rund 200 Opfer wurden zur angeblichen Sühne des einen Kirow hingerichtet und es ist fraglich, ob irgendwer von ihnen Kirow auch nur dem Namen nach gekannt hatte. War schon schwer einzusehen, was die Verschwörung in der Ukraine mit einem Mord in Leningrad zu tun haben soll, so war es vollends schleierhaft, wie plötzlich die T r o tz k i st e n in die Affäre kamen. Eines Tages wird behauptet, die trohkistische und Sinaw- jewsche Opposition habe Kirow ermorden lassen. Es wurde nicht mitgeteilt, ob man die„Weißgardisten" aus Versehen hingerichtet hatte öder ob sie auch Trotzkisten und gar keine Weißgardisten gewesen waren. Nun kommt die offizielle Meldung von der Verhaftung der Opposition. Es sind die letzten aus der galten Garde" des Bolschewismus, die Männer von 1905 und vom Oktober 1917, die man da verhaftet hat und die man— da nach amtlichem Moskauer Eingeständnis keine Handhaben für ein Gerichtsverfahren vorliegen— kurzerhand verschickt. Der M o r- d e r hat inzwischen bezeichnenderweise„S e lb st- mord" begangen! Wir haben keinen Grund, mit Leuten wie Sinowjew zu sympathisieren. Er war ein Todfeind der Sozialdemokratie und hat der europäischen Arbeiterbewegung unermeßlichen Schaden zugefügt»' Was er als Leiter der Komintern getan hat, ist ein nacktes Verbrechen am Proletariat gewesen: Aber wir wissen auch, wie das Gelichter der stalinischen Apparatschiki und ihrer sozusagen „literarischen" Handlanger Trotzki und alles Trotzkistische haßt. Trotzki ist das leibhaftige schlechte Gewissen dieser käuflichen Burschen, die alle Vierteljahre eine Gesinnungsschwenkung um 180 Grad vornehmen, um sich an Bord zu halten. Wir bezweifeln daher mit gutem Grund, daß gegen die Partei-Opposition mehr vorliegt als der abgründige Haß der regierenden Schichte. Der Mord an Kirow war der willkommene Anlaß, den Hatz auszutoben. Dem Ansehen der Sowjetunion wird durch diese Methode ihrer Beherrscher schwerer Schaden zugefügt. Vor allem wird der Kampf der Kommunisten gegen Hitler dadurch kompromittiert, dah Moskau alles tut, was in seiner Macht liegt, um sich in seinen Regierungsmethoden denen Hitlerdeutschlands anzupaffen. Herr Hodza, bessern Sie sicht Ständische Lektion, erteilt durch die deutsche Landjugend Die„Deutsche Landpost" ist wütend darüber, daß wir den unverbindlichen demokratischen Redensarten der deutschen Landjugendführer die in den offiziellen Publikationen des Bundes der deutschen Landjugend niedergelegten Ansichten von gestern entgegenhielten, die dadurch auch noch Ansichten von heute sind, daß diese Publikationen die Erziehungsgrundlage des Bundes der deutschen Landjugend bilden. Unsere Anfrage, ob-die von uns genau bezeichneten Schriften noch in Geltung sind, blieb unbeantwortet— soweit die Drohung der„Landpost", sie werde frühere Aeußerungen von Sozialdemokraten wiedergeben, als eine Antwort zu werten ist.(Diese Drohung ist mittlerweile durch den Hinweis auf— Das Kommuni st ische Manifest(!) verwirklicht worden!) Damit die Herren, die das Wort Sozialdemokrat nicht hören können, ohne sich zu verfärben, hingegen mit Spanns und Heinrichs Henlein eine immer engere Gemeinschaft bilden, ja genau wissen, was alles zu berichtigen ist— insbesondere nach der von den Führern der Landjugend mit Beifall aufgenommenen Rede des Herrn Ministers Dr. HodZa—, gestatten wir uns, auf die folgende Anpflaumung Hodjas aufmerksam zu machen, die im Heft„Führerschulung", Seite 36, zu finden ist:. „ES erscheint in diesem Zusammenhang notwendig, zu einer psendoftändischen Bewegung unserer slawischen Nachbar«.... Stellung zu nehmen, daS ist der AgrariSmnS. Der AgrariSmuS ist ein slawisches politisches Gebilde unter Führung der Tschechen... Der staatspolitische Ausdruck des AgranS- mns ist dir Agrardemokratie... Nun war der AgrariSmuS nicht in der Lage... eine von liberalen Einflüssen freie Bewegung einzuleiten... Der AgrariSmuS HodjaS ist außerordentlich durchsetzt mit liberalistischen Grundsätzen und Anschauungen und hat, so sehr er auch popularisiert wurde, den wirflich bodengebundenen Schichten innerlich nichts zu geben vermocht. Bor allem hat er zufolge feiner demokratisch-liberalen Grundstellung kein BerhältniS zum gesunden Feudalismus gefunden... Im übrigen ist die agraristifche Programmatik unklar und unfertig und in vieler Hinsicht primitiv... WaS darüber hinaus an agraristifcher Ideologie noch vorhanden war, ist der agraristifche Staat, daS heißt der agraristifche flaffenbestimmte und geführte Staat, welcher bis heute allerdings nirgends noch verwirllicht werden konnte. Di« agrattstifchen Führer, der Bulgare Stambolijfli und der Kroate Radiö.... wurden ermordet.... So dürste der AgrariSmuS diefergestalt heute mit den bereits heranSgrgebrnen agrarischen„Clänky, fed a studle" HodsaS und mit der Svrhlafchen 0'rfolgSpolitik zum Stillstand gekommen fein... Svehta wäre... im Wege der konsequenten äst. lichen Agrarführer nicht gegangen und hätte damit auch die Linie der agrarischen Machtdemokratie verlassen. Freilich— wir haben aus HackerS Munde gehört, daß die deutsche Landjugend„schon immer der gleichen Meinung" Ausdruck gab, indem sie für die„ständisch gebundene Demokratte" einge- ttcten sei.... i seiner Tat gebrächt haben. Es lag von allem An- ‘, daß ein Fall von Privater a ch e vorlag. In hinein Staate, der unter büro- kratischer Diktatur steht, ist es immer denkbar, daß ein Beamter sich verhaßt macht, ob er nun in gerechter oder ungerechter Weise, ob er objektiver- mahen zu hart oder nur nach Meinung seiner Untergebenen zu scharf vorgegangen ist. Daß Bürokraten Hebelgriffe begehen, ist eine Erschei- !nung, die es geben wird, solange die Menschen Bürokraten brauchen, um sich zu regieren. Aber während es in einerDemokratie Möglichkeiten gibt, diesen Uebergriffen zu steu e rn, sie zu paralysieren und wiedergutzumachen, während man gegen sie ankämpfen kann, sie aufzuzeigen vermag, fehltineinem diktatorisch regierten Staat jede Möglichkeit daz u.. Der Bürokrat herrscht dyrt unbeschränkt, solange er das Vertrauen der herrschenden Gruppe genießt und gegen seine Macht gibt eS kein Rechtsmittel, für den Zorn und j die Empörung über den Mißbrauch der Diacht nicht ! einmal ein Ventil. Wir wissen nicht, ob Kirow ein , Bürokrat solcher Art war.^lper ausgeschlossen ist I es nicht. Vielleicht war er ungerecht, hart, gewalttätig gegen Untergebene, Arbeiter, Genossen? Vielleicht mißbrauchte er seine Macht? Wäre dem so, so könnte es sich bei dem Mord wohl um einen I persönlichen Racheakt handeln. Alle diese Fragen könnten erst beantwortet und gerecht beurteilt werden, wenn Moskau ein ordentliches Verfahren einleitete. Aber dazu scheint Stalin so wenig geneigt, wie Hitler am 30. Juni. Man hat also nach dem Morde zunächst einmal mehr als 70 H i n r i ch t u n g e n an angeblichen „Weißgardisten" vorgenommen. Ob die Opfer Konterrevolutionäre, ob sie schuldig, ob sie nur Mißliebige waren, bleibt unaufgeklärt. Nichts liegt gegen sie vor als die obendrein sehr dunklen Aussagen amtlicher sowjetistischer Stellen, deren Glaubwürdigkeit nicht wesentlich größer ist als die der kommunistischen Presse in den außerruffischen Ländern, von der jedermann Weitz, daß sie ü b e r- haupt keine Glaubwürdigkeit besitzt. Nach den sehr verdächtigen MassenhinrichZucker für Kinder Arbeitsloser Rach dem„B. E. Sl." beschloß Samstag dir Regierung, den Kindern von Arbeitslosen 50 Waggons Zucker znznweisen, welche in der nächste« Zeit ausgeteilt werden solle«. Was seht im Feuerwehr- Verband vor? Kampf um das fascistische Führerprinzip Den Untergliederungen des Feuerwehrver bandes wurde vor einiger Zeü der Entwurf einer neuen Satzung zugeschickt, in der die Einführung des fascistischen Führerprinzips vorgesehen ist. Nach dem Entwurf wären die obersten Führer ein fach unantastbar, hingegen hätten sie das Recht, mißliebige Funktionäre ihrer Aemter zu entkleiden. Nun erfährt man, daß sich gegen den Ent wurf stellenweise starke Widerstände geltend machen? In Böhmisch-Leipa haben ihn vor kurzem Delegierte von 50.000 Wehrmännern abgelehnt. In der Tetschener Bezirksversamm lung des Feuerwehrverbandes haben He Fascisten eine schwere Niederlage erlitten. Der Entwurf! wurde dort nicht einmal verlesen, hingegen wurde beschlossen, seine Urheber für die durch ihn dem Feuerwehrverband erwachsenen Kosten haftbar zu machen. Als diese Urheber werden der Oberleh rer Zapp aus Weipert und der Landesinspektor S ch l e ch t a bezeichnet. In der Tetschener Ver sammlung nahm vor allem der Tetschener Vizebür germeister M a r s ch n e r in der schärfsten Form Stellung gegen den Entwurf. Er sagte, das Prä sidium sei senil geworden und möge durch junge Leute ersetzt werden. Auch der Geschäftsleiter Trunetz sprach sich gegen die fascistischen Be-—. ,—■—„— Da strebungen aus und sagte, das vom Deutschen veröffentlich worden, die den Mörder Kirows zu 1 w I feinCE Xflt ashraml hahsw!vä IAO Mrtn All sm Uln. Feuerwehrverband gehandhabte Führerprinzip sei| on(I naf j e> für die Feuerwehr untragbar. Nichtbefähigung'•' und.Nichteignung könne man vor allem bei der Verbau Hs leitung finden. Es ist zu erwarten, daß sich die einzelnen Feuerwehrvereine den Entwurf noch genau an sehen werden und daß auch die Gemeinden, die die Feuerwehren größtenteils erhalten, gegen den Durchbruch des fascistischen Führerprinzips bei der Feuerwehr entsprechende Vorkehrungen werden. Sinowjew, Kamenew und Genossen in die Verbannung! Als Auswertung acs Kirow-Mordes: Erledigung der innerparteilichen Opposition Moskau.(Tsch. P.-B.) Die Verhaftung der bekannten Bolschewikenführer Sinowjew und Kamenew wurde nunmehr durch sowjetruffische amtliche Stellen bestätigt. Dir Telegraphenagentur der Sowjetunion meldet: Außer den Personen» welche die Organe des Bolkskommi- sattats für Inneres in der Nikolajew-Angelegenheit vor das Gericht stellten, wurden am 16. Dezember in Verbindung mit dieser Angelegenheit folgende Anhänger der ehemaligen anti- sowjetistischrn Sinowjew-Opposittonsgruppe verhaftet: Scharow, Knklin, Falwinovic, Bakajew, Wardin, Saluckij, Gorschenin, Sinowjew, Bulach, Gertik, Jewdokimow, Kamenew, Fedorow, Kostina, und Schafarow. Bon diesen Bethafteten wurde die Sttafangelegenheit. Sinowjews, Schafarows, Wardins, Kamenews, Salnckijs und Jevdoftmow— da die Untersuchung bisher kein genügendes Material für eine gerichtliche Strafverfolgung ergeben hat— einem Sonderausschuß des Jnnenkommiffariats überwiesen» damit sieaufadministrativem Wege verbannt werde«. Gegen die übttgen Angeklagten wird die Untersuchung weiter gcfühtt. Mit der administrativen Verschickung der Sinowjew-Leute nimmt die Kampagne der Sowjetregierung, die nach dem Mord an Kirow eingesetzt hat, Formen an, die doch schon sehr stark an die Methoden erinnern, mit denen in Hitlerdeutsch- land vor und nach dem 30. Juni politische Streitfragen aus der Welt geschafft werden. Bis heute ist keine einigermaßen bewiesene oder beweisbare Darstellung der Beweggründe Seile 10 DirnStag, SS. Dezember 1934. Nr.« Bierfacher Mord im Wahnsinn ! Perrysville(Pensylvania). Dir 38jährige Katharina Schock wurde aus Herzleid über den unlängst erfolgten Tod eines ihrer Söhne vom Wahnsinn befallen. In diesem Anfall ermordete sie ihren Bruder Waller Dempsey und drei ihrer im Alter von 18 Monaten biS 11 Jahren stehenden Söhne. Die Gattin Dempfeys Tagcsnciiighcitcn Op-er des Weihnachts- Reiseverkehrs New?)ork. Im Dezember ereigneten sich infolge des starken Weihnachts-Reiseverkehrs eine ungewöhnlich große Anzahl von Unglücksfällen in den verschiedenen Landesteilen. Bei zwei schweren Kraftwagen-Unfällen wurden neun Personen getötet und neun verletzt. Bei Del- ware stießen zwei Eisenbahnzüge zusammen. Die Zahl der Opfer belief sich auf d r e i Tote und 14 Verletzte. Seit Jahren war der Weihnachtsv erkehr nicht so stark wie in diesem Jahre.> Neu« Todesopfer von Mnrrhardt Stuttgart. Zu dem Eisenbahnunglück bei Murrhardt in Württemberg wird weiters gemeldet, daß sich die Zahl der Todesopfer auf neun erhöht hat. Das Befinden der Schwerverletzten ist de» Umständen nach zufriedenstellend. Die Aufräu- mungSarbeiten wurden mit allem Nachdruck durchgeführt, so daß der regelmäßige Betrieb wieder ausgenommen werden konnte. Verkehrsflugzeug mit sechs Insassen ins Meer gestürzt Mexiko. Ein am Freitag mittag in La Paz (Kalifornien) nach Mazatlan gestartetes Verkehrsflugzeug mit sechs Insassen, darunter einem Säugling, ist verschollen und dürfte anscheinend das Opfer eines Unglücks geworden sein. Der Apparat mußte auf dem Meere niedergehen. Dort wurde er auch von einem auf die Suche geschickten Flugzeug gefunden. Die daraufhin ausgelaufenen Rettungsschiffe konnten aber, ebenso wie das später noch einmal gestartete Suchflugzeug, nichts mehr von dem Flugzeug entdecken. Die verunglückt« Maschine, war ein mit Schwimmern.verliehenes Landflugzeug. Man nimmt an. daß heim Aufsetzen auf das Wasser die Schwimmer brachen, so daß das Flugzeug unterging. Korsische Blutrache in Paris Paris. Das bekannte Pariser Viertel Montmartre wurde Samstag abends der Schauplatz korsischer Vendetta. Auf dem Pigalle-Platz schoß aus der halbgeöffneten Eingangstür ein junger Korse fünf Revolverschüsse iy ein dicht gefülltes Kaffee-Haus. Ein Korse und sein fünfjähriger Sohn wurden durch die Schüsse tödlich verletzt, außerdem wurde noch ein unbeteiligter Kaffee-Besucher verletzt. Nach längerem Suchen konnte der geflüchtete Täter festgenommen werden. Drei Stunden nach diesem Drama wurde in einer anderen Bar des Montmartre ein weiterer Korse, der Bruder deS verhafteten Täters, durch Schüsse schwer verletzt. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß es sich hier um korsische Blutrache handelt. Explosion auf dem Prager Wilsonbahnhof Am Sonntag in den frühen Morgenstunden wurde auf dem Bahnsteig 2 auf dem Wilsonbahnhof in Prag unter einem Wagen der dritten Klasse, Garnitur 1602, die Gasanlage zur Abfahrt vorbereitet. Aus bisher unbekannter Ursache kam es zu einer Explosion, bei welcher etwa 90 Fenster in den Zügen und im Bahnhofsgebäude in Trümmer gingen.!. Die Zugsgarnitur war nur schwach beseht und auch auf dem Bahnsteig waren nur wenig Reisende. Es wurde niemand verletzt, nur der Schneiderlehrling Franz Ciml aus Prag, der in dem Wagen saß, unter dem die Anlage explodierte, gab beim Amtsarzt an, daß er nichts höre. Wären auf dem Bahnsteig und im Wagen mehr Reisende gewesen, so hätte der Vorfall leicht tragische Folgen haben können.— Es wird untersucht, welche Ursachen zur Explosion führten.' ' Bankbeamter unterschlägt 100.000 Schilling Wien. In einer Wiener Großbank ist es nach fast einjähriger Beobachtungsarbeit gelungen, einen Beamten der Geldbriefabteilung zu überführen, der auf raffinierte Weise vermutlich schon seit etwa zehn Jahren die Wertbriefe des Institutes spoliiert hat. Der 33jährige Skontist Leopold M u n s ch wurde verhaftet und hat den Diebstahl von 15.000 Schilling zugegeben, doch dürfte er im ganzen ettva 100.000 Schilling unterschlagen haben. und ein vierter Sohn der Schock wurden schwer verletzt und in bedenklichem Zustande ins Krankenhaus gebracht. Die Nachbarn wurden erst von der Gattin Dempsehs alarmiert, die, obwohl sie eine schwere Kopfverletzung erlitten hatte, die nächsten Häuser erreichte und um Hilfe bat. Krau Azana macht Le« Haupttreffer .Madrid. Die Gattin des ehemaligen Ministerpräsidenten Azana, der wegen Anteilnahme an dem letzten katalonischen Aufstandsversuch verhaftet worden war, gewann in der spanischen Weihnachtslotterie den Haupttreffer von 8.5 M i l l i o- nenPe seien. Tabakhunger treibt gar Gefängnisrevolte j London. In einem Gefängnis in Glasgow brach am Samstag abends eine Revolte aus. Eine Anzahl zu längeren Freiheitsstrafen Verurteilter sowie einige Fürsorge-Zöglinge versuchten, sich in den Besitz der Tabak- und Zigarettenvorräte zu setzen, auf die nur die Untersuchungsgefangenen Anspruch haben. Sie zertrümmerten einige Fensterscheiben, konnten aber von den Wärtern in Schach gehalten und in ihre Zellen zurückgeführt werden. Zwei Gefangene wurden verletzt. Bor zwanzig Jahre»... Ihr, die ihr da- mals Soldaten wäret, erinnert ihr euch des blu- tigen und schmutzigen Elends im Schützengraben? Wisset ihr noch, wie unsere Weihnachten 1914 und der folgenden Jahre auLsahen? Dom Tode bedroht oder verwundet in Spitälern lie- gend, daheim Eltern, Frauen, Kinder bangend, hungernd; die Bande zerrissen bis auf die kläglichen Spuren, die die Feldpost zuließ; Mensch gegen Mensch, Land gegen Land, Nation gegen Nation gestellt; alle wahre Weihnachtsstimmung begraben und erschlagen unterm Heulen der Ge- schosse, unterm Stöhnen der Verwundeten, unter den Tränen von Witwen und Waisen. Erinnert ihr euch noch? Wir, die es mitmachten, find heute reife Männer. Fast alle von uns kämtzfen einen schweren Lebenskampf. Grausam istMch dieser Kampf, und feine Wurzeln kieayl in den Jahren 1914 bis 1919.' Als wir t918 die ersten Weihnachten wieder daheim verbrachten, da glühte in uns allen Wunsch und Wille, daß niemals mehr Menschen in den Kriegstod geschickt werden dürfen, daß niemals mehr Menschen solche Weihnachten erleben sollen, wie wir sie 1914 bis 1917 mitmachten. Unser Wunsch ist inzwischen nicht weniger glühend geworden. Im Gegenteil: angesichts der furchtbaren Wo!-! ken am europäischen und am asiatischen Kontinent ersehen wir mehr denn je, daß eine Wiederholung, eine noch entsetzlichere Wiederholung des verfluchten Geschehens vermieden werde. Und wir wollen alles, was in unseren Kräften steht, dazu tun, um neues Grauen hintanzuhalten. Drum mögen an diesen Weihnachten die Väter zu den Söhnen treten und ihnen, die den Krieg nicht schaudernd miterlebten, erzählen, wie's draußen war. Die nackte Wahrheit, ohne Romantizismus, sollen die Zwanzig- und Dreißigjährigen hören. Das ist notwendig. Und die Mütter, die damals namenlos litten und darbten, sollen den Kindern berichten von der Not einer Zeit, gegen die selbst das graue Krisenelend unserer Tage noch erträglich erscheinen kann. Eine Stunde dieser Weihnachten kann und darf, ja muß man diesem Gedenken wid- men; und dann erst, zu neuem, stärkeren Wider- stand gestählt, Festesfreude mst weniger trüben Gedanken suchen, mit kämpferischen Gedanken, mit dem Blick auf eine bessere Zeit, in der die Menschen eS besser verstehen werden, Blut und Hunger von sich fernzuhalten. Chefredakteur des„Naprzod" gestorben. Die Sozialistische Partei Polens hat einen schweren Verlust erlitten. Am 10. Dezember starb Emil Haecker in Krakau. Der Verstorbene, der im 59. Lebensjahre stand, leitete 40 Jahre hindurch das bekannte Parteiorgan„Naprzod", das vor dem Kriege das Zentralorgan der im Rahmen Alt-OesterreichL wirkenden Polnischen Sozialdemokratie war. Haecker war eine der hervorragendsten Gestalten der sozialistischen Bewegung in Polen. Er besaß ein bedeutendes publizistisches Talent, das auch von den Gegnern sehr gesch^t wurde, und seine literarischen Kritiken fanden nicht geringe Beachtung. Bor dem Kriege war er auch als Mitarbeiter der„Neuen Zeit" Kautskys tätig. Haecker unterhielt vor dem Kriege als Chefredakteur der„Naprzod" ununterbrochen einen regen Kontakt mit der durch ihre revolutionären Aktionen' unter dem zaristischen Regime berühmt gewordenen P. P. S. Kongreßpolens und war in diesen Kreisen besonders populär. Sein Leichenbegängnis bot Anlaß zu einer gewaltigen Tränerinänifestation des polnischen Proletariats. Aug überfahrt Auto Tödlicher Unfall bei Prag. Prag. Am 23. Dezember vor MUternacht stieß der Stabskapitän V a d r o ü, der Infante- rieübungsstätte in Milovice, der in einem Privatauw aus der Straße Prag—Brandys fuhr, gegen die Eisenbahnschranken der Haltestelle in Kbely. Nach dem Zusammenstoß wurde der Wagen durch einen vorüberfahrenden Zug ungefähr 30 Schritte weit geschleift. Stabskapitän B a d r o ü wurde aus dem Wagen geschleudert und verschied nach wenigen Augenblicken. Nahrungsmittelvergiftung. In dem Bergarbeiter-Städtchen H a l t b y in der englischen Graffchast Uorkshire sind infolge einer Nahrungsmittel-Vergiftung über 50 Personen erkrankt, davon 23 so schwer, daß sie sich in Krankenhaus- Behandlung begeben mußten. Die Zahl der Erkrankungen nimmt noch zu. Alle in Frage kommende Lebensmittel wurden chemisch untersucht. Aber bisher hat sich der Erreger der Vergiftung noch nicht fesistellen lassen. Allem Anscheine nach ist jedoch der Charakter der Vergiftung nicht gefährlich.- Schwerer Junge in Brünn verhaftet. In Brünn wurde der gefährliche internationale Räuber Henö H o r v a t h, ein 47jähriger Arbeiter aus Budapest verhaftet, bei dem moderne Einbruchswerkzeuge und ein größerer Ivahrscheinlich aus Einbrüchen stammender Geldbetrag gefunden wurde. Horvath gestand, vor einigen Tagen aus Wien nach der Tschechoslowakei gekommen zu sein, um hier einige Einbrüche durchzuführen und dann nach Deutschland zu reisen. Bisher hat Horpath insgesamt zehn Jahre schweren Kerker hinter sich. Gleichzeitig mit ihm wurden in einem Brünner Hotel zwei weibliche ungarische Staatsangehörige und ein Mann verhaftet, die m seiner Gesellschaft erblickt wurden und die im Verdacht stehen, seine Genossen zu sein. Nach Verbüßung der Polizeistrafe wegen unerlaubten Grenzübertrittes, wird er gemeinsam mit den anderen Verhafteten in die Hast des Brünner Kreisstrafgefängnisses eingeliefert werden. 1 Wirtschaftsarchiv des Handelsministeriums. Wie wir in den„Mitteilungen des Deutschen Haupwerbandes der Industrie" lesen, verfügt das Handelsministerium seit kurzer Zeit über ein wohleingerichtetes Wirtschaftsarchiv, das ähnlich organisiert ist, wie das Weltwirtschaftsarchiv in Hamburg. Es werden dort alle Berichte und Ausschnitte aus in- und ausländischen Zeitungen und Zeitschriften, soweit sie die Wirtschaft betreffen, systematisch gesammelt und und nach einheitlichen Gesichtspunkten in übersichtlicher Weise in Faszikel geordnet. Die Sammlung ist derart angelegt, daß nzan sowohl nach der,Materie als auch nach oem betretenden'Staat wftrr alle über den jeweiligen Gegenstand im Archiv erliegenden Nachrichten erfassen kann. Interessenten können jederzeit Zutritt in dieses WirtschastSarchiv erlangen. Die Reichsvereinigung deutscher sozialdemokratischer Lehrer ersucht alle Genossen die Vereinigung bei der Werbung fiir die vom 14. bis 19. April 1935 in Teplitz-Schönau stattfindende pädagogische Woche, deren Programm wir an anderer Stelle des Blattes bringen, zu Unterstützen. Es wird gebeten, den Artikel des Genossen Hudl sowie dieses Programm in Kreisen der Lehrer und Lehrerinnen möglichst zu verbreiten. Erinnerung an die„Emden". Kontreadmiral John Collings Taswell G l o s s o p ist am Sonntag in Weymouth, 66 Jahre alt, gestorben. Glos- sop war zu Beginn des Weltkrieges Befehlshaber des australischen Kreuzers„Sydney", der durch seine ausgezeichnete Artillerie am 11. November 1914 bei der Kokos-Jnsel nordwestlich von Australien den deutschen Kreuzer„Emde n" vernichtete. , Brün«.(Eigenbericht.) Montag früh ereignete sich in Brünn-Julienfeldein Fall, der in merkwürdiger und tragischer Weise an die seinerzeitige Explosion im Hotel„E u r o p e" erinnert, der soviel Aussehen erregt hat. Glücklicherweise sind die Folgen, so schlimm sie sind, doch nicht so schwer wie seinerzeit bei der Katastrophe in der Brünner Johannesgasse. i Kurz vor 6 Uhr früh des Weihnachtstages wurden die Bewohner von Brünn-Julienfeld durch eine mächtige Detonation aus dem Schlafe aufgeschreckt. Die Einwohner liefen auf der Straße zusammen und entdeckten in der Richtung, aus der die Detonation gehört worden war, ein Hau S, das in Trümmern lag und aus dessen zerstörtem Jnn-rn Flammen emporschlugen. Nach kurzer Zeit erschienen sämtliche Rett u n g s- abteilungen und Feuerwehr en von Brünn an der Unglücksstätte. In der Umgebung deS zerstörten Hauses herrscht« eine furchtbare Pa n i k, die sich steigerte, als man erfuhr, daß dis Personen im oberen Teil des Hauses verletzt und daß ihre Einrichtung ein Raub der Flammen seien. Es gelang den Feuerwehren, den Brand zu löschen und in das Haus einzudringen.’ Als Ursache der Explosion konnte folgender Sachverhalt ermittelt werden: D-c 37jährige Maurer und Besitzer des Hauses Mathias Horüak lebte seit längereri Naturfreunde-Bewegung. Gültigkeit der Touristen-Mitgliedskarten. Auf Grund unserer Eiugabe beim Eisenbahnunnifterirm wurde»ns unter den 11, Dezember l. I. mit Zafl 44859=111/3/1934 mitgeteilt, das? die bisherige« Legitimationen bis Ende deS Jahres 1935 anerkannt «erden. „Naturfteund" und„Berg ftei"—'Bezug 1985, Hiemit fordern wir unsere Ortsgruppenleitungen auf, soweit die Bestellungen noch nicht aufgegeben wurden, diese sofort der Geschäftsstelle Aussig a. E., Marktplatz 11, zu übermitteln, damit die Auflagen errechnet werden können. Später einlangende Reklamationen können nicht berücksichtigt werden. Wo Bestellungen ausbleiben, wird die bisherige Stückzahl geliefert und berechnet. Der Reichsausschuß, Katastrophaler.Hotelbrand. In Carlsbad (Staat Newhampshire) brach in einem großen Hotel ein Brand aus. Das Hotel wurde vollkommen zerstört. Drei Personen kamen in den Flammen um, fünf wurden schwer verletzt. Französische Frontkämpfer am Grab« Alexanders. Die Vereinigung französischer Frontkämpfer der Ostarmee hat beschlossen,«ine Wallfahrt zum Grabe König Alexanders nach Oplenac zu veranstalten und dort eine bronzene Gedenktafel niederzulegen. Die ehemaligen Frontkämpfer verlassen Marseille am 29. Dezember und treffen in Belgrad am 1. Jänner ein. Bater und Sohn. In der Nähe von LenS(Frankreich) erschoß«in 84jähriger Grundbesitzer seinen 50jährigen Sohn, weil er mit dessen Helratsplänen nicht einverstanden war. Der Mörder erhängte sich sodann am Fensterkreuz. Vom Rundfunk empfehlenswertes em den Programmen! Mittwoch: Prag, Sender L.: 7.80: Karlsbader Konzert, 11: Konzert über Kammermusikwerke, 16: Jugendstunde, 17.40: Deutsche Sendung aus Brünn: Adam: Die Nürnberger Pupp«, Komische Oper, 19.30: Üebertratzung aus dem Nationaltheater: Dvokäk: Die Jakobiner, 22.20: Deutsche Presse und Spott, 23.30: Konzert der Salonmusik. Sender S.: 14.30: Deutsche Sendung: DaS papierene Schloß.— Brünn 17.20: Tanzmusik, 17.55: Deutsche Sendung: Alte Weihnachtsgesänge.— Mährisch-Oftra» 12.15: BunteS Programm.— Preßburg 16.43: Orchesterkonzert. Donnerstag: Prag, Sender L.: 10.05: Deutsche Nachrichten, 12.10: Schallplatte«, 15.55: Dvorsky und seine Me- lody boys spielen zum Tanz auf, 16.55: Jugendstunde mit Musik, 17.20: Klavierkonzert, 17.55: Deutsche Sendung: Jugendstunde, Hörspiel, 18.55: Deutsche Presse, 22.15: Tanzmusik. Sender S.: 14.20: Die Jungen sprechen, 14 80:'Tanzlieder, 111 io: Mcxlkänlfche'Lieber.— Brünn löa: Deutscher Arbeitsmarkt, 17.30: Scherzlieder, 18.25: Deutsche Sendung, Arbeiterfunk: Josef S ch r a m e k: Ein Jahresrückblick und eine Vorschau, 21.10: Orchesterkonzert.— Mähr.-Ostrau 17.55: Deutsche Sendung: Schrammelmusik, 19.10: Gesundheit des Kindes.— Preßburg 17.20: Kontrabaßkonzert, 21.10: Orchesterkonzert. Freitag: Prag, Sender L.: 10.05: Deutsche Nachrichten, 10.15: Konzert des Salonorchesters, 11: Schallplat- ten, 12.10: Chansons, 12.35: Jazzorchesterkonzert, 13.35: Arbeitsmarkt, 16.45: Orchefterkonzert, 18.20: Deutsche Sendung: Otto Schimetschek: Sportvorschau, 18.25: Donath: Kunst und Kunstfälschung, 18.45 Aktuelle zehn Minuten, 21.25: Konzert des Ondricekquartettes, 22.15: Tanzmusik. Sender S.: 14.20: Schallvlatten, 14.35: Volkslieder, 15: Deutsche Sendung: Für die Hausfrau, 18: Jazzorchesterkonzert.— Brünn 18.20: Deutsche Sendung: Hermann Klenner: Wohin zum Wintersport? Mährisch-Ostrau 18: Deutsche Sendung: Tante Evas Kinderstunde, Haas: Neueste Nachrichten aus dem Weltall. Zeit in Unfrieden mit seiner Frau. Die Ehe war bereits faktisch geschieden und die Frau aus der Kellerwohnung in das Dachgeschoß übersiedelt. Horüak versucht verschiedenemal vergebens, seine Frau zu bewegen, daß sie wieder mft ihm lebe. Als er sah, daß seine Bemühungen fruchtlos blieben, entschloß er sich zum Selbstmord, und zwar in einer furchtbaren Weise. Das Beispiel deS Hotel„Eurape" mag ihn auf die schreckliche Idee gebracht haben, sich in die Luft zu sprengen. Er gab eine« Explosivstoss in sei« Bett, legte tzich nieder und entzündete den Sprengstoff. Durch die Explosion wurde sein Körper vollkommen zerrissen und Horüak war auf der Stelle tot. Leider stürzten aber auch im oberen Teil des Hauses einige Wände ein. Die Einrichtunwürde dort ebenfalls demoliert. In der Parterrewohnung erlitten die Bewohner, der 32jährigc Expedient der Firma Fuchs, Viktor Kroupa und dessen fünfjähriger Sohn ernste Berletznngen. Beide wurden in die Landeskrankenanstalt gebracht. Der Frau Hornaks, gegen die der Anschlag wohl mitgerichtet war, kam mit heller Haut davon. Der Sachschaden ist bedeutend. Immerhin kann man beinahe noch, von Glück sprechen, daß nicht das ganze Haus einstürzte, denn di« Gewalt der Explosion muß furchtbar gewesen sein. Ei« Haus stiegt in die Luft Knrchtdarer Selbstmord eine» Brünner Maurer» Sin zweiter Fall»Hotel Snrope" Nr. 301 Dienstag, 25. Dezember 1934 Seite 11 Roch lein Schnee! Es ist zum Verzweifeln, der Winter will sich in diesem Jahre nicht einstellen. Graue Wolken ziehen den Himmel entlang und Nebel füllt di' Täler und auch Negen— aber Schnee, den ».riecht" man nicht einmal. Die Bergwiesen und --Hänge zeigen sich in Grün» das frisch leuchtet, oder sind schwarz von aufgeweichter Erde, aus der sich hie und da ganz verschüchtert ein Blümlein knospend hervorwagt. Nirgends, weit und breit nicht ein Stäubchen des ersehnten Weitz zu sehen... Weihnachten ohne Schnee—- wie lange ist das schon nicht dagewesen... Ski, Rodel und Schlittschuhe sind wohl hergerichtet oder neu an» geschafft worden, doch Schnee und Eis sind momentan noch eine Rarität. Und die winterlichen Sportgeräte, die am Weihnachtstisch erscheinen, werden tvohl nur halbe Freude bereiten... Schlimm ist es fiir die Sportler und Sportlerinnen, welche nun keine Gelegenheit haben, sich auf die verschiedenen kommenden Veranstaltungen vorzubereiten. Jene Auch-Sportler, welche sonst die Sportzüge und die Hänge vor den Bauden und Hotels der Wintersportorte bevölkern, die armen Ski-Haserln,— sie kommen ja auck ohne Schnee auf ihre Rechnung, denn ihr„Sport" ist ja doch in allererster Linie nur Tanz und Flirt. Um diese„Wintersportler" braucht uns nicht leid zu sein; doch mit allen übrigen, denen der Winter auch etwas zu sagen und zu bedeuten hat, mit ihnen teilen wir das Leid, zwei Tage der Erholung nutzlos verstreichen lasien zu müssen. Hoffen wir, datz uns das nahende neue Jahr das nun so schwer entbehrte Weitz in ausreichendem Matze zuteil werden lätztl Der Fremdenverkehr bei«ns. Die Zahl der Ausländer, die im November in die Tschechoslowakei einreisten, betrug 88.485, d. h. sie sank ge- geniiber Oktober d, I. um 21.5 Prozent. Der Rückgang der Reisen unserer Staatsangehörigen ins Ausland beträgt im Oktober gegenüber November 12.3 Prozent. Im Noveinber reisten 68.420 unserer Staatsbürger aus. Während der ganzen Zeit von Feber bis November 1934 .überschritten unsere Grenze auf der Einreise 1,395.123 Ausländer; ins Ausland reisten 900.509 Tschechoftowaken. In dieser Zeit kehrten aus dem Auslande 886.891 Tschechoftowaken zurück, so datz über 13^ tausend unserer Staatsbürger, die Heuer«bereisten, im Ausland verbleiben. Dagegen kehrten von 1,395.123 eingereisten Ausländern 1,315.465 ins Ausland zurück; es bleiben daher vom heurigen Fremdenverkehr an 80 tausend Ausländer bei uns, besonders Reichsdeutsche(darunter auch Emigranten). Die Aufenthaltsdauer der Ausländer beträgt hei uns im November-2,AH4»177Tage;-di» unserer Staatsbürger im Auslande 415.752 Tage. Das wirtschaftliche Ergebnis ist allerdings für die Tschechoslowakei verhältnismässig nicht so günstig, wie es nach den Zahlen über die Aufenthaltsdauer scheinen könnte. Prag besuchten im November nach den polizeilichen Anmeldungen, 4830 Personen aus dem Auslande und 28.657 Personen aus dem Jnlande; in der Zeit von Jänner bis November 378.688 Personen aus dem Jnlande und 63.994 aus dem Auslande. Gegenüber derselben. Zeit im Vorjahre ist Heuer der Besuch von Inländern um 13.2 Prozent und von Ausländern um 6.7 Prozent stärker. Wir die Sitzungen des österreichischen Ministerrates ringeladen- werden.- Die Minister des autoritären Staates fühlen sich sehr geliebt. Deshalb werden auch die Sitzungen des Ministerrates mit grösster Vorsicht einberufen. In jedem Ministerium sitzt ein vollkommen verlässlicher Beamter. Ist eine Sitzung für Donnerstag geplant, dann wird der Mann angerufen und ihm mitgeteilt: „Donnerstag, 12. 10 Nhrl" Donnerstag 9 Uhr bekomnit er den Anruf:„5 Uhr nachmittag!" Um 3 Uhr nachmittag erhält er die Verständigung: „4 Uhr nachmittag!" Um dreiviertel 4 Uhr nachmittag ertönt das letzte Signal:„6 U h r H e e- resministeriu ml" Vom Prager Rundfunk Hinter uns liegt eine Woche der Jubiläen. Am Sonntag hörte man in der Arbeitersendung über StraSnice von Emil Fischer eine temperament-» volle Gedenkrede anlässlich des 90jährigen Bestehens der Konsumvereine. Für den Sprecher war das Anlass, die Bedeutung der Einkaufsgenossenschaften für den Ausstieg der Arbeiterklasse sehr beweiskräftig zu bewnen.— Der Freitag brachte zwei Hundertjahrfeiern. Prof. Bulirsch(Reichenberg) gedachte der vor 100 Jahren erfolaten Uebergabe der Gabelsberger-Kur't-l rift an die Oeffentlichkett. Der deussche Schulfunk erfüllte— allerdings in recht bescheidener Form— die selbstverständliche Pflicht, von der Entstehung des Kde domov müj?" zu erzählen, das am 21. Dezember 1834»um ersten Male auf der.Bühne des Prager Ständetheaters im Rahmen des Singspieles„Fidlovakka" gesungen wurde. Zum gleichen Gedenken. sprach der Dichter Paul L e p p i n in der Libliher Abendsendung schöne Worte; sie führten durch das alte Prag, vermittelten manche fesselnde Begegnung mit Menschen der damaligen Zeit und knüpften immer wieder an Rilkes liebevolle Verse von..böhmischen Volkes Weise" an. —r Die Strasnicer Sonntagssendung machte uns mit dem neuen Romane Karl E a p e k S.„Der Meteor", bekannt, einem Werke, das mit ausserordentlich feiner Gestaltung psychologische Probleme und beinahe mystischer Durchdringuna der Erscheinung der Vielgestaltigkeit des menschlichen Lebens gewidmet ist und uns in der wertvollen l'ebersetzung von Dr. Walter M-a r a S als besonders schätzenswerte Zwei Jahre länger Schulbesuch wird im Freistaat Irland eingeführt. Die Regierung hat diese Massnahme zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit Jugendlicher bereits beschlossen und das Parlament wird folgen. Litwinow gibt Autogramme. In Genf erzählt man sich, Litwinow habe einer jungen Ja- nerin ins Album geschrieben:„Eine japanische Pazifistin macht für uns iwch keinen Frühling." Das Schleissweiler Bahnunglück hat nun ein! zehntes Todesopfer gefordert. Zugsschaffner Sin-I zinger ist im städtisch:« Krankenhaus.in Bad Kannstadt in der Nacht auf Montag gestorben. Schachmeister Flohr hat eine Tournee in Böhmen, wobei er Simultanproduktionen gab, mit einer Vorstellung in Chrudim beendet, wo er von 30 Partien 29 gewann und eine remisierte. Im ganzen hat Flohr bei 13 Vorstellungen 505 Partien gespielt. Bon diesen hat er 458 gewonnen, 34 remifiert und nur 13 verloren. In Prozenten ausgedrückt, bedeutet das ein Ergebnis von 94 Prozent Gewinnpartien. Velkswirtschafl und Sozialpolitik Die Banken in der Tschechoslowakei Die Banken haben als Kapitalgeber für die Wirtschaft in-der Tschechoslowakei eine bedeutende Machtstellung gewonnen. Nach den bis zu Ende des Jahres 1932 bekanntgegebenen Bilanzen gab es im gesamten Staatsgebiet in den nachstehenden Jahren folgende Anzahl von Banken, deren Unter» nehmungsform die Aktiengesellschaft ist: 1 Die bösen Kinder werden beschenkt... Technische Revolution im Film? Er soll farbig und plastisch werden! Der kommende Siegeszug des Farbfilms, der schon seit geraumer Zeit von Amerika angekündigt wird, scheint nach den Meldungen, die in letzter Zeit aus England, Deutschland und auch aus Kreisen der tschechoflowakischen Filmindustrie kommen, tatsächlich schon sehr nahegerückt zu sein. Wie vor sechs Jahren, als der Tonfilm über den stummen Film zu triumphieren begann, so scheint'auch" diesmal die' nen« Technik'nicht nur vom Eifer der Erfinder(die schon seit vielen Jahren am Farbfilm arbeiten) vorivärtsgetrieben zp werden, sondern ebenso von dem Wunsche der Filmindustrie, die sich, was den Inhalt und die Därstellungsmittel des Films betrifft, in einem sichtbaren Erschöpfungszustand befindet, und, weil sie auf künstlerische Experimente nicht eingehen will, von einem neuen Reproduktionsverfahren ein neues Leben erhofft. Damals, als der Tonfilm kam, wurden die Warner Brothers gross und reich, weil sie als erste die neue Technik in grossem Massstabe anwandten. Diesmal wetteifern die verschiedensten Firmen in aller Wett, Schöpfer des ersten grossen Farbfilms zu werden. Der erste Filmproduzent, der schon seit einem Jahre Farbfilme herstellt, ist der Amerikaner Walt Disney, der ruhmvolle Schöpfer der „M i cky-Maus", der jetzt seine märchenhaftwitzigen Grotesken nicht nur zeichnet, sondern auch koloriert und mit diesen farbigen Heiterkeiten schon grosse Erfolge erzielt hat. Auch hier in Prag haben wir Filme dieser Art bereits gesehen— und gefunden, dass sie anmutig, lustig und wahrhaft künstlerisch sein können,— aber nur, weil sie keine realistischen Filme sind, genau so wenig, wie die Farben, die wir auf der Leinwand sahen, realisttsch waren. Und hier beginnt Dichtung begegnet.— Hier lei auch gleich Dr. M o u ch a s Selbstbericht der Jugend zur Preisverteilung in der Jugendstunde am Donnerstag erwähnt. Die glücklichen Gewinner haben nun schon ein Stück Weihnachtsfreude im Sicheren.— Ein „Christlsingen" aus alter Zeit füllte die Sendung des Schulfunks am Dienstag. Das Programm tellten sich Fachlehrer Ott(für Schlesien) und Prof. Lang in(für die engere Heimat). Man hörte die aus Volksbrauch lammenden und im Bolksbrauch wetterlebenden, von viel Empfinden ge- tragenen Weisen gern.— Die grossen musikalischen Gaben brachte zuerst das von Dr. Theodor V e i d l geleitete Sonntaaskonzert. das nun freilich an den Hörer schon recht hohe Anforderungen stellte und sich vor allem an die Liebhaber der Moderne wandte. Für jeden aber war Hilde Konetz nis wundervolles Singen ein rechtes Sonntagsvergnügen. Von sudetendeutfchen Komponisten lernte man in Liedern (Gesang Horner) am Dienstag Karl S ch ml- tz er, Karl Preis und V. Altmann kennen und alD starke Begabungen schätzen. Zwischen den Liedervorträgen gab eS Klaviersoli, vorgetragen von unserem heimischen Meister Prof. Langer.— In daS Programm eingestreut waren Dr. Albrechts mit vorsichttgen Dorten Trost und Hoffnung zu- sprechendeS Wirtschaftsrelief und unseres Genossen Hofbauers Sch au über die Tagesereignisse, von denen der Bericht des Aussenministers Benes als Weihnachtsbotschaft an die europäischen Völker gewertet werden kann, denn er weist einen Weg zum dauernden Frieden. DaS grosse Ereignis der Weltpolitik ist Amerikas 25-Jahrplmr für den Neuaufbau der Wirtschaft. Ernst T h ö n e r. das entscheidende Problem deS Farbfilms: gelingt es ihm nicht, wirklichkeitstreue Farben wiederzugeben, dann wird es bestenfalls zu einem Sieg des phantastisch malerischen Films, wahrscheinlicher aber zu einer Orgie des bunten Kitsches führen. Die Nachricht, dass die ersten abendfüllenden FaÄifilme, die man ist Amerika Herstellen will,„Opern" von Sullivan und Gilbert sein werden, lässt nichts Gutes ahnen. Bisher sind v drei verschiedene Färbfilmverfahren bKannt geworden. In Amerika arbeitet man nach dem Technicolour-Verfahren, bei dem der Film erst Nach der Aufnahme gefärbt wird. In Deutschland will man ein von der fahren benützen. Und in England hat man Firma„A g f a" konstruiertes Filter« Ber- sich für das bisher zur Anfertigung bunter Reklamebilder benützte H i l lm an- Verfahren entschieden, das die natürlichen Farben mit Hilfe einer Farb-Linse sammelt und den Vorteil haben soll, dass es zur Herstellung vollständig gleichartiger Kopien geeignet ist. Das schwierigste Problem für die Filmindustrie ist vorläufig noch die K o st e n f r a g e. Bei dem Technicolour-Ver» fahren ist die Anfertigung der Kopien sehr teuer, 7— zumal sie oft misslingen. Und bei den anderen Verfahren ist die Beleuchtung kostspielig. Denn die Aufnahme muss dreimal so stärk belichtet werden wie beim Schwarz-Weih-Film, wo/unter übrigens nicht nur die Kasse des Produzenten, sondern auch der Zustand der Darsteller sehr leidet. Die englische Filmindustrie, die den ausgesprochenen Ehrgeiz hat, Hollywood den Rang abzulaufen, will den Wettlauss um die neue Filmtechnik mit einem doppelten Einsatz gewinnen: Man plant in London nicht nur den farbigen, sondern auch den plastischen Film. Ein griechischer Erfinder namens Zafiro- t a u l o n soll eine Konstrukrion geschaffen haben, mit deren Hilfe man den bisherigen zweidimensionalen Eindruck des Films in einen dreidimensionalen verwandeln kann. Diese Konstruktion, die von der englischen Firma„London Films" bereits erworben sein soll, beruht auf demselben Prinzip wie das Stereoskop: bei der Aufnahme werden zwei Linsen verwendet, die dem reckten und linken Auge entsprechen. Bei der Projektion des plastischen Filins ist ein noch komplizierterer! Apparat notwendig: die Leinwand muh in zwei j Teile gesondert werden, und der Borführäpparat| soll nicht weniger als zehn Linsen haben. Man hofft mit einem farbigen und plastische« Film einen vollkommenen Theaterersatz bieten zu können. Man muh aber andererseits befürchten, dass damit das Ende der selbständigen Filmkunst kommen lvürde. Doch der technische Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Und die Kunst, die— wie beim Tonfilm— zunächst einen Rückschlag zu'gewärtigen hat, wird die Aufgabe haben, sich die neue Technik dienstbar zn machen,— soweit es die Besitzer der Produktionsmittel ihr gestatten werden. «iS— Jahr . Zahl der Banken Ges. Aktienkapital Millionen Kn 1926 174 2768 1927 163 .2718 1Y28 157 2738 1929 150 2787 1930 141 2781 1931 134 2403 1932 115 2099 Bon diesen Banken befindet sich der weitaus grössere und auch kapitalkräftigere Teil in Böhmen und in Mähren-Schlesien. Die Banken in der Slowakei stehen ihnen an Bedeutung weit nach, und in Karpathoruhland handelt es sich durchweg überhaupt nur um kleinere Bankinstitute. Die Dividendenzahlung der Banken-Akticn- gesellschaften. deren Beträge von der Produktionswirtschaft aufgebracht werden müssen, gestaltet sich wie'folgt: Jähr Zahl der Dividen- Gesamt in Pro Gesell denberech- summe d. zente» schaften tigtes Ka ausgezahl pital ten Dividende Mill. KC Mill. Kä 1926 105 2195 166 7,6 1927 108 2308 ' 178 7.7 1928 112 2487 195 7,9 1929 110 2543 211 8,3 1930 103 2375 188 7,9 1931 83 1466 80 6,5 1932 63 1131 68 6,1 Das Kapital der Dividende ausschütt-nden Banken betrug demnach im Jahresdurchschntt: etwas über zwei Milliarden Kronen. Auf diese zwei Milliarden Kronen sind den Aktionären innerhalb der sieben Jahre von 1925 bis 1932 mehr als 1071 Millionen Kronen Dividende ausgezahlt worden. Das ist eine Verzinsung, mit der die Bankkapitalisten wirklich zufrieden sein können! Welthandelskrise und Tschechoslowakei Der Turchschnitts-Rückgang'des Welthandels fett 1929 bis 1932 beträgt 63 Prozent. In der gleichest Zeit ging der Aussenhandel der Tscheckö« fkowakei um über 70 Prozent zurück. 1929 stand unser Staat mit seinem Auhenhandel unter den europäischen Ländern an siebenter Stelle, 1933 war er auf die elfte zurückgedrängt. In dieser Entwicklung hat im Jahre 1934 ein Umschwung eingesetzt. Während der Welthan- I del in den ersten neuen Monaten b. I. um weitere 3,14 Prozent, und die Ausfuhr der europäischen Staaten sogar um 5,89 Prozent zurückging, ist der Wert des tschechoslowakischen Exports in der gleichen Zeit gestiegen. Am Golddollar gemessen betrug die wertmässige Zunahme der tschechoslowakischen Ausfuhr 6,3 Prozent. Damit rückt auch die Tschechoslowakei wieder ein Stück vor, denn in einzelnen europäischen Ländern, darunter in den Diktaturstaaten Deutschland und Italien, hat die'Verschlechterung des Auhenhandels im Jahre 1934 erhebliche Fortschritte gemacht. Die HandrlSvertragsverhandlungen mit Ruß- ■ land sind zur Zeit durch eine Pause unterbrochen, j Sie werden nach Neujahr fortgesetzt. Es besteht ! die Hoffnung, dass sie noch im Laufe des Jänners t zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht werden können.’ Der„König der Jagd" Herman Göring ist nicht nur preussischer Ministerpräsident, sondern auch Reichsforstmeister. Als solchen hat ibn eine fachmännische Jury jüngst z«m„König der Jagd" gekürt. Nicht, wie ! vielleicht naheliegender wäre, zum„König Ser Brandsttfter". Der„König der Jagd" erhielt seinen majestätischen Titel nicht unverdient, denn die gleich- geschalteten Gazetten versichern uns mit respekt- vollstem Lächeln, dass der neue König mit dem Hang zur Fettleibigkeit im Wildpark von Springe an einem einzigen Tag 22 Wildschweine geschossen'! bat! Der treffliche Schübe legte, von den Jagdkameraden stürmisch umjnbelt, seine letzte Uniform und auf ihr seine sämtlichen Orden an und liess sich vor dem Massengrab seiner Opfer photographieren. Herr Göring ist erstaunlich vielseittg. Wir kannten ihn bisher mehr als passionierten Menschenjäger und eS ist nicht zu leugnen, dass er gerade auf diesem i weidmännischen Spezialgebiet Erkleckliches geleistet I har; Herr v. Schleicher und seine Frau, der zu Tod« getrampelte Gregor Strasser und noch so mancher jählings umgelegte Pg. könnten ein Lied davon fttr- gen, wenn sie eben nicht für ewig stumm gemacht worden wären—, ganz zu schweigen von den unge- zähtten„marxistischen Untermenschen", die der mor- I phinistische Unhold mit der Jagdpaffion auf Menschen und Wildschweinen in den Kellern und Kerkern seiner preussischen Polizeikasematten berderben und erschla- ! gen liess. Nun wir sehen, dass auch den Tieren seine Liebe gehört: 22 an einem Tag das ist s-lbst kür»inen ' Gorma eine Leistung—I Seite 12. Dienstag, 25. Dezember 1934 Nr. 301 Serenade in Florenz Die Geschichte eines Clowns Mit krummen Beinen, einem viel zu großen, hartschädeligen Kopf, häßlich abstehenden Ohren und einer Nase, würdig eines intriganten Helden in orientalischen Märchen oder der„Opera Buffo", war Luigi als Sohn eines Geigenbauers in Florenz aufgewachsen. Er konnte nicht die Straße betreten, ohne von geradegewachsenen Knaben, von Mädchen mit roten Lippen gehänselt zu Werden. Man schrie ihm Schimpfworte zu, riß ihn an den Ohren oder an seinem seltsam braunen und sehr langen Haar, durch dessen Schönheit und Gepflegtheit Luigis Vater die Gesichtsfehler seines Sohnes verbergen wollte. Gewohnt, ausgestotzen zu sein, verlacht zu werden, erstaunte er glücklich, als man an einem Nachinittag seine Gesellschaft offenbar suchte, ihn im Kreise der bewunderten und rohen Gefährten duldete. Man spielte, in Erinnerung an einen fahrenden Musikanten,„Bär und Landstreicher". Was war natürlicher, als den krummbeinigen, mißgestalteten Luigi sogleich an einem Stück Tauwerk als Bären voranzuführen? Er war so komisch, heilige Madonna, umhertrollen konnte er, wie ein richtiger schwerer Bär, sein breiter Mund schnappte nach dem Tau, seine Arme wurden Vorderbeine, keiner hätte die Rolle mit solcher Vollendung spielen können. Jahrzehnte später, als sein Bild in vielen Festungen auftauchte, gerieten würdige Bürger und Handwerker der schönen Stadt Florenz in schüttelndes Lachen, ließen ihre Bäuchlein wackeln, klopften sich auf die Schenkel und erzählten allen Bekannten vom Aussehen dieses Bären in Menschengestalt! Zuerst war der Luigi gehüpft, gesprungen, gekullert, lustig hatten seine Augen den Beifall der Runde herausgeholt— und jedesmal, wenn sie ihm zujohlten, trieb er es toller und bunter. Dann aber war es ihnen plötz- lich gewesen, dieser Wechselbalg sei ein wahrer tapsiger Bär. Man wollte an diesem Tage garnicht roh sein— doch der Bär trieb es so, einer mußte die Peitsche holen und an des Bärenmenschen Bestie schlagen. „Hallo, hüpf' rüber, Bär, spring' doch, Luigi!" Der, das verbaute und winkelige Gesicht in Tränen und Enttäuschung verzerrend, wgr gehüpft, Ivar gesprungen, ohne einen Laut, ohne sich zu wehren und ohne zu bitten, um Gnade und Barmherzigkeit, und die Jungen hatten kra- keelt, und die Mädel hatten gejubelt. Dem einen'Jungen, dem mit der Peitsche, waren die Arme lahm geworden, ein, anderer wollte ihn ablösen, um den Bären noch herrlicher, noch komischer springen zu lassen. Wie dem die Ohren brannten, wie der Schopf des selten braunen Haares in der Lust herumwehte, wie seine mageren Hände zitterten und sich seine braunen, krummen Beine immer mehr mit Striemen bedeckten! Der zwette Junge nahm die Peitsche, schlug mit aller Gewalt darauf los— der Bär hüpfte nicht mehr, rührte sich nicht um einen Zentimeter von seinem Platz, ließ das Lederband an seine Beine saufen, weinte nicht einmal. Starr stand er, sah einen um den anderen an, mehr Mitleid mit den Quälern als mit seiner eigenen Mißgestalt im Blick. Wie am Weihwafferbecken, oder, wie wenn ein kranker Hund einen Menschen ansieht, war ihnen allen zumute. Sie waren mit einem Male verschwunden, die Jungen mst der Peitsche und dem Johlen, die Mädel mit dem Kreischen und dem Juchzen und den ersten begehrenerweckenden Formen unter den Leinenblusen, durch deren Fetzen schon runde Schultern lugten. Luigi, der verprügelte Bär und Spaßmacher, stand allein in der dqjnmernden Straße. Irgendwo sang eine Frau oder ein Mädchen eine Serenade. Der war er nachgegangen, niemand hatte wieder etwas von ihm gehört, nicht sein Vater in der verstaubten Werkstatt des Geigenbauers, nicht die Jungen, nicht die Mädchen. Sogar seine Geige hat Luigi in der Werkstatt gelassen. Sie wurde gepflegt, um da zu sein, wenn er sie einmal holen würde nach seinen Reisen um die Welt, von denen bis hierher schon die Kunde ging. Ja, alle Welt wußte es— und wie hätte es anders kommen können? Luigi, der krummbeinige Sohn des Geigenbauers aus der schönen .Stadt Florenz in Italien, wurde in der ganzen Welt bejubelt und belacht. Er galt als Größe auf seinem Gebiet. Einige wollten wissen, er dürfe Verträge und Gagen einfach diktieren, jeder Direktor reiße sich um seine Gunst, sein Name allein fülle jeden Zirkus, jedes Variett, und es gäbe keinen zwesten gleich begehrten Clown... Run werde er, wie die Zeitungen verkündeten, ein Gastspiel in. Florenz geben. In den Gassen um den Laden deS Geigenbauers rotteten sich Gruppen von Männlein und Weibleip, schüttelten die Leute erstaunt ihre Köpfe über die Berichte jener Mutigen, die versucht hatten, sich Karten zu beschaffen und enttäuscht durch die geradezu fürstlichen Preise zurückgekehrt waren. Es sprach sich herum, Beppo, der Makkaronihändler, einst Besitzer der Peitsche, der Luigi in die Welt hinausgetrieben hatte, trug eine Karte bei sich. Eine ganze Äocheneinnahme Ivar draufgegangen, gewiß, aber dafür war er der Held des Viertels; wenige Stunden' nach Bekanntwerden seines Leichtsinns häuften sich die Minzen in seiner Kassa. Jeder kam, kaufte und wollte wissen, wie teuer die Karte gewesen ist, welche Genüsse sie versprach und weshalb er, Beppo, wie ein reicher Mann mit dem Gelde umsprang, nur um in einen Zirkus gehen zu können und den berühmten Clown, den Sohn des Geigenbauers, zu sehen... Unter der Kuppel im Zirkus fangen sich die Geräusche tausender Stimmen. Wagen sind vorgefahren, sogar viele der herrlichen Autos, in denen heutzutage dir ganz Reichen sitzen, warten vor dem Eingang, und Kutscher und Chauffeur« streiten sich um die Gunst der Portiers, unter deren Schutz man /festlich des Vorhanges in die Menge blicken kann. Dann holpert, trudelt, kichert es herein, zwei Bündel: Menschen, grotesk schon im Aussehen — ein Mann ist dabei, krummbeinig, weit unter normaler Größe. Unter einem sehr hohen, spitzen Hut schiebt sich eine freche, große, lächerliche Nase in die Welt— seht nur, wie er mit den knallroten Ohren wackeln kann, wie sich feine krummen Beine immerfort ineinander verwickeln, so daß er fällt— und sebt, wie er fällt! Nein, das ist entsetzlich komisch! Stühle sind für ihn nur da, um sie nicht zu finden, wenn er. sich setzen will, eine Leiter, um herunterzupurzeln, ein Tau, um sich mit Händen, Füßen, Nase und Ohren darin zu verknoten und dann jämmerlich und lachhaft gehenst zu werden. Und was läuft da neben ihm auf vier Beinen umher? Ein Mensch? Ja, jetzt kann man es sehen: eine Frau wird es sein, allerdings eine komische Frau! Sie trägt einen Höcker, ihre Nase scheint ins Gesicht zurückzuwachsen, anstatt, wie bei richtigen Menschen, daraus hervor. Auch ist sie klein und gebärdet sich schnurrog wie ein Kaninchen, das von einem Hunde rund um di« Menge gehetzt wird. Sie ist's, die seine Leiter hatten muß, sie ist's, die ihm die Stühle unter dem Hintern wegzieht, über sie stolpert er, er will sie mit dem Fuß treten und trifft seine Nase, von der ein ganzes Stück wegfliegt. Man muß sich den Bauch halten, so entsetzlich komisch ist es... Da bringt die Verwachsene dem Clown ein: Geige. Eine richtige Geige. Er ist erstaunt, sieht sie von allen Seiten an Die lachenden Menschen denken, das gehört in seine Nummer hinein— aber er ist wirklich, in seinem Herzen überrascht, er spürt das leichte Holz in seinen Händen, das er vor vielen Jahren in dieser Stadt einmal liebte. Sein Vater muß wohl hier sein, daß er ihm das Instrument schickte Die heimatliche Gasse steigt vor ihm auf er spürt neu die Peitschenhiebe an seinen Beinen und hört dann ganz fern, eine Stimme, eine Serenade, der er nachgegangen ist... * Mü geneigtem Kopf steht der Clown in der Manege, sein Hut ist schräg gereckt wie ein Finger. Die Menge wartet mit angehaltenem Atem aus den nächsten Witz. « Damals war es. In die Straßen fiel langsam das Dämmer Bor einem Wagen auf dem Marktplatz saß dies bucklige Mädchen mit der sanften Stimme. Er wollte fliehen, als er ihr entstelltes Gesicht gesehen batte— und er blieb, bis der letzte Ton verzstterte. Bis spät in der Nacht sprachen sie, die beiden Wechselbälge, in Florenz vor dem Wagen det fahrenden Leute. Irgendwo im Wagen fand sie eine Geige, die brachte sie. Als er ihr darauf vorspielte, knarrte eine Stimme,«in dicker Mang stand vor ihm: „Ei, da hat unsere Fiametta gar einen Geiger entdeckt! Herrlich, junger Herr, Sie find ein Genie! Bleiben Sie bei mir, ich mache einen großen Künstler aus Ihnen, alle Welt wird Ihnen zu Füßen liegen, Frauen werden kommen in Samt und Seide und küssen Ihre Hände." Künstler— das klang verlockend! Keine Prügel mehr, nicht den Bären spielen zum Ueber- müt der Jungen, mcht mehr verlacht werden, Am Morgen, der Dunst der Frühe stieg kaum aus den Feldern vor Florenz, war er mit ihnen gefahren, auf dem Bock nchen dem Jmpressario, der die verlotterten Pußtapferde lentte. Jahre in Bitternis um Armut kamen für sie. Er arbeitete und er lernte bei vielen Meistern die Kunst der Violine, er wurde als ein kommender Paganini gepriesen, sein Jmpressario erging sich in Lob. Die Augen Fiamettas hingen an ihn in Furcht und Glauben. Schließlich stand er in der Garderobe hinter einem herrlichen Saal. Biele Menschen waren darin, um den großen Künstler zu hören, man war bereit, einen Genius zuzujubeln, denn die Kunst der Violine war lange gestorben in dem schönen „Dai Junge Volk“ erscheint am 1. Jänner „DaS junge Volk" ist die Zeitschrift bet fortschrittlichen jungen Generation. Es gehört in die Hand jedes jungen Arbeiters, Angestellten und Studenten. Bestellungen sind zu richten an die Verwaltung Prag XII., Fochova 62. Land Italien. Fiametta saß auf einen Stuhl im Bühnenzimmer und wagte nicht, sich zu rühren, während der Jmpressario nochmals die weiße Schleife an Luigis Hals zurechtzupfte. Ungelenk trat er durch die Tür, verbeugte sich ein wenig zu tief, so sah man in diesem verhängnisvollen Augenblick seine krummen Beine. Nock blieb es achtungsvoll still im Saal. Er setzte die Geige an, suchte auf dem Notenblatt den Anfang, und seine Augen fanden darüber hinweg die erste Reihe des Parketts, in der würdige Herren steif und gelangweilt saßen, neben sich schlanke Frauen in blitzenden Kleidern. Eine saß gerade vor ihm, jung und schön, die lachte ihm ins Gesicht hinein, als sie seine Bewunderung spürte. Ihr Lachen fraß sich in sein Spiel, der Bogen zitterte, sobald er kraftvoll streichen sollte, und zerriß zum Schreien... Es war aus. Man hatte gelacht und getrampelt und auf seine krummen Beine, auf seine brennenden Ohren — ohne Scham vor der Vernichtung eines Menschen— gezeigt... Fiametta küßte nach dem Unglück seine Hände: „Nun bleibst du doch bei mir, Luigi, ich bin so glücklich...!" Der Jmpressario arbeitete Wester und machte aus ihm den größten Clown des Jahrhunderts! Die reglose Gestatt des Clown bannt den Zirkus zur Ruhe. Einmal hört man ein altes Husten, es bricht, über sich selbst erschreckt, ab. Er spielt, die Serenade. Seine Schminkmaske zuckt unter tausend Bildern, die sein wirkliches, häßliches, menschliches Gesicht bewegen. Er spielt die Serenade mü der Zärtlichkeit des größten Clowns, den das Jahrhundert kennt, anfangs allein; zögernd. Erstaunt und beglückt begleitet ihn dann die Sttmme Fiamettas, der Buckligen. Starr sitzen Tausende, reglos unter ihnen Beppo, der Makkaronihändler. Eine Hand legt sich auf dessen Kopf, preßt sein Gehirn, daß es nur eines denken kann: Da, da, so hat er zugeschlagen, immer an die krummen Beine. Diese— Augen haben ihn und alle getroffen, damals. Sie liegen wieder auk ihm. sie bohren sich in ihm hinein, und der Clown hat das Gesicht eines Toten, eines von Beppos Peitschenhieben Getöteten... Es ist ein großer Erfolg. Jetzt muß Luigi, der Clown, jeden Abend seine Serenade spielen. Wenn er die Geige ans Kinn setzt, glauben die Menschen ein Zucken des Lächeln urster der Schminkmaske, eine Anklage in seinen Augen zu sehen. Beides lieben sie. Sie sagen, hier werde ein Clown zum größten aller Künstler und Katschen nachher wie toll. Beppo, der Makkaronihändler, sündigte hinfort nicht mehr... Walter P e r s i ch. Alois Rasin Nun hat auch Alois Rasin, einer der„Männer des 28. Oktober" und erster Finanzminister der Republst seinen Biographen gefunden. Vor wenigen Tagen ist aus der Feder des Journalisten und Schriftstellers Dr. Karel Hoch ein Buch erschienen, das auf 400 eng bedruckten Seiten eine Darstellung von Rasins Leben gibt.*) Alois Rasin ist aus kleinbürgerlichen Verhältnissen hervorgegangen, als das siebente Kind eines Bäckers ist er in Nechanic in Ostböhmen am 18. September 1867 zur Welt gekommen. Die politische Erziehung fing bei ihm schon im Elternhause an. der Vater war in der Selbstverwaltung tätig—- kurze Zeit bekleidete er auch ein Abgeordnetenmandat— und erzählte insbesondere dem wißbegierigen Jüngsten vieles aus seiner Tätigkeit. In der Volksschule und auf dem Gymnasium las und lernte der Junge ungemein eifrig, auch die deutsche Sprache. Er ging ein Jahr lang ins deutsche Gymnasium in Braunau und hat später als Hochschulstudent den Riesengebirgsdialekt erlernt, den er im Verkehr mit den Bewohnern geschickt handhabte. Ins öffentliche Leben trat er zu Beginn der neunziger Jahre als Student der Rechte in Prag ein. Es war eine Zeit, da die Generation der alttschechischen Politiker abtrat und neue geistige Ströme das tschechische Leben befruchteten. Einerseits stießen die jungen Jntettektuetten aus die soziale Frage, die sich ihre Aufmerksamkeit erzwang, andererseits gewann im Widerstand gegen die allzu kompromißbereite, loyale alttschechische Politik— hatte doch Rieger von den Brosamen gesprochen, die man unter dem Tische aufheben müsse— der nationale, fortschrittliche, antihabSburgische Nationalismus die Oberhand. Eine Reihe von Männern, die später in der tschechischen Politik eine *) Dr. Karel Hoch: AloiS Rasin. cketto Livot, cki'o a doba(Sein Leben, Werk und seine Zett). 1834 OrbiS-Berlag Prag. Rolle gespielt haben, wurden die Führer der Stu- dentenschaft: Baxa und Klofäk, Hajn und Pravo- flav Vesech, Fr. Soukup und Fr. B. Krejtt. Sie bildeten die„fortschrittliche Bewegung", welche sich als ihre Aufgabe„das Studium der sozialen Frage und ihre Vereinigung mit der nattonalen Frage" erwählte. Rasin selbst hat damals dargelegt, daß er auf Seite der Arbeiterschaft stehe, well diese „ausgebeutet und unterdrückt" sei und daß er deswegen Verbindung mit dem Proletariat suche. Freilich hat sich schließlich sein nattonaler Radikalismus stärker erwiesen als sein Interesse für soziale Probleme, aus dem heraus er eine englische Schrift über den Achtstundentag ins Tschechische übersetzte, und während eine Reihe seiner Kollegen den Weg ins Lager der Arbeiterklasse fanden, ging Rasin zu den Jungtschechen, aus denen später die Nationaldemokratie hervorwuchs. Im rfeber 1894 wegen Teilnahme an der tschechischen Jugendbewegung(Omladina) zu zwei Jahren Kerker verurteilt, verbüßte er seine Strafe im Gefängnis in Prag, betätigte sich eine Zeitlang als Journalist und zog sich, da ihn die Berufsarbeit stärker in Anspruch nahm, von der aktiven Politik zurück. Erst in den Wahlrechts« kämpfen näherte er sich den Jungtschechen und als es gatt, die Partei ftir den Wahlkampf von 1907 zu rüsten, Machte Kramäk den energischen, leidenschaftlichen Mann zum Generalstabschef der Parteiorganisation. Damit rückte er in die erste Reihe der Politiker der jungtschechischen Partei, für die er bei einer Nachwahl 1910 in der Prager Neustadt ohne Erfolg kandidiert hatte und 1911 bei den allgemeinen Wahlen ein Mandat errang. Im Reichsrat machte er die positive Politik der Jungtschechen mit und hat auch seine Stimme für die Mehrvorlagen der Monarchie abgegeben. Er ist damals mit Entschiedenheit für den nattonalen Frieden eingetreten.„Der große Gedanke der Versöhnung der zwei entwickeltesten Nationen in Oesterreich hielt und hält jedermann in diesem Reiche im Bann", so sagte er in einer seiner Reichsratsreden. Diese positive Polittk weiter Schichten des tschechischen Bolles(sowohl der Bourgeoisie wie des Proletariats) wurde unterhöhlt durch die imperialistische anttflawische Außenpolitik sett 1908 und durch den Weltkrieg. Rasin gehörte zu jenen, die sich schon im Herbst 1914 gegen Oesterreich wandten und der mit einigen Gesinnungssteun- den den jungtschechischen Kreis der Maffia bildet«. Im Juli 1918 wurde er verhaftet, es wurde ihm zusammen mit Kramär der Prozeß gemacht und am 3. Juni 1916 wurde er zum Tode verurteilt. Dieses Urteil wurde am 16. Dezember von Kaiser Karl in eine zehnjährige Kerkerstrafe verwandett, von der ihn jedoch schon am 10. Juli 1917 die Amnestie befreite. Der Aufenthaü im Kerker hat ihn nicht gebrochen, sondern den harten Mann noch härter gemacht. Er verwendete seine Muße zu tteferem Eindringen in die wirtschaftlichen Probleme, schrieb ein kleines Lehrbuch der Nationalökonomie und befaßte sich insbesondere mtt jenen Wirtschastsfra- gen, die mit der Schaffung des tschechoslowakischen Staates entstehen würden. Wieder in Freiheit, ergriff er mü fester Hand die Leitung der„Närodni Lisch", verdrängte dort die opportunistisch-loyatt Richtung und schrieb— so weit es die Zensur möglich machte—- in radikal antiösterreichischem Sinne. Je mehr die Zersetzung der Monarchie fort- schritt, desto entschiedener wurde seine Sprache, desto größer sein Einfluß. Am 28. Oktober 1918 gehörte er zu den vier Männern, welche im Namen des tschechischen Bolles die k. k. Statthalterei übernahm und als die erste Regierung der Republll gewählt wurde(16. November 1918) fiel ihm das Ressort des Finanzministers zu. In dieser Funktion hat er zweifellos Dauerndes geleistet. Seine bedeutendste Tat war die Loslösung der tschechoflowakischen Währung von der österreichisch-ungarischen und die Gesetzwerdung der Vermögensabgabe, was er mit der ihm eigenen Entschiedenheit und Rücksichtslosigkeit durchführte. Am 4. Juli 1919 trat er mit den übrigen nationaldemokratische» Ministern zurück, nachdem in den Gemeindewahlen die Stellung seiner Partei erschüttert worden war. Er ging in Opposttion und bekämpfte heftig seinen Nachfolger Professor G n g l i s, der als Finanzminister in der Regierung Tusar die Vorlage über die Honorierung der Kriegsanleihen einbrachte.— Rasin hielt damals die heftigste Rede, die er im Parlament je gehalten, er griff in maßloser Weise die Deutschen an, die Erregung war so groß, daß die Sitzung auf zwei Stunden unterbrochen werden mußte. Nach dem Sturze Tusars vertrat er seine Partei in der Pktka und wurde am 7. Ottober 1922 abermals Minister in der Regierung Svehla. Wiederum fiel ihm das Finanzreffort zu. In dieser Zeit stieg die tschechoslowakische Krone in raschem Tempo, die Warenpreise ftelen etwas und Rast» verkündete nun die Notwendigkeü der Herabsetzung der Löhne und der Einkünfte der Staatsangestellten. Kaum hatte die arbeüende Klasse nach den Jahren des Kriegselends ein halbwegs erträgliches Dasein gewonnen, sollte ihr wieder genommen werden. Das rief den heftigen Widerstcmd gegen den Finanzminister hervor. Auch mü den Legionären geriet Rasin, der ihnen den Vorwurf gemacht hatte, sie wollten für ihr« Opfer im Kriege belohnt werden, in einen schweren Konflikt. Die Legionäre ercklär- ten, sie würden es verhindern, daß Rasin ein tschechischer Mussolini werde und Nagten chn masst nhast wegen Ehrenbeleidigung. Bevor es aber zum Prozeß kam, schoß am 8. Jänner 1923 ein Neunzehnjähriger auf den Minister, nach wenigen Wochen erlag Rasin den erlittenen Verletzungen. Dieses reiche Leben eines harten, unbeugsamen, leidenschaftlichen Menschen, eines der schärfsten Gegner, den die tschechoslowakische Ar- beüerschast je gehabt hat, schildert Hoch sehr ausführlich, wobei er die politische Entwicklung, in der Rasin lebte und wirkte, sehr eingehend darstellt. So hat uns der Autor nicht nur ein biographisches Werk gegeben, sondern er hat die historische Literatur, welche die letzten Jahrzehnte der Monarchie und die ersten Jahre der Republll.behandelt, um ein gründliches Weill bereichert S. st. Nr. 301 Dienstag, 25. Dezember 1934 Seite 13 Kunst und Politik Bon Max Tert. Darf die Kunst zu politischen Zwecken und für den politischen Kampf gebraucht werden? Soll sie es? Must sie es? Kann sie es? Seit Jahren geht dieser Streit im Künstlerlager wie im Lager derer, die sich mit Kunst beschäftigen. Noch scheint keine bindende Lösung gefunden. Ob man das Problem nicht zu weit weg, in metaphysischen Fernen der Aefthetik sah? Oder zu tief drin im innersten Herzen der Schaffenden? Vielleicht ist es eine Oberflächenfrage, ein Problem der Haut und nicht des Kerne-, das in profanster Nähe eine banale Lösung findet? Man stelle sich einen Mann vor, der geruhsam in seinem Zimmer sitzt, eine Zigarre raucht und vor sich eine prächtige und mächtige Schale aus Porphyr stehen hat, die Asche darein abzulegen. Die besonders schöne Schale ist ein Kunstwerk antiker Herkunft, hat eine edle, dabei gedrungene Form, voll geführte Ümrihlinien und eine wechselnd purpurrot« Tönung, dir die tiefe Weite der Jnnenwölbung reich belebt. Nun nehmen wir weiter an, die Türe öffne sich und— wir wählen den einfachste» HallI— ein brül lender Löwe tritt ins Zimmer. Er gedenkt den am Tische Spenden zu zerreihen. In seiner Lebensnot greift dieser, da keine andere'Waffe zur Hand ist, nach der besonders schönen antiken Schale aus Porphyr und zerschmettert dem Löwen den Schädel. Das Gebrüll verstummt, der Mensch ist gerettet, die Schale wird ihrer früheren Bestimmung wiedergegeben. Es scheint also, daß.man Dinge, die eigentlich nicht dafür gemacht, gegebenenfalls gleichwohl»dafür" verwenden kann, wenn fie nur Eigenschaften besitzen, \ die für diesen Sonderzweck brauchbar sind. Die Kunst ist sicherlich nicht als Kampfmittel erfunden worden. Oder vielmehr fie ist tatsächlich als solches erfunden worden— aber nicht zum Kampf der Menschen untereinander, sondern zum Kampf gegen böse Geister und zur Bannung gewünschter oder gefürchteter Tiere. Run hat fie aber im Laufe der menschlichen Kulturentwicklung diese Bestimmung nahezu gänzlich verloren und dient nur mehr als Träger und Vermittler von Gefühlen besonderen Wertes. Wie aber mm, wenn sich Herausstellen sollte, daß gerade diese Eigenschaft, Gefühle vermitteln zu können, sie zum politischen Kampf jeweils brauchbar machte? Sie wendet sich nicht an den Intellekt, sondern an die Emotion, sie vermag die Menschen ins Höchst« zu erregen oder eine Erregung, die bereits vorhanden ist, außerordentlich zu steigern. So wie ein Frühlingsgedicht eben Frühlingsgefühle erregt, ein Liebesgedicht Liebesgefühle noch verstärken mag, ein Haßgedicht zum Haffen anruft— so wird ein Kampflieder mutiger und agreffiver machen, so kann ein Bild Verachtung, Zorn, Begeisterung Hervorrufen und steigern. Steht man also im politischen Kampf und verwendet diese Waffe neben allen anderen— hat es dann einen Sinn zu fragen, ob derlei»erlaubt" ist oder gar ob man derartiges nicht„verbieten" solle oder müffe? Ein„Verbot" wäre so finnvoll, als wollte man dem vorerwähnten Menschen gleichfalls verbieten, sich der antiken Schale al» Waffe gegen den Löwen zu bedienen. Also wenn man der Ansicht ist oder wäre, daß nicht sein kann, was nicht sein darf; also wenn man Palmström wäre.... Womit aber nicht behauptet fein soll, daß di« Kunst nicht einmal wieder ausschließlich„um ihrer selbst willen", also um der Vermittlung werwoller Kulturgefühle willen„rein" gepflegt werden wird: wenn erst einmal wieder ruhigere wirtschaftliche, also auch politische und also auch kulturelle Zeiten erstehen werden. Doch wozu lange über etwas reden, das voraussichtlich erst für unsere Urenkel Geltung gewinnen dürfte? I 1 GEDENKET und F-- un- Be- Anerkennung gestat- sein Vater, gemein- seinem Lehrer Masaryk eine chard Avenarius, den Mathematiker und Philosophen Moritz Wilhelm Drobisch, den berühmten Philisophen Wilhelm Wundt, den Astronomen Karl Friedrich Zöllner, seinen Landsmann, den Physiologen Johann Nepomuk Czermak, Bruder des bekannten tschechischen Malers Jaroslav Czer- mak, durch den er zum Studium des Spiritismus, der Lehre von den übersinnlichenErscheinungen des menschlichen Geistes, angeregt wurde. Neben Philosophie befaßte sich Masaryk mit Fragen des Got- tesglaubens.(Der Lausitzer Sorbe Pjech, ein Buchhändler, regte ihn zum Studium HavliLek-Borov- skhs an, des bedeutenden tschechischen politischen Schriftstellers, der seinen Freiheitsdrang in jungen Jahren als Gefangener der österreichischen Justiz auf der Bergfeste Brixen in Tirol büßen mußte, wo er im Gefängnis starb. Frucht dieser Studien Masarhks über das Leben und Wirken Havlikeks war sein im Jahre 1896 erschienenes Werk„Larvl Havlicek. Snahy a tuzby politickeho probü* zeni“(Karl Havlikek. Streben und Sehnen politischen Erwachens"). erkennbaren Sckiriftzügen entzifferte und niederschrieb. Jenes Gedicht Masaryks gleicht in seiner! Schlichtheit einem Volkslieder Mit Blumen wollt ich Dich binden. Du wiesest mich von Dir. Ein Kränzlein wollt ich Dir winden. Du zürntest. Mädchen, mir. Mit Rosen wollt ich Dich binden. Du stießest mich hart zurück. Dein Herz wollt ich ergründen— Nicht mir schenkst Du das Glück. Mit Myrthen wollt'st Du Dich schmücken Zu Deinem Hochzeitstag, Den Andern zu beglücken Der Dir am Herzen lag. Wir schmückten Dich mit Cypreffen Und legren Dich zur Ruh—• Er hat Dich schon' längst vergeffen— Mein Lieb bleibst ewig Dul Nie schmück ich Dich mehr hienieden. Ein Stein Dein Herz nun deckt. Ruh sanft in seligem Frieden. Bis Gottes LÄ dich weckt I Auch ich will ruhn einst in Frieden— Ein Stein mein Herz dann deckt Ich warte— nie klagt ich hienieden— Bis daß mein Lieb mich weckt. Im Mai 1877 erkrankte Masaryk schwer in- i^rpartei teilnahmen, war schlicht, schön und folge einer Erkältung. Während der Zeit, da er langsam wieder genas, beschäftigte er sich beson ders mit der englischen Dichtung, die ihm, ebenso wie die englische Wissenschaft, als beste erschien,>— weil sie dem Leben am nächsten stehe. Er las vor allem die Werke von Charles Dickens,-en Roman j „David Copperfield", in dem Dickens seine Kind-1 heft und seinen Lebenskampf erzählt, den Roman „A life for a life"(Ein Leben für ein Leben) der j Dichterin Dinah Maria Mulok, bekannter unter■ dem Dichternamen D. M. Craik. Daneben las er die Werke des russischen Dichters Turgenjew und, Paul Heyses Roman„Kinder der Welt". Unge mein fesselte Masaryk das Werk eines anderen deutschen Dichters, Scheffels geschichtlicher Ro man„Ekkehard", über den Masaryk in einem Briefe an Zdenka Sembera urteilt:„Ein sehr schöner Roman, den ich Ihnen wärmstens emp fehlen kann, ich habe ihn ungefähr zehnmal ge-i lesen." Im Roland-Berlag Morawitz in Prag ist vor kurzem eine ausgezeichnete Keine Biographie des Präsidenten Masaryk erschienen:„Th. G. Masaryk, Bild seines Lebens". Sie stammt aus der Feder des jungen sudetendeutschen Hiswrikers D r. Arthur W e r n e r, der bereits durch eine gründliche und lesenswerte Geschichte der Akademischen Legionen an der Brager Universität rühmlich bekannt ist. Werners Masaryk-Biographie will vor allem einJugend-undBolksbuch sein. Sie gibt auf 144 Seiten(Preis in Leinen Ki 24.—) ein plastisches Bild der Persönlichkeü und der menschlichen Entwicklung Masaryks. Ihm als Gelehrten und Denker erschöpfend gerecht zu werden, hat sich das Büchlein nicht zum Ziele gesetzt. Besonders zu loben find an dem gewissenhaft durchgearbeiteten Werk die Liebe zum Thema, die sich sehr bald auf den Leser überträgt und sich besonders bei jugendlichen Lesern gut auswirken wftd, der schlichte und klare S t i l, der auch schwierigere Kapitel leicht und gift lesbar macht, das plastische Herausarbeiten der Grundl i n i e n und die solide historische Leistung, di« in dem Nachweis wichtiger Quellen und dem Literaturverzeichnis zum Ausdruck kommt. Neben Bildern von dem Nachdruck zweier „Curricula Bitae", die Masaryk 1875 und 1877 verfaßt hat, brütgt das Buch zwei interessante Faksimilia deutscher Gedichte Masaryks, deren eines wir mit freundlicher Erlaubnis des Verlages wiedergeben. Wir drucken auch das umrahmende Kapitel ab, um dem Leser nicht nur eine Probe aus dem Büche, sondern zum befferen Verständnis der kleinen poetischen Arbeit Masarhks Einblick in das Milieu zu geben, in dem das Gedicht entstanden ist. Wer verfilmt die Insignien? Am Sonntag haben im Elite-Kino in Fischern Henlein-Studenten einen Skandal verursacht. De,, j Anlaß dazu bot ihnen eine Wochenschau, die— weil ihr sonst keine Sensation eingefallen war— die feierliche Installation des neuen Rektors der tschechischen Prager Universität lang und breit verfilmt hatte und dabei besonderen Wert auf die bekanntlich so hochinteressanten Insignien legte, die bengalisch beleuchtet und in Großaufnahmen ge-. zeigt wurden. Und man wird, ohne die mutige Radaulust der im Dunkeln pfeifenden Studenten begönnern ru wollen, das Verhalten dieser Wochenschau-Macher als übel bezeichnen dürfen,— denn es war schlimmer als überflüssig, die unrühmliche und glücklich beendete Insignien-Affär- noch einmal vor die Augen des Publikums zu zerren. Wer aber waren die Sensationslüsternen, die das taten? Wer war es, der die Henlein-Leute von Fischern in Wut brachte? Es war— ausgerechnet— die Ufa der Herren Hugenberg und Goebbels! Während die tschechoslowakische Wo- ! chenschau von einer Verfilmung der Insignien- Prozession durch die tschechische Aula absah(und I lieber Bilder von der russischen Revolutionsfeier brachte), hat diese Ufa sich der nationalistischen Heiligtümer der Stribrny und Hodac angenommen, und die Fischerner völkischen Studenten könnten eigentlich nichts Konsequenteres tun als in Berlin gegen die Verletzung ihrer deutschvölkischen Gefüble zu protestieren.—. Oder hat I etwa die Ufa gewußt, was sie tat, als fie den j tschechischen Fascisten eine Augenweide und den ‘ deutschen Fascisten ein Stichwort zur Dcmonstra- i tion lieferte? ergreifend. Das Lichtersymbol des Weihnachtsbaumes war flankiert von den roten Fahnen der soziali- j stifchen Zukunft. Rezitafionen wechselten mit Sprechchören, von jungen Menschen mit einem j Eifer gesprochen und gestaltet, der manchen Routinier beschämen konnte. Ein Genosse sprach zu den Schicksalskamera- den. Und als er mit gesenkter Stimme der Toten ! gedachte, jener Toten, die der FascismuS gemeuchelt hatte und die unsterblich geworden sind—, als er an die Zehntausend« erinnerte, die in den Kerkern deS„Dritten Reiches" ihre Treue zur guten Sache mit ihren Leiden besiegeln, standen Äe hundert, ergriffen und aufgewühlt, von ihren Plätzen auf. Noch einmal erhoben sie sich—: als das „K d e d o m o v m u j", die Nationalhymne der Republik ertönte. Diese Ehrung war der spontane Dank, den die Gehetzten der Freiheit jenem Volk > abstatteten, das ihnen die Lust zum Atmen, Freistatt und Asyl gewährt hatte. Vier Kinder,. Emigrantenkinder, sprachen zum Schluß. Bier Keine Jungen, tapfere Kerlchen, die energisch alle Angst herunterschluckten, di« ihnen in der Kehle saß. Mit hellen Stimmen und heißen Köpfen standen sie da, unter dem brennenden Weihnachtsbaum, und riefen:„Wir wollen jung« Sozialisten sein—!" Es war eine Keine Feier, ohne Prunk und Pathos, ärmlich und schlicht, aber ergreifend und schön wie selten eine Weihnachtsfeier. Die grüne Tanne trug nur wenig Schmuck und die Zahl der Kerzen war spärlich. Aber fetten wohl hat die Flamme des Weihnachtsbaumes heller und reiner gebrannt als vor diesen hundert, die fern von'der Heimat im Kampf für ihr bes- seres Deutschland stehen—I—re. dem Leben Wiedergegebener seinem nichtsahnen den Retter. Zwischen Professoren und Studenten herrschte an der Leipziger Universität ein sehr herzliches Verhältnis, das sich besonders in gemeinsamen Wechselreden in der„Philosophischen Gesellschaft" äußerte, die trotzdem oft scharf entgegengesetzte An-| schauungen offenbarten. Scherzweise wurde an Masaryks Borträge über den Selbstmord in einer Weihnachtsfeier erinnert, bei der jedes Mitglied der Gesellschaft ein Geschenkpaket mit der Auf schrift„Selbstmordapotheke" erhiett. Wie gut es Masaryk in Leipzig gefiel, läßt am besten das launige Gedicht erkennen, das er während der Weihnachtszeit des Jahres 1876 aus dem Stegreif verfaßte. Im Kreise der Familie des Rechtsanwaltes Goering, bei dessen WUwe Masaryk mit seinem Schützling Schlesinger wohnte, hatte er öfters an Gesellschaftsspielen teilgenommen. Bei einem die ser Spiele mutzte jeder Verlierer als Buße einige Verse dichten. In der Vorfreude auf den Weih nachtsschmaus sprach Masaryk, ftei nach Altmeister Wilhelm Busch: „Wenn ich unterm Schornstein stehe Und das dicke Würstlein sehe. Wird mir um das Herze bange. Ist das Würstlein doch so lange! Greif darnach mit frohem Mute— Husch— da kommt mit ihrer Rute Her die wurstbesorgte Mutter: Schwips! und sott ist's Wurstenfutter." In einem Briefe, den Masaryk am. 22. De zember 1876 Zdenka Sembera schrieb, iskuns die ses Gedicht geblieben. Ein zweites Gedicht Ma-| saryks aus jener Zeit ist eine Erinnerung an seine> ': Irma seines j Freundes Herbert.„Ich konnte in der Nacht nicht> schlafen", schrieb Masaryk am 17. Dezember cm. Zdenka Sembera,„ich dachte an vergangene Zei- ftotntrttTnfott ten und im Dunkel der Nacht schrieb ich ein Ge-|***»»V^"™* j ^us kaum NN* schlichte, aber ergreifende Emigrantenfeier. Im Gec-Haus saßen am Sonntag Nachmittag an hundert Menschen, junge und alte, Männer und Frauen, und die Kinder dieser hundert Menschen, um eine Borweihnachtsfeier zu begehen. Diese Menschen waren Heimatlose, Geächtete, Geflüchtet«; es waren deutsche Sozialisten, denen es gelungen war, den Klauen der Goering- schen Gestapo zu entrinnen. In manchem dieser Gesichter konnte man lesen, wie in einem Buch. Einem Buch, in dem die Geschichte der blutigen, deutschen Tragödie geschrieben stand. Bon diesen hundert Kämpfern haben nicht wenige in den Konzentrattonshöllen des neuen Deutschland gesessen, gefoltert, bespieen, bis aufs Blut mißhandelt, Monate, viele Monate lang... „Vaterlandsverräter" nennt sie der regie- ' rende Abschaum, der ein Sechzigmillionenvolk terrorisiert. Diesen„ Vaterlandsberratern", denen die Gesinnung höher stand als Zukunft und Existenz, geht es mehr als schlecht. Sie leben' von der opferwilligen Solidarität ihrer tschechoslowaki- - scheu Genossen, ohne deren brüderliche, tatbereite Liebe fie längst verdorben und gestorben wären. Die Weihnachtsfeier im Gec-HauS, an der 1 auch Vertreter der deutschen sozialdemokratischen 5--, Zlk* X . 9t*- 4» Dr. A. Werner« Masaryk in Leipzig Masarhks Schüler, Alfred Schlesinger, hatte im gleichen Semester, in dem Masaryk zum Doktor der Philosophie promoviert wurde, die Reifeprü fung mit Auszeichnung abge- j».. legt. Als tete ihm jam mit Freunde rienreise nach Italien zu ternehmen und nach deren rndigung die Hochschule in Leipzig zu besuchen. Ueber Wien, Graz und Triest reisten Masaryk und sein Schüler am 9. Septem ber 1876 nach Italien, um dessen Kunstschätze, vor allem die architektonischen Meister werke, und Land und Volk des Südens kennen zu lernen. Am 3. Oktober trafen sie-wieder in Wien ein. An der Leipziger Univer sität, deren Hörer Masaryk und Alfred Schlesinger Mitte Ok tober 1876 wurden, befreun dete sich Masaryk mü seinem um neun Jahre jüngeren Landsmann Edmund Husserl aus Proßnitz in Mähren, dem späteren berühmten. Philoso phen. Gemeinsam mit ihm be suchte er die Vorlesungen der bekannten Philvsophen Zöllner und Wundt. Der ältere und erfahrenere Masaryk gab dem jüngeren Husserl Anregungen und Belehrungen über die beste Studienmethode, er selbst wur de von Husserl, dem hervorra genden Mathematiker, in die Grundlagen der höheren Ma- themattk eingeführt. Der Ein fluß Masaryks auf den Freund war so groß, daß Husserl gleich Masaryk zum protestan tischen Glauben überttat. An der Leipziger Univer sität lernte Masaryk eine Reihe hervorragender Gelehrter kennen: den Phy- Verteidigung des Selbstmordgedankens bestärkt zu siker Gustav Theodor Fechner, den Aegyptolo- werden. Aber Masarhks Worte gaben ihm Lebensgen und Dichter Georg Ebers, die Professoren Ri- kraft und am Schluffe des Vorttages dankte ein In der„Philosophischen Gesellschaft", deren Mitglied Masaryk gleich seinem Freunde Husserl war, hielt er mehrere Vorträge, darunter zwei über die Selbstmordepidemie in unserer Zeft. Wie Masaryk später bekannte, rettete er durch einen dieser Vorträge, in denen er den Selbstmord als unnatürlich, als Ausdruck eines krankhaften Zu standes der menschlichen Gesellschaft bezeichnete, einem Verzweifelten das Leben. Dieser, ein Medi-..... ziner, der bereits einmal einen Selbstmordversuch| sichere Liebe^ zu der Schwester unternommen hatte, wollte fteiwillig aus dem Le-~" den scheiden. Durch den Titel des Vortrages Ma saryks aufmerksam geworden, besuchte er den Vor- trag in der Erwartung, in seinem Entschluß durch bei allen A massen der Arbeiterfürsorge! Seite 14- Dienstag, 25. Dezember 1934 Nr. 301 Der neue Siche Pfandbrief * ist die ideale Anlage der Ersparnisse Er Ist mündelsicher und als Kaution verwendbar, vom Lande Böhmen garantiert, durch erste Hypotheken auf Grund und Boden gesichert; von Kuponsteuer befreit; jährliches Erträgnis daher beim jetzigen Kurse 5.15% außer günstigen Verlosungschancen. Tägliche Notierung an der Prager Börse. Die Pfandbriefe werden auf Wunsch in kostenlose Verwahrung und Verwaltung übernommen und die fälligen Zinsen dem Inhaber eingesendet oder auf ein Einlagsbuch oder laufende Rechnung zinstragend angelegt. Die Geldanlage in Pfandbriefen und die Geldbehebung ist dann ebenso bequem, einfach und formlos wie bei Einlagsbüchern. Hypotecni banka Ceskä (früher Hypothekenbank des Königreiches Böhmen) in Präs Prager Zeitung Die Nacht der Zigarettenhändler Nacht für Nacht, von acht Uhr bis um sechs in der Frühe, stehen die Zigaretten- urü> Würstchenhändler in Wind und Wetter an ihren Plätzen. Im Sommer ist es noch erträglich, im Winter wird die Zehn- smndenschicht zur Tortur, gegen die gefährliche Nachtkühle hilft die dichteste Bekleidung nicht, wenn man die ganze Nacht auf einem Fleck stehen mutz. Sie haben fast alle das gleiche Schicksal hinter sich, Arbeiter/ die die Krise aus ihrem Beruf herauswarf und die sich hier eine Notexistenz gezimmert haben. Da ist einer, an einem verhältnismätzig günstigen Platz im Zentrum der Stadt, ein kräftiger, untersetzter Mann, der eine Frau und drei noch nicht schulpflichtige Kinder zu ernähren hat. 20 KL verdient er allnächtlich, im Durchschnitt und wenn er. morgens nach 6 in die einzige Stube kommt, in der fünf Menschen leben und schlafen müssen, ist die Frau bereits zur Arbeit gegangen. Sie hat mehrmals in der Woche Austvartungen. So mutz er für die drei Kleinen sorgen und wenn er vier, bis fünf Stunden Schlaf findet, dann kann er froh sein—. So geht es das ganze Jähr. „Aber am..Heiligen Abend", fragt man ihn.„werden Sie doch, einmal im Jahr, aus- svannen—I" „WaS fällt Ihnen ein", erwidert er lächelnd, „wir essen schon um fünf, zwei Stunden bin ich mit Frau und Kindern zusammen und dann mutz ich hinaus. Es ist die beste Nacht des Jahres, die Nacht, in der Cafes und Automaten geschlossen sind. Da kann es vierzig bis 80 Kä geben, einmal im Jahr." , Unddiese 20, 30 KC mehr in der stillen, ach so heiligen Nacht ist das Weihnachtsgeschenk des Zufalls an den frierenden Zigaretten- und Würstchenhändler l Kunst und Wissen Silvester-Vorstellungen im Neuen Theater und in der Kleinen Bühne Neues Theater: Montag, halb 8 Uhr: „Hoch klingt das Lied vom braven Mann". Einmalige Vorstellung zu ganz kleinen Preisen: 2 bis 20 kä. Halb 11 Uhr. Nachtvorstellung:„Die schöne Helena". KleineBühne: Montag, halb 8 Uhr, zum erstenmale volkstümliche Abendvorstellung:„Sen- sationsprozetz. 6, 12 und 18 KC. Halb 11 Uhr, Nachtvorstellung:„Kleine Bühne, etwas verrückt", eine lustige Silvesternacht mit Theater, Musik, Gesang, Tanz und Vorträgen. „DaS Gotteskind." Weihnachtsspiel nach alten deutschen Volsspielen von Emil Alfred Hermann. (Gastspiel„Die Sudetenbühne".) Beurteilen kann man die„Sudetenbühne" nach diesem samstägigen Gastspiel in der Kleinen Bühne nicht Sie hätte für Prag ein ganz anderes Werk wählen müssen als diesen Abguß mittelalterlicher Christkindleinspiele, der.die Schauspieler vor keine Probleme stellt, der sie nicht zur Gestaltung zwingt, denn die paar Rollen, die man vielleicht als solche bezeichnen kann, lassen nicht Spielraum für das Eigenleben des Schauspielers—»u erstarrte Vorstellungen verbinden sich mit ihnen, Maria, Josef— was ist mit solchen Rollen anzufangen? So kann man bestenfalls sagen, datz Thielde Schier die demütige Magd des Herrn glaubhaft machte, datz Ernst Nowak von der Einfältigkeit Josefs überzeugte, datz Herr K a h e r ein grimmig polternder und vor Tod und Teufel in entsetztem Brüllen zusammenbrechender König Herodes war.— ber was soll dieses Krippenspiel auf unserer Bühne? Was vor Jahrhunderten dichtende Volkseinfalt schuf und was natürliche Frucht jener Zeit war, wirkt heute blotz langweilig. Es gibt selbstverständlich in einem solchen Spiel keine Spannung, es gibt keine Konflikte, es gibt nur die Aufeinanderfolge der aus den Evangelien bekannten Szenen, beginnend mit der Verkündigung Marias. Beibehaltung altertümlicher Redeformen machen das Spiel nicht lebendiger. Warum also berhaupt ein solches Krippenspiel auf unserer Bühne? Weil man glaubt, dem„Geist der Zeit", der sich nach rückwärts gewandt hat, Rechnung tragen zu müffen? Und die„Sudetenbühne" hält sie es für ihre künstlerfl*- Ausgabe, ein aus alten Weihnachtsspielen zusammengezimmertes neues Spiel als Zeugnis sudetendeutscher Kunst unserer Zeit vorzuführen? Vielleicht in der freundlichen Absicht, mitzuhelfen, dem„Volke" die Religion->u erhalten? Nun. sie wird gemerkt haben, wie wirkungslos die Aufführung blieb, ja wie gering schon die Zugkraft des angekündigten Spieles war: das Theater war höchstens zu einem Viertel besetzt. Als der Vorhang die gro- tze Pause ankündete, wurde ein wenig geklatscht, was den Bemühungen der Schauspieler galt, die mit vereinten Kräften sangen:..Christ ist geboren", und dann floh die Hälfte des spärlichen Publikums aufatmend ins Freie.—fb— Uraufführung im Teplitzer Stadttheater. Die Kein« Bühne brachte als Uraufführung für die Republik das von L e o L e n z gemeinsam mit dem Filmdarsteller Ralph Arthur Roberts verfaßte Lustspiel„Ehe in Dosen". Die an sich gar nicht so üble, freilich auch gar nicht so neue Idee, ist leider nicht mit der von Lenz sonst. gewohnten Liebenswürdigkeit und Spielfreudigkeit mit pHchologischem Kleinkram durchgeführt. Eine im Herzen kluge Frau will ihren Gatten, einen exaltierten Komponisten, langsam an die Ehe gewöhnen, die dem vom Königtum der Frau überschwänglich träumenden Hysteriker bis zur Scheidung unerträglich schien. Ein Kontrakt mit Wiedersehensterminen wird von dem tapferen Frauchen ausgenützt, dem Gatten Dosis um Dosis vom Glück eines brav, bürgerlichen Ehestandes einzugeben. Das gelingt natürlich, wie eben alles gelingt, was" ein« Frau klug anstellt. Hätten die Autoren für ihr Stiick ebensoviel Klugheit, vor allem aber ebensoviel Takt aufgewendet, dann wäre ihnen das Abgleiten in peinliche Untiefen einer Gspassigkeit nicht passiert, die zu weit unter dem Niveau erträglichen Humors liegt. Das Stück hat zwei große Rollen. Beda S a x l spielt den Musikus mit der erfah renen Routine, die mit allen Begebenheiten ebenso umzugehen versteht, wie mit dem Publikum. Seine Gegenspielerin ist Emmi Gruß, deren persönliche Eigenart zwar wenig der Salondame großen-Stiles entspricht— aber dafür eine ungemein wirkungsvolle Findigkeit erweist beim Aufstöbern stiller Winkel im weiblichen Herzen. Im schauspielerischen Ausdruck ist sie unerhört wandelbar. Lilly M a s ch l« r, Thea Schober, Karl Nanninger rind Lotte Bernhard waren verdienstvoll mitbet«iligt an der Aufführung, die einen starken Publikumserfolg erreicht«. Th. Mahler-Gedenktafel in Olmütz. Aus Anlaß einer Gedenkfeier für den Komponisten Gustav Mahler, der in den Jahren 1882 bis 1883 am Olmützer Stadttheater als Dirigent wirkte, wurde Sonntag auf dem Hause Nr. 4 der„Verlorenen Gaffe", wo Gustav Mahler wohnte,«ine Gedenktafel enthüllt. Die Feier veranstaltete die Gesellschaft für zeitge- nöffische Kultur in Olmütz. Wochenspielplan des Renen Deutschen Theaters. Dienstag, den 25. Dezember, halb 3: Menschen in Weitz, halb 8: Erstauftührung: Der singend« Traum, Gastdirigent: Richard Tauber, A 2.— Mittwoch halb 3:Fr^mdenverkehr, halb 8: Der singende Traum, Gastspiel Richard Tauber, Bl.— Donnerstag halb 8: Gesellschaft, Gastspiel Ernst Deutsch, neuinszeniert, C 1. — Freitag halb 8: Der Kreidekreis, D 2.— Samstag halb 8: G e s ell s ch a f t. A 2.— Wochenspielplan der Kleinen Bühne. Heute Dienstag nachmittags 3l4: S ch u l e für Steuerzahler, halb 8: Mädels im Nachtbetrieb, Erstaufführung.— Mittwoch 11: Max und Moritz, 3: Sensationsprozeh, 8: Mädels im Nachtbetrieb.— Donnerstag 8:Mädels im Nachtbetrieb.— Freitag 8:NachtvordemUltimo, Kultur- vcrbandsfreunde und freier Verkauf.— Samstag, 4%: Maxund Moritz, 8: M ä d e l s im Nachtbetrieb, Filme in Prager Lichtspielhäusern Adria:„Aergert nicht den Grotzpapa"(Tsch.— Bl. Bunan).— Avion:„Moskauer Nächte"(Fr.— Annabella, Harry Baur).— Beranek:„Mutter Kraömerka"(Tsch.)— Fenix:„Das unsterbliche Lied"(D.)— Flora:„Maskerade"(D.)— Hvkzda:„Aergere nicht den Grotzpapa"(Tsch.)— Juliö:„Moskauer Nächte"(Fr.)— Kinema: Journale. Groteske. Reportage(halb 2 bis viertel 8)— Koruna:„Der Mann, den man nicht verhaften konnte".— Kotva:„Stürmische Jugend"(Fr.)— Lucerna:„Stürmische Jugend"— Metro:„N oc- turno"(D.— Regie: G. Machaty)— Olympier „Maskerade"(D.)— Praha:„Der Mann, den man nicht verhaften konnte"— Radio:„Mutter Kraö- merka"(Tsch.)— Skant:„Die Drei-Groschen- O p e r"(D.)— Alma:„Kleine Frauen" (D.— Kath. Hepburn)— Bajkal:„Mutter Kraö- merka"(Tsch.)— Bescda:„Der letzte Dtann" (Tsch.— Hugo Haas)— Carlton:„Jud Süß" (Engl.)— Illusion:„Solang du eine Mutter hast" (Tsch.)— Lido:„Kleine Frauen." Zucker- ein Gesundheit»- und Entährungsproblem Wenn ich mir so den strahlenden Weihnachtsbaum und die noch strahlenderen Gesichter ringsherum betrachte,'drängen sich mir unwillkürlich einige mathematische Fragen auf, die eigentlich mehr in eine Preisrätselecke gehören, als zu der frohen Weihnachtsstimmung. Da wäre z. B. die Frage, wieviel Zuckerwert sich wohl auf einem solchen geschmückten und behängten. Weihnachtsbgum und unter dem Baum auf dem Gabentisch vorfindet, oder um wieviel Grad die Weihnachtsfreude geringer wäre, wenn einmal Weihnachtsbaum und Weihnachtstisch ganz ohne Süßigkeiten auSfallen würden und ob die großen, klugen Leute recht haben, wenn sie den Kindern mit düsteren Prophezeiungen über verdorbene Zähne und verdorbenem Magen die Freude an den Leckereien etwas dämpfen wollen und ob denn das„süße Zeug" überhaupt gesund sei. Ueber den Gesundheitswert von Zucker Habe ich mich neuerlich mit meinem Arzt unterhalten, als et mir bei meiner letzten Grippe zu der üblichen Schlvitzkur heißen Tee mit viel, viel Zucker verordnete und da bekam ich zu hören, daß sich Zucker besonders bei Erkrankungen schon vielfach bewährt hat. Allerdings sagte mir der Arzt, sei eS. auch hier, wie in vielen anderen Fällen, geboten, insofern vorbeugend zu wirken, als der Organismus immer einen genügenden Vorrat an Zucket haben soll, um gegen Ansteckung geschützt zu sein. Zucker hat also sowohl konservierende, als auch desinfizierende Eigenschaften, die eben seine heilende Wirkung erhöhen. Aber auch bei ernstlichen Fällen wird Zucker infolge seiner unmittelbaren stärkenden Wirkung vielfach benützt. Dre Medizin bedient sich seiner sowohl bei Schwächezuständen des Herzens, bei schwerer körperlicher Erschöpfung und notfalls sogar durch direkte Einspritzungen einer Zuckerlösung in die Venen, ferner bei Erkrankungen der Nieren und Leber, bei Magen- und Darmkatarrhen und vielen anderen Krankheiten, sogar bei Tuberkulose. Bekannte Aerzie räumen Zucker unter anderen Heilmitteln eine hervorragende Stellung ein und verordnen ihn nicht nur bei Infektionskrankheiten« sondern auch bei Blutarmut, Schwächezuständen und Erschöpfungskrankheiten aller Art, Rekonvaleszenz etc. Däß Turner und Sportler gerne Zucker genießen, um körperliche Müdigkeit hintanzuhalten, ist eine bekannte Tatsache. Die Ursachen, die Zucker in so ausgedehntem Maße den Charakter eines Nahrungsmittels geben, liegen in seinem hohen Kaloriengehalt rind in seiner leichten Verdaulichkeit. Der menschliche Körper braucht zu seinem Aufbau nicht nur die sogenannten organbildenden Stoffe, wie Eiweiß, Salze etc., sondern auch Wärme- und Energiestoffe, als deren wichttgste Fett und Kohlehydrate gelten. Dies gilt natürlich in erster Linie für den arbeitenden Menschen, der täglich ungefähr 100 Gramm Eiweiß, 56 Gramm Fett und 500 Gramm Kohlehydrate verbraucht, also viel mehr an Kohlehydraten, als an allen anderen Stoffen. Von den drei wichtigsten Kohlehydraten für die Ernährung, nämlich Stärke, Dextrine und Zucker ist das letztgenannte für den menschlichen Organismus unbedingt das wertvollste, weil es am leichtesten verdaut werden kann und die größten Wärmemengen erzeugt. Nachstehend einige Vergleichsziffern über den Gehalt an Kohlehydraten bei je einem Kilogramm der wichttgsten Nahrungsmittel: Zucker ist also nicht nur selbst hundertprozentiges reines Kohlehydrat, er steht auch ast Kaloriengehalt an zweiter Stelle, wobei aber immer zu beachten ist, daß der höhere Kaloriengehalt.der Fette erst nach, einem ansttengenden Verdänungsprozetz und auch da nicht zur Gänze vom Körper verbraucht wird, während bei Zucker alle Kalorien leicht und restlos verwertet werden. Kohlebvdrate in Gramm Wärmeerzeumma in Kalorien Kartoffel .. 175.8 794.5 . Rindfleisch .. 22.0 1155.9 Brot.. .. 580.4 2713.3 Fett.. ..—.— 7709.1 Zucker.. .. 1000.0 4100.0 Die gleichen Eigenschaften finden sich natürlich auch bei all den vielen und mannigfaltigen Nahrungsmitteln, die Zucker enthalten und mit Zucker zubereitet werden. Zucker läßt sich heute aus der menschlichen Ernährung überhaupt nicht mehr Wegdenken. Ein Haushalt ohne Zucker läßt sich Wohl schwer vorstellen, aber auch für eine ganze Reihe von Industrien— wir verweisen hier nur auf die beson-. ders in der letzten Zeit aufstrebende Schokoladen- und Kanditenindustrie— ist Zucker ein wichtiger und kaum ersetzbarer Rohstoff. Es gibt aber Wohl auch kaum ein anderes Konsumgut, welches eine derartig restlose Verbreitung über die ganze Erde gefunden hat, wie Zucker. Nachstehende Tabelle mag eine Uebersicht über den Zuckerverbrauch in den einzelnen Erdteilen für die Kampagneperiode 1933/34 geben: in Waggons ä 10.000 Kg. Europa.. . 948.000 Asien., N• . 731.000 Afrika.. . 71.200 Amerika •• . 828.300 Australien. . 42.000 Gesamter Welwerbrauch 2,620.500 Wir sehen aus diesen Ziffern, daß sich der Zuckerverbrauch unabhängig von der Größe und der Bevölkerungsziffer der einzelnen Erdteile recht ungleichmäßig entwickelt. Europa weist die größte Verbrauchsziffer auf und konnte seinen Konsum gegenüber dem Vorjahr auch wesentlich steigern. Noch eigenartiger wirkt allerdings, das Bild, wenn wir zu Vergleichszwecken den jährlichen Durchschnittsverbrauch pro Kopf der Bevölkerung heranziehen. 1932/33 Kopfverbrauch in Kg. Deutschland.. ... 23.1 Tschechoslowakei ... 24.8 Oesterreich.. 25.4 llngarn... ..* 10.0 Schweiz.... ... 41.9 Man hat einmal gesagt, daß der Seifenverbrauch ein Maßstab für den Kulturgrad eines Volkes sei. Ich möchte sagen, daß der Zuckerverbrauch ein Gradmeffer für den Lebensstandard eines Landes ist. Wenn wir die Kopfqüote von Dänemark mit 54.2 Kg, mit dem Weltdurckischnitt von 13.2 Kg. vergleichen, so müffen wir uns sagen, daß der Zuckerverbrauch noch überall steigerungsfähig ist— auch in unserem Lande, das noch heute eines der Haupterzeugungsländer ist und noch vor einigen Jahren eines der Hauptausfuhrländer für Zucker war. Im Kampagnejahr 1933/34 wurden in unserem Staate in 121 Zuckerfabriken 51.5(6 Waggons Zucker erzeugt und davon im Inland 32.770 Waggons verbraucht. Der Jnlandskonsum verbraucht also heute schon zwei Drittel der ganzen Produktion, während in früheren Jahren zwei Drtttel auf den Export und nur ein Drittel aus den inländischen Verbrauch entfielen. 1932/33 Kopfverbrauch in Kg. Frankreich... 25.0 Belgien.... . • 27.8 Holland.... 41.0 Großbritannien, . • 45.3 Dänemark.., • • 54.2> Schweden... 42.1 flSA..... 47.8 Kuba.... 40.0 Europa-Durchschnitt 16.4 Welt-Durchschnitt. , 13.2 Ich wiederhole, daß der Zuckerverbrauch in unserem Staate noch gesteigert werden kann— wenn der inländische Zuckerpreis der allgemeinen Kauflraft der Bevöflerung angepaßt ist. Es müßte nicht sein, datz in einem Lande, das Zucker zur Gänze aus inländischen Rohstoffen erzeugt, jährlich grotze Mengen von ausländischem Sacharin verbraucht werden, wenn unser werwoller einheimischer Zucker für jedermann erschwinglich wäre und ich glaube, daß es Dienst am Volke und seiner Gesundheit wäre, dafür z« sorgen, datz der anerkannt hohe Nährwert des Zuckers auch allen Ernährnngsbedürftigen jn höherem Matze als bisher zugänglich gemacht wird. M. Ch. Rr. 301. Dienstag, 25. Dezember 1934 „®og»on»fm9frot* Stahl Verlanget überall Sro da M. U. Dr. Leo Rychnovsky Kurarzt und Ordinarius des Kurhauses„Mirabell" iu Franzensbad 2813 Eger, den 24. Dezember 1934. tereffe-der Ertüchtigung und Gesundheit der Arbeiterklasse in unserem Staate. nicht berülMchtiaen. bekunden damit, datz sie die wirt- schafUiche Bedeutuaa der Kaufkraft unserer Leker nach ni«t erkannt baden oder nicht er. kenne» wolle». Zeiiuna lese» beibt. auch den ANdeiaentett beachten und bet« gtnkaul die Inserenten brdorduarn. Niemand wird sich Geschäftsleuten ausdrinaen. di« tlrbriterkundschaft nicht »»» fryätze« tutffcN Der Stak-Berband hat feine diesjährige Meisterschaftssaison abgeschlossen. In den einzelnen Gauen sind an der Spitze folgende Klubs: Prager Gau: Libeüsky SK.; südböhmischer Gau: SK. R'oj- nov(Stak-Meister 1934); Tschaslauer Gau: SK. Alebh; weftböhmischer Gau: AKK. Strazov; Wi- schauer Gau(bei Brünn): SÄ. Dedice; Gau Unterelbe: SK. Viktoria Eerniv. Slavia Prag— Herbstmeistrr. Das letzte Ligaspiel fand Sonntag zwischen Slavia und SK. Kladno statt. Die'Prager gewannen 5:3(4:1). Tcplitzer FK. gegen DFK. Aussig 8:1(8:0). Ein Freundschaftsspiel in Teplitz, bei dem die Heimischen einen neuen Sturm ausprobierten. Zidenire und Viktoria Hijkov in Afrika. Die beiden Klubs eröffneten ihre Weihnachtstournee am Sonntag mit Spielen in Afrika. Die Brünner gewannen in Oran gegen EDI mit 8:4(3:2) und Viktoria siegte in Bonne über den AS. Bonnoise 2:0(2:0). Eishockey. Die 7:0-Niederlag« des tschechoslowakischen Nationalteams gegen Winnipeg Monarchs hat dazu geführt, dass der Verbandskapitän Lorenz seine Stelle niederlegte. Die neue Leitung findet in der Presse mit der Aufstellung des Teams für die Welt- und Europameisterschaften in Davos keine gute Kritik, da man Leute, die etwas können, nicht jenen vorzieht, die bisher versagten.— In Paris gewann Stade Francais über die Wembley Canadians mit 2:1.— In der Schweiz siegt« OueenLElub London über FC. Zürich 5:3 und die Oxford-Studenten verloren Samstag in Arosa gegen EHE 2:8, während sie Sonntag 4:0 erfolgreich blieben. Büffler iu jedem Fest! Q Me in andern LaaeSärUmmev inserieren, aber ftrn Sport• Spiel• Körperpflege Ein Verband der Jugend Eine Statistik der DTJL— 1933: 136.980 . Mitglieder— Der zweitstärkste Turn- und Sportverband in der Republik Die III. Arbeiter-Olympiade, welche im Juli d. I. in Prag stattgefunden hat, führte uns die Stärke und Leistungsfähigkeit der Turn- und Sportbewegung unserer tschechischen Genossen in aller Deutlichkeit vor Augen. Trotz der Wirtschaftskrise bewies die DTJC eine Schlagkraft, die Staunen er- , weckte. Die soeben herausgegebene und vom Genossen Silaba verfasste Statistik für das Jahr 1988 zeigt deutlich die geleistete Arbeit des Verbandes vor der Olympiade; um wieviel mehr wird das aus jener des Jahres 1934 hervorgehen. Es sind Ziffern, die das Borwärtsstreben und das Wachstum der DTJ verdolmetschen, und die beweisen, dass der Arbeiter-Turn- und Sportbewegung eine grosse Kraft in kultureller sowie politischer Beziehung innewohnt. Der Verband der DTJE hatte 1933 im ganzen 1275 Vereine(das sind um zehn mehr als im Vorjahr) mit insgesamt ,18 6.9 8 0 Mitgliedern. Diese Mitgliederzahl setzt sich zusammen aus 48.135 Männern(davon find 31.902 aftiv), 18.162 Frauen(12.812 Aktive, unter ihnen 8551 verheiratete), 7045 Knaben, 6837 Rädchen, 27.838 Schüler und 29.468 Schülerinnen.* Rechnen wir alle aktiv tätigen Mitglieder— Schüler, Jugend und Erwachsene bis zu 24 Jahre— zusammen, so ergibt sich die ansehnliche Ziffer von 90.000 bis 100.000 jugendlichen Aktiven. Das ist em überaus erfreuliches Zeichen dafür, dass die Jugend zur Arbeiterklasse steht und in ihr nicht nur ein Bollwerk zur Erringung einer besseren Gesundheit, sondern auch ihrer Freiheit sieht und anerkennt. Die turn,erische Tätigkeit weist.laut dem Bericht einen Turnbesuch an einem Abend von 60.690 Turnern und Turnerinnen aus. Ein Vorturnerstab von 5147 Vorturnern und 2812 Vorturnerinnen leitet diese Turnstunden. Auch in s p örtlich e r Hinsicht war im Jahre 1933 ein Aufstieg zu verzeichnen: In der Leichtathletik gab es Y91 Veranstaltungen, die Schwerathletik trat 14mal in Erscheinung und die Wassersportsparte 16mal; in Ha- zena wurden 7155, Volleyball 2899, Tennis 9, Tischtennis 1936 Wettkämpfe durchgeführt. 47 Veranstaltungen sind im Wintersport und bei den Radfahrern ftinf zu verzeichnen. Die SkautS find in 122 Abteilungen zusammengefasst. Von Interesse ist aber auch, dass 611 Vereine in Gasthäusern turnen müssen, in Schulen 821 und 84 Vereine besitzen nicht einmal eines von den vorstehenden. Eigene Turnhallen besitzen 69 Vereine;! eigene Sportplätze 303. Im Jahre 1933 fanden 838 Schauturnen und 465 Akademien statt. Ueber- aus lehrreich sind auch jene Ziffern, welche die Bildungstätigkeit betreffen und da kann festgestellt werden, dass sie sehr erfolgreich verlief. Das Sama- riterkorpS setzt sich auS 1588 Männern, 845 Frauen und 145 Aerzten zusammen. Der statistische Bericht enthält jedoch noch«in« lehrreiche Aufstellung über die Mitgliedschaft in sozialer Beziehung. Die Mehrzahl, und zwar 82.863, find Industriearbeiter, dann folgen Landwirtschafts- und Waldarbeiter, Handelsangestellte, aber nur 8293 sind Beamte. 549 Lehrer und Professoren, 82 Rechtsanwälte usw. Damit wird eindeutig bewiesen, dass die Organisation der tsche- chischen Turn- und Sportgenoffen«ine wahre Arbei- terorganisation darstellt. Wenn wir abschliessend noch festhalten, dass die DTJ einen Gesamtbesitz im Werte von 20Millione« KL verwaltet, so wird durch das vorstehende wiederum bestätigt, dass unsere tschechischen Genossen ausserordentlich stolz darauf sein können auf die geleistete Arbeit im In- . Der Vorstand und das Sekretariat Eger des.Anterverbandes Egerland" im Reichsverband HauS Juring: Entwurf einer neuen Wirtschaftsordnung, 1935, Verlag Eugen Peffchau, Prag VlU. Das Buch geht von der Voraussetzung auS. dass die bisherige kapitalistische WirffchaftSordnung zusam- muss. Für diese neue Gesellschaftsordnung wird der Vorschlag eines Grundgesetzes gemacht, welches aus 197 Paragraphen besteht. Der oberste Grundsatz des Gesetzes ist die Aufhebung d«S Privateigentums„aller zur.Produktion und zur Verteilung gehörenden Güter", über dieses Eigentum hat nur der Staat zu verfügen. Alle Wirtschaftszweige werden planmässig be- wirtschaftet, es besteht eine Nährpflicht, welch« jedem ein Existenzminimum schafft, an Stelle des Geldes treten Geldanweisungen und«in Clearingsystem. Die Preise werden staatlich festgesetzt,- der Handel ist vollkommen organisiert und reglementiert. Es wirb der Hoffnung Ausdruck gegeben, dass es keiner blutigen Auseinandersetzungen bedürfen wird, um die neue Wirtschaftsordnung an die Stelle der alten zu setzen. — Sicherlich ist der Verfasser vpn dem besten Willen beseelt, er hat die Absicht,«ine klare Vorstellung von der sozialistischen Gesellschaft zu schaffen. Der Mangel des Buches besteht nur darin, dass es unpoli- tisch ist, d: h., dass der Verfasser sich nicht dessen bewusst ist, dass die Erkämpfung einer neuen Gesell- von 23- Dezember 1934, unerwartet verschieden ist. Mit ihm ist-in Mensch leinen bmteren r 9t~!r"nd Können den ihm anvertrauten Psteglingen angedeihen ließ. Durch UtaLT«--"-r fürsorglichen Tätigkeit hat er sich da- vollste Lrtrauen der Pfleglinge und der Benvaltung-vrg-ne des Unterverbandes erworben. Wir werden feiner immer ehrend gedenken. Halle in Prag^trafchnjtz^°stM^'» D-S-mb-r 1934, um%!! Uhr vormittags, von der Leichen- DONAU M1GEMEIIIE VERSiCHERUHGS-AKTIENGESELLSCHPFT IN WIEN. Direktion liir die Cechoslov. Republik: Prag II.. Närodni 10. Feuer-, Chomage-, Maschinenbruch-, Olas-, Einbruchdiebstahl-, Hasel-, Transport- und Reisegepäck-Versicherungen. Unfall-, Haftpflicht-, Auiocasqo-, Lebens-, Renten- und Heimspar-Versichemngsn. Gnenlagntscbatten la Prag, hitkuktrg. Brünn ul Intisim. Literatur Führer durch die Pension» verficheruug der Privataugestellte« Im Juni d. I. wurden in dir Nationalversammlung bedeutungsvolle Abänderungen des Gesetzes vom 21. Feber 1929 über die Pensionsversicherung der Privatangestellten beschlossen. Die Aenderung betreffen vornehmlich die Herabsetzung der Altersgrenze für den Bezug der Altersrente, die Einführung der Sozialrente, die Aenderung der Bestimmungen über den Staatsbeitrag zu den Renten für die Zeit der militärischen Dienstleistung, die Abschaffung der Anerkennungsgebühr, die Verlängerung der Schutzfrist, Erleichterung für die freiwillige Fortsetzung der Versicherung. Es ist begreiflich, dass die Pensionsbersicherten und auch die breite Oeffentlichkeit ein Interesse daran haben, das Gesetz über die Pensionsversicherung der Privatangestellten in der neuen Fassung kennenzulernen. Die Zentralgewerkschaftskommiffion des Deutschen GewerkschastsbundeS(Sektion der Privat- angestelltenverbände) gibt nun«in Büchlein» bearbeitet bon.Lrauz Kirchhof, Mifglied. der Verwaltungskommission der Allgemeinen Pensionsanstalt, heraus, in dem das Gesetz über die Pensionsversicherung der Privatangestellten im Wortlaut der Novelle vom 21. Juni 1934, Slg. d. Ges. u. Bdg. Nr. 117, einschliesslich des Gesetzes über die nichtversicherte Dienstzeit und der Verfügung des ständigen Ausschusses über die Krankenpflege der Rentner nckst Erläuterungen der wichtigsten Bestimmungen enthalten ist. Das Büchlein ist gegen Voreinsendung des Betrages von Kd 15.— zuzüglich für Porto bei der Zeutralgewerkschaftskommisfion des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Reichenberg, Gablonzerstratze 20, zu erhalten« qaoen, gegen diejenigen,, denen die alte Ordnung alle Vorrechte und Vorteile bietet, durchgesetzt werden. Eine neue Gesellschaftsordnung kann nur im Wege der Revolution oder Evolution entsprechend der Macht jener durchgekiibrt werben, welche die Träger dieser geschichtlichen Ilmwandlung sind Man erweckt in den Menschen Illusionen, wenn man diese Grundwahrheit übersieht.*^- E. St, VOLKS M1W solo. Eorif billigst berechnet. Bei öfteren Einschaltung^ Preisnachlaß.^—^Mch'^llung°vo^MmmsLivwn^^'"'jährig ES 48.—, halbjährig Kt 96.-. ganzjährig KC 192.—— 2^cr-te iver^en^am Mit Erlaß R-. 18.800/VH/&80 4.*•«*’ Seite 16 .Sozialdemokrat" Dienstag, 25. Dezember 1934. Nr. 301 Arbcitcrbüchcrci Zentrale Prag vn., neiskustraoe 409, Telefon 74107 Brot- Gebäck- Konditoreien // Wir danken bestens für die genossenschaftliche Gunst und bitten, uns diese auch im nächsten Jahr entgegenzubringen. Wir werden Sie in jeder Hinsicht zufriedenstellen. Allen unseren Freunden und Abnehmern wünschen wir fröhliche Feiertage und ein glücklicheres Neujahr BÖHMISCHE INDUSTRIAL-BANK Aktienkapital und Reservefonds KL 136,000.000*— ZENTRALE IN PRAG. Na PHkopä No. 16. RUHEN la: Aussig, Benesov, Beroun, Bodenbach, Böhm. Krumau, Bratislava, Brno, Bredav, Cäslav, Öeske Budejovice, Ceske Vdenice, Öesky Tesin, Domazlice, Dvür Krä- love n. L.. Friedland i. B., Gablonz a. N., Hodonin, Hradec Krälove, Iglau, Jindrichüv Hradec, Kladno, Klatovy, Komotau, Kosice, Kutnä Hora, Laibach, Louny, Mähr. Trübau, Mistek, Mladä Boleslav, Mo- ravskä Ostrava, Nächod, Novy Bohumin, Olomouc, Pardubice, Plzen, Prerov, Pribram, Rakovnik, Roud- nice n. L., Semily, Strakonice, Sternberg i. 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