Sonntag, 7. April 1935 Nr. 83 15. Jahrgang Einzelpreis 70 Heller (•inKhlie&lich 5 Haller Porto) IE NTRALORGAN DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK J ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH, Redaktion ONO VERWALTUNG präg XII., pochova«. Telefon«77. HERAUSGEBER* SIEGFRIED TAUB. CHEFREDAKTEUR. WILHELM NIESSNER. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR* DR. EMIL STRAUSS, PRAG. Die Zustände im Grenzgebiet SHF-Legitimation gilt bei den deutschen Grenzorganen als vollwertiger Grenzauswelf Die SHF unterhält, wie Henlein, Rosche, Sandner und einige Dutzend andere Gewährsmänner versichern, keine Äe- ziehung zum Dritten Reich. Alle gegenteiligen Tatsachen entspringen der bösartigen Phantasie des Marxismus, der die loyale und auf die tschechoslowakische^ Demokratie eingeschworene SHF denunziert. So kann man es tagtäglich lesen. Wie es in Wahrheit im Grenzgebiet aussieht, beweist ein Protokoll, das am 27. März 1935 in der Erzgebirgsgemeinde Christophhammer ausgenommen wurde. Dieses Prowkoll spricht Bände. Es lautet; Es erscheint Franz Baumann, Musiker ans Christophhammer Rr. 45, geboren 1869 25. XI. in Christophhammer, zuständig nach Christoph» Hammer und ersucht unter Vorlage des Mitgliedsausweises der Sudetendeutsche» Heimatfront, Ortsgruppe Preßnih, Bezirk Pretznitz, Kreis VII, Mitgliedsnummer 140.37V(Eintritt am 22. August 1934 um Lleber- stempelung des Lichtbildes in diesem Ausweise mit dem Gemeinderundstempel und erklärt aus Befragen folgendes: „Die Aeberstempelung des Lichtbildes verlange ich deshalb, weil der Mitgliedsausweis der SHF. von den reich s deutsch en Grenzorganen als gleichwertig dem Grenzausweis anerkannt wird. Personen, die stch mit dem Mstgliedsausweis der SHF. legitimieren, können unbeanständet die Grenze nach Deutschland überschreiten. Aus Christoph. Hammer benützt schon eine ganze Reihe von Personen diese Mitglieds- ausweise als Grenzausweise. Die tschechoslowakischen Fiuauzorgane Ken- nen die Ortsiusasseu und beanständen mich bis jetzt nicht." Gezeichnet ist das Protokoll von dem SHF- Mann-Fkü n z Bauman n, der die lleberstempelung des Lichtbildes verlangte, um die SHF-Legitimation als Grenzausweis zu be nutzen, von dem politischen Kommissär und Beamten der Bezirksbehörde Dr. B Yf isttl und zwei Zeugen. Daß schon eine Reihe Personen aus Chri stophhammer die SHF-Legitimation als Reisepaß benützt, und daß die Finanzorgane des tschechoslowakischen Grenzdienstes das nicht beanstanden, ist ein Kapitel für sich. Aufmerksam gemacht, daß einer oder der andere Paffant verdächtig sein könnte, würde so ein Wachorgan vermutlich jeden Verdacht mit dem Hinweis darauf zerstreuen, daß det Betreffende ja von der SHF die Erlaubnis zum Verkehr mit dem Dritten Reich erhalten habe, daß also nichts Gefährliches dran sei. Es ergäbe sich die Situation, die in der bekannten Anekdote aus dem Straßenbahnwagen vorliegt, wo der Schaffner sich weigert, gegen das Herumspucken eines Passagiers einzuschreiten, da derselbe tuberkulös und darum zum freien Ausspucken berechtigt sei. Welche Einschätzung die SHF aber durch die Behörden des Dritten Reiches erfährt, beweist die Tatsache, daß man dort das Mitgliedsbuch als vollwertigen Ersatz eines Grenzausweises, also eines behördlichen Dokuments ansieht. Wie lang wird es dauern, so wird man mit dem Mitgliedsbuch der StzF noch mehr erreichen köonent JedenfaW schätzen die Behörden des Dritten Reiches die Henleinfront richtiger ei« alö die tschechoslowakischen Behörden es tun. Naii in der SHF Systematische Einreihung von Nazis in die Henleinfront «.Bei Demokraten wenig beliebt"— als Empfehlung für die SHF Die SHF ist bekanntlich eine„demokratische" Partei— Verzeihung:„demokratisch e"B e- w e g u n g! Sie hat mit den Nazis nichts zu tun. Frühere Nazi-Agitatoren werden in der SHF nicht geduldet. Das kann man in allen Loyalitätsschwüren bis zum Ueberdruß hören. Wir waren oft genug in der Lage zu beweisen, daß gerade das Gegenteil richtig ist, daß die SHF sich auf dem Apparat NSDAP aufbaut, daß alle wichtigen Funktionen in die Hände verläßlicher Nazis kommen. Einen neuen Beweis dafür bietet ein Brief, der uns durch Zufall in die Hände gelangt ist und schlüssig zeigt, daß die SHF-Funktionäre sich systematisch bemühen, ehemalige Nazis einzustellen und mit Mandaten zu bekleiden. Am 27. Jänner d. I. hat ein SHF-Funktionär in Weipert an die Bezirksleitung der SHF in Schmiedeberg folgendes Schreiben gerichtet: Lieber Kamerad Bog! Ich hatte die Sache nicht Lbersehe«, wollte mich vorher erst doch näher informieren, habe aber leider Termin verpaßt, den Sie mir dazumal nannten. Ich habe im ganzen 3, dieichfürwert befinde, siefreigubekommr«,«m selbe eventuell mit aufstellm zu können und das sind natürlich Mitglieder von «ns, die abernicht offen geführt werden und das auch nicht wünschen. Ich glaube keinen Fehler zu tun, wenn ich dies« 3 in Borschlag bringe. ES sind noch mehr, die t ereits in unseren Reihen st ehe«, aber ich denke bestimmt, daß es nur ein Fehler sein könnte und vielleicht Schaden brächte, wenn selbe auf einer Liste z« stehen kommen. Name und genaue Anschrift: Jng. Edmund Schmidl, Weipert, Alter Paßweg 1132. (Fabrikant.), Schuster Rudolf, Weipert, Gabelsberger- straße 64. (Geschäftsführer.) Funktion. Amt bei der Partei: Nazi, Gemeindevertreterin einer Sektion, welche, ist mir nicht bekannt,"bei der Partei kein Amt, höchstens Vertrauensmann. Kameradschaftlichen Gruß Verwendungsmöglichkeit bei uns: unbegrenzt Brun« Pleil m. p. Besondere Fähigkeit:, Guter Redner, Draufgänger. Bei Demokraten wenig beliebt. Für den Bezirk kaum in Frage kommend, weil ersterer Beamter und daher schr angehängt. Nazi, zuletzt Obmann Für die Gemeindevertre- in der Partei. War in tung gut geeignet,' ist der Gemeinde Mitglied Kaufmann und gut ge- einer Sektion und heute Verwendung eigent- noch in der Sparkasse unbegrenzt, lang. Franz Pleil, Weipert, Schneiderhofweg 1107. (Färbermeister.) Nazi, seit 1919 im Gemeinderat tätig gewesen, in verschiedenen Sektionen gearbeitet und guter Kenner. JmGemeinderat kein großer Redner, versteht aber, seiner Meinung Ausdruck zu geben. Käme gut als Gemeindemitglied in Frage Für den Bezirk nicht geeignet, da Färbermeister, nicht abkömmlich. Für den Bezirk außer Frage, weil Angestellter. Saust starker Charakter. Bei uns fast von Au- sang an. Josef Dienelt, Buchhalter,' Weipert, Jöhstädter- straße 710. (Kaufmann.) N a z i, war nicht im Gemeinderat, sondern nur im Amt für Leibesübungen von der Partei entsendet. Aus diesem Schreiben geht folgendes, einwandfrei hervor: 1. Die SHF bemüht sich planmäßig, frühere Nazis, die laut dem Parteiengesetz keine öffentlichen Funktionen ausüben dürfen,»freizubekommen", das heißt, im Grunde die Behörden irrezuführen, denn sie können ihre Schützlinge ja nur freibekommen, wenn es ihnen gelingt, den Behörden ein T.für ein ll vorzumachen und einzureden, daß die Betreffenden keine Nazis waren. 2. Die SHF hatAieben den offenen Mitgliederlisten, die nur harmlose Mitglieder enthalten» geheime Listen, denn nur so erklärt sich die Bemerkung, die Angeführten seien„natürlich Mitglieder von uns"(der SHF), die aber nicht offen geführt werden. 3. Es handelt sich keineswegs um vereinzelte Fälle, denn„e s s i n d n o ch m e h r, die be- rests in unseren Reihen stehen". 4. Das ganze demokratische Getue und die Loyalstätsbeteuerungen der SHF sind nur Augenauswischerei, über deren Gelingen sich die Herren unter sich schief lachen. Das beweist die in der Rubrik„Besondere F ä h i g k e i t". eingetragene Bemerkung über Edmund Schmidl: „Draufgänger. Bei Demokraten wenig beliebt". Well Schmidl ein Draufgänger— lies: ein rabiater Hakenkreuzler— ist, weil er bei D emokraten wenig beliebt ist, erscheint er dem Kameraden Pleil besonders„wert", daß er ihn„freibekommt" und, ihm ein Mandat der SHF zuschanzen kann. Die SHS ist also die Fortsetzung der alten Nazipartei. Sie bewirbt sich um deren Mandatare. Aber sie tut das keineswegs, wie Unbelehrbare vielleicht glauben, um diese Nazis zu bekehren und für die„loyale" Idee der SHF zu gewinnen, sondern im Gegenteil, weilsiediese Nazisals fascistische Agitatoren schätzt. Sie sucht Leute zu gewinnen, die„bei Demokraten wenig beliebt" sind, denn sie setzt eben die Arbeit fort, die von den Nazis begonnen wurde. Henlein ist der Treuhänder des Krebs. Wundern kann einen dabei freilich nur, daß dir Veranstalter dieser schamlosen Komödie bei gewissen Demokraten hierzulande trotzdem noch immer so beliebt find! Wie anno 14? O. F. Zu jenen Anekdoten, die, gleichgültig ob wahr oder erfunden,— eine Situation blitzartig beleuchten, gehört die Wiedergabe einer Aeutzerung, die John Simon beim Verlassen Berlins gemacht haben soll: Man berichtet, daß er vor dem Besteigen des Flugzeugs noch einige Augenblicke mit den Herren der Berliner englischen Botschaft über das Ergebnis seines Besuches bei Adolf Hitler geplaudert und dabei mit den Worten geschlossen habe:„Mich wundert nur, daß er von uns nicht auch Gibraltar verlangt hat!" Tatsächlich scheint Hitler, nach alledem, was bisher über seine Dauerrede durchgesickert ist, wieder einmal das ganze Bündel seiner nicht gerade friedlich und bescheiden zu nennenden Wünsche auf den Verhandlungstisch geworfen zu haben. Ueber die Kollektion seiner Forderungen und über das Echo, das sie in der internationalen politischen Welt gefunden haben, soll hier nicht gesprochen werden, wohl aber über die Frage, oll Hitler berechtigt ist, sich innenpolitisch so stark zu fühlen, um, gestützt auf ein V o l, k s h e e r, die Eventualität eines neuen Krieges ins Auge fas- sen zu können. Im Augenblick hat es tatsächlich den Ast- schein, als ob das Problem einer künftige» Kriegsführung sich lediglich aus bis Fragen einer finanziellen und materiellen Kriegsbereitschaft zu erstrecken habe. Die Gefolgschaftstreue der Massen wird, entgegen etwa den früher von Schleicher, dem„sozialen General", gehegten Befürchtungen als sicherer Faktor vorausgesetzt. Nach der Saarabstimmung scheint eine solche Voraussetzung zu Recht zu bestehen. Ist es schon eine alte hiswrische Erfahrung, daß einem Regime, selbst dann, wenn es unpopulär ist, nicht'zu Beginn, sondern erst im Verlaufe, und zwar im ungünstigen Verlaufe einer kriegerischen Auseinandersetzung innere Widerstände erwachsen, die bis zu einer revolutionären Erhebung sich verstärken können, so scheint im gleichgeschalteten Deutschland, unter den Zwangsfesseln des totalen Staates, jeder Widerstand besonders aussichtslos zu sein. Aber dieser Schein kann trügen. Denn Druck erzeugt Gegendruck. Wenn heute die Arbeiter sich dem Diktat des fascissischen Siegers beugen, so geschieht das nicht zuletzt deshalb, weil sie, durch die ungeheure, kampflose Niederlage gebeugt, die Aussichtslosigkeit ernsthaften Widerstandes unter den jetzt gegebenen Ver- hältnisfen erkennen und weil für einen solchen Widerstand auch die große einigende Parole noch fehlt. Ohne sie ist nicht auf eine seelische Einsatzbereitschaft der Massen zu rechnen. Stimmen, die aus Deutschland gedämpft herüberklingen, sprechen jedoch heute schon davon, daß, so schrecklich die Perspektive sei, mutmaßlich nur ein Krieg die auf lange Fristen zu berechnende Leidenszeft abkürzen könnte. Um Mißdeutungen zu vermeiden, sei hinzugesetzt, daß niemand deswegen einen Krieg ersehnt und etwa den Teufel durch den Beelzebub auszutrei. ben wünscht. Trotzdem sind solche Aeußerun- gen ein wichtiges Symptom. Sie zeigen, daß im Ernstfälle die Arbeiterschaft nicht mit den gleichen Illusionen wie 1914 in einen Krieg ziehen muß. Eine aufgepulverte Hurrastimmung würde, selbst wenn! es gelänge sie für kurze Zeft zu erzeugen, recht schnell verfliegen. Es ist das nicht zu unterschätzende Ergebnis einer politischen Konstellation, die sich jetzt schon deutlich abzuzeichnen beginnt, daß die Arbeiterschaft in Deutschland im Kriegsfälle vor die Exi- stenz zweier Bündnissysteme gestellt wird, in deren einem das fascistische Deutschland und in deren anderem die großen Demokratien und die Sozialistische Sowjetunion maßgeblichen Einfluß besitzt.' Seift 2 Sonntag, 7. April 1935 Nr. 83 Flugzeug Prag-Amsterdam verunglückt Im Schneesturm den Boden gestreift/ Sechs Tote Prag. Nach einer Berliner Nachricht des Deutschen Nachrichtenbüros ist Samstag um 15 Ahr hei Brilon in der Rühe von Kassel, das planmäßige Verkehrsflugzeug der holländischen Fluggesellschaft KLM aus dem Wege von Pragnach Amsterdadam abgestürzt. Sechs Personen, darunter vier Mann der Besatzung und zwei Passagiere, de« Tod gefunden. Die Maschine, die„Leeutverik", welche erst am 1. April die Linie Amsterdam—Prag eröffnet hatte, war«m 13 Ahr 46 von Leipzig gestartet. Am 14 Ahr 39 funkte fier„Antenne wird eingezogen wegen Anwetters". Am 15 Ahr fand man die Maschine vollkommen zerschmettert auf. Tot find von der Besatzung der erste Pilot S o e r, der zweite Pilot Prillewitz, der Funker Klei« und der Mechaniker Wolman, der nächste Woche hätte heirate» sollen. Mögen selbst heute noch in den Reihen der Werktätigen die Meinungen über Einzelheiten der sowjetrussischen Politik geteilt sein, über den einen Punkt besteht Einmütigkeit, daß hier ebenso offenfichüich der Versuch gemacht wird, ein Gemeinwesen für die Arbeiter zu errichten, wie in dem Deutschland des Dr. Schacht ein Zwangsstaat gegen die Arbeiter geschaffen wurde. Man wird die heutigen Bündnissysteme nicht unter dem Gesichtspunkt betrachten dürfen: ein Kreuzzug gegen den Fascismus I Denn auch auf der©eite der Deutschlandgegner befinden sich fascistische und reaktionäre Mächte. Wer aber die Lage, wie es Marx und Engels taten, daraufhin untersucht, wo die Tendenzen des geschichtlichen Fortschritts erkennbar seien, der wird nicht lange zu überlegen haben. Denn die Systeme haben zwei klar ersichtliche Angel- punüe: auf der einen Seite das Dritte Reich und das feudalistische Japan, auf der anderen Seite die Sowjetunion und die demokratische Staatenwelt. Die Sowjetunion findet sich mit den Demokratien des Westens und Mitteleuropas, mit bürgerlichen, aber antifascistischen Staaten zu- sammen und sie gemeinsam geben das Ucker- gewicht ab gegenüber anderen Partnern, denen die gleiche Fortschrittstendenz nicht zuerkannt werden kann. Obendrein liefert die unterschiedliche Tendenz der beiden Bündnissysteme nicht allein den Grund der letzten Entscheidung.-Die letzte Entscheidung bedingt die unbezweifelbare Tatsache, daß nur die Unschädlichmachung des Hitlerreiches Frieden und sozialen Fortschritt in Europa ermöglicht. Diese Unschädlichmachung muß nicht not- wendigerweise durch einen Krieg erfolgen. Man kann auch den Raubadler so lange und so fest umgittern, bis ihm die Lust und die Lust zu weiteren Raubzügen ausgeht. Diese Möglichkeit, die befürworten muß, wer sich nicht einer„Politik des kleineren Uebels" gegenüber dem kriegswilligen Deutsch, land schuldig zu machen gedenkt, würde eine bedeutsame Förderung erhallen, wenn es ge- länge, stärker als bisher, im Innern Deutsch, lands die Gegenkräfte gegen Hitler zu mobil!- sieren und so für ihn auch innenpolitisch den Krieg zu einem verstärken Risiko zu machen. Dazu ist freilich die erste Vorbedingung, daß, ungeachtet der noch bestehenden Differenzen, die Arbeiterschaft aller Lager sich einheitlich zu. sammenfindet unter der auch von der Sozialdemokratie schon früher vertretenen und heute in Deutschland doppelt zeftgemäßen Parole: „Hände weg von der Sowjetunion!" Und dar. über hinaus zu der zweiten nicht minder wich- tigen Losung:„Freiheft und Frieden!" Frei, heft und Frieden das heißt aber: Für das sozialistifche Deutschland von morgen! GEDENKET bei affen Anfluen der Arbeiterfürsorge! Durch eine Anfrage bei der Direktion des Prager Flugplatzes in Kdely hab« wir ftstge- stellt, daß es sich um das holländische Flugzeug PH-FL, handelt, das um 11 Uhr vormittag vom Prager Flugplatz startete. An Bord deS Flugzeuges befanden sich der erste Pilot S o e r, einer der besten holländischen Piloten, bekannt durch seine Rekordflüge nach Batavia auf der Insel Java, weiters der zweite Pilot P u l n i tz, zwei Radiotelegraphisten, ein Mechaniker und drei Passagiere, und zwar der Sohn des Amsterdamer Bürgermeisters B l« g t, der von seinem Besuche in Prag zurückkehrte, ferner die Reisenden Brie! und F a g e l, von denen der letztere das Flugzeug bereits in Leipzig verließ. Die Besatzung, die gewöhnlich drei Mann beträgt» war Die politische Wodic Die letzte Woche zählte wohl zu den bewegtesten der zurückliegenden Zeit. Die Parlaments» und Regierungsarbeiten verliefen ohne merkliches Interesse der Oeftentlichkeit, die sich ausschließlich auf das brennendste innerpolitische Problem konzentrierte, auf die Frage des Weiteckestandes der Heimatfront. Diese Frage war, wie wir wiederholt schon aufzuzeigen in der Lage waren, längst schon der ausschließlichen Jntereffenspäre der deutschen Bevölkerung entrückt und zum Objekt der tschechischen Poli- tik geworden, und zwar mit Auswirkungen, die sich heute nur vorausahnen lassen, die aber im Laufe der Wahlbewegung und im weiteren innerpolitischen Leben folgenschwerste Bedeutung haben können. Selbstverständlich ist die Stellungnahme gewisser Koalitionskreise ein gefundenes Fressen für die tschechisch-fascistische„Rationale Bereinigung", die in diesem Zeichen gegen die tschechische Koalitionsfront tüchtig anrennen wird. Aber auch die anderen außerhalb der Koalition stehenden Parteien bekommen da einen„Schlager" hingeworfen, für den die tschechischen nationalistischen Kreise immer sehr empfänglich waren und den zu fruktisi- zieren sie immer verstanden. Wir können darauf wetten, daß so manchem jener tschechischen Politiker, denen die SHF den Kopf zu verdrehen verstanden hat, angesichts der heutigen Situation vor den kommenden Dingen ein bißchenfchwummerig zu Mute sein wird. Doch warum sollen wir uns darüber den Kopf zerbrechen, da die Verantwortung für die kommende diesmal«m einen Pilote« und«m einen Radiotelegraphisten, welche sich mit der Strecke vertraut machen sollten, verstärkt. DaS Unglück ist auf daS schlechte Wetter znrückzu- führen. Der Pilot war infolge des starken Gewittersturmes und Schneegestöbers, welches die Sicht sehr beeinträchtigte, über dem Sauerland ziemlich tief heruntergegangen. Plötzlich tauchte ein Fichtenwald vor ihm auf. Um an diesem vorbeizukommen, steuerte er daS Flugzeug scharf links und geriet auf eine Bergwiese. DaS Flugzeug explodierte bei der Berührung mit dem Boden. Ueber den Verbleib und daS Schicksal der noch vermißten Personen konnte nichts in Erfahrung gebracht werden. Entwicklung ausschließlich bei den vorbezeichneten tschechischen politischen Stellen liegt. Die Entscheidung wird in wenigen Tagen fallen und es wird die ganze Oeftentlichkeit, welche den tollen Tanz der letzten Wochen zu verfolgen Gelegenheit hatte, auS den gegebenen Tatsachen ihre Schlüffe ziehen. Unsere Partei ist hinsichtlich der kommenden Entwicklung von Haus aus richtig im Bilde gewesen. Wieder wird eS sich zeigen, daß sie auch in diesem Falle mit kluger Voraussicht vorgegangen ist. Das Bad werden die anderen auSgießenl Im deutschen Lager vollzieht sich die Entwick- lung so, wie wir es in den letzten Wochen vorauS- gesagt haben: wie seinerzeit im Nachbarreich, nimmt die nationalistische Beseffenheft auch in unserem deutschbürgerlichen Kreisen immer mehr überhand. Die kleineren Parteien, bzw. ihre Führer, verlieren immer mehr an Boden und sind der vollständigen Panik und Ratlosigkeft verfallen. Einige von diesen Splitterparteien sind ganz freiwillig in den weitaufgeriffenen Schlund der Heimatfront hineinspaziert— Herr Dr. Rosche allerdings bereits als General ohne Armee— und werden dort bald ganz verspeist werden und schon nach kurzer Zeit spurlos verschwinden. Außer der christlichsozialen Partei dürste dann nur noch der Landbund übrig bleiben, dessen Situation geradezu tragisch und um so schmerzlicher ist, als er selbst dieses Chaos im eigenen Lager angerichtet hat. Der Landbund wollte allzu schlau sein, ist dann' aber von allen, und zwar nicht nur von den Herren der Heimatstont, sondern auch von seinen eigtntt Stuten schmählich düpiert worden. Mittlerweile arbeiten Parlament und Senat weiter. Beide Häuser haben in den letzten Togen Arbeitslosenziffer um 3*5 Prozent gesunken Von 833.194 auf 803.840 Prag. Rach der vom Fürsorgeministeriunt veröffentlichten Statistik de- ArbeitSmarkteS im März waren am 31. März 1935 nach den vor«! läufigen Erhebungen bei den ArbeitSvermitt- lnngsämtern 803.840 Arbeitslose registriert gegenüber 833.194 Arbeitslosen am 28. Februar Die Zahl der Arbeitslosen hat also im Berlanft dieses Monats sich nm 30.354 verringert.. Im Vergleich mit dem Arbeitslosenstand im Januar ergibt sich für die Aeuderungen am ArbeitSmarkte in den letzten 5 Jahren folgendes Bild: Zunahme oder Abuahm^ gegenüber Iürwer 1 Sahr Zahl der Arbeitslosen Ende Immer End« Marz 1931 313.511 339.505 +25.994 *+8.l 1932 583.138 633.907 +50.769 +8.1 1933 872.775 877.955 + 5.180 +0.4 1934 838.982 789.789 —49.193 •—5.9 1935 818.005 803.840 —14.165 —1.1 Ebenso wie im Vorjahre ist die Zahl der Arbeitslosen gegenüber dem Stande im Jännet gesunken. Diese Berminderung hat jedoch nicht di« Intensität wie im Vorjahre, da damals zu dieser Zeit außerordentlich günstige Witterungsverhält« niffe für Arbeiten im Freien waren. Die Arbeitslosigkeit ist in allen Ländern der Republik gesunken, und zwar in Böhmen nm 4.1 Prozent, üt Mähren-Schlesien nm 2.5 Prozent, in der Slowakei um 3.1 Prozent und in Karpathornßlanb um 15.0 Prozent. einige wichtige wirtschaftliche- Vorlagen, wie di« Autobus- und Mineralölsteuer verabschiedet, und si« werden noch einige kleinere Dinge erleben. Die grot ßen Vorlagen find dem neuen Haus Vorbehalten. Di« Lebensdauer der Nationalversammlung ist nur noch mit wenigen Tagen bemessen, worauf die notwendig gen vorbereüenden Formalitäten zur Ermöglichung des Wahlganges getroffen werden. Daß der Wahlkampf auf der ganzen Linie mch der größten Leidenschaftlichkeit und mit dem größte« Kraftaufwand geführt werden wird, braucht mcnt nicht erst ausdrücklich zu betonen. Wir find über« zeugt, daß die Arbeiterklasse in diesem Kampfe angesichts der kompasten Feindesmasse, die ihr gegen» übersteht, alle Kraft einsetzen und aus diesmal wieder neue Proben ihrer unerhörten Kampfesfreuß digkeit und Schlagkraft erbringen wird! Neue Zuckerzuteilung an Arbeitslose^ Dem Fürsorgeministerinm war es in bet letzten Zeit gelungen, 45 Waggons Zucker zu« Verteilung an Arbeitslose sicherzustelleir. In de« letzten Tagen hat daS Ministerium die Verband' lungen zwecks Beschaffung einer« ei« teren Zuckermenge zur unentgeltliche« Verteilung an Arbeitslose erfolgreich beendet. Der Zucker wird nach und nach den einzelnen Bezirken zur Verteilung zugewiesen werden. Das„P r ä v o L i d u" bemerkt hiezu, daß ohn« einem entsprechenden Druck des Ministeriums a«I daS Zuckerkartell dieses sich wohl kaum auS eigene« Initiative zur Bereitstellung dieser Zuckermenge« veranlaßt gesehen hätte; eher hätte es noch zut Denaturierung gegriffen. ——— i—i< Der neue Chaoilcur Von Oskar Daum Er setzte sich wieder an seine Arbeit, schnitt, noch ehe er recht saß, lässig die Briefe auf. Er fürchtete' sich nicht von ihrem unangenehmen Inhalt. Er war noch immer mft allem im Leben fertig geworden. I Herr Feldbeck wandte sich an seinem Schreibfisch nicht um, als Franz ins Kontor trat. Der laute Gruß und die schlveren Schritte drangen erfolglos in die Stille des überheizten, nach Papierstaub und Leder riechenden Raumes.<Äne gute Weile stand Franz. Herr Feldbeck blieb starr über sein Papier geneigt und schrieb. Sein Nacken hatte Fettwülste wie der Nacken einer alternden Frau. Er war sicherlich nicht mehr als sechs- oder siebenundvierzig Jahre alt, aber das Haar begann schon ganz ordentlich zu schimmeln. Die Füllfeder scharrte hastig. Es klang, wie wenn Hunde an der Tür kratzen. Diese hartnäckige Stummheit war schon der Anfang ihrer Unterredung. Franz betrachtete das Brustbild der Frau Feldbeck, das in mattsilbernem Rahmen auf dem Bord des Schreibtisches stand. Warum stand eS hier? Es war wohl aus der ersten Zeit der Ehe hier vergessen worden. Es patzte gut zu ihr, daß sie geduldig hier nun all den Unterhaltungen deS Herrn Feldbeck mft hübschen Arbeiterinnen aus der Fabrik zusah. Franz begriff nicht, datz Frau Feld« Leck alS Ausbund von Hählichkeit galt. Sie hatte zwar eine kleine plumpe Gestalt und unregelmäßige Gesichtszüge, aber die Augen, diese verschüchterten, gütigen Augen voll Ueberschwang waren der stärkste Eindruck der Erscheinung. Franz schien sie manchmal schön. x»Warum schicken Sie Ihren' Bruder nicht in die Anstalt nach Görlitz zurück", klang die Stimme des Chefs endlich scharf durch die Stille. Die Worte verschmolzen in der erbitterten Schnelligkeit. Franz schwieg. »Was waren denn daS wieder für Geschichten drunten im Dorf?" Der Chef hob in gereizter Ungeduld die Stimme noch mehr. »Es war nur ein Spaß gemeint", sagte Franz.»Sie haben Martin im Wirtshaus betrunken gemacht. Da führte er allerhand Schimpfreden gegen die Republik, die er irgendwo aufgeschnappt hat. Darüber regten sie sich auf, wohl well sie selbst angetrunken waren. Und einer holte den Gendarm". »Ra also!" Feldbeck lachte spöttisch.»Glauben Sie» daß ich das hier brauchen bmn? Darf ich da länger zusehen?" „Sie ließen Martin gleich wieder frei," meinte Franz begütigend.„Ich brauchte nicht viel zu reden. Sie sahen ja, daß er ein Narr ist." Herr Feldbeck legte jetzt die Feder weg und drehte sich mit dem ganzen Körper herum:„Und damit, denken Sie, ist die ganze Sache erledigt? Ja, glauben Sie das wirklich? Jetzt werden erst die Zeitungen kommen, mein Licker!" Franz schwieg. „Sie wissen, wie schwer es mir fällt," sagte Feldbeck,„entgegen allen Vorschriften, Sie, als Ausländer, hier zu halten."(Franz wußte das nicht. Als er bei der Aufnahme selbst auf diese Schwierigkeiten hingewiesen Halle, Halle Feldbeck nur mft einer wegwerfenden Handbewegung geantwortet:„Das macht mir keine Sorgen.") „Diese Sache kommt mir jetzt äußerst ungelegen," fuhr er fort.«DaS müssen Sie ja verstehen. Ich weiß, daß Sie sich mft den Leuten auf guten Fuß zu stellen wissen. Aber das nützt mir nichts, so lange Sie nicht diese lächerliche Gefühlsduselei aufgcken und sich Ihr Leben noch so überflüssig mit Ihrem Bruder belasten. Richt Sie hat man damit treffen wollen, daß man den armen Narren so lange reizte, bis er diese Reden führte. Das galt mir! Jetzt will man etwas haben, die Massen zu schüren, in denen es ohnehin kocht, well ich durch die neuen Maschinen so viele Enüassungen vornehmen mußte. Man wird sagen: Hier gehen die Leute brotlos herum und dieser Feldbeck hott sich einen Fremden, einen Landesfeind... Kurz und gut!" Er wandte sich schon wieder seiner Ar- beit auf dem Schreibtisch zu. „Die Leute im Wirtshaus waren betrunken," sagte Franz,„sie haben Martin sonst gern. Sie werden ihn jetzt in Ruhe lassen." ,Hhn vielleicht, aber mich nicht!" schrie Feldbeck. „Wenn Sie glmcken, daß ich die Ursache von Ungelegenheiten bin..." Feldbeck hatte erwartet, datz Franz zumindest niedergedrückt sein würde. Er mäßigte jetzt seinen Ton:„Glauben Sie, Sie können alles auf der Welt auf sich nehmen und es wird immer auf's Glücklichste ausgehen, weil Sie es wollen? Diesen Burschen, Ihren Bruder, kann man einfach nicht ohne Aufficht lassen. Das sieht doch jedes Kind." „Es wird so etwas bestimmt nicht wieder Vorkommen, Herr Feldbeck. Der Branntwein ekelt ihn. Er hat jetzt ordenüich Furcht vor dem Trinken." „Es tät mir leid," meinte Feldbeck,„aber ein zweitesmal kann ich so etwas nicht riskieren. Ich bin als Deutscher hier in der Gegend zu sehr exponiert." Franz scch LL>kas erschrockene Augen voll Tränen vor sich.„Wenn eS denn sein mutz," sagte er, „so danke ich für alles..." »Unbegreiflicher Mensch!" dachte Feldbeck. „Sie lassen hier mancherlei zurück," sagte er mit feinem Lächeln.»DaS sollten Sie bedenken!" Lidunka war nun da. Es war, als stünde sie zwischen ihnen. Feldbeck schien es ein besonde- «res Vergnügen zu machen, von ihr zu sprechen. Es war beinahe, als hätte er das Gespräch nut deswegen heckeigeführt. „Run?" fragte er.„Wie haben Sie sich ent« schlossen?" „Wann soll es denn also sein, wenn es sei« mutz?" fragte Franz. Die Ruhe und Festigkeit dieses Menschen reizte Feldbeck in ihrer verwir« renden Unbegreiflichkeit auf'S äußerste.& wurde wütend:„Gleich! gleich!" schrie er uni schlug mit der Faust in seine Papiere auf de«» Tisch. Franz ging zur Tür. AlS Franz auf dem Heimweg am Hause Lcn paks vockcikam, stand der alte Kutscher vor drt Tür und schimpfte. Es war Wicker eines der alte« Pferde verkauft worden, dem Fleischer, vermuietk Lapak, obgleich es noch durchaus leistungsfähig war. Nun ja! wer kümmerte sich darum, wrk brauchte eS noch? Selbst für den FuhrwerkSdien? von der Mühle hatte man schon ein Lastauto an« geschafft. Franz sah durch das Fenster Lidnnka, die dst Kleinen wusch und zu Bett brachte. Da aber La4 Pak mit seiner Pfeife beharrlich vor dem Tat stand, durfte er nicht eintreten. Als Franz ihn ii» Bockeigehen grüßte, schloß sich ihm der Alte an- Zum erstenmal. Franz war nicht wenig erstaunt darüber. Er überlegte, wie er diese Gelegenheit am besten nützen könnte. Lapaks letzter Sohn, Lidunkas Vater, wat im Kriege an der italienischen Front als Legionär gegen Oesterreich marschiert, gefangen und ge« Frau Feldbeck, mft der er von Jugend aus verflocht tet, jeden Deutschen zu Haffen. Die Famftie det Frau Feldbeck, mit der er von jugendauf verflocht ten war, nahm er von seinem Hatz aus. ES wat überhaupt— durch seine Gutmütigkeit— meht ein theoretischer Grundsatz bei ihm, der im per« sönlichen Verkehr mft Deutschen in eine gewisse hllfslose Verlegenheit, schlimmstenfalls in eint brummige Steifheit auslief, Forts. folgt.)); Nr. 83 Sonntag, 7. April 1935 Seite 3 I 1 •tunl int vor« litt« «e* nae ans« t> int am ndes lahmt .er 1 1. j i-8» 4-8.1 +-0.« -5.9 -1.1 der nnet n die liefet hält« ieit9> !s»N« ,, it Slo« >lant di« rd n« groi . Ditj i noch tndi« chunp e mH ößtelß mast über« e an» egen« ksmH IfreuS re t del c zu» tt de« tank' • et« liche« endet, t Bf > ohck 3 au! genes enge* h sut I nut I ent^ i feit igkeit rwir» & : uni deck e Lai r id alte* nutet* Sfähit . W-H tdieni o an* sie dH r La* 1 Ts« hn ii* te a» stauiH enheÜ wa« kionot ld ge< ■M te de« :floch* i wat meß i per* ewisst ein* W 1 fadefendcHfedter Icifepie^ef Der Nationalismus in der Krankenpflege Ein Beispiel von der Bulovka Der Fall G a ch hat die Aufmerksamkeit der breitesten Oeffentlichkeit auf die inneren Verhält- niffe in den deutschen Universitätskliniken hingelenkt. Man ist vorauszusetzen gewohnt, daß an den Stätten der Krankenpflege hohe menschliche Gesinnung beheimatet ist. Um so peinlicher berührt es, wenn die Gegensätze, die den Tageskampf erfüllen, auch jene Schwellen überschreiten, wo der Kampf um das Leben und die Gesundheit des Mitmenschen als hehre Aufgabe gestellt ist. Gerade die Wiener medizinische Schule hat ihren Weltruf dadurch errungen, daß sie m e n s ch l i ch e Toleranz als erste Voraussetzung des ärztlichen Berufes proklamierte. Von der Wiener Schule wurde zuerst die Losung ausgegeben, daß ein guter Arzt vor allem auch ein guter Mensch sein müsse. Ein Arzt, der von Prag aus seinen Weg nach Wien und von dort zurück nach Böhmen nahm, erzählt gerne in seinem Bekanntenkreis, wie auf Wiener Boden in der Krankenpflege gesitteter Umgang mit Kollegen, Krankenschwestern und Patienten oberstes Gesetz war. Die große Haltung gerade der führenden Autoritäten, eines Billroth und eines Gersoni färbte auch wohltuend auf das Benehmen jeder Pflegerin und jedes Spitalsdieners ab. Nachdem einmal die deutschen Kliniken im Mittelpunkte der Kritik stehen, wobei an dieser Stelle schon davor gewarnt wurde, das Verhalten einzelner Aerzte auf der Klinik Schlaffer zu verallgemeinern, muß gerechterweise darauf verwiesen werden, daß auch andere Krankenanstalten eine größere Dosis Toleranz in ihrer ganzen Führung vertragen würden. Uns ist der tragische Fall eines deutschen Dienstmädchens bekannt geworden, das in Prag bedienstet war, mit Grippe in das städtische Krankenhaus auf der Bulovka eingeliefert wurde und dort gestorben ist. Zum ganzen Bild gehört einmal, daß der Dienstgeber, ein Herr O. K. aus Prag VIH, nichts eiligeres zu tun hatte, als der schwerkranken Hausgenossin die Kündigung ins ^sital nachzuschicken. Die Angehörigen des Mädchens, sie hieß Agnes Sitter, leben im Böhmerwaldstädtchen Wallern. Sie waren in großer Sorge, aber wie es unter Arbeitsleuten schon ist, hatten sie nicht das Geld, so ost nach Prag auf Krankenbesuch zu fahren. Mitte Feber schrieb die Familie einen Brief an die Kanzlei des Krankenhstufes, worin um Nachricht gebeten wurde, für den Fall, daß die Krankheit eine schlimme Wendung nehmen sollte. Dem Brief war auch eine Retourmarke beigelegt. Es kam keine Antwort. Bon einer Freundin erfuhren nachher die Leute, daß es um das Mädchen schlecht stehe. Der Bruder machte sich sofort auf den Weg nach Prag, wo er am 2. März eintraf. Zwischen 10 und 11 Uhr kam er zum Portier des Krankenhauses und erklärte, daß er seine Schwester besuchen wolle. Es wurde ihm bedeutet, daß Besuchsstunden nur zwischen 2 und 4 Uhr nachmittags wären. So wartete der brave Wäldler bis nachmittags und fragte sich mit einigen tschechischen Ausdrücken, die er kannte, bis zum Krankenzimmer durch. Dort erfuhr er von Patienten, daß die Schwester schon vor vier Tagen gestorben sei. Es wurde eine Pflegerin gerufen, die aber gleich beim Eintreten erklärte, daß sie nicht deutsch könne. Eine andere Krankenschwester mit Deutschkenntnissen wurde gerufen, sie hatte aber zufällig stei. Sodann ging der> Mann in die Kanzlei, wo er ebenfalls keine Auskunft erhielt, und beim Portier bekam er endlich den seltsamen Bescheid, daß niemand mehr da sei. In größter Ratlosigkeit suchte der Besucher schließlich einen Prager Bekannten auf, der im Krankenhaus telephonisch anrief und ersuchte, man möge dem Bruder der Verstorbenen doch die notwendigen Auskünfte geben. Am Sonntag früh ging der Besucher wieder ins Krankenhaus und wurde in die Kanzlei geführt. Dort traf er wieder auf einen Beamten, der nicht deutsch verstand. Da riß dem Böhmerwäldler endlich die Geduld und er meinte, es sei ein Skandal, daß in einer öffentlichen Anstalt nicht einmal jemand da sei, der eine deutsche Auskunft geben könne. Soweit er die Antwort verstand, lautete sie, daß der Besucher eben tschechisch verstehen müsse. Man führte den Gast schließlich zur Totenkammer, doch ein gewisser»Jando", der den Schlüssel haben sollte, war nicht zu finden. Auf der weiteren Suche erhielt der Mann aus Wallern endlich die Auskunft, am Vortag sei jemand dagewesen und habe die Ueberführung seiner Schwester nach Eger ange- crdnet. Durch Vorzeigen des Militärpasses wurde der Irrtum aufgeklärt und schließlich tauchte auch ein Beamter auf, der deutsch verstand. Bei ihm beschwerte sich der Besucher wegen Nichtbeantwortung des Briefes. Der Beamte meinte aber, das sei nicht sein Reksort. Eine Besucherin machte schließlich die Dolmetscherin. Auf diese Weise erhielt der Bruder endlich den Bescheid, daß er am nächsten Tage mit einem Dolmetsch wiederkommen und das Nötige wegen des Begräbnisses veranlassen sollte. Hinzuzufügen wäre noch, daß die Familie am Samstag, dem 2. März, 4 Uhr nachmittags, eine vom 27. März datierte Verständigung vom Krankenhaus nach Wallern bekam, daß das Mädchen gestorben sei. Dafür mußte noch eine Krone Strafporto bezahlt werden. Dieser Fall kann nicht allein vom sprachenrechtlichen Standpunkt behandelt werden. Schließlich hat die Hauptstadt Prag in ihren Institutionen auch menschliche Verpflichtungen gegenüber den Landesbürgern anderer Sprache. Aus„Der Aufbruch"- Nummer vom 3. April 1835 entnehmen wir unten folgende Zitate: Es handelt sich um eine Halbmonatsschrift, deren Herausgeber Otto Karl K n a b l, Prag, ist. Als verantwortlicher Schriftleiter fungiert Heinrich Fröhlich, Prag..Die Schriftleitung und Verwaltung befindet sich Prag II., Stepänskä ul. 35. Gedruckt wird die Zeitschrift in der Buchdruckerei„Gutenberg", Dux, der ehemaligen na» ttonalsozialistischen Parteidruckerei. Unter der Ueberschrist„ Die schwarze Zwie- tracht" findet sich folgende Stelle: „Zn Tode gehetzt von der flämischen Mente der Wenden, denen der französische Ränder das sächsische Elbland hinwarf als Bente, zn Tausenden ans ihrer Heimat geschleppt, für immer getrennt von Weib und Kinder, verraten von tren- 1 losen G-rafen: so wurden die Sachsen zu Christen gemacht, im Namen der lächelnden Liebe." Unter der Ueberschrist„Der Blntsprnch von Kowno" ist folgendes enthalten: „Das litauische Kriegsgericht in Kowno hat seinen Spruch gefällt. Er ist kein Urteil. Er ist ein Schrei wütenden Haffes gegen alles Deutsche. Das litauische Gericht hat vier Angeklagte zum Tode verurteilt, weil sie einen F em e m o r d im Auftrag reichsdeutfcher Stellen ausgeführt hätten.Das litauische Gericht hat weiter einige Angeklagte zu lebenslang- lichem Kerker verurteilt. Das litauische Gericht hat fast alle übrigen Angeklagten zu langjähriger Kerkerhaft, durchschnittlich auf zehn Jahre ver- urteilt. Ostpakt-Kompromiß möglich? Bisher bloBe Vermutungen Paris. Der Ministerrat nahm am Samstag einen eingehenden Bericht des Außenministers Laval über die außenpolitische Lage und über die bevorstehenden Beratungen in Stresa und Genf entgegen, traf aber noch keine Entscheidung. Der Ministerrat behielt sich dieselbe für die am Dienstag stattfindenden außerordentliche Sitzung vor. Lgval und die Mitglieder der französischen Delegation werden sich Mittwoch früh nach Stresa begeben. An amtlichen ftanzösischen Stellen wird erflärt, daß alle Meldungen bezüglich eines Kompromisses Frankreichs in Angelegenheit des Ostpaktes bloße Vermutungen sind und daß diesbezüglich noch keine Entscheidung getroffen wurde. Aktive Mannschaft muB drei Monate länger dienen Paris. Der Pariser Ministerrat hat beschlossen, den Militärjahrgang, der im April entlassen werden sollte, bis znm 14. Juli unter den Waffen zu behalten. Der Jahrgang wird bei der Grenzbewachnng sowie zur Organisierung der Landwehr Verwendung finden. Marionettentheater in Tokio Tokio. Der Schattenkaiser von Mandschu« kuo von Japans Gnaden ist auf einem Kriegsschiff im Hafen von Uokohama eingetroffen und im Sonderzug nach Tokio weitergefahren, wo er am Bahnhof vom Mikado und dem ganzen Hofstaat empfangen wurde. Der feierliche Einzug des Gastes erfolgte in vier Staatskarossen durch die hohen Ehrenbogen. Die Straßen, deren W- sperrung durch ein riesiges A u f g e b o t von Militär und Polizei durchgeführt wurde, waren von einer dichten Zuschauermenge umsäumt. Bei einem Festmahl tauschten die beiden Kaiser Trinksprüche, wobei Kaiser Kangte die Dankbarkeit Mandschukuos gegenüber Japan und die Unauflöslichkeit des Bündnisses betonte. Es dürfte wohl in der ganzen Welt kein Krankenhaus zu finden sein, welches keinen Wert darauf legt, mit den Kranken oder ihren Angehörigen in ihrer Sprache zu verkehren. Man muß sich vorstellen, wie eine solche Borgangsweise auf einen schlichten Menschen wirft, der seiner politischen Ueberzeugung nach für die Zusammenarbeit und Verständigung der Völker eintritt. Der Bruder der Verswrbenen, der uns diese Angaben gemacht hat und glaubwürdig erhärtet, ist em deutscher sozialdemokratischer Vertrauensmann aus Wallern. Im Kriege war es unter Feinden üblich, daß man einem im Unglück stehenden Menschen ohne Rücksicht auf die Nationalität mit allen verfügbaren Sprachkenntnissen beigesprungen ist. Davon könnte sich die Verwaltung des Krankenhauses Bulovka künftig ein Beispiel nehmen! DaS litauische Gericht hat damit seinen satanischen Haß gegen das deutsch« Volk befriedigt. Lttauen hat damit den Auftrag seiner Freunde, der roten Herren im Kreml brav erfüllt. Litauen hat aber durch den Urteilssprüch bewiesen, daß es nicht in die Reihen der Knltnrstaaten gezählt werden kann. Ein Staat, in dem offenfichflich vollkommen Unschuldige zum Tode verurteilt werden, hat wohl in den Augen jedes rechtlich denkenden Menschen sein Anrecht ans eigene Rechtshoheit verwirft. Das Uttefl von Kowno hat eine Welle der Empörung in ganz Europa ausgelöst. In ganz Deutschland kam es zu spontanen Massenkundgebungen der erregten Bevölkerung. Das ganze deutsche Volk muß den Spruch dieses„Gerichtes" als einen Schlag ins Gesicht empfinden. Das kleine Litauen wagt e s, aufgestachelt von Rußland, unschuldige Deutsche zu verurteilen. Dieses Urteil kann und darf nicht vollstreckt werden. Alle Staaten Europas haben heute kein dringenderes Bedürfnis als Ruhe, alle Völker eine große Sehnsucht nach wirklichem Frieden. Trotzdem gibt es ständig Unruhe; ständig Gerüchte von angeblich bevorstehendem Krieg. Und die Urheber dieser Unruhe sind gerade die fteinen Staaten, welche unter den Einfluß bestimmter Großmächte geraten find und die im Dienste imperialistischer Tendenzen stehen.' Die ganze Welt betrachtet daher schon längst die Unterdrückung der deutschen Memelbevölkerung, die jetzt in dem Blututteil gegipfelt hat, mit unverhohlener Besorgnis. Die Empörung des deutschen Volkes ist besonders dann begreiflich, wenn man bedenft, daß Der Schutzbundprozeß Wien. Zu Beginn des fünften Tages des Schwurgerichtsprozeffes gegen die 21 Schutzbündler machte der Vorsitzende aufmerksam, daß er den Saalräumenlassen werde, wenn nochmals Beifallskundgebungen wie am Vortage laut würden. Er stellte weiter fest, daß die Angeklagten im Gerichtssaal»sich in unerlaubter Art und Weise benehmen," da sie nicht nur»gänzlich unmotiviert eine heitere Miene zeigen," sondern wiederholt sogar lächeln(!) und bei der Vernehmung des einen oder des anderen An- geflagten zischelnde Aeußerungen fallen lassen und dadurch die Aussagen beeinflussen. Hierauf wurden die restlichen Angeflagten verhört. Keiner bekennt sich schuldig, keiner weiß von den geheimen Waffenlagern in ihrem Bezirke und keiner weiß etwas von dem wiederholt erwähnten Aftionsplan. Nach Beendigung des Verhörs der Angeklagten stellen die Verteidiger eine Reihe weiterer Beweisanträge. Die Verhandlung wurde sodann auf Montag vertagt. Ola Lage..furchtbar schwierig" Lordsiegelbewahrer Eden ist Frettag am späten Abend auf dem Viktoria-Bahnhof in London angekommen. Eden erflärte, er sei davon überzeugt, daß die letzten Reisen britischer Minister wirklich von Nutzen gewesen seien. Niemand, der an einer solchen Reise teilgenommen habe, könne darüber in Zweifel sein, daß die gegenwärtige europäische Lage furchtbar schwierig sei. Diese Schwierigkeiten seien jedoch nicht unüberwindbar. Allerdngs müsse zu ihrer Bewältigung jede Natton ihren Teil beittagen. Holland-Gulden widerstandsfähig! Prag. Die Schwäche des holländischen Guldens überttug sich noch auf den samstägigen Beginn der Devisenmärkte, dann trat jedoch eine scharfe Wendung in der Tendenz ein. In der Londoner City hat sich unterdessen die Stimmung für den Hollandgulden beruhigt, u. zw. unter dem Eindruck der Tatsache, daß aus Holland neue Goldverschiffungen nach den Vereinigten Staaten stattfinden« das litauische Regime in Memel auch nach dem Versailler Verttag widerrechtlich ist. Die Schwäche der marxistischen und klerikalen deutschen Regierungen hat es Litauen ermöglicht, das Memelland vertragswidrig zu besetzen. Jetzt, da Deutschland Ehre und Macht wiedergewvnneu hat, will es nicht weiter seine Volksgenoffen im Memelland schutzlos der litauischen Willkür überlassen." Der„Aufbruch" ist das Organ oppositioneller SHF-Leute. Er spiegelt das Denken der Hen- leinleute besser als Henleins Reden. Daß derlei hierzulande gedruckt werden kann, ist ein bedenkliches Zeichen für die Sorglosigkeit derer, die allen Grund zur Sorge hätten. Hodina zur SHF übersetreten Das„Prager Tagblatt" meldet, daß der langjährige Klubobmann der Par- lamentsfiaktion des Bundes der Landwirte, Dr. h. c. Franz Hodina, sein Abgeordnetenmandat niedergelegt hat und zur SHF übergetreten ist. Hodina gehörte dem mährischen Flügel des BdL an und galt als Schützer jener Gruppe um Jng. Künzel und Dr. P r i e b s ch, die den Uebergang der ganzen Partei zur SHF durchsetzen wollten. Wie wir bereits seinerzeit meldeten, kam es deshalb auf der Reichsparteivertretungssitzung ds BdL am 20. d. I. zu Auseinandersetzungen, die dazu führten, daß Hodina die Stelle als Klubobmann niederlegte. Es stand schon damals, fest, daß Hodina auf der Liste des BdL nicht mehr kandidieren wird. Nun hat der fast Sechzigjährige, der zu den Begründern des BdL zählte, selbst alle Brücken hinter sich abgebrochen und geht offen ins fascistische Lager über. Ob er d a m i t sein Mandat retten wird, ist wohl fraglich. Das„Prävo Lldu" über die SHF Das.Prävo Li du" schreibt in seiner politischen Wochenübersicht zur Frage der SHF u. a.: »Darüber, was mit der Heimatfront geschieht, hat die Regierung bisher nicht definitiv entschieden. Herr Henlein hat dem Herrn Präsidenten der Republik ein ausführliches Telegramm geschickt, in dem er ihn seiner demokratischen Gesinnung und Loyalität zum Staate versichert und verlangt, daß ihm die Gelegenheit geboten werde, diese seine Ueberzeugung praftisch auf dem Boden des Parlamentes zu beweisen. Auf diese wie auf jede andere Regierung werden jedoch die sttengen Augen der tschecho- slowakischen Oeffentlichkeit ohne Unterschied der Parteien und unserer ganzen demokratischen Oeffentlichkeit besonders aufmerffam gerichtet sein und eines Tages kann die Frage, wozu wir das Gesetz über die Auflösung der politischen Parteien haben, dieser oder jener Regierung verhängnisvoll werden, die es nicht nachträglich und zur Zeit anwenden kann oder will." was die Befürchtungen vor einer Goldausfuhr sperre zerstteute. Ein südamerikanischer Hitler Rio de Janeiro. Im brasilianischen Staate Para ist es im Zusammenhänge mit innerpoliti- schen Auseinandersetzungen zu schweren Ausschreitungen gekommen!. Die Abgeordneten der Mehrheit des Staatsparlaments, die wegen ihrer Stellungnahme gegen die Wiederwahl des Jnter- ventors des Staates, Major Barata, aus dem Parlamentsgebäude hatten flüchten wüssen, wurden bei dem Versuch, unter dem Schutz von Bundestruppen wieder in das Parlamentsgebäude zu gelangen, von Anhängern des Jnterventors angegriffen. Dabei wurden drei Abgeordnete schwer verletzt, während 30 weitere Personen leichtere Verletzungen davontrugen.— Das Kriegsministerium ist entschlossen, die Rechte der Parlamentsmehrheit mit allen Mitteln durchzusetzen. vm die»Susdien der Arbeitslosen Viele Arbeitslose sind dadurch in große Schwierigkeiten geraten, daß sie in der Zeit ihrer Beschäftigung sich Häuschen gebaut und eine Hypothek darauf ausgenommen haben. Die Zinsen und Annuitäten der Hypothek können sie nun nicht zahlen und es droht daher vielen der zwangsweise Verkauf dieser Häuschen und Obdachlosigkeit, was für die meisten eine Katastrophe bedeutet. Das Ministerium für soziale Fürsorge'hat deswegen einen Antrag über den Schutz der Häuser Arbeitsloser ausgearbeitet, wobei es sich im wesentlichen darum handelt» daß die Raten für die Zeit von drei Jahren aufge- hoben werden und die Hypothek dadurch erhöht wird, bzw. die Frist verlängert, in der das Darlehen gelöscht wird. Wie nun das„Prävo Lidu" meldet, hat der Minister für soziale Fürsorge Genosse Dr. Meißner mit dem Finanzminister darüber verhandelt, und diese Verhandlungen sind günsfig abgeschlossen worden. Die be- tteffende Verordnung dürfte also in Kürze erscheinen. Dadurch ist wieder der Beweis erbracht, wie ein sozialdemokratischer Minister wirklich positive Arbeit für die Arbeitslosen leistet. Was man in der SHF denkt und was anstandslos die tschechoslowakische Zensur passiert Sekte k Sonntag, 7. April 1935 Nr. 88 Kur 6er Arbeit der sozialistischen Verwaituns Londons j Ein Drei jahresplan > In der kurzen Zeit, in der Sozialisten die größte Stadt der Welt verwalten, haben sie eine Anzahl von Reformen von ziemlicher Tragweite durchgeführt. Die Schulbücher der Londoner Schulen wurden revidiert und Stellen mit imperialistischer oder kriegerischer Tendenz ausgeschieden, die Organisation der Wohlfahrtsunterstützungen verbessert und das Lieferungssystem von allen politischen Ein- flüssen befreit. Nun ist dem Londoner Grafschaftsrat das neue Budget vorgelegt worden, das in seiner Art wohl einzig dasteht. Der Voranschlag ist nicht für ein Jahr, sondern für drei Jahre berechnet, aus der richtigen Erwägung heraus, daß auch auf dem Gebiete der Gemeindeverwaltung nach einem Plane vorgegangen werden muß und ein Plan um so größere Aussicht auf Verwirklichung hat, je länger die Periode ist, in der die Veränderungen vorgenommen werden können. Der Finanzplan sieht eine Erhöhung der Ausgaben und dementsprechend eine Erhöhung der Gemeindesteuern vor. Für Schulwesen, Krankenhäuser und Armenunterstützungen werden 400.000 Pfund, für die Niederreißung alter und ungesunder Viertel und die Errichtung neuer Wohnhausbauten, zum Teil nach Wiener Muster, 8,800.000 Pfund ausgeworfen. Das entsvricht einem Betrag von insgesamt fast dreiviertel Milliarden XL, die in den nächsten drei Jahren der sozialen Fürsorge gewidmet werden. Die großzügigen Wohnhausbauten werden auch die Ar- beÜSbeschaffung in London wesentlich erleichtern. Der großzügige Dreiiahresplan der Londoner Sozialisten» der Hunderttausenden von Arbeitern zugute kommen wird, läßt ahnen, wie groß die sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen sein werden, die eine Labour-Mehrheit durchführen wird, wenn sie einmal in ganz England die Macht übernimmt.—Q. Wahlergebnisse aus den ungarischen Städten Budapest. Mit Ausnahme der Stadt Sze» g e d i n ist die Stimmenzählung in den mit geheimer Abstimmung wählenden ungarischen Provinzstädten beendet worden. Danach erhielten in Dckrecin die Regierungspartei, die Sozialdemokraten und die Nationalsozialisten je ein Mandat, während in Miskolcz beide Mandate der unter Führung Tibor Eckhardts stehenden Rationalen Front und den Sozialdemokraten zugefallen sind. Die Legitimistische Volkspartei konnte auch hier kein Mandat erzielen. In Kecskemet erhielt die Regierungspartei und die Partei der unabhängigen Landwirte je ein Mandat. Schweiz bleibt beim Goldfrank Bern. Der Bankrat der Schweizerischen Nationalbank hat dem vom Direktorium vertretenen Standpunkt zugeftimmt, daß die belgische Währungsdevalvation die Schweizerische Nationalbank zu k e i n e r Aenderung ihrer Währungspolitik veranlaßt. Reichswehr feiert Ludendorff zu seinem 70. Geburtstag Berlin. Wie die„B. am Mittag" meldet, hält das gesamte deutsche Reichsheer am 9. April aus Anlaß des 70. Geburtstages General Ludendorffs in seinen Standorten Appelle ab, bei denen die Kommandeure der einzelnen Truppenteile auf die Leistungen des Feldherrn und General-Quartiermeisters im Weltkriege Hinweisen werden. Vom Rundfunk laWthtaMwartu mm 4m Programm«« i Montag Prag: Sender L.: 10.40 Ehansonr auf Schallplatten. 12.10 Opernfantasien. 12.85 MittagSron- zert. 15.55 Nachmittagskonzert. 16.55 Kinderstunde. 17.20 Schallplatte«: Tschaikowski. 18.15 Deutsche Sendung: Vorschau auf das Musikprogramm der tschechoslowakischen Sender. 18-50 Deutsche Presse. 19.15 Wir lernen russisch. 22.80 Deutsche Nachrichten.— Sender St.: 14.40 Liederkonzert. 15.05 Deutsche Sendung: Dr. Glaser: Bier berühmte Sprecher. 19.15 Leichte Musik.— Brünn: 12.10 Arbeitsmarkt und Sozialinformationen. 18.20 Deutsche Sendung: Oppenheimer: Kunstbericht aus Mähren-Schlesien. 21.00 Leseproben aus neuen französischen Büchern.— Mähr-Ostrau: 18.15 Deutsche Arbeitersendung: Christa Bühler singt Chansons. 21.15 Tanzmusik.— Preßburg r 17.10 Lirderkonzert. Dienstag Prag: Sender L.: 10,05 Deutsche Nachrichten. 11.05 Deutscher Schulfunk. 13.45 Leichte Musik. 16.45 Jugendfunk- 18.15 Deutsche Sendung: Bißchen Sing-Sang. 18.50 Deutsche Presse. 19.80 Or- cheslerkonzert. 21.80 Konzert des Agramer Quartetts. 20^5 Violinkonzert. 22.15 Tanzmusik.— Sender SSt 14.85 Unterhaltungsmusik. 15.00 Deutsche Sendung: Photographie als Schule des AugeS, von Dr. Kraut. 15.85 Deutsche Presse.— Briftm: 10.15 Dalalaika-Orch-fter russischer Hochschüler. 17.50 Deutsche Arbeitersendung: Soziale Informationen; Heinz«: Methoden der Krisenbekämpfung.— Mähr.-Ostrau: 18.15 Deutsche Sendung: Landwirtschaft. 21.80 Tamburistenkon« zeit.— Kaschen: 20.45 Leichte Musik. einig« tausend Man« gefalle«. vom von und Büchern als Hingerichtete geführt. Ferner haben die Beamten di« Bevölkerung durch unberechtigtes Verhängen von Haftftrafen und Geldbußen terrorisiert. Berlin. Zur Bearbeitung der von dem Knabenmörder Seefeldt begangenen Verbrechen ist bei der Staatsanwaltschaft Berlin eine Sonderkommission, die sich a«S Beamten der Kriminalpolizei Berlins und Schwerins zusammensetzt, gebildet worden. Zur Zeit werden von der Sonderkommission nicht weniger als zwölf Fälle geprüft, in denen in den verschiedensten Orten der Mark und Mecklenburgs Knaben vermißt wurden, dir dann nach kürzerer oder längerer Zeit ermordet aufgefunden wurden. terung über seine Vergangenheit, über seine Familienverhältnisse«sw. ab. Er behauptet, sich nicht I wurde dabei nachmittags ein Gewitter beobachtet. ! Auf den Bergen herrscht Ganztags« : frost und auch in den Niederungen muß noch viel- ; fach mit Nachtfrösten gerechnet werden. Die Zufuhr i kalter Lust aus dem nördlichen Teile des Ozeans i gegen das Festland wird jedoch nunmehr voraussichtlich allmählich Nachlassen.— Wahrscheinliches Wetter von heut«: Noch unbeständig und kühl, strichweise, namentlich auf den Bergen, Schauer, jedoch vom Westen her Abnahme der NiederschlagS- ' neigung, abflauender Wind aus westlichen Richtungen.— Wetteraussichten für Montag: Tagsüber bereits wärmer, jedoch noch immer uuter- l normale Temperatur. Schweres Autounglück in Brunn Brün«. Samstag morgens fuhr der Brünner Arzt MUDr. Säzavskh mit seinem Sohn und dem Arzt MUDr. Richter in einem Personenkraftwagen durch die Gaffe»Na Uvoze" gegen Alt- Brünn. Plötzlich lief dem Wage« der zehnjährig« Schüler Mrlos Schneider in den Weg, wobei Dr. Säzavskh bestrebt war, dem Knaben auszuweichen; hiebei stieß er mst dem Wagen gegen einen Baum. Der Knabe wurde von dem Auto erfaßt und zu Boden gerissen, wobei er eine Schä- delzertrümmerung erlitt und während der Uckerführung ins Krankenhaus seinen Verletzungen erlag. Dr. Säzavskh, sein Sohn und Dr. Richter erlitten ckenfalls Verletzungen und wurden auf die KlinU MUDr. Petkivalskhs gebracht. Wilhelm Habsburg der Betrüger unter Anklage gestellt Paris. Zu der Beschuldigung Wilhelm Habsburgs wegen Teilnahme an den Betrügereien des Fräuleins Coüyb meldet.Oeuvre", daß die Advokaten der Zivilparteien den Richter ersuchten, gegen Wilhelm Habsburg in der gleichen Weise, wie gegen die in Haft befindliche Couyb vorzugehen, d. h. ihn entweder ckenfalls zu verhaften oder die Couyb provisorisch in Freiheit zu setzen. Di« Couyb behauptet, sie habe eine Kampagne zur Wiedereinsetzung der Habsburger geführt und bei der Finanzierung dieser Kampagne mit Wissen Wilhelm Habsburgs, mit dem sie in gemeinsamem Haushalt lebte, verschiedene Betrügereien begangen. Wilhelm Habsburg erklärte sich nicht schuldig. Er wurde bereits einige Male vom Richter als Zeuge verhört und nun auf Grund dieser Zeugenaussagen vom Richter unter Anklage gestellt. Anfang- nächster Woche wird Wilhelm Habsburg als Beschuldigter verhört werden. Todesurteile dr LSSR Moskau.(DNB.) Wie au- Krasnodar (Nordkaukafien) gemeldet wird, verurteilte daS dortige Gericht fünf Beamte, darunter vier Beamte der Kriminalpolizei und Gcfängnisverwal« tung, zum Tode durch Erschießen. Sie hatten viele Verbrecher, die zur Todesstrafe verurteilt waren, gegen Bezahlung aus den Gefängnissen entlassen. Die Freigelassenen wurden dann in den d-t der haftet worden. Hamilton wurde während des letzten Jahres durch sechs Südweststaaten verfolgt. Wegen verschiedener Banküberfälle war er im Jahre 1833 zu 260 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Am Jänner 1834 brach er auS dem Gefängnis aus, wobei der Gefängniswärter getötet wurde. Im April wurde er wieder verhaftet und zum Tode verurteilt. Im Juli brach er erneut aus und verübte im Fcker 1835 einen Einbruch in daS Arsenal Beaumont in Texas, wo er acht Gewehre mehrere tausend Patronen eckeutete. In allen diesen Fällen kann kaum ein Zweifel an der Täterschaft des Seefeldt bestehen. Es ist festgestellt, daß die Zeit des Berschwindens der Kinder immer mit dem Aufenthalt SeefeldtS a« dem gleiche« Ort oder in seiner Umgebung zusam menfällt. Der bisher noch nicht ausgefundene SchülerNeumann, der am 16. Feber 1935 mit einem bekannte« Kraftfahrer aus Wismar nach Schwerin gefahren war und sich aus dem Fischmarkt verabschiedet hatte, ist, wie die Ermitt- mehr erinnern zu können, Seefeldt ist während der langen ergeben haben, am gleichen Tage etwa in ganzen Jahre seines UmherziehenS a« keinem der Zeit zwischen 10 und 12 Uhr in Leglei» Orte seßhaft gewesen. Polnische Uetertreibungen. Tsch. P.-D. Mel- I det: In der polnisch. Presse sind wiederholt Rach- I richten über Massenausweisungen von I . polnischen Staatsbürgern aus Karpatho-V zu machen ist, bedarf noch eine ganze Reihe von> r u ß l a n d aufgetaucht, so insbsondere aus dem I weiteren Fällen der genauen Nachprüfung und 1 Bezirk Velkh Bereznh. von 40 in der Arbeiter- I weitere« Ermittlungen. Seefeldt hat sich, wie be-! siedlung Zäbrodi lebenden Familien mußte, so be- I reits auch in einem früheren Fall, in dem eine richtete die.Gazeta Polska", angeblich fast diel Verurteilung lediglich wegen Kindesentführung Hälfte das Staatsgebiet der Tschechoslowakischen I erfolgt war, toeit das Kind sich von ihm noch recht-! Republik verlassen. Auf Grund von Informativ-1 zeitig befreien konnte, an Knaben heran gemacht nen, die wir von kompetenten Stellen anforderten,| und sie unter Bersprechungen veranlaßt» mit ihm können wir konstatieren, daß von einer Massen- 1 zu gehen. Er lehnt bisher nach wie vor jede Erör- auSweisung von polnischen Staatsangehörigen! Staatsfeind Nr. 1 neuerdings verhaftet New Jork. Wie aus Dallas(Texas) gemel- wird, ist Amerikas öffentlicher Feind Nr. 1, Bankräuber Raymond Hamilton, ver- Sturm-Katastrophe in Texas Texas. In West-Texas richtete ein von Hagel und Regen begleiteter Wickelfturm im Quemado- Tal in der Nähe des Eagle-Passes beträchtlichen Schaden an. 80 Gebäude, darunter ein neuerbautes SchulhauS, wurden von der Gewalt des Sturmes umgerissen und über 100 Häuser beschädigt. Ein Mann wurde getötet, während etwa 200 Personen verletzt wurden. Buchholz gehend gesehen worden. Ebenso steht'^Toten, J*^be«en-CS» Wj wahrscheinlich I I handelt, wurden auf dem Heldenfriedhof von 1 Mainecour beigesetzt. Tagcsnculgkcltcn Vor einer Schlacht bei Kweijang Hongkong. Marschall Tschangkaischek bereitet als Oberkommandant der Regierungstruppen eine große Schlacht gegen die Kommunisten bei Kweijang, der Hauptstadt der Provinz Kweitschau vor. Er hofft, daß in dieser Schlacht di« Entscheidung fallen kann. Sein« Armee zählt ungefähr 75.000 Soldaten, die er der kommunistischen Armee, die 50.000 Manu zählt, entgegenstellen wird. Sämtliche Fremde« habe« Kweijang verlassen, obwohl, wie eS scheint, keine Gefahr besteht, daß die Stadt von Roten Truppen besetzt werden wird. In den bisherigen Kämpfen in der Umgebung Kweijangs sind auf beiden Seite« keine Rede sein könne. Das Bezirksamt in Velkh 1 Bereznh hat zwar im heurigen Jahre 13 Auswei-1 sungsbescheide an polnische Staatsangehörige er» I lassen(hievon sieben aus der Siedlung Zäbrodi),! doch befindet sich der Großteil dieser Fälle bisher! im Berufungsstadium. Ausgewiesen wur-1 den im ganzen fünf Personen, demnach nicht die 1 Hälfte von 40 Familien, wie das polnische Blatt i schreibt. In allen Ausweisungsfällen handelt es! sich um dem Staate unbequeme Personen, die diel geltenden Vorschriften verletzten und die Anord-I nungen der Behörden nicht respektierten. JnSbe-1 sondere gehorchten sie nicht der Verordnung, diel vorschrieb, daß sie sich Pässe beschaffen und sie zur I Vidierung vorlegen müßten, obwohl sie amtlicher-1 seits mehreremal hiezu aufgefordert und auf diel Folgen ihres Vorgehens aufmerksam gemacht l wurden. Der Kampf um die Organtheorie deS Professor-, Miuoie, die die göttlich« Funktion des japani-l scheu Kaiser- leugnet, nimmt immer ernstere For-s men an. Minobe ist jetzt vor den Staatsan walt geladen. Man erwartet, daß er seine Theorien widerrufen und seine Aemter als Universitäts-I Professor und OberhauSmitglied niederlegeu wird. Sollte das wider Erwarten nicht eintreten, rechnet! man mit einem Lehrverbot und der Beschlagnahme» seines Buches. Auch die Armee, mit Kriegsminister I Bajafhi an der Spitze, fordert sofortige Wiederher-1 stellung des altjapanischen Kaisergedankens durch eine! entsprechende Erklärung der Regierung. Edelrasse. Dr. Otto G i l l e n, der Hauptschrift-1 leiter der Goslarer Zeitung, der Publikationsorgans 1 des Reichsnährstandes, gleichzeitig führendes Mit-! glied der Goslarer Ortsgruppe der RGDAP und Leiter der dortigen nationalsozialistischen Kultur-1 organisation, wurde zu eineinhalb Jahren Gefäng-1 niS verurteilt, weil er sich an zwei Mädchen von| neun und zehn Jahren vergangen hafte. Der siebente Deutsche Juristen tag, der zu! Pfingsten(7. bis 11. Juni) in Gablonzj a N. stattfinden wird, wird folgende TageSord-I nung habe«: Samstag: vormittags feierliche Er-» öffnungssitzung, an die stch sofort die Sekttons-1 beratungen anschließen.— Festabend im Stadt-! theater.— Sonntag: Fortsetzung der Sektionsbera« I tungen.— Nachmittags gemeinsamer AutoauSflug I ins Jsergebirge.— Montag: Haupttagung der» „Ständigen Vertretung des Deutschen Juristen«! tageS"; allf. Fortsetzung und Beendigung der Sek«! ttonSberatungen; 11 Uhr: Schlußplenarversammlung 1 des Juristentages. Die Einladungen werden 1 in nächster Zeit versandt werden. Anmeldun-I gen nimmt daS Generalsekretariat des Juristentages i (Prag I., Abgeordnetenhaus) bereits entgegen. Amphibienflugzeuge für di« staatlichen Arro- linien. Samstag um 18 Uhr landete auf dem Prager| Flugplatz das Land- und Wasserflugzeug Typ »Saro» Cloud", das das Ministerium für» öffentliche Arbeiten seinerzeit in England für di«! staatlichen Aerolinien bestellt hat. Das Flugzeug ist! ein Ganzmetallflugzeug. Zwischen Paris und Prag! hatte es mit sehr schweren atmosphärischen Bedingungen zu kämpfen, wckei es sich glänzend bewährte. Tas Flugzeug wurde von ein:r Kommission, bestehend| aus dem Direktor der Staatlichen Aerolinien Jng.! S t o ö e s und dem Jng. B e r d i d a aus dem Mini« 1 sterium für öffentliche Arbeiten von London nach Prag gebracht. Gelentt wurde das Flugzeug.Am-! phibian" vom Chefpiloten der Staaüichen Aerolinien I Brabenec. Das Flugzeug wird auf der Strecke t Agram—Susas—Split Verwendung finden und in i Suöak sowie in Split auf dem Wasser landen. Temperatur bleibt miternormal. Auch Samstag war in unseren Gegenden der allgemeine Wetter- j charaktcr noch unverändert. Bei Zufluß kalter Lufi vom Westen bis Nordwesten ttaten außer in den slo- wakischen Niederungen zahlreiche Schnee-| Durch Nervenzusammenbruch Galgen befreit? Lemberg. Gestern sollte in Lenckerg der wegen Ermordung eines Schiedsrichters zum Tode verurteilte Gabriel Czechura hingerichtet werden. Kurz vor der Hinrichtung erlitt aber Czechura einen Nervenzusammenbruch und die Aerzte konstatierten eine ernste Herzkrankheit. Der Staatsanwalt beschloß daher, die Hinrichtung auf unbestimmte Zeit zu verschieben. WIMtr Knavenmörder toiU fiöj an nichts erinnern Masochismus... Wie aus Deutschland berichtet wird, hat die Absicht der Reichsregie- rung, die Juden von der allgemeinen Wehr- Pflicht auszuschließen, in gewissen jüdischen Kreisen„allertiefste Bestürzung und größte Erregung" auSgelöst. Der„Reichsbund jüdi- scher Frontsoldaten" erklärt, daß„er nach wie vor bereit sei, für die deutsche Sache und den nationalen Aufbau jedes Opfer zu bringen und verlangt die Teilnahme der Juden an der all- gemeinen Wehrpflicht... Franz Beesey gestorben. Der weltberühmte ungarische Violinvirtuose Franz von Beesey ist, wie aus Rom berichtet wird, dortselbst nach einer Operation an Herzschwäche gestocken. Franz Beesey wurde im März 1883 in Budapest geboren. Sein Vater, der auch Musiker war, ent deckte, als sein Sohn kaum den Babyjahren ent wachsen war, dessen große musikalische Begabung und förderte sie seitdem nach Kräften. Bald hatte er herausgefunden, daß dem Kinde die Violine als Instrument am meisten liege, und es bekam Un terricht. Zur Weiterausbildunq gab ihn der Vater zu H o b a y und Joachim in Berlin, wo er bereits mft sechs Jahren bei einem Hofkonzert vor dem deutschen Kaiser svielen durste. Mit zehn Jahren trat er in öffentlichen Konzerten auf, und das.Wunderkind" erzielte überall, so auch in den Städten der heuügen Tschechoslowakei, hervor ragende Erfolge. Mit dem Aellerwerden steigerten sich noch seine Leistungen und er wurde einer der größten Violinkünstler. Er spielte auch in Ueber- see, im Jahre 1330 auch in Ostasien. Im Jahre 1832 erllärte er seinen Uebertritt zum Bud dhismus, wobei er bekanntgab, beschlossen zu haben, das Konzertieren aufzugeben und sich nach schauer auf, die in Ostböhmen und im Gebiet des Venedig in du Sttlle zuruckzuz:ehen, wo er ganz«^^ stellenweise sehr heftig waren. In Troppau der Lehre Buddhas lcken wolle. 1 Oesterreichtscher Schmuggel nach Bayern. Wie die Wiener»Reichspost" meldet, wurde in der letzten Zeit der bayrische zollamtliche Grenzdienst an der bayrisch-österreichischen Grenze wesentlich verschärft, um den stark überhand nehmenden Warenschmuggel aus den angrenzenden österrei chischen Gegenden nach Bayern Einhalt zu gebie ten. Der Schmuggel erklärt sich auS dem Umstand» daß in einer Reihe von Artikeln, wie u. a. L e i- nen, in Deutschland ein fühlbarer Mangel herrscht und gegenwärtig in Oester reich billiger gekauft werden kann als in Deutsch- land. I Sin grausiger Fund Paris. Im Walde von Lamartiere in der Nähe von Chaulnes wurden in einem aus dem Weltkrieg stammenden Sappe die Uckerreste pon tnngdesSeefeltztinder Richtung ans daL' 20 d-^schen Soldaten und einem Offizier ent- einwandstei fest» daß sich Seefeldt am Tage deS des^äÄsss^en^LechMrderegiments Verschwindens des Schülers Thomas in'** Wittenberge aufgehalten hat. Auch hier hat ein Zeuge einwandfrei ihn als diejenige Person wie dererkannt, die sich mit dem Schüler Thomas auf dem Wege zu den Stadtanlagen befand. Außer den vorerwähnten Fällen, in denen Seestldt für den Tod der Kinder verantwortlich Nr. 83 Sonnt«,, 7. April 1935 Seit« 3 braune 2sk!en Zahlen, nichts als Zahlen sind im„Statistischen Jahrbuch 1934" enthalten, das uns das Dritte Reich noch immer im grünen, nicht im braunen Umschlag beschert. Grün ist die Hoffnung! Aus den zehntausenden von Zcchlen und Tabellen formt sich ein nicht uninteresiantes B'ld über die wahre Lage Hitler-Deutschlands. Zahlen sind zwar nüchterne Gesellen, aber ihre Sprache ist zuweilen dramatisch. Da lasen wir neulich einen Erlast des stellvertretenden Parteiführers Rudolf Hetz„gegen die Störung des Familienlebens". Da hieb es: „Alle politischen Leiter und Unterführer der Partei muffen sich stets vor Augen halten, dast deutsche Frauen und Mütter allein schon dadurch Opfer für den Sieg des Nationalsozialismus und dadurch für das ganze Volk gebracht haben und auch fernerhin bringen, dast sie ihre Männer und Kinder immer wieder Naglos(!) in den Kampf ziehen ließen.. Vieldeutig geht es dann weiter: „Aus gesundem Familienleben erwachsen sich stets ergänzend deutschen Männern und Jünglingen die Kräfte zur Erfüllung der deutschen Aufgabe unter dem Banner des Führers." AuS dem Statistischen Jahrbuch 1934 erhält man die ErKärung: In der verruchten Weimarer Republik wurden geboren: Jahr Geburtenubers chutz 1927:' 1,161.719 404.691 1928: 1,182.815 443.295 1929: 1,147.458 331.496 1930: 1,127.450 416.600 1931: 1,031.770 305.954 1932: 978.210 278.590 und im ersten Jahre des Heils(1933) nur noch 956.918, bei einem Geburtenüberschuß von nur noch 226.113, wobei aber noch zu beachten ist, daß dank des Ehestandsdarlehen die Eheschließungen von 509.597 im Jahre 1932 auf 630.826 des Jahres 1933 gestiegen sind. Diese Ziffern können allerdings nur bedingt als Cha- raüeristikum der verringerten Geburten herangezogen werden. Zumindest hätte das Jahr 1933 dem vergangenen die Waage halten muffen, statt dessen 22.000 weniger Geburten bei 121.000 mehr Eheschließungen.— Daher der Seufzer des Herrn Hetz! Das Kapitel.Kriminalität" ist sehr schwer zu durchforschen, und man muß zum Vergleich mit der amtl. deutschen Greuel" private Zählungen heranziehen. Nach dem Statistischen Jahrbuch sind im Jahre 1931: 49 Todesurteile ergangen, von denen vier vollstreckt wurden. 1932 fällte man 52 Todesurteile und voffstreckte nur drei. Mit dieser Humanitätsduselei hat das Dritte Reich gebrochen. Allein vom Mai 1933 bis Ende Dezember 1933 find 75 politische Todesurteil« gezählt worden; dazu kommen noch 40 Todesurteile aus kriminellen Gründen und die in den ersten vier Monaten des Jcchres 1933 ergangenen Todesurteile, die man mit mindestens 15 einsetzen kann, so daß das Jahr 1933 mit 13V Todesurteilen abschließt, abgesehen von den Ermordungen. Hingerichtet wurden von diesen 130 Verurteilten 70 Prozent gleich 91 Hinrichtungen. Wir wissen, welche Steigerungen das Blutwerk im Jahre 1934 noch erfahren hat. Deutschland, das Land der Rekorde, hat die Genugtuung, im Kopfabschlagen an der Spitze der Nationen zu marschieren.— Dagegen nehmen die Studierenden ab. Von 16.210 Studierenden des SommerhalbjahrrS 1933 ist die Ziffer für das Wintersemester aus Die wirtschaftliche Krise i« Holland (AP.) Im Gegensatz zu Belgien rollte man bis jetzt in Holland trotz der steigenden Krise nicht die entscheidenden wirtschaftlichen Probleme, die Fragen der Währungspolitik, der landwirtschaftlichen lleber- produktion und der Industrialisierung auf. Die Arbeitslosigkeit betrug 1931 nur 138.000 Personen, stieg 1932 auf 271.000 und 1933 auf 323.000 Personen. Auf dieser Höhe hielt sie sich 1934 ungefähr. Daneben gibt es eine starke unsichtbare Arbeitslosigkeit durch die Verelendung des Mittelstandes, die aus dem Rückgang der Zahl dir Steuerpflichtigen hervorgeht(1931/32:1,668.000, 1933/34 dagegen nur 1,485.000). Die von weiten Kreisen der Bevölkerung geforderte staatliche Arbeitsbeschaffung würde große Mittel erfordern. Man sucht aber den Staatshaushalt durch Beschränkung der Ausgaben im Gleichgewicht zu halten. Die staatlichen Einnahmen find ganz erheblich zurückgegangen, und die Politik der Regierung Colijn ging darauf aus, die Ausgaben diesen sinkenden Einnahmen anzupassen. Die Steuerkrast der Bevölkerung läßt zudem, zumal nach der Neueinführung der Umsatzsteuer, eine Steuererhöhung kaum noch zu. Hier liegen die großen Schwierigkeiten. Eine Reserve von 253 Millionen Gulden, die 1930 noch ausgewiesen wurde, ist obendrein inzwischen aufgezehrt worden. Es gibt Abgaben auf Getreide, Mehl, Zucker, Fleisch, Milch, Speisefette und Käse, die durchaus den Charakter indirekter Steuern tragen. Kommt noch hinzu, daß die Möglichkeiten eine Einschränkung durch die Erhöhung der Ausgaben für die Landesverteidigung erfahren haben, die naturgemäß durch die internatio- nale Lage notwendig geworden war. Eine aktiv« Krisenbekämpfung müßte also, statt die Ausgaben den sinkenden Einnahmen anzupaffen, umgekehrt die Einnahmen den steigenden Ausgaben angleichen. Das sind zurzeit die Kernfragen der holländischen Wirtschaft, auf di« sich naturgemäß nach den Vorgängen in Belgien das Interesse konzentriert. 14.016 gefallen. An sämtlichen deutschen Hochschulen studieren noch 483 Ausländer. Rapider Schwund! Auch hier ein Rekord. Noch eine Zahl, die interessiert: für die Kriegsopferversorgung hat das frühere Regime im Haushalt 1927/1928 1.616,400.000 RM eingesetzt und 1929/1931 diese Ausgaben noch um zirka 100 Millionen gesteigert, während der Frontsoldat Hiller nur noch 1.230,000.000 RM im Haushalt 1933/1934 für die Kriegsverletzten eingesetzt hat. Also eine Verringerung von 25 bis 30 Prozent! Dagegen für Wirtschaft und Verkehr ist der Subventionsetat von 101,000.000 RM auf 314,000.000 RM gestiegen! Man sieht Zahlen, nichts als Zahlen, aber sie erzählen dem deutschen Volke einige bittere Wahrheiten, wenn es sie lesen würde! Ja— I würde! Felix Burger Gcriciitssaal Gattenliebe und Verwandtenhaß Prozeß um ein Grat Prag. Der 8 306 unseres Strafgesetzes zählt zu jenen Strafparagraphen, die selten Gegenstand von Anklagen bilden. Es betrifft die Entwürdigung von Grabstätten, also«in Delikt, das sich normale Kulturmenschen wohl kaum je zuschulden kommen lassen. Wenn solch« Fälle sich ereignen, pflegt es sich um traurige Entartungen eines bestialischen Fanatismus zu handeln, wie etwa bei de« Schändungen jüdischer Gräber durch Jünger des Hcckenkreuzes. Um so sonderbarer mutet dieser vor dem hiesigen Kreisgericht verhandelte Fall an. Angeklagt war eine 24jähriqe Witwe der Grabsteinschändung an der letzten Ruheftätteihres vorkurzem verstorbenen Gatten. Wohlgemerkt eines wirklich geliebten Gatten. Di« Angeklagte war in der Anflimr beschuldigt. Blumenschmuck vom Grabe ihres Mannes beseitigt und auf den Kehrichthaufen geworfen zu haben. Di« auf solche, nach der Anllage pietätlos«, Weise beseitigten Kränze und Sträuße, waren vor dem Weihnachtstag von den nächsten Verwandten des Verstorbenen auf sein Grab gelegt worden. was bekanntlich eine althergebrachte Sitte ist. Von eben diesen Verwandten wurde später die Strafanzeige erstattet, daß die Witwe des Toten die Liebesgaben der angeheirateten Verwandtschaft nicht auf dem Grabe ihres Mannes dulden wolle und sie kurzerhand und in sträflicher Art entfernt«. Schon dieses Vörgehen labt ahnen, daß zwischen der Witwe gpd den Verwandten ihres Gatten unversöhnliche Feindschaft besteht und der Verlauf der Verhandlung war geeignet, diese Meinung zu verstärken. Es scheint, daß diese Ehe. die übrigens durchaus glücklich war. eine stürmische Vorgeschichte hatte. Die messerscharfen Bemerkungen der Zeugen gegeu-die.Angeklagte und umgekehrt, die während der Verhandlung fielen, bewiesm die gegenseitige Einstellung zur Genüge. Während die als Zeugen vernommenen Verwandten darzutun suchten. eS habe sich tatsächlich um einen Akt grabschänderischer Pietätlosigkeit gehandelt, erklärte die Angellagte, daß die Kränze und Blumen so verwelkt und die weißen Schleifen daran so ver schmutzt waren, daß sie sie entfernen mußte, weil das Grab dadurch verunziert wurde. Sie habe daher mit gutem Recht diese häßlich aussehenden Blumenspende» entfernt. Bei solcher Sachlage erachtete der Gerichtshof den Schuldbeweis nicht als erbracht und sprach di« angellagte Witwe frei. rb. Woher kam die Malaria auf Ceylon? Allein in dirsem Jahr find 30.000 Menschen in Ceylon an der Malaria gestorben, aber noch ständig steigt die Zahl. In bestimmten Bezirken haust die- Tropenfitber feit Menschengedenken. In den Reisfeldern haust der Tod. Und doch bebauen er die Singha» lesen und Tamilen von Generation zu Generation weiter. Ceylon ist stark übervölkert. Das hat zur Folge eine Produktion von Maffennahrungsmitteln. Dazu gehört ebenso wie in Indien und China von alt«rsh«r der Reis. Reis kultur ist aber ohne eine natürliche oder künstliche Versumpfung des Bodens undenkbar, weil diese Pflanze ein ausgesprochenes Sumpfgras ist.. Beim Anbau, wenn die Felder neu bewässert werden, steigt die Fieberkurve, und mit der Ernte sinkt sie. 27 Grad sind jene Temperatur, in der sich die Larven der Fiebermücke am wohlsten fühlen. In dem berüchttgten Distrikt von K o g a l l a. dem Hauptsitz der diesmaligen schrecklichen Epidemie, kann man ganze Wolken dieser schwirrenden Tiere sehen. Natürlich dürfte man ein solches Sumpftal, das schon sett Jahrhunderten das„Tal des Todesschattenr" genannt wird, nicht bewohnen. Und doch wohnen sie dort, denn Ceylon fft übervölkert. Der größte Teil der Bevölkerung ist, auch in„normalen" Zeiten, fieberkrank. Die Sterblichkeit ist auch sonst ungeheuer. Aber diesmal ist förmlich«in Höhepuntt erreicht. Jetzt liegen die Eingeborenen nicht nur zitternd vor Schüttelfrost und bewußtlos in ihren Hütten, von unaufhörlichen Anfällen geplagt, nein, sie brechen wt auf der Straße oder auf dem Feld zusauunen. Man sieht Geschöpfe, die ausgemergelt und abgezehrt sind, wie nach einer Hungersnot. Aber jetzt kommt das Schlimmste: Nichts vermag den religiösen Widerstand der Eingeborenen gegen die Arzneien der Weißen zu brechen. Die englischen Aerzte find hier machtlos. Die Priester verkünden ihren Gläubigen, daß sie heilige Gebote verletzen, wenn sie freiwillig in dir Krankenhäuser gehen, in denen man natürlich auf die Ka- strnvorschriften Rücksicht nehmen kann. Die Auswirkungen des Buddhismus und der Schiwa- Lehre sind also fast noch schlimmer als die Ucber- schwemmungen durch den Reisbau. Durch die Epidemie wird die Uebervölkerung etwas nachlassen. Denn die Malaria hinterläßt eine solche Erschöpfung und einen derartigen Lebensüberdruß, daß die Be- völkerungsziffer, von den Toten ganz abgesehen, sinken muß. Aber waS nützt es, wenn die Bevölkerungszahl von 3 Millionen auf 2,700.000 zurückgeht? Was Hilst daS gegen die„Täler des Todes- schattenS"? Dazu würde es riesiger. Flußreguliexun- gen und einer Entsumpfung Les Bezirkes von Kegalla bedürfen. Aber die Einwohner brauchen den Reis. Das ist ein circuluS vitiafus, und so kommen Kenner zu dem resignierten Schluß, daß diese Epidemie auf Ceylon nicht die letzte gewesen sein wird. WM M Sozialpolitik Herweg- und der Sozialismus Zu seinem 60. Todestag Von Hermann Wendel An der Spitze des„Volksstaat", des Haupt- blaties der Sozialdemokraten Eisenacher Richtung vom 11. April 1875, findet sich die Mitteilung: „In den letzten Tagen hat die deutsche Sozialdemokratie zwei Veteranen verloren: am 6. April starb in Paris Moritz Hetz und Tags darauf in Baden-Baden Georg Herweg h." Run konnte Herwegh mit Fug insofern ein Veteran der Sozialdemokratie genannt werden, als er, neben seinen poetischen Verdiensten um die Sache der arbeitenden Massen, mit dem Sozialismus stets in enger Fühlung gestanden hatte und eine Zeitlang eingeschriebenes Mitglied und Bevollmächtigter des„Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins" gewesen war. Aber heute lätzt sich die Frage, ob Herwegh jemals bewußter Sozialdemokrat war, nur dahin beantworten: Demokrat? Jak Sozialist? Nein! Als sich der werdende Dichter in seiner Vaterstadt Stuttgart, wo er am 31. Mai 1817 geboren war, geistig zu entfalten begann, war von den Vorläufern des modernen Sozialismus gerade Saint-Simon in den literarischen Salons in Mode, und manche Zelle in den„Gedichten eines Lebendigen" llingt an saintsimonistische Gedanken an: Priester nur wird's fürder geben Und kein Laie mehr auf Erden sein. Von selbst wurde er dann durch seine Schwärmerei für Börne zu Lamennais geführt, dessen„Worte des Glaubens" der Verfaffer der„Pariser Briefe" übersetzt hatte; in den kritischen Aufsätzen? die Ende der dreissiger Jahre in Wirths«Deutscher VolkShalle" erschienen, sprach sich Herwegh mehrfach mit warmer Anerkennung über den streitbaren Abbs auS, der das Feuer des Sozialismus mll dem Weihwasser des Christentums gar seltsam zu vermischen suchte, und eS lag nicht so fern von dessen Weltanschauung, wenn er„die laut ausgesprochene Reform unserer sozialen Missstände" für die moderne Religion erllärte. Aber an Sozialismus erinnerte in den„Gedichten eineS Lebendigen" auch nicht ein Sterbenswörtchen. Was dem zu- kunftshungrigen jungen Geschlecht des zum Selbst bewusstsein erwachenden Bürgertums die Seele zutiefst bewegte, fand er hier in hinreissenden Weisen ausgesprochen; wie Sturmgeläut von hohem Glockenstuhl Nang der eherne Schall dieser Verse ins Land, aber«in nüchternes Ohr hörte heraus, dass sie allgemein begeisterten, weil sie sich in Allgemeinheiten verloren. Der Sehnsucht nach deutscher Einheit, dem Drang nach Weltmeer und Weltmarkt, der Hoffnung auf den neuen Preuhen- könig galten, ganz im Sinn des Liberalismus, einzelne dieser feurigen Hymnen, aber der Grundton, der sie mächtig durchzitterte, hiess Freiheü. Altar der Freiheit! Geist der Freiheit! Der Freiheit Oriflamme! Der Freiheit eine Gaffe! Freiheit, o du Felsenwort! so hallte eS ohne Unterlass, aber diese Freiheit Herweghs war ein so abstraktes, in reinen Gedankenhöhen schwebendes Wesen, dass sich jeder halbwegS fortschrittliche Liberale dieser Göttin huldigend neigen konnte. Im Mai des gleichen Jahres 1841, in dem die„Gedichte eines Lebendigen" aufflatterten, trug Wilheün Weitling, von Paris kommend, den Flammenbrand seiner urwüchsigen Handwerks- burschenkommunismuS unter die meist zugewanderten Arbetter der Schweiz; er gründete hier eine Zweigniederlassung des„Bundes der Gerechten" und schuf im„Hilferuf der deutschen Jugend" eine Monatsschrift zur AuSsaat seiner Gedanken. Im Kreise dieser Genfer Kommunisten tat sich auch Herwegh mm und bekaimte sich, von den liberalen Reaktionären Zürichs dieserhalb angegriffen, mit Freimut zu diesem Verkehr. Aber 1842 lernte Herwegh auch zwei sehr entgegengesetzte Revolutionäre kennen, Karl Marx und Michael Bakunin, von denen der Nährvater des modernen Anarchismus ralch weit grösseren Einfluß auf den leicht lenkbaren Dichter gewann als der Altmeister des wiffenschattlichen Sozialismus. Zwar der» Hefte sich die Bekanntschaft mit diesem während ikreS gemeinsamen Aufenthaltes in Paris zur Freundschaft, und wie Marx gern den steifleinenen Tadel irgend einer engen Spiesserserle von Herwegh im Sinne der Verse Gottfried Kellers äbwehrte: Poeten sind's, so laß sie ungeschlagen! Denn solch«, weißt du, haben immer recht, so bekannte Herwegh noch Jahrzehnte später öffentlich, dass er Marx„trotz alles Gelläffs für unseren eminentesten Nationalökonomen" halte. Aber in die Gedankenwelt des kühnen Denkers drang der Dichter, dem weder Philosophie noch Volkswirtschaft vertraute Begriffe waren, niemals tiefer ein. Dagegen behagte die anarchistische Oberflächlichkeit Bakunins dem schroffen Individualisten weit mehr. So wenig wie der Nüffe dachte er vorderhand an Organisationen und Aufbau, an„die posittven Mächte"„nach die sen", schrieb er 1848,„wollen wir in einem Jahrhundert fragen", sondern zunächst kam eS ihm darauf an,„der alten Welt und der alten Weltanschauung gründlich den Garaus" zu machen. In den vierziger Jahren in Paris hatte Heinrich Heine dem Gefährten in Apoll den jungen Lassalle mtt den Worten zugeführt: „Ich stelle Ihnen«inen neuen Mirabeau vor." Als sich die beiden 1860 wiedersahen, knüpfte sich schnell ein vertrautes Verhältnis zwischen dem Sturmrufer der bürgerlichen Revolution und dem Aufrüttler der arbeitenden Klaffe, das nicht aus Persönliches und Privates beschräntt blieb. Scharfen Blicks erkannte Lassalle die schwachen Seiten des Freundes, wenn er ihn vor„der Auflösung des Staatsbegriffs in den AtomiSmus der Individuen" warnte und ihm davon abriet,„immer ins Allgemeine hinein zu dichten". Aber schliesslich hiesse es den Beruf deS echten Dichters verkennen, der. einem inneren Muss gehorchend, in die Saiten greift, wenn der Agitator bei Herwegh in aller Form„schnellstens ein begeistertes und begeisterndes Gedicht auf das Auftreten des Arbeiterstandes" bestellte. Manches Hängens und Würgens bedurfte eS. bis der Dichter dem Drängen nachgab und Laffalle das„BundeSlied für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein" zusandte, das sich zudem allzu sehr an Strophen Shelleys anlehnte. Auch hatte der Oberst-Brigadier Rüstow Wohl recht, dass sich Herwegh nur durch„einen generösen Gedanken" habe bewegen laffen, aus dringendes Zureden Lassalles Bevollmächtigter des neugegründeten Vereins für die Schweiz zu Werden. Aber betonen durst« Herwegh, wie immer dem war, dass sein Herz für die Enterbten geschlagen habe. Mehr noch! Statt von den kühlen Köpfen und matten Deelen der Bourgeoisie di« Wcltenwende zu erwarten, setzte er seine Hoffnung auf die Massen, und insofern der Sozialismus ein Mittel war, sie aufzustürmen, begrüßte er auch ihn. 1847 ermahnte er die in Berlin weilende Lebensgefährtin, vor den Schöngeistern deS Varnhagenschen Kreises nicht zu viel gegen den Kommunismus zu sprechen:„Ihnen gegeniiber hat er ja«in unbestreitbares Recht, und auch für uns ist er ein Element, ohne das man die Rechnung nicht machen und mit der alten Welt nicht fertig werden kann." In diesem Sinn nahm er im zweiten Teil der„Gedichte eines Lebendigen" in einer gelegentlichen Tente für die Kommunisten Partei: Spottet des BölkleinS nicht! ES hat ja den römischen Adler Eine geringere Zahl solcher Apostel gestürzt. Noch ungestümer als in dem„BundeSlied""am sein warmes Gefühl für Leid. Sehnsucht und Zorn der fronenden Massen in dem Gedicht„Die Arbeiter an ihre Brüder" zum Ausdruck, in dem eS wie unterirdisches Grollen dröhnte. Noch machtvoller bäumte sich, in einer toten Zeit seines Schaffens, die alte Kraft de» Dichter» auf, als er f873 der Märztage vor einem Vierteljqhrhuichert gedachte: Achtzehnhunderwierzig und acht. Als du geruht von der nächtlichen Schlacht, Waren es nicht Pr»l«tari«rleichen, Die du, Berlin, vor den zitternden, bleichen. Barhaupt grüßenden Cäsar gebracht, Achtzehnhunderwierzig und acht? Achtzehnhundertsiebzig und drei, Reich der Reichen, da stehst du, juchhei! Ab«r wir Armen, verkauft und verraten, Denken der Proletariertaten—>—• Noch sind nicht alle Märze vorbei. Achtzehnhundertsiebzig und drei! In diesen Versen klirrte e» noch einmal hell wie von dem kriegerischen Erz der„Gedichte eines Lebendigen" und schvtterte es dumpf wie von dem Maffenschritt der Arbeiterbataillone, den Laffalle einst prophetischen Ohre» vernommen hatte. Ob solcher reisiger Kamvstlänge war Herwegh sdit je den Schildhaltcrn überlebter Zustände bitter verhasst: im Hochverratsprozetz gegen Bebel und Liebknecht liess, um die ganze Gefährlichkeit der Angeklagten zu erweisen, der Staatsanwalt auch Herweghsche Gedichte aus dem„Volksstaat" verlesen, und als di« Büttel des Sozialistengesetzes auSzotzen,„den verfluchten Kerl, den Geist" zu fangen, verfielen als eines der ersten Büche« Herwegh»„Neue Gedichte" dem Verbot. Dafür lebt der Dichter im Herzen der Arbeiterflasse, die es ihm nickst nur dankt, dass er der Freiheit eine Gaffe zu brechen unternahm, sondern auch, dass er dem ewigen Frieden die Bahn zu weisen suchte und die Zeit verkündete, da e i n einig Feuerband alle Völker umschling. Seite 6 „Sozialdemokrat" Sonntag, 7. April 1935. Nr. 83 PBAGgB ZEITBMC Lebende Fackel. Gestern morgens wollte die 24- jährige Hausmeisterin Martha Rihain Kobhlis den Kessel der Zentralheizung. Heizen. Da die Kohle nicht brennen wollte, goß sie Petroleum ins Feuer, wobei aber auch das noch in der Flasche befindliche Petroleum. Feuer fing. Im Nu schlug ein« Stichflamme empor, die sofort di« Kleider der Riha in Brand fetzte. Zum Glück kam der nebenan wohnende Arzt Dr. Fürth augenblicklich zu Hilfe, so daß das Feuer gleich gelöscht werden konnte und die Äihcr nur Berbrennungen zweiten Grades im Gesicht und an den Händen erlitt. Schiffer im Strom. Der auch gestern vormittags noch anhaltende starke Wind havarierte ein Floh, das von der Hlavkabrücke zum Eisenbahnviadukt in Holleschowitz etwa um 11 Uhr vormittags stromabwärts fuhr. Es wurde vom Sturm gegen den msttleren Pfeiler der Brücke getrieben und brach entzwei. Außer dem Führer Josef No- vytny aus Melnik befanden sich noch fünf Flößer auf dem Floß, die den Schaden in kurzer Zeit reparierten. Darauf setzten sie die Reise fort. Verletzt wurde niemand. Kunst and wissen Abend moderner Kurzopern Die Kurzopern sind«ine Erfindung unserer raschlebigen, nervösen Zeit und als Gegenstücks gedacht zu den überdimensionierten, Zeit, Geduld, beschauliche Ruhe und Sammlung erfordernden mehraktigen Opern und Musikdramen. Die atonale Kpmpvnistengenerätion eines Hindemith, Sch önberg, K! enek usw. hat sie zuerst propagiert. Auch in Prag war Gelegenheit, das eine oder andere dieser Miniaturoperchen kennen zu lernen. Einer Veranstaltung des neugegründeten Prager Opernstudio dankte man vorgestern cchend in der Kleinen Bühne die Bekanntschaft mit drei hier noch unbekannten Kurzopern. Als di« beste und wirksamste unter ihnen erwies sich Igor Strawinskys Tier-Oper„Reinecke", die er selbst„eine burleske Geschichte, gesungen und getanzt, auch mit Musik versehen" nennt, ein ganz auf den grotesken und parodistischen Ton gestimmtes, durch köstliche musikalische Einfälle ausgezeichnetes Merkchen, das die Fabel vom Fuchs und dem Hahn behandelt und sich— wie dies meist bei Strawinsky der Fall ist— auf die immer wirkungsvollen Musikelemente des russischen Volksliedes und Tanzes stützt. Seinen besonderen, wenn auch nicht ganz neuen Reiz erhalt dieses Operchen durch«in im Orchester verwendetes Männerqurtett. Eingeleitet wurde der Kurzopern-Abend durch ein Werk des süddeutschen Neutöners Hermann R e u t t e r, die nach dem gleichnamigen Drama von Lernet- Hol«ni a komponierte Kurzoper„SauI",«in biblisch-spiritistisches Stück, das erst im zweiten Teil die starke Ausdruckskrqft des Komponisten in dramatischen Momenten und Spannungen offerwart. Die dritte Kurzoper dos Abends war ein Klagelied in drei Szenen„Der arme Matrose"(eine „Enoch Arden"-Variante) von dem Franzosen Darius M i l h a u d, eine Musikdrama«n miniature, dessen erschütterndes Geschehen von einer rhythmisch leichtfertigen und beweglichen Musik umgeben ist, die mildern und mit der Tragik des Stückes offenbar versöhnen soll. . Das Verdienst. daß dies« Kurzopern-Auffüh- rung zustande kam, gebührt als musikalischem Leiter und Regisseur Herrn K a p e l l m e i st e r Paul Aron, der sich mit aller Energie seiner Musikerpersönlichkeit und mit bewunderungswürdig viel Fleiß hiefür eingesetzt hatte. Durch das mitwirkende Kammern rchcster, das aus den besten Solisten des deutschen Theaterorchesters zusammengestellt worden war, wurde er in seinen Bemühungen bestens unterstützt. Auch den mitwirkenden Sängerinnen, Sängern und Schauspielkrästen(den Damen Fux, Neuner, Machov, Pexa, Anny und Marianne Fischl sowie den Herren Grünwald, Fürth, Wolf, Unruh, Simetti, Fiedler und Weißenstein) kann die Anerkennung nicht versagt werden, wenn auch der Wille meist für die Tat zu nehmen war; denn es war an sich eine denkwürdige. Begebenheit, daß kunstbegeisterte Dilettanten die Aufführung dieser schwierigen modernen Werke ermöglichten. Der Kurzopern- Abend war ausgezeichnet besucht und fand beim Publikum auch lebhaften Beifall. E. I. Margarete Nach Donizettis„Lucia", Meyerbeers„Hugenotten" und HalÄys„Jüdin" als repräsentativen Werken romanischer Opernkunst kam im Prager Deutschen Theater eine weitere Neueinstudierung einer bedeutenden romanischen Oper zustande, der„Margarete" von Charles G o u n o d. Es ist bezeichnend, daß gerade diese französische Ver-' tonung des deutschen„F a u st"- Dramas auch beim deutschen Publikum mehr Anklang fand als alle deutschen Bearbeitungen. Dies mag seinen Grund darin haben, daß sich deutscherseits der kongeniale Tondichter nicht fand, der Goeches Werk die entsprechende musikalische Form gegeben hätte. Womit nicht gesagt sein soll, daß Gounods Musik zum „Faust"-Drama Goethes diesem ebenbürtig wäre. Richard Wagner, der vielleicht der berufenste deutsche Tonsetzer gewesen wäre, Goethes Meisterwerk mit der ihm gebührenden Musik auszustatten, kam über eine„F aust"»Ouverturc nicht hinaus. Gounods Oper„Margarete" ist übrigens ost sehr zu Unrecht geschmäht worden, weil man immer Vergleiche ihrer Musik zum Drama Goethes zog. Betrachtet man die Oper vom Standpunkte der französischen Kunstauffassung jener Zeit aus, in der und für die das Werk komponiert wurde dann mutz man ihm seine positiven Werte zugestehen, die in der stil- und Geschmackvollen musikalischen Untermalung der wichtigsten„Faust"-Szenen gipfeln. Gounods Oper „Margarete" ist daher auch mehr als ein schönes musikalisches Bilderbuch zum„Faust"-Drama zu werten, denn als dessen musikalische Abwandlung. Wie bei fast allen romanischen Opern des vorigen Jahrhunderts.ist auch bei der Oper„Margarete" von Gounod die Voraussetzung für ihren Erfolg und ihre Bekömmlichkeit, ihre entsprechende gesangliche Aufmachung, für die schöne und kultivierte Stimmen das Haupterfordernis sind. Die vom Deutschen Theater bewirkte Neueinstudierung und Neuinszenierung der„Margarete" wurde den gesanglichen Erfordernissen Gounods nur teilweise gerecht. In der Titelpartie sah und hörte man Frl. Vera Man sing er. Sympathisch in der schlichten äußeren Erscheinung und von rührender Passivität in der Darstellung. Gesanglich vor allem in den rein lyrischen Momenten gut, wirksam und durch kultivierte Tonbehandlung ausgezeichnet. Wo die Partie aber Kehlfertigkeitsansprüche stellt(wie in der Ju- welen-Arie)' oder zu höchster Stimmentfaltung drängt(in der Berklärungsszene), mutz ihr. die Künstlerin manches schuldig bleiben. Unmögliches aber haste diesem Gretchen der Regiffeur(Herr M o r d o) angetan, da er sie im brünetten Bubikopf und modernen Stratzenkleid in eine ansonsten historische Umgebung gestellt hatte. Ueberhaupt reizte die. Regiekunst Mordos, die zwischen historischer Realbühne und moderner Sstlbühne hin und her pendelte, diesmal sehr zum Widerspruche. Fritz Z. w e i g s musikalische Ausdeutung der Oper war stotz großen dynamischen Aufwandes und bemerkens- werter rhythmischer Gegensätze nicht allzu kurzweilig und fesselnd; denn bei aller Schönheit mancher Details vermißte man die einheitliche Großzügigkeit der Gestaltung. Auffallend schwach war diesmal die Leistung des Chores, deffen rhythmische und dynamische Diszipliniertheit gegen früher sehr gelockert ist. In den Hauptparsten der Oper wirkten neben Frl. Mansinger noch: H. Riavec als stimmlich bedeutender, aber darstellerisch unintereffanter Faust, H. Scheid! als sehr intelligenter, aber gesanalich übertreibender Mephisto, Hagen als sstmmüder Valentin, Fr. Kindermann als annehmbare Marthe und Frl. R a y n als stimmlich und darstellerisch sehr sympathische Siebel. Die Oper wurde mit dem B a l l e t t d«r Walpurgisnacht gegeben, auf das man sehr ruhig hätte verzichten können. Unverständlich war die große BeifallÄust des Publikums, das sogar den banalen Soldatenchor mit Beifall quittterte. E. I. Arbeitervorstellung„Polenblut", Nedbäl-Ope- rette, heute um halb 3 Uhr nachmittags.— Kinder im Ballettsaal..• Wochenspielplan des dienen Deutschen Theaters. Sonntag, hast» 3 Uhr nachm., Arbeiwrvorstrllung: Polentlnt; hach 8: Margarete, A 2.— Montag, 8: Ich Habs getan, volkstüml. Vorstellung. — Dienstag, hach 8: Das unbekannte Mäd- chen, A 1.— Mittwoch, hach 8: Glorius, der Wund erkomödiant, Erstaufführung, B 2.— Donnerstag; hach 8: Fidelio, C 2.— Freitag, halb 8: Margarete, D 1.— Samstag, hach 8: Figaros Hochzeit, B 2. Wochenspielplan der Kleinen Bühne. Sonntag, 3: Straßenmufik; 8: Schule für Steuerzahler, volkstümliche Vorstellung.— Montag, 8: E i n Glas Wasser, Bankbeamte und freier Verkauf.— Dienstag, 8.15: Nacht vor dem Ultimo, volkstümliche Vorstellung.— Mittwoch, 8: Opern sindi o.— Donnerstag, 8: Fräulein Julie; Der Kammersänger.— Freitag. 8: Gentleman. Kulturverbandsfreunde und freier Verkauf.,— Samstag, hach 8: Die große Katharina, Erstaufführung; Der Schlachtlenker, neuinszeniert. Jojka Koldovskä und Rolf Wanka in dem heimischen Film„Kuß im Schnee". der Film Abdul Hamid Ein Londoner Film mit hiswrischer Handlung: also ein Mosaik aus prunkvollen Szenen und opern- hasten Aufzügen, eine Schau von Kostümen und photographischen Künsten— in dem gewohnten Stil des englffchen Historienfilms. Aber dieser„Abdul, der Verdammte"(dem man hier den rätselhaften Beinamen„Der rot« Sultan" angehängt hat) ist mehr geworden als nur eine Wiederholung vorausgegangener Erfolge. Und daß er mehr geworden ist, verdankt man der Arbeit deuffcher Emigranten: des Regisieurs Carl Grüne(der übrigens gleich dem Kameramann Kanturek tschechoslowakischer Staatsbürger ist) und des Schauspielers Fritz Kortner, der nach dem Mißbrauch, den man in dem Film „Chu-Chin-Chow" mtt ihm trieb, endlich die Rolle erhalten hat, in der er seine Kunst zeigen kann. Kortner gestaltet den„letzten Despoten"(der selbst daran zweifelt, der letzte zu sein) mit allen Zügen dos Grauens und mit ebensovielen der menschlichen Schwachheit. Er zeigt einen Tyrannen aus Angst, einen Mörder aus schlechtem Gewissen, einen Schrecklichen, der schrecklich einsam und ratlos ist. Wie dieser schlaflose Despot vor seinen eigenen Taten erstarrt, wie er vergeblich nach einem, Menschen sucht, vor dem er sich nicht zu verbergen bracht — und wie er am Ende, vom Throne verjagt, das erste Mal so etwas wie Glück spürt, das macht Kortner zu einem düster-erregenden, grausam entlarvenden Charakterspiel. Die Vorgänge des Films, der mit der Ver- faffungskomödi« des Sultans beginnt und mtt der jungtürkischen Revolution des Jahres 1909 endet, sind von Robert Neumann(dem— gleich- falls emigrierten— Verfasser tüchtiger, historischer Romane und der glänzenden Parodiensammlung „Mit ftemden Federn") zu einer dramatischen Handlung verflochten worden, die als Gegenspieler des Sultans einen* Schauspieler zeigt, der bei gefährlichen Anläßen die Herrscherrolle spielen muß, und einen jungen Offizier, dem der Despot die Geliebte raubt. Die theatralischen Effekte, die diese Handlung ermöglicht, hat Grünes Regie mit sicherem Akzent herausgearbettet. Die Schlußszenen vor allem sind äußerst eindrucksvoll geraten: der Frer- heitsgesang der zum Tode verurtellten Rebellen, der lärmende Tanz, mit dem sich der gehetzte Despot in Schlaf wiegen läßt, die Flucht des Sultans vor den Aufständischen und sein Abschied von der Macht. Unter den Darstellern kleinerer'Rollen(unter denen sich der ehemalige Berliner Schauspieler Walter Rilla befindet) fallen Adrienne Amas und(als Pölizeichef, der im Auftrag des Sultans, ein Attentat begeht) Ntts Asther auf. Auch die eindringliche Begleitmusik, di« von dem aus Deutschland vertriebenen Komponisten Hans Eisler stammt, verdient Erwähnung.■—eis— Anter fremder Fahne Der amerikanische Novellist Ernst Hemingway, deffen Spezialität die Zeichnung rauher, trinklustiger und im Innersten zarter Männergestalten ist, hat in seinem Kriegsroman„Farewell to Arms"(der in der deutschen Uebersetzung„In einem andern Land" hieß) die Liebesgeschichte eines amerikanischen Freiwilligen geschrieben, der in einem ttalienischen Lazarett eine amerikanische Krankenschwester kennenlernt, mit der er ein Kind zeugt und der er— als Deserteur— nach der Schweiz folgt, wo sie an den Folgen der Entbindung stirbt. Eine durch die Kontrastierung von Kriegsgrauen und Liebesfrühling, von Frontgeist und Friedenssehnsucht, von Lazarett und Wochenbett eigenarttge Geschichte, die der Hollywood- Regiffeur Frank B o r z a g e sorgfältig(nur mit einer kleinen Aenderung des Schluffes) verfilmt hat, ohne danach zu ftagen, ob sie für den Film geeignet ist. Das Ergebnis hat zweifellos künstlerische Werte: ein Film, der frei von Kitsch und billigen Effekten ist. mit zwei erstaunlich guten Darstellern(Helen Hayes und Gary Cooper) in den Hauptrollen — und einer beachtenswerten Leistung des glücklicherweise nicht mehr Star spielenden Adolphe M e n j o u in der Nebenrolle eines Stabsarztes. Ein anständiger.«wer kein hinreißender Film: weil er eigentlich nur ein einziger langer Dialog ist. den gelegentliche Kriegsszenen und Selbstgespräche durchbrechen, und weil das Ganze auf der Leinwand als eine Privatangelegenheit wirken mutz, di« im Verhältnis zum weltgeschichtlichen Hintergrund nicht wichtig genug erscheint, um uns fesseln zu können.—eis— Sport• Spiel• Körperpflege Die Fra« und der Rekordsport H. Kuftner(Paris) hat sich mit der Wirkung des lange intensiv ausgeübten Sports auf den Stand der Funktion des Zeugungssystems der F r a u beschäftigt. In einer allgemeinen Form hat er fest- gestellt, daß die Menstruattonen sich vermindern und unregelmäßig werden, ja selbst manchmal vollständig auSbleiben. Man bemerkt gleichzeittg eine gewisse Schwächung der Gebärmutter, welche eine Verminderung des sexuellen Lebens herbeiführen kann. Die Ausübung eines Sports ohne Mäßigung kann also bei der Frau den Anfang einer Vermännlichung zum Resultat haben. Diese Veränderung geht unter der Verausgabung der Hormone vor sich. (Vivre-Sante.) Neue Bestleistungen in der französischen Arbeiter-Schwerathletik. Im Fliegengewicht er- zielte Ranson(Lille) im rechts Reißen 55 Kilo(alte Bestleistung 53.5 Kilo) und ein Gesamtergebnis von 207.5(früher 205) Kilo.— Le Belleguy(Paris) erzielte im Bantamgewicht beidarmig Reißen 77.5(früher 75.5) Kilo.— Im Leichtgewicht erreichte Deriaz(Bijou Sport), ein Gesamtergebnis von 270(früher 267.5) Kilo.— Sauvageot(Su- resneS) erzielte im Halbschwergewicht rechts Reißen 77(früher 75) Kilo.— Deußner(Srraß- Rils Asther und Fritz Kortner in dem Abdul Hamid-Film. bürg) brachte es im Schwergewfficht links Reißen auf 80(ftüher 75.5) Kilo. Handel mit Sportlern ohne Ende! Wir habenJ vor kurzem aufgezeigt, wie der bürgerliche Sport in| Oesterreich durch Verkauf seiner Fußballer in alle Weltrichiungen sich finanziell auf den Beinen halten will. Auch bei uns blüht dieser Handel sehr gut- In letzter Zeit hat z. B. der Teplitzer F K zwei Spieler für insgesamt 45.000 AL an zwei mährische Klubs verkauft. Wir wissen nicht, inwieweit die betreffenden Spieler mit diesen„Geschäften" einverstanden find, aber es wäre Immerhin sehr iittereffant,• wann sich die bürgerlichen Sportverbände mit diesem, für demokratische Verhältnisse unwürdigen Zisstand beschäftigen und ihn endgültig abstellen werden.— Nicht unerwähnt wollen wir lassen, daß gerade der TFK seinen„Nachwuchs" zum großen Teil aus den Rethen der Arbeitersportler„ergänzt" und di« dann— wie vorstehend aufgezeigt— als finanzielle Schacherobjekte dienen, damtt der Klub nicht Pleite machen muß. Das sollte unseren Arbeiter- futzballern vor Augen gehalten werden, wenn di«' Herren vom Bürgersport ihnen— als Opfer der Wirtschaftskrise— als Draufgabe für ihren Ueber- tritt„Arbeit und Verdienst" versprechen. Mitteilongen der»Urania« Heute halb 11 Uhr:„Finnland— das Land der 1000 Seen", Kulturfilmpremiere. Originalfinnländischen Begleitmusik. Rose Walter(London) singt Dienstag, 8 Uhr: „Lenz- und Liebeslieder." Am Flügel: Dr. Paul A. Pisk. Oskar Kokoschka erzählt Geschichten aus seinem Leben. Das Reinerträgnis fließt dem Salda- Komtte« zu. Mittwoch, 8 Uhr. Univ.-Prof. Dr. W. Wostry:„Wallensteins Charafterbild in der Geschichte." Zugunsten des Deuffchen Kulturverbandes. Karten: Auskunfts- kanzlei des Kulturverbandes* im Deuffchen Haus und Urania. Donnerstag, 8 Uhr. Achtung, Aufnahme! Wie ein Tonfilm entsteht. Filmregisseur R. Kätscher. Mtt Demonstrationen. Freitag, halb 7 Uhr. Besuch eines Tonfilmateliers. Führung: R. Kätscher. SamStag. Zeitpunkt wird noch veröffentlicht. Filme in Prager Lichtspielhäusern Bis einschließlich Donnerstag, den 11. April. Urania-Kino:„Die verkaufte Stimme"— Adria:„Unter ftemden F hnen"(A.)— Alfa: „Das Hohelied"(A.)— Avion:„Skandal in Rom" (A.— Eddi Cantor.)— Beranek:„Caval- cade"(A.)— Fenix;„Kutz im Schnee"(Tsch.) *- Hvezda:„Graf von Monte Christo"(A.)—' Julis:„Die ausgelassene Nacht"(Tsch.)—Kinrma: Journale. Grotesken. Reportagen(halb 2 bis 7 Uhr).— Koruna:„Aus dem Regen in die Traufe" (A. Laurel, Hardy)— Kotva:„Abdul Hamid— der rote Sultan"(Engl.— Kortner)— Luvcrna: „Abdul Hamid— der rote Sultan"— Metro: „Jägerblut"(Tsch.)— Olympic:„Back Street" (A.)— Praha:„Asew, Spion und Verräter"(D.) — Radio:„Cavalcade"(A.)— Statt:„C a- v a l c a d e"(A.)— Carlton:„Menschen im Hotel" (A.— Gr. Garbo)— Favorit:„Menschen im Hotel"(A.)—Lido:„Back Street"(A.)— Louvre: „Menschen im Hotel(A.)— Macrska:„Die verkaufte Stimme"(D.— Josef Schmidt)— U Bej- voint:„Das Lied der Sonne"(Jt.— Lauri Bolpi). Ihre Blumen dürsten nach dem gutem Blumen-Zauberdung 1 Paket mtt Postzusendung Kö 5*60 durch Verwaltung„Frauenwelt". Prag xn„ Fochova 62 VERLANGEN SIE ’in jeder Verkaufsstelle des Konsum Vereines SELCHWAREN der Firma HEGNER& Cie., PILSEN Selchwaren der Fa. HEGNER&Cie., Pilsen 4« sind die allerbesten! Bezugsbedingungen: Bei Zustellung ins Haus oder bei Bezug durch die Post monatlich flö 16.—, vierteljährig ffä 48.—, halbjährig KC 96.—. ganzjährig K6 192.—.— Inserate werden laut Tarif billigst berechnet. Bei öfteren Einschaltungen Preisnachlaß.— Rückstellung von Manuskripten erfolgt nur bei Einsendung der Retourmarken.— Die Zeitungsfrankatur wurde von der Post- und Telegraphendirektion mtt Erlaß Nr. 13.800/VH/1930 bewilligt.— Druckerei: jDrHs". Druck-. Verlags- und ZeitungS-A.-G„ Prag.