Nr. 110. $ • Abonnements Bedingungen: Abonnements Preis pränumerando: Bierteljährl. 3,30 Mt., monatl. 1,10 Mt., wöchentlich 28 fg. fret ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags. Nummer mit illuftrierter Sonntags Beilage ,, Die Neue Welt" 10 Pfg. Poft Abonnement: 3,30 Mart pro Quartal. Eingetragen in der Post- BeitungsPreisliste für 1899 unter Br. 7820. Unter Kreuzband für Deutschland und Defterreich Ungarn 2 Mart, für das übrige Ausland 3 Mart pro Monat. Erscheint täglich außer Montags. Vorwärts Berliner Volksblatt. 16. Jahrg. Die Insertions- Gebühr beträgt für die fechsgespaltene Kolonelgeile oder deren Raum 40 Pfg., für politische und gewertschaftliche Vereinsund Versammlungs- Anzeigen, sowie Arbeitsmarkt 20 Pfg. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 4 Uhr nachmittags in der Erpedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochentagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis 8 Uhr vormittags geöffnet. Jernsprecher: Bmt I, nr. 1508. Telegramm- Adresse: ,, Sorialdemokrat Berlin". Centralorgan der socialdemokratischen Partei Deutschlands. Redaktion: SW. 19, Beuth- Straße 2. Reichstag gegen Landtag. Sonnabend, den 13. Mai 1899. Expedition: SW. 19, Benth- Straße 3. sei. Er verließ also die Fabrik und versuchte, feiner Sache als bürgerliche Gruppe entstanden ist, die mit ihrem Ausgangspunkt Generalsekretär des Evangelisch- Socialen Kongresses zu dienen. taum noch einen Zusammenhang hat. Denn die in ihr vorhandenen Das war 1891. Der Socialismus wurde nun für Göhre socialreformatorischen Neigungen, die nach Göhre Naumann das Die tollen Orgien, welche das ostelbische Junkertum sich immer bedeutsamer. Innerhalb des Kongresses hegten Naumann Recht zu der gegen uns gebrauchten Behauptung leihen sollen:„ es giebt in dem preußischen Landtag geleistet hat, haben in dem deutschen und eine Anzahl gleichalteriger Gesinnungsgenossen, namentlich feinen einzigen Fall, wo wir( Naumann's Parteigänger) ein praktisches Reichstag ihre Strafe und Büchtigung gefunden. Die Reichstags- Geistliche, dieselben Anschauungen. Für uns alle", sagt Göhre, Arbeiterintereffe nicht mit allen uns verfügbaren Mitteln vertreten hätten", debatten von Mittwoch und Freitag waren die Antwort auf die wurde der proletarisch socialistische Gesichtspunkt bei unserem diese socialreformatorischen Neigungen haben, wie Göhre selbst zuge Herausforderungen der preußischen Junker, die, fest bauend auf christlich- socialen Wirken einfach maßgebend. Und zwar so sehr, daß steht, mit proletarischem Socialismus nichts zu thun. Dergleichen gehört die Fügsamkeit der Regierung, im Landtag, ihrer Domäne uns wohl alle damals zeitweilig der Gedanke start beschäftigte, heute zu dem Inventar jeder nicht allzu lumpigen politischen sich nicht gescheut haben, die letzten Ziele( Endziele") der in die Socialdemokratie einzutreten. Namentlich als der Kandidat Garderobe, und es giebt mehr als eine politische Partei, auf deren reaktionären Umsturzparteien zu enthüllen und der modernen b. Wächter diesen Schritt gethan hatte und zu wirken begann." Zuverlässigkeit in der Verteidigung„ praktischer Arbeiterinteressen", in Eine ganze Reihe psychologisch verständlicher Gründe hielten Göhre diesem beschränkten Sinn genommen, wir festere Hoffnungen sezen Kultur ins Gesicht zu schlagen. Leibeigenschaft, Hungerlöhne damals vom Eintritt in die socialdemokratische Partei zurück. Nicht als auf die National- Socialen. Die Erklärung ist einfach. Unsere und Erziehung des Volkes zur geistigen Stumpfheit, damit zuletzt der Umstand, daß sein Gesinnungsgenosse Naumann in der politischen Parteien sind auf Grund einer notwendigen geschichtlichen es den ihm gnädigst zugedachten Beruf, für die ostelbischen Hilfe" mit national- socialen Plänen auftrat, die ganz in der Entwickelung die Vertreter politischer und ſocialer Interessen scharf Junker mit Hundedemut zu arbeiten, würdig erfülleu tann- Richtung seines socialistischen Thätigkeitsdranges zu liegen schienen. abgegrenzter Teile der Gesellschaft. Infolge dessen ist ihre Politik Socialistengeset und Zuchthausgesetz, damit die bösen Social Ich persönlich," persönlich," sagt Göhre, faßte die neu auftauchende in ihrer Richtung bestimmt und vorherbestimmbar. In vollem Gegendemokraten das Volt nicht zum Zweifel an dem alleinselig. Bewegung, getreu unferer proletarisch socialistischen Ver- jazz dazu stehen die National- Socialen. Sie bilden ein Gemengsel machenden Jungerregiment verführen können der Lüge und Beschränktheit der bürgerlichen dem bisherigen Geist der Hilfe" und aus den in furz der gangenheit, getreu Zukunftsstaat der Junker, wie er in Ostelbien zum Teil entsprechend den Darlegungen meines Buches, als eine tommende Parteien ratlos und irre an sich selbst Gewordenen, es fehlt Partei der fleinen Leute, der Industries und vor allem der zu ge- ihnen die Einheit der Interessen, die Einheit eines politischen Gegenwartsstaat ist, der für ganz Deutschland gewinnenden Landarbeiterschaft auf, die ohne den Maryistischen Dogma- Gedankens und jeder geschichtliche Zusammenhang. Sie bestehen aus schaffen werden soll. tismus, ohne die Bekämpfung religiöser Mächte und der Monarchie, politisch willensschwachen Elementen, die dem suggestiven Einfluß einer Diefen Zukunftsstaat und seine Urheber galt es zu richten. doch ausschließlich und bewußt demokratisch und socialpolitisch nichts starten, machtlüfternen Bersönlichkeit wie der Naumanns unterliegen, und Und der Reichstag, der Sohn des allgemeinen Wahlrechts, als die unbedingte, einseitige und rücksichtslose Interessenvertretung je nach dessen Belieben bald nach links, bald nach rechts dirigiert machte sich zu gleicher Zeit zum Richter über den preußischen der proletarischen Voltsschichten sein würde. Das war auch deutlich werden. Die National- Socialen sind nichts als ein Anzeichen der Landtag, dieses traurige Produkt des„ elendesten aller Wahl- die allgemeine Auffassung der Oeffentlichkeit über uns... starken Bewegung unseres politischen Lebens, insbesondere der Zersetzung, gefeße." Man fah in uns, socialpolitisch, nichts mehr und nichts die in den bürgerlichen Parteien Plaz greift. Ein Beweis vollkommenen Das Junkertum, das in den zwei Tagen that weniger als ein zukünftiges Pendant zur socialdemokratischen Mangels an geschichtlichem Sinn und tragikomisch zugleich ist der sächlich auf der Anklagebant saß, wußte nichts zu seiner Ver- Arbeiterpartei, in die aufzugehen man uns vielfach als unser schließ- Versuch aus solchen wie Schaum auf dem Meer zerrimmenden Faktoren teidigung zu sagen. Die Reden der Socialdemokraten liches Schidial prophezeite. Und ich stehe nicht an, offen zu erklären, eine Partei gründen zu wollen. Göhre hat dem drohenden politiMoltenbuhr, Stadthagen, Haase und Bebel daß mir das damals als gar kein so schreckliches, vielmehr als ein schen Verhängnis rechtzeitig sich entzogen; wird Naumann daran zu waren ebenso viele wuchtige Anklagereden. Die bald renom in der That sehr wohl mögliches, ja wünschenswertes Schicksal Grunde gehen? mistischen, bald verlegenen Entschuldigungs- und Beschönigungs- erschien." bersuche scheiterten an der Wucht der Thatsachen. Die erAus solchen schwärmerischen, auf irrigen Voraussetzungen bärmlichen Löhne, die fittliche und geistige Herabdrückung beruhenden, aber in ihrer ehrlichen Gesinnung anzuerkennenden der Arbeiter, die grauenhaften, den elementarsten Forderungen zuliebe gab er zugleich sein Pfarramt in Frankfurt a. D. auf. Die Berlin, den 12. Mai. Motiven trat Göhre in die national- sociale Bewegung ein, und ihr Der Reichstag beendigte heute die agrarische Debatte, der Hygiene und Moral Hohnsprechenden Wohnungs- unvermeidliche Enttäuschung ließ nicht lange auf fich warten. Göhre mit der wir uns an anderer Stelle beschäftigen, und erledigte verhältnisse alles festgestellt durch amtliche, un- fchildert an der Hand drastischer dokumentarischer Belege, wie bald im ganzen drei Paragraphen des umfangreichen Invalidenanfechtbare, sicher zum Schwarzfärben geneigte Berichte. nach den ersten Anfängen, die in ihm noch einige Illusion errregten, M Politische Weberlicht. Gegen dieses Bild aus dem junkerlichen Gegenwartsstaat eine Realtion gegen die ursprüngliche proletarisch socialistische Gefeßentwurfs, was, da zu fünf Paragraphen zwei Sigurgen war nicht anzufämpfen. Selbst ein Verteidiger der Junker, Richtung mehr und mehr zur Geltung fam. Er weist hin notwendig waren, bei den 160 Paragraphen, die das Geset der Agrarier ude, konnte die Greuel nicht ganz abstreiten, auf die Duldung der ebenso tattlosen wie fläglichen systematischen hat, nach diesem Tempo noch wochenlange Diskussionen in und Graf Klindow ström, der anfangs so agrarisch Angriffe des Renegaten Lorenz gegen die Socialdemokratie, auf das Aussicht stellt. Die nächste Reichstagssigung findet Sonnabend laut geschrien" hatte, war zuletzt sehr kleinlaut und piepste Verhalten Sohms gegenüber denjenigen, die die National Socialen 1 Uhr statt. nicht mehr. Und als Retter blieben den Herren Juntern Resolution des Erfurter Delegiertentages, die eine solche Auffassung Kaisers, durch welche der Reichstag vom 15. Juni bis als Interessenvertretung der Arbeiter betrachten wollten, auf die Wie die Freis. 8tg." mitteilt, liegt die Verordnung des am Ende nur noch übrig Herr Kardorff von Laurahütte und ablehnte. Insbesondere aber fennzeichnet Göhre das Verhalten der 10. November vertagt werden soll, dem Kaiser zur VollHerr Hahn, der ein zweiter Gneist alles beweisen National Socialen bei den Reichstagswahlen und gegenüber der Die Genehmigung wird bis Sonnabend früh würde, wenn er tönnte. Deynhäuser Rede. Er kritisiert es ganz im Einklang mit uns; ja unsere 3iehung vor. Es war ein langes und schweres Sündenregister, das den Beurteilung der Stellung der National Socialen gegenüber der erwartet. Alsdann soll sich der Seniorenkonvent über das Herren Junkern vorgehalten ward, und kein Punkt ist ihnen Staiserrede, die Naumann mit der ihm eigenen Unbejangenheit eine bis zur Vertagung noch zu erledigende Arbeitspensum schlüssig erspart worden. Die im preußischen Landtag so übermütigen Fälschung der Thatsachen" nennt, wird an Schärfe von der Göbres machen. Kreuzritter der Reaktion sind im deutschen Reichstag ge- übertroffen. Köstlich ist, wie selbst aus der persönlich wohlwollenden Ein klagendes Parlament. Schilderung Göhres die Thatsache hervortritt, daß Naumann die Stichrichtet worden, und denen von ihnen, die nicht vollständig wahlparole gegen die Socialdemokratie, für die Nationalliberalen Bisher war es in Preußen Sitte, daß die Parlamente von Sektdünsten umnebelt sind, dämmert jezt vielleicht die wider seine bessere Ueberzeugung abgab. Göhre sagt, bei der Zu Anträge der Staatsanwaltschaft auf Genehmigung zur EinErkenntniß auf, daß es außer Ostelbien noch ein sammensetzung der National Socialen sei eine Empfehlung, auch leitung des Strafverfahrens gegen Blätter, welche die parlaDeutschland giebt und daß im deutschen Reichstag, wenn nur für einen socialdemokratischen Kandidaten einzutreten, un auch noch unentwickelt und ungebraucht, eine Macht liegt, möglich gewesen, und fährt dann wörtlich fort: Ich weiß, mentarischen Vorgänge fritisch besprachen, kurzer Hand abwelche schließlich alles junkerlichen Uebermuts Herr werden daß Naumann das persönlich nicht recht war, aber er, als Führer lehnten. Je mehr aber die Reaktion bestrebt ist, den schwachen Garaus gu wird die Macht des deutschen Volks. der jungen Bewegung, deren innerste Stimmung und Nichtung Ueberresten freiheitlicher Institutionen den fo mehr scheint man auch in dieser er zum Ausdruck zu bringen sich für verpflichtet fühlte und der er machen, auch seine persönliche Ueberzeugung unterordnen zu müssen glaubte, Beziehung bon der früheren Praris abgehen zu hat dann diesen Stichwahlbeschluß nicht nur selbst tapfer vertreten, wollen. δα Es ist noch nicht lange her, hat der sondern, scharfsinnig wie er ist, auch die einfach unwiderstehlich Specialist für Socialistenvertilgung, Graf Klinkowström im Im neuesten Heft der Zukunft" berichtet Paul Göhre- wirksam gewesene Ursache klar erkannt und in seinem Jahresbericht gemäß unserer Anregung über seine Trennung von den auf dem letzten Delegiertentag in Darmstadt, im Herbst 1898, offen Herrenhause den Justizminister aufgefordert, noch härter als National Socialen. Schlicht und wahrhaftig, in warm- ausgesprochen." Diese unwiderstehliche Ursache bestand+ nach Naumamus bisher gegen socialdemokratische Preßsünder einzuschreiten; herziger, bon männlichem Geist getragenen Darstellung, eigenem Geständnis einfach darin, daß die Hauptbestandteile der namentlich sprach der edle Graf sein Bedauern darüber aus, schilderte er seine persönliche Entwickelung und die der national nationalsocialen Wähler bisherige Freifinnige, Nationalliberale und daß eins unserer Bruderorgane ungestraft das preußische Abjocialen Partei. Er hat sich von den Naumannen getrennt, weil Konservative waren. Der Wunsch, sich an der Spize dieses bunten geordnetenhaus kränken durfte, ohne dafür zur Rechenschaft die National Socialen in ihrer furzen Geschichte mit den socialistisch häufleins als Führer" zu behaupten, siegte über die einfachste gezogen zu werden. Damals erwiderte ihm Herr Schönstedt, proletarischen Tendenzen ihres Ursprungs gebrochen haben und politische Pflicht und bewirkte jene schmähliche Stichwahlparole. daß ein Einschreiten nach den gesetzlichen Bestimmungen unjezt nichts find als eine bürgerlich- nationalistische Partei mit social- Sehr bezeichnend und zutreffend ist Göhres Urteil über das möglich sei, da ein Antrag auf Strafverfolgung nicht gestellt reformatorischem Anstrich. Göhre erzählt, wenn man so will, die Verhalten zur Oeynhauser Rede. Er sagt: Tragödie der Halbheit, die zugleich ein Beweis ist, daß es zwischen" Ganz tonſequent fiel denn auch die Haltung der Nationalsocialen war. Diesen Wink scheint man verstanden zu haben und man ist den focialen Bestrebungen im Sinne socialistischer Demokratiefierung gegenüber der Oeynhauser Kaiserrede so aus, wie sie für eine offenbar bemüht, das Versäumte nachzuholen, indem man der Gesellschaft und den nationalen Weltmachtsschwärmereien keine bürgerliche Gruppe geraten war. Eine proletarisch- socia- derartige Anträge bündelweise besorgt. Nationalcontrafocial. NO um " 7 Durch einen Artikel Beschränkung der Frei innerliche Versöhnung und Verbindung in der Wirklichkeit des poli- liftische Gruppe hätte nur den Aufschrei der bedrohten Eristenz getischen Lebens giebt, wie sie auch theoretisch unversöhnbare Widersprüche funden und wohl oder übel ihre nationalen Ge- zügigkeit" sollen die Volkswacht für Schlesien", die find. Die Kuppelung zwischen national und social iſt mißlungen. finnungen, so weit sie monarchische waren, einer" Görlizer Volkszeitung", die Wochenausgabe der„ Volkswacht" Das Nationale hat das Sociale vergewaltigt. Der Nationalist Naumann, Revision unterwerfen müssen. Statt dessen erfolgte und die in Waldenburg erscheinende Wahrheit" die edlen der Socialist Göhre- das zusammengeflicte Werk ist in seine be- eine für eine bürgerliche Gruppe allerdings ganz fräftige und erlauchten Herren des preußischen Herrenhauses beleidigt grifflichen Elemente und in seine persönlichen Träger nach kurzer Protestresolution und eine Rede Naumanns über das deutsche haben. Der Justizminister hat auf Antrag des Staatsanwalts Zwangsehe auseinandergefallen. Kaisertunt, die zwar aufrichtigen Schmerz und Enttäuschung zum AusDer Rechenschaftsbericht Göhres ist die Geschichte einer ursprüng- drud brachte, daneben aber auch Stellen enthielt, die wie ein die Ermächtigung zur Strafverfolgung nachgesucht, und das lich lediglich individuellen Stimmung, die, ohne viel grundfägliche Erklärungs, ja, beinahe tönnte man sagen: wie Haus hat sie ihm nach kurzer Debatte erteilt. Das war die Wir haben den verfolgten Artikel wiederholt auf das sorgUeberlegung und Klarheit, nach einem parteipolitischen Ausdruck ein Entschuldigungsversuch aussahen. rang, um, als fie ihn gefunden, an ihrer inneren Unmöglichkeit zu Haltung einer bürgerlichen Gruppe, nicht einer proletarischen, die fältigste durchgelesen, können aber keine Beleidigung darin erEs handelt sich um eine berechtigte Abwehr der fcheitern. Ein Gefühlsbedürfnis hat die Parteibildung geschaffen, sich durch jene Rede bis ins innerste Mart getroffen fühlt und sich blicken. in der dann jenes aber so wenig zu seinem Rechte tam, daß sich gerüstet hätte, um für das ganze Wohl und Weh ihrer Partei- junkerlichen Bestrebungen auf Einschränkung der Freizügigder Mitschöpfer von seinem entarteten Werke trennen mußte. Anhänger zu fämpfen. Ja, noch mehr: als kurz nachher der Kaiser feit, wobei das Maß der erlaubten Kritik mit keinem Gerade in den Tagen der Bernstein Debatte, da seine Fahrt nach dem Orient antrat, war bei dem Gros der National- einzigen Worte überschritten ist. Aber selbst wenn der Artikel bürgerliche Socialreformer den unüberbrüdbaren Gegensatz zwischen Socialen eitel Enthusiasmus, Oeynhausen schien vergessen und man dem proletarischen Socialismus und der bürgerlichen Socialreformerei wandte sich mit einer auffälligen Anteilnahme der orientalischen von Beleidigungen stroßte, so hätten die Herrenhäusler nicht aller Spielarten zu verwischen suchen, verlohnt es sich an der Hand Frage und in Verbindung damit überhaupt den auswärtigen und den mindesten Anlaß zu zimperlicher Empfindsamkeit. Denn der Göhreschen Darlegungen, gleichsam experimental die Un- Machtfragen zu, wobei man allerdings auf die zwei ersten Para- in der heutigen Sigung haben die Redner des Herrenhauses versöhnlichkeit beider Anschauungen, die Notwendigkeit des schroffen graphen der Grundlinien zurückgreifen fonnte. Diese beinahe den selbst eine wahrhafte Virtuosität bewiesen in Kraftworten, Entweder- Oder" nachzuweisen. ganzen vergangenen Winter ausfüllende Beschäftigung mit aus wie sie in Streifen Edelster" vielleicht gang und gäbe sein Göhres Sympathie, so erzählt er, galt seit jeher dem Arbeiter wärtiger, kolonialer und Weltmachtpolitik wäre unter den heutigen mögen, wie sie aber von gebildeten Leuten nicht angewandt zu stand, ihm ausschließlich. Er wurde Theologe, um der Arbeiter- innerpolitischen Verhältniffen einer wirklich proletarisch- socialistischen werden pflegen. Herr von Stumm darf beschämt beiseite bevölkerung und nur ihr religiös zu dienen. Als er in eine Partei ganz gewiß nicht möglich geweien; sie ist nur ein stehen, der Ruhm seiner berühmten„ Laufejungenrede" ist verChemnizer Fabrit eintrat, hatte er ursprünglich im Sinne, all sein neuer Beweis dafür, daß die Mehrzahl der Leben lang Arbeiter zu werden. Als Arbeiter, der den Tag über heutigen National Socialen im Grunde in das dunkelt durch die Reden der Levezow, Frhr. v. Malkan, Graf Pfeil, die mit Worten wie Frechheit, Gemeinheit, Erbärmlichin der Fabrik sein Brot verdient, wollte er den Arbeitern Jejum bürgerliche Lager hineingehört...." Chriftum verkünden. Er merkte alsbald, daß das nicht nur eine Das Ergebnis von allem ist die unwiderlegliche Thatsache, daß keit, Schmugblätter", und dergleichen nur so um sich warfen. ihre sehr schwierige, sondern nicht einmal unbedingt notwendige Sache aus proletarisch- socialistischen Anfängen der National- Socialen eine Freilich diese Herren dürfen sich, geschützt durch " " Jmmuntiat, alles erlauben, sie sind vor einer straf- rechtlichen Verfolgung sicher. Wenn aber der Redac- teur eines Arbeiterblattes in gerechter Empörung über junkerliche Anmaßung offen und unverblümt das sagt, Mas ist, dann laufen sie zum Kadi. Vielleicht wird aber der Richter dem Herrenhaus die Gefälligkeit erweisen, die Kritik der social- demokratischen Blätter als mindestens kompensiert durch die schimpftgen Reden jener Herren zu erklären. Eine Gefälligkeit wäre es, das Haus vor dem Spott der öffentlichen Meinung ein wenig zu schützen, dem derartige Beleidigungsquerclen es überliefern.—_ die Jnterpellatisn Verunreinigung der der Debatte teilte Regierung zur Be- Herrenhaus. Das Herrenhaus besprach am Freitag t>. Rheden-Struikmann betreffend die Gewässer durch die K a Ii- I n d u st ri e. In der Handelsminister Brefeld die von der seitigung der Mißstände unternommenen Maßnahmen mit, womit sich die Mehrzahl der Mitglieder zufrieden gab. Hierauf nahm das Haus, nachdem es die Genehmigung zur Strafverfolgung einiger socialdcmokratischer Blätter(siehe besondere Notiz) erteilt hatte, die von uns bereits mehrfach erwähnten Anträge betreffend das Schankstättcnvcrbot für Jugendliche in folgender, von der Kom Mission beantragten Fassung an:„Das Haus wolle die Regierung auffordern t. dahin zu wirken, daß für die schulentlassene männliche und weibliche Jugend bis zum Alter von 17 Jahren der Besuch von Schailkstättcn, namentlich von solchen, in denen Branntwein gcschäukt wird, verboten werde; 2. an die engeren und weiteren Kommunal- verbände eine Anregung dahin ergehen zu lassen, daß sie Einrichtungen treffen oder aus öffentlichen Mitteln unterstützen, welche den ge nannten jungen Leuten die Möglichkeit bieten, an Sonn- und Fest tagen in angemessener Weise eine erfrischende und veredelnde Unter Haltung zu erlangen." In der Debatte, an der sich Dr. v. Levetzow und Kom merzienrat S ch l u t o w beteiligten, wurde viel über die zunehmende Verrohung der Jugend geklagt, die die Junker gar zu gern auf die Zunahme der socialdcmokratischen Stimmen zurückführen möchten. Einen Beweis dafür zu erbringen, ist natürlich nicht möglich. Am Sonnabend stehen lleinere Vorlagen und die K a r f r e i t a g S- L o r l a g e auf der Tagesordnung.— Ein Dresdener Landfriedensbruchprozeß. Aus Dresden wird uns geschrieben: Ein Landfriedensbruchprozeß, der jetzt vor dem hiesigen Schwurgericht verhandelt wurde, fordert im höchsten Maße zu Vergleichen mit dem bekannten Zuchthaus Prozeß, der sich im Februar vor�demselben Gericht, wenn auch vor andern Richtern und Geschworenen abspielte, heraus. Der Vergleich ist besonders deshalb� lehrreich, weil es sich in diesem Fall nicht um eine That handelte, die irgendwie mit den Bestrebungen klassenbewußter Arbeiter in Zusammenhang gebracht werden kann. Sieben Arbeiter hatten sich bei einem Skandal auf dem Tanzsaal gegen den Auf seher des Tanzsaales zusammengerottet. Sie hatten ihn mit Biergläsern und Stühlen geschlagen, so daß er auf die Galerie flüchten mußte. Genau so wie in Löbtau schrie auch hier einer der Excedenten:„Schlagt das Luder tot!" Dort mußte diese Aeußerung die Anklage wegen„versuchten Totschlags" begründen, hier hat man das gar nicht erst ein- mal versucht. Es fielen noch andere böse Aeußerungen, wie: „Geht nicht fort, dem lauern wir auf, der bekommt was weg I" Alles in allem ein Exceß, der sich vom Löbtauer in Bezug auf die wörtlichen und thätlichen Vergehen nur insofern unterscheidet, daß er abends in einem Raum, in welchem etwa 6 Personen waren, passierte, und daß der Mißhandelte nicht so schlimm davon kam, weil er flüchtete, ferner daß die Excedenten hier nicht in so schwerer Weise gereizt worden sind. Der Vorsitzende des Gerichts hob während der persön- lichen Vernehmung der Angeklagten ausdrücklich hervor, daß ihre teilweise Trunkenheit mildernd angesehen werde. Den Löbtauer Arbeitern hat man bekanntlich die Trunkenheit nicht als mildernden Grund angerechnet. Die Anklage lautete auf schweren und einfachen L a n d f ri e d e n s b r u ch, gefährliche Körper- Verletzung, Hausfriedensbruch. Widerstand. Die sieben Angeklagten wurden zu Gefängnisstrafen von 1 bis 10 Monaten» nur einer zu IV» Jahren Zuchthaus. sämtlich aber zu Ehrverlust verurteilt. Das Straf- maß ist in diesem Falle sicher nicht etwa zu niedrig. Aber die Löbtauer Arbeiter, deren That als Ausfluß der Ar- beiterbewegung angesehen wurde, sind zuaZJahrenZuchthausMricdcv verurteilt worden.— nneindc Aeutsches Weich. DlSciplknarverfahren gegen Dr. AronS. Eine hiesige Korrespondenz will wissen, daß die weitaus größere Zahl der Mit- g lieber der philosophischen Fakultät der Berliner Universität sich agegen ausgesprochen hat. dem Privatdozenten Dr. Arons wegen seiner Zugehörigkeit zur Socialdemo- kratie die L eh r t h ä ti g keit an der Universität zu untersagen. Maßgebend für den Standpunkt der Mitglieder der Fakultat soll der Entschluß gewesen sein, an dem Grundsatze festzuhalten, daß einem Universitätslehrer in Bezug auf seine privaten Anschauungen volle Freiheit gesichert werden müsse, und daß Dr. Arons als Lehrer der Physik keinerlei Gelegenheit habe, in seiner Lehrthätigkeit politische Anschauungen zum Ausdruck zu dringen. Wir lassen dahingestellt, ob diese Mitteilung richtig ist. U n- r'i ch t i g ist die Meinung jener Korrespondenz, als sei das Ver- fahren von der Fakultät bereits abgeschlossen. Es kann sich vorläufig nur um eine Mutmaßung handeln, daß die Mehrheit der Fakultät von der Maßregelung des Privatdozentcn Dr. Arons nichts wissen wolle.— Freiherr v. Wangeuhetm, der bekannte Führer und Agitator des Bundes der Landwirte, hat bis zum 1. April diese» Jahres keine Einkommensteuer bezahlt. Diese Thatsache ist in einer Wählerversammlung in Spandau zur Sprache gebracht worden und mußte vom Bund der Landwirte zugegeben werden. Dem- gegenüber ist festzustellen: 1. Herr V. Wangenheim bezahlte nach dem Zeugniß des konser- vativen Wahlkomitees von Pyritz-Saatzig im Jahre 1868 an Vermögenssteuer 199 Mark 80 Pf.— entspricht einem schuldenfreien Vermögen von etwa 400000 Mark. 2. Herr v. Wangenheim bezahlte 16000 M. Maischbottichsteuer, hatte ein Spirituskontingent von über 80 000 Litern— entspricht einer Liebesgabe von über 16 000 Mark. 3. Herr v. Wangenheim hat ein Gut von 767 Hektar mit einem Grund st euer-Reinertrag von 2628 Mark. Es ist nach alledem höchst interessant, daß dieser reiche Mann. der doch in seinen Reden so unermüdlich für die Interessen des Vaterlandes eintritt, bis zum 1. April d.J. keine Einkommen- st euer bezahlt hat. Proletarier, sofern sie nur da« gesetz- liehe Minimum von 900 M. verdienen, bezahlen prompt ihre Ein- kommensteuer— Die alte Konsistorial-Verordnung von 1573, die in Berlin so viel böses Blut gemacht hat, spukt jetzt auch in der Hauptstadt der A l t m a r k. in Stendal. Der Kirchenrat von St. Jakobi ist so findig gewesen, sie für seine Zwecke nach der Altmark zu citieren, nachdem sie bisher nur in der Reichshaupstadt ihr Wesen getrieben hatte. Der vor langen Jahren eingestürzte Turm der uralten St. Jakobikirche soll wieder erbaut werden. Die Kosten dafür wurden auf 67 000 M. veranschlagt, wovon 50 000 M. bereits allmälig angesammelt waren. Für die Renovierung der inneren Kirche, die mit dem Bau des TunneS Hand in Hand gehen sollte, waren außerdem 18 000 Mark angesetzt. Ter Plan hatte die Zustimmung der Regierung gefunden. Mit einem Male stieß der Gemeinde» Kirchenrat seinen Beschluß wieder um; er will jetzt den Turm auf eine Höhe von 33 Meter(vorher 16 Meter) bringen und die Renovierung des Kircheninnern so ausgedehnt ausführen, daß sie einen Kostenaufwand von 56 000 M. erfordert. Zur Beschaffung der Mittel citieren die Kirchenväter die alte Konsistorial-Verordnung, die für die kur- brandenburgischen Lande erlassen wurde und die nunmehr auch in Stendal wieder zu Ehren gebracht werden soll. Auf den Ausgang dieses Streites darf man umsomehr gespannt sein, als die Ver- mögensverhältnisse der Jakobikirche nicht ungünstig sind. Es ist ein Barvermögen von 88 000 M. vorhanden, außerdem besitzt die Kirche Ländereien, die 2000 M. Pacht bringen. Zudem hat in der Altmark etliche Jahre die westfälische Gesetzgebung geherrscht, durch die jene alte Verordnung wohl als aufgehoben angesehen werden dürfte. Et» rebellischer Nationalliberaler hat im Nationalliberalen Verein zu F r a n l f u r t a. M. einen Vortrag über„Die B e- Handlung geistiger Angelegenheiten in Preußen unter dem Ministerium Bosse" gehalten, in dem er die Reaktionspolitik vernichtend charakterisierte. Der Redner, ein Pfarrer Förster, bedauerte, daß die Liberalen der Regierung gegenüber zu viel schwiegen. Nationalliberale hätten sogar„Strafprofessoren" gegen Berliner Nationalökonomen gefordert. Die Folge dieses schwächlichen und tadelnswerten Verhaltens der nationalliberalen Partei sei, daß sie mehr und mehr an Ansehen in den Kreisen ver- liert, aus denen ihr früher die Führer erwachsen sind. Es sei die höchste Zeit, daß die nationalliberale Partei der Behandlung geistiger Angelegenheiten mehr Verständnis und Aufmerksamkeit widmet. In der Debatte brachte Förster u. a. noch den Goslarer Fall Wisliccnus zur Sprache und sprach von Bosse's.Dienstwilligkeit gegen kirchliche Engherzigkeit". Liberaler Johannistrieb!— Politik in der Schule. Schüler der beiden obersten Klaffen eines bayrischen Gymasiums haben, unter Zustimmung des Direktors, 200 M. für Zwecke der Flottenvermehrung aufgebracht. Ein Beweis, daß die Herren Eltern ihnen überflüssig viel Taschengeld haben angedeihen lassen. Wenn demnächst einmal politisch begeisterte Schüler etwa für die socialdemokratische Parteikaffe sammeln sollten, so wird der Direktor die jungen Leute wohl auch in ihrem Thun fördern. Uebrigens sind die Söhne nobler als die Väter. Denn als die Alldeutschen vor zwei Jahren für die Flotte sammelten, da brachte die gesammte Gilde der Hochbcsitzcnden und Hochgebildeten für ihre werkthätige Wasserschwärmerei bare 10000 M. zusammen. W i r haben natürlich gar nichts dagegen, wenn unsere Flottenpatrioten die Mittel für ihre Liebhaberei selbst aufbringen. Aber wo es zahlen heißt, da versalzen die Herren allemal kläglich und verlassen sich ganz auf den— Reichstag.— „Zu den glänzendsten Erscheinungen am Berliner Hofe gehört auch— so lesen wir in der„Woche"— Fürstin Alfred zu Salm- Dyck, ein Ideal stolzester und doch reizendster Weiblichkeit. Der Zauber ihrer Persönlichkeit vermag durchzusetzen, was sonst nicht so leicht am Berliner Hofe erreicht wird Als die Fürstin dem Kaiser auf einem Kostümfest bemerkte, daß ihr Gemahl wohl der einzige sei, der keinem Truppenteil an- ehöre, und deshalb in Civil kommen müsse, versetzte der a i s e r lächelnd:„Wer könnte den Wunsch einer so schönen Frau nicht erfüllen" und stellte den Fürsten sogleich a. la snite seiner Gardekürassiere." Ein streitbarer Gotteödicner scheint, so berichtet man uns, der katholische Pfarrer Frankhauser aus dem Dorfe Frauenberg bei Saargemünd zu sein. Im Oktober verflossenen Jahres war derselbe vom Schöffengericht zu Saargemünd zu einer empfindlichen Geldstrafe verurteilt worden, weil er während eines von ihm abgehaltenen Gottesdienstes der Frau des Lehrers I s s I e r, mit deren Familie er in stetem Unfrieden lebte, angesichts der versammelten Kirchgemeinde einen ganzen Wedel voll eihwasser ins Antlitz gespritzt hatte. so daß die Frau bis auf die Haut durchnäßt war. Die gericht- liche Sühn« dieser Handlungsweise scheint bei dem Frauen- berger Pfarrer jedoch ohne jeden Eindruck geblieben zu sein; denn vorige Woche stand er abermals vor den Schranken des Gerichtes, diesmal der Saargeniünder Strafkammer, um sich dort wegen Mißhandlung einiger Schulkinder während des von ihm erteilten Religionsunterrichts und wegen thät- licher und wörtlicher Beleidigung des Lehrers Jsslcr zu ver- antworten. Der Angeklagte, ein stämmiger Mann von etwa 40 Jahren, wurde vom Vertreter der Anklagebehörde als ein gewaltthätiger, treitsüchtiger Charakter geschildert, der, statt ein Bote des 'riedens zu fein, nur Zank und Streit in seiner Gc- stifte. Wie die Beweisaufnahme ergab, hatte er sich wiederholte Ueberschreitungen des Züchtigungsrechtes, das ihm als Lehrperson zusteht, zu Schulden kommen lassen. So hatte er u. a. ein zwölfjähriges Mädchen dermaßen an den Haaren ge- rissen, daß ein ganzes Büschel derselben aus- ging. Mehrere Jungen, die ihre Lektion nicht konnten oder Ab- fchriften nicht gemacht hatten, wurden von ihm blau g e- s ch l a g e n, zur Thür hinausgeworfen und dabei mit wuchtigen Fußtritten regaliert. Als der Lehrer Jssler einmal während des Religionsunterrichts die Thüre des Schulzimmers von aüßen öffnete, um etwas anzuordnen, rief ihm der Pfarrer mit erregter Stimme zu:„Packen Sie sich hinaus, hier habe ich allein zu kommandiren!" Und als der Lehrer nicht sogleich ging, stürzte sich der Pfarrer auf die Thüre und schlug sie mit solcher Gewalt zu, daß sie Jsslcr mit einem heftigen Schlag in den Rücken traf. Dann sagte er den Schulkindern:„Hier habt ihr auf niemanden zu hören als auf mich, nicht einmal auf den Schulmeister!"" DaS Gericht verurteilte den Frankhauser, da mir wegen der oben erwähnten Mißhandlung einer Schülerin der er- forderliche Strafantrag vorlag, wegen dieses Vergehens zu einer Geldstrafe von 100 Mark eventuell 10 Tagen Ge- sängniß. Eine förniliche Bele�gung des Lehrers Jssler wurde nicht als vorliegend erachtet, obwohl sich das Gericht der Ueberzeugung nicht verschloß, daß das Verhalten des Pfarrers äußerst tadelnswert und insbesondere dp zu angethan war, die Autorität des Lehrers bei den Schulkindern vollständig zu untergraben. Die Wünsche der Gastwirte. Für den am 7. und 8. Juni in Dresden stattfindenden deutschen Gast Wirts tag ist be- antragt worden: 1. Beim Ministerium des Innern dahin vorstellig zu werden, daß die Hergabe von Sälen für Wahlver- sammlungen, gleichviel welcher Partei, nicht zur Veranlassung für einen Militärboykott gemacht werde. 2. Zu er- wirken, daß die Tanzbcluftigungcn nicht von einer jedesmaligen Genehmigung abhängen. 3. Herbeiführung der Aichung der Branntwein- und Spiritusfässer. 4. Entschädigung der Gasthofbesitzer bezm. Pächter durch die Reichs- und Landesbehörde für ihre Aufwendungen und Er- werbsschädigung bei Ausführung des Biehfeuchengesetzes. 5. Eingabe an den Reichstag betreffend die reichsgesetzliche Regelung der Polizeistundcnfrage. 6. Erlaß eines Gesetzes, wonach künftig in den Stadt- und Kreisausschüffen Gastwirte(möglichst Vorstandsmitglieder des betreffenden Ortsvereins) als Sachverständige in Konzessions- anlegenheiten Sitz und Stimme erhalten. 7. Stellungnahme gegen die Erteilung von Massenkonzessionen und Regelung des sogenanmen Vertretersystems. Ferner soll eine Aussprache über die Forderungen der Ga st Wirtsgehilfen stattfinden. Chronik der MajestätöbeleidignngS-Prozeffe. Wegen MajestätSbeleidigunq stand der Schuhmacher Johann Heinrich K i st n e r vor der Straftammer in Nürnberg. Er hatte im Januar d. I. nachts auf der Straße_ gröbliche Be schnnpfungen gegen König Otto, den Prinzregenten Luitpold und den Bürgernreister Dr. v. Schuh ausgestoßen. Der Angeklagte be- hauptete, von dem ganzen Vorfall nichts zu wissen, da er völlig be- trunken gewesen sei. Die Strafkammer erkannte trotzdem auf n e it n Monate Gefängnis bei sofortiger Verhaftung des Ange- klagten._ Kontraktbrüchig! Behörde und Arbeitgeber in einer Person sind, so schreibt man uns aus Ostpreußen, auf dem Laude eine große Zahl von Guts- besitzern. Die Amtsvorstcher werden fast ausnahmslos aus den Kreisen der größten Besitzer gewählt. Dieses Verhältnis ist für die Arbeiter oft außerordentlich schädlich. Bei Streitigkeiten wegen des Arbeitsverhältnisses hat sich der Landarbeiter zuerst an den Amts- Vorsteher zu wenden. Das hat aber nicht immer den gewünschten Erfolg, wenn dieser Amtsvorsteher der Arbeitgeber selbst ist. Im ostpreutzischen Ort Neuendorf war bei dem Amts- Vorsteher und Gutsbesitzer Abrahm ein Knecht aus den Dienst ge- treten. Der Mann hatte aus Unkenntnis der gesetzlichen Bestimmungen nicht rechtzeitig gekündigt. Sein bisheriger Arbeitgeber erklärte ausdrücklich, daß er den Knecht des- wegen nicht ziehen lassen wolle, weil er ein ordentlicher, brauch- barer Arbeiter sei. Der Knechtwollte aber auf keinen Fall ein weiteres Jahr bleiben. Wegen unberechtigten Verlasfens der Arbeit hatte er erst in seinem jetzigen Wohnort Plauen drei Tage Haft abzusitzen. Da das nicht fruchtete, mußte er eine zweite Strafe von 7 Tagen im Amtsbereich feines früheren Arbeitgebers verbüßen. In der im Spritzcnschuppen befindlichen Zelle befand sich als Lager eine Schütte Stroh. Während der ganzen Zeit kam der Gefangene nicht ein einziges Mal an die frische Luft, ferner erhielt er, wie er be- hauptet, keine Decke, so daß er in den sieben Nächten in den Kleidern schlafen mußte. Da der Mann auch jetzt noch nicht geneigt mar, in den Dienst zurückzukehren, mußte er am 15. März eine dritte Haststrafe von 14 Tagen antreten. Als der Gefangene drei Tage auf dem Stroh wieder ohne Decke zugebracht hatte, forderte er von seiner Auffeherin, der Frau des Nachtwächters, daß sie ihn dem Amts- Vorsteher vorführe. Als der Amtsvorsteher von der Frau hörte, daß der Gefangene eine Decke fordern wolle, erklärte er: Das ist immer fo gewefen und wird auch so bleiben. Der eingesperrte Knecht mußte sich bescheiden und blieb aber- mals während der 14 Tage in den Kleidern. Die Arrestzelle im Spritzenschuppen ist mit Ziegeln gepflastert und war auch nicht warm genug. Mit bis zum Knie geschwollenen Beinen kam der Knecht aus dem Loch und mußte eine Woche lang krank das Bett hüten. Auf eine von ihm eingereichte Beschwerde wegen der Behandlung im Gefängnis ist bis jetzt keine Antwort eingetroffen. Der Amtsvorsteher und Arbeitgeber Abrahm gab sich aber auch nun noch nicht zuftieden. Am 29.' April ließ er in dem jetzigen Wohnorte des Knechtes einen Ukas bekannt machen, daß Schimmel- Pfennig„wegen Verlassen seines Dienstes gerichtlich bestrast ist und zur Zeit polizeilich durch Zwangsmaßregeln zur Fortsetzung seines Dienstes angehalten wird", daher nicht das Rechl habe,„sich anderweitig zu vermieten oder Arbeit anzunehmen". Zum Schluß wird in dem Schriftstück jedem eine Belohnung von 3 M. in Aussicht gestellt, der dem Abrahm einen Arbeitgeber anzeigt, der den Knecht beschäftigt. Mit größerer Ausdauer wie der Gutsbesitzer Abrahm seinem Knecht, konnte ein Sklavenhalter einem entlaufenen Sklaven kaum nachstellen. DaS Ende der Leidenszeit deS jungen Mannes ist nicht abzusehen. Wer will sich aber wundern, wenn die Landarbeiter eine Gegend verlassen, wo derartig mit ihnen verfahren wird?— Ausland. Die Ucberführnng Dreyfus' nach Frankreich. „Petit bleu" teilt mit. eine Abteilung Gendarmen und republikanische Garde solle nach Cayenne abreisen, um. sobald die Zu- läsfigkeit der Revision ausgesprochen sei, DreyfuS nach Frankreich zurückzuführen, wo derselbe Ende Juni eintreffen dürfte.— Nach einer Meldung des„Gaulois" werden wahrscheinlich die Revisions- Verhandlungen, für welche der 29. Mai angesetzt war, einige Tage hinausgefchoben werden, um Kundgebungen und Znsannnenstöße von Freunden und Gegnern der Revision zu vermeiden, da auch die Berhandluug gegen Doroulede an demselben Tage stattfindet. Bezüglich des Zwischenfalles Cnignet-Palöolognc veröffcnt- licht das„Petit Journal" zwischen Frehcinet und Deleafse gewechselte Korrespondenzen, in denen Delcasss die von Paläologne begangenen Inkorrektheiten zugiebt. nachdem Palöologue, der im ersten Briefe den Sachverhalt in Abrede stellte und erst durch Freycinet zum Ge- ständnis gezwungen wurde, dies eingcräunit hat. In der Kammersitzimg vom Freitag interpellierte der S o c i a l i st V i v i a n i wegen der Veröffentlichung der zwischen Delcasss und Frcycinet in betreff des Zwischenfalls Paleologue-Cuignet geweckselten Briefe und fragt an. ob diese Briefe authentisch seien. Der Kriegsminister antwortet. Major Cuignct sei, als die Briefe im„Petit Journal" erschiene» waren, aus' freien Stücken zu ihm gekommen und habe erklärt, daß er ver- gangenen Sonntag diese Briefe einem seiner Freunde, dem Rickiter Grosjean in Versailles übergeben habe, welcher dieselben dem„Petit Journal" mitgeteilt Hobe.(Bewegung, lebhaste Protestrufe!) Der Kriegsminister fügt hinzu, er habe im EinverstÄndiiis mit der Sic- gieruug den MajorCuignet aus d e m D i e n st entlassen. (Beifall.) Delcassä besteigt unter anhaltendem Lärm der Rechten die Rednertribüne und beweist, daß die Briefe, welche er an Frcycinet geschickt habe, vom Kapitän Cnignet und dem„Petit Journal" gc- fälscht worden sind. Die Rechte versucht, den Redner am Weitersprechen zu verhindern, aber Delcasss ruft aus: Ich werde ausharren und die Rednertribüne nicht eher verlassen, als bis ich fertig bin. Delcasss rechtfertigt sodann die Haltung Palsologucs vor dem Kassations- Hof und beweist die zweideutige Haltung Cuiguets. Mehrere Antisemiten, die Delcasss unterbrachen, wurden zur Ordnung gerufen. Der Vorsitzende läutet permanent mit der Glocke; da es unmöglich geworden ist. daß sich noch ein Redner vernehmlich machen kann. wird die Erörterung geschlossen. Es sind zwei Tagesordnungen ein- gebracht: Nach der ersten soll der Regierung ein Vertrauensvotum ausgesprochen werden, nach der andere» soll zur einfachen Tages- ordnung übergegangen werde». Die Regierung fordert das Ver- trauensvotum, das mit 389 gegen 65 Stiuunen angenommen wurde. Diese Abstimmung bedeutet eine neue Niederlage für die Gegner der Revision. Oestreich- Ungar». Obstruktion im nicdcröstreichischen Landtag. Wien, 12. Mai. Im niederöstreichischen Landtage behauptete der Ab- geordnete Kopp, die Minorität sei durch das klerikal-antisemitische Präsidium vergewaltigt worden; Kopp verlangte hierfür naincns der Liberalen Genngthnung. Da Kopp nicht zufriedengestellt wurde, ver- ließen die Liberalen,' die Socialpolitikcr, ein Teil der Deutsch- nationalen und der verfassungstreue Großgrundbesitz den Saal, sodaß der Landtag beschlußunfähig wurde. Schweiz. Genf, 9. Mai.(Eig. Ber.) Wie in St. Gallen, so liegen auch hier die Verhältnisse immer noch so, daß bei den Wahle» die Socialdemokraten mit den Radikalen zusaminengehen und fo geffen- über den Konservativen in der Mehrheit sind. Mit diesem Stand der Dinge sind aber nicht alle Genossen zuftieden und so ist in letzter Zeit im soeialdemokratischen Lager eine Spaltung ein- getreten. Die Secessionisten haben für ihre Taktik folgende Punkte als Richtschnur aufgestellt: 1. Unvereinbarkeit eines gesetzgebenden mit einem ausübenden Mandate. 2. Imperatives Mandat. 3. Vor- herige Beratung der den gesetzgebenden Körperschaften unter» breiteten Tagesordnung und nachherige Berichterstattung über die Haltung der Kantons- resp. Stadträte gelegentlich dieser Distussion. 4. Beratung über die den gesetzgebenden Versammlungen zu unterbreitenden Entwürfe und Anttage. 5. Keine Wahlkompromisse mit anderen Parteien, ö. Keine Vertretung in den Exekutivbehörden, so lange in den legislativen Versammlungen die Merheit nicht vorhanden ist.— Speciell der letzte Puntt zeigt, dah die Bildung der neuen Fraktion mit der Haltung des soeialistischen Staatsrats Thiebaud zusammenhängt, dem sein Benehmen während des vorjährigen Bauarbeiter- Streiks sehr zum Vorwurfe gemacht wird lim Deutschen Reichstage erhielt er hierfür seiner Zeit das Lob des Herrn Hehl). Die neue Gruppe benennt sich soeialdemokratische Partei und hat bereits ein eigenes Preßorgan geschaffen, in dem besonders das bisherige Partei-Organ ..Le Peuple" bekämpft werden soll. Gewiß ist in der heutigen social- demokratischen Partei nicht alles, wie es sein soll, aber die Spaltung hätte doch vermieden werden sollen.— Italic». Das neue italienische Ministerium scheint nunmehr im wesentlichen fertig zu sein, wenn auch noch keine offizielle Nachricht von der Bildung desselben vorliegt. Man meldet: Der Konseil- Präsident P e l l o u x übernimmt zugleich das Ministerium des Innern, Viseonti-Venosta wird Minister des Auswärtigen, General M i r r i Kriegsminister, Viee-Admiral B ett o lo Marine- minister, S a l«i d r a oder Prinetti Schatzminister, B o s e l I i Finanzminister, Baccelli übenümmt das Ressort des öffentlichen Unterrichts, L a c a v a das Departement der öffentlichen Arbeiten Das neue Kabinett hat seine Hauptbasis in dem Centrum und der R e ch t e n. S o n n i n o wird im Parlament Leiter der mini- steriellen Partei sein.— Außer den obigen werden noch folgende Persönlichkeiten genannt: Palberti für das Justizministerium, Prinetti für dasjenige des Ackerbaues und Di San Giuliano oder Frola fiir Post und Telegraphie. Malatestas Flucht. Der Anarchist Malatesta ist mit seinen Genossen Epifani und Vivoli von der Insel Lampedusa geflohen und hat sich nach Gibraltar und von dort nach London begeben. Malatesta war vor zwei Jahren in Ancona verhaftet und zu mehreren Monaten Gefängnis verurteilt worden. Nachdem er die Strafe abgebüßt hatte, wurde er aber nicht in Freiheit gesetzt, sondern zu weiteren 5 Jahren Zwangsdonnzil verurteilt und nach der Insel Lampedusa geschickt. Hier bekam er oft Geld von den englischen Anarchisten und machte verschiedene Fluchtversuche. Es gelang ihm aber niemals, obwohl es ihm nicht zu schwer dünkte, weil er oft als Dolmetscher auf den englischen Schiffen fungiert hatte. Eben hatte die Regierung' beschlossen, ihn nach der Insel Lipari zu schicken, von wo jede Flucht unmöglich sein sollte. Hier nun suchte Malatesta entweder die Freiheit oder den Tod. Er benutzte eine Nacht, wo das Meer sehr bewegt war, und von einem furchtbaren Sturm begünsttgt, flüchtete er sich auf einer Fischerbarke mit seinen zwei Genossen an die tunesische Küste. Von dort ging er nach Gibraltar und nuK hat er sich, wie schon gesagt, nach London begeben. Malatesta ist bekanntlich jener Anarchist, der vor einigen Jahren bei Gelegenheit der Revolution in Mass» und Carrara, ganz Italien im Priestergewand durchreiste, um sich vor der Polizei zu verbergen.— Amnestie in Italien! Die Tochter Garibaldis soll jüngst beim König wegen Begnadigung der Mailänder Verurteilten vorstellig geworden sein. Der König soll darauf er- widert haben:„Ich brauche dazu nicht angeregt und gedrängt zu werden, denn auch ich ftihle Mitleid. Die passende Gelegenheit wird schon kommen.' In gut unterrichteten Kreisen glaubt man mit Sicherheit annehmen zu dürfen, daß im Juni, am Tage des Nationalfestes, ein Amnestie-Erlaß bekannt gegeben werden wird. Nur über die Grenzen dieses sogenannten Gnadenaktes herrschen noch Meinungsverschiedenheiten. Monarchisch gesinnte Blätter fragen mit großer Besorgnis, ob bei einer etwaigen Aufhebung der Strafen auch die Wirkungen der Verurteilungen, wie die Aberkennung der Ehrenrechte und der Wählbarkeit, aufgehoben werden sollen Als Beispiel führt man den Fall Cipriani an; Cipriani sei zwar be- gnadigt worden, aber ein Ehrenamt dürfe er nicht mehr bekleiden Der gemäßigte„Corriere della Sera" tritt für die Begnadigung in vollem Unfange ein, da die Aufrechterhaltung der Aberkennung der Wahlrechte den Socialiften und Radikalen nur neuen Agitationsstoff liefern würde.— Prozeß Peöcetti. In Florenz wird in den ersten Tagen des Juni unter dem Vorsitz des Richters Marini der Prozeß gegen den soeialistischen Abgeordneten Giuseppe Pescetti beginnen. Die Anklage vertritt der Staatsanwalt Cav. Cavalli, der ein sehr„schneidiger -Herr sein soll und als Socialistentöter gilt. Pescetti wurde, wie man sich erinnern dürfte, im Kontumazverfahren vom Kriegsgerichte zu Florenz zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt„wegen Aufreizung zum .Bürgerkrieg und zur Plünderung". Diese grauenvolle Umsturzthat verübte er im Mai v. I. während der Unruhen in Italien. Als man ihn verhaften wollte, suchte und fand er ein Asyl im Parlaments- gebäude, von wo er dami nach dem Auslande entwich. Da er sich später aber freiwillig den Behörden stellte, mußte, nach italienischem Recht, das KontumazuNeil umgestoßen und die Sache zu einer neuen Verhandlung vor die Geschworenen verwiesen werden. Man spricht davon, daß noch mehrere Personen, die mit Pescetti zusammen ver- urteilt wurden und die ebenfalls entflohen sind, sich frenvillig stellen wollen. Wenn die Selbststellung spät erfolgen sollte, dürfte der Prozeß Pescetti vertagt werden, weil gegen alle zusanimen verhandelt iverden würde. Einer der Flüchtlinge, der Advokat Zanni, soll jedoch mirgeleilt haben, daß die Entflohenen sich erst nach dem Prozeß Pescetti einzeln stellen wollen.— Türkei. Türkisches. Aus Konstantinope! kommt die folgende Meldung: jstvei Abgesandte der Bewohner der südlichen Sporaden, welche seit Monaten hier weilen, um die vier Jahrhunderte alten, von der Pforte seit 1867 immer mehr eingeschränkten Privilegien im ursprünglichen Umfange wieder zu erlangen, wurden»ach bei ihnen vorgenommenen Haussuchungen verhaftet. Der englische iiiid der russische Botschafter sind bemüht, ihre Freilassung zu erwirken.— Afrika. Die Oeffmmg dcS Sudan. Wie den„Times" aus Kairo gemeldet wird, beabsichtigt der Sirdar Lord Kitchener, im September, wenn die Bahn bis Kharwm fertiggestellt ist, den Sudan für den Handel ohne Einschränkung zu öffnen. Ausländische Waren sollen von Abgaben frei sein, abgesehen von einer kleinen Eintragungs- gebühr in Wadihalfa; den Europäern soll es gestattet sein, Land zu erwerben._ Neirhskag. (Schluß aus der 1. Beilage). Abg. Freiherr v. Stumm(Rp.) (auf der Tribüne unverständlich) scheint den soeialdemokratische» An- trag als eine Ungerechtigkeit charakterisieren zu wollen. Er beantragt, daß Erwerbsunfähigkeit"dann nur anzunehmen sei, wenn der Ver- sicherte nicht mehr ein Fünftel des Durchschnitts der Lohnsätze ver- dienen kann, die für seine Beschäftigungsart in Bettacht kommen. Abg. Molkcnbnhr(Soc.): Es ist unstteitig sehr schwierig, genau zu fixieren, wenn ein Ar- beiter Invalide wird. Zweck des Gesetzes ist doch, jedem invalid gewordenen Arbeiter die Rente zuzubilligen. Wie wenig das jetzige Gesetz den Verhältnissen ent- spricht, zeigen uns die Jnvaliditätserklärungen aus den ersten Fahren, also aus der Zeit, in der man sich stritte an die Gesetzesbestimmuiigen gehalten hat. Nach der Voraus- setzung sollten 1892 im ersten Jahre nach Inkrafttreten des Gesetzes rund 69 000 Invalidenrenten beansprucht werden. Von diesen Rentnern sollten im Laufe des Jahres 2000 wieder ausscheiden, so- daß am Schluß des Jahres 67 185 Invaliden vorhanden sein würden. Der Zugang des nächsten Jahres sollte 68 628 sein und nach der Voraussetzung sollten von den Herübergenommencn 67 185 sterben 3951, sodaß am Schluffe des zweiren Jahres noch 131 900 Invaliden vorhanden sein sollten. Thatsächlich kamen statt der ermatteten 69 000 nur 13 400, von diesen schieden aber auch gleich im ersten Jahre wieder 1406 aus, darunter 399 durch Tod, sodaß statt der erwarteten 67 000 nur 11999 vorhanden waren. Diese Zahl war unstreitig der beste Beweis, daß man die Jnvaliditäts grenze so gesetzt hatte, daß sie dem Willen der Gesetzgeber nicht entsprach. Man erwartete eher Invaliden und einen erheblich niedrigeren Abgang. Mit den Wahrscheinlichkeitsberechnungen hatte man die Sterblichkeit auf 5,8 Proz. angenommen, während thatsäch lich die Sterblichkeit 10,2 Proz. war. Diese doppelt so hohe St erb lichkeit beweist, daß die Leute Rente erhalten in einem Zustande, wo sie thatsächlich viel weiter heruntergekommen sind, als man angenommen hatte. Das hat sich im Laufe der Zeit etwas geändert, aber nicht weil die Gesetzeskenntnis in weitere Schichten gedrungen ist, sondern weil die Vollstrecker des Gesetzes eigentlich gegen das Gesetz und mehr nach Billigkeit entschieden haben. Das ist aber unhaltbar. Unter diesen Umständen wird die Rentenbewilligung lediglich zu einer Almosenbewilligung. Man sagt, der Mensch braucht es. wenn auch die einzelnen gesetzlichen Bestimmungen nicht zutreffen Nachdem man aber so lange Erfahrungen gesamni'elt hat, solltd man das Gesetz mehr den Thatsachen anpassen und dies( kommt ihnen auch insofern mehr entgegen, weil ausgeschieden wird die Teilung in thatsächlichen Arbeitslohn und ortsüblichen Tagelohn gewöhnlicher Arbeiter. Mit der Aufhebung dieser Zweiteilung bezweckt man, den hochgelöhnten Arbeitern einen kleinen Vor teil zu gewähren. Durch' diese Aufhebung aber sind die Leute. die weniger als den ortsüblichen Tagelohn eines gewöhnlichen Arbeiters haben, schlechter gestellt, als bisher. Wir stellen uns au" den Standpunkt, daß unter allen Umständen die In v a lid it ät s g r enz e auf einen Punkt gelegt werden soll, wo der Arbeiter thatsächlich aufhört erwerbsfähig zu sein. Er ist es, wenn er auf ein geringeres Maß als die Hälfte seiner bisherigen Verdienstfähigkeit herabgesunken ist. Wir haben dann weiter, uni die schlechtgelohnten Arbeiter zu berücksichtigen, die Latitude gelassen, daß, wenn der Arbeitsverdienst desjenigen Arbeiters, der weniger verdient als der ottsiibliche Arbeitslohn eines gewöhnlichen Tagearbeiters betrögt. auf weniger als die Hälfte gesunken ist, er dann für invalide ettlart wird. Da kommen wir auch dem Wunsche des Herrn v. Stumm entgegen, der besonders die niedrig gelohnten Arbeiter ein wenig betticlsichtigen will. Leute, die schlecht gestellt sind, dürfen durch solche Versicherungsgesetze nicht noch schlechter gestellt werden. Wir bitten deshalb um Annahme unseres Antrages.(Beifall bei den Socialdemokrateil.) Abg. Lehr(natl.) bittet um Annahme seines Antrags, der das, was die Kommission eigentlich wolle, klarer fasse. Abg. Rösicke(wildlib.) wendet sich gegen den Antrag des Frhrn. v. Stumm und bittet, es bei den Kommissionsbeschlüssen zu belassen. Der Antrag Stumm stst zwar gut gemeint; in der Praxis aber könnte es vorkommen, daß er gerade das Gegenteil dessen bewirkt, was er erreichen will. Es könnte sich dann nämlich jeder dadurch eine höhere Rente sichern daß er im letzten Jahr sich in einer höheren Lohnklasie versichert. Was den socialdemokratischen Antrag anlangt, so ist er ohne Zweifel sehr menschenfreundlich. Aber den Deduktionen des Abg Molkenbuhr kann ich nicht so ohne weiteres beistimmen. Auch glaube ich nicht, daß die Arbeiterschaft es sich gefallen lassen würde, daß man den Beitrag so sehr erhöht, ivie es nach seinen Wünschen nötig wäre Abg. Sachse Soc.): Ich kann das zuletzt vorgebrachte Bedenken des Abg. Rösicke nicht anerlenneil. Wir haben im Deutschen Reiche so viel Geld für andere Ausgaben übrig. Sollte es da. nicht möglich sein, den Anstalten die Mittel zur Verfügung zu stellen, die die Durchführung unseres Antrages erfordert. Herr o. Stumm hat vor acht Tagen das Knappschaftswesen hervorgehoben und als Muster aufgestellt Nun, gerade das Knappschaftswesen erkennt den Anspruch air Peusionicrung bereits dann an, wenn der Betreffende die Hälfte seiner Arbeitsfähigkeit eingebüßt hat. Das ist zufällig eine den Arbeitern günstige Seite des Knappschaftswesens. Ich wundere mich darüber, daß Freiherr v. Stumm auf diese nicht hingewiesen. Oder will er nur das Knappschaftswesen in so weit empfehlen, als es den Arbeitern ungünstig ist? Abg. Hitze(Ctt.) erklärt sich mit dem Antrag Lehr einverstanden. Dagegen bittet er. die Anträge Albrecht und Stumm abzulehnen. Der erstere würde unzweifelhaft eine Erhöhung der Arbeiterbeiträge zur Folge haben der letztere würde bei seiner Durchführung wegen seiner komplizierten Bestimmungen auf Unzuträglichkeiten stoßen. Abg. Frhr. v. Stumm(Rp.) polemisiert gegen den Abg. Rösicke und bleibt dabei, daß die von ihm vorgeschlagene Regelung die beste sei. Abg. Molkenbuhr(Soc.):j Was Herr v. Stumm beantragt hat, stellt eine kleine Verbesse rung der Sache dar, entspricht aber noch nicht den billigen Ansprüchen, deren Verwirklichung wir verlangen können. Herr v. Stumm ereifert sich darüber, daß ein Mann, der bis dahin 3000 M. verdient hat, bereits Invalidenrente bekomme» kann, wenn er nicht mehr in der Lage ist, 1000 M. zu verdienen. Dann ivird er aber in den meisten Füllen auch arbeitsunfähig sein. Nun glaubt Herr Rösicke. daß. wenn unser Antrag angenommen würde, dann eine erhebliche Vermehning der Zuerkennung der Invalidenrente stattfinden werde. Das bestreite ich. Ich behaupte, die übergroße Zahl der gegenwärtigen Jnvalidenrentdii ist bewilligt worden, obwohl die Bedingungen des Gesetzes nicht erfüllt worden sind. In den meisten Fällen ist aus Billigkeitsrücksichten erkannt worden, daß der Mann Invalide ist. Das ist aber ein Zustand, niit dem man sich wohl eine Zeitlang als Notbehelf abfinden kann. Auf die Dauer ist er aber unhaltbar, weil von der Billigkeit immer ein schwankender Gebrauch gemacht wird. Der eine Beamte, der gewissenhaft ist, sagt, allen Anforderungen des Gesetzes muß genügt sein; in dem Bezirk be kommt kein Mensch Invalidenrente und in einem anderen Bezirk wieder sagt der Beamte, es ist doch nicht mehr als recht und billig. daß diese Leute Renten bekommen und in diesem Bezirke werden über- mäßigeRenten bewilligt. An eine stritte Durchführung des Gesetzes kann nicht gedacht werden, wenn man die Invalidität so schiver nachweisen kann. Ein einziger Blick auf die Zahl der Invalidenrenten, die in den verschiedenen Gegenden Deutschlands bewilligt sind, beweist schon, daß mehr Billigkeitsgründe als Rechtsgrundsätze bei der Bewilligung der Renten nii'lgewirkt haben. Wenn bis zum Jahre 1897 in Ost- Preußen 19 000, in Berlin bei einer weit größeren Zahl von Ar- beitern und erheblich höherem ortsüblichen Lohn nur 5000 Renten bewilligt worden sind, also nur V4, dann läßt sich schon eiitnehmen, daß man auf der einen Seite mit mehr Billigkeit vorgegangen ist, als auf der anderen. Diese Abhängigkeit von der Billigkeit wollen wir beseitigen, das bezweckt unser Antrag. Die meisten Statuten haben 50 Proz. angeiiomiuen, wenn Invalidität erklärt werden muß. Jeder sollte doch wissen, daß ein Mensch, der nur noch die Hälfte seiner ftüheren Arbeit leisten kann, überhaupt nicht mehr Arbeiter ist. Ich habe lange als Cigarrenarbeiter gearbeitet und ich muß sagen, daß mir nur ein einziger Fall bekannt ist, Ivo ein Mensch auf ein Drittel herabsinkt in seiner Leistungsfähigkeit; denn bei der Cigarrenarbcit, also einer Stückarbeit, kann man das genau beurteilen. Die Hälfte müßte die höchste Grenze sein, wenn das Gesetz seinen Zweck erfüllen, wenn es strenge und nach Rechts- griliidsätzen und nicht nach Billigkeit durchgeführt würde. Es würde alsdann" im ganzen Reiche gleichmäßiger entschieden werden, als jetzt, wo es allzu viel auf die Billigkeit der einzelnen Kaffenvorstände ankoninit. Damit schließt die Diskussion über 8 4 und 9. In der Ab- timmung wird 8 4 in der Kommissionsfassung angenommen. Der Antrag der S o c i a l d e», o k r a t e u wird gegen die Stimmen dieser und der Freisinnigen abgelehnt. Ferner wird der An- trag Lehr zu§9 gegen die Stimmen der Socialdemokratcn angenommen. Für den Antrag Stumm stimmen die Kon- servativen und Socialdemokraten(Heiterkeit); er wird abgelehnt. Der§ 9 wird darauf in der so veränderten Fassung an- g e n o m m en. Darauf wird die Weiterberatung vertagt auf Sonnabend, den 13. Mai. 1 Uhr. Schluß 6 Uhr._ VttvlamenkAvifches. Fernsprechgebühren-Ordnung. In der Postkommission des Reichstags wurde am Freitag die Beratung der Femsprechgebühren-Ordnung' fortgesetzt. Da die Mehr- heit der Kommission sich in einer früheren Sitzung gegen die doppelte Gebühr— Grundgebühr und Gesprächsgebühr— ausgesprochen, hat die Regierung noch eine„eventuelle Fassung" vorgelegt, wie sie sich nach Annahme der Anträge Dasbach-Hasse gestalten würde. Auf Grundlage dieser eventuellen Fassung wird beraten und 8 1 in folgender Form angenommen:„Für jeden Anschluß an ein Fern- sprechnetz wird eine Bauschgebühr erhoben." Die Doppelgebühr ist damit beseitigt. In 8 2. werden die Sätze der Bauschgebühr be- stimmt. Abg. Dasbach(C.) schlägt vor: In Netzen von nicht über 50 Teilnehmer-Anschlüssen 75 M.; bis 100: 90 M.; bis 150: 110 M.; bis 200: 120 M.; bis 500: 140 M.; bis 1000: 150 M.; bis 5000: 160 M.; bis 20 000: 170 M.; über 20 000: 130 M. jährlich für jeden An- schluß, welcher von der Vermittelungsstelle nicht weiter als 5 Kilometer entfernt ist. Abg. Singer bringt zur Sprache, daß Neuerdings in den Vororten für Benutzung des Telephons seitens Fremder eine Extragebühr von 25 Pf. seitens der Post verlangt werde. Das sei rigoros. Staatssekretär v. Podbielski: Es handle sich um keine neue Verfügung, sondern nur um die Beobachtung des bestehenden Gesetzes. Von den Teilnehmern der Fernsprechanschlüsse in den Vor- orten werde nur verlangt, daß sie das beobachten, was sie in ihrem Vertrage mit der Post durch Unterschrift zu beobachten sich ver- pflichtet haben. Den Telephonbenützern der Vororte sei die Ver- pflichtung auserlegt, das Telephon nur für eigene Angelegenheiten zu benutzen. Es handle sich dabei nur uin die Fernsprecher in den Vororten, nicht in Berlin. Das jetzt vorliegende Gesetz werde übrigens auch den Klagen der Vororte ein Ende machen und Ordnung schaffen.' Abg. Müller- Sagau: Es herrsche in den Vororten bei den Telephonbeilützern, die ohnehin ungüilstig gestellt seien, infolge dieser Belästigung große Erregung. Es sei bedauerlich, daß gerade jetzt während der Be- ratung des neuen Gesetzes eine so rigorose Handhabung der Vor- schrifttn eingetteten sei. Die Angelegenheit ist damit erledigt. Im Laufe der Debatte über die Gebühr sprechen sich die meisten Redner für den Antrag Dasbach aus, nur Abg. Müller-Fulda empfiehlt höhere Sätze und stellt einen bezüglichen Antrag(80, 100, 120, 140 M. ec.). Diesen Antrag befürwortet Staatssekretär v. PodbtelSki und der Bayrische Bevollmächtigte Graf Lerchenfeld. Bei der Abstimmung fällt der Anttag Müller mit 12 gegen 15 Stimmen. Der Antrag Dasbach wird mit großer Mehrheit angenommen. 8 3 er- hält, ebenfalls nach dem Vorschlage Dasbachs, folgende Fassung:„Für die Berechnung der Bauschgebühr ist die Zahl der bei Beginn des Kalenderjahres vorhandenen Teilnehmeranschlüsse maßgebend. Die hiernach festgestellte Bauschgebühr tritt mit dem folgenden I.April in Kraft. Äenderungen der Bauschgebühr gegenüber dem Vorjahre sind in den Otten, für welche sie gelten, amtlich be- kannt zu machen. Soweit auf Grund der neuen Feststellung eine Erhöhung der Bauschgebühr eintritt, sind die Teilnehmer berechtigr, ihre Anschlüsse zum Zeitpunkt des Inkrafttretens der Erhöhung mit eiiimonatiger Frist zu kündigen. 8 4 ivird wie folgt angenommen: „In Orten ohne Fernsprechnetz wird für jenen Teilnehmeranschluß, welcher nicht mebr als fünf Kilometer von der Vermittelungsstelle entfernt ist, eine Bauschgebühr von 75 M. für den Anschluß erhoben. — Die Beratungen werden Sonnabend fortgesetzt. In der Reichstags- Konimisfiou für die Novelle Gewerbe-Ordnung wurden Freitag zunächst Petitionen eröaerr. Ausführlich wurde die Petition der Rheinisch-Westfälischeii Papier- fabrikanteii über die«»gleichmäßige Anwendung der Sonntags- ruhe(8 105 o der Gewerbe-Ordnung) besprochen. Abg. Dr. Hitze sC.) beantragte, daß zukünftig statt der Einzelstaaten der Bundesrat die Allsführungsbestimniiingeii feststelle und diese dem Reichstage zu- gehen lasse. Die Regiernngsvertreter ividersprachen, da die Bundesstaaten sich freiwillig geeinigt und ihre Beschlüsse loyal durch- geführt hätten, also ei» Grund zu diesem„Mißttauensvotllm" nicht vorliege. Der Antrag Hitze wurde indessen mit 12 gegen 7 Stimmen angenommen. Die Resolution Raab(Reformp.j:„Die verbündeten Regierungen zu ersuchen, Erhebiiiigen durch die Kommission für Arbeiterstatistik über die Arbeitszeit der Gehilfen. Gehilfinnen, Lehrlinge und Arbeiter in Comptoiren und solchen kaufmännischen Betrieben, die nicht mit offenen Verkailfsstellen verbimden sind, anzustellen, wurde einstimmig angenommen, mit dem Zusatzantrag Bebel(Soc.), diese Erhebungen auch auf das im Verkehrsgewerbe beschäftigte H i l f s- personal ailszudehnen. Schließlich gelangte noch folgende vom Abg. Trimborn