Donnerstag, 16. Mai 1935 15. Jahrgang Einzelpreis 70 Heller (oinschlioßlich 5 Heller Porto) IENTRALORGAN DER DEUTSCHEM SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IM DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung präg xiupochova cl Telefon 53077. HERAUSGEBER* SIEGFRIED TAUB. CHEFREDAKTEUR* WILHELM NIESSNER. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR* DR. EMIL STRAUSS, PRAG. Die Verderber des Sudetendeutschtums Wer Henlein wählt, schallet sich von der Mitbestimmung im Staate aus Vieles ist möglich in der Welt, vieles auch bei »er Sudetendeutschen Partei Konrad Henleins, über eines ist ganz und gar ausgeschlossen und un- ®u>glich: mit Konrad Henlein und »einen Trabanten über Politik W reden. Stellt die Sudetendeutsche Par- vor eine politische Frage und Ihr werdet als «niwort nichts als eine aufgequollene Phrase erhalten, di« zerplatzt, wenn man ste mit der politischen Realität in Berührung bringt. i Da hat der Minister für öffentliche Arbeiten Cze ch in seiner Rede auf der Parteikonferenz W 23. April mit der ganzen Verantwortlichkeit »nes Parteiführers und Regierungsmitgliedes »klärt, daß jede Stimme, die der Henleinfront zufällt, bei der Regierungsbildung vollkommen in Wegfall kommt, für die deutsche Bevölkerung des Landes drrloren ist am 12. Mai, also erst in der drittfolgenden Kummer rafft sich die„R u n d s ch a u" Henleins lu der Erwiderung auf: »Es kann in Hinkunft keinen anderen Akti- di-mus geben, als den jungvöltische» Akti- visnms." . Basta. Was dieser jungbölkische Aktivismus M wodurch ec sich von dem.graubärtigen Alt« ®«ivi§mus" unterscheidet, mit welchen Mi t t e l n und Methoden der junge dvlkjschx Aktivismus bessere Ergebnisse für sudetendeutsche Volk erreichen will, als es der ?»e Aktivismus vermochte, davon erfahren wir aus . w Artikel, obwohl er über fünf Spalten geht, "ichts. Die Balkenlettern des Satzes müssen Richtigkeit des Inhaltes, den Inhalt der Phrase überhaupt ersetzen. Und solchen Menschen'sollten die sudetendeutfchen Wähler am 18. Mai ihr Schicksal anvertrauen? ® i e sollten nicht verstehen, sie damit anrichten würden? -■ Bis 1926 standen alle deutschen Parteien in Opposition. Tie nationalen Fronten standen sich wtoff gegenüber. Die politische Entwicklung des Landes erstarrte in Unfruchtbarkeit, die infolge *» Schwächung der sozialistischen Parteien immer ^hr auch zu sozialpolitischer Unfruchtbarkeit wurde. Die deutsche Sozialdemokratie hat damals wmer wieder festgestellt, daß eine Ueberwindung »esez Zustandes nur möglich ist durch Auflö- 'ung der nationalen Fronten ■J® ihre Ersetzung durch die übernationale demokratische Zusammenarbeit 2». Grundlage der wirtschaftlichen und sozialen Dichtung. 1926 trat das Ereignis ein. Land- Modler und Christlichsoziale gingen in die Regiefug, nachdem die agrarischen Zollforverungen die Uunationale Koalition gesprengt hatten. Der Bür- «rblock war eine bloße Zweckgemeinschaft zur Erdung wirtschaftli/er Vorteile für die besitzenden Aussen und dennoch vollzog er, ohne eS zu wissen zu wollen, die geschichtliche Notwendigkeit gab, indem er die nationalen Fronten durch ? e Klassenfronten verdrängte, ein Schulbeispiel fk die Richtigkeit der marxistischen Theorien. I n- ^ischxn reifte die Zusammenarbeit der tschechischen und .kutschen Sozialdemokratie zu Lutger Kampfgemeinschaft. 1929 /Urde der Bürgerblock beseitigt. Eine rein bür- 2skiche Regierung war nicht mehr möglich, die Lederherstellung der allnationalen Koalition, die rein parlamentarische Kombination über die Mhrheit verfügt hatte, scheiterte an dem ent- !?wssenen Willen der tschechischen Sozialdemokra- die Gemeinschaft mit den deutschen Arbeitern ^lter aufrechtzuerhalten. Dir Mitregierung-er Deutschen war dank drr Zusammenarbeit der Sozialisten aus | einer bloß zufälligen parlamentarisch-politischen Konstellation eine staatspolitische Notwendigkeit geworden. Und dieft Entwicklung, di« ebenso der naiio- nalen Zusammensetzung des Staates, wie den Jutereffen der sudetendeutfchen Bevölkerung entspricht, sollten politische Abenteurer zerstören dürfen? Die gegenwärtige Regierung hat dem Feuer einer fünfjährigen Krise standgehalten. Sie hat, nachdem sie die Vertreter des Finanzkapitals qus- geschieden hatte, nachdem die agrarischen Parteien in der Krise die wirtschaftlichen Probleme in neuem Lichte sehen gelernt hatten, nachdem der' blutige Anschauungsunterricht des Fascismus im tschechischen Volke das demokratische Bewußtsein gestärkt hatte, eine einheitliche politische Linie gefunden: Unbedingtes Festhalten an der Demokratie, Beknmpung der Krisenfolgen durch Arbeitsbeschaffung und Arbeitszeitverkürzung, Bekämpfung der kapitalistischen Krise selbst durch planwirt- schaftlichr Maßnahmen. Und dieses mühsam aufgebaute Werk sollte durch gewissenlose Hasardeure kurz und klein geschlagen werden? •' Denn was so n'st kann Henlein erreichen? Tie demokratische Zusammenarbeit mit den sudetendeutschen' Fascisten ist nicht möglich. Die Politische Mitbestimmung der Deutschen in der Tschechoslowakischen Republik ist aber nur in der demokratischen Zusammenarbeit denkbar. Wer Henlein wählt, schaltet sich daher selbst von der politischen Mitbestimmung im Staate aus. Das hat der Minister HodZa schon im November vorigen Jahres mit aller Deutlichkeit gesagt: „Totalität auf der deutschen Seite würde unvermeidlich eine noch größere Totalität auf tschechischer Seite zur Folge haben. DaS wäre zugleich Still st and in der Lösung unserer nationalen Probleme, eS wäre überhaupt keine Problemlösung mehr, sondern Kampf aller gegen alle." Wer nicht den Kampf aller gegen alle will, sondern friedliches Zusammenleben der Völker und wirtschaftlichen Aufbau, der muß mithelfen, der Sudetendeutschen Partei eine gründliche Niederlage zu bereiten und ihren Totalitätsansprnch ein für allemal zunichte machen. Wer anders handelt, dient nicht dem sudetendeutfchen Volk, sondern sein, en schlimmsten Feinden. Kann man denn übersehen, wie Stkibrnh, der Führer der nationalen Vereinigung, der sozial wie national gleich reaktionären antidemokratischen. Front.im tschechoslowakischen Volke, auf den Wahlsieg Henleins spekuliert, wie er ihn förmlich herbcisehnt? Ueberall, wo Deutsche leben, sollte man plakatieren, was Stkibrnh am 14. April in seinem Blatte schrieb. „Henleins voraussichtlicher großer Sieg verhindert die übrigen deutschen Parteien ans dem bloßen Trieb der Selbsterhaltung, an der.Regierung teilzunehmen. Nach den nächsten Wahle« wird eS wohl zur allnationalen Koalition ohne Deutsche komme», deren RegirrungStellnahme vor» zeitig war.", HenleinS Sieg wurde also daS politische Schicksal der Sudetendeutfchen dem extremsten tschechischen Nationalismus ausliefern. Je größer Henleins Wählerfolg, desto schwächer der Einfluß der Sudetendeutschen in-der tschechoslowakischen Politik. Henleins Sieg wäre des sudetendeütschen V 0 l k e s Niederlage. Darum fort mit diesen Verderbern des sudetendentschen Volkes., Darum vorwärts und aufwärts mit der Sozialdemokratie! Durch demokratische Zusammenarbeit der Arbeiter und Bauern zum wirtschaftlichen Wiederaufbau und znm sozialen Aufstieg aller schaffenden Menschen! Wird die Henleinfront die Wahlperiode überleben? Der„Venkov“ verneint es Ungünstiger Eindruck der SchloBtournee im tschechischen Laser Daß sich spät, aber doch, in den maßgebenden tschechischen Kreisen die richtige Auffassung über die Henleinfront durchsetzt, beweist ein Artikel, der im Hauptblatt der tschechischen Agrarier, dem„Venkov", Mittwoch erschienen ist. Die Auffassung des„Venkov" verdient um so mehr Beachtung, als gerade dieses Blatt lange Zeit henleinfreundlich orientiert war und auch von der „Rundschau" immer wieder zitiert wurde. In dem erwähnten Artikel heißt es: Jn dem Bestreben, um jeden Preis Stimmen zu gewinnen, hat sich Henlein beträchtlich von seinem ursprünglichen Programm entfernt. Er trat vor die Orffentlichkeit als Sachwalter des Proletariats, der Arbeitslosen und der Arbeiterschaft. Aber heut« hat das deutsche Bolk Grund znm Staunen. Dir größte« Agitatoren für Henlein find die Kapitalisten, die Großinstrielle« und der ehemalige deutsche Adel. Henlein ist ihr Gast, er schläft bei ihnen, di« Kapitalisten schicken zu ihm ihre Leute und ihre Autos, ja der ehemalige Graf W a l d st e i n führte eine Deputation der Seinen nach Böhm.-Leipa, welche Henlein gratulierten. Dadurch find auch treue Agitatoren HenleinS verwirrt. Ebenso haben die Kandidatenlisten Heuleins ein« Entzauberung hervorgerufen, weil auch minderwertige, ja höchst bedenkliche Leute auf fie geraten find. Am meisten hat stch Henlein geschadet, daß er überall, unter Hinweis auf irgendwelche aiuatzme Drohbriefe, zu seinem Schutz Gendarmen erbeten hat. Die ärmeren arbeitslosen deutschen Volksschichten find auch erregt wegen der Haufen von Auwmobilen, welche überall den Agitationszug HenleinS bllden. Aus einem„Beschützer der Armen", als den fich vor Jahresfrist Henlein vorgestellt hat, istderSchntzbrfohlrne der Kapital! st en geworden. Diese Wahlkampagne trägt den Keim von HenleinS Ende in fich, das früher kommen wird, als die kommende Wahlperiode beendigt sein wird! Der„Venkov" ist daS Blatt einer Partei, die heute und jedenfalls auch nach den Wahlen den Ministerpräsidenten und den Innenminister stellt. Wenn sich in dieser Partei die Ueberzeugung durchsetzt, daß Henlein die Wahlperiode politisch nicht überleben wird, so ist um.so mehr erwiesen, daßGen 0 sse Dr. CzechRechthatte, als er auf der Reichskonferenz betonte» daß jede St imme für Henlein verloren ist. Wie lange immer die Henleinfront als Partei existieren wird, politisches Gewicht wird sie keines haben. Die tschechischen Politiker müßten eine PolitikdesSelbstmordeS treiben, wenn sie sich mit einer Bewegung einließen, in der sie selbst jetzt die Waffe der alten A r i st 0 k r a t i e, des nach Hitler- deukschland orientierten deutschen Kapitals und die Bewegung der übel st en D e s p e rad 0 s erkennen. Unser Kampf für den Frieden ■ Wer heute vom Kampf für den Frieden, spricht» darf sich keinen Illusionen hingeben. Er' muß sehen, daß die Vermehrung der Rüstungen und die Vermehrung der zwischenstaatlichen Pakte, auch wenn ihr Ziel die Abwehr gelvaltsamer Angriffe ist, den Krieg nicht verhindern können und auf die Dauer keine andere Wirkung haben als einen Wettlauf um die Höchstzahl von Verbündeten und von Waffen, der alles andere als ein Zustand der Sicherheit und Friedensbereitschaft ist. Wer heut« vom Kampf um den Frieden spricht, muß erkennen, daß Abwehrmaßnahmen, so notwendig sie sind, die Kriegsursache nicht beseitigen können— und daß der Kampf um den Frieden auf die Beseitigung der Kriegsursache gerichtet sein muß, wenn er Erfolg haben soll. .. Die Bedrohung der Welt durch den Fascismus ist die Kriegsdrohung unserer Zeit. Die Be-. freiung der Welt vom Fascismus ist die Voraussetzung für die Erhaltung des Friedens. Der Rüstungstaumel und das Kriegsgeschrei, die im Dritten Reich Hitlers herrschen, sind deutlicher als »alle Friedensschalmeien, die der Führer von Zeit zu Zeit in die Welt hinaus tönen läßt, um ihnen regelmäßig einen neuen Schlag gegen den Weltfrieden folgen zu lassen. Und wenn er diese Schläge mit dem Hinweis auf die Härten des Versailler Vertrags rechtfertigen möchte(die auch von anderen schon vor ihm erkannt und befehdet worden sind), dann versucht er die Blicke der Welt auf eine Frage abzulenken, di« ntit der fascistischen Kriegsgefahr nichts zu tun hat. Es genügt, daran zu erinnern, daß der erste, der den Völkerbund zu sprengen versuchte und den neuen europäischen Kriegsgeist schuf, der Vertreter eines Staates war, der als Sieger am Versailler Vertrag mitgewirkt hatte: daß es Mussolini, der Vater des Fascismus war, der als erster die Gewcütdrohung ins Nachkriegseuropa schleuderte — UN-d der g e r a d e jetzt dabei ist, auf außereuropäischem Boden einen neuen Krieg zu entzünden. Und wenn es den Machthabern des Dritten Reiches wirklich um den Versailler Vertrag ginge, dann wäre es unerklärlich, daß sie ihre außenpolitischen Attacken vorwiegend gegen Gebiete richten, die auch vor Versailles nicht zum Reiche gehört haben: gegen Oesterreich, Holland und die Schweiz, gegen die sudetendeutschen Gebiete und gegen den„Ostraum", das europäische Rußland. Der wahllose Expansionsdrang des Fascismus, der gerade jetzt durch das afrikanische Abenteuer des Duce erkennbar wird, kann nur von Jrregeführten oder von Jrreführern mit Revisionsbestrebungen und nationalen Wiedervereinigungstendenzen erklärt werden. Jn Wirklichkeit beruht dieser E x p a n s i 0 n's d r a n g auf einemKriegswillenum jeden Preis, der zum Wesen dieses Unterdrückungssystems gehört, das, um die Mächte der Reaktion und des Privatkapitals entgegen den historischen Notwendigkeiten und gegen den Willen der Volksmehrheit aufrechtzuerhalten, den Terror im eigenen Lande durch gewaltsame Erfcllge in der Außenpolitik ergänzen muß und mit dem Hinweis auf kommende kriegerische Auseinandersetzungen die inneren Konflikte zum Schweigen bringen, durch forcierte Rüstungen eine künstliche Konjunktur schaffen und den Krieg als letzten Ausweg beschreiten will, wenn sich die auf Lüge, Gewalt und Entrechtung aufgebaute fascistische„Ordnung" nicht länger halten läßt. Man kann ohne Uebertreibung sagen, daß die fascistische Kriegsgefahr auch dann nicht beseitigt wäre, wenn alle von den fascistischen Regierungen erhobenen Ansprüche von den erschreckten Nachbarländern freiwilligerfüllt würden. Die Erfahrung hat bewiesen, was auch ein Blick auf das Wesen des Fascismus zeigt: daß jeder erfüllten Forderung eine neue folgen muß, weil der Fascismus die„Dynamik"' braucht, um über die Widersprüche in seiner eigenen, nur durch Gewalt zu festigenden Struktur Hinwegzukommen. Weder Abwehrpakte noch Versöhnungspakte können also etwas daran ändern, daß die Kriegsgefahr besteht, solange fascistische Regierungen bestehen. Und nur der Sturz dieser Re g'ie-r ungen kann de» Seite 2 Donnerstag, 16. Mai 1935 Nr. 114 Weder Wallen bei Henlein-Leuten gefunden Bei den Führern der Henlein-Par» tei in Altstadt bei Neubiftrltz Fiedler, Land und Klütz hat die Gendarmerie eine plötzliche Durchsuchung Vorgenom» men. Sie fand bei den Leuten Revolver, Repetierpistolen und Munition. Alle drei wurden verhaftet und nach Bud» weis transportlert. Kampf um den Frieden siegreich beenden. Die W a h l s ch l a ch t, die wir deutschen Sozialdemokraten in der Tschechoslowakei. gegen die hiesigen Gesinnungsbrüder und Propagandisten der Hitler-Regierung schlagen, erhält unter diesem Gesichtspunkt welthistorische Bedeutung. Denn von unserem siegreichen Bestehen in diesem Wahlkampfe kann eine Erschütterung der fascistischen Regierung im benachbarten Deutschen Reiche ausgehen, die, solange sie an der Macht ist, eine furchtbare Kriegsdrohung gegen alle Nachbarländer darstellt. Eine Niederlage der deutschen Sozialdemokratie in der Tschechoslowakei würde dem Hitler-Regime ein willkommener Anlaß für seine Propaganda sein und würde seine Gegner innerhalb Deutschlands entmutigen. Unser Sieg aber würde die Gegner des Regimes mit neuer Kraft erfüllen, mehr noch, als es der Widerstand der Opposition in D a n- z i g und der sozialdemokratische Wahlsieg in Basel getan haben. Wenn sich zu den sozialistischen Erfolgen in Skandinavien, England, Belgien und der Schweiz ein weiterer in der Tschechoslowakei gesellt, dann wäre die Kette der Beweise geschlossen, daß rings um Deutschland der antifascistische Abwehrwille wächst— und die Propagandalüge des Systems von der Sehnsucht aller Deutschen und Germanen, sich ihm anzuschließen und ihm bei seinen mörderischen Plänen zu helfen, wäre eindrucksvoll zerstört. Wenn es noch bewiesen werden müßte, daß die Hitler-Regierung unseren Wahlerfolg fürchtet, 1 dann würden es die täglichen Verlautbarungen des Leipziger Senders beweisen, die darauf gerichtet sind, unter den Sudetendeutfchen für die Henlein-Partei zu werben und unter den Reichsdeutschen den Glauben an HenleinS Sieg zu verbreiten. Denn Henlein gilt der Regierung des Dritten Reiches als möglicher Helfer zum Prestige-Erfolg, und mehr noch: sie setzt die Hoffnung auf ihn, daß er die von den unterdrückten Massen in Deutschland gehörten Protcststimmen gegen die«braune Barbar«,-die von uns hinüber-- dringen, zum Schweigen bringen wird. Nicht aus Laune wendet sich der„ritterliche" Haß Konrad Henleins gegen die deutschen Emigranten, die bei ihren hiesigen Genossen Zuflucht vor dem braunen Terror gesucht haben. Er haßt sie als Bekämpfet eines Systems, das nicht nur das Recht des arbeitenden Menschen, das freie Denken und den sozialen Fortschritt, sondern das, solange es besteht, den Frieden der Welt bedroht. Wir können nicht besser für den Frieden kämpfen als durch unseren Kampf gegen die Verbündeten des friedensfeindlichen FascismuS. Wir können nicht wirksamer zum Sturz des Fascismus und damit zur Beseitigung der Kriegsursache beitragen als durch den Einsatz aller unserer Kräfte für den Wahlsieg der sozialdemokratischen Partei. Reichstagsbrand -Stifter an"' gen, waren weder in geschloffenes Zuge, noch hatten fie Abzeiche» Der Fenerwehrkommandant M dem Treiben untätig z«. In der Nähe Jägerndorfs ist eine kleines Gemeinde, in der ein Kleingewerbetreibender de« Amt eines Vorsitzenden der sozialdemokratisch^ Lokalorganisation bekleidet. Er wird schon s^ Jahren von den bürgerlichen Gegnern systematis^ boykottiert, in der letzten Zeft hat jedoch dieser Boykott die Form des offenen Terrors angs' nommen. Man drohte dem Genossen, den s einem landwirtschaftlichen Unternehmen beschäl' tigten Schwiegersohn zu entlassen, wenn W Schwiegervater nicht aufhöre, für die Sozias demokratie zu arbeiten. jS Als in der Ortschaft Neurode einige Nisi glieder der Republikanischen Wehr auf WaV' agitation gehen wollten, wurden sie von de» Henleinleuten, die sich mit alten Kavalleriesäbe» bewaffnet hatten, aus dem Ort hinausgetriebe»- Die Fascisten hetzten auch die Hunde auf unserr Genossen. Die Flugzettel, die von unseren nossen ausgeteilt worden waren, wurden dtzs Menschen auf der Straße von den HenleinleuteU aus der Hand genommen und von den FasciM vernichtet.. *•;■''©er Tochter■ eine- Genossen- schrieb Lffgpwirtzi, bei, dem. sig-.-als Dienstmädchen aiu>' gestellt gewesen ist— sie wurde wegen der sinnung des Vaters entlassen— in die S* zialversicherungslegitimation den Vermerk„U* 1' genügend gearbeitet", um dem Mädchen W purem Haß gegen den Vater das Fortkomme» zu erschweren. Dr. Magnus Hirschfeld gestorben Schiast siel Sagt siel Schützt die Heimat vor Brandstiftern, Kriegshetzern und Terrorbanden! Wählt Liste Paris. In Nizza starb Mittwoch nachmittags im Alter von 60 Jahren der deutsche Arzt Dk- Magnus Hirschfeld, der bekannte Sexu»H löge, der seit dem Hitlerumsturz in Frankreich lebte. 20 Roman«on Emil Vnrhrk Deutsch von Anna AurednlCek Sophie blieb an der ersten Biegung stehen und duckte sich an die Sträucher. Sie wollte verhüten, daß er sich eine Lungenentzündung hole, die ihn, außer den Magengschwüren und dem Krebs, unmittelbar bedrohte; dann machte sie eilig kehrt und eilte, so schnell sie konnte, nach Tschernoschitz. Das siebente Kapitel schildert das Jubiläum des Taschendiebes Beinsteller und beschreibt das Publikum bei seiner Gerichtsverhandlung. Alle Umstände arbeiteten dahin, daß die Verhandlung Ferdinand Beinstellers in der Sache des Diebstahls der goldenen Uhr aus der brüderlichen polnischen Tasche keinen alltäglichen Verlauf nehme. Vor allem war es selbstverständlich eine Zeitungssensation. Verschiedenes hatte dazu beigetragen, daß die Angelegenheit breitgetreten wurde. Die erste Redaktion, die sich in den Fall verbiß, war die„Bohemia". Dieses altväterische Blatt machte aus Beinsteller ein Mitglied der tschecho-polnischen Liga, einen geschätzten Bürger der tschechischen Gesellschaft, der leider an Kleptomanie litt. Diesmal war ihm Herr Mieci- siäv Szpyszek, Industrieller aus Warschau, zum Opfer gefallen. Er war nach Prag gekommen, um di« tschechisch-polnischen Beziehungen zu festiget» Dieser giftige Angriff wurde von der tschechischen Presse mit der Behauptung beantwortet, daß die Kleptomanie in der tschechischen Gesellschaft lange nicht so verbreitet sei wie in der deutschen. Beinsteller sei übrigens einer der nichtsnutzigsten Diebe, eine Schande für die ganze Welt. Das deutsche Volk sei in dieser Richtung nicht besser dran als das tschechische. Schließlich wurde es dann Sitte, Gerichtssaalberichte so zu veröffentlichen, zum Beispiel: Hermann Rotter, der deutsche Dieb aus Hohenelbe ist verhaftet worden. Anfangs ergaben sich daraus seh»: komplizierte Verwicklungen, denn vorher hatten die Zeitungen nur geschrieben, ob ein Katholik oder ein Ungläubiger, ein Kommunist oder ein Bourgeois verhaftet worden war. Das alles machte aus Beinsteller eine Berühmtheit. Man sagte und schrieb:„Er stiehlt wie Beinsteller." Einmal geschah es sogar, daß zwei Leute in der Elektrischen aneinandergerieten und einer den andern„Sie Beinsteller" beschimpfte. Außerdem bracht« das populärste Prager Abendblatt kurz vor der Verhandlung die Nachricht, der bekannte Dieb Ferdinand Beinsteller sei bereits neunundvierzigmal bestraft gewesen, seine nächste Strafe werde wahrscheinlich die fünfzigste sein. Der Arttkel trug die Aufschrift:„Noch ein Prager Jubiläum" und im Feuilleton erschien eine Plauderei, die Beinftellers Lebensweg getreu schilderte. Aus all diesen Gründen herrschte eine so rege Nachfrage nach Einlaßkarten zu der Gerichtsverhandlung, daß das Präsidium gezwungen war, die Verhandlungen aus dem Senatssaal in den Geschworenensaal zu verlegen. Von diesen Wirren und seinem Ruhm erfuhr Beinsteller nur einige Bruchstücke, so viel, als der Vizepräsident Kvech zu verraten geruhte. Dieser sollte in der Verhandlung den Vorsitz führen.„Sie sind ein kolossaler, ein kolossaler Gauner", sagte er zu Beinsteller.„Sie wissen gar nicht, daß Prag heute nur von Ihnen spricht." Oder: „Wenn Sie aus diesem Skandal mit heiler Haut davonkonunen, Beinsteller, so laß ich mich pensionieren." Die dritte Aeußerung verblüffte Beinsteller besonders:„Ziehen Sie zu Ihrem Jubiläum jedenfalls Ihre besten Kleider an!" „Zu was für einem Jubiläum, Herr Vizepräsident? Das meine ist ja sett vierzehn Tagen pfutsch." „Ich dachte nicht an das Jubiläum Ihrer Jahre, sondern an Ihre fünfzigste Strafe. Es wird Ihre fünfzigste Strafe sein und sie wird dementsprechend ausfallen, Beinsteller, darauf können Sie Gift nehmen." „Man»»»öchte es kaum glauben", antwortete Beinsteller melancholisch.„Es»st, wie wenn man ein Haus baut. Jeder Maurer legt langsam einen Ziegel neben den andern, schmaucht dabei beharrlich seine Pfeife, dentt an nichts Böses, und über ja und nein steht ein HauS da. Nur der Hausmeister fehlt, die Parteien mit Bälgern und jemand, der den Zins einkassiert." „Na, sehen Sie", spottete giftig der Vizepräsident,„soviel uns bekannt ist, haben Sie schon neunundvierzigmal einkaffiert." «Herr Vizepräsident, man mutz wirklich nicht alles wissen, sollst wäre man zu gescheit. Sie müssen doch zugeben, daß das nicht ganz einfach ist. Alle Tage sieht man nicht einen Menschen, wie ich es bin, einen, der bei dem größten Elend seinem Handwerk treu bleibt. Ich an Ihrer Stelle, Herr Richter, ich wär« bestimmt nicht gar zu streng gegen einen Menschen, der auf der Anklagebank sitz wie auf der Bühne. Auf dieser Bank mutz man sein Leben lang aushalten, wenn man einmal die erste Hose darauf abgewetzt hat." „Meinen Sie?" „Na", sagte Beinsteller nach objektiver Ueberlegung,„ich rede nicht davon, was nachher sein könnte— aber den Tag, den JubiläumStag, macht' ich so einem armen Teufel wirklich nicht verpfuschen." Diese Ansicht schien nicht nur BeinstellerS zu sein. Die Zeitungen schrieben täglich mit mehr Sympathie über ihn, sie sahen seinen Lebensweg in stimmungsvoller, humoristischer Beleuchtung, betonten seine fachmännische Geschicklichkeit und hoben hervor, daß dieser Dieb gemäß den Infor- mationen niemals Menschen bestcchlen hat, bei denen er Armut voraussetzen konnte. Man las iW mer deutlicher zwischen den Zeilen, daß die ernW Seite dieses Falles neben der humoristischen den Hintergrund trat. Da die Zeitungen in diest* Weise schrieben, war es klar, daß sich auch Publikum anders eingestellt hatte. Das launen' hafte, unlogische Publikum, das eines Witzes halber, einer lustigen Geste lvegen einem Verbrecher verzeiht, amüsierte sich jetzt aus' gezeichnet über den komischen Namen Beinsteller- die Cherubinen und den unglückseligen Jubi' läumsgriff. Die freundliche Stimmung des Publikum und der Zeitungen wirkte sich auch im Gcfängn^ aus. Eines Tages wurden Beinsteller zum FrÄ' stück Kipfel gebracht. Angeblich waren sie vo» einem unbekannten Spender. Sie stammten von der Gattin des Oberaufsehers, die BeinstcÜ^ durch das Guckloch gesehen und dann erklärt hattr» „Ein hübscher lockiger Bursch, bis auf den Buckel- Die Aufseher behandelten ihn wie ein weiches und schließlich wurde auch der Vizepräsident Kve» von dieser Sympathie erfaßt. Er war stolz Beinsteller und erklärte den Anwälten, daß ihm von den fünfzig Sttafen neunzehn selbst am' erlegt hatte. Es erweckte überhaupt den Eindrum daß er sich das Verdienst um die ganze Angelegen' heft zuschrieb, die den Justizpalast einige Ta-r populär machte. Wäre das Verfahren noch paar Tage fortgeführt worden, so hätte er wahs' sckeinlich mit Stolz erklärt:„Der' Beinsteller i" eigentlich mein Werk." So kam der große Tag heran. Der Schwur' gerichtssaal war tatsächlich bumvoll, trotzdem v>U diese Zeit Prag halb leer war. Anerkennung' Sympathie, ja sogar Verminderung war bemerk' bar. obwohl die fünfzigste Strafe zweifellos pcin! licher und für die öffentliche Moral gefährlicher$ als die erste. Unsere Gesellschaft ist gewiß morn' lisch veranlagt, sie hält aber nickt dogmatisch nN der Moral fest und gibt sogar zu, daß manchs Verdienstvolle neben, ja entgegen der Moral stehen kann.(Fortsetzung folgt.). «r. 114 DonnerStag, 16. Mai 1935 Seite 3 Dr. Czechs Rundfunk-Appell Seine gestrige Rede in der Prager deutschen Arbeitersendung Ungezählte lausende hörten gestern abends beim Radi» die Rede«asrreS Parteivorsitzenden Ministers Genoffra Dr. Czech. Biele Taufende aber dürfte Berufsarbeit oder Parteidienst im Wahlkampf eS unmöglich gemacht haben, mitzuhSrrn- Wir bringen deshalb den Wortlaut dieser Rundfunkrede, die»Fünf Jahr, wirtschaftlicher und sozialer Arbeit" de« Phrasen und der verantwortungslose» Hetzpolitik der andere« Seite gezenüberstellte. Dr. Czech sagte: Vor mir liegt ein elegantausgestat- I e t e s vierfarbiges Flugblatt*.) auf sariinertem Papier, wie es sich nur Gutsituierte zu keiften vermögen. Im Bilde und im Worte schmettert es uns die Anklage entgegen: »Jetzt Schluß! 16 Jahre habet ihr geredet, »un werden wir handeln!" ' Wahrlich, ein kühnes Wort, k Ein halbes Jahrzehnt härtester Wirtschaftkicher Notzeit und bitterster Heimsuchung für die arbeitenden Schichten des Landes liegt hinter uns. Die Wirtschaftskrise, die an den Fundamenten der industriellen Produktion rüttelte und mit der schweren Krise der Landwirtschaft Hand in Hand sing, stellte die Regierung vor schicksalsschwere Ausgaben. Nach beiden Richtungen galt es zuzv- freifen, nach beiden Richtungen rascheste Abhilfe in schaffen. Diesen Aufgaben ist die Regierung ans dem Verantwortlichkeitsgefühl heraus, das sie während der zurückliegenden Jahre in keinem Augenblicke verließ, in weitestgehendem Maße gelacht geworden. ' Es ist wohl richtig, daß die von der Reaie- Mg getroffenen Entscheidungen die vom Krisen» totstand heimgesuchten Bevölkerungsschichten nicht dollem Maße zu befriedigen vermochten. Aber do in der Welt war derartiges möglich? Das Entscheidende war, daß jede einzelne der Regierungsmaßnohmen den in Mitleidmühaft gezogenen Bevölkerungskrcisen eine Gntspan- nung in ihrem Leid, eine Linderung ihrer Pein brachte und dadurch ein Stück des allgemeinen Wirtschaftsnotstandes abbürdete. Mnenne da beispielsweise die im Jahr» *934 durchgeführte Maßnahme der Devalvation, Abwertung der tschechoslowakischen Krone. Sie ^mochte zwar nicht die volle Belebung des Expor- ds herbeizuführen, aber sie brachte eine Besserung Und kam dadurch nicht nur gewissen ProdnktionS- ideigen. sondern auch der Gesamtwirtschaft zu- gute. Unsere Wirtschaftsführer, die sich Ursprung- M gegen diese Maßnahme mit der größten Em- AiÄenheit zur Wehr setzten, mußten schließlich M Ihre guten Auswirkungen zugeben. Solcher Und ähnlicher Massnahmen Hätz die Regierung führend ihres fiinfjäbrigen Bestandes eine ganze "oihe getroffen, so z. B. eine staatliche Garantie für Exportkredite, die gesetzliche Senkunq des Zinsfußes, °ke Maßnahmen gegen Preiserhöhungen, "kke diese Maßnahmen haben ssch im einzelnen Und ihrer Gesamtheit in günstiger Weise ausge- Mkt. Doch vermochten sie selbstverständlich die Auswirkungen der Wirtschaftskrise nicht gänzlich '* bannen. ( Hier hat also di«Regirr«ngnicht bloß geredet. Sie hat hier resolut g e handelt und Positives geschaften. Was aber haben die Flugblattschüt- zen getan? Sie habe« während der ganzen Krisenzeit nicht einen Finger gerührt. » Um der Landwirt schaftskrise zu ^Ukrn, hat die Regierung eine ganze Reihe von Maßnahmen getroffen. Sie hat durch das Getreidemonopol ^Existenzbedingungen der Landwirtschaft bet« ohne hiedurch die konsumierende Bevölke- UUg in Mitleidenschaft zu ziehen. Sie hat d n• tionen der SHF als gültiS^, Grenzausweis anerkennen. Die Wa riefle Unterstützung der Henlein-Partei durch J NSDAP in Deutschland ist ei» neuerlicher®’’ i weis dafür, daß die Henlein-Bewegung nur**’ Ableger der Hakenkreuzler im Dritten Reich ist- kommunistische Wahllii£ e Die»Rote Fahne" ist um Wahls 4^ nie verlegen. Ergibt sich keiner von selbst, so eben frei erfunden. Gestern fabulierte das von einem eben in M ä h r.- O st r a u eri“l' I neuen Flugblatt, in dem„neun s o z• a demokratische Funktionäre^ Arbeiter auffordern, kommunistisch zu wählen» „Rote Fahne" nennt auch die Namen der Weisen und es ist durchaus möglich, daß es 1 Ostrauer Gebiet neun Männer mit den im blatt und von der„Roten Fahne" gena»^ Namen gibt. Nur eines stimmt ganz 8^. nicht: daß diese: nämlich Eugen Holnsa, DD Trnava, Rudolf Karger, Josef Jamrozy,»W Finsterle, Lada Sevcik, Alfred Kraut, Willi, und Johann Hlawatsch Sozialdem'oMÄ ten seien oder gewesen seien, geschweige sozialdemokratische Funktionäre. Keiner* Aufgezählten gehörte unserer Partei an.» Wie gefällt euch, sozialdemokratische U s>, kommunistische Arbeiter, solche„proletarii"^ Wahlmache der„Roten Fahne"? Und wie ist" zu beantworten?£ Höher gehts wirklich nimmerI Wien. Das Bundeswehramt des österrei^ scheu Arbeitschutzes hat die Aufstellung Fliegerkorps im österreichischen HeilN^ schütz angeordnet. Die einzelnen Fliegerfori" tionen werden länderweise organisiert sein. »i li fd ti je ti ft S) Hi d< 8 ft >r tz k. ft «1 fii «e ft t st ft l« di fti L tz le ft ft ft ft d. .li £ Ri ti t( st li 8 y K d hi fr ff tz ff st b ii 1 b S 4 s ebe und zum Schluss vom Baron Mikos. Der Rumäne, der ein Bauer war, meinte zögernd, ^nn sein Sohn vom Teufel geholt worden wäre, Mrde sich der König wahrscheinlich weiter keine pesonderen Sorgen darum machen. Und ausserdem: Menn sie ja den Königssohn zurückbrächten^ so p>ürde ein riesiges Freudenfest in allen Städten und Dörfern des Reiches veranstaltet werden, und Mterhsr gäbe es eine neue Steuer für die Payern, um damit das Freudenfest zu bezahlen. Als man schliesslich den Zigeuner um seine Meinung fragen wollte, war der verschwunden. Die drei aber debattierten weiter. Sie waren in ihren Erörterungen bis zur vierten Flasche Sliwowitz gekommen, da erschien der Zigeuner in der Tür— auf dem Arm das Königsbaby. Und auf die Fragen, wie er das gemacht habe— ohne Waffengewalt und ohne schriftliche Eingabel— antwortete er schlicht:„Ich habe den Fratz gestohlen." Vielleicht ist diese Geschichte nicht wahr, dann ist sie aber gut erfunden: Es kann kaum geleugnet werden, dass sich unter diesem Nomadenvolk(und sie bleiben Nomaden, auch wenn sie jahrelang in einer Lehm- oder Ziegelhütte schlafen) viele geschickte Diebe und gerissene Betrüger finden. Nicht wenige der Waren, die sie feilbieten, werden irgendwo schmerzlich vermisst. Und dass im Rumänischen der Mond den Beinamen„soarele iigani- lor", Zigeunersonne, führt, dürfte daher kommen, dass die Zigeuner viele ihrer Geschäfte lieber von dem diskreten Mond als von der Sonne bescheinen lassen.. Sie bestehlen sich übrigens nur sehr selten untereinander, sondern fast nur die„Fremden". Selbstverständlich halten sie sich auch für ein auserwähltes Volk— warum sollten gerade sie eine Ausnahme machen?— und da sie nicht über die erforderlichen Beziehungen zur Rüstungsindustrie verfügen, um andere Völker in grossem Stil mit Hilfe von Tanks, Flugzeugen und, Giftgasen zu bestehlen, sind sie auf bescheidenere individuelle Aktionen angewiesen. Das hat übrigens einen Vorzug: es gibt da nicht gleich ein paar Millionen Tote. Schmuggel, Handel mit falschen Pässen und echten Valuten, dunkle Pferdegeschäfte und zweifelhaftes Kartenspiel sind ebenfalls Erwerbszweige, die sie gern ergreifen. Die Frauen, solange sie jung und hübsch sind, verdienen Geld mit der Verbreitung von Geschlechtskrankheiten, sind sie alt und hässlich, dann verlegen sie sich aufs Wahrsagen. Es gibt, besonders in den früher zur österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie gehörenden Gebieten Rumäniens, gar nicht selten Zigeunersiedlungen, in denen 90 und mehr Prozent der gesamten Bewohner syphilftisch infiziert sind, Kinder eingerechnet. Solche Zahlen sind nicht nur durch das erstaunliche erotische Temperament der Zigeuner bedingt, sondern auch durch deren Abneigung gegen selbst die allerprimitivsteHygicne in jeder Hinsicht. Glauben und Aberglauben schätzen sie wesentlich höher als Sauberkeit. Drei Dinge hasst der Zigeuner grenzenlos; seinen jeweiligen Nebenbuhler, die Polizei.und die Arbeit. Arbeiten müssen— und der Akzent liegt vielleicht mehr auf„müssen" als auf„arbeiten"— das ist für diese nach dem Norden verschlagenen Söhn« Indiens etwas Entwürdigendes, ein Fluch. Sie. verabscheuen die Arbeit nicht etwa, weil sie so schrecklich träge sind, sondern weil sie eine bon unserer grundverschiedene Auffassung vom Sinn des Lebens haben. Warum soll man einen langen» herrlichen Tag damit vergeuden, ein Paar alberne Schuhe zusammenzubauen, wo man doch die kostbare Zeit viel nützlicher verbringen kann mit Lieben, Träumen, Musizieren, und Gott, der«auch seine braunen Kinder nicht vergisst", es in seiner Klugheit und Güte doch so eingerichtet hat, dass so Köchin, Näherin oder Friseurin? Welche Brant ist rentabler? Prag. Der 88jährige Friseur Anton R., der vor dem Einzelrichter GR. Dr. N o s e k angeklagt war, zwei Frauen unter Eheversprechungen materiell geschädigt zu haben, erwies sich im Verlauf der Verhandlung nicht so sehr als Heiratsschwindler im gewöhnlichen Sinn des Wortes, als vielmehr als ein Mann von weitem Gewissen, der die Gelegenheit zu nicht ganz einwandfreier Bereicherung auSzunühen weiß und auch vor der Ausnützung weiblicher Schwäche nicht zurückschreckt. Zur Einrichtung seines Friseurgeschäftes brauchte er Geld. Da er seit dreieinhalb Jahren eine Bekanntschaft mit der Köchin Marie S. hatte, erachtete er sich für befugt. 600 Kü, die ihm seine Freundin anvertraut hatte, für eigene Zwecke zu verwenden. Die Freundin verzieh ihm, denn sie hoffte fest, daß er sie heiraten würde. Die gleiche Hoffnung hegte aber auch die Näherin Anna Z., mit der er zu gleicher Zeit eine Bekanntschaft unterhielt und der er 8400 KC her- auSlockte. Diese Anna Z. zog schließlich zu ihm und büßte bei diesem Zusammenüben eine Bettdecke ein, an deren Stelle ihr der zärtliche Liebhaber, als sie beim AuSeinandergehen ihr Eigentum zurückfordert«, nur einen Versatzzettel ausfolgte. Vorweg aber sei bemerkt, daß die beiden „Bräute" ihren berechnenden Liebhaber bei der Gerichtsverhandlung weitgehend entlasteten. Ins richtige Licht rückte diesen Fall aber das Verhör eines Freundes des Angeklagten, der dem Richter schilderte, wie der Angeklagte ihn um Rat anging, ob er die Köchin oder die Näherin heiraten solle. Der Zeuge beriet den Freund dahin, daß er als Friseur doch lieber eine Friseuse heiraten solle. Darauf erwiderte der Angeklagte: „Eine solche hab ich auch auf Lager, aber fie kostet mich zu viel Geld." Der Verteidiger bemerkte in seiner Rede, daß„in der heutigen unmoralischen Z't ein Verhältnis mit zwei Frauen nichts ungewöhnliches sei" und darir noch kein Betrugsmanöver erblickt werden könne, um so mehr, als die Geschädigten selbst den Angeklagten entlasteten. DaS Gericht würdigte indessen die viele, viele Stiefel überall in der Welt ünbeobach- tet herumstehen, von denen man bequem ein Paar in wenigen Sekunden stehlen kann? Ein äusserst intelligenter Zigeunerjunge, mit dem ich mich öfter unterhielt, fasste seine Ansicht über dieses Problem in den kategorischen Indikativ zusammen:„Nur ein dummer Mensch arbeitet". Wie in anderen Staaten, hat man auch hier versucht, die Zigeuner zu„nützlichen Gliedern der Gesellschaft" zu machen. Der Erfolg entsprach ziemlich genau dem Mangel an psychologischem Verständnis, der diese Bemühungen auszeichnete. Am Abend sind die Zigeuner Bukarests Musik. 'In den luxuriösen Hotels und Cafts des Zentrums spielen berühmte, vielbegehrte Kapellen klassische Melodien und die letzten Schlager Westeuropas mit jener eigentümlichen Interpretation, die Zigeunermusik von jeder anderen unterscheidet. Arrogant herablassend dankt der Dirigent dem da- capo-heischenden Beifall, und knittert gleichgültig in die Taschen seines eleganten Frackanzugs 500- und 1000-Lei-Scheine, die der Kellner auf silbernem Tablett zugleich mit Wunschzetteln der Gäste überreicht. Und zerlumpte, schmierige Zigeuner kämpfen in armseligen Vorstadtspelunken mit Geige und morschem Zymbal gegen das laute Lachen und Schwatzen Trunkener. Haben sie eine Weile konzertiert, gehen sie von Tisch zu Tisch und betteln um ein Glas Schnaps und etliche Scheidemünzen. Wenn der Wirt gute Laune hat, bekommen sie ein Stück Brot, etwas Speck und einige Paprikaschoten dazu oder vielleicht sogar ein Gulasch. Wenn in den Dörfern die rumänischen Knechte und Mägde Hora und Särbü tanzen(oder hin und wieder Csardas und Foxtrott), wenn zwei bekannte Boxer sich gegenseitig windelweich prügeln, wenn die Soldaten durch die Stadt marschieren: das begleitende Orchester besteht immer aus Zigeunern. Sie spielen auf Taufen und Hochzeiten und Begräbnissen, im Radio, auf den Donaudampfern und in Kirchen. Aber echte Zigeunermusik, die hort man nur bei den Gigant de satrü, den Wunderzigeunern, die, unstet und flüchtig, mit ihren Pferden von Dorf zu Dorf, von Land zu Land ziehen. Draussen in der Pusta. Am Abend. Langsam wächst aus dem Osten die Nacht den roten Wolken des Sonnenuntergangs entgegen. Gespenstisch schwarz ragen ins Zwielicht die Galgen der Ziehbrunnen, leise schreien sie beim Wasserschöpfen. Aus einer Hütte quillt Rauch schräg empor und verflattert. Heller und heller lodert drüben am anderen Ufer des Flusses ein Lagerfeuer von Zigeunern. Fern» irgendwo brüllen satte Tiere dumpfe Zufriedenheit. Maulbeerbäume füllen den Wind mit Streifen süsslichen Dufts. Und nun singt eine Geige ihre Sehnsucht dem schweigenden Dunkel./ EjpsgM,.txapryschwkre'Melodien, geboren in de» verlorenen Heimat, an den Ufern'des heiligen Ganges, auch wenn sie erst im Augenblick improvisiert werden— einsame, traumschwere Melodien erzählen von den tausend Leiden des Parias und verlocken dennoch zu jenem Leben in der grossen Freiheit, die keine Gesetze kennt. Das Geheimnis der Steppe spielt der Zigeuner, die fremden, nie bewussten Tiefen der Menschenseele werden Musik. Unternehmungen des Angeklagten vom Standpui.kt des Gesetzes und verurteilte ihn zu zwei Monaten Kerker, bedingt auf drei Jahre. rb. Wenn sich ein Boxer betrinkt Prag. Der 21jährige Karl M. aus Hlouböiin ist als tüchtiger Amateurboxer bekannt. In dr: Nacht auf den 24. Feber absolvierte er indessen ein Boxmatsch„freien Stils", das ihm nicht gut bekam. Sein Gegner war der Polizeiinspektor Kkrj und der Schauplatz des Kampfes die Podkbraser Straße. Es begann damit, daß ihn der Polizist um 8 Uhr früh ermahnte, nicht die Nachtruhe zu stören. Das Polizeiorgan mochte Grund dazu Haven, denn Karl M., sonst bekannt als friedliebender und mäßiger Mann, hatte sich an diesem Abend in fröhlicher Gesellschaft verleiten lassen, allzu tief ins Glas zu gucken. Nun torkelte er singend in der Fahrbahn umher, was auf dieser stark frequentierten Straße auch zur Nachtzeit ein lebensgefährliches Unternehmen ist. Zunächst fügt« er sich aber den Anordnungen der Polizei, wenn auch mit einigen saftigen Kraftausdrücken. Kaum in eine Seitengasse eingeschwenkt, begann er aber seine Zechkumpane herauszufordern und«S entspann sich eine Schlägerei, die den Inspektor Ktij zu neuerlichem Einschreiten veranlaßte. Der Boxer bearbeitete indessen den Polizisten derart, daß die'er bald hilflos auf der Erde lag. Der Sieger wurde freilich dieses Knockouts nicht froh, denn auf den Alarmpfiff d«S Polizisten eilte Verstärkung herbei und gegen Gummiknüttel hilft keine Baukunst. Karl M. wurde der öffentlichen Gewalttätigkeit angeklagt und verantwortete sich mit völliger Trunkenheit. Der Gerichtshof des Gill. Dr. Krhstufek konnte dieser Verteidigung in Anbetracht der trefflichen Boxleistung des Angeklagten nicht stattgeben, nahm aber doch Rücksicht auf dessen stark alkoholisierten Zustand und verurteilte den Angeklagten zu vier MonatenKerker, aber b e- dingt auf trei Jahre. rb. verlange! überall Dnlhszünder! Wynne Gibson als Mädchen aus einer Hafenkneipe in dem amerikanischen Film„Wenn ich eine Million hätte". Arbeiter-«nd bürgerlicher Sport Eine zeitgemäße Betrachtung Der Arbeitersport wurde von den bürgerlichen Sportorganisattonen, solang« er unbedeutend war, totgeschwiegen. Man nahm von seiner Existenz überhaupt keine Notiz. Aber als immer mehr und mehr Anhänger und Verfechter des Arbeitssports in Erscheinung traten, da hat man versucht, die Bestrebungen des Arbeitersports als falsch hinzustellen. Eines der häufigsten und gebräuchlichsten Argumente war der Borwurf der Politisierung des Sports durch den Arbeitersport. Daß der Sport rein technisch be- tachtet kein Politikum darstelle, haben die Arbeitersportler nie bestritten. Es komme aber auf die Träger der Bewegung und di« geistige Einstellung an. Es hat zu allen Zeiten und in allen Staaten nie einen wahrhaft neutralen Sport gegeben, denn die ausgesprochene Neutralität der bürgerlichen Sportorganisationen war immer nur der Deckmantel, um Arbeiter und Angestellte in ihre Reihen zu locken. In Wahrheit ist die reaktionäre Tendenz der bürgerlichen Sportorganisationen immer, wenn auch in dem einen Verein mehr und in dem anderen weniger, hevorgetreten. Im entscheidenden Moment Haden sich die bürgerlichen Sportorganisationen immer anf di« Seite der Kapitalisten«nd Reaktionäre gestellt, wie das wieder mit aller Deutlichkeit in Deutschland «nd in Oesterreich z« sehen ist. Die Arbeiter und Angestellten, die ihrer Klassenlage nach zur sozialistischen Arbeiterbewegung gehören^ und in bürgerlichen Sporwereinen Mitglieder sind oder die schwindelhafte Neutralität der bürgerlichen Sportorganisationen mitmachen, sind durch Täuschungsmanöver Gefangen« des Klassengegners geworden. Die nationale und klerikale Sport- und Turnbewegung hat gleich der Arbeitersportbewegung mit aller Offenheit immer den Standpunkt vertreten, daß die Turn» und Sportbewegung mit einer geistigen Zielsetzung verbunden sein müsse, wenn die Sportbewegung nicht bloß als wertlose Zeitvergeudung betrachtet werden wolle- Ueber den physiologischen Wert und die Vorzüge der Leibesübungen an und für sich hinaus müsse die Sportbewegung geistigen Zielen dienen, um für das Volk erst die ttefe und ethisch« Bedeutung zu erlangen. Es ist selbstverständlich, daß die Sportverbände, die sich weltar« schaulich verbunden gefühlt haben, diesen Stans- Punkt vertreten haben, und daß daneben die sogenannten„neutralen" Sportorganisationen nur ven Individualismus im Sport gefördert haben, der naturgemäß zum Professionalsport führen mußte.. Nach dem Aufstiege der Arbeiterklasse haben die bürgerlichen Kreise versucht, die Arbeiterschaft von der Besitznahme der Sportbewegung abzulenken durch die sogenannten neutralen Sportorganisationen. Di« Tatsache, daß auch viele Sozialisten in bürgerlichen oder sogenannten neutralen Sportorganisattonen Mitglieder waren und noch sind, beweist nicht das Gegenteil d«» Gesagten; es beweist nur, daß diese Betreffenden die Gefangenen ihrer Klassengegner auf dem Gebiete des Sports geworden sind. Im Dritten Reich gibt e8 keinen neutralen Sport mehr. Alles mutz sich jetzt zum polittschen Sport bekennen und die sogenannten neutralen Sportorganisationen waren die ersten, die sich freiwillig gleichgeschaltet Haven. Fm Deutschen Reich wird den Sportvereinen die Er« ziehungsarbeit im nationalen Sinne diktiert und jede freie Regung unterdrückt. Kann es nun jemand noch glaubhaft gemacht werden, daß es einen neutralen Sport gibt? Man wird es immer wieder versuchen. Im Kampf gegen seinen Kkass«ngegner versucht das Bürgertum immer wieder jedes Mittel, selbstverständlich a«ch das Tarn«ngSmanövrr mit dem ner»- tralen Sport. Die Gleichschaltung der Sportorganisationen in allen Ländern der Diktatur zeigt deutlicher als sonst die Phrase der Neutralität im Sport. Wer dies noch nicht erkannt hat, sollte es jetzt erkennen und als Kämpfer für«ine bessere Zukunft auch auf sportlichem Gebiete und für den sozialistischen Arbeitersport eintreten. Seite 8 „Sozialdemokrat" Donnerstag, 16. Mai 1935. Nr. 114 Aaqer feitunq Getarnter Nazlzirkus im deutschen Haus Dienstag abends hat sich der Henleinzir- kus in Prag vor einem ehrlichen Publikum produziert. Den Text der Darbietungen und die Kulissen hatte in liebenswürdigster Weise das Dritte Reich zur Verfügung gestellt. Was dem schaulustigen Publikum geboten wurde, war von A bis Z eine Nazikundgebung aus Hitlerdeutschland. Nichts fehlte: weder die Wandfahnen und das riesige„Führer"-Bild» noch der theatralische Aufmarsch der Sturmabteilungen. und das Heppheppgeschrei„Auf, nach Palästina!", noch die Reklametrompete. Man würde sich sogar nicht wundern, wenn nach dem Eröffnungstrompetenstotz der. Goebbels auf das Podium träte, aber es tritt blotz der Rosche. Man mutz es ihm aber lassen, er tut was er kann» um den Unterschied vergessen zu machen. Es scheppert nur so von„Aufbruch" und „Umbruch" und„Verbundenheit mit dem Mutterland". In rührender Bescheidenheit erklärt der Herr Fabrikant, der sein Mandat bereits in der Tasche hat, datz er nun„unter Henleins Führung ganz von vorne anfangen und als einfacher Soldat in der Heimatfront dienen will." So sehr verwirrt ihn sein jugendlicher Kampfes- mut, datz er ganz daran vergitzt, auch nur ein Sterbenswörtchen über die 800.000 KL zu sagen, die er von Doderer bekommen hat. So eins Vergeßlichkeit kann schon Vorkommen. Der Bub war halt so aufgeregt. Damit sich keiner der Herren Ueberläufer von der DAWG benachteiligt ,ühlte» durfte dann auch der Dr. Peters was sagen. Schon ein wenig über das erste jugendliche Feuer hinaus, verlegte er sich mehr auf geschickt versteckte Drohungen und verkündete, datz die Henleinpartei die letzte ist, die bereit sein- wird, den Tschechen die Hand zum Frieden zu.rejchßß,— Pollends gMt das Naziherz mit dem nächsten Redner, Herrn Prof. Greger durch, der sich bitter darüber beschwert, datz das Deutsche Theater in Prag zu wenig„völkisch" sei. Wahrscheinlich wünscht er, datz man hier zur Erbauung seiner Gesinnungsgenossen das Horst-Wessel-Drama aufführe. Nach ihm hält der Henleinagitator Neuwirth eine Rede» wenn man die ordinären Pöbeleien» die er gegen die deutschen Sozialdemokraten und gegen Minister Benes ausstötzt» noch so nennen darf. Als Geschmacksprobe genügt sein Schlusssatz:„Iw stelle hier fest, datz die Presse des Minister Benes das Verlumpteste ist, was es überhaupt gibt!" So sieht die Hand aus, die die Henleinflegel zum Frieden reichen. Ein Herr Jng. Schwarz, der unerfahren genug war, die Zusicherung der Redefreiheit ernst zu nehmen, bekam schon nach den ersten Worten die„Ritterlichkeit" der Henleinleute zu spüren. Ein wüstes Gebrüll:„Marsch nach Palästina!"(Patent Streicher) vertrieb ihn bald vom Podium. Nach einer endlosen Pause erfuhr das Publikum, datz der Hauptdarsteller der Zirkusvorstellung, Herr Sandner a. G. nicht eingetroffen ist. Als Ersatz tmt nochmals Rosche auf, der das Publikum mit einer pikanten Sensation zu trösten versuchte. Er behauptete nämlich wörtlich:„Bei den Verhandlungen über die aufgezwungene Namensänderung unserer Partei, sagte mir der entscheidende Mann in der Regierung: Machen Sie sich nichts daraus— der Name ist nichts, Konrad Henlein ist alles!" Ob es sich bei dieser„Sensation" nicht eher um eine dichterische Freiheit Herrn Rosches handelt, wird man wohl noch hören. Dann wurde wieder ein bitzchen gesungen und geblasen und der Henleinzirkus mit garantiert reichsdeutschem Programm war aus. .WMy nicht zum kotzen wäre, wärs zum kahenl Kaufmanns daktylographische Karten. DaS Triester Polizeipräsidium hat dem hiesigen die dak- tylographtsche Karte Julius Kaufmanns, des Gatten der Mimi Hanl, übersandt, wodurch dieser nun endgültig identifiziert erscheint. Ebenso hat, sich aus Grund der von der Verwaltung des Gefängnisses St. Albany in New Bork übersandten Karte ergeben, daß Kaufmann nicht, wie lange vermutet wurde, mit dem im Jahre 1°32 dort inhaftiert gewesenen Sträfling Nr. 87.802 identisch ist. Eine Rundfrage nach ähnlichen Betrügereien in andern Staaten hat er» geben, daß vor zwei Jahren in Deutschland zahlreiche Schwindeleien im Genre Kaufmanns verübt Worden sind; Kaufmann selbst kommt wohl in diesen Fällen als Täter nicht in Frage, doch dürfte die'er in seinem Bekanntenkreis zu suchen sein. Geprellte Chauffeure. Ein Taxi-Schwarzfahrer. der sich, wie dies in der letzten Zeit bereit 8 einigemal vorgekommen ist, nicht damit begnügt, da» Fahrgeld nicht zu bezahlen, sondern überdies noch den Chauffeuren Geld herauslockt, wurde gestern in der Person des 22jährigen, wohnungslosen Gärtnergehilfen Vladimir Paryzek verhaftet. Meist waeen die Beträge, die er sich von den Chauffeuren aus' borgte, weit höher, als das geschuldete Fahrgeld., ES handelt sich um kleinere Betrügereien in etwa fünfzehn Fällen, wobei der Gesamtschaden etwa 2000 Kd beträgt. Xnfl&t und Mssen „Dantons Tod" Ein Drama von Georg Büchner. Beginnen wir mit der erfreulichen Feststellung, daß sich das deutsche Theater endlich— wenn auch iiahe am Ende der Spielzeit— entschlossen hat, ein klassisches Werk aufzuführen, das mit Aktualität zum Bersten geladen ist! Stellen wir weiter fest, daß an. dem Abend, da sich zweitausend Prager Deutsche um die Redner der Hen- leinfront, versammelten,. immerhin noch genug Deutsche übrig waren, das Theater zu füllen! Ermuntern wir endlich das Theater, auf seinem Wege fortzufahren, auch wenn in besagter Versammlung — zur selben Zeit vielleicht, da von der Bühne Danton oder St. Just sprach— ein Neandertaler aufstand und an dem Theater bemäkelte, daß es nicht auf dem Niveau der Goebbels-Bühnen steht! Nur indem man der Barbarei das Bekenntnis zur Kunst gegenüberstellt, nicht indem man ihr Konzessionen macht, wird man sie überwinden. „D a n t o n s Tod", ein hinreißendes Lesedramq, bereitet der Aufführung unge heure Schwierigkeiten. Soweit sie im Technischen liegen, hilft die neue Drehbühne dem Regisseur Dr. Julius Gellner, fiezu überwinden. Rascher Szenenwechsel, Steigerung des Tempos durch häufiges Spiel auf der rollenden Szene selbst, wobei dem technischen Wunder der Drehbühne noch durch glückliche Einfälle des Regisseurs nachgeholfen wird, schaffen die eine Voraussetzung für eine annähernd originalgetreue Aufführung. Schwieriger ist, das Problem zu lösen, wie dem Heutigem die Elemente zu vermitteln sind, aus denen Büchner sein Drama mengt. Denn der Dichter durfte— rund vier Jahrzehnte nach dem Ausbruch, nur ein halbes Menschenalter nach dem völligen Verklingen der französischen Revolution— die Materie als nahezu bekannt voraussehen. Standen doch just in Büchners Zeit nicht nur in Frankreich— 1830— die Geister des Konvents aus den Grüften, sondern es brach auch für Deutschland der Vormärz an, das Zeitalter, in dem die Deutschen versuchten, in ihrer Geschichte französisch zu reden. Die es wirklich erlernten, unter ihnen Büchner, starben jung oder in der Verbannung. Von dem Kursus blieb nach weiteren 30 Jahren nur der Nationalliberalismus und der Männergesang, insbesondere die.Loreley". Büchner aber durste, als er„Dantons Tod" schrieb, noch hoffen, datz die Deutschen ihn verstehen würden, und er konnte aus dem bluttgen Bilderbogen die wirkungsvollsten Szenen schneiden, ohne fürchten zu müssen, daß die Zuhörer den Zusammen» hang verlieren. Die Heutigen haben es schwerer. Gellner hebt mit sicherer Wahl das AÜgemein- Menschliche heraus. Die Winkelzüge der Politik, die Jntriguen der Konventsparteien sind Hintergrunds-Kolorit. Wichtig sind die Bekenntnisse. Die groß«!» Reden bilden das Gerüst des Dramas und gerade dadurch wird es unerhört aktualisiert(so sehr, daß die im Konvent gesungene Marseillaise stürmischen Applaus auslöst und beinahe mitgesungen wird), dadurch wird das Publikum aber auch der Notwendigkeit überhoben, in der Pause im kleinen Ploetz nachzulesen, was sich so zwischen Septembermorden und Dantons Tod abgespielt hat. Denn jeder fühlt, daß hier nicht Geschichte illustriert, sondern Vivisektion am Körper der Menschheit geübt, die Schlagadern und die Nerven des lebendigen Körpers bloßgelegt werden, der Geschichte macht, einerlei, ob wir 1793 oder 1935 zählen. Eine Schwierigkeit bietet endlich die Sprache des Dichters, die auf den Menschen unserer Epoche leicht lasziv wirken kann und die obendrein mit Vergleichen aus der antiken Geschichte und Mythologie belastet ist, die wiederum dem humanistisch Gebildeten von 1830 verständlich waren, aber dem Zeitgenossen Schmelings und Hitlers wenig sagen. Gellner streicht, soviel nötig ist, aber er versucht doch den Text so zu erhalten, daß er e ch t bleibt, daß die Sätze nicht ihren RvthmuS, die gewaltigen Reden nicht den großen Wurf und der Dialog nicht die satirische Dialektik verlieren. Wo Herr Gellner von der Linie seines Stils abweicht und dem Naturalismus oder einem an Reinhardtmaßen urteilenden PublikumZugeständnisse machen will, enttäuscht die Ausführung. Das war vor allem am Anfang der Fall. Aus Finsternis brach oft wüster Lärm und viel Volksgemurmel. Erst die Konvents- und Gerichtsszenen waren geläutert und rissen mit. Die Grundrisse der Dichtung, der Kampf zwischen dem Triebmenschen und dem Doktrinär, der Strei um die Aufgabe der Revolufton, die für Danton darin liegt, den Strom des gesellschaftlichen Lebens von den Fesseln enger Dämme zu befreien und ihn frei fluten zu lassen bis er sich ein neues Bett sucht, für Rob'spierre aber darin, dem Strom der Entwicklung auch das neue Bett in enaen Grenzen vorzuschreiben und peinlich darüber zu wachen, daß kein noch so dünnes Geäder sich der Norm entziehe. Danton der große Mensch, von gewal- tigen Leidenschaften bewe-ft. Robespierre, der fanatische Kleinbürger, stehen gegeneinander. zwei Gestalten des Wesens Mensch, zwei Er- sck-inungen des Revolutionärs, die im Laufe der Geschichte immer wiederkehren. ManRobesnierre nötig gewesen sein, damit die Revolufton ssege— ihr Svmbol. der Ng'nen. mit d-m sie durch die Jahrtausende schreitet, bl-ibt doch Danton. Unter den zählreich-n Darstellern sind vor allem V a l k als Danton und Taub als St. Just zu nennen. Balk ist schon äußerlich'oanz der wilde Dömon und er bewältigt auch sprachlich die Figur, die Büchn-r aus dem fenriaoli'henden Metall seiner kühnsten Worte genossen hat. Taub dagegen spitz- ftndia. messerscharf und kalt ist der Prototyp des Jakobiners, nur Gehirn und zugreifende Hand. Mensch ohne Herz. Sehr eindringlich war der Legandre des Herrn Siedler, aut gesehen die Depufterten der Herren Jordan. Demel. Richter. Klippel ist für Camille Desmmilins in Gestalt und Wort zu wenig zart und sensibel, eher ein Naturbursch als ein emvfindsamer Intellektueller. Verzeichnet war der Robesvierre des Herrn M a r l i. So sicher sonst dieser Künstler seine Charaktere zeichnet, diesmal gelingt es ibm nicht den Gegenspieler Dantons lebensecht binzustellen. Dieser Robespierre ist zu hofrätlich, zu absonderlich, eine Gestalt wie aus„Hoffmanns Erzählungen". Unter den Frauen war die M o n c a s i(als Dirne Marion) wieder be-wingend durch die schlichte Größe ibpesSviels. Elsbeth W a rnh o l tz als Julie Danton'.' Lu Rodenberg gls'Lncile Des» moulins konnten sich neben den Männern stben lassen. Die Rodenberg hielt auch der starken Kraftprobe der Wahnstnnst-enen stand. Ein drastisches Baar st-llten Herr Volker(Simon) und Frau Lotte Stein. Die Bühnenbilder stammen von Kurt Hallegger. die Musik— von der man wenig börte — von Walter Süßkind. E. F. „Die Zeiten ändern sich" von Edouard Bourdet. (Erstaufführung im Ständetheater.) Die franzö- sische Bourgeoisie, zähe und geizig in ihren Anfängen, hat in späteren Generationen die Lebensweise des nichtstuerischen Adels nachgeahmt und ging daran moralisch unter, verfiel gesellschaftlich und in der Nachkriegszeit auch wirtschaftlich. Die Großväter haben hart gearbeitet, die Enkel haben die Betriebe mechanisiert, mit Hilfe des Bankkapitals und der Kartelle den Markt beherrscht und die Arbeitskraft des Volkes ausgesaugt. Sie setzten genießerische, degenerierte, wahnsinnige und idiotische Kinder in die Welt. Mit dem Schwinden des Bankkredits und der letzten Vermögensreste schwinden auch sie aus dem wirtschaftlichen Leben. Bourdet hat Menschen gezeichnet. die alle Merkmale des moralischen, körperlichen, geistigen und wirtschaftlichen Niederganges verkörpern. Hieronymus Faure.chin aktiv arbeitenber Gesellschafter der Familienfirma, ein skrupelloser Gefchäftsmann, kann dem Wirtschaftsverfall des Unternehmens nicht Halt gebieten, wenn so viele schmarotzende Menschen an dem Vermögen zehren, unfähige oder aenießerische Nichtstuer. Die menschlichste Figur des Stückes. Marcel, ein Dilletant des Lebens und der Kunst, hält sich nur durch die Energie seiner Frau.eines gesunden, prakftschen Volkskindes, das lange Jahre der schwarze Fleck der Familie war. Eine wahnsinnige Tochter, eine blutleere eroftsierte Schwiegertochter, eine kalt berechnende Mutter und eine kindische Großmutter bilden das Milieu, wohin zwei junge, burch Sport und Arbeitsnotwendigkeit gestählte moderne Menschen gebracht werden, um als Mittel zur Rettung der Firma zu dienen. Die ftische Anny, Schwimmeisterin und angehende Filmschauspielerin, zieht die Blicke der begehrlichen Männer der Familie auf sich, bis sie sich in dem Glanz des Reichtums verfängt und den erottsch erwachenden Halbidiot« heiratet. Aus der dumpf-eroftschen Ehe rettet sie nur der gesunde Lebenswille. Film und Sport ist der Ausweg, der der jungen Generatton Lebensmöglichkeiten bietet, nach dem aber auch die alte wirrschast- lich herabgekommene Generation wie nach eine» rettenden Anker greift. Die Bourgeoisie hat den Witt« schaftlichen Liberalismus zur Bereicherung Einzeln»! ausgenutzt; erbarmungslos geht die neue Wirtschaftsepoche über ihre Leichen hinweg.— Das Stück hat eine gute Interpretation gefunden, doch litt die Aufführung unter etwas hasttger, zeitweise unverständlicher Aussprache. m. i-- Spielplan des Deutschen Theaters. Donnerstag halb 8: Gräfin Mariza, CI.— Freitag halb 8: F a l st a f f, D 2,— Samstag halb 8: Servus! Seyvusl, C 2.— Spielplan der Kleinen Bühne. Donnerstag 8: MeineCousineausWarschau.— Freitag 8: Charleys Tante. Kulturverbandsfreunde und freier Verkauf.— Samstag 8: Meine Cousine aus Warst" au. Der Dim Reue heimische Propaganda-Kulturfilme. Die Prager Produktiv rSfirma Union-Film bereitet ent ständige Erzeugung von heimischen Propaganda' Kulturfilmen vor, deren erste Serie„Aus dem P'tt ger Ghetto",„Riesengebirge im Schnee" und„Prag in Blüten" bereits erfolgreich gelaufen ist. Film-Beratungsstelle. In der verftossenen Wob* wurden folgende Filme zur Einfuhr in die Tschrcha- slowakci freigegeben: Ein deuftcher Film.Du töricht« Jungfrau"(Ufa-Film), ein österreichisht- Film„Der Himmel auf Erden"(Elekta-Film), vir! amerikanische Filme„Der Gassenjunge"(Moldau«' Film),„Mit Büchse und Lasso"(National-Filw)- „Frau im U-Boot"(Paramount-Film) und„Frankenstein"(Universal-Film) sowie mehrere Kurl' filme verschiedener Herkunft. Literatur Haudbüchtein- für Arbeiter über Kranke»'« Sozial- und Unfallversicherung. 1935, Verlag Zen' tralgewerkschaftskommission des deutschen Gcweck- schaftsbundes in der Tschechosiowakischen Ii^ublu« Reichenberg, Gablonzer Straße 20. Preis KC 9.-" 1 In der Reihe der Gesetze für Arbeiter und Angestellte, welche die Zentralgewerkschaftskommission des Deutschen Gewerkschaftsbundes herausgibt, ist als Heft 11 ein Handbüchlein erschienen, welches über die Kranken-. Sozial» und Unfallversicherung informiert. Da- Büchlein hat alle Vorzüge der Gesetzesausgabrn dtt Zenttalgewerkschaftskommission und unterscheidet ftl von anderen Ausgaben vor allem durch di« leick" Verständlichkeit, wodurch es gerade für NichtjuristeE außerordentlich brauchbar ist. Es enthält ein Batt wort, welches eine gute Einführung in das Gebin der Soziawersicherung ist, dann die Bestimmungen des Gesetzes über die Versicherung der Arbeitnehintt für den Fall der Krankheit, der Invalidität und des Alters mit allen Novellen, die feit 1924, da das Gesetz in Kraft ttat. erschienen sind. Den zweiten Teil des Büchleins bilden die Bestimmungeß übe- die Unfallversicherung der Arbeiter. In den Tatt stellungen beider Versicherungszweige findet mA eine Menge Beispiele und Formulare sowie ein Sack' register. welches die Brauchbarkeit des Büchleins ett Höht. Tausenden von Arbeitern ist damit ein wM voller Behelf an die Hand gegeben, aber Redaktionen. Gewerkschafts- und Parteisekretariatwerden das Büchlein mit viel Nutzen verwenW können. E. St-■ Dir Berlagsanftalt„Graphia", Karlsbad, kü»' digt an eine„Geschichte der Deutschen Republik",-A Artur Rosenberg, jetzt Professor an der UnjW? sität Liverpool, ferner einen Band„Verse der gration",«ine Anthologie aus 45 deutschen Dichter im Ausland, zusammengeftellt von Heinz Wielek, r wie eine Sammlung„Deutsche Flüsterwitze" Willenbacher und eine Untersuchung der bleme der„Gewerkschaftsbewegung in der Tcmakrs tic und unter der Diktatur" von Leopold F r a n K nach einem Roman von’ Edgar Wallace. Freitag, den 17. Mai, um 8 Uhr abends, Heinesaal, Prag-Weinberge, Fochov» Große Wählerversammlung Redner: Die Kandidaten X0eo6or Vattkenverg und Dr. Ihovert Wiener -Bezugsbedingungen: Bei Zustellung rnS Haus oder bei Bezug durch die Poft monatlich KL 16.—. vierteljährig KL 48.—, halbjährig KL 96—^anziührig KL 192.—.—(Merete werden ta^ Tarif billigst berechnet. Bei öfteren Einschaltungen Preisnachlaß.— Rückstellung von Manuskripten erfolgt nur bei Einsendung der Retourmarken.— Die ZeitungSfrankatur wurde von der Poft- und Tttf graphendireftlon mit Erlaß Nr. 13.800/V 11/1930 bewilligt.— Druckerei;„Orbis". Druck«. Verlags« und Zeiwngs-A.-G.. Prag.