Donnerstag, 18. Juli 1935 Nr. 165 15. Jahrgang EHRifyNIt 70 Helfer (•imchli.Blich S Haller FortoJ 1ENTRALORGAN DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung präg xh m fochova 62. Telefon sjo77. HERAUSGEBER« SIEGFRIED TAUB. CHEFREDAKTEUR« WILHELM NIESSNER. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR« DR. EMIL STRAUSS, PRAG. t t I e « t ,e '£ i * i i it l. I I ■t •t i e >« n n. t» l* 1 ci I 16 I 'S I rt* I I ■it| r* I tt I 11 tV I ft 1 lN| ft' t* I in l1 e ■t« (3 Die neue Terrorwelle in Hitlerdeutschland Die Lösung der österreichischen Frage Im Organ der belgischen Sozialdemokratie »Le PeupIe" schreibt Iexas am Schluß eines Artikels über die Habsburgers!age: „Genügt es, Schuschnigg und Star» Hemberg, die für sich selbst Keine andere Rettung sehen, die Wiedereinsetzung der Habsburger zu verbieten? Ist es nicht ein Lebensinteresse der Kleine» Entente, Europas und des Friedens, daß in Oesterreich selbst die demokratischen Dolkskrüfte befreit werden, die es verstehe« werden, zugleich der Restauration der Habsburger und dem Anschluß ein wirkungsvolles Hindernis entgegenzusetzen...? ... die Kleine Entente und vor allem die Tschechoslowakei haben unseres Erachtens große Fehler der Vergangenheit gutzumachen. Niemals wäre die Demokratie in Oesterreich zerstört worden, noch der Kleriko» faseismus ans Ruder gekommen, wenn sich nicht das faseistischeZtaliev beharrlich und direkt in die inneren An» gelegenhetten des Landes eingemengt Hütte. Die Meine Entente hat es gesche» hen lassen; fie hat ihren Fehler bezah» len müssen. Henle, infolge des üthio» Pischen Abenteuers ist Mussolini schon zum Test lahmgelegt. Das österreichische Volk, besiegt von seine» Thrannen, weiß das. Die Meine Entente kann es nicht übersehen. Ist nicht derAugen» blick gekommen zur Restau» ration...derFreiheitin Oesterreich und damtt der Rettung des Friedens?" Meder Straßenkämpfe in Belfast London. Im Laufe des Mittwoch kam es in Belfast zu weiteren schweren Zusammenstößen. Während des Boynittags versammelte sich eine größere Menschenmenge im Bezirk der Aorkstraße und nahm eine droheüde Haltung ein, so daß die Polizei gezwungen war, mehrere Schüsse über die Köpfe der Demonstranten abzufeuern. Reue schwere Unruhen ereignete« sich am Mittwoch nachmittags» als eine- der Todesopfer der jüngsten Straßenkämpfe beerdigt wurde. Ein Teil der Menge, die den Leichenzug begleitete, stürzte sich plötzlich auf einen Mann und mißhandelte ihn schwer. Als die Polizei mit gefälltem Seitengewehr eingriff, entwickelte sich ein Straßenkampf, in dessen Verlauf die Menge versuchte, der Polizei die Gewehre zu entwinden. Ein Polizei- vffizier wurde zu Boden gestoßen. Trotz Einsatzes von Militär und Panzerwagen wurden die Unruhen an anderen Stessen fortgesetzt. 2m Friedhof selbst entwickelte sich ein Feuergefccht zwischen Orangisten und irischen Rationalisten, bei dem mehrere Personen verletzt wurden. Heuer Labour-Wahlries London. Eine parlamentarische Ersatzwahl in West-Toeteth(Liverpool) hat zu einer schweren Niederlage der Konservativen geführt. Der Kandidat der Arbeiterpartei hatte 14.808 Stimmen und der Konservative nur 9565 Stimmen erhalten. Japan an Abessinien desinteressiert Rom. Nach einer Meldung der Agentur Stefani empfing, Mussolini am Dienstag den japanischen Botschafter, der ihn auf Weisung seiner Regierung formell erklärte, daß Japan keinerlei Absicht habe, in den'itälienisch-abessirnschen Streitfall einzugreifen. Japan habe keine politischen Interessen in Abessinien.' Berlin.^e. Die Monopolgesellschaft beantragt für die sogenannte„Eiserne Reserve" bei Weizen 20.000 Waggons, bei Roggen 10.000 und bei Hafer 8000 Waggons, was ungefähr der Verbrauchsquote für zwei Monate gleichkommt. Für die Erhallung die, ser eisernen Reserve soll der Staat jährlich 60 Millionen Kronen beitragen. Krlegsschausplel der englischen Flotte London. Die Jubiläumsschau der englischen Kriegsflotte wurde am Mittwoch durch«in großes Manöver auf der Höhe von Portsmouth abgeschlossen. König Georg selbst, begleitet vom Prinzen von Wales und den Herzogen von Kent und Dork, führte die Flotte auf seiner Nacht„Victoria and Albert" ins Manöver. Ein Höhepunkt der Uebungen war der Angriff Lines feindlichen „Bombengeschwaders", das durch zwei der neuen Fernlenkflugzeuge dargestellt wurde. Kurz nach ihrem Aufstieg wurden beide Maschinen von den Geschützen der Schlachtkreuzer getroffen und stürzten in die See ab. Dm Nachmittag kehrte der König wieder nach Portsmouth zurück. 71 Roman von Emil Vachek Deutsch von Anna AurednRek Sie war bereits angelleidet und ganz nüchtern. Herr Holina führte sie zu ihren Kameraden und Beinsteller erwartete mit Herrn Pate! das unglückliche Opfer der schönen Frau. Lunacek war verhaftet, btvor er sich von seinem Staunen erholt hatte, statt der Frau, für die er sein Vaterland verrüten hatte, im Zimmer seiner Geliebten zwei fremde Männer zu finden. Das zwanzigste Kapitel ist kurz und beschreibt die Unterredung zwischen dem Kriegsminister und Beinsteller. Es gipfelt in der völligen Rehabilitierung des einstigen Taschendiebes Ferdl. Es war halb neun Uhr, als Beinsteller das Arbeitszimmer des Ministers betrat. Er war unausgeschlafen, müde, aber strahlend. „Sie kommen als Sieger, lieber Freund", begrüßte ihn der Minister.„Ich bin glücklich, mich in Ihnen nicht getäuscht zu haben. Sie werden begreifen, daß ich von all dem, was ich hören mußte, peinlichst berührt bin. Wieder hat einer seine Pflicht vergessen. Und die Vorbereitungen, die von ihnen getroffen wurden! Ohne Si«, werter Freund, hätten die Leute Gott weiß wie lang den Unfug getrieben!" „Na ja", meinte Beinsteller,„die haben den Betrieb sehr gut eingerichtet, es klappte wie ein von der Statthalterei konzessioniertes Gewerbe. Geld wie Heu, hübsche Mädeln— unter uns gesagt, Herr Minister, denen wär' die Polizei nicht gewachsen gewesen," „Ich bin selbswerständlich unterrichtet, Herr Beinsteller, welche vielseittge Tätigkett Sie entfalteten. Sie haben sich weit mehr Verdienste erworben als ein Soldat im Felde. Wer weiß übrigens, wie vielen Soldaten Sie das Leben gerettet höben. Ich denke jetzt sogar daran, Sie für die gewünschte militärische Auszeichnung vorzuschlagen." „Herr Minister... Herr Minister,,»• stotterte Beinsteller. „Jawohl, dieser Entschluß ist schon gefaßt. Für einen außergewöhnlichen Menschen gelten außergewöhnliche Maßnahmen. Sie werden die Auszeichnung bekommen. Aber eines ist mir nicht klar. Warum ließen Sie die zwei Lumpen nackt ausziehen, und weshalb die Spionin festnehmen, gerade als sie im Evakostüm war?" „Das ist so, Herr Minister: In Kleidern ist der Mensch viel stärker, als wenn er nackt ist. Gewiß hat Ihnen schon ost geträumt, daß Sie in Gesellschaft angekleideter Menschen nackt sind. Und Sie waren dann so schwach wie eine Fliege. Das habe ich in der Praxis ausprobiert, eine Erfindung, die man patentieren lassen sollte. So lang der Mensch in Kleidern ist, leugnet er bis zur Bewußtlosigkeit. Sobald er aber einem Angezogenen nackt gegenübersteht, fühll es sich Neinwinzig uw> gesteht noch mehr, als er auf dem Gewissen hat." Der Minister lachte.„Etwas ist schon daran, aber wir wollen zur Sache kommen. Die Auszeichnung soll nicht Ihre größte Belohnung sein. Die größere soll Uhnen das Bewußtsein gewähren, durch diese schöne Tat.alle kleinen Sünden Ihrer Vergangenheit gutgemacht zu haben." Beinsteller spürte, daß ihm Tränen in die Augen traten. „Das war sehr schön gesagt und ich fühle mich wirllich wie ein Säugling. Ich könnte nicht mehr stehlen, selbst wenn man mich zwingen wollte." „Sie haben sich trotz der entsetzlichen Verhältnisse ein gutes Herz zu bewahren gewußt", sagte der Minister gerührt. „Das macht alles die Liebe. Ich habe das alles nur getan, um vor Sophiechen mü einem reinen Schild dazustehen, wie man zu sagen pflegt." „Und ich sage Ihnen, diese Liebe wäre nie erwacht, wenn Sie ein schlechter Mensch wären. Sie waren überhaupt kein Verbrecher, das ist absolut unmöglich. Sie waren nur ein unglücklicher Mensch." „Hören Sie schon auf, Herr Minister, ich fange sonst zu heulen an. Ich bin gewöhnt, daß man von mir sagt:„Der Beinsteller? Dieses Luder? Dieser Lump?" Ich denke mir auch jetzt noch, daß das Luder nur auf Urlaub ist. Könnt' ich doch das Gedächtnis verlieren!" „Jetzt haben Sie mich am meisten ergriffen", sagte der Minister.„Fürchten Sie aber nichts, es wird niemand mehr wagen. Sie an Ihre Vergangenheit zu erinnern. In kurzer Zeit wird das ganze Land von Ihrem Heldentum lesen, und sollte sich doch jemand finden, der keine Zeitung liest, dann zeigen Sie ihm dieses Dokument." Nach diesen Worten reichte der Minister Beinsteller einen vorbereiteten Brief folgenden Inhaltes: Herr Ferdinand Beinsteller erwies mit Einsatz seines Lebens dem Vaterland vorzügliche Dienste und lehnte jedwede materielle Belohnung ab. Er half gefährliche Spionage aufdecken, die die Sicherheit des Landes bedrohte und bewies dabei hervorragende Initiative, Tapferkeit und Unerschrockenheit. Besonders hervorgehicken muß werden, daß er all dies aus eigenem Willen vollbracht hat. Das bestättgt der unterzeichnete Minister. „Das kann ich nicht annehmen", schluchzte Beinsteller»„ich müßte mich schämen, jemandem so einen Brief zu zeigen. Herr Minister, es genügt, wenn Sie schreiben: Fräulein Sophie, Sie können Herrn Beinsteller ruhig heiraten. Ich garantiere für seine Ehrlichkeit... Vielleicht, wenn ich die Greißlerei hätte, daß sie mich dann heiraten möchte." Einheitsfront im Kanton Schaffhausen Vereinigung der Sozialdemokraten und Kommunisten Am 7. Juli fand in Schaffhausen ein Parteitag statt, der sich mit dem Zusammenschluß der sozialdemokratischen und der kommunisttschen Partei im Kanton Schaffhausen beschäftigte.und diesen Zusammenschluß auch vollzog. Die(einst so prächtige und starke sozialdemokratische Partei des Kanwns Schaffhausen litt unter der Spaltung weit mehr als irgend ein anderer Kanton der Schweiz. Hier begann der Kampf zwischen den Kommunisten und Sozialdemokraten, kaum daß sich in Rußland der große Umschwung vollzogen hatte und' nahm Formen an, die für die gesamt: Arbeiterbewegung tief beschämend und von den schwersten Folgen begleitet waren. Dieser vor Jahren noch hoffnungslose Zustand der Spaltung der Arbeiterschaft hat nunmehr einen erfreulichen Abschluß gefunden. Nach Referaten der Führer beider Richtungen im Kanton Schaffhausen— Erb für die Sozialdemokraten und Dr. Bringoft für die Kommunisten— wurde der Beschluß aus Vereinigung beider Parteien ohne Gegensttmme und ohne Stimmenenthaltung gefaßt. Der Vcr- einigungsbeschluß der SP und KPO lautet: „1. Der gemeinsame Parteitag der 5WO und SP des Kantons Schaffhausen beschließt: a) die Mitgliedschaften der bisher getrenn- ten Parteien werden zu einer einheitlichen Arbeiterpartei des Kanwns Schaffhausen zusammengeschlossen; b) die Fusionierung der beiderseitigen Organisationen erfolgt nach den Richtlinien, wie sie zwischen den bevollmächtigten Delegierten der beiden Kantonalvorstän- den vereinbart wurden. Der Parteitag stimmt diesen Richllinien zu. 2. Der Name* ber vereinigten Partei lautet: Sozialistische Arbeiterpartei des Kantons Schaffhausen. Er findet aus die örtlichen Sektionen entsprechende Anwendung. 3. Die Sozialisttsche Arbeiterpartei des Kan« wns Schaffhausen vollzieht den Anschluß an die Sozialdemokratische Partei der Schweiz und anerkennt deren Beschlüsse und Statuten. - 4. Als Parteiorgan wird die„Schaffhauser Arbeiterzeitung" bezeichnet. Das Abonnement des Blattes ist für alle Parteimitglie« der obligatorisch. 6. Der Parteitag wählt eine provisorische Geschäftsleitung und beauftragt dieselbe mit der Ausarbeitung der Statuten und baldigen Einberufung eines zwetten Mttglieder- parteitages. Bis zur statutarischen Konstituierung liegt die politische Leitung der neuen Kantonalpartei in den Händen der provisorischen Geschästsleitung." Als Präsident der neuen Geschäftsleitung der Partei wurde Dr. Bringolf gewählt, der auch in den Vorstand der schweizerischen Sozialdemokratischen Partei entsendet wurde. „Oer Kampf" In Oesterreich verboten Wim. Das Bundeskanzleramt hat die Verbreitung der im Auslande erscheinenden Zeitschriften„Sozialistische Warte" und„Der Kampf", Erscheinungsort Prag, im Jnlände für die Dauer eines Jahres verboten. „Ich möchte Ihnen gern beweisen, wie sehr ich sie achte. Ich bitte Sie daher, heute um acht Uhr abends in meine Wohnung zu kommm. Wir werden gemeinsam nachtmahlen und ein wenig plaudern." „Ich werde mit Vergnügen kommen, Herr Minister, aber ich esse, mit Verlaub zu sagen, wie ein Schwein. Sie wissen doch, unsereiner konnte ja nur im Kriminal etwas zulernen." „Sie können ruhig auch mit Hilfe Ihrer Finger essen. Sie haben heute alle Recht«, mein Lieber..." Hierauf kamen zwei Gmerale und mindestens ein Dutzend Stabsoffiziere, um Beinstellers Rechte zu schütteln. Die niedrigeren Chargen zählt« er gar nicht mehr, das war Kleinzeug, nur mit Herrn Necas sprach er ein Weilchen. Und als all die Ehrungen endlich hinter ihm waren, wußte er, daß er wirllich ein neuer Mensch geworden war. „Ferdl, Bruderherz", sagte er sich,„du quatschst einen Stiefel! Wenn du dich hören könntest, bekämst du Blattern von dem Gewäsch. Jetzt ails Held des Tages und künftiger Greißler, ist Schluß damit. Du kannst ja, wenn du allein bist, reden wie dir der Schnabel gewachsen ist, aber vor Leuten, da gibt's nichts, Ferdl, da mußt du di«, Sprache der Jntellette sprechen» die der letzte Schreiber im Ministerium spricht." Beinsteller lief es kaü und heiß über den Rücken, als er zum erstenmal im Leben in der Elektrischen eine„Umsteigkarte" verlangte. Ec starrte den Schaffner entsetzt an und fürchtete, daß ihm dieser sagen würde:„Reden Sie natürlich — Siel" Aber der Schaffner gab ihm ohne weiteres die Umfteigekarte, als hätte er sie im Prager Dialett verlangt, und Beinsteller saß vergnügt und selbstzufrieden da. (Fortsetzung folgt.) «r. 165 DonnerStag, 18. Full 1935 Gelte 3 fadcfcndeufsdier Sciispicjel irgend einer politischen Partei gutgeschrieben zu Hecken.. Und darum geht es jetzt dem Bunde. Was für die Kinder geschieht, muß unter der Flagge des Herrn Henlein, bziv. der SDP geschehen. Deshalb werden die alten Forderungen der sozialdemokratischen Partei nach Wohnungsfürsorge, nach mehr Fürsorge für Mutter und Kind, als neue von den Bundesmachern erfundene Forderungen proklamiert. Deshalb auch entdeckt man jetzt den Geburtenrückgang überhaupt. Parteipolitik mit armen unglücklichen Frauen und Müttern! DaS ist der Grundgedanke, der in Eger zu dem Beschluß auf Einführung eines Mutterschaftsgrundstockes führte, nicht die Not der deutschen Mutter und auch nicht der Wille ihr zu helfen. Das Unglück der Armen ist für diese Leute nur dazu da, um politisches Kapital daraus zu schlagen. Ernsthaft helfen aber werden sich die deutschen Arbeitermütter so wie bis jetzt nur in der Verbindung mit der Sozialdemokratie können. Mutterschaftsgrundstock gegen Geburtenrückgang Die Geburtenziffer im deutschen Randgebiet der Republik geht ständig zurück. Auf diese Tatsache ist im Zusammenhang mit Schilderungen der sozialen Verhältnisse unserer Zeit auch in unserer Presse wiederholtemale hingewiesen und die Ursache dieser finkenden Volksbewegung aufgezeigt worden. Nun aber die im Bund der Deutschen in Böhmen untergekommenen Henleinfascisten neue Schlager brauchen, um der Masse der deutschen Bevölkerung Betriebsamkeit vorzutäuschen, greift man mit viel Bühnenkunst die Frage auf der Bun- deStagung in Eger auf und tut jetzt so als hätte man in Eger den Stein der Weisen erfunden, mit dem man mit Leichtigkeit der dauernden Vermin-' derung der deutschen Bevölkerung dieses Staates entgegen wirken könnte. Denn sie sagen über den Beschluß, der auf Grund der Behandlung des Themas»Geburtenrückgang" gefaßt wurde, in der Presse: „Bon großer Bedeutung ist der Antrag des Bundesbezirkes Tetschen auf Schaffung eines Mutterschaftsgrundstockes gegen den Geburtonrückgang. Der Kampf gegen die Entartung des Lebens ist mit aller Kruft aufzunehmen. Alle Bundesgliederungen haben dir Pflicht, den Auf- und Ausbau entsprechender Abwehrbestrebungen zu beraten und alles zu tun, um den Willen zum Kind zu wecken, und die Mittel zu schaffen, um minderbegüterten, aber erbgesunden und ausbanwilligen Gliedern unseres Volkes die Familiengründung zu ermöglichen." Also wollen sie mit Hilfe eines Fonds den Kampf gegen die Entartung des Lebens aufnehmen und den Willen zum Kind wecken. Wo aber muß vor allem gegen die Entartung des Lebens zuerst gekämpft werden? Der Hauptreferent zu dem vorerwähnten Thema, Dr. Muntendorf, sagte u. a.:„In er st er Linieversagen die sogenannten besseren Stände". Hier ist zweifellos die Entartung am größten. Hier aber wird gerade der moralische und materielle Einfluß am wenigsten nützen. Auch dann nicht, wenn man jene Frauen, die sich die Frucht im Mutterleibe abtöten lassen, so wie es gesagt wurde, als Mörderinnen bezeichnet und jene die sich zur Abtreibung hergeben, ächtet. Denn diese Kreise der Bevölkerung haben sich noch nie an sittliche Gebote gehalten und um die Bedürfnisse ihres Volkes bisher herzlich wenig gekümmert, Sie werden nach wie vor für ihre Bequemlichkeit sehr viel, für das deutsche Volk aber keine Opfer bringen. Nun will man noch die Mittel beschaffen, um den minderbegüterten Gliedern des deutschen Volkes die Familiengründung zu ermöglichen. Daß man dabei nicht daran denkt, den armen Teufeln, die gerne Kinder kriegen möchten, Wohnungen, Aussteuern und den Le b e n s- unterhalt zu besorgen, ist selbstverständlich. Es kann sich also nur darum handeln, in einzelnen Fällen Unterstützungen zu gewähren, damit geheiratet oder entbunden werden kann. Die Unterstützung für die Gründung eines Familienstandes genügt aber zur Führung eines kinderreichen Haushaltes nicht. Bleibt also nur die Unterstützung im Falle einer Geburt. Ist aber diese Unterstützung etwas Neues? Es ist uns, als hätten wir noch vor ganz kurzer Zett in der gleichen Presse, die heute in so hohen Tönen von dem Beschlüsse in Eger schreibt, etwas von„W ahlwindeln derStadtWien" gelesen. Jawohl gehöhnt und gespottet hat man über die Unterstützung der Wöchnerinnen und war hocherfreut, als man mit Kanonen der Fürsorge-Inflation ein Ende bereitete. Soll das so geächtete Werk der Wiener Sozialdemokraten Urständ feiern? Aber noch etwas anderes. Die Unterstützung der Wöchnerinnen wird gerade von jenen, denen Sturzende Nazisäulen Auch aus Chemnitz wird jetzt Wer den Sturz weiterer führender Nazigrößen berichtet. Schon vor geraumer Zeit sind die Führer aus den berüchtigten Märztagen 1933, Rechtsanwalt Herberg, Brigadeführer Lasch, Schauspieler Stein, Redakteur Baller st edt, SA-Führer V o g t als über Bord gegangen gemeldet worden. Fetzt trifft die Nachricht über neue„Reinigungsprozesse" ein. Der Leiter der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt und der Winterhilfe, Stadtrat Kr o n b u r g, ist unter der Beschuldigung, 11.009 Mark unterschlagen zu haben, verhaftet worden. Auch der durch seine Brutalität im ganzen Erzgebirge bekannt gewordene Chemnitzer Iftieisleiter Ernst Mutz ist nun unter schwerwiegenden Beschuldigungen von seinem Posten entfernt worden. Ferner schwebt gegen den Stadtverordnetenvor« sicher Rechtsanwalt Dr. Stülpnagel ein Ermittlungsverfahren. Die Führerin des Bundes deutscher Mädels, Lämmel, sitzt wegen Unterschlagungen im Gefängnis. Der Nazi-Vertrauensmann für die gleichgeschalteten Konsumvereine in Chemnitz, der Stadtverordnete Schnabel, ist ebenfalls unter kriminellen Anschuldigungen aus Amr und Würden gejagt worden. DaS sind die Reiniger und Erneuerer Deutschlands! man heute zum Tell die Schuld an dem Geburtenrückgang in die Schuhe schiebt, den Marxisten, praktisch durchgeführt. Die von den Deutschbürgerlichen soviel geschmähten Krankenkassen haben an der Fürsorge der minderbemittellen Mütter ein sehr großes Verdienst. Sie ermöglichen ihr, die Entbindung unter menschenwürdigen Verhältnissen vorzunehmen, geben Stillprämien, sorgen für den notwendigen Schutz der Mutter vor und nach der Entbindung. Dann aber sind doch die Beratungsstellen für Schwangere, die Mütterberatungsstellen, die Kinderheime der deutschen Jugendfürsorge da, die an dem Kampfe gegen den Geburtenrückgang sehr großen Anteil haben und an Fürsorge für Mutter und Kind gewaltige Leistungen vollbracht haben. Freilich ohne ihr Werk und ihre Erfolge Was die Kohlengruben verdienen Der Gewinn betragt 61 Prozent Bei dem Bezirksgericht in Eibenschih fand ein Prozeß statt, der insoferne allgemeines Interesse beanspruchen darf, als im Verlaufe dieses Prozesses zutage trat, wie gross der Gewinn der Kohlengruben ist. Die Rossitzer Kohlenbergwerksgesellschaft klagte den Inhaber von Kohlenfeldern und des SchurfrechteS Oskar Weiß und den Geologen F. Locker auf Schadenersatz, weil diese einen Stollen errichteten, der in das Gebiet der Kohlenbevgwerksgosellschaft reicht. Nun ist es interessant, wie hoch die Gesellschaft den Schaden-, den sie dadurch erlitt, daß sie um eine bestimmte Menge Kohle kam, schätzt. Sie behauptet, daß ein Zentner Kohle bei einem Berkaufs- preis von 12 KL einen Gewinn von 7.32 KL, das sind 61 Prozent, bringt. Die Geklagten weisen diese Behauptung zurück und wenden ein, daß der verlangte Schadenersatz viel zu hoch sei. Die Gesellschaft besteht aber auf ihrer Behauptung. Der Prozeß ist noch nicht entschieden.•* Uns interessiert an diesem Prozeß vor allem die Tatsache, daß die Rossitzer Kohlenbergbaugesellschaft selb st den Gewinn bei einem Kilogramm Kohle mitül P r o- zent angibt. Unsere Leser dürften sich noch daran erinnern., wie energisch die Gesellschaft seinerzeit die berechtigten Lohnansprüche der streikenden Bergarbeiter abgewicsen hat. Die Gesellschaft behauptete damals, daß sie keine höheren Löhne zahlen könne, da die Rentabilität der Gruben sehr g'ering seist) Dieser. Prozeß deckt aber die Unrichtigkeit dieser Behauptung ganz eindeutig auf und setzt das rücksichtslose und auf die Erreichung eines möglich st großen Profits ausgehende Vorgehen der G e s e ll s ch a f t g e g e n ü b e r ihrenAr- beitern in das richtige Licht. Verzwelflunsskampf der Schrollarbeiter in Braunau Di« Textilfirma Schroll hat ihre Betriebe in Brauttau-Oelberg und Hakbstadt. Im Jahre 1929 beschäftigte sie im Btaunauer Betrieb 1732 und im Halbstädter noch 780 Arbeiter und Arbeiterinnen. Inzwischen hat sie die Zahl der Beschäftigten in Braunau auf 650, in Halbstadt auf 356 herabgesetzt. 1500 Arbeit« haben also in den vergangene« sechs Jahren ihren Arbeitsplatz verloren. Sie fristen zum großen Teil als Ernährungskartenbezieher ihr Leben. Die Wirtschaftskrise hat ihnen die Existenz genommen, so sagt man— aber eS ist noch lange nicht erwiesen, ob die Wirtschaftskrise oder eine skrupellose Unternehmerpolitik dir Ursachen des Hungers von diesen 1500 Arbeitsmenschen ist. Es ist nämlich bekannt, daß die, ob ihrer Erzeugnisse in der ganzen Welt bekannte Firma Schroll in der Nachkriegszeit auch in anderen Staaten Produktionsstätten errichtet hat und damit den Markt der einheimischen Fabriken stark begrenzte. Außerdem hat hier eine Rationalisierungsmethode Eingang gefunden, die hunderten Arbeitern das Brot entzog, dem christlichen Fabrikschef jedenfalls aber sehr gut tat. Aber trotz alledem; die Menschen waren ruhig und geduldig, bis in den letzten-Wochen die Betriebsleitung ankündigte, daß von den verbliebenen 1100 Arbeitern neu«dings 310 entlassen werden sollen. Nicht vielleicht deswegen, weil weniger Arbeit vorhanden ist, sondern weil das bestehende System der Kurzarbett unrentabel sei und nunmehr durch eine verminderte, aber ständig in Arbeit stehende Belegschaft ersetzt werden soll. Die Arbeiter haben aus Gründen der Solidarität seinerzeit verlangt, daß an Stelle von weiteren Entlassungen Kurzarbeit ttete, haben also für einander große Opfer gebracht, die unter sehr frommer Führung stehende Betriebsleitung aber geht über diese soziale Einstellung der Arbeiter zur Erhöhung des Profites durch Abschaffung der Kurzarbeit mittels Verminderung der Arbeiterzahl um ein Drittel über. Dagegen setzten sich die Arbeiter beider Betriebe zur Wehr. Die Bezirksbehörde entschied, daß keine Entlassungen vorgenommen werden dürfen. Eine Deputation unter In christlichen Ständestaat — A, Hungerstr ei kler, Hochwürden! — Fasten ist der Kirche wohlgefSlllg, aber vergeßt nicht ihren Segen einzuholen l Führung des Genossen Taub sprach beim Fürsorgeminister Jng. N e L a s vor, der ebenfalls gegen die Entlassungen Stellung nahm. Aber die christliche Firma Schroll kümmerte sich einen blauen Teufel um die Behörden und um die Angstrufe der Arbeiter und ging schon am 29. Juni zu den ersten Entlassungen über. Nunmehr aber setzt der Verzweiflungskampf der Arbeiter ein. Sie rufen nun noch einmal alle Staatsstellen an, um weitere Entlassungen zu verhindern und fordern statt dessen, die Belegschaft turnusweise auszusetzen. Sonntag zogen die Schrollarbeiter aus Braunau und Halbstadt demonstrativ zum Schützenhaussaale in Braunau, um dort noch eurmal gemeinsam Hilfe anzurufen. In einer einstimmig angenommenen Resolution werden die Oessentlich- keit und die Behörden aufgerufen, das Attentat auf die Arbeiter im Betriebe Schroll zu verhindern. 6000 Menschen sind im Bezirk Braunau arbeitslos, zu ihnen sollen dreihundert kommen, die ohne Not der Profitgier der Unternehmer geopfert werden sollen. Wird man das zulaffcn? Oder wird man an entscheidender Stelle um dreihundert Menschen und ihren Angehörigen vor dem Ruin zu retten, entschlossen zu einer Tat übergehen? Noch sind die Menschen, um die es geht, diszipliniert und fordern bescheiden ihr Recht auf einen Bissen selbstverdientes Brot. Was aber, wtnn sie sich von allen verlassen sehen? Muß nicht die VerDveiflung ihre Disziplin ertöten und ihr Verantwortungsgefühl gegenüber einer Gesellschaft, die'sie mutwillig zugrunde richtet, abgestumpft werden? Darf man die Menschen ihrer Verzweiflung überlassen? Nein! Man muß die Mittel und die Wege finde«, um einen grldhungrigen Unternehm« zur Raiso« zu bringen, seine Wünsche unt« jene von dreihundert braven Menschen unterzuordnen. So will es menschliches Gehot und menschliche Vernunft. Französischer Vermi ttlungsvorschlas? Paris. Der französische Botschaft« in Rom de Chambrun hatte Dieicktag eine längere Besprechung mit Mussolini. D« römische Ko«espondent des„Malin" verzeichnet daS Gerücht, daß die französische Regierung einen LermittlungSvorschlag vorbcrcttet und daß d« französische Botschafter bei Mussolini den Boden für die praktische Möglichkeit der Annahme der Vermittlung durch Italien geprüft habe. Die Einzelheiten deS französischen Planck werden auf vckden Seiten streng geheim gehalten. Italienische Zivilisten verlassen das Kriegsseblet Aden.(Reuter.) 48 italienische Familien sind aus Dschibuti hier eingetroffen und mit einem italienischen Dampfer in die Heimat abgereist. Ein italienisches Kriegsschiff steht bereit, weitere Flüchtling' Heimzutransportieren. In Erythräa herrscht schreckliche Hitze. An Sonnenstich sterben täglich durchschnittlich 12 italienische Soldaten. Eine große Menge kranker Soldaten, die auf dem Dampfer„Mogadiscio" gebracht wurden, werden in die Heimat übergeführt. Italien belebt die Märkte Agram. Bisher wurden aus Jugoslawien 4000 Waggon Holz für den Bedarf der italienischen Militärs in Ostafrika rusgeführt. Mgn rechnet damit, daß die italienische Nachfrage nach Holz in Jugoslawien bis zum Herbst noch zunch- men wird. Bevor Mussolinck Granaten krachen hat das bereits eine große B a n k getan, das Institut für Schiffahrts-Kredit. Alle Bemühungen der Fasei- stenregierung dieses charakteristische Vorzeichen kommender Ereignisse zu verhindern, blieben vergeblich. Nun hat sie das Institut für industriellen Wiederaufbau damit beauftragt, das Vermögen der Bank zu übernehmen und als Treuhänder der Gläubiger tätig zu sein. Irgendwelche Ziffern über den Stand des verkrachten Unternehmens sind nicht bekanntgegeben worden. Propaganda Segen Wahlabstinenz Warschau. Nach Meldungen der oppositionellen Blätter ist der Rcgierungsblock gegenwärtig mit der Festsetzung der Kandidaturen in das künftige Parlament beschäftigt. Was die Vertretung der nationalen Minderheiten im künftigen Sejm anbelangt, behauptet die oppositionelle Presse, daß für die Ukrainer 15 und für die Juden 6 bis 7 Abgeordnetenmandate vom Regierungsblock vorgesehen wurden. Um der von den oppositionellen Parteien proklamierten Enthaltung an den Parlamentswahlen entgegenzutreten, haben die maßgebenden Faktoren beschlossen,«ine umfangreiche Propagandaaüion in der Presse und durch den Rundfunk einzuleiten, um die bretten Volksschichten für die Beteiligung an den Wahlen zu gewinnen. Alle polnischen Sender werden bereits in den nächsten Tagen in ihr Programm einen Aufruf an die Bevölkerung zur Teilnahme an den parlamentarischen Neuwahlen einschalten. Vestiattfeye Bluttaten Rückfällige Verbrechen— Eifersucht und Sadismus Im 13. Wiener Bezirk betäubte Mittwoch früh-er 40jährige Tischler Anton Kni del seine Lebensgefährtin, die 39jährige Mathilde Kasprzyk, durch zwei Schläge mit einer Flasche über den Kopf und warf sie däim vor den Augen' ihres vierjährigen Töchterchens aus dem Fenster des 3. Stockwerkes auf das Pflaster, wo die Unglückliche mit zertrümmertem Schädel tot liegen blieb. Kaidel brachte sich dann mit zlvei Rasiermessern am Halse und an den Handgelenken Schnittwundci, bei. Die Rettun'gsgescll- NAesnemgKelten Das chinesische Nationalunglück Tausend Ortschaften unter Wasser P e i P i n g. Eine neue große Neberflu- tungsgefahr besteht jetzt in den Gebieten nm Tientsin infolge AnschwellenS des Kaiserkanals. Bon den Ueberschwemmungen des Hoangho im Shan- tungsgcbict sind rund 300 Ortschaften mit 2 0 0.0 00 Einwohnern bedroht. Die Nrberschwcmmung bedroht jetzt auch Chiansiang. Auf dem Flusse treiben viele Leichen. Di« Zahl der Obdachlosen in der Hopeproviitz beträgt 120.000. Shanghai. Der Gelbe Fluß ist" in Shan- tung in den letzten Tagen um 1% Meter gestiegen. In einem Aufruf an die Bevölkerung erklärt der Gouverneur der Provinz, die Lage sei noch niemals so ernst und schrecklich gewesen. Annähernd tausend Ortschaften sind in Shan» tung völlig überschwemmt. Die Zahl der Flücht- linge'beträgt nunmehr zwei Millionen.'- T- Moskau—Nordpol—San Franziseo Moskau. Der Zentraldirektor der nördlichen Meevesroute bereitet für nächste Zeit, wenn das Wetter günstig sein wird, den Non-Stop- Flug mit einem einmotorigen Flugzeug über den, Nordpol aus Moslau nach San Francisco vor. Im Abschnitt des nördlichen Amerika denkt man folgenden Weg einzuschlagen: über die Insel Banksland, Fort Simpson, Vancouver, weiter entlang der Küste bis nach San Francisco. Die Besatzung des Flugzeuges wird aus drei Mann bestehen, und zwar: erster Pilot der bekannte Flieger der Sowjetunion Lawanicwski, zweiter Pilot der Flieger Bajdukow und der Pilot Lewtschenko. Das Volkskommissariat des Aeußeren ersuchte im Zusammenhang mit diesem geplanten Flug die Regierung von Großbritannien um die Bewilligung zur Ueberfliegung kanadischen Gebietes und die Regierung der Vereinigten Staaten von Nordamerika zum Ueberfliegen des Gebietes von USA und zur Landung in San Francisco. Die Bewilligung aus USA ist bereits eingetroffen. Die Antwort Großbritanniens wird in der nächsten Zeit erwartet. 25 Stunde« nonstop im Wasserflugzeug? Rom. Der italienische Flieger Mario S t o- p a n i hat durch die Ueberfliegung der 4066 Kilometer langen Strecke von Monfalcone nach Berberi in Somaliland einen Weltrekord im Hydroavion-Fernflug aufgestellt. Er legte diese Entfernung in 25 Stunden ohne Zwischenlandung zurück. Er hat damit den bisher vom französischen Flugzeug»Croix du Sud" gehaltenen Rekord um 631 Kilometer Überboten. Wieder ein holländische- Flugzeug abgestürzt Buschir. Ein holländisches Postflugzeug, das in Buschir zum Flug nach Bagdad gestartet ist, stürzte ab und verbrannte. Es wurde vollkommen vernichtet, auch die Post verbrannt«. Sieben Reisende und die B e s a tz u n g konnten sich aus dem Flugzeug befreien und entging nur mit leichten Verletzungen und Nervenschocks. Das Flugzeug erlitt in der Höhe tzon 10 Fuß eine Motorstörung. Das unglückliche Formosa Schanghai. Die Insel Formosa wurde schon wieder von einem großen Erdbeben heimgesucht. Diesmal richteten die Erderschütterungen, vor allem im Bezirk Schingschiku, großen Schaden an. Bisher wurden 5 3 Tote gezählt. Formosa.(Havas.) Aus Tauihokou wird amtlich mitgeteilt, daß bei- dem Erdbeben in Schintschikou 4,7 Personen umgekommen sind. 52 Personen wurden schwer und 02 leichter verletzt. Bombny von Leprakranke« überstutet Die Behörden Bombays stehen derzeit vor einem ungemein schwierigen Problem: Biele Tausende Leprakranke, Männer und Frauen, hat Not und Teuerung, die in den von ihnen be- schaft brachte ihn in das Krankenhaus, wo Kaidel erst behauptete, daß es sich um einen gemeinsamen Selbstmord handelte und beteuerte, daß seine Lebensgefährtin selbst aus dem Fenster gesprungen sei. Ms er jedoch von dem Kinde überführt wurde, gab er zu, die Frau in einem durch Eifersucht hervorgerufenen Streite betäubt und hierauf aus dem Fenster geworfen zu haben. Schon vor fünf Jahren wurde er wegen eines aus Eifersucht begangenen Mord e s b e straft. wohnten Gegenden herrschen, in die Hauptstadt getrieben. Die Behörden suchen natürlich mit allen Mitteln, durch geeignete Maßnahmen die schwere Ansteckungsgefahr, die durch diese Invasion für die Bevölkerung von Bombay ist, zu paralysieren. 15 Todesopfer Dortmund. In den Abendstunden des Dienstag ist im Brüderkrankenhaus ein weiterer Bergmann seinen schweren Brletzungen erlegen, so daß sich die Zahl der Todesopfer bei dem Grubenunglück auf der Zeche»Adolf von Hansemann" auf insgesamt 15 erhöht hat. Bier Deutschland-Meldungen Dresden. Seit Ende 1834 wurden in Sachsen auf Anordnung des SwatSministeriums deS Innern wegen rassenschänderischen Beziehungen mit Juden 14 deutsche Mädchen«nd ein Deutscher sowie deren jüdische Partner in Schutzhast genommen«nd in das Konzentrationslager Sachsenburg gebracht. Soweit di« Juden Ausländer waren, erfolgte ihre ReichSver- iveisung. * In Mitteldeutschland ist in diesen Tagen ein Mann zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt worden, weil er sich, nach den Behauptungen der Anklage, bei Uebertragung einer Hitlerrede in einem öffentlichen Lokal„mehrfach üb er- laut und provokativ geräuspert" hatte * Nach Mitteilung englischer Mättcr hat man in N ü r n b e r g, auf besondere Anregung Julius Streichers, zu einem„neuartigen" antisemitischen Propagandamittel gegriffen, von dem schon mehrfach Gebrauch gemacht wurde. Es besteht darin, vor den Türen der Nürnberger Synagogen an den Tagen der Gottesdienste v e r endende Schweine niederzulegen. In Halle wurde jetzt vom Arbeitsgericht ein bemerkenswerter Prozeß entschieden. Bei einem nationalsozialistischen Gauappell in Halle waren Erinnerungsplaketten herausgebracht worden, die die.Ketriebsführung" eines Messingwerkes unentgeltlich für die Belegschaft kaufte. Als dem Angestellten O., einem Stahlhelmer, die Plakette übergeben tvuvde, lehnte er die Annahme ab und fegte sie mit den Worten:„Was soll ich mit dem D r e ck?" vom Tisch auf die Erde. O. wurde denunziert. Die Sache kam an den Bertrauensrat und der.Lserbrecher" wurde wegen„Verächtlichmachung der Partei" fristlos ent lassen. Jetzt hat er geklagt und gewonnen. Es wurde ihm die Wieder Einstellung oder eine Entschädigung in Höhe von 1000 Mark zugesprochen. MufzehnjLhrige, Opfer einer Sadistin In Hinterbrühl bei Mödling wurde Mittwoch die 15jährige Hausgehilfin Anna Augustin, die bei der zur Zeit dort mit der Familie auf Sommerfrische weilenden Wiener Fabrikantensgattin Josefine L u n e r b.edienstet war, in ihrer Kammer tot und in schrecklichem Zustande aiffgefunden. Die Leiche war mit Wunden besät u n d v o l l In selten, die sie bis zur Unkenntlichkeit zerfressen hatten. Die ärztliche Untersuchung ergab, daß das Mädchen ermordet wurde, u. zw. schon vor einigen Tagen. Des Mordes an dem Mädchen ist die Fabrikantensgattin Luner verdächtig, die am Samstag verschwand. Die Luner hatte wiederholt Konsliste mit den Behörden wegen Mißhandlung deS Dienstpersonals und wurde erst kürzlich zu vier Monaten schweren Kerkers wegen des gleichen Deliktes verurteilt. Tod im Tanzsaal Der neunzehnjährige landwirtschaftliche Arbeiter Hugo Schön in Schönau bei Braunau wurde während des Tanzes vom Schlage getrof. sen. Er sank tot zu Boden. Katastrophenhitze im Todestal Los Augeles. Der südwestliche Teil der Bereinigten Staaten wurde von einer verheerenden Hitz« bettoffen, der biÄher bereits acht Personen zum Opfer gefallen sind. Im Todestal in Kalifornien, das der heißeste Ort der Wett sein soll, erreichte die Temperatur 52 Grad im Schatten. Englischer Militärflieger abgestürzt Brüssel. Auf dem Brüsseler Militärflugplatz stürzte Mittwoch nachmittags ein belgisches Jagdflugzeug englischer Herkunft bei einem Probeflug ab. Der Pilot, ein englischer Leutnant, war auf der Stelle tot. Tie Maschine ging vollständig in Trümmer. Güterbahnhof in Flamme« Basel. Dienstag um Mitternacht brach ein ungeheurer Brand im Gebiete des Güterbahnhofes Dreispitz aus. Die vom Brand ergriffen« Fläche beträgt ungefähr.1 0.0 00 Quadratmeter. Es wurden ausschließlich die Güterschupfen, die den Schweizer Bundesbahnen gehören, mit den Petroleum-, Benzin- und Oellagern ergriffen. Während des Brandes waren fortgesetzt Explosionen wie Trommelfeuer zu hören. ZweiPersonen wurden schwer verletzt. Die Ursache des Brandes ist-wahrscheinlich Sei b st ent z ü n dun g. Sämtliche Feuerwehren und Polizeimannschaften wurden alarmiert^ In der Umgebung wurde Alarm wegen Gefahr der Verbreitung und des Ueberspringens des Feuers geläutet.' Blutiger Zusammenstoß irr einer mexikanischen Hauptstadt. Zeitungsmeldungen zufolge ist es in Villa Hermosa, der Hauptstadt des Staates Tabasco, zu blutigen Zusammenstößen gekommen. Eine Gruppe von Einwohnern der Provinz Tabasco, die aus Mexiko in Villa Hermosa eintraf und die aus politischen Gegnern des früheren Gouverneurs und Landwirtschaftsministers Garrido Canabal bestand» wurde beim Betreten der Stadt von den Anhängern Garrido Canabals mit Maschinengewehrfeuer empfangen. Drei Personen wurden bei der Schießerei sofort getötet, sechs schwer verletzt. Der Steckbrief eine« Säufer» wird plakatiert An allep Wirtshäusern in Selsey in der englischen Grafschaft Sussex ist eine Bekanntmachung angeschlagen worden, die di« Beschreibung und die Photographie des schlimmsten Mchfers des Ortes enthätt. Der Zweck dieses Steckbriefes ist die Bekanntmachung des Verbotes, diesem Gewohnheitstrinker Alkohol zu-geben, und wer gegen dieses Verbot handett, setzt sich schwerer Bestrafung aus. KrajiLoviL im Ne ber Indizien Wie„A-Zet" aus Preßburg berichtet, hat eine große Razzia in der Preßburger Unterwelt ergeben, daß Krajcoviä dort allgemein unter dem Namen„sprävnej policajt Vincek"(etwa: dec richtige Polyp Vinz) bekainkt war. Krajöovic wurde mit dem Juwelier Soukup konfrontiert, bei dem er mit der Fencl erschienen war und Verlobungsringe bestellt hatte. Krajäoviö leugnete, für die Fencl— obwohl er jetzt zugibt, sie gut gekannt zu haben— einen Ring bestellt zu haben. Er habe nur einen Ring besessen, den er anläßlich seiner Heirat gekauft, aber bei einer Waffenübung 1927 verloren habe. Das gab er zu Protokoll. Dann wurde seine Frau verhört, die angab, er habe den Ring im Jahre 1929 in Mähren verloren, als sie dort bei ihren Ettern zu Besuch weilten. Mit der Frau konfrontiert, begann Krajcovic zu toben. Sein Alibi für die Mordnacht sucht Krajcovic dadurch zu erbringen, daß er behauptet, mit einer Prostituierten beisammen gewesen zu sein. Er sollte diese Prostituierte beschreiben und die Beschreibung deckt sich merkwürdigerweise ganz mit der Personenbeschreibung der Fencl. Es scheint, daß hier die Phantasie Krajcoviö versagte und er unter einem inneren Zwang die Person beschrick, die zu kennen er früher geleugnet hat. Man forschte nach einer ähnlich aussehenden Prostituierten, fand aber natürlich keine. Beim Verhör begann Krajcovic wieder zu toben und bedrohte einm der Polizeibeamten. Als man ihm die Sachen der Fencl zeigte, wollte er diese an sich reißen und vernichten. Merkwürdig ist der Umstand, daß schon zweimal wichtige Schriften der Untersuchung abhanden kamen. Es scheint, daß KrajLoviL einen Kreis von Spießgesellen hat, deren Einfluß in den Polizeiapparat reicht. Ein Hauptaugenmerk der Untersuchung richtet sich jetzt auf die großen K i st e n, die Kraj- LoviL bei einem Zuckergroffisten und bei einem Tischler gekauft hat. Mit dem Tischler konfron- tiert, leugnete er, bei ihm Kisten gekauft zu haben, obwohl der Tischler ihm auf den'Kopf zusagte» daß er die eine Kiste bezahlt habe, die andere noch schuldig sei. Well sie nicht europäische Kleider trage« wolle«... Simla. Regierungsabteilungen von Iran lieferten der Zivilbevölkerung in Mesehed im Iran eine regelrechte Sch l a cht. Die Zivilbevölkerung hatte sich nämlich geweigert, der Regierungsverordnung Folge zu leisten, wonach sie europäische Kleider zu tragen hat. Karpathorussische Räuber. In einer der letzten Nächte überfiel eine dreigliedrige Bande des Räubers Jlko Lepej in der Gemeinde Tuska im Bezirk Bolovt einen Laden und rrmbte ihn aus. Die Räpber wurden vom Gemeindenachtwächter beobachtet: zwei der Räuber schlugen ihn mit einem Knüppel zu Boden, hielten seinen Kopf in einen Haufen Sägespän« und flohen sodann mit den geraubten Nahrungsmitteln in den Wald. AuSssugSzüge der StaatSbahndirrttion: Vom 27, Juli bis 4. August quer durch den Böhmerwald für 370 Kä; vom 4. August bis 25. August Kuraufenthalte in Karlsbad für 1120 Kä; am 11. August nach Deutsch-Brod zur Havliiek- ausstellung für 80 Kö; vom IS. August bis 5. September nach L.uhacovice für 970 Kd; nach Tren öianskS Teplice für 1050 Kö; nach Pieötany für 1010 Kö; vom 25. August bis 15. September ins Bad nach B e ch y n t für 750 Kc. Anmeldungen mit Anzahlung werden im Basar neben dem Wilsonbahnhof, Tel. 383—35, entgegengenommen. Abeudwetterbericht. Nach den Gewittern und Regenschauern hat sich das Wetter in unseren Gegenden im Laufe des Mittwochvormittag wieder gebessert und die Temperaturen stiegen meist auf 26 bis 28 Grad Celsius an. Am Südrande der Republik und in Ungarn wurden um 14 Uhr rund 30 Grad Celsius verzeichnet. Der Barometerstand geht über dem Binnenlande überall zurück, wodurch sich günstigere Bedingungen für das Eindringen kühlerer Luft vom Ozean her einstellen. Das Wetter dürfte dabei wieder mehr veränderlichen Charakter an- ciehmen. In Nordfrankreich und über dem Aermel- kanal war eS Mittwoch bereits um 5 bis 8 Grad kühler als Dienstag. Wahrscheinliches Wetttr am Donnerstag: Veränderliche Bewölkung,' stellenweise Regenschauer, vereinzelt auch Gewitter, ein wenig kühler, Westwind. Wetteraussichten für Freitag: Unbeständig, noch etwas kühler, Westwind. Vom Rundfunk ImpfeMenswartes aus«en Programmen: Freitag: Prag, Sender L: 10.05: Deutsche Presse, 13.30: Arbeitsmarkt, 15: Tanzmusik, 17: Schrammelkon- zert, 18.20: Deutsche Sendung: Sportvorschau, 18.50: Arbeitersendung: Aktuelle zehn Minuten, 19.25: Salonorchesterkonzert, 21.30: Konzert der tschechischen Philharmonie. Sender S: 7.30: Leichte Musik, 14: Populäres Konzert, 14.15: Deutsche Sendung: Dr. Goder-Hermann: Wie bewerbe ich mich mit Erfolg um eine Stellung?— Brünn 17.40: Deutsche Sendung: Das Teufelchen in der Flasche, Südseemärchen.— Mährisch- Ostrau 17.40: Opernphantasien, 18.20: Deutsche Sendung: Groß: Grundfragen der Volkswirtschaft. — Preßburg 20.30: Slowak. Operetten-Kmnpofi- tionen.— Nr. 165 Donnerstag, 18. Juli 1S38 Seite 5 Ein Traum,-er Wirklichkeit wurde Erfüllte sozialistische Utopie Von unserem Speziallorrespondenten Julius Braunthal. .^kibutz"— es ist ein neues, ein fremd- klingendes Wort; wir werden es uns merken, werden es unserem Sprachschatz, unserer Begriffswelt einfügen muffen. ,^kckutz"— in diesem Wort klingen hebräische Melodien, goldene Orangenhaine zaubert es vor unser Auge, sozialistische Traumbilder steigen auf. » Ein Dorf liegt da, inmitten Orangengärten und Getreidefelder. Wohnbaracken, ja Zelte noch, aber doch auch schon Zementhäuser, nach wohldurchdachtem Plan errichtet, in Häuserzeilen, Ziergärten davor. Im Zentrum steht das Kinderhaus, nicht weit davon das Kulturhaus mit dem gemeinsamen Speisehaus und großer Küche für alle, mit Lesezimmer, BMiothek, Klavier, Radioapparat. Dann gibt es ein Bcckehaus, ein zahnärztliches Ambulatorium, am Rande des Dorfes die Wirtschaftsgebäude, Kuhställe, Wertstätten, die Hühnerfarm, Pferdeställe— wir sind in einem»Kibutz". Einige hundert Seelen leben in diesem Dorf. Die Männer und Frauen sind in Garten und Feld, im Kuhstall und in den Werkstätten. Sie arbeiten acht Stunden lang, bei dringender Arbeit vielleicht neun, nicht mehr. Indessen werden ihre Kinder im Kinderhaus gehegt und gepflegt, das Essen wird bereitet, die Wäsche gewaschen und zum Gebrauch bereitgelegt, und kehren Vater und Mutter von der Arbeit heim, so laufen ihnen ihre Kinder schon entgegen. Es beginnt die Kinderstunde, ungestört von den kleinen verzehrenden Sorgen des Haushaltes. Denn im»Kibutz" gibt es keinen individuellen Haushalt. Der Gong ertönt. Die Kinder gehen zu Bett, die Eltern in den Speisesaal. Nach dem Abendbrot liest istan, plaudert, treibt Musik, singt in Chören, hört Vorträge, zuweilen kommt die berühmte„Habima" zu einem Gastspiel. Dazwischen aber auch ernste Beratungen Wer die eigene Wirtschaft, über Fragen der Erziehung, des Gemeindelebens. Denn es ist hier ja eine einzige große Familie: alles gehört allen— der Grund und Boden, unveräußerlicher Nationalfondsboden in Erbpacht, die Kühe und Pferde in den Ställen, ja selbst die Kinder im Kinderhaus. Denn wessen Kinder es auch immer sind, alle nehmen an Freuden und Tränen aller teil,. als wären es ihre eigenen. Das Privateigentum ist ganz und gar abgeschafft, oder bester gesagt, es hat dort nie existiert. Dort, in jenen kleinen Repu- blicken, zirkuliert kein Geld; mit Geld manipuliert nur die selbftgewählte Wirtschaftsleitung. Der Bürger dieser Republik sieht, kaum, eines, er hört nur davon, wenn über die Gebarung berichtet wird, und ein Geschlecht von Kindern wächst dort heran, das von Geld überhaupt nichts weiß. Es gibt selbst kaum Privateigentum in den intimsten Dingen des Lebens. Wäsche, Kleider, Schuhwerk wird ganz automatisch nach Bedarf jedem zugeteilt. Aber da ist eine Welt, in der Gegenstände dieser Art eine, dem Europäer un- vorstellbare geringe Bedeutung besitzen. Was soll der eitle Tand! Man will natürlich auSreichend trnährt und sauber gekleidet sein, auch ein wenig Behaglichkeit: aber das weitaus Wichtigste sind die Kinder— für die ist nichts zu teuer, drei Pfund im Monat kostet jedes Kind dem Kibuh l —, und dann die eigene Wirtschaft und dann das Land und dann die Idee, die Idee des Kibutz. Gruppen von jungen Männern und jungen Frauen kamen vor zwei Jahrzehnten in die wüsten Steppensümpfe Palästinas, um das Land der Berheitzung ihrer Nation zu erschließen. Diese jüdische Jugend hatte den Gluthauch des revolutionären Sozialismus Rußlands und Polens ein- üisogen. Das neue Palästina, das sie schaffen wollte, sollte darum ein anderes Gemeinwesen werden, als jenes Europas, aus denen sie gekommen waren. Hier war Neuland, unwirtlich zwar, aber doch trächtig der wunderbarsten Zukunftshoffnungen. Die Gruppen der Jungen gingen daran, Steppe, Wüste, Sumpf in blühende Kulturgärten zu verwandeln. Wie aber? Sollte nach getaner Kolonisation die Arbeitsgruppe wieder in Einzelbauern zerfallen, wie überall, hart aus den eigenen Vorteil bedacht, nach höchstmöglichstem Gewinn strebend, sollten auch hier, auf neu- krschlossenem Grund, im Gefolge kapitalistischen Wettbewcicks Gegensätze von Armut und Reichtum, Neid, Haß, Klassenzerriffenheit einherziehen? Vein! Diese Gruppen der Pioniere beschlossen, al- sozialistische Arbeits- und Lebensgemeinschaf« je» zusammenzubleiben,' unbekümmert um den ehernen Lauf der Welt den sozialistischen Zu- tunftsstaat irgendwie, wenn auch in weltverlorenen Eilanden zu begründen.„Kibutz" ist das hebräische Wort für Gruppe. Aber das Wort bekam einen neuen sozialen, ökonomischen, aber wehr als dies: einen neuen ideellen und vielleicht wgar einen historischen Sinn. Es umschließt den gesamten Bereich der Träume von einer sozialisti- tchm Arbeits- und Lebensgestaltung. ♦ Ich besuchte den kleinsten und größten, den «testen und jüngsten Kibutz und manche noch, die dazwischen liegen. So kam ich nach En Charod, dem größten der Kibutze und einem der ältesten. Bor nur vierzehn Jahren war er an der Quelle lharod gegründet worden. Weite Strecken waren versumpft, hatten mit ihrem Pesthauch Siechtum und Tod in die spärlichen Araberhütten gebracht. Die Malaria wurde so ziemlich besiegt. Blühende Dörfer entstanden, rote Republiken, sozialistische Gemeinwesen. So auch En Charod. Es hat das Quellufer verlassen, liegt jetzt auf einem sanften Hügelhang. Durch wogende Weizenfelder führt der Weg hin. Da aber ist ein Garten der grüngoldenen Crapefrucht eingesprengt, ein wenig weiter ein großer Hain blü- tenbedeckter Obstbäume, dort wird die Weinrebe gepflegt, hier der silbergraue Olivenbaum, dann betritt man eine Gemüsezone, man merkt, daß vielerlei hier erzeugt wird. Man wird zu einer Baumschule geführt: die Orangen und Weinsetzlinge erzielen Hobe Preise, das Land wird aufgeforstet, daher große Nachfrage auch nach Zy- Ä. Verhältnismäßig größere Flächen nimmt leefeld ein, denn 220 Kühe stehen in den Ställen dieses Dorfes. Ja, 220 Kühe besitzt diese kleine sozialistische Republik, hochgezüchtetes Vieh, das im Durchschnitt 4000 Liter Milch, das sieben bis achtfache der„arabischen Kuh" gibt; bald werden es ihrer dreihundert sein. Sie stehen in modernen betonierten Ställen zu.je 52, wie in einem der modernsten RittergutÄhöfe Deutschlands. 600.000 Liter Milch haben sie im vergangenen Jahr verkauft. Und gleich daneben ist die Hühnerfarm: 3000 Edelhühner, 250.000 Eier haben sie für den Markt geliefert. Und dann die Pferdeställe, besetzt mit 50 Rössern, und dann die 350 Bienenstöcke— das ganze sieht schon nach etwas ausl Mein Freund läßt mich aber nicht zu Atem kommen; er zeigt mir den Maschinenpark. Sechs Traktoren für die schweren Stahlpflüge und Eggen liegen dort, zwei der großen amerikanischen Mähdrescher, die in einem Prozeßgang den Halm näher, dreschen und durch Elevatoren das Korn in die Säcke strömen lassen, die Arbeit von vierzig Mann durch vier in gleicher Zeit bewältigend; dann zeigt er zwei ganz moderne dtrohpackma- schinen, die das gedroschene Strich in große Würfel pressen, mit Draht binden; dann eine große mechanische Schlosserei, die zwanzig Leute beschäf- Wiener Festwoche« In der alten Wienerstadt sind Festwochen. Dies besagten die Wimpel, mit welchen die Straßenbochnen, Autobusse geschmückt waren, dies verrieten, die Flaggen lichen Gebäuden und an den Häusern vaterländischer Hausherren. Die Gesichter der Wiener besagten dies nicht. In den Mienen der Arbeitslosen, die in den Parks am Gürtel sitzen, ist von Festwochen nichts zu sehen. Ihre müden Gesichter zeigen keine Feststimmung und sie haben auch von.Festen" nichts bemerkt. Auch die Allerärm- sten der Armen, die Obdachlosen, die hungrig in den Colonia-Kübeln herumsuchen, ob nicht etwa eine alte schmutzige Brotrinde zu finden wäre, haben von den Festwochen noch nichts gesehen oder gar gehört. Von den Festwochen weiß nur die Regierung, die bei jeder paffenden oder unpassenden Gelegenheit in den Weihrauchschwaden schreitet, die mehr oder weniger gut genährte Geistliche in den Straßen Wiens aufsteigen lassen. An allen Ecken und Litfaßsäulen künden große Plakate, daß die Arbeitsschlacht in vollem Gange sei. Die müßig und resigniert in den Anlagen auf den Bänken herumsitzenden Männer in verschossenen' ärmlichen Kleidern, geben ein beredtes Zeugnis davon, mit welcher Wucht die Arbeitsschlacht unter den Arbeitslosen aufgeräumt hat.„Sehn's, das ist die Arbeitsschlacht," sagt der Wiener, auf die herumsitzenden Gestalten deutend,„sie schärfen bereits das Messer, um die Arbeit zu schlachten". An einem staatlichen Gebäude in der Nähe des Nordbahnhofes kündet eine Tafel: Arbeitsbeschaffung der Bundesregierung". Aha, also doch wird gearbeitet! Aber beim näheren Hinsehen» entdeckt man, daß der etwa einen Meter hohe Sockel einer Garteneinfriedung in einer ungefähren Länge von zehn Metern frisch geputzt wurde. ES dürsten wahrscheinlich einer oder zwei Maurer einen Tag hier in der ersten Front der„Arbeitsschlacht" gekämpft haben. Wie heißt es doch? Von der Erhabenheit bis zur Lächerlichkeit ist es nur einen Schritt! „Die Stadt Wien schafft Arbeit!" Die Propagandastelle der vaterländischen Front, gibt eine Reihe von Bildern aus, die diese Ueber- schrist tragen. Und was zeigt so ein Bild? Man sieht auf ihn ein eingerüstetes altes Haus, in dem Gewirr der Leitern und Bauhölzer entdeckt man einige Maurer. Ein nächstes Bild zeigt die Höhenstrahe auf den Kobenzl, die aber zum größten Teil vom freiwilligen Arbeitsdienst, der um 50 Groschen d. s. nach unserem Geld nicht ganz Kö 2.50 pro Tag seine Haut zu Markte trägt, erbaut wird. Auf einem anderen Bild sieht man die Wohnungsfürsorge der neuen Regierung. In der Nähe der Donau werden Holzhäuschen gebaut, die auf diesen Bildern, die sicherlich noch schmeicheln werden, eine verzweifelte Aehnlichkeit mit jenen Häuschen haben, die sich bei uns Arbeitslose an entlegenen Stellen bauten.«Sofortprogramm. Beschluß der Wiener tigt, eine Tischlerei mit zwölf Arbeitern, eine Schusterei, eine Schneiderei, eine mit Dieselmotor betriebene Michle, eine ganz mofcerne mechanische Wäscherei; das ist, so scheint es mir blutigen Laien, doch schon ein ganz ansehnlicher Wirt- schastsbetrieb. Ich bitte um die Kassabücher, denn ich wünsche schwarz auf weiß zu sehen, wie diese Wirtschaft gebart. Mein Freund aber protestiert; die Kultureinrichtungen müsse ich vorher sehen; die Bibliothek mit fünf-sechstausend Bänden, die Zeitungen und Zeitschriften, dann aber vor allem die zwei großen Kinderhäuser für Kinder aller Altersstufen, Säuglingsheim, Kleinkindergarten, Schule, man kann sie sich schöner nicht wünschen. Ihren Bersuchsgarten, ihre Turnplätze— alles wird genau betrachtet, zögernd nur entläßt er mich zu den Wirtschaftsbüchern. Ich lese nun: 1300 Hektar ist die Wirtschaft groß. 700 Hektar ist davon unveräußerlicher Boden des Nationalfonds, 600 Hektar sind gepachtet. Sie haben Pachtzins bezahlt, haben Be- triebskredite verzinset, hecken amortisiert und investiert und darüber hinaus haben sie 1800 Pfund Reingewinn erzielt. Die Wirtschaft scheint gesund zu sein. Wieviel Menschen ernährt sie, wieviel Seelen zählt die kleine Republik? Siebenhundert rund, 220 Kinder Unter ihnen und dann 60 der Alten, die älteren, die gleichsam im„Ausgeding" leben, ferner 62 eingewanderte deutsche Jungens und Mädeln, die zur Landwirtschaft herangebildet werden. Rechnen wir je fünf Köpfe die Familie, so haben wir dort 140 Familien, auf die rund neun Hektar Boden entfallen. Neun Hektar Boden gilt in Europa als ein kleinbäuerlicher Besitz, der kaum mehr als eine dürftige Lebenshaltung gestattet; im Orient wird das notwendige Maß für den so anspruchslosen Fellachen auf mindestens 13 Hektar gerechnet. Die neun Hektar im Kibutz erweisen sich aber ergiebig für eine Lebenshaltung, die dem arabischen Bauern unerreichbar, den Bauern Osteuropas und selbst großen Teilen Mitteleuropas beneidenswert erscheint. Es geht also auch ohne den Stachel des Eigennutzes, es geht selbst auf dem Land sozialistisch. Träume waren es im Anfang nur. Sie sind Wirklichkeit geworden. Mehr als zwölftausend Seelen leben in den Kibutzen Palästinas. Und es werden ihrer immer mehr. Die Stufe des Experiments ist überschritten. Bürgerschaft." kündet eine Tafel in Ottakring. Am Randstein des Trottoirs sitzt ein einziger Arbeiter, mit einem Hammer. Er meiselt an dem Randstein herum, der dann ein ganz neues Aussehen bekommt. Das erweckt dann den Eindruck, als ob hier lauter neue Steine liegest würden.' Drei ReichSbrücke über die Dönaü nach Floridsdorf wird neu gebaut.„In zehn Jahren sind's eh noch nit damit fertig" sagt ein Mann in Tram,„damit die Fremden denken sollen, es wird gearbettet". Es gibt aber doch ein Unternehmen, das voll beschäftigt ist und dessen Angestellte sich nicht über Arbeitsmangel beklagen können: Die Pfandleihanstalt. Die Leute stehen dort Schlange, um ihre Habseligkeiten für ein paar Groschen zu versetzen, um die dringendsten Lebensmittel für den rebellischen Magen kaufen zu können. Fronleichnam. Die Spitzen der Regierung schreiten in der Weihrauchwolke, die der Stellvertreter Christt in Wien hinter sich wie einen grauen Schweif daherschleppt. Das„Volk", das ziemlich dünn beim„Steffel" dieses Wunder anstaunt, flüstert sich die Namen der einzelnen „Führer" zu. An beiden Seiten des„Himmels" und der gleich dahinter folgenden Regierung marschieren vielleicht vierzig bis fünfzig mü Maschinenpistolen bewaffnete Polizisten mit Stahlhelm. Sie tragen Sorge dafür; daß die Liebe des Volkes nicht etwa gar zu stürmische Formen, annehme. Während hier gebetet wird und Kardinal Jnnitzer seinen Segen erteill, kracht in Spitz in Niederösterreich das Gewehr eines Heimwehrlers und zwei Menschen sinken tödlich getroffen zu Boden. Warum? Nur weil einer eine halblaute Bemerkung macht», hie das vaterländische Blut des Heimatschützers derart in Wallung brachte, daß er zwei Menschen, die ihm nie etwas zu Leide getan hatten, nieder- knallte. Die erbitterten Menschen, die diesen unerhörten Vorfall sahen, schlugen ihn ztHst windelweich, aber den zwei Opfern des christlichen Schützers konnten sie doch keine Hilfe mehr bringen. Der tapfere Hahnenschwänzler wird aber nach seiner Genesung für Verdienste ums Vaterland einen Orden erhallen. Der Ordenregen, der zur Zeit über Wien und Oesterreich niedergeht, nimmt unheimliche Dimensionen an. Mes was Uniform trägt, trägt auch die dazu notwendigen, mehr oder weniger verdienten bezw. unverdienten Orden. Es ist ein etwas ungewohnter Anblick, wenn man einen Briefträger im Menst« mit Auszeichnungen oder Orden, die er für irgendwelche imaginäre Verdienste erhielt, schwitzend in der sommerlichen Hitze die Stockwerke der Wiener Mietskasernen erklimmt. Oder einen Eisenbahner mit Orden behängt, in den Geleisen herumstolzieren sieht! Zu Fronleichnam erwachte in dem beobachtenden Fremden die Meinung, daß eine alle Rumpellammer ausgeleert worden sei. Deutlich konnte man den Moder- und Naphthalingeruch wahrnehmen. Vorsintflutliche Generalsuniför- men, sorgsam mit den absonderlichsten Sternen und Sternchen behangen, Rotfräcke, die mit Sind Deine Hände noch so beschmiert— stets macht sie Billig und schnell wieder sauber einem ganzen Klempnerladen geschmückt waren, stelzten steifbeinig hinter dem Himmel daher. Ihre zufriedenen Mienen zeigten deutlich, wie bang es ihnen um„die gute alte Zeit" getan hat. Sie danken dem gütigen Lenker des Weltalls, daß es ihnen doch noch einmal beschieden war, einen so schönen Tag zu erleben und sich dem„Bolle" in ihrer ganzen Pracht und Herr- liMeit zu zeigen. Für sie gibt es keine Arbeitslosigkeit, keine Not und kein Elend. Sie leben in einer anderen Welt. Blau, grün, rot, schwarz; alle Farben, goldene Treffen, silberne Knöpfe flimmern in der Sonnenglut. Aber im Hintergründe droht etwas Ungewisses. Sie ahnen etwas, sie wissen, daß die Ruhe in Wien keine Natürliche ist. Sie fürchten etwas, das sie nicht kennen, sondern nur vielleicht ahnen. Woher kommt es? Bon links, von rechts, oder kommt eS gar von oben? Droht es nicht vielleicht von unten? Wahrscheinlich von unten! Sonst würde nicht die Kanaflwigade in den finsteren Kanälen vor der Stefanskirche und in den angrenzenden Gassen Herumkriechen; Mitten auf dem abgesperrten Platz vor der Stefanskirche öffnet sich plötzlich ein Kanaldeckel, dem ein Angehöriger der Kanalbrigade entsteigt, um zu melden, daß alles' in Ordnung ist und von Unten keine Gefahr droht. Die Gespensterparade kann also unbesorgt beginnen und sorglos wandelt, sie einige Minuten'später durch"die Dtkittzett' Wrt?. Ueber Wien schwebt zu gleicher Zeit zwar nicht der so stolze Doppelaar, aber ein magerer und hungriger Pleitegeier.' Die uniformierten Formationen müssen eine Beschäftigung haben, denn mit dem Herumlungern kommen dumme Gedanken. Deshalb jagt eine Parade die andere. Bald gibt es' eine Denkmalsenthüllung oder wenn das Geld auf ein Denkmal nicht gereicht hat, die einer Ge- denktafel. Dann zur Abwechslung eine Fahnen-• weihe. Unter den Klängen altösterreichischer Märsche wird der ganze Apparat in Bewegung gesetzt. Not und Elend müssen überschrien werden. Aber wie lange wird man das Knurren der Magen mit Blechmusik übertönen können?. Um die Seligkeit voll zu machen, legt der- Habsburgersproß,, von dem man in. den Zeitungen liest, daß er der Kaiser sei, wovon dem übrigen Europa jedoch bis jetzt noch nichts bekannt.ist, in Löwen die Doktoratsprüfung ab. Dies dürfte wieder Grund sein, für abzuhaltende Feste einen passenden Untergrund oder Hin-, tergrund zu haben. Alte Monarchisten freuen sich jedenfalls schon jetzt auf die erste Audienz bei„Herrn Dr. Kaiser" oder„Dr. Majestät"., Die Richtigkeit oder Wichtigkeit der Anrede an seine Majestät macht jetzt schon Manchem Kopfschmerzen! H. Karl Jaenecke, ein unbekannter Soldat Bon Peter Sloth Am dämmernden Merzen, da schleppte man sie heraus aus stinkender Zelle. WaS tnt'S, daß ekn Sträfling„Ihr Mörderpack" schrie,. es lacht dtr Schlächtergeselle. Der Geistliche murmelt das letzte Gebet, da lag der Kopf schon im Sande. Ma« mordet solange das Httlrrreich steht «nd„rollt" am lanfenden Bande. Am Abend nach Einschluß vernimmt«an im Ban von Wand zu Wand ein Gepoche: „Dn? fünfe erledigt, dazu eine Fra» geköpft in knapp einer Woche und einer war drnnter,-ast du ihn grseh'n? Ich hing dn der obersten Sprosse' an meinem Fenster— da.sah ich ihn steh«, ein ReichSbannrrmann— ein Genosse!" ES rast noch immer der blntige Mord und will zum Schweigen«ns pressen. Vergebens, vergebens— einst jagt man euch fort und nichts— auch nichts wird vergessen. Seite 6 „Sozialdemokrat" Donnerstag, 18. Juki 1935. Nr. 165' Der Golfstrom— ein Irrtum? Aufsehenerregende Entdeckungen eines französischen Forschers In den SchulatlaMen findet man noch immer jenen rätselhaften Strom eingezeichnet, der im Golf von Mexiko seinen Ursprung hat, zwischen Florida und Kuba seinen Weg durch die Fluten des Ozeans nimmt, die Bahamainseln umspült und schließlich wie ein Fächer ausstrahlt. Und weiter? Er verliert sich in den Wassermafien, sagte bisher die Forschung, aber seine Kraft ist groß genug, um den Weg bis zu den Küsten Europas zu finden, das Klima zu mildern und den nördlichen Ländern die lebensnotwendige Wärme zu spenden. Im Jahre 1513 hatte erstmalig der spanische Weltentdecker und Condottiere Ponce de Leon die Existenz des Golfstroms festgestellt. In die Wissenschaft ist er erst durch Franklin eingegangen. Dieser stützte sich auf die Mitteilungen eines Walfischjägers aus Nantucket, der ihm auf der Landkarte den mutmaßlichen Verlauf des Stromes einzeichnete. Es ist sehr sonderbar, daß die Wissenschaft bis in die letzte Feit hinein nicht daran gedacht hat, den tatsächlichen Verlauf des Golfstroms festzustellen. Auf den Seeatlanten hat er noch immer die Gestalt und den Verlauf, den ihm ein Walfischjäger vor dem atemlos lauschenden Franklin gegeben hatte. Ein historischer und wissenschaftlicher Irrtum hat sich so bis auf unsere Tage erhalten. Schon vor zehn Jahren hatte der ftanzösische Tiefseeforscher Le Danois die Behauptung aufgestellt, daß der Golfstrom eine pseudowissenschaftliche Illusion sei. Seither haben Nachprüfungen die Richtigkeit dieser Theorien bestätigt. Der Golfstrom verliert sich bei 40 Grad westlicher Länge. Seinx Fluten können also die europäische Küste nicht" mehr berühren. Somit stehen wir vor einem der paffionierendsten wissenschaftlichen Rätsel: Wo haben die warmen Wafferströmungen, deren Existenz unleugbar ist, ihren Ursprung? Zusammenstoß zweier Weltmeere Le Danois gibt auf diese Frage eine neuartige, kühne Antwort, die ihm, wie er berichtet, intuitiv in einer jener endlosen taghellen Polarnächte gekommen ist. Die warmen, bis hoch in den Norden hinaufreichenden Wasserströmr hätten ihre Ursache in dem Zusammenprall nördlichen und südlichen Meeres nach dem Einsturz der sie scheidenden Kontinente. Seither wiederhole sich unter dem Einfluß kosmischer Phänomene noch nach Jahrhunderttausenden der Zusammenstoß der ersten Stunde. Le Danois hat feststellen können, daß sich Wafiermassen verschiedener Temperatur und verschiedener Dichte nicht vermischen, wenn sie in sivo? ßen Quantitäten vorhanden find. So gibt es regelrecht fossile, sauerstofflose Meerteile inmitten des Ozeans, in denen kein Leben gedeiht, ohne daß sie sich im Lauf der Zeit vermischt hätten. Man findet solche Schichten toten Meeres im atlanttschen Ozean, an der aftikanischen Küste und gegenüber von Panama. Zhklerr Kalter und warmer Jahre Da sich nun große Wafiermassen verschiedener Beschaffenheit nicht vermengen, ist es einleuchtend, daß die vom Pol ausgehenden kalten Wasserströme durch die Erdumdrehung nach Westen abgelenkt werden und infolge ihrer Schwere die Tiefen des Ozeans einnehmen, während die wärmeren und leichteren Wassermassen aus den tropischen Zonen über ihnen schweben. Le Danois konnte feststellen, daß die wärmeren Wafferschichten im Sinne einer zynischen, vierjährigen Ebbe- und Flutbewegung über die schweren, in der Tiefe lagernden Wafiermassen Hinweggleiten und bis weit in den Norden hinaufwandern. Es gibt kalte Zyklen, in deren Verlauf die kalten Wässer bis unterhalb von Terras-NuevaS Vordringen. Die Fischer kennen das genau. Sie wissen, daß sie manches Jahr über Terras-Nue- vas nicht hinausdürfen. Dann fahren sie die Westküste von Grönland entlang und folgen so nur dem Wanderzug der Fische, die mit den warmen Wafferströmungen ziehen. Die Entdeckung der zyklischen Bewegung des Meerwassers bildet eine wertvolle Bereicherung der meteorologischen Wissenschaft. Für sich allein stellen aber die Bewegungen der Wafiermassen keinen ausschlaggebenden Faktor der Weiterbildung dar. Abonnements- Bestellschein. Abonniere ab 1935 das täglich erscheinende Zentralorgan der deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei „<3o>ial&emotrat" Verwaltung Prag XU.. Fochova tt. 62, zum Preise von 16 KC monatlich, und sende diesen Betrag nach Erhalt des Erlagscheine- ein. Zische, die den Aermelkanal nicht kenne« Die Tiefseefische sind das empfindlichste Barometer für alle Schwankungen der Meeresströmungen, und im allgemeinen überhaupt für alle Vorgänge im Innern der Ozeane. Sie haben aber dabei auch ihre Traditionen, ihre Gewohnheiten und festeingewurzelten Irrtümer. Es gibt keine traditionelleren Lebewesen, als gewisse Fischarten. Wir finden Fische, wie den roten Thunfisch beispielsweise, die den aus geologisch jüngster Zeft stammenden Aermelkanal noch nicht kennen. Um in die Nordsee zu gelangen, umschwimmen sie heute noch, wie ihre Vorfahren vor 100.000 Jahren, die britischen Inseln, statt den kürzeren Weg durch den Aermelkanal zu nehmen! Leitender Advokaturskonzipient — 650 KL Gehalt! Fristlos entlassen, weil er auf der gesetzlichen Kündigungsfrist bestand Prag. Vor dem Arbeitsgericht fit der- zeit ein Prozeß anhängig, der die Situation des In« telligenzproletariats in ein scharfes Licht rückt. Ueber den Prozeß selbst werden wir später eingehender berichten, denn das Beweisverfahren dürfte manches Interessante bringen. Für heute begnügen wir uns mit einer kurzen Feststellung des Sachverhaltes und der Hervorhebung einiger bemerkenswerter Begleitumstände. Ein Advokaturskonzipient klagt seinen Chef aus Einhaltung der gesetzlichen sechswöchigen Kündigungsfrist. Der Konzipient ist nämlich nach neunmonatiger Dienstzeit von seinem Chef fristlos entlassen worden, weil er sich weigerte, einen Revers zu unterzeichnen, in welchem er auf die im Gesetz festgesetzt« sechswöchige Kündigungsfrist verzichten und bloß eine einmonatige anerkennen sollte. Muß schon in Erstaunen setzen, daß ein Rechtsanwalt eine solche, dem Gesetz widersprechende Vereinbarung von seinen Untergebenen fordern will, so ist um so erstaunlicher, daß er die gerechte Verweigerung einer solchen gesetzwidrigen Vereinbarung als Grund für sofortige Entlassung ansieht. Wir wollen der Entscheidung des Arbeitsgericht,?- nicht vorgreifen und begnügen uns einstweilen mit dieser kurzen Feststellung des Tatbestandes. Interessant sind zweifellos di« BcfoldungSver- hältniffe in dieser Kanzlei. Der Kläger war kein Neuling, sondern erster Konzipient und zeitweise Stellvertreter des Chefs. In solcher Eigenschaft bezog er ein Monatsgehalt von brutto 650(sechshundertfünfzig) XL. Von dieser fürstlichen Entlohnung müssen allerdings die üblichen Abzüge abgerechnet werden. Äußer ihm war noch eine Kon- zipientin da, die übrigens anläßlich dieses Prozesses gleichfalls gekündigt wurde, mit der Begründung, sie soll« als Zeugin ganz ftei und unbeeinflußt sein. Wir kennen die Rechtsanschauung des Herrn Chefs nicht und sind darauf begierig, ihn seinen Stand- purstt vor dem Arbeitsgericht begründen zu hören. Wir werden über diesen charakteristischen Prozeß im weiteren Verlauf eingehend berichten. rb. Interessantes vom Sport in Sowjetrußland Wenn auch aus Sowjetrußland keine sensationellen Berichte von Spitzenleistungen der sortier eintröffen, so erzwingt sich die dortige Sportentwicklung doch immer größerer Beachtung. Der größten Beliebtheit erfreut sich unter der Jugend das Wolleyballspiel. In drei Ver- Die jahrhunderttausend alten» zum Instinkt gewordenen Gewohnheiten des Tiefseevolks machte es Le Danois möglich, den Verlaus der sich heute in den Aermelkanal ergießenden Flüsse vor Einbruch des Festlandes festzustellen. So. finden wir heute an Stellen, wo ehemals die Flüsse ausmündeten, Fischbänke von besonders üppigem Reichtum— nur weil da vor 100.000 und 200.000 Jahren sich Süßwaffer ins Meer ergoß. Die Fische haben sich den neuen Daseinsbedingungen angepaßt, aber ihren altgewohnten Aufenthaltsort haben sie nicht verändert. So konnte zum Beispiel festgestellt werden, wo sich die ehemalige Rheinmündung befand. Heute finden wir nämlich an dieser Stelle eine der berühmtesten Heringsbänke. Es ist eine bekannte Tatsache, daß die Heringe ihre Eier gewöhnlich an Flußmündungen ablegen. Aus Treue gegen die Traditionen ihrer Fischvorfahren tun sie es heute noch an den gleichen Stellen, wie vor undenklichen Zeiten. Gibt es etwas Wunderbareres als die Geheimnisse der Tiefsee? Heinrich Jordan(Paris) bänden sind 150.000 Verein« organisiert mit über eine Million Spieler. Im Wollehball zeigt sich das ungewöhnliche Interesse auch aus dem Lande unter der bäuerlichen Jugend und heute findet man schon bereits auf jedem Kolchos ein« sehr ansehnliche Wolleyball-Mannschaft. Das Wolleyballfpiel wurde vor zehn Jahren in Rußland eingeführt und di« erste Meisterschaft wurde im Jahre 1925 von den Arbeiter-Hochschulen ausgetragen. In einem großen Ausmaße hat sich in Rußland der Gehsport entwickelt. Di« Langstreckenwettkämpfe sind eine volkstümliche Disziplin, die sehr gute Besetzungen ausweisen. In der ersten Hälfte dieses Jahres wurden bereits 50 Langstrek- kenwettkämpfe ausgetragen, in denen die Wettkämp- ser rund 100.000 Kilometer bewältigten. Die günstigen klimatischen Verhältnisse nützen in ausgiebigem Maße auch die Skifahrer aus. Sogar die Finnen finden in den sowjetrussischen Wettkämpfern gleichwertige Partner. Daß der Schwimmsport in di« breiten Massen eingedrungen ist, bezeugt beispielsweise ein Schwimmertreft«n in Leningrad, an dem sich gegen 5000 Schwimmer und Schwimmerinnen beteiligten. Welch ungeheuerer organisawrischer Apparat muß da in Tätigkeit treten, um einen Wettkampf von solch großem Ausmaß zu beheruschen. Das ist ein großer Vorzug, der dem Westen zum Vorbild dienen könnte. In der Leichtathletik erreichen bisher di« Rüssen noch nicht das westeuropäische Niveau. De: Eitifluß ausländischer Instrukteure macht sich vorläufig noch nicht geltend. Vielleicht deshalb, west die Leichtathletik noch nicht jene Beliebtheit bei der Jugend gefunden hat wie die Ballspiel«, oder weil den individuellen Spitzenleistungen nicht. jene Bedeutung beigemessen wird wie z. B. in Amerika und in der übrigen Welt. Im Hochsprung erzielt« A. Chudjakow(Chabarowsk) mit 1.88 Meter eine neue sowjetrufsische Bestleistung. Im Dreisprung ohne Anlauf stellte Dimitrij Jossel- jan mit 10.10 Meter ebenfalls eine neue Bestleistung auf und im Hochsprung ohne Anlauf erreicht« er 1.60 Meter. Bemerkenswert ist auch di« Leistung der Moskauerin Bernikow im beidhändigen Diskuswerfen mit 68.48 Meter. Auch die Zeit, die die Moskauerin Mamojew über 800Meterin 2:19 Min. erzielt«, ist sehr gut. Sozialistisches Arbeitersporttreffen in Gdingen. Polnisch« und Danziger Arbeitersportler trafen sich im Gdingener Stadion zu einem großen Sportfest, das einen überaus gelungenen Verlauf nahm. Rach dem Festzug, der sehr imponierend war— besonders durch die starke Teilnahme der Danziger— und den Begrüßungsansprachen durch Vertreter deS polnischen Arbeitersportverbandes(ZRSS) und Danziger Genossen nahmen die sportlichen Veranstaltungen ihren Anfang. Handball- und Fußballspiele sowie Leichtathletik wechselten in rascher Folge und fanden beifällig« Aufnahme. In der Leichtathletik dominierten di« Danziger, welche auch drei neue Bestleistungen erzielen konnten, und zwar: Bei Grete Nissen und Adolf Mrnjou in dem Film„Der Fall des Kommissärs Colt", i« welchem Menjou die Rolle eines Detektivs spiel« den Frauen im Diskus mit 27.18 Meter und übe« 1000 Meter in 3:30.3 Min. und bei den Männer» über 3 X 200 Meter in 1:16.7 Min. Im Handball gewann FT Langfuhr gegen FT Danzig 6:2(4:0) und das Frauenteam des Siegers schlug jenes der Wasserfreunde Danzig 5:0. Je zwei polnische unt Danziger Mannschaften bestritten di« Fußballspiele. De» Danziger Fußballmeister FT SchDlitz trug dal! Spiel um di« polnische Meisterschaft gegen Baltii Gdingen aus und verlor knapp 1:2(0:1). Damit ist Danzig von der Meisterschaft ausgeschaltet woko den. Die Entscheidung, welche Mannschaft de» Danzig-Pommerellischen Bezirk bei den weitere» Spielen vertritt, liegt nun zwischen Baltic GdingeiÜ Amator Bromberg und Naprzod Graudenz. Jn> zweiten Match gewann ein« kombinierte Danziget Mannschaft gegen Amator Bromberg 4:3. Belgische Arbeitersportler i« Rotterdam. Am vergangenen Sonntag veranstalteten die holländtz scheu Ärbeiterturner und-Sportler den Maas' Schelde-Sporttag in Rotterdam, an welchem auä belgische Genossen teilnahmen. Neben turnerische» Vorführungen— die Belgier gefielen mit ihrer Gyav nastik— kamen Ballspiele und Leichtathletik z» Worte. Im Korbball gewann KRL Rotterdam gegen eine Haager Kombination 5:0. Das Fußbad match Rotterdam gegen Antwerpen.(Belgien) endest 1:1(0:1). In der Leichtathlettk wurde ein Weitz kämpf Rotterdam—Antwerpen ausgetragen, den dst Rotterdamer mit 118:90 Punkten gewannen. Dec Nkm Pauly Wessely-Film in Deutschland verböte» Wie aus Wien gemeldet wird, wurde der Film „Episode", dessen Hauptroll« Paula Wessely spiclb in Deutschland mit der Begründung verboten, dal der Autor und Regisseur des Films, Walter ReisW Jude sei, filme in Prager Lichtspielhäusern Alfa:„100 Tage". Jt.— Avion:„Madaast- Butterfly". A.— Sylvia Sydney.— Fenix:®(* schlossen.— Flora:„Ihr Toreador". A.— Edd» Cantor.— Gaumont:.Die goldene Katharinas Tsch.— A. Nedosiuska.— Hvtzda:»Fachmann Liebe". A.— Eddie Cantor.— Julis:„Das grob» Spiel". Fr.— Kinema: Journale, Grotesk«, Repe'' tage.— Koruna:„H e j ruPi" Tsch.— Voskov" und Werich.— Lucerna:»Zirkus Barium" A. Wallace Berry.— Metro:»Leise flehen meine Lü' der". D.— Maria Eggerth.— Passage: ,,D»/ große Spiel". Fr.— Praha:»Das schwarze Äs A.— Skaut:„Die blonde Venus". A.— Martes Dittrich.— Svitozor:»Madame Butterfly". A. Sylvia Sydney.-— Alma:„Salto in oie Seligkeit- D.— Belvedere:»Siefce unter Künstlern". A. Illusion:.DerletzteDiktator". Fr.— R«m Claire.— Roxy:„Das Gewitter". Rufs.— 9Wi bis Sonntag.— Spott:„Die Frau stn U-Boot"." — G. Cooper, CH. Laughton. Verlanget überall Volkszünder Name: Genaue Adresse:•» Letzte Post:«••■■■■•■■•»• Unterschrift:• Kakteen mit»rSauOtrömia" begossen, werden zauberhaft schön. 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