15. Jahrgang Freitag, 28. Juli 1SSS Nr. 172 Wer wird den Kries bezahlen? Hallen in Amerika abseblltzt— Abessinien sucht 7 Millionen Pfund Auf dem Wes zur . Gewerkschaftseinheit Paris. Di« beiden führend« Gewerk- schaftsverbände Frankreichs, der Allgemeine Ar- beitSverband(EGT) und der kommunistische Ar- beitsverdand(CGTU), einigt« sich Mittwoch nach mehrmonatig« Verhandlungen auf d« gemeinsam« Text der Vereinbarung über die Berkin h e i tli ch» n g h eid er Syndikate und über die Grundsätze der künftig« Funktion des Emheitssyndikates. Wichtig ist, daß der kommunistische Verband zugestimmt hat, daß die künftige veminheitlichte Gewerkschaftsbewegung von den politisch« Partei« voll komm« unabhängig sei« wird und daß alle politisch« Frak- tioncn innerhalb des Syndikates aufgelöst wer- d«. Bisher wurde die Frage, welcher Gewerk- schaftsintrrnationale der künftige Einheitsverband ieitreten werde,»icht gelöst nnd dir Berhandlun- «« hierüber wurden auf viel spätere Zeit verschoben. Die im September stattfindmdm Kongress« beider Gewerkschaftsverbände werd« über die definitive Verschmelzung beschließen. Die sozialistische, die kommunistische und die gewerkschaftliche Presse begrüß« die erfolgreich beende- ten Verhandlungen herzlich und schreib« übereinstimmend, der 24. Juki 1935 werde in der Geschichte des französisch« Syndikalismus und der französisch« Arbeiterklasse ein historisches Datum sei«. Todesurteil 1 wesen„kommunistischen Hochverrats” Berlin. Wie das Deutsche Nachrichten-Büro Meldet, hat der Volksgerichtshof für das Deutsche Reich am Donnerstag zum ersten Male wegen »kommunistischen Hochverrates" gegen den 41jäh- rigen Rudolf Claus ein Todesurteil gefällt. Der Angeklagte habe sich wiederholt gegen den . Staat vergangen und stand noch nach der nationa- ' len Erhebung im Dienste der KPD gegen das neue Deutschland. Als strafverschärfend wurde ihm, wie das DNB weiter sagt, angerechnet, daß rr während des kommunistischen H ö l z-Aufstan- des in Mitteldeutschland im Frühjahr 1921 zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt, bald aber : amnestiert wurde. Im Jahre 1924 wurde er wegen schweren Raubes zu acht Jahren Zuchthaus berurteilt, die er aber auch nur zum Teil verbüßte. »er tägliche Schlag sesen den Stahlhelm Schwer«.(DNB.) Die Kreise Parchim und ^u-wigslust sowie di« Ortsgruppe Waren des NSDFB(Stahlhelm) sind mit sofortiger Wirkung aufgelöst worden. Damit ist auch das Tragen don Uniformen und Wzeichen des NSDFB für die betroffenen Kreise und für den Bezirk der Ortsgruppe Waren untersagt. Das vorhandene Vermögen wird vorläufig beschlagnahmt und jichergestellt. In der Verbotsbegründung heißt es: In den Kreisen Parchim und Ludwigslust ist es wiederholt zu Widersetzlichkeiten von Angehörigen des NSDFB gegen Anordnungen der staatlichen Behörden und der Parteidienststellen gekommen. Weiter wurden von seiten des NSDFB dauemd unwahre an Hochverrat grenzende Gerüchte über Staat und Partei verbreitet. Verhaftungen im Rheinland Berlin.(Tsch. P.-B.) Die Polizei verhaftete den Gerichtspräsident« in München-Gladbach Dr. Borgels sowie andere Funktionäre dieses Gerich- fts, die sämtlich beschuldigt werden, Spenden für die öffentlichen Sammlungen der Nationalsozialisten abgelehnt zu haben. Jüdische Künstler unter Kontrolle Berlin. Der Präsident der Reichskulturkam- Mer Reichsminister Dr. Goebbels hat mit sofor- figer Wirkung den Geschäftsführer der Reichskul- kurkammer Hans Hinkel zu seinem Sonder- deauftragten für die Ueberwachung und Beaufsichtigung der Betätigung aller im deutschen Reichsgebiet lebenden nichtari- s ch en Staatsangehörigen auf künstleri- s ch e m und geistigem Gebiet berufen. L» nd» u. Der abessinische Gesandte in L«- don Dr. Martin erklärte in einem dem„News Chronicle" gewährt« Interview, er suche zunächst zweiMillionenPfundSterling (zirka 235 Mill. Ab) und dann womöglich fünf Million« Pfund(zirka 590 Millionen AL) aufzubringen. Diese Anleihe würde die abessinische Regierung durch Konzession« für die Förderung von Gold, Petroleum und Kupfer in Abessinien garantier«. Ursprünglich sei dieses Geld für die wirtschaftliche Erschließung Abessi- ni«s bestimmt gewesm, aber der droh«de Krieg habe jetzt d« erst« Anspruch darauf. Wir werd« Waffen ankaufm müssen. In Abessini« sei eine besondere Kriegs st euer auferlegt worden, zu der jedermann beitragen müsse. Sie solle etwa fünf Millionen Pfund erbring«. Bor allem sei viel Munition für Mausergewehre nötig, weil der Krieg vielleicht lange daue« werde. An Mausergewehrm besaß« die Abessinier geg« 200.000. Von dm Geschütze« sei« einige n«, andere sei« im Jahre 1896 d« Jtali«em bei Adua abgenommm worden. Hiezu käme noch eine Anzahl von Maschinengewehren und Flugzeugen. Ueber die Stärke des HeereS drückte sich der Gesandte nicht deutlich aus. Er sagte nur, alle Männer würdm ihr Möglichstes tun und die Frau« würdm sie begleit«. New D» r k. Wie„Herold Tribüne" aus Fipanzhieism erfährt, hab« italienische Juter; rssentm i« her letzt« Zeit mehrere Rew Amcker Großbank« auf die Möglichkeit weiterer kurz- fristigerKredite an bekanntere italimisch« Untemehmungm sondiert. Bisher hab« indessen keine der beftagtm Bankm Interesse für solche Vorschläge gezeigt. Abgesehm von einem kürzlich« stark« Rückgang der italimisch« Anleihekurse bestehe für die italimisch« Regierung schon deswegm keine Möglichkeit für eine Anleihe in Obligatto- nmform, da sie auf Grund des Johnson-AktS infolge Nichtzahlung ihrer amerikanisch« Kriegs- G e n f. Die italimische Regierung richtete an das Bölkerbundssekretariat eine Note, in der sie sich auf d« Wortlaut der Resolutton des Bölkerbundrates vom 25. Mai beruft und bekannt gibt, daß sie b e r e i t ist,— wie sie übrigens bereits am 14. Juli gleichzeitig mit der abessinisch« Regierung mitteilte— das Schiedsverfahren fortzusetzm, wenn die Schiedskommission bloß über die durch das ursprüngliche Kompromiß zwischen Italien und Abessinien festgesetzt« Fra- g« verhandeln wird. Die italimische Note ändert an der Gesamtlage nichts, so daß die Mitglieder des Bölkerbundrates nach den bisherig« Dispositionen bereits am 26. d. M aufgefordert werden, Ende Juli in Genf zusammenzutreten. Wie verlautet, hat auch die abessinische Regierung eine Rote an den Völkerbund gerichtet, die aber bisher noch«icht veröffentlicht wurde. PariS.(Havas.) Ministerpräsident Laval legte Donnerstag im Ministerrat dm Standpunkt Frankreichs im italimisch-abeffini- schen Konflikt dar und erflärte, Frankreichs Sweben gehe dahin, seine Freundschaft Italien und England gegenüber nicht zu verletzen und dm Prinzipien des Völkerbundes ttm zu bleib«. ES ist anzunehmen, daß Ministerpräsident Laval ohne vorgefaßte Entschließung nach Genf reisen wird und daß die Richtlini« seines Borgehens in dem auftichtigm Wunsche, eine ftiedliebmde Lösung zu finden, bestehen werden. Man glaubt nicht allzusehr an die Möglichkeit einer Einigung, die den Bölkerbundsrat überflüssig machen würde, nichtsdestoweniger schließt man jedoch diese Möglichkeit nicht aus. Sollten aber auch die ausgestellten Thes« einander noch so widersprechen, so ist bezüglich des fünft« Schiedsrichters eine Einigung möglich. Die Verhandlungen zwisch« PariS, Rom, London und Addis Abeba werd« vor dem Bölkerbundrat fortgesetzt werd«. schuld« derartige Auleihe« hier»icht erhalten könne. Waffen für Abessinien oder britisches Gebiet London. Außenminister Sir Samuel Hoare gab am Donnerstag im Unterhaus« bekannt, daß die Regierung beschloss« hat» die Waffmans- fuhr sowohl nach Jtali« als auch nach Abessini« bis auf weiteres zuverbieten. »Der Transit von Waffen für die abessinische Regierung durch britisches Gebiet«der britisches Protrktionsgebiet, das an Wessini« an- grenzt," führte Außmminister Hoare aus,»wird in Ueberrinstimmung mit dem Vertrag« vom 21. August 1930 gestattet sein". Die ftanzösische Regierung legt ihre Verpflichtung« aus dem Bertrage ebmso aus. Was jedoch die Genehmigung von Ausfuhrlizmz« betrifft, so tut die englische Regierung ihr Bestes, um ein« friedlich« Abschluß des gegmwärtig« unglücklich« Konflikts zu ermöglich«» und wünscht daher nicht, irgendetwas zu tun, was die Lage präjudizierm könnte. Sie wird daher bis aus weiteres keine Lizmzm für die Waffenausfuhr von England nach Jtali« odpr Abessinien erteil«." * Darf Aegypten überflogen werden? London. Ein liberaler Wgeordneter fragte int Unterhaus den Minister E d e n, ob den italienischen Flugzeugen das freie Ueberfliegen ägypti- schen Gebietes gestattet sei. Eden antwortete, daß derartige Ersuchen um die Bewilligung des Ueber- fliegens zwischen dem Gesuchsteller und der ägyptischen Regierung stets direkt im diplomatischen Wege erledigt wurden. Dieses Vorgehen werde auch heute aufrecht erhalt« und jeder derartige Fall werde jndividu e l l erledigt. Rom. Die Gerüchte,denen-«folge Italien sich entschlossen haben soll de« DSlkerbundsrat zu verlassen, werden mit aller Entschiedenheit dementiert. Keine gebundene Marschroute fOr Laval und Eden M inisterpräsident und Außenminister Laval wird nach einer Meldung des Tsch. P.-B. a/iS Paris persönlich der ganzen künftigen Tagung des Bölkerbundrates beiwohnen. Der französische Ministerrat erteilte Laval keine strikten Instruktionen betreffend den Standpunkt Frankreichs im italienisch-abessinischen Konflikt, Es ist selbstverständlich, daß die französische Politik sowohl ihren Prinzipien— der Wahrung der englischen und italienischen Freundschaft— als auch der Einhaltung der Prinzipien des Völkerbundes treu bleiben wird. England wird in Genf durch den Minister für den Völkerbund Eden und die Tschechoslowakei durch dm Gesandten Dr. Osuskh vertreten sein. Nach Londoner Meldung« erhielt auch Minister Eden von seiner Regierung keine präzisen Weisungen» er wird somit große Handlungsfreiheit in Genf haben. Großbritannien wünscht zum Unterschied von Frankreich, daß bereits in der eben bevorstehenden Tagung des Bölkerbundrates das ganze italienisch-abessinische Problem grundsätzlich verhandelt werde und zu einer Entscheidung führe, In Paris erwartet man Tag für Tag dm amtierenden Vorsitzenden des Bölkerbundrates Litwinow zu Vorberatungen und zur Entscheidung betreffend die Einberufung des Rates. Als Datum derselben wird der 30. oder 31. Juli an- gmommen. Heilmittelwucher und der Versailler Frledensvertras In den Vorkriegsjahren hat Deutschland ein« Art Monopolstellung für die chemische Erzeugung, nicht zuletzt auf dem Gebiete der therapeutischen Chemie,. ausgeübt. Mit dieser Monopolstellung Deutschlands stünde es heute nicht mchr so tin« früher, selbst wenn es bestimmte künstliche und aufgezwungene Bindungen und Bestimmungen des Versailler Friedensvertrages, die dieser in der Tat nicht gerade zugunsten des deutschen Privatkapitals aufweist, nicht geben würde. Diese Bertragsbestim- mungen besagen im Wesentlichen, daß spezifisch deutsche therapeutische Mittel, die für die modeme Medizin insbesondere in der Serum-Behandlung unentbehrlich waren oder es noch sind» nicht zum Gegenstand und Mittel monopolistisch-wucherischer Ausbeutung gemäß des sonst allgemein anerkannten Patent- und Musterschutz-Rechtsbegriffs gemacht werden dürfen und daß Deutschland diesem DuröAruch seines früheren Monopols zustimmt. Der Versailler Friedensvertrag war sicher nicht in allen seinen Bestimmungen ein Standard- Werk des Weltgewissens und eine Inkarnation der allgemein gültigen Hümanüätsidee der Philosophie der weißen Rasse. Auch seine Väter, von dem Engländer Lloyd George angefangen, behaupten das nicht mehr. Die.prodeutsche" Haltung der englischen offiziellen Politik in der Gegenwart gäbe es nicht, wenn nicht in wetten Kreisen nicht nur des englischen Volkes die Meinung bestünde, Deutschland sei damals ungerecht behandell worden— ein« Feststellung übrigens, die gerade immer wieder auch von den deutsch« Sozialisten dem Ohr der Belt nahegebracht wurde— und es habe also das Recht darauf, an die Aufhebung der Ungerechtigkeiten seine Kraft in ftiedlicher Form zu wenden. Wer— und das muß auch von deutscher Seite gegenüber der Demagogie und der Aufput- schung der Kriegsinstinkte durch die Hitlerei gesagt werden, die aus allen Unerechtigkeiten von Versailles ja erst ihre verbrecherische Kraft sog— nicht minder verhängnisvoll müßte es für Deutschland wie für die übrige Welt werden, wenn jener braunen Versimpelung und Bernegerung aller historischen und politischen Sachverhalte Vorschub geleistet würde, die den Vertrag von Versailles in allen seinen Teilen und in Bausch und Bogen als eine Art Teufelswerk abzutun sucht. Es ist unschwer nachzuweisen, wie jenes Heilmittel-Monopol von der deuffchen Industrie der Vorkriegszeit in flrupellosem Wuchergeist gehandhabt und ausgcbeutet worden ist—• zum Schaden aller anderen Nationen. Der Reichsdeutsche etwa, der sich in Böhmen oder in Frankreich etwas Apirin kaufen mußte, bekam von diesem für den deutschen Privatkapitalismus recht nützlichen Sachverhalt eine Vorstellung, denn er erfuhr hiebei, daß er für die gleiche Menge und Qualität in Deutschland viel weniger zu zahlen hatte. Schließlich ist ja doch wohl auch die deutsche chemische Wissenschaft und Industrie nur ein keineswegs selbständiger Teil des allgemeinen zivilisatorischen Besitzes der Welt, der vom Auslande in mannigfachster Weise befruchtet wurde. Hinzuzufügen wäre noch, daß die Begründer und Väter dieser deutschen Vorzugswissenschaft und der ihr auf den Fersen folgenden gewalligen technischen Entwicklung alles andere als gerade Repräsentanten einer neu-preußischen Raffle- und Siegfriedens-Jdee gewesen sind. Da Patent- und Mustcrschutzrecht wird im privatkapitalistischen Wirtschaftsraum immer eine problematische Angelegenheit sein. Arbester, deren Erfindungen bon ihren Fabriksherren kraft der Praxis der bürgerlichen Rechtsprechung ausgebeutet werden, arme wissenschaftliche Assistenten, die dem Herrn Geheimrat und Professor in langen Laboratoriumsnächten nicht nur zur Weltberühmtheft, sondem auch zu einem Riesenvermögen verhalfen haben, sind in all« privatkapitalistischen Lände« beheimatet, in Deutschland nicht zum geringsten. Patent- und Musterschutzrecht« auf Heil-! mittel hängt das Problematische aber erst recht anl Der Gedanke ist schlechterdings unerträglich, daß etwa eine wirksame Bekämpfung der Msilaria oder des Flecktyphus davon abhängig sein soll, ob Herr Direktor Müller oder Weheimrat Piefle daran Millionen verdienen. Bei Abfassung der diesbezüglichen Klauseln des Versailler Vertrages dürften wohl solche— sagen wir: sozialistische— Erwägungen mit eine Rolle gespielt haben, Erwägungen, die sich durch die von der deuffchen Industrie betriebene Ausbeutungspraxis aufdrängten. Völkerbund noch diese Woche Italiens bedinste Teilnahme Seite 2 Freitag, 26. Juli 1935 Nr. 172 Es ist nun bezeichnend für den Geisteszustand, der seit Hitlers Machtantritt im Lande dex Liebig und Homboldt Orgien feiert, daß sich die Attacken gegen den Versailler Friedensvertrag gerade auch jene Heilmittel-Bestimmungen des Ve«, tragswerkeS— gleich hinter den Militärklausclnl — als Ziel aussuchen. In der gleichgeschalteten medizinischen und chemo-technischen Fachpresse Deutschlands ist jetzt ziemlich allgemein der Sturmangriff darauf eröffnet. So schämt sich ein Professor Hörlein(der übrigens gar nichts dabei findet, als seine Autorenadresse offenherzig und bieder»Elberfeld-Wuppertal, I. G. Farben" anzugeben) keineswegs, in der„Deutschen Medizinischen Wochenschrift" den Russen nachzusagen, daß sie das deutsche„Plasmochin" nacherfunden hätten. Ein Beweis wird nicht vorgebracht. Nach diesem selben Hörlein haben die Franzosen aus dem deutschen„Protosil", einem Heilmittel gegen Streptokokken, schnöderweise ihr„Rubiazol" als Imitation gemacht. In diesem Zusammenhang wird der französischen Akademie der Wissenschaften sogar der Vorwurf gemacht, sie habe diesen „Betrug" gedeckt I Für die wissenschaftliche Objektivität dieses Hitler-Gelehrten, der freilich mehr mit seinem Portemonnaie als mit seinem Hirn an den wirklichen Erfolgen der Wissenschaft interessiert zu sein scheint, spricht am drastischen seine Sprache^ in der er seine Kümmernis um entgangene Wucherrenten vorträgt. Da heißt es zum Bei spiel wörtlich:„Es herrscht auf pharmazeutischem Gebiet ein Zustand, der nicht allzuweit vom mittelalterlichen Raubrittertum entfernt ist." Die Raubritter— nun das sind für den Pg. Hörlein auch die Franzosen, obschon es auch in Deutschland sicherlich immer noch tödlich verlaufene Tollwut geben würde, wenn der große Franzose Pasteur ein ähnlicher Geist gewesen wäre, wie dieser wissenschaftliche Hausknecht von I. G. Farben. Bei jedem einsichtigen Deutschen, der sein Vaterland, wenn auch nicht im Geiste Hitlers liebt, besteht sicher die Meinung, daß auch auf dem Gebiete des Austausches der Heilmittel unter den Völkern eine Lösung gefunden werden sollte, die auch Deutschland Gerechtigkeit widerfahren läßt. Aber klar ist es, daß die Form, in der jetzt der neue deutsche Imperialismus und Weltausbeutungsdrang, von Hiller und seinen, braunen Räuberbanden vorgetragen und von den Professoren Hurra-Deutschlands als seinem pseudo-wissen- schaftlichen Train gefordert, seine alten Forderungen vorbringt, gerade den berühmten„höchsten Menschheitsproblemen" Tritte mit dem Kommißstiefel versetzt! Und es ist ebenso klar, daß dieses Verhalten der Hitlerdeutschen auch jede wirklich verständige und allen annehmbare Lösung jener problematischen Frage unmöglich macht— am meisten zum Schaden Deutschlands selbst! F. E. R. Ilie neue radikale Welle in Deutschland (AP.) In Deutschland herrscht, wenn man dtn banalen Ausdruck gebrauchen soll,„dicke Luft". Das im Krieg so beliebte Wort ist durchaus passend. Das Dritte Reich führt zunächst einmal Krieg im Innern. Dabei ist wieder das Motto aus dem Weltkrieg an die Spitze gestellt worden: Biel Feind', viel Ehr'! So hat sich das nationalsozialistische Regime ein bißchen viel Feinde aus einmal aufs Korn genommen: die Juden, die Katholiken und die Bekenntniskirche, die Reaktion, wobei man es auf Stahlhelmer, Korporationen und andere Repräsentanten einer mehr konservativen Geisteshaltung abgesehen hat, und schließlich die Marxisten, die darüber keineswegs vergessen werden. Das Dritte Reich schlägt gewissermaßen um sich. Warum daS alles? Es wäre zu primitiv, wenn man nur von einer Ablenkung sprechen und alles mit dem Bestreben, die alten Kämpfer zu beschäftigen und als unentbehrlich hinzustellen, erklären wollte. Es ist die wachsende Opposition, die diese Nervosität hervorgerufen hat. Und auf den ersten Blick scheint es, als ob man gegen diese Opposition die Opposition in den eigenen Reihen mobilisiere, um die eine mit der anderen zu schlagen. Woher aber,diese Hydra der Opposition,, der die abgeschlagenen Köpfe ständig nachwachsen?. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten allein reichen zur Begründung nicht aus. Es ist vielmehr die Verkettung der wirtschaftlichen und politischen Schwts- rigkeiten, die die Situation so kompliziert macht. Schauen wir recht hin, so sehen wir förmlich einen circulus vitiosus vor uns. Ein wichtiges Moment, das man heranziehen muß, wenn man den Dingen auf den Grund gehen will, ist die immer stürmischer von Kreisen der Reichswehr und der Wirtschaft, von Oppositionellen und auch von Anhängern Hitlers selbst erhobene Forderung aus Auflösung der NSDAP. Dieser Prozeß geht nicht reibungslos vor sich. Die Kräfte der Gegner der Partei sind noch nicht stark genug, um die Forderung zu realisieren, aber immerhin schon so stark, um sie überhaupt auf die Tagesordnung stellen zu können. Die Kräfte der Partei sind noch zu stark, als daß man sie schon behandeln könnte wie weiland die SA, aber nicht mehr so stark, als daß sie dies Begehren im Keime zu ersticken vermöchte. Das ist die eine Ursache, weshalb die Partei wie wild um sich schlägt. Sie kämpft um ihre Existenz, 800.000 Parteibuchbeamte um ihre Positionen, ein paar Dutzend führende Leute um die Erhaltung ihrer Macht. Das führte dazu, daß das Gros der Partei sich wieder den sogenannten Linken annäherte, obwohl zwischen ihnen der 80. Juni mit seinen Blutopfern steht, daß es ihne Kozessionen personeller und sachlicher Art macht. Gegen die Schacht und Blomberg wollen sie alle zusammenhalten. Dieser neue Radikalismus ist freilich anderer Art als der vor einem Jahr bekämpfte, Denn er-erstreckt sich nichtaufwirtschaf t- I i ch e u n d soziale Fragen. Es ist der Radikalismus, auf dem Gebiete des Autisemitis- 'mus, der RiiWnfrage und des TötankätWestre- bens(gegen Reichswehr, Auswärtiges Amt und nichtgleichgeschaltete Beamte). Dieser neue Radikalismus findet die Billigung Hitlers, der Streicher nicht fallen läßt und in der Judenfrage keine Konzessionen kennt. Das aber macht gerade die Lage auswegslos. Können Reichswehr, Wirtschaft und Auswärtiges Amt zusehen, wie hier unentwegt Porzellan zerschlagen wird? Hitler kann aber nicht nachgeben, denn schon sind die tobenden Elemente zu sehr entfesselt. Ein circulus vitiosus, aus dem es nur einen gewaltsamen Ausweg zu geben scheint, wenn nicht noch einmal ein Beschwichtigungsversuch unternommen wird, der aber, nur kurzftistig wäre und die Probleme vertagt, statt sie zu lösen., Holländische Reaktion vor dem Sturz R. F. Holland steht seit zwei Jahren unter der Herrschaft der Regierung Colijn— einer Regierung, die den ,Muhm" für sich in Auspruch nehmen kann, die reaktionärste in Westeuropa zu sein. Gestützt auf die Römisch-katholische Staatspartei und auf deren protestantisches Gegenstück, die Antirevolutionären(denen auch Colijn angehört), schweigend toleriert von allen „liberalen" und bürgerlichen Gruppen, hat das Kabinett Colijn eine Politik der schärfsten sozialen und kulturellen Reaktion getrieben. Die Lohne sind um mehr als ein Drittel gesunken, die Arbeitslosigkeit stieg bis auf die sirr Holland geradezu katastrophale Höhe von 432.000. Das starre'Festhalten an der„deflationistischen" Anpassungspolitik, die mit der Notwendigkeit des„Schutzes der Währung"(Holland gehört dem Goldblock an) begründet werden sollte, hat der Regierung jede Möglichkeit einer konstruktiven Wirtschaftspolitik genommen. Sie ist zur Gefangenen ihrer eigenen „Grundsätze" geworden, die alle letzten Endes darauf hinauSlaufen, die Rente des Finanzkapitals ungeschmälert aufrechtzuerhalten. Diese Politik hat naturgemäß die breiten arbeitenden Massen in steigende Unruhe versetzt. Richt nur die Sozialisten, sondern auch die— in Holland sehr starken— katholischen Gewerkschaften wehrten sich gegen die steigende Verelendung, in die sie durch die Regierungspolitik hineingetrieben wurden. Dies äußerte sich zunächst in langen, mit außerordentlicher Erbitterung geführten Streiks (bei denen die Textilindustrie in Enschede eine besonders große Rolle spielte), dann aber auch in parteipolitischen Entwicklungen, die vor allem die Römisch-katholische Staatspartei empfindlich trafen. Die Christlichen Demokraten, ein« katholische Partei, die ihre Anhänger aus den Reihen der Arbeiter und Bauernschaft rekrutiert, gewann sichtlich an Boden, noch stärker wuchs die Sozialdemokratie— und vor allem die Staatspartei sah sich vor die Gefahr gestellt, bei den nächsten Wahlen ihre Position als stärkste Partei des Landes an die Sozialdemokratie abtreten zu müssen. Diese Entwicklung wurde durch zwei Ereignisse beschelunigt: erstens durch das belgische Beispiel der Regierung van Zeeland, die die Möglichkeit einer fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen wirklich fortschrittlichen Katholiken und zwischen Sozialdemokraten praktisch vor Augen sührte, und die Gemeindewahlen vom Ansang dieses Monats, die einen großen sozialistischen Erfolg und das Zustandekommen einer roten Mehrheit in Amsterdam und Rotterdam gebracht haben. Dies alles bewirkte, daß die Römisch-katholisch« Staatspartei sich von dem Regierungskurs zu tiistanzieren begann. Das erste deutliche Anzeichen für diese Wendung war der Austritt des Katholiken Steenberghe aus der Negierung, der verlangt hafte, an die Stelle der jetzt pendenten neuen Abbauvorlagen eine Devalvation zu setzen. Die katholische Parlamentsfraktion war in sich nicht einig, weshalb dieses Ereignis vorläufig noch ohne weitere Folgen blieb. Als aber die erwähnteg neuen Abbauvorlagen(Herabsetzung der Beamtengehälter, der Sozialleistungen und der Ausgaben für den Unterricht) vor das Parlament kamen, und Colijn sich weigerte, vor deren Verabschiedung ein Gesetz über die Herabsetzung der Mieten zur Abstimmung zu bringen, da war die überwiegende Mehrheit der katholsschen Kammerfraktion einig. Ihr offizieller Sprecher trat gegen die Regierung auf und Colijn antwortete in einem Tonfall, deit man von dieser Seite nur den Sozialdemokraten gegenüber hörte. Zur Stunde, wo diese Zeilen geschrieben werden, ist es nicht sicher, ob die Katholiken bis,zuletzt den Mut zu ihrer eigenen Courage behalten werden. Sollte das der Fall sein, so wird voraussichtlich nur die Auflösung beider Kammern(für die erste Kammer sind ohnedies bereits die fälligen Neuwahlen ausgeschrieben) und damit ein sicher zu erwartender Sieg der fortschrittlichen, fiqial« orienftcrten Kräfte die Folge sein können. So oder anders aber sind die Tage eines reaktionären Regimes gezählt, dem weder die holländischen, noch die Arbeiter der anderen Länder eine Träne nachweinen werden— namentlich die, die sich daran erinnern, daß dieses Regime seinerzeit die Emigranten Liebermann und Genossen an die Gestapo ausgeliefert hat. Spanische Fascisten Im Parlament abgeblitzt Die Vereinigten Monarchisten und Klerikalen des spanischen Fascisten und Kriegsministers GilRobleS wollen auf ihre Rache an den demokratischen Exministern A z a n a und Quiroga nicht verzichten. Obgleich bereits durch gerichtliche Untersuchung festgestellt ist, daß beide mit dem Aufstand in Asturien nichts zu tun gehabt haben, sollte daS Parlament gegen beide die Strafverfolgung anordnen. Trotz aller Bemühungen blieb die Rechte in der Minderheit. Nun will man noch das Gesetz auf Entschädigung der Großgrundbesitzer durchpeitschen, die von der^Republik enteigne! Worden sind. Für 109 ehemalige Granden soll eine Riesensumme gleich 2,4 Milliarden XL aus dem bettelarmen Volk herausgepreßt werden. Rack diesem Raubzug soll das Parlament aufgelöst und die Neuwahl ausgeschrieben werden, auf die ganz Spanien hoffnungsvoll wartet. Die Konzenwa- tion der Linken, über die wir schon berichteten, geschieht bereits im Hinblick darauf. Die Militärs haben gewarnt I London. Der nach Rom entsandte diplomatische Korrespondent des„News Chronicle" berichtet, eS stehe fest, daß vor genau einem Jahr hohe italienische Offiziere mit Bestürzung, erfahren hätten, daß Mussolini einen Feldzug in Abessinien plane, um einen Korridor zwischen den beiden italienischen Kolonien— Somaliland und Ery- träa— herzustellen. Sie hätten sich dagegen ausgesprochen, ebenso ein an Ort und Stelle befindlicher Ausschuß, aber Italien sei seit einem Jahr« dem Krieg mit verhängnisvoller Stetigkeit entgegengetrieben. Heute seien die italienischen Forderungen.so kraß, daß sogar der versöhnlichste BölkerLündrat ihnen kaum züstimmen könne. Soweit sich feststellen lasse, fordere Italien den Besitz wertvoller und ungeheuer ausgedehnter Ansiedlungsgebiete und die Uebernahme des Polizei- diensteS in den drei oder vier Provinzen, die dem Kaiser überlassen bleiben sollen. Somit könne nur ein Wunder diesen furchtbaren Krieg verhindern. König Carol will keine Diktatur Bukarest. Alle hiesigen Blätter kvmmenfteren in ausführlicher Weise ein Interview König Carols, das dieser einem amerikanischen Journalisten gewährte. Das Blatt„Lupta" schreibt dirett, daß eS sich um eine öffentliche Erklärung des rumänischen Herrschers handle, daß er kein diktatorisches Regime einzuführen gedenk«. 78 komm, von Emil v*chek-'n ■ Deutsch von Anna AurednKek »Ich geb' dir's, wie du willst, bringe mich nur schon zu meinem Minister", bettelte der Hei- ratsbereite. Loisis schleppte Beinsteller über die Stufen, die zur Hühnersteige führten. Oben angelangt, legte sie den matten Körper ihres Bräutigams auf die Matratze und eilte, um Tinte und.. Feder herbeizuholen. Das war nicht ganz leicht. " i der ganzen'Wohnung war nichts Derartiges aufzutreiben. An so einer Kleinigkeit darf das Glück eines Menschen nicht scheitern» besonders wenn er es so schwer errungen hat. Sie wußte, daß Beinsteller sich in Literatur versuchte—• er schrieb seine Erinnerungen—, zog den Wohnungsschlüssel aus seiner Tasche und holte aus seiner Wohnung alles, was sie brauchte. Als Draufgabe nahm sie eine Flasche Kognak mit. Doch ehe sie zurückkam, war Beinsteller so fest eingeschlafen, daß sie ihn trotz aller Anstrengung nicht mehr aufwecken konnte. „Was soll ich mit der Schlafmütze anfän- gen?" rief sie klagend.„Verspricht einem armen Frauenzimmer die Ehe und schläft dann ein. Tut nichts; wenn er selbst nicht schreiben kann, mach' ich's für ihn. Die Frau hat das Recht, für ihren Mann zu unterschreiben." Sie schrieb hierauf folgendes Beglaubigungsschreiben: Unterzeichneter bestätigt hiermit, daß er Fräulein Aloisia Tichy in drei(ausgestrichen) in zwei Monaten zur Frau nehmen wird. „So— und hier werde ich unterschreiben, du Strolch." Und so geschah cs. ' I'- 11 i 1"-«™ 11' Als sie sich aus der mitgebrachten Flasche gestärkt hatte, fiel ihr ein, Ferdl könnte am nächsten Tag die Echtheit seiner Unterschrift leugnen. Nach längerer Erwägung entschloß sich Loisis, zu Beinstellers Unterschrift drei Kreuzchen zu setzen. Diese unschuldigen Kreuzchen gaben ihr so eine Sicherheit, daß sie sich neben dem schnarchenden Beinsteller ausstreckte und in einer Weile ebenso fest schlief wie er. In dem Augenblick, da Loisis an diesem Morgen die seligsten Augenblicke ihres so bewegten Lebens auskostete— sie war soeben bei der neuen Deutung der Prophezeiung ihres Onkels angelangt—, durchlebte die Schwarze Kathi Augenblicke furchtbarster Verzweiflung. Kathi hatte bis zürn letzten Augenblick gehofft. Jetzt aber stand ihr ganzer mühevoller, durch beinahe dreißigjährige Arbeit erworbener Ruf auf dem Spiel. Jeden Augenblick konnte auf der Hühnersteige der Bräutigam erscheinen und trotz ihrer deutlichen Prophezeiung freundlich ausgenommen werden. Wenn dies in die Oeffentlich- keit käme, wäre sie ruiniert. In ihrer langen Praxis war ja manchesmal daS gerade Gegenteil ihrer Prophezeiung eingetroffen. Aber das war Leuten widerfahren, die am entgegengesetzten Ende der Stadt wohnten. Und der arme Medo VH. drückte sich mit leerem Magen in den Ecken herum. Sie dachte gar nicht daran, ihm seine Morgcnmilch zu geben, da er sie in ein solches„Mallör" gebracht hatte. Sie hatte ihn schon mit allen Pülstenr, Kämmen und Bürsten bombardiert und der Kater war nur durch ein Wunder einem schmählichen Tod entgangen. Mer auch das brachte ihr keine Beruhigung. In ihrer furchtbaren Auftegung lief sie in den Hof und ihr schlechtes Gewissen zog sie auf die Hühnersteige. Weiß Gott, was sie eigentlich dort wollte. Jedenfalls schritt sie zur Tür der Chalupas. Sie gelangte nicht bis hin, denn als sie an Loisis Fenster vorüberkam, entdeckte sie ein neues Un glück. Es war so grauenhaft, daß sie an das andre vergaß. Sie sah die verzückt daliegende, halbnackte Loisis, die zärtlich die Wangen des neben ihr liegenden Mannes streichelte. Als sie genauer hinsah, erkannte sie.Peinsteller. Das war das Ende ihrer prophetischen Kunst. Jetzt war sie schachmatt. Im Laufe von zwei Tagen war sie auf zwei wichtigen Kampfplätzen geschlagen worden. Sophie würde den„Un- richttgen" heiraten und der„Richtige"„unerwartet" die lange Reise mit Loisis antreten. Nur die unüberwindliche Verachtung, welche die Schwarze Kathi seit jeher für Frauen empfand, die einer Schwäche unterlagen, bewahrte sie vor einer Ohnmacht. Sie mußte sich aber an das Pawlatschengeländer halten, und es dauerte lange, ehe sie fähig war, den Rückzug anzutreten. Beinsteller konnte sich nicht genug wundern, als er in Loisis Stube erwachte. „Was willst du, Liebling, Kakao, Schokolade, Kaffee, Tee oder Allasch mit Rum?" fragte Loisis mit flötender Stimme, obwohl sie nur das letztere im Hause hatte. .„Wie bin ich denn hergekommen?" fragte Beinsteller, als er das erste Staunen abgeschüttelt hatte.„Ich habe wohl gestern beim Minister ge- nachtmahlt und dann..." Die Erwähnung des Ministers jagte Loisis Schrecken ein. Am Ende war er wirklich verrückt geworden?„Ich bitte dich Ferdl, quatsch nicht mehr von dem Minister, ich war schon gestern ganz blöd davon..." „Und dann?" fragte Beinsteller störrisch. „Dann?" rief Loisis schon beruhigter,„dann haben wir uns verabredet, zu heiraten." „Was? Wer hat verabredet und was verabredet? Warum? Weshalb?" „Wir beide natürlich, mein Zuckerplätzchen", erklärte Loisis noch immer sanft.„Du sagtest mir doch gestern in der„Hundshütte" vor Zeugen:, „Loisis, du bist die beste Frau der Welt, und ich bin verlassen wie ein abgerissener Knopfheiraten wir.„Aber", fuhr sie bissig fort, als sie seinen ungläubigen Gesichtsausdruck bemerkte,„ich habe geahnt, du Gauner, daß du mir eS ableugncn wirst, und habe mir's auf jeden Fall schriftlich von dir geben lassen." „Ich habe niemandem etwas schriftlich gegeben", sagte Beinsteller mit resoluter Sicherheit. „So dumm bin ich wieder nicht." „Und unsere Hochzeitsnacht?" rief Loisis tragisch.„Willst du leugnen, daß wir sie gleich gefeiert haben?" „Davon weiß ich nichts, Loisis. Hab' ich dir das schriftlich gegeben?" „Du elender Lausbub du", kreischte Loisis, „du wirst eine Frau in ihren heiligsten Gefühlen verletzen? Erst bringst du unscreinen in Ruf und dann behauptest du, davon nickts zu wissen. Da lies!" Etwas unsicher legte sie ihren BeglaU- bigungSschein vor. Kaum hatte Beinstcller einen Blick auf das Papier geworfen, so rief er:„Das häb' ich nie geschrieben! Ich will nicht prahlen, aber für so eine Schrift und Rechtschreibung müßte ick> mich schämen!" „Es sagt sa niemand, daß du es geschrieben hast» aber diese drei Kreuzchen hast du mit deiner eigenen Hand gemacht, und dar gilt vor dem Gesetz!" Beinsteller wurde nachdenllich.„Sonderbar, Loisis. Ich kann doch meinen ganzen Namen unterschreiben. Wenn ick, bei Vernunft bin. Warum habe ich plötzlich Kreuzchen gekritzcft?" „Na, deine Hand wgr nicht mehr ganz sicher, mein Lieber", gab Loisis zurück. „Sag' doch, daß ich besoffen war wie eine Kanone. DaS Zeug hat keinen Wert. Loisis. Ein betrunkener Mensch kann einen andern töten, und man darf ihn doch nicht verurteilen. So steht'S im Gesetz. Und da er wegen Suff nicht zum Galgen verurteilt werden darf, gibt'S wegen Suff ou4 keine Verurteilung zur Ehe." (Fortsetzung folgt.)' Nr. 172 Freitag, 26. Juki 1S3«i Seite 3 tfudetcndcutedier Zeitepicgef ——■—■ Hakenkreuz-Segelflugzeug vor der Deutschen Technik in Präs Die kaum verhohlenen Sympathien und De- Ziehungen unserer Henlein st udenten» schäft zum Dritten Reich sind zu bekannt, als daß sie noch eines Beweises bedürften. Dieser Tage aber wurden diese Beziehungen in einer Weise offen zur Schau gestellt, die dringend der Aufllärung bedürfen. Dienstag gegen halb 8 Uhr morgens fuhr vor dem Gebäude der Deutschen Technik ein von einem reichsdeutschen Privatauw gezogener Streifwagen vor, der in der Regel zum Transport von Faltbooten dient. Aus dem Auto Liegen drei Männer, die sich später in Gesprächen mit Zeugen als reichsdeutsche Studenten deklarierten. Di« drei retchsdeutschen Studenten•— die übrigens mit den bei der SS üblichen Lederreitpeitschen bewaffnet waren—* schafften gemeinsam mit Studenten, die vor dem Gebäude der Deutsch«» Technik gewartet hatten, ein Segelflugzeug,(Erzeugungsort Erfurt), dcffen Schwanzflosse mit einem große« Hakenkreuz geziert war, aus de»n Gebäude und verluden es auf dem Streifwagen. Di« Schwanzflosse mit dem Hakenkreuz wurde abmontiert»md in dem vorgespannten Auw verstaut. Auf die Frage von Passanten, was mit dem Flugzeug geschehen solle, wurde mitgeteilt, daß eS zu einem sportlichen Segel- flugwettbewerb transportiert werde, der demnächst von der SdP veranstaltet werde. Wie kommt die SdP zu Hakenkreuzflug- zeugen? Was haben Hakenkreuzflugzeuge rn der staatlichen technischen Hochschule unserer Republik zu suchen? Es ist dringerrd notwendig, daß in dieser Angelegenheit eindeutig Klarheit geschaffen wird. Vie Tarnkappe verloren Die»Deutsche Tageszeitung" in Karlsbad gedenkt des Jahrestages des natio- nalsozialistischen Putsches in Oesterreich unter der lleberschrift„Der Wahrheit die Ehre" mit der fast wörtlichen Wiedergabe des PlaidoyerS eines der nationalsozialistischen Verteidiger im Holzweber-Planetta-Prozeß. Das Plaidoyer liest sich wie eine braune Propagandarede. In der gleichen Nummer wird in Fettdruck über „große nationalsozialistische Propaganda in Wien" und über„die tausende von Flugzetteln" berichtet, die die„baldige Bildung eines gemeinsamen Deutschen Reiches" ankündigen. WaS ist in das Henleinblatt gefahren? Von dieser Gesinnung wußte man ja, aber so offenherzig und ungetarnt pflegt sich die Schriftlei- terpresse doch sonst nicht zu äußern 1 »Europas reaktionärstes Regime••" Unsere Demokratie und die Schriftleiterpresse „A-Z et-Pondelnik" hat sich mit den gewichtigen Gründen beschäftigt, die gegen eine Beteiligung des Sokols an der Sport- Olympiade von 1936 in Berlin sprechen. Als besonders schwerwiegender Grund gegen die Fahrt des Sokols ins Hinterland führt das tschechischnationalsozialistische Organ an, daß es nicht anginge. daß „brr Sokol, ei« KristallisattonSpmckt der tschechoslowakischen Demokratie» vor den Häupter« des reaktio«irsten R e g i m rS inEnropa defilieren und ans überflüssiger Höflichkeit den Symbolen der härteste» europäischen Diktatur Ehre erweise". Diese Aeußerungen, di« man nur nachdrücklichst unterstreichen kann, haben bezeichnenderweise die sudetendeutsche Henleinpresse in Harnisch gebracht, die die weisheitsvolle Ansicht äußert, daß solche Argumentation„tief blicken lasse". Das meinen wir bezüglich der sudetendeutschen Naziblätter auch! Lin Millionär— Bezirksstandes- Vertreter der Arbeiter Dr. Iilly nicht in die Standes- gruppe der Arbeiter, sondern in die der Kapitalisten und Millionäre gehört. Dienstmädchen-Soziologie der Reichen Eine Frau Dr. Goder-Hermann nimmt in einem Leitartikel der„B o h e m i a" zur Dienstbotenfrage Stellung und äußert im ersten Teile ihrer Darstellung einige ganz gesunde Gedanken, die sie aber offenbar nur um den Leser anzuziehen in ihren Gedankenkreis einbezieht, denn der eigentliche Zweck des Artikels wird erst am Schluffe sichtbar. Diese Frau sagt da:„Man könnte auch .Hausangestellte" als Beruf erlernen lassen, nicht nur durch Schulen und Kurse, sondern auch im Betrieb, in der Praxis selbst." Um das zu fordern, schreibt die Frau Doktor einen langen Artikel, kommt auf die falsche Einstellung der Gnädigen zu den Dienstmädchen, ja sogar auf den Mord der sich in einer Fabrikantenfamilie in den letzten Tagen in Wien zugctragen hat, zurück, bevor sie sagt: der Dienstmädchenberuf müßte genau so erlernt werden wie irgendein anderes Handwerk. Genau so, das heißt d r e i I a hr e L eh rz e it, o h n e' L 0 h n, o h n e F r e k g'e i t,' womöglich noch mit dem Z ü ch t i g ü n g s r e ch t der Herrschaft, das wäre der Jdcalzustand im modernen Haushalt. Die Gnädige, die im Kaffeehaus sitzt und Zigaretten raucht, Bridge spielt oder flirtet und zu Hause das vierzehnjährige Lehrmädel, das seine Jugend beim Fußbodenwaschen und Geschirreinigen verbringt, dafür aber abends, wenn sie nicht rechtzeitig die Mahlzeit fertig hat, ein paar Maulschellen bekommt. Da dieser Artikel in der„Bohemia" erscheint, also wahrscheinlich Henleinkreisen entstammt, so muß wohl das Schicksal dieser Forderung dem„Führer" überlaflen werden. Denn in den Kreisen um die„Bohemia" da gilt das Schlagwort: Henlein wird es schaffen I In der Halde verbrannt Dux. Beim Spiel auf einer Halde des Schachtes„Glücksstern" stürzte der achtjährige Schüler Anton Glöckner in eine glühende Aschenschicht. Er erlitt so schwere Verbrennungen an den Beinen und am linken Arm, daß er im Duxer Krankenhaus, wohin er gebracht wurde, verschied.. Von der Klostergraber EisenbahnbrOcke absestarzt Klostergrab. Die große, 30 Meter hohe Eisenbahnbrücke der Strecke Prag—Brüx—Moldau bei Klostergrab wurde in den letzten Wochen von Arbeitern der Prager Firma Profes neu angestrichen. Die Arbeiten wurden gestern beendet. Als zum Schluß der 21jährige, ledige Lackierergehilfe Josef B o u ch a l aus Mezimosti über die Brücke ging, gab ein Balken des Laufsteges aus unbekannter Ursache nach und Bouchal stürzte in die 30 Meter tiefe Schlucht. Er wurde mit zahlreichen Knochenbrüchen in das Teplitzer Krankenhaus gebracht, wo er nach kurzer Zeit verschied. Vie Schrlktleiterpresse der Lüge überführt Verleumdungskampagne gegen die Freien Gewerkschaften Die sogenannte Schriftleiterpresse und allen voran die„Brüxer Zeitung" schrieb im Zusammenhänge mit dem Streik der Ziegeleiarbetter der Firma Salz und Söhne in Staab, die Freie Ge- > Werkschaft, in diesem Falle also der Bauarbeiterverband, hätte den Streikenden zwar die Unterstützung versprochen, bis jetzt aber nicht ausbezahlt, während die Angehörigen der SHF kein Anrecht auf Streikunterstützung gehabt hätten, trotzdem aber von der Sudetendeutschen Partei unterstützt worden seien. Darüber herrsche in den Reihen der marxistischen Gewerkschafter in Staab eine große Erbitterung, die durch die Tatsache, daß der Kampf ohne jeden Erfolg abgebrochen werden mußte, wesentlich erhöht werde. Art dieser Meldung ist kein einziges wahres Wort. Die am Streik beteiligten im Bau-, Stein- und Keramarbeiterverband organisierten Arbeiter haben selbswerständlich die ihnen zurecht stehende Streikunterstützung bis auf den letzten Heller ausbezahlt erhalten. Der Zweck der Brüxer Tante ist allzusehr fadenscheinig. Ihr geht es nicht um die Arbeiter, die nach ihrer Behauptung um die Streilunterstützung geprellt wurden. Ihr geht es um die bloße Agitation für die Henleinpartei und um die Hetze gegen die freien Gewerkschaften. Warum, so müssen wir sie doch fragen, die aufgelegten Lügen in Brüx verzapfen? Man hätte dies in Staab, wo sich alles zugetragen hat, viel billiger haben können. In Staab kann man diese Lügen nicht perzapfen, weil man weisst wie die Wahrheit ist und flüchtet daher nych Brüx. Sich mit einer derart schmutzigen Kampfes- weise zu beschäftigen, hieße unnötige Platzverschwendung treiben. Wir begnügen uns daher damit, den Lügen die Wahrheit entgegenzustellen. Der Streik wurde nicht„erfolglos abgebla- scn", sondern mst Erfolg und nach erfolgter geheimen Abstimmung der Belegschaft, also auch der Mitglieder der Sudetendeutschen Partei, abgeschloffen. Die Mitglieder der fteie» Gewerkschaft, also des Berbandes der Arbeiter in der Bau», Stein- und Keramindustrir erhielten die ihnen auf Grund deS Berbandsstatutes zusichcnde Streikunterstützung auSgezahlt. Die Mitglieder der Sudetendeutschen Partei gingen nicht deshalb leer aus, weil sie keiner Gewerkschaft angehören, sondern sie mußten leer ausgehen, weil keine Gelder zur Verteilung gelangten und weil sie nicht Mitglieder einer Gewerkschaft waren und auf Streikunterstützung bei einer marxistischen Gewerkschaft keinen Anspruch hatten. Die„Kameraden" der Sudetendeutschen Partei, die beim.Lameraden" Unternehmer Löw Aus Znaim wird uns geschrieben: Die Sudetendeutsche Partei ist bekanntlich „ständisch" gegliedert. Damit die„Kameraden"| Kapitalisten nicht mit den„Kameraden"> Arbeitern an einem Tisch sitzen müssen, gibt es eine eigene Standesgruppe der Arbeiter. Man sollte nun meinen, daß wenigstens die Standesgruppe der Arbeiter auch von einem Arbeiter geführt wird. Aber das ist nicht der Fall! Zum BezirksstandeSvertreter der Arbeiter des Znaimer Bezirkes der Sudetendeutschen Partei wurde— Dr. IiIly ernannt! Der Millionär Dr. I i l l y, der reiche Sohn eines reichen Vaters, der in seinem ganzen Leben noch keine Not kennen^gelernt hat, präsentiert sich als A r b e i t e r f ü h r e rl Ja, I hat sich denn»mter den Henlein-Arbeitern wirk- ,lich kein einziger gefunden, der die Standesgruppe der Arbeiter führen könnte? Da reden die> Henlein-Arbeiter immer davon, daß die sozialdemokratische Partei keine Arbeiterpartei sei, weil in ihr Krankenkaffenbeamte führende Stellen innehaben. Ein Beantter ist in ihren Augen kein Arbeiter, aber der Millionär Dr. I i l l y i ft es! Er wird ihnen von der Parteileitung sogar als Führer hingesetzt— eine' Führerwahl gibt es ja in dieser Partei> nicht.| Wir hoffen, daß die Ernennung Dr. JillyS| zum„Arbeitervertreter" auch den verirrten Henlein-Arbeitern die Augen öffnen wird. Die Meinung der vernünftigen Arbeiter geht dahin, daß Tohuwabohu In Deutschland in der Ziegelei beschäftigt sind, dürfen, weil sie Mitglieder dieser Partei sind, ihre Lebensintcressen durch Streik nicht verbessern und werden nach wie vor weiter ausgebeutet. Das sind die Wahrheiten, die zu berichten die „Brüxer Zeitung" zum Anlaß nehmen sollte. Notschrei der Preßburger Gaststättenangestellten Antwort auf die Frage: Warum werden die Trinkgelder nicht abgeschafft? In einem Offenen Brief wenden sich die Angestellten des Gast- und Schankgewerbes in Preßburg an die Oeffentlichkeit, um diese im Kampfe um menschenwürdige Existenzbedingungen an ihre Seite zu bringen. Aus den Anklagen, welche in dem Schreiben erhoben werden, läßt sich ermessen, wie schlimm es um die im Gastgewerbe Beschäftigten bestellt sein muß, denn gerade bei ihnen ist man gewohnt, daß sie zu allem schweigen, und nur, wenn sie in höchster Verzweiflung sind, Abwehrstellung beziehen. Die Oeffentlichkeit wird vor allem die Tatsache interessieren, daß die Trinkgelder, die mit einem Zuschlag von zehn Prozent zur Zeche bezahlt werden, nur zum Teil den Angestellten zu« kommen, in der Hauptsache aber den Inhabern der Kaffer» und Gasthäuser durch ein an Diebstahl grenzendes Manöver zuflicßen. Aus den Trink« geldzuschlägen verrechnet der Unternehmer das sogenannte Bruchgeld, die Entlohnung für den Zeitungsträger, die Gläserreinigung, Umsatzsteuer, die Löhne für das Gebäckftäulein und die Küchen- angesteUten, ja sogar den Kauf von Zündern! Also fast die ganze Regie des Etablissements wird den Angestellten gestohlen! Diese Posten betragen beispielsweise im Kaffeehaus„Astoria": für Bruchgeld 450 Ke, 280 Kö Umsatzsteuer, 600 Kö Zeitungsträger, 160 Kö für Lehrlinge, 380 Xö als Ersatz für die aügeHauten Löhne des Küchenpersonals, 140 KL der Klosettfrau für das Gläserreinigen usw. Das Verrechnungsbuch aber kann vom Personal überhaupt nicht kontrolliert werden. Der Chef macht also, WaS er will. Ueber das sonstige LoS der An» gestellten im Gastgewerbe erfahren wir das Wissenswerte aus folgendem Satz:„W egen der ilberlangen Arbeitszeit, flegel- hafter Behandlung, s a n i t ä t s w ihrigen Wohnräumen und ungenießbarer Verköstigung müßten wir ein separates Kapitel schreiben. Erlaubt sich jemand von den gastgewerblichen Angestellten über diese Mißstände Kritik zu üben, oder gar eine Besserung dieser unhaltbaren Zustände anzuregen, so wird derselbe unbarmherzig auf die Straße gesetzt, als Rebeflant gc- brandmarkt und für immer aus dieser Stadt verbannt". Wenn man das liest, dann weiß man auch, warum das Trinkgeldsystem nicht abgeschafft werden kann. Daß auch dort, wo das Trinkgeld mit der Zeche verrechnet wird, vom Personal auch noch extra Trinkgeld erwartet wird, weil das Personal von dem mit der Gastrechnung bezahlten Betrage nichts hat, da diesen in den meisten Fällen der Chef deS Hauses in die eigene Tasche steckt. Aber eS muß auch gesagt sein, daß dem Personal im Gastgewerbe nicht zu helfen ist, solange es nicht begreift, daß diese Zustände nur in geschloffener Organisation beseitigt werden können. Oie Privatangestellten verlangen vom Fürsorgeminister sofortige Reformen Eine vom Abgeordneten Klein geführte Abordnung trug am Mittwoch dem Minister für soziale Fürsorge, Jng. ReäaS, die Notwendigkeit und Dring- lidjfeü einer Reihe der von den Privatangestellten geforderten sozialpolitischen Reformen vor. Der Sprecher der Abordnung, Abg. Klein, nannte als solche Reformen u. a.: die Einführung der Bierzigstunden- Woche für alle Privatangestellten ohne Rücksicht auf die Zahl der in den einzelnen Betrieben Beschäftigten; die ganzstaatliche Regelung der Sonntagsruhe; di« ganzstaatliche Regelung der Frage der OeffnenS und Schliessens der Geschäftsläden; den Ausbau der Arbeitsinspektion; die Neuorganisation der Arbeitsvermittlung unter Bedachtnahme auf die schon erprobten gewerkschaftlichen Arbeitsvermittlungsstellen; die Verlängerung der allgemeinen Schulpflicht um mindestens ein Jahr mit einer gleichzeitigen Reform deS Lehrplans; Um- und Ausbau unseres ganzen Fort« bildungSwesens mit dem Ziele, die jungen Menschen für das praftische Berufsleben besser vorzubereiten. Die Abordnung überreichte eine diese Forderungen ausführlich begründende Denffchrift. Minister Jng. NeöaS besprach mit der Abordnung die einzelnen von ihr verlangten Reformen und sagte zu, nach genauer Prüfung des ihm borgelegten Materials«sit den zuständigen Gewerkschaften wegen der möglichen Verwirklichung in Fühlung zu treten. Sette 4 Freitag 26. Juli 1935 Nr. 172 Ao Xcuikatue cles Tages Der Sermsne Frick Der Hamburger Polizeipräsident schwer betrunken mißhandelt einen Restaurateur in Dänemark Stege- Dänemark.(Eigenbericht.)' Seit enigen Tagen liegt im Hafen von Stege in Dänemark die deutsche Segeljacht„Rheinpfalz". Auf dieser Jacht unternimmt der Hamburger Polizeipräsident Boltz mit einigen Offizieren der Hamburger Hafenpolizei eine Feriensahrt in den dänischen Gewässern. Am Dienstag befand sich der Polizeipräsident, um einige Einkäufe zu machen, in bei Stadt. Nach echt nazrscher Manier wurden dann auch verschiedene Restaurants besucht und dem Alkohol, wie von vielen Einwohnern bestätigt wird, fleißig zugesprochen. Am Schluß dieser Bierreise kam der Polizeipräsident ins Lokal Strandkaffee, Besitzer Friedr. Olsen. Dort verlangte der Polizeipräsident im barschen Ton von dem Wirt, daß er einige Tische zusammensetzen müsse, damit er und sein Stab mit einem bereits im Lokal befindlichen dänischen Marine-Jugend- Verein zusammensitzen könne. Als der Wirt zu verstehen gab, daß e r Herr hier im Hause sei, sprang Boltz auf den Wirt los und schlug auf i h n e i n. Es entstand eine fürchterliche Keilerei, bei der Kronleuchter, Stühle, Tische und Gläser demoliert wurden. Der 21- jährige Sohn des Restaurateurs, der seinem Vater zu Hilfe eilte, wurde ebenfalls von den Offizieren der Hamburger Hafenpolizei schwer mißhandelt und gewürgt. Der Restaurateur wurde zu Boden geschlagen und nach echt nazistischem Muster bearbeitet. Schließlich gelang es dem Restaurateur zu entkommen und den Kontakt der elektrischen Lichtleitung zu unterbrechen. Daraufhin verließ des Gesetzes oberster Handreicher und Ordenshüter Boltz mit seinen Offizieren das Lokal, um in ein anderes zu gehen. Tort hielten sie sich aber nicht lange auf, sondern machten schleunigst, daß ste zum Hafen kamen, aus dem sie dann feig, mitten in der Nacht, mst unbekanntem Ziel absegelten. Deutsche Badegäste, die sich in Stege aufhalten, waren sehr empört über das skandalöse Auftreten dieses hohen Polizeibeamten, auch unter den dänischen Einwohnern ist man ziemlich erregt. Ob die dänischen Behörden Schritte in dieser Angelegenheit unternehmen werden, ist noch nicht bekannt. gegen dessen Kirchenerlaß der katholische Klerus den offenen Kampf von der Kanzel herab aufgenommen hat. 3 Bergarbeiter-Sterben Kalkutta. In dem Kohlenbergwerk in Joktiabad.unweit Giridih ereignete sich eine Schlagwetter-Erplosion, bei der 3 3 P e r s o n e n getötet und 43 verwundet wurden. Kindesmörderin um eines Kinderwagens willen? Warschau. Vor zwei Tagen wurde ein sieben Wochen altes Mädchen aus einem Warschauer Park geraubt. Wie sich jetzt herausgestellt hat, ist das Baby von der bisher noch nicht ermittelten Entführerin ermordet worben. Der Leichnam des Kindes wurde in einem alten Festungswassergraben in einer Warschauer Vorstadt von Arbeitern gefunden. Die Täterin, die das Kind in seinem Kinderwagen aus dem Park entführen konnte, weil sie seit langer Zeit mit dem Kindermädchen durch Gespräche bekannt geworden wär, und weil das Kindermädchen daher nicht besonders auf sie achtete, ist auf ihrem Wege nach der Vorstadt von Straßenpassanten beobachtet worden, so daß die Polizei eine ziemlich genaue Personenbeschreibung von ihr besitzt. Es besteht die Vermutung, daß es der Täterin nur um den Diebstahl des neuen Kinderwagens gegangen sei und daß sie das Kindchen ins Wasser geworfen habe, um den Wagen verkaufen zu können. Die Polizei prüft aber auch nach, ob es sich nicht um einen Racheakt handelt. Nach der Verbrecherin wird eifrigst gefahndet. Nach dem Attentat Buenos Aires. In ganz Argentinien haben die blutigen Ereignisie im Senat große Erregung ausgelöst. In der Stadt Rosario, aus welcher der ermordete Senator Borda Behere stammt und in der er auch beigesetzt werden soll, ist es zu Kundgebungen gekommen. Die Ermittlungen der lln- tersuchungsbehörden haben noch keine volle Klarheit über den Verlauf der Vorfälle gebracht. Der verhaftete mutmaßliche Täter leugnet bisher hartnäckig alles ab. Finanzminister Dr. Pinedo hat den Senator de la Torre, der ihn in der Senatssitzung der Feigheit bezichtigt hatte, zum Pistolenduell gefordert, das am Donnerstag stattfinden soll. Das Duell. Nach einer weiteren Meldung hat das Pistolenduell bereits stattgefunden, bei dem beide Gegner leicht verwundet wurden. Das 60. U-Boot der USSR London. Der Marinemitarbeiter des„Daily Telegraph" will von zuverlässiger Seite erfahren haben, daß die Sowjetunion im vergangenen Monate ihr sechzigstes U-Boot auf Stapel gelegt habe. Vor vier Jahren hätten die Sowjets nur 15, größtenteils veraltete U-Boote besessen. Anfangs 1937 würden mindestens 55 Sowjet-U-Boote modernster Bauart im Dienste sein. Der Hauptstützpunkt fei Kronstadt, aber viele andere befänden sich in Wladiwostok. Auch einige Kreuzer und Zerstörer befänden sich im Baue. Zwei alte Schlachtschiffe würden modernisiert. Die sowjetrussische U-Boot- flotilkk werde binnen kurzer Zeit der britischen üb erlegen sein, wenn dies nicht schon der Fall sei. Anverletzt unter der Lokomotive Auf der Bahnstrecke zwischen Bartelsdorf und Schönhof in Mähren entdeckte der Lokomotivführer eines heranfahrenden Zuges zu seinem größten Entsetzen ein Kind, das ahnungslos zwischen den Geleisen spielte. Er zog sogleich mit aller Kraft die Bremsen an, konnte jedoch nicht verhindern, daß die Lokomotive über das Kind hinwegging. Als der Zug zum Stehen kam, zog man das dreijährige Kind völligunverletzt unter der Maschine hervor. Das Volk will eben nicht! Wir lesen im Briefkasten-Teile der nationalsozialistischen Chemnitzer Tageszeitung vom 21. Juli die folgende gereizte Unterhaltung zwischen einem Leser und der Redaktion: Frage: Ich kaufte neulich in Eile eine" Ananas-Frucht, und grüßte, als ich in den Laden eintrat,„Heil Hitler"; der Gegengrutz blieb aus. Nachdem der Ladeninhaber mein gutes Geld kassiert hatE zog ich mit meinem Päckchen ab: Heil Hitler!— Pause— Gu'n Tach, Gu'n Tach, Tach, mein Herr! Von dem wunderfeinen Taktgefühl dieses Geschäftsmannes soll einmal gar nicht die Rede fein! Etwas anderes: Einer meiner Kameraden aus dem Sturm, denen ich die Ge- . schichte, erzählte, meinte, daß jeder berechtigt sei— solange man sich noch im Geschäft befindet— die Ware zurück,,»geben und den Kaufpreis zurückzuverlangen. Meine Frage an dich: Ist diese Demonstration gegen das mangelnde politische Taktgefühl des Kaufmannes rechtlich anfechtbar? Antwort: Eine rechtliche Handhabe, den Kauf auf der Stelle rückgängig zu machen, ist leider nicht gegeben. Da hilft nur eines: Solchen Leuten, t die durchaus nicht umlernen wollen, die kalte Schulter zeigen. Ihr Geschäft sollte kein Nationalsozialist mehr betreten. Mögen sie ihre Waren an die Leute verkaufen, die heute noch hinter dem Mond wohnen. Vielleicht hilft es, wenn man ihnen deutlich sagt, wie heute zu grüßen ist. Wir haben damit bei solchen Schlafmützen zuweilen schon Wunderdinge erlebt. Das ist natürlich für die braunen Bonzen höchst verdrießlich, daß die Bevölkerung nach zweieinhalb Jahren Hitlerdiktatur immer noch nichts oder jetzt erst, recht nichts vom„Hitlerheil" wissen will. Es fragt sich nur, wer die Schlafmützen sind, die nicht merken, was mit dem deutschen Volle los ist. Eines Tages wird man es den Burschen vom Hakenkreuz recht deutlich zum Bewußtsein bringen, daß das deutsche Voll nicht mehr von Verbrechern drangsaliert sein will! Flecktyphus in einer karpathorussischen Gemeinde. In Karpathorußländ ist eine einzige Gemeinde, nämlich L j u t a, politischer Bezirk Belkh Berezdny, vom Flecktyphus heimgesucht. Der erste Krankheitsfall wurde am 29. Juni fcstgestellt. Am 23. Juli waren 1 3 F ä l l e zu verzeichnen, wobei 11 der an Flecktyphus Erkrankten ins Krankenhaus geschafft wurden, während zwei Flecktyphuskranke wegen der Unmöglichkeit der Ueberführung in häuslicher Pflege belasten wurden. Im Orte wurden die strengsten Maßnahmen getroffen. Die von der Krankheit verseuchten Personen stehen unter Aufsicht, die Familienmitglieder wurden entlaust und ihre Wohnungen einer strengen Desinfektion unterworfen. Laut offizieller Meldung droht Karpathorußland in keiner Weise die Gefahr einer Flecktyphuscpidemke oder einer gefährlichen Verschleppung aus benachbarten Ländern. Der Gesundheits- und insbesondere der Aufsichtsdienst ist sorgfältig organisiert und es müssen durchaus keine Befürchtungen gehegt werden. Pietät... In W ö l m s d o r f bei Nixdorf wird am kommenden Montag auf dem Gemeindefriedhof ein Grabdenkmal meistbietend versteigert werden. Die Versteigerung ist aus einem Inserat ersichtlich, das unter dem schönen Motto: „Pietät" in den Pezirkszeitungen erschienen ist. Rückkehr in den Tod. Eine erschütternde Tragödie spielte sich dieser Tage in Liban(Ostböhmen) ab. Der Landwirt Anton Ziras, der vor annähernd 18 Jahren in russische Kriegsgefangenschaft geraten war und als verschollen galt, kehrte jetzt unvermutet nach Liban zurück. Hier erfuhr er, daß ihn seine Frau für töt erklärt und seinen besten Freund geheiratet hatte. Ziras ging wortlos davon und ertränkte sich in einem nahe gelegenen Teiche. Seine Leiche konnte geborgen werden. Wie du mir... Der deutsche Konsul in New Uork gab bekannt, daß die deutsche Regierung in Washington gegen die Entscheidung des New Uor- ker Bürgermeisters einschreiten werde, der die Erteilung der Masseur-Konzession an einen reichsdeutschen Staatsangehörigen verweigerte und damit begründete, daß in Deutschland amerikanische Juden verfolgt würden. Unruhen in Indiana, Ruhe in Belfast. In Terre Haute(Indiana) sind erneut Unruhen ausgebrochen. Mittwoch abends gingen Truppen mit Tränengas vor. Insgesamt wurden bisher gegen 150 Personen verhaftet, darunter zwei Hochschullehrer.— InBelfast war Donnerstag seit dem 12. Juli der erste ruhige Tag. Das Militär wurde aus den Straßen bereits abgezogen. Eine Hundertjährige feiert heute Geburtstag. Die am 26. Juli 1835 in Hennersdorf bei Hohenelbe geborene Frau Anna Nisser feiert heute,. Freitag, das.hundertste Jahr ihres Lebens. Viel Leid und Sorgen-begleiteten die Jubilarin bis zu diesem Tage, den sie dennoch in erstaunlicher Frische begehen kann. Unter den Gratulanten befinden sich auch die sozialistischen Arbeiter von Hennersdorf, die der Hundertjährigen alles Gute und viele Jahre noch glücklichen Erlebens wünschen. 20 Bauernhäuser verbrannt. In der burgenländischen Gemeinde Nebersdorf brach Mittwoch nachmittag ein Feuer aus, das sich in den nächsten Stunden zu einer Brandkatastrophe entwickelte. Es sind 20 Bauernhäuser samt den Scheunen und anderen Wirtschaftsgebäuden, die schon mit den Erntevorräten vollgestopft waren, vernichtet worden. Die Ursache ist noch nicht bekannt. Der Schaden ist sehr groß und nur zum kleineren Teil durch Versicherung gedeckt. Das rätselhafte Verschwinden der Waffen und der Munition aus den für Argentinien bestimmten Kisten interessiert in lebhafter Weise Polizei und Presse von Paris. Auf Grund der geologischen Untersuchung der Steine und des Sandes, durch welche die in den Kisten befindlichen Waffen ersetzt wurden, hat es den Anschein, daß der Umtausch inParis oder dessen Umgebung vorgenommen wurde. Die Polizei verfolgt bisher keine bestimmte Spur. Erderschütternngen im Gesenke. Dem staatlichen geophysikalischen Institut in Prag wurde aus Kouty nad Desnou im Gesenke gemeldet, daß dort in der Nacht vom 24. auf den 25. Juli zwei starke Erderschütterungen, u. zw. die erste um 23.24 Uhr und die zweite um 23.41 Uhr, verspürt wurden. Das Erdbeben war ziemlich stark; es bewegten sich die Bilder an den Wänden und Türen'öffneten sich. Die Apparate im Prager geophysikalischen Institut haben kein Erdbeben verzeichnet. Es handelt sich also wahrscheinlich um ein Obcrflächen-Bcben. Bauarbeiterstreik in Budapest. Die Vertrauensmänner des Budapester Bauarbciterver- bandes haben sich einstimmig für den Streik entschieden. Im Sinne dieses Entschlusses wurden gestern früh die Arbeiten an allen Budapester Bauten eingestellt. Von dem Streik werden über 6000 Arbeiter betroffen. Kulturbolschewist Schiller. Die Wochenschrift „Deutsches Wollen" wendet sich dagegen, daß man Schillers„Maria Stuart" weiter aufführe. Denn in den Licbesangelegenheiten der beiden Königinnen sei nicht vom Nachwuchs als dem eigentlichen Zweck der Liebe die Rede. Fünfhundert Banditen überfielen die Polizeistation von Namantschi in West-Hingau. Die Banditen töteten alle zehn japanischen Polizisten und setzten die G e f a n g e- nen in Freiheit. Eine Straf- expedition wurde nach Namantschi entsendet. ftonfrontatton in Komorn Der des mehrfachen Frauenmordes dringend verdäckfige Oberwachmann KrasLoviä wurde am Donnerstag per Auto von Preßburg nach Komorn gebracht, um dort mit einer Reihe von Zeugen in der Mordsache Malwine Sobo- lovska konfrontiert zu werden. Bei der Kon- frontierung mit dem Vater der Ermordeten brach KrajcoviL förmlich zusammen. Es werden auch die Aussagen zweier Frauen überprüft werden, von denen die eine behauptet, daß am Tage nach der Ermordung der Sobolovska KrajcoviL ihr zwei blutige Taschentücher brachte und sie bat, sie auszuwaschen. Er sei angeblich in der Nacht verwundet worden. Eine zweite Zeugin erklärt, sie hätte von dem Verhältnis Krajcobiäs zu der verschwundenen F e n c l gewußt und ihn gefragt, wo die Fencl sei. Krajäovic habe geantwortet, daß er sie nach Hause geschickt habe. Schau dir den Lärm au! Man kann den Lärm nämlich nicht bloß hören — was ja hinlänglich und schmerzlich bekannt ist — sondern wirklich sehen. Mit einem kleinen, praktischen Apparat, der dieser Tage von der„Elektro- technika"-Fabrik borgeführt wurde, geht das sogar sehr eiäfach. Der Apparat besteht im Wesentlichen aus einem einfachen Mikrophon, wie es bei Radiosendungen verwendet wird, und einem sehr präzisen Instrument zur Messung elektrischer Ströme. Die Schallwellen, die das Mikrophon treffen, werde» ähnlich wie bei den Rundfunffendungen in elektrische Stromstöße verwandelt, deren Stärke das Meßinstrument anzeigt. Dies« Einrichtung, die theoretisch allerdings nichts Neues ist, soll nun aber einem recht dankenswerten Zweck zugeführt werden. Es besteht die Absicht, im Herbst an verschiedenen Stellen Prags die Stärke des dort herrschenden und für die Nerven der Bewohner recht peinlichen Straßenlärms exakt zu messen. Diese Messungen sollen als Grundlage für eine Aktion zur Bekämpfung des Straßenlärms dienen. Freilich ist mit der Messung deS Lärmes noch niemandem gedient. Und die Maßnahmen, die zu seiner erfolgreichen Bekämpfung notwendig wären— Ersetzung der Pflasterstraßen durch Asphalfftraßen, Umbau der Kraftwagen und Motorräder ufw.— sind so kompliziert und kostspielig, daß man sich wohl vorläufig bestenfalls damit begnügen wird, den Lärm zu— messen. Bom Treibriemen erdrückt. Der 14 Jahre alte Milan C i ch a geriet in der Mühle Blatnitz bei Ung.-Hradisch in die Treibriemen des Getriebes. Auf die gellenden Hilferufe des Knaben eilte der Müller herbei und befreite ihn. Milan Bicha würde mst eingedrücktem Brustkorb und weiteren schweren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert. Sein Zustand gilt als hoffnungslos. Lustschutzübungon in Kladno. Am Donnerstag nachmittags wurde eine Uebung der zivilen Luftabwehr in Verbindung mit einer militärischen Flugübung begonnen. Vor-4 Uhr nachmittags wurde von drei Seiten ein Angriff von Bombenflugzeugen unternommen, die der Annahme nach einen Brand verursachten, und es wurde die Vergasung eines Stadtviertels fingiert. Der zivile Luftschutz griff ein und löschte den fingierten Brand. Die Hauptübung wird in der Nacht auf den 26. Juli stattfinden. Auw und Eisenbahn. Unweit von Bel Abbes (Algier) stieß ein Autocar mit einem Eisenbahnzug zusammen. Fünf Personen wurden getötet und einige weitere verletzt. Wetterbericht. Auch am Donnerstag wurden die höchsten Temperaturen auf dem südwestlichen und südlichen Teile des Binnenlandes verzeichnet. In Ungarn und im Rheinland wurden um 14 Uhr bis zu 30 Grad, in Frankreich, wo der Himmel heiter ist, bis zu 32 Grad gemessen. Auch bei uns erreichte die Temperatur gleichzeitig in Luäenec 29, in Pilsen 28 und am Prager Flugplatz 27 Grad.- Eine unbedeutende Abkühlung, welche über Deutschland hinweg südostwärts vordringt, gibt bei uns strichweise zur Bildung von Gewittergewölk Anlaß, sonst ist jedoch die allgemeine Wetterlage g ü n st i g. Der Einfluß neuer Druckstörungen über dem norwegischen Meer dürfte erst später zur Geltung kommen.— WahrscheinlichesWetter von heut e:Jm ganzen schön, Temperatur ohne wesentliche Aenderung, vorwiegend trocken.— Wetteraussichten für Samstag: Winddrehung gegen Westen, Wetter etwas unsicher, strichweise Gewitter. Vom Rundfunk IbnpfshlumrtM aus«len Programmen! Samstag: Prag, Sender L: 10.08: Deuffche Presse, 13.35: Opernfantasien, 18: Orchesterkonzert, 17.45: Schubert, 18.20: Deutsche Sendung: Die Piepmätze Dtelodicn und Volkslieder, 19: Deuffche Presse, 19.30: Spanische Lieder, 22.45: Schrammellonzert. Sender S: 7.30: Leichte Musik, 14.10: Deuffche Sendung: Heitere Lieder von Schubert.— Bräu» 12.30: Orchesterkonzert, 17.40: Deuffche Sendung: Reportage aus einem motorlosen Flugzeug, 18: Opernszenen auf Schallplatten.— Mährisch-Ostrau 11: Militärkonzert.— Preßburg 21.05: Durch die tschechische Operette. Nr. 172 Freitag, 28. Juli 1935 Seite 5 Die Stadt, die nicht endet London gestern, heute, morgen Bon Peer John Ter Flug über London dauerte eine und eine halbe Stunde. Als ich den Piloten bat, den Grenzen Londons entlang zu fliegen, erwiderte er:»Unmöglich! London bat keine Grenzen!" 2000 Meter hoch, sieht man kaum mehr da und dort grüne Flecke. Die Parks und Garten-1 anlagen sind verschwunden. Eine kompakte rotbraune Häusermasse erstreckt sich allseits zum Horizont. Tas Häusermeer hat die Grafschaft Middlesex fast zur Grenze überflutet, es überschwemmt die grünen Felder von Surrey und Kent, cs wälzt sich wie die Sintflut in die Grafschaften Buckinghamshire, Hertfordshir«, Bedford- shire und Essex hinein. Senkt sich das Flugzeug, so sieht man die Häuser gereiht in endlosen Strassen, schnurgerade gleich militärischen Formationen auf dem Parade- ield. Unaufhaltsam scheinen die Häuserkolonnen über Felder und Wiesen hinwegzumarschieren, sie zertrampeln blühende Lustgärten und friedvolle Wäldchen, sie umzingeln und ersticken einstmals einsame Dörfer, sie besetzen ganze Landstädte und verwandeln sie in Herbergen der Riesenstadt. Die Springflut Mein Freund ist vor zehn Jahren aus London aufs Land hinausgezogen. Heute hat ihn London längst eingeholt.„Es gibt noch ein hübsches Wäldchen eine halbe Stunde weit von uns", sagte er mir, als wir uns das letzte Mal trafen, „aber Sie müssen sich mit Ihrem Besuch beeilen, wenn ich es Ihnen noch zeigen soll— sonst ist S am Ende schon bewohnt!" Rund 200.000 Menschen im Jahr ergiessen sich nach guten Schätzungen in das neue London. DaS Tempo seines Wachstums ist überwältigend. Da ist Wembley; als man dort vor ein paar Jahren die grosse Ausstellung veranstaltete, lag eS noch ein gutes Stück ausserhalb Londons und das weite frei« Gelände dort bot reichlich Raum für den riesigen Ausstellungspark; 1921 lebten dort 16.200 Menschen, zehn Jahre später waren eS dreimal so viel, heute sind es annähernd 70.000! Noch ein paar Meilen weiter westlich liegt Har- row. Das war einmal ein verträumte- Landstädtchen, berühmt durch sein College, in daS dir Londoner Patrizier ihre Söhne schickten. Es wuchs langsam, kaum merklich. 1911 hatte es mitsamt den umliegenden Pfarrgemeinden 42.000 Einwohner, zehn Jahre später 49.000. Dann kam die Springflut: 1931 waren eS 97.000, heute sind es mehr als 125.000. In der weiteren Umgebung von Harrow war vor 80 Jahren eine Landbevölkerung von etwa 82.000 schütter verstreut— heute lebt dort rund eine Biertelmil- lion. Der Raum zwischen Harrow und Wembley überzieht sich immer dichter mit Billenstraßen und Siedlungen; wenn die Entwicklung so weiter gehr, werden in ein paar Jahren in diesem Winkel allein eine Million Menschen wohnen. ■ lind es ist im Südosten nicht viel anders als hier im Rordwesten. Vor fünf, sechs Jahren noch konnte man einen Sonntagsausflug nach Kent unternehmen, in einem Waldgasthof einkehren und sah weit und breit kein HauS und außer ein paar Reitern, die die weiten Fluren durchstreiften, keinen Menschen. Heute bringt die elektrische Schnellbahn allabendlich hunderttausende Londoner ti f in die Grafschaft hinein, bis halben Weges nach Dover und darüber hinaus. Kent, der»Garten von England", wird allmählich zur Gartenvorstadt von London. Es ist ein reizvoller Tagesausflug, von P>c« cadilly Circus oder von der St. Paul's Kathedral» auszugehen und zu erforschen, wo London auf- bört. Zugegeben, man findet schließlich offen- Landschaft, die nicht sogleich wieder von neuen Siedlungen unterbrochen wird. Räumlich end.'t London natürlich allseits irgendwo weit draußen. Aber die Siedlungsgesellschaftcn haben die heckenumstandenen Schafweiden, die Aecker, die heu-r noch Hafer und Kartoffel tragen, schon mappie't — in zeitlichem Sinn rmrf man von London mii Recht sagen, daß es nicht endet. Solch stürmisches Wachstum hat es in der Geschichte der menschlichen Siedlungen gewiß sckiyn gegeben, aber stets nur in Neuland, im Amerika der Pionierzeit vor allem. Bei einer uralten Stadt wie London ist es ein einzigartiges Phänomen. Und London ist uralt. Ein Taschen- ipteleickunststück mag uns seine Entwicklung veranschaulichen. Si» Sixpeneestüek— verzweitausendfacht Hier, meine Herrschaften, habe ich eine kleine Münze, nicht ganz zwei Zentimeter.r Durchmesser, ein Sixpencestück, wie Sie sehen. Hokuspokus, das Sixpencestück verwandelt sich in einen Dessertteller, gut 20 Zentimeter quer durch. Akra kadabra, der Dessertteller verschwindet— 1 an seiner Stelle halte ich eine massive Anrichteplatte in der Hand, ein gewichtiges Stück, fast 90 Zentimeter im Durchmesser. Geschwindigkeit ist keine Hexerei. Das Sixpencestück ist die City von London, die gradaus eine Quadratmeile bedeckt(zweieinhalb Quadratkilometer). In ihren Mauern wer jahrhundertelang London. Erst zu Elisabeths Zcften, an der Schwelle der Neuzeit, wurden die Mauern zu eng. Und in abermals jahrhunderte langer Entwicklung dehnte sich die Stadt nun nach allen Himmelsrichtungen aus, bis aus dem Sixpencestück der Dessertteller geworden war. Das war, als gegen Ende des vorigen Jahrhunderts die 28 Stadtbezirke zur Grafschaft London unter einheitlicher Verwaltung zusammengefasst wurden. Die moderne Stadt London war entstanden: Flächeninhalt 117 Ouadratmeilen. Seither sind keine 50 Jahre vergangen und schon hat sich der Dessertteller in die umfängliche Anrichteplatl: verwandelt: in das Großlondon, das noch keine Verwaltungseinheit und keine festen Grenzen hat und an die 2000 Quadratmeilen umfaßt. J.i diesem letzten Entwicklungsabschnitt scheint wirklich die Geschwindigkeit eines Taschenspielerkunststücks zu walten! Und das Erstaunliche, beinab: Beunruhigende ist, daß diese Geschwindigkeit sich noch fortwährend steigert; sie war niemals größer als in den letzten Jahren, in denen die Weltkrise das Wachstum der großen Städte sonst fast überall zum Stillstand brachte. Mer es ist wirklich keine Hexerei. Zwei Hauptursachen erklären das Wachstumswundec von London: die Londoner ziehen in Gärten hinaus und die Industrie zieht nach London. Air» dem Steinkern in« Grünland Fast in dem gleichen rapiden Tempo, in dem die Bevölkerungszahl in den Londoner Vororten steigt, fällt sie in den Jnnenbezirken. Die City, das steinerne und goldene Herz Englands, die reichste Quadratmeile der Welt, hatte 1851 noch eine Bevölkerung von 128.000,1871 von 75.000, 1901 von 27.000— heute von nicht mehr ganz 10.000. Am Tag ein Bienenhaus emsigster Geschäftigkeit, wird sie in der Nacht— außer vom Lordmayor, den das Gesetz dazu zwingt-— nur mehr von Hausbesorgern und schwarzen Katzen bewohnt. Wer auch in den Nachbarbezirken der City fallen die Bevölkerungszahlen schnell: in Westminster von 257.000 auf 129.000 in den letzten 50 Jahren, in Finsbury von 129.000 auf 69.000, in Holborn von 96.000 auf 38.000, in dem großen östlichen Arbeiterbezirk Stepney (dem Eastend) in den letzten 25 Jahren von 298.000 auf 225.000, und ähnlich in den Arbeiterbezirken am Südufer der Themse. Der „Eisblock" im Innern von London taut auf! Die Bewohner der größten Stadt der Welt waren in ihren Wöhnsitten niemals Großstädter. Sie haben vom Lande die Neigung, im eigenen kleinen Hause zu wohnen, mitgebracht. Es gibt so gut wie keine Zinskasernen- in London. Die überwiegende Mehrzahl dek Londoner Häuser ist ein- und zweistöckig und für eine oder zwei Familien berechnet. Wer diese kleinen Häuser wurden in unendlicher Eintönigkrü ohne Zwischenraum nebeneinandergesetzt, die Bauspelulation hat die Menschen hier nicht über- aber nebeneinandergepfercht. Allmählich überfüllten sich infolge der hohen Zinse diese Häuschen immer mehr und, von den Landlords schlecht instandgehalten, begannen sie zu verfallen. So sind die berüchtig- t Londoner Slums entstanden. Sie sind einfach eine Alterserscheinung. Aber das jugendlichwachsende London geht endlich daran, die alteingefressene Schande zu beseitigen. Die neue, sozialistische, Londoner Stadtverwaltung hat radikale„Slum clearance"-Pläne und schon jetzt werden Jahr für Jahr Zehntausende aus den grauen Steinwüsten in die grünen Siedlungen am Stadtrand gebracht. Auch den Mfttelstand zieht es aus seinen Miethäusern im Innern hinaus in ein eigenes Häuschen ins Freie, wo man am Wochenende seinen Garten bestellen und nebenbei Tennis, Golf und Cricket spielen kann. Freilich ist gerade in den letzten Jahren eine interessante Gegenbewegung entstanden, die besonders die Oberklassen erfaßt. Zum ersten Male in der Baugeschichte Londons werden in größerem Maßstab vielstöckige Wohnblocks errichtet, die mit allem modernen Komfort ausgestattet sind, Dachgärten, oft auch eigene Schwimmbäder und gedeckte Tennishallen besitzen, und in der vornehmen Welt wird es Mode, die eigene Billa aufzugeben und in eine„Flat"-Wohnung zu ziehen, häufig sogar in einer„Service-Flat" mit zentraler Küche und(galonierter) Bedienung.. Auch ein Teil der Slumbewohner wird in weiträumigen, nach dem Muster der Gemeinde Wien errichteten Hochhäusern untergebracht. Aber auch die Fiats werden zumeist in den neuen Aussenbezirken errichtet und im ganzen überwiegt doch die traditionell englische Bewegung in die Einfamilienhäuser noch bei weitem. So lichtet sich die Bevölkerungsdichte im Innern, wo an die Stelle der Wohnhäuser in immer grösserem Ausmasse Geschäfts- und Bureaublocks treten, immer mehr und die Ausdehnung der Vororte erhält daraus die eine ihrer beiden großen An- tticbskräfte. Der„schwarze Gürtel- der AabrUe« Aber es sind nicht nur Wohnsiedlungen, die rings um London emporwachsen. Ein„schwarzer Gürtel" durchzieht das neue London in großem Bogen rund um die Stadt. Industriegelände I Ganz neue, ganz moderne Fabriken sind in den letzten Jahren rings um London errichtet worden. London wat nie Industriestadt. Die City- war das Hauptkontor der Welt, Sitz riesiger Ban- s ken und Geschäftshäuser mit hunderttausenden Beamten. Der Londoner Hafen war der größte■ der Welt: riesige Docks, unzählige Lagerhäuser mit hunderttausenden Arbeitern erheben sich dort. Der Londoner Handel beschäftigt in riesigen Kauf- und Warenhäusern hunderttausende Angestellte. Die Industrie aber ist im wesentlichen erst in der Nachkriegszeit nach London gekommen. Denn nun, da die Fabriken elekttisch betrieben werden, brauchen sie nicht mehr in der Nähe der Kohlenreviere zu stehen. Nun wählen sie ihren Standort an der Schwelle eines Neunmillionenmarktes für ihre Produkte, eines Millionenreservoirs für ihre Arbeitskräfte. Hatten die altengli-, schen Industriestädte, Birmingham, Manchester, Sheffield, ihre große Bevölkerung ihren Industrien zu verdanken, so verdankt umgekehrt London seine Industrialisierung seiner großen Bevölkerungszahl I Und während die Bergbaureviere im Norden, das Textilland Lancashire, die Schiffsbau- werfte am Tyne veröden, blühen rund um London neue lebenskräftige Industrien auf: Automobil- und Aeroplanfabriken, Fabriken für Kunstseide und Schallplatten, Gummiwaren, Möbel, Glühbirnen, die chemische Industrie, die Radio- industtie, die Filmindustrie. Wollen diese neuen Jndusttien auch in erster Linie aus dem vorhandenen Menschenreservoir Londons schöpfen, so ziehen sie doch unvermeidlich viele Zehntausende, ja Hunderttausende aus der Provinz an, die nun im neuen London siedeln. Freilich keineswegs immer nahe ihrer Arbeitsstätte. Ich kenne einen Mann, der in Ilford im„Fernen Osten" Londons lebt und in den Filmstudios in Elsttee im.Hohen Norden" beschäftigt ist: er muß vier Stunden täglich auf der Bahn verbringen. Und einen zweiten, einen Mechaniker, der in Morden, tief im Süden zu Hause ist und 35 Meilen (56 Kilometer) quer durch ganz London reisen muß, um um 8 Uhr morgens an seinem Arbeitsplatz zu sein! Wer der Stimmen werden immer mehr, die das stürmische Wachstum der Riesenstadt in plan« Völle Bahnen geleitet wissen wollen. Da» London der Ankunft Planung— das hat es in der langen Geschichte Londons niemals gegeben. London ist gewachsen wie ein organisches Gewebe, hat Zelle um Zelle angesetzt, hat die Fremdköper, auf die es stieß— Dörfer und Städte—, eingekapselt und im Laufe der Zeit völlig assimiliert; es wuchert nun üppiger denn je. Dieses Organische, Naturgewachsene im Charakter der Riesenstadt gibt ihr unzweifelhaft einen unbestimmbaren Reiz, aber es hat ebenso unzweifelhaft schwere plastische Nachteile............%, ' Um sich einen Begriff von der immer noch in dieser Stadt herrschenden Planlosigkeit zu machen, muß man sich das Chaos ihrer Verwaltungseinheiten vergegenwärtigen: die 117 Quadratmeilen des Londoner Grafscbastsrats umfassen längst nur mehr einen Bruchteil von London; der Postbezirk London erstreckt sich über 232 Quadratmeilen, das Londoner Telephonnetz über 1200 Quadratmeilen, der Polizeibezirk über 700, die städtische Wasserversorgung über 573, die Elektrizitätsversorgung über 1840 Quadratmeilen. Das Grosslondon der 2000 Quadratmeilen ist kein Verwaltungsbegrifj, einzig das Londoner Verkehrswesen ist in seinem Rahmen organisiert. Aber nebst dem Grafschaftsrat walten darin noch 150 selbständige Gemeindebehörden ihres Amtes, fünf verschiedene Gasgesell- schaften und 87 Elektrizitätsgesellschaften! Nun soll London, zum erstenmal in seiner Geschichte geplant werden. Herbert Morrison, der Führer der im Vorjahr neu gewählten Londoner Graffchaftsverwaltung, ein überaus begabter Organisator, der als Verkehrsminister der letzten Labourregierung das bis dahin ebenfalls reichlich verworrene Londoner Transportwesen in grosszügigster Weise neu gestaltet hat, hat sich die gewaltige Aufgabe gestellt. Ein Gestrüpp von Kompetenzschwierigkeiten, eingealterten Vorurteilen und eigensüchtigen Widerständen gilt es zu überwinden. Gelingt das, so kann ein einheitlicher Ber- waltungskörper entstehen, der zehn Millionen Menschen umfaßt(ein Viertel der Gesamtbevölkerung Großbritanniens!)— ein wahrhaft grossartiges Experimentierfeld städtebaulicher Probleme, deren Lösung das London der Zukunft ergeben soll. Die erste Aufgabe ist die Beseitigung der Slums; sie soll nach einem bereits ausqearbeiteten Fünfjahrplan bewältigt werden. Weit schwieriger noch ist die rationelle Verteilung der Riesenbevölkerung auf dem Riesengebiet. Man hat berechnet, dass 377 von den 2000 Quadratmeilen ausreichen, um die zehn Millionen in Gartenhäusern geräumig anzusiedeln. So bietet sich die Möglichkeit, die beängstigend grosse Stadt mit gewaltigen unter stten- ges Bauverbot gestellten Naturparks zu durchsetzen. Völlig getrennt vom Wohngebiet und doch nah erreichbar für die dort Beschäftigten muss das Jndustriegelände sein. Man hat die Vorstellung Wald- und wiesenumgebener Satellitenstädtchen, durch Schnellbahn mft dem ein paar Meilen entfernten zugehörigen Jndusttiekomplex verbunden. Man wird, um der Mechanisierung des modernen Lebens entgegenzuwirken, bei der Aufstellung der einheitlichen Pläne alle Einförmigkeit zu vermeiden haben. Die einzelnen Gartenstädte sollen jede ihr charakteristisches Gepräge bekommen» bestimmt durch ihre Lage im Gelände und die soziale Schichtung und berufliche Zugehörigkeit, ihrer Bewohner. Es wird auch keineslvcgs nur Kleinhaus« siedlungcn geben; wo cs zweckmässig ist und den Werbestelle für abessinische Freiwillige in New Bork Im New Norker Negerviertel, in Haarlem, hat der Pan-Afrikanische Verband ein Werbebüro eröffnet, in dem sich Neger'freiwillig für Abessinien melden können, um an dem erwarteten Krieg gegen Italien teilzunehmen. Man sieht hier junge Neger vor dem Werbebüro in Haarlem. Bedürfnissen entspricht, werden auch Hochhäuser inmitten von Parlland gebaut werden. Die alten Zentren, die City und das Westend, werden ihre Bedeutung als Brennpunkte der Grossstadtkultur für die zerstreuten Millionen- massen bewahren, ebenso wie die zentrale Verwaltung ihnen allen den lebenserleichternden Komfort der Grossstadtzivilisation beistellen wird. Aber die neuen, sich in ihrer eigenen Sphäre selbst verwaltenden Gemeinwesen draussen werden zugleich ihre eigene Gemeinschaftskultur entwickeln,-aufgebaut auf der verheissungsvollen Synthese modernen Großstadtlebens mit fruchtbarer Raturnähe. Das gigantische und chaotische Wachstum Londons heute ist wie ein grossarttges Naturschauspiel. Die kluge, für Generafionen vorausdenkende Lenkung dieses Wächstums, die das London vom morgen schaffen will, verspricht ein- noch grosse artigeres Schauspiel zu werden, das Schauspiel der fleinen und bewussten Selbstbestimmung des ordnenden Menschengeistes. Deutsches Dumping wirkt Um weitere Mittel für die deutsche Aufrüstung zu beschaffen, hat Schacht der deutschen Wirtschaft die Aufbringung von 660 Millionen RM. auferlegt, die verwendet werden, um die deutschen Exportpreise zu drücken. Der Ausfall an Einnahmen wird den Exporteuren und Produzenten ersetzt. Ter britische Export spürt bereits stark die Wirkung dieses deutschen Dumpings. Wje der„Daily Herald" bericht-t, hat eine führende Dieselmotorfirma ihren Absatz im Osten fast vollständig verloren. weil deutsche Firmen um 10 bis 80 Prozent billiger liefern können. Eine grosse Maschinen- fabrik in Lincoln ist in derselben Lage, da ihre deutschen Konkurrenten d UF ch die Reichssubvention sogarum 50 Prozent niedrigere Preise bieten. Textil« firmen, Messer fabriken und andere Industrien berichten das gleiche. Der Subventionsfonds musste von der ganzen Industrie aufgebracht werden, begünstigt werden aber daraus nur Exporteure. Von dem angeblichen Aufschwung der deutschen Binnenwirtschaft profitiert nur die Rüstungsindustrie. Setzt man die deutsche Eisen» Produktion für 1982 mit dem Index 89 fest, so hot sie 1934 schon 79 bettagen. Die Profite der Unternehmer sind um 20 Prozent gestiegen — die Reallöhne um 40 P r oz ent gesenkt worden. I. G. Farben beschäftigte im Dezember 1933 insgesamt 113.000 Arbeiter, ein Jahr später schön 135.000, also um 20 Prozent mehr, während die Lohnsumme in der gleichen Zeit nur um 2.2 Prozent gestiegen ist! Wären die Löhne von 1933 weitergczahlt worden, so hätte der Gewinn des Unternehmens im darauffolgenden Jahre 30 Millionen RM. bettagen, er hat aber 53 Millionen RM. erreicht. Die Löhne finke». Das Monatsblatt für Chemie- Industrie enthält das interessante Eingeständnis, dass der Jahresdurchschnittslohn von 2534 Mark im Jahre 1930 auf 2104 Mark im Jahre 1934 gesunken sei. Wir begnügen uns, auf das eingestandene Sinken des Lohnniveaus hinzuweisen, weisen aber die Zahlenangaben an sich zurück, da sie viel zu hoch sind und wir nicht wissen, durch die Einbeziehung welcher Kategorien überhaupt so ein Lohndurchfchnitt errechnet werden konnte. Faktisch dürst« nämlich der Durchschnitt um 1350’ Mark liegen. Im übrigen gehen von den übrigen Zahlen noch die hohen Abgaben ab, und ausserdem sind 1935 weitere Senkungen erfolgt. Seite 6 „Sozialdemokrat" Freitag. 26. Juli 1935. Nr. 172 Berlin.(AP.) Ebenso wie auf militärischem wird auch auf wirtschaftlichem Gebiet fieberhaft für den Krieg vorbereitet. Die Suche nach Oel ist allgemein bekannt. Die Abteufung von Kalkgruben, die seit der Vorkriegsregelung streng verboten war, ist wieder gestattet. Oeffent- liche Mittel werden für Grabungs- und Bohrversuche zur Verfügung gestellt. Mit öffentlichen Mitteln wird eine neue Industrie, nämlich zur Herstellung der Kunstspinnfaser, aus dem Boden gestampft. Wie ein Hohn auf die ständigen Friedensversicherungen, die nur noch auf Weltfremde Eindruck machen können, wirken die Ausführungen, die das Militärorgan„Die deutsche Wehr" über die deutsche Kriegswirtschaft macht. Hier wird zunächst die Anhäufung von Vorräten empfohlen und die aus dem Krieg bekannten Methoden der Regeneration von Altbeständen und Abfällen, der Metallbeschlagnahme, des Wechsels in der Verwendung der Werkstoffe, der Drosselung des Zivilverbrauches angeraten. Zur Sicherstellung der Ernährung sollen 50.000 Quadratkilometer durch den Arbeitsdienst kultiviert und große Domänen aufgeteilt werden. Man will die Sojabohne als Rohstoff für Margarine und Futtermittel anpflanzen. Auch der Anbau derSüßlupine soll die Futter- nnttelnot— noch ist der Zuschußbedarf 1.2 Millionen Tonnen— beheben. Bei Fleischmangel soll sich die Bevölkerung an Schaffleisch gewöhnen, wozu gegenwärtig noch wenig Neigung besteht. In der Fett Versorgung können erst 60 Prozent des Bedarfs durch eigene Versorgung gedeckt werden, und der jährliche Zuschußbedarf an Eiern beträgt noch immer 60.000 Tonnen. Also ist Einschränkung der Lebenshaltung wieder oberstes Gebot. Noch schlechter steht es mit der Bekleidung. 1934 konnten nur 10 Prozent der textilen Rohstoffe(35.000 Tonnen Kunstseide, 15.000 Tonnen Wolle, 8500 Tonnen Flachs, 500 Tonnen Hanf und 10.000 Tonnen Altstoffe) im Inland gewonnen werden. Es wurden Vorräte in Höhe von 400.000 Tonnen aufgehäuft. Das würde aber im Ernstfälle nur ein halbes Jahr reichen. Daher muß die Produktion gesteigert werden. Und zwar soll die Kunst- s e i d e nproduktion verdreifacht werden, auf 100.000 Tonnen, die W o l l erzeugung— durch Steigerung der Schafhaltung— verfünffacht, auf 75.000 Tonnen, der Hanf anbau verachtfacht, auf 40.000 Tonnen, der Flachsanbau ver- zwölffacht, auf 100.000 Tonnen. Die Stapel- f a s e r Produktion aus Holz soll auf 150.000 Tonnen erhöht werden. Durch Anpflanzung von Maulbeerbäumen will man Naturseide gewinnen. Die Textil a b fa l l stoffe will triäit cküf 50.000 Tonnen verfünffachen. Das Programm wäre aber erst in 5 Jahren zu verwirklichen. Dann wäre eine Eigenerzeugung von 500.000 Tonnen— 75—80 Prozent des Normalbedarfs erreicht. Der O e l b e d a r f ist durch die Motorisierung der Armee noch gestiegen. Die Produktion deckt nur 10 Prozent. Dabei beträgt der Bedarf an Erdöl 1935 schon 4 Millionen Tonnen. Auf deutschem Boden werden 400.000 Tonneu gewonnen. Das weitere Programm sieht vor: 350.000 Tonnen aus Verkohlung, 400.000 Tonnen aus Hydrierung. 500.000 Tonnen aus Braunkohlen-Verschwelung, 200.000 Tonnen aus Spiritus, 100.000 Tonnen Holzgas aus Genc.- ratoren, 75.000 Tonnen Azetylen, Gasol, Propan, Butan usw. Das wären zirka 2 Millionen Tonnen, also erst die Hälfte. Wie das ergänzt werden soll, ist nicht ersichtlich. Bei den Metallen läßt sich die Eigenversorgung nur durch intensiven Abbau bis zum Raubbau unter Fortlassung wirtschaftlicher Gesichtspunkte sicherstellen. Man will die schwedische Erzeinfuhr ergänzen durch den Abbau armer deutscher Eisenerze ink^schiväbischen und fränkischen Iura, wofür Krupp ein neues Verfahren erfunden hat. Aber die Einfuhr von 6000 Tonnen Wolfram, 10.000 Tonnen Nickel, 300.000 bis 400.000 Tonnen Chrom läßt sich durch Greta Garbo und Ramon Novarro in dem MGM-Film„M ata Har i", der demnächst zur Prager Uraufführung gelangt. Eigenerzeugung nicht ersetzen. Hier wird die Lagerhaltung empfohlen. Deutschland gewinnt 30.000 Tonnen Kupfer, benötigt aber 225.000 Tonnen. Ausgeführt werden 90.000 Tonnen. Die Drosselung des Exports könnte also nur unwesentlich helfen. Schon jetzt wird vielfach Mu- Was hat die Straßenbahn gegen die„Weinberger" Zahlreiche„Weinberger"— worunter die Bewohner des Prager Bezirkes Königliche Weinberge zu verstehen sind— beschweren sich mit Recht darüber, daß sie von der Tramwaygesellschaft besonders stiefmütterlich behandelt werden. Vor allem der Mangel jeder direkten Straßenbahnverbindung von den großen Bahnhöfen in die F o ch o v a wird immer wieder gerügt. Für Leute, die in dieser Gegend wohnen, ist die Fahrt zum oder vom Masaryk- oder Wilsonbahnhof in der Tat jedesmal ein peinliches Verkehrsproblem. Das Umsteigen aus der 11er- oder 22er-Tramway in eine der Linien, die zu den Bahnhöfen führen, ist eine so zeitraubend« und— angesichts des Verkehrs vor dem Museum— gefährliche Angelegenheit, daß es viele vorziehen, auf die Straßenbahn zu verzichten und den Bahnhof zu Fuß zu erreichen. Früher stellte die lOer-Linie der Straßenbahn eine direkte Verbindung zwischen den Bahnhöfen und der Fochova her. Seit der Auflassung dieser Linie ist die Fochova einer der wenigen stark bevölkerten und frequentierten Gegenden der Stadt, die auf eine direkte Bahnhofsverbindung verzichten müssen. Was hat eigentlich di« Tramwaygesellschaft gegen die„Weinberger"? Sonntagsruhe im Landbezirk Prag. In zahlreichen Interventionen des Wg. Genossen Klein wurde namens dtr Privatangestellten gegenüber den maßgebenden Stellen immer wieder die Forderung erhoben, auch im Landbezirk Prag die Frage der Sonntagsruhe zu regeln. Eine Verordnung des Lan- dcspräsidenten ordnet jetzt für den Landbezirk an, daß in der Zeit vom 1. Mai bis 30. September alle Geschäftsbetriebe einschließlich der Lebensmittelgeschäfte ruhen müssen. Erlaubt sind nur der Verkauf von Milch(nur in Milchgeschäften) in den Stunden von 6 bis 9 Nhr vormittags und der Verkauf von frischem Gemüse und Obst von 8 bis 12 Uhr vormittags. Mitteilungen aus dem Publikum Unangenehme Kopfschmerzen können durch einfaches Bestreichen von Schläfen und Stirn mit Alpa-Franzbranntwein gelindert werden. Einreibungen mit Alpa lindern auch rheumatische Schmerzen und erfrischen bei Ermüdung. Einige Tropfen Alpa in ein Glas Wasser und Sie haben ein gutes Trinkwasser. Gerichtesagt Das zehnfache Stelldichein Zum Schaden den Spott Prag. Während der Vorsitzende GR Trost die Verhandlung gegen die 39jährige Karla Hanner wegen zehnfachen Betruges für eröffnet erklärte und zur Verlesung der Anklageschrift schritt, gingen aus den: Korridor zehn Herren nervös auf und ab. Diese zehn Herren waren nämlich als Zeugen in diesem kuriosen Prozeß geladen und es sei vorweg bemerkt, daß sie etwas komische Rollen in dieser Sache spielen, was keinem Mann sonderlich angenehm zu sein pflegt. Karla Hauner ist eine etwas verblühte Schönheit. aber bei künstlichem Licht mag sie immerhin anziehend genug wirken, um liebesbegierigen Männchen den Kopf zu verdrehen und sie zu allerhand Torheiten zu verführen. Und sie„arbeitete" tatsächlich'bei künstlicher Beleuchtung. Sie hatte sich darauf spezialisiert. in Kaffeehäusern Bekanntschaften zu machen und dann unter allerlei Vorwänden dem jeweiligen Kavalier Geld herauszulocken. Sie spielte verschiedene Rollen. Einmal mimte sie die„unverstandene Frau", ein anderesmal die scheinbar unzugänglich« Dame, wobei sie aber durchblicken ließ, daß sie auf den Dkann ihrer Sehnsucht warte, in einem andern Fall spielte sie mit vollendetem Geschick die Rolle einer sehnsüchtigen Witwe usw. Regelmäßig aber endete der erste Tag der-werfen Bekanntschaften damit, daß sie von den verschiedenen Herren unter allerhand Vorwänden Geld„borgte". Wie die Anklage ausführt, ist ihr dies in zehn Fällen in trefflicher Art gelungen. Wohlgemerkt: die Herren, die da ihre Brieftaschen zückten, hatten sich keiner Gegenleistung zu erfreuen. Die schöne Karla pumpte ihnen das Geld unter höchst solid klinaenden. aber freili l durchwegs erlogenen Vorspiegelungen ab. Einmal hatte sie gerade ihr Täschchen verloren, ein anderesmal ihr Geld zu Hause gelassen, in einem andern Falle mußte sie einen dringenden Einkauf besorgen u. dgl. m. Sie versprach mit treuherzigster Miene baldige Zurückzahlung.„Kommen Sie am 18. Dezember zu mirl Ich wohne dort und dort." Und damit der Kavalier auf keinen Fall irregehen könne, zeichnete sie ihm eine I Skizze des Häuserblockes, wo sie angeblich wohnte. minium verwandt, das ausreichend vorhanden ist. Der Bedarf an Blei beträgt 140.000 Tonnen, die eigene Förderung nur 45.000. Die Vorräte sind erheblich, der Bedarf aber auch besonders groß. An Zink benötigt Deutschland 135,000 Tonnen, erzeugt(im Kriegsfall) aber nur 52.000. In G u m m i ist Deutschland ganz auf die Einfuhr angewiesen. Abhilfe kann hier nur das Regenerationsverfahren aus Altgummi und die Herstellung von synthetischem Gummi schaffen. Und das„Kommen Siezu mir.. war von einem Augenaufschlag begleitet, der di« kühnsten Hoffnungen in den Herzen der Kavaliere erweckte. Dies etwa ist der kurzgefaßte Inhalt der Zeugenaussagen. Man muß sagen, daß das Geschäft der Karla Hauner nicht schlecht ging. In wenigen Tagen fielen ihr zehn Herren zwischen 25 und 59 Jahren herein. Das„Darlehen" betrug im Einzclfall zwischen 250 und 800 XL, zusammen 3200 XL. Wer vielleicht wäre diese komisch« Sache niemals aufgeflogen, wenn nicht Karla ihre Gimpel auch noch gefoppt hätte. Sie bestellte nämlich alle zehn gerupften Herren für ein und denselben Tag und zur selben Stunde„zu sich" und händigte jedem die gleiche Skizze zum leichteren Auffinden ihrer angeblichen Wohnung aus. Und.so geschah es. daß am 18. Dezember um 6 Uhr nachmittags ein Häuflein festlich gekleideter Herren mit Skizzen in der Hand ratlos vor einem wüsten Baugrund stand. Man verständigte sich bald dahin, daß man einer Schwindlerin aufgesessen sei und zum Schaden noch den Spott hatte. Denn dort, wo angeblich die schöne Karla wohnen sollte, stand überhaupt kein Haus, sondern lag nur ein mit Gerümpel und Steinen bedeckter Baugrund. Der hinzukommende Volizist dirigierte die Herren auf die Polizeiwache und kurz nachher war auch Karla Hauer dingfest gemacht. Sie kennt sich in derartigen Dingen aus und ihre Strafkarte ist reich an Strafen, Sie ließ es an.Unschuldsbeteuerungen nicht fehlen, fand aber angesichts der klaren Schüldbcweise keinen Glauben und akzeptierte denn auch schließlich mit großer Ruhe diesechsMonatcKerker. die ihr der Gerichtshof diktierte. rb. 5port-5piek-Löcpecp^(ege Tennis Kurze Aufzeichnungen eines Eleven. Die Frauen haben leider nur ganz selten den genügend scharfen Blick für die Talente ihrer Gotten.'.Lieber(sinil"; bat mich die FräÜ und sich dabei ziemlich düster in die Welt,.lieber Emil",-tu's nicht, du wirst nur Enttäuschungen erlebenl" Ich lächelte gütig. Ich lächelte und sprach:.Rest, du bist blind! Schweig Resil Schau mich an! Was siehst du? Ein« schmale Figur, hohe Bein«, lange Arme, einen schmalen Kopf, eine beginnende Glatze, ein englisches Kinn!... Wer sieht so aus? Tilden! Tilden, der berühmte Tennismeister l Besonders meine Glatze ist Tildcns Glatze sprechend ähnlich!... Das ist ein gnädiger Wink des Schicksals! Ich tu's, Nesi! Schweig. Resil" Himmeldonnerwetter! Hol's der Teufel! Weiß der Kuckuck, wieso das nur kommen mag! Ich kann absolut den Ball nicht treffen! Es sind erstklassig« Bälle, genau nach Vorschrift. Guter Kautschuk, mit weißem Filz überzogen, garantiert sprungkrästig. Ich benütze einen echt englischen Schläger, beste Marke, sein Gewicht entspricht, wie es die einschlägige Fachlitteratur energisch verlangt, meinem Alter, meiner Hand, er ist prima primissima, der Verkäufer hat darauf geschworen: Wer ich kann den Ball nicht treffen. Auch der Platz kann nicht daran schuld sein. Längsseite 23.77 Meter, Breitseite 10.97 Meter, di« Schlämmkreide, mit der man das Parallelogramm samt Drum und Dran gemalt hat, soll vorzüglich sein. Der Platz ist von Nord nach Süd angelegt, was in den Büchern verlangt wird. Wieso ich unter solch entgegenkommenden Umständen nie und niemals den Ball treffe, den mir der Trainer zuwirft, ist direkt schleierhaft. Das Tennisspiek freut mich außerordentlich, nur daß man ustbedingt auch den Ball treffen muß, ist scheußlich. Der Trainer scheint mir nicht gut gestnnt. Gestern hat er sich geäußert, es gebe Tennislehrling«, die einen gutgebauten, dauerhaften Trainer in wenigen Tagen friedhossfertig machen können. Wenn er mit mir zu tun hat, unterbricht er den Unterricht zuweilen, um in eine Ecke zu gehen, wo er abwechselnd laut flucht und leise weint. Der Trainer scheint mir nicht gut gesinnt. Frauen werden so leicht ungeduldig. Es dauert doch schließlich eine gewisse Zeit, bis man Tilden wird. Das häusliche Neben zeigt Eifer und Hingabe, doch vermehrt es einigermaßen die Kosten der Haushaltung. Namentlich Fensterscheiben, Wandspiegel I und Vasen sind dem Ansturm von Tennisbällen oft nicht gewachsen. Meine Frau erzählte stets wieder unerträglich die Geschichte einer Stehuhr, die durch einen Rückenhandschlag die Eignung zu ihrer gewohnten Tätigkeit verlor. Darum wende man den Rückhandschlag nicht bei Flugbällen an, wenigstens nicht im ersten Jahre. Half-volleys sind verflixt schwere Bälle. Hstb' gestern daheim so ettvas geübt. Ein Wachmann hat mir dann das Rackett gebracht. Es war ein (Träger feitang bissel durchs Fenster auf die Straß« geflogen. Ich bin daraufgekommcn: das Wesen meines Spieles ist vorwiegend Kraft. „Lieber Emil!" sagte gestern wieder meine Frau,.tu's nicht!" Ich glaube, da steckt der Trainer dahinter. Hab' ihn nachher geistesgegenwärtig gefragt, wovon er leben will, wenn er den Leuten das Tennisspiel verleidet. Hab' gestern leider im häuslichen Spiclhof die Hängelampe zerstört... Die liebe R«si klagt, seitdem ich mich dem Tennis ergeben habe. Wer schlechten Schlaf. Sollte sie einen heimlichen Kununer haben? Kein Mensch kann mir vorwerfen, daß ich etwa die Gesetze der Taktik nicht genügend beachte. Immer wirbelt es mir durch den Kopf: Kmnmere dich nicht um das, was neben dem Spielplatz vorgeht! Laß den Gegner nicht aus den Augen, berechne nach seiner Bewegung, wohin er den Ball landen ivill. Bist du darüber im klaren, dann drauflos, ohne nervöse Hast, gesammelt, elegant, verliere nie die Herrschaft über deinen Körper!.. Das hab' ich im lleinen Finger! Beim Himmel, ich bin wahrhaftig ein Taktiker. Nur halt den Ball kann ich nicht treffen. Ich wäre längst ein Tilden, wenn Hiebe in di« Lust in den Spielregeln als Gewinstchancen erwähnt würden. Es geht schon. Habe heute drei Bälle erwischt. Sie sind nicht mehr gefunden worden.- Der Trainer bemerkte lobend, daß ich durch meine Tätigkeit einer Spielregel, die verlangt, daß man den Ball nach einer Richtung dirigieren soll, in welcher ibn der Gegner am wenigstens erwartet, getreulich nachkomme. Rest spielt!... Und was das Merkwürdigste ist: Sie trifft die Bälle!.., Es ist mir ein Rätsel!... H. P. Clus- der Tarter Dezirksorganisation Prag der Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Di« tschechische und die deutsche Sozialdemokratische Organisation in Liboch hat unser« Genossen zu einem Arbeiterfeft welches am Sonntag, dem 4. August 1935, stattfindet,«ingeladen. Tas Fest soll zu einer großen politischen Kundgebung^auSgestaltet werden gegen den nationalen Chauvinismus, welcher besonders im Sprach-Grenzgebiet hervortrist. Bei der KstWgebuug werden ein tschechischer und ein deut« scher'Sozialdemokrat sprechen. Genossen und Genossinnen! Es ist für uns eine Pflicht, die Genossen in Liboch durch eine starke Teilnahme zu unterstützen und wir fordern all« unsere Mitglieder, welche dazu Gelegenheit haben, auf, mit nach Liboch zu fahren. Um'ere RW und der Atus werden aktw mitwirken. Bei genügender Teilnahme Fahrt mst Separat« autobus; Fahrtkosten 12 bis 14 XL. Abfahrt Sonntag früh, Rückfahrt abends. Anmeldungen sofort bei Genossen. Fritz Mittcnhuber, Prag H., Fügnerovo näm. 4(Telephon 51851—5). Der Bezirksvertrauensmann. 'üerew&ftacferleftlen TTI Turnfest in Tlustovovsy- Alle Genossen, die in Tlusto« bousy zu den leichtathletischen Wettkämpfen antreten, sowie jene Genossen, die als Kampfrichter fungieren, müssen SamS- tag, den 27. Juli, um 5 Uhr auf der Hetzinsel sein. Erteilung letzter Instruktionen.— Abfahrt: Sonntag früh um 6.45 Uhr vom Masarykbahnhof. Alle Teilnehmer müssen um 6.30 Uhr auf dem Bahnhof beim Haupteingang gestellt sein.— Gäste laden wir herzlichst zur Teilnahme ein. Verlanget überall Volkszünder Abonnements- Bestellschein. Wonniere ab 1935 da täglich erscheinende Zentralorgan der deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei „Goztaldernokrat" Verwaltung Prag XU.. Fochova tk. 62. zum Preise von 16 XL monatlich, und sende diese« Betrag nach Erhalt des Erlagscheines ein. Name: Genaue Adresse: ,,,,,,,,,,, Letzte Post: Unterschrift:»• Bezugsbedingungen: Bei Zustellung inS Haus oder bet Bezug durch die Post monatlich XL 16.—. vierteljährig XL 48.—, halbjährig XL 96.—. ganzjährig XL 192.—.— Inserate werden laut Tarif billigst berechnet. Bei öfteren Einschaltungen Preisnachlaß.— Rückstellung von Manuskripten erfolgt nur bei Einsendung der Retourmarken.— Die ZeitunaSfrankatur wurde von der Polt- und Telegraphendirektion mit Erlaß Nr. 13.800/VI1/1930 bewilligt.— Druckerei:„Orbis". Druck-. Verlags- und 8eitungS-L.-G.. Prag.