Nr. 194 Mittwoch, 21. August 1935 gnUmhlllHi (•michlieSIkh 5 IMIar Port») ZENTRALORGAN DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH,«edAktion und Verwaltung präg»»., fochova 62. TELEFON tun. HERAUSGEBERi SIEGFRIED TAUS. CHEFREDAKTEUR) WILHELM NIESSNER. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR« DR. EMIL STRAUSS, FRAG. 15. Jahrgang Bonnerstag: Englischer Ministerrat Über Abessinien London. Die Sondersitzung des Kabinetts wird bereits am Donnerstag dieser Woche stattfinde«. Vertagung der Schiedskommission Paris. Die Vergleichs- und SchiedSkom- «Mimifsion für den italienisch-abessinischen Streitfall hat nach Beendigung ihrer gestrigen Sitzung Eine Erklärung veröffentlicht, in der es-heißt, daß die Kommission in einer anderen Stadt, und zwar doraussichtlich in Bern, zusammentretcn wird, dm mehrere, vom italienischen Regierungsdele- »ierien Professor Lcsson beantragte Zeugen ein- ßuvernehmen. Ein Blutbad In Bosnien Gendarmerie schießt Bauern zusammen - Belgrad.(Avala.) Montag kam es in der Gemeinde R o g a ti r a in Bosnien nach einem Gottesdienst zwischen einer Gruppe drth o d o x e r Serben und einer Gruppe M o- dammedaner wegen eines gamz gering- figigrn Streites zu einem Zusammenstoß. Dir Gendarmerie, die sich schnell an der Stelle rinfand, »m rin ernstes Blutvergießen zu verhüten, wurde d>it einem Steinhagel empfangen. Rach tzthrmaliger. vergeblicher Aufforderung an die ^impfenden Gruppen, sich ruhig zu verhalten, diachtc die Gendarmerie von der Waffe Gebrauch d»d gab mehrere Schüffe ab. Zwei Bauern wurden getötet, fünf schwer verletzt und 19 leicht verletzt. Der Minister des Innern hat eine «ntersnchungskommission an Orts und Stelle ent- fkndet, welche die Ursache des Zusammenstoßes dich die Schuldtragendcn feststellen soll. t>as Unrecht an den Deutschen in Polen Warschau. Bei den letzten Kandidaten- fdohlen in de» Wahlkreisversammlungen wurde difolge der Zersplitterung unter den deutschen delegierten kein deutscherKandidatin len Sejm gewählt. Dieser Umstand rief natur- bsmäß unter den Deutschen in Polen große Er- eisterung hervor. Der ,,R at derDrut- f>h c n" in Polen, der die oberste Repräsentanz der putschen Minderheit in Polen darstellt, veröffent- l'cht in den deutschen Blättern einen Aufruf an die «Nische Bevölkerung, in welchem es u. a. heißt, l«ß die Deutschen im kommenden Sejm von der Mitarbeit an dem Aufbau des Staates ausgr- [’MofTcn wurden. Der Rat der Deutschen in Polen Zerlasse es seinen Bolksgenoffrn, selbst zu ent- "bridm, ob sie sich unter diesen Umständen an den Sohlen beteiligen können. Ader... » Warschau. Am 22. August trifft im polnischen Meerhafen Gdingen der deutsche Kreuzer »Königsberg" zum Gegenbesuch der polnischen Kriegsmarine ein. Bekanntlich weilten nn vorigen Monate zwei polnische Kriegsschiffe tum Besuche der deutschen Marine in Kiel. Und.,. Warschau. Die polnische Polizei in P o s e n ™ sieben Mitglieder der geheimen nationalradi» mlen Organisation wegen umstürzlerischer Agi- mtien verhaftet. Gleichzeitig hat die Polizei eine tcheime Druckerei dieser Organisation aufgedeckt, 'n der Flugzettel und Druckschriften mit heftigen rngrifsen gegen die Regierung hergeftellt wurden. M Warschau wurden mehr als hundert K o m m u n i st e n wegen»aufwieglerischer Agitation" verhaftet. Steigende Lebensmittelpreise euch im agrarischen Ungarn • Budapest. Nach den Angaben deS Statistischen Zentralamtes ist im Juli die Indexziffer Ar Großhandelspreise von 87 auf 90 gestiegen. *ie Richtzahl der Lebenshaltungskosten ist von »0.2 auf 92.8 gestiegen. Diese Zunahme ist auf ^Steigerung der LrbenSmit« " l p r c i f c zurückzuführen. Wichtige Beschlüsse der SAI Das Verhältnis zur kommunistischen Internationale auf dem Programm der nächsten Tagung Brüssel.„Le Pendle", das Hauptorgan der belgischen sozialistische» Partei, berichtet über die gestrige» Arbeiten der Drüffeler Konserenz der Sozialistischen Arbetterinternattonale. Bor allem wurde das Ansuchen der neosozialistischen Partei Frankreichs um Aufnahme in die Internationale abgelehnt. Sodann wurde auf Wunsch der französische» Delegierten beschlossen, daß die Frage der Beziehungen der kom munist i s ch e n Internationale mit der S3A auf das Programm der nächst en Tagung gesetzt werden soll. Bor allem wird dabei die Frage des gemeinsamen Kampfes gegen Krieg und Faseismus sowie der Aufrechterhaltung der demokratischen Freiheiten behandelt werden. Die SAI hat ihr Sekretariat beauftragt, ihr über die Aenderung der internationalen Meinung Bericht zu erstatten. Sodann genehmigte der Exekuttv- ausschutz der Sozialistischen Arbeiter-Internattonale den Vorschlag auf Entsendung eines Vertreters zu dem Kongresse, der von der ttalienischen Sektion der SAI gegen die ttalienischen Angriffsabsichten auf Abessinien einberufe« wurde. Der Exekuttvausschuß behandelte auch die neue Terrorwelle im Dritte« Reiche. Ium Vorsitzend'en der SAI wurde Louis de Broucköre an Stelle Emil Banderveldes gewühlt, welcher bekannttich derzeit der belgischen Regierung angehört. lag der Katastrophen in Berlin U-Bahnbau im Zentrum der Stadt elngestürzt Funkausstellung In Flammen B e r l i n. Gestern mittags ereignete sich in der Hermann-Göringstraße ein schweres Einstnrznnglück. Ans bisher noch unbekannter Ursache brach rin sür den Bau der unterirdischen Verbindungsbahn zwischen den Berliner Bahnhöfen hergestellter Schacht plötzlich in einer Länge von mehr alS 50 Metern und einer Breite von 40 Metern ein. Die Einbruchstrlle bildet ein tiefes gähnendes Loch. Der große Kran und die grsamteKonstrnftion mit den darüberliegenden Straßrnbahnschienen wurde in die Tiefe gerissen. Unter den Trümmern wurden mehrere Arbeiter begraben. Vierzehn Opfer? Tie Feuerwehr, die mit acht Zügen ausgerückt war, begann sofort mit den Aufräumungsarbeiten und versuchte, die herabgestürztrn Erdmassen freizulegen, um festzustellen, wie viele Berschüttete sich darunter befinden. Der Rettungsdienst hatte 12 Wagen und 6 Aerzte zur Unfakstelle ensandt. Die Reichswehr setzte eine Pionierkompagnie rin. Rach anstrengenden Bemühungen gelang es, vier Verschüttete zu bergen, die außer Lebensgefahr sind. Die sehr schwierigen Ausräumungsarbeiten gestatten noch in den späten Abendstunden k r i- nenUeberblick über die Zahl der Opfer. Nach einer ersten Feststellung durch Namensaufruf werden etwa 14 Arbeiter vermißt. Die Ursache des Unglücks ist noch nicht einwandfrei geftärt. Es wurde eine strenge Untersuchung angeordnet, um festzustellen, ob und inwieweit Fahrlässigkeit der beteiligten Aufsichtsstellen in Frage kommt. Die Unglücksstätte in der Hermann-Göring» straße ist in weitem Umkreis von Polizei und I Pionieren der Wehrmacht abgesperrt. Sie befindet sich schräg gegenüber der Wohnung desNe ichsmini st ersDr. Goebbels. Ivel Todesopfer des Funkturm-Brandes Berlin, lieber den Großbrand auf der Funkausstellung, dessen Ausbruch wir gestern gemeldet haben, gibt das amtliche Deutsche Nachrichtenbüro folgenden Schlüßbericht aus: Das Feuer entstand nach der Beobachtung eines aufsichtsführenden Beamten um 20.08 an einem Ausstellerstand der Halle 4 und breitete sich mit außerordentlicher Schnelligkeit aus. Heizer und andere in der Halle anwesende Personen machten sofort Löschversuche. Dabei ist der Vertreter der Firma Stein, Karl Uebler aus Nürnberg, von den Flammen erfaßt worden. Er erlitt so schwere Verletzungen, daß er Dienstag früh st a r b. Die in der Halle 4 untergebrachtr Feuerwehrwache gab Grotzfeueralarm. In kürzesten Zeitabständen trafen insgesamt 14 Züge der Feuerwehr ein. Um 22 Uhr war das Feuer eingekreist. Auch der Brand im Funkturmrestaurant war eingedämmt. Durch das Feuer ist die Halle 4 völlig zerstört worden. Die dort ausgestellten Apparate sowie der im Keller liegend» Maschinenraum des Ulirakurz- w e l l e n s e n d e r s sind ebenfalls vernichtet. Die Aufräumungsarbeiten werden bis Donnerstag abends beendet sein. Beim Brandunglück ist leider noch ein zweiter Toter zu beklagen. Dienstag Mittag wurde nämlich nahe dem Haupteingang zur Halle 4 die verkohlte Leiche des Angestellten Keßler der Firma Telefunken aufgefunden. 20 Verletzte wurden in das Krankenhaus gebracht. Fürsorgeministerium für Siasarbeiter Während der Krise ist der Preis der GlaS- imitation von Edelsteinen ebenso wie die Qualität stark heruntergegangen, was zum gegenseitigen Niederkonkürrieren der Betriebe und zur Verringerung.des Exports geführt hat. Die bis dahin übliche Handarbeit in diesem Gewerbszweig wurde durch die Maschinenarbeit verdrängt und so haben im Gebiet von Gablonz un) Turnau ungefähr 2000 qualifizierte Schleifet und Schleiferinnen ihr Brot verloren. Die Verbände der Glasarbeiter haben deswegen in dieser Frage ein Memorandum an den Minister für soziale Fürsorge gerichtet und es hat vor einiger Zeit auch eine Beratung aller beteiligten Faktoren stattgefunden. Tas Ergebnis ist nun eine Verordnung, welche unter Rr. 176 in der Sammlung der Gesetze und Verordnungen kundgemachr wurde und wonach jene Arten von Glasimitationen von Edel- und Halbedelsteinen, welche vom Handelsministerium näher bezeichnet werden, ohne Bewilligung dieses Ministeriums nicht anders als durch Handarbeit erzeugt werden können. Die Herausgabe dieser Verordnung, wodurch viele Glasarbeiter wieder in Arbeit kommen werden, ist ein Verdienst des Fürsorgeministers N e k a s, wobei auch loyalerweise festgestellt werden muß, daß die Frage großes Verständnis beim Ministerpräsidenten Maly- p e t r gefunden hat. Eta ungleiches spiel Faseismus und Demokratie im Kampf um Europa Wer die Vorgänge auf der europäischen Bühne nicht nur aufmerksam, sondern auch besorgt und teilnehmend verfolgt, wird sich dem schmerzlichen Eindruck nicht entziehen können, daß in wichtigen europäischen, Fragen der Faseis- mus die Initiative hat und das Gesetz des Handelns diktiert, während die demokratischen Mächte und Kräfte ost nicht mehr tun als den st i l l e n Beobachter zu spielen. Das gilt für den italienischen Raubzug nach Afrika, für die deutsche Aufrüstung, für die mitteleuropäischen Fragen und in manch anderem Punkt. Am bedenklichsten zeigt sich diese Schwäche demokratischer Politik in Frankreich.-Nicht nur daß die regierenden Parteien im Schlepptau Mussolinis segeln, entwickelt auch die Linke kein positives europäisches Programm. Verfolgt man die Pariser Verhandlungen über den abessinischen Streitfall und vor allem das Echo, mit dem die französische Presse auf die Vorgänge der großen Politik antwortet, so könnte man glauben, Frankreich sei ein Klein» oder Mittelstaat, dessen Rettung von Mussolini äbhängt und der sich daher peinlich hüten muß, eine eigene Politik zu treiben, lind doch ist Frankreich bis vor kurzem die erste Militärmacht des Kontinents gewesen, eine Macht, die auch trotz der deutschen Aufrüstung über genügend Kampfmittel und Kraftreserven verfügt, um— wenn sie nur will— Welt- oder mindestens europäische Politik-treiben zu können. Mit seinen Kolonien, die fast alle so organisiert sind, daß sie Truppen und Material an das Mutterland abgeben können, zählt Frankreich 108 Millionen Einwohner, von denen rund drei Viertel auf Europa und das mit dem Mutterland, ideal verbundene afrikanische Kolonialreich entfallen. Frankreichs Rohstoffbasis ist solid, seine finanzielle Situation im Vergleich mit der anderer Länder ausgezeichnet, worüber die Finanzschwierigkeiten der Republik einen nicht hinwegtäuichen dürfen. Die Krise des Franc war das Ergebnis gerissener Spekulation und der schweren Konterminen der Bank von England, nicht aber eines Wirklichen Notstandes. Frankreichs Landgrenzen sind teils natürliche, teils künstliche Festungswälle ersten Ranges. Sein Material an schwerem Geschütz, Tanks und Kriegsflugzeugen, die Zahl seiner felddienstfähigen Reserven— an fünf Millionen DIann— sollten jeden Zweifel darüber ausschließen, daß wir eine Großmacht vor uns haben, die sich freilich nicht ungestraft isolieren dürfte, die aber insbesondere durch ihre Verträge mit Rußland und der Tschechoslowakei, bei dem Fehlen eitles weltpolitisch bedeutsamen Gegensatzes zu England, Politik nach ihren wahren Interessen und WüUschen machen könnte. Statt dessen sehen wir eine'für die gesamte' europäische Demokratie gefährliche Na chgiebigkeit der französischenPo- litik gegenüber Mussoli n i. Eine kurzsichtige und in ihrer Meinung freilich seit je auf wenig anständige Weise leicht zu beeinflussende Presse lobt diese Polittk und redet der Nation ein, Frankreich habe in Afrika nichts zu verlieren, aber durch die. Freundschaft Mussolinis ungeheuer viel zu gewinnen: Man scheint tatsächlich zu übersehen, daß Frankreich weit mehr zu verlieren hat als etwa England, bei dem es sich um Land und strategische Punkte handelt. Frankreich hat sein moralisches Ansehe nzu verlieren, das auch der moralische Kredit jenes Systems der Sicherheit ist, das den Franzosen seit Jahren als Jdealzustand vorschwebt. Man scheint in Paris nicht zu merken, daß letzt darüber entschieden wird, ob Hitler die große moralische Durchbruchsschlacht gegen Versailles und die Kriegsschuldtüge gelingen wird. Kompromittiert Frankreich die Grundsätze, die es von Andern geheiligt sehen will, so hat es in der noch immer tonangebenden angelsächsischen Wcltmeinung und in den neutralen Ländern von einst moralischen Kredit auf. lange hinausverloren.. So weit hätte es nicht kommen müssen. Um Italien von Hitlers Kriegswagen loszuspanncn, hätte es bessere, verläßlicher wirkende Mittel gegeben als die Zustimmung Frankreichs zu dem afrikanischen Raubzug. Mussolini kann, wenn Frankreich und England einig find, wenn diese Einigkeit sich auch auf die Staaten der Kleine» Seite 2 MittwoK, 21. Ktttntft 1935 Nr. 194 Angelsächsische gegen lateinische Front Man sucht den Kriegsschuldigen Die Weltpreise ist in der Beurteilung des Scheiterns der Pariser Konferenz deutlich in zwei Lager zerrissen. Auf der einen Seite steht die italienische Presse, der die französischen RechtStlätter noch immer sekundieren, auf der andern die englische und amerikanische Presse, die gegen Italien schärfere Töne anschlägt. Es ist erstaunlich, mit welcher Naivität oder welcher Unverfrorenheit— wie man es eien nennen will— die französische Presse, von den TodsuchtSauSbrüchen der italienischen Blätter ganz zu schweigen, für den kommenden Krieg die Engländer verantwortlich zu machen sucht. England sei unnachgiebig gewesen, England habe kein BrrantwortungSgefühl, England treibe Mussolini, das arme friedliche Lamm, in den Krieg. Andere Blätter ermahnen England, wegen Abessiniens, das doch gar nicht dafürstehr, doch keinen Weltkrieg zu entfesseln. Merkwürdig nur, daß man dies niemals de» Italienern vorhält, die doch znerst die Pflicht hätten, wegen Abessiniens keinen Krieg zu entfesseln! ES ist die gleiche Geistesverfassung, in der sich 1914 die Presse der Mittelmächte befand, als sie England und Frankreich dauernd aufforderte, doch wegen Serbiens nicht in den Krieg zu gehen. Einige Blätter besprechen die Möglichkeit von Sanktionen gegen Italien. Die französisch« Presse lehnt natürlich auch diese Sanktionen ab, mutet aber den Engländern zu, trotzdem am Völkerbund sestzuhalten(der in diesem Falle doch nur noch ein Witz wäre). Mit allgemeiner Spannung sieht man der englische» Kabinettssitzung am Donnerstag entgegen. bemerkt der Korrespondent, was den Hinweis auf die Stresa-Front angehe, so sei nach Ansicht der britischen Abordnung der ganze Bau der europäischen Sicherheit, dessen Eckstein das Einvernehmen von Stresa bilden sollte, durch die Ereignisse der letzten Tage zerstört worden.„Morning Post" schreibt, man glaube setzt, dass keine neuen Verhandlungen den Ausbruch des Krieges im Herbst verhindern würden. Mailand, outete della Sera' schreibt, die Vertagung der Dreimächte-Konferenz könne niemand täuschen. Es handle sich im Grunde um ihr S ch e i t e r n. Keine Regierung könne die Verantwortung übernehmen, ein von glühendem Kampfgeist beseeltes(?), bereits mobilisiertes Heer in die Heimat zurückzuführen, ohne alle moralischen und materiellen Genugtuungen erlangt zu haben. Tas von Herrn Eden angeboteni Linsengericht konnte Italien nicht bewegen, seine Erstgeburtsrechte(?) in Ostafrika herzugeben. Die Turiner„G a z e t t a delPo- polo" meint, die Diplomaten verlassen Paris. Gleichzeitig gehen die italienischen Divisionen naä Ostafrika ab. Man könnte nicht klarer sprechen. Eine In Italien weit verbreitete Meinung: „Der abessinische Krieg wird dar Grab der Farcitmut sein" Entente erstreckt, nicht einmal mit Deutschland, geschweige denn ohne Hitler einen Krieg führen. Die Sperre des Suezkanals und der Pariser Banktresors würde den „großen Duce" trotz seiner Million Soldaten bald kleinlaut machen. Und droht er dann, zu Hitler zu gehen— nun, eine selbstbewußte demokratische Politik brauchte sich durch diese Drohung nicht einschüchtern zu lassen. ES wäre sehr fraglich, ob Mussolini sie verwirklichen könnte. Es gibt mehr als einen Gegenzug in diesem Spiel. Gelingt es ihm, sich mit Hitler zu einigen, so ist auch das Bündnis Berlin-Rom, selbst wenn es bis Warschau und Tokio reicht, weniger zu fürchten als das Chaos, das im Gefolge des afrikanischen Abenteuers und seiner Förderung durch Frankreich ausbrechen wird. Noch deutlicher wird die Lähmung aller antifaseistischen Initiative in der europäischen Politik an dem österreichischen Problem. Leichtsinnig haben die Westmächte vor anderthalb Jahren Oesterreich an Mussolini ausgeliefert. Seither kennen sie anscheinend nur zwei Lösungen der österreichischen Frage: die italienische oder di« deutsche. Die Oesterreicher müssen Mussolini oder Hitler hörig sein. Daß eS jenseits dieser Wahl zwischen Regen und Traufe mehr als eine Möglichkeit gäbe, dem österreichischen Volk ein brauchbares demokratisches Dach zu zimmern und es zugleich in den politischen Kraftkreis der westlichen Demokratie einzubeziehen, scheint man weder in Paris, noch in London zu wissen. Dabei ist das besonders Betrübende der Mangel einer konstruktiven Kritik auch bei der oppositionelles Linken vor allem Frankreichs, in zweiter Linie auch Englands. Die französische Linke übersieht in ihrem sicher bravourös und schwungvoll geführten Kämpf gegen Lavals Dekrete, daß über Frankreichs Schicksal in Genf, vor Adua und an der Donau entschieden wird. Die westliche Demokratie— soweit sie regiert— hält heute bei der blamablen letzten Weisheit, daß Mussolini allein den Frieden Europas sichern, daß Mussolini allein Oestetreichs Unabhängigkeit schützen, Mussolini allein Hitler in Zaum halten könne. Es wird sich noch einmal Herausstellen, daß Mussolini das gar nicht kann, sondern daß er viele Jahre davon gelebt hat, daß die Andern glaubten, er könne alles, was er sage. Abgesehen davon aber ist solche Politik trostlos. Wenn man das Haus voll Fliegen hat, kann man freilich Spinnen ansetzen, damit sie di« Fliegen wegfangen. Aber wer sein Haus sauber haben will, wird das Ungeziefer selbst vertilgen, nicht die eine Art mit der andern bekämpfen. Die europäische Demokratie müßte es teuer bezahlen, wenn sie sich auf die Dauer aus Mussolini verläßt. Um dieses Ende abzuwenden wird aber auch die nicht oder noch nichtregierende westliche Demokratie, di« Linke in Frankreich und England, über die negativen Parolen wie„Weder Anschluß, noch Habsburg" hinausgelangen müssen zu einer klaren Vorstellung ihrer europäischen Lösung und zu einem entschiedenen eigenenWillen. Farmer-Entschuldung In USA Washington.(Tsch. P. B.) Der amerikanisch« Senat genehmigte einen Gesetzentwurf, demzufolge die Regierung eine Konversion der Hypothekenschulden der Farmer auf einen niedrigeren Zinsfuß vornehmen soll. Die Mittel zu dieser landwirtschaftlichen Entschuldungs-Aktion sollen durch die Ausgabe von Banknoten in der Höhe von 3 Milliarden Dollar beschafft werden. Mussolini der Allelnschuldlge Washington.(Tsch. P.-B.) Die amerikanische Presse betrachtet den Ausbruch des Krieges zwischen Italien und Abessinien für unvermeidlich, falls nicht England und Frankreich in letzter Stunde energisch eingreifen. Einmütig wird Mussolini die Alleinschuld an de» gegenwärtigen Lage zugeschrieben. Die amerikanische Regierung verfolgt die Vorgänge mit großer Besorgnis. Sie hält sich einstweilen von dem Streit fern, um die Bemühungen Englands nicht zu stören. Sie wird aber, falls es zum Kriege kommen sollte, voraussichtlich von der Ermächtigung Gebrauch machen, ein Waffenausfuhrverbot zu dekretieren, vorausgesetzt, daß die am SamStag eiligst eingebrachte Gesetzesvorlage noch vor Beendigung der Kongreßtagung verabschiedet werden kann. Die Vorlage wurde entsprechend dem Wunsche der Regierung dahingehend abgeändert, daß sie die Erklärung des Waffenausfuhrverbots ins freie Ermessen Roosevelts stellt und es ihm überläßt, ob er das Embargo gegen beide kriegsführende Teile verkünden will. Das Gesetz über das Waffenausfuhrverbot würde, wie die Presse darlegt, Roose- belt die Möglichkeit geben, auf die italienische Regierung einen starken Druck auszuüben. Sanktionen London. In den englischen Blättern wird die Lage nach dem Scheitern der Dreier-Konferenz als ungemein kritisch betrachtet.„Daily Telegraph" sagt, es werde zugegeben, daß die Frage von Sanktionen jetzt in den Vordergrund getreten ist. Der diplomatische Korrespondent des Blattes berichtet aus Paris, die kleineren Staaten, besonders die skandinavischen Länder, würden wahrscheinlich in Genf auf ein ener- gisches Vorgehen drängen, um Italien an dem geplanten Kurs zu verhindern. Die Fragen, denen sich das britische Kabinett gegenübersehen werde, seien nicht weniger ernst als die vom August 1914. Zu den Ausführungen des Barons Aloisi vor der französischen Presse Eine akttve Gruppe geheim arbeitender Gewerkschafter Italiens schreibt von dort an die Internationale TranSport- atbeiter-Föderation: „Ohne Anspruch darauf zu erheben, das italienische Volk zu repräsentieren, teilen wir Euch die Ergebnisse einer gewissenhaften Untersuchung mit, die wir in verschiedenen Lagern der Bevölkerung und in verschiedenen Zentren angestellt haben. Hier di« Resultate:...- 1. Das italienische Bolk hat allgemein den bestimmten Eindruck, daß der Fascismns de» Krieg in Afrika entfesseln wird, ohne sich um die BersöhnungSbestrebungen der anderen Mächte zu kümmern. 2. Der Krieg! st durchaus unpopulär, nicht nur in drei proletarischen Kreisen und«nt«r den Mittelklassen, dir die Folgen einer Niederlage fürchten. 3. Die allgemeine Ueberzeugung geht dahin, daß der Krieg das Grab des Fa- s d i S m u s sei» wird. Die ungeheuren Borbereittmgen, die das fascisttschc Regime auf allen Gebieten trifft, beweisen klar, daß Mussolini bis ans Ende des VLiicerbundes? Rew Aork.(Reuter.) In Kommentierung des italienisch-abessinischen Konfliktes schreiben die „N e w V o r k T i m e s", der Standpunkt Mussolinis gegenüber internationalen Konferenzen sei der, daß die Konferenz und die übrigen Staaten Italien in allem nachgeben müßten, wogegen Italien in nichts nachgebe. Mussolini schätze de« Ernst der öffentlichen Meinung Europas gering, was für ihn katastrophalere Folge« haben könne als irgendeine feindliche Armee. „Herald Tribüne" bemerkt, daß die Jt aliener die internationalen Beziehungen nur vom Standpunkt des Egois- m u s, des Opportunismus und der Gewalt auffassen. Das Blatt glaubt, man könne sich schwer vorstellen/ daß der Völkerbund weiterhin in der'gegenwärtigen Zusammensetzung bestehen könnte. Die Divisionen sprechen Ende zu gehen wünscht. Und andererseits sind die Dinge schon so auf die Spitze getrieben, daß der„Duce", selbst wenn er wollte, ni zurückweichen könnte, ohne sich am eine nicht wieder gutzumachende Weise mehr nofl als durch eine Niederlage zu diskreditteren. Wenn man von den Kreisen der Spekulanten und von gewissen Arbeitergruppen abficht, die durch den Himger denwralisiert waren und die jetzt Arbeit in der Kriegsindustrie gefunden habenkann man sagen, daß die sich gegen den Krieg vorbereitende Abneigung allge' mein ist. Die Unpopularität des Krieges beginnt siK auch öffentlich ebenso unter den Soldaten wie unter den Zivilisten zu offenbaren, obwohl derzeit nur erst vereinzelt und ohne einen politischen Plan. Die Unzufriedenheit unter den ZivüisteN «nacht sich in beredten Kundgebungen Luft, gegen die das Regime mit einer Verschärfung des Terrors vorgeht. Alles in allem kann man sagen, da« sich in weiten Volksschichten eine w i r k l i ck defaitistische Geisteshaltu«? vorbereitet. Und es hat Wohl seinen Grund, d«8 die Soldaten ihre Waffen er st be< ihrer Ankunlt in Afrika erhalte»- VILLA OASE oder: DIE FALSCHEN BORGER Roman von Eugene Dablt Berechtigte Uebertragung aus dem Französischen von Bejot „Gib deinem alten Onkel einen Kuß." Wie er nur immer redetet Endlich war sie mit ihrer Mutter allein. Wie in Lausanne. Während der Fahrt hatte sie diese Minute inbrünstig herbeigesehnt. „Einräumen werden wir morgen, Helene. Hier ist warmes Wasser..." „Bleib noch, Mama. Recht, recht lange. Oder bist du müde?" «Ja, es war ein bißchen viel, alle die Tage.. Ach, ich hatte auch keine glückliche Jugend. Davon erzähle ich dir einmal. Jetzt habe ich über nichts zu klagen. Julien ist ein Brummbär, doch ich kann ihn um den Finger wickeln. Ich bin auch nicht so wie die anderen Frauen. Ich habe mich nicht werfen lassen. Du hast wohl nicht geglaubt, daß du eine reiche Mama hast? Oder hast du dir alles so schön vorgestellt? Sag mal die Wahrheit?" „Natürlich habe ich es mir nicht so vorgestellt, Mama." „Du wirst noch mehr Ueberraschungen erleben. Ich will eine Rolle spielen, und du sollst de» Ruhen davon haben. So, Liebling, jetzt leb wohl." Sie ging, Kußhändchen werfend, rückwärts hinaus. Helene ließ die Arme hängen und rührte sich nicht von der Stelle. Es war, als sei nach den beschwerlichen Schritten, die sie hatte tun müssen, um sich ein Heim zu erobern, endlich Ruhe über sie gekommen. In ihren Ohren summte die Stillt, himmlische Stille, denn noch nie hatte sie so I hoch über der Straße gewohnt. Sie ließ ihren Blick langsam im Kreise wandern. Alles erschien ihr neu, fast wie ein Wunder: die Möbel, die sie nicht anzutasten wagte, die Stoffe, die ihre kühnsten Träume übertrafen, der ganze Komfort, wie Julien es nannte. In Angrogna mußte sie Wasser am Brunnen schöpfen und die Eimer bis zur Baracke schleppen, in der sie wohnten, als Lagorio beim Streckenbau beschäftigt war. Ach, und die Abende damals. Sie sahen anders aus als der Abend heute. Eisige Kölle, Gestank, Gebrüll betrunkener Männer, Maminas Husten. Oft mußte Helene bei Mamina Lagorio vor dem Bette schlafen, weil man den Strohsack einem Landsmann geliehen hatte. Jeden Morgen erwachte Mamina mtt den Worten:„Heilige Jungfrau, gibt es denn kein Ende unserer Qual?"-— Nein, für Mamina gab es kein Ende. Ihre Qual währte bis zum Tode. Für sie, Helene, aber war die Qual beendet. Sie zog sich aus. Ihr neues Glück verlangsamte ihre Bewegungen und gab ihnen Sicherheit, den düsteren Erinnerungen zu wehren. Ja, jetzt hatte sie nicht zu fürchten, von einem Achille Demante überrascht zu werden. Aber die kleine Schwester fehlte ihr. Ob sie sie später mit Irma btsuchen würde? Alle ihre Gedanken kreisten um ihre Mutter und den Onkel. Seine Art war ihr zwar noch ungewohnt, aber er hatte sie liebevoll ausgenommen, fast wie ein eigenes Kind. Sie schlüpfte in ein weißes Bett, streckte die Beine aus, faltete fromm die Hände auf der Brust, schloß die Augen und nahm sich vor, dieses Glücks würdig zu sein. Dann drehte sie sich ruhig zur Wand. Sie war sehr müde. Sie hörte die Worte: „Dein kleines Mädel." Sie lauschte. Aber das Bett knarrte, und das Geräusch übertönte Juliens Stimm«. Sie flüsterte vor sich hin, was Onkel gesagt hatte, als sie aus dem Zuge gestiegen war: „Hier ist dein Mädel." Richtig, die Eisenbahnfahrt... Sie sah die Gesichter der beiden jungen Burschen wieder, ihrer Reisegefährten. Dann kam der Schlaf und löschte alle Bilder aus. Nachdem sie Helene verlassen, hatte Irma sich noch das Haar gemacht und war dann zu Bett gegangen. Allabendlich genoß sie mit stolzer Befriedigung den Anblick des Zimmers, dessen Ausstattung sie allmählich geschaffen hatte. Das freistehende Bett mit der seidenen Daunendecke stieß rechts an den Nachttisch, links an den Spiegelschrank. Auf dem Kamin prunkte eine Marmorgarnitur mit einer wahrhaft imponierenden Pendeluhr. Schwere, rotsamtene Vorhänge verhüllten das Fenster. Die kostbare fliederfarbene Tapete zierte ein Ornament von goldenen Blumen. Helene würde morgen früh nicht schlecht staunen I Auch das Porzellan und das Silber wollte sie ihr zeigen, die Nippsachen im Glasschrank, die feine Wäsche, die den Spiegelschrank ganz füllte, ihre Kleider und ihren Schmuck. Was wohl das Kino zu all der Pracht sagen würde? Ja, noch eins. Ein paar Kleider würde sie ihr geben. Von den ältesten. Denn die Kleine war furchtbar dürftig angezogen. Gott, in dem Alter hatte sie sich auch nicht wie eine Prinzessin putzen können. Aber das war lange her. Was tat sie doch damals? Richtig, sie nähte in dem Schneideratelier und verdiente drei Franken täglich. Sie dachte: „Ich möchte nickt noch einmal anfangen." Ein Glück, daß das Elend hinter ihr lag. Sie seufzte befreit auf. „Löschst du bald aus?" fragte plötzlich Julien. „Nein, ich kann nicht einschlafen." „Ich auch nicht. Die Geschichte hat uns etwas durcheinander gerüttelt. Nanu..." Er richtete sich auf. „Bei deinem Mädel brennt ja auch noch Licht." Er stieg in seinem gestreiften Pyjama, in dem er aussah wie ein schlecht verschnürtes Bündel, brummend aus dem Bett. Doch schnell war er wieder drinnen. „Sie hat nichts gehört. Kunststück, ist ja halbtot vor Müdigkeit. Sie sieht übrigens nicht sehr kräftig aus. Ist gewiß dem Vater nachgerote«- was?" „Keine Ahnung. Lagorio war zweiundzwo«' zig damals, ich achtzehn. Er hat Helene in Psie-e gegeben und war eines Tages auf und davon- Nach Kanada. Ich war schon vorher von ihm well' gelaufen und saß in Paris. Was hätte ick<>u<* anfangen sollen zuhause, bei der alten Tante' Ich war Wohl auch zu schwach, um das Kind am' zuziehen." „Ihr habt euch angestellt wie zwei Säu«' singe. In Paris sind die jungen Leute nicht s blöde. Mir zum Beispiel hätte so etwas nie pal'sis' reu können. Na, jetzt ist ja Gott sei Dank alles Butter. Deine Kleine scheint sich wohlzufWe^ Hast du ihr Gesicht gesehen? Vielleickt hatte sie n" vorgestellt» sie käme zu Schnorrern?" „Was weiß man schon in den Kreisen,•" denen sie bisher gelebt hat?". „Bei den Katzelmachern? Du, die Sok" kenne ich ganz genau. Von Brasilien her. Lä«^' und nichts zu fressen. Ich will nichts Schlechtes vo» ihr sagen, aber an Ordnung muß sie sich hier wöhnen. Erst kann sie die Fahrkarte nicht sindem jetzt vergißt sie, das Licht auszudrehen. Bon d» hat sie das nicht." a Irma suchte eine bequeme Lage für ihre» Kopf und kuschelte sich in die Einbuchtung Matratze. „In ihrem Alter besaß ich schon allerho^ Ehrgeiz, wollte um jeden Preis aus meines Milieu hinaus. Aber du läßt sie mir hübsih£ Ruhe, dicker Ruppsack. Sie wird uns nicht W? stören. Bei meiner Schwester konnte ich sie doc* nicht lassen. Es war einfach meine Pflicht, sie K mir zu nehmen." „Ich habe dich ja nicht gehindert. Im Gegen' teil. Ich habe das Zimmer Herrichten lassen, oha- nach dem Preis zu fragen." I „Besser, das Geld dafür auszugeben, als• im Cafe zu verludern. Jetzt laß mich in Ruhe. Sr schlafe schon." lFortsetzung folgt.) Nr. 194 Mittwoch, 21. August 1935 Sette 8 kücktrlttrsbrlchten Meißners Berlin.(AP.) Nach und nach stößt der Nationalsozialismus alle diejenigenElemente, die sich gleichzuschalten suchten, also gewissermaßen die Nationalsozialisten der„letzten Stunde" ab. Die Gleichschaltung nützt ihnen demnach auf die Dauer nichts. Die Zahl der Beispiele ist Legion, mag cs sich um Wirtschaftspolitiker wie Hugen- durg, um Künstler wie Hanns Heinz Evers und Johst, um Spezialisten wie Gördeler handeln. Scheinbar bilden Papen und Seldte, dessen Stellung sich mal wieder vorübergehend gefestigt hat, eine Ausnahme, aber auch nur scheinbar: denn ihr Schicksal hängt ja stets an einem Fädchen, und ihre Rolle ist ja alles andere als glorreich. Daß sich in Reichswehr und Auswärtigem Amt die alten Kräfte noch halten, daß durch Schacht und Trendelenburg Kräfte von gestern wieder zu Einfluß gelangten, widerspricht dem zwar, zeigt aber nur, daß zwei polar entgegengesetzte Tendenzen in Deutschland miteinander ringen. Die Entfernung der alten Kräfte liegt nicht nur in der Richtung des Totalitätsstrebcns, sondern Der Mann in allen Gassen— endlich in der Sackgasse? dient gleichzeitig als Scheinkonzeffion an die Radikalen, die bei den personellen Veränderungen z. B. bei der Ersetzung von Letzeow als Berliner Polizeipräsident durch Helldorf— jedes Mal in Jubel ausbrechen, ohne die substantiellen Veränderungen abzuwarten. Da- neueste Opfer ist Hitlers persönlicher Staatssekretär Meißner, den man jetzt unter Hinweis auf seine politische Vergangenheit herausdrängen möchte, so daß er gewillt ist, das Feld zu räumen. Es heißt, daß besttmmte Kräfte ihn aber halten wollen, da er über zu viele Interna aus der Zeit vor der Machtergreifung informiert ist. Jn J^ürte W AnHOBHMmBHMaMHHnr KönigSbcrft.(AP.) Jn einer Versammlung in Tilsit wurde den Bäckermeistern eine Entschließung vorgelegt, wonach sie sich verpflichten, an keinen Juden mehr Brot zu verkaufen. Alle gingen auf diese Verpflichtung ein, bi- auf zwei Bäcker, die erklärten, au- menschlichen Gründen darauf nicht eingehen zu können. Die Friseure in Tilsit verpflichteten sich, in Zukunft keine Juden mehr zu rasieren, und die Hausbesitzer gingen eine Verpflichtung ein, allen Juden zu kündigen und an keinen Juden mehr eine Wohnung zu vermieten. Berlin.(AP.) Obwohl der Nationalsozialismus die Liquidation des Wohnungselends derheißen hatte, ist gegenüber dem Vorjahre die Zahl der in Schrebergärten hausenden Laubenbewohner von 35.060 Familien mit 120.000 Köpfen auf 50.000 Familien mit 140.000 Köpfen gestiegen. Berlin. Das Vermögen deS bekannten Schriftstellers Hegemann, deS BerfafferS der„FridericuS"- Bücher und der„Entlarvten Geschichte", wurde beschlagnahmt. Genf. Der am Sonntag erstattete Bericht der Völkcrbundmandatskommisiion stellt fest, daß sich im Mandatsgebiete in Südwestafrika eine scharfe natio- nalsozialistische Bewegung kundgibt, welche auf die Rückerstattung der ehemaligen deutschen Kolonien an Teutschlaud abzielt. Alexandrien. Die Zahl der Aegypter, die sich rum Freiwilligen Dienst in der abessinischen Armee gemeldet hat, beläuft sich auf rund 4000. Darunter befinden sich 1912 ehemalige Offiziere. Verschiedene ägyptische Kaufleute haben sich angeboten, Abessinien durch Warenlieferung zum Selbstkostenpreis zu unterstützen. R»m.(AP.) Die Deserttonen italienischer Soldaten erfolgen jetzt nicht nur über die fran- röiistde und schweizerische, sondern auch über die österreichische und jugoslawische Grenze. An einem Tage überschritten 20 Deserteure auS Venezia Giulia die jugoslawisch« Grenze. Malland. Di« Warenbörsen von Mailand, Bologna. Florenz, Fiume, Genua, Neapel. Vadua, Turin, Triest und Venedig sind von der Regierung -«schlossen worden. i Ausbeutung bis aufs Die„Volksgemeinschaft** der Henlein-Unternehmer In der Partei Henleins ist der schönste Radfahrbetrieb im Gange. Das Grundprinzip i der Bolksgemeinschastler lautet: Sichvorden ^Kapitalisten duckenund aufdie Arbeiter treten. Hiefür sprechen wiederum die zwei folgenden Meldungen: Der Bezirksleiter als Ziegelelbesltzer Aus Znaim wird gemeldet: Jn einer Bezirksratstagung der Henlein-Partei wurde am 28. Juli ein gewisser Brosch aus Klein- iTeßwitz als Bezirksleiter gewählt. Dieser Mann ist zur Vertretung der Henlein- Proleten wie geschaffen, denn er ist Ziegeleibesitzer und weiß den Kapitalswert der Volksgemeinschaft zu schätzen. Die Löhne, die er zahlt, mögen«in Gradmesser seines sozialen Empfindens sein: Die Arbeiter, die mit den Ziegelwagen fahren, haben einen Stnndenlohn von 1.20 K£; die in der„Gstettcn" Beschäftigten verdienen in der Stunde 1.50 Kö und die bei den Tischen mit dem Schneiden Beschäftigten verdienen 1.60 KL pro Stunde. Die unterste Gruppe kommt also bei einer achtstündigen Arbeitszeit wöchentlich auf 57.60 KL! Die zweite Gruppe verdient in einer Achtundvier« zig-Stundenwoche 72 KL und die dritte Gruppe 76.80 KL! Sind das nicht herrliche Löhne? Wehe aber dem Proleten, der dagegen aufmuckt. Herr D e g e n b a ch, der Obmann der Klein-Teßwitzer Henleinianer, hat es ja ganz deutlich gesagt: „Wem dieser Lohn zu gering ist, der soll es nur sagen! ES sind Leute genug da, die nm diesen Lohn gerne arbeiten." Vor Jahren, als die Ziegelarbeiter noch eine gute gewerkschaftliche Organisation hatten, sahen ihre Löhne ein wenig anders aus! Damals betrug der vertraglich festgelegte Stundenlohn 2.25 KL. Der Schlaglohn für 1000 Mauerziegel, der heute 35 KL beträgt, war damals 55 KL! Buchhalter mit 83 Kronen Wochenlohn — für 80 Stunden Arbeit In einer Handelsmühle im Egerer Bezirk ist ein Buchhalter mit Gymnasialbildung beschäftigt, der ein Gehalt von sage und schreibe 83.60 KL in der Woche hat. Sein Chef ist ein strammer Henlein- und Hitleranhängcr. Für dieses Gehalt von 83.60 KL in der Woche muß der Buchhalter täglich eine Arbeitszeit von ettva vierzehn Stunden bewältigen. Denn dieser Buchhalter mit der wahrhaft.volksgemeinschaftlichen" Entlohnung ist nicht nur Buchhalter, sondern auch das Mädchen für alles, mit dem man nach Gutdünken verfahren kann. Der Buchhalter muß, neben seiner Facharbeit, Fuhren Heu abladen, Säcke auf das Auto aufladen, beim Bäcker wieder abtragen, Säcke aufschichten, Kartoffeln hacken, Feldarbeit leisten, Kraut stampfen und Speck leiern. Jn dieser vom wirklich nationalen Geist erfüllten Mühle geht«S also zu wie in den finstersten Zeiten der Leibeigenschaft. Auch die Frau des Buchhalters hat im Sommer die hohe Ehre, im Betriebe des großzügigen Henlein-Chefs zu fronen. Sie wird mit Feldarbeit, Säckeflicken und Waschen von früh bis abends um 9 Uhr beschäftigt und erhält dafür von ihrem Arbeitgeber 5(in Worten: fünf) KL täglich! Jn der Stube des Chefs aber hängt als segnender und richtungweisender«guter Geist" Konrad Henlein, vertreten durch ein Bildnis in Lebensgröße. Freiheitsopfer ohne Zahl Sozialdemokraten In den Krallen des Hitterreslmes Die jüngste Ausgabe des„Neuen Vorwärts" füllt drei Spalten mit Kurzberichten über politi» ! sche Prozesse gegen illegale sozialdemokratische Kämpfer, die in letzter Zeit in Bayern, Westfalen, Dachsen, Hamburg und Berlin durchwegs mit der Verhängung schwerer Zucht« , haus- oder Gefängnisstrafen gegen die Angeklag- [ ten abgeschlossen wurden. Ueber das Ausmaß dieser zur weiteren > Kenntnis gelangten Freiheitsopfer— und dies ist i nur ihr geringster Teil— gibt nachstehende Zusammenstellung des„Neuen Vorlvärts" über die in B e r l i n innerhalb Jahresfrist erfolgten Verurteilungen Aufschluß: 1. Prozeß, 24. Mai 1934: 23 Sozialdemokraten zu insgesamt 30 Jahren 9 Monaten Zuchthaus, 17 Jahren Gefängnis. 2. Prozeß, 24. Mai 1934.' 7 Sozialdemokraten zu insgesamt 27 Jahren Zuchthaus, 7 Jahren 6 Monaten Gefängnis. 3. Prozeß, 26. Mai 1934: 16 Sozialdemokraten zu insgesamt 9 Jahren 9 Monaten Zuchthaus, 20 Jahren 6 Monaten Gefängnis. 4. Prozeß, 20. Juni 1934: 7 Sozialdemokraten zu insgesamt 5 Jahren 3 Monaten Gefängnis. 5. Prozeß, 14. Juni 1934: 7 Sozialdemokraten zu insgesamt 8 Jahren Zuchthaus, 4 Jahren, 9 Monaten Gefängnis. 6. Prozeß, 28. Juli 1934: 19 Sozialdemokraten zu insgesamt 6 Jahren Zuchthaus, 27 Jahren 6 Monaten Gefängnis. 7. Prozeß, 25. August 1934: 6 Sozialdemokraten zu insgesamt 2 Jahren 6 Monaten Zuchthaus, 8 Jahren 9 Monaten Gefängnis. 8. Prozeß, März 1935: 11 Sozialdemokraten zu insgesamt 8 Jahren 3 Monaten Zuchthaus, 9 Jahren 4 Monaten Gefängnis.'• 9. Prozeß, März 1935: 13 Sozialdemokraten zu insgesamt 16 Jahren Zuchthaus, 19 Jahren 2 Monaten Gefängnis. 10. Prozeß, April 1935: 3 Sozialdemokraten za insgesamt 6 Jahren Zuchthaus. » Ehre de« tapferen Kämpfern! Gro8e Aktivität der Reichswehr an der österreichischen Grenze Salzburg. Wie die Blätter melden, führt die deutsche Reichswehr entlang der bayrischösterreichischen Grenze verschiedene militärische Maßnahmen durch. So holzten ihre Abteilungen an mehreren Stellen Wälder ab und errichteten Uebungsplätze oder errichteten Bauten zu bisher unbekannten Zwecken.'Nach Neichenhall wurde plötzlich eine Garnison gelegt. An allen Grenzübergangsstellen nach Oesterreich lvurden die Grenzwachen verstärkt, vielfach durch Reichswehrabteilungen. ««Wann frißt Du mich?** Ostrtil gestorben Gestern starb Otakar Ostrkil. der Optrnchef des Prager Nationaltheaters. Eine Blutadernentzündung und eine Lungeninfektion, schließlich eine Lebercrkranlung ' hatten den Organismus des 56jährigen so geschwächt, daß auch eine Bluttransfusion ihn nicht mehr zu retten vermochte. Mit Otakar Ostrkil verliert das tschechische Kunst- und Theaterleben einen seiner bedeutendsten Repräsentanten, einen prachwollen Menschen und Musiker, dessen Hinscheiden auch wir tief betrauern. Seit nahezu einem Menschenalter hatte Ostrkil seine ganze immense Kraft und Begabung der Musikkultur in Präg gewidmet» hat sie, jpt; nur wenige seiner Zettgenoffen, unablässig gefördert und bereichert und sich mit seinem Wirten nicht nur ein bleibendes nationales, sondern auch ein bedeuterides internationales Verdienst er- Ivorben. Otakar Ostrkil, ein Prager Kind, hatte sich in seiner Jugend dem Philosophie- und dem Musikstudium zu gleicher Zeit gewidmet, war erst Profeffor an der Prager tschechischen Handelsakademie und trat, ein Schüler Meister FibichS, im Jahre 1908 die Dirigentenlaufbahn an. Schon damals, in der Prager Orchestervereinigung, lenkte Ostrkil als ernster moderner Musiker die Aufmerksamkeit auf sich. Mit den strengsten Prinzipien ging er ans Werk, erfüllt von einer gewaltigen Energie, von idealem Glauben an die Kunst, an ihre allgemein menschliche und soziale Bedeutung. Jn diesen Intentionen leitete er während der Krtegsjahre die Oper des Weinberger Stadttheaters. Dann, nach dem Abgang Kovako- vic', wurde er an das Nationatheater berufen, an dem er mit rastlosem Fleiß die Nationaloper aufbaute, auf die die Tschechen heute mit Recht so stolz sein können. Ostrkil begnügte sich aber keineswegs mit der Erfüllung der Hauptaufgabe einer tschechischen Nationaloper, das heißt mit gediegenen, oft in intereffanten Zyklen zusammengefaßten Aufführungen der Werke Smetanas, Dvoraks, FibiHS, Noväks, Försters, mit der eigentlichen Entdeckung Janäkeks, sondern widmete sich mit gleicher Liebe und Sachkenntnis auch der internatio-- nalen Musik. Hier ist vor allem zu erwäh- nen, daß Ostrkil es war, der bald nach dem Dirigentengastspiel Gu st av MahlerS in Präg, der damals hier seine Siebente Symphonie Dirigierte, der überhaupt erste Musiker in Prag Ivar, der.sich Mahlers annahm(so daß also Zemlinsky, der Opernchef des Deutschen Theaters, dann ge- wiffermaßen schon eine Tradition für feine bedeutende Mahler-Pflege vorfand.) Und Ostrkil war es, der sich auch sonst und weiterhin der Musik- Moderne annahm, der den Ruhm Schönbergs, Stravinskis, Ravels nach Prag trug. Immerdar wat Ostrkil ein BekenNer. Sooft Ostrkil selbst am Pulte erschien, gab es einen großen Abend. Er war einer von jenen Dirigenten, die restlos den Willen des Komponisten zu respektieren sich bemühten. Seine Stabführung war peinlich genau, an Mkurateffe und Einfühlsamkeit vorbildlich. Bor allem war Ostrkil, auch am Pult, bewegende Kraft, dramatische Persönlichkeit. Und dieser Seite seines Wesens entstammt anch das Beste unter all dem, was er selber als Kompanist gab. Seine Orchester« und Opernwerke, nicht denkbar ohne Smetana und Fibich, aber auch nicht ohne Mahler und Wagner (deffen Werke er am Rationalth-ater nach Kräften pflegte), atmen neuromantisch-dramatischen Geist, ein warmes, tiefmenschliches Gefühl. Bon Ostrkils Werken verdienen vor allem seine Symphonie„Kreuzweg", seine Bcrtonung des Volksliedes vom„Verwaisten Kind" und die letzte seiner Opern.Hansens Königreich" Erwähnung. Ostrkil vor allem ist es zu verdanken, wenn heute das Prager Nationaltheater nicht nur die Sympathien der tschechischen und deutschen Bevölkerung der Hauptstadt, sondern auch Anerkennung überall jenseits der Grenzen genießt. Er hinterläßt ein prachtvolles Erbe. Die Verwalter werden, wenn die Trauerakkorde verklungen sind(in die sich auch das Leid einer Witwe und eines zehn, jährigen Töchterchens mischen), vor einer schweren Aufgabe stehen, da sie nun einen kaum Ersetzlichen zu ersetzen haben. Unsere Partei hat, auch im Namen des „Sozialdemokrat", dem Nationaltheater den Ausdruck des Beileids zu dem schlveren Verlust durch den Tod Ostrkils übermittelt. Stift 4 Mittwoch, 21. August 1935 Nr. 194 Offene Bahnschranken: Berkehrsunglück bei Podöbrad Motors«- und Lastauto: elf Verwundete Prag. Gestern um 11 Uhr 5 Minuten ereignete sich auf dem durch Bahnschranken geschützten Uebergang bei Bad Podebrad ein Zusammenstoß des Personenmotorzuges Nr. 1203 mit einem Lastautomobil, auf dem die russische Emigrantin Irena Luzanovska ihre Habfchaft übersiedeln ließ. Das Lastauto und seine Fracht wurden beträchtlich beschädigt, ebenso der Motorwagen, der entgleiste. Der Besitzer und Lenker des Autos, R. Bier aus Zwittau, wurde leicht verletzt. Außerdem wurden von den Paffagieren des Autos Alexander L uu tagen. Es trafen über 2400 Teilnehmer aus 43 europäischen, amerikanischen, asiatischen und afrikanischen Staaten ein.„ Sommerschule Bern 1935 Unter der Losung„Erneuerung der Kultur" jand in der Zeit vom 8. bis 11. August die 6. Sommerschule des Internationalen Berufssekretariates der Lehrer(I. B. L.) in Bern statt. Die schweizerische Bundeshauptstadt mit ihrer herrlichen Lage gab einen schönen Rahmen für die Veranstaltung ab. Getrübt wurde die Freude für die Teilnehmer aus der Tschechoslowakei nur durch die hohen Preise. Bern selbst ist eine alte Stadt mit vielen charakteristischen Laubengängen, mittelalterlichen Brunnen, hohen Brücken und einem Volkshaus, von dessen Betrieb sich unsere Arbeiterschaft keine Borstellung machen kann, da di« Lebenshaltung der dortigen Arbeiterschaft eine wesentlich andere ist als bei uns. Die Berner steigewerkschaftliche Lehrerschaft hat alles aufs beste vorbereitet. Die Sommerschule wurde am 8. August abends im Volkshause vom Präsidenten des T- B. L. Pniv.-Prof. Gen. Zoretti eröffnet, dessen Schlußworte in eine ergreifende Trauerkundgebung für Otto Glöckel ausklangen. Anschließend wurden verschiedene Begrüßungsansprachen gehalten. Besondere Erwähnung verdient die des Vorsitzenden des schweizerischen Gewerkschaftsbundes, des Genossen Meister. Er schilderte die wirtschaftliche und gelverkschaftliche Entwicklung des Landes und gab den Teilnehmern der Sommerschule einen interessanten Einblick in die gesellschaftlichen Zustände der Schweiz. Am 6. August begann dann die eigentliche Arbeit, welche mit einem großangelegten Bortrage des Genfer Univ.-Prof. Genossen Dr. Oltramare eingeleitet wurde, Er ging in seinen Ausführungen von der Definition aus, daß die Kultur die Gesamtheit der geistigen Schöpfungen ist, welche eine bestimmte Gesellschaft weiter vermitteln kann als Mittel zur Bereicherung und Befreiung des Geistes. Die Tatsache, daß das Kulturproblem eine soziale Frage ist, bewies er an der hellenischen, römischen und christlichen Kultur des Mittelalters. Eingehend beschäftigte sich der Redner mit der bürgerlichen Kultur, von b«r er sagte, daß sie die moderne Wissenschaft geschaffen habe, welche in bedeutender Weise die materiellen und geistigen Lebensbedingungen des größten Teiles der Menschheit verbesserten. Ihr größtes Verdienst sieht er in der Ausdehnung der Elementarschulbildung. Der Niedergang der bürgerlichen Kultur setzte in dem Augenblicke ein, wo die wirtschaftlichen Grundlagen ins Wanken gerieten. Uebergehend zum öffentlichen Schulwesen behandelte er Methoden und Stoffe des gegenwärtigen Unterrichtes und zeigte auf, wie die Erneuerung der Kultur nur möglich ist, wenn das Gesetz des Gemeininterefses an die Stelle des Vrivatinteresses tritt. Hiezu nahm Gen. Anna Siemsen schriftlich Stellung, ihre Ausführungen deckten sich größtenteils mit denen des Vortragenden. Anschließend sprachen dann noch eine ganze Reihe Diskussionsredner. Am 7. August wurden die Vorträge fortgesetzt, es sprach zunächst Prof. Zoretti-Frankreich über„Neue kulturelle Ideale". Kurz zusammengefaßt sagte er:„So wie die liberale Wirtschaft gestorben ist, so stirbt auch die tradionelle bürgerliche Kultur, wie der Kapitalismus versucht, eine neue Wirtschaft zu schaffen, so bemüht er sich auch, neue kulturelle Formen zu finden. Zwei dieser Restaurationsbestrebungen sind der Fascis- Mus und die Technik. Der Fascismus überspitzt die. Begriffe Nation(Italien) und Rasse (Deutschland). Der Grundsatz der Gleichwertigkeit der Menschen aller Rassen und ihre gegenseitige ethnische Abhängigkeit ist moralisch viel höher zu bewerten wie der rassische Grundsatz. Die Opferung des Individuums für den Staat« für die Nation oder für die Rasse kann keine dauerhafte Grundlage für die Erziehung oder für die Kultur bilden. Die fascistische Erziehung z. B. in Deutschland ist in Wirtklichkeit die vollständige Preisgabe alles dessen, was für einen zivilisierten Menschen den Sinn und den Wert des Lebens ausmacht. Es kann nur eine Kultur wertvoll sein und den Sinn einer Erneuerung haben, die wirklich menschlich ist, die den Aufgaben des Menschen Rechnung trägt und an die unendliche Verbesserung des Menschen glaubt. Es sprachen dann Roamer über den„Dritten Humanismus und den Fascismus" und Dr. Bratu über„Die Arbeitsschule als Vorbedingung fiir die sozialistische Entwicklung des Individuums". Der 8. August war einer GanztagStour jn das Berner Oberland gewidmet. Bon herrlichem Wetter begünstigt, wurde eine Tour nach Interlaken über den Brienzer See auf das Brienzer Rothorn unternommen. Zum Greifen nahe lagen die schneebedeckten Gipfel der Jungfrau, des Mönch, des Eriger, Finstererhorn, Wetterhorn und Schreckhorn.- Am 9. August sprach Roger Clausse über „Die Grundlagen einer neuen sozialistischen Schule". Der Redner warnt vor der Verwechslung von Erziehung und Kultur. Er schildert dann die sozialen, wirtschaftlichen und klassenmäßigen Ein flüsse in der Erziehung. Nach einer Kritik der Erziehung der Gegenwart zeigt der Redner die Gefahren auf, welche die sozialistische Erziehung zu vermeiden hat. In eingehender Darstellung behandelt er dann die Grundfätze der sozialistischen Erziehung, die. dem Allgemeininteresse zu entsprechen hat. Hiebei wird die These aufgestellt und besonders verteidigt, daß die Tagespolitik die Schwelle der Schule nicht zu überschreiten hat. Eine moderne Erziehung muß die vollständige Uebereinstimmuyg zwischen gesellschaftlichen und pädagogischen Tatbeständen Herstellen. Weiter gab dann Heinrich Frey, Zürich, einen äußerst interessanten Ueberblick über die Lage der Schweizer Schule und ihrer Lehrer. Zu erwähnen wären, daraus zwei Tatfachcn, daß die Schweizer Behörden wirkliche Demokraten sind und daß ein Schweizer Lehrer mehr Anfangsgehalt hat, als bei uns der Endgehalt beträgt. Aus diesem Tatbestand könnten die Verantwortlichen in der Tschechoslowakei vielleicht manches lernen. Frau Clenot, Frankreich, sprach dann von den Ueber- gängen zwischen bürgerlicher und proletarischer Kultur. Am Samstag, dem 10. August, sprachen u. a. Prof. Reymond, Schweiz, über die praktischen Probleme der neuen Kultur und Prof. Weber über Mathematik und Kultur. Diesen Borträgen konnte der Berichterstatter infolge des Kongresses des I. B. L. nicht beiwohnen. Am 11. August wurden von Prof. Zoretti die Ergebnisse der Sommerschule zusammengefaßt und die notwendigen Schlußfolgerungen gezogen. Die nächste Sommerschule findet 1936 in Belgien statt. Josef H u d I. Vereinigung„Rotes Kreuz" in Abessinien gegründet Die Frauen der abessinischen Fürsten gründeten soeben in Addis Abeba eine Rote-Kreuz-Organi« sation, die dem internationalen Roten Kreuz angeschlossen ist. Unser Bild zeigt die Frauen der abessinischen Stammesfürsten nach der Gründungsversammlung in Addis Abeba. Wie die„Lusitania" torpediert wurde Bon Martin-ChristianSander. Die kürzlich von englischen Blättern verbreitete Nachricht, man habe endlich das Wrack der„Lusitania" gefunden und werde versuchen, den mit ihr untevgegangenen Goldschatz zu bergen, weckt die Erinnerung an jene Tat der Kaiserlich Deutfchen Marine, durch die vor nunmehr zwanzig Jahren das Riesenschiff der Cunard Line, der unangenehmste Konkurrent der Schnelldampfer des Norddeutschen Lloyd und der Hamburg-Amerika Linie, kurz vor dem Einlauf in seinen Heimathafen Liverpool versenkt wurde. Rund zweitausend Passagiere befanden sich an Bord, von denen über elfhundert elendiglich e r t r a n k e n. Jn Deutschland wurde die Torpedierung der „Lusitania" als ein herrlicher Sieg mit Flaggen und jubelnder Begeisterung gefeiert; es wurde sogar eine Medaille geschlagen, die das Bild eine- in den Fluten versinkenden DampftrS mit vier Schornsteinen und auf dem Revers ein U-Boot zeigte. Aber die zivilisierte Welt, auch die dem Deutschen Reich wohlgesinnten neutralen Staaten waren empört über den Mord an hunderten friedlicher Nichtkombattanten, zu deren>Rettung entgegen den Bestimmungen des Seekriegsrechts kein Versuch gemacht wurde und auch gar nicht gemacht werden konnte. Die Vereinigten Staaten von Amerika hatten wegen der zu Tode gekommenen amerikanischen Passagiere, unter denen viele Frauen und Kinder waren, einen scharfen Notenwechsel mit Deutschland, der zum Abbruch del diplomatischen Beziehungen führte und schließlich einer der Hauptgründe war für die Kriegserklärung Amerikas an Deutschland. Die Einzelheiten der Torpedierung sind wenig bekannt geworden. Deutschland hatte au- begreiflichen Gründen kein Interesse daran, die traurige Affäre neu aufzurollen, und für die englische Seekriegsleitung bildet sie kein Ruhmesblatt. Es war nämlich keineswegs ein Zufallstreffer, der dem Kapitänleutnant Schwieger von„U 20" beschieden war, sondern, so unglaublich es klingen mag, die„Lusitania" wurde dem an bestimmter Stelle auf sie wartenden U-Boot nach einem vom deutschen Admiralstab auf da- sorgfäüigste vorbereitetem Plan schutzgerecht vor die Rohre gesteuert! Daß man dabei eine ganze Reihe von internationalen Verträgen verletzte und gegen Sondervereinbarungen mtt der usamerikanischen Regierung verstieß, das kümmerte die goldenen Aermelstreifen im Reichsmarineamt nicht. t Einige Jahre vor dem Kriege war inSay- v i l I e, einem Ort an der atlantischen Küste von Nordamertta, mit Genehmigung der usamerikanischen Regierung eine deutsche Funkstation erbaut worden. Heute sind Radiosendungen zwischen Europa und Amerika alltäglich, aber damals war die Technik noch nicht so weit» und die Station Sayville sollte Versuche durchführen zur Ueber- brückung des Ozeans mit Radiowellen. Deutsche Ingenieure und Techntter waren dort tätig, denen einige Monate vor Kriegsausbruch eine Anzahl ausgebildeter Marinefunker beigestellt wurden. Am 7. Mai 1918 näherte sich der 31.000 Tonnendampfer„Lusitania" auf der Fahrt von New Uork nach Liverpool der englischen Küste. Kapitän Turner hatte.eine Geheiminstruttion von der englischen Admiralität, daß man, sowie der Dampfer sein Eintreffen in der Kriegszone funkentelegraphisch in verabredeter Chiffte gemeldet habe, ihm ebenfalls durch Funffpruch den genauen Kurs angeben werde, auf dem er den aus ihn wartenden Geleitzug, einen Kreuzer und mehrere Torpedoboote, antreffen werde. Die Kriegsschiffe würden den Passagierdampfer in ihre Obhut nehmen und sicher in den Hafen geleiten. So weit ganz gut, aber zum Unglück für den Dampfer„Lusitania" waren die Engländer in der Ausführung dieses Planes langsam, die Deutschen dagegen flink. Als die„Lusitania" kurz vor der Einfahrt in die Irische See, den MeereSarm zwischen Irland und England, stand und an Backbord die Küstenlinie der„grünen Insel" in den ersten Morgenstunden gut zu erkennen war, gab der Bordtelegraphist gemäß der erhaltenen Instruktion dreimal den chiffrierten Schiffsnamen, um der Admiralität in London das Eintreffen der„Lustta- nia" in den englischen Gewässern und damit in der durch deutsche U-Boote gefährdeten Zone anzuzeigen, Dann stellte er die Radioanlage aus Empfang um, und sofort kam auch aus dem Aether mit den Zeichen des Geheimcodes der englischen Marine für den Signalverkehr mit Handelsschiffen der erwartete Befehl an den Kapitän der „Lusitania" einen Punkt 18 Seemeilen W e stm ordwest des Leuchtturme s v o n C a p e K i n s a l e anzustcuern. Diesen Befehl brachte der Telegraphist, nach-., dem er ihn dechiffriert hatte, sofort auf die Brücke und übergab ihn Kapttän Turner. Ein kurzes Ruderkommando— und mit leichter Wendung schlug das große Schiff in unverminderter Fahrt den neuen Kurs ein, den Todeskurs für die mei- sten der Mitreisenden. Zwei Stunden später lag die„Lusitania" genau auf der befohlenen Stelle, und während Kapitän Turner und seine Offiziere vergebens den Horizont nach den e»warteten Geleitfahrzeugen absuchten und über die vermeintliche Bummelei der Nayy-Leute viele kräftige Seemannsflüche vom Stapel ließen, steuerte Kapitänleutnant Schwieger, der mit„U 20" bereits seit vierundzwanzig Stunden auf der ihm gleichfalls befohlenen Stelle 18 Seemeilen We st nord- west des Leuchttürmes von Cape Old H e ad o f K i n s a l e geduldig auf sein Opfer gewartet hatte, das U-Boot in aller Ruhe genau auf das Ziel, den mit fleiner Fahrt fast still liegenden Dampfer ein. Eine ideale Schußgelegenheit für einen U-Bootskommandanten I Vergnügt schaute der junge Offizier durch das Perioskop auf den riesigen„Kasten", der von beiden vorderen Schornsteinen weiße Wolken überschüssigen Dampfes abblies,— dann ließ er durch das^Lichtsignäl„Fertig— loS l" in den vorderen Torpedoraum beide Bugtorpedos laufen.„Gad- damned and twee quarters," brummte der Erste Offizier der„Lusitar.'.a".zu dem mürrisch an,sei-' ner Shagpfeife saugenden Kapitän Turner herüber,„diese verdammten Royal-Ravy-Kerle, Wir werden mindestens drei Stunden verlieren...' Weiter kam er nicht. Eine furchtbare Detonation riß den Rumpf der„Lusitania" an Steuerbord mitffchiffs auf, und eine halbe Stunde später war das Drama vollendet, nicht aber der Todeskampf vieler bis zur endlichen Ermattung mit den Wellen kämpfenden Menschen. Das schnellste Schiffi der Welt, Inhaber des Blauen Bandes seit vielen Jahren, lag auf dem Meeresgrund. Die spätere gerichtliche Untersuchung der Torpedierung der„Lusitania", die von usamerikanischen Behörden durchgeführt wurde und mit schwerer Bestrafung der verantwortlichen Angestellten der Funkstation Sayville wegen flagrantem Neutralitätsbruch und Felonie endete, ergab, daß der funktelegraphische Befehl an Kapitän Turner, der die„Lusitania" direkt vor die Tor«' pedorohre des lauernden U-Bootes führte, von Sayville gegeben worden war. Da den Handelsschiffen in det''KrieMüne'^jeder Funkverkehr strengstejiS unkersägl war^so häMHrk Funker der „Lusitania" nach Empfang des erwarteten Kursbefehls die Anlage abgestellt und den einige Zeit, vielleicht nur Minuten später von der Admiralität in London gesendeten richtigen Kurs zu den britischen Geleitschiffen nicht mehr ausgenommen. Daß das deutsche Reichsmarineamt im Besitz des Geheim-SignalbucheS der englischen Kriegsmarine für den Verkehr mit Handelsschiffen war, ist nicht weiter verwunderlich. Die GeheimcodeS der Marinen aller kriegführenden Mächte mutzten während des Krieges mehrere Male geändert werden, weil sie immer wieder entweder durch Verrat oder durch Beschlagnahme an Bord aufgebrachter Schiffe in die Hand des Feindes gekommen waren. Nicht aüfgellärt ist dagegen, wie es der deutschen Spionage- und Sabotageorganisation in USA, die von dem Militärattache Herrn von Pap em, dem späteren Reichskanzler, geleitet wurde, gelungen war, Kenntnis von der Instruktion der britischen Admiralität an Kapitän Turner zu erlangen. Doch ist es wahrscheinlich, daß die „Lusitania" auf ihren letzten Fahrten sich auf gleiche Weise gemeldet und von der Admiralität Kursanweisung empfangen hatte, was von der deutschen Großfunkstation Norddeich abgehört Und über das Reichsmarineamt nach Sayville gemeldet wurde. Zwei Jahre nach der Torpedierung dec „Lusitania" wurde unweit der Stelle, wo der Ozeanriese auf den Grund gegangen ist, das deutsche U- B o o t„U 88" von einem englischen Kreuzer mit der gesamten Besatzung versenkt. Kommandant dieses U-Bootes war Kapitänleutnant Schwieger, den der Kaiser für die tadellose Ausführung des zur Vernichtung der„Lusitania" erhaltenen Befehls mit einem hohen Orden ausgezeichnet hatte. Volkswirtschaft und Sozialpolitik Kartelle erzeugen Arbeitslosigkeit Welch unheilvolle Wirkungen die Kartelle ausüben, dafür liefert ein Beispiel die Ostböhmische Lcinen-Jndustrie-A.-G. in AderSbach. Dieses Unternehmen hat bisher 277 Arbeiter und zehn Beamte beschäftigt und hatte zu tun. Nun hat das Leinenkartcll die Absicht, den genannten Betrieb, der der Böhmischen Escomptebank gehört, anzukaufen, stillzulegen und die Erzeugung anderswohin zu übertragen. Selbswerständlich sind.die Arbeiter der Fabrtt aufs höchste empört und werden alles unternehmen, um das verbrecherische Vorhaben des Kartells zu hintertreiben. Seite 6 „Sozialdemokrat" MittmoH, 21. Anguss 1938. Nr. 194 " 31-34 Kc 9.— Turnschuh von Bafa ist leicht passt ausgezeichnet. 35-3812.- Derber Sporthalbschuh mit ledersohle. Gr. 31-34 Kc 29. Gr. 35-38 Kc 39.-. Hübscher Lackschuh, kombiniert mit Schlangen-Imitation. 31-34 K£ 25.- Z+ Z= U, MS* 6,K 5+ MM Mf+ v M WW r S5 7-5, 999-111- 9, Lx S- W Für Ihre Lieblinge diesen zarten und leichten Schuh. Diverse Farben.— Leichter und fester AIR-REX-Schuh. Gr. 31-34 KL 12.-, Gr. 35-38'/, 15.-. 1431 Strapazschuh für Reissteufel.— Gr. 31-34 KL 29.-, Gr. 35-38 KL 39.- 27-30 „Mokassin" mit Gummisohle.— Gr. 31-34 KL 15.-, Gr. 35-38 KL 19.- fftwr Rettung Messerstich um 15 XL. Gestern vormittags beobachtete der Wächter Franz Flieger in PankraH, wie ein Unbekannter sich auf einem Neubau in der Viktorinova zu schaffen machte und schließlich versuchte, einige Holzblöcke im Werte von etwa 15 XL auf die Seite zu schaffen. Als er den Unbekannten zur Rede stellte, zog dieser ein Taschenmesser und stach nach ihm. Auf die Hilferufe des Wächters führte die Polizei den Rowdy, in dem der 21jährige arbeitslose Maurer Miroslav Hora aus Pankratz festgestellt wurde, ab. Ein Kind und eine Frau überfahren. Gestern vormittags lief in der Podöbradstraße in Zijkov die sechsjährige Jarosiava Mosser, das Töchterchen eines Angestellten der Elektrizitätswerke aus Zizkov, über die Fahrbahn, als ihr ein mit Kohle beladenes Lastauto, das der Chauffeur Väclav Frehl aus Kladno lenkte, entgegenkam. Obwohl der Chauffeur geistesgegenwärtig sofort bremste, wurde das Kind vom Auto ersaht und zu Boden geworfen. Es erlitt eine leichte Gehirnerschütterung, einen Bluterguß hinter dem Ohr und. verschiedene Kratzwunden. Sie wurde, nachdem ihr der Arzt der Rettungsgesellschaft, Dr. Kott, die erste Hilfe geleistet hatte, ins tschechische Kinderspital gebracht.— Gestern früh fuhr der 88jährige Müller Franz Dvorak aus Bilin mit seinem Personenauto E—9.771 durch, die Vervarskü in Dejwitz, als ihm die Gattin des Dejwitzer Musikprofessors Skuhravü, Johanna Skuhravä, wie er behauptet, direkt in die Fahrbahn lief. Sie erlitt einen Bruch der Hand und Quetschungen im Gesicht. Sie wurde vom selben Auto auf die Klinik Jiräsek gebracht. KuneJt und Wtesw Clemens Krauß muß Berlin bereits verlassen! Wien. Wiener Blätter berichten, daß Clemens Krauß, der in Berlin schwer enttäuschte und vom Berliner Publikum nach der Demission Furtwänglers boykottiert wurde, sa sogar bei der Berliner Kritik«ine ziemlich kühle Aufnahme fand, seinen Posten an der Berliner Staatsoper verlassen und daß an seiner Stelle Furtwängler zurückkehren werde. Krauß solle zum Generalmusikdirektor der Münchner Staatsoper ernannt werden, Knappertsbusch gehe nach Dresden, der dortige Direktor Dr. Karl Böhm dagegen komme an die Berliner Städtische Oper. Der Am Berliner Lustspielfilme „Ein bißchen Charme, ein bißchen Chic, und ein kleines bißchen Glück— und die Männer sind schon Verrückt". So und ähnlich lautet die deutsche Poesie, deren Durchbruch man im Dritten Reich mit Bücherverbrennung und Dichtervertreibung gefeiert hat, was natürlich sehr spaßhaft ist,—- sa wie der Film, in dem die erwähnte neudentsche Poesie nur so sprudelt, überhaupt voll echter Heiterkeit ist. Er heißt „Die Katz im Sack" und handelt—„urkomisch" nennt man das— von einer jungen Dame, die einen Rennfahrer liebt und sich um seinetwillen als Sportmädel ausgibt, bis er sie verzweifelt bittet, den Sport ihm zu überlassen, denn die Frau gehört doch in die Küche, die übrigens in diesem Falle eine Schloßküche ist. Aber damit nicht etwa die Zuschauer auf ernste Gedanken kommen, ist die Handlung nach Paris und Monte Carlo verlegt, und die Heldin ist eine Ungarin, die immer zu zappeln beginnt, wenn irgendwo ein Csardas erklingt. Die Schauspielerin Magda Schneider, die auch dann noch münchnerisch wirkt, wenn sie sich wie hier eine blonde Perücke aufpappt und mit verstellter Stimme spricht, mimt die Ungarin so aufdringlich ungeschickt, daß sie nur noch von Goebbels, wenn er den Germanen spielt, übertroffen werden kann. Ja, es geht schrecklich lustig zu in diesem Film, in dem die Leute so unwahrscheinlich blödeln, daß man sie für betrunken hält,— bis sie sich dann plötzlich wirklich betrinken, worauf sowohl ihnen als auch dem Zuschauer'schlecht wird. Angeblich sind alle dies« Vorfälle einem ungarischen Theaterstück entnommen, aber man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß sie zum größten Teile auf Einfälle des Regisseurs Eichberg zurückzuführen sind, der schon zu einer legendären Figur filmischer Possenreißerei geworden war, als ihn Goebbels wieder zu neuen Ehren brachte. Richt minder lustig ist ein anderer Berliner Film, der„knock out" heißt, den Untertitel'„Ein junges Mädchen, ein junger Mann" führt und Herrn Max Schmeling Gelegenheit gibt, als„Schauspieler" die Filmkunst knock out zu schlagen, was ihm infolge der Schwäche seines Gegners glänzend gelingt. Seine Sekundanten sind Anny Ondra und der Spielleiter Carl LamaL. In den Frohsinn, den solche Filme rund um den Wenzelsplatz verbreiten, ist die Schreckensnachricht hineingeplatzt, daß die Berliner Filmlakaien des Herrn Goebbels beschlossen haben sollen, ihre Produkte künftig nicht mehr an die Prager nichtarischen Verleiher zu verkaufen, die sich bisher so aufopfernd um die Verbreitung dieser sympathischen Wart bemüht haben. Wenn die Nachricht auf'Wahrheit beruht. dann wäre das allerdings der beste Witz, der im Berliner Film seit langem gemacht wurde,— ein Witz, wie ihn boshafter kein Satiriker hätte erfinden können.—eis— Filme in Prager Lichtspielhäusern Adria:„Legong." Liebesroman von der Insel Bali.— Alfa:»Die Karnevalsnacht." Gustav Fröhlich. D.— Avion:.Ein junges Diädel— ein junger Mann. D.— Beranek:„Den Himmel auf Fraget Messe 3061 1. bis 8. September Messepalast ah 30. August 9^ SudüiufctyueUe> dec CSU» 33’/, Fahrpreisermäßigung. Auskünfte: Messeamt, Prag VII., Messepalast Erden."— Fen ix:.Tarzan, der Sohn der Wild» nis."— Flora:»Zirkus Barnum." A.— Gaumont:»Di« Katz' im Sack." D.— Hollywood: »Der Kosak und die Nachtigall." D.— Hvczda: »Das Recht auf Glück."— Julis:„Endstation." Paul Hörbiger. Nur bei uns. D.— Koruna:„Die Spur des Todes." D.— Kawa:»Die gefährliche Blonde." A.— Lucerna:»Tarzan, der Sohn der Wildnis." A.— Metro:»U-Boot A. L. 14."— Passage:„Die Katz' im Sack." D.— Praha: »Kitty stiehlt sich ins Glück." D.— Radio:„Abends um 8."— Staut:»Charlie Chans Mut." A.-* Alma:„Der Palast auf Rädern."— Belvedere: »Ihr größter Erfolg." D.— Beseda:»Brennendes Geheimnis." D.— Carlton:„Abends um 8." A. — Illusion:„Die törichte Jungfrau. D.— Louvre: „Abends um 8." A.— Maeeska:„Die törichte Jungfrau." D.— Roxy:„Den Himmel auf Erden." D.— Sport, Smichov:„Der heldenhafte Kapitän Korkoran."— U Bejvodü:»Ich geh' aus und du blesibst da." D.— Baldek:„Abends um 8." A.—* Urania-Kino:„Jugend voran I" Derlanget überall DoUuriinder! Kakteen mit„3auberbuua M begossen, werden zauberhaft schön. Senden Sie uns KL 6.6V in Briefmarken, wir liefern Ihnen dafür den guten Blumenzauberdung, den besten Dungguß für Ihre Blumen. Sie werden staunen, wie herrlich dann Ihre Blumen gedeihen. Verwaltung„Frauenwelt", Prag XII., Fochova tf. 62, und durch alle Kolporteure erhältlich. j Die Hochzett Bon Mich. Soschtschenko Es ist wahr, Wolodjka Sawituschkin hat sich mit dem Heiraten zu sehr beeilt; er beging damit «inen verhängnisvollen Fehler. Es muß offen gesagt werden, daß Wolodjka dem Aussehen seiner Braut keinerlei Aufmerk« samkeit schenkte. Ehrlich gesprochen, er hatte sie ohne Hut und Mantel noch gar nicht gesehen, weil sich alle wichtigen Begebenheiten auf der Straße abgespielt hatten. Erst am Vorabend der Hochzeit ging Wolodjka Sawituschkin mit seiner Braut zu deren Mutter, um sich vorzustellen.' Dies geschah im Vorzimmer, sozusagen im Gehen; er zog nicht einmal den Mantel aus. Kennengelernt hatte Wolodjka seilte Braut in der Straßenbahn. Er sitzt in der Straßenbahn und sieht vor sich eine Dame, die ihm auffällt. So ein blitzsauberes Fräulein im Wintermantel. Dieses Fräulein im Wintermantel steht vor Wolodjka und hält sich mit der einen Hand am Gitter fest. Mit der anderen drückt sie ein Paket an die Brust. Die Straßenbahn ist natürlich überfüllt. Die Leute drängeln. Es ist, aufrichtig gesagt, fast unmöglich zu stehen. Also Wolodjka tat das Fräulein einfach leid. Setzen Sie sich doch auf mein Knie, sagt er so ist es immerhin leichter zu fahren. Aber nein, sagt sie, merci. Dann also geben Sic mir wenigstens Ihr Paket, sagt er; oder legen Sie es auf mein Knie, genieren Sie sich doch nicht! Nein, sehen sie, auch das Paket gibt sie nicht. Vielleicht fürchtet sie sich, daß er es klaut oder sonst was. Wolodjka Sawituschfin besah sie aufmerksam und erstaunte: Mein Gott, denkt er, was fahren doch für reizende Damen in der Straßenbahn. So fahren sie zwei Haltstellen weiter... drei... vier... Endlich sieht Sawituschkin— das Fräulein drängt zum Ausgang. Wolodjka stand auch auf. Und am Ausgang also kam ihre Bekanntschaft zustande. Sie gingen zusammen weiter. Und so schnell und ohne alle Zeitverschwendung entwickellte sich alles weitere, daß Wolodjka Sawituschkin ihr schon nach zwei Tagen einen Antrag machte. Am dritten Tage ginnen sie ins Standesamt und trugen sich ein. Und nun entwickelten sich die Hauptbegebenheiten. Das junge Paar ging in die Wohnung der Mama, wo es erwartet wurde. Dort war natürlich ein vollständiges Durcheinander. Der Tisch wurde gedeckt. Es waren viele Gäste da. Es war ein richtiges Familienfest. Verschiedene Fräuleins und Kavaliere gehen geschäftig im Zimmer herum, bringen Geschirr, entkorken Fläschen. Seine junge Frau hat Wolodjka Sawituschkin schon im Vorzimmer aus den Augen verloren. Und plötzlich, welch ein Schreck, ist er von verschiedenen Mamas und Verwandten umringt, die ihm gratulieren und ihn ins Zimmer ziehen. So steht er nun im Zimmer, plaudert, man drückt ihm die Hand, fragt ihn aus» in welchem Versande er sich befindet. Aber Wolodjka bemerkt, daß er seine junge Frau nirgends entdecken kann. Junge Mädchen gibt es viele im Zimmer, alles ist in Bewegung, aber— Hols der Teufel— er kennt sich nicht aus. Großer Gott! denkt Wolodjka, noch niemals ist mjr etwas ähnliches passiert. Welche von ihnen ist denn nun eigentlich meine junge Frau? Er fing an, zwischen den jungen Mädchen im Zimmer herumzugehen. Bald drängte er sich zu der einen, bald zu der anderen. Diese aber waren sehr zurückhaltend und bekundeten keine besondere Freude. Nun erschrak Wolodjka geradezu. Sieh mal, denkt er, welch eine Falle; ich kann meine Frau schon nicht mehr finden! Die Verwandten aber warfen scheele Blicke nach dem jungen Mann— geht dieser junge Mensch umher wie nicht normal und wirst sich allen jungen Mädchen an den Hals! Wolodjka stellte sich in voller Niedergeschlagenheit an die Tür. Gott sei Dank, denkt er, gleich werden sie sich an den Tisch setzen, dann wird sich alles aufklären! Welche sich zu mir setzt, die ist es! Währenddessen begannen die Gäste sich an den Tisch zu setzen. Die Mama bittet um Gottes Willen doch noch etwa? zu warten. Aber die Gäste sind einfach nicht mehr zu halten— sie stürzen sich auf das Fressen und die Getränke. Man zieht Wolodjka Sawituschkin auf den Ehrenplatz und setzt neben ihn ein Mädchen. Wolodjka warf einen Blick auf seine Nachbarin und ein Stein fiel ihm vom Herzen. Schau an, denkt er, was für eine! Gar nicht übel. Oh« Kopfbedeckung sieht sie sogar besser aus. Die Nase sticht nicht ganz so aus dem Gesicht. Aus übervollem Herzen ergreift er eine Flasche, schenkt sich und ihr Wein ein mid rückt ihr auf den Leib, um ihr zu gratulieren und sie zu küssen. Nun entwickelte sich der Höhepunkt der Begebenheiten. Es ertönen Schreie und hysterisches Gekreische. Dies ist, schreien sie, irgend so ein unnormaler Hundesohn! Auf alle Mädchen stürzt er sich-» Die junge Frau ist noch nicht erschienen und«r fängt schon an mit einer anderen zu üben! Nun begann eine schreckliche Schweinerei und ein hoffnungsloses Durcheinander. Wolodjka hätte vielleicht allem eine scherzhafte Wendung geben können; aber er war schrecklich beleidigt. Es hatte ihm in dem Durcheinander irgend ein Verwandter mit einer Flasch' auf den Kopf gehauen. Der Teufel soll sich da zurechtfinden, denkt er, sie haben mir lauter fremde Weiber hingesctzt und ich soll mich nun zurechtfinden l In diesem Augenblick erscheint die Braut int weißen Kittel mit Blumen an der Seite. Natürlich gibt es wieder Schreie, Schluchzet und Hysterie! Die Verwandten begannen Wolodjka aus der Wohnung zu hauen. Wolodjka aber jammert: Laßt mich doch Ivenigstens fressen 1 Vom Morgen an, sagt er, habe ich wegen au dieser Aufregungen nichts im Bauch. Aber die Verwandten drängten Wolodjka auf die Treppe hinaus. Am anderen Tage ging Wolodjka nach der Arbeit aufs Standesamt und ließ sich scheiden. Dort wunderten sie sich nicht einmal. Das macht nichts, sagten sie, das kommt vor! Und so wurden sie geschieden. Bezugsbedingungen: Bei Zustellung in» HauS oder bet Bezug durch die Poft monatlich KL 16.—. vierteljährig KL 48.—, halbjährig KL»6.—. ganzjährig KL 192.—.— Inserate werden laut Tarif billigst berechnet. Bei öfteren Einschaltungen Preisnachlaß.— Rückstellimg von Manusiriptcn erfolgt nur bei Einsendung der Retourmarken.— Die ZeitunaSfrankatur wurde von der Post» und Tele» graphendirektion mst Erlaß Nr. 13.8VV/VII/1V30 bewilligt.— Druckerei:.Orbis". Druck». Verlags- und Zeitungs-A.-G.. Prag.