Donnerstag, 22. August 1935 15. Jahrgang 1ENTRALORGAN DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHQSIOWAKISCHEN REPUBLIK ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung frag xii..fochova«. Telefon 53077. HERAUSGEBER: SIEGFRIED TAUS. CHEFREDAKTEUR: WILHELM NIESSNER. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR: DR. EMIL STRAUSS, PRAG. Einzelpreis 70 H«n« (•iMchlMlich 5 Heller Forte) Darf der Suezkanal gesperrt werden? Parisi Der„E xcelsior" bringt interessante Darlegungen zu der Ansicht, daß eine der sä'Wersten wirtschaftlichen Sanktionen gegen Italien für den Fall, daß es auch nach der Intervention des Völkerbundes von einer bewaffneten Intervention in Abessinien nicht ablassen würde, die Sperrung des Suezkanals für den kriegerischen Nachschubdienst Italiens wäre, wie dies auch donderSozialistischenJnternatio- nale in Brüssel vorgeschlagen wird. Das Blatt zitiert den Internationalen Vertrag, der am 29. Oktober 1888 in Istanbul abgeschloffen wurde uAd in welchem eS im Artikel l heißt, daß der Verkehr auf dem Suezkanal im Frieden und im Kriege für alle ohne Unterschied der Flagge gestattet sein werde. AuS diesem Grunde wird ausdrücklich erklärt:„Die hohen Vertragsparteien haben nicht das Recht, weder im Kriege noch im Frieden in die freie Benützung des Suezkanals einzugreifen. Für den Suezkanal wird niemals das Blockaderecht gelten." Im Artikel IV desselben Vertrages wird direkt vom Kriege gesprochen.„Die drei BertragS- drrteien haben nicht das Recht, weder den Kanal- derkehr den kriegführenden Parteien, noch auch den Aufenthalt ihrer Schiffe in den betreffenden Häfen 1 d in der Drei-Kilometerzone dieser Häfen, zu verwehren, nicht einmal in einem Falle, wie er im Jahre 1888 vorkam, als die kriegführende Partei das türkische Kaiserreich war. Die Schiffe der kriegführenden Mächte werden bei ihrer Fahrt durch den Kanal ihre Rotvcrsorgung vornehmen können. Für ihren Aufenthalt in den Kanalhäfen, u. zw. sowohl in Suez und jn Port Said gelten die herkömmlichen Regeln, daß sie nicht länger als 24 Stunden ankern dürfen. Zwischen der Ausfahrt eines Schiffes einer der kriegführenden Parteien und der Ankunft eines Schiffes der anderen kriegfiihrenden Partei muffen gleichfalls 24 Stunden verstreichen. Die Anwendung dieser sehr wirksamen Sanktion gegen Italien sei daher heute nicht völlig klar. Italien werde auch der eben erwähnte Vertrag nicht unbekannt sein, denn Aloisi antwortete auf eine Anfrage der Journalisten, daß an amtlicher italienischer Stelle alle Umstände erwogen und alle diplomatischen Dokumente studiert wurden. Eben toeil Baron Aloisi die Elastizität der Auslegung diplomatischer Dokumente erwähnte, ist in Rom offenbar bekannt, daß es keine leichte Sache sein werde. Italien das Durch- fahrcn des Suezkanals unmöglich zu machen. Möge der Vertrag vom Jahre 1888 wie immer interpretiert werden. Lucienne Romier sagt im„Figaro" geradezu, daß dies offenbar Nur um den Preis einer Seeschlacht möglich wäre. Der„Jntransigeant" behauptet, diese Maßnahme hänge nicht nur von Grobritan- Nien ab, vor allem darum, da bis zum Jahre 1966 Aegypten auf Suez Anrecht habe. Wenn man auch zulassen tvüvde, daß Aegypten gegenüber Großbritannien zurücktrete, dann komme auch Frankreich in Frage, das ein großes Aktienpaket der Suezkanalgesellschaft in seinem Besitze habe. Von der Gesamtzahl von 800.000 Aktien befänden sich Nur 353.000 Aktien im Besitze Großbritanniens. Die Gesellschaft habe zehn englische, 21 französische und einen holländischen Direktor. Großbritannien könne also keine Entscheidung über die Schließung des Suezkanals fällen, und zwar auch nicht in dem äußersten Falle, daß der Völkerbund Italien als Angreifer erklären würde. „Paris Soir" veröffentlicht die Information, daß Großbritannien, ehe es zu einer extremen Maßnahme, wie es die Schließung des Suezkanals sei, greifen würde, eher an eine Revision der Verteilung des Kolonialbesitzes denke. fc Die Sperrung des Suezkanals ist natürlich im Grunde keine Rechts-, sondern eine Machtfrage. Wenn England ihn sperrt, kann Italien höchstens protestieren. Die Fernblockade 1914/19 ge g e n Deutschlau d war ja völkerrechtlich auch Unzulässig und wurde trotzdem durchgeführt, ohne daß nach dem Siege der Entente dort jemand das Bedürfnis gehabt hätte, die völkerrechtlichen Grundlagen des Sieges zu überprüfen. Wenn Italien durch den Krieg den Kelloggpakt und das Völkerbundstatut bricht, haben die andern' das selbstverständliche Recht, ein Protokoll aus dem Jahre 1888 umzustoßen. Kabinettsrat über Krieg und Frieden Die Welt blickt nach London Im Laufe des Mittwoch find neben Mr. Stanley Baldwin fast alle Mitglieder des Kabinetts in London eingetroffe«. Wie ernst die Lage ist, beweist aber vor allem die Tatsache, daß man auch mit den O p p 0 s iti 0« s f« h- Baldwin rern und den Gouverneure» der Dominions verhandelt, bezw. sic im Außenamt offiziell informiert hat. Der Ministerrat wird sich, wie verlautet, vor allem mit drei Fragen beschäftige«: welche Anträge der britische Delegierte in Genf stelle» soll, ob die S p e r r e des Suezkanals verhängt und ob das W a f- fenausfuhrverbot nach Abessinien aufgehoben werden soll. Die frauzäsische Presse fährt fort, die schlechte Sache Italiens zu verteidigen, als wäre es ihre eigene. Die Blätter klagen England an und bezichtigen es der Heuchelei. Der Unterton der Polemiken ist bereits die Phrase vom„perfiden Albion", die seit Jahrhunderten abwechselnd von Frankreich und Deutschland den Brite» cntgcgengehalten wird. Die englischen Preffestimmen, die Frankreich zum Einleukc« und znr Preisgabe seiner geradezu tollen und selbstmörderischen Politik mahne», werden als „Erpressungsversuche" abgetan. Es ist d i e Tonart, in der die alldeutsche Presse in den Jahren vor dem Weltkrieg gegen England schrieb. Im selbe« Zuge werden die Engländer an ihre Pflichte« gegenüber Frankreich und dessen Sicherheit erinnert, und wegen ihrer italienfeindlichcn Haltung gerüffelt. Jn auffallendem Gegensatz hiezu bringt der„G i 0 r n a l e d'J t a l i a" einen Artikel, in dem vorsichtig ein Einlcnken versucht und eine englandfeindliche Stimmung Italiens bestritte« wird. London.(AR.)' Dem Führer der Parla- mentsoppofition L a n s b u r y, der Mittwoch früh im Außenministerium versprach, wurde ein detaillierter Bericht über die Arbeiten des Ministers Eden auf der Konferenz der drei Großmächte in Paris überreicht und mit ihm die gesamte Lage durchbesprochen, wie sie nunmehr nach der Unterbrechung der Pariser Verhandlungen in Erscheinung tritt. In den Vormittagsstunden stattete auch Lloyd George dem Ministerium des Aeußern einen Besuch ab. Weiters stellten sich im Außenministerium auch Oberst R a n i e r, der Hohe- Kommissär für Kanada, Stanley Bruce, der Hohe Kommissär für Australien und SirJamesParr, der Hohe Kommissär von Neuseeland ein. Eigenhändig und erbarmungslos will der SdP-Abgeordnete Wollner die Parteikritiker hinauswerfen In den Reihen der Sudetendeutschen Partei geht es unentwegt vorwärts, nämlich mit der Kahenjammerstimmung, die ihre Tagungen beherrscht. Einer der ersten Paladine um den Thron Henleins, Abgeordneter Wollner, hat bei einer Amtswaltertägung in Kaaden eine Rede gehalten, die sich von den Siegesfanfaren nach dem 19. Mai bemerkenswert unterscheidet. Man glaubt eine Strafpredigt Goebbels.an die Kritikaster vor sich zu haben, wenn man Wollners Worte nachliest: „Nach der hellen Begeisterung kommt der graue Alltag mit seinen alten Sorgen. Und da und dort wird ein Kamerad wankelmütig..." denn: „seine Hoffnungen sind nicht so rasch in Erfüllung gegangen." Eben dieser enttäuschte Kamerad wird nachdrücklich belehrt, daß die Wahlversprechungen der Henleinpartei doch nicht ernst zu nehmen lvaren. „Er hat vielleicht törichterweise geglaubt, dieNotwird nun plötz- lichihrEndehaben, wir von der SdP werden das in einem oder zwei Monaten alles wiedergewinnen und retten können, was die anderen Parteien siebzehn Jahre lang leichtfertig vergeudet und vertan haben." So gehts dem braven Hitler.auch. Ter muß ebenfalls in Ermangelung eigener Leistungen seine Reden mit der Aufzählung der Schandtaten der „Systemparteien" in der zurückliegenden Zett ausschmücken. Mit den selbsternannten Führern ist aber weder in der Hitler- noch in der Henleinpartei gut Kirschen essen. Ganz nach brauner Art wendet sich Wollner an die Mies- und Flaumacher in der Partei mit diesen saftigen Drohungen: „Ich sage diesen Kameraden, die unser Wollen heute noch so beurteilen, die das glau ben, die gehören nicht zu uns, die sollen lieber freiwillig gleich von uns Weggehen, bevor i ch ihnen als Kreisleiter darauf komme und sie eigenhändig und erbarmungslos hinauswerf e!" Gäbe es in der Tschechoslowakei keine demokratische Oordnungsgewalt, dann könnte man sich auf einen 30. Juni im Hause Henlein gefaßt machen. Jedenfalls wird Herr Wollner um die Sauarbeit, alle destruktiven Elemente eigenhändig und erbarmungslos aus der Bewegung hinauszuwerfen, kein Hausknecht im ganzen Lande beneiden. * Henlein Im Kelch der Mitternachtssonne Er studiert die„nordischen Menschen“ Aus der bürgerlichen Presse entnehmen wir die neueste sudetendeutsche Hofnachricht, daß Konrad Henlein England verlassen und als nächstes Ziel feiner Studienreise die skandinavischen Länder gewählt hat. Von dort wird er geruhen, wieder in seine Ascher Residenz zurückzukehren. Hoffentlich lüftet Henlein bei diesem Besuch das Geheimnis, warum gerade die„nordischen Menschen" keine Nazi sein wollen. Oder will er vielleicht Beweismaterial darüber-sammeln, wie die sozialdemokratischen Regierungen Schwedens, Norwegens und Dänemarks die Völker im Dienste Alljudas zugrunderichten? Der Raubkrieg gegen Abessinien Eine Entschließung der Sozialistischen Arbeiter- Internationale Die Exekutive der Sozialistischen Arbeiter- Internationale hat in ihrer Sitzung vom 16. bis 18. August 1935 in Brüssel folgende Resolution beschlossen: Im Augenblick, da Mussolini die Trupven- konzentration für den unmittelbar bevorstehenden Angriff aus Abessinien beendet, da der Krieg, noch bevor er erklärt ist, die Spitäler mit Kranken erfüllt und so viel Familien in Trauer versetzt, macht die Internationale ihre Sektionen auf die Notwendigkeit aufmerksam, immer wieder im Lichte der gegenwärtigen Ereignisse den Massen klar zu machen, daß der Faseismus seinem Wesen nach und aus unentrinnbaren Folgen seiner Gewaltpolitik heraus, den Krieg bedeutet. Die drei Mächte der Despotie— Deutschland, Japan und Italien— bedrohen den Frieden der Welt. Während die deutschen Kriegsrüstungen den Frieden Europas erschüttern, während Japan seinen schamlosen Raubzug in China fortsetzt, droht Italien, nachdem es sein eigenes Volk versklavt hat, unter dem Vorwand, in Abessinien die Sklaverei abzüschaffen, ein halbes Dutzend feierlich geschlossener Verträgt mit Füßen zu trete» und einen.zynischen Eroberungskrieg zu beginnen. Selbst in dieser tragischen Stunde erklärt die Sozialistische Arbeiter-Internationale, daß man am Frieden nicht verzweifeln darf. Es gilt vielmehr mit verdoppelten Kräften dafür zu wirken, ihn zu retten. Die Sozialistische Arbeiter-Internationale kann sich in keinem Fall mit dem Krieg abfinden, selbst nicht als Mittel, das italienische Volks zu befreien. 1. Die Sozialistische Arbeiter-Internationale fordert alle ihre Sektionen auf, alle ihnen zur Verfügung stehenden politischen Mittel atuwenden, um die Regierungen zu veranlassen, ihre Pflichten als Mitglieder des Völkerbundes zu er- füllen, dem kläglichen Versagen der Genfer Organisation ein Ende zu setzen und sie zu nötigen: a) aus dem Angriff Mussolinis die notwendigen Schlußfolgerungen zu ziehen und, wie der Artttel 11 es gebieterisch vorschreibt, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um den Frieden zu sichern, eventuell durch die Schließung des Suezkanals für italienische Kriegstransporte. b) Ein Schiedsgericht zu schaffen, das keine Komödie darstellt, wie das für das Schiedsgericht der Fall ist, dem es nicht einmal erlaubt ist, zu untersuchen, auf wessen Gebiet sich der Grenzzwischenfall von Wal-Wal ereignete. e) Unter allen Umständen Abessiniens Unabhängigkeit und territoriale Unverletzlichkeit zu s ich e r n, wozu sich alle Mitglieder des Völkerbundes nach Artikel 10 des Paktes verpflichtet haben, und demgemäß jede Teilung Abessiniens, eines vollberechtigten Mitgliedstaates des Völkerbundes, in Interessensphären der Großmächte und jedes Protektorat einer Großmacht übeu Abessinien, auch wenn es unter dem Anschein wirtschaftllcher und administrativer Konzessionen begründet würde, unbedingt abzulehnen. 2. Jede Sektion der Internationale soll mit allen ihr zur Verfügung stehenden politischen Mitteln dafür sorgen, dem Skandal ein Ende zu setzen, daß der Angreifer frei ist, sich Waffen und Munition aller Art zu verschaffen, während man dem angegriffenen Land die notwendigsten Verteidigungsmittel verweigert. Die Sektionen haben insbesondere darauf zu achten, daß dem faseistischen Verbrechen k e i n e r- lei finanzielle Hilfe zu Teil werde. Das demokratische und sozialistische Italien, das Italien von morgen, hat überdies proklamiert, daß es keine Schuld anerkennen werde, die Mussolini für die Durchführung seines verbrecherischen Krieges eingehe. 3. Die Sektionen der Sozialistischen Arbeiter-Internationale werden aufgefordert, vor dem 4. S e pt e mb e r in der den Bedingungen ihres Landes entsprechenden Form große Kund- Seite 2 Donnerstag, 22. August 1938 «r. 195 Amerikanisches Embargo Washington.(Reuter.) Der Senat hat eine Resolution angenommen, durch welche die Ausfuhr von Munition an kriegführende Staaten für ungesetzlich erklärt wird. Indisches Militär nach Addis Abeba London. Wie aus S i m k a gemeldet wird, werden zur Zeit von Bombay aus indische Truppen nach Abessinien verladen, um die Wache der britischen Gesandtschaft in Addis Abeba zu verstärken. gedungen gegen den Krieg Mussolinis zu veranstalten. 4. Die Sozialistische Arbeiter-Internationale ist bereits an den Internationalen Gewerkschaftsbund herangetreten, um gemeinsam die Mittel zu sichern, mit denen das Weltproletariat sich wirksam dem Krieg entgegen stellen können wird. Sollte aber der Krieg dennoch ausbrechen, dann drückt die Sozialistische Arbeiter-Internationale im Namen der Proletarier aller Länder die Hoffnung aus, daß es dem werktätigen Volke Italiens gelingen wird, die Erschütterungen, die der Krieg Hervorrufen wird, auszunützen, um den wirklichen Feind des italienischen Volkes zu schlagen, der nicht in Addis-Abeba sitzt, sondern in Nom. Die Sozialistische Arbeiter-Internationale entbietet den italienischen Arbeitern und Bauern, die Mussolini zu den Fahnen gerufen hat, um sie nach Afrika zu schicken, den brüderlichen Gruß der Arbeiter der Welt und ruft ihnen zu: wendet die Waffen, die der Fascismus euch in die Hände drückt, gegen die fascistischen Tyrannen! Die Sozialistische Arbeiter-Internationale begrüßt die Völker Abessiniens und die mit ihnen fühlenden farbigen Völker überhaupt und hofft, daß es ihnen gelingen wird, im Bunde mit dem Proletariat der Welt ihre feudalen Fesseln zu zerbrechen, ohne für die feudalen Ausbeuter im eigenen Land die kapitalistischen Ausbeuter aus der Fremde einzutauschen. Die Sozialistische Arbeiter-Internationale lenkt schließlich feierlich die Aufmerksamkeit der Arbeiter der Welt und aller Freunde des Friedens auf die tiefgehendenErschütte- r u n g e n, die ein Krieg Italiens gegen Abessinien, die jede mit der Unabhängigkeit Abessiniens unvereinbare Konzession an Mussolini unter dem Druck der militärischen Mobilisation, die jedes Versagen des Völkerbundes in Europa Hervorrufen würde— nicht zuletzt durch die Ermutigung, die dadurch Hitler-Deutschland erführe. Indem die Internationale die West,aufruft, sich gegen das mutige Abenteuer zu weiiLen,'m das Mussolini Italien stürzen will, vertei« digtsid nicht bloß die Rechte Abessiniens und die wirklichen Interessen des italienischen Volkes, sondern auch dieSachedesWeltfriedenS. Die Verantwortung für einen Krieg würde mit ihrem vollen Gewicht a u f d e n kapitalistischen Klassen und Regierungen lasten, in erster Linie auf den westlichen Großmächten, ohne die der Völkerbund niemals die ihm obliegende Aufgabe erfüllen kann. Angesichts ihres Versagens ruft die Sozialistische Arbeiter-Internationale die Arbeiterklasse auf, alles zu tun, was in ihrer Macht steht, um den Frieden zu retten. Die Tagung der Internationale Die Kriegsgefahr— Beziehungen zu den Kommunisten— Die Terrorwelle Im Dritten Reich— Neosozialisten nicht aufgenommen Die Exekutive der Sozialistischen Arbeiter- Internationale hielt, wie wir bereits kurz berichtet haben, vom 16. bis 18. August im Gebäude der Prsvoyance Soziale in Brüssel eine Tagung ab. Nachdem die Exekutive den Bericht des Sekretariats über die Periode seit der letzten Exekutivsitzung zur Kenntnis genommen hatte, trat sie in eine eingehende Debatte Wer die Sozialistische Arbeiter-Internationale und die Kriegsgefahren ein, vornehmlich unter dem Gesichts« vunkte der italienischen Kriegsdrohung gegen Abessinren. Die italienische Delegation legte dazu ein ausführliches Memorandum vor und unterbreitete in Ergänzung dieses Dokumentes eine Reihe von Anträgen praktischer Natur. Nach eingehender Debatte wurden die italienischen Anträge einer Kommission der Exekutive zugewiesen, die am dritten Sitzungstage einstimmig einen Resolutionsentwurf vorlegte, dem die Exekutive nach einer neuerlichen Erörterung einstimmig bei einer Stimmenenthaltung(„Bund", Polen) zustimmte. Die Sozialistische und die Kommunistische Partei Italiens beabsichtigen die Abhaltung eines Kongresses derJtalie- ner im Ausland gegen den italienischen Angriff auf Abessinien. Auf Einladung der Sozialistischen Partei Italiens beschloß die Exekutive, sich an diesem Kongreß vertreten zu lassen. Die Sozialistische Partei Frankreichs beantragte, auf die Tagesordnung der Exekutive die Frage der Verstellung von Beziehungen zwischen der S. A. I. und der Kommuni st ischen Internationale zu setzen, um die Bedingungen einer gemeinsamen Aktion auf internationalem Boden gegen den Krieg, gegen den Fascismus und für die Verteidigung der demokratischen Freiheiten zu priifen. Die Exekutive beschloß, diese Probleme auf die Tagesordnung ihrer nächsten Sitzung zu stellen und das Sekretariat der S. A. I. zu beauftragen, sobald die Berichte und Beschlüsse des gegenwärtig tagenden Siebenten Kongresses der Kommunistischen Internationale vollständig vorliegen, einen schriftlichen Bericht über die Wandlungen, die sich in der Kommunistischen Internationale gegenüber der Stellung, die in der Aufstellung der'„21 Bedingungen" Ausdruck fand, insbesondere in der Einschätzung der Bedeutung der demokratischen Freiheitsrechte, vollzogen haben, vorzulegen. Zu der neuen Terra r w e l l e im Dritten Reich wurde nach kurzer Debatte einstimmig folgende Protestresolution angenommen: „Die Sozialistische Arbeiierinternationale brandmarkt aufs neue das barbarische Unterdrückungssystem, das im Dritten Reich Millionen Menschen Verfolgungen aussetzt, deren Grausamkeit an die finstersten Perioden des Mittelalters erinnert. Sozialisten, Kommunisten, Pazifisten, Demokraten, Republikaner werden nach wie vor in den Konzentrationslagern mißhandelt oder sogar meuchlings ermordet, wie der sozialdemokratische Gewerkschaftsführer Husemann oder ohne jeden regulären Prozeß, ohne Verteidigung zum Tode verurteilt, wie der Kommunist Kayser. Unter Berufung auf eine Raffenlehre, welche die gesamte Menschheit, wenn sie sich vor ihr beugte, zum ewigen Krieg verdammte, sehen sich Wer eine Million von Männern, Frauen, Greisen und Jugendlichen, nur weil sie Mischer Herkunft sind, aus der nationalen Gemeinschaft ausgestoßen, der Grundrechte auf Arbeit und Gleichheit beraubt, die jedem menschlichen Wesen unverbrüchlich zustehen. Katholiken und Protestanten werden um ihres Glaubens willen ins Gefängnis geworfen. Gegen diesen Sturz in die Barbarei dürfen die Völker nie aufhören, ihren leidenschaftlichsten Protest zu erheben. Die Sozialistische Arbeiter-Internationale wendet sich an alle, die nicht durch ihr Stillschweigen mitschuldig werden wollen an den Verbrechen, die das Hitler-Regime tagtäglich an Tausenden seiner eigenen Landsleute verübt. Die Diktatoren in Berlin müssen wissen, daß das menschliche Gewiffen ihnen nicht verzeiht." Die Exekutive beschloß auch einstimmig, den bedrängten spanischenSozialisten in ihrem heroischen Kampfe gegen die klerikal-fasci- stische Reaktion ihre vollste Sympathie auszusprechen. Neben diesen politischen Problemen hatte sich die Exekutive mit einerReiheorganisa- torischer Fraaen zu beschäftigen. Louis de Broucköre, der seit dem Eintritt des bisherigen Präsidenten der Exekutive, Emile V ander v e l d e, in die belgische Regierung, provisorisch den Vorsitz der Exekutive geführt hatte, erklärte sich bereit, dem einstimmigen Wunsche der Exekutive Folge zu leisten und dieses Mandat definitiv anzunehmen. Als Sekretär und Kassier wurden Friedrich Adler und Joseph van Roosbroeck einstimmig bestättgt. Der Geschäftskommission der S. A. I. gehören nach den Statuten außer dem Vorsitzenden der Exekutive, dem Sekretär und dem Kassier auch die Exekutivmitglieder des Landes an, in dem das Sekretariat der Sozialistischen Arbeiter-Jnternättonale seinen Sitz hat, sowie weitere von der Exekuttve zu bezeichnende Genossen. Dementsprechend werden der Geschäftskommission außer dem Präsidenten d e Brouckere, dem Sekretär Adler, dem Kassier van Roosbroeck, den beiden Exekutivmitgliedern Desire B o u ch e r y und Camille HuySmanS künftig auch der Parteisekretär 'Jean Delvlgne und der Chefredakteur des Brüssler„Peuple", Arthur W a u t e r s, angehören. Um den sozialdemokratischen Parteien Schwedens, der Schweiz und Spaniens eine Vertretung im Bureau zu geben, wurde die Zahl seiner Mitglieder auf 14 erhöht. Die bisherigen 11 Mitglieder des Bureaus wurden wiedergewählt, neugewählt Lindström(Schweden) und Grimm(Schweiz). Der Vertreter Spaniens wird gewählt, sobald ein Vorschlag der spanischen Partei vorliegt. Dem Sekretariat der SAJ. sind eine große Reihe von Dokumenten zugegangen, die über die Probleme der inneren Schwie- rigkeitcnder sozialdemokratischen Bewegung Deutschlands be« richten. Die Exekuttve beauftragte ihren Vorsitzenden und Sekretär, diese Materialien einer Prüfung zu unterziehen, dem Bureau und sodann der Exekuttve Bericht zu erstatten. Der Exekuttve lag eine Reihe von Aufnahme« gesuchen von Parteien in verschiedenen Ländern vor. Die Exekuttve beschloß, das Aufnahmegesuch der Neo-Sozialistischen Partei Frankreichs abzulehnen, das Aufnahmegesuch der sozialistischen Partei Griechenlands erst in der nächsten Sitzung zu behandeln, da das ausführliche Memorandum über deren Lage erst zu Beginn der Tagung der Exekuttve eingetroffen war. Bezüglich der Aufnahmegesuche von Parteien in Estland, Brasilien und der Ukrainer in Polen werden weitere Informa« i''nen eingeholt werden. Mussolini mobilisiert— heute die Luftflotte Rom. Durch ein neues Dekret wird de» Personalstand der Militärflieger erhöht. Im ganzen verfügt nun die italienische Luftschiffahrt im aktiven Liniendienst über 3061 Offiziere(plus 50 0 neue), 7026 Unteroffiziere plus(1860 neue), 30.396 niedere Chargen und Soldaten(plus 1 0.9 8 8 neue). Italien kommt zur Genfer Konferenz, wenn... Rom. Baron Aloisi erklärte nach seinem Eintreffen in Rom, daß Italien, wenn sich nicht irgendein„diplomatischer Fehler" ereignet, am 4. September in Genf anwesend sein werde. Amerika befürchtet europäischen Krieg Washington. Mit Rücksicht auf die ganz entschiedene Haltung einer starken SenatSgruppe hat die amerikanische R'tterung der Resolution aus Wahrung der Neutralität der Bereinigten Staaten zugestimmt. Dienstag wurden im Senate leidenschaftliche Reden bezüglich der drohenden Gefahr eines neuen europäischen Krieges gehalten. Die Senatoren erinnerten aus jede denkbare Weise an die Möglichkeiten, durch welche die Vereinigten Staaten in einen neue« Weltkrieg verwickelt werden könnten. Senator Bone zeigte zum Beispiel dem Senate amerikanische und ausländische Blätter mit großen kriegerischen Aufschriften und erklärte:„Es ist die höchste Zeit, diesen teuflischen Erdichtungen auf irgendeine Weise energisch ein Ende u setzen." Roosevelts Steuergesetze gesichert Washington. Der Senat der Vereinigte» Staaten hat gemeinsam mit dem Repräsentantenhause in einer Ausschußsitzung die d e f i n i- tiveEinigung über den endgiltigen Text der Gesetzesvorlage über die Besteuerung der reichen Schichten der Bereinigten Staaten erzielt. VILLA OASE oder: DIE FALSCHEN BORGER Roman von Eugene Dablt Berechtigte Uebertragung aus dem Französischen von Bejot Sie knipste das Licht aus, blieb auf dem Rük- ken liegen und starrte ins Dunkel. Julien berührte sie leise. Sie sagte nur:„Verzieh dich!" und da er nicht hörte, gab sie ihm einen Stotz. Er steckte ihn ruhig ein. Helene schlief nun auch. Jetzt waren sie drei. Wohlgeborgen, von schönen Möbeln umgeben, vor Kälte geschützt, denn im Ofen brannte das Feuer Tag und Nacht. Sie mußte wieder daran denken, daß das der Anfang eines neuen Lebens war. Die Ankunft ihrer Tochter würde Julien endlich bestimmen, Montmartre gegen ein bürgerliches Viertel zu vertauschen, wo sie eine moderne Wohnung mieten würden. Wenn ihr Geschäft so weiterginge, würden sie ein zweites Hotel kaufen und sich in einigen Jahren zur Ruhe setzen. Vielleicht als Millionäre. Diese Träume wiegten sie ein, und ihr war, als fei die Stille erfüllt von süßen Melodien. II. Im Sommer wie im Winter stand Julien um sieben auf. Er zog den Vorhang zurück. Das fahle Licht eines Dezembermorgens fiel ins Zimmer. Er reckte sich gähnend. Dabei fühlte er plötzlich einen Stich im Rücken. »Und dabei habe ich keinen Tropfen getrunken", sprach er, die Hände in den Hüsten, vor sich hin.„Vielleicht habe ich mich gestern auf dem Bahnhof erkältet?" Ohne sich lange beim Waschen aufzuhalten, nahm er ein Flanellhemd aus dem Schrank und zog sich schnell an. Dann trat er ans Bett. Irma war noch nicht erwacht. Im Halbdunkel sah er ein vom Schlaf gedunsenes Gesicht, mit den Schatten der Augen und des halboffenen Mundes, und das Gewirr der Haare auf dem.Kissen. Was bedeutete eö schon, daß ihr letztes Wort eine Ablehnung gewesen war? Im Grunde hatten sie sich doch lieb. Acht Lahre Gemeinsamkeit waren ein festes Band. Verheiratet waren sie allerdings noch nicht lange. Die Scheidung von der zweiten Frau war schwierig gewesen. Aber acht Jahre waren sie zusammen, acht arbeitsreiche Kriegs- und Nachkriegsjahr«. Seine Irma hatte die Hände nicht in den Schoß gelegt. Er lächelte ihr zu. „Ganz gut, daß ich ihr das Mädel bewilligt habe. Sie hat ja sonst nichts von ihrem Leben. Schlaf aus, Dicke, den Kaffee mache ich." Er verließ das Zimmer und brannte seine erste Zigarette an. Plötzlich mußte er husten. Ein katterteS Schnupftuch aus der Tasche ziehend, schimpfte er: „Verdammtes Gekrächz! Jeden Morgen dasselbe..." Dann besann er sich. „Halt, hier nebenan schläft ja das Mädel." Auf den Fußspitzen schlich er in die Küche. Er kochte jeden Morgen den Kaffee. Wenn die Aufwartefrau nicht kam, bereitete er auch das Mittagessen, denn Irma konnte den Küchendunst nicht vertragen. Während er das siedend« Wasser ein- gotz, dachte er an seinen Geschäftsteilhaber, den großen Felix, mit dem er am Nachmittag etwas zu besprechen hatte. „Ich weiß nicht, was die anstellen im Mont- bcrt. Wenn ich mit Irma dort bin, geht doch alles wie am Schnürchen. Uebrigens eine schöne Ruhezeit. Herzlichen Dank!" Er trank eine Tasse Kaffee und zündete die zweite Zigarette an. Auf dem Korridor blieb er an der Türe stehen, zog den Riegel zurück, löste die Sicherhettskette, ging ins Eßzimmer und setzte sich, die Füße in molligen Pantoffeln, die großen Hände lässig auf den Schenkeln, so bequem wie möglich hin. Zu Hause ttug er immer die ältesten Lumpen: geflickte Hosefl und speckige Jacken. Einen Augenblick kam ihm die Idee, sich umzuziehen. Unsinn! Wozu Geschichten machen? Das Mädel würde ihn sehen, wie er wirklich war. Dazu lebte man ja zusammen. Plötzlich bildete sich eine Falte auf seiner Stirn, gruben sich zwei Furchen um den Mund. Er sah Schwierigkeiten voraus, Störungen, an die er nicht gedacht hatte. Irma liebte ihre Tochter. Doch sie würde sich nicht um sie kümmern können. Und was würde aus ihr, wenn mau sie nicht richtig pflegte? Ein Glück, daß Verantwortung ihn nicht drückte. Er würde zwei Frauen auf dem Hals haben, statt einer. Gut. Er hatte andere Sorgen gekannt. Und wenn er mit Irma im Montbert arbeitete, würde eben die Kleine, die man unmöglich mitnehmen konnte ins Geschäft, allein in der Wohnung sein. „Sie wird sich daran gewöhnen müssen. Dabei lernt sie den Haushalt kennen und ist im Bilde, wenn sie mal heiratet." Er sprang auf. Helene wünschte ihm guten Morgen. „Schon so früh? Gut geschlafen im neuen Bett? Träumst wohl auch nicht? Ganz wie meine Wenigkeit. So, jetzt setz dich hin. Ich gebe dir dein Frühstück." „Ich habe keinen Hunger, Onkel." „Trotzdem mußt du einen Happen essen. Bei mir rutscht's nicht mehr des Morgens. Aber mit zwanzig Jahren..." Dabei legte er eine Hühnerkeule auf ein Stück Brot. Helene erinnerte sich an Irmas Worte. Sie hatte beim Erwachen über ihr neues Leben nachgedacht und allerlei gute Vorsätze gefaßt. Auch sie würde Julien für sich gewinnen. Sie biß also in das Brot und aß ein paar Bissen. Doch sie war schnell gesättigt und konnte den ekelhaften Brei, der ihr im Munde lag, nicht mehr hinunterwürgen. „Iß", befahl Julien, der mst der Kaffeekanne kam. Sie ttank. „Der Kaffee schmeckt fein." „Aha, Mutters Tochter. Irma schwärmt auch nicht für Zichorie. Aber sie darf nicht so viel Kaffee trinken. Das ist schlecht für die Nerven." „Noch einen Schluck, bitte." „Es wäre gescheiter, du äßest dein Brot auf. Er warf einen prüfenden Blick auf ihr Gesicht, dessen Magerkeit ihn erschreckte. Als Helen« aus ihrem Zimmer gekommen war, und er sie zum erstenmal im hellen Licht gesehen hatte, war er entsetzt gewesen. Uebrigens schon gestern Abend. Aber er hatte geglaubt, die Kleine sei mitgenommen von der Reise und von der Erregung des Wiedersehens. Dennoch hatte er Irma seine» peinlichen Eindruck nicht ganz verschwiegen. Helene saß, mit krummem Rücken und'hängenden Schultern, auf der Stuhlkante, drückte die Hände auf den Magen und machte ein ängstlickeS, sogar em wenig unglückliches Gesicht. Julie» dachte:„Sie braucht Kräftigungsmittel", und mit freundschaftlicher Gest« forderte er sie auf, weiterzuessen. Sie kaute mit Ueberwindung. Er goß ihr nochmals Kaffee ein. .„Jetzt bin ich ihr Vater", dachte er. Er hatte sich nie mit Kindern abgegeben, und e? überkam ihn ein Gefühl des Stolzes und der Zärtlichkeit. Er mußte wieder an die Zukunft denken. Alles in allem würde er sein Leben gar nicht zu verändern brauchen. Nur keine Geschick« ten l Die Kleine hatte zu parieren und schleunigst zu Kräften zu kommen. „In sechs Monaten", sagte er, mit der Hand seinen Bauch beflopfend, mußt du hier auch was zu sitzen haben." Er beugte sich zu ihr, um ihr einen Kuß zu geben, als draußen gerufen wurde. „Deine Mutter verlangt nach mir." lForffetzung folat.1 Nr. 1S5 Sette 3 Lonner-tag, 22. Angnst 1935 fudetendeutscfiicr Zciispieiel Vor Schuschniggs Gerichten; Fünf Jahre Kerker für Marxisten... Ein Notruf der Gemeinde Rothau Memorandum an den Ministerpräsidenten In einer ausführlichen, mit Zahlen belegten Darstellung der verzweifelten Lage in Rothau wenden sich die Vertreter der Gemeinde an den Ministerpräsidenten Malypetr mit der Bitte um Hilfe. Die aller Mittel entblößte, von Schulden, welche der Zusammenbruch herbeigeführt hat, bedrückte Gemeinde sieht dem kommenden Winter mit Schrecken entgegen. Rothau ist heute vollkommen auf das Eingreifen des Staates angewiesen, doch bemüht sich die Gemeinde Ersatzindustrien heranzuzieben, welche den Arbeitslosen wieder eine Beschäftigung geben können. DaS Memorandum enthält auch in dieser Richtung konkrete Borschläge. f Einleitend wird nachgewiesen, daß die Verlegung der Eisenwerke, durch die der Ruin der In- dustriegemeinde hervorgerufen wurde, nicht durch wirtschaftliche Notwendigkeiten bedingt war- Im Jahre 1922 betrug die Jahresproduktion der Werke bei einer Belegschaft von 2850 Arbeitern und Angestellten rund 14.000 Tonnen Bleche: im Jahre 1029(zur Zeit der Stillegung stieg die Jahreskapazität bei einer Belegschaft von 1780 Arbeitern und Angestellten auf 81.400 Tonnen an. Die Bankschulden der Werke betrugen 1928 53 Millionen, lm Jahre 1929 wiesen die Eisenwerke ein Bankguthaben von 27 Millionen KL au». Die Rentabilität der Betriebe ist damit einwandfrei nachgewiesen. Durch die Entwicklung der Gemeinde bis 1989 wurde ihre Vertretung veranlaßt, wirtschaftliche und kulturelle Einrichtungen zu schaffen, die unerläßlich notwendig waren. Dazu ge, hören der Bau eines Elektrounterneh- m e n s, die Errichtung einer Wasserleitung, der Bau einer Schule und eines Fürsorgehauses, Kanalisationen und S t r a ß e n. Zu diesem Zwecke mußten langfristige Darlehen ausgenommen werden. Durch die Abwanderung der Eisenwerke, die die genannten Investitionen bewirkt haben, verlor Rothau 93% der Steuergrundlage. Ein Zusammenbruch der Gemeindefinanzen war die Folge. Da ein beträchtlicher Teil der Arbeitslosen nicht mehr in der Lage ist, den Wasserzins und den elektrischen Strom zu bezahlen, ist die Fortführung der beiden Gemeindebetriebe auf das ernstlichste gefährde. Die Schuldenlast schwillt immer mehr an, da die Gemeinde den Tilgungsdienst für ihre Darlehen nicht mehr zu bestreiten vermag. Die Geldinstitute lassen infolgedessen die Einnahmen aus dem Titel der Gemeindeumlagen und der Zuteilung aus dem Ausgleichsfonds pfänden, so baß Rothau seit dem 1. Dezember 1934 keine Umlagen mehr zugewiesen erhält. Die Einnahmen a«S ntguben und Gebühren werden immer spärlicher. Bo» 1930 bi» 1935 find die Einnahmen, welche die Gemeinde ans den Umlagen habe« soll, von 562.689 Ki auf 48.752 KL zurückgegangen, die Abgabe« und Gebühre« brachten im heurige» ersten Halbjahr 22.655 KL, während sie 1929 416.387 KL betragen hatten. Der Ausfall an Einnahmen au» der HauS- tiuSsteuer erreichte in den letzte« drei Jahren rnn» Ü8.000 KL.. , Demgegenüber stehen Gesamipasiiven der Gemeinde von dreieinviertel Millionen KL und unge- beckte Rechnungen in der Höhe von fast 150.000 KL. Angesicht- dieser katastrophalen Lage mußte ber schulärztliche Dienst aufgelaffen werde», der Kindergarten wurde gesperrt, die Musikschule geschloffen, die Verpflegung der Ortsarmen eingestellt und heuer droht die Gefahr, daß der Schul- betrieb wegen Mangel an Heizmaterial unterbrochen werden muh, da niemand mehr auf Kredit liefert. Damit fällt auch die AuSspeisnng armer Schulkinder, die für viele die einzige Unterstützung war. I« den künftigen Monaten ist auch die Gemeindeagenda bedroht, weil die Angestellten und Bediensteten ihren Gehalt nicht einmal in Raten'werden erhalten können. Ihre sozialen und hpgienischen Ausgaben vermag die Gemeinde unter diesen Umständen nicht mehr zu erfüllen. Die Arbeitslosen, die Kranken und Siechen müffen ihrem Schicksal überlasten«erden. Der Bevölkerung bemächtigt sich eine tiefe Erbitterung, sie ist seelisch und kör- berlich zermürbt, da» Massenelend nimmt täglich beängstigende Dimensionen an. Große Empörung bei der Bevölkerung von Rothau und der ganzen Umgebung wird dadurch ouSgelöst. daß die Eisenwerke nicht nur ihre Be« triebSobjekte dem Verfall überlasten, sondern auch die W o h n g e b ä u d e, in welchen ihre ehemaligen Arbeiter und Angestellten wohnen. Ein- -elne Wohnobjekte zeigen bereit» bedenkliche Baugebrechen auf. So wird BolkSvermögen vergeudet, werden Millionenwerte vernichtet, durch die bestehenden Bangebrechen die Sicherheit der Per- Notwehr des Volkes Berlin. In Quedlinburg wurde Dienstag abends ein SS-Mann in Zivil von zwei maskierten Männern überfallen, mit Salzsäure Übergossen und dadurch verletzt. Dir Täter entflohen. Einer von ihnen soll den Schergen zugerufen haben:„Du Hund wirst keineHauS- durchsuchungen mehr mach en!" sonen gefährdet. Die Behörden selbst konnten mangels Legitimation gegen diese Vernichtung nichts unternehmen. Die Gemeindevertretung hat sich unabläffig bemüht, durch Notstandsarbeiten eine produktive Beschäftigung für die Arbeitslosen zu schaffen. Diese Bemühungen haben nunmehr zu einem teilweisen Erfolg geführt. Gegenwärtig werden 70 Arbeiter beschäftigt. Doch sind auch hier Uebergriffe der Bauleitung festzustellen. Bon den 1100 männlichen Arbeitslosen beziehen 624 die Unterstützung nach dem Genter System, 350 sind in die Ernährungsaktion einbezogen, 126 Arbeitslose erhalten keinerlei Unterstützung. Der Verbündete Henleins Nach einem Bericht des„Venkov" hielt am Sonntag, dem 18. August, in Veselh in Mähren der mährische LandeSauSschußbeisitzer S t o u v a l eine Rede, die deshalb bemerkenswer. ist, weil Stoupal es war, der mit den Henlein-Leuten verhandelt und auf den sie große Hoffnungen setzten. Stoupal sagte u. a.: Bei uns müffen sich die Deutschen deffen bewußt sein, daß der tschechoflowakische Staat nicht Oesterreich ist, wo sie regierten obwohl sie in der Minderheit waren, und sie müffen begreifen, daß man durch Trotz nichts erreicht. Ich bin Anhänger einer energischen Vorgehens. Der Staat ist kein Kinderspiel, mit dem jemand spielt. Auch ist er notwendig, die wirtschaftliche Macht in die eigenen Hände zu nehmen. Wir müffen auf 90 Prozent aller wirtschaftlichen Unternehmungen Anspruch erheben und das muffen wir erreichen. So reden dir Verbündeten der Henlein- Leute l Vie„Sudetendeutsche Illustrierte" Das ist der Höhepunkt...! Im sudetendeutschen Gebiet wird ein in Eger erscheinendes Preffeerzeugnis vertrieben, da» sich „Sudetendeutsche Illustrierte" nennt, von seltener Nivegulosigkeit ist, so daß e- selbst den Hen- leinleüten unangenehm aufstötzl. Und das ivill gewiß allerhand besagen. Die„Rundschau" rückt von dem kuriosen Elaborat ab, das hindert aber nicht, daß die„Illustrierte" weiter unentwegt in schäumendem Tarnwart-EnthusiaSmus macht. Freunde derben Humor» kommen beim ersten Blick auf ihre Kosten. Auf dem Titelblatt erblickt man das martialische Porträt de» weltreisenden „Führers", neben Ihm, der in glanzvollem Bilderrahmen steckt, ein etwa» verdrießlich dreinschauender junger Mann postiert... Diese kitschige Aufmachung segelt unter dem Motto: „Der Maler Hermann Gemeinhardt wurde von dem Vorsitzenden der Sudetendeutschen Partei Konrad Henlein mit der ehrenvollen Aufgabe betraut, deffen erstes Bild zu malen." Biel naiver BhzantiSmuS auf einmal, der selbst einem Goebbels alle Ehre macht. Der Aufmachung des Titelblattes entsprechen die inneren Partien. Von der ESR. wird keine Notiz genommen. Dafür ziert der derzeitige Berliner Polizeipräsident Graf Helldorf, Anstifter des Hanuffen-MordeS und Beschuldigter am Reichstagsbrand das geduldige Papier... Selbst Lyrik mutet man dem geplagten Leser zu. Ein Poem strudelt Konrad Henlein an. ES beginnt:„Heil Henlein I" In dem Machwerk versichert der Dichter, deffen Verse einer Kleinkinderbewahranstalt entwichen zu sein scheinen, mit unendlichem Pathos, daß unS Herr Henlein nicht von der sudetendeutschen Industrie, sondern vom Herrgott persönlich auf den Hals geschickt wurde... Der Schlußsatz dieser Gotteslästerung lautet:„Mein Stolz mir aus den Augen blickt— Heil Henlein", ich bin dein. Der Herrgott hat dich ja geschickt,— Um Führer uns zu sein" Der Bedauernswerte, der sich in dieser Weise produziert, heißt Stöhr, und hat sich, wie er in einer Fußnote verkündet,„alle Rechte Vorbehalten". Ob für die Hingabe oder für sein unsäglich unglückliches Poem bleibe dahingestellt. Die Herren von der„Sudetendeutschen BolkShilfe". Die„Deutsche Landpost" berichtet über eine Beratung, die kürzlich in Maskers- d o r f stattfand und in der sich auch die„S u* detendeutsche Partei" mit der Notlage der Arbeitslosen zu beschäftigen gehabt hätte. Der Vertreter den Henleinfront ab, Herr Fachlehrer Fischer, erstattete in MafferSdorf lediglich ein politisches Referat und erklärte, laut.Landpost", daß die Sudetendeutsche Partei sich an der Beratung über die Arbeitslosenfrage nicht beteiligen werde! Die SdP werde nämlich im kommenden Winter der Arbeitslosigkeit durch den Ausbau der V o l k s h i l f e zu begegnen versuchen, die von der S u d e t e n d e u t s ch e n Die Bevölkerung fordert jetzt mit aller Entschiedenheit, daß die ihr bereits gegebenen Versprechungen von der Regierung endlich in die Tat««gesetzt werden. Abschließend verweist da» Memorandum auf die Möglichkeit, durch Schaffung einer Ersatz- i n d u st r i e eine wirtschaftliche Neubelebung der Gemeinde herbeizuführen. Die Absicht, ein Kupfer, und M e s s i n g w a l z w e r k in den leerstehenden Objekten unterzubringen, scheint auf den Widerstand des Kupferkartells zu stoßen. Die Gemeindevertreter erwarten von der Regierung, daß sie die angeführten Pläne auf das tatkräftigste unterstützen und die geeigneten Schritte zur Fortführung der Gemeindeagenda und des Gemeindehaushaltes veranlassen werde. Nur so kann der wachsenden Verzweiflung der Bevölkerung von Rothau im Interesse der Gemeinde und des Staates Einhalt geboten werden. Klagenfurt. Das hiesige Schöffengericht verurteilte den Schneidergehilfen Hadrlapp wegen „Hochverrates" zu dreieinhalb Jahren und drei seiner„Mitschuldigen" zu je fünf Jahren schweren Kerkers, weil sie kommunistische Flugschriften in deutscher und slowenischer Sprache verbreitet hatten. ... sechs Monate für Nasis Linz. Bor dem Militär-Schöffensenat in Wels hatten sich die S o l d a t e n eines Artillerieregimentes namens Wondrak und Butterhauser und einer ihrer Mitschuldigen wegen Hochverrates zu verantworten, weil sie von einer geheimen nationalsozialistischen Organisation bei der Garnison in Salzburg Kenntnis hatten und darüber keine Meldung erstatteten. Wondrak und Butterhauser wurden zujesechsMonaten verurteilt, ihr Mitschuldiger wurde jedoch, f r e i« gesprochen. Partei geleitet werden soll; die BolkShflse im Jahre 1934—85 wäre, so erklärte der SHF- Mann, ausschließliches Verdienst der Sudetendeutschen Partei gewesen.— DaS sind Erklärungen, die auf jeden Fall festgehalten zu werden verdienen. An diesem Wesen sollten die Sudetendeutschen genesen. In Tachau wurde eine Diebsbande dingfest geniacht, die sich schon seit mehreren Jahren auf Diebstahl, Umarbeitung und Weiterverkauf von Fahrrädern spezialisiert hatte. Der Anführer ist der Sohn des früheren Ortsführers der SHF. Er und seine Kumpane sind im letzten Wahlkampf als stramme Henlein-Ordner tätig gewesen. Eine neue Jugendzeitschrift. Der Allgemeine Angestellten-Verband Reichenberg hat mit 15. August d. I. eine neue Monatsschrift„Angestellten- Jugend" herausgegeben, die er seinen Jugendmitgliedern kostenlos beistellt. Die Zeitung bietet — in Broschürenform gebunden und in äußerst zeitgemäßer und schmucker Aufmachung— mit ihrem reichen und vielseitigen Inhalt der Jugend im Angestellten-Beruf, ebenso auch dem sonstigen Leser eine Fülle interessanten und lesenswerten Swffe». Neben guten Auffätzen über die verschiedensten Wissensgebiete bringt das Blatt vor allem mit seinem gewerkschaftlichen Teil(„Dein Recht — Dein Schutz") der Angestelltenjugend unentbehrliche Aufklärung und prattische Anleitung zur Inanspruchnahme ihres Rechtes und ihres Schutze». Der Inhalt der ersten Ausgabe läßt er« warten, daß die„Angestellten-Jugend" den in ihren Geleitworten zum Ausdruck kommenden Zweck sicher erfüllt: Stunden der gewerkschaftlichen UeberzeugungSkraft, der geisttgen Erbauung, der beruflichen Wissensbereicherung, des Frohsinn» und Leben» zu bereiten und damit die Zeitung der gesamten deutschen Angestelltenjugend zu werden. Die Fleischteuerung Lehrreiche Zahlen Die Direktion der Zentralschlachthalle in Prag gibt eine Statistik heraus, woraus da» Steigen der Fleischpreise im letzten Jahr-—sichtlich ist. Zunächst geben wir die Preise für Lebendvieh, und zwar für ein Kilogramm wieder: Preise de» Fleisches Juli Steigen um Prozent 1934 1935 Ochsen 3.40 4.66 87.06 Stiere 3.21 4.57 42.80 Kühe 2.89 4.04 40.10 Kalbinnen 3.44 4.68 36.05 Böhmische Schweine 5.20 7.37 41.70 Slowakische Schweine 5.78 7.03 87.06 Die sind noch rascher gestiegen als die Preise de» Viehes. Sie betrugen für ein Kilogramm: Juli Steigen um Prozent 1934 1935 Vorderes Ochsenfleisch 7.25 8.85 22.00 Hinteres Ochsenfleisch 8.50 9.67 13.80 Stierfleisch 6.55 9.12 39.20 Vorderes Kuhfleisch 5.50 7.58 37.80 Hinteres Kuhfleisch 6.50 8.30 27.70 Kalbinnenfleisch 4.10 7.23 76.30 Kalbfleisch 5.48 7.74 41.20 Schöpsenfleisch 7.16 8.56 19.50 Jnl. Schweinefleisch 7.39 10.18 37.70 Aus dieser Zusammenstellung ersieht man am besten, wie notwendig ein Eingreifen der. öffentlichen Faktoren Ist, um der Teuerung Einhalt zu gebieten. Kundzebunz der tschechischen Metallarbeiter Sozialdemokraten und Nationalsozialisten zur Teuerung und zur Einheitsfront Dienstag fanden in Prag Versammlungen der Vertrauensmänner der Metallbetriebe von Groß-Prag statt, und zwar solvohl des sozialdemokratischen als auch des nationalsozialistischen Verbandes. In der sozialdemokratischen Versammlung sprach der Vorsitzende des Verbandes der Metallarbeiter und zugleich Vorsitzende der tschechischen Sozialdemokratie Hampl. Er beschäftigte sich insbesondere mit der Frage der proletarischen Einheitsfront und sagte darüber: „Wir gehen Hand in Hand mit der(nationalsozialistischen) Metallarbeitervereinigung und mit dem Komotauer Verband und ich hoffe, daß unser künftiger Kongreß zu einernoch inni- gerenZusammenarbeit insbesondere mit den Komotauern gelangen wird. Aber die Einheitsfront, wie sie sich di: Kommunisten vorstellen, ist nicht eine solche Zusammenarbeit. Sie möchten posittv nichts tun, aber das Recht erhalten, in die Politik der Sozialdemokratie hineinzureden. Das haben wir schon versucht— e» ging nicht. Es war dies eine Zusammenarbeit, in der sie mit der Peitsche der Agitation knallten und wir all die Schwere des täglichen Kampfes um die prundl genden Angelege heften der Arbeiterpolitik hatten. Nun möchten sie uns den Kampf gegen die Teuerung anbieten, aber nur um den Preis, daß sie von den Vorbehalten schweigen, welche sie in der Taktik, in den Methoden des Kampfes und schließlich und endlich auch in den Zielen dieses Kampfes haben. Deshalb bleibt nichts anderes übrig, als ihnen gegenüber neuerlich unsere Bedingungen zu wiederholen: Nur auf dem Boden der Republik und auf dem Boden der Demokratie! Auf dem Boden der Republik des Staates, dieses Staa te», wie er durch die Friedensverträge geschaffen wurde, mit seinem ganzen Territorium und seinen Grenzen. Denn das ist für uns nicht nur eine staatliche und nationale Angelegenheit, sonder» auch eine Sache des europäischen Friedens. Wer an die'Grenzen rührt, rührt an den Frieden und deSivegen bestehen wir darauf, daß un» nicht eine bloße Erklärung genüg:, zu der sich die Kommunisten nun endlich entschlossen, daß sie für die„Selbständigkeit der tschechoslowakischen Nation" sind. Das genügt nicht. In der Versammlung wurde eine Resolution angenommen, in der es ungefähr heißt: Ohne zu übersehen, daß es sich um eine Weltkrise handel:, hält es die Versammlung für notwendig, daß die Initiative t»eS Staates und aller öffentlickier Faktoren auf die Vermehrung der Arbeitsgelegenheit durch großzügige Investitionen, Unterstützung der wirtschaftlichen Tätigkeit drr Selbst. erwaltung und Regelung des Verhältnisses mit den Nachbarstaaten gerichtet sei. Solange keine Arbeitsgelegenheit geschaffen ist, müssen die ungenügen- I den Unterstützungsmaßnahmen verbessert werden. Aufs schärfste muß gegen den Mißbrauch der Krise durch weiteren Druck auf die Löhne und durch Erhöhung der Preise eingeschritten werden. Die Versammlung spricht sich für einheitliche gewerkschaftliche Arbeiterorganisationen und ein einheitliche» Vorgehen der Arbeiterklasse aus. In dem EinheitSfrontangebor der Kommunisten erblicken die Metallarbeiter ein gewöhnliche» Agitationsmittel, insolange nicht die klaren ideellen und taktischen Voraussetzungen für das einheitliche Vorgehen der Ar» beiterklasse geschaffen sind. Seite t Donnerstag, 22 August 1935 «r. ISS Lebendig begrabe« Furchtbarer Tod dreier Lehmarbeiter bei Brünn Die Manöver vor-em Abschluß Senica.(Tsch. P. B.) Während des Dicns- tag-Nachnnttag traten an der Front keine wesentlichen Acnderungcn ein. Der Kommandant der Blauen verschob durch Gewaltmärsche die 7. Division, die er in Reserve hielt, in den Raum Ko- valcy-CaLov, damit sie gemeinsam mit der 6. Division am 21. August zum Angriff gegen den Südflügel der Roten in der allgemeinen Richtung Bad Smrdäky-Bradlo vorgehe. Der.Angriff stieß in den Morgenstunden auf die eifrige Ge- gemvehr der 9. Division, die unter Ausnützung des günstigen Terrains den Angriff der Blauen wesentlich verlangsamte. Am nordöstlichen Abschnitt der Front, die von Vrbovce über Belkä nach Horni NömLi verläuft, ist es zu keinen bemerkenswerten Kämpfen gekommen. Senira.(Eigenbericht.) Mittwoch setzten die Blauen ihren Angriff gegen den linken Flügel der Roten fort. Die rote— slowakische— Armee war zu Beginn der Uebungen zahlenmäßig stark unterlegen und verfügte nicht einmal über Kavallerie. In den letzten 24 Stunden hat sie jedoch beträchtliche Verstärkungen erhalten. Die 10. Division wurde in den Garnisonen alarmiert und aus dem Raum von Banskä Bystrica im Bahntransport nach Pistyan verschoben. Dort wurde sie im Laufe der Nacht auswaggoniert und in Lastautos in die Gefechtsfrönt geführt. 1 Beide Manöverparteien ringen um den Südflügel, auf den im Laufe der letzten Stunden alle verfügbaren Reserven verschoben werden, wobei jede Partei die andere zu überflügeln sucht. Von dem Ergebnis der letzten Umgruppierungen wird es abhängen, ob-das offenbare Ziel der Blauen, die Gewinnung der Uebcrgänge über die Weihen und Kleinen Karpathen als gelungen betrachtet werden kann. Der Kommandant der roten Gruppe, Divisionsgeneral V o t r u st a, erklärte den Pressevertretern, daß angesichts des Kräfteverhältnisses von 2:1 zugunsten der Blauen seiner Armee von allem Anfang die Aufgabe zufiel, Rückzugsgefechte zu. liefern. Diese sind für Mann und Offizier nicht nur physisch anstrengend, sondern auch eine moralische Belastung. Beide Parteien hatten mit schwierigem Terrain zu kämpfen. Die Roten sollen beim Abschluß der Manöver nicht hinter eine bestimmte Linie zurückgedrängt sein. Gegenwärtig stehen sie in guter Position vorwärts dieser Linie. Die'Truppe hat sich allen Schwierigkeiten und hohen Anforderungen gewachsen gezeigt. Beim Durchzug von Reserven der Blauen durch Senica hatten die Pressevertreter Gelegenheit, sich von dem guten physischen Zustand der durchmarschierenden Truppe' zü überzeugen. Dringliche Regelung»en L«fichenmg-L-er- tritte». Die langdauernde Wirtschaftskrise bringt es mit sich, daß häufig bisher pensionsversicherte Privatangestellte eine Tätigkeit als Arbeiter aufnehmen, um— nach mitunter langer, moralisch und wirtschaftlich zermürbender Arbeitslosigkeit— wieder zu einem Arbeitsverdienste"zu gelangen. Dadurch werden diese Arbeitnehmer versicherungszuständig in der Sozialversicherung, was wegen der andersartigen Berechnungsgrundlagen dieser Versicherung in der Regel zu schweren Nachteilen für diese Arbeitnehmer.führt. Aehnlich liegen die Verhältnisse auch bei den durch sonstige Berufswechsel verursachten Uebertritten zwischen den anderen Trägern der verschiedenen Pstichtversicherungen oder bei Uebertritten aus den staatlichen Diensten zu anderen Trägern der öffentlichen Pflichtversicherung. Da sich im Zusammenhänge mit der wirtschaftlichen Entwicklung diese Uebertritte und die damit verbundenen Schädigungen der übertretenden Versicherten immer mehr häufen, hat der Allgemeine A n gefiel ltenv.erb and Reichenberg bereits vor einigen Jahren die Forderung nach einer solchen Schädigungen vorbeugenden Neuregelung der Uebertrittsbestimmungen erhoben. Diesem Drängen solgeleistcnd, konnte in den zuständigen Körperschaften die Ausarbeitung eines Ueberweisungsgesetzes erreicht werden. Der seit längerem fertiggestellte Entwurf harrt aber noch der gesetzgeberischen Verabschiedung..Wegen der Dringlichkeit der Vollendung dieses für tausende Arbeitnehmer lebenswichtigen Gesetzgebungswerkes hat der genannte Verband neuerliche Schritte unternominen, die hoffentlich nunmehr recht bald zum Inkrafttreten'des neuen Ueberweisungsgesetzes führen werden. Vom Rundfunk iMpMriMuwartes aus 4m Proflrammaai Freitag Prag, Sender L.: 6.00 Gymnastik, 10.08 Deutsche Presse, 11.00 Schallplatten, 11.05 Salonorchesterkonzert. 13,30 Arbeitsmarkt, 15.00 Orchesterkonzert, 18.20 Deutsche Sendung: Pietro: Leibesübungen und Arbeiterschaft, 18.30 Höller. Neue bildend« Kunst,. 18,50 Arbeitcrsen- dung: Aktuelle zehn- Minuten, 21.15 Prager Rundfunkkonzert,- 22.30 Tonfilmschlager. Sender S,: 7.30 Konzert, des Mujiksalonquartetts. 14.15 Deutsche Sendung: Kirschner: Käthe setzt sich durch, heileres Hörspiel.— Brünn: 17.40 Deutsche Sendung: Sportbericht, 20.20 AuS Opern der größten Meister. Mähr.»Ostrau: 12.30 Mittagskonzert, 18.20 Deutsche Sendung: Gröbl: Die einzelnen Wirtschaftsepochcn und ihr Einfluß auf die Gegenwart 20.20: Alte französische Lieder.— Kascha»: 16.30; Konzert des Kaschauer Funkorchesters. Belkä Bitrö. Mittwoch nach 11 Uhr vormittags ereignete sich in der Bezirksstadt Belkä Bites. bei Brünn ein großes Unglück. Beim Abgraben von Lehm in der st ä d t i s ch e n Ziegelei lockerte sich plötzlich eine etwa vier Meter hohe und 15 Meter lange Lehmwand von mindestens 50 Kubikmetern und verschüttete fünf Arbeiter. Zwei von ihnen namens Sedlak und Langauer, wurden rechtzeitig befreit und kamen fast unversehrt davon. Die übrigen drei Arbeiter konnten nurmehr als Leichen geborgen werden. Sie waren in Drei Todesopfer der Dolomiten Darunter eine Tschechoslowakin Mailand. Beim Besteigen der Dolomitenspitze Croda da Lago sind der österreichische Rechtsanwalt D r. Plank und eine junge tschechoslowakische Professorin namens Marie Tietz an einer schwierigen Stelle des normalen Aufstieges abgestürzt. Als sie nicht zurückkehrten,- wurde eine Rettungskolonne ausgeschickt, die ihre Leichen fand. Unter großen Schwierigkeiten konnten die Leichen nach Cortina d' Ampezzo überführt werden. Innsbruck. Bei einer Besteigung der Fünffinger-Spitze in den Grödner Dolomiten durch eine militärische Bergführergruppe stürzte knapp vor dem Gipfel der Bergführer Andreas Pan- p o n i aus Cortina d'Ampezzo ungefähr fünfzig Meter tief ab und erlitt tödliche Verletzungen. Bau neuer sowjetrussischer Riesenflugzeuge Ikfacher Ersatz für„Maxim Gorki" Die Vorarbeiten für- den Bau von 16 Riesenflugzeugen, die auf Beschluß der Sowjetunion als Ersatz für das verunglückte Flugzeug „Maxim Gorki" gebaut werden sollen, sind zum Abschluß gelangt. Die neuen Flugzeuge werden Ganzmetall- Eindecker mit frei- schwebeNden Flügeln sein. Sie werden mit je fechs Motoren mit einer Leistungskraft von 1200 P. S. versehen sein.(Das vernichtete Flugzeug „Maxim Gorki" besaß acht Motore mit 850 PS.) Die Spannweite der Flügel der neuen Riesenflugzeuge wird 63 Meter betragen, die Gesamt- höhe 11 Meter, die Länge etlva 34 Meter, die Breite zwischen den Rädern über 10.5 Meter. Die neuen Flugzeuge werden eine Geschlvindigkeit von 270 S t u n d e n k i l o m e t e r n entwickeln. Sie sollen der Beförderung von Passagieren und Frachten dienen und werden 60 bis 70 bequeme Sitze für die Reisenden erhalten. Bei normaler Belastung werden die Flugzeuge auch bei Abstellung von zwei Motoren Horizontalflüge ausführen können. Sie werden mit den neuesten Geräten für Nachtflüge und Nachtlandungen ausgestattet sein. Für Fernflüge sollen selsttätigeLenkvorrich- t u n g e n eingebaut werden. * Ein neuer Weltrekord im Flugwesen Der russische Pilot Wolodja B r o d n e w legte mit seinem Flugzeugrumpstnodcll bei Hochstart 21 Kilometer zurück, Er hat somit den letzten Weltrekord geschlagen» dew der deutsche Flugzeugmodellbauer Mantel in Mannheim bei Hochstart mit 19.5 Kilometer aufgestellt hat. 20 Vermißte bei der Berliner U-Bahn-Katastrophe Berlin. Die Aufxäumungsarbciten an der Einsturzstelle des Bahntunnelbaues auf der Hermann Göring-Straße werden mit unvermindertem Tempo fortgesetzt. Nunmehr scheint fest- zustehen, daß noch mit 20 vermißten Arbeitern gerechnet werden muh. Die Stteste Frau der Republik gestorben Kaschau. In Zämutov bei Vranov verschied die 116 Jahre alte Ortsbewohnerin Anna K o s L o v ä; sie war wohl die älteste Frau nicht nur in der Slowakei, sondern in der ganzen Republik. Ihr Alter wurde sicher und genau fest- gejhellt. Sie erinnerte sich noch an den Bauernaufruhr im Jahre 1830 und war noch in der Lage, viel davon zu erzählen. Sehr gern erzählte sie von dem Revolutionsjahr 1848. Bis vor kurzem war sie vollkommen gesund und verrichtete auch Feldarbeiten. Niemals in ihrem Leben nährte sie sich von Fleisch und trank auch keinen Alkohol. An ihrem Begräbnis, das Drenstag stattfand, nahmen viele Menschen aus der ganzen Umgebung teil. Schwere Bluttat in Costariea Mexiko. Nach Meldungen aus Costariea Wurde der Millionär Alberto Gonzales L e h m a n n, der deutscher Abstammung ist, auf einer ungefähr eineinhalb Meter hohen Lehmmasse erstickt, und dürften auch innere Verletzungen davongetragen haben, obwohl die Rettungsarbeiten sofort ausgenommen worden ivaren. Es sind dies der 44jährige Tomas B r- l ä n, verheiratet und Vater von vier unversorgten Kindern, der 30jährige Bohumil V ej- r o st k a, verheiratet und kinderlos, sowie dec 30jährige Franz B l ä h a, ledig. Alle drei verunglückten Arbeiter stammen aus der Gemeind- Belkä Bites. Die Ursache des Unglücks untersucht eine Gerichtskommission. seinem Landsitz von„Angehörigen der kommunistischen Partei" ermordet. Die Banditen wollten— so heißt es in der Meldung— von ihm „20.000 Colones für den Roten Propagandafonds erpreffen". Die Bluttat hat große Bestürzung ausgelöst. Man erwartet das Eingreifen der Regierung. Eine bemerkenswerte Bilanz enthält der soeben erschienene Jahresbericht des Generalrates der englischen Gewerkschaften. Zum ersten Male seit dem Jahre 1930, also seit Einsetzen der Wirtschaftskrise, ist die Mitgliederzahl in allen Zweigen der englischen Gewerkschaftsbewegung wieder g e- stiegen, während sich gleichzeitig die Mit- gliederzahl der englischen fascistischen Gruppen erheblich vermindert hat. Der Bericht weist in diesem Zusammenhänge auf die Wirkungen des Fascismus in den von ihm eroberten Ländern hin. In Deutschland befinden sich 100.000 Menschen in Konzentrationslagern, und in Oesterreich gibt es 42.000 politische Ge- fangens. Die Verschuldung des Deutschen Reiches ist seit Hitlers Machtergreifung um eine Milliarde Pfund(120 Milliarden KC) angewachsen, und die Löhne der reichsdeutschen Ar- beiter sind im Durchschnitt nicht mehr höher als die Bezüge der englischen Arbeitslosen. Die tatsächliche Arbeitslosenzahl in Deutschland müsse trotz der Rüstungskonjunktur auf fünf Millio- nen geschätzt werden. Die gleiche Entivicklung hat in Italien dazu geführt, daß Mussolini als Ausweg aus Finanzkrise und Arbeitsmangel einen neuen Kriog sucht und so die Grundlagen des Weltfriedens ins Wanken bringt. Aus dieser Tatsachenbilanz geht klar hervor, daß der Fascismus der Hauptfeind der Arbeiterklasse, aber auch der gesamten Menschheit ist. Und es ist erfreulich, daß die englischen Arbeiter die Gefahr und die Notwendigkeit ihrer Bekämpfung in immer stärkerem Maße erkennen. Das Begräbnis Otakar Ostrkils findet am Freitag, dem 23. August, um 15 Uhr vom Vestibül des Nationalthcaters in Prag statt. Die Einäscherung erfolgt im Krematorium in Straschnitz um 17 Uhr. Am Tage des Begräbnisses ist das Vestibül des Nationaltheaters von 10 bis 12 Uhr öffentlich zugänglich. Die neue Straße zur Masaryk-Baude im Adlergebirge wird am 8. September in feierlicher Weise eröffnet werden. Die neue Straße ist 6.346 Meter lang und wurde mit einem Aufwand von 2.5 Millionen KL gebaut. Weihbischof Zapletal gestorben. Am Dienstag starb in Schüttenitz bei Leitmeritz Dr. Msgr. Fr. Zapletal, Weihbischof von Prag und Probst von Vysehrad. ■ Der Fremdenverkehr im Juli 1935 war in der Tschechoslowakei nach der Erhebung des Statistischen Staatsamtes bester sotvohl als im Juni d. I, als auch im Juli 1934. Ich Juli d. I. kamen 234.100 Ausländer zu uns, im Juni d. I. dagegen nur 202.700 und im Juli 1934 nur 220.000. Demgegenüber reisten ans unserer Republik Ausländer ab: Heuer im Juli 195.600, im Juni 180.500 und im Juli des Vorjahres 177.500 Personen. Unverhältnismäßig ist der Reiseverkehr unserer Staatsbürger ins Ausland gestiegen. Im Juli(Juni) d. I. reisten 164.200(139.400) tschechoslowakische Staatsbürger ins Ausland, im Juli des Vor- iahres betrug ihre Zahl nur 125.300. Im Juli (Juni) d. I. kehrten aus dem Auslande 148.300 (127.100) und im Juli des Vorjahres 120.300 tschechoslowakische Staatsbürger zurück. In der Zeit vom Jänner bis Jstli d. I. kamen 948.900 Ausländer zu uns und 697.200 tschechoslowakische Staatsbürger reisten ins Ausland. Dio Zunahme des ausländischen Besuches bei uns betrug Heuer im Feber bis Juli gegenüber dem Vorjahre nur 3.5 Prozent, der Besuch von Tschechoslowaken im Auslande in der gleichen Zeit dagegen 19.6 Prozent. Qualitativ hält im Fremdenverkehre auch Heuer im Juli eine merkliche Ver- s chlechteru n g für uns an. Die Besuche aus einigen Nachbarstaaten gehen nicht nur zahlenmäßig, sondern auch hinsichtlich der Auf- Tödliche Liebe. In Oslovbei Pisek wurdr 1 am Montag früh die 19jährige Hausgehilfin j Marie Hazuch aus Manlice in der Slowakei tot I aufgefunden. Neben ihr lag der 21jährige Stefan- I Bansky aus Sv. Martin in der Slowakei. Nach dem aufgefundenen Brief schieden die beiden aus j unglücklicher Liebe aus dem Leben. Sie brachte«| sich mit einer Schußwaffe schwere Verwundungen bei, denen sie bald erlagen. Rach neun Jahren... In der Gemeinde L u p o c i bei Lutschenec war vor neun Jahren H der Bauer Johann Andrikak erschlagen worden. Der.Bauer Ladiflav Filka, der des Mordes verdächtigt, aber nicht überführbar, nach' Kanada gegangen war und jetzt zurückkehrte, konnte dieser Tage als Mörder des Andricak 1 entlarvt werden. Er hat bereits ein Geständnis abgelegt. Die Folgen eines Blitzes. Einem unge«■' wöhnlichen Unfall fiel ein Radfahrer, Josts S ch m e l aus Sandau bei Böhm.-Lcipa, zum Opfer, als er auf der Straße ztvischen Zautig 1 und Höflitz fuhr. Schmel geriet in ein scvwcres J Gewitter und wurde von einem grellen Blitz so geblendet, daß er die Herrschaft über seir«] Rad verlor und in den Straßengraben stürzte.•; Lebensgefährlich verletzt wurde der Verun- Z glückte ins Krankenhaus gebracht. Ein Pferde-Mörder. In der Gemeinde I Damazd bei Neuschlöffel treibt ein seltsam« Verbrecher sein unheimliches Wesen. Er brich!’ des Nachts in die Stallungen der Bauern ein uni schneidet den Pferden die Hälfte d u r ch. Es haben sich innerhalb kurzer Zeit dr« 1 Anschläge dieser Art ereignet. Die Bewohner befinden sich in großer Erregung. Man nimost an, daß es sich um Racheakte handelt, ti ist jedoch auch durchaus möglich» daß ein Gei- 4 steskranker mit sadistischen Neigungen die! Tiermorde begeht. Ein Kranker klettert am Blitzableiter-Draht aufs Dach. In der Nacht zum 21. August, wur-■ den die Bewohner der Straßen beim Masaryk-1 Krankenhaus in Budweis durch die Ankunft der städtischen Feuerwehr und der Sicher-M heitswache aus dem Schlafe geweckt. Ein Patient des Krankenhauses, der 31jährige I.Svoboda, der Sohn eines Bauern aus Plästovicr, 31 hatte das Krankenzimmer Verlusten und war an dem Draht des Blitzableiters bis zum höchste.' Punkt des Daches geklettert, von wo aus er mit lauter Stimme einen der ihn behandelnden Aerzte des Krankenhauses rief, ihm zu helfen. i Die Feuerwehr versuchte vergeblich, ihn dazu zu bewegen» seinen gefährlichen Platz zu verkästen; erst als der von ihm gerufene Arzt, nach dem Svoboda ständig rieft erschien, ergriff dieser daS ihm zugeworfene Seil und kletterte her« unter. Svoboda beging diese Tat in geistig« Umnachtung und hohem Fieber^ Zwei deutsche Spione wurden, wie aus Metz berichtet wird, in dem Augenblick verhaftet, als sie auf einem Motocycle die Grenze- überschritten. Einer von ihnen war im Besitze einer falschen Journalistenlegitimation und eines photographischen Apparates mit einem Teleobjektiv. Bom Wetter. Mit Ausnahme des Karpathengebiets hatte die Tschechoslowakei gestern überall schönes und ziemlich warmes Wetter. Paris hatte gestern um 14 Uhr 30 Grad CelsiuS. Prag hatte 25 Grad. Heute wird es im Osten der Republik noch vielfach regnen, da sich dir allgemeine Wetterlage bei schwachem Winde ntil sehr langsam ändert. Im Westen des Staates| dürfte es im allgemeinen schön und ziemlich warm bleiben. In den mittleren Teilen der- Republik strichweise stärkere Bewölkung und zeitweise unsicher. enthaltsdauer zurück. Demgegenüber steigt der Besuch unserer Staatsbürger im Auslande sowohl zahlenmäßig als auch insbesondere nach dec A'-nthaltsdauer. Im Juli d. I. weilten die Ausländer bei uns ungefähr 1,457.700 Tage, h. i. gegenüber Juli des Vorjahres ein Rückgang um 2.5 Prozent. Unsere Staatsbürger verbrachten jedoch im Auslande im Juli 1935(Juni 1934) rund 882.900 (453.600) Tage. Die Aufenthaltsdauer cr- döhte sich also um 94.6 Prozent. Von Feber bis Juli d. I. sank die Aufenthaltsdauer der Ausländer bei uns gegenüber der gleichen Zeit dcS Vorjahres um 17.4 Prozent, während die Aufenthaltsdauer der Tschechoslowaken im Auslände in dieser Zeit eine Zunahme von 62.4 Prozent ausweist. Eine kürzere Aufenthaltsdauer weisen bei uns namentlich die Reichsdeutschen, ltn- garn, Polen und Jugoflaven aus. Eine erfreuliche zahlenmäßige und qualitative Zunahme zeigen die Besucher aus England. Auch der Besuch aus Oesterreich hat sich Heuer hei uns wesentlich gebeffert. Auf den Besuch von Prag hatten die Kongresse im Juli und Juni günstigen Einfluß. Der Besuch der B a d e o r t e, namentlich in Böhme», ist Heuer ständig geringer als im Vor« iahre. Nur einige Kurorte(LuhaLovice, Pistyan) haben Heuer etwas gewonnen, und zwar vornehmlich durch vorübergehenden Besuch. Bedenkliche Fremdenverkehrsziffern Mehr Reisen ins Ausland als ausländische Besuche Donnerstag, 22. August 1838 M.. ! Nr. 195 Seite 5 ,. Zunahme an Kraftfahrzeugen. Nach der Er- l' Hebung, die das Statistisch« Staatsamt monatlich m doknimmt, wurden bei den Evidenzbehörden in der «Tschechoslowakei im Juli 1933 1130 neue Kraft- « wagen und 1175 neue Motorräder(mit und ohne U Veilvagen) eingetragen. Von den neuen- Wagen l waren 1040 Personenwagen, 75 Lastwagen und e 15 Autobusse. Tschechoslowakischer Erzeugung waren x 1033(91.4 Prozent),-ausländische Erzeugung -»7(8.6 Prozent). 1,300.000 Zionisten. Im Verlaufe der I- ersten Sitzung des Zionistcnkongresses in Luzern A erstattete der Präsident des Kongreßgerichts, Dr. i Gronemann, den Bericht der Wahlprüfungskom mission, aus dem sich ergibt, daß die zionistisch: ! Organisation bis zum 1. Juni 1,216.030 Mit glieder zählte. Man könne also die Zahl d.c i Ritglieder der Organisation auf weit über k 1,300.000 schätzen, was gegenüber 1933 eine f Steigerung von weit mehr als | die Hälfte bedeutet. Das Banditenunwesen in Rordchina. Bank' diten bemächtigten sich der Stadt Tu mute und i erst dem Eingreifen starker japanisch-mandschu- i rischer Abteilungen gelang es, die Räuber in die | Flucht zu schlagen. Die Räuberbande wird aus 2000 Mann geschätzt. Castellamare di Stabia überschwemmt. Ücker den Orten Castellamare und Stabia ging U.Dienstag abends ein ungewöhnlich heftiges Gewit- ! ter in Verbindung mit einem Wdlkenbruch nieder. I st» wenigen Minuten war das ganze Viertel beim vahnhofe überschwemmt. Die Wassermafsen o führten aus den iiberschwemmten Häusern Möbel- h stücke,' entwurzelte Bäume und Hausvieh mit fort. Die von der plötzlichen Ueberschwemmung I überraschte Bevölkerung suchte in aller Eile ihr ! Hab und Gut zu retten. Fünf Personen fanden den T o d. ■k’ Feuer. Im Gebäude deS Schweizer Konsu- I'ats in München brach in der Dienstag-Nacht k Feuer aus. Der Aufzug war in Brand ge- l raten und die Flammen griffen rasch auf das E innere Gebäude über. Bei den Löscharbeiten erlitten zwölfFeuerwehrleute Rauchvergiftungen und Schnittwunden. k Mörderisches Gewitter vom„ewig blauen^ ! Himmel. Dienstag, wütete über Ne a p e l ein s Ästiges Gewitter. Viele Gassen wurden Lber- k nutet und die Telegrafen- und Telefonverbin- Mg unterbrochen. In Gragnano kamen sie. l»en Personen ums Leben. K.-- Frankreich als Petrolrumproduzent.(AP.) ' Gewöhnlich spricht man nur von England, Ame rika, Holland und der USSR als Petroleumpro- mizenteu, und das Petroleum in andere» Ländern kh'rd als abhängig vvn den dortigen große» Petro- stumkonzernen angesehen. Da« aber Frankreich mrrch den Besitz der schier unerschöpflichen i Heftoleumfclder Marokkos in einigen Jahren \ Eines der mächtigsten Petroleumländer der Erde I»in wird, ist wenig bekannt. Marokko wird in bvei bis drei Jahren eines der ergiebigsten Petro- k üumgcbieic der Welt darftellen. Frankreich wird t fich vom amerikanischen Oel vollkommen loslösen, ; ku sogar noch exportieren können. Das Gebiet um I stlksyr, Dselsat, Brou-Draa, Petit-Jean, Mckncs, I Fez und Tizeroutine ist gesättigt von hochwertigem «aphtha. Allein bei Fez sind 171 BohrungSkon- ! Wonen erteilt worden. Eine kleine Oucüe bei brou-Draa ergibt täglich 20.000 Liter Rohöl, i rin« Sonde bei Tselfat täglich 800 Tonnen. Bisher sind 400 Sonden in Betrieb genommen wvr« l den. Die Sonden werden militärisch bewacht. F Flugzeuge sind über das Oelgebiet verteilt, überall r üestndkn sich Arsenale mit Dynamitbomben und M?ltroglhzerinvorräten, um jeden Qucllenbrand t lcfort durch Bomben aus der Luft ersticken zu köu- i Üem So sind Frankreichs Petroleumschäde beson- k°srz geschützt. Einer der Hauptinteresicnten ist S. Gulhenkian, der um 1900 im Kaukasus der Gegenspieler der georgischen Oelmagna- I len Achmeteli, Tseretelli, Wezirow, Nousiimbaum f ünd Jnnoschwilli war, in Rußland ein riesiges k vermögen besäst und nach dem Kriege einer der t Wichtigsten. Finanzmänner Frankreichs wurde. Er dcs^t 5 Prozent der Oelvortommen im Irak und drei Millionen Hektar Petroleumfelder in Vene- luela, gilt als Gegner DeterdingS und groster Gönner der armenischen Flüchtlinge. i Was ist denn da los.? In der„Frankfurter i Zeitung" las man kürzlich:„Das Arbeitsamt Gissten gibt bekannt, dah in letzter Zeit häufig r® l n s p rüche auftauchten, di« den . Arbeitslosen von bestimmten Per» lunen geschrieben würden, die Offenbar das Aufsetzen von Be« l ch w e r d e n usw. gewerbsmäßig s betrieben und schließlich noch dafür eine Gebühr k kassierten. Meist endeten die Schreiben mit f"er.Drohung, daß die Angelegenheit hsr Reichsregierung oder einer vorgesetzten I Dienststelle des Arbeitsanites vorgetragen wür» !«en. DaS Arbeitsamt weift darauf hin, daß es sich um Personen handle, die unter dem Deck» lUantel des Rechtsvertreters ihre frühere versetzende Tätigkeit zumRach- ! keil der Volksgemeinschaft rts e h e n. Es bestehe kein Anlaß für Arbeitslose, sich derartiger unerwünsch» k«r Elemente zu bedienen, denn üon der deutschen Arbeitsfront t feien überall Rechtsbcratungsstel- 1 len eingerichtet, die auch für llnterstützungsfragen der Ar» ! beitslosen zuständig seien." Wiegen, Särge Md Arbeitsplätze Von Zeit zu Zeit wird, vor allem in der nationalsozialistischen Presse, ein Furcht und Schrecken erregendes Bild vom Aussterben der Deutschen in der Republik gemalt. Man kann aber auch in der französischen oder italienischen und besonders in der reichsdeutschen Presse das gleiche Lied hören, daß jeweils die Bevölkerung des betreffenden Landes aus Mangel an Kinder» fegen zu einem früheren oder späteren Ende verurteilt ist. Das Echo dieser Klagen ist bei der Bevölkerung naturgemäß gerade in einer Zeit großer Arbeitslosigkeit gering. Die populäre Meinung ist, daß in Europa zu viele Menschen leben, um, gar bei zunehmender Rationalisierung, Arbeitsplätze finden zu können. Das traurige Schicksal der kinderreichen Familien Arbeitsloser wirkt nicht gerade als Propaganda für das Kind. Es ist interessant, die Tatsachen zu untersuchen und festzustellen, wie die bevölkerungspolitische Lage in Europa und wie sie im deutschen Gebiet der Republik ist und ob die Behauptung richtig ist, daß die besondere Lage der Deutschen in der Republik als einer Minderheit dazu führt, daß sich der Geburtenüberschuß vermindert und die Deutschen zum Aussterben verurteilt seien. Die Statistif, lehrt uns, daß sich seit dem Weltkriege in Europa die folgenden Tendenzen, die die Bevölkerungsbewegung beeinflussen, sehr verstärkt haben: die Verringerung derEheschließun- genunddie Verminderung der ehelichen Fruchtbarkeit einerseits, die Verminderung der Säuglings st erblichkeit unddie Erhöhung der allgemeinenLe- b e ns daueranderseits. Die Zahl der Geburten wird durch zwei Faktoren bestimmt: Durch die Zahl der Eheschließungen und durch die Höhe der ehelichen Fruchtbarkeit, wobei man die übrigens auch sin» kende Zahl der unehelichen Geburten als kleine Fehlerquelle berücksichtigen muß. Die Zahl der Eheschließungen ist nach dem Kriege vorübergehend sehr rasch gestiegen, um dann auf ein vor dem Kriege nicht gekanntes Maß abzusinken. Die Statistik lehrt aber auch, daß die Zahl der Ehe« schliehungen, besonders in den allernächsten Jahren, noch weiter sinken muß, weil der Heiratsmarkt nun auf die außerordentlich geburtenarmen Kriegsjahrgänge angewiesen sein wird. Ein Ausgleich wäre nur möglich, wenn das Sinken der Heiratsziffer mit einem Steigen der Geburtenziffer pro Ehe verbunden wär«. Aber ist! das zu erwarten und ist es besonders im sudetendeutschen Gebiet zu erwarten? Hier ist vor allem eine Feststellung zu machen: die d e u tschen Bevöl k e r u n g s- l e ile der Republik gehen in ihrer Geburtenbewegung durchwegs parallel mit der entsprechenden Bewegung imDeutschenReich und nicht mit der bevölkerungspolitischen Entwicklung der mit ihnen in einem Staatsgebiet lebenden Slawen, deren absolute Zunahme noch sehr groß ist. Sowohl in der Tschechoslowakei wie in den von Deutschen bewohnten Gebieten Polens zeigt die Entwicklung eine unverkennbare Annäherung an die entspre» chenden deutschen Nachbargebiete. Warum dies so ist, hat mehrere Gründe. Vor allem hängt die Geburtenziffer nur zum Teil von wirtschaftlichen Momrmen ab, in viel höherem Maße von kul» turellen. Gewiß besteht ein Zusammenhang zwischen Geburtenbeschränkung und wirtschaftlichen Erwägungen, aber ein Zusammenhang, der meist überschätzt wird. Gerade in Gebieten der Verelendung ist die Geburtenziffer häufig sehr hoch. Anderseits war das Sinken der Geburtenziffer im reichen Amerika oder in der Schweiz nach dem Kriege nicht geringer als in den wirtschaftlich darniederliegenden Ländern wie Oesterreich oder Deutschland. Eine viel größere Rolle spielt /ie Einstellung zum Kinde, die g e r a d e bei g ehobenem Lebensstandard eine Beschränkung der Kinderzahl im Interesse einer erfolgreichen Aufzucht und Erziehung des Kindes vorzicht. Das Kind soll nichts entehren und geistig und körperlich ein wertvoller Mensch werden. Natürlich spielt auch die Kenntnis der zur Empfängnisverhütung geeigneten Methoden eine Rolle und die Möglichkeiten der Schwangerschaftsunterbrechung. Schließlich ist nicht ohne Belang die religiöse Einstellung, was schon daraus hervorgeht, daß im allgemeinen in katholischen Gebieten die Kinderzahl höher ist als in protestantischen, auf dem Lande— freilich im Zusammenhang mit der Erwägung, daß die Kinder notwendige Arbeitskräfte werden— höher als in den Städten. Daß es sich bei der Frage der Geburtenbeschränkung vorerst um eine Frage der kulturel» len Einstellung handelt, deutet auch die Tatsache an, daß die großen Städte vorangehen und das flache Land nachfolgt, daß die Geburtenbeschränkung ebenso wie der Rationalismus den Weg von der Großstadt auf das Land gehen. Wenn man also die Frage untersuchen will, ob eine Zunahme der ehelichen Fruchtbarkeit im sudetendeutschen Gebiet zu erwarten ist, muß man die Ziffern des benachbarten Deutschen Reiches heranziehen und darf nicht die Ziffern der tsche- chischen und slowakischen Bevölkerungsbewegung zum Vergleich wählen. Da erweist sich nun, daß etwa in Preußen der Geburtenüberschuß auf tausend der mittleren Bevölkerung umgerechnet von 9.1 im Jahre 1925 auf 4.5 im Jahre 1932 ge» funken ist. Die Geburtenziffer ist sogar noch mehr gesunken, als es der auf die Hälfte verminderte Geburtenüberschuß erwarten läßt, weil im gleichen Zeitraum die Sterbeziffern noch weiter gesunken sind— nämlich von 12.6 pro Mille aus 11.1 pro Mille— was das Bild im günstigen Sinne verschiebt. Man ist vielleicht in manchen Kreisen geneigt anzunehmen, daß in Deuffchland die nationalsozialistische Propaganda für Eheschließung und Kinderreichtum an dem Sinken der Geburtenziffern etwas ändern könnte. Wer das glaubt, sei auf die i t a li e n i s ch e n E rfa h run g e n verwiesen. Die bevölkerungspolitischen Maßnahmen der gegenwärtigen Reichsregierung, wie Kredite bei der Eheschließung, Prämien für kinderreiche Familien usw. sind eine bloße Nachahmung der von Mussolini in Italien seit Jahren geübten Politik zur Förderung der Bevölkerungsvermehrung. Aber obwohl gerade Italien noch bis zum Kriege eine große Kinderzahl aufgewiesen hat, konnte Mussolini das Sinken derGeburtenziffernnichtaufh alten. Sie sinken stetig und rasch weiter. Die durchschnittliche Geburtenzahl pro Eheschließung ist von 4.3 im Jahre 1910 bereits 1929 auf 3.2 pro Ehe gesunken, was in einem Lande mit so hoher Kindersterblichkeit kaum mehr ausreichen dürste, um die Bolkszahl zu erhalten. Es ist anzunehmen, daß auch in Deutschland diö Macht des Diktators vor dem Schlafzimmer der deutschen Bürger aufhören wird. Wenn man also die deutschen Ziffern zum Vergleich nimmt, so ist, wie die Erfahrung lehrt, auch bei der d e u t s ch e» B evölkerung in der Tschechoslowakei eineZu- nahme der Geburten nicht zu erwarten. In Böhmen ist der Geburtenüberschuß in einem für Mitteleuropa als durchschnittlich anzusehenden Sinken begriffen. Der Durchschnitt des Geburtenüberschusses betrug in den Jahren 1905 bis 1908 9.0, im Durchschnitt von 1921 bis 1925 7.5 auf tausend. Die Jahre 1914 bis 1920, zeigen durch die unmittelbare Kriegswirkung abnormale Tendenzen. Nach der Volkszählung von 1930 betrug in der Tschechoslowakei der Geburtenüberschuß im Durchschnitt in den Bezirken mit deutscher Mehrheit(immer auf je tausend der mittleren Bevölkerung gerechnet) 6.75, zur gleichen Zeit in Preußen 6.5, in der Schweiz 5.1 und in Oesterreich gar nur 2.9. Es zeigt sich also, daß im sudetendeutschen Gebiet der Rückgang sogar verhältnismäßig geringer ist, als in anderen deutschen Siedlungsgebieten. Indessen hat sich der Geburtenüberschuß freilich—• wie auch in den anderen Ländern— weiter verringert. Er wird in Anbetracht der Tatsache, daß nun die Kriegskinder den Heiratsmarkt beleben sollen- noch weiter sinken, oemr di« KriegS- jährgänge find sehr schwach. Während der Krie- ges, im Durchschnitt der Jahre 1914 bis 1918, sank die Zahl der Lebendgeburten in Böhmen aus 15.7 gegenüber einem Durchschnitt von 26.5 der Jahre 1911 bis 1913. Man kann auch bezweifeln, ob sich die jungen Ehepaare auS KriegS- geborenen— unter denen übrigens die Arbeitslosigkeit besonders groß ist— berufen fühlen werden, in besonders hohem Matze Kinder in die Welt zu setzen. Zusammenfassend kann gesagt werden, daß in g a n z E u r o p a die allgemeiire Tendenz auf eine Verminderung derKinder- z a h l bei gleichzeitiger Verminderung der Sterblichkeit hinweist. ES werden also weniger Men» schen sein, aber diese werden länger leben. Diese Tendenz ist besonders stark im germanischen Gebiet einschließlich Englands und mit Ausnahme der Niederlande. Bei den flawischen Völkern ist j die Lage noch viel günstiger, aber die Tendenz die gleiche. Die Allgemeinheit dieser Tendenz und die Tatsache, daß sie im sudetendeutschen Gebiet sogar keineswegs am stärksten ist, erweist aber, daß die Gründe des Geburtenrückganges beim sudetendeuffchen Volk nicht in seiner be- Berli».(AP.) In Berlin wurden von Stahlhelmern Flugblätter verteilt, in denen es hieß: „Lieber Wilhelm von Gottes Gnaden, als Hitler von Berchtesgaden." Darmstadt.(AP.) Im Verlauf eines MonatS find auS den kleinen Orten zwischen Darmstadt und Mannheim von der Gestapo insgesamt 60 Mann,, sämtlich Arbeiter, direkt aus der Werkftaft abgeholt und fortgeschafst worden. Diese Verhaftungen erfolgten in keinem Falle seitens der örtlichen Behörde, niemals wurde der Grund der Verhaftung angegeben,, selbstverständlich ist auch keine Verteidigung möglich. Köln.(AP.) In verschiedenen Orten des Mittelrheins werden an I u d e n k e i n«Fahrkarten für Rheindampfer mehr verkaust, da„sie nicht würdig feien, die deutschen Dampfer zu besuchen." Palermo.(AP.) Auf Sizilien wächst die AntikriegSstimmung. ES kam wiederholt zu Demonstrationen, in deren Ptzrlauf 500 Personen verhaf» tet wurden. sonderen politischen oder ökonomischen Lage zu suchen sind. Und schließlich: Eine gewisie Verminderung der Bevölkerung ist vielleicht im Interesse der kulturellen Entwicklung. Freilich für den Imperialisten, der einen Borwand für Eroberungspolitik braucht, der viele Soldaten braucht, um sie für seine Ziele abschlachten zu lassen, ist es ein großer Schmerz, wenn ihm die Bevölkerung die Begründung für das Schlagwort„Volk ohne Land" versagt. Die Bevölkerung Europas brauchte hundert Jahre, um sich von 100 auf 200 Millionen zu vermehren, aber nur noch achtzig bis zu Beginn unseres Jahrhunderts, um sich von 200 auf 400 Millionen zu vermehren. Das , hochkapitalistische Zeitalter braucht diese Men- schenmafsen nicht mehr. England hat im ersten Vierteljahr 1935 seine Produktion auf 103.9 Prozent des Jahres 1924 zu steigern vermocht und dennoch beträgt die Zahl der Arbeitslosen noch mehr als zwei Millionen. In Italien stieg die Produttion— Kriegsproduktion k— im April d. I. auf 106.8(V?rgleichsjahr 1924) und die Zahl her Arbeitslosen ist kaum gesunken. Das kann für jene,' die glaubten, daß bei einem neuerlichen Anstieg der Produktion auch die Arbeitslosen aufgesaugt würden, em Sturz auS gläubigen Illusionen sein. Man muß sich darüber klar sein, daß die heutige Arbeitslosigkeit-zum erheblichen Teil in dauernden Veränderungen der Wirffchaft-Rationalisierung, Verlust von Märkten durch die Industrialisierung ehemaliger Agrarstaaten u. a.— ihre Ursache hat.- Diese arbeitslosen Massen können nur eingereiht werden, wenn die Zahl der Erwerbsfähigen sinkt und wenn die Arbeitszeit verkürzt wird, wenn man zum Zwecke der Untersuchung annimmt, daß sich daS gegenwärtige Wirtschaftssystem noch ohne durchgreifende Aenderungen halten kann. Während jetzt die starken Jahrgänge der unmittelbaren Nachkriegszeit in daS erwerbsfähige Alter treten, werden schon in den nächsten Jahren di? schwachen Jahrgänge folgen und hoffentlich eine Erleichterung auf dem Arbeitsmarkt bringen. Schließlich ist eS die wichtigste Frage, wovon die Menschen leben, die ins Leben treten sollen. Daß sie— eine andere Organi- sation d e r G e s e ll sch af t v o r a us- setzt— bei den gegenwärtigen ProduktionS- nwglichkeiten leben könnten, ist keine Frage. In der kapitalistischen Welt können sie n i ch t leben. Unter den notwendigen Fürsorgemaßnamhen für ein kommendes Geschlecht wäre die wichtigste, das Wirtschaftssystemzubeseitigen, das Platz für junge Menschen nur in der Reservearmee der Arbeitslosen hat. I. K. Propaganda für Abessinien in New Port Ein Propagandawagen der New Yorker Schwarzen Legion mit Plakaten, die zur Unterstitzung Abessiniens und zum Boykott italienischer Waren auffordern. Seite 6 „Sozialdemokrat" 22. August 1935. Nr. 195 Der Arbeiter als Sklave Im Dritten Reich Auf einem Lehrgang des Amtes für Berufserziehung in Berlin hat vor kurzem der Professor Dr. L ü e r einen Vortrag über das Thema „Der Unternehmer als Verwalter des Volksvermögens" gehalten. Dieser Dr. LLer kann als einer der einflußreichsten Nationalsozialisten aui dem Gebiete der Wirtschafts- und Sozialpolitik angesprochen werden. Er ist Präsident des Rhein-Mainischen Judustrie- und Handelstages und gleichzeitig Leiter der Reichsgruppe Handel Seine Ausführungen sind wert, daß sie auch außerhalb der Grenzen des Dritten Reiches Beachtung finden, vor allem in jenen Ländern, wo die Bevölkerung der Demagogie der nationalsozialistischen Gesinnungsgenossen ausgesetzt ist. Dieser Dr. Lüer fordert nichts geringeres, als daß die Arbeiterschaft gegenüber dem Unternehmertum in ein Verhältnis gezwungen wird, das dem eines Rekruten zu seinem Feldwebel entspricht. In seinem Vortrag führte er u. a. aus: „Der Unternehmer braucht zur Erfüllung feiner Aufgaben die Anerkennung seiner Autorität im Innern, und ex braucht zweitens Freiheit nach aussen hin. Nur wenn der Betrieb sich di« unbedingte Autorität und die Achtung von der Persönlichkeit des Betriebsführers zur Richt- schnur gemacht hat, dann kann er so geführt werden, wie er zum Wohle der Gefolgschaft und der gesamten Volksgemeinschaft geführt werden muß Wird diese Autorität auch nur im geringsten an» getastet, dann rüttelt man damit an den Grundpfeilern der Unternehme» und an der gesamten Volkswirtschaft. Ebenso wir es im Heere nur «ine» bedingungslosen Gehorsam auf Befehl deS Führers geben kann, sollen Schlachte« gewonnen werde», und ebensowenig wie man vor einer Schlacht bei den Soldaten abzustimmen pflegt, ob tatsächlich gekämpft werden soll und ob auch der KompaguirfKhrer das Vertrauen feiner Soldaten besitzt, so wenig kann in der nationalsozialistischen Wirtschaft auf Führerprinzip und Gefolgschaftstreue verzichtet werden." Das ist die Forderung der sklavischen Unterordnung der Arbeiter unter die Willkür des Kapitalisten. Ohne jede Beschränkung soll der Unternehmer rm Betrieb und über die Arbeiter- schaft kommandieren und herrschen können. Oie britische Arbeiterschaft und das deutsch-britische Flottenabkommen In„Labour", dem offiziellen Organ des Britischen GewerkschastSbuudes, veröffentlicht 48, H. Hall(Lord der Admiralität in der Arbeiterregierung 1929—1931) einen Artikel, in dem er die britische Regierung scharf kritisiert, weil sie übereilt das Flottenabkommen abschloß, ohne bestrebt zu sein, auch mit anderen europäischen Mächten ein allgemeines Abkommen abzuschließen und ohne Bezugnahme auf den Völkerbund.»Industrial News", das Wochenorgan des TUE, sagt dazu:»Halls Kritiken sind durchaus gerechtfertigt. Das Flottenübereinkommen hat ohne Zweifel in allen Ländern ein Wettrüsten zur See begünstigt, und es sind damit alle Hoffnungen auf die Erzielung von Abrüstungsmaßnahmen zur See vereitelt worden." Verdrängter Orient Belgrader Betrachtungen von Adolf Bolkmmm. Trotz moderner Paläste, Parks und Autos, bietet heute Belgrad noch immer kein sauber um- riffenes europäisches Bild. Das Westliche erscheint irgendwie veröstlicht. Ich sah einen jener zahlreichen mazedonischen Holzsäger in einem europäischen Gummimantel, den er bei einem Trödler erstanden haben mochte. Bei glühendem Sonnenbrand trug er die Kapuze über den Kopf gestülpt und den Mantel um sich gefaltet wie einen Burnus. Sinnbild für die Umwertung fremder Errungenschaft. Belgrad gilt als Pforte des Orients. Dieser Satz behauptet auch heute seine alte Gültigkeit. Und begründet gleichzeitig Doppelwesen und Zwiespältigkeit dieser Stadt, Aneinanderprallen, nicht Vermengung, östlichen und westlichen Geistes. Vielleicht wäre, wenigstens in der äußerlichen Neugewandung, eine harmonische Lösung und Verschmelzung der Gegensätze möglich gewesen. Nach dem Kriege, als der Ausbau begann. Hierzu aber fehlte das Herkommen eigenen, geläuterten Geschmacks; da war die Unlust eines jungen Staates zu Kompromissen. So wurde, am Aufbau des westlichen Kulturgebäudes durch Jahrhunderte unbeteiligt, fremde Art fix und fertig übernommen. Leider nur in ihren äußeren Formen. Der Geist wurde bis heute kaum erneut, verwestlicht. Die längst nicht mehr gültigen Gebote türkischer Gewaltherrschaft wurden krast jahrhundertelanger Gewöhnung zur Tradition erhoben und den Druck der fremden löste jener der eigenen Machthaber. Im übrigen ist es der Rhythmus, nicht so sehr das Aussehen, was den Eindruck einer Stadt bestimmt. Jede Stätte, auf der in dauernder Erneuerung art- und sprachverwandte Wesen wandelten, ist in Atmosphäre und Pulsschlag durchdrungen von ihrem vergangenen und gegenwär- D-aqer Geltung Türkische Schecks und lettische Bräute des Betrügers Kaufmann. Gestern erhielt die Praaer Polizeidirektion aus Warschau«ine Nachricht über den Lebenswandel des Scheckbetrügers und angeblichen Mädchenhändlers Julius Kaufmann kurz vor seinem Prager Auftreten. Danach hatte sich Kaufmann im Frühjahr dieses Jahres im Hotel George in Lwow, wo er wohnte, mit einem amerikanischen Paß aus den Namen Julius Kaufmann ausgewiesen und im übrigen seinen Aufenthalt mit selbstgemachten Schecks bestritten, von denen er einen auf 10 Pfund Sterling beim Lwower Bankhaus O. Güs einwechselte. Am 2. April zahlte er die Hotelrechnung von 86 Zloty mit einem angeblich von einer türkischen Bank stammenden 10 Pfund-Scheck, für den ihm der Portier 174 Zloty gab. Hierauf gab er an, nach Warschau zu fahren, wo er im Hotel Europe wohnen wolle, fuhr aber in Wirklichkeit nach Rumänien. Während dieser ganzen Zeit hatte er mit der 26jährigen Nina Leander aus-Dünaburg korrespondiert, der er die Ehe versprochen hatte und mit der er— er kannte sie schon seit 1931— einen ähnlichen Coup wie mit Fräulein Hanl plante. Er wollte sie mit nach Amerika nehmen, wo er bei den Niakara-Fällen eine Fabrik hätte. Seine Briefe und Heiratsversprechungen an sie setzte er auch als Gatte der Mimi Hanl noch fort. Nach seinem rumänischen Aufenchalt kam Kaufmann nach Prag. Fvauenbein in der Moldau. Vorgestern wurde in Troia in der Nähe der Fähre vom Fuhrmann Fr. Dise aus der Pelc-Tyrolka ein Frauenbein aus der Moldau, gezogen, das oberhalb des Knie abgetrennt.war. Der Fuß muß bereits ziemlich lange im Wasser gelegen fein, da die Haut nurmehr ,lose am Fleisch hing. Der Fuhrmann meldete, feinen Fund der Polizei. Ob ein Verbrechen oder irgendein Unglücksfall vorliegt, steht derzeit nicht fest. Ei« Spatz verursacht einen Antonnfall. Gestern mittags fuhr der Beamte Josef Hrabanek aus Prag IV mit seinem Auto P—7508 auf der Bkevnover Landstraße nach dem Stern, als plötzlich ein Spatz unmittelbar vor dem Gesicht Hrabaneks hinter der Schutzscheibe durchflog. Hiedurch nervös geworden, verlor der Beamte für den Augenblick die Herrschaft über den Wagen und riß diesen gegen einen Baum. Hiebei wurde die Seitenwand des Autos stark beschädigt. Der Lenker selbst ist unverletzt. Iümst und Mssen- Die„Pfeffermühle" hat ihr Gastspiel in der Kleinen Bühne bis einschließlich 81. August verlängert. Täglich 8 Uhr abends. Preise 5 bis 45 KL. Für S o nn t a g, den 26. August, ist um 15.30 Uhr eine Vorstellung zu besonders stark ermäßigten Preisen angesetzt worden. 4 bis 25 KL. Vorverkauf: Deutsches Haus, Neues deutsches Theater, M. Truhläk. Filme in Prager Lichtspielhäusern Adria:„Legong." Liebesroman von der Insel Bali.— Alfa:„Die Karnevalsnacht." Gustav Fröhlich. D.— Avion:„Ein junges Mädel— ein junger Mann. D.— Beranek:„Den Himmel auf Erden."— Fenix:„Tarzan, der Sohn der Wildnis."— Flora:„Zirkus Barn um." A.— Gaumont:„Die Katz' im Sack." D.— Hollywood: „Der Kosak und die Nachtigall." D.— HvLzda: „Das Recht auf Glück."— JuliS:„Endstation." Paul Hörbiger. Nur bei uns. D.— Koruna:„Die Spur des Todes." D.— Kotva:„Die gefährliche Blonde." A.— Lucorna:„Tarzan, der Sohn der Wildnis." A.— Metro:„U-Boot A. L. 14."— Passage:„Die Katz' im Sack." D.— Praha: „Kitty stiehlt sich ins Glück." D.— Radio:„Abends um 8."-— Skaut:„Charlie Chans Mut." A.— Alma:„Der Palast auf Rädern". Greta Garbo und Ramon Rovarro in dem amerikanischen Film„Mata Hari". Sperrung von deutschen Volksschul» klaffen in Troppau Sozialdemokratisches Einschreiten In T r o p p a u wurden zwölf deutsche Volksschulklassen gesperrt. Es ist dies ein Viertel der gesamten deutsche» Volksschulen der Stadt-Troppau. Durch diese Vorkehrung ist das deutsche unter das tschechische Volksschulwesen der Stadt gedrückt, obgleich Troppau nach der letzten Volkszählung mehr als dreiviertel deutscheEinw ohne! zählt. Diese Maßnahme des mährischschlesischen Landesschulrates, durch die neuerdings ein Dutzend deutscher Lehrerstellen entbehrlich wird, ftndet diesmal ihre Begründung nicht in Sparmaßnahmen der Regierung, sondern io der Tatsache, daß die Troppauer deutschen Schulen zu einem großen Teil von deutschen Kinder» aus der Umgebung Troppaus, namentlich aut dem benachbarten Hultschiner Ländchen besucht werden. Dies will die Schulbehörde unterbinden, darum soll das deutsche Schulwesen Troppaus st weit gedrosselt werden, daß es nur knapp für dje deutschen Schulkinder Troppaus Platz gewährt und die deutschen Kinder aus dem Hultschiner Ländchen um die Möglichkeit bringt, deutsche Schulen zu besuchen. Die Schulverwaltung wiH also durch diese.Maßregel der vermeintliche» Germanisierung tschechischer Kinder aus de« Hultschiner Ländchen ein Ziel setzen. Fraglich ist allerdings, ob der vondek Schulbehörde eingeschlagene Weg richtig ist undzum Ziele führe« wird. Uns scheint es, daß durch die Einschränkung der deutschen Schulen in Troppau gleich u« 25 Prozent gerade jetzt, wo man fortwährend hört, daß in rein deutschen Gemeinden tschechisch? Minderheitenschulen errichtet werden, nur d e k Chauvinismus neue Nahrung b ekommenundderDruck unreine« umsoschärferenGegendruck a u S- lösen w i r d. Vorerst hat die Nachricht v»» dem Erlasse des Präsidiums/ des Landesschulrates in Troppau wie e i n e B o m b e gewirst und große Aufregung verursacht. Am Montag hat eine große Deputation au? Troppau, bestehend aus dem Bürgermeister, Mitgliedern der Stadtvertretung und des Ortsschulausschusses und Vertreter der politischen Parteien unter Führung des Genossen Schuster bei« Präsidium des Landesschulrates Vorgespräche« und gegen das Vorgehen der Landesschulbchörd« Vorstellungen erhoben. Kakteen mit„ÄauverduKg" begossen, werden zauberhaft schön. Senden Sie uns KL 5.60 in Briefmarken, wir liefern Ihnen dafür den guten Blumenzauberdung, den besten Dungguß für Ihre Blumen. Sie werden staunen, wie herrlich dann Ihre Blumen gedeihen. Verwaltung„Frauenwelt", Prag XII-, Fochova tr. 62, und durch alle Kolpor- teure erhältlich. tigen Sein. Ausbau und Erneuerung verschieben meist nur das äußere Bild, vermögen aber nicht den lebendigen Geist zu verändern. Solange er eben noch lebendig ist. Denn auch Geist und Geister scheinen dem ewigen Gesetz des Kreislaufs von Bestehen und Vergehen unterworfen. In jeder glatten, aus Stein und Mörtel gefügten Mauer äußert sich bereits lebendige Eigenart. Dies ist der rätselhafte Vorgang, durch den Menschenwerk über Menschenwille und-Plan hinauswächst. Entbundene Energien, imprägniert mit dem innersten Wesen ihrer Urheber/führen ihr selbstherrliches Dasein. Jeder in mechanische Kraft umgesetzte Gedanke, jeder im konkreten Bilde der Stadt in dauernde Form geronnene Handgriff ist anonyme, kollektive Unsterblichkeit der Werktätigen Hand der Masse. Und was zutiefst aus eigenem oder fremdem Wesen stammt, ist nicht ohne weiteres zu verpflanzen, zu Wernehmen. Als vor zehn Jahren das bierfreudige Brüssel seiner großen Schwester Paris eine Nachbildung des berühmten„Manne- ken-Piß" verehrte, jenes ungezogenen steinernen Brabanterknäbleins, das seine ewig unversiegbare Notdurft vergeblich in einem marmornen Becken verrinnen lassen möchte, war man in unerklärlicher Verlegenheit. Kein Park, kein Platz, kein Eck wollte sich in der gewiß nicht prüden Stadt zur Aufstellung eignen. Geistsprühende, zweideutige Essays in den Blättern, heiße Köpfe der Stadtväter und der gellende Empörungsschrei der Vorsteherin eines Mädchenpensionates, in dessen Nähe man das verhängnisvolle Geschenk schließlich placieren wollte, amüsierten durch Monate Paris. Städte haben eben einen zähen Boden. Fremde Pinselstriche bleiben schwer an ihnen haften. Und es ist gut so. Neuzeitliche Aufmachung, Bahnhöfe und Trams, haben an Vereinheitlichung des Bildes genug geschaffen. Bliebe nicht ein Rest jener Patina urtümlichster Vergangenheit, würden auch unsere Städte zu uniformierten Wohnblocks, wie man sie Wer Nacht mit Zirkel und Axt erschaffen kann. Kultur würde zur schauerlichsten Abart, zur Halbzivilisation, wie man sie am Balkan geschaffen hat. Wo die Machthaber die Vergangenheit verleugnen, um einer Gegenwart willen, die ihnen noch nicht gehört. Es ist von tiefster Sonderbarkeit, daß im einstigen Viertel der vornehmen Türken doch noch gewisse Andenken an vergangene Jahrhunderte erhalten blieben, obwohl gerade hier wechselnde Soldatesken immer alles das zu vernichten bestrebt waren, Ivas einer vergangenen Epoche Wert zu geben schien. Allerdings verwandelte sich der östliche Prunk in östliches Elend. Wie zur Be- weisfiihrung gegen gestürzte Herrschaft im Negativen. Die Wesire und Würdenträger des Großherrn wohnten, Gesetz und Sitte gemäß, in seidenen Zelten. Diese waren beweglich und sind längst abgebrochen. Wo aber sind die Bauwerke einer alten Kultur? Die prunkvollen Moscheen, die reichen Basare, die weißgekuppelten Bäder, die duftenden Rosengärten. Dies alles fiel wahllos unter vernichtenden Händen, noch bevor der letzte schwankende Taktarawan(Tachtirwan) von finsteren Janitscharen geleitet, außer Sicht war. Es blieben das wirr gesäte, spitzsteinige Pflaster, die gelben Schmutzbäche zu beiden Seiten der Straßen und einige halbverfallene türkische Häuser, fensterlos nach vorne. Das Privatleben der Türken war verschleiert wie ihre Frauen. Dieser Stadtteil, heute auch bereits von.erneuernder Betriebsamkeit erfaßt, der Dortschol, ist heute das freiwillige Ghetto der armen Sepharden, der spanischen Juden. Ueberlebt wie ihre Umgebung, durch Jahrhunderte währende, erst aufgezwungene und schließlich zur Gewohnheit gewordene Jnnzucht zu Zerrbildern eines einst blühenden Volkszweiges degeneriert, schleichen sie durch die elenden Straßen, jämmerliche Hausierertypen des Ostens. Manchmal begegnet man auch im Innern der Stadt noch Altem und Ursprünglichem. ÄW es zeigt sich nur durch Zufall, nicht dem Such«?' sondern dem Entdecker. Vielleicht sitzt du eines Abends auf einer Bank, Autos flitzen vorüber' Trams. Plötzlich fällt dein Blick auf eine« uralten, lehmgelben Turm, schmucklos, aber mast sig und zeitbeständig, von verwittertem Halbmo«^ übergipfelt. An den Turm schmiegt sich ein ju«' ger, dünngcästeter Baum, eigenartig fremd, w» Weiß des Alters in das Gelb des noch höher««- An warmen Tagen sonnt er seinen vclm Hauch M nahen Grabes gekühlten Körper vor dem Gottes' haus. Sein Gesicht zeigt den tiefsten Frieden. 5* ihm ist die Weisheit vieler Ahnen. Mit Demi« und Gelassenhett trägt er den Willen Allahs u« 5 das Fatum. Ich glaube, der Alte kann nicht sterben, st' lange noch ein StaWkorn in seinem kleinen Rest che mit dem alten Geist getränft ist. Wie«j«* ihre Zeit überstandene Ritterburg braucht iS** seine Moschee zu stilgerechter Komplettierung: W* verhutzeltes, aber liebenswürdiges Gespenst.•• Bezugsbedingungen: Bei Zustellung tnS Haus oder bei Bezug durch die Post monatlich KL 16.—. vierteljährig KL 48.—, halbjährig KL 96.—, ganzjährig KL 192.—.— Inserate werden laut Tarif billigst berechnet. Bei öfteren Einschaltungen Preisnachlaß.— Rückstellung von Manuskripten erfolgt nur bei Einsendung der Retourmarkeo.— Die Zeiiung-'frankatur wurde von der Post- und Tel«« graphendirektio» mit Erlaß Nr. 13.800/V11/1930 bewilligt.— Druckerei:»Orbis'. Druck-, Verlags- und ZeitungS-A.«G„ Prag.