Samstag, 14. September 1935 15. Jahrgang Nr. 215 IENTRALORGAN DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK 1 Ä ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung mag xiufochova o. Telefon«77. HERAUSGEBER! SIEGFRIED TAUB. CHEFREDAKTEUR! WILHELM NIESSNER. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR« DR. EMIL STRAUSS. FRAG. Einzelpreis 70 Helle! (•inachlieBlich 5 Heller Forte) Fünfzehn Jahre wurde geredet - jetzt wird gehandelt Hauptbeschäftigung der SdP*Bonzen: Intrigieren Es wird Scherben gebe»— Dilettanten schimpfen einander Dllettanten — Man bildet Blöcke und trägt den Dolch im Gewände— Die Trümpfe find schon in der Hand, bald geht das Stechen los— Die betrogenen Arbeiter ahnen den Stunk— Ernster ist die Sache Dr. Köllner Porträts von Henlein-Führern, gezeichnet vom Henlein-Abgeordneten Nentwich Sir versprachen vor der Wahl: Arbeit allen Arbeitslosen Wohlstand dem Gewerbe Hilfe den Bauern Mit Posaunenschall wurde im ganzen sudetendeutschen Land verkündet: fünfzehn Jahre hätten dir verruchten alten Parteien nur geredet— die Bonzen hätten sich die Bäuche, gefüllt und um das Volk nicht gekümmert— nun aber sollt«endlich gehandelt werden. Das zog. Eineinviertel Million Wähler und Wählerinnen schenkten Konrad Henlein blindes Vertrauen. Er sollte sie besseren Zeiten entgegenführen. Nach dem 19. Mai warteten sie in fieberhafter Spannung auf die versprochenen Taten. Während das gläubige Volk hoffte und wartete, sonnte sich Henlein amGenferSee, bereiste er die S ch w e i z, England, Skandinavien. Nun ist et, wieder heimgekehrt, doch die Taten sind immer noch nicht da,.. Das gläubige Volk, das ihm blind vertraute, beginnt zu murren. Mit Festen und.Volkstagen" soll der Unwut übertönt werden. Der„Volkstag" in Haida war angeblich die „größte politische Kundgebung des Sudetendeutschtums". Sollte anschließend etwa mit dem Handeln begonnen werden? Ach nein, Herr Sandner spielt in Prag schon wieder„S. M. allergctreueste Opposition". Und die Wähler sollen weiter hoffen. Hoffen und warten, nicht murren und drängen. Wieder werden sie vergebens hoffen. Denn während das Volk auf Taten wartet, st r e i t e n sich die Führer um die Pfründen. Henlein-Wähler, prüfet an Hand des nachfolgend abgcdruckten Original-Dokuments selbst, ob'ihr euch die Volksgemeinschaft unter Henleins Führung so vorgestellt habt: Straffen««, den 22. 8. 1935. Herrn Rudolf Sachse» Ortsleitrr der S. d. P. Bodenbach Rr. 1158.. Lieber Freund und Kampfgefährte Sachse! Deine» Eilbrief erhielt ich und antworte gleich. Dir Herrschaften spüren Oberwaffer und srgeln frisch»nd unbekümmert den Kurs, der ihnen liegt. Rur zu, je forscher desto eher ist der Scherbe^» da. Bon Dille- ta«tismus zn sprechen, wenn man selber mehr als dilletiert, ist lustig. Tast sie über Robert*)«nd mich hersallen, läßt mich in meiner Ferien-«nd Ruhestimmnng vollkommen kalt, umsomehr als die Herren rS in unserer Abwesenheit tun, was eine besondere Ritterlichkeit der kampfesführung beinhaltet. Freue mich über Trine Auffassung von FreundeSpflicht, die Dich zu dem eiligen Brief veranlaßt, erkenn», klar, daß Dn recht hast, wenn Du von der Festigung des Blockes sprichst, der gegen •) Robert Tschakert, Senator rn Bodenbach. -f) Franz May, Kreisleiter und Abgeordneter, Nicdergrnnd.-■,■ **) Helzel, Landesvertreter, Obergrund. «ns de» Dolch im Gewände trägt, doch eß ich die Suppe nicht so heiß, wir sie dir Herren von» KreiS M.?), der mir immer mehr als daS geistige Oberhaupt— soweit die Herren aus dem anonymen Dunkel hervortauchen— erscheint, kochen und einrühren wollen. Derzeit habe» wir alle Trümpfe, in der Hand und wir wollen sie nicht vorzeitig verstechen. M. muh hier weg«nd das darf nicht locker behandelt werden. Hausmann allein ist nicht gefährlich«nd H e l z e l**) ist dann doch rin etwas zweifelhafter Bundesgenosse für»in so gewagtes Spiel. Helzel wird sich, wen« rr so weiter macht, in nicht zn ferner Leit auch io breitere« Kreisen demaskiert und dadurch einflußlos gemacht haben. Auch und vielleicht besonders unsere Arbeiter In diesen hohen Tönen spricht jener Herr M ay zu seinen Heerscharen, gegen den sein Fraktionskollege Nentwich;„a l he Trümpfe in der Hand" hat. Jener Herr May, der in Haida mit bewiesen hat,„daß wir seit dem 19. Mai st ä r k e r und innerlich fester geworden sind". Der mit„dem Dolch im Gewände" ausruft: T r e u e u m Treue. Denn: „Unsere Opfer sollen nicht vergebens gewesen sein". Wessen Opfer? Die des Herrn Nentwich, der seine Urlaubsruhe hingab, um gegen den Kreisleiter nicht gerade verzuckerte Pfeile abzuschießen? Oder die des anderen Mandatsträgers mit dem„Bruch im Charakter"? Man hat in Haida wieder einen„einzigartigen Erfolg" erzielt:—:„N ur z u, je forscher, destoe h e r s t n ddi e. Sch e r b e n d a." Weil:„Ernster i st die Sach e Do k- torKöllne r", des. Traütenauer Henlein- Advokaten und Abgeordneten, wie sein Klubkollege Nentwich sorgenvoll vermerkt. Es stinkt also nicht nur in Bodenbach. Dir ganze Volksgemeinschaft von Eger bis Jägern- dorf strömt allgemach schon penetrante Verwesungsgerüche aus. Allenthalben gibt es Leute in der Henleinpartei, die der Ekel im Halse würgt. Das Führerprinzip kann den großen Krach unter den streitenden „Blocks" dazu hat man ja die Sudetendeutschen mühevoll geeint, um neue Parteiungen in der eigenen Partei zu bilden— zwar verzögern, aber nicht aufhalten. Und eine^weitere Unterredung mit Konrad" wird auch nichts nützen, wenn schon die bisherigen Beschwörungen- für die Katz waren. Henlein h a t- s i ch doch s e ine A b,g e o r d n e t e n p e r s ö n I i ch a u s* haben wohl im Unterbewußt» sein ein Gefühl für de« Bruch, der in seinem Charakter liegt. Wir Esel allerdings haben dieses feine Gefühl nicht gehabt und zu spät bekommen. Interessant ist Kowarcz. Wie doch gute Worte«nd auch gleichzeitiges Abnenlassen rücksichtsloser Härte'm richtigen Zeitpunkt wirken können! Run Sonntag, bin ich zurück. Sei so gut«nd besprich mit Robert, der Samstag Abend zurück- kommt, die Tetschnrr Sache. Ich will zusehen, daß ich Sonntag noch Dich erreiche, um mich über den Stand der Dinge'Ns Bild zu setzen. An Kowarcz will ich gleichzeitig schreiben, damit er tut, waS möglich ist. Montag muß durchreißen. Ernster ist die Sache Dr. Köllner «nd Dein Brief. Aeberschlafen! Wir wollen beraten, was zn tun ist. Jedenfalls zeichnet sich die Notwendigkeit einer weite r e n Unter» rrdung mit Konrad ab. Schönsten Dank für Deine Zeilen. Grüße an Dich und Deine liebwerte Gattin von mir und meiner Fra» Dein Nentwich. »bs. Jng. Alfred Nentwich, Letschen a. d. Elbe. Franz Matz. gesucht. Sie passen zu ihm und er zu ihnen. Außerdem ist der Führer unfehlbar. Man kann neugierig sein,.was die Herren May, Heizel, Dr. Köllner u. Komp, zu dieser moralischen Porträtierung durch ihren Kameraden Nentwich zu sagen haben. Oder wird nach bekannten Mustern vom Hauptquartier eine'Berichtigung kommen: Unwahr i st, daß jemandem ins Ge- s r"ch t g e s p u ck t würde.. Wahr i st, daß es geregnet hat...? . Wird man bei der nächsten Parlamentssitzung die Nentwich und May und Dr. Köllner wieder in forschen Doppelreihen nebeneinander ins Haus marschieren sehen? Das liegt bei Konrads unerforschlichem Ratschluß.. Wir werden jedenfalls nicht ermangeln, die Henleinwähler auch weiterhin über die Vorgänge in ihrer'Partei zu informieren. Sollte die Frankreith an Englands Seite Lavals Rede In Genf Genf. Der französische Minister» Präsident Laval hielt am Frestag vor der Völkerbundversammlung seine mit großer Spannung erwartete Rede. Laval setzte sich bedingungslos für die Einhaltung des Völkerbundpaktes und aller daraus erfließenden Verpflichtungen ein und betonte nachdrücklich die englich-fran- zösische Solidarität in der Äebernahme gemeinsamer Verant- Wortung. Andererseits vergaß er auch nicht, dieFreundschaft zwischen. Frankreich und Italien zu betonen und der Hoffnung Ausdruck zu geben, daß noch eine Lösung gefunden werde, die die„berechtigten" italienischen Erwartungen befriedigen könnte und mtt der Achtung vor der Souveränität eines anderen Völkerbundmitgliedes vereinbar sei. Die Rede Lavals wird allgemein dahin ausgelegt, daß Frankreich nochmals einen Appell zur Mitarbeit an Italien richtet, aber für den Fall, daß eine versöhnliche Lösung nicht zu- standekäme, Sanktionen gegen Italien— und zwar zunächst wirtschaftlicher und finanzieller Natur— mitmachen würde. Damit hat sich Frankreich deutlich a n die Seite Englands gestellt. Echtheit diese Briefes etwa angezweifelt werden, sind wir bereit, die Serie sogleich fortzusetzen. Und was säst die sudetendeutsche Oeffentlichkeit dazu? Das ist die ernsteste Frage, die sich beim Lesen dieses zeitgeschichtlichen Dokuments aufdrängt. Gibt es überhaupt noch sittliche Maßstäbe in unserem politischen Leben? Ist bei zwei Dritteln unserer Bevölkerung das Gefühl für Anstand und Sauberkeit in öffentlichen Dingen schon vor die Hunde gegangen? Werden sich die eineinviertel Million Wähler der Henleinpartei mit solcher Einlösung der empfangenen Versprechungen zufrieden geben? Dieser widerliche Cliquenstreit soll den Arbeitslosen das versprochene Brot ersetzen» dem Gewerbe die erhoffte Arbeit, den Bauern die ermattete Schuldenstreichnng? Diese Fragen legen wir den Wählern und Wäh- lettnnen der Henleinpartei vor. Eines ist gewiß: jene verrottete Schriftleiterpresse, die für Henleins Partei so heftig die Werbetrommel gerührt hat, wird mit der gleichen moralischen Akrobatck, mit der sie die kleinste Verfehlung eines Arbeiter-Vertrauensmannes zu plakatieren gewohnt ist, diese skandalösen Vorgänge im Lager der Bolksgemeinschaftler totschweigen. Eher ließen sich diese Herrn Schriftleiter mit glühenden Zangen foltern, bevor sie ihren Lesern die Wahrheit über die Führerkämpfe in der Henleinpartei mitteilen würden. Schweigen aber heißt, sich mitschuldig machen an dem Verhängnis, daß ein aus tausend wirtschaftliche« Wunde« blutendes, darbendes und um die letzte« Existenzmöglichkeiten ringende- Minderheitsvolk dem Cliqnenstreit politischer Dllettanten ausgeliefert wird. An Hinterher klugen wird es nicht fehlen, wenn es zu spät ist. Jetzt ist es noch Zeit, der größten Komödie in der sudetendeutsche« Poli- tik, deren Hauptdarsteller einander selber die Maske vom Biedermanns- Gesicht reißen, ohne Katastrophe ein Ende zu beretten. Wenn die Führer der Henleinpartei nur reden und streiten dann müssen ihre Wühler handeln! Um dieses Dokument richtig beurteilen zu können, muß man noch die folgende Danksagung lesen:. KaEneravenk Der„Nordböhmische Volk Stag" in Haida war die größte politische Kundgebung des Sudetendeutschtums. Er wurde zu einem einzigartigen Erfolge für unsere Bewegung, zu einem überwältigenden Treubekenntnis zn Konrad Henlein. Nnrdurch Euere unermüdliche Mitarbeit, durch Euere Opferberritschaft konnte dieser Tag gelingen. Wir haben bewiesen, daß wir seit dem 19. Mai st ä rkerund innerlich fester geworden sind. Kameraden und Kameradinnen! Als Kreisleiter danke ich Euch! Treue um Treue-— auch in den kommenden Tagen! Unsere Opfer sollen nicht vergebens gewesen sein! Seite 2 SamStag, 14. September 1938 Nr. 218 Mdit Worte, sondern Taten beweisen Genosse Taub entlarvt die Demagogie der Henleinleute Im sozialpolitischen Ausschuß des Abgeordnetenhauses hat Genösse Taub, wie wir be reits vermerkten, die vor Sozialismus und Loyalität nur so triefenden Ausführungen des SdP- Abgeordneten S a n d n e r zum Anlaß genommen, um mit dieser doppelzüngigen Haltung der Henleinpartei gründlich avzurechnen und den Ausschuß über die wahren Absichten dieser Partei entsprechend zu informieren. Diese Abrechnung mit den Herren von der SdP machte auf die Zuhörer sichtlich große« Eindruck und zerstörte jedenfalls alle Hoffnungen des Herrn Sandner, durch ei« paar billige Loyalitätsphrasen die tschechischen Politiker günstiger zu stimmen. Den ausgezeichneten Ausführungen des Genossen Taub entnehmen wir folgende Stellenr Halda— eminent politisch I Herr Abgeordneter Sandner hat es als Sprecher der SdP für notwendig befunden, mit allem Nachdruck hervorzuheben, daß di« Kundgebung in H a i d a keine nationale, sondern eine soziale Kundgebung war. Wir brauchen aber nur die Nummer der„Rundschau" vom 8. September, die über die Kundgebung in Haida berichtet, zur Hand zu nehmen, um uns davon zu überzeugen, daß diese Kundgebung vor allem politischen Charakter getragen hat. In dem Berichte wird ausdrücklich gesagt, daß die p o l i t i s ch e Lage die Einberufung dieser Kundgebung erheischt, daß Haida unter Beweis stellen sollte, daß Sammlung und Ausbau des■ Sudetendeutschtum- sich nicht wegwischen lassen nach Gut- düickeu und politischer Laune und daß Haida warnend die Stimme des Sudetendeutschtums vor den Berantwortlichen des Staates erhob, endlich einmal zu scheu und darnach zu handeln. Es wird gesagt, daß Sammlung und Aufbauwille des Sudetendeutschtums Kräfte sind, deren Einsatz das brennendste Gebot der Stunde ist, und es wird ausdrücklich festgestellt, daß, wenn damit weiter gespielt werden sollte, selten ein gefährlicheres politisches Spiel getrieben worden wäre. Aus dem ganzen Blatte, soweit es sich mit der Kundgebung von Haida befaßt, geht also hervor, daß rS sich um ein« Politische Kundgebung gehandelt hat. Sie wurde einberufen, um den immer mehr sich verdichtenden Gerüchten von einem Zersetzungsprozeß innerhalb der SdP entgegonzutreten und dem Führer Gelegenheit zu geben, über seine Auslandsreise« Aufschluß zu geben. ES ist das eine, wie das andere mißlungen. Dadurch, daß 50.000 Menschen in Haida zu- sammengebracht wurden, ist noch kein Beweis erbracht worden, daß die SdP intakt ist, und auch di« Botschaft, die Herr Henlein aus dem Ausland gebracht hat, hat wohl keineswegs jene politische Klärung im Sinne der SdP gebracht, welch« von ihr angestrebt wurde. Mit großen Leitern wird in allen Blattern, welche der SdP angehören oder die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die SdP mit allen Mitteln zu unterstützen, der Satz hervorgehoben, den Henlein in Haida gesprochen hat:' „Wenn der Staat nicht willens»der nicht tu der Lage ist, die Not zu lindern, muß er uns durch ein großes internationales Hilfswerk die Möglichkeit geben, unsere Brüder und Schwestern vor dem Verhungern zu bewahren." Und daß es Herrn Henlein ernst darum war, geht daraus hervor, daß die Teilnahme der Journalisten der ausländischen Blätter schon vor diesem Tage in Haida festgelegt war. Bereits am Montag hat diese Exkursion stattgefunden, über welche ebenfalls in der zitierten Nummer der„Rundschau" zu lesen ist. Ist das Demokratie? Bei jeder passenden und unpassende« Gelegenheit halten sie es für notwendig, ihre „Staatstreue" und ihre„demokratische Gesinnung" in W o r t e n zum Ausdruck zu bringen. In Wirklichkeit ist diese Partei überall bestrebt, die Demokratie und ihre Einrichtungen herabzusetzen und lächerlich zu machen. Man braucht wieder nur die.Rundschau" vom 8. September zur Hand zu nehmen. Dort wird gesagt: .WaS ist Demokratie? Zwei Bilder wollen wir einander gegenüber-, stellen. Das Prager Parlament bei der Abstimmung über das Ermächtigungsgesetz: Ein Gewirr von Stimmen, ein Hin- und Herlaufen erregter Menschen, dann ein Glockenzeichen, raschelndes Papier, das in Körben verschwindet. Dann wieder Stimmengewirr, unfeierlich, unfestlich, spannungslos. Ünd. schließlich eine geschäftsmäßig, mit unbewegter Stimme gesprochene Mitteilung: Mit so und soviel gegen so und soviel Stimmen angenommen. Und hier in Haida: Ein unübersehbares Feld boll Menschen, das Boll selbst. Mit lauter Stimme wird eine Entschließung verlesen, über die das Volk selbst zu entscheiden hat..Wer dieser Entschließung sein Wort gibt, echche den Arm." Und es ist wie ein Naturwunder, das die Sinne erfaßt, das der grübelnde Verstand nicht deuten kann. Ueber die dunkle Masse geht«ine lichte Welle, fließt in breitem Strome über das Feld, ergießt sich bis in die letzten Ausläufer jenes Meeres, dessen Tropfen lebendige Menschen sind mit einem Schlage aus dem dunklen Ackerboden der Menschen emporgewachsen usw." In dieser Gegenüüberstellung ist wirllich die Einstellung der SdP zur Demokratie sichtbar. Wenn auch eine der Vorlagen mit Absicht zum Vergleich« herangezogen wurde, von der in normalen Zeiten die Demokratie sicher n t'cht' GÄ^äuch Machen würde, so weist diese Gegenüberstellung doch daraus hin, daß es der SdP darum zu tun ist, die Demokratie herabzusetzen und in Mißkredit zu bringe«. Aber ich glaube, sagen zu dürfen, daß auch bei diesem Vergleich dieDemokratiesehr gut abschneid.et. Auf der einen Seite das Parlament, die Vertreter des Volkes, die die Möglichkeit hatten, die von der.Regierung unterbreitete Vorlage zu studieren und dann im Parlament ihr Votum abzugeben. Auf der anderen Seite eine zusammengetrommelte und zusammengetriebene Masse' die von der Entschließung, welche ihnen vorgelegt wurde, keineAhnungund keine Kenntnis hatte. Kundgebungen waren nicht inuner der Ausdruck des Willens der Volksmassen und sie können schon gar nicht als ein Zeichen von besonderer„demokratischer" Gesinnung herangezogen werden. Di« Aufmärsche der SdP, die eine getreue Nachahmung derartiger Kundgebungen in Deutschland sind, legen nur Zeugnis ab von der V e r w i r r u n g, der die Menschen anheimgefallen sind. Wo bleibt das sozialpolitische Programm? Es hat sicher Parlamentarier gegeben, die mit einer gewissen Spauuung das erste Auftreten der SdP im sozialpolitischen Ausschuß erwartet haben. Es wurde mit Bestimmtheit angenommen, daß die SdP bei diesem Anlass« endlich ihr sozialpolitisches Programm entwickelst werd«. Nichts von alledem. Weder Herr Sandner in seiner, wi« er von vornherein gesagt hat, „grundsätzlichen" Betrachtung,»och Herr Köllner hat uns ein Programm entwickelt. Man hat ganz einfach auf die Arbeitsbeschaffungsbroschüre der SdP verwiesen, mit der sich ja fast sämtliche Zeitungen in ablehnendem Sinne zu beschäftigen Gelegenheit hatten, und man hat dann zwei„Kardinalprolbleme" aufgeworfen. Und zwar: Die Errichtung von Arbeitslagern und die Heranziehung des Finanzkapitales. Auch hier kann festgestrllt werden, daß die SdP keinen anderen Ehrgeiz kennt, als den, Hitler nachzuahmen. Mit aller Offenheit hat Herr Sandner erklärt, daß bei den Arbeitslagern„selbstverständ- l i ch" damit gerechnet werden muß, daß eine angemessene Entlohnung der Arbeiter nicht erfolgen könne. Betriebsterror Auf meinen Vorwurf, daß seitens der SdP unerhörter Terror geübt werde, hat Herr Dr. Köllner geantwortet, daß er nichts dafür könne, daß unter vier deutschen Arbeitern drei der Henleinfront angehören. Herr Dr. Köllner übertreibt ein wenig und ich glaube, sagen zu dürfen, daß sich nur ein Bruchteil der Arbeiter dazu verführen ließ, der Demagogie der SdP aus den Leim zu gehen, daß es vor allem arbeitslose Menschen waren, die.den Lockungen und Berspre» lchungrn nicht stand'zuhalten vermöchtest^ hkkz-tz aber heute schon die Situation eine wesentlich andere ist,' als sie am 10. und 26. Mai war. Was den Betriebsterror betrifft, so verweise ich, um nur Material aus der letzten Zeit anzuführen, auf den im heutigen„Sozialdemokrat" veröffentlichten Brief, den einer unserer Genossen, der sich al- Hopfenpflücker verdingt hat, erhalten hat. Ich verweise weiters auf den ,^Lextilarbei- t e r", in welchem in einem Artikel drei typische Fälle von Betriebsterror aufgezeigt werden. Ich könnte unzählige derartige Fälle anfügen. Gegen diesen offenen Ge- sistnungSzwang, der hier auSgeübt wird, muß mit aller Schärfe aufgetreten werden. Das erste Auftreten der Vertreter der SdP im sozialpolitischen Ausschuß ist auch noch nach einer anderen Richtung hin verunglückt: Die Herren haben unS nicht nur ihr Programm vorenthalten, sondern sie haben eS auch zustande gebracht, an einer derart ernsten Beratung teilzunehmen, ohne daß sie ihre Wünsche in die Form von Anträgen so. wie eS ave anderen Parteien gemacht haben, dem Ausschuß unterbreitet hätten. Herr Sandner hat gesprochen und hat dann gleich den BeratungSsaal verlassen; ebenso hat eS sein Kollege gemacht. Unmittelbar vor Abschluß der Verhandlungen ist von den vier Vertretern einer hier gewesen. So ernst fassen die Herren die Verfechtung der Interessen ihrer Wähler auf! Sie haben im demokratischen Parlamente«ichtS zu sagen. Ich bin davon überzeugt, daß dieses Auftreten der SdP die Wirkung nach mehrere« Seiten hin nicht verfehlen wird. ES wird gut sein, wenn man sich im allgemeinen dieser Partei gegenüber auf den bewährten Standpunkt stelle« wird: Richt nach ihre« Worten, «ach ihre« Tale« müßt ihr sie beurteile»! Autf uhrstelgeruns im August Nach den Erhebungen des Statistischen Staatsamtes betrug im Monat August 1935 unsere Einfuhr 526,700.000 gegen 490,642.-000 KL im August des Vorjahres, die Ausfuhr im August des heurigen Jahres 768,307.000 gegen 597,499.000 KL im August 1934. Wir können also ein ziemliches Ansteigen der Ausfuhr im August 1935 feststellen. Eine ähnliche Tendenz zeigt di« ganze Entwicklung vom Jänner bis August dieses Jahres. In diesem Zeitraum ist zwar weniger eingesührt worden als in der gleichen Zeit des Vorjahres: 3.901,374.000 gegen 4.112,067.000, die Ausfuhr dagegen, die vom Jänner bis August 1934 4.365.282.000 KL betrug, beträgt in derselben Zeitperiode des heurigen Jahres 4.697,672.000. Dieses Resultat wird dadurch erzielt, daß in den ersten Monaten dieses Jahres die Ausfuhr etwas größer war als im gleichen Zeitraum des Vorjahres, im Juni und Juli ist dann ein Rückgang gegen das Vorjahr zu verzeichnen gewesen, während der August 1935 wieder besser ist als der August 1934. Der Rückgang und das Steigen der Ausfuhr bedingt das hohe Aktivum der Handelsbilanz von 796,298.000 KL in den ersten acht Monaten'des heurigen Jahres gegen 253,215.000 KL in derselben Zeit des Vorjahres. Unter Spionageverdacht. Am 20. Jänner l. I. wurden unter anderem auch der Tcxtil- warenhändler Otto Werner aus Trautcnau, sein Bruder Alfred und der Hochschüler P o s n e r aus Trautenau unter Spionageverdacht verhaftet. Am Donnerstag, dem 12. September, fand nun beim Kreisgericht in JiLin die Haupwerhandlung gegen die Genannten unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt. Wie wir in Erfahrung bringen konnten, wurde die Verhandlung am Nachmittag auf unbestimmte Zeit vertagt. Es hat den Anschein, als ob der Staatsanwalt die Anklage erweitern wollte. Bekanntlich handelt es sich um lauter Anhänger der loyalen völkischen Erneuerungsbewegung. 24 VILLA OASE oder: PIE FALSCHEN BORGER Roman von Eugene Dabit U Berechtigte Uebertragung aus dem Französischen von Bejot Der Anfang war schwer genug gewesen. Er hatte üble Spelunken füchren müssen, aber immer in der Hoffnung, daß«s ihm eines Tages be- schieden sein werde, ein schönes Haus zu leiten. Na, und der Tag war gekommen. Um di« Mittagszeit war das Montbert bereit, neue Gäste zu empfangen. Julien vergewisserte sich, daß alles in Ordnung war, und machte seinen Ausgang. In Hausschuhen ging er, mit einem Kopfnicken die Geschäftsleute aus der Nachbarschaft begrüßend, eine stille Seitenstraße hinab. Am Faubourg-Montmartre zog er die karierte Mütze tiefer ins Gesicht und nahm festen Schrittes Richtung auf ein Bierlokal,„La Lorraine", dgs nahe am Boulevard gelegen war. Dort hatte er auch einen Stammtisch, aber mit anderen Leuten als im Cafö des Tourses. Und die Straße weckte alte Erinnerungen. Hier hatte er. Suzanne, seine erste Frau, kennen gelernt. Sie nähte Korsetts, er arbeitete in, einer Druckerei. Jung und verliebt, wie sie waren, hatten sie bald geheiratet. Er war zu eiüer Uchung eingerückt. Und als er zurückkam, war Suzanne verschwunden. Er hatte die Arben hingeworfen, seine Spargroschen aufgegessen. In dieser Zeit hatte er Adam getroffen; damals hieß er noch nicht Papa Adam. Der hatte ihm zunächst mit Tips für die Rennplätze auf die Beine geholfen und ihm dann den Rat gegeben, mit Charlier nach Transvaal auszuwandern, wo in jener Zeit noch Geld zu machen war. Zwei Jahr« später waren sie wieder in Frankreich. Ohne einen Heller, geworden. Sie geben zu allem, was man in lctz- ter Zeit über Land rmd Leute, über Zivilisation und Barbarei in Abessinien gelesen hat, eine anschauliche Ergänzung, und wenn der Film als Ganzes auch etwas unzusammenhängend wirst(woran höchstwahrscheinlich hier vorgenommene.Schnitte ! mitschuldig sind), so lehrt er doch sehr eindeutig, daß > der italienische Fascismus dem schwarzen Kaiserreich nichts zu bieten hat: denn es gibt dort einen Monarchen, eine Aristokratie und einen Klerus, es gibt Sklaverei, Militarismus, Aberglauben und mäncher- I leiGrausamkeiten. Es ist also alles schon da, toas Mussolini bringen könnte, und es sind— in Addis Abeba wenigstens, das einen Flugplatz, Auws: nd modern wirkende Sttatzen hat— auch Ansätze zur Zivilisation vorhanden, die sich in diesem großenteils von Naturvölkern besiedelten Lande nur schrittweise wird entwickeln können. Im übrigen ist es ein malerisches und hoch- | interessantes Land: mit mittelalterlichen Feudalsitten der Herrschenden und urgeschichtlich primitiven Sitten der(nicht völlig beherrschten) Völkerstämme. Pomphafter Glanz am kaiserlichen Hofe, moderne Ausrüstung bei den(allerdings barfüßigen) Elitetruppen, wilde Pracht bei den Negerftämmen, Vielweiberei bei den Mohammedanern und Vielmännerei bei den hüllenlos schönen Dankali-Frauen. Auch von den oft beschriebenen Justiz-Gepflftgenheiten sieht man einiges, was weniger grausam als einfach wirkt. Und was die strategischen Hindernisse des abessinischen Hochgebirgsgürtels betrifft, genügt eS zu erfahren, daß eS zwischen dem Tana-See und Addis Abeba beispielsweise keine Möglichkeit zur Notlandung gibt. Es wäre übertrieben, diesen Film gut zu nennen. Aber seine Aufnahmen haben den Vorzug, echt zu sein— und überdies interessant und aktuell. —«iäj— Filme in Prager Lichtspielhäusern Urania-Kino:„Einmal eine große Dame sein"/ — Adria:„D u bist die Einzige." Elisabeth Bergner. E.— Alfa:„Drei bengalische Reiter." Cooper. E..— Avion:„Neues Leben," Anna Sten. E.— Beränek:„Bosambo." Paul Robeson. E.— Fcnix:„Fra Diavolo." Stau Laurel und Oliver Hardy. E.— Flora:„Roberta." E.— Gaumont:„Ende schlecht, alles gut." Szöke Szakall. D— Hollywood:„Ende schlecht, alles gut." D.—• Hvkzda:„Das Geheimnis im Nachtexpreß." E.— Julis:„Kleine Mutti." Franziska Gaal. D.—- Kinema, B.-Th.: Journale, Groteske. Report. Ab >/r2—%7.— Koruna:„Das Geheimnis im Nach!« expreß." E.— Kotva:„Mata Hari." Greta Garbo. A.— Lucerna:„Fra Diavolo." Stan Laurel und Oliver Hardy. E.— Metro:„Das elfte Gebot." Tsch.— Olimpic: Letzte Liebe." Meinl, Bass ermann. D.— Passage:„Tie blonde Carmen." D.— Praha:„Quer durch Abessinien." — Radio:„Tarzan, der Sohn der Wildnis." E.—■ Skaut:„Tarzan, der Sohn der Wildnis." E.- Svctozor:„Die blonde Carmen."^D.— Alma: „Roberta." E.— Bajkal:„Tarzan, der Sohn der Wildnis." E.— Belvedere:„Die große Sühne."— Beseda:„Zarewitsch." D.— Carlton:„Ter König der Dschungel." E.— Illusion:„Roberta." E..— Lid» II.:„Roberta." E.— Lonvre:„Der Held einer diacht." Burian. Tsch-— Maceska:„Zum schwarzen Walfisch." E. Janning. D.— Roxy:„Strahlend« Augen." Sh. Temple. E.— Sport, Smichov:„Zirkus Barnum." Beery. Fr.— Ü Bejvodü:„Ta- Erbe in Pretoria." D.— Baldek:„Späte Liebe Heimischer Film.— Bi» Beletrhy:„Strahlend* Augen." Temple. F. Jug. E. OPTIK u. FOTO DEUTSCH PHkopy Verlanget überall Volkszünder Bezugsbedingungen: Bet Zustellung in» Haus oder bei Bezug durch die Pott monatlich ttö 16—. vierteljährig Kd 48.—. halbjährig Ke 96— ganziSbng Kd 192—.—(tnierate werden laut Taris billigst berechnet. Bei öfteren Einschaltungen Preisnachlaß.— Rückstellung von Manuskripten erfolgt nur bei Einsendung der Rctourmarken— Die Zeünngskrankatur wurde vor der Pott- und Tele- araphendireftw« mit Erlaß Rr. 13.80(VVII/I930 bewilligt.— Druckerei:.OrliS" Truck, Verlags- und Zeltungs-A-G Prag