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Obzwar bis in die späten Nachtstunden des Donnerstag immer wieder gemeldet wird, daß von Seite der Abessinier gegen die vordringenden italienischen Soldatenmassen keine Waffengewalt in Anspruch genommen wurde, nimmt Mussolinis Soldateska alles vor sich unter Feuer. Bombenwerfer und großkalibrige Geschütze setzen Ortschaften in Brand und richten unter der Bevölkerung, soweit sie noch nicht flüchten konnte, ein gräßliches Blutbad an. Trotz alledem wird von Seite Italiens in einer Kundgebung, die an das Ausland gerichtet und von Suvich unterzeichnet wurde, die Behauptung aufgestellt, daß die Kriegshandlungen der italienischen Truppen durch das Verhalten der Abessinier erzwungen seien. Die Auslandspreffe ist, soweit ein Urteil über ihre Haltung zur Zeit möglich ist, mit ihrer Meinung noch sehr zurückhaltend. Aber in keinem Lande findet sich eine Zeitung, die das Vorgehen Italiens gutheißcn würde. Das Interesse der Welt richtet sich vor allem nach Genf, wo kommenden Samstag der Bölkerbundrat und Dienstag oder Mittwoch nächster Woche das Plenum des Völkerbundes zu entscheidenden, Beratungen zusammentrcten wird. Ob in Genf die Mittel gefunden werden, die dem Neberfall auf Abessinien ein Ende bereiten, läßt sich nicht Voraussagen, aber selbst dann, wenn durch entsprechende Maßnahmen durch den Völkerbund, Italien von seinem Mord- und Raubzug zurückgehalten werden kann, wird ein Teil Abessiniens von der Kriegsfurie bereits zerstört und tausende unschuldiger Menschen, darunter Frauen und Kinder, getötet worden sein. Fliegerbomben auf Adua AddisAbeba.(Havas.) Nach! hier eingetroffenen Meldungen haben italienische Flugzeuge Adua und A d l» grat bombardiert. In der Provinz A g a m a und auch in O g a d e« solle« ernste Kämpfe im Gange sein. Der Negus sandte«ach Genf eine Protestnote, in der es heißt, daß italienische Flugzeuge Adua und die nordöstlich davon gelegene Siedlung Adi- grat bombardierten und daß das Bombardement zahlreiche Opfer an Menschenleben und Sachschäden forderte. Die italienische Regierung sandte demgegenüber nach Genf ein Kommunique des Inhaltes, daß sie im Hinblick auf die allgemeine, Mobilmachung in Abessinien gezwungen(I) gewesen sei, dem Oberbefehlshaber' in Ostafrika anzuweisen, alle notwendigen Vorkehrungen gegen einen möglichen Angriff zu ergreifen. Unter diesem könne auch die Okkupation b e- stimmter strategisch wichtiger Punkte fallen. Rom leugnet Fliegerangriffe Nom. Die Agenzia Stefani meldet: Das Telegramm, das der Kaiser von Abessinien an den Völkerbund geschickt hat, spricht davon, daß italienische Flugzeuge Zentren der Bevölkerung bombardiert haben und daß das Bombardement unter Frauen und Kindern Opfer gefordert hat. Es handelt sich hiebei um ein altes und abgenutztes Mittel, dessen tendenziöse und böswillige Ziele offensichtlich sind. Bomben auf Spitäler Addis Abeba.(Reuter.) In einer dem Sonderberichterstatter des Reutcrbüros gewährten Unterredung erklärte der Negus:„Soeben habe ich erfahren, daß die ersten Bomben bei dem Fliegerbombardement von Adua auf das Spital deS Roten Kreuzes, gefallen sind und einige Kranke verletzt haben." In weiteren über das Bombardement Aduas in Addis Abeba eingegangrnen Nachrichten heißt es, daß die italienischen Flugzeuge 78 Bomben auf die Stadt abgeworfrn haben. Addis Abeba.(Reuter.) Ras Sejum meldet ein scharfes Artilleriefeuer nördlich von Adua. Addis Abeba.(Reuter.) Nach den letzten Meldungen gehen die Italiener weiter in der Ebene in der Nähe des Berges Mousia Ali vor, ohne auf Widerstand zu stoßen. Die abessinischen Truppen warten am Fuße, des Vollogebirges. Es Addis Abeba. Die amtliche Kundmachung über die allgemeinr Mobilisierung in Abessinien wurde Dannerstag um elf Uhr veröffentlicht. In der Mobilisierungsproklamation heißt es u. a.: Italien hqt ein zweites Mal unser Gebiet verletzt. Die Stunde ist schwer. Ein feder erhebe sich, nehme seine Waffen und halte sich bereit, um das Vaterland zu verteidigen. Soldaten l Söhäret Euch um Eure Führer, gehorcht ihnen wie mit einem Herzen und weist die Eindringlinge zurück! Diejenigen, die auf Grund ihrer Schwäche oder anderer Unfähigkeiten nicht in der Lage sind, für die hdilige Sache zu kämpfen, mögen die Verwundeten, pflegen. Die Weltmeinung steht hinter unserer Sache und gegen den Angreifer. Gott sei mit uns! Alles für den Kaiser, alles für das Vaterland! Die Generalmobilisierung ist im vollen Gange. Die aus 580.000(?) Mann bestehende Kerntruppe„Mahel Scfard" hat sich am Donnerstag nach der Front in Marsch gesetzt. Sie ist eine Spezialtruppe des Kaisers und ihm upW dingt ergeben. Eine weitere. Truppe von 100.000 Kaisertreuen ist in Bildung begriffen. In Addis Abeba haben italienfeiydliche Kundgebungen stattgefunden, die ihren Höhepunkt erreichten, als der. Negus den Balkon des Kaiserpalastes betrat und von einer riesigen Mcn- wird hier behauptet, daß sich an den heutigen Operationen 40 italienische Flugzeuge beteiligten. Freitag werden an allen Fronten italienische Angriffe erwartet. (Anmerkung der Redaktion: Das Volloge- birge bildet einen Teil des in der Mitte Abessiniens liegenden Gebirgsmassivs, das allgemein in nordsüdlicher Richtung mit steilen Abhängen gegen Osten verläuft. Das Vollogebirge liegt nordöstlich von Addis Abecha. Es schließt im Westen die Ebene von Danakil ab, die zwischen ihm und dem Südzipfel von talienisch-Erythräa liegt. Die Entfernung zwischen dem Berge Mousia Ali und dem Vollogebirge beträgt etwa 300 Kilometer.) Trotz Widerstandslosigkeit Artilleriefeuer Rom. Die italienischen Trupven haben den Grenzfluß Mareb überschritten. Der Vormarsch erfolgt unter starkem Artilleriefeuer weittragender achtzölliger Geschütze,hie die Umgebimg nördlich von Adua und Adigrat bombardierten. Gleichzeitig starteten neun italienische Bombardierungsflugzeuge des Typs Caproni, unter dem Kommando des Grafen Ciano, die sogenannte„Desperat«" zu einem Fliegerangriff. Die italienischen Truppen sind bisher auf keinen Widerstand seitens der Abessinier gestoßen. Oer erste Zusammenstoß? Addis Abeba.(Reuter.) Im Nordteil der Provinz Tigre hat sich ein erbitterter Kampf abgespielt. Abessinischen Meldungen zufolge haben sich die Italiener unter der Deckung von Flugzeugen zurückgezogen. Bereitschaft in Aegypten Alexandria.(Reuter.) Gleich nach Eingang der ersten Nachrichten über die Eröffnung des Krieges in Abesiinien wurde die Polizei angewiesen, alle strategischen Punkte zu besetzen und insbesondere die Stellen an der Küste, wo die Seetelegraphenkabel das Festland erreichen, zu bewachen. schenmenge, aus der Tausende von Leuten mit Schwertern und Revolvern schwenkten, mit unsäglichem Gejubel begrüßt wurde. Der Negus ordnete die Konzentrierung der abessinischen Truppen in D e s s i e für den 12. Oktober an. Dessie wird das abessinische Hauptquartier sein. Bon der Generalmobilisierung werden 1.1 Millrvnen Abessinier erfaßt. Ole abessinischen Heerführer Der Führer der Nordarmee ist der Ras Kassa. Er hat sein Hauptquartier in Gondar und befehligt 250.000 Mann, für die Munition und Verpflegung für zwei Jahre sichergestelli kein sollen. Oestlich des Takaseeflusies steht der Ras S e y e u m als Befehlshaber von 200.000 Mann. Ihm schließen sich der Gouverneur der Provinz Malaie, Haile Selassie Gugsa mit 150.000 Mann an. Seyeum ist Chefkommandant von Adua und Malaie. Der Kriegsminister Ras Moulougeta ist dem Kronprinzen, der zugleich Gouverneur der Provinz W a l l o ist, zur Unterstützung beigege« bcn worden. Die letzte Provinz ist durch den italienischen Angriff besonders gefährdet. Der Ras Kebhe de Mergrseha, der Gouverneur der Provinz Geden, hat Befehl erhalten, den Kronprinzen gleichfalls mit 100.000 Mann zu unterstützen, der die Front im Gebiet der Aussa- und den Danakil-Prövinzen sichern soll. Was nach Mussolinis Brandrede und dem mit allen Mitteln des fascistischen Macht- und Propaganda-Apparates inszenierten Volkssturm vom Mittwoch unausweichlich geworden war, ist eingetreten: der Krieg in Afrika hat begonnen. Ohne die Beschlüsse des Dreizehnerausschusses abzuwarten, ohne Genf nochmals anzuhören, hat Mussolini seine Armee abessinisches Gebiet betreten und seine Luftgeschwader die abesiinische Siedlung Adua bombardieren lassen. Nichts könnte so deutlich wie diese Art der Kriegseröffnung blitzartig die Gründe beleuchten, die für Mussolini maßgebend waren, als er das Verbrechen dieses Krieges kalten Blutes anstiftete. Der Name A d u a ist durch die Schlacht vom 1. März 1896 in die Geschichte eingegangen. Die italienische Expeditionstruppe des Generals Ba- ratieri wurde von den Aethiopiern des Negus Menelik vernichtend geschlagen. Niederlagen ähnlicher Art habe auch andere Kolonialmächte gelegentlich erlitten. Sie haben später die Scharte ausgewetzt, aber sit haben es ohne Lärm getan und lediglich, um ihr sachliches Ziel zu erreichen. Keiner ist es eingefallen, wegen solch einer Schlappe nach 40 Jahren gegen einen farbigen Stamm einen„R e v a n ch e k r i e g" zu führen. Es blieb dem italienischen Fascismus Vorbehalten, sich für eine Niederlage, seines Landes nach 39 Jahren mit dem Bombardement der Stadt zu rächen, die jene Niederlage, sah, Frauen und Kinder zu töten, um den nationalen Ehrenschild mit dem Blute unschuldiger Opfer von dem Fleck zu reinigen, den er seit Adua angeblich trägt. Was Italien jetzt getan hat, wer r ä u b e r i s ch e U e b e r f a ll auf einen f r i e d l i ch e n N a ch b a r st a a t, der Auf- lvand modernster technischer Mordinstrumente gegen unzivilisierte Eingeborene, das ist ein Fleck auf der Ehre der Nation, den sie erst austilgen wird, wenn eines Tages sie die Urheber dieser Schande und dieses Verbrechens davonjagt. Kein anderes Interesse hatte Mussolini an dem Krieg als die Prestige-Sorgen, die ihn zu der bezeichnenden Ouvertüre des Bombardements von Adua bestimmt haben. Man lasie sich endlich in dieser Stunde, da die Masken fallen, nicht weiter von den bezahlten und den noch kläglicheren freiwilligen Helfern Mussolinis belügen, lasie sich nicht erzählen, daß Mussolini und Italien den Krieg aus wirtschaftlichen Gründen brauchen, daß sie kolonisieren, siedeln, Kapital exportieren wollen! Siedeln könnte Italien, wenn es nur wollte, in seinem eigenen Lande, wo noch heut: 12.490 Großgrundbesitzer— 0.6 Prozent der Bodeneigentümer des Landes— genau soviel Boden besitzen wie die übrigen 2,465.322 bäuerlich produzierenden Italiener zusammen:(Die eben erschienene Folge der „Europäischen Hefte" wirft diese Ziffern zur rechten Zeit in die DiSkusiion). Ein Land, das nichts als Schulden besitzt, braucht auch keine Kolonien zum Kapitalexport. Aber eben weil seine Schulden unter dem glorreichen fascistischen Regime ins Phantastische gestiegen und über die Höhe des geschätzten Volksvermögens weit hinausgewachsen sind, will es diesen Krieg führen. Gold, Kaffee, Petroleum, Erze und was sonst in Abessinien locken, spielen nicht die entscheidende Rolle. Italien, das selbst nur mit fremdem Kapital arbeitet, könnte mit den Schätzen Abessiniens nichts anfangen> und ist auf die weitgehenden Angebote wirtschaftlicher Konzesiionen darum gar nicht eingegangen. Mer weil das Land arm ist, weil die Krise deS FgsciSmus im Innern unabwendbar heranreift, weil die Arbeitslosen, die Pächter und. Kleinbauern, die, fascistisch erzogene und gedrillte Jugend die Einlösung der Versprechen fordern, mit denen Mussolini sie. seit 13 Jahren füttert, und weil er ihnen nichts zu bieten hat als Not und Hunger, Steuern und Phrase«/marschiert er in den Krieg, der d a s V e n? Abessinien schreitet zur Gegenwehr Srite 2 Freitag, 4. Oktober 1835 Nr. 231 Einheitswollen gegen Spaltungsgeist il Die Schlcksalstage von Karlsbad t i l eines bankrott enRegimeS sein sollte.'. Wie die Dinge jetzt liegen, ist eS aber mehr als wahrscheinlich, daß der Hasardeur und Er- presier sich verrechnet hat. Er glaubte, daß der Völkerbund vor der Drohung des Krieges zurück« schrecken werde, er glaubte sich vor allem der Hilfe Frankreichs sicher, dem er sich als Popanz gegen Hitlerdeutschland zur Verfügung gestellt hatte. Was ihm so ost gelungen war, angefangen von dem zu bald vergessenen frivolen Bombardement von Corfu bis zur Verskla« v u n g O e st e r r e i ch S, das wollte er wiederholen. Man wird es England nicht vergessen dürfen, daß es in dieser geschichtlichen Stunde der europäischen Politik eine Wendung zum Besseren, zu einer kraftvollen, aktiven Friedenspolitik gegeben hat. Und man kann heute, da Mussolini das Verbrechen vollendet, nur hoffen, daß England die sichere Hand und den ruhigen Blick behält, die am Steuer der Weltpolitik nötig sind und die heute die einzige Gewähr dafür bieten können, daß der freche Raubkrieg in Afrika, der Griff an die Sicherheit der Welt, die Verhöhnung aller Rechtsbegriffe, den gebührenden Lohn finden, daß sie enden nicht mit der Zertrümmerung eines Negerstaates, der bei all seiner Barbarei sympathischer ist als das Zuchthaus Mussolinis, sondern mit dem Untergang des Mannes und der Clique, die neues Blutvergießen und unermeßliche Gefahren über die Menschheit heraufbeschworen haben. Solches Ende des Mussolinischen Hasardspieles wäre zugleich die denkbar stärkste moralische Erschüsterung jener Macht, die nächst Italien die größte Gefcchr für Europa bedeutet, des hitlerdeutschen Fascismus. Wenn der Bölkerbund sich angesichts des vollendeten Verbrechen» nicht feige zurückzieht, wenn er hält, was er zuletzt noch vor wenigen Tagen zu halten versprochen und sich unterwunden hat, dann muß der Fricdensbruch mit der kläglichen Niederlage des Friedensbrechers enden. Italien ist wirtschaftlichen Sanktionen der Böl« kerbündSmächte nicht gewachsen, geschweige denn einem militärischen Druck. Noch immer hofft Mussolini, da er nicht mehr zurück konnte, ohne sich selbst aufzugeben, auf die Schwäche der Welt gegenüber seiner Gewaltpolitik. Erweist die in Genf vertretene politffche Welt sich als stark genug, für eine Moral, die sie predigt, auch einzustehen, dann muß die Macht Mussolinis in kurzem wie ein Kartenhaus zusammenbrechen. Aber selbst wenn der Bölkerbund vor der letzten Konsequenz zurückscheut, ist der afrikanische Krieg nicht ungefährlich für Italien und Mussolini. Kommt nach der aufgeputschten Begeisterung, nach den sinn- und nutzlosen Opfern, nach soviel Blut und Tranen das bittere Ende, dann werden die Massen, die Mussolini Mittwoch zugejubelt haben, anders urteilen, dann kann aus der llntät der einzige Segen erwachsen, den sie zu zeitigen vermag: der Sturz dts schuldbeladenenRe- g i m e s, des blutbefleckten Fascismus und damit die Bändigung eines der Elemente, die dem Frieden und der Kultur der ganzen Well gefährlich waren, aber es dank ihrer eigenen wahnsinnigen Politik vielleicht am längsten gewesen sind I 460 Delegierte aller Zweige der sudetendeutschen Arbeiterbewegung füllten das Parterre deS Schützenhaussaales. Auf den Heiden Rundgalerien drängten sich die Gäste, Kopf an Kopf. Was an Kraft und Leidenschaft und Hoffnung in den deutschen sozialistischen Massen in so bewegter Zeit aufgespeichert war, war hier auf einen Punkt zusammengeballt. Die Spannungen und Gegensätze, die das ganze Organisationsleben schon seit Monaten beherrschten, drängten nach Klärung und Entladung. Der Vorsitzende, Genosse Dr. C z e ch, betonte schon in den ersten Eröffnungsworten den Ernst der Stunde:»Wir sind in einer Schicks als st und« der Partei zusammengetreten... Worüber der Parteitag zu entscheiden haben wird, das ist nicht ein einfacher Meinungsstreit, das ist nicht eine theoretische Auseinandersetzung über prinzipielle Fragen, das istnicht eine jener prinzipiellen Diskussionen, an denen unsert Partei so überreich gewesen ist, nein— wir haben es alles klar erkannt: Da geht es aufsGanze, dahandelt eSsich um Sein oder Nichts ein der geschlossenen Partei, da handelt es sich um die Schicksals- stage unserer Partei und damit um die Schick- salSftage des Proletariats... Darum rufe ich ihnen zu:„Seien wir eini gl" Lor Eintritt in die eigentliche Tagesordnung wurde ein Antrag Hillebrand, Hackenberg, Hofbauer zur Verhairdlung gestellt, der den grundsätzlichen Rahmen für die große Erörterung spannen sollte. Unter Hinweis auf die Sonderkonferenz in Reichenberg und die dort beschlossenen Richtlinien der„Linken" führte dieser Antrag aus:„Die Unterzeichneten sind der übereinstimmenden Meinung, daß der durch diese Ereignisse hervorgerufene Zustand der Partei die ungeheuere Gefahr einer Spal- t u n g.der deutschen Arbeiterbewegung in einem hohen Grade in sich birgt." Der Antrag forderte, daß in dem Bestreben, die Einheit der Bewegung zu erhalten,„bis zur äußer st en Gren- z e" gegangen werde. Marz müsse zu jedem Entgegenkommen an die Meinung der sogenannten linksstehenden Parteimitglieder bereit sein, soferne dadurch nicht der Grundcharakter der Partei als einer sozialdemokratischen Partei aufgehoben wird. Aus dieser Einstellung heraus schlugen die Antragsteller die Einsetzung einer Kommission zur Ausarbeitung einer Kompromißlösung vor, die aber die kardinalen Grundsätze der Partei nicht verlassen sollte, insbesondere: 1. Daß die Mittel, deren sich die Partei im Klassenkampfe des Proletariat- bedient, von der Enttonkbäns der Machtverhäktniss» i m e ,i> g e» neu Lan d bestimmt werden, daß daher keine andere Macht über die Wahl dieser Mittel, über die Methoden d«S Kampfe- und über die Art und Zeitpunkt der politischen Aktionen entscheiden kann als die Partei selbst durch ihre berufenen Instanzen." ferner: „5. Daß die Partei ihre volle Unabhängigkeit in jeder Beziehung und nach allen Seiten hin wahrt, daß sie vollkommen frei und selbstherrlich in allen ihren Entschlüssen und Handlungen ist und daß kein« wie immer geartete internationale Instanz mit diktatorischen Rechten über sie gebietet." Mit diesen Sätzen wurde auch auf unserem Kampfboden der Kampf um das Srlbstvestimmungsrecht der austzerrussischen Arbeiterklasse gegenüber den diktatorischen Befehlen der Dritten Internationale aufgeiwmmen, welche die kommunistischen Parteien nachher in unzählige Niederlagen und Krisen gestürzt haben. Ohne Ablehnung der ideellen und taktischen Kampfesgemein- schaft mit der internationalen Arbeiterbewegung wurde damit der Grundsatz verfochten, daß der Sozialismus in jedem Lande nur das Produkt der eigenen Kraftentfaltung und der freien Willensbestimmung der klassenbewußten Arbeiterschaft sein kann. Dieser Standpunkt ist bis heute unerschüttert geblieben. H i l l e b r a n d, der diesen Antrag mit dem ganzen Feuer seiner hinreißenden Beredsamkeit vertrat, sah es kommen, daß das Uebergreifen fremder Einflüsse auf die Bewegung die Gefahr der Spaltung und des Bruderkrieges riesengroß emporlodern lasse. Prophetisch klingen seine Mahnworte nach: „Unter unsäglichen Opfern ist die Partei— aber was sage ich, die Partei I ist die Arbeiterklasse— in diesem Lande geworden was sie heute ist. Und wollen wir, daß alle die Opfer zum großen Teil vergeblich waren, daß sie wieder nie- dergeriffen wird, wa- das Werk jahrzehntelanger mühevoller Arbeit war, dann dulden wir, daß die Partei zerfalle. Dann werden wir an dem Jubel der Feinde erkennen, was geschehenist, was wiran der Arbeiterklassegetan haben.... Schon die Spaltung an und für sich, ehe ein weiterer Schritt geschieht, ist darum, weil wir die Einigkeit brauchen, um die Reaktton abzuwehren, ein konterrevolutionär er Akt." Nach dieser Einleitung kam der enffcheidende Punkt der Tagesordnung zur Verhandlung: „Parteiprogramm und Taktik I" S e l i g e r erstattete, ganz im Banne der Verantwortung eines wahren Führers für das Schicksal seiner Klasse stehend, das Hauptreferat. Korreferent war Karl K r e i b i ch. Seliger focht mit dem breiten Schwert der Logik und mit den Argumenten eines sozialisti- schen Realismus. Kreibich führte den blitzenden Degen des gewandten Polemikers. Seliger schöpfte seine Beweisgründe aus den Tatsachen der Epoche. Kreibich hatte die ganze sozialistische Literatur nach Zitaten durchsucht, die seine und die damalige Auffassung der Dritten Internationale zu stützen schienen. Kreibich folgte der revolutionären Stimmung des Tages und er rief daS Proletariat zur„Entscheidungsstunde" auf. Seliger appellierte an den Verstand. Er sagte:„Wenn da oft gesagt wurde: „Ja. das ist die Stimmung der Massen!"; ich ziehe den Hut vor der Stimmung der Massen, ich begrüße es, daß sie revolutionär geworden sind. Ich sehe darin den Quell einer ungeheuren Kraft und der Unbesiegbarkeit deS Proletariats. Aber der revolutionäre Elan und die Stimmung der Massen kann und wird uns nicht dazu führen, darauf zu verzichten, auch weiterhin das Gehirn der Arbeiterbewegung zu sein." * Seliger hatte die weitere historische Perspek- tive. Er unterlag nicht der Illusion von dem un mittelbaren oder baldigen Ausburch der Weltrevolution, sondern versuchte die Situation nüchtern abzuschützen:„Die Revolution, die unmittelbar dem militärischen Zusammenbruch der Mittelmächte folgte, das war noch lange nicht die soziale Revoluti o n. Es war nur der Umsturz der alten Herrschaftsform des Kapitalismus und seine Ersetzung durch die Demokratie." Der Behauptung der Reichenberger Richtlinien:„Der Weltkapitalismus steht in seiner schwersten Krise", hielt Seliger entgegen: „Genossen, da fangen sie ihr Programm mit einem schiveren Irrtum an. Es führt überhaupt leicht zu schweren Irrtümern, wenn man die Dinge in Weltmaßstäben vereinheitlichen will. Der Kapitalismus ist in einer schweren Krise, ja, aber man kann doch nicht sagen, daß sich der Weltkapi- talismus in einer schweren Krise befindet, denn zu ihm gehört im Augenblicke der stärkste Teil des Kapitalismus, der amerikanische und der englische Kapitalismus... Der Zusani- menbruch der kapitalistischen Produktion und Produktionsmethode in Europa war nicht zugleich ein Zusammenbruch der kapitalistischen Methoden in England und Amerika... Das scheinen heute Binsenwahrheiten zu sein, aber vor fünfzehn Jahren, inmitten des» Chaos, das der Krieg zurückgelassen hatte, war es ein geschichtlicher Vorausblick, der—sie Thesen des Bolschewismus aus dieser Zeit rausendfach an Klarheit übertrifft. o Gründlich und ernsthaft setzte sich Seliger auch mit der kommunistischen Forderung nach dec Diktatur des Proletariats auseinander. Was Seliger dazu ausführte, hat heute noch überschütterte Geltung. Auf die Fragestellung Diktatur oder Demokratte, Herrschaft der sozialistischen Mehrheit oder Machtergreifung der Minderheit meinte Seliger: „Das ist das Problem und der springende Punkt. Und da müssen wir uns die Frage klar machen: Wie kommt dasProleta- riat überhaupt zur politischen M acht, um dann auf Grund der MachtdieDiktatur aufrichten zu können?" Die russischen Erfahrungen können, wie Seliger weiter anSführte, darauf keine Antwort geben, denn in Rußland wie in Ungarn ist die Räte-Diktatur aufgerichtet worden, nicht weil das Proletariat im Bürgerkrieg gesiegt hat, sondern weil die Gegengewalten unter den Erschütterungen der Niederlage zusammengebrochen sind. Auch der kluge Cermak setzte sich in der Aussprache mit diesem Kernpunkte deS Themas auseinander. Genosse Kreibich— so führte ec aus— hat an einer Stelle seiner Rede ungefähr gesagt:„Wenn Sie mich fragen, ob das, was im Reickienberger Aktionsprogramm steht, heute durchführbar ist, so antworte ich Ihnen:„Nein." Wit. wollen nicht heute- schon die Diktatur aufrichten." Das sei eben, so sagte dann Cermak, der logische Sprung. Man könne nicht die Diktatur als zukünftige Form der politischen Herrschaft des Proletariats proklamieren, ohne zu sagen und aufzuzcigen, w i e sich die sozialistische Arbeiterschaft an die Macht heranarbeiten soll. 0 Damit ist schon so manche Erörterung vorweg genomnien worden, die heute wiederum in der sozialistischen Bewegung auflebt. Der ganze Verlauf und die Ergebnisse des Karlsbader Parteitage-, worauf wir noch in einem abschließenden Artikel zuriickkommen, können daher für unser Klarheitsringen in der Gegenwart vieles beitragen. 40 VILLA OASE Oder: DIE FALSCHEN BORGER Roman von Eugene Dabit Berechtigte Uebertragung aus dem Französischen von Bejot Paul war nur seiner Frau wegen, der die Pariser Luft nicht mehr bekam, nach Chapelle- sur-Sein« gegangen. Seiner eigenen Natur entsprach da» Landleben nicht. Er träumte vom Fau« bourg-Montmartre, wo auch er gearbeitet hatte. „Jetzt drängen sie sich dort in den Tafts", sagte er. Er seufzte. Dort drängten sie sich, und hier war es gähnend leer. Im Sommer kamen die Pariser zu ihm zum Tanz. War der Sommer vorüber, ließ sich niemand mehr blicken. Paul konnte warten, solang« er wollte. Julien hörte sich die Geständnisse an. Er wußte ja selbst nicht, was er anfangen sollte. Er fand die Tage endlos, die Menschen hier ungenießbar. Ja, als sie beide noch den Faubourg entlang schlendern konnten, wars schöner. Sie studierten die neuesten Plakate vom„Palace", oder sie gingen in eine Bar. Die Jahre würden nie wiederkommen. Um sie war Nacht, Kälte und Einsamkeit. Manchmal gesellte sich ein Einheimischer zu ihnen, ein schmutziger, schlecht angezogener Kerl. Wenn er dann am Tische saß, spuckte und fluchte er, erzählte Räubergeschichten und soff. Man hatte übrigens Julien schon den Borschlag gemacht, sich als Gemeinderat aufstellen.zu lassen. Nein, das wollte er lieber nicht— oder es gäbe Bruch. Er konnte sich schwer losreißen, gerade als erwarte er noch irgendeine Sensatton. Der Pfarrer kam. Julien setzte nie den Fuß in die Kirche, aber er spendete seinen Beitrag für wohltätige Zwecke. So waren sie beide bald gute Freunde ge worden, er und der Pfarrer. Uebrigens sprachen sie nie vom lieben Gott. Pater Doutre schätzte die Gegend aus einem einzigen Grunde: Paris war nahe! Einmal in der Woche fuhr er hin, die Soutane ließ er aber gewöhnlich zu Haus. Es war wie ein Verhängnis. Die paar Bekannten, die Julien in Chapelle-sur-Seine hatte, sprachen von nichts anderem als von Paris. Ebenso Nonoche, der sett seinem„Anfall" in Bois-le- Roi wohnte. Wenn er ihn mal besuchte, lag er auf dem Rücken und phantasierte von der Jugend und vom Cafe des CourseS. Wollte Julien sich verabschieden, hielt der andere ihn fest, so zitterte er vor der Aussicht, mit Claudine allein zu bleiben. Sie machte sich seinen Zustand zunutze, um sich herumzutreibcn und ihn noch obendrein zu verprügeln. Endlich raffte sich Julien auf und ging. Kein Gerärffch, kein Mensch; ein Dorf, erfüllt von Traurigkeit. An einer Ecke lockte das Licht des Tabakladens. Er dachte:»Ich habe noch Zeit, einen zu trinken." Der Laden war ein schmutziges Lokal, sein Inhaber, Herr Tanner, ein dürrer, neugieriger Mann mit einer bösen Zunge. Julien kaufte jeden Tag ein Päckchen Täbak und englische Zigaretten für Irma und stand, als guter Kunde, in hohem Ansehen. Beim Anblick der mit Fliegenschmutz bedeckten Wände und der blakenden Petroleumlampe überkamen ihn wieder wehmütige Erinnerungen an das Cafe Cour» ses. Fuhrleute, Taglöhner, Arbeiter ohne einen Sou in der Tasche waren hier seine Gesellschaft. Alle waren hinter seinem Gelde her und be- lästtgten ihn wie Ungeziefer. „Guten Abend, alle Mann", rief er plötzlich und rannte davon. Als er nach Hause kam, begrüßte ihn Irma mif den Worten:„Du brauchst überhaupt nicht mehr wiederzukommen. Es ist schon nach acht." Sie machte ihm eine Szene, warf ihm vor, daß er sich nicht mehr inn sie kümmere, daß er ihr zumute, allein mit dem Mädchen zu bleiben, und daß er mit dem Abschaum des Dorfes verkehre. Er scherzte, bis er die Geduld verlor, mit der Faust auf den Tisch schlug und schrie, es täte ihm schon leid, daß sie auf dem Lande säßen. Sie aßen wenig. Irma hatte Angst, dick zu werden. Julien hatte keinen Appetit. Sie ließen die Schüsseln fast unberührt, aber Solange schlang gierig alles in sich hinein. Nach dem Essen, um neun Uhr, ins Bett. Noch vor einem Jahr saß Julien um diese Zeit im Caft des CourseS, oder er schlenderte langsam ins Montbert zurück, wo ihn Betrieb und Spannung erwarteten.'" Hier aber? Hier machte er seinen Rundgang durchs Haus und lauschte allenfalls auf das ferne Rollen der Züge. Halt, jetzt kam der Riviera-Expreß. Er trat ans Fenster und sah eine leuchtende Schlange durch das Dunkel gleiten. Die Glücklichen, die jetzt auf dem Wege zum Mittelmeer waren, während er in diesem finsteren Loch hockte. Irma, die längst im Bette lag, verschlang Helenes Bild mit den Blicken. „Hast du sie noch nicht genug beglotzt?" knurrte er.„Ich drehe jetzt das Licht aus." Sie schrie auf, konnte nicht verstehen, daß er doch nur ihr Beste» wollte. Wenn er sich zur Wehr setzte, beschimpfte sie ihn. Und das Ende vom Liede war, daß sie sich gegenseitig Vorwürfe machten und, mit bösen Gedanken, einander den Rücken kehrten... Eines Morgens bekam Julien einen Brief von seiner Bank, die ihn um seinen Besuch bat. Es war ietzt kein Vergnügen, nach Paris zu fahren. Die Straßen waren in einem elenden Zustand, und das Auto wurde schmutzig bis ans Verdeck. Dennoch begrüßte er den Ruf mit großer Freude und fuhr, da Irma sich weigerte, ihn zu begleiten, auf der Stelle los. Von der Bank begab er sich ins Montbert. ES war das erstemal. daß er den Fuß wieder in sein altes Hotel setzte. Eine Frau trat ihm entgegen:. „Wünschen der Herr ein Zimmer?" Aha, Alfted batte eine neue Empfangsdame. Er stieg hinauf. Statt der Stoffbespannung trugen die Wände eine Art Tapete, die Quadersteine vortäuschte. Im Salon ein hypermodernes Mobilar wie bei Charlier. Ein Mädchen ftagle nach seinen Wünschen. Er setzte sich und stellte fest, daß von seinem Wirken kaum eine Spur mehr übrig war. Alfted kam, tadellos gekleidet, gut frisiert, zum Ausgehen bereit. Er stieß einen Freudenschrei aus, erkundigte sich nach Irma und sprach dann vom Haus, in dem er, wie er berichtete, alle Zimmer hatte verändern lassen. „Ein Bad in jeder Etage. Willst du sehen?" Das Hotel besichtigtigen? Lieber nicht. Die Verwandlung würde ihn nur traurig stimmen. Er mußt« überdies daran denken, daß er um diese Zeit geschuftet hatte wie ein Arbeiter. „Gehen' wir lieber in die»Lorraine", sagte er. Auch dort eine Ueberraschung: Alfred stellte ihm die neuen Wirtsleute vor. Zum Glück fand er seine alte Ecke neben der Türe unbesetzt. Sie bot noch immer dieselbe Aussicht: auf die lärmende Straße mit ihrem Menschengedränge und auf die hübschen-kleinen Mädchen. Und ein angenehmer Duft stieg ihm in die Nase, ein Geruch, der eine gute Küche verriet.' Er aß allein, doch ohne Aerger. Was mochte Irma machen? Jetzt hatte sie schon gegessen, saß in ihrem Lehnstuhl, döste und hatte einen leeren, zwecklosen Nachmittag vor sich. Im Gegensatz zu ihm. Sein Nachmittag sollte nicht leer werden. Er hatte die Absicht, sich einmal gründlich zu zerstreuen. Gegen sechs, nachdem er noch verschiedene Besorgungen erledigt hatte, erschien er zur allgemeinen Ueberraschung im Cast des CourseS. „Komm hierher!" befahl Papa Adam. Dann begann er, ihm eine Sftafpredigt zu halten. Er schalt ihn wegen seines langen Fernbleibens, schimpfte ihn einen Bauer, fand ihn fett geworden. Die Kameraden sprachen von Geschäften. (Fortsetzung folgt.) Nr. 231 Freitag 4. Oktober 1935 Sette 3 Bauern und Arbeiter Bechynä über die Koalitionspolitik In der„Pritomnost" veröffentlicht der Stellvertreter des Ministerpräsidenten Genosse Rudolf Bechynii einen Artikel über das System der tschechoslowakischen Regierungs- und Koalitionspolitik, in welchem er zunächst betont, daß eine Zusammenarbeit der Parteien der Bauern und Arbeiter u n e r l ä ß l i ch e V o r a u s s e tz u n g für die Aufrechterhaltung derDe- m o k r a t i e sei. Er verweist zunächst auf P o- l e n, wo der Sejm eine Mehrheit von bäuerlichen und Arbeiter-Abgeordneten hatte, welche nicht imstande waren eine dauernde und feste Regierungsreform zu bilden. Bechyne erwähnt hiebei die Unterredung mit einem polnischen sozialistischen Abgeordneten, worin dieser ihm gesagt habe, daß nicht die Opposttionsvolitik der polnischen sonder« die Koälitionspontik der tschechoslowakischen Sozialdemokratie die richtige gewesen sei. Ebenso war es in O e st e r r e i ch, wo die Sozialdemokratie nickt den Weg zu den Bauern und die Bauern nickt den zu den Arbeitern gefunden haben. In Polen und in Oesterreich haben es dann sowohl die Arbeiter als auch die Bauern verspielt ebenso wie in Bulgarien und Deutschland. Bechynö fährt dann wörtlich »weiter fort:. Wir sind zu der Ueberzeugung gekommen, daß überall wo die Massen der Arbeiter und Bauern in gegenseitigem leidenschaftlichem Kampfe sich befanden, beide Seiten es verloren haben. Und aus dieser Erkenntnis ist unsere Politik erflossen. Bei uns wäre ein demokratisches Regime ohne Teilnahme beider Faktoren einfach unmöglich. Aber der Staat muß doch irgend eine Regierung h ab en! Wer sagt mir, was für eine Regierung das wäre, wenn darin die einen oder die anderen fehlten? Auf welch schiefe Ebene würden wir da gelangen? Wir sind in einer ganz besonderen Situation, daran darf man nicht vergessen. Darüber will ich kein Wort verlieren. Ich sage nur, daß die Zusammenarbeit von Sozialisten und Agrariern nicht nur eine demokratische, sondern auch eine Staatsnotwendigkeit war. Und daß es diese Notwendigkeit bisher ist. Diese Zusammenarbeit hat bei uns die Entwicklung des Fascisnms in einer Zeit aufgehalten, da der Fascismus Trumpf gewesen ist und da sich die fascistischen Ideen aus beiden deutschen Staaten auf unS zugewälzt haben. Ja, wir hätten in den letzten zwei Jahren einen anderen Weg gehen können. Warum nicht? Wir hätten im Schlepptau unserer Freunde in Deutschland oder in Oesterreich gehen können. Ja, wir hätten, durch einen" heftigen Klassenkampf die bürgerliche und agrarische Politik dieses Landes zwingen können aus ihrer Krise keinen anderen Ausweg zu sehen, als zu der oder jener Form des Absolutismus zu greifen, zu dem Zwecke der Erhaltung der Rentabilität ihrer Wirtschaft. Wir hätten sie zwingen können— aber damit hätten wir" sie auch gezwungen die staatliche Existenz selbst durch ein Experiment fascistischer Art zu bedrohen. Wir haben uns anders entschieden und uns geeinigt. Im Interesse der Arbeiter, der Demokratie und der Republik. Bechyne gesteht in seinen weiteren Ausführungen dann ohne weiters zu, daß manches hätte besser geschehen können als es geschah. Er sagt:. Ich behaupte nicht, daß wir durch diese Zusammenarbeit die wirtschaftlichen und sozialen Probleme unseres Landes ideal gelöst haben. Wir sind noch inmitten der Arbeit. Ich igge auch nicht, daß wir bei der Lösung einzelner Fragen immer das Richtige getroffen haben. Ich wage zu bekennen, daß wir uns einige Hehler haben zuschulden kommen lasten, die zu korrigieren not- Italien am Vorabend des Krieges (AP.) Das Kriegsfieber in Italien steigt. Ein Blick in die Blätter lehrt, wie die Stimmung systematisch geschürt wird. Die Presse verbreitet Optimismus und Siegesgewißheit in einer Weise, die ganz im Gegensatz zu der Schreibnwise der ausländischen Zeitungen steht. Könnte imin den italienischen Blättern Glauben schenken, dann müßte das Ausland zu dem ostafrikanischen Krieg seine volle Zustimmung erteilen. Dieser Anschein wird wenigstens erweckt, Bon englischen Blättern wird bezeichnenderweise das fascistische Mosley- Organ»Black Shirt"(Schwarzhemd) zitiert, besten Stellungnahme ja nicht verwunderlich ist und eine Zeitlang auch von Rothermeres»Daily Mail" geteilt wurde, bis diese in die Regierungslinie einschwcnkte. Spaltenlang und mit bunten Bildern berichten die italienischen Blätter von den Grausamkeiten des abessinischen Regimes. Die Rundfunkpropaganda ist auf den gleichen Tenor gestimmt. In allen Städten sind grüne, gelbe und rote Maueranschläge angebracht, die die Maßnahmen für eine Mobilisierung anlündigen. Der Moment der Mobilmachung wurde durch drei Ka» nonenschüsse bekannt gemacht. Eine Minute später läuten Sturmglocken, in den einzelnen Stadtteilen der Großstädte erfolgt Trommelwirbel, in den Hafenstädten ertönen außerdem die Schiffssirenen. Dann hat sich jeder Milizmann in voller Uniform in den Kasernen cinzufinden. Auch die Mitglieder wendig sein wird. Aber ich halte dafür, daß die politische Richtung, welche wir betreten haben, die richtige ist und daß wir keine andere Wahl gehabt haben, wenn wir unserem Land inmitten des Weltenbebens verhältnismäßige Ruhe, erreichbare Sicherheit und Garantte guter Entwicklung gegeben haben. Bechyne legt dann dar, daß eine e i n- heitlicke Politik mit den Kommuni st en nicht möglich sei. „Was bieten uns die Künder der Einheits- front an? Nichts mehr als eine glänzende Demonstration auf der Gast«, einen glänzenden politischen Streik in den Bettieben. Ich frage sie: Und wer wird inzwischen in diesem Lande regieren? Sage mir niemand, daß inzwischen die Bourgeoisie re- Italien verhöhnt den Völkerbund In dem Kommunique« der ttalienischen Re gierung, da» bei Beginn der Feindseligkeiten aue- gegeben wurde, heißt es: »Unter dem Druck des kriegerischen Angriffsgeistes(l) in Abessinien, der von den Führern und den Völkerhordencherstäctl wird, die schon seit längerer Zeit mit Bestimmt heit den Krieg gegen Italien verlangen und ihn jüngst vorbereitet haben, bildet die allgemeine Mobilmachung in Abessinien eine direkte und un mittelbare Bedrohung für die Truppen in unseren beiden Kolonien. Diese Drohung wird erhöht durch die Tatsache, daß die Bildung einer neutra len Zone, nach angeblichen Behauptungen aus Addis Abeba, in Wirklichkeit nur eine strategische Maßnahme darstellt, die daraus hinausläust, die abessinischen Truppen besserzuAngriffs- zwecken vorzubereiten(!). Die fort dauernde und blutige Angriffslust, die Italien seit 40 Jahren ertragen mußte, nimmt immer größere Ausmaße und eine weitere Tragweite an und offenbart die schweren und unmittelbar bevor stehenden Gefahren, auf die unverzüglich zu rea gieren die elementarsten Grundsätze der Sicherheit erheischen. Die oberste Heeresleitung. Eritrea hat daher Befehl erhalten, sich dementsprechend(!) zu ver halten. Die italienischen Truppen sind daher im Begriff, einige vorgerückte Stellun gen jenseits unserer bisherigen Linie einzu nehmen. Zur zehnten Mobilmachungsverlautbarung wird an zuständiger italienischer Stelle erklärt, daß das darin erlvähnte Vorrücken von Truppen und die Grenzüberschreitungen nichts bedeu teten. Die italienischen Truppen seien lediglich in dem sogenannten Niemandsland vormar schiert. Auf die Frage, ob nunmehr die Feind seligkeiten in Abessinien ausgebrochen seien, wurde erwidert, daß die Feindseligkeiten in Ostafrika praktisch durch die Mobilmachung in Abessinien ihren Anfang genommen hätten. Von kriegeri schen Zwischenfällen will man in Rom nichts wis sen, von Todesopfern sei auch nichts bekannt. Ebenso wird der Bombenabwurf über Adua in Abrede gestellt. Ole Sanktionen London. Hier wird allgemein zugegeben, daß es zu einer Aufhebung des Embargos aus die Waffenausfuhr nach Abessinien kommen müsse, bevor man daran gehe, auf die kämpfen den Parteien einen Druck zwecks Abkürzung der Kampfhandlungen auszuüben. Mit Genugtuung wurde in London die Tatsache ausgenommen, daß gieren könne. Ach, waS ist das für ein« Primitivität des Geistes! Wo habt Ihr Reunmaüveisen die Bürgschaft, daß daS Bürgertum warten wird, bis das gesamte Proletariat in einer Partei, in einer genossenschaftlichen und gewerkschaftlichen Organisation sein wird und bis es den Agrariern die Kleinlandwirte und den städtischen Parteien die kleinen mittelständischen Existenzen entreißen wird? Deswegen tritt Bechynk für die Einheitsfront der Demokratie ein. Die Aufgabe dieser Demokratie ist heute vor allem die Lösung der gewerblichen Fragen. In unserem Lande gibt es keine Agrarkrise mehr, sondern es sind bloß einigt Fragen der landwirtschaftlichen Politik zu lösen, aber auf der Tagesordnung sind die Probleme der industriellen Erzeugung und die Probleme der städtischen Bevölkerung.„Der Sozialismus, so schließt Bechynk seinen Artikel,„hat sich in der Lösung der landwirtschaftlichen Fragen bewährt. Wird sich der Agrarismus in der Lösung der in- dusttiellen und handelspolitischen Fragen bewähren? Das ist die Frage." Mussolini in seiner gesttigen Kundgebung über die zu erwartenden Wirtschaftssanktionen gegen Italien in ruhigem Tone gesprochen habe. Außer der Einhaltung des Embargos für KriegSbrdürfniffe erachtet man hier bloß folgende zwei Sanktionen als praktisch durchführbar: 1. Das Verbot von Kreditoperationen mit dem italienischen Staat, den italienischen Gemeinden und öffent- lichen Verbinden, sowie mit italienischen Staatsangehörigen 2. das Verbot des Ankaufes italienischer Produkte. Es wird betont, daß die Staaten, die Mitglieder des Völkerbundes sind, 60 Prozent der italienischen Ausfuhr beziehen. Man glaubt deshalb, daß obige Maßnahmen genügen werden, eine Verlängerung der Feindseligkeiten unmöglich zu machen, und daß gleichzeitig die Gefahr von Zwischenfällen vermindert sein wird, weil obige Vorkehrungen nur italienische Staatsangehörige betreffen. Eden In Paris Paris. Der britische Völkerbundminister Anthony Ede» hat sich Donnerstag atends auf seiner Reis« nach Genf in Paris aufgehalten, wo er mtt Laval eine Unterredung hatte. Die Unterredung soll hauptsächlich die augenblicklich« Entwicklung des ttalienisch-atesfinftchen Konflik. tes sowie den Fragebogen betroffen haben, wel chen Dtandpuntt Frankreich nicht nur bei der Geltendmachung von Sanktionen, sondern auch vor diesen einnehmen wird. Diese Angelegenheit wird den Gegenstand des Freitag zusammentretenden französischen Ministerrates bilden, dessen Entscheidung mit großem Interesse erwartet wird. Amerika unbedingt neutral Erklärung Roosevelts San Diego.(Kalifornien.) Lor Antritt seiner Reise zu den Flottenmanövern im Stillen Ozean hielt Präsident Roos eveltim Hochschulstadion vor 60.000 Zuhörern eine Ansprache, wobei er ausführte: „Ich wiederhole, daß die Bereinigten Staaten fest entschlossen sind, im Falle, irgendeines Krieges streng neutral zu bleiben. Ich befürchte, daß einige Nationen die Torheit aus dem Jahre IS 14 wiederholen wollen. Was immer auch auf den Kontinenten jenseits des Meeres geschehen möge, die Bereinigten Staaten müssen hievon unberührt und frei bleiben. Als Präsident der Bereinigten Staaten erkläre ick neuerlich, daß das amerikanische Volk und seine Regierung die Absicht haben, mit der ganzen Welt im FriedenSzustand zu verbleiben." Die Unruhe des Volkes wird durch die Zu ber weiblichen Fascios und die Kinder der Balilla- I wagen vorbereitet. Täglich sind Geschütztransporte Organisation und der Avanguardisten haben zu| zu beobachten. erscheinen. Sind sie zu weit von ihrem HeimatS-,.... ort entfernt, so haben sie sich an dem Orte, wo. sammenziehung der englischen Flotte im Mittelste sich augenblicklich befinden, zur Verfügung zu| meer noch gesteigert. Besonders hat die Ankunft stellen. Sind sie im Ausland, so haben sie an die' der großen englischen Dreadnoughts und Schlachtentsprechenden Stellen zu telegraphieren. Für jede Versäumnis ist schwerste Sttafe angedroht. Zur Zeit werden die Matrosen der Reserve einberufen, und zwar bis zu 35 Jahren. In den Hafenstädten herrscht ein reges Leben und Trei ben. Unaufhörlich fahren Kriegsschiffe mit unbe- kanntem Ziel ab. Wo die Häfen von Kriegsschiffen entblößt sind, tritt der Küstenschutz an ihre Stelle. Das Rote Kreuz ist bereits im ganzen Lande mobilisiert. Die Bevölkerung ist in äußerster Nervosität. Alles ist gewissermaßen»auf dem Sprung". Be zeichnend dafür ist, daß bei einem Feuerwerk in einer Hafenstadt Norditaliens,' als die ersten Ex plosionen der Feuerwerkskürper hörbar wurden, in wenigen Minuten die Straßen schwarz von Menschen waren, weil alle die Mobilisation er warteten. Die lange Dauer des Schwebezustan des steigerte die Nervosität. Die fortgesetzten Scharfschießübungen der Küstenbatterien wecken in der Bevölkerung die Vorstellung, daß sie sich be reits mitten im Kriegszustand befinde. Ueber den Städten kreisen unaufhörlich Militärflugzeuge.> gestrunkenheit macht sich eine Katzenjammerstim- Die Kasernen sind sämtlich überfüllt, so daß be reits Notquartiere beschafft werden müssen. Be sonders zahlreich sind auch die Spezialwaffengat tungen vertreten. Auf den großen Eisenbahnkno-, stischen Kreise mischt, auch diese bereits an der tenpunlten sind seit längerer Zett alle Güter-. Peripherie berührend. kreuzcr Sorge bereitet, da allgemein bekannt ist, | daß sie den italienischen Einheiten um ein Vielfaches überlegen sind. Die englischen Maßnahmen in Gibraltar, Malta, Alexandria, Port Said, Cypern usw., die Möglichkeit einer Sperrung des Suezkanals, die Aussicht einer Abschneidung der italienischen Truppen in Afrika, die sich dann förmlich in einer Falle befinden würden, haben geradezu defaitistische Stimmungen, sogar im Offizierkorps, ausgelöst und die Niederlage von Adua geradezu als Schreckgespenst wieder auftauchen lassen. Das stolze Wort»Noi tireremo diretto"(Wir werden erst recht marschieren) ist schon verklungen. Statt dessen ist die Losung »Bataillone kann man nicht aufs Wasser schicken" im Umlauf. Man fühlt die Unterlegenheit zur See, man weiß, daß die beiden großen Kampfschiffe von 35.000 Tonnen, die erst im Bau sind, noch auf lange Zeit nicht in Betracht kommen, man ! kennt die Exponiertheit der langen italienischen ! Küste. Die Unzufriedenheit greift über die oppo- i sitionellen Kräfte weit hinaus. Anstelle der Sie- ' mung bemerkbar, die sich natürlich nicht in der Presse zeigt, sich aber als schriller Mißton in die voreilige Siegestrunkenheit der eigentlichen fasci- Zur Abhärtung und Kräftigung des Körpers Die bulgarische Verschwärung Boris sollte ermordet werden Sofia.(Tsch. P.-B.) In Ausführung der von der Negierung angekündigten Maßnahmen schritt die Polizei zur Verhaftung von 40 Zivilpersonen, die der Teilnahme und Mitwisserschaft an hem geplanten Putsch beschuldigt werden. Die meisten von ihnen gehören der Zveno-Gruppe und dem linken Flügel der Bauernpartei an. Ferner wurden etwa 15 Offiziere verhaftet, die ihre Beteiligung an dem Putschversuch bereits eingestanden haben. Alle Verhafteten wurden den Ge- cichtsbehörden überantwortet. Aus den Schriftstücken, die bei den Haussuchungen beschlagnahmt wurden, geht hervor, daß die Verschwörer Anschläge gegen das Leben des Königs, der Königin, der Mitglieder der Regierung sowie von etwa 40 Offizieren beabsichtigten. Die Namen dieser Offiziere waren auf einer Liste ausgezeichnet, die bei den in die Verschwörung verwickelten Offizieren beschlagnahmt wurde. Wiederaufnahme der Verhandlungen Im Brünner Nazi-Prozeß Nach eineinhalbtägiger Unterbrechung wurden Donnerstag früh die Verhandlungen im Prozeß gegen die vier ehemaligen NSDAP-Funktio- näre wieder ausgenommen. Bekanntlich hatten die Verteidiger mehrere Beweisanträge gestellt und ungefähr 50 Zeugen zur Einvernahme beantragt. Das Gericht hat die Mehrzahl der Anträge als gegenstandslos abgelehnt und hat insgesamt nur sieben Zeugen zugelassen. ES sind dies der StaatS- amtSoberdirektpr i. R. Janik, die Regicrungsräte Sukal unp Pavelek und Frau Rosa Kluge, ferner die Zeugen Rattei, Lanzendörfer und Dostal. Die Donnerstag-Verhandlung, bei der auch mehrere Angehörige der SdP als Zuhörer anwesend waren, war durch Verlesungen ausgefüllt. Man hört da u. a. Blüten sudetendeutschen Nazi- Schrifttums, wie»das zweite Reich war uns viel zu klein" oder»Wir sckwören auf Horst Wessel" oder»Die Beherrschung der Straße ist die erste Anwartschaft auf die Beherrschung des Staates". Zu Beginn der Nachmittagsverhandlungen spielte sich eine charakteristische Szene ab. Der Vorsitzende fragte den Angeklagten Kruge, wo er jetzt organisiert sei. Dieser behauptete, sich derzeit nirgends politisch zu betätigen, was vom Vorsitzenden bezweifelt wurde, worauf der Verteidiger Branczik dem Angeklagten zurief:»Wenn Sie bei der SdP organisiert sind, dann sagen Sie eS nur ruhig." Die Verhandlung wird Freitag fortgesetzt werden. Der Kalender für daS Landvolk, von Adolf Schmidt redigiert, ist soeben im Verlage des ZentralverbandeS der deutschen Kleinbauern und Häusler, erschienen. Der Kalender für das Jahr 1936 ist wie seine Vorgänger ein wichtiges politisches Handbuch für schaffende Menschen, ein vorzügliches Nachschlagewerk für den Kleinlandwirt und ein Buch zur Unterhaltung und dc: Bereicherung des Wissens, an dem jeder, der dieses Buch in die Hand bekommt, große Freude haben wird. G. H. T r a p p zeigt uns durch zwei Linolschnitte »Sonnenaufgang" und»Sommernacht", daß er der Höhe künstlerischen Schaffens zustrebt und belebt auch die in dem Kalender enthaltenen Erzählungen mit seinen Illustrationen. Unterhaltende Beiträge finden wir von Ibanez, dem sroßen spanischen SchriststeUer, Ludwig Thoma, Josef H o f b a ue r, Oskar Maria Graf, dem Bauerndichter Adam Scharrer, dem Böhmer- wäldler Josef B l a u u. a. Auch dem Humor sind einige Setten des Buches gewidmet. Daneben aber hat auch noch eine Reihe ernster Abhandlungen Platz gefunden, so eine über Abessinien, über das Leben in der Tiefsee, über die Tuberkulose und schließlich eine, alle wichtigen politischen und wirtschaftlichen Ereignisse umfassende Jahresrückschau, die aus der Feder Adolf Schmidts kommt. Der Kalender wird mit einigen für die Landwirte interessanten und aufllärenden Artikeln, über Bodenbewirtschaftung, Viehzucht und zweckmäßige Hauswirtschaft und den für aUe Kleinlandwirte wichtigen Tabellen über Posttarife und Stempelgebühren in seinem Hauptteil abgeschlossen. Der Kalender, der bei keinem Kleinbauern fehlen sollte, kann beim Verbände der Kleinbauern und Häusler, Prag VIE, Stroßmayrova 1390 und bei allen sozialdemokratischen Buchhandlungen bezogen werden. Gelte 4 Freitag, 4. Oktober 1985 Nr. 231 Sonderbare Rundfunkleitnng. Ein Genosse schreibt uns: Immer wieder wird darüber geklagt, daß die deutschen Sendungen des Prager Radiojournals nur von einem geringen Teil der deutschen Bewohner dieses Staates abgehört werden; eher noch warten die Demokraten der fascistischen Länder Deutschland und Oesterreich auf ein freies, offenes Wort für die Unterdrückten und schalten die deutschen Relationen der Prager Sender ein. Daß das, was wir Deutschen von Prag aus zu hören bekommen, nicht genügt, wurde ja von uns an allen Orten festgestellt und deshalb die Forderung nach dem eigenen deutschen Sender erhoben. Was aber richtet erst eine Programmänderung, wie sie am letzten Mittwoch vorkam, in den Herzen der aufrechten Demokraten an! Statt der deut- schen Sendung wurde- die Mussolinifche Kriegsrede auf der Piazza Venezia vor seinen Schwarzhcmden(und die ganze Kriegsbegeisterung) übertragen, dafür aber nicht einmal ein deutsches Wort der Entschuldigung oder gar nach hem Ende der Ueberträgung die deut- schen Nachrichten, wie es sich gehört. Das aber sind Dinge, die wir ohne Protest nicht hinnch- men können. Weder Deutschland noch.Oesterreich übertrugen diese Kundgebung. Solches darf nicht mehr Vorkommen, soll der deutsche und demokratische Hörer nicht verzweifeln! Internationaler Gewerkschaftskongreß 1936 — in London. Der Borstand des Internationalen Gewerkschaftsbundes hat beschlossen, den Internationalen Gewerkschaftskongreß im Juni 1936 in London abzuhalten. Banchchphus in Staadt-Olbersdorf. In der schlesischen Stadt Olbersdorf ist eine Bauchtyphus- Epidemie ausgebrochen; bis jetzt sind 29 P er- sonen. erkrankt. Die Epidemie wird hauptsächlich durch Wasser aus der Goldoppa, in die der Spitalkanal mündet, verursacht. Für das Gebiet der Stadt Olbersdorf wurden Märkte und olle’ Feste- und Versammlungen, sowie die Ausübung des Hausierhandels verboten, Diese Epidemie bedroht die ganze Umgebung und auch die Stadt Jägerndorf. Die Winzer auf Lenkas. Die halbamtliche Athener Nachrichtenagentur teilt mit: Auf Grund der Maßnahmen, die von der griechischen Regierung unternommen worden sind, haben sich die Winzer auf der Jstsel Leukas z u f r i e d e n erklärt und überall ist vollständige Ruhe eingetreten. Ist das der Weg zur Einheitsfront! Bei den Verhandlungen, die die tschechoslowakische Delegation des DTJ und Atus in Rußland führte, war die Regelung des Sportverkehrs nur eine Frage von Minuten. Die von den russischen Genossen vorgelegten Bedingungen wurden mit einigen- Aenderungen in zehn Minuten glatt von beiden Seiten zur Kenntnis genommen. Nicht so war es bei dem politischen und organisatorischen Teil des vou den. Russen verfaßten Vertragsentwurfes. Die Verhandlungen scheiterten an folgendem, von den Russen vorgelegten Absatz:„Mit Abschluß gegenwärtigen Abkommens erklärte der Vorstand der DTJ und des Atus, daß er Maßnahmen ergreifen wird, um außer der Sowjetunion eine sportliche Zusammenarbeit auch mit den anderen Sektionen der RSJ auf derselben Grundlage wie mit der Körperkul- turbcwcgung der Sowjetunion herzustellen". Die Vertreter des Atus konnten dieser Klausel Nicht restlos zustimmen, weil bei der Luzerner Internationale noch ein Beschluß in Geltung ist, der mit den Sektionen der RSJ den sportlichen Verkehr untersagt und sie beantragten deshalb zu oben angeführtem, von den Russen vorgel»gsen Text, den Zusatz:„und diesbezügliche Verhandlungen mit Zustimmung der Internationale einzuleiten". Wegen dieses Zusatzes scheiterten die Verhandlungen. Es war klar, daß man die tschechoslowakischen Abessinien bereitet seine Verteidigung vor Em ne« eingetroffener Munitionstransport wird in die Depots gebracht. Sektionen der SASJ gegen ihre eigene Internationale ausspielen wollte. Der Atus hat trotzdem die Russen zu einer Tournee vom 26. bis 28. Oktober laufenden Jahres in die ESR eingeladen, und die Bereitwilligkeit erklärt, daß bei dieser Tournee die russischen Sportler auch gegen die kommunistischen Sportorganisationen der§SR Spiele abschließen können. Es wurde nur gewünscht,- daß Spiele gegen bürgerliche Organisationen von ein und derselben Mannschaft, die gegen Atusfußballer spielt, nicht ausgetragen werden. Darauf erhielt der Atus von Rußland die Antwort, daß die Russen mit Rücksicht auf die derzeitig starke Inanspruchnahme der russischen Fußballer im Auslande— sie verwiesen auf eine Delegation, die sich in Frankreich, und eine, die sich in Schweden befindet» und ebenso auf die Herbstausscheidungskämpfe— das Anbot nicht annehmen können. Während derselben Zeit verhandelten die Russen mit tschechisch-bürgerlichen Futzballver- einen(wahrscheinlich ohne politische Bedingungen), boten horrende Geldentschädigungen, um Spielabschlüsse in Rußland zu ermöglichen. Diese Spiele kamen zustande, wurden durchgeführt. Vor kurzem verhandelte man, wie eine Notiz der „Prager Presse" von 26. September l. I. meldete, über ein Städtespiel Prag—Moskau in Prag für den 1. November. Bei Spielen gegen die Bürgerlichen scheint also kein Mangel an Sportlern zu sein, gleichgültig, ob die Spiele in Prag oder in Rußland stattsinden. Es gibt da sicher auch keine politischen Bedingungen, ebenso wenig finanzielle Bedenken. Da bleibt uns nur die Frage übrig: Ist der Arbeitersport Europas für die Russen zweitrangig? Kommt eine Verbindung zu den Arbeitersportlern Europas und in der CSR im besonderen erst nach Verbindungen mit den Bürgerlichen in Frage? Ist das der Weg zur Einheitsfront? Wir glauben nicht! Wenn der Boden für Einheitsfronwerhandlungen, der Boden für einen Zusammenschluß beider Internationalen für den Sportverkehr mit den Auslandsverbänden der SASJ vorbereitet werden soll, dann muß man andere Methoden wählen und darf auf der einen Seite den Arbeitern der C2R nicht in allen Tonarten von dem ehrlichen Einheitswillen der kommunistischen Organisationen erzählen und auf der anderen Seite die in den sozialistischen Arbeitersportorganisationen vereinigten Arbeiter hinter die Profis bürgerlicher Verbände rangieren. 110 Menschen von Banditen getötet Schanghai. In den Binnengewässern der süd- ! chinesischen Provinz Kwantung unternahmen Banditen Ueberfälle auf zwei Flußboote.' Der erste Ueberfall ereignete sich auf der Strecke Swa- tau—Tschantschau. Dort überfielen die Banditen ein planmäßig verkehrendes M o t o r-b o o t, schleppten es nach der Tschaoan-Bucht und versenkten es. Zehn Passagiere kamen dabei in den Fluten um. Bei dem zweiten Ueberfall hatten cs die Banditen auf ein zwischen Kanton und Schilung verkehrendes Flußboot abgesehen. Aus noch unbekannter Ursache brach auf dem Schiff plötzlich Feuer aus und im gleichen Augenblick eröffneten die Banditen vom Ufer her ein mörderisches Masckiinengewehrfeuer, bei dem die gesamte Besatzung und alle Fahrgäste, insgesamt 110 Menschen, getötet wurden. Höhenflug' Moskau. Der bekannte sowjetrusstsche Flieger Prokopjew und der Professor der Aeronautik an der militärischen Fliegerakademie Solo w j e w unternahmen einen Höhenflug mit einem Subtratostat mit einem Fassungsraum von 2200 Kubikmetern. Sie erreichten eine Höhe von 9300 Metern und gingen etwa 80 Kilometer von Moskau entfernt glatt nieder. Schnaps zur Zahlung von Schnapssteuer Paris. In Barantonne bei Rennes hielten 300 Schnapsbrenner eine Protestversammlung gegen die zu hohe Alkoholsteuer ab. Sie haben einen offenen Brief an das-Finanzministerium gerichtet, in dem sie sich zwar zur Zahlung der Steuer bereit erklären, aber diese nur in Naturalien entrichten wollen. Sie bieten der Steuerbehörde ihren Schnaps an und wollen sogar Vorzugspreise machen; Ein Liter Schnaps soll nur 17 Francs 50 Centimetes kosten— was wirklich unerhört billig ist: es ist genau die Steuer, die auf einem Liter liegt. Wenn es bei diesem Beschluß bleibt, wird das französische Finanzministerium bald konkurrenzlos billigenSchnaps liefern können. Gespannte Lage in Lahore. In einem Vorort von Lahore sind die Leichen von zwei Mohammedanern, die augenscheinlich durch Schyvertstreiche ermordet wurden, aufgefunden worden. Der mohammedanischen Bevölkerung von Lahore bemächtigte sich große Erregung, da vermutet wurde, daß die Bluttat ein Racheakt der Sikhas ist. Die Mohammedaner bewaffneten sich und bildeten eine gewaltige Prozession, in der die Leichen der Ermordeten durch die Straßen der Stadt getragen wurden. Die Polizei ist alarmiert. Starke Patrouillen durchziehen die Stadt. Das Unglücksauwmobil des belgischen Königspaares. Tas Unglücksautomobil, durch dessen Katastrophe Königin Astrid den Tod fand, wurde, wie man weiß, aus dem See gezogen. Nach Abschluß der Untersuchung blieb der Wagen in der Garage in Küßnacht stehen, und der Garagenbesitzer erlaubte Touristen, ihn zu besichtigen; erst das Dazwischcntreten des belgischen Botschafters machte dem ein Ende. Da der Wagen Privatbesitz des Königs ist, mußte dieser selbst entscheiden, was aus dem Auto Ivtzrden sollte, aber niemand wagte es, diese Frage dem König vorzulegen, um ihn nicht nochmals an das furchtbare Unglück zu erinnern. Als man sich endlich dazu entschloß, meinte der König, daß es das beste sei, daß der Wagen dort bliebe, wo er nach der Katastrophe war. Man hat diesen Willen des Königs wörtlich genommen und erfüllt. Vor einigen Tagen ist der Wagen auf ein Boot verladen und in den See, unweit der Unglücksstätte, versenkt worden. Die Rassenseuche. Der Verein deutscher Ingenieure in Berlin hat auf Grund der Beratungen der letzten Vorstandssitzung beschlossen, daß die rassischen Grundsätze der NSDAP ohne jede Ausnahme zur Voraussetzung für die Mitgliedschaft deutscher Staatsangehöriger beim Verein deutscher Ingenieure gemacht werden. Dieser Beschluß gilt auch für die dem Verein angeschlossenen Vereine. Der amtliche Fahrplan der Tschechoslowakischen Republik für die Winterperiode 1935/36, der vom Post- und Eisenbahnministerium redigiert ist, ist erschienen. Sein Preis beträgt Kc 10.80. Bestellungen erledigt jede Buchhandlung sowie der Verlag der Firma Alois Wiesner, Prag kl, Klimentskä ul. 10. Die reichsten Menschen der Wett New Aerk. Wie sich aus einer Veröffentlichung eines namhaften Nationalökonomen über, die Verteilung des amerikanischen Reichtums ergibt, sind weder Rockefeller, noch Morgan, noch Ford die reichsten Amerikaner, sondern die Familie Dupont, deren Besitz vermutlich auch den des Nizam von Haiderabad übersteigt, und die wohl die reichsten Menschen der Welt find. Sie haben im Gegensatz' zu anderen amerikanischen Milliardären niemals Wert auf Reklame gelegt und darum kommt diese Feststellung überraschend. Die Dupofits sind -französischen Ursprungs; unter Ludwig XVI. wurde ihr Stammvater geadelt. Er emigrierte kurz nach der Revolution. Die Duponts' siedelten sich im Staate Delaware an. Heute kontrolliert der Dupont-de-Nemours- Konzern einen bedeutenden Teil des amerikanischen Volksvermögens. Man schätzt das Kapital dieses Familienkonzerns auf mindestens fünf Milliarden Dollckk: Die Dupont-Werke fabrizieren schlechthin alles. Zum Konzern gehören ebenso Filmfabriken wie Waffen- und Automobilwerke oder solche der Gummiindustrie. Vom Rundfunk empfehlenswert«« aus den Programmen) SamStag: Prag,§ender L: 10.05: Deutsche Presse, 12.35: Salonorchesterkonzert, 13.40: Burian singt Opernarien, 17.45: Deutsche Sendung: Egerländer Stunde, 19.15: Volkslieder, 22.15: Tanzmusik. Sender S: 7.30: Leichte Musik, 14.10: Deutsche Sendung: Lieder von Brahms, 18: Kinderprogramm.— Brünn 17.40: Deutsche Sendung: Volkslieder, 19.15: Iazzorchester.— Währisch-Oftra« 19.35: Operettenrevue.— Preßharz 19.15: Mau» Zwei deutsche Listen in Ostrau Mährisch-Ostrau. Zu den am 20. Oktober stattfindenden Gemeindewahlen haben sich die deutschen Parteien, u. zw. die Sudetendeutsche Partei, die deutsche christlichsoziale Partei und die deutschdemokratische Fortschrittspartei auf eine gemeinsame Kandidatenliste geeinigt, die die Bezeichnung„Deutsche Wahlgemeinschaft" trägt. Von den deutschen Parteien werden wahrschein-, lich nur die deutschen Sozialdemokraten selbständig kandidieren. Hlinka verhandelt mit den bürgerlichen Koa- litionsparteicn? Wie das„PrävoLidu" meldet, hält sich Abgeordneter Hlinka seit Mittwoch in Prag auf. Er hatte bereits verschiedene Besprechungen mit Persönlichkeiten aus der Agrarpartc i und der tschechischen Volkspartei, die sich um den eventuellen Eintritt der Hlinkapartei in die Regierung drehten/ Das Blatt stellt fest, daß die betreffenden Politiker, die mit Hlinka verhandeln, dies auf eigene Faust und kemeswegs als Beauftragte der Koalition tun. Die Verhandlungen sollen bis Samstag andauern. Die Anregung zu der Fühlungnahme Hlinkas mit bürgerlichen Koali- tionsparteien sei aus einer kürzlichen Tagung der Parlamentarier der Hlinkapartei in Preßburg hervorgcgangen. Bundesschule der Arbeitersamariter welche vom Arbeiter-Turn- und Sportverbande für das Frühjahr 1936 vorbereitet tvird und in Prag stattfinden soll, erregt schon jetzt die allgemeine Aufmerksamkeit. Es ist bekannt, daß sich unsere Samariter im Verlaufe ihrer Tätigkeit eine Organisation geschaffen haben, die im Hinblick auf Disziplin, Opferbereitschaft und Schulung wohl vorbildlich dasteht. Bei jeder Veranstaltung der Partei oder anderer unserer Kulturorganisationen ist die Samaritersparte anwesend. ES vergeht kein Tag, an dem die Samariter nicht auch ihren Bereitschafts« d i e N st versehen. Ein vorzüglich ausgebautes System der Berichterstattung sorgt dafür, daß jede geleistete Arbeit registriert wird. So konnte allein der 5. Kreis im abgelaufenen Jahre über 18.053 Bereitschaften berichten, in denen 8354 Hilfe- lei st ungen gebracht wurden. In 25 eigenen Kursen in den Bezirken wurden die Samariter unter ärztlicher Leitung geschult, wobei zu bemerken ist, daß im 5. Kreise 34 Aerzte als freiwillige Mitarbeiter zur Verfügung stehen. In zahlreichen öffentlichen Vorträgen wurde für Aufklärung über verschiedene Volkskrankheiten Ein gut funktionierender Alarmapparat sorgt dafür, daß unsere Samariter im Notfälle rasch auf ihre Plätze gebracht werden. Durch unermüdliche Arbeit erwuchs so aus einer früher oft bespöttelten Samaritergruppe eine achtunggebietende Organisation, die aus dem öffentlichen Leben kaum mehr wegzudenken ist. Die Gegenwart stellt neue,, große Anforderungen an die Leistungen und das Könne« unserer Samariter. Längst hält die Samaritertätigkeit nicht mehr beim Anlegen eines kunstgerechten Verbandes allein; der Samariter ist heute in den meisten Fällen Betater in gesundheitlichen Fragen, besonders- auf dem Lande, und es wurde wiederholt festgestellt, daß in Gebieten wo es weit zum nächsten Arzte ist, es von diesen geradezu zur Pflicht gemacht wird, vorerst den Samariter aus nächster Umgebung zur Hilfe zu rufen, ehe der Arzt gerufen wird. , So erklärt sich das Bestreben unserer Samariter- Bundesleitung, in einer Bundesschule in Prag, in jenen Instituten, welche zur Wahrung der Volksgesundheit geschaffen wurden, ihren Funktionären möglichst viel neues Wissen und praktisches Können zu vermitteln. Aus dem provisorischen reichhaltigen Programme heben wir hervor: Vorträge über Anatomie, Physiologie, Hygiene, Infektionskrankheiten Volkskrankheiten, Elemente der Krankenpflege, Erste Hilfe bei internen Erkrankungen, Lcbensrettung, Erste Hilfe bei chirurgischen Unfällen, Erst« Hilfe bei plötzlichen Geburten, Samariter-Rechtsfragen, Ziviler Gasschutz, Betriebs« Gasschutz, Unterweisung im Gebrauch des Serums gegen Schlangengift usw. Außer den genannten Vorträ«», welche oft mit praktischen Arbeiten verbunden win werden, sind Exkursionen in das Staats» Gesundheitsamt(Pasteurinstitut) und das Masaryk- Jnstitut in Krc vorgesehen. Es ist durchaus nicht verwunderlich, daß bei der Agilität unserer Arbeitersamariter die Mitteilung vom Statffinden dieser Schule große Begeisterung hervorgerufen hat. Ueberall haben bereits Sparaktionen eingesetzt und sind Veranstaltungen in Vorbereitung, welche die Mittel zu einem achttägigen Aufenthalte in Prag für möglichst viele Teilnehmer sicherstellön sollen. Hier ist der praktischen Solidarität unserer Kulturorganisationen Gelegenheit geboten, zu beweisen, daß die unermüdliche Tätigkeit unserer Samariter volle Anerkennung findet. Wir verweisen bei dieser Gelegenheit auf das nachahmenswerte Beispiel, welches unsere Genossen in Zuckmantel bei Teplitz-Schönau brachten, wo die ganze Parteimitgliedschaft, die Arbeitersänger, die Sozialistische Jugend, die DTJ und andere bei der Veranstaltung eines Bunten AbendeS mitwirkten. Ein schöner Reinertrag war das Ergebnis, das unseren Samaritergenoffen neuer Ansporn zu rastloser Arbeit im Dienste unseres Atus sowie der Partei sein wird. gesorgt, und ihre Vorbeugung, Nr. 231 Freitag, 4. Oktober 1935 Seite 5 Gustav Fröhlich mit seiner neuen Gattin Gustav Fröhlich, der sich von Gitta Alpar scheiden ließ, wurde soeben während des Aufenthaltes in Wien mit seiner neuen Gattin, der jungen L i d a B a a r o v a, ausgenommen Blutarmut— eine soziale Krankheit (MTP) Die Frage, ob es eine besondere Form der Blutarmut gibt, die nur bei Menschen in un» günstiger wirtschaftlicher Lage auftritt, ist kürzlich von dem bulgarischen Arzt Dr. Majrakoff näher behandelt worden. Er hat bei 540 Arbeitern den Gehalt an Hämoglobin— dem Blutfarbstoff, der beim Transport des Sauerstoffs nach den einzelnen Organen eine wichtige Rolle spielt— und dann auch die Anzahl der roten Blutkörperchen untersucht, von denen normalerweise vier bis fünf Millionen sich in einem Raummillimeter befinden. Die so gewonnenen Ergebnisse wurden mit den Werten für Lohn, Nahrung und Wohnung der einzelnen Arbeiter in Vergleich gestellt. Majrakoff fand, daß Arbeiter!, die vom Lande nach der Hauptstadt Sofia gekommen waren und die zunächst mit großen wirtschaftliche« Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, anfangs einen geringeren Hümoglobingehalt und eine kleinere Zahl roter Blutkörperchen aufwiesen al- ihre in Sofia geborenen und aufgewachsenen Berufsgenossen. Die Untersuchung ergab des weiteren, daß bei einer Verbesserung der LebeirSverhaktriisse, also des LöhneS, der Ernährung und des Wöhnraumes— gemessen nach der Anzahl Raummeter Luft, über die der einzelne verfügt—, sowohl der Hämoglobingehalt des BluteS als auch die Zahl der roten Blutkörperchen in unverkennbarer Weise stiegen. Volkswirtschaft und Sozialpolitik Wirtschaftsaufschwung in Amerika Die Gewerkschaften über die Wirtschaftslage Im letzten Monatsbericht der amerikanischen Arbeiterföderation wird die Wirtschaftslage ziemlich optimistisch beurteilt. In dem Bericht heißt es: „Nach einer Warteperiode von fünf Monaten hat die Wirtschaft mit einem Aufschwung begonnen. Die Aussichten für die letzten fünf Monate des Jahres 1938 sind für die Wirtschaft sehr günstig. Der voraussichtliche Geschäftsgewinn mutz mit den Arbeitern in Form von Arbeitsstellen und höheren Löhnen geteilt werden, wenn wir eine gleichmäßig balancierte und dauernde Besserung der Wirtschaftslage haben sollen. Die letzten fünf Monate können uns sehr wohl auf die höchste Stufe der Jndustriegewinne seit 1930 bringen. Der gegenwärtige Aufschwung ist so weit der gesündeste. Er ist der erste, der nicht die Folge von Regierungsausgaben oder Währungseingriffen ist. Er ist der erste, der die Folge seiner eigenen innewohnenden Stärke ist. Die Dividendenzahlungen im August übersteigen die vom August des letzten Jahres um 11 Millionen Dollar oder 4 Prozent. Die Bestellungen für die Landwirtschaftsmaschinenindustrie in der ersten Hälfte des Jahres übersteigen die während der gleichen Periode des vorhergehenden Jahres um 75 Prozent. Die Autoverkäufe sind in dieser Periode um 599.000 Autos gestiegen. Nach zuverlässigen Berichten gibt die Autoindustrie 100 Millionen für neue Maschinen aus und die Stahlindustrie 130 Millionen". Nichtsdestoweniger mutzte die amerikanische Arbeiterföderation die Feststellung machen, daß immer noch elf Millionen Arbeiter ohne Beschäftigung sind.(Ende März 1933— Höchststand der Krise waren 13 Millionen arbeitslos. Red,). Von der steigenden Produktion allein kann die Absorbierung dieser elf Millionen Arbeitslosen nicht erwartet werden.„Die Arbeitsstunden müssen mehr und mehr gekürzt werden, um mehr Leuten Arbeit zu geben", heißt es in dem Bericht.„D'e Löhne müssen erhöht werden. Jeder Fortschritt der Arbeiter bedeutet eine Sicherung der Zukunft". Die schwarze« Jude« bete« für den König der Könige Die Falashas, die Letzte« de» antike« Judentums Addis Abeba, im September. Nicht nur in der christlichen Kirche„Zur Heiligen Medizin" wird nach koptischem Ritus in diesen Tagen, in denen ganz Abessinien das Freudenfest feiert, das die Regenperiode abschlietzt, um Frieden, oder wenn eS sein mutz, um Sieg, gebetet. Auch in der Sprache des Alten Testamentes, in Althebräisch, wie es zur Zeit Salomos gesprochen wurde, steigen aus dem Tempel der Falashas Gebete gen Himmel, die für den König der Könige, dem Nachkommen der alten jüdischen Königsdynastie, den Segen des Friedens oder den Segen für seine Waffen erflehen. Denn in Abessinien wohnt neben den vielen anderen Stämmen, die zum schwarzen Kaiserreich gehören, auch ein jüdischer Stamm, der eine seltsame Geschichte hat. Aber seltsamer noch als seine legendenumwobenen Schicksale sind die Gestalten seiner Vertreter: sie sind schwarz, und ihre Gesichter zeigen wenig semitische Merkmale, und unterscheiden sich kaum von der abessinischen Urrasse der Amharas. Sie gehören zu dem Stamme der Fa- lashas, der Name heißt nichts anderes als„Einwanderer". Aber sie sind in dieses Land vor Jahrtausenden gekommen. Wie der jüdische Stamm in die Gebirge Abessiniens kam, wissen wir nicht. Die Legende sagt, daß sie allesamt von jener sagenhaften Königin von Saba abstammen, deren Fehltritt mit König Salomo dem ersten Menelik das Leben gab und die abessinische Dynastie begründete. Sicher ist nur, daß die Falashas kurz nach dem Abschluß des Alten Testamentes in das Land gekommen sein müssen, da ihnen lediglich die Fünf Bücher Moses und sonst nichts von den heiligen Schriften der Juden bekannt ist. Sie feiern das Passah-Fest, den VersöhnungStag und das jüdische Neujahr und kennen die Beschneidung— aber darin unterscheiden sie sich nicht von den christlichen Aethiopiern, so wenig wie von den mohammedanischen. Zum ersten Male erfuhr man in Europa von dem Vorhandensein der Falashas durch einen englischen Reisenden, JameS Bruce, im 18. Jahrhun- tzert. Später ist im Jahre 1867 der prominente Orientalist Joseph Halkvy durch die„Alliance Jsrallite Universelle" von Paris aus zur Erforschung dieses Stammes nach Abessinien gesandt worden. Von ihm und von seinem Schüler Faitlovitch, der im Jahre 1910 ein Buch unter dem Titel„Quer durch Abessinien" veröffentlicht hat, stammt unser Wissen über die Falashas. Den Forschern fiel vor allem ihre große Sittenstrenge auf. ES kommt kaum vor, daß ein Falasha die Gesetze übertritt. Diese Gesetze sind freilich nicht schwer zu lernen: denn für die Falashas gelten allein die Zehn Gebote der Alten Testaments. Dadurch, daß ihnen der Talmud unbekannt ist, der in einer Zeit entstanden ist, als sie schon außer jedem Zusammenhang« mit den anderen Teilen des Judentums bestanden, beschweren sie die vielen Auslegungen nicht, und ihre Religiosität hat sowohl die Frische als auch di« Strenge einer ursprünglichen Religion. Die Forscher fanden, daß sie sich, abgesehen von der bemerkenswerten sittlichen Höhe, nicht allzu sehr von der Bevölkerung unterschieden, innerhalb deren sie lebten. Sie sind seßhaft und betreiben hauptsächlich Landwirtschaft, daneben einige Gewerbe, wie Tischlerei, Korbbinderei und AehnlicheS. Sie sind als Maurer und Baumeister weithin bekannt, und sie haben sogar die christlichen Kirchen gebaut. Die Falashas sprechen im gewöhnlichen Leben nicht mehr Hebräisch. Die Verkehrssprache heißt wissenschaftlich„Ouara" und ist ein hamitischer Dialekt, das Althebräische ist allein die Sprache ihrer Gebete geblieben. Die Aufsindung der Falashas, deren Zahl Faitlovitch auf 50.000 schätzt, hatte seinerzeit eine große Sensation erregt. Faitlovitch nahm zwei junge Falashas nach London mit, wo sie eine europäisch« Erziehung genossen. In jüngster Zeit find wiederholt junge Falashas nach Europa und Amerika gesandt worden, wo sie vor allem auf jüdischen Schulen erzogen wurden. Sie sind dann später, namentlich als Lehrer, nach Abessinien zurückgekchrt und wirken unter ihrem Volksstamme. Allerdings ist von einer Modernisierung auch durch diese seltsame Eigenmission nicht viel zu verspüren. Die alten Riten, die alten Vorstellungen beherrschen das Leben der Falashas. Sie rechnen sich voll zu den abessinischen Völkerschaften und sind für den NeguS in den Krieg zu ziehen bereit. S. P. Film in Bon Fritz Mit gerunzelter Stirn, die Hände nachdenklich vor der Brust verschränkt, steht ein Dutzend Äerzte um das Krankenbett des Tonfilms. Die Krise ist schuld, sagen die einen. Es fehlt an Geld, den Patienten richtig zu ernähren, so wurde er blutarm und siecht dahin. Der große. Lärm bringt ihn um, meinen die anderen. Die Lautsprecher des Rundfunks dröhnen in seinen Ohren und zerren an seinen Nerven. Das Fernsehen ist sein Tod, erklären die dritten. Das Gespenst der Television schreckt ihn Nacht für Nacht aus dem Schlaf, raubt ihm Ruhe und Lebensmut. Dann stecken die Aerzte die Köpfe zusammen und halten ein Konsilium ab. Der Patient braucht eine Injektion, beschließen sie. Sie laufen ins Laboratorium und brauen ein neues Serum: Der Film wird bunt, er wird plastisch. Die Aerzte wissen, daß ihre Künste dem Kranken nur vorübergehend helfen, aber immerhin: sie hoffen. Sie rücken ihre Brillen zurecht und gehen nach Hause. Unterwegs denkt jeder für sich: Ich weiß ja, was ihm fehlt, aber ich darf es nicht sagen. Das Publikum ist kinomüde geworden, weil die Filmindustrie ihm nun seit Jahrzehnten immer wieder dieselben Stoffe, die gleichen Themen, die bereits zu Tode gehetzten Motive des Familienblattromans, der Klischeeoperette und der Lescbuchlegende vorsetzt. Die europäische Filmproduktion legt resigniert die Hände in den Schoß und wartet auf ein Wunder. Die amerikanische setzt alles auf eine Kart^: die Weiterentwicklung der F i l m t e ch n i k, und erlebt die Enttäuschung, daß auch der farbige, der plastische Film, dem Kino nur für einige Monate seine Anziehungskraft zurückgeben, solange sie eine„Sensation" sind. Das Kinopublikmn aber begreift nicht, warum es seit Urväterzeiten immer dieselben, längst langweilig gewordenen Konflikte, immer die gleichen, abgestandenen Späße sehen muß — und bleibt zu Hause. Die Wirklichkeit bietet eine Ueberfülle brenned interessanter Stoffe, jede Zeitungsnummer enthält Material für ein halbes Dutzend Tragödien, die wirkungsvoller wären als all die lächerlich komplizierten traurigen Begebenheiten in den von den Filmautoren ausgedachten Drehbüchern, enthält Motive für ein halbes Dutzend Groteskkomödien und Possen, die an Durchschlagskraft des Witzes und an Situationskomik alle an den Haaren herbeigezogenen Operetten- und Possenlibrettos weit überragen. Warum traben Filmdichter und Filmregisseure wie lahme Kamele mit verbundenen Augen immer im Kreise um denselben, alten Ziehbrunnen, aus dem sie doch nur Wasser schöpfen können? Zwei scheinbar unübersteigbare Mauern schieben sich zwischen den Film und das Leben: die Verständnislosigkeit der Produzenten, die stets nur dem bereits Dagewesenen Zugkraft zutrauen, und die Engherzigkeit der öffentlichen Stellen, I Fesseln Rosenfeld die den Film einer drakonischen Zensur unterwerfen. Wenn man die großen Probleme aufzählt, die unsere Zeit bewegen, wenn man in den Alltag greift und ein Bündel Menschenschicksale herausholl, wie sie sich heute überall ereignen, so wird man finden, daß diese Probleme und diese Schicksale als Filmstoff nicht in Frage kommen, weil die Industrie sie entweder nicht für wichtig hält oder aus Angst vor dem Zensor nicht zu gestalten wagt. Die Menschheit fiebert in Angst vor einem drohenden Krieg, der FasciSmuS stürzt die Welt in die Gefahr des Untergangs, verwandelt zivilisierte Länder in Brutstätten der Barbarei— man darf Bücher darüber schreiben, vielleicht ein Theaterstück, aber wagte ein Filmproduzent einen Film, der die Schuldigen beim Namen nennt und von'der technischen Utopie zur kritischen Wirklichkeitsdarstellung überginge, begännen sogleich die„Schritte" und„Interventionen" der Diplomaten der betroffenen Länder, und der Film wüßte zurückgezogen werden. Im Mittelpunkt des Wellinteresses steht das Problem der Arbeitslosigkeit: welcher Filmdichter durfte ihm Gestalt verleihen? Es hat Arbeitslosenfilme gegeben— sie arteten in Operettenkitsch aus, ein Tenor, der tüchtig war, brachte es trotz Arbeitslosigkeit zu einem Bräutchen, einem Häuschen und einem gutbezahlten Posten. Wo eine Wunde der Welt klafft, macht ein Librettist einen Witz; dem Verhungernden wird erzählt, die Menschheit blühe herrlichen Zeiten entgegen. Krise? Zertrümmerte Eristenzen? Vernichtete Familien? Sobald ein Film diese Themen aufzugreisen wagt, muß er sie mit rosigem Optimismus überglänzen; alle Wege, auch die aus der Hölle, führen zum Happy end. China in Flammen, Indien in Gärung, Afrika in Aufruhr— der Film darf nur blasse Dschungelromantik bieten, das Problem des Kolonialimperialismus, der die Welt in Brand steckt, reduziert sich auf eine Liebesgeschichte vor schauriger Geräuschkulisse: im Urwald brüllen die Löwen. Und die„kleinen" Tragödien des Tages? Von der Not zerfressene Familien, Elternmord, Geschwisterhaß, Ehebruch, Abtreibung, Selbstmord aus namenloser Einsamkeit, aus würgender Verzweiflung? Wehe dem Filmautor, der an diese Themen rührt! Der Zensor belehrt ihn mit drohend erhobenem Zeigeftnger. daß er im Begriffe sei, durch die dramatische Nachgestaltung von Konflikten, die sich jeden Tag und allen Ortes begeben, Sitte und Moral zn gefährden, daß er durch das Eingeständnis dessen, was i st, die Grundlagen der Ordnung untergrabe. Attentat auf einen König? Es gibt bestimmt ein Land, dessen Reaierungsoberhaupt sich getroffen fühlte. Justizkritik? Debatte über religiöse Probleme? Entlarvung patriotischer pseudobistorischer Legenden? Schon hat der Zensor die Schere zur Hand, und wenn er den Film nicht ganz verbietet, der- LI» Negerromani Joe Conway: Schwan und Rot 240 Seiten. In Leinen geb. KC 14.—, broschiert Kö 12.—. Zu beziehen durch die Zentralstelle für das Bildungswesen, Prag XII., Slezska 13. stümmell er ihn zumindest so, daß er seinen Sinn verliert. Wir leben in der Zeit des Wiedererwachens der Zünfte. Verdirbt sich in einer Posse jemand an schlechtem Käse den Magen, so wird sich todsicher eine Käsehändlerzunft melden, die in dem Film eine„Gefährdung ihrer Lebensinteressen" erblickt— und irgendein Amt wird dieser Beschwerde stattgeben: Dreht eine Filmgesellschaft einen Spionagefilm, so muß sie die Gestalten der Handlung in Phantasieuniformen stecken, den Film in den luftleeren Raum verlegen; denn was alle Welt weiß, darf nicht zugestanden werden, daß dieser oder jener Staat einen Spionagedienst unterhält. Selbst die Toten sind mit Vorsicht zu behandeln; wird ein Meyer- ling-Film gedreht, so erheben freiwillige oder unfreiwillige Verteidiger des Hauses Habsburg Protest, wird Rasputin verfilmt, sind sogleich die Nachkommen irgendeines russischen Fürsten zur Stelle, die eine Schadenersatzklage erheben, weil sie mit der Darstellung ihres erlauchten Ahnherren durch den Filmregisseur nicht einverstanden sind. Handelt die Zensur demokratischer Staaten aus manchmal gebotener, manchmal übertriebener Rücksicht, so täbt sich die fascistischer Länder in brutalster Willkür aus: Dantes Werke zu verbieten, wagt man nicht, weil man die Blamage.fürchtet, aber ein Dante-Film fiel der deutschen Zensur zum Opfer; das Inferno könnte zu Vergleichen führen... Nicht nur jede soziallritische Vertiefung, jedes Vordringen zur Wahrheit und Wirklichkeit bleiben dem Film versagt, auch ganze, weite Gebiete der modernen Forschung sind ihm verschlossen. Das Problem des Unterbewußten darf er nicht anschneiden, wo kämen wir auch hin, wen^ auf der Filmleinwand, vor dem Forum der breiten Massen, eingestanden würde, daß unter der Maske des friedfertigen Bürgers die Grimasse eines Dämons grinsen, das friedlichfromme Lamm ein verkleidetes reißendes Raubtier sein kann? Der Mensch im Kino soll und darf nicht wissen, was der Mensch auf der Straße sieht und erlebt, er soll und darf nicht erfahren, waS in Kliniken, Laboratorien und Universitäteil als einwandfrei klare Erkenntnis der' Wissenschaft bereits längst formuliert ist. Er must" dümmer sein und dümmer bleiben, als er" sein könnte und sein müßte— oder er muß sich zumindest dümmer stellen. Was nach genauer Beachtung aller„Belange"- die von einem Film eventuell verletzt werden könnten, das Sieb der dramaturgischen Abteilungen der Filmgesellschaften und später das der Zensur passiert hat, ist nur Spreu; die Amüsieroperette, der leere, entgeistigte Unterhaltungskitsch, der als dramatische Triebkräfte immer nur drei oder vier verstaubte Motive verwenden darf: Eifersucht, Gewinngier eines einzelnen Schurken (niemals einer Klasse!), den unlenkbaren Zufall und das inappellable„Schicksal"..Die Filmproduktionsmaschine ist bereits so genau auf diese Schablone eingestellt, daß sie sich auch alle jungen, anfangs rebellischen Kräfte unheimlich schnell assimiliert. Avantgarderegisseure,, die mit eincnt Film, der gegen das Klischee verstieß, einen Erfolg errangen, bleiben mit ihrer zweiten Schöpfung in neun von zehn Fällen bereits brav im „Rahmen des Gewohnten"; sie lassen sich vom Geld verlocken, oder sind des aufreibenden Kampfes mit den komplizierten Instanzen, die sich allem Lebendigen und Neuen in den Weg stellen, müde. Haben sie ein halbes Dutzend„kommerzieller" Filme gedreht, so verfallen auch sie in die Illusion, daß ihr Himbeerwasser noch inrmer Blut, ihr beschriebenes Papier noch'mmer Leben, ihr Zelluloidprodukt noch immer Wiedergabe der Wirklichkeit sei. Sie sind vom Mechanismus absorbiert und zu einem winzigen Rädchen ein?r großen Maschine geworden. Die Maschine läuft, und das Gesetz, das Menschen ihr aufgezwungen haben, ist längst ihr eigenes geworden. Sie anzuhalten, ihr eine neue Richtung zu geben, erfordert Mut, und Mut ist letzten Endes eine Frage des Geldes. Nur eine Filmgesellschaft, die es sich leisten kann, auf die halbe Erde als Absatzmarkt zu verzichten, vermag das Risiko eines Verstoßes gegen das unübersehbare Gewirr der Interessen und Vorschriften in allen Winkeln der Welt auf sich zu nehmen. Wie viele Filmproduzenten diesen Mut aufbringen, zeigt das Repertoire unserer Kinos; es sind im wesentlichen nur ein paar amerikanisch« Firmen. Krise? Blutarmut? Rundfunk? Fernsehen? Der Patient stirbt an Atemnot. Die Luft im Zimmer ist dick und stickig. Man müßte das Fenster öffnen— weit— um den hellen Tag hereinzulassen, seine betörende Musik, sein Rauschen und Wachsen, seinen Dust und seine Kraft. Vor dem Fenster jedoch stehen ängstliche Wächter, und so bleibt es geschlossen, dringt in den Raum vom Atem der Welt kaum ein leises Zittern, von der Größe der Himmel kaum ein fahler Abglanz, von den Wundern und Schrecken der Wirklichkeit kaum ein zaghafter Widerhall. Sette 6 „Sozialdemokrat" Freitag, 4. Oktober 1935. Nr. 23f Trager fei-tog Toter nuf der Straße. Donnerstag morgens wurde auf der Stratze neben der Eisenbahnstrecke in Hloubötin die Leiche des 41jährigen Angestellten Franz Scdina aus Zizkov gefunden. Nach einem hinterlassenen Brief hat er Selbstmord begangen, indem er sich vor einen fahrenden Zug warf. Das Motiv der Tat hat er nicht angegeben. Spiel im Morgengrauen. Gestern nach Mitternacht überraschte der Feldhüter I. K. aus Male- schitz zwei unbekannte Männer auf einem Rübenfeld in Hloubetin, die einen vollen Sack trugen. Als er sie anrief, stehen zu bleiben, warfen sie den Sack weg und ergriffen die Flucht. Später kehrten sie jedoch zurück und suchten den weggeworfenen Sack auf dem Felde, ohne ihn in der Dunkelheit finden zu können. Hiebei stießen sie wieder auf den 'Feldhüter, den sie nicht erkannten und, in der Meinung, er habe den Sack gefunden, aufforderten, ihn ahnen auszuhändigen. Der Feldhüter hatte zwar den Sack ebenfalls gesucht, aber ebensowenig finden können, wie die Beiden, die, als er sie anhalten wollte, abermals die'Flucht ergriffen. Hiebei schossen sie mehrmals auf den Feldhüter, ohne ihn zu treffen. Als es endlich hell wurde, fand der Feldhüter den Sack auf dem Felde; er enthielt fünf geschlachtete Gänse. Die Diebe hatten sie ans dem Stall des Gebäudes, in dem sich die Kanzlei des Lebensmittelsteueramtes in Hloubetin befindet, zum Schaden der dortigen Beamten gestohlen. Sie konnten bisher nicht dingfest gemacht werden. In Flagrantt. Donnerstag vormittags fand eine Frau aus Dejwitz, als sie vom Einkauf in ihre Wohnung zurückkehrte, in dieser einen Einbrecher vor. Auf ihr« Hilferufe eilten auf der Straße beschäftigte Arbeiter hinauf, die den Täter der Wache 'Übergaben. In ihm wurde der 29jährige wohnungslose Tischler Josef Mudra aus Pilsen festgestellt; bei der Taschendurchsuchung wurden ihm 200 Kd in bar und zwei silberne Taschenuhren abgenommen, die er in der Wohnung der Mosohskä'gestohlen hatte, ferner wurden Einbruchswerkzeuge bei ihm gefunden. Er wurde nach Pankratz eingeliefert. Aericktssaat Verschwundene Briefe Poftangrstellter unter Anklage der systematischen Ausplünderung von Geldbriefe»— Zweimal ertappt und— im Amt belassen! Prag. Es ist keine Kleinigkeit, wenn ein Postangestellter beschuldigt ist, sich an den ihm anver- ttauten Postsendungen vergriffen- zu haben. Die Post ist ein öffentliches Unternehmen, zudem die Bevölkerung absolutes und restloses Vertrauen haben muh. Es ist daher nur recht und billig, daß solche Verfehlungen, mag der materielle Schaden auch noch so unbedeutend sein, als schweres Verbrechen vor das Schwurgericht kommen. Mit der gerichtlichen Verfolgung und Bestrafung der Schuldigen ist freilich nicht alles getan. Der alte medizinische Grundsatz:„Vorbeugen ist besser als heilen" läßt sich auch auf das kriminalistische Gebiet übertragen:„Vorbeugen ist besser als strafen." Gerade dieser Prozeß fordert geradezu zu der Feststellung heraus, daß die Personalkontrolle der Postvcrwaltung offenbar zu wünschen übrig läßt. Der 88jährige Postangestellte Otto Vogelsang vom Postamt 31 in Z i z k o v war vor dem Schwurgericht(Vors. OGR Dr. Svoboda) des Verbrechens de«mißbrauchten Amtsgewalt angeklagt. Tie Anklage legt ihm zur Last, systematisch Briefe, in denen er Geld vermutete, beiseitegeschafft, geöffnet und eventuell ausgeranbt zu haben. Die Anklage beruft sich auf das Verschwinden von vier Briefen, in denen 10, 20, 30 und 40 Kd eingelegt waren, wobei der Angeklagte dringend verdächtig erscheint. Abgesehen von der materiellen Schädigung der Absender betont di« Anklageschrift den moralischen Schaden, „den der Staat an seinem Hoheitsrecht der Postbeförderung erlitten hat, sowie auch die Schmälerung seines guten Rufes infolge der Unzuverlässigkeit seiner Postbeför- d e ru n g." Dieser Standpunkt der Anklage ist sicher wohl begründet.- Man sollte erwarten, daß die Postverwaltung gleicher Anstcht ist und daher rigoros über die Zuverlässigkeit ihrer Organe wacht. Nicht ohne Staunen vernahm man daher die einleitenden Ausführungen der Anklageschrift: „Der Angeklagte Otto Vogelsang steht seit Jahren in dem Verdacht, daß er systematisch Briefe ausplündert und ist mich schon zweimal bei solchen Taten betreten»nd überführt worden." Der Angeklagte bekam damals vierzehn Tage Arrest(nur wegen Verletzung des Brief- geheimniffes). Die Awklage fährt fort: „Trotz der Strafe, die ihm nicht zur Warnung diente, fuhr er in der Ausraubung der Briefe fort und bei dem Postamt, wo er beschäftigt war, wurden zahlreiche Verlustanzeigen erstattet, gar nicht zu reden von den nicht gemeldeten Verlusten..." Die Kollegen des Angeklagten trugen es schwer, einen Dieb unter sich zu wissen und paßten auf den Angeklagten auf. Am 23. Feber d. I. glaubte dec Unterbeamte Jaroslav K y l i a n e k endlich, den Angeklagten auf frischer Tat ertappt zu haben, als dieser einen Brief verschwinden ließ, den er vorher sorgfältig abgetastet hatte. Die Anklage konstattert sachlich: „... er(Kylicmek) hatte den Angeklagten schon früher beim Diebstahl ertappt und kannte die Art, in welcher der Angeklagte stiehlt." Trotz dem jahrelangen Verdachte und trotz der! behördlichen Feststellung, daß der Angeklagte ein! st a r k e r Trinker ist, fanden es die zuständigen Stellen nicht für nötig, dem Ilnznverlästigen«inen Posten zuzuteilen, wo er keinen Versuchungen ausgesetzt gewesen wäre... Im vorliegenden Fall wurden freilich keine corpora delicti beigebracht. Ter Zeuge K y l i a n« k erklärt,«r habe beim Einlauf der Morgenpost um 9410 Uhx bemerkt, wie der Angeklagte einen Brief unter Druckschriften verbarg und dann heimlich in die linke Hosentasche steckte. Dann begab er sich auf den Abort. Kylicmek erstattete beim Vizedirektor S k o r p i l Meldung und sie begaben sich gemeinsam auf den diskreten Ort und stellten den Angeklagten. In der Muschel fanden sie mehrere, auf kleine Stücke zerrissene Briefe vor. Eine Leibesvisite verlief ohne Resultat. Vogelsang amtierte weiter und wurde nunmehr um.so schärfer bewacht. Nach einiger Zeit schien es den Beaufsichtigenden wieder, daß er einen Brief beiseite schaffe. Wieder folgte eine Leibesvisite, die aber wiederum nichts zutage förderte. Da aber in der gleichen Zelt vier Briefe, die Geld enthietten, verloren gegangen waren, wurde Vogelsang unter Anklage gestellt. Er leugnete entrüstet und berief sich darauf, daß er zweimal wertvolle Funde ehrlich abgeliefert habe, lind— wie gesagt— ein schlüssiger Schuldbeweis lag nicht vor und die Erwägung über Schuld oder Nichtschuld war in das Ermessen der Geschworenen gestellt. Die Beratung dauerte ziemlich lang und ihr Ergebnis war ein Verdikt, welches den Angeklagten nur mit sechs Stimmen schul- d i g befand. Zur Verurteilung ist A ch t ft i m« menmehrhe't erforderlich. Der Schwurgerichtshof fällte im Sinne des Wahrspruches einen F r e i s p r u ch. rb. Juuist und Wlasen Spirlplan des Neuen Deutschen Theaters. Freitag 8 Uhr: Attentat.— Samstag 8: Ich kenne Dich nicht mehr. Spielplan der Kleinen Bühne. Freitag halb 8: Giuditta, volkstümliche Vorstellung, Abonnement aufgehoben.— Samstag halb 7: T r i st a n und Isolde, Gastspiel Anni Konetzni, D 1. Manifestationsversammlung der Liga gegen den Antisemitismus gegen dir Nürnberger Judengesetze. Bereits diesen Samstag, 8 Uhr abends, im großen Saal des Frauenklubs, Prag H., Ve Smec- käch 26. Redner: Univ.-Prof. Dr. Frant. Bednak, Obersektionsrat Dr. Alfred Fuchs, Pfarrer V. Vancura. Allgemein zugänglich. Eintritt frei. Das fortschrittliche Prag erscheint in Massen. Der Dim, Die Heilige««d ihr Rare Ueber die künstlerischen Werte dieses Goebbels- Films ist nichts zu vermelden, denn er hat mit Kunst so viel zu tun wie Herr Goebbels mit Aufrichtigkeit Das liegt nicht etwa(wie gewisse Verteidiger der reichsdeutschen Film-Mache behaupten möchten) an einer falschen Wahl des Themas, sondern ganz im Gegenteil daran, daß man das Thema richtig gewählt hat: es ist der Inhalt eines der ödesten und verlogensten Kitschromane, die es in deutscher Sprache gegeben hat, die fürstlich-gräfliche Wunder- und Liebesgeschichte der Agnes Günther, deren Werken inan sich jetzt ganz folgerichtig in dem von Geist und Stil gesäuberten Tritten Reich zuwendet, nachdem man die sämtlichen Werke Ludwig Ganghofers bereits verfilmt hat(und nach der Günther werden dann vermutlich Rudolf Herzog, die Eschtruth und die Marlitt an die Reihe kommen). Wer noch immer nicht weiß, was im reichsdeutschen Film vorgeht, der sehe sich diesen hier an: denn hitr, wo di» trällernde Schlagermusik, das neckische Gehüpfe und die faulen Witze fast ganz fehlen, offenbart sich der Blut- und Boden-Blödsinn in reinster und deshalb gespenstischer Gestalt. Dem Kenner offenbaren sich auch noch einige 'moralische Züge. Ta ist Herr Hans Deppe, der Regisseur dieses Films, der jahrelang in der Berliner„Katakombe" den verblödenden Kitsch verspottet hat— und jetzt den entsetzlichsten Kitsch selbst i verfilmt. Ta ist Herr Hans Stüwe, der innige I I Hauptdarsteller, der einst die deutsche' Film- und 1 Theaterwelt wegen dunkler Geschäfte verlassen mußte — und jetzt beim„Erwachen der Nation" wieder aus der Versenkung aufgetaucht ist. lind schließlich ist auch die hiesige Verleihfirma Elekta zu erwähnen, deren nichtarischen Leitern die Nürnberger Rassengesetze offenbar so Wohlgefallen haben, daß sie diesen Schund aus dem Dritten Reich propagieren, der vermutlich in Prag das Geld einbringen soll, das er drüben in Deutschland erfreulicherweise nickt eingebracht hat.—eis— Spwt• Spiel• Jwperpffege Leichtathletik Meisterschaften des TAL Der finnische Arbeitersportverband(T11L) trug in Tampere leichtathletische Meisterschaften aus. die u. a. nachstehende Ergebnisse zeitigten: 100 Meter: E. Nuppola 11 Sek.; 200 Meter: E. Nuppola 22.6 Sek.; 400 Meter: V. Härmä 81.9 Sek.; 800 Meter: V. Härmä 2:00.4 Min.; 1800 Meter: L. Korppi 4:06.4 Min.; 8000 Meter: M. Laihoranta 15:14.8 Min.; 10.000 Meter: E. Tik- kanen 32:11.4 Min.; Weitsprnng: B. Letbonen 6.83 Meter; Hochsprung: Väino Lethinen 1.75 Meter- Dreisprung: M. Salonen 14.53 Meter; 110 Meter Hürden: Väino Lethinen 16.4 Sek.(Vorlauf: 16.3); Stabhoch: A. Vienonen 3.60 Meter; Diskus: T. Letho 40.53 Meter; Gewicht: S. Heino 14.21 Meter; Speer: T. Rautavaara 58.17 Meter; Schleuderball: A. Franzen 53.95 Meter; Kugel: A. Franzen 14.07 Meter: Hammer: S. Heino 48.42 Meter. Freie Bereinigung sozialistischer Akademiker. Freitag, den 4. Oktober, um 20 Uhr findet im Parteiheim(Narodni 4) eine wichtige Mitgliederversammlung statt. © Ortsgruppe Prag. Samstag, den 5. Oktober: Zusammenkunft um halb 3 Uhr beim Autobus in Smichov, beim Cafe Westend. Fahrt nach Mnisek. Wanderung zur Hütte. Decken bereits in der Hütte. Am Sonntag Touren in die Umgebung der Hütte. Die für Sonntag angesetzte Tour findet aus technischen Gründen nicht statt. Mitteilungen aus dem Publikum. Im Wirbel der Errigniffe, im fortwährenden Wechsel der Begebenheiten, in einer Zeit, in der man nie weiß, was der nächst« Tag bringen wird, kann nur der bestehen, nur der durchhalten, der„den Kopf nicht verliert"! Das ist aber nur möglich, wenn Geist und Körper stets elastisch sind!— Gewinnen, erhalten Sie diese Elastizität durch regelmäßige Einreibungen mit deut Alpa-FranzbrannktAin. Sic mächcn frisch/ kräftig und gerüstet für jedes Ereignis! Das wird sogar Ihr Arzt bestätigen. Urania-Kino, Klimentska 4. Fernsprecher 61623. „Ein Waker aus Wien“ Hauptrollen: Pauk Hörbiger, Theo Lingen, Adele Sandrock. Ab Freitag, halb 6, halb 9 Uhr. Nation«nd Geschichte Marx und Engels haben im kommunistischen Manifest vorausgesagt:„Die nationalen Absonderungen und Gegensätze derVölker verschwinden mehr und mehr schon mit der Entwicklung der Bourgeoisie, mit der Handelsfreiheit, dem Weltmarkt, der Gleichförmigkeit der industriellen Produktion und der ihr entsprechenden Lebensverhältnisse". Der gegenwärttge Verlauf der Geschichte scheint aber Walter Rathenau recht zu geben, der für die Zeit nach dem Welttriege starke nationalistische Strö- mungen voraussah. In Irland, in Oesterreich, in Ungarn, in Deutschland, in Italien, in Japan, bei der Saarabstimmung, bei der letzten Wahl in der Tschechosiowakei haben nationalistische Bestrebungen nicht nur die Bourgeoisie, sondern auch breite Schichten des Proletariats ergriffen. Die Forderungen„Asien den Asiaten!" und„Afrika den Negern!" künden unheilvoll ähnliche Strömungen bereits für die anderen Erdteile an. Die Führer aller dieser Bewegungen wollen Absonderung und die Gegensätze der Nattonen behaupten und erhalten. Sie geben vor:„den ureigensten Lebensgesetzen des Volkes und des Volkstums zu folgen." Die„Rundschau", das Blatt Henleins, erklärt, daß der Wille zur deutschen Einheit„aus den Tiefen unseres Volkstums kommt und sich anschickt, alle Lebensbereiche unseres Stammes von innen heraus neu zu gestalten und zu prägen." Otto Bauer schreibt über solche Auffassungen:„Die nationalistische Darstellung der Geschichte stellt die Nationalcharaktere als verschiedene Substanzen dar, deren Anziehung und Abstoßung den eigentlichen Inhalt der Geschichte bilde." Das Gerede von„Volkstum, Volksseele, Volksgeist" bezieht sich meistens auf Herder, der„die Menschheit um die Erkenntnis des Eigenwertes der Völker und Kulturen reicher gemacht", habe. Die„Erkenntnis" Herders wird nicht auf ihren wissenschaftlichen soziologischen Wert hin nachgeprüft, sondern trotz ihrer Romantik als„ureigenstes Lebensgeseh" als unabänderliche,„letzte" Tatsache einfach übernommen und geglaubt. Die wirkliche Geschichte zerstört die Romantik. England und Amerika, ursprünglich Völker gleichen Volkstums, haben sich zu zwei Nationen entwickelt, die verschiedene Charaktere angenommen haben und auch verschiedene Interessen besitzen. Deutschland und Oesterreich haben trotz-der„ureigensten Lebensgesetze" verschiedene„Volksseelen". In der Schweiz haben sich verschiedene„Volkstümer" zu einer Na- tion vereinigt. Und in Deutschland läßt sich trotz des Nationalsozialismus bei den Bayern und Preußen nur sehr schtver die gleiche„Volksseele" erkennen. Die Nationen sind eben keine„letzten" Tatsachen, keine unabänderlichen Naturgegebenheiten, kein Schicksal; sie sind geschichtlich geworden, von den Menschen nach ihren Bedürfnissen gebildet. „Die nattonalistische Geschichtsauffassung können wir dadurch überwinden, daß wir... den Nationalcharakter des substanziellen Scheines entkleiden, indem wir zeigen, daß der jeweilige Nationalcharakter nichts anderes ist als ein Niederschlag vergangener geschichtlicher Prozesse, der durch folgende geschichtliche Prozesse wieder verändert wird"(Otto Bauer). Max Adler weist darauf hin, daß zur Natton das Nationalb ewußtsein gehört. Eine Nation wird geschichtlich erst durch das Bekenntnis zu ihr wirksam; ein gemeinsamer Wille verbindet dann die Gliedes der Nation.„Wir können daher sagen, daß wir unter Nation die aus h i st o r i- scher Schicksalsgemeinschaft entstandene Willens gemeinschaft zur Erhaltung einer in der Regel sprachlich oder staatlich bestimmten Jntereffen- und Kulturgemeinschaft verstehen"(Max Adler). Der Löwe ist o b j e k t i v ein Raubtier. Er gibt sich immer und überall als Raubrier, ohne ein Artbewußtsein zu besitzen. Die nationalen Charaktere sind keine derartigen vom Bewußtsein unabhängigen Tatsachen. Sie sind einer Menschengruppe nicht ob- jekttv, als besondere GcisteSart, gegeben. Tie Na-■ Honen sind gebildet worden von den Subjekten, die bewußt so sein und bewußt so zusammengehören wollen. Nicht die Natur, nicht ein göttliches oder metaphysisches Wesen, sondern die Menschen selbst haben eine bcstinmtte Nation gewollt und sie nach ihren ges ellschaftlichenBedürf- nissen gestaltet. Die politischen Landkarten Europas aus dem letzten Jahrtausend weisen in ihrer Bnntscheckigkeit eine Fülle von Nationen und Na- tiönchcn nach, die gebildet worbest sind von bestimmten Menschengruppen, ganz nach ihren gesellschaftlichen Verhältnisse!;. Die Arbeiterklasse muß die völkische Romantik als Herrenideologie ablehnen. Die soziologische Analyse läßt erkennen, daß die„Nation" bisher eine Klasseneinrichtung war. Zwischen einem sächsischen Bergarbeiter und einem ostpreußischen Feudalherren besteht wirklich keine Charakter- und Kulturgemeinschaft; sie stellen beide auch nicht e i n Volkstum dar. Wer sind die Träger der Natton? Wer sind die Drahtzieher der nationalen Bewegung? Die*hcrrschenden Schichten haben die von ihnen beherrschten Klassen immer nur als„H i n t e r s a s s e n" der Nation geduldet. Die unteren Volksschichten haben oft genug für„nationale" Belange geblutet, während die Träger der Natton nur ihre Klasseniutereffen im Auge hatten. Die vielen Kriege Friedrichs des Großen hatten die besonderen Interessen des Hauses Hohenzollern zum Ziele; der Weltkrieg wurde nicht von den Nationen, sondern von den interessierten Klassen der Nattonen gewollt. Und der geplante Krieg Mussolinis gegen Abessinien ist nicht eine Forderung der gesamten Nation, sondern der am Fascismus interessierten Volksklassen. Der Kampf zwischen den Nationen ist nicht ein„Kampf ums Dasein" im Sinne Darwins, sondern ein Kampf um den Profit. Der Rationalismus unserer Tage droht zu einer Gefahr für die arbeitende Menschheit überhaupt zu werden. Einzelne Nationen Europas streben einer autarkischcn Wirtschaft zu. Der Erdteil zerfällt in„geschlossene Handelsstaaten", in nationale Währungsgebiete, '.wischen denen ein Ausgleich sehr schwer möglich ist. Die Weltwirtschaft, die durch die fortschreitende Verkchrstechnik immer mehr zu einer arbeitsteiligen Einheit zusammengeschloffen wurde, zerbricht vor! unseren Augen. Die Völker schachteln sich in„Blut, und Boden" ein trotz Radio, Kino und Flugzeug, die den Menschen auf der gesamten Erde allgegenwärtig gemacht habcy. Derselbe Mensch, der mit Physik, Chemie und Technik die Natur in einem Ausmaße beherrscht, das früher für utopisch gehalten worden ist, sieht in der nationalen Askese und in dem Heldentode für seine Volksgemeinschaft „höchstes Glück der Erdcnkinder." Wenn die völkisch- fascistischcn Systeme sich festigen und ausbreiten sollten, dann müßte die Wirtschaft Europas vermodern. Die bürgerliche Gesellschaft würde sich als unfähig erweisen, dem„ureigensten Lebensgesetz" der geschichtlichen Entwickelung zu folgen. Sie vermöchte weder den gesellschaftlichen Fortschritt im allgemeinen noch die Steigerung der Produktivkräfte im besonderen zu organisieren. Daß darunter nicht nur die Arbeiter, sondern auch wette Schichten des Bürgertums schwer zu leiden hätten, wird schon heute den Beteiligten, insoweit sie die Entwicklung denkend zu verfolgen imstande sind, geradezu aufgedrängt. Immer kleiner werden die„nationalen" Kreise, die aus der„völkischen" Politik ihren Nutzen und ihren Profit ziehen. Das Bürgertum verläßt sich in dieser Sitti- ation auf die völkischen Propheten und erwartet Hilfe von der neuhcidnischen Walhalla. Metaphysik und Religion waren immer die„Rettungsanker" niederbrechender Volksschichten. Das Bürgertum überhört die Rufe seiner einsichtigen Führer, die zu einer Zollunion der europäischen Nationen und zu einem übernationalen Groß- Europa rieten. Es fürchtet, mit seinen nationalen Gebilden auch seine nationalen Privilegien zu verlieren. Um so mehr muß in der aufstrebenden Arbeiterklasse und in den proletarischen Schichten des Bürgertums der S i n n für die Wirklichkeit und die Erkenntnis geweckt werden, daß der Welt von heute ein Problem gestellt ist, das nicht durch nationale Einkapselung, sondern nur durch internationale Planung zu lösen ist. Das„ureigenste Lebensgesetz" der arbeitenden Menschheit ist die internationale Solidarität. Nicht der nattonalistische, sondern der internationale Sozialismus vermag uns aus dem Elend zu erlösen." I, K. Bezugsbedingungen: Bei Zustellung tnS Haus oder bei Bezug durck die Bost monatlich Kd 16.—. vierteljährig Kd 48.—. halbjährig Kd 96.— ganziährig Kd 192.—.— Inter«« werden laut Tarif billigst berechnet. Bei öfteren Einschaltungen Preisnachlaß.— Rückstellung von Manuskripten erfolgt nur bei Einsendung der Netourmarken.— Die Zeitungsfrankatur wurde von der Post» und Tcle- grapbendirettion mit Erlaß Nr.. 13.800ZVIÜ1930 bewilligt.— Druckerei:.Orkis". Druck». 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