en il» f>e h« fit et I i«. 1 ct I >ct a* I nfl I u* I o* I r* I ,et c* I w I >ei I e* et n* L ei» I e* 4. «' e«> I nfl I n*| ). I flt I I- rt* I , X I Ifl a, ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung präg xii.,fochova u. telton»77. HERAUSGEBER! SIEGFRIED TAUB. CHEFREDAKTEUR! WILHELM NIESSNER. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR: DR. EMIL STRAUSS. PRAG, IENTRALORGAN DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK Efirzelprels 70 HeHir (•iMchlisfilich i Haller Porto) 15. Jahrgang Donnerstag, 24. Oktober 1935 Nr. 248 kngisntis riudit vor der Verantwortung Echo der Erklärung Hoares Die defaitistifche Rede des englischen Außenministers Sir Samuel Hoare wirkt sich bereits in Paris und Rom in gefährlicher Weise aus. Die römischen Blätter sind weit davon entfernt, ihrerseits zurückzustecken, sondern stellen jetzt weit- gthende Forderungen an England und den Völkerbund, die Italien Genugtuung leisten und die neugeschaffene Lage berücksichtigen sollen. Die französische Presse sieht in der Nachgiebigkeit Englands einen Erfolg Lavals und wird vermutlich noch weniger als bisher geneigt sein, dessen Packeleirm mit Mussolini zu verurteilen. In England selbst wird die Rede Hoares verschieden beurteilt. Ein Teil der Presse fordert weiter scharfe Sanktionen» ebenso ein Teil des Unterhauses. Dagegen sind bei den Konservativen Neigungen vorhanden, noch weiter als Sir Samuel Hoare z« gehen und die ganze Kampagne aufzu- »eben. Schon jetzt steht fest, daß die B ö l k e r- bundaktion schweren moralischen und sachlichen Schaden gelitten hat. Was immer England dabei gewinnt »der verliert, der Gedanke der internationalen Rechtsordnung und des Friedens ist der Verlustträger. In der Frist, die man Mussolini gewährt hat» um in Abessinien fertige Tatsachen zu schaffen und sich Pfänder zu holen, würde Hitler vermutlich ganz yrsterrrich und Litauen zu besetzen und zu pfänden imstande sein. Ehe man England anklagt, muß man aber die volleBer- antwortung Frankreichs für die Schädigung des Völkerbundes feststrlle«. Die Erklärung Sir Samuel Hoares läßt deutlich durchblicken, daß England den Gedanken der militärischen Sanktionen nur aufgegeben hat, weil in Genf keine Einigkeit darüber bestand, d. h. weil Frankreich aus der Reihe tanzte. London.(DNB.) Gleichzeitig mit der Unter- hsusaussprache fand im Oberhaus eine außenpolitische Aussprache statt, die mit einer Erklärung Lord Londonderrys für die Regierung eröffnet wurde. Seine Rede bewegte sich im wesentlichen im Rahmen»der Rede Hoares. Er unterstrich besonders, daß England keinerlei isolierte Aktion vorhabe. Für die Arbeiteropposition sprach hierauf der neugewählte Oppositionsführer Lord S n e l l. Er erklärte, die Arbeiterpartei werfe Italien nicht nur vor, daß es gegen Abessinien gesündigt, sondern auch, daß es den Völkerbund dcrratcn habe. Lord H a r d i n g(konservativ) bemängelte, daß in der Rede Londonderrys nichts enthalten gewesen sei, was die allgemeinen Sorgen über die militärischen Sanktionen beschwichtige. Je eher Abessinien im Wege eines Mandates einer zivilisierten Macht übergeben werde, um so besser werde es für Abessinien und die Welt sein. In Europa werde es so lange, keinen Frieden geben, bis nicht die vier großen Westmächte, Deutschland, England, Italien und Frankreich, sich zusammentäten und auf einen Krieg' verzichteten. Man müsse Deutschland die Freundeshand entgegenstrecken. Leider sei der Tag dafür noch nicht gekommen. Die Aussprache wurde auf heute vertagt. London. Der italienische Unterstaatssekretär Suvich informierte am Mittwoch den britischen Botschafter in Rom, daß die italienische Regierung bereit sei, eine ihrer drei Divisionen aus Lybien abzuberufen. In Pariser politischen Kreisen wird behauptet» die britische Regierung habe erklärt, daß sie in einem solchen Falle einige ihrer Kriegsschiffe aus dem Mittelmeer abberufen werde. Laval erklärte nach dem Expose, das er den vereinigten Kammerausfchüffen für Aeutzeres und für Kolonialfragen erstattete, auf Befragen eines Auss chußmitgliedes: „Ich habe der italienischen Regierung nie verschwiegen, daß die Grundlage der französischen Politik der Bölkerbundpakt bildet und daß demnach Frankreich alle seineBer- pflichtungen aus diesem Pakte erfüllen müßte, wenn die Bemühungen um eine versöhnliche Lösung von Mißerfolg begleitet wären." Rom wieder auf dem hohen Roß Rom. Am Mittwoch abends wird von zuständiger,Stelle mit größtem Nachdruck darauf hingewiesen, daß auch nach der in den letzten Tagen eingetretenen Entspannung der gute Wille, den Baldwin und Hoare bekundeten, noch nicht in ausreichender Weise in Taten umgesetzt worden sei und daß insbesondere die in Gayg gesetzte Genfer Sanktionsmaschine noch nicht zum Still- London.(Tsch. P.-B.) Im weiteren Verlauf der Unterhausdebatte schlug der nationale Liberale F y l d e s ein Verbot für die Ausfuhr von Benzin nach Italien vvr.— Der konservative Abgeordnete Adams sprach sich für eine gewaltsame Trennung der Verbindungswege zwischen Italien und den italienischen Besitzungen in Astika aus. Der konservative Abgeordnete O'N e i l l bat um Veröffentlichung der französischen Antwort, damit dem Gerede über Geheimdiplomatie ein Riegel vorgeschoben werde und Klarheit über die Stellung Englands herrscht.— Der oppositionelle Arbeiterabgeordnete Major Nathan beschuldigte den früheren Außenminister Simon, für die jetzige schwierige außenpolitische Lage verantwortlich zu sein.— Nachdem noch einige weitere Abgeordneten zum gleichen Thema gesprochen hatten, wurde die Aussprache des Unterhauses auf Mittwoch vertagt. stand gebracht worden sei. Solange das nicht der Fall sei, könne man in Italien schwer Genugtuung über die verschiedenen Anzeichen einer Entspannung empfinden und der weiteren Entwicklung keineswegs mit besonderem Optimismus entgegensehen. Was den Appell des englischen Außenministers zu Verhandlungen in letzter Stunde betrifft, so habe sich Italien niemals geweigert, zu verhandeln. Rom habe lediglich unannehmbare Vorschläge zurückgewiesen. Vor einer Lchiacht an der Südfront Addis Abeba.(Reuter.) Die unter dem Kommando Ras Destas stehende Südarmee hat den Befehl erhalten, um jeden Preis G o r a- h a i zu verteidigen und zu halten. Darnach läßt sich auch schließen, daß die erste große Schlacht an dl FrontzwischenGorahaiundDschi- d s ch i g a geführt werden wird. Gegen 300.000 Abessinier werden dort auf 140.000 Mann italienischer Truppen stoßen. Gorahai ist eine strategisch wichtige Stadt, da sie die wichtigsten Wasserquellen beherrscht und eine Art von Stern darstrllt, von dem aus die Wege zu den wichtigsten Punk- ten führen. Die Einnahme Gorahais würde den Italienern zahlreiche Entbehrungen bei dm langen Märschen durch die ungesunde«nd ausgedörrtr Wüste ersparen. Italien zieht eine Division ans Libyen znrhdf Th. Staunins Der siegreiche Führer der dänischen Sozialisten - in der Karikatur Ein Triumph der ehrlichen Arbeit: Großer Wahlsieg der dänischen Die Agranasdsten geschlagen/ Nazi ohne Mandat/ Regierungsmehrheit verstärkt Sozialdemokratie Kopenhagen.(Tsch. P.-B.) Die Wahlen zum Unterhaus sind in ganz Dänemark ruhig verlaufen. Insgesamt wurden 1,646.128(1,547.082) gültige Stimme» abgegeben. Vorläufiges amtliches Ergebnis: Sozialdemokraten: 759.069 (660.839) Stimmen und 68(62) Mandate; Bauernlinke(reaktionäre Agrarier 292.085(381.362) Stimmen«nd 28(34) Mandate; Konservative 293.358(288.531) Stimmen und 28(27) Mandate; Radikale Linke (demokratische Kleinbauern) 151.527(145.221) Stimmen«nd 14(14) Mandate; Freie Volkspariei 52.736(—) Stimmen und 5(0) ^anbafe; Rechtspartei 41.190(41.238) Stimmen und 4(4) Mandate; Kommunisten 27.140(17.179) Stimmen und 2(2) Mandate; Dänische Nationalsozialisten 16.217 Stimmen«nd kein Mandat; Schleswigsche Partei 12.618(9868) Stimmen und ein(1) Mandat. Aus dieser Aebersicht geht hervor, daß nach dem Linksruck in Norwegen «nd Schweden nun auch die Sozialdemokraten in Dänemark den größten Erfolg bei den Wahlen zu verzeichnen hatten, während die Demokraten ihren Mandatsbesitz behaupten konnten. Beide Regierungsparteien verfügen nunmehr zusammen über 82(76) Mandate gegenüber 66(72) Mandaten der Opposition. Nach so vielen erfreulichen Nachrichten, die in den letzten Jahren aus dem europäischen Norden zu uns gedrungen sind, kommt aus Dänemark eine Siegesmeldung, die uns mit besonderem Stolz erfüllt und die geeignet ist, den Mut aller Sozialisten in dieser ernsten Zeit zu heben. Unsere dänischen Genossen haben dem Fascismus, der auch in dem seit alten Tagen demokratischen Dänemark zum Schlag gegen die Volksrechte und die Arbeiterschaft ausholte, eine schwere Niederlage beigebracht. Die dänische Sozialdemokratie hat diesen Sieg nicht aus einer agitatorisch günstigen Oppositionsstellung heraus erfochten, sondern nach sieben Jahren verantwortungsschwerer Regierungspolitik. Das gerade ist es, was dem Erfolg der Partei ein beinahe einzigartiges Gepräge gibt. Sie hat auch nicht auf Kosten ihrer bäuerlichen Koalitionsgenossin, der Radikalen Partei, gesiegt, sondern hat dem unmittelbaren Angreifer, eben der agrarfascistischen„Venstre" die sechs Mandate abgenommen, die sie selbst erobert hat. Die Mehrheit der Regierung Stauning wächst zugleich mit dem sozialdemokratischen Sektor in der Koalition. Bisher zählte die Regierungsmehrheit 62 Sozialdemokraten und 14 Radikale, also 76 von 148 Abgeordneten des Volkshauses, nunmehr wird sie sich auf 82 stützen können, unter denen 68 Sozialdemokraten sind. Die Vorgeschichte der Wahlen ist an dieser Stelle kürzlich besprochen worden. Seit sieben Jahren wird Dänemark von einer sozialdemokratisch-kleinbäuerlichen Koalition regiert. Im Jahre 1932 haben die Wahlen die Mehrheit dieser Koalition bestätigt, aber nicht verstärkt. Erschwert wurde der Regierung Stauning jede Arbeit durch die unglücklichen Mehrheitsverhältnisse des Oberhauses, in dem die Opposition noch immer die Majorität hat. Viele Vorlagen der Regierung scheiterten an dem Widerstand der privilegierten Kammer. Trotzdem gelang es dem Kabinett Stauning, im großen und ganzen seine Wirtschafts- und sozialpolitischen Grundsätze zur Geltung zu bringen. Die Regierung hat der Jnflationsgefahr durch eine planmäßige Abwertung und darauf folgende Stabilisierung der Krone vorgebeugt. Sie hat umfassende Maßnahmen zur Bekämpfung dec Krise durchgeführt und die Za hl der Arbeitslosen um zwei Drittel, von rund 200.000 auf 60.000, senken können, so daß die Arbeitslosigkeit heute nicht einmal zwei Prozent der Bevölkerung erfaßt. Zugleich hat die Regierung Stauning aber die Tariflöhne und sozialpolitischen Rechte der arbeitenden Schichten im vollen Umfang aufrechterhalten. Das wirkte sich wieder günstig auf den inneren Markt aus und trug wesentlich zur Behebung der Agrarkrise bei. Die Rentabilität der Landwirtschaft stieg von einem Defizit von 0.3 Prozent im Jahre 1931-32 auf einen Ertrag von 3.6 Prozent im Vorjahr und 4.1 Prozent im letzten Rechnungsjahr. Sie liegt also nur noch 0.9 Prozent unter dem Normalsatz von 5 Prozent. Das Land hat im agrarischen wie im industriellen Sektor die Krise so gut wie überwunden, der verhältnismäßig geringe Prozentsatz von Arbeitslosen kann durch soziale Fürsorgemaßnahmen leicht vor dem Schlimmsten behütet werden. Die Leistungen der Regierung auf dem Gebiete der Arbeitsbeschaffung, der Unterstützung und Förderung der Landwirtschaft, der Außenhandels- und Valutapolitik Hachen durch den Erfolg eine glänzende Rechtfertigung erhellten. Trotzdem wurde die Regierung Stauning in den letzten Monaten von der Partei der Großbauern aufs heftigste angegriffen. Bon dem benachbarten Deutschland geschürt und ideologisch mit allem antimarxistischen Rüstzeug versorgt, bildete sich eine neue Landvölkische Bewegung, die im wesentlichen mit der Partei der Bauernlinken(Venstre) identisch war, aber sich das Ziel setzte, weit über diese hinaus in die Kreise der Kleinbauern, in die Sozialdemokratie Seite 2 Donnerstag, 24. Oktober 1935 Nr. 248 Sudeten deutsch er Zeitspiegel und in die alten Rechtsparteien einzudringen. Die L. S.(Landsmaendenes Sammenslutning) arrangierte unter großem Lärm den Valuta- streik der Bauern, drohte mit dem Boykott der städtischen Lebensmittelversorgung und veranstaltete einen Bauernm ar sch nach Kopenhagen. Der Zweck der„Volksbewegung" war eine reine Erpressung. Man wollte die Regierung zu einer neuen, ganz überflüssigen Ab- wertung der Krone zwingen, damit die Groß- Bauern, die von ihren englischen Kunden in Pfund Sterling bezahlt werden, für das Pfund 30 statt wie bisher 22.40 Kronen erhalten sollten. Stauning wich dem angeblichen^Volkssturm" nicht, der König wies als konstitutionel- ler Regent die Deputatton der Agrarfascisten an Stauning, der den Herren vor dem König sehr drastisch die Wahrheit sagte und die Wahlausschreibung durchsetzte. Wie wenig die Komödie eine Volksbewegung war, zeigt nun der Wahlausgang. Die Hauptgruppe der L. S. verliert sechs Sitze und rund 30 Prozent ihrer Sttmmen, die Verbündeten der Sozialdemokratte halten sich, die Sozialdemokratie selbst hat einen Sttmmenzuwachs von 15, einen Mandatszuwachs von zehn Prozent zu buchen. Ihr Anteil an den Sttmmen steigt von 42.7 auf 46.1 Prozent. Die Nazi bleiben ohne Mandat, die Kommunisten, die mtt großen Hoffnungen in den Kampf ziehen, behaupten bei einem starken Sttmmenzuwachs ihre Mandate. An den Grenzen Hitlerdeutschlands, dem die marxistischen Regierungen im Norden ein Greuel sind, hat der marxistische Sozialismus einen Sieg errungen. Wieder haben ein wirklich nordisches, eines der am reinsten germanisches Volkstum bewahrenden Länder sich als treuen Hüter der Demokratie bewiesen. Ohne T e rro r ü n d, Fälschung, in freier W a h l hat die dänische Sozialdemokratte nach sieben Jahren schwieriger, aber erfolgreicher Arbeit dieses Vertrauensvot u m der Wähler heim- gebracht. Für den europäischen Sozialismus^ zumeist für uns, die wir im Schnittpunkt der fascistischen Offensivstöße kämpfen, ist der Wahlsieg der dänischen Genossen ein großer moralischer Gewinn. Er beweist uns, wie lächerlich das Gerede von der sterbenden oder schon verschiedenen Sozialdemokratie, wie trügerisch die Hoffnungen des FasciSmus sind. Ein politisch reifes, ein dem unmittelbaren außenpolitischen Druck entrücktes Volk weiß sehr wohl die Arbeit der Sozialdemokratie zu schätzen und bekennt sich zu ihr in freier Abstimmung. Dieses Bewußtsein, der Gedanke an die großen Erfolge unserer skandinavischen Bruderparteien wird uns in unserer Arbeit, in unserem Kampf n e u'eu Mut, neue Kraft werleihenl Unsere Partei hat der SP Dänemarks folgendes Glückwunschtelegramm gesandt: Redaktion Sozialdemokraten, Kopenhagen. Euer Sieg ist ein europäischer Erfolg des demokratischen Sozialismus. Wir beglückwünschen die dänische Sozialdemokratie zu diesem herrlichen Aufschwung. Wir beglückwünschen das dänische Volk zu diesem großen Beweis seiner politischen und kulturellen Reife. Für die deutsche Sozialdemokratie in der Tschechoslowakischen Republik Tau b. Auch in der karpathodeutschen Partei wächst die Opposition Stürmische Versammlung In PreBburs Bor den Wahlen war es der Karpathodeutschen Partei in der Slowakei, einem Ableger der Henleinpartei, gelungen, eine größere Anzahl deutscher Arbeiter in Preßburg und ip den deutschen Sprachinseln für sich zu gewinnen. Sechs Monate nach den Wahlen kommt bereits die Ernüchterung, denn die Partei, hie sich der Henlein- bewegung mit Haut und Haaren verschrieben hat, hat noch nicht einmal den Schatten eines Beweises erbringen können, daß sie für den deutschen Arbeiterin der Slowakei wirklich etwas getan hat oder auch nur tun wollte. Aehnlich wie in der Henleinpartei selbst, in der es bereits zur Absplitterung.der Arbeitergruppe Kopatschek gekommen ist, machte sich nun auch in Preßburg die Unzufriedenheit der Mitglieder mit der Karpathodeutschen Partei endlich Luft. Die Arbeiter-Ständegruppe, geführt von den Parteileitungsmitgliedern M i L u l i k, Mayer und H e i d l, berief gegen den Willen der offiziellen Parteileitung für Dienstag, den 22. d. M., eine Versammlung der Parteimitglieder und Anhänger- ein, um sich mit der Parteileitussg entsprechend auseinanderzusetzen. Dex kleine.Redoutensaal war überfüllt, ein Beweis, daß die Henleinwähler zum großen Teil mit der neuen Opposition gehen. Wie wir erfahren, wollte die Parteileitung noch in letzter Minute die Versammlung uCn m ö 0 11 dj machen. Dieser Versuch scheiterte aber und die Unzufriedenheit brach fi* Bahn. Die Redner Miöultk, Heidl und Mayer hatten in der Atmosphäre der Unzufriedenheit leichtes Spiel, sich mit der bewußten Untätigkeit der Parteileitung auseinanderzusehen. Unter brausendem Beifall wurde eine Resolution angenommen, in welcher u. a. der Parteileitung das Vertrauen entzogen und«ine neue Parteileitung bestellt wurde, die innerhalb von 24 Stunden die Geschäfte übernehmen sollte. Einige Zwischenrufe von Anhängern der gegenwärtigen Leitung steigerten nur noch die Erregung. Es hätte nicht viel gefehlt und der offizielle Vertteter der Patteileitung wäre mit Gewalt aus der Versammlung hinausbefördett worden. In der Resolution heißt es u. a^:< -„Die Parteileitung hat 7? den Beweis erbracht, daß sie nicht gewillt ist, wenigstens den einfachsten Forderungen der in der Pattei vertretenen Arbeiterschaft zu entsprechen. An- diesem Grunde stelle» sich die Bettammelten hinter jene Kameraden, Leiter der Arbeiterständegruppe, die hente die Verfechter ihrer Forderung« find. Da den Bersammelten nebstdem bekannt ist, daß auch in den übrigen Stände- gruppen die Unzufriedenheit von Tag zu Tag wächst und da nach dem bisherigen Verhalten der derzeitig« Parteileitung mit Beftimmthett zu erwarten ist, daß nichts getan wird, um die Ursachen der berechtig- . t« Enttäuschung und Unzufttedenhtti zu beseitigen, fordem wir die sofortige Ab.dank» n g der Parteileitung und betrau« mit der Geschäftsfüh«ng der Partei die Kamerad« Miculik, Meher ete... Die alte Parteileitung wurde gleichzettig aufgefordert, binnen 24 Stunden, d. i. bis Mutwoch 7 Uhr abends, die Geschäftsführung an die neugewählten„Kameraden" zu übergeben. Bis zur Stunde ist noch nicht bekannt, ob diese Forderung Erfolg hatte. vie Fölsen der Uranerzdiebstähle Persekutlon der Gesamtarbeiterschaft Wie vor einigen Tagen gemeldet, wurde in St, Joachimstal Uranerz gestohlen und über die Grenze gebracht. Im Ganzen sollen 800 Kilogramm. dieses kostbaren Erzes, für welches die Diebe pro Kilo 100 K£, die Organisatoren dieses Diebstahles aber 800 KL erhalten haben, verschleppt worden sein. Die Zettungen, allen voran die»St. JoachimSthaler Zeitung", haben aus dtti Diebstählen eine Sensation und nicht zuletzt eine Kampagne gegen die Marxisten zu machen versucht und dabei mehr Aufsehen bei den Staatsstellen hervorgerufen als ihnen jetzt recht und angenehm ist. Wie unser Bruderblatt der Karlsbader »Bollswille" in seiner Sonntagsausgabe mitteilt, sind Wohl Chttstlichsoziale und Henleinleute verhaftet worden, aber nicht ein einziger Sozialdemokrat, so daß die von den bürgerlichen Blättern angestrengte Hetze ein sehr unliebsames Ergebnis gezeittgt hat. Aber nicht nur das! Die Direktion der Uranerzgruben hat durch einen Anschlag bekanntgegeben, daß es im Interesse aller in dem Bergwerke Beschäftigten liege, wenn die Diebe genannt werden. Sollte dies nicht geschehen, dättn werde man mit Repressalien einsetzen mtt» auch vor der Stillegung des Werkes nicht zurückschrecken. Es war Wohl noch nicht da, daß ein Unternehmer, der bestohlen wurde, dafür die ganze Belegschaft verantwottlich gemacht und bestraft hat. Diese eigenartige und brutale Handlungsweise blieb der staatlichen Bergdirektton in St. Joachimsthal Vorbehalten, die einer marxistenfeindlichen Presse, die schon vor einigen Wochen die gesamte Berg- und Tabakarbeiterschaft von St. Joachimsthal des Diebstahls beschuldigte, Glauben schenkte und sie demnach behandelt. Mit Recht fragt der»Volkswille", ob diese Maßnahmen bzw. die Stellungnahme der Bergdirektton zu den. Diebstählen im Einverständnis der zuständigen ministettellen Stellen vor sich geht und ob diese Methode einen Teil der offiziellen Untersuchung darstelle, für welche der mtt der Untersuchung des Diebstahles betraute leitende Beamte des Bergwerkes die Verantwortung trage. Der Budgetausschuß des Senates genehmigte Mittwoch nach dem Plenum die Vorlage über die Sprengeibürgerschulen in der Fassung des Kulturausschusses. Außer den vom Kultur- und vom Verfassungsausschuß angenommenen Resolutionen wurde eine weitere Resolutton beschaffen, in der die Sanierung der Finanzen der Selbswettvaltung gefcrdert wird, der durch die Vorlage neue Laste») aufgobürdet werden. Der polnische Gesandte verläßt Präs? Paris. Das Havasbureau berichtet aus Warschau: Wie aus gut«nterrichttter Quelle verlautet, wird in der allernächst« Zett der polnische Gesandte in Prag Grzybowski zum Unter- staatssekrttär im Ministerratspräsidium ernannt werd«. In drei Wochen Unterhauswahl London. Ministerpräsident Baldwin gab Mittwoch im Unterhause den 14. November als Tag der Neuwahl« zum Parlameitt bekannt. DaS neugewählte Parlammt wird am 26. November zur Wahl des Sprechers und zur Vereidigung zusanimentreten, die feierliche Eröffnung erfolgt am 3. Dezember durch dm König. Wie Staatsgut verschleudert wird... Berlin. Im Auftrage des Reichskanzlers übergab Ministerpräsident Göring Dienstag mittags dem Generalfeldmarschall von Mackensen die ehemalige preußische Domäne Brueffow im Kresse Prenzlau als Erbhof. Japanische Willkürakte Segen Rußland Moskau.(Taß.) Aus Ehabarowsk wird berichtet, daß die japanisch-mandschurischen Polizeibehörden und die japanssche Gendarmerie in Man« dschukuo in der letzten Zett die Verfolgung der in Riandschukuo lebenden Sowjetbürger verstärke Am 7. Oktober wurden der Herausgeber des Blattes»Novosti Wostoka" Kolpaktschj, der Redakteur Orlow u. a. verhaftet. Sie wurden ohne jedwede Anklage gefangengesetzt und mißhandell. Am 17. Oktober wurde auch der Direktor der»Dalbank" Gostynstt verhaftet. Eine ähnliche Verfolgung von Sowjetbürgern wird auch aus den Stationen Mandschuria und Pogranitschnaja gemeldet. Dir Sotvjetkopsuln in Charbin, Mandschuria und Pogranitschnaja haben wiederholt protestiert, jedoch bisher keine befriedigende Antwort erhalten. klne Heldentat: Paris.(Tsch. P. B.) An der Südfront sind etwa dreißig italienische Tanks in das Tal Buley unweit von Schilaiya eingedrungen und haben dott kampflos etwa 50 abessinische Soldaten gefangen genommen. Erst bomben, dann Klnol Rom.(Tsch. P-B.) Dienstag fand in Adua die erste Kinovorstellung statt, btt der in Anwesenheit vieler Eingeborener Filme aus dem fascistischen Italien aufgeführt wurden. Verlängerung der Gebühren von Amtshandlungen Im Abgeordnetenhaus hat die Regierung einen Gesetzentwurf eingebracht, durch den das bisherige Gesetz über die Abgaben von Amtshandlungen im Berwaltungsverfahren, das mit Ende dieses Jahres abläuft, bis Ende 1940 verlängert werden soll. In der Begründung heißt es, daß die Regierung nicht auf die regelmäßigen Einnahmen nach diesem Gesetz Verzicht« könne, die im letzten Jahre 44 Millionen KL betrugen. 5« VILLA OASE oder: DIE FALSCHEN BURGER Roman von Bugeno Dablt Berechtigte Uebertragung aus dem Französischen von Bejot Als er erwachte, griff sein Arm ins Leere. Früher hatte seine Hand eine üppige Schuller gefunden oder einen Arm, den sie streicheln konnte. Solange schlitt noch. Er kochte Kaffee, zündete seine erste Zigarette an und ging hinaus. Am Teich lagen die Holzkloben, zu einer Pyramide aufgeschichtet. Er trug sie ins Waschhaus und dachte bei jedem Gang: «Hätte ich das früher getan, wäre Irma noch dal" Und die Kloben lasteten auf ihm mtt dem Gewicht des schlechten Gewissens. Eine Woche lang arbettete er im Garten. Doch dann wirbelten Flocken durch die Luft und breitettn eine weih« Decke Über den Boden. Er sah am Fenster, rauchte und sah dem Treiben zu. Irma liebte Schnee. Er erinnert« sie immer an ihre Heimat, wohin er einmal mit ihr fahren wollte. Nun war di« Arme wt und hatte diese Freude nicht mehr erlebt. Den Neujahrstag verbrachte er allein. Gleichgültig sah er die Wochen dem Frühling ent« gegenellen. Morgens stand er, als wolle er jeder Tätigkett ausweichen, sehr spät auf, fuhr sich mit dem Schwamm übers Gesicht, rasierte sich, doch nicht regelmäßig, und trank in der Küche Kaffee, während Solange sinn- und endlose Geschichten erzählte. Nur, wenn die Ettnnerung an Irma ihn quälte, griff er zu einer Arbeit, um zu vergessen, nicht aber, um Sauberkeit und Ordnung herstellen zu helfen. Dafür hatte er kein Interesse mehr. Gleich nach seiner Rückkehr hatte ihn Alfred be- jucht. um etwas über die letzten Stunden seiner Freundin zu erfahren. Am Sonntag darauf war die Familie Arenoud gekommen. Seitdem niemand. Er konnte nur auf sich rechnen. Er hatte geglaubt, in Chapelle-sur-Seine Gesellschaft zu finden. Doch Paul wollte nur sein Geld, und auch bei Maigret vermutete er materielle Interessen. Von Zeit zu Zeit ttaf er den Pater Doutre, der, wenn auch ein Geistlicher, so doch ein braver Mann war. Die anderen widerten ihn an. Sie trieben den Tratsch so weit, daß sie behaupteten, seine Frau habe Selbstmord begangen, well er sie einsperrte. Nein, ehe er mit dittem Pack zusammentraf, blieb er lieber zu Haus. Doch vergnüglich war das Leben nicht, und die Nachmittage, an denen er, des miserablen Wetters wegen, nicht einmal durch den Garten schlendern konnte,, waren endlos lang. Er atz, wenn es ihm einsiel, legte sich hinterher aufs Sofa und war froh, wenn er eine Stunde schlafen konnte. Jetzt begriff er Irmas Verlangen nach Romanen und beklagte/ daß er kaum die innere Ruhe fand, die Zeitung zu lesen. Sticken konnte «r nicht. Was sollte er beginnen? Ein Hundeleben, dieses Rentnerdasein! Tausende seiner Landsleute ttäumten davon, und die, deren Traum sich verwirklichte, sahen plötzlich, daß es alles andere als ein Glück war. Man brauchte ihn nur anzuseh«: er saß in Irmas Sessel und verging vor Langeweile. Die Stunden krochen. Wenn die Uhr schlug, summte er mit:»Beng, beug, beng..." und warf einen Blick aufs Zifferblatt. Noch zwei Stunden, bis er seinen Absinth trinken konnte, seinen Pernod, über den sie im Cafk des Courses mit einem Wortspiel scherzten. Zwei Stunden. Die Fessstellung, daß e» nicht länger dauerte, gab ihm wieder etwas Mut. Bobby, der zu feinen Füßen lag, muntert» er mit dem GtttändniS auf:»Kopf hoch, mein Alter, es kommen wieder bessere Tage." Der Hund sprang ihm auf den Schoß, und eng aneinander gedrückt sahen sie die Dämmerung anbrechen. Julien seufzte. Bald wieder ein Tag vorüber. Er machte Licht und trank den ersehnten Aperitif. Ein Glas, zwei, auch drei, je nach dem Grade der Melancholie.. Vergessen wax fast so schön wie Frühling. Er dachte ohne Angst an die Zukunft. Die Abendsuppe aß er mit Solange. Sie kannte seine Gewohnheiten und führte das Hau», ohne daß er Befehle zu erteilen brauchte.< Er hatte versucht, sie im Kartenspiel zu unterttchten. Zuweilen kam auch die Mutter Pougette, an jeder Hand einen Bengel. Julien gab ihnen trockene Kuchen, die noch von Irmas Vorrat stammten, der alten ein Gläschen Kognak. Sie erzähüe ihm zum Dank den ganzen Dorfklatsch. Einmal teilte sie ihm geheimnisvoll mit, daß ihr Mann bald wieder nach Chapelle-sur-Seine kommen würde. Ach, die Abende waren oft ttist. Um nenn Uhr war Julien im Schlafzimmer und zog sich aus, indem er auf das Bett schielte, das ihm für viele Stunden Zuflucht bot. In Hemd unv Unterhose öffnete er das Fenster, um zu lüft«, denn öfter als früher litt er an Kopschmerzen. Durch das finstere Land eilte, Funken sprühend, ein Zug. Nach Irmas Tod hat er verreisen wollen. Jetzt aber meinte er, schon alles gesehen zu haben. Er schloß das Fenster und legte sich nieder. Doch ehe er Schlaf finden konnte, suchten ihn schwarze Gedanken heim. Bald sah er Irmas Bild, bald sah er die Bilder seiner Elte« oder sein eigenes, das ihn nicht mehr befttedigte. Der Frühlingsanfang brachte Julien ein« Abwechslung: die Seine trat aus den Ufern. Jeden Nachmittag stand er auf der Brücke und beobachtete, in der Gesellschaft alter Leute, die behaupteten, nie eine ähnliche Ueberschwemmung gesehen zu haben, wie das schlammige Wasser allerhand Strandgut mit sich führte. Die Häuschen, die Langlois hatte bauen lassen, um sie im Sommer an Pariser zu vermieten, schienen wie Schiffe vor Anker zu liegen. Doch das Wetter hellte sich auf, und die Seine ttat in ihr Bett zurück. Damit hatten Juliens Spaziergänge ein Ende. Zum Glück gab es jetzt im Garten zu tun. Er begann, die Erde umzugraben. Er mußte die Jacke ausziehen. Nach einer Weile warf er den Spaten hin. Im letzten Frühjahr hatte Irma an seiner Seite gearbeitet. Er hatte ihr gut zu- gcredet, sich Bewegung zu machen, und sie hatte eine Stunde lang diese schwierige Gymnastik durchgefühtt. Er erinnerte sich noch ihrer Worte: »Wir haben einen fetten Boden." Er hatte jedenfalls nicht mehr die Kraft, den Spaten zu handhaben.«r Dennoch versuchte er es am nächsten Tag« wieder. Die rechte Freude fehlte, nicht nur die Ausdauer. Irma fehlte. Für sie hatten die Blumen geblüht, waren die Erdbeeren gereift. Niemand würde den Garten bewundem. Er mußte ihn allein durchstreifen, wie er sein einsames Zimmer durchwanderte. Er ttat an den Teich, neigte sich über das klare Wasser und maß an der Stelle, wo Irma vermuüich ertrunken war, mit dem Blick in die Tiefe. Ob sie sehr geschrien, lange gelitten hatte?..... Das Gras wuchs, die Bäume zeigten schon einen grünen Schleier, die Knospen schwollen. Irma liebte den Frühling, weil sie weder Kälte noch Hitze von ihm zu fürchten hatte. Wo sie nun ruhte, brachten die Jahreszetten keine Veränderung mehr. Er ging taumelnd ins Haus zurück. Der Sommer würde komm« und vergehen, mit ihm vielleicht di« ErkNnerung an seine Frau. Ihr Bild begann bereits zu verschwimmen. Er mußte suchen, bis er alle Züge beisammen hatte. Gewöhnlich sah er sie einzeln: die Augen, den Mund, die Stirn, eine ihrer charakteristischen Bewegungen. Sie starb ihren zweiten Tod... Hie und da konnte es noch geschehen, daß er sich in ihr gemeinsames Schlafzimmer ver- irrte und sie lebend vor sich wähnte. Dann fuhr er mit der Hand Wer ihre Wäsche, ihre Kleider, atmete den Duft ihres Parfüms oder zwang sich, in einem Roman zu blättern, den sie gelesen hatte. .(Fortsetzung folgt.). Nr. 248 Donnerstag, 24. Oktober 1835 Seite 3 Eine große Aufgabe will gelöst sein davon zwei Buben Kinder sich zu über 2Bir rümpfen sechzehn Kinder unserer Zeit(Rodisfort. Ein Kind wünschte sich: wurden Wunsch sind ei« wollen. Kann die sogenannte„BolkShilfe" mit solchen Methoden wieder durchgeführt werden, dann wird neuerdings der Teufel der Zwirtrqcht unter die Aermsten gehetzt, feder politischen Erpressung unter den Hungernden Tür und Tor geöffnet. j.— Worte sind zu schwach, um Rot und Leid der Jugend in den Krisengebieten zu schildern.. Wir besuchten die Schule einer wrstböhmischen Rotstandsgemeinde. In der vierten Klaffe gab es gerade Tschechischstunde. Die kleinen Egerländer mühten sich mit edlem Eifer, ganze Sätze einer immerhin schwierigen Fremdsprache zu meistern. Es gab einen frohen Wettbewerb der bereits erworbenen Kenntnisse. Das war knapp vor der Mittagspause. Der Schulleiter fragte über unseren Wunsch, wer von den Schülern ohne Frühstück zur Schule gekommen sei. Zögernd erhoben sich da und dort die kleinen Hände. Ob es ein Biertel oder ein Drittel der Klaffe war, ließ sich nicht nachzählen. Denn keiner kann vom Leben so abgehärtet sein, daß er nicht beim Anblick dieser helläugigen, lernfrohen Kinder, die schuldlos dem frühen Siechtum geweiht sind, ein Flimmern vor den Augen bekäme. Sieversuchennoch zu lernen, während der zarte Körper nach Nahrung schreit, nach Zucker und Fett, nach sinem einzigen Stück Brot» das die Säfte des Magens nicht mehr gegen das eigene Fleisch revoltieren läßt. Aus den schlimmsten Kriegslagen her wissen viele, daß der hungernde junge Mensch, deffen Körper wachsen und gedeihen will, auf Schritt und Tritt von Halluzinationen begleitet ist, von der Vision eines gefüllten Suppentellers, einer dampfenden Knödel- oder Kartoffelschüssel; wie er im Wachen und Träumen verfolgt wird von der brennenden, bohrenden Sehnsucht nach dem fernen Glück des einmaligen Sattseins. In solchem Zustande sollen Kinder lernen und schritthalten neben glücklicheren Jugendgefährtrn, die gesättigt in der Schulbank sitzen? Peinigend und aufwühlend ist der Gedanke, wieviele wertvolle Menschen, kostbare Talente derart einer glücklicheren Gesellschaft von morgen verloren gehen, dies noch in einer Zeit, da Zahl und Gesundheit des Nachwuchses letztlich das Schicksal der Völker bestimmt. WenndagegennichtmenschlicheHilfsbereitschaft in den letzten und äußer st en Grenzen desMöglichen eingesetzt wird, dann laden wir alle eine unaustilgbare Schuld vor dem kommenden Geschlecht auf uns. Krapfen. Davon erzählen die Kinder heute noch wie von einem verlorenen Paradies und sie fragen täglich die Küchenhelferinnen auf der Straße: „Gibt e s b a l d wieder Suppe? Letzte Sitzung des alten böhmische« Landes- ausschuffes. Der Landesausschuh für Böhmen hat am 23. Oktober 1935 seine 178. und damit letzte Sitzung vor der Neukonstituierung der böhmischen Landesvertretung abgehalten. Es wurde eine reichhaltige Tagesordnung erledigt und zum Schluß daytte der Landespräsident den Mitgliedern des Landesaüsschuffe^ für die geleistete jahrelange Arbeit. Einer der Beisitzer dankte seinerseits dem Landespräsidenten für sein Entgegenkommen und' den Takt, den dieser bei den Verhandlungen stets bewiesen hat. Bon den 90 abgegebenen Stimmen entfielen 75 auf den tschechischen Nationalsozialisten Jng. Dr, Rudolf Spazier, der dadurchxzum Bürgermeister der Stadt Brünn gewählt erscheint, 15 waren leer abgegeben worden(wahrscheinlich 13 von den Henlein-Leuten, eine von den Fascisten und eine von dem neugewählten Bürgermeister selbst). Unter dem Beifall der Versammlung ver- kündte der Vorsitzende die Wahl Dr. Spaziers zum Bürgermeister, der für das ihm bewiesene Vertrauen dankte und versprach, sich deffen würdig zu erweisen. Die Wahl des neuen Bürgermeisters muß nunmehr von der Regierung bestätigt werden. Die Ferialaktion in Rodisfort wurde von dem Arbeiterverein„Kinderfrcunde" veranstaltet und die Bezirksbehörde stellte dazu das Heim entgegenkommend zur Verfügung. Die obigen Daten und Aufzeichnungen, die Geschichtswert besitzen, sind dem Bienenfleiß und dem tiefen menschlichen Verständnis einiger junger Funktionäre unserer Karlsbader Arbeiterbewegung zu aus fein und bitterem schwarzen Malz--, k a f f e e. Selten ist ausreichend Brot zu Hause. Viele der unterernährten Kinder können bei schlechtem Wetter keine Schule besuchen, weil ihnen Kleider und Schuhe fehlen. Aber dieses Jahr ist im Erzgebirge die Kartoffelernte ganz schlecht ausgefallen. Zum Ankauf zugelieferter Ware fehlen die Mittel. Und der Frostwind wird genau so scharf über die Kammhöhen pfeifen, wie jeden Winter. Sollen den Kindern auch noch^ie trockenen Kartoffeln fehlen? Der Gedanke ist entsetzlich, wie ja so vieles an menschlicher Auswirkung der Krise einfach nicht auszudenken ist. Daher muß auch für die Kinder mehr geschehen. Die Forderung an den Staat, der Kindernot in den Krisengebieten mehr zu steuern, wird um so wirksamer- sein, je mehr die Deutschen selbst zu wahrhaft nationaler, d. h. überparteilicher Selb st Hilfe fähig sind. Kein darbendes Kind soll im überparteilichen Rahmen schlechter behandelt werden, welcher Gesinnung auch der arbeitslose Vater ist. Werden die Macher der Volkshilfe vor so grenzenloser Bolksnot ihre Parteiwünsche zurückstellen? Oder werden sie weiter mit Worten für die Volksgemeinschaft und mit der Tat gegen die Bolksintereffen streiten? verdanken. Hiezu ein Wort. Die deutsche sozialdemokratische Bewegung in den Notstandsgebieten ist vor allem organisierte menschliche Hilfsbereitschaft und in zweiter Linie erst Kampfinstrument. Männer und Frauen, die vielfach selbst bittere Not leiden, bringen beispieUose Opfer, um die Sorgen der bedrängten Gemeinschaft zu lindern. In dem Jn- dustriefriedhof R o t h a u hat der sozialdemokratische Parteivertrauensmann seit Jahresbeginn 88 Sitzungen und 56 andere Veranstaltungen besucht. Selbstverständlich galten neun Zehntel der Arbeit der Bekämpfung des Krisennotstandes. Die letzte Krone wird vom arbeitslosen Verttauensmann oft der Familie entzogen, damtt er seiner Pflicht nachkommen kann. Es wäre in solchem Zusammenhang nicht davon zu reden, wenn nicht der pathologische Haß verblendeter Gegner diese glorreiche Leistung immer wieder zu besudeln versuchte. Wir dürfen es stolz sagen und für kommende Zeiten festhalten, daß das stille und undankbare Werk der vielen unbekannten Soldaten des Sozialismus Ein mahnender Appell än die Volksgemein- schafter wäre verlorene Mühe. Sie gehen doch nicht sammeln, weil sie aus menschlichen Gründen helfen möchten, sondern weil sie den darbenden für alle Kinder um Nahrung, Kleidung, Wohnung und Freude. Führe deiner Organisatioy neue Mitglieder, neue Mitkümpfer zu! Arbeiterverein„Kinderfreunde". Bürgermeisterwahl in Brünn Der Nationalsozialist Ing. Dr. Spazier gewählt Gestern nackmittags fand im Sitzungssaal des neuen Brünner Rathauses auf dem Dominikanerplatz die erste Sitzung der neuen Brünner Gemeindevertretung statt, in der der Bürgermeister gewählt wurde. Die Sitzung, die großes Interesse beim Publikum hervorrief, hatte feierlichen Charakter. Die Sozialdemokraten trugen rote Nelken. Landesvizepräsident Böhm eröffnete namens der Landesbehörde als Einberufer die Sitzung und nahm das Gelöbnis der neuen 90 Gemeindevertreter entgegen. Sodann übernahm das älteste Mitglied der Gemeindeverttetung, Hermann Grün, den Vorsitz, um die Bürger- wieisterwahl zu leiten. Jede Wahlgruppe nominierte je einen Vertteter in die Wahlkommiffion, für unsere Partei wurde Genosse W e l l a n nominiert, dem auch die Funktion eines Skruta- tors übertragen wurde. vielen Notstands- Denn noch»st un- bestimifff, ob nicht jeder Versuch einer überparteilichen Hilfeleistung für die Aermsten nicht von einer reinen Parteiaktiv n, genannt„Volkshilfe", durchkreuzt wird. InGraslitz, einem der Tiefpunkte des erzgebirgischen Notstandes, hat die Gemeinde in den ersten Krisenjahren durch Sammlungen erhebliche Summen aufgebracht. Hier eine Tabelle über den katastrophalen Rückgang der Gemeindesammlung im" vorigen Winter nach dem Einsehen der„Volkshilfe": (1935 bis 8. Oktober) Im Zeichen der„Volksgemeinschaft" treibt der Parteigeist selbst auf dem Gebiete der Fürsorge schändliche Blüten. Die meisten Unternehmer und so viele Bürger geben ihre Spenden natürlich lieber für die Hen- leinsche Parteihilfe. Die noch beschäftigten Arbeiter werden zur Teilnahme genötigt. In den Graslitzer Betrieben wurdenFälle vermerkt, wo Arbeiter, die sich keine laufenden Abzüge für die „VolksHilfe" gefallen lassen wollten, mitAussetzen besttaft wurden. Auch Heimarbeiter und Kleinmeister müssen bei Lieferungen an Verleger derartige Abzüge in Kauf nehmen, wenn sie nicht die Arbett verlieren klaffenbewußtenArbeiter mit einigen Lebensmittelpakete unter das Joch ihres politischen Totalijptsanspru- ches oeugen wollen Trotzdem oder gerade deshalb ist festzuhalten und auszusprechen, daß die Rettung der dahinwelkenden Jugend nur durch die sttaffe Zusammenfassung der privaten und öffentlichen Hilfsaktionen möglich ist. Die Regierung hat wieder drei Millionen KL für Kinderhilfe bewilligt. Bei aller Anerkennung dieser Leistung ist zu sagen: das ist zu wenig. Die Auswirkung solcher Aktionen gerade auf die ärmsten Ortschaften ist völlig unzureichend. Aus der Arbeitslosen-Gemeinde K u n a u im Preßnitzer Erzgebirge wurde berichtet: „3m vergangenen Schuljahr sind ein einzigesmal die Schulkinder mit einem kleinen Stückchen Margarine und einem Kilogramm Reis beteilt Warden. Das war die ganze Schulausspeisung, für die«nS die deutsche Jugendfürsorge 200 Kä überwiesen hat." lieber die Lage der armen Kinder in diesery Distritt wird noch berichtet: Ihre Nahrung besteht warmen trockenen Kartof- Drei Neunjährige, arbeitsloser fcltern den Gemeindestuben. Sozialkommissionen, in den Gewerkschaften, in der Arbeiterfürsorge und, bei den„Kinderfreundcn" in der Zeit des Verfalls alles Menschlichen ein strahlendes B e i s'p i e I letzter Aufopferung und eines sittlichen Heldentums ohnegleichen aufgerichtet hat. * Uns ist der Kampf gegen den nationalen Todfeind Hunger und um, die Rettung der Jugend wahrlich keine Parteisache. In Maiern Höfen bei Karlsbad wurde im vorigen Winter auf stteng überparteilicher Grundlage eine Hilfsaktion für die Kinder Arbeitsloser durchgeführt. Durch die Aktion:„Demokratie für die Jugend" wurden 13.000 KL aufgebracht. Davon sind 130 Kinder mit Schuhen beteilt worden. Vom 1. November bis f. Mai konnte eine Kinderausspeisung täglich 110 Portionen ausgeben. Frauen Arbeitsloser standen freudig den ganzen Tag in der Küche. Selbst ost hungernd, wagten sie keinen Bissen anzurühren und haben natürlich auch keinen Heller Entschädigung verlangt. In den ersten Tagen waren aber die braven lebensgehärteten Helferinnen zzanz zerbrochen von dem erschütternden Jugendleid, dem sie tief in die Augen schauen konnten. Für die Kinder war jeder Löffel Suppe ein Festgeschenk. Einmal gab es sogar Der polittsche Bezirk Karlsbad zählt über 12.000 Arbeitslose. Wie groß die Zahl der Kinder arbeitsloser Eltern im Bezirke ist, war leider nicht zu ermitteln, doch die Zahl geht-gewiß in die Tausende, wenn man bedenkt, daß-in dem großen Jndustrieort Alttohlau allein 1200 Kinder der von der Erwerbslosigkeit bettoffenen Familien gezählt worden sind. Aus dem Bezirk Kcttlsbäd und aus dem angrenzenden Bezirk Neudek wurden im verflossenen Sommer achtzig erholungsbedürf- ttge Kinder in das schöne Heim Rodisfort, eine Schöpfung der Bezirksverttetung Karlsbad, geschickt. Durchwegs chandeltt es sich um Kinder gänzlich Erwerbsloser, die eine vielköpfige Familie(vier bis elf Menschen)- ernähren sollten. 32 dieser Familien bewohnen nur einen Raum. Nur drei von den vierzig Kindern hatten zu Hause ein eigenes Bett. Die übrigen müssen es mit den Geschwistern teilen. Ueber den Gesundheitszustand der kleinen Feriengäste sagt der Bericht des beigezogenen Arztts Dr. I a e s s e l: „Zirka 75 Prozent der aufgenommenen Kinder zeigten bei der Aufnahme Symptome einer auch objektiv wahrnehmbaren Unterernährung: Bläffe, fehlender Hautturgor, CarieS der Zähne, Untergewicht, trockene Schilferhaut, müdes Wesen. In vielen Fällen wurde auch ein« Vergrößerung der Schilddrüse wahrgenommen..." Und wie lebten die daheim? 27 Kinder konnten Hause nie sattessen. 19 Kinder kannten chaupt kein geschmiertes Brot. 38 Kinder bekamen i Milch zu trinken. 31 Familien hatten nie oder nur Sonntag ein StückchenFleisch. 19 Kinder bekamen daheim. nie ein Ei zu essen. i Vierundzwanzig von den 40 Kindern waren daher unterge- . wichtig, manche bjb zu , Kilogramm. Die vierzig Kinder nach ihrem sehnlichstem befragt. Die Antworten Spiegel ihrer Seelen. Fünfzehn Kinder hatten nur eine Forderung an da Leben: „Daß der Vater Arbett bekommt" Andere wünschen dazu noch Arbeit für die Mutter oder für die Schwester. Andere äußerten das Verlangen nach Kleidern oder Schuhen. Ein Kind wünschte:„Für mich eine ' Hose, für den Vater einen Anzug." Spielzeug verlangte keines. Ein Pflegling möchte für den Vater Arbeit und für die Mutter eine Halskette Ein Kind wollte auch die Schwester ins Heim Nachkommen lassen, das andere nächstes Jahr wieder ins Heim ausgenommen werden. Mehrmals kehrt der Wunsch wieder, daß es zu Hause genug zu essen gebe. „Daß wir zu Hause genug zu effen haben, denn wenn wir ZinS zahlen muffen, haben wir nie etwas zu effen." / Ein Junge möchte ein Auw. Diesen Antworten ist nichts hinzuzufügen. Die Jugend darf nicht verkümmern! Staatshilfe und Selbsthilfe müssen Zusammenarbeiten Die Antwort muß in gemeinden ausweichend lauten, bestimim, ob nicht jeder Vers Jahr Einnahmen KL Ausgaben KL 1930 39.965 — 1931 170.573 180.405 1932 216.096 201.867 1933 194.742 198.270 1934 39.519 63.904 1935 16.051 15.040 Seite 4 Donnerstag, 24. Oktober 193» Rr. 248 Trauersitzunsen der beiden Häuser Psag. Beide Häuser der Nationalversammlung hielten am Mittwoch Trffuersitzungen für den verstorbenen Parlamentspräsidenten Bohu- mir B r a d ä ö ab,^ die einen würdigen Verlauf nahmen. Die Familie des Verstorbenen wohnte beiden Sitzungen in den Diplomatenlogen bei. Der verwaiste Präsidentenstuhl war schwarz umflort, ebenso der Sitz des Verstorbenen in der Abgeordnetenbank. Alle Minister, sotveit sie in Prag anwesend und nicht, wie Jng. Dostalek und Dr. Hodza, krank waren, hatten sich zu der Trauerkundgebung eingefunden, ebenso eine ungewöhnlich große Zahl von Parlainentariern. Auch die Kommunisten waren fast vollzählig anwesend. Der amtierende Vizevorsitzende Gen. Dr. Markovik hielt von der Rednertribüne aus in wohlklingendem Slowakisch die Trauerrede, in der er zunächst die Tätigkeit Bradacs im alten Wiener Parlament und seine reiche Arbeit in den Parlamenten des neuen Staates ausführlich schilderte. Dr. Markoviü rühmte die konziliante Art des Verstorbenen, die es ihm ermöglichte, manche Differenzen auszugleichen und manchen Streit zu schlichten; auch hier war er wre in vielen anderen Dingen«in gelehriger Schüler und einer der ergebensten Mitarbeiter Svehlas. Seine Objektivität und Toleranz und sein Vermittlertalent stellten ihn u a. an die Spitze des Vollzugsausschusses der koalierten Bürgerblockparteien, aber auch in dieser Funktion hat der Verstorbene immer den Weg zu der damaligen Opposition gefunden. Zn seiner Antrittsrede als Parlamentspräsident hat Bradäc kluge Worte über die Pflicht gefunden, die hohe Stellung der gesetzgebenden Körperschaften im Verfassungsleben zu erhalten und zu schützen. Unsere Demokratie und unser Parlamentarismus waren bei ihm in guter Hut. 1 Im Senat war die Wand hinter der Präsidententribüne schwarz dekoriert. Auch hier waren die einzelnen Klubs und die Regierung fast vollzählig anwesend. Den Nachruf hielt der Vorsitzende Genosse Dr. Soukup, der, selbst tief ergriffen/ den Aufstieg Bradacs vom jüngsten Ab- gecrdneten des Wiener Parlaments bis zum Parlamentspräsidenten im selbständigen Staate schilderte und seinen.Arbeitseifer, seine staatsmännischen Fähigkeiten und seine wertvollen persönlichen Eigenschaften unterstrich. Auch Dr. Soukup betonte mit besonderem Nachdruck, daß Bradäc auch als Vorsitzender des Vollzugsausschusses des Bürgerblocks immer die Verbindung mit der staatsbejahenden Opposition aufrechtzuerhalten verstand. Dr. Soukup hielt dann noch dem früheren Senator Dr. B e s e l h und dem am 29. August verstorbenen agrarischen Senator U s a k herzliche Nachrufe. Der Nachfolger Usäks, Wenzel T u r e k, leistete die vorgeschriebene^Angelobung. Nächste Sitzung erst am 5. November • Beide Häuser der Nationalversammlung vertagtes sich nach der Träuersitzung bis Dienstag, den 5. November, um 11, bzw. um 15 Uhr, während nach den ursprünglichen Dispositionen die nächsten Sitzungen schon am 29. Oktober hätten stattfinden sollen. Offiziell wird diese Verlegung damit begründet, daß in die nächste Woche drei Feiertage(der 28. Oktober sowie Allerheiligen und Allerseelen), fallen und außerdem die Slowaken auch gegen eine Sitzung am 30. Oktober, dem Tag der Deklaration von St. Martin, sind. Andererseits spielt unstreitig auch eine Rolle, daß in der nächsten Sitzung nach der Geschäftsordnung schon das neue definitive Präsidium gewählt werden muß und der Agrarpartei doch etwas mehr Zeit bleiben muß, um einen Nachfolger. Vorschlägen zu können, der auch den übri- 'gen Parteien genehm ist. Die Frage der Nachfolgeschast Bradacs würde Vie Situation noch weiter komplizieren, falls als Kandidat einer der aktiven Minister in Betracht käme, weil dadurch die Frage einer Kabinetzsergänzung, vielleicht sogar einer größeren Rekonstruktion, aufgerollt würde. Die Besetzung der wichtigsten repräsentativen Funktion im Staate nach dem Präsidenten der Republik ist gewiß eine Frage, die ernsthafte Erwägungen fordert und keinesfalls übereilt gelöst werden darf.,! Budgetprovisorium? Die Hinausschiebung der Parlamentsarbei- ten dürfte auch für das Budget gewisse Konsequenzen haben. In den Ministeriellen Beratungen ist bisher die Gesamtsumme des Budgets und die Budgetsumme von etwa zehn Ressorts festgelegt worden. Die Beratungen über die weiteren Ressorts sind noch im Gange. Auch wenn sie abgeschlossen sind, werden zur Fertigstellung der Details und zur Drucklegung noch etwa zehn Tage notwendig, sein, so daß es unter Umständen Mitte November werden kann, bevor das Budget vorgelegt werden wird. Dann würde die Frage Lines kurzfristigen Budgetprovisoriums akut, da bis zu Neujahr wohl kaum beide Häuser das ordentliche Budget.fertigstellen könnten. Armeetrauer für Bradtt Durch ein Dekret des Präsidenten der Republik wurde für den Vorstorbenen ein militärischer Leichenkondukt in dem für Generale vorgeschriebenen Umfang bewilligt. Die Offiziere und Rottmeister der Armee haben am Tage des Begräbnisses anl Arm den Trauerflor zu tragen. Der dritte Fall 93171 73986 68256 80670 KC: 3211 64277 2968 49839 49819 29553 22071 16141 44822 I 14649 81679 7097 47471 3922 31484 755 98767 33019 25981 89191 51525 17365 14846 14276 75912 97653 68878 35959 45920 37926 62670 37916 64754 41046 50334 60772 72877 54508 103230 96667 81271 26584 32841 25911 54687 73278 42652 55826 95763 14294 108325 56661 43241 31369 59543 72902 75353 47645 96442 6901. 17899 94139 93588 66323 101389 100356 67112 59718 18066 102033 75038 104026 105977 76655 84720 10114 58860 76450 84613 26470 92293, 70882 58113 34818. Was schert mich Weib... Ein Prager Nachtlokal macht Reklame in der„Prager Abendzeitung". So etwas von„Reklame" ist noch nicht Lagewesen, und darum Lars an Lieser 106834 101142 55939 7765 109748 7527 Blutige Bauernunruhe« bei Peiping Schanghai. In dem 50 Kilometer südöstlich von Peiping gelegenen Ort Hsiangho haben die Bauern auf die Polizei das Feuer eröffnet. Auf beiden Seiten hat es zahlreiche Tote gegeben. Die Bauern, die Verstärkung heranholten, stehen unter Führung japanischer Zivilisten, von denen sechs verhaftet wurden. In dem 30 Kilometer von Peiping gelegenen Ort T s ch a n g- ping sind ebenfalls Bauernunruhen ausgebrochen. Ueber den nördlichen Teil der entmilitarisierten Zone ist der Belagerungszustand verhängt worden. Die Bauernrevolte im Bezirk Hsianghohsien führte Dienstag zur Besetzung der auf der Grenze der demilitarisierten Zone gelegenen Distriktstadt durch die Bauern, welche an Stelle des geflohenen Bezirksamtsmannes den früheren Vorsitzenden der Pekinger Handelskammer einsetzten und«inen Bezirksausschuß bildeten. Starke Beunruhigung rufen Meldungen von ähnlichen, teils bereits ausgebro- nen, teils sich vorbereitenden Unruhen an aderen Plätzen innerhalb und außerhalb der demilitarisierten Zone entlang der ganzen Zonengrenze hervor. Man vermutet hier«inen engen Zusammenhang dieser Vorgänge mit der unter Führung der Separatisten Pai Chienwu und Shuh Uusan stehenden separatistischen Bewegung. Während die offiziellen japanischen Kreise einschließlich der japanischen Garnison in Nordchina von dieser Bewegung nach dem Pekinger Handstreich.Ende Juni energisch.abrückten, findet sie offenbar weiter die Unterstützung japanisch« rpolitischerAbent eurer, von denen bisher sechs in Hsianghohsien verhaftet wurden. KC: 18524 KC 10347 KC: K<5: KC: KC: KC: Orkan über Jamaika und Kuba Havanna. Ein von schweren Wolkenbrüchen begleiteter Tropenorkan, der vom Käribischen Meer südlich von Jamaika seinen Ausgang nahm, hat auf den Inseln Jamaica und Kuba ungeheuren Schaden verursacht und auch einige Menschenleben gefordert. Auf Kuba wurde hauptsächlich der Ostteil der Insel heimgesucht. In Santiago de Cuba stiirzten zahlreiche Gebäude ein, andere wurden beschädigt oder abgedeckt, darunter ein Hospital und ein elektrisches Kraftwerk. Die St ratzen sind mit Trümmern angefüllt. Der Cauto-Fluß trat infolge der Regengüsse über die Ufer und überflutete große Teile der Stadt. Bisher werden drei Tote und vier Verletzte gemeldet. Die benachbarten Orte Caimanera und Boqueron mußten von der Bevölkerung geräumt werden. Sämtliche Verbindungen dorthin sind unterbrochen. einzigartigen„Leistung" nicht achtlos vorbeige, gangen werden. Ein Bildchen, das einen an einetn Bartisch sitzenden Mann zeigt, und darunter folgender Text:, „Einer der Besucher der Parisex Tanzdiele, den wir Ihnen hier vorstellen. Dieser junge Große Unterschlagungen in Dux Am Dienstag erregte die Verhaftung der Beamtin Emma H a b r y ch, beschäftigt bei der Firma V y ch r in Dux, großes Aufsehen. Nach unseren Informationen handelt es sich hier um Unterschleife größeren Ausmaßes. Emma Habrych hatte die Lohnverrechnung inne und jede Woche einen Betrag von etwa 700. KL zugeschlagen. Dec Sohn des Fabrikanten überprüfte.letzthin eine solche Abrechnung, wobei er den Fehlbetrag feststellte. Eine Kontrolle aller Lohnlisten ergab nun daß im Jahre 1935 etwa 25.000 KL von dec Beamtin veruntreut wurden. Dabei soll dieses „Geschäft" schon drei Jahre währen, so daß ein: Schadenssumme von annähernd 100.000 KL vermutet wird. Frau Habrych wohnte im gemeinsamen Haushalt mit dem Oberoffizial Patig, der sich in der aufgelösten Nazipartei Hark betätigt hatte. Die Handlung hat in der Bevölkerung große Aufregungen verursacht, da allgemein bekannt ist. daß hier nicht aus Not gehandelt wurde, sondern anscheinend nur aus der Sucht,„noch mehr" zu haben, denn die Habrych bezog ungefähr 1000 siö monatliche Pension und den Gehalt» ihr Mann über 2000 KL Monatsgehalt. Die Defraudan« tin wurde verhaftet und dem Bezirksgericht eingeliefert. Geangelte Winterhilfe. Es wird schon beinahe zu einer erheiternden Angelegenheit, wie die braunen Volksbeglücker jenseits der Hakenkreuzgrenzen chr„Winterhilfswerk" fördern. Trotz allem Terror und vorgeschriebenen Abzügen gehen die Mütel besonders in diesem Herbst der Not und Lebensmittelknappheit und Teuerung nur spärlich ein... Und da verfällt man auf allerhand Ab- sonderlichkeiten. Nach einer uns zugegangenen verbürgten Mitteilung wurden jetzt in einem Oberlausitzer Grenzort die Angler in den Dienst des Winterhilfswerkes gespannt. Der Verein der Angler erhielt den Auftrag, an einem bestimmten Tage zugunsten der Winterhilfe zu angeln und das Ergebnis des Fischfanges dem Hilfswerk zur Verfügung zu stellen. Nun ist das aber keineswegs eine so einfache Sache. Das Ergebnis des Fischfanges mußte natürlich kontrolliert werden, damit die Volksgenossen Angler.,flicht etwa Schmu machen. Also waren die Ufer der..Neiße von Unterführern bevölkert, die die Angel-Ergebnisse einsammelten und fein säuberlich registrierten. Es wurde uns leider nicht die genaue Anzahl der „Kontrolleure" mitgeteilt, aber eine beträchtlich« Anzahl brauner Unterbönzchen dürften an diesem Tage des allgemeinen Winterhilfe-Angelns in Bewegung gewesen sein... Ein unübersehbare- Betätigungsfeld eröffnet sich hier übrigens für die Nachäffer hitlerdeutscher Mechoden in den Reih.n der Sudetendeutschen Partei. Die Wetterlage läßt noch immer nicht auf eine Besserung schließen. Aus dem Ostteile der Balkanhalbinsel, wo Mittwoch nachmittags plus 25 bis plus 27 Grad Celsius verzeichnet wurden, wird wärmere Luft dem Karpathengebiet zugeführt. Fm Binnenlande ist es dagegen kühl; in den nördlichen Alpenländern und in Böhmen wurden Mittwoch um 14 Uhr stellenweise nur 3 Grad gemessen, auf den Bergen schneit es bei leichtem Frost. Auf den Kämmen des BöhmerwaldeS und des Riesengebirges liegt nunmehr 20 bis-50 Zentimeter Schnee. Unsere Gegenden werden noch in der Nähe der Wärmegrenze verbleiben, so daß weiterhin mit unfreundlichem Wetter und vielfach mit Niederschlägen zu rechnen ist. Das Hochdruckgebiet, welches Mittwoch morgens über Deutschland lag, zieht nordostwärts ab und sein Einfluß wird infolgedessen bei uns nicht zur Geltung kommen.— Wahrscheinliches Wetter von heute: Vorwiegend umzogen und namentlich im Karpathengebiete regnerisch. Temperatur ohne wesentliche■ Aenderung, im Osten etwas kühler. Im Nordwesten des Staates wieder Abnahme der Niederschläge.— Wetteraussichten für F r e i t a g: Unsicher. Meist noch unbeständig und relativ kühl. Vom Rundfunk ■mpfehlenswertes aus den Programmen) Freitag: Prag, Sender L: 10.05: Deutsche Presse, 10.30: Schulfunk, 11: Schallplatte», 12.10: Kom- posttionen von Dvokak, 15: Schallplatten: Smetana, 16.40: Russisch für die Jugend, 18.10: Deutsche Sendung, Dr. Frankl: Leiter der deutschen Sendung: Vor zehn Jahren, die erste Prager deutsche Sendung, 18.45: Deutsche Presse, 19.10: Chor« konzert, 20.55: Konzert des Prager Rundfunkorche« stqrs. Sender S: 7.30: Salonorchesterkonzert, 14.50: Deutsche Sendung: für die Frau, 14.80: Berühmte Sänger singen Arien ausSmetana-Opern, 14.50: Deutsche Presse, 18: Schallplatte»: Dvobckk. — Brün» 13.30: Leichte Musik, 17.40: Deutsch« Sendung: Jng. Kürschner: Ergebnisse der jüngsten Vitaminforschung.— Mährisch-Ostrau 18.10: Deutsche Sendung: Schindler: Einige Fragen in einer ernsten Zeit,— Klavierkonzert, 19.10: Schlesische Lieder.— Prrßburg 19.30: Uebertragung aus dem l Nationaltheater„Zwei Witwen" von Smetana, Ziehung der Klassenlotterie Unverbindlich. Prag. Bei der Mittwoch-Ziehung der Klaffenlotterie wurdeir nachfolgende Gewinne gezogen: 206.06» 86.666 66.666 46.666 36.666 26.666 16.666 13286 5.666 160336 42425 79555 45305 25707 750 2.000 KC: 84903 71550 12636 46890 103246 Wieder vier Obdachlose in einem Strohschober verbrannt Leitwert tz. Dienstag in den frühen Morgenstunden geriet bei Trno- wanbei Theresienstadt ein Strohschober in Brand, der dem Gutsbesitzer SvadrovsKH gehörte. Das Feuer entstand wahrscheinlich durch Unvorsichtigkeit der dort nächtigenden Obdachlosen. Als das Feuer niedergebrannt war, fand man bei der Untersuchung der Brandstätte die K n o ch e n- restevon vier Menschen, die in den Flammen umsLeben gekommen find. Die Identität der Brandopfer konnte bisher nicht festgestellt werden. Die Untersuchung durch die Gendarmerie ist noch nicht abgeschloffen. Mann bat Ävar arobe Sände aber ein aoldenes! 57002 42900 57426 35458 64917 942 90727 40735 Ei 43945 51725 92011 81019 72413 89846 99390 59031 Herz. Nach, Der Arbeit, um sich von dem Sum- 2808 37124,44924 34688 19300 2852 57122 15275 I men Maschinen und dem Klopfen der Ham- 30312 17714 11389 107505 69425 81780 87672 ! wer zu erholen, kommt er hierher und hier ver-- 27420 65320 91082 27463 70189 162 76192 93131 l gißt er an Frau, Kinder, Sorgen und das bittere! > Dasein. Er sieht herrliche Frauen, das sorgenlose Leben um sich herum und unterliegt dem Zauber ' des Walzers auf dem glatten Parkett der Pariser Tanzdiele, dem Nachtcafe Prags." ; Nun, die Pariser Tanzdiele scheint nicht zu wis. 1 sen, daß wir den uns von ihr vorgestellten„jun- ' gen Mann" bereits längst kennen, und zwar aus ungezählten Berichten über— Familientragö dien und Gerichtsverhandlungen. Weniger be kannt war uns hingegen die Pariser Tanzdiele 1 selbst, beziehungsweise die einfach unerhörte Art ihrer Werbetätigkeit, die sich darin erschöpft, daß sie Männern, die ein Nachtlokal' aufsuchen, um dort auf Frau und Kinder zu vergessen, ein„gol- denes Herz" nachrühmt! Die neneste Gemeinheit. Mißhandlungen Unschuldiger, Folterungen durch die Gestapo, Denunziantentum, Menschenraub, sind Erschei nungen des Dritte» Reiches, welche die Welt zwar mit Abscheu erfüllen, aber kein Erstaunen mehr Hervorrufen. Aber die Phantasie eines europä ischen zivilisierten Menschen, und sei er ein noch so überzeugter Antifascist, reicht nicht aus, daß er nicht doch noch immer durch neue Gemeinheiten der Gesinnung, die ein, solches Regime mit sich bringt. -überrascht werden Ännte:' Eine derartige Ge meinheit bedeutet der Erlaß, welcher verfügt, daß die Namen der für Deutschland gefallenen Juden von den Ehrentafeln, di« den Opfern des Weltkriegs gewidmet wurden, zu löschen sind. Der Autor dieser Verfügung, Herr Dr. Josef Goebbels, dessen Glück in den Jahren 1914 bis 1918, im Besitz eines Klump fußes sein zu dürfen, ihn davor behütete, di- ' Schrecknisse des männermordenden Krieges auf sich nehmen zu müssen, hat damit neuerlich den Namen Deutschlands in einer Weise besudelt, daß man fast in Versuchung gerät, diese Maßnahme gut zu hei ßen, im Sinne des Namens jener, die vielfach in ehrlicher Begeisterung für ein Land, das sich ihrer und aller anständigen Menschen unwürdig zeigt, zur Opferung ihres Lebens bereit fanden. Mil lionen von Soldaten, welchen außer der Erinne rung an das Grauen dieser Zeit noch das Gefühl der Ritterlichkeit dem Gegner gegenüber geblie ben ist, werden dies« Maßnahme als eine maßlose Schufterei empsinden, die allerdings nicht imstande ist, die Tatsache aus der Welt zu schaffen, daß Mütter deutscher Juden ihre Söhne auf dem Felde der Unehre Deutschlands verloren haben und deren vermeintlicher Trost es war, daß es für das Land Goethes und Herders gewesen ist. Ein so„völlig uninformierter" teutscher Mann aber, wie Herr Konrad Henlein es ist, kann die Annäherung eines kultivierten Landes an das gegenwärtige Deutsch land verlangen, das von Menschen wie Streicher, Goebbels und Konsorten aus jeder europäischen Kulturgemeinschast tatensroh ausgestoßen wird, das seinen Stolz darein setzt, Menschen, die für Deutschland durch die Hölle alles Grauens gegan gen sind; nach ihrem Tode um den„Sinn" ihres Sterbens zu betrügen. Diese Herren stellen sich selbst vor der gesahnten europäischen zivilisierten Welt an den Pranger ihres teutschen Vaterlandes Das Urteil der Geschichte ist heute schon gefällt. Die Forderungen der Geburtsaffistentinnen. Beim Minister für öffentliches Gesundheitswe- s e n, Dr. Ludwig C z e ch, fand sich am Dienstag eine Deputation aus Vertreterinnen der Ge- burtsassistentichien Prags und Brünns so wie aus Vertreterinnen der deutschen Ge burtsaffistentinnen unter der Führung der Abge ordneten Kirpal und Jurncckovä ein. Die Geburts-Assistentinnen erstreben eine Si cherstellung ihrer sozialen und materiellen An sprüche sowie die hiezu erforderlichen Organisa tionen. Der Minister nahm die Klagen der Ge burtsaffistentinnen über die steigende Arbeits losigkeit und wachsende Zahl der Geburtsassisten« 1 tinnen zur Kenntnis. Er versprach, ihre berech- ttgten Ansprüche nicht nur in ihrem existenziel len Interesse, sondern auch im Hinblick auf die Gesundheit der ihrer Pflege anvertrauten Müt-! I ter und Kircher zu unterstützen. i 36615 15634 96363 58319 72700 3133 91713 94182 5718 94540 54987 74549 86187 50772 83206 75311 79875 72017 3024 20069 39909 55576 38015 64421 43107 89915 21618 52348 60998 66281 83548 60726 103499 38448 22643 65331 63018 20956 100896 76103 94762 15746 8043 33935 26762 53290 78768 84988 54397 83175 58808 18320 40916 85834 84609 80970 105557 96599 1260 KC: 96869 64477 94873 19012 37292 75694 7916 22160 78880 49002 101090 17742 Nr. 248 Donnerstag, 24. Oktober 1935- Serie 5 Riesenprozeß Staviski Paris. Der Staviski-Prozeß, der der Affäre, die ganz Frankreich erschütterte, ein juristisches Ende machen soll, rückt näher: am 4. November werden die Verhandlungen in Paris beginnen. Dem Ausmaß nach ist der Prozeß einer der größten, die je vor die Gerichte der ganzen Welt kamen. Vor Gericht stehen zwar„nur" 20 Angeklagte, und Staviski selbst ist ja tot, aber die Jury wird auf über 1300 Fragen zu antworten haben. Von dem Staatsanwalt find über 100 Zeugen geladen. Die Zeugenliste der Verteidigung ist noch nicht endgültig festgelegt, dürfte aber mindestens ebenso groß sein. Dabei beschränkt sich dieser Prozeß, wenigstens zunächst, nur auf die eigentlichen kriminellen Delikte, vor allem auf die Fälschungen der Anleihescheine von Bayonne, mit deren Entdeckung die ganze Affäre begonnen hatte, und zieht die politischen Rückwirkungen, die vermutlich nach Abschluß des Verfahrens gegen Staviski und Genossen zu einem Rattenschwanz von Beleidigungs« und Korruptions-Prozessen aller Art Anlaß geben werden, nicht in Betracht. Die teuerste Briefmarke der Welt London. Di« Philatelisten erwarten ein großes Ereignis: am 30. Oktober wird in London die teuerste Briefmarke der Welt versteigert werden. Es handelt sich um die 1-P«nny-Marke von Brftisch- Guinea aus dem Jahre 18öS, von der nur ein einziges Exemplar bekannt ist und die als viel kostbarer gilt als die sagenhafte»blaue Mauritius". Sie wurde durch Handdruck in einer Zeitungsdruckerei hergestellt und 1872 entdeckt. Sie befand sich damals in der Sammlung eines Schülers, der glaubte, sie für sechs Shilling sehr gut verkauft zu haben. Bier Jahre darauf erwarb sie der große Briefmarkensammler Baron Ferrari. 1922 wurde seine Sammlung versteigert und die Marke für 7ggg Franken für Arthur Hind zugeschlagen. Rach seinem Tode wurde seine Sammlung von seiner Witwe auf einer Londoner Auktion für insgesamt 130.000 Pfund verkauft, die jedoch die Guinea-Marke nicht enthielt. Die Witwe wollte sich von ihr nicht trennen und hatte sie mit 10.000 Pfund versichert. In Sammlerkreisen erwartet man, daß die Marke auf der bevorstehenden Auktion mindestens 300.000 Pfund erzielt! Die armen Millionäre! Trotz der heftigen Proteste der Filmindustrie hat der S t a a t K a- lifornien Erhöhungen der Einkommensteuer eingeführt, die teilweise bis zu IS Prozent gehen Als Folge davon hat der Zeitungsmagnat Hearst mitgeteilt, er beabsichtige, seinen Wohnsitz in Kalifornien aufzugeben und in Zukunft lediglich in New Dork zu leben, weil die staatlichen und die Bundessteuern 80 bis 90 Prryent seines Hjnkommens verschlängen. Hearst glaubt, daß auch andere reiche Kalifornier den Staat Kalifornien verlassen und daß die Filmgesellschaften ihren Sitz in den Staat New Dork verlegen würden. Die„Ruhe" in Spanien. In San Sebastian zerstörten unbekannte Täter sämtlich? Fernsprechleitungen, wodurch jede Verbindung mit dem übrigen Spanien sowie mit dem Auslande unterbrochen wurde. Der Flugzettelwettbewerb der Prager Radio- meffe. Mittwoch fand die Verlosung des Flugzettelwettbewerbes der Prager Radiomeffe 1935 statt. Insgesamt wurden 455 Gewinne im Werte von 61.000 Kc gezogen. In die Ziehungslisten kann bei den Radiohändlern Einblick genommen werden. Tendenzdichtung Welche Dichtung, die nicht Lyrik im allerengsten Sinne ist, Liebessang und Naturdichtung, ist keine Tendenzdichtung? Alle Blut- und Bodendichtung, alle „nationale" Dichtung, aber nicht minder der leichte wie der ernste Roman, das seichte wie das gehalt« bollere Theaterstück, find Tendenzdichtung. Freilich wollen daS zumeist weder die Dichter noch ihre Kritiker wahr haben. Für beide-ist Tendenzdichtung nur die sozialistische, die astlinationalistische, die den FasciSmus anklagende. Denn wer„bloß" religiös «der„gut deutsch" oder„vaterländisch" oder„Volks- gemeinschaftsbetont" schreibt, ist kein Tendenzdichter! Das ist bloß der auf anderem Boden, als die gefinnüngSverwandten untendenziösen Kritiker und Schreiber Stehende. Aber— gerade in den jüngsten Tagen muß die tendenziöse Betonung des Untendenziösen in der Dichtung ihre Stimme mäßigen. In einer Zeü, da die deutschen Dichter zwangSoraanisiert und kommandiert, unter genauer Beobachtung obrigkeitlicher Richtlinien„dichten" müssen und wichtiger als ihr Können die Raschheit und Straffheit der Hände» reckens vor dem barbarischesten aller Vergewaltiger der deutschen Sprache ist,— in solcher Zeit von tendenzloser Kunst zu sprechen, ist allzu gewagt. Und jene deutsche Dichtung, die außerhalb der Herrschgebiete des deutschen oder österreichischen FascismuS lebt und wächst und mehr und mehr die eigentliche, die wirklich wesentliche deutsch« Dichtung wird, hat nie verhehlt, daß fie bewußt tendenziös sein will. Politisch-tendenziös! Jedes deutsche Gedichtbändchen, das außerhalb der fascistischen Länder erscheint, atmet Tendenz. Freiwillige! Innerhalb dieser Länder: vorgeschrie- bene Tendenz. — Sagen Sie mal, hier ists heut so hell? — Ja, wir haben alle Lampen ausgetauscht. — Teurer Spaß! — Nein, denn es sind die neuen Tungsram „D" Doppelspirallampen. — Nun, und? — Die brennen heller und sie brauchen doch nicht mehr Strom. Wir kommen so viel besser aus. — Tatsache? — Tatsache1 GOtcrbahnhof zizhov vor der Eröffnung Der modernste Güterbahnhol Mitteleuropas steht zur Besichtigung frei Als nach dem Umsturz die ehemalige Landeshauptstadt Prag zur Metropole wurde, deren Einwohnerzahl nur ganz knapp unter der Millionengrenze bleibt, sah sich die Staatsbahnverwaltung vor die schwere Aufgabe gestellt, die brennend gewordene»Bahnhofsfrage" einer Lösung zuzuführen. Wie unzureichend die heute im Herzen der Stadt liegenden Bahnhöfe sind, Weitz jeder Prager aus eigener Erfahrung. Das Programm der Bahnber- waltung setzte sich das Ziel, die überlasteten drei Bahnhöfe der inneren Stadt durch Schaffung eines modernen Güterbahnhofes zu entlasten. Nach siebenjähriger Arbeit steht nun der Güterbahnhof Z.i z k o v vor seiner Vollendung und wird im Jänner nächsten Jahres seiner Bestimmung übergeben werden. Der Präsident der Prager Staatsbahndirektion hatte die Pressevertreter zur Besichtigung dieses wirklich imposanten Objektes eingeladen, das vom nächstenSonntagabdurchvier« zehnTagederöffentlichenBe- sichtigung freigegeben ist. Der neue Güterbahnhof, der modernste Mitteleuropas, liegt nördlich der Wolschaner Friedhöfe in nächster Nähe, des ehemaligen Gutes„Roter Hof". Die Exkursionsteilnehmer wurden mit Motor- Sonderzug vom Wilsonbahnhof über Straschnitz und Maleschitz an Ort und Stelle gebracht, wobei ihnen Gelegenheit geboten wurde, den n e u e st e n Motorwagentyp unserer Staatsbahnen kennen zu lernen, der gegenwärtig ausgeprobt wird. Dieser, für den Schnellverkehr berechnete, vier- achjige Motorwagen, dürfte sich bald die Gunst das reisenden Publikums erwerben. Es ist ein Wagen dritter Klaffe, aber seine Sitze sind mit Lederpolstern versehen und seine Ausstattung bei Vermeidung überflüssigen Prunkes ebenso geschmackvoll, wie zweckdienlich. Sein Gang ist darck ausgezeichneter Abfederung geräusch- und erschütterungsfrei. Der Präsident der Prager Staatsbahndirektion Dr. I a r o ch, der die Exkursion unter Mitwirkung mehrerer höherer Beamten persönlich leitete, hatte den Pressevertretern eine weitere Ueberraschung bereitet. Auf einem Geleise des neuen Bahnhofs waren einige interessante Lokomotiv« und Wagentypen aufgefahren worden. Da stand die Motordraisine, die seinerzeit(im Jahre 1918) für den Exkaiser Karl in der Pkkbramer Fabrik Vohorcka erbaut worden war, um den letzten Habsburger schnell von seiner Residenzstadt zum Hauptquartier des Generalstabs in Baden-Baden zu befördern. Das Vehikel mutet trotz der Pracht seiner Innenausstattung altertümlich an. Da der Umsturz inzwischen kam, war sein erster Passagier nicht der Exkaiser, sondern der erste Eisen bahnminister der ESR. Da stand ferner die älteste erhaltene Lokomotive Böhmens, ein unförmliches Ding ohne Führerstand mit dem Namensschild„K l a d n o". Ein Meffingschild mit altmodisch verschnörkelten Frakturbuchstaben verkündet, datz dieses Dampfrotz 1857 von der„Maschinenfabrik der Wien-Raaber Eisenbahn" erbaut wurde. Dieses 200 Tons schwere, ehrwürdige Monstrum ist Eigentum deS technischen Museums, aber heute noch durchaus betriebsfähig. Daneben steht die 2400 Tons schwere, neueste Schnell- zugslokomtive unserer Staatsbahnen. Ferner steht da der uralte Personenwaggon als kurioses Beweisstück für die Uickequemlichkeit des Reisens zu Zeiten unserer Großväter. Sektionschef H a n i s ch, der als Leiter der Bauabteilung des Eisenbahnministeriums an Ort und Stelle bewillkommte, wies darauf hin, datz das Ministerium trotz der Schwierigkeiten der Krisenzeit den Bau deS Rangierbahnhofes Zijkov durchgeführt habe in der festen Ueberzeugung, daß diese hohe Investition sich bezahlt machen werde. Und nicht nur da-— die Entlastung der Prager Bahnhöfe vom Frachtenverkehr wird auch deren Ausbau und der Erleichterung des Personenverkehrs zugute kommen, was vom Standpunkt des reisenden Publikums sehr zu begrüßen ist. Bei der folgenden Besichtigung des riesenhaften Komplexes konnten sich die Berichterstatter überzeugen, datz das Projekt wirklich in technisch vollkommenster Art durchgeführt und in seiner Art daS modernste in Mitteleuropa ist. Hinter dem, einen halben Kilometer langen Zaun mit breiten Einfahrten erhebt sich' das Verwaltungsgebäude, von welchem rechtwinklig rechts und links die imposanten Betonbauten der Magazin^ längs der Geleise aufragen. Sie sind ein« bis zweistöckig und reichen zwei Stockwerke tief unter die Erde. Die Geleise werden von fünf Stegen überbrückt, in deren Mitte gewaltige Aufzugstürme eingebaut find, die elektrisch betrieben werden. Die Autozufahrten find untertunnelt. Im zweiten Erdgeschotz befinden sich Kühlanlagen neuester Konstruktion und H e i z a n l a g e n, die bei strengen Frösten für entsprechende Erwärmung der Lagerräume sorgen. Die Waschräume, Kleiderablagen und Klosetts für das Personal lassen nichts zu wünschen übrig. Es ist leider, nicht möglich, auf alle bemerkenswerten Einzelheiten verdientermatzen einzugehen. Es steht der Oeffentlichkeit frei, sich ab nächsten Sonntag mit eigenen Augen von der technischen Vollkommenheit dieser imposanten Anlage zu überzeugen. rb. bleuer britischer Lenersistsdschek London. Mit Wirkung vom 1. April nächsten Jahres wurde zum Reichs-Generalstabschef der britischen Armee General Sir Curil Deverell, der bisher ein Armeekommando innehatte, an Stelle Sir Archibald Monigomery-Massingberds ernannt. Britisches Lazarett In Alexandrien Die Verhandlungen britischer Militärbehörden mit dem größten Hotel Alexandriens„Hotel San Stefano" sind, wie verlautet, nunmehr zum Abschluß gelangt, dahingehend, daß der gesamte Hotelkomplex an die Militärbehörden zurEinrichtungeines Lazaretts vermietet wird. HenMssaat Vladimir Watzke— 18 Monate Kerker Prag. Die Schwurgerichtsverhandlung gegen den Steueradjunkten Vladimir- W a tz k e, der wegen schwerer Verfehlungen des Mißbrauches der Amtsgewalt angeklagt war, wurde Mittwoch zu Ende geführt. Der Sachverhalt ist klar und der Angeklagte vollkommen geständig. Er hat, wie berichtet, unter Mißbrauch seiner AmtSeigen- schaft zwanzig Steuerzahlern Beträge bis zu 18.000 Kö heraüsgelockt, wobei er unberechtigterweise Bestätigungen ausstellte, Amtsstampiglien und Formulare verwendete und Unterschriften fälschte. Es ergab sich im Lauf der Untersuchung, daß er sich seiner späteren Frau zu Beginn ihrer Bekanntschaft als Doktor und Konzeptsbeamter der Finanzverwaltung vorgestellt hatte und später, aus Liebe zu seiner Frau, diese verhängnisvolle Lüge um jeden Preis auftechterhalten wollte. Da seine Bezüge mit den Einkünften, die er seiner Braut vorgespiegelt hatte, in keinem Verhältnis standen, er aber den Schein unter allen Umständen wahren wollte, ließ er sich zu den eingeklagten Malversationen hinreißen. Am zweiten BerhandlungStag wurden zahlreiche Zeugen einvernommen, die über die einzelnen Betrügereien auszusagen hatten. Diese Aussagen dienten lediglich der objektiven Feststellung des bekannten und vom Angeklagten eingestandenen Sachverhaltes. Von Jntereffe war lediglich die Einvernahme der Frau deS Angeklagten, die nach der vom Vorsitzenden GR. Kaplan erteilten Belehrung, daß sie als Gattin des Angeklagten sich der Aussage entschlagen dürfe, erklärte, aussagen zu wollen. Die Zeugin bekundete auf Beftagen des Vorsitzenden, datz sie von Haus aus an ein luxuriöses Leben gewohnt war und datz ihre Eltern nicht i.r die Eheschließung eingewilligt hätten, wenn sie gewußt hätten, daß der Be« Werber kein Doktor und Konzeptsbeamter, sondern ein einfacher Steueradjunkt war. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob fie den Angeklagten auch geheiratet haben würde, wenn sie die Wahrheit gewußt hätte, antwortete sie«ach einigem.Zögern, sie hätte das unter dem Einfluß ihrer Familie wohl nich t gewagt. Die Verhandlung endete damit, daß die Geschworenen den Angeflagten einstimmig schuldig erkannten Der Schwurgerichtshof ver- urteilte hierauf den Angeflagten unter Anwendung des außerordentlichen Milderungsrechtes zu achtzehn Monaten schweren Kerkers. rb. Das Gesetz über die Finanzmaßnahmen im Bereiche der Gebietsselbstverwaltung(Entschuldungsgesetz) von Dr. V. F r a n k, kann zum Preise von 10 1