IENTRALORGAN DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung frag xii., fochova«. telefon m HERAUSGEBER: SIEGFRIED TAU». CHEFREDAKTEUR: WILHELM NIESSNER. VERANTWORTLICH« REDAKTEUR: DR. EMIL STRAUSS, PRAG. Einzelpreis 70 Heller (•iMchlleSlidi 5 Heller Porto) 15. Jahrgang Freitag, 25. Oktober 1935 Nr. 249 England unzufrieden Keine Verminderung der Mittelmeerflotte Die zurückgezogene Division bleibt In Tripolis? Sonntag— Nationalrats wählen In der Schweiz Bern.(SDA) Sonntag, den 27. Oktober, finden in der Schweiz die Wahlen in den Nationalrat statt. Die Abgeordneten werden in allgemeiner, direkter Wahl nach dem Verhältniswahl- System gewählt. Leder Kanton und jeder Habbkanton bildet einen Wahlkreis und hat wenigstens ein Mitglied des Nationalrates zu wählen. Im Lahre 1931 wurde die Dauer der Wahlperiode für die Mitglieder des Nationalrates von drei auf vier Jahre erhöht und die Zahl der Abgeordneten in der Weise herabgesetzt, daß auf 22.000 Seelen der Bevölkerung ein Mitglied des Nationalrates gewählt wird, statt auf 20.000 wie vorher. Die Zusammensetzung des bisherigen Nationalrates nach dem Ergebnis der Wahlen des Jahres 1931 war folgende: katholisch-konservative Partei 44 Sitze, radikal-demokratische Partei 52 Sitze, Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei 30 Sitze und sozialdemokratische Par-' t e i 49 S i tz e. Diese vier größten Parteien vereinigten über 92 Prozent der abgegebenen Stimmen auf sich und hatten 1*75 von 187 Sitzen inne. Weiter hatte die liberal-demokratische Partei sechs Mandate, die sozialpolitische Gruppe 2, die kommunistische Partei 2, die kommunistische Parteiopposition und die evangelische Volkspartei je ein Mandat. Die Wahlkampagne ist sehr rege und steigert sich immer mehr, je näher der Tag der Wahl heranrückt. Die innerpolitischen Fragen werden dabei durch die Probleme der internationalen Politik in den Hintergrund gedrängt. Neben den bisherigen Parteien bewerben sich noch etwa 15 dissidente Parteien um Mandate. Trotz der zahlreichen Splitterparteien werden einander im Wahlkampf im wesentlichen nur zwei Lager gegenüberstehen, das eine gebildet von den bisherigen Regierungsparteien— Radikale, Konservative und Bauern—, das andere unter Führung der Sozialdemokraten, die einen G e- s am tplan sofortiger einschneidender Maßnahmen verlangen. Sie stellen von neuem den PlanderArbeitin den Vordergrund, der schon die Grundlage der„Kriseninitiative" bildete. Der Plan befürwortet in erster Linie die Verstaatlichung der hauptsächlichsten Produktionsmittel des Landes und verlangt eine vorherrschende Einflußnahme des Staates auf Wirtschaft und Finanz. Den neuen kleinen Parteien wird mit Ausnahme der Jungbauernbewegung nicht viel Wahlerfolg vorausgesagt, man erwartet eher, daß die| Stimmenzersplitterung den Sozialdemokraten zugute kommen wird. Trotzdem wird die bürgerliche Mehrheit mit 135 Mandaten gegenüber dem Ansturm der Linksopposition als gesichert angesehen, da die Sozialdemokraten und Kommunisten bisher zusammen nur 52 Mandate hatten. Die Neuwahlen werden voraussichtlich eine fühlbare Verjüngung des Parlaments bringen. Von den bisherigen Abgeordneten kandidieren 36 größtenteils aus Altersrücksichten nicht mehr und es kann damit gerechnet werden, daß ein Viertel bis ein Drittel neue Mitglieder in den kommenden Nattonalrat einziehen werden. polen beläßt nur einen Geschäftsträser in Präs? Gesandter Grzybowski kehrt nicht mehr zurück. Warschau. Der bisherige polnische Gesandte in Prag Dr. Väclav Grzybowski wurde zum Unterstaatssekretär im Miisterratspräsidium ernannt. Dr. Grzybowfli, der gegenwärtig in Warschau weilt, wird nicht mehrnach Prag zurückkehren, sondern sein neues Amt in Warschau übernehmen. Gleichzeitig wurde der Ministerialrat im Außenministerium Marjan Chodacki zum polnischen Geschäftsträger in Prag ernannt. * Die für Donnerstag«»gekündigte Abreise des bisherigen tschechoflowakischen Konsuls in Krakau Dr. Meixner erfuhr eine Verzögerung. Dr. Meixner hat nämlich bisher noch keine offizielle Verständigung der polnischen Behörden über die Entziehung des Exequatur erhalten. London.(Reuter.) Als der italienische Anterstaatssekretär für auswärtige Angelegenheiten S n v i ch den britischen Botschafter in Rom dahin informierte, daß Mussolini sich netschloffen habe, eine italienische Division aus Lhbien zurückznziehen, sprach er keinerlei Forderung nach einer Reziprozitäts-Maßnahme von britischer Seite aus. An britischen amtlichen Stellen wird der italienische Schritt wärmstens begrüßt, gleichzettig wird aber daran erinnert, daß eine Aenderung in der britischen Mittelmeerkriegsflotte einstweilen unwahrscheinlich sei. Es wird hervorgehoben, daß Großbritannien in Aeghpten etwa 25.080 Mann halte und daß das italienische Aebergewicht in Libyen auch nach der Abberufung einer Division aufrecht bleibe. „Daily Telegraph" dringt eine Meldung, derzufolge die Division, die die italienische Regierung von der libyschen Grenze abzubcrufen bereit ist, nicht wieder nach Jalien zurückgeschickt, Vie Lage London.(Tsch. P.-B.) Aus Addis Abeba wird gemeldet, daß auf Grund der hier eingrgangrnen Berichte mit größeren italienisch- abessinischen Gefechten in naher Zukunft zu rech- nea sei. Unbestätigten Gerüchten zufolge soll im Süden Abessiniens bereits eine schwere Schlacht im Gange sein. Der abessinische Befehlshaber Ras D e st a stehe mit etwa 300.000 Mann einem italienischen Kontingent von 140.000 Mann gegenüber, und zwar auf einer Front, die sich vom Webbi Schebeli nordwärts erstrecke. Der rechte Flügel der abessinische» Truppen, der seinen Stützpunkt an Schebeli habe, sei in ein Gefecht mit den Italienern eingrtreten. Die diplomatische Atempause, die durch die Vertagung des Sanktionskomitees und die Packe- leien zwischen London und Rom in die Auseinandersetzung um Abessinien eingeschaltet wurde, scheint auch auf die Kriegshandlungen einzuwirken. Kein Teil riskiert anscheinend eine entscheidende Schlacht, solange die Aussicht auf ein Kompromiß besteht und eine Niederlage die Aussichten des Gegners verstärken könnte. An der Nordfront dringen die Italiener langsam, freilich sehr langsam vor, wobei ihnen die Unzuverläsiigkeit der Stämme in Tigre und der Uebertritt des Ras Gugsa zu nützen, das Terrain und der Kleinkrieg sie zu hemmen scheinen. Ein Umgehungsversuch des Ras S y u m soll nach italienischen Meldungen gescheitert sein. Da- niit wäre für die Abessinier die letzte Hoffnung geschwunden, die Italiener durch eine Operatton im offenen Felde aus Tigre wieder hinauszu- wekfen; denn zu einem Angriff auf die befesttgte Front der Italiener zwischen Adigrat und Aksum fehlen den Abessiniern die Angriffswaffen. Dagegen scheinen sie enffchlossen, Makalle— etwa 80 Kilometer südöstlich Adua auf der Straße nach Magdala im Hochland gelegen— nicht ohne eine Schlacht zu räumen. Sie konzentrieren dort Truppen. Da De Bono nicht einfach frontal vorgehen kann, sondern seine Angriffstruppen erst aus der etwa 180 Kilometer langen Front herausziehen, auf die wenigen gangbaren Straßen verteilen und nach Freilegung der Defilees im Hochgebirge dann von neuem zur'Schlacht entwickeln muß, wird die Operation gegen Makalle so rasch nicht in Gang kommen. Die italienische O st a r m e e scheint am Musa Ali wirklich steckengeblieben zu sein und sondern in Tripolis in Reserve gehalten werden wird. Gut informierte Londoner Kreise verhehle« nicht, daß keine allzu große Hoffnung auf einen Erfolg der diplomatischen Sondierung des Bodens in Rom bestehe. Sanktionskonferenz einberufen Genf.(Havas.) Der Achtzehnrransschnß und die Sanktionskonferenz der Mitgliedstaaten des Völkerbundes wurden auf den 31. Oktober einberufen. Zweck dieser Beratungen ist, den Mitgliedstaaten die Antworten der einzelnen Regierungen über ihren Beitrttt zu den Sanktionen mitzuteilen und weiter über den Tag der Inkraftsetzung der Sanktionen Beschluß zu fassen. Auf die Beratungen und Entscheidungen werden wahrscheinlich die gegenwärtigen Verhandlungen zwischen Rom, Paris und London von Einfluß sein. Es kursierten Gerüchte, daß tie italienische Regierung nicht zu Brrhandkungen bereit ist, solange die Sanktionen nicht auf u n b e- stimmte Zeit verschoben werden, doch wurden diese Gerüchte weder amtlich noch halbamtlich bestätigt. ernsthafte Verluste erlitten zu haben. Mit ihrem Eingreifen dürfte vorläufig nicht zu rechnen sein. Im Süden haben Regengüsse und die Versumpfung der Täler den dort erwarteten raschen Vormarsch der motorisierten Armee des Generals Grüziani gehemmt. Auch nach dem Erfolg im Zentrum am Schebeli kommt er anscheinend nur langsam vorwärts. Die Abessinier konzentrieren hier, wo es ihre Bahn- und Wegverbindungen nach der Küste und Britisch-Somaliland zu sichern gilt, große Truppenmassen, vor allem wie es scheint, in der Richtung auf I o r o hm i, den Schtüsselpnnkt des 500 Kilometer breiten Kriegs- thcaters. Ob Wehib Pascha, der die Opera- ttonen im Si'chen leitet, einen Angriff wagen, ov er den Vorstoß Grazianis abwarten wird, läßt sich schwer sagen. Sicher ist nur, daß er sich spätestens südlich der Position Hara r—D j i- djiga schlagen muß, wenn der Krieg im Süden überhaupt einen Sinn haben soll. Für die Italiener wird das Gelände auch hier mit weiterem Vorrücken schwieriger, der Nachschub und die Wasserversorgung werden stark gefährdet, sein, andererseits können sie, je näher sie Harar kommen, desto leichter die Bahnlinie nach Addis Abeba, die große Hawäschbrücke und die rückwärtigen Verbindungen Wehibs mit ihren Bombern bedrohen. Churchill über die deutsche Gefahr London.(Tsch. P.-B.) Im Unterhaus wurde die Aussprache über die außenpolitische Situatton fortgesetzt. Winston Churchill machte in seiner Rede in sehr nachdrücklicher Weise auf die deutschen Rüstungen aufmerksam. Ganz Deuffchland gleiche einem Heerlager. Die deutsche Industrie wurde für die Kriegführung in einem so hohen Maße Mobilisiert, daß sich dies nicht einmal mit der Mobilisieruna der britischen Industrie im Jahre 1915 vergleichen lasse. In der Ostsee fanden Gefechtsübungen zahlreicher deutscher U-Boote statt, im Lande häufen sich Tanks, Geschütze, Maschinengewehre und Gasbomben. Das deutsche Kriegsflugwesen nehme einen schnellen Aufschwung und wir haben keine Hoffnung, daß unser Flugwesen sich'mit ihm messen könnte, wenigstens nicht in der nächsten Zeit, in welcher Form immer wir uns darum bemühen werden. Winston Churchill sprach die Ueberzeugung aus, daß die deutschen Rüstungen große Beunruhigung Hervorrufen müssen. Kompromißkurs in Polen —m. Warschau, Mitte Oktober. Die polnische Obersten-Regierung hat die schwere moralische Niederlage, welche sie bei den Parlamentswahlen im September erlitt, nur um wenige Wochen überlebt. Es half ihr wenig, daß sie in Sejm und Senat infolge der Wahlenthaltung der Opposition über eine erdrückend« Mehrheit verfügt. Die Tatsache, daß hinter diesen angeblichen Volksvertretern nur eine Minderheit der Staatsbürger steht, war zu deutlich geworden; di« leitenden Männer der Armee, die Oberschicht der Bürokratie und der aus diesen Kreisen beeinflußte Staatspräsident begannen zu fürchten, daß die Fortsetzung des bisherigen Kurses allmählich alle Klassen in immer schärferen Gegensatz zum Machtapparat bringen müßte. Der Industrie hatte diese Politik durch Steuerdruck und Aussaugung des Sparkapitals für immer neue Staatskredits schwere Belastungen gebracht, die die Konjunkturentwicklung hemmten und die Arbeitslosigkeit anwachsen ließen. Der Landwirtschaft suchte man durch Schuldenstundung und Preisstützungen vergeblich zu helfen, da der innere Markt in dem überwiegend agrarischen Lande ihre Erzeugnisse nicht aufnehmen kann und die Ausfuhr infolge der Weltkrise und der überall- wachsenden Zollmauern immer weiter zurückging. Außenpolitisch wurde die Stellung Polens immer schwieriger. Die Freundschaft mit Deutschland und Ungarn erregte Mißtrauen bei den Verbündeten in Frankreich und Rumänien, auf die doch niemand in Warschau verzichten will, seitdem die Berliner Ostpolitik in der Memelfrage wieder ihreü Ausdehnungsdrang verriet und auch in den Danziger Wirtschastskonflik- ten der Gegensatz zwischen den deutschen und den polnischen Interessen an der Ostsee von neuem sichtbar geworden war. Die Bildung des Pilsudfli-Lagers, die 1926 erfolgte, stellt einen jener vielen Versuche dar, di-. Klassengegensätze innerhalb der kapitalistischen Wirtschaftsordnung durch Komprcunisse zu überbrücken. Diese Aufgabe ist an sich unlösbar. Aber dem verführerischen Irrlicht einer vermeintlichen nationalen Solidarität von Großgrundbesitzern und Kleinbauern, Kapitalisten und Arbeitern folgten auch hier nicht wenige wohlmeinende Idealisten. Der vieldeutig schillernde soziale Aufbau der regierenden Partei gab nun dem Staatsoberhaupt die Möglichkeit, die K u r s r i ch t u n g de? politischen Führung zu ändern, ohne dazu Kräfte aus der Opposition heranzuziehen. Er berief an die Spitze des Kabinetts einen Mann vom linken Flügel des Pilsudfli-Lagers, den bisherigen Innenminister Koscialkowski, der als entschiedener Gegner fasci- stischer Methoden bekannt ist und verschiedentlich mit bäuerlichen.Demokraten und Sozialisten zusammengearbeitet hatte. Die wichtigsten Wirtschaftsministerien wurden bisherigen Direktoren großer Staatsbetriebe anvertraut, die nicht, wir die solang« regierenden Obersten die Wirtschaft i>i den Dienst von Verwaltung und Armee stellen wollen, sondern den Staatsapparat in den Dienst der Wirtschaft. Ihre erste Aufgabe soll die Verminderung der öffentlichen Aufwendungen fein, ihre nächste Sorge dann die Hebung der Ber« brauchskrast der breiten Massen in Land und Stadt und di« Belebung des Arbeitsmarktes. Die Durchführung dieses Programms wird nicht leicht sein, da die Beschaffung der dazu nötigen Mittel auf keinen Fall durch die Notenpresse erfolgen darf. Polen hat bereits zwei Inflationen hinter sich. Seine jetzige, seit einem Jahrzehnt stabil.: Währung kann es nicht nochmals preisgeben, ohne alle Sparer zu entmutigen und die hier noch nicht weit vorgeschrittene Kapitalsbildung gänzlich ab« zuschneiden. Die neue Wendung der polnischen Politik bedeutet gewissermaßen die Verbürgerlichung eines Militärregim.'s. Di« Wandlung der inperpolitischen Formen entspricht der Aenderung des sozialen Inhalts. Am wenigsten wird vorläufig die Außenpolitik davon berühtt werden. Außenminister Oberst Beck ist denn auch auf seinem Posten geblieben. Er wird in dem nun beginnenden Abschnitt des inneren Wirtschaftsumbaus seine ehrgeizigen Groß- machtziele allerdings noch vorsichtiger als bisher verfolgen müssen. Der Schaukelkurs zwischen dm an den afrikanischen fronten Seite 2 Freitag, 28. Oktober 1935 Nr. 249 französischen Verbündeten und den deutschen Freunden, zwischen korrekter Völkerbund-Diplom matie und selbständigen Husarenstreichen wie der einseitigen Aufkündigung des internationalen Minderheitenschutzes oder den wiederholten Her« ausforderungen der tschechoslowakischen Nachbarrepublik dürfte einstweilen fortgesetzt werden. Damit ist die Haltung dersoziäli- stischen Arbeiterschaft und der mit ihr verbündeten demokratischen Kräfte des Landes von selbst gegeben. Das Warschauer sozialistische Hauptorgan„Robotnik" hat die Aenderung der politischen Methode als einen gewissen Fortschritt bewertet. Aber eS konnte im Namen der gesamten Linken sprechen, als es erklärte, daß dieser bescheidene Fortschritt in keiner Weise genüge, um die großen Probleme dieses 35-Mllionen-Landes mit seinen scharfen sozialen Gegensätzen und seiner gefährlichen Lage zwischen dem kommunistischen Rußland und dem nationalsozialistischen Deutschland zu lösen. Auch der beste Wille des neuen Ministerpräsidenten wird über die Hindernisse einer demokratischen Entwicklung nicht hinwegkommen können, welche die im Frühling dieses Jahres eingesührte autoritäre Verfassung aufge- richtet hat. Der fascistische Nationalismus, wel cher von rechts her gegen di« Erben Pilsudstis anstürmt, ist zwar vorläufig durch die Maßnahmen der Regierung wieder auf einige Zeit gebändigt. Aber seine dauernde Ueberwindung wird nur durch Verständigung mit den breiten Volksmassen möglich sein, und eine solche Verständigung ist nicht innerhalb dieses Staatssystems möglich, sondern nur auf dem Wege seiner Ueberwindung. Einen ersten Schritt in solcher Richtung könnte die Aenderung der Wahlordnung bringen, welche sich so wenig bewährt hat. Gelingt es dem neuen Kabinett, jene Konjunkturbelebung herbeizuführen, welche es anstrebt, so wird damit ohne weiteres auch wieder die Kampfkraft der von der Wirtschaftskrise zermürbten Arbeiterschaft und die Bedeutung der gleichfalls zur proletarischen Front gehörenden Millionen von Kleinbauern wachsen. Die Verbürgerlichung des Militärregimes bezieht diese Schichten noch nicht in di« Mächte ein, die das Schicksal Polens tätig mitzubestimmen haben. Aber sie bringt sie dem Einfluß auf die Führung des Staates doch bereits um einen großen Schritt näher. Politische Bewegungsfreiheit ynd inneres Selbstvertrauen deS polnischen Sozialismus sind in diesen Wochen verheißungsvoll gewachsen. Minister Genosse Dr. Derer spricht zur deutschen sozialistischen Jugend Vom Problem des Sudetendeutsditums Prag. Donnerstag abends veranstaltete die „Freie Bereinigung sozialisti« scherAkademiker"im Hörsaal I des Clementinums eine schlichte, aber eindrucksvolle Feier des Gründungstages unserer Republik. Die Stirnseite des Saales war mit den Staatsfarben und mit der roten Fahne dekoriert, neben dem Rednerpuü stand eine Masarykbüste. Eingeleitet wurde die Feier durch den Gesang der Staatshymnen in deutscher Sprache, vorgetragen von "einem Chor der Bollssinggemeinde. Dann begrüßte Genosse Doppler unter stärkstem Beifall den als Festredner erschienenen M i n i st e r Genossen Dörer, ferner die Rektoren der deutschen Hochschulen und den Prodekan der philosophischen Fakultät. Genosse Minister Dr. C z e ch und die Rektorate der tschechischen Hochschulen hatten Begrüßungsschreiben geschickt. Primator Dr. B a x a hatte unseren Gemeindevertreter Genossen Dr. S ch w e l b mit seiner Vertretung betraut. Nach der einleitenden Ansprache des Genossen Doppler nahm Minister Genosse Dtrer das Wort. In tschechischer Sprache beginnend, dankte Genosse Dr. Dfrer zunächst für den herzlichen Empfang und sprach seine Freude aus, vor sozialistischen deutschen Akademikern zu sprechen, die mit dieser Feier ihr rückhaltloses Bekenntnis zu unserer demokratischen Republik ablegen. In fließender deutscher Red« fortfahrend, wieS Genosse Dr. Dtrer darauf hin, daß ungeachtet aller Schwierigkeiten und Hindernisse der tschechoslowakische Staatsgedanke in breiten Schichten des deutschen Volkes Fuß fasse und daß auch die radikalen Strömungen dieser Tatsache Rechnung tragen müssen. Das jahrhundertelange Zusammenleben der Deutschen und Tschechen auf dem Boden dieses Staates ist eine historische Tatsache, aber auch eine Notwendigkeit von europäischer B e- d e u t u n g, an der bei'Gründung des Staates nicht vorbeigegangen werden konnte. In seinen weiteren Ausführungen zog Genosse Dr. Derer eine Parallele zwischen Belgien und der Tschechoflowakei. Wie jenes in einem Raume liegt, wo der französische und deutsche KultUrkreiS aufeinanderstößt, so liegt die Tschechoslowakische Republik an dem Grenzraum zwischen Deutschtum und Slawentum und haben in dieser Funktion große Aufgaben zu erfüllen. Die Deutschen müsse« sich ihrer Situation vernünftig bewußt werden, stch dem Staat ernordnen und in gemeinsamer Arbeit mit der anderen Ration sich die ihnen gebührende Geltung verschaffen. Genosse Dörer wies dann auf die schwere Gefahr hin, die irredentistische Bestrebungen in allen europäischen Staaten für den Weltfrieden bedeuten. Eine Verständigung zwischen Deutschen und Tschechen kann nur auf der BassS der hier traditionellen demokratischen Grundsätze geschehe«, auf die hier nie verzichtet werde» wird. Die hiesigen Deutsch«» müßten sich dieser Notwen- dlgkeit voll bewußt sein, auf die sie schon ihre jahrhundertelange Symbiose mit den Tschechen hlnweist und ihre organisch aus diesem Zusammenleben entwickelte Eigenart, die sich von der der übrigen Deutschen unterscheidet. Leute, die sich nicht von der Benwitst leiten lassen, sondern gewisse» Einflüsterungen von außen folgen, betreibe» eine herostratische Politik, deren schwere Folgen über das Volk komme» würden, da- sich verblende» ließe. Redner kennzeichnete die demagogische Politik deS vernunftlosen, aber aufreizenden Schlagwortes, mit der die Reaktion die Massen zu mobilssieren trachtet. Wie in Deutschland alles Uebel der Demokratie und dem Sozialismus in die Schuhe geschoben wurde, so gibt es auch im deutschen Lager Leute» die für alles den Staat und die Regierungsparteien, vorab die Sozialisten, verantwortlich machen. Nachdem Genosse D«rer mit warmen Worten die aktivistische Politik der deutschen Sozialdemokraten gewürdigt hatte, betonte er, daß der Sozialismus in erster Linie berufen sei, die nationalen Fragen mit Vernunft und Besonnenheit zu behandeln, und dieser Aufgabe ist er auch mit viel Mut und unter großen Opfern nachgekommen. Genosse Derer schloß mit einem Appell an die Jungen, die erfüllt find von der großen Sendung des Sozialismus, ihre Kräfte im Dienst der Vernunft, Humanität und Völlerverständigung einzusetzen. Der Rede Dr. Dürers folgte minutenlanger brausender Beifall. Nach tschechischen Rezitationen(Blanka B o l e- n o v ä) beschloß die Feswersammlung die Absendung eines Begrüßungstrlcgrammcs an Präsident Masaryk, worin den von ihm vertretenen Idealen eines europäischen Humanismus Treue gelobt und Mitwirkung an der Erhaüung und Entwicklung unserer demokratischen Republik versprochen wird. In einem weiteren Telegramm an«Außenminister Dr. Benes bekennen sich die Teilnehmer der Feier zu der von ihm vertretenen Politik der kollektiven Sicherheit und des unteilbaren Friedens, worin der demokratisch und sozialistisch gesinnte Teil des Sudetendeutschtums mit der großen Mehrheit des tschechischen Volkes einig sei. Nötigenfalls werde die sozialistische Jugend alle Kräfte zur Vernichtung der Friedensstörer und zur Aufrichtung eines neuen Europas einsetzen. Nach dem Vortrag desLiedesvonder Arbeit durch die Volkssinggemeinde und den abschließenden Dankesworten des Vorsitzenden schloß die Feier mit dem Gesang der«Internationale". rb. Grundtendenz: weiter allmShlicheßelebuns Der Bankrat Uber die Wirtschaftslase Prag. Dem in der Donnerstagsitzung des Bankrates der Nationalbank vorgebrachten Geschäftsberichte für den verflossenen Zeitabschnitt entnehmen wir folgendes: In der Tschechoflowakei herrschte auch im letzten Monat verhältnismässige Ruhr. Die Gnind- entwicklung der Wirtschaft geht in der Richtung einer«eitere» allmähliche» Bele bung, wobei bedeutendere Verschiebungen in der Beschäftigung saisonmäßig begründet sind. Auf dem Geldmärkte konzentrierte sich das allgemeine Interesse auf die Verhandlungen über die Regierungsaktion zwecks Herabsetzung der Zinssätze, Konversion her Ääätsanlekhen und Lösung'des^Problems der Verschuldung. In den Rahmen dieser Aktion fällt bereits die Konversion der Novemberkassenscheine zu einem um 1 Prozent niedrigeren Zinsfuß. Ein günstigeres Zeichen in der Entwicklung der Staatsfinanzen ist die allmähliche Besserung des Steuer- und Abgabe n- e r t r a g e s. Die Preisentwicklung, gemessen an den letztbekannten offiziellen Indexen, zeugt von nur geringen Verschiebungen. Lediglich der Großhandelsindex der empfindlichen Preise befindet sich im Einflange mit der Entwicklung auf den Weltrohstoffbörsen im Steigen. In der industriellen Beschäftigung kam es nur zu örtlichen Verschiebungen auf dem Niveau deS Vormonats; in einigen Branchen deS Volkskonsums machte sich die im Herbst saisongemäße Belebung geltend und auch die Bau- saifon und die Investitionen der öffentlichen Hand trugen zur Erleichterung des Arbeitsmarktes bei. In der Exporterzeugung war die Lage nach den einzelnen Betrieben und Richtungen des Absatzes verschieden, wobei die Unruhe über die italienische Kriegsaktion beträchtliche Unsicherheit verursachte. Der Transport erfuhr im September eine größere Belebung als in derselben Zeit deS Vorjahres, hauptsächlich im Jnlandsverkehr. Die Scptemberergebniffe im Außenhandel zeugen von andauernder Durchdringung der freien Auslandsmärkte mit tschechoslowakischer War« und von weiterem Anstieg desGesamt- Umsatzes. Auffallend ist namentlich die hohe Ziffer der Rohstoffeinfuhr und die beftiedigen- den Ergebnisse der Ferfigwarenausfuhr, was um so wichtiger ist, als dies bei einer größeren Anzahl von Exportwaren der Fall ist. In der ruhigen und stefigen Entwicklung der tschechoslowakischen Währung auf den Auslandsmärkten gab eS auch im verflossenen Monat keine Aenderung. Der Bankrat genehmigte ferner den Antrag der Geschäftsleitung auf Erweiterung des direkten Wechselkredites an Produzenten, der bisher nur im Exportgeschäft gewährt worden war, auf den Eskont von Wechseln, die aus Geschäften aufdemJnlands markt stammen. Hiezu solle die Regierung ersucht werden, die Garantie in Wertpapieren in Höhe von 809 Millionen Kö auch auf den direkten ESkont von aus Geschäften auf dem Jnlandsmarkte stammenden Wechseln auszudehnen und nach Bedarf um weitere 200 Millionen KC zu erhöhen. $4 Prozent Sonderprämie für Kupons der Arbeitsanleihe. Aus emer Kundmachung des" Finanzmini- steriums geht hervor, daß auf die am 1. Dezember 1S35 fälligen Kupons der Arbeitsanleihe eine Sonderprämie von einem halben Prozent des Kapital- betrage- ausbezahlt wird, wodurch sich also die Verzinsung von 5 auf 5}4 Prozent erhöht. Das Finanzministerium wäre verpflichtet, am 1. Dezember erstmalig die Arbeitsanleihe mit einem Zwanzigstel des Gesamtbetrages von rund 2010 Millionen Kc zu amortisieren, d. h. 100,817.000 Kd durch Verlosung zu tilgen. Nach dm seinerzeitigen Zeichnungsbedingungen wäre hiezu eine zehnprozentige Prämie iM Betrage von 10,051.700 Kd zu bezahlen. Nun benützt das Finanzministerium zur Amorttsierung der Anleche durchwegs Stücke, die es auf Konw der Erbschaftssteuer usw. statt Bargeld entgegengenom- men hat, so daß die Verlosung entfällt. Im Sinne der ZeichnungLbedingungen ist das Finanzministerium verpflichtet, dkt zchnprozenttze Prämie, den Anleihe- besitzrm in Form eines SonderzuschlageS- auf den Dezember-Kupon zu vergüten. Für die Kupons werden also am 1. Dezember folgende Beträge ausbezahlt werden: Nominale Zinsen plus Sonderprämie statt normal 200 Kc 11.— KC 10 Kä 500„ 27.50„ 25„ 1.000„ 30.—„ 25„ 5.000„ 150.—„ 125„ 10.000„ 300.—„ 250 ,, 50.000„ 1.500.—„ 1,250 ,, Die Stücke zu 200 und 800 Kc Nominale haben bekannüich Jahreskupons, die übrigm Halbjahreskupons. VILLA OASE oder: DIE FALSCHEN BORGE» Roman von Bugene Dablt Berechtigte Uebertragung bub dem Französischen von Bejot Einmal blieb er, nachdem er die Möbel abgewedelt hatte, vor Helenes Porträt stehen. Ja. die war endgültig ausgelöscht. Ohne das Bild hätte er sich ihr Gesicht nicht mehr vorstellen können. Wie dumm von ihm, daß er eS hatte machen lassen. In dem Augenblick war eS losgegangen. Und zuletzt konnte Irma sich überhaupt nicht mehr trennen von der Photographie. Sie himmelte sie an, als sähe sie auf zu einer Heiligen. „Das Mädel hätte in Kanada bleiben sollen, zwischen Arbeitern, zu denen eS gehörte", sagte er sich.„Uns wäre Wohler. Ja, lache nur noch...." Die Wut packte ihn. Er hob den Arm und riß das Bild vom Haken, so daß die Scherben klirrend auf den Boden fielen. „Warte nur, jetzt kommst du in die Rumpelkammer." Er stellte«ine Leiter auf, kletterte nach oben, öffnete eine Falltüre und kroch auf den Boden. Ein Nagel machte einen Riß in das Bild, mitten durchs Gesicht. Er höhnte und warf es zu anderem Gerümpel. So, nun konnte Helene ihn nicht mehr ärgern. Die Stelle, an der sie gehangen, sollte ein Bild von Irma einnehmen, die Vergrößerung einer Photographie aus Saint-Dizier. Er sah die Umstände, unter denen sie gemacht worden war. Es war die Zeit ihret Flitterwochen, eine scheußliche Zeit, die sie in dem traurigen Provinznest pcrlebt hatten. Aber Irma war schön, tüchtig und unermüdlich gewesen, er waghalsig und zu allem bereit. So hatten sie, allen Widerständen zum Trotz, den Grundstein zu ihrem Wohlstand legen können. Wie gern hätte er die Jahre noch einmal auSgekostet l „Nun bist du allein, Julien." Er setzte sich an den kleinen Tisch und trommelte nachdenklich auf die Platte. „Ob ich an Berthe schreibe, daß sie am Sonntag kommen soll? Man hat sich wochenlang nicht gesehen." Er öffnet« die Schreibmappe, suchte einen Bogen und fand zwischen zwei Löschblättern einen unvollendeten Brief. „Nanu, Irmas Handschrift?" murmelte er vor sich hin. Er setzte seine Brille auf, las einige Zeilen, hielt inne. Was bedeutete das? Er fing von neuem an zu lesen, zähneknirschend und mit schwellenden Adern. Dann zerknüllte ec den Brief in der Hand und schrie auf: „Saubande!" Er macht« die Schranktür« auf, warf di« Wäsche durcheinander, holte die Kassette hervor und suchte den Schuldschein, den Alfred ihm unterschrieben hatte. „Weiß Gott, er hat ihn geklaut! Ich schreibe ihm, nein, ich fahre mit dem nächsten Zug nach Paris. Das soll er mir büßen, der falsche Hugh!" Er bekam keine Lust, hörte sein Herz schlagen und mußte sich setzen. Seine Frau hatte ihn mit dem Freunde betrogen— wer weiß, wie lange?— und beide hatten ihn eingewickelt. Als er Irma kennenlernte, war sie natürlich schon Alfreds Geliebte gewesen. Er hatte es immer geahnt, aber die Vergangenheit ruhen lassen wollen. „Reingelegt haben sie mich, die Biester." Jetzt wurde ihm alles klar. Die guten Ratschläge, die Alfred ihm gegeben hgtte, als es um den Verkauf des Hotels ging, Irmas Zärt- lichkeiten, ihre berühmten Anfälle, ihr Bedürfnis, sich zur Ruhe zu setzen... alles war Schwindel gewesen. Man mußte sich ja ekeln vor ihnen. Alfred, der einzige Jugendfreund, der ihm noch geblieben, war für ihn tot,' erledigt, ausgelöscht. Er würde ihn nie Wiedersehen. Eine solche Sauerei konnte kein Glück bringen. Und Irma.... „Gut, daß sie krepiert ist, die Hure!" Er hätte sie getötet, doch nicht einmal das wäre sie wert gewesen. Und um ihretwillen hatte er sich Sorgen gemacht, ihr zu Liebe sich hier eingekapselt. Er hielt sie für unglücklich, während sie sich Alfred von einer anderen Seite zeigte. „Ich muß der Hanswurst aller Kollegen gewesen sein", dachte er. Er war unfähig, den Gedanken fortzuspinnen, sich zu beklagen, ja selbst zu fluchen. Wie ein geprügelter Hund kam er sich vor. In der Vergangenheit würde er bestimmt nicht mehr Trost suchen, wenn der Weltschmerz ihn übermannte. Das Bild einer Irma heraufbeschwören, di« ihm Hörner aufgesetzt hatte? Wahnsinn! Er drückte beide Hände gegen seine Brust, als wollte er das, aus einer Wunde strömende Blut zurückhalten. VII x Von Woche zu Woche fühlte Julien seinen Schmerz schwächer und schwächer werden. Er dachte zwar noch ost an Irmas Verrat, aber wie an eine Sache, die weit, weit zurücklag. Im ersten Zorn hatte er den Brief zerrissen, den er übrigens auswendig kannte. Nach und nach war ihm ein Wort entfallen oder eine Wendung, und er mußte seine Willenskraft ausbieten, um seiner Schwäche, die ihn geneigt machte, zu vergessen, Herr zu werden. Für Irma empfand er bald mehr Nachsicht, als ihm selbst lieb war. Vielleicht hatte sie sterbend noch an ihre Schande gedacht? Dann war sie grausam genug bestraft, und er war nahe daran, ihr alles zu vergeben. Eines Nachmittags im Mai war er auf den "Friedhof gefahren, um Blumen auf Papa Adams und Charliers Grab zu legen. Den beiden bewahrte er ein gutes Andenken. Und dann war er einer inneren Stimme gefolgt, die ihn zu seiner Familiengruft getrieben hatte. Er stand barhäuptig davor und las mit Ingrimm die Worte:„Familie Monge." Eine schöne Familie! Ein hergelaufenes Mädel und eine treulose Frau, die beide nicht einen Tropfen französischen Bluts in den Adern hatten. Er hatte sie im Leben bei sich ausgenommen und ihnen ein Obdach gegeben, wie er ihnen jetzt, im Tode, einen Namen gab. Er zerdrückte eine Träne. Seine Dicke hatte ihn betrogen, aber dennoch hatte er glückliche Jahre an ihrer Sette erlebt. Daß er sie jetzt kaü» stumm und starr unter der Erde wußte, erschien ihm als ein zu hartes Los. Hatte er denn nicht auch, verführt von seinen Zechkumpanen, gelegentlich andere Frauen gehabt? Machte er sich deswegen Gewissensbisse? Seine Devise war immer gewesen, das Leben zu genießen. Er bedauerte nichts. Die gute Zeit war sowieso dahin. Er dachte daran ohne Bitterkeit, wie an Irma. Den Wunsch, das Leben nochmals zu beginnen, hatte er nicht mehr. Dazu war das seine nicht leer genug gewesen. Blickte er in die Vergangenheit zurück, so sah er Abenteuer, Freuden und Mühen, und auch die Mühen hatten mit den Jahren die Gestalt von Freuden angenommen. So war es immer gewesen. Seit seiner Knabenzeit bis an die Schwelle des Alters. Denn nun wurde er alt. Er merkte es an seinen Gewohnheiten. Des Morgens ging er, seinen Knotenstock in der Hand, gefolgt von Bobby, auf seine Tour. Er hatte das Gefühl, als wohne er schon seit vielen Jahren in Chapelle-sur Seine. Er kannte alle Straßen, alle, Häuser, alle die protzigen Villen, die er Schlösser nannte. Hinter den Gittern sah er die Besitzer selbstgefällig in ihren Sesseln sitzen. Sie schienen so glücklich zu sein, wie er und Irma eS zu werden gehofft hatten. Autos fuhren zur Seine. ^(Fortsetzung folgt.>' Nr. 249 Freitag, 25. Oktober 1935 Seite 3 Lieber Henlein sei doch nett! Bei der Teplitzer Heerschau haben die gedrillten Mannen Henleins im Sprech-Chor gerufen »Wir wollen den Führer sehen" und damit große Teil« des Publikums tatsächlich bis zur Raserei blöd gemacht. Das erinnert aber schon sehr an die Sprech-Chöre, die Goebbels in Berlin bei verschiedenen Gelegenheiten steigen ließ, wie den niedliche» Vers: Lieber Führer sei doch nett. Komm noch mal ans Fensterbrett! Einmal woll'n wir dich noch sehn Und dann, brav nach Hause gehn. Fensterbrett war leider in Teplitz keines da. Sonst war alles wie beim großen Adolf. Man wird es aber noch besser organisieren müssen, sonst macht sich jeder seinen eigenen Reim und es passieren dumme Sachen. Schließlich fällt es einem noch ein, das Goldhähnlein mit einem neckischen„Puttputtputt" zu locken. Die Herren Fabrikanten und Gutsbesitzer, die im Auto zur Kundgebung erschienen waren, werden sich ihren Vers beim Anblick der wohlassortierten Hühnerfarm ja gedacht haben und er dürfte so ähnlich lauten, wie Wilhelms Buschs Betrachtung: Sudetendeutscher Zeitspiegel Henleins Millionen In der„Sudetendeutschen Freiheit", dem Organ der Sudetendeutscken Arbeiterpartei, lesen wir unter der Ucberschrift„Woher hat Henlein seine Millionen?" folgende für die Henleinpartei bezeichnenden Auslassungen: „Ein Arbeiter erlaubte sich anläßlich einer Amtswaltertagung, in welcher die Wahlpropaganda behandelt wurde, die bescheidene Anfrage woher die riesigen erforderlichen Mittel zu der großzügigen Propaganda, wie man sie vor den Amtswaltern entwickelte, Herkommen sollen. Sein Führer Henlein anttportete ihm barsch:„Dar lasten Sie meine Sorge sein." Dem Arbeiter wird die Antwort des Führers wie eine Kaltwafferdusche vorgekommen sein, zumindest unverständlich, denn ganz sicher war er vor seiner Volksgemeinschaftszugehörigkeit in irgendeiner Arbeiterpartei organisiert, iig Gegensatz zu seinem Führer, der aus den politischen Windeln noch nicht heraus war. Die Gepflogenheiten einer demokratischen Organisationsform stehen der nach dem Führerprinzip aufgebauten Partei entgegengesetzt. In der ersteren hätte sich der Führer Henlein eine stichhaltige Formulierung feiner Antwort zurechtlegen müssen, wenn ihm die wahrheitsgemäß« Auskunft peinlich gewesen wäre. Nach dem Führerprinzip ist das einfacher. Da sagt man:„Das gehn Dich einen Schmarren an, das ist meine Sache" und wenn der Anfrager damit nicht zufrieden ist, fliegt er ä tempo als lästiges Mitglied aus der Partei." Hier bestätigt ein Kenner der spezielles Verhältnisse in der Henleinpartei das, was wir Sozialdemokraten immer über das Führerprinzip gesagt haben. Nicht unwesentlich ist auch, was der Artikel weiter zu berichten hat: „Wir wisse«, dass Henlein von den Jndnstriellen gefüttert wurde und dass Henlein dir SdP in deren Hände gespielt hat «nd damit den sudetendrutschen Arbeiter»rr- kaufte. Tiefe Wahrhrit konnte Henlein nicht offen bekennen, als«S galt, den Arbeiter zu gewinne««nd den AnSdrutungSzwecken der Kapitalist« auSzuliefern. Hier ist das Motiv für das Tafchenfüllcn gegeben. Hier ist die Gegenleistung gegeben, die Verzinsung deS Anlagekapitals wahrscheinlich. Die Geldgeber werd« diesmal ihr Geld verlieren, ste werd« eS nicht in der üblichen Weise auS der Arbeitskraft deS werktätig« Volkes herauSfchinden können, weil der so fern ausgeklügelte Plan durch dir in der TdP organisierten Arbeiter zum Teil schon erkannt wurde und von all« erkannt werde« wird." Protestkundgebungen der Bergarbeiter Die„Union der Bergarbeiter" veranstaltet in einer Reihe von Orten Protestkundgebungen gegen die Herabsetzung der Renten der Berg- arbeiterpensionisten. Solche Kundgebungen finden statt am SamStag, dem 26. d. M„ in Elbo- gen und in Teplitz-Schönau, am Sonntag, den» 27. d. M., in Brüx, Komotau, Dux, Falkenau, Zwug(für das Pilsner Revier), in Schatzlar, in Eipel und in Radowenz. Weitere Kundgebungen fü^en in Mähr.-Ostrau, in Kladno, Rossitz und in der Slowakei statt. Dänemark«nd die Einheitsfront. Wie wenig ernsthaft die Kommunisten das Problem der Einheit der Arbeiterklasse nehmen, zeigt wieder ein« mal das dänische Beispiel und die Kommentare der komunistischen Presse. Da schreibt die„R o t e Fahne" nach einer Feststellung des Linksrucks, bei dem die Sozialdemokraten 100.000 Stimmen und sechs Mandate, die Kommunisten 10.000 Sttmmen, aber kein neues Mandat gewonnen haben, u. a. folgendes: Da- Wahlergebnis hätte allerdings eine noch größere Bedeutung, wenn in Dänemark und vor allem im internationalen Maßstab die Einheitsfront bereits geschlossen wäre und die Kraft dieser Massen im einheitlichen Weltkampf um den Frieden und gegen den Fascismus eingesetzt werden könnte. Dazu ist es nicht uninteressant, aus der Vorgeschichte der Wahl zu wissen, daß die Kommunisten sehr großsprecherisch die Sozialdemokraten aufmerksam machten, daß sie zwar an ihrer Sonderkandidatur festhalten, aber bereit seien, die Regierung Stauning zu unterstützen, falls diese ihre Mehrheit einbüßen sollte. Die Sozialdemokraten antworteten, daß sie selbst sich stark genug fühlten, die Mehrheit zu behaupten und sich für eine Unterstützung mit Wenn und Aber nicht in- Paris. Der Ministerrat hat am Mittwoch drei Verordnungen angenommen, von denen dir erste die Waffeneinfuhr und den Waffenbesitz radikal einschränkt. In der zweiten Gesetzesvrrordnnng wird u. a. bestimnK, dass Kundgebungen und Aufmärs che drei bis fünfzehn Tage vorher anzumelden sind. Wer an einer nicht angemeldeten oder verbotenen Kundgebung teil- nimmt, wird mit Gefängnis bis zu sechs Monaten bestraft. Auf Waffentrage» bei einer Kundgebung steht Gefängnis bis zu zwei Jahren. In der dritten Gesetzesverordnung heisst eS u. a.: Nach dem Gesetze von 1901 ist jede Vereinigung, tue gegründet ist, um einen sitten- oder gesetzeswidrigen unerlaubten Zweck zn verfolgen, oder die den Bestand deS nationalen Gebietes und der republikanischen Regierungsform Abbruch zn tun geeignet ist, null und nichtig. Im Falle dieser Nichtigkeit, so fügt die neue Gesetzesverordnung hinzu, wird die Der Londoner„Daily Herald", daS Organ der Labour-Party, gibt der Mißstimmung der englischen.. Anhänger be£ Völkerbundes Mer die ischwankende Haltung deS Außenministers Hoare gegenüber Mussolini Ausdruck und berichtet, daß in weiten Kreisen Englands das Gefühl herrsche, daß Edens Werk in Genf durch diplomatische Verhandlungen zwischen Rom, Paris und London unterminiert werden solle. Der„Daily Herald" bemerkt dazu: «Als Sir Samuel Hoare in Genf am 11. September erklärte, daß Großbritannien seine Bölkerbundpflichten zu erfüllen bereit sei, fand er im Lande ein mächtiges und spontanes Echo. Denn vier Jahre lang hatte die Regierung ein schändliches Beispiel für den Verrat des Völkerbundes durch England gegeben. Millionen schöpften plötzlich wieder Hoffnung, aber heute beginnen sie daran zu zweifeln, ob diese Hoffnung Der Reichsbischof zur Demission gezwungen? Berlin. Hier waren am Donnerstag Gerüchte verbreitet, daß der Reichsbischof Müller seine Demission gegeben habe. Diese Gerüchte dürfen den Tatsachen vorauSeilen. Es ist jedoch bezeichnend, daß für den Reichsbischof und seine Kanzlei keine Mittel mehr aus dem Budget verwendet werden soll«. In protestantischen Kreisen rechnet man daher mit der in den nächsten Tagen erfolgenden Demission deS Reichsbischofs. teressierten. Der Wahlausgang beweist, wie stark die Sozialdemokratie in Dänemark ist und wie überflüssig die KP mit ihren 27.000 neben den 760.000 sozialdemokratischen Stimmen. Die Regierung verfügt über eine größere Mehrheit als vor der Wahl und ist auf die Gnade der zwei Kommunisten nicht angewiesen. Wenn diese so tun, als könnte eine Einheitsfront unter diesen Verhältnissen die Weltgeschichte wandeln, so ist daS nur lächerlich. Wenn sie jedoch den Arbeitern einreden, mit der dänischen Einheitsfront könnte man den Weltfrieden retten, und Mussolini von Kopenhagen aus bezwingen, so ist das der Versuch leichffinniger Täuschung der Arbeiter über unsere wichtigsten Lebensfragen. Es ist schon so, daß die Urheber der Spaltung, nun da sich das Unglück von 1920 mit allen seinen Folgen zeigt, die Einheitsftont als Ausrede gebrauchen, mit der alles enffchuldigt werden soll, was so leicht leider nicht wiedergutzumachen ist. Es ist, als würde der Brandstifter, der eine Stadt eingeäschert hat, den Abbrändlern jetzt seine Schrebergartenhütte als vollwertigen Ersatz anbieten... Auflösung der Bereinigung ausgesprochen. Man nimmt an, dass sich dieser Passus in erster Linie gegen die Rrchtsorganisation richten soll. Ueberkali auf Pierre Cot Paris. Der radikale Deputierte und ehemalige Minister Pierre Cot wurde Mittwoch, als er den Saal verlassen wollte, wo er am Abend einen Vortrag gehalten hatte, von einer Gruppe von Anhängern der„Französischen Solidarität" überfallen. Einer der Angreifer versetzte ihm eine Ohrfeige gerade in dem Augenblick, als er hinter dem Volant seines Kraftwagens Platz nehmen wollte. Cot verlor für einen Augenblick die Herrschaft über den Wagen, der sich nach rückwärts in Bewegung setzte und einen der dort stehenden Demonstranten zu Boden riß. Er wurde schwer verwundet, daß er sofort einem Krankenhaus übergeben werden mutzte. begründet war. Um Sir John Simon, Lord Lon- donderry, Chamberlain und Lord Hailsham sammeln sich wieder die reaftionären Kräfte im Kabinett. Sie waren genötigt, Eden'seinen Weg gehen zu lassen, zumal die Verteidigung des Völkerbundpaktes mit der Verteidigung der imperialistischen Interessen zusammenzufallen schien. Jetzt aber scheint«S, als wäre die Reaktion wieder fester im Sattel und wollte die imperialistischen Interessen durch einen Handel mit dem Duce verteidigen. Di« konservattven Zeitungen, die mit der reakffonären Clique in Verbindung stehen, fordern offen Edens Kopf. Und, was noch schlimmer ist, Sir Eric Drummond wird zum Duce geschickt, um ihm zu sagen, daß die britische Regierung keine Absicht hat, mehr zu verlangen als die ersten und mildesten Maßnahmen, die daS Völkerbundgesetz vorsieht." Dünemark bestellt Kampfflugzeuge London.„Daily Expreß" zufolge hat Dänemark in Großbritannien achtzehn einsitzige Gauntlet-Kampfflfugzeuge bestellt. Sie sind die schnellsten Flugzeuge, die die britische Luftstreitmacht besitzt. Die Sanktionen eine Spiegelfechterei? Kabinett Laval gegen Rechhorganhatlonen Hoare gegen Eden? Mancher gibt sich viele Müh, Mit dem lieben Federvieh. Einesteils der Eier weg«, welche diese Vögel legen; G ES sind für unsere Fabrikanten bekanntlich wirklich g o l d e n e Eier... Zweitens, weil man dann und wann Einen Braten essen kann, AlS Eintopfgericht für die Vollshilfe— Drittens aber nimmt man auch Ihre Fede« in Gebrauch, In die Kissen und die Pfühle, Denn man liegt nicht gerne kühle... Die Ernährer und Züchter der Sudcto-Henlein sicher nicht. Sie liegen gern« warm und weich. Darum der große Betrieb in der Farm. Und die Federn nimmt man zuletzt noch f ü r d i e 8 ei« tungen in Gebrauch, wie die tollen Berichte der Henleinpresse über Teplitz beweisen. Vorsicht also mit Henlein-Sprech-Chören! Die Zeit wird ohnehin kommen, da von der Herrlichkeit nur ein johlendes Kikeriki übrig bleibt und das getäuschte Volk nur wünschen wird, daß der Geier die Hähnlein holen soll, die ihm buchstäblich das Brot weggefreffen hab«! Alexandria.(Tsch. P.-B.) Aus allen Teilen Aegyptens treffen hier ständig Baumwollballen ein, welche die Exporteure noch immer anfordern. Sie benöffgen nämlich dringend eine große Menge von Baumwolle, um sie noch am gleichen Tage nach Italien zu versenden, ehe die eventuellen Sanktionen gegen Ende des Monates in Geltung treten. In der Zeit vom 17. bis 24. Oktober wurden 70.600 Baumwollballen nach Alexandrien aus dem Landesinneren verschickt. Gewöhnlich wird zu dieser Zeit bloß eine Menge von 28.100 Ballen nach Alexandrien befördert. Art unsere Leser«nd Kolporteure! Da anläßlich des Staatsfeiertages am Montag, dem 28. Oktober, in den Druckereien nicht gearbeitet wird, entfälltdieDiens, tagausgabe vom 29.Oktober unseres Blattes. Die Verwaltung. bei Rheuma. Kreuzschmerzen u. Gliederreißen Staatsbegräbnis für Bohumir Bradät Große Beteiligung In seiner Heimat Zidovice, einen lleincn Ort in der Gegend von Jiiin, wurde der verstorbene Parlamentspräsident Bohumtr Bradäö am Donnerstag zu Grabe getragen. Hunderte von Autos mit hohen staatlichen Funktionären und Freunden des Toten blockierten in den frühen Mc-rgenftunden die wenigen Zufahrtsstraßen. Die Bevöllerung kam bis aus der weiten Umgebung trotz dem strömenden Regen in Massen herbeigeströmt, um den Toten zu ehren. Die sonst so ruhige kleine Gemeinde war voll von Soldaten, Angehörigen der Bauernreiterei, der Feuerwehren, deS Sokol etc.. Auf den Hof des einfachen Gutes wurden nur die offiziellen Trauergäste eingelassen, die anderen harrten in st»inendem Regen auf dem Dorfplatz vor dem Haus« aus. Anwesend waren außer den Familienmitgliedern die Regierung mit Malypetr an der Spitze, der den Präsidenten der Republik vertrat, die Parlamentspräsidien, zahlreiche Parlamentarier, Vertreter der staatlichen Aemter, die Generalität und höhere Stabsoffiziere, zahlreiche Parlamentsangestellt« und unzählige Delegationen. Der Sarg war auf einem Katafalk inmitten des Hofes aufgebahrt. Nach den kirchlichen Zeremonien, die Senator Krojher leitete, sprachen für die Nationlversamm- lung Dr. Soukup, für die Regierung Malypetr, für die Agrarpartei Beran. Dann wurde der Sarg von Parlamentsangestellten in den Leichenwagen gehoben und ein riesiger Zug, der von Bauernreitern, Kavallerie und Infanterie eröffnet und von einer schweren Batterie beschlossen wurde, fetzte sich zum Friedhof in Chroustov in Bewegung. Am offenen Grabe sprachen lokale Funktionäre der Agarpartei, worauf der Sarg unter militärischen Ehrenbezeugungen und unter den Klängen der Staatshymne der Erde übergeben wurde. Vie definitiven Ernteschätzungen Das Statistische Staatsamt veröffentlicht die Ergebnisse der endgültigen Ernteschätzung für daS Jahr 1988. Für den gesamten Staat kommt das Statistische Staatsamt zu folgenden Ergebnissen: •) Durchschnitt der Jahre 1929 bis 1938. Ernte- fläche in 1000 Ha Gesamterträge in , Millionen q. Hektar ertrag in a. Winterweizen 1988 908,2 16,2 17.8 1984 841,2 12,4 14.8 29/38") 802,6 14,1 17,6 Sommerweizen 1985 54,9 0,7 18,1 1934 89,7 1,1 12,8 29/33 86,7 0,6 17,0 Winterroggen 1985 988,6 16,1 16.8 1984 964,7 14,9 15,5 29/88 1.018 18,2 17,0 Sommergerste 1985 689,5 10,5 16.5 1984 655,8 10,2 16.7 29/88 695,5 12,9 18,7 Hafer 1935 768,1 10,2 18,4 1984 788,8 15,1 29/38 826,0 /iß 17,6 Der Klub der deutschen Sozialdemokraten in der böhmischen LandeSvertretung hielt Donnerstag seine konstituierend« Sitzung ab. Es wurde ein dreigliedriger Vorstand gewählt, der aus den Genossen Bruno Grund(Tetschen) als Obmann, Dr. Emil Strauß(Prag) als Obmannstellv ertrrter und Richard Lorenz(Teplitz-Schönau) als Schriftführer besteht. In der Sitzung wurde das Bovgehen bei der heutigen konstituierenden Tagung der böhmischen Landesvertretung festgelegt. Butterknappheit in Deutschland dauert an Berlin.(Tsch. P.-B.) Da die Butterknappheit kein Ende nimmt und nach wie vor in d-n Buttergeschäften etwaige Vorräte von den wartenden Menschenschlangen im Nu ausgekauft sind, ist eS nicht verwunderlich, daß unter der Berliner Bevölkerung in der letzten Zeit Gerücht« auftauchen, wonach Butter« und Fettkarten schon gedruckt seien. Der Berliner Gender dementierte am Donnerstag in einem Gespräch„Neues aus der Wirtschaft" diese Gerüchte und erllärte, daß die Ausgabe von Lebensmittelkarten nicht beabsichtigt sei. Seite 4 Freitag, 25. Oktober 1935 NgeÄMÜgLeiten- Logen auf!— Der Führer kommt! Etwas ganz Kolossales hat sich abgespielt. Herr Henlein wollte der Parlamentstrauersit- zung für den verstorbenen Kammerpräsidenten Bradää in einer Loge beiwohnen und die> Hauskanzlei hat dem sudetendeutschen Hitler mitteilen lassen, daß er nur eine Galerie- karte haben könne, weil die Logen für die Diplomaten und die Senatoren reserviert bleiben müßten. Und dieser Tatsache stellt nun nach dem übereinstimmenden Bericht der Henlein-„Zeit" und der henleintreuen„Bahemia" einen„Konflikt der SdP mit dem Kammervizepräfidenten MarkoviL" dar. Schrecklich, dieser Konflikt! Wir sind ernstlich besorgt, daß Genosse Markovic für die nächsten Wochen um seinen Schlaf gebracht ist! Denn jetzt hat er von jenem Klub, der Herrn Henlein unterstellt ist, einen fulminanten Schreibebrief bekommen, in dem ihm auseinandergesetzt wird,- daß der Führer der„st ä r k st e n pol i- t i s ch e n P a r t e i" sich doch„nicht mit einer Galeriekarte zufrieden" geben könne, daß hier ein entsetzlicher„P r ä z e- d e n z f a l l" vorliege, der die Henleinisten „zur schärfsten V e r w a h r un g zwingt", denn es sei eben unerträglich, noch nicht dagewesen, beispiellos, daß Henlein der Trauersitzung nicht„in gebührender Form" beiwohnen konnte. Herr Henlein und seine Mannen haben also ernstlich geglaubt, daß das Kammerpräsidium sich vor Freude auf den Erdboden setzen werde, weil Herr Henlein geruhte, einem Trauerakt beiwohnen zu wollen, und daß es ihm eine wo- niöglich bekränzte Loge zur Verfügung stellen werde. Als ob es für den Staat, die Bevölke- rung und ihre parlamentarischen Vertreter auch nur von der mindesten Bedeutung wäre, ob Herr Henlein ins Haus kommt, geschweige denn, wo er sitzt! Eine köstliche Nummer dieser„Volks"ver- treter, dem's an der Ascher Wiege gesungen wurde, daß er's nicht unter einer Loge im Pra- ger Parlament tun werde! Ja da rennen dem Rattenfänger aus Asch die Männlein und Weiblein, die es nicht besser verstehen, in Haufen nach und daraus schließt er, man müsse auch in Prag die Logen aufreißen, wenn er seinen Führer-, schein vorzeigt. Mst nichten, Herr Turnlehrer! In Prag hat sich der„Führergedanke" nicht durchgesetzt. Hier sind Sie, eben weil Sie da in eine Demokratie hineingeraten sind, eben nicht mehr und nicht weniger als der Herr Henlein, vor dem sich kein Mensch auf den Bauch legt. Weil Sie, Herr Henlein, ständig an das Ihnen unbekannte Deutschland denken, machen Sie einen Fehler nach dem andern. Weil draußen Menschen in Konzentrationslagern gefoltert werden, glauben Sie, in der Demokratie verlange es der„gesellschaftliche Takt", der miserablen Imitation eines fluchwürdigen Vorbilds die Logen aufzureitzen? Nein, nein! Man hat Ihnen die Antwort durchaus in der„gebührenden Form" gegeben und es wäre Zeit, daß Sie aus „Präzedenzfällen" etwas lernten! Aber natür- lich steht es Ihnen auch frei, sich demnächst auf einen sudetendeutschen Marktplatz hinzustellen und den Arbeitslosen zu erzählen, daß man es in Prag gewagt hat. Ihnen neben Universitäts- Professoren, Arbeitern und Angestellten, neben Frauen der„Gesellschaft" und Bäuerinnen einen Platz auf der Galerie anzubieten. Erzählen Sie das dem notleidenden deutschen Volk im Sude- tengebiet! Vielleicht wird man Sie dann dort bedauern, daß'Sie es nicht so gut haben wie der Hitler. Vom Sturm davongetragen Schicksal von vierzig Arbeitern Sofia. Mittwoch abends und heute nachts gingen,.über einem Teil von Bulgarisch-Mazedonien s^chwere Wolkenbrüche nieder. In der Ortschaft Simetli in Südwest-Bulgarien, in der Nähe der Stadt Djuma, überschwemmten zwei in den Struma-Fluß mündende Gebirgsbäche, die in kurzer Zeit meterhoch anschwollen, sämtliche Straßen. Zahlreiche Brücken, Häuser,"Scheunen und Stallungen wurden von den Fluten fort- gerisien. Die Eisenbahnlinie nach Petrisch ist streckenweise weggeschwemmt und mußte außer Verkehr gesetzt werden. Sämtliche Fernsprechleitungen sind unterbrochen. Nach den bisher vorliegenden Meldungen hat das nächtliche Unwetter auch Menschenopfer gefordert, deren Zahl noch nicht feststeht. Vierzig beim Straßenbau beschäftigte Arbeitslose, die in einem Lager bei Simetli untergr- bracht waren, wurden in der Nacht vom Sturm überrascht und zum größten Teil davongetragen. Nur zehn Arbeiter konnten der Katastrophe entgehen. Bisher sind 17 Leichen geborgen worden. Man befürchtet, daß sich die Zahl der Toten noch Mmronenfälschung französischer Franken i» Polen Kattowitz. In der Wohnung eines gewisien Isaak Nowakowski in Sosnowitz hob die Polizei eine Falschmünzerwerkstätte aus, in der französische 50 und 500 Frank-Noten hergestellt wurden. Die Polizei beschlagnahmte etwa einhundert falsche Noten, und die gesamte Einrichtung der Werkstatt, die bereits seit mehreren Monaten in Betrieb stand. Nach den bisherigen Feststellungen haben die Falschmünzer fast eine Million französischer Franken hergestellt, von denen etwa 500.000 Frank nach Frankreich eingeschmuggelt wurden. Das Falschgeld wurde an aufgedeckt bestimmte Personen in Wertbriefen nach Frankreich gesandt, die für die Weiterverbreitung des Falschgeldes sorgten. Die Sosno- witzer Polizei verfolgte bereits seit vier Monaten die Spur» ohne daß es gelungen wäre, die sehr geschickt zu Werke gehenden Täter stellen zu können. Erst jetzt erfolgte die Aushebung der Falschmünzerwerkstatt und die Festnahme der drei Brüder und zahlreicher Helfershelfer aus Lemberg. Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen. weiter stark erhöhen wird. Die ganze Bevöllerung ist in Schrecken und Trauer versetzt. Die Hilfsmaßnahmen sind bereits im Gange. Tausende Opfer der Beulenpest Shanghai. In Südwe st-Sin- k i a n g sind der Beulcnpest mehrere tausend Menschen zum Opfer gefallen. Die Regierung hat der Anstellung sowjetruffischer Aerzte in den Krankenhäusern zugestimmt, bis chinesische Aerzte rintrrffrn. Waldbrände fordern Menschenopfer Los Angeles. In der Nähe von Los Angeles sind 47 beim Straßenbau beschäftigte Sträflinge und eine ganze Reihe von Cowboys, die mit ihren Viehherden vor den in der Umgebung ausgebrochenen Waldbränden auf der Flucht waren, von den Flammen eingeschlossen worden. Die Stadt Los Angeles selbst ist von riesigen Staub- und Sandwollen bedeckt. Bisher sind über hundert Wohnhäuser niedergebrannt, darunter vierzig Luxüsbesitzungen im elegantesten'Villenviertel der Stadt. 250 Personen haben Brandwunden und Verletzungen erlitten und mußten in die Krankenhäuser eingeliefert werden. Der Schaden wird bisher auf über eine M i l l io»Dollars geschätzt. In einer Entfernung von etwa sechzig Meilen wüten noch heftige Waldbrände. Vater und Sohn als Mörder Innsbruck. In T i e s e n s in Südtirol verhaftete die dortige Gendarmeriestation den Großlandwirt Gantererund seinen Sohn, weil beide Männer das bei ihnen als Magd beschäftigte Mädchen-Susanne Bozener ermordet hatten. Der junge Großbauer hatte ein Liebesverhältnis mit dem Mädchen unterhalten, welches nicht ohne Folgen geblieben war. Da der junge Ganterer der Verpflichtung zu Alimentationszahlungen nicht nachkommen wollte, entschloß er sich, gemeinsam mit seinem Vater das Mädchen aus dem Wege zu räumen. In einem Walde, in den der junge Großbauer mit dem Mädchen spazieren ging, überfielen beide, Vater und Sohn, die Bozener und erdrosselten sie. Bergmannstod Brüx. Im Kohinoor-Schacht in Bruch wurde der 25jährige Bergmann Rudolf B e r a n e k von herabstürzenden Kohlen verschüttet und getötet. Ziehung der Klassenlotterle Unverbindlich. Prag. Bei ded Donnerstag-Ziehung der Klassenlotterie. wurden nachfolgende Gewinne gezogen: 40.00«»5 12000, 10.000»ö: 13416 38078 52510 14838 45332, 5000 Kö: 13411 74404 91874 52827 89044 95338 45461 27505 68311 4119 75149 83969 108266 71670 212 53125 46964 90655, 2000 K«: 20093 101676 95921 55619 43924 21441 107855 52222 88029 76881 16989 86698 65702 68442 31546 37563 33504 30148 67049 103945 28081 22194 102626 58898 105163 105960 88089 104930 10846 42113 13011 97469 58131 96777 62892 92298 4338 73845 20897 107804 45865 51420 759 107843 73676 53304 47774 65990 32149 65863 38687 96037 47733 52561 34177 38162 29735 52118 68359 65084 32947 72937 46268 45400 64288 43517 30039 99572 79994 89117. 1200 K5: 12711 24825 36125 92758 32904 103579 77274 92551 52179 26247 30300 19743 8573 68354 73100 51167 85121 94838 81695 18709 4440 31919 107900 78846 12863 25366 49717 77907 44912 15518 55611 65308 17719 58527 1733 30197 10982 52743 48618 49695 62908 97450 34280 94163 28623 14251 54647* 69749 64346 108409 72142 33890 109978 80286 20144 94349 13625 27891 94342 79933 102516 2663 42848 25908 44995 76639 11557 33931 24164 76172 87526 77917 68847 50179 12793 104974 76439 30984 72192 93198 26638 97152 75182 68924 39280 67628 49846 65990 51350 75840 40455 105095 51940 7037 20002 31843 80326 86796 * 27575 21622 52507 100517 90159 5575 8401 17854 i 79805 56136 40699 92436 53564 12497 95991 10074 66963 44632 18039 40307 77085 86427 73645 80749 109082 2598 85477 58179 90858 31207 21635 33742 14837 30768 57308 90221 49222 14238 1305 11207 32613 14208 30132, Der„König der Biergangster" in New Aork erschossen New Aork. Der berüchtigte New Dorker Gangster Dutch Schultz(Arthur Flegenheimer) wurde in einer kleinen Spelunke in der Nähe von New Aork von einer gegnerischen Bande mit Maschinengewehr niodergeschoffen und liegt im Sterben. Zwei Mann seiner Leibwache wurden getötet, zwei andere schwer verwundet. Schulz hatte in den letzten Jahren der Prohibition den gesamten Bierhandel in New I)ork kontrolliert. Er hat zahlreiche Morde auf dem Gewissen und war der letzte Gangster der Prohibitionszeit, dem es gelungen war, den Verfolgungen der Polizei zu entschlüpfen.- „Jugend singt«ber die Grenzen". Der deutsche Rundfunk ist mit dem Dritten Reich identisch. Wer den deutschen Rundfunk hört, hört das Dritte Reich. Deswegen erfreut dieser Rundfunk sich ja auch einer solchen Beliebtheit bei der Sudetendeutschen Hitler-Front. Haben die Demokratien einen Grund irgend eine Propagandaaktion des Goebbelsrundfunks zu übernehmen? Mit Staunen und Empörung liest man nun die Ankündigung, daß Sonntag, den 27. Oktober, eine Weltsendung stattfindet, an der fünf Kontinente beteiligt sein werden. Wer die Unwahrheit des neuen Deutschtums auch nur ein wenig kennt, kann keinen Zweifel haben, woher diese Seüdung kommt. Das Programm heißt:„Ju- gend singt über die Grenzen". Hört man nicht das Dritte Reich schon in diesem Titel? Da ist alles drin: die Schwärmerei für die Jugend, denn Jugend kann doch nicht anders als„Nation nalsozialistisch" im deutschen Sinn sein, denn das Dritte Reich' ist ja auch das Reich der Jugend im Gegensatz zum verkalkten Alter des Libera- lismus und Marxismus. Und dann gar das Singen„über die Grenzen"! Wer schickt denn so gern Mörder und Menschenräuber über die Grenzen, wer ruft mft verlogener Sentimentalität nach den„Brüdern" über die Grenzen; wer klagt Tag und Nacht über Deutschlands Gren- zen? Und wer lehrt die Jugend, daß Deutschlands Grenzen von 1914 noch viel zu eng sind für das kommende Deutschland der 250 Millio» nen? Und richtig: die Aufführung beginnt in Deutschland. Und das, was da singen wird, soll Deutschlands Jugend sein? Deutschlands Ju- gend sitzt in Konzentrationslagern, sieht Visier und Brüder von braunen Banden aus dem Haus gerissen; Deutschlands Jugend wird gezwungen, den Stürmer als Schullektüre zu studieren; Deutschlands Jugend übernimmt es in Rudeln Juden, Geistliche, unschuldige Menschen zu verhöhnen; Deutschlands Hitlerjugend grüßt mit „Christus krepiere". Das ist die Wahrheit. Die freundlichen Volkslieder, die sie am 27. Oktober im Rundfunk singen wird, sollen der Welt eine Fröhlichkesi vortäuschen, die nicht mehr existiert. Ja, wenn Deutschlands Jugend im Rundfunk die Sprechchöre auftagen würde, mit denen sie deutsche Städte verpestet: das wäre eine Rundfunkreportage, die der Wahrheit entspricht. Aber auf Befehl lächelnd und mft bleckenden Zähnen ä la Goebbels am Rundfunk der Welt erscheinen: das ist ein Propagandatrick, auf den die Weltradioo^anisation hereingefallen ist. Auf Deutschland folgt Großbritannien. Aber Ruß- land fehül Macht der Rundfunk Propaganda gegen den Ostpakt? Dann muß man erst recht sagen, wie empörend das ist. Rundfunk und Demokrat«. Es ist, schwer, keine Satire zu schreiben. Gibt es endlich wieder einmal einen Lichtblick in der Erscheinungen Flucht, aus dem die Demokratie neue Kräfte und Ansporn zum Handeln schöpfen könnte, blecht unser deutscher Rundfunk-Pressedienst zu Hause und läßt wieder einmal alle Fünfe gerade sein. Am Dienstag fanden in Dänemark Parlamentswahlen statt. Unsere Presse berichtete schon I Tage vorher über den Kampf der demokratischen I dänischen Negierung gegen die fascistischen und reaktionären Kräfte in diesem Lande und die Bedeutung der Wahlen für die gesamte Demokratie, insbesondere für diejenigen Staaten, in denen Bauern und Arbeiter gemeinsame Koalitionsregierungen bilden. Also müßte doch gerade u n s e<. amtliches Nachrichtenbureau darüber etwas im Rundfunk zu sagen haben. Woher denn! Um 1 Uhr mittags am Mittwoch gab wohl der L e i p- zigerSender einen aus dem man nicht oerah» kaP" Wahlbericht, mokratie erkennen ko nte; x" der De« Abendrelation unseres ßj?', tn& et deutschen «eblich aus einen Bericht werten man Oer* artig mangelhaften£t. ner bet* Zuhörer direkt auf die LAZJ n. 9« jeder verwiesen, womit wohl unserer F°^er nicht gedient ist.' ercc Staatsfuhrung freiwillige Arbeitslager von der"” nb befreit. Das Postminister^„ Erlässe' für alle Postdirektion-n 3- e l wichtige chen der Rundfunkemvfano laut wel- Lugend erleichtert werde/soll^Es^sin^'?^ Erlässe, Zahl 1883—XI—35 SJS tue 1935 und Zahl 51 812—XI Vi 5an™ c August 1935. Jener leat den 10