Il IENTRALORGAN DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung präg xii.,fochova a. Telefon am. HERAUSGEBERi SIEGFRIED TAUB. CHEFREDAKTEUR: WILHELM NIESSNER. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR■ DR. EMIL STRAUSS. PRAG. Hanlpnis70HBltar (•iMchliaBIkh 5 Hadar Part») 15 Jahrgang Mittwoch, 2V. November 1935 Nr. 270 hlordchlna Vitt„seldstLndlz" Ins l.eden sa Die autonomistische Regierung Nordchinas wird unter dem Namen„Nordchinesischer Ausschuß der Republik China zur Bekämpfung des K o m m« n i s m u s" vor dir Oeffentlichkeit treten. Japans grosser Festlands-Staat von Sndustriegruppen die f r ei w i ll i g e Syndikalisirrung lehren, wenn die Staatsgewalt sie in der Exportpolitik unterstützen soll. Wir wenden uns von dem alten Aber, glauben ab, daß unser Staat ein Industriestaat ist. Auch unsere Industrie hat bereits erkannt, daß unser Staat ein-Staat gemischter Wirtschaft ist und Last auf Grundlage einer Verständigung zwischen Landwirtschaft und Industrie eine weitere konstruktive Wirtschaftspolitik möglich sein wird. Die Industrie bildet auch unsere Sorge, wir sind uns bewußt, daß der Industriekonsument für den landwirtschaftlichen Produzenten unerläßlich ist und dgh der Landwirt bei jedem Rückgang des Konsmns draufzahlen würde. Wir sind m- teresstert an der Gesundung der industriellen Produktion sowie daran, daß möglichst viele Arbeiter in den Produktionsprozeß zurückkehrcn können. So zeichnet sich eine breite Inter- rssenkörporation der landwirtschaftlichen Demokratie und der industriellen Dcmckra- tie am Horizonte ab. Großkampf zwischen Fliegern und Fußvolk Abgeordneter Beran Partelobmann Prag. Der ExekntivanSschuß der Republikanischen Partei hat in seiner gestrigen Sitzung den bisherigen amtierenden Bizeobmann Abgeordneten Rudolf Beran einstimmig zum Obmann der Partei gewählt. ES geschah dieS ans Antrag drS Präsidiums, der dem ExekutivauSschuß vom Vorsitzenden der Regierung Dr. Milan H o d Z a 'n seiner Funktion als Bizeobmann der Partei berdolmrtscht wurde. Die Mitglieder deS Exeku- tivausschuffes erhoben sich nach Feststellung der Einmütigkeit der Wahl von ihren Sitzen und bereiteten dem neugrwählten Obmann Ovationen. In seiner Antrittsrede Erklärte Beran, er Iverde die Partei im Sinne SvehlaS weiterführen. Svehla habe ihnen aufgetragen, Staatspartei zu fein nicht nur dem Worte nach, sondern in allem Beginnen, und sie gelehrt, daß in der Politik die Vernunft zu entscheiden habe. Sein Programm sei das Programm der Partei: Die Republik— die Nation— die Demokratie— die agrarische Idee. Durch die Sicherung von Staat und-Nation nach außenhin, erklärte Beran, und zwar durch die Festigung der Formen und des Geistes der Demokratie, von der wir glauben, daß sie die Grundlage unserer Freiheit ist und die wir wahren und bewahren müßen, sichern wir vor allem uns selbst. Erbitterter Widerstand Im Süden Paris. Der Kriegsberichterstatter der Agence Havas meldet, daß die Abessinier an der Südfront von Ogaden dem italienischen Druck zwischen Daggabur und Gorrahai hartnäckigen Widerstand entgegensetzen. Kleine Gruppen abessinischer Truppen bewegen sich sehr rasch und überfallen plötzlich des Nachts italienische Abtei- lnngen in der Flanke, wodurch die Italiener bereits erhebliche Verluste erlitten haben. Ein großer Teil derselben wurde durch abessinische Spieße verwundet. Die Abessinier halten noch immer Daggabur und werden Dschidschiga, das die Verbindung Abessiniens mft Britisch-Somali- land beherrscht, woher die Waffentransporte kommen, sehr energisch verteidigen. Der Reuterkorrespondent in Harrar telegraphiert, daß der Oberjäger des Kaisers, Fitaurari A y e l e, Dienstag vormittags einen heftigen Gegenangriff gegen eine italienische Abteilung zwischen Anale und G o r a h a i unternommen hat und nach den bisherigen Berichten den Italienern große Verluste beibrachte. Ayele meldete nach Addis Abeba, er habe die Stadt Anale vor drei Tagen zurückerobert. Nach seinem Berichte wurde die Schlacht bei Tagesgrauen begonnen und dauerte bis zum Mittag. In dieser Schlacht eroberten die Abessinier, wie es heißt, einige Positionen zurück, die die Italiener in den letzten Tagen besetzt hatten. Die Abessinier wollen jetzt versuchen, den italienischen Flügel in der Umgebung der Stadt Anale zu umfaßen. Per Nesus an die Front Addis Abeba. Trotz allen offiziellen Dementis wird versichert, daß der Regus mit dem Flugzeug an die Front abgereist ist. P r i P i n g.(Tsch. P. B.) Der Zusammen-'worden seien. Der Finanzausschuß habe dir Auf gabe, die Aufschließung der Bodenschätze und den Anbau von Baumwolle zu fördern, sowie die alte Silberwährung zu erhalten und das nordchinesische Grldsystem mit dem japanischen Aen zn vereinigen. Der Berkehrsausschuß wird für eine Verbesserung des Eisenbahn- und Flugverkehrs sorgen. Der Knlturausschuß hat die Aufgabe, den K o m m u n i s m« s, die Lebre des K n o m i n- t a n g und die fremdenfeindliche Einstellung zu bekämpfen. schlutz der Provinzen Hopei, Sunyan, Tschahar, Schantnng und Tschansi zu einem Ganzen wird in den nächsten Tagen amtlich verkündigt werden. Die letzten Pressemeldungen ans Peiping besagen, daß der autonome Ausschuß acht M i n i st e r i e n umfasse. Es handle sich um das Wehrministerium, die Heere s- l e i t u n g, die Ministerien für F i n a n z e n, bvbvj> w Erziehung, Unterricht, Indu- der planmäßigen Wirtschaftsführung wehren!* e 2." re A n gele g e n h e i• wird. Die Krise wird auch eine ganze Reiheischließlich um ein Ministerium, das die ASmara.(Funffpruch deS Kriegsberichterstatters des DRB.) Der Luftkamps zwischen italienischen Bombrnflugzeuge««nd gegnerische« Streitkräften, der im Gebiete zwischen Amba Aladachi und Antalo stattfand, wird von militärischer Seite als die größte Luftoprra- t i o n feit Kriegsbeginn bezeichnet. Zwei Geschwader, bestehend ans 20 Flugzengen, sichteten im Talkessel bei Buja, südlich von Makallr, starke abessinische Truppenabteilunge». Sie gingen, um die Truppen besser bonibardieren zn können, in die Tiefe; dabei kam es zu einem erbitterten Kampf. Die Abessinier hatten die Anhöhen besetzt«nd feuerten nun von oben her auf die in den Talkessel niedergehe e n Flugzeuge. Rund 7000 Abessinier nahmen die italienischen Apparate in rin wütendes Abwehrfeuer aus Gewehren, Ma- \ schinengewehren und Lustabwehrgeschützen. Sämtliche Flugzeuge wurden von den Kugeln stark durchlöchert. Ein Bordmechaniker wurde durch einen Beinschuß sehr schwer verletzt. Die Zahl der bei dem großen Lustbombardement getöteten und verwundeten Abessinier soll sehr groß sein. Mussolinis Schwiegersohn In Gefahr ASmara.(Reuter.) Zu den Meldungen über eine heftige Schlacht zwischen abessinischen Truppen«nd italienischen Flugzeugen wird ergänzend gemeldet, daß an dem Kampfe auch die beiden Söhne Mussolinis teilgenommen haben. Das Flugzeug des Grafen Ciano wurde von drei Schüssen einer Flugabwrhrkanone von 38 Millimeter Kaliber und einigen Geschossen von Maschinengewehren«nd Handgewehren getroffen. Die Geschosse durchbohrten den Benzinbehälter, doch konnte Graf Ciano noch hinter die italienische Linie gelangen. Interessenkooperation Industrie-Landwirtschaft Feststellungen Dr. Hodias Ministerpräsident Dr. HodZa hielt Dienstag vor dem Vollzugsausschuß der Agrarpartei eine Rede über seine Landwirtschaftspolitik, in der er u. a. für die Regelung des Viehmarktes eintrat und als weitere dringende Vorlagen die Elementarversicherung, die Reorganisierung der Landeskulturräte und die Regelung der landwirtschaftlichen Schulen bezeichnete. Ueber die Industrie sagte er u. a.: Unsere Industrie wird in einer Reihe ihrer Branchen aus der Krise nicht herauskommen, wenn sie sich gegen die Grundsätze Wiederherstellung der aus politischen Gründen ausgeschlossene Rechte zu bearbeiten habe. Dem autonomen Ausschüsse werden drei Unterausschüsse, und zwar für Verkehrswesen, für Finanzangelegenheiten und für kulturelle Fragen, beigegeben. Es heißt» daß japanische Be- r a t e r von diesen Unterausschüssen eingestellt Bischöfe als nationalistische Hetzer Die Kirche wieder In der Krlessfrontl Rudolf Beran wurde am 88. Dezember 1887 In Pracejovice,. Bezirk Strakonih, als der Sohn eines Kleinlandwrrtes geboren. Bereits mit 19 Iahten trat er in das polittsche Leben ein. Als Gründer und Hauptorganisator der agrarischen Jugend gelangte Beran bald als bewährter Redner«nd Ungewöhnlich eifriger Miwrbeiter in den Kreis der treuesten Anhänger SvehlaS, der damals die Fühlung der Agrarpartei übernahm. Das ungewöhnliche Organisationstalent BeranS öffnen ihm den Weg in da-Parteisekretariat. Nach dem Umsturz wurde Beran von seiner Partei in die revolutionäre Rationawersammlung und im Jahre 1920 zum ersten Male"als führender Kandidat in den Wahlkreis BudweiS kandidiert, wo Beran mit gro-' der Stimmenzahl auch. in den Jahren 192S, 1929 und; 1935 wiedergewählt wurde. Während der Krankheit SvehlaS wurde Beran Vizeobmann der Partei und nach dem Tode SvehlaS ihr amtierender bizeobmann. Rom.(Tsch. P. B.) Der Abwehr gegen die Sanktionen hat sich auch die hohe Geistlichkeit angeschloffen. Die Erzbischöfe von Messina nnd Brindisi haben Hirtenbriefe erlassen. Im Hirtenbriefe an die Gläubigen von Brindisi heißt es n. a.i ,,Am 18. d. M. nahmen die Sanktionen ihren Anfang, die der aste Egoismus und die Anmaßung gegen jeden Grundsatz der Gerechtigkeit nnd Gleichheit zum Schaden unseres Vaterlandes gewollt haben, um einen halbbarbarischen Sklavcnkönig, der Unterdrücker seines eigenen Volkes ist, zu unterstützen. Wir werden dem Baterlande jetzt Gold geben, damit es die riesigen Koste« tragen kann, um die Z i v i l i sali o n in die Gegenden zu bringen, in welchen bis jetzt Sklaverei»nd Barbarei herrschten. Damit ahmen wir die alten Römer nach, die alleS für das Vaterland opferten." Der Erzbischof von Messina ermahnt seine Diözese, reichlich Gold zu spenden. Die wirtschaftliche Belebung soll nach dem Willen der Genfer Bölkerbundanhänger ein Erdrosselungsknebel für uns sein. Diese widerwärtige Drohung(k) müssen wir verspüren«nd können der Welle einer gerechten und gesunden Reaktion, die sich in allen sozialen Schichten in allen Teilen des politische« Lebens erhebt, nicht gleichgültig gegcnüberstehen. Haltet daher den nationalen Gei st hoch, unterstützt und helft den Familien unserer kämpfenden Soldaten, befleißigt euch der Sparsamkeit auf^llen Gebieten, besonders in eurem häuslichen Verbrauch. Erzbischöfe an die Front! Schon zur Zeit als Mussolini Abessinien mft Krieg tzju überziehen sich vorbereftete, wurde I verschiedentlich die Frage aufgeworfen, warum der Vatikan zur Rettung des Friedens nicht ! seine mahnende Stimme erhebe und gegen die | räuberischen Absichten des italienischen Fascis« | mus nicht Protest erhebe. Da und dort in der ! klerikalen Presse tauchte als Antwort auf diese | Frage, die sich zahlreichen Katholiken aufdrängte, die Behauptung auf, der Papst sei gegen das geplante Kriegsabenteuer und er habe seines moralischen Schiedsrichteramtes, zu dem ihn seine Stellung als Haupt der Christenheit befuge, einfach nur deshalb nicht gewaltet, weil er dazu noch nicht aufgerufen worden sei. Man wird schwer glauben können, daß der Papst zu allen Aftionen erst einer Aufforderung bedarf, aber immerhin wurde den unbequemen Fragern durch den Hinweis auf die angebliche Bereitwilligkeit des Vatikans, als Wegbereiter des Friedens zu wirken, der Mund gestopft. Seither haben italienische Bischöfe durch ihre Haltung deutlich genug geoffenbart, daß die Neutralität des Vatikans und seine Mißbilligung des fascistischen Räuberkrieges ein Märchen ist und nicht einmal ein schönes. Neuestens sind es die katholischen Erzbischöfe von Brindisi und Messina, die sich- in Hirtenbriefen an die Gläubigen offen freudig und begeistert an die Seite Mussolinis stellen, mit starken Worten den britischen Egoismus verurteilen, der zu den Sanktionsmaßnahmen gegen Italien die Anregung gegeben habe und die Gläubigen auffordern, sich in alle ihnen gegenwärtig auferlegten Entbehrungen willig zu fügen, da nur so Italien sein Recht zu verteidigen vermöge. Nicht genug daran rufen die Herren Erzbischöfe in ihren Hirtenbriefen G o t t au» daß er Italien in seinem Bestreben nach Verwirklichung der Ideale segne. Selten lag in einem Kriegsfälle das Motiv so deutlich zutage wie in dem allen Mahnungen und Protesten des Völkerbundes vom italienischen Fascismus zum Trotz unternommenen Feldzug gegen Abessinien- Für die Einfältigen hält Hf italienische Propaganda allerdings eine Sanna, lung von Schlagern bereft, die den vom Oberhäuptling des fastisttschen Regimes unternommenen Ueberfall auf Abessinien moralisch rechtfertigen sollen. Italien erfülle eine Kulturmission, es gehe nach Afrika zum Zwecke der Sklavenbefreiung, auch sei es bei der Verteilung der Erde zu kurz gekommen und verteidige nur sein Lebensrecht— ein gleiches Lebensrecht des abessinischen Volkes gelten zu lassen, kommt dem Dure und seinen Satrapen freilich nicht in den Sinn. In der Tat will der italienische Fascismüs Land und Geld, die tönenden Schlagworte dienen ihm nur zur Verbrämung seines raubsüchtigen Vorgehens. Das weiß alle Welt, das sieht auch die katholische Kirche, dennoch dürfen die Erzbischöfe von Brindisi und Messina unter den Augen des Heiligen Vaters gegen die von über einem halben Hundert Staaten beschlossenen Sanktionsmaßnahmen gegen Italien Stellung nehmen und sich hiebei ganz der wahrheitsfremden Phraseologie des Duce bedienen. Sie dürfen sich herausnehmen, ohne daß sie deshalb vom Vattkan zur Verantwortung gezogen werden würden, der ganzen Welt mit Ausnahme des Vierteldutzend fascistischer Staaten wegen deS Bestrebens, Mus- solini zum Frieden zu zwingen, Unrecht zu geben, mit ihm, dem Arrangeur des Kriegsverbrechens dagegen, sich solidarisch zu erklären. Welch ein erhabenes Bild! Ein halbes Hundert Staaten erklärt durch seine Vertreter im Völkerbund Italien als den Angreifer—- das zähll für die Erzbischöfe nicht, sie sehen nur den„britischen Egoismus", der die Sanktionen angeregt habe. Der„Anreger" der Kriegsbestie dagegen findet volle Gnade in den Augen der frommen Herren und sie fordert in beredten Worten die ihnen ausgelieferten Gläubige... auf, demütig und ergeben den Hungerriemen.-so eng als möglich zu schnallen, um so»das Recht Italiens"(lies: das Unternehmen Mussolinis) zu verteidigen. Duldet und hungert, es könnte sonst leicht das Ende der fascistischen Gewaltherrschaft in Italien kommen, die unvorsichtig genug war, sich in das Seite 2 Mittwoch, 20. November 1038 Nr. 270 abessinische Abenteuer in der Hoffnung einzulassen, die mit genug anderen Sorgen belastete Welt werde nicht die Kraft finden, ihr in den Arm zu fallen und notgedrungen den Einbruch in Abessinien dulden, womit die Gloriole Mussolinis eine neue Auffrischung erfahren würde. Das ist aus den salbungsvollen Worten der Erzbischöfe herauszuhören und nicht- geschieht, auS dem geschlossen werden könnte, der Heilige Vater finde an diesen Hirtenbriefen seiner Bevollmächtigten nicht Wohlgefallen. Doch die gottergebenen Männer von Brindisi und Messina rufen sogar Gott an, dem römischen Diktator beizustehen, dem es nicht genügt, das italienische Volk in Sklavenketten zu halten, der sich nun auch anschickt, die Abessinier zinst Objekt seines HerrschaftS- und Ausbeutungswillens zu machen. Eine schlimmere Blasphemie hat man selten gehört: Gott soll den lleberfall auf ein friedliches Naturvolk segnen, soll mithelfen,„die Ideale Italiens" zu verwirklichen, was so viel heißt, daß der„gütige, gerechte Gottvater" dem Räuber recht, dem Ueberfallenen aber unrecht geben und den ersteren segnensoll. Auf die primitiven Hüttenstädte Abessiniens fallen die zerstörenden und vergiftenden Fliegerbomben nieder, töten wahllos Männer, Greise, Frauen und Kinder, doch nach der Meinung der Im KulturanSschuß des Abgeordnetenhauses begann am DienStag die Debatte über das kürzliche Expose des Ministers Dr. Krömäk. Als Sprecherin unserer Fraktion befaßte sich Genossin Kirpal mit den wichtigsten Schulproblemen und widmete namentlich dem Kapitel „Schule und Demokratie" ernste Worte, die in weitesten Kreisen beherzigt werden sollten. Genossin K i r p a l wendete sich vor allem dem Problem des Minderheitenschulwesens zu und verlangte, daß die deutschen Schulforderungen volle Berücksichtigung finden. Noch immer müssen wir feststellen, daß tschechische Minder« heitsschulen ins Leben gerufen werden, die nur oder vorwiegend von deutschen Kindern besucht werden. Rednerin erbrachte hiefür Beispiele, wie Groß-Auerschin, Althütten, PatterSdorf, Gablonz, Hirschberg u. a. m. Unser Grundsatz ist: Jeder Nation ihre Schulen. Wenn sich das Ministerium diesen Grundsatz zu eigen macht, dann wird keine Nation benachteiligt. Rednerin bespricht dann die Schwierigkeiten des gewerblichen Fortbildungswesens. Sie verlangt die gesetzliche Festlegung des Pflichtbesuches, der aber auch auf junge Arbeiter unh Arbeiterinnen in. Industrie. Han, del und Landwirtschaft ausgedehnt werden mußte. Subventionen zum Zwecke des Ausbaues des Schulwesens und zur Förderung der sozialen Fürsorge für die Schülerschaft sind dringend geboten. Die Selbstverwaltungskörper ssnd ja finanziell so geschwächt, daß sie diese Lasten für die Zukunft kaum zu tragen vermögens Genossin Kirpal befaßt sich weiters mit den Forderungen der Schulen für Frauenberufe, deren Verstaatlichung leider bis zum Jahre 1040 hinausgeschoben worden ist. Soll das Hilfsschulwesen nicht verfallen, dann braucht es die größte Förderung durch das Schulministerium. Der Verband„Deutsche Hilfsschule" braucht zur Erhaltung und zum Ausbau die entsprechende finanzielle Unterstützung. Unter Hinweis auf die Erklärung des Ministers von der Notwendigkeit der Verstaatlichung einiger Mittelschulen ersucht Genossin Kirpal, daß auch die deutsche städti« Erzbischöfe liegt auf all dem Grauen, dessen Schauplatz Abessinien geworden ist, der von ihnen erflehte Segen Gottes. Hat je ein Ungläubiger eine schlimmere Gotteslästerung verübt, als diese christlichen Oberhirten l Feuerspeiende Tanks ziehen mordend den Armeen Mussolinis voran, den simplen Eingeborenen, die vor kurzem noch im Kriegshandwerk so lächerlicher Waffen wie Pfeil und Bogen sich bedienten und jetzt noch kaum im Gebrauch von Gewehren unterwiesen sind, die Zivilisation wie sie der Fascismus versteht, bringend. Häuptlinge werden gekauft und zum Verrat verhalten— das alles ist für die Vertreter des Vatikans in Brindisi und Messina nur der Ausdruck des Bestrebens Italiens nach Verwirklichung seiner Ideale, würdig und wert, von Gott gesegnet zu werden I Man rühmt dem Vatikan oft Klugheit nach; die Zeit wird lehren, ob seine Solidarität mit dem FasciSmuS, die auch in den Hirtenbriefen der Erzbischöfe ihren Ausdruck findet, als Klugheit anzusehen sein wird. Es scheint, daß er noch immer die Lebenskraft deS Fascismus für stärker hält, als den Freiheitswillen des getretenen italienischen Volles. Eher früher als später aber wird dieses Volk doch dem Duce und seinen fasci« stischen Bataillonen den Laufpaß geben unkr bei der Abrechnung wird wohl auch die Haltung der Kirche einen Posten bilden. sche Lehrerbildungsanstalt in Aussig so bald wie möglich verstaatlicht werde. Der Unterbringung der Schüler in hygienisch einwandfreien Schulräumen muß ein besonderes Augenmerk zugewendet werden. Im Reichenberger Gymnasium z. B. sind 720 Schüler in 20 Räumen untergebracht und müssen dort ein wahres Nomadenleben führen. Dringende Abhilfe tut hier not. Im Hinblick auf die Ausgaben für Kultuszwecke fordert Rednerin auch eine ausgiebige Subvention für die Organisationen der proletarischen Freidenker. Die Zuweisungen an die deutschen Hochschüler sind unzureichend; von den 4,920.000 KL, die im Budget hiefür vorgesehen sind, erhalten die deutschen Hochschüler nur 450.000 KL, von dem Betrag von 300.000 KL für studentische Gesundheitsinstitutionen entfallen auf die deutschen Hochschüler kaum 5000 KL. Hier ist eine erhöhte Hilfeleistung seitens des Ministeriums dringend erforderlich. Das Kapitel Volksbildungswesen ist im diesjährigen Voranschlag mehr als stiefmütterlich behandelt. Wenn jeder Bezirksbildungsausschuß nur 1000 KL bekäme, so wären allein 600.000 KL erforderlich. Der ganze Aufwand ist auf kaum anderthalb Millionen gesunken. Unter diesen Umständen kann der große Aufgabenkreis nicht durchgesuhrt werden. Noch nie war dem Bildungswesen ein so großer Aufgabenkreis zugedacht, wie gerade jetzt, denn es ist notwendig, einen kulturellen Kampf gegen die Unkultur,- die von fascistischen Staaten herübergelri- tet wird, zu führen. In de» AufgabenkreiS des BildungSwesrnS gehört auch die geistige Betreuung der Arbeitslosen, damit sie nicht Freiwild antidemokratischer Parteien werden. In diesem Zusammenhang» verweist Rednerin darauf, daß die deutsche Bevölkerung dem Trommelfeuer der deutschen Sender ausgesetzt ist. Etwaige Widerlegungen unseres Senders erfolge» vorwiegend in tschechischer Sprache, so daß dir drutschsprechenden Hörer diese nicht verstehen können. Trotz Erweiterung der deutschen Sendungen müssen wir erklären, daß dies sehr ungenügend ist, und wir wiederholen unsere Forderung «ach der Errichtung eines deutschen Senders. Eine unserer wichtigsten Forderungen ist eS, daß aus der Sö^ile überzeugte Demokraten herauskommen. Dies zu erzielen, müssen unsere Lehrer Träger des Fortschrittes und der Entwicklung sein, denn nur diese bieten Gewähr für ein freies Boll. Auf die fasci st ischen Staaten verweisend, zeigte sie auf, daß dort der kulturell« Fortschritt zu einem wahren Trümmerhaufen wurde. Der Geist, der in den deutschenTürn- vereinen herrscht, ist für unseren Nachwuchs direkt bedrohlich. Rednerin war in der Lage, auf Grund einiger vor Turnschülern gehaltenen Reden den Nachweis für ihre Behauptungen zu erbringen. In ihren Schlutzausführungen verweist sie noch darauf, daß zur Hebung des theoretisch-pädagogischen und fachwissenschaftlichen Niveaus die Herausgabe einer wissenschaftlichen Zeitschrift dringend notwendig wäre. Diese Zeitschrift fordern wir auch, damit den wissenschaftlich tätigen Lehrern die Veröffentlichung ihrer Facharbeiten ermöglicht werde. Das Ministerium müsse der materiellen und moralischen Unterstützung dieser sicher berechtigten Forderung Rechnung tragen. Genossin Kirpal brachte auch einen diesbezüglichen Antrag ein. Der Ausschuß befaßte sich später mit dem Initiativantrag des tschechischen Nationalsozialisten Uhlti auf Novellierung des 8 23 des Reichs- vollsschulgesetzes, der die Erteilung von Privatunterricht an Stelle des Besuches der öffentlichen Schulen zuläßt. Uhltk begründet seinen Antrag damit, daß damals der Adel seine Kinder nicht in die öffentlichen Schulen schicken wollte. Heute biete unsere Schule die volle Garantie, daß alle Kinder ordentlich erzogen werden. Offenbar trifft der Antrag auch den Privatunterricht, der in einigen deutschen Gebieten von Wanderlehrern des Kulturverbandes erteilt wird. Da der Standpunkt der Regierung zu diesem Initiativantrag nicht bekannt ist, wurde die Einsetzung eines Subkomitees beschlossen. Abgeordneter Dvorak verurteilt Pilsen. Vor dem Strafsenat des hiesigen Kreisgerichtes hatte sich Dienstag der kommunistische Abgeordnete Josef Dvokäk aus Pilsen zu verantworten, gegen welchen die Staatsanwaltschaft Anklage wegen des Verbrechens der öffentlichen Gewalttätigkeit erhoben hatte. Der angeklagte Abgeordnete Dvorak sprach am 11. Juli 1930 vor den Skoda-Werken zu der die Fabrik verlassenden Arbeiterschaft, obwohl die Polizeidirektion alle öffentlichen Versammlungen dort verboten hatte. Als er jedoch auch der zweimaligen Aufforderung des dort diensttuenden Revier- inspektorS Fr. Tresnäk nicht Folge leistete, wurde er verhaftet. Bei der Vorführung auf das Poli- zeikommiffariat widersetzte er sich jedoch den Polizeiorganen, daß zu^ seiner Vorführung noch eine weitere Verstärkung herbeigerufen werden mußte. Die Staatsanwaltschaft erblickte in dieser Handlung ein Vergehen nach 8 81 des Strafgesetzbuches und erhob gegen den Abgeordneten Dvoräk die Anklage. Nach zweimaliger Vertagung fand die Schlußverhandlung statt, bei welcher der angeklagte Abgeordnete Josef Dvoräk der geklagten Tat schuldig befunden und zu einer Ergänzungsstrafe von einem Monat schweren Kerker, verschärft durch eine Faste, verurteilt wurde. Gleichzeitig wurde der Verlust des Wahlrechtes ausgesprochen. Da Dvoräk früher auch schon wegen anderer Straftaten verurteilt worden war und die Urteile Rechtskraft erlangt hatten, wurde die Strafe unbedingt ausgesprochen- Lin vergeßlicher Gesetzgeber scheint der Herr Abgeordnete Doktor Ingenieur Fr. T o u s e k zu sein, ein Sekretär des Jndu- striellenverbandes, der zwecks Entpolitisierung der Wirtschaft für die Nationale Vereinigung einen Sitz im Parlament einnimmt. In einem über die ganze erste Spalte des englischen Formates der „Närodni listy" gehenden Artikel klagt er bitter über einen„vergessenen Paragra- graphen der Verfassung", nämlich den 8 105, welcher den Parteien in allen Fällen, in denen Verwaltungsbehörden über privatrechtliche Ansprüche entscheiden, nach Erschöpfung des administrativen Jnstanzenzuges die Anrufung der ordentlichen Gerichte ermöglicht. Die Einzelheiten regelt ein Gesetz. Seit 15 Jahren, beschwert sich Herr Abgeordneter Dr. Jng. Tousek bitter, warten wir vergeblich auf das vergessene Gesetz. Wir müssen Herrn Dr. Jng. Tousek die betrübliche Mitteilung machen, daß er bis zu seinem Lebensende auf die Erlassung dieses Gesetzes warten wird, weil es nämlich schon erlassen ist. Im 92. Stück der Gesetzessammlung vom Jahre 1925 findet sich unter Nr. 217 das Gesetz vom 15. Ok- tober 1925, womit 8 105 der Verfaflungsurkunde durchgeführt wird. Herr Dr. Jng. Tousek ist allerdings erst jm Jahre 1929 zum Abgeordneten gewählt worden, aber man hätte, wenn schon nicht von einem nationaldemokratischen Abgeordneten, so doch immerhin von einem Jndustriellensekretär, der einiges mit privatrechtlichen Ansprüchen und ihrer Austragung vor den Behörden zu tun haben dürfte, erwarten sollen, daß ihm wenigstens die bloße Existenz eines Gesetzes von der Wichtigkeit eines Durchführungsgesetzes zur Verfassungsurkunde bekannt sei. Aber nein, weder er, noch irgend jemand in der Redaktion der„Närodni listy" ist darauf gekommen, daß ein Leitartikel in diesem Blatte infolge falscher Voraussetzungen ganz und gar gegenstandslos ist! Welch»in Ehrenzeugnis für eine Partei und für ein Blatt, die nicht nur den Patriotismus, sondernauch die Intelligenz und daSFach- wissen in Erbpacht haben! Die böhmische Landcsvertcctung begann Dienstag mit der Beratung des Budgets für das Jahr 1936. Dem gestern erstatteten eingehenden Bericht des Landesfinanzreferenten Dr. Kubista wird eine auf ungefähr zwei bis drei Tage veranschlagte Generaldebatte folgen, worauf die einzelnen Budgetkapitel behandelt werden. Die Session der LandcSvertretung dürste drei Wochen dauern. Italienische Rüstungen im Aegälschen Meer London. Reuter meldet aus Athen, auf der Insel Leros im Aegäischen Meere seien 3000 weitere italienische Soldaten angekommen, wodurch sich die Gesamtzahl auf 10.000 Mann erhöhe.— In Aspronest, wo starke Befestigungsanlagen errichtet worden seien, seien vier neue Flugzeugabwehrgeschütze und acht schwere Geschütze in Stellung gebracht worden. In Partheni seien zwei neue Munitionslager und ein Flugplatz errichtet worden. Auf den umliegenden Hügeln seien Befestigungen angelegt. Auf einer Insel gegenüber Partheni seien ebenfalls Befestigungen angelegt worden, ebenso auf der Jnstl Stampalia. Auf der Insel Levinthos sei ei»« Funkstation gebaut worden. Aktuelle Schulprobleme Aus der Rede der Genossin Kirpal im KulturausschuB Roman von Karl Stym Copyright by Eugen Prager-Verlag, Bratislava Sonntag! Das ist unser Tag. Wohl niemand nimmt diesen Tag so gründlich wie wir. Er ist für uns eine lange, unendlich schöne„Spreize“. Hell und ich sitzen auf der Sonnbank des alten Schropp. Wir haben die Hemden ausgezogen und die Hosenbeine hochgekrempelt, um der Sonne recht viel Platz zu geben. Vor uns ist eine magere Wiese. Kümmerlicher Huflattich und blaßgrüne Knospenstummel von Königskerzen wachsen zwischen spießigen Gräsern darauf. Schropps gefleckte Ziege sucht daran herum. Wie es scheint, nicht sonderlich zufrieden. Der Alte selbst humpelt gichtsteif umher. Hie und da blinzelt er mit dem kleinen, trüben Auge in die Sonne. Er hat nur eines. Das zweite riß ihm vor zehn Jahren ein hängengebliebener Schuß aus dem Gesicht. Schropp hat das nie bedauert. Er erlöste ihn vom Berg und machte ihn zum Rentner— seines geschändeten Gesichtes. Besser ein Auge und was zum Fressen, als zwei und nichts! Das ist Schropps Logik— Er kommt, die Ziege hinter sich nachzerrend, auf uns zu. „Das taugt?!" „Nicht schlecht!“ antworte ich. Schropp läßt die Ziege los und setzt sich neben mich. Wir sehen in die Sonne und schweigen. Wozu auch reden? Wir wissen nichts Erfreuliches. Jemand kommt eilig vom Werk herunter. Ich habe ein beengendes Gefühl. Der bringt bestimmt nichts Gutes. Es ist Fogger Schorsch. Sein knochiges Gesicht arbeitet. Fogger Schorsch ist groß und knorrig und hat Hände wie Kohlenschaufeln. Das tagblasse Licht zittert in einer verkrampften Faust. „Zieht euch an— meinen Kameraden hat's erwischt!— Wir mußten einen Abbau herhalten—!“ Seine rotentzundenen Augen bitten. Wie in Entschuldigung fügt er hinzu: „Wir wollten überhaupt nicht anfahren— an einem Sonntag!" Hell springt auf. Seine Augen starren erschrocken den Sprecher an. „Ist er tot?“ Fogger Schorsch sieht zur Seite. „Ich glaube— schon!“ Ich drücke Hell auf die Bank zurück. „Laß Kamerad!-— Ich gehe allein mit!“ Ich möchte ihm ersparen, einen— Toten sehen zu müssen. Er wird später noch oft genug zurechtkommen. Nach einigen Minuten laufen Fogger Schorsch und ich gegen das Werk. Fogger keucht, fast, als schluchze er. Das offene Hemd fliegt um seine breite, haarige Brust. Ich hatte mich schon so auf diesen Sonntag gefreut. Die ganze Woche hindurch. Nachmittag wollte ich zu meinem Mädchen gehen. Und jetzt— Lorett ist schon am„Ort“. Sein Gesicht ist weiß. Schweiß glitzert darauf. Er packt fest zu. Schließlich ist doch auch er ein Kamerad.* Ringsherum kracht das Flötz. Über uns hängt eine große Kohlenplatte. Lorett unterzimmert sie. Fogger und ich arbeiten mit einer unnatürlichen, starren Rühe. Wir wissen ganz genau, daß Mühler schon längst tot ist. Nach einer Stunde haben wir ihn frei. Ein ganz kleines, blutendes Bündel liegt vor uns. Wir stehen schweratmend davor. Drachs Worte fallen mir ein: „Vorgestern hat Ferk seinen Arm verloren, gestern drückte ein Stempel dem Raspe einen Fuß ab. Heute, morgen oder übermorgen kommt ein Kopf dran. Irgendeiner!“ Mühler Josch ist der irgendeine* Der Berg hat sein Teil— Wir legen den Toten auf einen leeren Wagen. Fogger Schorsch’ Stimme ist brüchig. „Was soll ich seinem Weib sagen?— Den Kindern?“ Ich zucke die Achseln. Sagen?— Nichts! Sie sehen genug— In der Kaue machen wir den„Gelben Wagen“ fahrtbereit Das ist ein zweirädriger Karren, mit gelber Blache überspannt. Darin wurde noch kein Lebender gefahren. Auf der Einschubmatratze sind einige wie Rost aussehende Flecken. Eingetrocknetes Blut des Letzten. Wir heben den Mühler Josch hinein. Er hat keinen einzigen Knochen mehr in sich; läßt sich biegen und drücken, wie zähweicher Teig. Meine Hände sind blutig. Das Blut ist schwarz und klebrig und verpickt die Finger. Fogger Schorsch und ich schieben den„Gelben Wagen" vor uns her. Langsam, beinahe als fürchteten wir, zu bald zu kommen— Die Leute auf der Straße weichen in weitem Bogen aus. Scheu sehen sie uns nach. Der„Gelbe Wagen!“ Wieder einer—-— In der„Rolle“— das ist die Arbeiterkolonie— herrscht reges Treiben. Die Alten sitzen auf den Sonnbänken, spielen Karten und schmauchen zufrieden an den Pfeifen. Mitten im Hofe schlägt ein Zigeimer auf einer Art Pauke. Dazu summt er gleichmäßig. Ein großer, zottiger Bär tanzt um ihn. Ringsherum stehen Kinder und lachen. Plötzlich wird es still, fast als erstarre alles unter einem Fluche. Die zum Lachen geöffneten Münder werden zittrig, die frohen Augen dunkel und erschrocken. Die Alten sehen starr vor sich hin. Wir schieben den„Gelben Wagen“ langsam, irgendwie gehemmt, gleich einem unerbittlichen Schicksal durch eine Gasse ängstlicher Blicke. Ich habe das Gefühl, neben mit selbst zu gehen und in mein eigenes, zuckendes Gesicht zu sehen. Fogger Schorsch trottet, das Kinn fest an den Hals gepreßt, neben mir. Nr. 270 Mittwoch, 20. November 1935 Seite 5 Leo Tolstoi A« feinem fü«f«ndzwa»zigsten Todestag am 20. November Von Hermann Wendel. In der Erinnerung lebt der fast zum Mythos gewordene Tolstoi des letzten Lebensjahrzehnts: ein Prophet des Alten Testaments, weißer Bart, der im Winde flattert wie eine Fahne, glühende Augen in eingefallenem, hagerem Schwärmerantlitz und eine eifernde Stimme, hindröhnend über die Lande. Verblaßt ist daneben das Bild des Tolstoi früherer Entwicklungsspannen, des jungen Nichtstuers, der bei Wein und Zigeunermusik in einer Nacht ein Vermögen verspielte und nach späterem zerknirschtem Eingeständnis ein»unermüdlicher Hurer" war, des Artillerieleutnants, der im Krieg und Frieden, im Guten und Schlimmen dahinlebte wie alle Offiziere des weißen Zaren, des Europareisenden, der unerschöpflich an guter Laune und tollen Streichen schien, des Landedelmannes, der auf semem Gut bei Weib und Kind, seinen frischen literarischen Ruhm begießend, alles Grübeln weit von sich wies und alles Glück gefunden zu haben bahnte. Aber auch nach der inneren Einkehr bäumte sich ungeheures Lebensgefühl in diesem begnadeten Menschen; noch der Siebenundsechzig« jährige lernte radfahren, und der mehr als Achtzigjährige mußte jeden Morgen einen Gaul zwischen den Schenkeln spüren. Der in der Steppe Hammelfleisch aus Holzschüfseln schmauste, sich bei den Tartaren von der Heilkraft der gegorenen Vscrdemilch überzeugte und-sich daheim entzückte, baß beim üblichen Berbrüderungskuß am Oster- stst die Bärte der Bauern nach Frühling rochen, bar allezeit einNaturkindundSinnen» bensch mit hundertfältig aufgeschlossenen Organen, um alle Wunder des Daseins zu erhaschen. Auf dem Grund dieser Eigenschaft erwuchs bie große Künstlerschaft des Erzäh- I e r s Tolstoi, die ihn neben Zola und I h s e n zum Stammvater des modernen Realismus Macht. Nicht umsonst gab ihm seine Frau, als sie chn noch verstand, den Spitznamen»Dünnhäuter", benn er hatte die feinsten Nerven, um jede Regung der Landschaft, jede äußere oder innere Be- begung der Menschen aufzunehmen und wiederzugeben. Seit er in seinem Frühwerk»Sewa- st o p o l" den Krieg nicht als heroisch-romanti« scheu Firlefanz, sondern»in seinem wahren Wesen, in Blut, in Leiden, in Tod" malte, reckte sich seine Darstellungskraft immer mehr in die Breite und in die Tiefe. Romane wie»Krieg und Frieden",„Anna Karenina" und auch »Auferstehung" gleichen gewaltigen Fels» blocken, die das Staunen und die Bewunderung ber Menschen wecken werden, solange es ein« russische Literatur gibt, und wieviel kaukasische Gebirgsfrische weht noch aus einem Allerswerk bie»Hadschi Murat"! Wahrheit, Klarheit, Einfachhei ll"A n s ch a u- s i ch k, Allverständli ch^k eit sind die großen Tugenden des Gestalters Tolstoi, der dazu wie selten einer den langen Atem des geborenen Epikers hatte: seine Gipfelleistung»Krieg und Frieden" ist ein ganzer Kosmos, eine Welt siir sich mit einem fast unübersehbaren Gewimmel von Menschen, die alle gleich liebevoll geschaut und geschildert sind; der Dichter selbst, voll gerechten Stolzes verglich diese Bände der homerischen Ilias. Aber es kam der Augenblick, da b«r Later seine Kinder verdammte und nicht nur Shakespeare als»Schriftsteller vierten Ganges" beiseite schob und Goethes»selbstbewußtes Heidentum" schmähte, sondern mll der gesamten Kunst die eigenen Schöpfungen, denen er zu neunundneunzig Hundertsteln seine Un- sierblichkell verdankte, als„schlechte, nichttge, gleichgültige Bücher" verwarf. Das war nach der i n n e r e n K r i s e, die ben Fünfzigjährigen um- und umstülpte. Wenn Tolstoi von Nechljudow, dem Helden seiner»Auferstehung", sagte, daß in ihm»wie in allen Leu- sfn" zwei Menschen, der geistige und der animalische, steckten, so trug er auch selben schon als Knabe, der über den Sinn des Lebens grübelte, rin Medaillon mll RousseauS Bild auf der Brust, und in allem animalischem Treiben war ber Siebenundzwanzigjährige geistig genug, von ber„Gründung einer neuen Religion" zu träumen. Daß jetzt, um 1880 heraum, der Drang Vach sittlicher Erneuerung über ihn herfiel, hing Mit körperlichen Erscheinungen zusammen; das ^lter mahnte, der Tod erhiett Form und Umriß. Aber auf dem neuen Weg, stürmte Tolstoi mit der Leidenschaft hin, mit der er alles anpackte, blieb gar nicht bei der Kirche und ihrem wohltemperierten Gottesglauben stehen, sondern stieß mit wilder Tatkraft bis zum Urchristentum durch, wo es am urchristlichsten war. Sofort stellte er unerfüllbare Forderungen für die Menschheit auf, als sei ihre Erfüllung ein Kin- derspiel. In der„Kreuzersonate", die in ihrer ganzen Ausdruckweise mit„Liederlichkeit, Unsittlichkeit, Laster, Lüsternheit, Ausschweifung" für die einfachsten und selbstverständlichsten Handlungen fatal an den Traktätchensttl der Inneren Mission erinnert, verdammte und verdonnerte er die Liebe zwischen Männlein und Weiblein als daS„Widernatürliche" und pries und, predigte die „vollständige Keuschheit"— kaum noch einen Schritt von dem sonderbaren Heiligen des Altertums, Origones, entfernt, der, allen Anfechtungen zu entrinnen, das bewußte Glied kurzer Hand herausritz. Aber dieser Sturz ins Urchristentum war nicht von ungefähr, und es war auch kein« Maskerade, wenn Jlija Repin den Grafen Tolstoi dieser Jahrzehnte als Bauern hinter dem Pflug malte: in Bauernkittel, Bauernstiefeln, Bauernmütze. Das Rußland, in dem der Dichter aufwuchs, war noch ein rein agrarisches Land; seine entscheidenden Eindrücke empfing er auf dem Landgut seiner Eltern; das größte Ereignis in der Zell seiner Reife war nicht der Krimkrieg, sondern die Bauernbefreiung von 18 6 1, und als legitime Typen lebten in seiner Well nur der Beackerer der Scholle und der Ausbeuter des Beackerers, der Landmann und der Landedelmann. Da der rastlose Sucher nach Seelenfrieden bei dem einen Pol seiner Gesellschaft, der„aufgeblähten, selbstzufriedenen Verworfenheit in Epauletten und Krinolinen", kein Genüge fand, fühlte er sich von ihrem anderen Pol, dem simplen Muschik, magnetisch angezogen. In der Tat sog die Doktrin des Propheten Tolstoi ihr Wesentlichstes aus der W e lt des Mir, der bäuerlichen Dorfgemeinschast, in deren Rahmen der Einzelne fast ein Pflanzendasein führt, im Wechsel der Monde tzas Feld bestellt, den Winter auf der Ofenbank verdämmert, Schicksalsschlag mit dumpfer Ergebenheit hinnimmt, Speise und Trank, Gewand und Hausgerät selbst erzeugt^ nichts weiß und nichts braucht von der Welt draußen, keine Zeitung, keine Wissenschaft, keine Stadt, keinen Staat, ein neben der Geschichte herlebender Mensch, den für die Unterdrückung durch die Büttel des Zarismus eine mystische Gottverbun- denheit entschädigt. Dieser russische Bauer des Mir, ins Geniale gesteigert, ist der spätere Tolstoi, der sich rüstig daran machte, alle überlieferten Begriffe der abendländischen Zivilisatton mit der Holzaxt zu zerhacken. Aber sein Leben und selbst sein Sterben, das er zum Kunstwerk im Sinne seiner Lehre gestalten wyllft,'.etchsts, HM-, dig den Unsinn und die Unmöglichkeit dieser fanatischen Feindschaft gegen die durch die Arbeit von Jahrtausenden aufgespeicherte Gesittung. Da er am Abend seiner Tage aufbrach, als Pilger und Gottsucher unerkannt auf den Landstraßen zu wandern und zu enden, steckte er doch etwas Geld ein, das er verabscheute, und setzte sich in die Eisenbahn, die er haßte, und als sich der Hinfällige auf einer kleinen Statton legen mußte, standen die Großen der medizinischen Wissenschaft, die er ablehnte, um sein Lager, und Telephon und Telegraph, die er verachtete, trugen am 20. November 1910 die Kunde von seinem Tode in alle Welt. Die Zivilisatton ließ ihrer nicht spotten. Da das Christuswort„Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Uebel", für Tolstoi den Schlüssel zur Erkenntnis abgab, war ihm die sittlich-religiöse Vervollkommnung des Einzelnen alles, die polittsch-soziale Umwälzung der Gesellschaft nichts. Jede polllische Attion schien ihm eitel und nutzlos, und ob er einst Proudhon aufmerksam angehört hatte, stand ihm vom Sozialismus doch nur ein Zerrbild vor Augen, da er ihm wie irgend ein kleiner Spießbürger nachsagte, er wolle„nur die niedrigste Seite der menschlichen Natur befriedigen: das Streben nach materiellem Wohlergehen". Daß gar die Revolutionäre sich seiner Schriften bedienten, düntte ihn nicht anders, als benutzte man das Evangelienbuch, ein Dorf in Brand zu stek- ken. Aber wenn sich in diesem auch seelisch ungeheuren Rußland, das einen Rasputin wie einen Lenin gebar, Tolstoi in allem Positiven eher mit dem Wundermönch berührte, kam er im Negattyen an den Marxjünger heran. Ob«r auch von ganz anderen Voraussetzungen ausging und zu ganz anderen Folgerungen gelangte als der Sozialismus« seine kühne und leidenschaftliche Kritik an dem geltenden Herrschaftssystem, am Gewaltstaat, an der Ausbeutung, Versklavung und Verdummung des Menschen durch den Menschen, sein unbeirrbarer und rücksichtsloser Protest gegen den Krieg, gegen die Todesstrafe, gegen die Galgen und Greuel der Gegenrevolutton wirkte, ohne daß er es wollte, als Dynamit in dem Gesellschaftsbau des zaristtschen Rußland. Unbewußt war Tolstoi der erfolgreiche Wegbereiter der russischen Revolution. Darum begehen die Sowjets, die seine religiösen Schriften in den Giftschrank gesperrt haben, am 20. November den fünfundzwanzig- sten Todestag Leo Tolstois durch Vorträge und Leseabende landauf, landab und durch eine besondere hochoffizielle Gedenkfeier im Tolstoi- Museum zu Jasnaja Poljana. Aber wo immer die Lagerfeuer der großen Freiheitsarmee der Menschheit ftackern, erinnert man sich zu diesem Tag des genialen Dichters und tapferen Bekenners. Ja, wie ein Elementarereignis kam er über das alt? Europa, Flammenzeichen am Horizont, daß die Grundfesten der überlieferten Ordnung allenthalben am Wanken sind. Wachsende Arbeitslosigkeit im Reich Die„Prager Presse" meldet aus Berlin: Das Abflauen der Staatskonjunktur hat dazu geführt, daß zahlreiche metallverarbeitende Betriebe ihre Belegschaften erheblich reduzieren mußten. Die Firma Siemens hat in den letzten Tagen 2600 Arbeiter entlassen. Mehrere huydert Arbeiter, die in den Maschinenfabriken ArguSundAmbi beschäftigt waren, sind gleichfalls erwerbslos geworden. Diese Krisenerscheinungen greifen auch auf andere Industriezweige über. O s r a m hat mit 1000 Arbeitern, die große Schokoladefabrik Trumpf mit fast 300 Arbeitern das Arbeitsverhältnis gelöst. Zahlreiche Betriebe verhandeln mit der Deutschen Arbeitsfront über Arbeiterentlassungen. Bei der Arbeiterschaft des Ruhrgebietes macht sich infolge der immer akuter werdenden Lebensmittelteuerung eine erhöhte Erregung bemerkbar. Die Arbeiter haben an mehreren Orten in zahlreichen Betrieben ihrer Unzufriedenheit auf recht deutliche Weise Ausdruck gegeben. In vier Zechen der Rheinischen Metallwerke in Düffeldorf wurden Versammlungen abgehalten, in denen die Arbeiter die Forderung nach einer Teuerungszulage erhoben. England stiftet ei« Lazarett für Abessinien Unter Mitwirkung des Brittschen Roten KreuzeS wurde in London ein fahrbares Lazarett für Abeffinien zusammengestellt, das einschließlich des Aerzte- und Pflegepersonals in den nächsten Tagen nach Abeffinien eingeschifft wird. Nusreuge, eile die Erde verschlingt Von den neuen unterirdischen Flughäfen (F. K.) Ein Mann, der bei Hannover an einem unterirdischen Flughafen mitgebaut hat, erzählt unserem Berichterstatter folgendes: „Niemand macht sich einen Begriff davon, welche ungeheuer großen Anlagen da gebaut worden sind. Die ganze Anlage ist ein Wunder der Technik. Dort, wo ich gearbeitet habe, liegen die Parkplätze der Maschinen alle unterirdisch und eine große Sttecke vom Start- und Landungsplatz entfernt. Ueber den Parkplatz wächst Wald. Bon ihm aus läuft brs zur Starfftelle eine unterirdische Anrollstrecke." „Man kann die Maschinen natürlich landen sehen, man sieht auch wie und wo sie' im Boden verschwinden, dann ist man aber kaum mehr in der Lage, bei der Größe der Anlage den Punkt auch nkir einigermaßen sicher zu bestimmen, wo die Flugmaschine verschwunden ist.• Die unterirdischen Gänge und Unterstände sind mit Beton und Stahl abgedeckt und tragen außerdem noch eine viele Meter dicke Erdschicht, in die Bäume gepflanzt werden. Jeder Unterstand einer solchen Anlage ist in sich selbständig und von anderen Unterständen unabhängig angelegt. Natürlich gibt es Verbindungsgänge. Sie können«wer ohne Mühe völlig abgedichtet werden. Für die Anlagen exi- stiert eine eigene Sttomversorgung und meistens auch unabhängige Wafferversorgung. Weit ab von den Parkplätzen befinden sich die Tanks für die Betriebsstoffe. Sie stehen mit der Hauptanlage durch gut gesicherte Rohrleitungen in Verbindung. Zu jeder Anlage gehören Mannschaftsräume, Küchen und Werfftätten. Wie groß eigentlich die ganze Anlage ist, weiß von den Beschäftigten kaum einer. Trotzdem ich ein ganzes Jochr an einem solchen unterirdischen Bau beschäftigt gewesen bin, kann ich heute noch nicht genau angeben, wo sich die Anlage eigentlich befindet. Wir sind von Hannover aus in geschloffenem Lieferwagen abgeholt und wieder dorthin zurückgebracht worden. Rund um den ganzen Platz war eine so dichte Postenkette aufgestellt, daß niemand von der Baustelle weg konnte, ohne sich in die größte Gefahr zu bringen." In Deutschland werden an den verschiedensten Orten unzählige Anlagen solcher Art errichtet. Die dabei Beschäftigten sind in der Regel durch Eid zw absoluter Schweigsamkeit verpflichtet worden. Teilweise wurden sie auch für die Dauer der Arbeit in die Armee ausgenommen Und vereidigt. Christliches, Autoritäres, Fasdstlsches... Der„Arbeiter-Zeitung" entnehmen wir die folgenden, nicht gerade vom„versöhnlichen Geist" des Schuschnigg-Regimes zeugenden Meldungen: Der»Weibsteufel von Sierning", Theresia Möslinger, die aus verbrecherischen Trieben einen ihrer zahlreichen Liebhaber grausam ermordet hat, wurde zuachtJahrenschweren. Kerkers verurteilt.' Es ist noch nicht lange her, da erhielt eine andere Frau in Oesterreich fünf Jahre Kerker: sie hatte ein einziges Exemplar der„Arbeiter-Zeitung" Wegzuräumen vergessen. Man vergleiche die beiden Strafen! Für einen tückischen Mord acht Jahre. Für eine illegale Zeitung fünf Jahre! Das sind die Gerechtigkeitsmaße der österreichischen Justiz. * Für Pietät wird man eingesperrt. Der frühere Vizebürgermeister von Graz, Genoffe Rückl, wurde verhaftet, weil er auf dem Grab seines Freundes, des im Feber 1934 standrechtlich Hingerichteten Märtyrers Stanek, ein paar rote Rosen niedergelegt hat. *. Wo sie keine Autorität Haven. Wie erst jetzt bekannt wird, hat am Tage der Regierungsumbildung die Heimwehrwache des Bisambergsenders, die vom Wiener Heimaffchutz des Fey gestellt wurde, in aller Form gemeutert. Die unzufriedenen Hah- nenschwänzler riffen die Plakate von Starhem- berg und Schuschnigg ab und gaben ihrem Unmut hemmungslos Ausdruck. Die ganze Wache wurde verhaftet und ihr Kommandant eingesperrt. Auch sonst befinden sich derzeit im Polizeigefängnis Roffauerlände mehrere Heimwehrmänner in Hast, die allerdings besondere Begünstigungen genießen und in Uniform spazieren gehen. Zwölf Ukrainer vor Gericht Warschau. Hier nahm am Montag der große Prozeß gegen zwölf Mitglieder der nationalsozialistischen Ukrainerorganisation seinen Anfang'. Die Angeklagten werden der Teilnahme an dem Anschlag gegen Innenminister Pieracki beschuldigt, der bekanntlich am Ist. Juni 1934 ermordet worden ist. Der Hauptschuldige, der Ukrainer Masiejko, ist ins Ausland geflüchtet. Die Anklageschrift zählt mehr als 100 Seiten. Man rechnet damit, daß auch der Prozeß mehrere Wochen andauern wird. Zur Verhandlung sind zahlreiche Journalisten aus dem Auslande, eingetroffen. Seite 6 „Sozialdemokrat" Mittwoch, 20. November 1935. Nr. 879 &wr HeiKmq OGR. Tr. Svoboda mit der Leitung des Jugendgerichtes betraut. Nach der Pensionierung des seinerzeitigen Vorstandes des Prager Jugendgerichtes OGR. Dr. H e l l r i e g e l trat in der Leitung dieses Gerichtes eine längere Vakanz ein, die recht peinlich empfunden wurde. Soeben wurde bekannt, daß zum Nachfolger des OGR. Hellriegel der bisherige Vorsitzende des Pressesenates OGR- Dr. Svoboda ernannt wurde. Diese Nachricht wurde allseits mit größter Genugtuung ausgenommen. OGR. Dr. Svotttda hat sich in seiner bisherigen Tätigkeit als Richter allerbester Qualifikation erwiesen und wir sind überzeugt, daß mit dieser Ernennung der richtige Mann auf den richtigen Platz gestellt wurde. OGR. Dr. Svoboda erfreut sich allgemeiner und wohlverdienter Wertschätzung. Für das Preffegericht bedeutet der Abgang des OGR. Dr. Svoboda einen empfindlichen Verlust, für. das Jugendgericht versprechen wir uns von der Leitung dieses ausgezeichneten Richters viel Gutes- rb. Groß-Einbrecher verhaftet. Der Einbrecher, der in der Wohnung der Fran Olga Schulz in Holle- schowitz eine Beute von über einer Viertelmillion an Bargeld und Juwelen gemacht hatte, wurde in der Rächt auf gestern in der Person des 24jährigen Emil Steiner verhaftet. Die Verhaftung geschah in seiner Wohnung in der Fochstraße,■ wo noch 1060 KC sowie eine Anzahl Dollars, Franken, Schillinge und englische Banknoten, ferner Schmuck, der aus dem Diebstahl stammte, beschlagnahmt werden konnten. Seine Geliebte, Georgine Bouiek aus Prag l, wurde gleichfalls verhaftet; eine weitere Mitschuldige namens Hildegard Pilz wird noch gesucht. Bankbeamter vernntrent 75.000 KC. Der Bankbeamte t. R. Zdenök Koudelka, 41 Jahre alt, wohnhaft in Prag-Lieben, wurde gestern unter der Beschuldigung verhaftet, 75.000 K5— zwar nicht zum Schaden der Bank, aber zum Schaden seiner Verwandten— veruntreut zu haben. Er habe das Geld von einem Verwandten zur Aufbewahrung erhalten, sei aber nach besten Tode nicht imstande gewesen, es den Erben auszuzahlen. Koudelka ist geständig, das Geld für sich verwendet zu haben. 70jähriger unter dem Lastanto. Gestern um 3 Uhr nachmittags wollte der 70jährige Häusler Jakob Kloc beim Masaryk-Bghnhof die Fahrbahn überschreiten, als er vom Lastauto P 2661, das der Chauffeur Franz Matejka aus Lieben lenkte, zu Boden geworfen wurde. Kloc erlitt eine schwere Gehirnerschütterung und eine Rißwunde hinter dem Ohr und wurde auf die Klinik Schlaffer gebracht. JCuaat und Wissen. Prager Konzertsaal Die Kammermusik ist Heuer in den Prager Konzertsälen tonangebend. Die Mehrzahl der Konzerte der letzten Woche war kammermusikalischer Art.; Man könnte daraus fast den Schluß ziehen, daß eine Aenderung des Geschmackes und ein Wandel in der Kunstauffassung des Publikums stattgefunden hat. Denn gerade die Kammermusikkonzerte erfreuen sich»umeist eines recht guten Besuches. Besondere Teilnahme fand ein Cellosonaten- Abend, den der junge sudetendeutsche Cellist Erich Neumann gemeinsam mit. der bekannten Prager Pianistin Grete Antscherl-Schück veranstaltet hatte. Neumann wurde nämlich nach Prag berufen, um hier das Amt eines Lehrers des Cellospiels an der Deutschen Musikakademie zu übernehmen.. Sollt« er als Musikpädagoge die gleichen Fähigkeiten offenbaren wie als Konzerttünftler. dann darf unsere junge deutsche Musikhochschule mit ihrer Wahl zufrieden sein. Vor allem technisch ist Neumann ausgezeichnet geschult und zeichnet sich— was für die Kunst des Cellospieles besonders wichtig ist— durch Reinheit des Tones aus; auch dir klangliche Schönheit seines Spieles ist zu loben und die ruhige, geistig beherrschte Art seines Vortrages Vorbildlich schön und stilvoll war auch sein Programm, das eine alte Sonate von Marcello, Beethovens erst unlängst gehörte wundervolle Sonate Opus 69 und je eine Sonate von Brahms und Dohnanyi umfaßte. In Grete Antsberl-Schück hatte der Konzertgeber eine technisch zuverlässig: Partnerin am Flügel, der nur-mehr dynamische Zurückhaltung zu wünschen gewesen wäre.— Ein Kam- musikabend größeren Stiles war dem tschechischen, Tonsetzer Jarosiav Ridnh gewidmet. Ridkv ist ein Komponist, der von der revroduktiven erst zur produktiven Tonkunst gefunden hat. Er ist als Harfenspieler im Orchester der Prager Tschechischen Philharmonie mnsikkünstlerisch herangewachsen, wirkt' heute als Kornpositionslehrer am Prager Tschechischen Staatskonservatorinm und ist als Komponist übrigens schon wiederholt erfolgreich her- vorgetreten. Seine diesmal aufgeführten Werke umspannten«inen Schopfimasabschnitt von ettva zehn Jahren; so hörte man eine ältere Cello-Sonate, ein neueres Streichquartett und als 1l r a u k ü h r u n q ein auS der allerletzten Zeit stammendes Nonett. Ridkvs tondichterisch- Art trägt nicht nur die Merkmale hoh-n technischen Könnens und schöner formaler Gestaltung, sondern vor allem di« Merkmale künstlerischer Innerlichkeit und Persönlichkeit. Da? bedeutet, daß er- nicht nur in jenen Sätzen seiner Tonwerke, die auk den Rhythmus und streng« Dnrch- sührnna ang-w-eken sind, orimnell s«in kann, sondern daß«r insbesondere in den de? inneren Ausdruckes bedürfenden Sätzen persönlichste Eigenart verrät und persönliches Gekübl. Die liebevoll ihrer Ausgabe dienenden künstlerischen Mittler der Werk« Ridkvr waren der Cellist Smetana, der Rianist Baleniö. das Peska-Qnartett und das PragerNonett.— Sehr schön« Kammermusik war auch wieder im letzten K-mzerte des Prager Deutschen KammermnsikvereineS zu hören: Ein Klavier-Quintett von BrahmS als beglückende Gabe aus der letzten Blütezeit der strengen Kammermusik,«in Streich-Quartett von Dohnanyi als Musterbeispiel formal und klanglich! schöner neuzeitlicher Kammermusik konservativer Richtung und Klavierstücke intimeren Charakters wie die Bagatellen Beethovens sowie sudetendeutscher Herkunft, nämlich von dem Prager Tonsetzer Theodor Beidl und von dem Schlesier Kurt Seidl. Tie reproduktiven Kunstleistungen bei diesem Konzerte hatten durchwegs heimische Künstler übernommen: Das sehr gut zusammengespielte, tonlich schöne und stilsichere Karlsbader Man-zer- Ouartettund der als Anschlagskünstler und Techniker gleich hervorragend« Prager Pianist und Meisterlehrer der Deutschen Musikakademie Professor Franz Langer.— In einem der letzten Konzerte der Prager Tschechischen Philharmonie, dessen temperamentvoller musikalischer Leiter Wenzel T a l i ch war, gab es eine interessante Uraufführung; ein neues Klavierkonzert(das zweite) von dem tschechischen Tonsetzer Bohussav Martin«, ein durchaus modernes, ganz auf die Virtuosenkunst eingestelltes, im Rhythmus originelles und in der Form gekonntes Werk. Ruda F i r k u 8 n y, der immer mehr in den Vordergrund gelangende hochbegabte junge tschechische Meisterpianist, spielte es mit impetuoser Spielfreude und im blendendsten Virtuosenstil. E. I. Spielplan des Neue« Deutschen Theaters. Mittwoch halb 8: Venus in Seid e, B 2.— Donnerstag halb 8: Die verkaufteBraut, C 1.— Freitag halb 8:Martha, D2.— Samstag halb 8: Die ersteLegion, Dl.— Spielplan der Kleinen Bühne.Mittwoch 8: Kamera d e n, Bankbeamten II und freier Verkauf.— Donnerstag 8: Kind im Kampf.— Freitag 8: Der König mit dem Regenschirm, Theatergemeinde des Kulturverbandes und freier Verkauf.— Samstag 8: Kameraden. Deutsche sozialdemokratische Bezirksorganisation Prag Donnerstag, 21. November 1935, um acht Uhr abends im Großen Saal des Gewerkschafts- Hauses» Prag I.» Pcrötyn 11, Partewersammlung mit Vortrag des Genossen Paul Malles, Korrespondenten des„Socialdemokraten" Stockholm, über das Thema „Die Sozialdemokratie in den nordischen Ländern". Nils Asthrr in dem Film„Die Leidenschaft des Generals Den". „Faulheit für alle!" Dr. John Brinkleys Weltverbesserungspla« Keine Idee ist so absurd, daß sie nicht in Amerika irgend einen Propheten hätte. Den diesjährigen Rekord hat zweifellos Mr. John Brinkley. Rechtsanwalt aus New Dock, aufgestellt. Dr. Brinkley hat die Absicht, für die— allerdings erst in einiger Zeit stattfindenden— Präsidentschaftswahlen zu kandidiexen. Er setzt weder auf eine hinter ihm stehende politische Partei noch auf seine persönlichen Beziehungen, weder auf Rednergabe noch auf Geldmacht, sondern einzig und allein auf die Zugkraft seiner Idee. Sie lautet, in drei Worten:„Faulheit für alle!" Es ist nicht zu bestreiten, daß Dr. Brinkleys Versprechungen, die er im Falle seiner Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten einlösen will, etwas Bestechendes haben. Seine Theorie, die er schon jetzt in einer Reihe von Broschüren und Flugzetteln ausführt, ist höchst einfach. Die Welt Der Mw Musikus Florian. Neber die Unsitte der Komponistenfilme: braucht nichts mehr gesagt zu werden. Aber über diesen Film aus dem Dritten Reich, in dem Franz Liszt(der übrigens als Vogelscheuche dargestellt wird) in der Liebesaffäre eines mit bayrischen Kraftworten um sich werfenden Klavierlehrers eine Roll« spielen muß, ist zu sagen, daß er das bekannte Niveau der Komponistenfilme noch unterbietet. Die Handlung ist ein kläglicher Unsinn, die historische Atmosphäre ist nirgends vorhanden, die Ungarischen Rhapsodien werden aufdringlich auf dem Klavier gehämmert, und die Darsteller konnten mit ihren Rollen nichts anfangen. Selbst so routinierte Leute wie Ida Wüst und Paul Hörbiger wußten sich nicht mehr zu helfen, um so weniger natürlich die Hauptrollenträgerin Karin Hardt, die nicht einmal sprechen kann. Mer um ein„Werk" dieser Art zustandezubringen, hat man sich auS Italien einen Regisseur geholt: Carmine Gallone, der früher als Durchschnittskönner galt, aber dem Manuskript dieses neudeutschen Musikerfilms gegenüber offenbar auch völlig wehrlos war.—eis— Der rot« Reiter. Ungeachtet des bosschewistisch klingenden Titels ist das ein Berliner Operettenfilm, der durch Zigeunermusik, Ballett und ungarische Trachten das zp ersetzen versucht, was ihm an Witz und darstellerischen Kräften fehlt. Wenn man berichtet, daß Iwan Petrowitsch und Camilla Horn die Hauptakteure sind, braucht man nicht mehr hinzuzufügen, welcher Art die hier gebotene Schauspicl- und Gesangskunst ist.—eis— Westböhmens Arbeiterturner sind aktiv! 111 AtuS-Fmiktimräre dei de» Appellen drS 2. Bezirkes Einhundertelf Funkttonäre stellten sich zu den beiden BundeSappellenin Eger und Asch. Als Vertreter deS Bundes erstattete Genosse Ku a i g (Aussig), der Propagandaleiter des Komotauer Festes, das Referat. Die Stimmung und der Verlauf beider Appelle war prächtig. In Eger waren sieben Vereine mit 76 und in^ Asch sieben Vereine mit 35 Funktionären anwesend. Sechs Vereine waren nicht vertreten. IM 1. Bezirk fand die BezirkSvovtur- n er stunde für Frauenturnen statt, die Leitung hatten die Bezirksturnwarttnnen Liesl N e- j e d l o und Mizzk I a ß n y. Bon 20 Turnerinnenabteilungen waren 18 Abteilungen mit 52 Turn- wartinnen und Vorturnern vertreten. Die Stimmung war güt, das Uebungsmaterial für das Bun- pesfurnsest wurde mit Begeisterung ausgenommen. IN Falkenäu veranstaltete die'Gruppe Falkenau mit ihren 15 Atus-Vereinen ein Bühnenschauturne« im Bergarbeiterheim. Der große Bergarbeiterheimsaal war wieder einmal zu klein, besonders erfreulich ist, daß der Großteil der Besucher im jugendlichen Alter von 14 bis 20 Jahren war. Die Vereine zeigten in bunter Folge ihre Arbeit und unter der Leitung des Gruppen- turnwartes K ü n z l kam eine meisterhafte Regie zustande. Genosse Mykura hielt eine Ansprache und stellte als Ziel, daß der kleinste Verein der Gruppe so werden muß, wie eS heute unsere besten Vereine gezeigt haben. ZweiundzwaNzig Vorführungen wurden in zweieinhalb Stunden gezeigt, viele neue Gedanken wurden dadurch vermittelt. Hier wurde einmal deutlich sichtbar, daß im Atus nicht nur fleißige, sondern auch schöpferische Menschen vorhanden sind. Herbstrennen der westböhmischen Atus-Fußballer mit Hinderniffen! Maierhöfen schlägt Kleische 2:1 Von den sechs angesetzten Serienspielen der ersten Klaffen sande« am Sonntag nur drei Spiele statt. Knapp vor dem Mschluß der Herbstserie gaben die Vereine Altroh lau und Eibenberg das Rennen überhaupt auf. In Eibenberg sind eS Platzschwierigkeiten, das Gebirgswetter hat dort oben ein wenig mitgespielt. Der ASK Altrohlau hat sich in den Maschen der Strafbestimmungen verwickelt und fand keinen anderen Ausweg; leider, leider. In Fischern trat auch Fran- zenSbad nicht an; wir wollen nicht hoffen, daß auch der einzige Vertreter des Egerer Gebietes daS NataSa Gollovä in dem tschechischen Film„Die. Kinderlose". Rennen aufgibt. Der Spitzenführer Atus Kär.lS- b a d weilte Sonntag in Graslitz. Das Spiel wurde bereits in der ersten Halbzeit beim Stand 1:0 für GraSlitz abgebrochen, weil sich aus der- Verletzung des Karlsbader Tormannes eine Differenz ergab. Die Platzvereine C h o d a u und Draho« w i tz konnten beide knapp 4:3 gegen N e u d e k und S ch a n k a u gewinnen. Chodau kommt wieder in die Spitzengruppe und Drahowitz befestigt sich im Mittelfeld; letzter will Heuer niemand werden. Der Kreismeister Maierhöfen mußte durch das Ausscheiden AltrohlauS von der Serie aussctzeN und hatte sich als Ersatz Kleische, den Meister deS 5. Kreises, verpflichtet. Westböhmens Vertreter blieb in diesem Spiele Sieger und damit ist auch die Stärke des 6. Kreises neuerdings unter Beweis gestellt. Der FFK Falkenau war spielfrei, er hatte sich die Militärmannschaft des 33- Jnf.-Reg. geladen; das Spiel hat allgemein gefallen. Der Atus Unterreichenau, welcher durch das Ausscheiden der Eibenberger Sportbrüder ohne Seriengegner war, spielte gegen die Stak-Mann« schäft Viktoria Chodov und gewann. Die Ergebnisse der Serien- und Freundschaftsspiele:' ASB GraSlitz gegen AtuS Karlsbad 1:0 abgebrochen. Rote Elf Chodau gegen ASB Neu« dek 4:3, Atus Drahowitz gegen AM Schankau 4:3, FFK Falkenau gegen Militärelf Jnf.-Reg. 33 4:2, ASB Maierhöfen gegen Kreismeister Kleische(Aussig) 2:1, Atus Unterreichenau''egen Viktoria Chodov 3:1, ASB Altrohlau gegen AtuS Weheditz 4:10, Atus Joachimsthal gegen Atus Sodau 2:2. Dor Stand der Serie ASB Graslitz.. . 8 6 0 2 13 46:15 Atus Karlsbad.. . 9 6 1 2 18 16:11 ASB Maierhöfen. . 8 6 S 2 12 24:1« Rote Elf Chodau. . 9 5 2 2 12 22:23 FFK Falkenau.. . 6 5 0 4 10 29:2« ASB Schankau.. . 8 4 1 8 9 27:20 Atus Drahowitz.. . 10 4 1 5 9 23:28 ASB Neudek.. . 9 3 1 5 r 20:24 AttiS Fischern.. . 8 8 1 4 7 15:23 Atus Unterreichenau . 9 2 0 7 4 15:80 Atus Franzensbad. . 8 1 0 7 2 10:31 Heute Gruppenabende. Wein« berge(8 Uhr, Rarodni): Licht« bildervortrag über Kunst.— Zentrum(8 Uhr. Liga): Diskussionsabend.— Holleschowitz (8 Uhr, Kamenicka): Der In« gendgewerkschaftskongreß.— Am Sonntag Sammelaktion der„Arbener- fürsorge".— Montag, den 25. November:„Feier der Oktoberrevolution" um 8 Uhr im neuen Uraniakino. VarcinsnocfcacMen 1 im hl i ininrry Ortsgruppe Prag. S a m s t a g um 8 Uhr Nachmittags in der„Urania* Schweizer Skifilm„Empor zu» Sonne". krankt einzig und allein daran, daß die Menschen auf den dummen Gedanken gekommen sind, zu arbeiten. Arbeit ist nichts anderes als eine schlecht« Angewohnheit, meint er. Gewiß, seinerzeit, als man uns aus dem Paradies Vertrieb, sei ein gewisser Zwang vorhanden gewesen, zu Pflug und Spaten zu greifen und im Schweiße des Antlitzes das tägliche Brot herbeizuschaffen. Aber heute. Für alles gibt es Maschinen, die eine menschliche Bedienung überhaupt nicht mehr brauchen. Es ist pure Bosheit von den Ingenieuren und Wirtschaftern, ihre Apparaturen nicht so einzurichten, daß sie sich selbst kontrollieren, regulieren und versorgen. Der Mensch hat bei der ganzen Sache nichts weiter zu tun, als zuzugreffen und zu verbrauchen, was ihm Natur und Technik spenden. Statt dessen macht er den Kardinalfehler, arbeiten zu wollen und dadurch die ganze einfache Weltordnung durcheinander zu bringen. Wie simpel und praktisch wird es aber im Amerika des Dr. John Brinkley zugehen! Man wirft eine Münz- in einen Automaten und erhält, was man haben will. Basta. Jede andere Tätigkeit ist nicht nur unnötig, sondern streng verboten. Nur so könne Idealismus und Schönheit in der Welt herrschen- Faulheit für alle verbürgt Friede, Eintracht und Glück auf der ganzen Erde, vor allem in Amerika Natürlich hat Dr. Brinkley sein Weltverbe'- serungssystem bereits bis in alle Einzelheiten auSgearbeitet. In jeder Postanstalt wird eS dir kleinen Münzen geben, für die man an den Versorgungsautomaten alles Nötige erhält. Dek Mensch der Brinkley-Epoche wird also von früh bis spät im Lehnstuhl sitzen oder auf dem Sofa liegen, und wenn er auf irgendetwas Lust hat« klettert er herunter, geht in die nächst« Postanstalt und holt sich gratis und franko so viel Münzen» wie er braucht. Dies aber ist der einzige schwache Punkt in Dr. Brinkleys Programm. Denn, so muß man fragen, wer wird in der Pestanstalt arbeiten V Und di« bissigen amerikanischen Journalisten- di« sich mit Dr. Brinkleys Faulheitslehre besaßt haben, antworten darauf:„Niemand— wie jedes Mensch weiß, der jemals in einer amerikanische» Postanstalt gewesen ist..." Ela.• Bezugsbedingungen: Bei Zustellung ins Sans oder bei Bezug durch die Post monatlich KC 16.—, vierteljährig Kö 48.—. halbjährig Kä 96.—. ganzjährig KC 192.—.— Inserate werden laut Tarif billigst berechnet- Bei öfteren Einschaltungen Preisnachlaß.— Rückstellung von Manuskripten erfolgt nur bei Einsendung der Retourmarken.— Die Zeitunasfrankatur wurde von der Post« und Tele- graphendirektion mit Erlaß Nr. 13.800/VII/1930 bewilligt.— Druckerei:.^Orbis". Druck-, Verlags- und Zestungs-A.-G., Prag.