Donnerstag, 28. November 1935 15 Jahrgang z ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. HD Aktion und Verwaltung hag xii.,pochova a. telefon non., HERAUSGEBER. SIEGFRIED TAUB. CHEFREDAKTEUR: WILHELM NIESSNER. VERANTWORTLICHER REDAKTEURi DR. EMIL STRAUSS, PRAG. Einzelpreis 70 Hellar (einschließlich 5 Heller Portef 1ENTRALORGAN DER DEUTSCHEN SOZIAL DEMOKRATISCH EH ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHQSIOWAKISCHEN REPUBLIK Abessinien meldet Erfolge Gerloghubl und Gorahai von den Italienern geräumt? Labour-Waklsieg in Neuseeland 52 statt 24 Mandate London. Die abessinische Regie» rung tollt mit, daß die Italiener in Oga» de« zurückweichen, daß sie vorloghubi und Gorahai geräumt Haden und bis gegen Nal-Nal zurückgegangen seien. In Addis Abeba erwartet man mit Bestimmtheit, daß im Süden in einigen Tage« eine große Schlacht geschlagen werde« wird. Ge- Mossoüni macht ein langes Gericht ft ent wurden mehrere Gruppen von Lastautomobilen, die mtt Truppen voll deseht waren, aus Harrar entsendet. All« diese Truppen werden sich bei Berloghubi konzentrieren, wo derzeit, wie es heißt, kein einziger italienischer Soldat mehr zu finden ist. Jedenfalls Hann objektiv festgestellt werden, daß die Bewegung der abessinischen Trup- benabteilungen nach Süden hi« in den letzte« Tagen eine namhafte Verstär- ftung erfahren haben. AddiS Abeba.(Havas.) Die abessinische Negierung meldet amtlich: Die Italiener wurden »n der Ogadenfront völlig geschlagen. Aus Gorahai wird gemeldet, daß die italienischen Somalis nach dem Zwischenfall bei Anala, wo die Italiener vier Tanks und sechs Lastautomobile! kinbüßten, von denen zwei mit Maschinengewehren/ beladen waren, in Unordnung zurückwichen und viele Tote zurücklietzen. Auch die italienischen Besatzungen von Gorahai und Gerlogubi wurden, hott der Panik ergriffen, die ihre Standorie vergeßen und nach Nal-Ual und nach Vardair flüchteten, das sie nicht Verlässen wollen. AddiSAbeba. Die an der Südfront er» deut rinsetzende starke italienische Fliegertätigkeit; und Vorstöße der Flieger biS Jagabur mit zahl» I reichen Bombenabwürfen werden hier als T a r- Uungsmanöver für den Rück- rugderJtaliener bezeichnet. Man erklärt, M in Ghrralte und Tcmbirn Vie italienischen Atutzven unter starkem abessinischen Druck zurückdingen. Auch aus Makalle sei in der vergangenen Nacht die italienisch« Besatzung von 1200 Mann ubgrzogrn und schlage sich nun in dauernden Ge- ftchtrn auf die Rückzugsstratze in Richtung A d i- »rat durch. Ebenso sollen auch andere italienische Kosten, die bis zur gleichen Höhe vorgeschoben dkwrsen seien, sich zum Rückzug bereitmachen. Wir he hier auSgrgebrnen Berichte weiter besagen, Zückten die abessinischen Truppen den zurück» ziehenden Gegnern hart nach. Man behauptet hier, daß im italienischen ^enrrristab Verwirrung Herrsche. Ein gefangener HWzier habe ausgrsagt, daß man in militärischen Kreisen in Eritrea die Taktik, durch Einzelvorstöß« Arestigegewinne zu macht«, verurteile, da diese nur unter schweren Opfern erkauft würden. Die Zahl der lleberläufer auS den Reihen der Italiener an der Rordfront soll sich wieder häufen. Strategische Umgruppierung zugegeben Rom.(Havas.) Offizielle italienische Kreise dementieren die Gerüchte über eine Niederlage der italienischen Truppen in Ogaden und über das Zurückwrichen der italienischen Truppen aus Gorrahai und Gerlogubi in der Richtung nach Ual-Ual. In Kreisen, die im allgemeinen gut informiert sind, wird jedoch erklärt, daß die durch die Androhung neuer Sanktionen und die internationale Beunruhigung herbeigeführte Lage Veranlassung gab,„militärische Sicher- heitSvorkehrungen" durchzuführen. Die Truppenbewegung wurde zu dem Zwecke durch- geführt, damit Italien zu einer sofortigen Verteidigung instand gesetzt werde. Einzelheiten über diese Truppenbewegungen sind nicht zu erfahren, da jede Erteilung von Informationen streng«ntersagt ist. Landwirtschaftsurlaube widerrufen Rom. Am Mittwoch wurde das Dekret widerrufen, mit welchem vor kurzer Zeit 100,000 Mann vom Militärdienst entlassen wurden, damit sie sich ihren landwirtschaftlichen Arbeiten widmen könnten. Wellington.(Tsch. P.-D.) In den allgemeine« Wahlen hat die neu» seeländischx Arbeiterpartei den Sieg über die Regiernngskoalition errungen. Rach den bisher vorliegenden Er- gebniffen hat das neue Parlament folgendes Aussehen: Arbeiterpartei 52 Mandate(24) Rationalisten(bisherige Regierung) 20(46) Unabhängige 8(8) Demokraten v(2). Die liberal-konservative Koalition Forbes-Coates war vier Jahre lang am Ruder. Der neue Ministerpräsident wird höchstwahrscheinlich der Führer | der Arbeiterpartei, der ehemalige Bergarbeiter C a v a g e, sein. Das Programm der Arbeiterpartei sieht eine Preisgarantie für die Erzeugniffe der Farmer sowie Beschäftigungsmöglich- keiten für alle arbeitsfähigen Personen vor. Politischer Mord bei Freudenthal Sozialdemokratischer Vertrauensmann niederget chouen Freudenthal.(Eigenbericht.) Dienstag abend um viertel acht Uhr ist der klein« Ort K u n a u bei Freudenthal zum Schuttplatz eines blutigen Mordes dadurch geworden, daß der sozialdemokratische Funktionär WalterRosen- zweig meuchlings erschossen wurde. Die Vermutung, die man sofort hatte, daß es sich hier um einen politischen Mord handelt, ist durch die Recherchen, welche die Gendarmerie noch in der Rächt vorgenommen hat, bestätigt worden. Es wurden mehrere Verhaftungen vorgenommen, wobei es sich durchweg sum politische Gegner des Ermordeten und Angehörige der SdP handelt. Rosenzweig war Beamter in dem Textilbetrieb Prrntz in Kunau und hat sich in der sozialdemokratischen Partei eifrig betätigt. Er war Mitglied unserer Lokalorganisation und gehörte der Bezirksleitung der Jugendlichen in Freudenthal an,«in eifrig tätiger Mensch. Am Dienstag abend ging Rosenzweig nach Betriedsschluß zum Abendessen. Schpn vorher war, wie festgestellt wurde, ei« fremder Mann, dessen Identität tin- bckannt ist, in der Wohnung Rosenzw-igs und erkundigte sich bei dessen Wirtsfran, wann ihr Mieter Heimkommen werde. Er ist dann wieher wrggegangen und hat sich zwei Stunden vor'dem Eingang der Fabrik, in der Rosenzweig beschäftigt gewesen ist, aufgehalten. Als Rosenzweig dir Fabrik verließ, ging der Mann auf ihn zu und— das erzählte'Rosenzweig selbst, der noch einige Stunden nach dem Attentat lebte— sprach ihn an, ob ihm Rosenzweig nicht einen Posten verschaffe« könne. Ohne daß Rosenzweig antworten konnte, zog der fremde Mann den Revolver und gab auf Rosenzweig einen Schutz ab. Die Kugel drang in die linke Körprrseite des Angeschossenen ein und blieb im Rückenmark stecken. Es handelte sich also um eine schwere Verletzung, die, wie man sofort wutzte, entweder tödlich war oder eine Lähmung herbeigrführt hätte. Tatsächlich ist Rosenzweig wenige Stunden später, nachdem er den Schutz erhielt, gestorben. Als man in der Umgebung den Knall gehört hatte, waren Leute her- beigeeilt, sahen aber nur Rosenzweig auf dem Boden liegen, während der Täter brreits entkommen«ar. Das war dadurch möglich, da,,. Kuna« in einem Kessel liegt, der auf beiden Seiten von Wald umgeben ist. Der Täter brauchte also nur 150 Schritte zu laufen, um sich in Sicherheit zu bringen, was ihm dadurch erleichtert wurde, daß es um die Zeit, da das Attentat verübt wurde, bereits finster war. Bemerkenswert ist, daß die Gendarmerie bereits in Kunau war, und zwar deswegen, weil Rosrnzeig schon seit einiger Zeit gefürchtet hatte, daß man ihm nach dem Leben trachte. Er hatte eine Anzeige gemacht und die Staatsanwaltschaft in Troppau hatte diese Anzeige der Gendarmerie mit dem Verlangen abgetreten, man möge die Sache untersuchen. Roch eine halbe Stunde vor der Katastrophe wurde Rosenzweig von einem Gendarmen gefragt, ob er sich bedroht fühle. Er antwortete» daß er sich nicht fürchte, daß ober möglicherweise etwas gegen ihn im O^nge sei. Die Gendarmerie begann sofort nach dem Attentat die Verfolgung einzuleiten und hat alle Grenzstationen verständigt, weil sie gnnimmt, daß der Täter nach Deutschland geflohen ist. Da | aber die Grenze bewaldet ist und außerdem eine sehr finstere Nacht war, dürfte es dem Täter möglich gewesen sein, über die Grenze zu kommen. Im Laufe des Tages wurden im Orte Kunau selbst drei Verhaftungen vorgenommen, und zwar ein gewisser S t e f f e k, ein ehemaliger Kommunist und früherer Gemeindevorsteher von Kunau, bei dem eine Hausdurchsuchung vcr- genoinmcn und eine Menge Propagandamaterial der SdP gefunden wurde. Der zweite Verhaftete ist der Kassier der dortigen Ortsgruppe der SdP Z i n m ermann, der dritte der Lrts- strllrnleiter K r a u S der SdP. Heute vormittag begab sich der Abgeordnete Z i s ch k a, der in Sternberg wohnt, nach Freudenthal und hat wegen der Erhebungen bei der Bezirkshauptmannschaft vorgesprochen. Im ganzen Bezirk ist die Meinung verbreitet, daß es sich hier um einen ausgesprochenen politischen Mord an ein em sozialdemokratischen Vertrauensmann handelt, der bei den Arbeitern sehr beliebt und eben deswegen bei den Lruten der SdP verhaßt war. Tie Empörung in der Arbeiterschaft ist groß. Die Kehrseite der Slegcsmcdallle Schwere Krise der italienischen Armeen Nach den letzten Meldungen aus Afrika ist kaum mehr daran zu zweifeln, daß sich minde- ! stens die italienische Südarmee des Generals Graziani in einer schweren strategischen I Krise befindet, die Nordarmee immerhin auch in bedrängter Lage. Man muß freilich bei der Beurteilung der sensationellen Meldungen vom Kriegsschauplatz ebenso vorsichtig sein wie bei der Abwägung der beiderseitigen Chancen in einem Krieg wo Zahl, Waffen, Ausbildung und Widerstandfähigkeit der Truppen in jedem Lager mit ganz anderem Maß zu messen sind; das eine aber wird bereits deutlich, daß die warnenden und zweifelnden Kritiker Recht behalten haben, die" den Italienern auf dem«Spaziergang nach Addis Abeba" allerhand Zwischenfälle prophezeit und auf die Schwierigkeiten der Operationen in einem riesigen subtropischen Raum verwiesen haben. Der Umschwung in der militärischen Lage ist bezeichnenderweise nicht durch eine große Schlacht eingetreten, sondern, soweit der Süden in Betracht kommt, durch eine weitausholende Operation der Abessinier, die sich alle Vorteile des Terrains und der geographischen Struktur des Kriegstheaters zunutze machten. Es ist natürlich «in Unsinn, wenn einzelne Blätter melden, die Italiener seien in einem Tag 150 Kilotneter zurückgeworfen worden. Dieselben Bierbankstrategen, die heute solche Tartarennachrichten aus» geben, haben vor drei Wochen gemeldet, daß die Italiener an einem Tag Gorrohai und das fast 200 Kilometer weiter nordöstlich liegende Sassa- beneh eingenommen hätten! Aber die Situation der Armee Graziani ist trotzdem nichts weniger als angenehm. Nicht sie ist auf ihrer Rückzugslinie 150 Kilometer zurückgedrängt worden, sondern die Abessinier stehey plötzlich auf Grazianis Rückzugslinie! Und das ist für die Italiener fast schlimmer als die erste Eventualität. Graziani ist unter Ausnutzung der wenigen brauchbaren Straßen und seiner motorisierten . Truppen in raschem und kühnem Vorstoß zunächst |am Schebeli und dann im Tale des Fasan nach Nordosten Lorgedrungen. Er hat den wichtigen Knotenpunkt Gorrohai mit den noch wichtigeren Brunnen eingenommen und seine motorisierten Patrouillen an regenfreien Tagen weit (gegen Saffabeneh vorgejagt. Nun muß man. sich vergegenwärtigen, daß er in ein weitausgedehntes, fast wegeloses, wasserarmes Gebiet vordringt, das aufl weiten Strecken Wüste, oft gebirgig, nach einem Regentag aber in den Tälern plötzlich versumpft und völlig unpassierbar ist. Ec konnte hier natürlich keine„Front" bilden, wie sie der Weltkrieg kannte^, keine fortlaufende Linie von Gräben, aus denen man im Sturm gegen die feindlichen Stellungen vorbricht, um ein paar Kilometer weiter wieder zu schanzen, sich in neue Gräben zu legen, bis'die Artillerie nachgeschoben ist und der Angriff vorgetragen werden kann. Mit 40 bis 70.000 Mann Kombattanten, von denen der Etappenschutz wohl die Hälfte beansprucht, steht Graziani in einem nach italienischesi Angaben 100.000 Quadratkilometer umfassenden Gebiet, einem Gebiet also, das doppelt so groß ist wie Böhmen, größer als Ungarn. Seine Front ist eine oft unterbrochene, dünne Postenkette, hinter der sich an den Brunnen und Oasen kleine verschanzte Lager befinden. Die•' aupt- macht steht wie in alten Feldzügen zusammen- gedrängt in wenigen Marschkolonnen auf den weit voneinander entfernt liegenden Straßen und ist bei der geringsten Störung des Lebensmittelund Wassernachschnbs schwer gefährdet, der Nachschub wieder ist lahmgelegt, sobald die, Benzinzufuhr stockt. In dieser Situation war Grazianis Marsch nach Nordosten gewagt, solange seine Westflanke nicht genügend gesichert war. Durch die Einnahme des Forts Dagnerei am 20. Oktober glaubte Graziani das Hochland bei Mustahil und damit seine Flanke am Schebeli genügend gesichert zu haben. Die abessinischen Südarmeen, deren Operationen von dem ehemals türkischen General Wehib-Pascha geleitet'werden, haben nun eine große Umgehungs- , alt ibn durchgeführt. Sie setzten sich bei Dola Seite 2 Donnerstag, 28. November 1935 Nr. 277 an der Grenze des Somalilandes fest, und während eine Kolonne auf italienischem Gebiet vordringt, stieß die Hauptgruppe des Ras D e st a D a m p t u der Grenze entlang nach Osten vor, nahm Dagnerei zurück, wo die Italiener anscheinend überrascht wurden, gingen über den Sche- beli und steht buch st üblich im Rücken G r a z i a n i s, der aber auch vom oberen Sche- beli her und aus dem Fafan-Tal angegriffen wird, während er den Zusammenstoß mit der Armee des Ras Apte Mikael bei Sassabeneh sucht. Es wäre verfehlt, die Lage Grazianis als hoffnungslos anzusprechen. Noch immer kann er bei der größeren Beweglichkeit seiner Truppen und bei ihrer zweifellos bestehenden waffentechnischen und taktischen Ueberlegenheit, den Halbkreis, der sich zum Hufeisen biegen will, durchbrechen und sich im Süden Luft schaffen. Wichtig für ihn ist nicht, daß er Gorrohai um jeden Preis hält, sondern daß er sich im Norden und Westen vom Feinde löst und im Südwesten rechtzeitig soviele Kräfte massiert, um den Ras Desta Damptu schlagen, sich selbst aber die Verbindung nach den Häfen sichern oder, soweit sie abgerissen ist, sie wiederherstellen zu können. Bon der Nordfront lagen Meldungen über die Räumung Makalles vor. Das scheinen wilde Alarmgerüchte zu sein. Immerhin häufen sich auch an der Nordfront die abessinischen Vorstöße gegen die italienischen Verbindungen und bei der Räumung Tembiens durch den Ras Sejum scheint den Italienern nicht ganz geheuer zu sein. Die italienischen Berichte dementieren die abessinischen Erfolge, sind aber unklar und bewußt zweideutig in der Angabe der italienischen Positionen. Die erste Krise des Feldzuges ist jedenfalls eingetreten. Sie beweist, daß die Abessinier bisher nicht geschlagen wurden, daß die italienischen Siege zum größten Teil Bluffs waren, daß mit vorschreitender Eroberung des Landes die Schwierigkeiten des Nachschubs, der Verbindung, des Kampfes wachsen, daß endlich auch auf abessinischer Seite fähige Generale vorhanden sind, die wie Wehib Pascha den Italienern mindestens ebenbürtig sind. Die entscheidende Frage bleibt natürlich weiter, ob und wann die Abessinier die technische Ueberlegenheit der Italiener annähernd ausgleichen können. Noch sichern den Italienern ihre Waffen den jelveiligen taktischen Schlachterfolg. Daß dem nicht immer so sein muß, bezeugen die ernsten Nachrichten der letzten Tage. Daß ein militärischer Mißerfolg der Jta-, liener im jetzigen Augenblick politisch ein ungeheurer Gewinn für den Völkerbund und die Friedensfront wäre, braucht kaum betont zu werden. Aber eben weil wir solchen Erfolg der Friedensfront, weil wir eine Niederlage der Italiener aus vielen Gründen wünschen, müssen wir uns hüten, den Wunsch zum Vater des Gedankens werden zu lassen und abessinische Erfolge zu überschätzen. Bei vorsichtiger Beurteilung der Lage kann man aber noch sagen, daß Graziani mindestens(wenn nicht auch die Nordarmee) sich auf der gefährlichen Bahn befindet, die— um ein bekanntes kriegsgeschichtliches Beispiel heranzuziehen— Potiorek 1914 ging. Wenn Graziani Glück hat, haut er sich heraus, wenn er Pech hat wie Pvtio- rek, kann der Schebeli seine Kolubar^ werden. Die Schule unser größtes Kleinod Appell des Genossen Taub an die tsdiedilsdien Parteien Prag. Der Budgetausschuß erledigte am Mittwoch in ganztägiger Debatte das Kapitel Schule, das von dem tschechischen Genossen Dr. M a c e k mit einem ausgezeichneten Referat eingeleitet wurde. In der Debatte kam auch Genosse T a u b zu Wort, der u. a. den tschechischen Parteien eindringlich vorhielt, was für ein Minderheitenvolk ein gut ausgebautes, hochstehendes Schulwesen bedeutet, und der unsere Lehrerschaft mit allem Nachdruck an ihre Pflicht erinnerte, unsere Jugend demokratisch zu erziehen. Nach einer kurzen einleitenden Bemerkung, in der er das Bedauern darüber aussprach, daß die Mitglieder des Budgetausschusses nicht Gelegenheit hatten, die Exposes aller Minister unmittelbar im Ausschuß entgegenzunehmen, erklärte Genosse Taub, daß er sich mit dem Referat des Genossen Doktor M a c e k, das die Mängel unseres Schulwesens in klassischer Form zum Ausdruck gebracht habe, vollauf identifiziere. Tas Schulwesen— fuhr der Redner fort— ist daS kostbarste Gut jeder Ration. Nichts empfinden die Deutschen so schwer, als wenn sie das Gefühl haben, daß daS deutsche Schulwesen nicht ebenso behandelt wird wie daS tschechische. Ich gehöre zu jenen, erfiärte Genosse Taub, die sehr viel Verständnis dafür haben, daß den Tschechen im alten Oesterreich Unrecht angetan wurde und daß ste bestrebt waren, dieses Unrecht nach Erlangung der Eigrnstaatlichkeit anS der Welt zu schaffen. Aber daraus darf nicht der Schluß abgeleitet werden, daß jetzt daS Verhältnis, daS im alten Oesterreich bestand, einfach umgekehrt werde« soll. Wenn etwa bei den Tschechen ans eine Mittelschulklasse 38 Schüler entfalle«, bei den Deutschen 36, so ist daS keine ins Gewicht fal- lende Spannung, die übordies«och durch die DiS» lokation der Schule» begründet ist. Durch die Gleichstellung der Lehrer mit den Staatsbeamten ist die Tschechoslowakei de« Bedürfnissen der Lehrer entgegengekommen wie kein anderer Staat. Mit allem Nachdruck mutz»erlangt werden, daß die Lehrer unser« KinderindemokrattschemGeisteer« ziehen. Im dieser Hinstcht ist jede Kontroll« begrüßenswert, die vom Schulministerium ausgeübt wird! In wiederholten Dorsprachen beim Minister und in den zuständigen Abteilungen habe ich auf die ganz unzureichende Dotierung der deutschen Studentenfürsorge hingewiesen. Ich quittiere mit Dank, daß hier«in größerer Betrag zugewiesen wurde, denn die Zustände waren unhaltbar. Genosse Taub beschäftigt sich sodann mit dem Zustand der Klmiken, die— und zwar sowohl die deutschen wie die tschechischen— nicht so ausgeftgt» tet sind, wie es nötig wäre, und mit der großen Notlage der Theater, hie auch durch Beteiligung am Erträgnis der Rundfunkgebühren nicht voll behoben werden kann. Schließlich zitterte Genosse Taub ausführlich die Stelle im Expose des Schulministers, in der er die Kürzung der Dotatton für die Volksbildung befiagte, und bemerkte dazu: Ich habe diesen Worten des Herrn Ministers nichts hinzuzufügen. Richt nur vom Standpunkt der einen oder anderen Nation ist e? notwendig,, den demokratischen Gedanken bis ins letzte Dorf zu tragen. Wer nicht einsieht, daß es gut investiertes Kapital ist, wenn man dafür einige Millionen ausgibt, der kennt die Nöte der Zeit nicht Die Debatte wurde durch den Schulminister Dr. Krcmar mit einem kurzen Schlußwort beendet. Ausbürgerung der Herren Krebs und Konsorten? Innenminister Dr. E e r n h kündigte im Budgetausschuß eine neue Vorlage über die Staatsbürgerschaft an, die offenbar eine Ausbürgerung jener Elemente ermöglichen soll, die im Ausland gegen den Staat arbeiten. Dr. Lernh erfiärte u. a., daß er als eine der Hauptaufgaben seines.Refforts die Sorge um das Grenzgebiet ansehe. Die Tschechoslowakei ist daran, im Grenzgebiet einen vollendeten Sicherheitsdienst und eine Flugpolizei zu schaffen, den Rundfunk heranzuziehen und den Telephondienst auszubauen. Das setzt eine Unterstützung durch die Bevölkerung voraus..Es wird daher auch' eine erzieherisch'e'TättgKit"Not- wendig sein,-damit sich nicht,gewisse Erscheinungen geltend machen, die bei der Grenzbevölkerung auf einen Mangel an Verständnis für die Sta^ltsinteressen schließen lassen könnten. Die Erfahrungen zwingen dazu, auf gewisse Leute zu achten, die als tschechoslowakische Staatsbürger im Ausland verschiedene Funktionen annahmen und sie derart ausüben, daß sie im ständige« Verkehr mit der Grenzbevölkerung bleiben, wöbe» ihnen die tschechoslowackische Staatsbürgerschaft zu. gute kommt. Um so ärger sind die Fälle, wo diese Staatsangehörigen sich sogar Straftaten gegen ihr Land zuschulden kommen lassen. Der Staat muß sich gegen diese Leute wehren. Eine zweckmäßige Abwehr wird in solchen Fällen eine Neuregelung des Staatsbürger- schaftsgesetzeS sein, die im Einvernehmen mit dem Unifizierungsministerium vorbereitet wird. Für weitere Erhöhung des Maruarinekontinsents Forderangen des Genossen Jaksch im Ernährungsansschuß Der Ernährungsausschuß des Abgeordnetenhauses hielt Mittwoch in Beisein der beiden Ressortminister Dr. E e r n h und Jng. N e c a S eine Sitzung ab, in der über aktuelle Versorgungsfragen der Bevölkerung beraten wurde. Innenminister Dr. E e r n tz kündigte im Laufe der Debatte den beschleunigten Ausbau des Preisüberwachungsdienstes und der Wucherkontrolle an. Der tschechische Genosse Lausmann forderte die Wiedererrichtung eines besonderen Ernährungsministeriums. Genosse Jaksch verwies in der Artssprache auf den Mangel an Kunstfett in den deutschen Konsumzentten und forderte eine weitere Erhöhung des NachttagSkontingenteS für Margarine. Die minderbemittelte Bevölkerung dürfe im Weihnachtsmonat nicht ohne die einzig erschwingliche« Fettstoffe dastehen. Die Landwirtschaft würde durch eine weitere Erhöhung nicht geschädigt, weil der größte Teil der Mflrgarinekonsumenten Naturbutter und Schweinefett einfach nicht bezahlen kann. Chrlstllchsozlale und SdP Reichlich späte Erkenntnis Bemerkenswett war aus der Rede des deutschen Christlichsozialen Z a j i ä e k in der Schuldebatte der Schlußpassus, der seine Spitze deutlich gegen die Politik der SdP richtete. Zajiöek sagte wöttlich:. Die Erklärung, auf dem Boden deS Staates zu stehen, kann den Tschechen nicht genügen. DaS tschechische Bolk muß sehen, daß alle sndrtendentt schen Parteien jeden Kontakt mit einer aus dem Ausland kommenden Ideologie atlehnen» die ia ihrer Dynamik dir demokrattsche Staatsform der Tschechoslowakei und die Tschechoslowakei selbst bedroht. Wenn alle führenden tschechischen Politiker sehen werden, daß wir nicht nur kttttsieren. sondern daß alle sudetendeutschen Parteien wirklich nur eine-eigenstaatliche Politik treiben, und wenn alle sudttendentscheu Parteien den Mut aufringen, gewisse Forderungen des Tritten Reiches öffentlich abzulehnen, dann wird sich jene Atmosphäre entwickeln, die nich nur das Schulwesen, sondern auch der Staat zu seiner Entwicklung braucht.■ Unsere Pattei hat diese Forderung an die SdP allerdings schon zu einer Zeit gestellt, als der Herr Hilgenreiner und andere streitbare Klerikale noch ihre schützende Hand über die Henleinpartei hielten und nichts über sie kommen ließen. Damals wurden wir von den Herren„Denunzianten" etc. beschimpft. Ob sie imS jetzt deshalb wohl wenigstens innerlich Abbitte leisten? Zuriicksewlesene SdP-Angrlffe gegen die Justizpflege Am Dienstag hatte der SdP-Abgeordnete Dr. Neuwirth schwere Borwürfe gegen die Justiz erhoben, daß sie im Bereich des Strafrechtes einem„Opportunismus" huldige und sich von der Regierung beeinflussen lasse, und hatte besonders den früheren Justizminister Dr. Meißner deshalb angegriffen. Justizminister Dr. D k r e r lehnte gestern diese Unterstellungen scharf ab. In den vorgebrachten Fällen habe Dr. Neuwirth selbst als Verteidiger fungiett; man müsse ihm daher jede Objektivität absprechen. Der Minister müsse jeden Vorwurf über mangelnde Objekttvität der Richter ablehnen, ebenso die Angriffe gegen Dr. Meißner und überhaupt jedwede Behauptung, daß irgendein Justizminister oder irgendein Organ des Justizministettums jemals einen Einfluß auf die Entscheidung der unabhängigen Gerichte ausgeübt hab«. Auch der Präsident des Obersten Verwaltungsgerichtes Dr. H ä ch a wies die Verdächti- gungen, als ob die Regierung oder Regierungsorgane jemals einen Einfluß auf die Judikatur des Verwaltungsgerichtes auSgeübt hätten, entschieden zurück. Er könne feierlich erklären, daß ihm auS seiner zehnjährigen AmtStätigkeft an der Spitze dieses Gerichtes kein Fall bekannt sei, daß eine solche Einflußnahme auch nur versucht worden sei. Im Budgetausschuß vetteidigte sich Minister für Unifizierung Dr. Sramek sehr energisch gegen die Behauptung eines ttchechischen Tagblattes, daß daS ganze Ministerium in den 15 Jahren seineS Bestehens nichts gemacht habe, und wies vor allem auf die vorbereitete Kodifizierung der Zivil- Prozeß-Gesetzgebung hin, die eine lange Reihe von Jahren hindurch sehr sorgfältig vorbereitet werden mußte. Die Entwürfe wurden auch nn Druck veröffentlicht, um eine möglichst breite Diskussion zu ermöglichen. Der Minister müsse der Beamtenschaft seines Ministeriums die volle Anerkennung dafür ausdrücken, was sie unter ungewöhnlich ungünsttgen Umständen und mit Miniamr- mitteln geleistet habe. 12 Roman von'Karl S t y m Copyright by Eugen Prager-Verlag, Bratislava Nur einmal wird sie unterbrochen. Uhu stolpert an uns vorüber, auf den kleinen Hügel über uns zu. Martha kichert und zeigt darauf hin. Uhu steht im Mondlicht und durch seine unverantwortlich weiten Dackelbeine sieht man den — Mond in seiner ganzen Pracht— Der Arme. Er hat heute seinen Freund verloren. Martha beginnt zu reden. Von Alltagssachen. Die volle Stimme hüllt mich ein. Jedes Wort ist ein wohltuender Funke. Etwas wie Mitleid mit mir selbst steigt in mir auf. Ich hatte früher davon geträumt, mein Mädchen einmal du ich helle Säle führen zu können, ihr die Welt zu zeigen und zu lachen mit ihr, viel zu lachen. Ein kleines Häuschen irgendwo am Waldrand und ein großes Haus in der Stadt usw. Alles hatte ich schon beisammen, bis aufs Geld. Das machte mir nicht viel Sorgen. Ich habe studiert, bin Techniker und sozusagen prädestiniert für etwas Besseres. Das alles ist nun vorbei. Es war nur ein närrischer Traum, aus dem ich als— Bergmann erwachte.— Jetzt sitze ich mit meinem Mädchen, das nur ein dünnes Kleidchen trägt, im herbstkahlen Walde und drücke es fest an mich, damit uns nicht friert... Martha richtet sich auf. „Horch!“ Von der„Rolle“ herauf kommt halbverwehtes Rufen: „Martha!— Martha!—“ Es ist Marthas Mutter. „Ich muß gehen, Fritz!— Meine Mutter ist so streng!“ „Sie mag mich nicht! Warum denn?“ Martha sieht zur Seite. Die Antwort fällt ihr scheinbar schwer. „Weil du nicht von hier bist!— Die Alten in der„Rolle" sagen immer, die Fremden reißen uns das Brot vom Mund weg. Sie fürchten, ihre Kinder werden einmal nicht mehr in die Grube kommen!“ „So?!— Und du?“ Martha sieht mich voll an. Ihre Augen glänzen weich im Mondlicht.' Martha ist ein gutes Mädchen. Wir gehen durch den Wald. Immer mehr Lichter schimmern durch den Bäumen vor uns. Ein Käuzchen huscht an uns vorüber. Martha zuckt zusammen. „Das ist nicht gut!“ „Wieso?“ „Es bringt Unglück!“ Auf der anderen Waldseite ruft das Käuzchen. Die Bäume echoen darauf. Das hört sich an, als klage der ganze Wald. Ich lache hell auf. Nach kurzem Zögern fällt auch Martha ein. Ihr volles Lachen rinnt wie silbriges Flimmern in die Mondnacht hinein. Frei und schmiegsam. „Du—“’ „Nicht hier!“ Wir treten ein paar Schritte in den Wald zurück— Martha läuft über die mondlichte Wiese zur ,Aolle“ hinunter. Ich sehe ihr nach und bin stolz. Mein Mädchen!— Es ist nicht richtig, das ganze Leben auf einmal in den Mund zu nehmen und drauf los zu fluche«. Es gibt Momente darinnen, die doch schön sind. Schade, daß diese Momente so rar sind... Ich gehe langsam nach Hause. Die„Rolle" liegt wie ein breites, schweratmendes Tier vor mir, das aus vielen hellen Augen in den Mond glotzt. Irgendwo weint ein Kind. Dazu zetert eine Frauenstimme. Auf der anderen Seite, vom Dorf herauf, gröhlt ein Betrunkener, Etwas unterhalb der Kolonie begegnet mir Uhu. Ich erkenne ihn schon von weitem an seinen Dackelbeinen und dem großen Kopf. Jemand springt von ihm weg ins Gebüsch. Zuspät. Ich habe die Madonna erkannt. Ich hatte Uhu vorhin im Wald oben etwas zu voreilig bemitleidet. Ich dachte, er trauere um Drach. In Wirklichkeit aber hat er die Madonna gesucht. Meinetwegen!— In Schropps Häuschen ist noch Licht. Auch der Schlüssel, der sonst immer unter der Traufe hängt, ist noch nicht heraußen. Ich gehe um die Ecke und sehe durchs. Fenster. Die Sophie sitzt am Tisch und starrt mit verweinten Augen vor eich hin. Seltsame Liebesleute!— Ich klopfe an die Scheibe. Sophie fährt auf. Schwerfällig geht sie zur Tür und macht mir auf. „Noch nicht im Bett?“ Keine Antwort Hm, die Sache scheint ernst zu sein. „Sophie, mach’ mir einen Tee!" Mich friert ein wenig. Sophie heizt ein und setzt Wasser auf. Dann hockt sie sich auf die Ofenbank. Mir kommt alles an ihr irgendwie hängend vor. Das Gesicht, die Hände, die starke Brust und die Kleider. Ich hatte dem derben Mädchen gar nicht soviel Schmerz zugetraut Nachdem der Tee fertig ist schlüpft Sophie ohne ein Wort in ihre Kammer. Ich muß lachen. Wie sich die zwei tolpatschigen Kinder dumm benehmen!— Paul schläft schon. Auf der alten Kommode neben seinem Bett liegt ein Bildchen. Es stellt ein sehr hübsches Mädchen dar. Nur der Mund daran gefällt mir nicht Es ist kapriziös, wie bei allen, die für sich arbeiten lassen und gut leben. Ich hefte das Bildchen über Pauls Bett damit er sieht, daß auch ich was weiß. Hm!— Ich recke mich. Lin schöner Tag!— Nr. 277 Donnerstag, 28. November 1935 Seite 3 fudetendeutsdier Zcitspie^et Wie roll man bei öffentlichen Arbeiten vorsehen? In der böhmischen Landesvertretung behandelte die Fragen der öffentlichen Arbeiten Genosse Novy, der auf verschiedene Unzukömmlichkeiten bei der Durchführung der Arbeiten hinwies. U a. sagte er: So sehr alle Bemühungen zur Linderung der Not begrünt werden müssen, so wichtig ist es auch, das Augenmerk auf Vorgänge zu richten, die sich bei der Vergebung der öffentlichen Arbeiten absptelen. Es acht Unternehmer, die— die Notlage der Arbeitslosen auSnützend. Bedingungen und Lohnverhällniss« eingefübrt haben, die hohnsprechend sind. Es darf nicht zugelassen werden, daß Arbeitslose ge- demütigt werden: Menschen, die sich monatelang nicht sottefsen konnten, die in Lumpen gekleidet und körperlich geschwächt sind, müssen ordentlich behandelt werden. Weder dürfen die Löhne gedrückt werden, noch darf dir Arbeitszeit den gesetzlichen Bestimmungen widersprechen. Wir lehnen den Versuch ab, den Arbeitern Löhne nach einem Vertrag aufzuzwingen, der durch die Ungeschicklichkeit eines kleinen Verbandes mit einigen Ingenieuren abgeschlossen wurde. Es haben nur jene Löhne Geltung, die in jenen Gebieten. wo öffentliche Arbeiten durchgeführt werden, zwischen der Arbeitgeberorganisation und den Arbeitnehmer- bzw. Fachverbänden, abgeschloffen wurden. Auch die 40-Stunden-Woche ist bei diesen Arbeiten einzuhalten. Wer die Arbeiten verfolgt, kann seststel» len, das» in einem Tempo gearbeitet wird, welcher ungeheuerlich ist. Der ausgehungerte Arbeiter ist vom Aufsichtspersonal Kränkungen ausgesetzt und gerade die Menschen, die am allernotwendigsten eine Beschäftigung brauchen, werden bei einer paffenden Gelegenheit von der Arbeit weggeschickt und nicht mehr eingestellt. Bei der Vergabe öffentlicher Arbeiten sollen die Angebote ansässiger Firmen möglichst berück- ffchtigt werden und ebenso must verlangt werden, dast bei der Zuteilung von Arbeitern die öffentlichen Ar- beitsvcrmittlungSanstalten im Einvernehmen mit den örtlichen Berufs- oder Fachorganisationen vorgehen. Schließlich befaßte sich Genoss« Novy mit den Sicherheits- und Gesundheitsmaßnahmen bei der Arbeit und stellte zu dem Kapitel der öffentlichen Arbeiten Anträge, auf welche wir zurück- kcmmen werden. Die Jugencvertreter beim Landespräsidenten Mittwoch sprachen die Vertreter der Jugendverbände gemeinsam mit Mitgliedern der Landesvertretung beim Landespräsidenten Dr. S o- botka vor, um ihm die Forderungen der arbeitslosen Jugend vorzulegen. Vor allem kam in der Aussprache der schon seinerzeit in der Landesvertretung behandelte und angenommene Antrag zur Sprache, wonach das Land entsprechend der Praxis des Fürsorgeministeriums bei öffentlichen Arbeiten 18 Prozent Jugendliche beschäftigen und die Errichtung von Jugend-ArbeitSgemeinschaften fördern solle. Der Landespräsident erklärte, daß dar Land bereit sei, Gesuchen von Gemeinden um finanzielle Unterstützung von Arbeitsgemeinschaften zu entsprechen, wie dies z. B. in Fischern der Fall war. Es müßten auch Wege gesucht werden, um bei den öffentlichen Arbeiten eine entsprechende Zahl von Jugendlichen unterzubringen. Der LandeSprvsi- dcnt sagte diesbezügliche Weisungen an die Bez zirke zu. Mit diesen Fragen dürfte sich auch noch der Landesausschuß beschäftigen. An der Deputation, welch« vom LandesauS- schußbeisitzer Genossen M a ch a 111 eingeführt wurde, nahmen neben Vertretern der tschechischen Hus, Cheltschicky, Komensky Unter dem Titel.Leiden des Geistes" hat Otto Friedrich im Europäischen Verlag, Zürich, ein Buch herauSgegeben, da» in leichter, flüssiger Sprache geschrieben ist und jedem, der es liest, ein paar schöne Stunden des Vergnügens und der Erkenntnis bereitet— nicht allein einer historischen, sondern auch einer politischen Erkenntnis, insofern eS sich um Leben und Lehre dreier Männer handelt, die jenen Humanismus geschaffen haben, dessen vorläufig letztes und menschlich zugängliches Kapitel, wie der Verfasser mit Recht sagt, das Lebenswerk T. G. Masaryks ist, und deren edle Anschauungen nicht nur ein allgemein menschlicher, sondern auch sozialer Humanismus ist. Der erste der Dargestellten ist der religiöse Reformator Johannes Hus, dessen Wirken bekannt ist, weswegen von diesem ersten Kapitel dcS Friedrichschen Buches nur gesagt werden kann, daß es dem Verfasser gelungen ist, HuS' Wirksamkeit auS dem sozialen und religiösen Milieu seiner Zeit verständlich zu machen und ein ttef« sende» Bild deS mutigen Reformator» zu zeichnen, der für seine Ueberzeugung in den Tod gegangen ist. Mit Recht hebt auch Friedrich hervor, daß diejenigen, welche in Hus nichts anderes als den nationalen Reformator und Gegner der Deutschen sehen. Unrecht haben. Er weist nur aus den freundlichen Empfang hin, den dis deutsche Bevölkerung Hu» auf seiner Reise von Prag nach Konstanz bereitet hat. Mit lebendigem Interesse liest man das »weite Kapitel de» Buches, welche» den großen nationalsozialistischen und republikanischen Jugend für den tschechischen sozialistischen Jugendverband die Genossen D v o k a k und R a u s, für die deutsche sozialistische Jugend die Genossen Lorenz und N e u w i r t h teil. Der Steuerexekutor seht uml Dieser SchreckenSruf hat heute am Lande eine ähnliche Bedeutung wie etwa:„Beim Nachbar brennt's!" Jene, die er besuchen wird, wissen ja nur zu gut, daß es unter Umständen den Anfang vom Ende ihrer Existenz bedeutet. Und daS sind in erster Linie die Kleinlandwirte. Unzählige Briese an den Kleinbauernverband bezeugen es Wie es zugeht, zeigt ein Bericht über eine Pfändung bei einem Kleinbauern in Westböhmen, den wir hier veröffentlichen: Ei» Steuererekutor aus dem Steurramt Wrseritz, Bezirk Plan, amtierte hier vom 20. d. M. angefangen einige Tage lang in unserem Ort. als drrselie in meiner Wohnung erschien, konnte er sich nicht einmal,richtig vorstrllen und so wußte ich lange nicht, mit wem ich es eigentlich zu tun habe. Der gute Mann konnte wahrscheinlich nicht viel deutsch sprechen, nur durch längeres Hin- und Hrrdeuten, bemerkte ich erst, daß er wegen Steuer, rückständen von 800 Kc meinen Milchsrperator und eine Kuh anfgeschrieven hatte, ohne daß er den Biehstall besichtigt hat. Die Kuh und der Seperator wird doch täglich zu Nahrungszwecken gebraucht für fünf Personen. Wenn dieses zur Berstrigerung kommt, so bin ich wirtschaftlich ruiniert und ist auch für weiteres die Steuerkraft verloren. Hätte ich mich mit diesem Mann verständigen können, so hätte ich freiwillig einige Gegenstände zum Psandr überlassen, die in der Wirtschaft leichter entbehrlich sind. Somit ist ersichtlich, daß man da» ganze deutsche Gebiet wirtschaftlich zugrunde richten will. Wo bleibt da die Demokratie, und Gleichberechtigung? Haben wir deutschen Sozialdemokraten, Kleinbauern und.Häusler solche Behandlung verdient? ... Man muß doch mit solchen Struerbeam- ten sprechen können, denn durch bloßes Deute« kann ich die Exekution nicht anerkennen. ... Durch die zweijährige Mißernte hier ist es nicht ander? möglich als die Rückstände der Steuern nur ratenweise uachzntra-en." A. M. in O. Wir wissen nun nicht, wohin dieses Kapitel einzureihen ist: Unter unsere sagenhafie„Agrardemokratie" oder etwa unter die„Steuerdemokratie". UnS will es scheinen, daß solche Metho-, den die arme Landbevölkerung keineswegs zu einer demokratischen Auffassung erziehen. Es wird Sache des Finanzministerium» sein, einen derartigen Unfug, wonach ein Steuererekutor bei den Leuten Pfändungen vornimmt, ohne sich mit diesen verständigen zu können, ehestens abzustellen. Die Einäscherung des Genossen Edmund Burian. Am Dienstag nachmittag fand im Brünner Krematorium die Einäscherung des verstorbenen Genossen Edmund Burian statt. Wie beliebt und geachtet der Verstorbene bei der Arbeiterschaft war, kam in der großen Zahl Menschen zum Ausdruck, die gekommen waren, um sich von ihrem Freund und Genossen zu verabschieden. Vertreten waren die Troppauer Kreisorganisation unserer Partei, die Bezirksorganisation Mäbr.« Ostrau, der Vorstand des Internationalen Mc- taUarbeiterverbandeS in Komotau, die Verwaltungsstellen Mährisch-Ostrau und Jägerndorf und die Zahlstellen Freistadt, Witkowitz und Oderberg Friedensapostel,„den böhmischen Tolstoi", Peter Cheltschicky zum Gegenstände hat. Ehel- tschickys Kampf hat sich gegen zwei Mächte der damaligen Zeit gerichtet, gegen den Kaiser und gegen den Papst, also gegen jene, welche, wie er sagt,„das Netz des Glaubens, mit dem die Menschen auS den MeereStiefcn gefischt werden, bösartig zerrissen haben". Was unS an Cheltschicky besonders interessiert, ist der ausgesprochen a n t i- kapi t a li sti sch e Ch ar a k t er seiner Lehren. Mit der ganzen Kraft seiner Beredsamkeit stellt er die Wucherer und Geldverleiher, die Ausbeuter jener Zeit, an den Pranger. Die fiesere Ursache von Krieg, Raub und Mord, in seine Zeit erfüllen, steht er in der bürgerlichen Ordnung, seine Lehre muß daher Verständnis finden insbesondere bei den Sozialisten unserer Zeit. . Da» dritte Kapitel von Friedrichs Buch behandelt den großen Pädagogen und Menschenfreund Jan Amos Komensky, eine wahre Leidens« und Heldengestalt, dessen persönliches Leben von erschütternder Tragik ist. Er war ein ruheloser Wanderer, zeitlebens ein Emigrant, der als verfolgter Protestant- sein Vaterland gerade in dem Augenblick verlassen mußte, in dem er dazu herangereift war, ihm das größte Werk seines Lebens, die Grundlage eines neuen Erziehungswesens, zu geben. Die„Didactica magna", die„Große Unterrichtslehre" war es, die Komenffy zu einem der größten Geister aller Zeiten und zum Vorkämpfer einer modernen Erziehungslehre stempelt, eine Lehre, die er verkündet hat in einer Zeit ärgster Barbarei: im Dreißigjährigen Kriege. Komenffy ist der Vater der modernen Volksschule, der die Forderung aufgestellt hat, daß die gesamte Jugend beiderlei Ge- dieses Verbandes. Außerdem hatten sich viele Brünner Genossinnen und Genossen und Freunde des Verstorbenen eingefunden. Namens der deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei und deS Internationalen Metallarbeiterverbandes verabschiedete sich Genosse Kaufmann in ergreifenden Worten von dem Verstorbenen, indem er die Verdienste hervorhob, die sich GeNoffe Burian um die Arbeiterbewegung im allgemeinen und’ia die Gewerkschaft der Metallarbeiter im besonderen erworben hat. Genosse Kaufmann überbrachte dem Toten tue letzten Grüße der Arbeiter nnd t ankte ihm für aff das, was er in seinem arbeitsreichen Leben für die Arbeiterschaft geleistet hat. Für die tschechische Sozialdemokratie und die Gewerkschaften sprachen bte' Genossen Rouöek und S i d a.' Nach dem Vortrag des„Liedes der Arbeit" und der„Internationale" wurde der Leib des verstorbenen Genossen Burian den Flammen übergeben. Sein Geist wird in uns weiter fortleben l Die Sprengeibürgerschulen im Senatsplenum Kommunisten stimmen für die Vorlase Prag. Der Senat verhandelte am Mittwoch nachmittags über das Sprengelbürgerschulgesetz, das im Ausschuß im Einvernehmen mit dem Schulministerium in einigen Punkten abgeändert wurde, so daß die Vorlage in der neuen Fassung an das Parlament zurückgehen muß. Der tschechische Genosse Vojta Bene», der schon im alten Parlament als Referent um das-Zustandekommen der Vorlage eifrig bemüht war, hielt ein sehr instruktives Referat, in dem er die außer- ordentlich komplizierte Rechtslage, die auch die finanziellen Interessen der beteiligten Schulgemeinden stark berührt, eingehend darlegte. Nach der Vorlage sollen ursprünglich an den Schulerhaltungskosten auch die umliegenden Gemeinden partizipieren, aus denen Kinder in die betreffende Bürgerschule gehen. Bisher mußte die engere. Schulgemeinde selbst alle Kosten tragen, obwohl in manchen Fällen die Zahl der auswärtigen Kinder bedeutend größer ist al» di« der einheimischen. Dagegen erhoben sich jedoch aus den Kreisen der kleinen, finanzschwachen Landgemeinden erhebliche Widersprüche. Nach per endgültigen Vorlage werden die Kosten zu ie einem Drittel auf den eigentlichen Schulsprengel, auf den gesamten Bezirk und auf daS Land aufgeteilt. Die neuen Sprengel- bürgerschulen können natürlich nicht auf einmal errichtet werden, da die» auch eine starke Belastung der Schulverwaltung bedeuten würde. In der Debatte erklärte u. a. der Kommunist Mikuliöek namens seiner Partei, daß sie daS Gesetz für gut erachte und daher dafür st i m m e n werde.— Die Debatte wurde schließlich ans Donnerstag vormittags vertagt. Gömbös und Kanya nach Wien Budapest. Ministerpräsident Gömbös begibt sich Donnerstag in Begleitung des Ministers des Aeußeren Kanya nach Wien znm Besuch des Bundeskanzlers Dr. Schuschnigg. Venizelos amnestiert Allgemeine politische Amnestie Athen. Ein königliches Dekret proklamiert eine allgemeine Amnestie in Griechenland, in welche auch Venizelos eingeschlossen ist. Sämtliche verurteilten und inhaftierten Offiziere und Soldaten, auch General Plastiras, werden begnadigt. Das beschlagnahmte Vermögen wird nicht zurückerstattet. schlechtS der Schule anzuvertrauen sei, nicht nur die Kinder der Reichen, sondern aller in gleicher Weise,„Adelige undBürgerliche, Reiche undArme, Knaben und Mädchen in großen und kleinen Städten, in Flecken und Dörfern." Der Leser wird mit Staunen die Schilderung der ausgezeichneten pädagogischen Methoden Kamenskys verncl- men, wie wir sie aus dem Buche Friedrichs einp- fangen. Biele Lehren, die Komenffy den Er« ziehern erteilt— erinnert sei nur an die Selbstverwaltung der Schüler— sind auch heute noch revolutionär und— leider nicht erfüllt. Mit Recht sagt Friedrich, daß Kamenskys ganze Unterrichtslehre eine jener menschlichen Leistungen ist, „die gelöst von den Fesseln ihrer Zeit eingehen in die Gedankenwelt einer jeden späteren menschlichen Generation". Und dieser große Geist hat Unglück auf Unglück erlebt, am 29. April 1656 wurde di« polnische Stadt Liffa, in der er sich aufhielt, geplündert und den Flammen vreisgegeben. Bis auf wenige von Komenffy im letzten Augenblick vergrabene Werke ging ein großer Teil seiner Le- bensarbeit, vieles, was er in vierzig Jahren geschaffen hatte, im Feuer auf.„Mein ganzes Leben war eine Wanderung, eine beständig wechselnde Herberge— nirgends ein Vaterland." Fern von der Heimat, die er nie wiedergesehen hat, ist Komenffy am 15. November 1671 in Amsterdam gestorben. Diese flüchtige Darstellung des Inhaltes wird hoffentlich viele dazu verleiten, die Schrift Otto Friedrichs zur Hand zu nehmen, die Sude- tcndeutschen im besonderen werden reiche Belehrung schöpfen ans der Lehre jener Männer, deren Werk im tschechischen Voll fortwirkt bis auf den heutigen Tag. E. St. Riesendiebstahl In derSowjetsesandtschaft Ein Gesandtschaftsbeamter flüchtig Prag. Wie„A-Zet" berichtet, wurde in der Nacht auf Mittwoch in Prag im Gebäude der Gesandtschaft einer Großmacht ein Diebstahl verübt, bei dem rnnd eine Million UL zum Teil auch in Valuten nnd wichtige Dokumente geraubt wurden. Der Gesandte konstatierte am Morgen, daß der Tressor der Gesandtschaft ausgeraubt worden war, daß aber der Täter keine Gewalt angewendet hatte, sondern offenbar mit den richtigen oder nachgemachtcn Schlüsseln aufgeschlossen haben mußte. Bald kam heraus, daß einBeamterderGesandtschaft, der morgens nicht zum Dienst erschien, bereits in der Nacht heimlich seine Wohnung verlassen hatte. Als sich herausstellte, daß der Beamte seine heimliche Abreise schon ftüher vorbereitet hatte, war die Gesandtschaft vor die unangenehme Tatsache gestellt, daß offenbar der eigene Beamte den Diebstahl verübt hat. Nach dem„Prager Tagblatt" handelt es sich «mdie sowjetrussische Gesandtschaft, die in einer Billa am untern Ende deS Rieger- parkS in den Weinbergen ihren Sitz hat. Brasilianisches Chaos Die Situation nicht zu übersehen Rio de Janeiro. Mittwoch morgen brachen, wie amtlich mitgeteilt wird, Militäraufstände an zwei Punkten in Rio de Janeiro aus. In der HeereSfliegerschule griff eine Gruppe von Sergeanten die Offiziere an und übernahm das Kommando. Das erste Fliegerregiment leistete den Aufftändischen Widerstand. Die Artillerieschule bombardierte die Aufständischen. 3n den späten Morgenstunden wurde der Aufftand niedergeschlagen. Gleichzeifig hatte sich ein Jnfanteriebatail- lon in der Kaserne neben dem Berge Zuckerhut erhoben unter Führung eines Hauptmanns, der dort als Extremist gefangen gehalten wurde. Zwei stafionierte Bataillone widersetzten sich den Aufständischen und gingen zum Angriff über. Nachdem die Kaserne in Brand geschossen war, ergaben sich die Aufständischen. AuS Natal wird gemeldet, daß die Aufständischen, ohne den Angriff der Regierungstruppen abzuwarten, die Stadt verlassen haben. Die Radiostation von Natal steht wieder in Verbindung mit Rio und die von den Aufständischen festgehaltenen Kondorflugzeuge konnten ihre Reise fortsetzen. Die Aufftändischen in Pernambuco mußten vor dem Bombardement durch Regierungsflugzeuge und vor dem Angriff der BundeS- infanterie zurückweichen. Sie haben 60 Tote zu- rückgelaffen. Die Regierungstruppen machten 120 Gefangene. „Graf Zeppelin** tagelang Uber dem Kampfgebiet Weil um den Landungsplatz gekämpft wurde Auf seiner 500. Fahrt stellte das Luftschiff „Graf Zeppelin" in Südamerika unfreiwillig einen neuen Dauerrekord für Luftschiffe auf. denn eS blieb infolge der Unruhen in Brasilien 119 Stunden in der Lust. Damit ist der bisherige Dauerrekord des Luftschiffes, den eS auf seiner ersten Fahrt nach Nordamerika mit 111 Stunden 44 Minuten aufstellte, um rund sieben Stunden überboten worden. Laval bleibt? Paris.(Havas.) Die Vertreter der Links« klubs der Depufiertenkammer sind heute vor« mittags zusammengetreten, um über die Einzel« beiten des Vorgehens bei der Sitzung der Deputiertenkammer zu beraten. Es konnte jedoch keine gemeinsame Formel, weder hinsichtlich des Meritums der Sache noch betreffend das Vorgehen bei der Debatte, gefunden werden, die Donnerstag in der Kammer abgeführt werden soll. Die Sozialisten teilen mit, daß sie der Regierung bei der Abstimmung über die Ligen und über die Verteidigung des Franc die Unterstützung entziehen werden, die Radikalsozialiften sind scheinbar wiederum bereit, für die finanziellen Fragen, die von der Regierung vorgelegt werden, zu stimmen. Wie es scheint, behalten sich die einzelnen in der Linksdelegation vertretenen Gruppen für die Sitzung der Deputiertenkammer Aktionsfreiheit vor. Havas meldet, daß der Versuch der extremen Linken, die Regierung zu stürzen, scheinbar definitiv gescheitert ist.. Japan sperrt Nordchina ab Schanghai. Künstler dient seinem Stoff und Nicht dem PublikuM. Und es gibt furchtbar anspruchsvolle Stoffe, die ohne Erbarmen auf den Nerven des Publikums herumtrampeln. Wo die Masse zum Helden wird, wo es an Raum und Licht und Bewußtheit fehlt, durch die sich das Individuum abhebt, da redet der Künstler für die Stummen und wirst seinen Lichtschein in Dunkel und Dumpfheit. Für die westeuropäische Literatur ist hier S i l o n e s„Fontamare" typisch. Ein südamerikanisches Gegenstück dazu ist soeben in Buenos Aires in zweiter Auflage erschienen, von einem erst 29 Jahre alten Verfasser, Jorge I c a z a. Der Roman heißt„Huasi- pungo"(Verlag»Avance", 1 Peso) und behandelt das Leben der Indianer in der Republik Ecuador. Wenn wir von Jndianerschicksal hören, so wachen Erinnerungen an ungeheures geschichtliches Unrecht auf, das darum nicht kleiner wird, weil es den Grundstoff der Kolonisationsarbeit aller europäischen Böller bildet. Von der Republik Ecuador wissen wir zur Not, daß sie gerade jetzt innere politische Unruhen hat, daß sie an Bodenfläche beinahe dem deutschen Reiche gleich kommt, 2 Millionen Einwohner zählt, von denen drei Viertel auf den Hochebenen, bis zu 4000 Meter Höhe, leben. Nach einer vielleicht nicht ganz zuverlässigen Zählung sind 48 Prozent rein- blütige Indianer, 30 indianisches Mischblut, 13 Prozent Neger und Mulatten und 12 Prozent Weiße. Daß aber das geschichtliche Unrecht gegen die Indianer noch heute dauert, himmelschreiend usid für unsere Ohren stumm, das erfahren wir aus dem Roman. Die Indianer werden„zivilisiert". Nicht von den Conquistadores aus Spaniens Glanzzeit, denen niemand eine gewisse Gröhe absprechen kann. Nein, von kleinen, bequemen, fetten Bourgeois, die, zu träg zu eigner Jnittative, vom Iankeekapital in Bewegung gesetzt werden. Nordamerllanische Unternehmer wollen Bestände wertvoller Holzarten ausbeuten und wittern Petroleum. Der Besitzer des in Frage kommenden Grund und Bodens, Alfonso Pereira, soll eine Straße bauen, um die Ausbeutung zu ermöglichen. Er hat in seinem Leben nie etwas andres getan, als von dem Ertrag seiner von Indianern notdürftig bestellten Ländereien zu leben. Die Indianer sind keine Sklaven•.— Gott bewahre! die Sklaverei ist ja abgeschafft—, aber, wer den Boden kauft, der kaust sie mit. Sie können froh sein, daß man sie auf dem Boden läßt — wo sollten sie sonst hin? Der Herr gönnt ihnen einen Fetzen Land und eine Hütte, Huasipungo. Nun sollen diese unterernährten, malariakranken Indianer einen kilometerlangen Weg bauen, an welcher Arbeit sie keinerlei Interesse haben und für die man jte nicht bezahlen will. Zum Nachwuchses gerade in unserer, zum Großteil auf Export angewiesenen Wirtschaft. Erhebungen sowohl bei den arbeitslosen Handels- und Kanzleiangestellten, wie auch bei den Arbeitgebern yarten das einstimmige Resultat, daß die derzeitige Vorbildung des kaufmännischen Angestellten jeder Kategorie für die heutigen Verhältnisse nicht mehr hinreicht. Allgemein wird qeklagt über unzureichende Sprachkenntnisse, Mangel an Fertigkcst im Maschinenschreiben und Stenographie(die meist erst in der Praxis ordentlich erlernt werden) sowie auch in der K» r- respondenz und anderen kommerziellen Fächern. Namenllich die Klage über Mangel an ausreichenden Sprachkenntniffen zieht sich wie ein roter Faden durch zahlreiche Zuschriften fettens verschiedener Firmen, die sich an der Enquete beteiligt hatten. Ist schon die perfekte Beherrschung beider Landessprachen selten anzutreffen, so ist die Kenntnis einer weiteren Fremdsprache eine noch größere Seltenheit. Eine unserer größten Firmen bezeichnet den Mangel an qualifizierten Krästen als katastrophal. Das Kernproblem lautet also: einerseits sofortige Vorkehrungen zur nachträglichen Ausbildung bzw. Umschulung der Arbeitslosen zu tref- f e n, anderseits Vorbedingungen zu einer Reform der kommerziellen Ausbildung vor zu bereiten. Die Enquete faßt den Fragenkomplex in sieben Fragepunkten zusammen, zu denen bei der gestrigen Aussprache, die als eine Art Generaldebatte gelten kann, zahlreiche Debattenredner, meist praktische Pädagogen, Stellung nahmen. Im allgemeinen wurde die Meinung geäußert, daß die Grundlagen des heutigen Unterrichtsshstems aufrechtzuerhalten und dieses nach Möglichkeit aus- zubaüen sei, wobei insbesondere die Frage des Sprachunterrichtes. lebhaft erörtert und di« Finanzschwierigkeiten unterstrichen wurden. Mit der Diskussion der Detailfragen werden Fachkommissionen bettaut werden, deren Elaborate der Presse zugänglich gemacht werden. rb. Glück sind sie noch Halbbarbaren, trotz aller christlichen Erziehung; so lebt bei ihnen noch aus der Zeit der Inkas der Brauch, Arbeiten, die der Gemeinschaft dienen, umsonst auszuführem Diese Sitte,„Minga" genannt, benutzt der Bodenbesitzer; der Pfarrer gibt die religiöse Festlichkeit dazu, die. die Jydianer Mit hundert„Sucres",(ein, Sucre etwa«iw-Schweiger Frankens bezahl«^ müssen. Der Weg wird gebaut, unter unendlichen Opfern; viele sterben an Kälte, andre an Malaria, andre an„soroche", der Bergkrankheit.„Für jeden Meter, den ihr baut, lächell Gott", sagt der Pfarrer. Gott kommt aus dem Lachen gar nicht mehr heraus, aber den Bankers geht die Sache zu lange. Um schneller zum Ziel zu kommen, müßte man einen Suyrpf durchqueren, mit größter.Gefahr für die Belegschaft. Beim ersten Versuch versinkt ein Indianer.„Sie kosten mich sehr wenig", meint der Grundbesitzer. Der Sumpf wird also durchquert. Die» Leichen der Versunkenen zieht man nicht mehr heraus, weil das die Arbeiter entmuttgt. Als viele schlapp machen, versucht mim es erst mit der Peitsche, dann. mit Schnaps und schließlich mit Hahnenkäinpfen. Zwciundzwanzig Kilometer Sttatze sind geschafft.„Eine historische Tat des Herrn Pereira" schreiben die Zeitungen von Quito. Nun soll der Wohlstand in das Dorf ziehen. Der Pfarrer kaust drei Lastautos, so daß alle Fuhrleute, die vom Transport der Erzeugnisse des Dorfes lebten, zugrunde gehen. Jetzt kann auch der Grundbesitzer sein Getreide nach der Stadt schicken. Warum sollte er da den alten Brauch aufrecht erhalten, nach der Ernte den Indianern ein„Deputat" zu geben? Die Indianer betteln vergebens.„Es ist ein kulturunwürdiger Brauch", „wozu zahle ich euch 10 Centimes pro Tag?" sagt der Herr, und schickt das Getreide in die Stadt. Etwas wie Empörung vibriert durchs die wartende Menge, aber sie ist zu sehr verprügelt, zu unterernährt, steht zu sehr in Angst vor„Väterchen Gott", der ihr unlängst eine Ueberschwem« mung geschickt hat, um den Respekt vor dem weißen Kulturttäger zu verlieren. Der Hunger geht um. die Kinder sterben, die alten Leute sterben, die Malaria wütet, einer sttehlt dem andern. Dem gnädigen Herrn fällt ein Ochse— einer von 700 Stück Großvieh. Die Indianer werden beim Verwalter vorstellig: der gnädige Herr wolle ihnen erlauben, das SasMuf- zuteilen. Der Grundbesitzer ist außer sich über die Zumutung. Das fehlte gerade! Daß das Jn- dianerpack sich an Rindfleisch gewöhnte! Die-lau- sige Bande darf garnicht wissen» wie so etwas schmeckt. Der Ochse soll sofort verscharrt werden. So geschieht es, aber in der Nacht geht Andres, dem Weib und Kind vor Hunger sterben, heimlich und zitternd, den Kadaver ausgraben. Zwei, drei andere Indianer, ein Dutzend, finden sich an der Stätte ein. Das Aas stinkt entsetzlich, ist ganz mit Maden bedeckt. Es wird aufgeteilt und jeder trägt die herrliche Beute nach Hause. Vater, Mutter, Kind und Hund essen sich einträchtig satt. Das Fleisch ist stark verwest. Andres und der Bub erbrechen es. Die Mutter, Kunshi, sttrbt. Auch mehrere der andern Indianer sterben. Die Sterbeszene gehört wohl zu dem Grauenhaftesten, was je geschrieben wurde— Englands neuer Kriegsminister Duff Cooper, de: neye esigüsche KriegSmmi« ster, dessen Ernennung zweifellos hie größte Bedeutung im Rahmen der Umbildung des britischen Kabinetts zukommt. Er entstammt einer alten schottischen Adelsfamili« und hat am ganzen Welt-, kriege; als Offizier deS Garde-Grenckdier-RegimentS teilgenommen. Er hat auch als Schriftsteller einen guten Namen und ist vor allem.durch eine Bio- graphie Talleyrands bekannt geworden. —————ME die in ihrem Kot liegende bewußtlose Frau, an der der Hund herumleckt, das jammernde Kind», der Ehemann, der die von Krämpfen geschüttelte Sterbende von bösen Geistern streittg zu machen sucht, alles entsetzlich plastisch im Halbdunkel der Hütte. Dann folgen die indianischen Sterbezeremonien, die Totenklage, das Baden der Leiche im Fluß. Nachher tritt der Pfarrer in seine Rechte» Andres, der nichts besitzt, der sich beim Holzfällen ein Bein verstümmelt hat, dieser arme, bettelarme Indianer unterhandelt mit dem „Herrn Pfarrerchen" über den Preis. Der Mann Gottes ist mild und sanft, aber nicht billig. Um gleich ins Paradies zu kommen— 25 Sucres; mit einem Vorspiel im Fegefeuer— 15; Hölle schlechthin 5? Der Ehemann steht vernichtet. Kunshi, feine liebe, gute Kunshi! Das Pfarrerchen schildert beredt die Schrecken der'Hölle, den Schwefelgeruch, die sengende Pein. Dem Indian ner stehen die Haare zu Berge.„Fünfundzwanzig Sucres" entscheidet er, aber er fleht, es abarbeiten zu dürfen. Woher soll er eine so ungeheure Summe nehmen? Der Pfarrer wird pathetisch. Bei Gott muß man bar bezahlen: er hebt die Arme gen Himmel. Andres fürchtet, daß er Unheil herabruft und verspricht in tödlicher Angst, das Geld zu bringen.„Die Tote schrie nach Be- istattuttg mit ekelchxegestdem-wie dep^ Autor mit einer Shakespeareschey Wendung sagt."' Andres stiehlt eine Kuh und bringt das Geld. Er wird erwischt, öffentlich ausgepeitscht und zu hundert Sucres Buße verurteilt, die er aus den zehn Centimes Taglohn, den der Herr zahlt, aufbringen soll. Während der Auspeitschung, bei der das Jndianerpack zur Warnung anwesend sein muß, beißt der lleine Bub des Andres den Verwalter in die LLaden, der den Vater blutig schlägt. Die nordamerikanischen Unternehmer brauchen jetzt noch eine Kleinigkeit, um ihr Werk als Kulturträger voll entfalten zu können: das Gelände, auf dem die Huasipungos von hunderten von Jndianerfamilien stehen. Da sollen die Kontore und Sägewerke hin. Beamte der Vankees erscheinen und reißen einfach die Lehmwände der Hütten nieder, werfen den jämmerlichen Hausrat und die Lumpen heraus und zünden die Trümmer an. Die ersten Opfer sind verblüfft, dann laufen die Indianer zum Herrn um Schutz und endlich verstehen sie.„Man riß ihnen aus der Brust, wie man ein Stück Eingeweide herauS« reißt, das Teuerste, das Stückchen Erde, das den Sklaven genährt hatte, seit er zum ersten Male die Augen geöffnet". Es ist zuviel! Die Indianer rotten sich zusammen, greifen zu Sensen» Aex- ten und Steinen. Der Polizeiwachtmeister wird totgeschlagen, fünf andre Schinder auch, aber der Herr und die Uankees retten sich im Auto. Dann kommt Militär aus der Stadt. Was den Maschinengewehren entgeht, wird in den Hütten lebendig verbrannt. Greise, Frauen, Kinder kommen um.„Ueber der abgewürgten Auflehnung weht die Fahne des Vaterlandes mit Schwingungen^ wie höhnisches Gelächter. Und was kommt dann? Die Herren Ausländer. Zwischen der Kriegsbeute der Sieger, zwischen den verwüsteten Hütten, zwischen den Haufen noch warmen Fleisches ersteht die große Saat magerer Arme, wie Aehren in einem Haferfelde, die von den eisigen Winden der Hochebene gewiegt, mit der kreischenden Sttmme des Bohreks, bei der der Bourgeoisie die Haare zu Berge stehen, die Worte wiederholt: Nucanchic huasipungo— unsere Heimstatt, unsere Heimstatt!" . Segnungen der weißen Kulturttäger, die den Wilden Christentum und Gesittung bringen. Mögen sich die Abessinier beeilen, den Anschluß* an diese Segnungen nicht zu verfehlen. Oda O l b e r g. GEDENKET bei eilen Anlässen der Arbeiterfürsorge! Teile 6 „Tozialdemokral" Donnerstag, 28. November 1935. Nr.277 «SeitftuGt oder Gleichnis? Au Heinrich Mau«» neuem Stoma« •„Die Jugend des Königs Henri Qnatre-- Die Dichter, die bis zum Ausbruch der braunen Barbarei vor der Welt die deutsche Literatur der Gegenwart repräsentiert haben, die chre stärksten schöpferischen Persönlichkeiten waren und sind, leben heute im Exil. Die Resonanz ihres Werkes ist durch den Verlust ihres Mutterlandes geringer geworden, aber das Entstehen neuer Verlage hat ihnen" die Möglichkeit der Weiterarbeit gerettet und damit auch die, dem Grauen, das heute über ihrer Heimat liegt, kritisch gestaltend und anklagend entgegenzutreten. Die Titel der Bücher aber, die die emigrierten deutschen Autoren borlegen, weisen zum größten Teil in die Vergangenheit. Stefan Zweig schreibt einen „Erasmus von Rotterdam" und«ine„Maria Stuart", Alfred D ö b l i n eine Groteske„Babylonische Wanderung" und einen Vorkriegsroman „Pardon wird nicht gegeben", Arnold Zweig ein Napoleonstück„Bonaparte vor Jaffa", Bruckner eine„Margarete von Valois", Thomas Mann seine Bibeltriologie, ein„Peter der Große" eine „Katharina",«in„Struensee" werden in biographischen Romanen nachgezeichnet, und nun fluchtet auch der lebendigste und scharfsinnigste Gegenwartsgestalter unter den deutschen Romanciers dieser Epoche, Heinrich Mann, in di