Freitag, 13. Dezember 1935 15. Jahrgang BBzelprels 70 Heiter (einichli.Blich 5 H.ll.r Porto) IENTRALORGAN DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung präg xii., fochova er. telefon bot. HERAUSGEBERS SIEGFRIED TAUB. CHEFREDAKTEUR: WILHELM NIESSNER. VERANTWORTLICH» REDAKTEURS DR. EMIL STRAUSS. PRAG. König Fuad gibt nach Verfassung von 1923 wieder hergestellt Kairo. König Fuad unterzeichnete ein Dekret, durch welches die Verfassung aus dem Jahre 1923 neuerdings eingeführt wird. An den britischen Residenten wurde ein Brief gerichtet, in. welchem Großbritannien ersucht wird, sich zustim- wend zu dem im Jahre 1930 i.. London abge-' schlossenen Vertrag zu äußern, auf Grund dessen Aegypten eine unabhängige Nation werden würde, welche fähig wäre, Mitglied des■ Völkerbundes zu werden, wobei sich jedoch Großbritannien gewisse Verantwortlichkeit in Sachen der Verteidigung des Staates usw. einräumen' würde. Hungerkrawalle in Preußisch-Schlesien Wie aus Mähr.-Ostrau gemeldet wird, treffen dort Nachrichten über die große Notlage ein, die in Preußisch-Schlesien herrscht. Insbesondere I bi» Arbeitslosen find gänzlich ohne Lebensmittel,! weswegen es täglich zu Krawallen kommt. In der\ Gemeinde Kätscher im Bezirk Ratibor ist es Mittwoch bei der Verteilung von Kartoffeln zu blu- ligen Auseinandersetzungen gekommen, weil die! Vorräte für viele Familien nicht reichten. Die-! jknigcn, welche nichts bekamen, warfen sich auf di, anderen und schnitten ihnen die Kartoffelsäcke\ Huf, damit sie wenigstens etwas zu essen hätten.! Zwei Frauen wurden verwundet, ein Polizist ent-! waffnet und verprügelt. Scharfe Sprache der Sozialisten gegen Lavali Paris. Die sozialistische Kammerfraktion bat in einer Sitzung am Donnerstag eine Ent- fchließung angenommen, in der es u. a. heißt» es fki nicht die Schuld der sozialistischen Kammertruppen, wenn das Land noch nicht von riner Regierung befreit sei, dessen Führer seit Monaten bewiesen habe, daß er m i 1 allen fasristischen Kräften im 2«-und Auslande einig sei. Getreu dem Wunsche, eine einheitliche Volksfront zu fchaffen, werde die sozialistische Kammergruppe >brr seit Beginn der Kammeraussprache eingenommene Haltung weiter bewahren. ..Vlr können der rohen Gewalt nicht weichen** Erklärt der Negus Paris. Der NeguS gab dem Sonderberichterstatter des Havas-Büros in Dessie nachfolgende Erklärung ab: .Die abessinische Regierung erinnert an ihre ststhere Erklärung vom 8. Oktober l. I., daß Abessinien den Krieg nicht wollte und auch nicht Nsolle. Italien hat jedoch den Vertrag.verletzt, ist auf abessinisches Gebiet eingefallen und Abessi- aien wehrt sich naturgemäß dagegen. Abessinien bat insbesondere über Vorschlag des fünfgliedrigen Ausschusses alle Konzessionen angenommen, iu denen es seine Würde berechtige, um einen Zugriff Italiens zu verhindern, doch hat sich aichtsdestoweniger Italien dieses Angriffes schul- W gemacht. Wir können der rohen Gewalt nicht pichen, die wir niemals provozierten, denn dies Mrde bedeuten, daß wir Gewaltanwendung be- whnen. Schuschniggs Reise nach Prag Verschoben [ Wien. Amtlich wird mitgeteilt: Wie die politische Korrespondenz' erfährt, wird mit Rücksicht auf dienstliche Verhinderungen die Reise bts Bundeskanzlers Dr. Schuschnigg nach Prag, !°v er auf Einladung deS dortigen Jndustriellen- Abs einen Vortrag über ein wirtschaftspolitisches ^bema halten wird, auf den Monat Jänner "exs choben. &e Valera will den Senat *bschaffen >., Dublin. Ministerpräsident De Valero brachte A Landtag die Gesetzesvorlage über die Ab- k/Mffung des Senates und die Errichtung eines einer einzigen Kammer bestehenden Parla- ! Gentes ein. Sanktionsdebatte in Genf SSE Völkerbundrat voraussichtlich Mittwoch Ge ben und ein« ;« Genf. Donnerstag nachmittags trat der achtzehngliedrige Ausschuß der Sanktionskonferenz unter dem Vorsitz des portugiesischen Delegierten Basconrellos zusammen. Das Wort ergriff Ministerpräsident Laval, der auf die versöhnliche Sendung des Völkerbundes im italienisch-abessinischen Konflikt hinwies und an die Erklärung der Vertreter Frankreichs und Englands in der Bölkerbundversammlnng vom 10. Oktober erinnerte, in welcher die Delegierten der beiden Großmächte«. a. betont hatten, daß die Lösung des afrikanischen Konfliktes nicht außerhalb des Rahmens des Völkerbundes bleiben könne. Ministerpräsident Laval verwies hierauf kurz auf die Umstände, unter welchen die Regierung Großbritanniens und Frankreichs bemüht sind, einen friedlichen Weg zur Beilegung des italienisch-abessinischen Konfliktes zu finden, teile mit, daß die Regierungen Italiens und Abessiniens von den englisch-französischen Vorschlägen unterrichtet wurden und daß diese Vorschläge dem Völkerbund ehestens werden übergeben werden. Minister Eden verwies in einer kurzen Ansprache auf die Bemühungen der Regierungen Frankreichs und Großbritanniens, eine Lösung des italienisch-abessinischen Konfliktes zu finden. Er bemerkte, daß die Regierungen der beiden Großmächte zwar keine Sonderbetrauung von der Sanktionskonferenz erhalten haben, daß sie jedoch das Verträum dieser Konferenz genießen. England und Frankreich seien bestrebt, gewesen, eine für beide Streitpartrim sowie für den Völkerbund annehmbare Lösung zu finden. Die gegenwärtigen Vorschläge seien weder endgültig, noch unabänderlich und können weiteren Verhandlungen zur Grundlage dienen. Sollte der Völkerbund diesm Vorschlägen nicht znstimmen, so wrrdm Frankreich und Großbritannien nicht auf ihnen beharren, vielmehr gerne Verbefferungsvorschlägr entgegennehmen. Minister Edm betonte, daß sich die Poli- tit der britischen Regierung nicht geändert habe und erklärte zum Schlüsse, die beste Prozedur werde sein, daß der Rat so bald als möglich zn- sammentrete und die britisch-französischen Vorschläge prüfe. Der polnische Delegierte Komarnicki betonte, deß der achtzehngliedrige Sanktionsans- schuß zur Prüfung des Pariser Kompromisses nicht kompetent sei. Rnr der Bölkerbnnd- ratseiverechtigt»die grundlegenden Fragen des abessinischen Problems zu"behandeln. Der achtzehngliedrige Ausschuß müsse sich dagegen jeder politischen Handlung rnthaltm, bevor sich der Bölkerbundrat z« dm britisch-französischen Vorschlägen geäußert habe. Der Vorsitzende des acht- zrhngliedrigen Ausschusses betonte, daß der Aus- Flottenkonferenz nicht aussichtslos? London. In dem von der Flottenkonferenz ausgegebenen Kommunique heißt es:„Die Aussprache über den Vorschlag der japanischen Delegation zur gemeinsamen Herabsetzung der Flottenrüstungen fortgesetzt". Während der Sitzung der Flottenkonferenz sprach sich Lord Monsell unter Zusttmmung Kanadas, Australiens und Südafrikas a b l e h- nend über den japanischen Plan aus: Der amerikanische Vertreter Norman Davis soll drei Einwendungen vorgebracht haben. Der japanische Plan hätte eine Erhöhung, kei-, neswegs eine Herabsetzung der Flottenbauten im Gefolge, der Plan nehme keine Rücksicht aus die wirklichen Flottenbedürfniffe und schließlich würde durch ihn die Washingwner Gleichgewichtstheorie gestört werden. Auch der italienische Ver- treter sprach sich gegen den Plan aus. Die fran- zösischm Einwendungen sind weniger gegen den Plan, als gegen das Vorgehen gerichtet, bei dem die drei Flottenmächte untereinander Abmachungen treffen. Eine der Hauptfragen, auf die der Japaner Nagano antworten wird, soll sein, wie die Japaner ihre Forderung mit dem Grundsatz der Gleichheit und der Sicherheit,in Einklang bringen wollen. Die Beratungen werden fortgesetzt werden. Trotz der großen Meinungsverschiedenheiten unter den Delegattonen ist die Lage nicht aussichtslos.-> Starhemberg der Vielredner Vizekanzler Starhemberg sprach Mittwoch bei einem Appell der Vaterländischen Front in Wien und erklärte u. a.: Wenn ich sage, wir müssen mit der nationalsozialistischen Intelligenz aufräumen, so meine ich diejenigen, die den Begriff national als Gegensatz zu österreichisch auf- i fassen. Wir brauchen keine nationalsozialistische, sondern eine österreichische Intelligenz. Man kann nicht Oesterreicher sein und gleichzeitig dem dankengang des Dritten Reiches huldigen, ! Zusammenschluß Großpreußens wünschen ■ hoffen, daß die Unabhängigkeit Oesterreichs ( ,mal in einem-"zentralistisch geführten Groß, i deutschland untergehen wird. Starhemberg sprach ! dann über die legitimistische Frage und erklärt;, i wenn immer weitere Teile unserer Bevölkerung es ’ als wünschenswert ansehen würden, einmal zu 1 einer monarchistischen Staatsform in Oesterreich ■ zurückzukehren und wenn in diesem Zusammen- i Hang der Wunsch laut wird, es möge dazu der be- i rufene Sproß des Hauses Habsburg Herrscher- ' rechte ip'Oesterreich ausüben, so verstößt dies : nicht gegen den vaterländischen Gedanken und r nicht gegen unsere Zielsetzung. Daß in Oester- > reich nichts geschehen wird, was in irgendeiner I Art geeignet wäre, die Ruhe und Ordnung Zen- traleuropas zu erschüttern und zu stören, oder . Schwierigkeiten bei unseren freundlich gesinnten >. Nachbarn zu bereiten, dafür verpflichte ich mich, > namens der Regierung und der Vaterländischen Front. Hodza sein erfreuliches Bekenntnis zur Demo- kratie ablegte und sich energisch gegen die Verschoß über den Kern des afrikanischen Konfliktes' dunkelungskünste der Henleinparteiwandteman- nicht verhandeln könne, sondern an die Erledigung Z^F^l^Ä^L^Ä^Sla^t^der /-kannte seiner Tagesordnung, nämlich an die Prüfung der"**" Berichte der Experten über die Ergebnisse der An wendung der Wirtschaftssanktionen schreiten müsse. -• In den Privaten Unterredungen der Staats männer wurde beschlossen, die britisch-französi schen Vorschläge nicht dirett dem fünfgliedrigen Ratsausschuß zu überweisen, vielmehr soll sich zunächst der Bölkerbundrat selbst zu ihnen äußern. Der Rat sollte bereits Samstag zusammentteten, doch scheint es» daß Ministerpräsident Laval nach Paris zurückkehren und erst Dienstag wieder nach Genf kommen wird, so daß der Bölkerbundrat erst Mittwoch zusammentreten würde. Amerikanisches Oel für Italien Aus den■ Häfen von Texas(Vereinigte Staaten) sind seit dem 1. Oktober nach Italien etwa eine Million Barrels Rohnaphtha abgegan gen und innerhalb.einer Woche sollen weitere 300.000 Barrels dorthin zur Versendung gelan gen. Die Hafenkommission in Houston in Texas teilt mit, daß im September 11.143 Barrels Naphtha nach Italien versandt wurden, während im September vorigen Jahres von dort über haupt kein Naphtha nach Italien geschickt wurde. In den ersten zehn Monaten dieses Jahr" wurde nach Italien achtzehnmal mehr Naphtha gesandt als im ganzen vorigen Jahre. Die Beamten der Texaser Petroleum-Gesellschaft Corpus-Christi Trude Oil Co. erklären, daß sie mit der italie nischen Regierung einen Naphtha-Lieferungsver trag für das ganze Jahr 1936 abgeschlossen haben. Die zwei englischen Großkampf« schiffe wieder im Mittelmeer Gibraltar.(Havas.) Für Freitag wird die Rückkehr der britischen Dreadnoughts„H o o d" und„Renown" von den Manöver» im Atlan tik zurückerwartet, die nunmehr wiederum in das Mittelmeer abgehen werden. Borah gegen den englisch-französischen Vorschlag Der amerikanische Senator Borah kritisierte den Pariser Vorschlag zur Lösung des abessini schen Konfliktes auf das schärfste und erklärte, Mussolini werde die mächtigste Gestalt Europas sein, wenn der Friedensvorschlag, wie er in der Presse angekündigt wurde, werde verwirklicht werden. Borah fügte hinzu, daß dann der Völ kerbund ein Instrument des Imperialismus werde. i tschechische Linkspublizist Zdenek Smetäcek in der„Pkitomnost" das Ergebnis seiner Bespre- ! chungen mit einigen Führern der SdP veröffcnt- ! lichen zu müssen. Die hier geäußerten Auffassun- ! gen sind in mehr als einer Hinsicht interessant. | Unverkennbar ist vor allem das Bestreben, sich an die gegenwärtig herrschenden Mächte anzubiedern, ! wenn dabei auch die ganze Wahldemagogie in Fransen geht. Und so lesen wir denn, daß„wir" — nämlich die Sudetendeutsche Partei— „bereit sind, ohne Vorbehalte und ganz aufrichtig für die Annäherung unserer beiden Völker zu arbeiten. Wir sind absolut positiv eingestellt, haben keine Vorurteile und können geduldig sein. Ich für meine Person— so meinte der ungenannte Gewährsmann Smetäkeks— wäre bereit, an jeder Regierung teilzunehmen, und das ohne irgendwelche Vorbehalte. Wir fordern keine Aenderung des Sprachengesetzes, wir fordernkeine Verwaltung sre formen und ähnliche Kleinigkeiten. Wir begnügen uns mit der Verpflichtung, daß die Regierung systematisch auf die Annäherung und Verständigung hinarbeiten wird, daß sie ernstlich mit der Umschulung des öffentlichen Lebens beginnt, daß sie jene Pauschalhetzereien in der Presse verhindert und daß die bestehenden Gesetze, welche wir vollständig und ohne Einschränkung zu respektieren gewillt sind, absolut gleichmäßig"für Tschechen wie für Deutsche gelten werden."» Der Ausspruch, daß die Verständigung nicht auf der Linie Asch—Prag, sondern auf der Linie Prag—Berlin liege, wird dahin gedeutet, daß man damit nur den Wunsch zum Ausdruck bringen wolle, daß zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei Harmonie bestehe, aber weder wünsche Reichenberg für Berlin zu sprechen noch wünsche man, daß Berlin für Reichenberg spreche. Und. neuerlich beteuert der Gewährsmann: „Es geht also, wie Sie sehen, um die großen Sachen, nicht um die kleinen Sprachdifferenzen und andere Konflitte. An den großen Dingen liegt uns und nicht an den kleinen." Diese sowie die übrigen Aeußerungen, welche man Smetäkek gemacht hat, scheinen ihn so beeindruckt zu haben, daß er sich zwar eines selbständigen Urteils über ihren Wert oder Unwert enthält, anderseits aber doch-gewillt ist, jenen zu glauben, die— befugt oder unbefugt— ihm als Sprecher der SdP entgegentraten. Und er meint, man müsse den Mut ausbringen, die neue politische Linie, die sich hier kundtue, offen zu betrachten. Und diese neue Linie bestehe darin, daß sich ein neuer Aktivismus entwickle, der. sich für die großen politischen Linien interessiere, während ihm die kleineren nationalen Fragen nebensächlich erschienen. Der bisherige Aktivismus aber habe sich gerade auf die zweitrangi^n Fragen des Verhältnisses der beiden Nationen konzenttiert und die großen Linien der Staatspolitik nicht beachtet. Eines muß man den Henleinleuten lassen: daß sie es verstehen, jeden, an dem ihnen liegt, so einzuseifen, wie sie es nur haben wollen. Ging es nicht mit Drohungen und mit Telegrammen, ging es nicht' mit dem Auf-den-Tisch-hauen, so wird es mit den„großen politischen Linien" gehen. Was braucht man sich um die„kleinen" Fragen der Sprachengesetze zu kümmern, was geht einen das Schicksal der deutschen Staatsangestellten an, die eben wegen dieser Sprachengesetze ihre Stellen verlieren, was kümmert einen eine so geringe Frage wie jene des viel mißbrauchten deutschen Arbeitsplatzes, was sollen die Schönheitsfehler der Verwaltungsreform, was soll das deutsche Schulwesen, was sollen über- ! Haupt alle Fragen der mühseligen prakttschen Tagespolitik, wenn es doch um das große und erstrebenswerte Ziel geht, auf Schleichwegen in die Regierung der Republik zu gelangen? Wie schreibt doch Hiüer über seine Beobachtungen, die er an der Politik des großen Demagogen Lueger machte? So sah er die Grund- , züge dieser erfolgreichen Politik: „Ebenso war er geneigt, sich all der einmal schon vorhandenen Machtmittel zu bedienen. Seite 2 Freitag, 13. Dezember 1935 Nr. 290 Annahme des Budgets bestehende mächtige Einrichtungen für sich geneigt zu machen, um aus solchen alten Kraftquellen für die eigene Bewegung möglichst großen Nutzen ziehen zu tonnen." Man mutz gestehen, datz Hitler hier ein gelehriger Schüler seines bewunderten Vorbildes wurde: der nationale„Sozialist" verschmähte es nicht, seine Bewegung von der Schwerindustrie und von allem möglichen Kapitalistentlüngel finanzieren zu lassen, er war Wohl bedacht darauf, sich die Gunst der Reichswehr Zu erhalten und sich mit der Wilhelmstratze ebenso gut zu stellen wie mit der Bendlerstratze, war bereit, jeden Tag sechs Meineide zu schwören zur höheren Glorie seiner Bewegung, das heitzt seiner eigenen ehrenwerten Persönlichkeit. Die Henleinpärtei hat es nicht verschmäht, ihrerseits den Spuren des von ihr angebeteten Idols zu folgen und sie hat die ersten Schritte durchaus gelehrig getan. Auch ihr kam es nicht darauf an, sich von den Industriellen ebenso wie von den Feudalherren finanzieren zu lassen, Henlein selbst verschmähte es nicht, als Gast hochwohlgeborener Grafen und sonstiger Grundbesitzer sein mühevolles Dasein zu verbringen und er hätte Wohl ebenso gerne stäkt der Autokolonnen nach dem großen Vorbild das Flugzeug benützt, wenn es' ihm gestattet Wörden wäre. Sie haben es auch verstanden, sich in die Gunst der führenden Regierungspartei einzuschmeicheln, getreu dem Grundsatz„kriecherisch nach oben unbrutal nach unten". Denn man braucht ja nur ein paar Nummern der„Rundschau" in die Hand zu nehmen, um sogleich die„politische Linie" LU erkennen, der man sich verschrieben hat: in unflätigster Weise werden nach bewährten Mn- 'stern die„Marxisten" angepöbelt und heruntergefetzt/ während auf der anderen Seite jede : Gelegenheit wahrgenoprmen wird, um den Agrariern die Ergebenheit ja recht auffällig zu beweisest, Ob es sich um die Wahl des agrarischen Parlstmentspräsidenten' oder um telegraphische 'Treuekundgebungen handelt: immer ist, es das Bestreben, die„bestehenden mächtigen Einrichtungen sich geneigt zu machen", um sich so selbst in den Besitz der Macht setzen zu können. Ebenso wie sie die zweite Maxime der Lueger'schen Taktik befolgen, sich an jene Schichten zu wenden, die sich in ihrem Dasein bedroht fühlen und ihnen das Blaue vom Himmel zu— versprechen, um mit Hilfe dieser Betrogenen die eigenen Machtpositionen zu stärken. Diese Tendenz wird natürlich gegenwärtig verstärkt, da sich die Henleinpärtei in eine verzweifelte Isolierung hineinmanövriert hat, aus der sie nur schwer, wenn überhaupt, einen Ausweg finden kann. Und eben in diesem Augenblick 'mutz es ein Linkspublizist sein, der ihr zu Hilfe .kommt und ihr den so lang ersehnten Strick zw- 'wirft, an hem fre such über Wasser zu halten versucht. Das scheint schon das Unglück der Linken zu sein, datz sie es immer gut meint, daß ihr aber leider der politische Instinkt fehlt, so daß ihr guter Wille letzten Endes eben dem Gegner zugute kommt, der dann mit einigem. Recht den kurzsichtigen und naiven Partner verhöhnt, zum Schaden noch den Spott hinzufügend. Nein, der Henleinfront geht es weder um die kleinen, noch itm. die großen Konzeptionen, sondern einfach um die Macht, von der sie heute vielleicht übertriebene Vorstellungen hat, die sie aber bei der genossenen Lehre so weit wie möglich zu nützen verstünde. Und man kann ihr nicht beikommen, indem man auf jedes wohlberechnete Husten und Räuspern reagiert, sondern indem man sie an ihrer eigenen Demagogie zugrunde gehen läßt. Pr a g. Am Donnerstag sprachen m der Budgetdebatte im Parlament noch sieben Redner, worauf nach einer Unterbrechung bis 2 Uhr nachmittags der Generalberichterstatter Remes das Schlußwort hielt. Die darauffolgende Abstimmung war insofern von früheren Budgetabstimmungen grundverschieden, als zum cigentlrchen Budget überhaupt kein einziger Abänderungsantrag eingebracht worden war und zum Finanzgesetz nur wenige Anträge der Kommunisten. Während früher die Abstimmung rein technisch sehr schwierig war und stundenlang dauerte, war sie gestern sehr rasch erledigt. Für. die Kapital Präsident der Republik, Ge- srtzgebende Körperschaften unb Verteidigung stimmte auch die Nationale Bereinigung, für das Budget des Aeußeren und der Fürsorge auch die K o m m u n i st e n. Die deutschen Ehristlichsozialen, die SdP und die Ungarn stimmten gegen alle Kapitel des Budgets, ebenso die zwei Hlinka-Leute. Die Gajda-Fascisten stimmten lediglich für das Kapitel Verteidigung. Das Budget samt, dem Finanzgesetz wurde sofort auch in zweiter Lesung verabschiedet. Von den Resolutionen wurden die im Ausschußbericht enthaltenen angenommen, die übrigen, die von den Kommunisten und der SdP stammten, abgelehnt, Endlich genehmigte das Haus auch das Expose, mit dem der Finanzminister seinerzeit das Budget rinbegleitrt hatte. Remes wies u. a. darauf hin. daß aus der Budgetdebatte eindeutig hervorgegangen sei, daß die Demokratie tief in di« Herzen aller gedrungen sei, * Dr. Trapl spricht im Senat BudsetausschuB hat Frist bis Dienstag Prag. Im Senat wurde Donnerstag abends das Budget aufgelegt und dem Budgetausschuß zugewiesen, der es dis einschließlich nächsten Dienstag, also in vier Arbeitstagen, bewältigen will. Finanzminister Dr. Trapl hielt in dieser Sitzung ein Exposee, das sich'teilweise mit seinem letzten Exposee im Abgeordnetenhaus deckt, andererseits aber auch an die wirtschaftlichen Ausführungen in der Regierungserklärung Dr. Hod- zas anlehnt. Ausführlich befaßte er sich neuerdings mit der Zinsfutzsenkung, wobei er betonte, daß das Resultat der Senkung der Debetzinsen, also der Zinsen für Schulden, sehr be- trächtlich sei. Gering geschätzt betrage der Zin- sennachläß für die Schuldner mindestens ein« halbe Milliarde Kä jährlich. Durch diese Regelung trete auch die Frage der Verschuldung der Selbstverwaltungskörper in das End« st a d i u m ihrer Lösung. Zum Schluß erklärte Dr. Trapl, datz wir den Budgetziffern tatsächlich sehr nahe kommen werden, wenn die Finanzverwaltung in ihrem diesbezüglichen Streben namentlich dadurch unterstützt wird, daß ihr keine neuen Verpflichtungen auferlegt werden, ohne daß gleichzeitig die Nationalversammlung auch die entsprechende Bedeckung schafft, und daß es nicht zu autzerordent- ' lichen Ausgaben außerhalb des Budgets kommt. Die Staatsverwaltung dürfe auf keinen Fall mit Ausgaben außerhalb des Budgets belastet werden, für deren Bedeckung nicht im voraus ge- I sorgt ist. die für den Staat verantwortlich sind. In wirtschaftlicher Hinsicht wurden neue Wege der Wirtschaftspolitik aufgezeigt, die stark von den bisherigen libe- ralistischen Theorien abweichen. Den Vorwürfen, daß das Parlament das Budget ganz ohne jede Aenderung angenommen habe, halt Remes entgegen, daß das Parlament durch den Ausschuß der Sparkommiffion Einfluß auf die Zusammenietzung des Budgets genommen hat. In dieser Richtung wurden die Rechte des Parlaments voll zur Geltung gebracht. Heute könne aber keine Macht, auch kein Diktator, das Gleichgewicht im Staatshaushalt garantieren. Die Schulbeschwerden der Minderheiten anerkennt Remes nicht, sondern erklärt, die Tschechen hätten kein« Ursache, jemandem Unrecht zu tun. weil sie nicht die Politik machen wollen, an der das alte Oesterreich zugrunde gegangen ist. Zum Schluß seiner von reichem Beifall belohnten Rede erklärte Remes: Die Verhältnisse im Inland wie außerhalb der Grenzen sprechen nicht für irgendwelche Extratour en. Sie nötigen im Gegenteil alle diejenigen, die für die Entwicklung der Situation in diesem Staate verantwortlich sind, zur strengsten Verantwortlichkeit. Wenn wir uns dieser Tatsache gerade in diesem Augenblick nicht bewußt wären, würden wir als Nation kaum vor dem Gericht der Zukunft bestehen.(Starker Beifall.) Nachher erledigte das Haus noch die Vorlagen über die Zivilwächter der Militärverwaltung und nahm nach den Referaten der Berichterstatter die vom Landwirtschafts- und Budgetausschutz ausgearbeitete Resolution vor, die sich mit der Frage der Unterstützungen der von Elementarkatastrophen betroffenen Landwirte befaßt. Nächste Sitzung Donnerstag, den 19. d., um halb 10,Uhr vormittags. ** i Neue Gerichtsentlastungsnovelle Dem Senat wurde Donnerstag ein Gesetzentwurf vorgelegt, durch den einige Bestimmungen der Gesetze über die Zuständigkeit der Gerichte, über das zivilrechtliche Verfahren, über das Exekutionsverfahren und über die Organisation der Gerichte abgeändert oder ergänzt werden sollen. Die durch den Entwurf beantragten Aenderungen bezwecken eine Beschleunigung des zivilrechtlichen Verfahrens bei den Gerichten erster und zweiter Instanz sowie eine Sicherung des Schutzes der finanziellen Interessen des Staates auf dem Gebiete des Prozeßrechtes; dadurch wird auch einigermaßen zu einer Entlastung der überbürdeten Zivilgerichte beige« .tragen werden. Das Gesetz soll bereits am 1. Jänner 1936 in Kraft treten. Die RQstunssausgaben Bei. der Behandlung der Vorlage über die Zivilwächter der Militärverwaltung, die einen Aufwand von rund 1.8 Millionen flö erfordern wird, stellte der Referent Dr. Brdlik Beregnungen darüber an, wie groß dieser für die Bewachung ärarischen Gutes bestimmte Aufwand im Vergleich zu dem Wert der bewachten Güter ungefähr sei. Er wies darauf hin, datz auf Grund des ersten Gesetzes über, den Rüstungsfonds vom Jahre 1926 rund drei Milliarden Xä für den Ankauf von militärischen Material verwendet wurden. Im Jahre 1934 wurde dieser Fonds bekanntlich um weitere zehn Jahre verlängert und der Finanzminister autzerdem ermächtigt, die Mittel des Fonds zum Zwecke der Ausrüstung der Armee auch im vorhinein zu verwenden. Wenigstens zwei Drittel der neuen drei Milliarden seien bereits verbraucht. Wenn man also den Wert, den das militärische Material repräsentiert, mit dem Aufwand vergleicht, der zu dessen Bewachung notwendig ist, so kommt man zu einem Prozentsatz von 0.3 Promille. Die politische Lage noch nicht geklärt Prag. Auch der Donnerstag hat die erwartete amtliche Klarstellung der politischen Ereignisse der letzten Wochen und Tage noch nicht gebracht, so daß leider allen möglichen Gerüchten weiterhin Tür und Tor geöffnet ist. Eine offizielle Darstellung wird nunmehr für heute schon mit aller Bestimmtheit erwartet. Augenblicklich kann nur gesagt werden, daß die„weiteren Verhandlungen und Entscheidungen", mit denen nach dem gestrige«„Benkov" der Präsident der Republik den Ministerpräsidenten Dr. H o d i o betraut hat, zur Zeit noch andauern und eine Klarstellung bisher noch nicht erfolgt ist. Das heutige„Prävo Lidu" schreibt hiezu, daß das Haupt des Staates den festen Wille» bewiesen habe, daß es in der Koalition diesbezüglich zu einer einmütigen Vereinbarung komme. Es werde die Hoffnung ausgesprochen, daß es dazu auch kommen werd-; entschieden müsse aber das Problem in wenigen Tagen gelöst werden. Der„Venkov" konfisziert Spät nachts wird bekannt» daß der heutkge „Benko v" wegen eines Situationsberichtes über die politische Lage selbst der Beschlagnahme verfiel, was dem Zentralorgan der stärksten Regierungspartei seit der Gründung der Republik wohl noch selten passiert sein dürfte. Aus dem Tschechoslowakischen Nationalrat Wie das„Prävo Lidu" meldet, sind die tschechoflowakische sozialdemokratische Partei sowie die nationalsozialistische Partei aus dem Tschechoflowakischen Nationalrat ausgetreten. Der Austritt der beiden Parteien aus dem Tschechoflowakischen Nationalrat, der eine Art oberster Instanz der Nation in kulturell-nationalen Angelegenheiten darstellt, welche Vertreter der tschechische» politischen Parteien, bedeu'rnde tschechische Organisationen und schließlich unx d>e Nation verdiente Einzelpersonen angehören, hat seine Vorgeschichte in den politischen Verhandlungen der jüngsten Tage. Prof. N k m e c, der Vorsitzende des Nationalrates, hatte sich auf Wunsch einer bestimmten Gruppe zu einer politisch eminent wichtigen Mission bereit erklärt, ohne die Zustimmung der im Nationalrat vertretene» Gruppen einzuholen. Die Begründung; daß er nicht als Vorsitzender des Nationalrates, sondern als Privatperson handle, erschien den beiden tschechische» sozialistischen Parteien wen'« stichhältig. Sie gäbe« ihm am Mittwoch durch Abgesandte zu verstehen, daß er durch seine Handlungsweise die Unparteilichkeit verletzt habe, zu der er als Vorsitzender einer so wichtigen überparteilichen Körperschaft verpflichtet sei, und kündigten ihm gleichzeitig den Austritt der beiden Parteien aus dem Nak>onalrat an. Prof. Nemec reagierte daraufhin zunächst mit der Ankündtgung seines Rücktrittes. In einer ad hoc einberufene» Tagung des Präsidiums des Nationalrates, an der die beiden sozialistischen Parteien nicht mehr teilnahmen, wurde ihm jedoch das Vertrauen ausgesprochen, worauf Nemec seine Demission zurücknahm. Auf dieses Vorgehen erfolgte nun die Antwort durch die offizielle Verlautbarung des Austrittes der beiden Parteien aus dem Nationalrat. 3210 ESliCHT UNS Roman von Karl S ty m Copyright by Eugen Prager-Verlag, Bratislava „Eine Ratte!“ rief ein Bergmann. „Sie sind gerettet!“ ein anderer.„Sie haben frische Luft!“ Das hörte die kleine Ratte gerade noch und nahm es als schönsten Lebensaugenblick mit in den Rattenhimmel. Die beiden Verunglückten wurden ausgegraben. Aber sie waren wie tot. Man trug sie aus dem Berg hinaus in die warme Sonne. Lange lagen. sie da ohne sich zu rühren. Plötzlich schloß einer die Augen auf, reckte sich hoch und keuchte: „Kamerad, ich spüre frische Luft!— Unsere Ratte hat sich durchgebissen!“ Dann fiel er wieder um. Aber die beiden waren gerettet Sie gingen dann noch viele Jahre in den Berg und waren voll Dankbarkeit gegen die armen Ratten. Jeder schuf sich einen zweiten Brotsack an. In diesen gaben sie allerlei Abfälle von zu Hause und den Nachbarn und warfen sie in der Grube für ihre vierbeinigen Freunde aus. Viele Jähre sind seit damals vergangen. Die Bergleute haben die kleine Ratte, die eine Heldin war, vergessen. Sie sind grob geworden und erschlagen die Armen, wo sie sie erwischen, weil sie sich davon angeekelt fühlen. Kann denn die Ratte dafür, daß sie Gott so häßlich schuf?—“ Ich bin wach geworden. Durch die Fenster schimmert schon das Taggrau. Hell liegt neben mir auf dem bloßen Boden, den Kopf auf die Wandbank zurückgelehnt „Pauli“ rufe ich. Hell rekelt sich hoch und sieht erstaunt um sich. „Hast du noch Kopfweh?“ erkundige ich mich. .'„Nein!“ „Ich auch nicnt!“‘ Wir springen auf, waschen uns und kriechen endlich ins Bett Sonntag. Eine Woche ist wieder versenkt. Das ist überhaupt etwas sehr Komisches, so eine Woche. Man fängt sie resigniert an, durchgeht sie fluchend und freut sich erst, wenn die ersten sechs gottgeschenkten Tage vorbei sind. Ich kenne keinen Bergmann, der einmal gesagt hätte, eine Woche soll zwei Wochen lang sein. Außer er hätte gerade Urlaubswoche. Eine solche kann unseretwegen ein ganzes Leben lang dauern, natürlich als bezahlte. „Fritz“, sagt Hell,„ich habe Saurer versprochen, zu ihm hinaufzukommen!— Gehst mit?“ „Ja!“ Wir gehen gegen die„Rolle". Die Luft ist voll weichen Frühlings. Die Wiesenerde quillt braunsaftig unter den Schuhen. Paul stülpt seine Hose hoch. Ganz richtig,’s ist ja auch setae Bessere. Unter der„Rolle“ ist eine kleine spießgrasige Wiese. Mittendrin ist eine Waschlache und davor eine hochbeinige Waschbank. Das gehört so zur„Rolle“, ist davon gar nicht wegzudenken. Hier werden oft die wichtigsten Konferenzen abgehalten und zu Hause brennen als Ergebnis die Suppen an. Heute bietet die sonst rockurnflattzerte Stätte einen seltsamen Anblick. Um die Waschbank ist ein Gebilde gewik- kelt, das sich erst in nächster Nähe als Mensch entpuppt, und zwar als Röhling. Seine muskulösen Beine hat er um die Bankfüße gewickelt und sein nackter Oberkörper liegt flach auf dem Bankbrett. Paul hebt sich auf die Zehenspitzen und wippt näher. Mit einem dünnen Grashalm kitzelt er Rohlings klobige Nase Der rotstoppelige Kopf hebt ein Hin und Her an, der Mund zuckt unangenehm. Plötzlich springt der gequälte Mensch auf und flucht so gräßlich, daß, wenn Flüche eine Farbe besäßen, der wunderschöne Frühlingshimmel eine ekelhafte Kloake werden müßte. „— laßt mich doch!“ singt er in gemachter Weinerlichkeit.„Ich möchte Sonne saufen, mit blauem Himmel meine» Bauch füllen!" „Wozu?“ „Für den Streik!“ Hell sieht ihn zweifelnd an. „Verlange von einem Ochsen mehr als ein Stück Rindfleisch!“ „No, eine dicke Haut hat er auch!“ „Dann hast du besondere Rasse!" Röhling legt sich ergeben auf die Bank zurück, um weiter Sonne zu saufen und seinen Bauch als Akkumlator mit Himmelsblau zu füllen. Das helle Tageslicht glitzert in seine» starken Muskeln. Der Mensch hat einen prächtigen Körper- Nur die roten Haare wirken ein wenig unangenehm. Saurer ist in seiner Wohnung. Die ist, wie alle hier, klein, dumpf, nach Armut und kleinen Kindern riechend. Saurer» Weib ist hochschwanger. Jeder Schritt entreißt ihr ein Ächzen. Man kann sich in der Stube kaum rühren vor Kindern. Es sind sieben Jungen, schmutzig, frech, aber gesundes Menschenmaterial. Saurer schickt sein Weib und seine drei größeren Jungen aus der Wohnung. Er ist plötzlich sehr ernst geworden. I» seiner Stimme zittert eine starke Erregung. „Man hat mir gestern ein Angebot gemacht“ Wir rücken näher zusammen. „Und?" Das kantige Kohlengesicht wird rotfleckig vor Scham. „Der Ing. Krakauer sagte, ich dürfe weiter arbeiten, wen» - ich Streikbreche!“• Paul springt auf. Seine Augen sind hart „Das ist deine Sache!” Saurer zuckt unter den glasscharfen Worten zusammen. Jr weiß, daß er jetzt eine Entscheidung treffen muß, die ihn an uns bindet oder ihn auf immer bei uns erledigt Er kämpft verzweifelt. Rr. 290 Freitag, 13. Dezember 1935 Seite 3 tfudetendeutscfier Zeitspie&et Die Demokratie für die Arbeitfloten Die Hilfsaktion In diesem Winter Eine von der tschechischen Sozialdemokratie herausgegebene Korrespondenz enthält eine Zu- sammenfassung der für die Arbeitslosen getroffenen staatlichen Maßnahmen— abgesehen von 1,. der Arbeitslosenunterstützung für organisierte Gewerkschafter(Genter System). Daraus wird ersichtlich, in welch umfassender Weise für die Opfer der Krise gesorgt wird. Die staatliche Berköstigyngsaktion für Arbeitslose, die keinen Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung nach dem sogenannten Genter System haben, wird so wie bisher durchgeführt werden, d. h. alle Arbeitslosen erhalten eine Zuteilung aus dem Fonds der staatlichen Verköstigungsaktion, und zwar Familienernährer im Werte von 20 Xc, Ledige 10 Kö wöchentlich. Die Milchaktion für Kinder der Arbeitslosen und kurzarbeitenden Familienväter wird sich auf Kinder bis zu 14 Jahren beziehen, und zwar per einen halben Liter Milch täglich. Die Milch erhalten die Kinder der Arbeitslosen ohne Rücksicht darauf, ob der Ernährer irgendeine Arbeitslosenunterstützung erhält oder nicht. Die Brotaktion wird in den Bezirken mit der größten Anzahl der Arbeitslosen durchgeführt werden. Personen, die in diesen Bezirken in die staatliche Aussveiseaktion eingereiht sind, erhalten soweit sie Familienväter sind, wöchentlich zwei Laib Brot zu 1 Kilogramm, Ledige einen Laib. Alle diese drei Arten von Hilfsaktionen werden ununterbrochen und regelmäßig ohne Beschränkung durchgeführt. Die Kohlenzuteilung wird arbeitslosen und kurzarbeitenden Familienvätern als einmalige Winteraushilfe gewährt werden. Für die bedürftigsten Arbeitslosen wurden 1900 Waggons Kohle gewonnen, die in der nächsten Zeit zugeteilt werden sollen. Ein Weihnachtsveitrag für die von der Not besonders betroffenen Personen und Kinder wurde im Umfange von 8,000.000 XL, und zwar in dem Ausmaße, daß Familienvätern mit ein oder zwei Kindern Ausspeiseanweisungen im Betrage von Hydra gegen den Antisemitismus Ministerpräsident Dr. H o d Z a empfing Donnerstag die Abgeordneten Dr. Goldstein und Dr. Kugel als Vertreter der Jüdischen Partei, um ihre Versicherung entgegenzunehmen, daß die Partei zu loyaler Mitarbeit an der Konsolidierung des öffentlichen Lebens im Staate entschlossen ist. Der Ministerpräsident antwortete dahin, er lehne d e n R a s s e n a n t i s e m i t i s- mus ab und stehe auf dem Standpunkt der Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz, was aus der Demokratie und dem strikten Einhalten der Minderheitenrechte als Konsequenz des freisinnigen Geistes der tschechoslowakischen Nation und der internationalen Rechtsverpflichtungen resultiere. Oskar Wilde und der Sozialismus ».... Heute ist ein einzelner Mensch Eigentümer einer Maschine,'die die Arbeit von 500 Menschen tut. 500 Menschen/ sind infolgedessen beschäftigungslos, und da man ihre Arbeit nicht braucht, sind sie dem Hunger preisgegeben. Wäre jedoch diese Maschine das Eigentum aller, so hätte jedermann Nutzen davon. Jetzt verdrängt die Maschine den Menschen. Unter richtigen Umständen wird sie ihm dienen." Diese Sätze aus dem Beginn des Maschi- Uen-Zeitalters stammen nicht aus den Betrachtungen eines Theoretikers der Wirtschaft, auch uicht aus dem Buch eines Vorkämpfers für den Sozialismus, sondern aus der Feder des Dichters Oskar Wilde, der durch seine Lustspiele, den Roman„Das Bildnis des Dorian Grey" und »Salome" weltberühmt geworden ist. Aber der Dichter, der in England jahrelang den größten Erfolg hatte, bis er das Opfer eines Skandalprozesses wurde, hatte eine andere, ernstere Seite, die ihn ebenfalls zur literarischen Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit zwang. Er hat einen schönen Essay„Die Seele des Menschen im Sozialismus" geschrieben, dem die vorstehenden Sätze entnommen fiyd und in dem er als einer der ersten Schriftsteller seiner Zeit versucht, die neuen Wirtschaftlichen Reformen» die ein neues 8eitalte?uns bringen muß, mit dem Glücklichster des einzelnen, mit der Seele des Individuums in Einklang zu bringen. Oskar Wilde sagt in diesem Essay:„Die tvahre Vollkommenheit des Menschen liegt nicht in dem, was er hat, sondern in dem, was er ist," Und ferner:„Es ist unsittlich, das Privateigen- tum dazu zu benutzen, die furchtbarem Uebel nur dorübergehend zu lindern, die eben jenes Privat- eigentum erst erzeugt hat." 20 XL, für drei Kinder 30 XL und für vier oder mehr Kinder 40 XL zugeteilt werden. Bekleidungsaktion. Für die Bekleidung von Kindern arbeitsloser Eltern wurde für den Winter der Betrag von 3,000.000 XL bewilligt. Die staatliche Ausspeiseaktion für Kinder im Winter. Als außerordentliche Zuteilung für besonders beachtenswerte Fälle wurden im ganzen 3,000.000 XL gewährt. Ein außerordentlicher Beitrag im Betrage von 5,000.000 XL für die s o z i a I e F ü r- sorge jener Gemeind en, wo die regelmäßige Dotation infolge der besonderen Berhält- nisse und der außerordentlich großen Anzahl der Arbeitslosen nicht genügt, wird in den ärgsten Wintermonaten außer den angeführten, regelmäßigen Unterstützungen ausgezahlt werden. Die Roternährungsaktion der Winterhilfe wurde Heuer besonders erweitert. Außer der Kartoffelaktion im Herbst wird noch eine Reihe wichtiger Lebensbedürfnisse zugeteilt werden. Die Regierung bewilligte zu diesem Zwecke einen Betrag von 54,000.000 XL. Arbeitslose in den am meisten betroffenen Gebieten, soweit sie in die staatliche Ausspeiseaktion eingereiht sind, ferner jugendliche Personen von 16 Jahren an, sofern i r der Familie der Ernährer nicht ständig beschäftigt ist und Arbeitslose, die zwar die Unterstützung nach dem Genter System erhalten, wo jedoch der Staatsbeitrag nicht höher als die Zuteilung der Ausspeiseaktion ist, ferner Saisonarbeiter, soweii sie nicht mehr als drei Monate ununterbrochen gearbeitet haben, erhalten Lebensmittel wie folgt zugeteiü: a) Fett: Familienväter 1 Kilo, Ledige ein halbes Kilo monatlich, b) Mehl: Familienväter 10 Kilo, Ledige 5 Kilo einmal, c) Zucker: Familienväter 3 Kilo, Ledige 2 Kilo einmal, d) Graupen: Familienväter 5 Kilo, Ledige 3 Kilo, e) Malzkaffee: Familienväter 2 Kilo, Ledige 1 Kilo. Kartoffelzuteilungen werden, neben den bereits verteilten Mengen, wahrscheinlich wiederholt werden, so daß die Lebensmittelnotaktion eine ausgiebige Hilfe wenigstens in der ärgsten Not bedeuten wird. versardelterdedatte Im englischen Unterhaus Im englischen Parlament fand Mittwoch eine Aussprache über den drohenden Bergarbeiterstreik statt, in der es zu scharfen Auseinander- setzuygen kam. Im Unterhaus brachte das Oppositionsmitglied W a t k i n s einen Antrag ein, in dem das Unterhaus zu der Erklärung aufgefordert wurde,„daß die englischen Bergarbeiter zu ihrer Forderung nach einer sofortigen allgemeinen Lohnerhöhung berechtigt seien". Der Antrag wurde mit 179 gegen 157 Stimmen abgelehnt. Im Oberhaus richtete Lordsiegelbewahrer Londonderry, selbst großer Bergwerksbesitzer, eine Mahnung an die Kohlenverbraucher und die Kohlenhandelsfirmen, sich für die Erzielung eines angemessenen Lohnes für die Bergarbeiter, zu dem diese berechtigt seien, einzusetzen. Man versteht nach diesen Sätzen, warum die englische Gesellschaft, deren Liebling Wilde eine Zeitlang gewesen war, so plötzlich von dem Manne äbrückte, der ihrem Snobbismus und ihrer heuchlerischen Wohltätigkeit so furchtbare Wahrheiten entgegenschleuderte. Seine Zeitgenossen versuchten, ihn ganz zum mondänen Lustspieldichter, zum Verfasser unzähliger, gewiß geistreicher und paradoxer Aphorismen zu stempeln, um dadurch die ihnen unangenehmen Klänge zum Schweigen zu bringen. Aber unsere Zeit, die daran krankt, daß manche Prophezeiungen Wildes trotz seiner Warnungen in Erfüllung gegangen sind, sollte sich des unbekannten Oskar Wilde erinnern, der sein Bekenntnis zur Menschheit gegen seine Klasse und gegen seine Zett in diesem schönen Essay niedergelegt hat. Denn Oskar Wildes Bekenntnis zum Sozialismus ist nicht etwa— wie man vielleicht nach dem Wild, das man uns von dem erfolgreichen Lustspieldichter gemacht hat, annehmen könnte— das Werk einer zufälligen Begegnung, einer Laune, sondern es kommt aus der tiefen Verwurzelung mtt den Leiden des Volkes. Oskar Wilde war Irländer, und seine Mutter, die unter dem Namen Speranza(die Hoffnung) revolutionäre Schriften verfaßte, erzog ihren Sohn in der Atmosphäre des irischen Freiheitskampfes. Dieser Freiheitskampf der Iren war aber, sett- dem durch die Emanzipation der Katholiken das religiöse Moment fortgefallen war, weniger ein nationaler als ein sozialer Kampf. Die Irländer empörten sich nicht nur gegen die fremde Regierung in ihrem Lande, sondern vor allem gegen die wirtschaftliche Bevorzugung der Produkte des industriellen England, das jahrhundertelang das irische Handwerk zugunsten der englischen Fabrikware ruiniert hatte. Die Bauern hatten ihre einzige Kuh oft nur zu dem Zweck, die Steuern an England zu bezahlen, die willkürlich und ungerecht hoch waren. Das war die Atmosphäre, in der der junge Wilde aufwuchs. Durch Betriebsstillegung ein Mlllionenvermösen So unwahrscheinlich die Ueberschrist llingt, sie beschreibt doch nur einen wirllichen Vorgang. Als vor Monaten nach einem heftigen Abwehrkampf der Arbeiter und ihrer Gewerkschaften die Spiegelglasfabrik in Holleischen stillgelegt wurde, verloren Hunderte von Arbeiterfamilien ihre Existenzgrundlage. Nur ein Keiner Teil der früheren Arbeiter und Angestellten konnte wieder in Beschäftigung gerächt werden, die übrigen sind arbeitslos geblieben und die geringe Abfindung kann sie nicht vor der Verelendung retten. Aber da ist einer, der dem Arbeiterkampf gegen die Betriebsstillegung mit mißvergnügtem Gesicht zugesehen hat. Er früher einmal Direktor in der Spiegelglasfabrik, ging dann aber als Direkwr zu einer großen Glashandelsfirma. Dennoch ließ er sich von der Holleischener Fabrtt jährlich 75.000 Kronen Pension zahlen. Da er in seiner jetzigen Direktorstelle sicher weit über 100.000 Kronen jährlich Gehalt hat und außerdem noch belgischer Honorarkonsul ist, verfügt der Mann über ein— na sagen wir— gräfliches Einkommen I Dennoch war er nicht zufrieden. Er wollte, wenn es ginge, mit einem Schlage ein neues Millionenvermögen erwerben. Er hatte seinen Vertrag mit der Spiegelglasfabrik Holleischen, und da stand drin, daß ihm im Falle der Liqui- datton des Unternehmens eine angemessene Abfindungssumme auszuzahlen sei. Herr Konstantin Pierre, so heißt der Direktor, fand 980.000 XL für angemessen, Kagte auf die Zahlung dieser Summe beim Prager Arbeitsgericht und erhielt sie zugesprochen! So ist der Herr Direktor durch die Betriebsstillegung»die für die Arbeiter die Vernichtung ihrer Existenz zur Folge hatte, plötzlich zu einem neuen Millionenvermögen gekommen. So gibt es wenigstens einen, für den sich die Betriebsstillegung gelohnt hat. Von den Kämpfen in China Bei Tsingtau hatten sich Anhänger der nordchinesischen Autonomiebewegung erhoben. Der Gouverneur der Provinz Schantung meldet jetzt der Zentralregierung, daß es ihm gelungen ist, nach zweitägigen Kämpfen die Bewegung zu unterdrücken. Die Führer der Bewegung seien hingerichtet. 250 Teilnehmer der Revoüe seien gefangen genommen worden. Außerdem wurden gerade in jener Zeit die alten, sogenannten„Breha-Tafeln" ausgegraben, auf denen die Gesetze Irlands in vorgeschichtlicher Zeit ausgezeichnet waren. Diese Breha-Ge- setze, mehr als dreitausend Jahre all, zeigten, daß schon damals in Irland eine Regelung in Kraft gewesen war, die allen Arbettern ein Anrecht am Ertrag ihrer Arbeit sicherte und das Land für alle Zeiten unter die Einheimischen aufgetellt hatte. Nur mit großer Mühe war es gelungen, diese vorgeschichtlichen Gesetzestafeln zu entziffern, denn die Inschriften waren nicht in jener gälischen Sprache gehalten, die heute eine nationalistische Regierung als„Ursprache" an die Stelle des Englischen gesetzt hat, sondern in einer noch viel älteren, verschollenen Sprache, und nur durch gälische Randbemerkungen konnte man Rückschlüsse ziehen. Diese Entdeckung mußte den jungen Wilde, wie alle seine Landsleute, aufrütteln, besonders wenn man diese vorgeschichtliche Wirtschaftsform mit dem Hochkapitalismus des 19. Jahrhunderts verglich, wie ihn die Engländer in Irland eingeführt hatten. Und dies Bestreben, das Los des Volkes zu ändern, hat er in seinem ganzen späteren Leben nicht verleugnet. Mehr als einmal hat man das puritanische Empfinden des englischen Volkes als Vorivand benutzt, um unbequeme irländische Rebellen ins Gefängnis zu werfen, und man darf wohl annehmen, daß die politischen Ansichten Wildes der Gesellschaft gefährlich vorkamen, da sie ihren gefeierten Liebling so plötzlich fallen ließ. Am 30.^November waren 35 Jahre vergangen, seitdem Oskar Wilde einsam in der Pariser Verbannung starb. Seit kurzer Zeit werden seine' Lustspiele in England wieder aufgeführt. Man hat ihm also verziehen. Was man ihm aber nicht verziehen hat, ist sein Bekenntnis zum Sozialismus, und man hat dies wichttge Werk totzu- schloeigen versucht. Leider nicht ohne Erfolg! K. R- Bank an den Chefredakteur Heute scheidet unser Chefredakteur, Genosse Wilhelm Nießner, aus unserer Mitte in den Ruhestand als Journalist. Es ist nicht unseres Amtes, an dieser Stelle zu bescheinigen, was Genosse Nießner(der innerhalb und außerhalb des Parlaments für die Bewegung tätig bleibt und dies hoffentlich noch recht lange) in mehr als vier Jahrzehnten journalistischer Arbeit für die Partei geleistet hat. Wohl aber ist es uns Herzenspflicht, dem Kollegen Nießner, der die nahezu fünfzehn Jahre seit der Gründung des„Sozialdemokrat" an dessen Spitze stand, auch öffentlichen Dank für all das zu sagen, was er uns, in diesem engeren Wirkungsbereich, gegeben und gelehrt hat. Wir brauchen darüber schon deshalb nicht allzuviele Worte zu machen, weil wir uns dazu vor unlanger Zeit, als Nießner seinen sechzigsten Geburtstag beging, geäußert haben. Und es ist also heute, da Nießner zum letzten Male redaktionsdienstlich in den„Sozialdemokrat" kommt, vor allem eines zu wiederholen: Nießner ist der charakterfesteste, ruhigste und vornehmste Kollege, den je eine Redaktion als ihren ersten Mann sich .wünschen konnte. Die prachtvolle Noblesse seines Wesens und die immense menschliche, politische und journalistische Erfahrung seines Lebens waren in den einundeinhalb Jahrzehnten unseres Zentralorgans dessen Grundakkord, das sichere Fundament, auf dem wir unfern Teil für die. Gesamtausgabe des sudetendeurschen sozialistischen Proletariats beizusteuern versuchten. Von Nießner haben wir gelernt, Aufwallungen des Gefühls, des journalisttschen Temperaments unter allen Umständen immer erst vom Verstand, von ruhiger Erwägung kontrollieren zu lassen, vor der Beurteilung alles Geschehens und seiner journalistischen Darstellung stets erst rückwärts und vorwärts zu blicken, nötigenfalls auf Kosten der Fixigkeit oder der Erstmaligkeit, geschweige denn einer bestechenden Pointe, sachlich zu bleiben, dem Gegner, wo immer es nur ging, menschlich, persönlich nicht nahezutreten und selbst im erbitter.sten Kampf der Würde nicht zu vergessen. Und um so selbswerständlicher war es„unter" Nießner, daß seine Persönlichkeit innerhalb des Redaktionskreises eine Sphäre des Höchstmaßes von Kollegialität und Ausgeglichenheitizu schaffen wußte. Nicht etwa, daß da die Temperamente verkümmerten. Nein, Nießner selber ließ, so wie zuweilen auf der Rednertribüne, so auch oom Stuhl des leitenden Redakteurs aus, sein Temperament, seinen Willen, seine Energie frei spielen, wenn es ihm notwendig erschien. Und datum verstand er es auch, wenn einmal ein anderes Temperament sich kräftig regte. Aber nur ganz selten ging es unter Nießner in der Redaktion „laut" zu; ganz selten; und niemals, sellsst wenn die Meinungen gegeneinander platzten, anders, als unter ernsten Männern, die sich durch Nuancen in der Urteilsbildung nie auch nur zwei Schritte von einander entfernen. Selbstbeherrschung lernten wir Jüngeren von Nießner, und die Kunst, in sich und um sich immer wieder Ausgleich zu schaffen. Wenn man auf irgendeinen in unserer Arbeiterbewegung führenden Menschen die Bezeichn nung„Gentleman" anwenden darf, dann auf Nießner. Er war es, was insbesondere das Funktionieren seiner verantwortlichen Stellung nach außen hin anlangt, bis zur letzten Konsequenz. In den fünfzehn Jahren der Tätigkeit, die er nun aus gesundheitlichen Rücksichten aufgeben muß, gab es nicht einen einzigen Fall, in dem er die Gesamtkollegenschaft wie den einzelnen als Charakter enttäuscht hätte, wenn es um Solidarität ging. Sozialistischen Korpsgeist könnte man. nennen, was Nießner in dieser Hinsicht der Redaktion hinterläßt. Und deshalb sehen wir bewegten Herzens ihn scheiden. Einfach, ohne Grund und ohne Möglichkeit der Uebertreibung— denn Persönlichkeitskult hat bei uns keine Stätte— sprechen wir die- en Abschiedsgrutz so aus, wie wir ihn empfinden. Daß wir ihn nicht ve'geffen werden, ist kein« Seite 4 Freitag, 13. Dezember 1935 At. 290 IGB protestiert gegen Auflösung der Gewerkschaften in Danzig Wie wir bereits berichtet haben, ist der Arbeiterverband in Danzig, der dem Internationalen Gewerkschastsbunde angehört, aufgelöst worden. Der Internationale Gewerkschaftsbund hat beim Völkerbund telegraphisch protestiert und die Intervention des Völkerbundes betreffs Respektierung des Friedensvertrages sowie der Verfassung Danzigs verlangt. Mit ähnlich lautenden Botschaften wandte sich der IGB auch an das Internationale Arbeitsamt und an den Oberkommissar für Danzig Dr. Lester. Phrase, sondern Feststellung einer dem Herzen wie dem Verstand selbstverständlichen Tatsache Wir wünschen ihm viele freundliche und erfreuliche Altersjahre. Und daß er noch erleben möge, was wir alle so heiß ersehnen: daß das Rad der Geschichte sich endlich wieder energisch vorwärtSdrehe, daß es wieder eine Lust werde, zu leben, daß ein Aufatmen gehe durch die Massen der arbeitenden Menschen, für deren Interessen Genosse Wilhelm Nießner so lange die Feder führte und für die weiterzuwirken die einzige Aufgabe des„Sozialdemokrat", so wie bisher mit Nießner, so nun ohne ihn bleibt. Prozeß Patscheider Am vierten Tag des Prozesses gegen Dr. Patscheider und Genossen wurde das Verhör des Prokuristen L a m a t s ch fortgesetzt und es wurden die Beilagen zu der Anklage behandelt, welche die Angeklagten am meisten belasten. Es wurde die Denkschrift zur geistigen Haltung der Zeit- sckrift„Der Weg" verlesen, in der beschrieben wird, wie Mitteleuropa umgestaltet und wie insbesondere die Stellung der Sudetendeutschen geregelt werden soll. Weiters wurde das Konzept eines an Karl v. L ö s ch in Berlin adres- sterten Briefes, in dem eine finanzielle und moralische Unterstützung der Bestrebungen derSudttendeutschen verlangt wird, und die Beilage zu diesem Briefe verlesen, in welcher der Stand der Verhandlungen über den Zusammenschluß der sudetendeutschen Parteien und die Pläne für das weitere Vorgehen geschildert werdet:. Lamatsch gesteht, daß dieDenksch» iftseinWerksei. Er knüpfte an den Inhalt der Denkschrift an und gibt auf Befragen des Gerichtsvorsitzenden die Aufklärung, daß es sich nicht um die Beherrschung der Tschechoslowakei durch Deutschland, sondern um eine enge Zusammenarbeit der b e i d e n S t a a t e n handelte. Was das Konzept des Briefes an von Lösch anbelangt, gestand Lamaftch, es geschrieben und dann mit Patscheider korrigiert zu haben. Der Brief sei aber nichtabgeschickt worden. Lamatsch behauptet, es sei seine Gewohnheit, wenn er etwas abschreibe, sich nur die Kopie aufzuheben und das Konzept zu vernichten. Auf die Frage, warum er auf dem Konzepr des Briefes vermerkt hatte, daß ervoneinemBotennachBer- lin gebracht und dort eingehändigt werden solle, wenn er behaupte» daß der Inhalt des Briefes loyal sei, und warum er nicht mit der Post geschickt wurde, die gut funktioniert, zuckt Lamatsch die Achseln und kann keine Auskunft geben. Ebenso kann er sich nicht erinnern, warum er Oehm, der sein Mitschüler war, den er aber vorher lange nicht gesehen hatte, als Boten enipfahl. Er behauptet in beiden Angelegenheiten, daß sie ihm aus dem Gedächtnis entschwunden sind. Bons Lösch habe Lamatsch nur gewußt, daß er Vorsitzender des Schutzbundes in Berlin ist, und er habe geipollt, daß Lösch durch seinen Einfluß auf den tschechoslowakischen Senator Dr. Brunar, den Vorsitzenden des deutschen NationalratrS, einwirke, daß ein Zusammenschluß der deutschnationalen Partei mit den übrigen deutschen Parteien erzielt werde. Das Verhör Lamatsch' wird morgen noch fortgesetzt werden. Flugdienst über den Atlantik New N»xk. Wie Associated Preß aus Washington meldet, sind die Luftfahrtabordnungen der Bereinigten Staaten, Englands, des Irischen Freistaates und Kanadas im Zusammenhang mit der Einrichtung eines regelmäßigen Flugdienstes über den Atlantik übereingekommen, sich grundsätzlich gegenseitige Lan- dungs- und Betriebsrechte zu gewähren. Es wurde angedeutet, daß die ersten Probeflüge möglicherweise schon im nächsten Frühjahr beginnen. Wie verlautet, haben die„Panamerican Airlines" und die„British Imperial Airways" schon einen Plan für die gemeinsame Einrichtung eines Atlantikdienstes aus- gearbeftet. Zwei Professoren erschossen New Aork. Der 85jährige russische Emigrant Viktor Kusow erschoß am Donnerstag zwei Professoren der zahnärztlichen Abteilung des chirurgischen Kollegs an der Universität in Columbia durch Revolverschüffe und schoß einen dritten an. Dann richtete er die Waffe gegen sich und erschoß sich. Kusow, der trotz seiner hervorragenden Vorbildung, an der Universität nur eine ganz untergeordnete Stellung gefunden hatte, hatte früh einen seiner Kollegen überfallen. Daraufhin wurde er aus den Diensten der Universität entlassen, kehrte aber, mit einem Revolver bewaffnet, zurück und gab auf die anwesenden Professoren mehrere Schüsse ab. Ab 1937 Flugverkehr Amerika—England Washington. Der Gehilfe des Staatssekretärs, Moore, hat mitgeteilt, daß im Jahre 1937 der Flugverkehr über den Atlantik zwischen den Bereinigten Staaten und Großbritannien ausgenommen werden wird. Die Fluglinie wird m beiden Richtungen regelmäßig beflogen werden. Traurige Erinnerung Njhorod. Gestern war der 20. Jahrestag der großen Eis enbahnkatastrophe in den K a r p a t h e n, wo es infolge der übereilten Beförderung von Militär an die durchbrochene Front zu dem Unglück bei S v a l a v a kam. Damals kamen in dxn Trümmern des Militärzuges 28 Soldaten, die an die Front gktzkn die Russen befördert wurden, ums Leben. Am 12. Dezember deS JahreS 1815 verließ zeitlich früh ein Militärzug Svalava. Er fuhr in nördlicher Richtung, wo sich hart hinter Lavocza in den Karpathen die galizische Front hinzog. Der Zug, der Kriegsmaterial und Munition beförderte, war sehr überlastet. In einem kurzen Intervall wurde nach dem Munitionszug ein Militärzug an die Front abgefertigt. Die Soldaten wurden in Lastwaggons befördert, die von außen abgeschlossen waren, um Desertierungen hintanzuhalten. Im schicksalsschweren Augenblick schliefen die Soldaten. Hinter der Station Haükovice in der Richtung gegen Bolovo steigt die Strecke stark an. An dieser Stelle zerriß der Munitionszug plötzlich. Ein Teil des Zuges rollte die abschüssige Eisenbahnstrecke zurück und prallte vor der Station Svalava auf den Militärzug. Der Zusammenstoß hatte zur Folge, daß 28 Soldaten dabei ums Leben kamen. Außerdem gab es eine großeAnzahl von Schwer« und Leichtverletzten. Der Umstand, daß die Waggons verschlossen waren, wirkte sich in katastrophaler Weise aus, denn die Soldaten, namentlich in den ersten Waggons, hatten keine Gelegenheit, sich zu retten. An die Unfallsstelle wurde eine Eisenbahnerabteilung berufen, die die Trümmer der Waggons beseitigte» Die damals ums Leben gekommenen Soldaten wurden auf dem Friedhof in Svalava beerdigt. Die westeren Militärtransporte, die dann an die Front fuhren, hatten von dem Unglück keine Ahnung, da auch sie in verschlossen Waggons transportiert wurden. In der Presse verlautete damals nichts von dem gräßlichen Unglück, da jede Mitteilung hierüber durch die Zensur unterdrückt wurde. Begünstigungen für die Wintersportler und Winter-Touristen Das Eisenbahn-Ministerium bewilligte dem Verbände für Arbeiter-Wiruer-Touttstik, Sitz Prag, welchem die Naturfreunde und der Atus angehören, unter Zahl 52.819 vom 25. November, die üblichen Begünstigungen für Wintersportler.— Die Begünstigung beruht auf der Möglichkeit der Lösung einer Relationsfahrkarte, welche um 33 Prozent billiger ist als die normale Fahrkarte, nach bestimmten Stationen im Wintersportgebiet.— Es ist dies ein« Rückfahrkarte mit 16 Tagen Gültigkeit; eine Fahrtunterbrechung ist nicht statthaft. Es können auch Eilund Schnellzüge benützt werden.— Folgende Stationen unseres Organisatwnsbereiches geben Rela- tionskarten nach bestimmten Wintersportorten aus: Prag(Wilson-, Masaryk-, Denis-Bahnhof), Aussi g(nach Joachimsthal oder Schmiedeberg). Leitmeritz(nach Hohenelbe), Brünn(nach Neustadt, Lichtenau, Beskiden, Sudeten, Riesengebirge und Tatra), Jägerndorf(nach zwei Richtungen), Olmütz(nach einigen Stationen), Troppau(nach einigen Stationen), Mähr.- O st rau(nach Kralovany und Poprad). Neber die Ausstattung der Mitgliedskarte geben die Natur- fteundegruppen nähere Auskunft.— Schneeberichte werden auch von den Naturfreundehäu- sern veröffentlicht. Die Wafferkatastrophe in Griechenland Das Unwetter dauert in zahlreichen Gegenden Mazedoniens und Thessaliens an, wo in einigen Gemeinden auf den Straßen das Wasser einen Meter hoch steht. Der Materialschaden ist ungeheuer groß. Die Regierung sandte Hilfskorps in die betroffenen Gegenden. In Thessalien erfolgt die Hilfsaktion infolge der schlechten Verkehrsverbindungen unter Mitwirkung von Flugzeugen, die Lebensmittel abwerfen. Die Eisenbahnverbindung zwischen Athen und Mazedonien wurde teilweise wiederhergestellt, während die Verbindung mit dem übrigen Europa durch die Ueberschwemmungen in Südserbien auch weiterhin erschwert ist. Das Ende des Mittelalters. In einer Vortragsreihe des nationalsozialistischen Lehrer- bundes in Berlin sprach der Universitätsprofes- sor Dr, B ä u m l e r über„Deutsches Mittelälter— Deutsches Schicksal". Er stellte däbei einen n e u e n Begriffdes Mittel- a l t e r s für das Deutsche Reich auf. Dieses Mittelalter habe mtt der Entdeckung Amerikas oder mit der Reformation nicht aufgehört, son- dern erst mtt der Machtübernahme Adolf Hitlers. Erst in Adolf Hitler habe sich die germanische Kraft die Unabhängigkeit vom romanischen Geiste erkämpft und damit die wirklich neue Zett eingelettet... Eigentlich käme eö noch darauf an, abzuwarten, was Hi- swrtter, die zu unserer Zett einigermaßen Distanz haben werden, zu Herrn Dr. Bäumlers Entdek- kung der Neuzett zu sagen haben werden. UnS dünkt es wahrscheinlicher, daß sie Hitler als den markanten Puntt betrachten werden, an dem die Neuzett zumindest ins Mittelaller zurücksiel. Vielleicht gäbe sich Adolf vuch damit zufrieden; denn hauptsächlich kommt es ja nur darauf an, markant zu sein und Epoche zu machen. Und lieber an der Spitze eines Neubarbarentums rei- ten als im Meer der Neuzett via Braunau— Wien—München—Berlin unterzugehen... Das sagen sich auch die Nazi-L e h r e r. Und also werden die Kinder des Dritten Reichs lernen, daß Kolumbus und Gutenberg ein mittelalter- sicher Schmarren waren, desgleichen Napoleon, Beethoven, Rousseau, Shakespeare, Goethe, Schiller und Lenin. Alles Mittelalter! Ex Braunau lux! Aus Oberösterreich anno 1888 kam das Licht: Hiller Adolf. Und von dem Tage an, da er bei der Feldherrenhalle in München ausriß, schreiben wir die Neuzett, deren bisher und für alle Ewigkett erhabenstes Werk„Mein Kampf" ist! Lob unseres GewerveschulwesenS in England. Vor kurzem hat der englische Schulminister dem englischen Unterhaus einen Bericht über das Lehrlingsschulwesen in England überreicht, in welchem er betonte, er wünsche, daß die britischen Gewerbeschulen ein ähnliches Niveau erreichen mögen, wie die gleichen Schulen in der Tschechoslowakei. Mord in Wien. Der 43 Jahre alte beschäftigungslose Hilfsarbeiter Jaroflav Starosta überfiel in seiner Wohnung in Wien im 21. Bezirk seine Frau mit einem Messer und einem Beil und brachte ihr einige schwere Verletzungen bei. In der Annahme, daß seine Frau tot sei, brachte sich auch er selbst Stichwunden bei. Die beiden Eheleute wurden in einer großen Blutlache bewußtlos aufgefunden, doch gelang es den herbeigerufenen Aerzten der Rettungsstation, sie wieder ins Leben zurückzurufen. Jaroslav Starosta wird sich vor Gericht wegen Mordversuches zu verantworten haben. Seine Frau ringt im Krankenhaus mit dem Tode. Die Tat verübte Starosta aus Not. Die Ueberschwemmungen, die in der letzten Zeit Montenegro heimgesucht haben und bedeutende Schäden anrichteten, erstrecken sich auch auf das südliche Gebiet Jugoslawiens, wo eine Reihe von Flüssen über die Ufer getreten sind. Außer Skoplje, das von den Fluten des Vardar überschwemmt wurde, stehen auch Stadtteile von Bitolj, Ochrida und der nördliche Teil von Ko« sovskä Mktrovica unter Wasser. Diphtheritts wütet in der Umgebung von Dieppe(Frankreich). Vier Kinder sind gestorben, 21 schwer erkrankt. Man hat die Schulen geschlossen und läßt Impfungen durchführen. Der Lawinentod. Wie aus Klagenfurt gemeldet wird, ist in L u g a u im Lesachtal der Besitzer Johann Guggenberg beim Heuziehen mit mehreren änderen Leuten durch niedergehende Lawinen verschüttet worden. Alle Verschütteten, mit Ausnahme Guggenbergs, vermochten sich, allerdings mit großen Anstrengungen, auSzu- graben, während Guggenberg trotz Mitarbett der Gendarmerie nicht aufgefunden werden konnte. Im Keller Fon Gasen erstickt. In Kaltem (Südtirol) wurde der 56jährige Alois Moran« d e l im Tresterkeller von Gasen betäubt. Ein Arbeiter, der ihm zu Hilfe eilte, erlitt das gleiche Schicksal. Herbeieilende Leute bargen die beiden von Gasen betäubten Männer aus dem Keller. Morandel war bereits tot, den zweiten Verunglückten hofft man am Leben erhalten zu können. Bata in Amerika. Baka hat in Belzamp (Maryland) ein großes Grundstück angekauft» um darauf eine Fabrik zu errichten. Mit der von ihr aufzunehmenden Produktion, die etwa 5000 Arbeitern Beschäftigung geben soll, wird Bata den amerikanischen Schuhmarkt zu erobern versuchen. Bisher unterhielt er nur eine Bertriebs- gesellschaft in New Uork. Nach dem Gesetz aus dem Jahr« 1215.., Das Oberhaus fungiert jetzt als G e r i ch t e r st e r I n st a n z, da sich eines seiner Mitglieder, Lord de Clifford, wegen Tötung eines Menschen bei einem Automobil« Unglück heuer im August vor ihm zu veranttoorten hat. Es ist dies nach 34 Jahren wieder der erste Fall, daß das Oberhaus als Gerichtshof auftritt. (In den letzten 150 Jahren fällte das Oberhaus bloß drei Urteile. Das Reckt der PairS, nur vom Oberhaus zur gerichtlichen Verantwortung gezogen werden zu können, wurde ihnen im Jahre 1215 durch die Magna charta des Königs Johan» zuerkannt.) In russischem Riesenmaß. In der nächsten Zell erscheint der letzte Band der sowjetrussischen Technischen Enzyklopädie. 27 Bände der Enzyklopädie und 10 0 Bände des ,,Nachschlage» buches über physikalssche und technowgischii Größen" sind in der außerordentlich kurzen Frist von acht Jahren erschienen. Diese beiden Werke enthalten mehr als 4 0.0 00 Zeichnungen und geben in mehr als 5 0 0.0 0 0 Fragen Auskunft. Infolge der großen Nachfrage, deren sich die Enzyklopädie in der Sowjetunion erfteut, wird jetzt zur Herausgabe einer zweiten verbesserten Auflage geschritten. Gleichzeitig wird eine„Große sowjetrussische Enzyklopädie" in mehr als 300 Bänden vorbereitet, die im Lauft von fünf Jahren erscheinen soll. Pierre Laval gewinnt eine Million. Bei der letzten Ziehung der französischen Nattonallotterie hat Pierre Laval eine Million gewonnen. Aber uw Mißverständnissen vorzubeugen, sei gleich gesagt, daß es sich nicht um den französischen Ministerpräsidenten, sondern um einen Namensvetter, eine» kleinen Beamten aus Le Havre, handelt. Der Herk erschien im Pavillon de Flore und legte geradezu Wert darauf, den Reportern, die immer auf der Jagd nach den Glückspilzen sind, seinen Namen mitzuteilen, was ihm die Befriedigung eintrug, seine Photographie auf der ersten Seite der großen Patt-' ser Zeitungen zu sehen. Der Hund von Perth. In Perth(Australien) wurde eine alte Frau schwer krank ins Hospital eingeliefert. Am nächsten Tage begehtte ein Hund Einlaß an den Toren der Klinik, huschte in einem unbewachten Augenblick durch die Tür, jagte durch alle Krankenzimmer, bis er das Bett seiner Herrin fand. Er verkroch sich darunter und war nicht wieder herauszubringen; mit Rücksicht auf die Kranke vermied man, Gewalt anzuwenden. Nach ihrem Tode wurde die Geschichte von der Anhänglichkell des Hundes im australischen Rundfunk erzählt, und schon am nächsten Tage erhielt die Leitung des Hospitals mehr als 200 Telegramme, in denen die Absender sich bereit erklätten, den Hund in ihr Haus aufzunehmen. Vom Rundfunk InwMileniwwtM aus«Ian Programmen» SamStag: Prag, Sender L: 10.05: Deutsche Presse, 12.10: Leichte Musik, 13.40: Schallplatten, 15: Tanzmusik, 16.50: Rundfunk für die Jugend, 18: Deutsche Sendung: Jng. Kerl: Kunst in Not. 18.10: 800 Jahre Klaviermusik,. 18.80: Weidenau, Höffpiel um die Kleinstadt, 18.45: Deutsche Presse/ 21.15: Konzert, 22.15: Chansons. Sender S: 7.30: Leichte Musik, 14.10: Deutsche Sendung: Oskar Baum: Der Kampf umS Publikum, Dreigespräch zwischen Impresario, Krittler und Sängerin, 14.50 Deutsche Presse.— Brünn 12.35: Rundfunkorchesterkonzert. 17.15: Tanzmusik. 17.40: Deutsche Sendung! Hoamliche Lieb, lustiges ländliches Spiel.—' Mähttsch-Oftran: 17.80: Leichte Musik, 18.15: Reportage aus einer Tabakfabrik.— Preßburg 16.05« Rundfui ckorchesterkonzert. «eyrer und Eltern Zur Betrachtung einer Lehrettn unter obiger Ueberschrift in einer der letzten Nummern erhalten wir von einem Leser nachstehende Erwiderung: In Nr. 271 d. Bl. ttttt Lehrerin E. W. für eine engere Zusammenarbeit zwischen Schule und Haus ein. Als Vater eines Schülers tmirde ick wünschen, es dächten alle Lehrer so und würden dementsprechend handeln. Denn nur, weil dies nicht der Fall ist, kommt es leider zu oft vor,„daß in manchen Orten gänzliche Jntereffenlosigkeit" für eine erzieherische Zusammenarbeit zu finden ist. Hat der Lehrer die glückliche Anlage und Fähigkeit dgzu, sich die Liebe der Schüler zu er- arbeitey, so erfaßt er auch die Eltern, denn alle Eltern achten und verehren den Lehrer, den das Kind liebt. Die bittere Erfahrung lehrt aber, daß selbst viele junge Lehrer nicht ünter Haupffache von Italien bestritten. Den tschechoslowakischen Exporttndustrien ist sowohl in Nordaftika als auch in Griechenland Gelegenheit gegeben, erfolgreich auf diesen Absatzmärkten vorzudringen. Archäologische Funde in der Sowjetunion Im Dorfe Jenissejewiffchi bei Smolensk ist eine an verschiedenen Ueberresten außerordentliche reiche Siedlung der Eiszeit entdeckt worden. Es wurden eine enorme Anzahl von Knochenfrag- menten. 28 Mammutschädel und Werkzeuge aus Feuerstein und Knochen zutage gefördert. Es wurden auch Spuren von zwei menschlichen Behausungen gefunden. An der Stelle, an der sich einst eine dieser Behausungen befunden haben dürfte, find Ueberreste einer primitiven, aus riesigen Mammutknochen-Schulterbeinen, Beckenknochen und Schienbeinen errichtete Wand entdeckt worden. Besonders interessant sind die zutage geförderten Kunstgegenstände aus der Eiszeit. Dutzende von Mammutstoßzöhnen und ovale Platten aus Mammutknochen, mit symbolischen Schnitzereien verziert. Etwa- tiefer im Erdreich unter diesen Funden lag ein überaus seltener Gegenstand, eine Statuette aus Mammutstotzzähnen, die eine Frauengestalt darstellt. Die Siedlung beim Dorf Jenissejewiffchi und die zutage geförderten Gegenstände geben über das Leben von Jägergruppen vor etwa 25.000 Jahren um die Wende der Eiszett Auffchluß. Die Ergebnisse der Grabungen lassen darauf schließen, daß in jener Siedlung mindestens 40 bis 50 Menschen gehaust haben.. In der Nähe des Dorfes Blagadatnoje sind bei den Grabungen an einer paläolitischen Siedlung Werkzeuge aus Feuerstein— Messer, Schaber, Meißel usw.— gefunden worden. Unweit der Siedlung wurden aus einer alten Schlucht eine enorme Anzahl von Bison- und Auerochsenknochen und guterhaltene, 2 Meter lange Hörner zutage gefördert. Die Knochen und die Werkzeuge reichen 25.000 bis 80.000 Jahre vor unserer Zeittechnung zurück. Lustgangster London. Eine große Londoner Zeitung beschäftigt sich mit der wachsenden Gefahr der„Luftgangster" und dringt darauf, datz die Polizei zu ihrer Abwehr ebenfalls mit Flugzeugen ausgerüstet werden soll. Es wird darauf hingewiesen, daß Scotland Aard vor kurzem eine Organisation aufgedeckt hat, die sich mtt dem Raub von Flugzeugen befaßte. Aus einer ganzen Reihe von Flugplätzen sind Maschinen gestohlen worden. Das ist zwar nicht leicht, aber dafür befindet sich der Dieb nahezu in Sicherheit, wenn eS ihm einmal gelingt, zu starten. Die Flugzeuge gehen dann irgendwo in entlegenen Gegenden nieder, werden dort fachkun- dich abmontiert, in Werkstätten wieder zusammengesetzt, wobei sie ganz wie bei AuwS nicht nur die Farbe wechseln, sondern auch die Nummern der Maschinen, und werden dann durch eine Hehler-Organisation weiterverkauft. Die Käufer rekrutieren sich aus den Gangstern in aller Welt, und die Flugzeuge werden im wesentlichen zu Schmugglerzwecken gebraucht. Ein Kampf gegen die Luftgangster erfordert heute die Mobilisierung von Militärfliegern, die nicht immer zur Verfügung stehen, und erst wenn die Polizei ein eigenes Fliegerkorps haben wird, wird man diese neueste Abart der Gangster erfolgreich bekämpfen können. Eigene Judenbänke an den polnischen Universitäten. An der Warschauer Universität kam es am Donnerstag neuerlich zu antisemittschen Demonstrationen seitens der nationalistischen Hochschüler, die während eines Vortrages die jüdischen Studenten mtt Gewall veranlassen wollten, auf der linken Seite des Vor- tragssaaleS Platz zu nehmen. Es kam hiebei zu Zusammenstößen, bei denen einige jüdische Studenten mißhandelt wurden. In Lemberg hat der Senat des dortigen Polytechnikums zwecks Verhinderung weiterer antisemitischer Demonstrationen die jüdischen Hochschüler angewiesen, ihre Plätze auf' der linken Seite des HörsaaleS einzunehmen. Die jüdischen Hochschüler haben gegen diese Anordnung des Senates der Polytechnik Protest eingelegt und erklärt, daß sie bis zum Widerruf dieser Anordnung die Vorlesungen nicht besuchen werden. Hinter de« Kulissen des Goebbels-Films SvbventtonSwirtschast, Korruption, Raffrschwiudel und Olympia-Hoffuung / Daß mit dem Filmschund, der unter Herrn Aoebbels' Diktat im Dritten Reich hergestellt wird. Noch Geschäfte zu machen sind, ist eine überraschende Feststellung,— aber nur für den, der nicht Weitz, tote die Geschäfte aussehen, die bei den Verdienern Nn„erneuerten" und„gereinigten" Deuffchland beliebt sind. Im ganzen genommen, ist der reichsfutsche Film ein Verlustgeschäft, dessen Defizit die Perliner Filmfachpresse vor kurzem selbst mtt fünf Millionen Mark beziffert, waS kein Wunder ist, b>enn man bedenkt, daß die GoebbelS-Fiüne nicht vur im Ausland, sondern auch innerhalb Deuffch» iands immer weniger Publttum finden.(Die »Frankfurter Zeitung" stellte vor kurzem eine geimpfte Bettachtung darüber an, daß sich deuffch« Filme in den Berliner Premierenkino- kaum noch eine Woche halten, während die beiden amerikanischen Filme„Es geschah eines Nachts" und„Der Musterdiener" dort länger als einen Monat liefen.) kber zu gleicher Zeit hat die Ufa in ihrer General- fffammlung«inen Gewinn von 20 0.0 00 Mark auzgewiesen, was sich einfach dadurch erklärt, daß fffe Firma von der Regierung subventtoniert wird, ünd datz es sich dabei nur um den„Gemeinnutz" handelt, ging deutlich aus der Rede des AuffichtS- ratsvorfitzenden Hugenvberg hervor, der sich scharf dagegen wandte, datz etwa die Verwaltungsmitglieder geringere Bezüge als bisher erhalten sollten. Das Filmgeschäst geht schlecht, aber der nattonalsozialistische Staat sorgt dafür, datz es wenigsten- den Filmakttonären nicht schlecht geht. Dafür bringt die deuffche Filmindustrie natürlich der Regierung auch Opfer über Opfer. Sie stellt— außer dem Operettenkiffch, in dem sie die geistige Oede des Regimes in Musik setzt— wuchtige„nationale" Propaganda-Filme her. Die„D e l t«"-Filmgesellschaft hat zum Beispiel vor wenigen Wochen ein großes Filmdrama „Friesennot" hergestellt, das von blutig verfolgten Wolgadeutschen und mädchenschänderischen Bolschewiken berichtet und so plump gegen Sowjetrußland hetzt, datz es der Herr Propagandaminister als„staatspolittsch werwoll" bezeichnete. Künstlerisch(das geht sogar aus den verlegenen Berichten in der gleichgeschalteten Presse hervor) ist der Film daS Gegenteil von werwoll, aber die Ufa war opferfreudig genug, der„Friesennot" ihr größtes Filmtheater, den Berliner Ufa-Palast am Zoo zur Verfügung zu stellen, wo das Monstrum dann vor halbleerem Saale laufen konnte. Wen hätte es auch locken sollen, da eS— von allem anderen abgesehen— auch noch ein Plagiat an dem früheren Ufa-Hetzfilm„Flüchtlinge" darstellte, der i,e» nau das gleiche Thema von den bolschewistischen Mordbrennern und den verfolgten Wolgadeutschen behandelte. DaS Gehirn, dem dieses Plagiat ent sprang. war aber kein gewöhnliches: es war das Httn deS Reichsfilmdramaturgen Willi Krause, des einstigen(fristlos entlassenen) Karikaturenzeichners der Scherl-Presse und späteren „Angriff"-Redatteurs, der heute Goebbels' Bevoll- mächttgter für die„literarische" Leitung der deutschen„Filmkunst" ist. Es ist ein offenes Geheimnis, daß Herr Krause die„Friesennot" mitverfaßt hat und daß er sich diese Mitarbeit an dem von seinem Chef ausgezeichneten Plagiat auch bezahlen ließ. Nur über die Summe schwanken die Angaben. Zwei Berliner Filmregisseure, die Herren Dettmann und Bolvary, haben öffentlich behauptet, datz der Herr Reichsfilmdramaturg nicht weniger als 40.000 Mark an der„Friesennot" verdient habe. Herr Krause hat die beiden daraufhin verklagt. Auch der Vorgänger der„Friesennot", der Ufa-Film„Flüchtlinge", ist seinerzeit von Goebbels mtt lobenden Prädttaten ausgezeichnet worden und hat dennoch ein seltsames Nachspiel gehabt. Sein Hauptdarsteller, Hans AlberS, sollte damals zum„Volksschauspieler" ernannt werden, aber er har diese Ehrung abgelehnt, weil seine Lebensgemeinschaft mit einer.nichtarischen" Schau,vie- lerin ihm selbst nicht ganz im Einklang mtt den Tendenzen des Regimes erschien, dessen Propagandafilme er zieren sollte. Jetzt, nach Erlaß der Nürnberger Gesetze, scheint sich die Gnadensonne ton AlberS endgülttg abzuwenden. Er soll durch Drohung mit dem KonzentrattonSlager zu einer schriftlichen Erklärung gezwungen worden sein, seine „rassenschänderischen" Beziehungen aufzugeben und soll seit den Verhandlungen über diese Erklärung als verdächtig gelten. In einer merkwürdigen Lage befinden sich auch die im Berliner Film noch immer vorhandenen gleichgeschalteten Nichtarier, die den Nürnberger Vorschriften zwar nicht genügen, aber die Verträge mit ihren Firmen weiter abdienen. Es ist zum Beispiel offenes Geheimnis in Berlin, datz auch Herr Wohlbrück, der erst im gleichgeschalteten Film bekannt wurde und jetzt zu den Ufa-Stars gehört, der Arier-Nachweis nicht gelungen ist. Aber er ist nicht der einzige dieser Art, und man kann alle diese Leute nicht rasch genug ersetzen— und so läßt man sie bis zum Tage des. Hinauswurfs weiter spielen. Vielleicht haben sie das Glück, wie die Ausländerinnen Poka N e g r i und Käthe v. Nagy, vom Führer persönlich für Ehren-Arier erklärt zu werden. So sehen also di« Leute aus, die am Defizit des Goebbels-FilmS verdienen: Aktionäre, die Subventionen, Reichsfilmdramaturgen, die Honopare einstecken, und raffenschänderische oder nichtarische Stars, die krampfhaft heitere Miene zum bösen Spiel machen. Aber Herr Goebbels scheint der Meinung zu sein, datz man auch unter diesen Umständen noch einmal ein richtiges Geschäft auf Kosten des Auslandes wird machen können: einen Olympiade-Film, nämlich, bei dem die herbeigc- strömten Teilnehmer aus aller Welt nicht nur als unbezahlte Stattsten, sondern später auch(aus Neugier auf ihr eigenes Aussehen) als zahlende Zuschauer mitwirken werden. Seite 6 »Sozialdemokrat" “•••»♦•* 13. Dezember 1935. Nr. 290 M— Trager Ntunq Verzeichnis der Relationen für Wintersportler im Direktionsbereich Prag Zu den PersonenzugLkatten können Schnell- zugszuschlagkarten gelöst werden- Außerdem fahren: Sportzüge ins Riesengebirge zu 49 KC(dritte Klasse), 65 Kc(2. Klasse).(Grüntal. Rochlitz a. I. Hohenelbe. Ioachimsthal), nach Eisenstein zu 54 Kc, nach Schlackenwerth zu 50 KC, nach Sedlec— Suchomerice—Nhmtzsl 23 KC.— Prag-Wilson: Reichenberg Sch. 63 KL, Poprad Groß 2. Klasse Sch. 221 KC. 3. Klaffe Sch. 166 KC.— Prag-Masa- rnk: Ioachimsthal Sch. bis Schlackenwerth 80 KC, Schmiedeberg Schnellzug bis Komotau und zurück 75 KC.— Prag Wilson: Grüntal Sch. bis Eisenbrod und retour von Dreiheit-Johannesberg über Turnau oder Chlumec. Schnellzug von und nach Trautenmü 63 KC: Freiheit Schnellzug bis und von Chlumec 83 KC. Hohenelbe über Turnau Schnellzug bis Pelsdorf und zurück 78 KC, Hohenelbe Schnellzug bis Chlumec und zurück 70 KC, Eisenstein Schnellzug bis und ab Pilsen 88 KC.— Prag Denis und Wilson: Jablonec über Groh Ossek P. 61 KC, Starkenbach über Chlumec Martinec P. 58 KC, Riesengebirge a) Freiheit, b) Grüntal über Turnau P. 68 KC, Martinec über Chlumec P. 55 KC, Rokitnitz im Adlergebirge über Groh Wosek, Königgrätz P. 68 KC, Reichenau über Castolovice P. 54 KC, nur von Deins: Freiheit über Chlumec P. 68 KC, Hohenelbe über Chlumec P. 58 KC.— Prag Masarhk: Ioachimsthal Aber Schlackenwerth P. 61 KC.—■ Prag Wilson: Ceska Kubice über Pilsen P. 61 KC. Frenstat oder Roznov P. 112 KC. Freiwaldau-Gräfenberg über Lichtenau P. 86 KC, Jablonetz über Tvniste P. 61 KC, Reichen- bcrg oder Grünial über Effenbrod P. 49 KC, Nove Mesto n. M. über Choden P. 61 KC, Rochlitz i. I. über Smidary P. 68 KC, Reichenau bei Gablonz P. 43 KC, Svatonovice über Königgrätz P. 57 KC, Tannwald über Eisenbrod P. 46 KC, Hohenelbe über Chlumec, Neupaka P. 58 KC, Eisenstein P. 74 KC. Beratungsstelle für Personen, welche mit körperlichen Gebrechen behaftet sind(orthopädische Krankheiten, Rückgrat- und Gliederverkrümmungen, Knochen- und Gelenksentzündungen, schlecht verheiltss Brüche, angeborene Entwicklungsfehler) für Unbemittelte an jedem Montag und Donnerstag von 9 bis 11 Ubr im Ambulatorium des Jcdlicka-Jnstituts, Prag-Pankrac, Benesova trida Nr. 13. Frankreich offiziell zur Prager Messe. Wie der Pariser Vertreter der Prager Messe berichtet, wird sich Fraukreich laut Beschluß der interministeriellen Kommission mit einer offiziellen Exposition an der kommenden Prager Frühjahrsmesse, welche vom 8. bis 15. März stattfindet, beteiligen. Die von dieser Exposition in Aussicht genommene Fläche wird großer als in den früheren Jahren sein, da in ihrem Rahmen, eine Reihe französischer Privatfirmen ausstellen wird, welche am tschechoslowakischen Markte interessiert find. Frankreich stellte früher auf der Prager Messe regelmäßig aus, doch entfiel in den letzten Jahren die offizielle Exposition. Jahres- und Halbjahrrs-Eisenvahnkarten. Um einem Andrang in den letzten Dezembertagen zuvor- zukoMmen, macht die Staatsbahndirektton in Präg' darauf aufmerksam, daß die ab 1. Jänner 1935 geltenden Jahres- und Halbjahreskarten bereits in der Ausgabestellte des Masaryk-Bahnhofs in Prag von 8 bis 13 Uhr ausgegeben werden. In der Zeit vom 19. d. M. bis 10. Jänner werden die Jahreskarten täglich von 8 bis 12 und von 14 bis 16 Uhr, am Heiligen Abend, zu Silvester und an Samstag nur von 8 bis 12 Uhr mittags ausgegeben. An Sonntagen und Feiertagen wird nicht amtiert. Die Karten sind auch durch Vermüllung der Station erhältlich. Weihnachtsbächer ^mctesaci l Partieführer als gewalttätiger Sittenpolizist Eine« Arbeiter verkrüppelt. Prag. Der gestern vor dem Schwurgericht-verhandelte Prozeß warf ein Schlaglicht auf die Verhältnisse, unter denen die flowakischen Landarbeiter auf den böhmischen und mährischen Großgrundbesitzen leben und arbeiten. Der Zuzug solcher slowakischer Arbeiter ist ständig beträchtlich, denn sie sind äußerst billige, leistungsfähige und anspruchslose Arbeitskräfte und nehmen mit einer Verköstigung und Unterbringung vorlieb, die hgpfig jeder Beschreibung spottet. Der Verbindungsmann zwischen dem Arbeitgeber und den Arbeitern, die meist in geschloffenen Transpotten eintreffen, bildet der Parti eführer(Partäk), der die Leute anwirbt, den Transpott leitet und oft als eine Art Aufseher oder Kommandant bei seiner Kolonne bleibt, bis sie sich auflöst oder nach beendeter Saisonarbeit in die Heimat zurückkehtt. Ein solcher Kommandant— und zwar ein offenbar sehr grober und brutaler— ist auch dieser Cyrill Kaliänek, der einen Trupp siowakischer Landarbeiter auf ein Gut im Dorf M st ö t i c e ge- fühtt hatte. Auf diesem Gut waren Männer und Frauen gesondert untergebracht. Am 13. Oktober um 11 Uhr nachts machte nun wieder einmal der Pattieführer Kaliänek—. bezeichnend!— einen .Znfpektionsg nn g" durch den Schlafraum der Frauen. Wie er später angab, aus„moralischen" Gründen. Denn der gestrenge Aufseher hatte gehört, daß der Arbeiter Jan Kubinec sich nachts öfters zu seiner Ge-' liebten Anna Bodinkovä in den Schlafraum der Frauen schleiche und mit ihr die Nacht verbringe. MU welchem Recht sich Kaliänek zum Sittenpolizisten aufwarf, konnte er selbst nicht sagen. Es mag sein, daß dabei der Umstand eink Rolle spielte,^ daß er vorher mit zwei Kumpanen drei halbe Liter ordinären Schnaps ausgesoffen hatte. An jenem Abend traf er nun tatsächlich den Kubinec bei der Anna Bodinkovä an und schlug einen Riesenkrach. Zunächst zerrte er den Kubinec am Fuß aus dem Bett und befahl ihm, sich anzuziehen. An unsere Abonnenten und Genossen! Wir werden wie im Vorjahre die Neujahrs-Enthebungen ’ in unserem Blatt veröffentlichen, wodurch den Genossen die mit den Neujahrsgratulationen verbundenen erheblichen Unkosten erspart bleiben. Die Enthebung kostet K<$ 10*— und wird nach Orten geordnet, lediglich Namen und Beruf enthalten. Wir ersuchen alle Abonnenten die tieferstehende Enthebungsbestellung freundlichst auszufüllen und umgehend an uns einzusenden. Die Bestellungen müssen bis spätestens 18. Dezember bei uns einlangen. Die Verwaltung. 1 Leserlich ausfüllen! Neujahrs-Enthebung für„Sozialdemokrat** Ich bestelle hiemit unter dem Namen: Beruf: Ort: eine Neujahrsenthebung zum Betrage von Kc 10.— und sende ihnen diesen Betrag per Erlagschein ein. Unterschrift: Und während Kubinec sich die Schuhe anzog, stieß f er i h m ohne Ursache von hinten! ein Messer in den Kopf. Der Sttch durchbohrte den Schädelknochen und verletzte das Gehirn. Kubinec wurde zwar vor dem Tode gerettet, wird aber sein Lebtag auf der linken Seite gelähmt bleiben. Schwere Körperverletzung mit bleibenden Folgen gehört vor das Schwurgericht, vor dem Cyrill Kaliänek gestern erschien. Die Verhandlung zog sich sehr in die Länge, da, ttotz des eindeutigen Sachverhaltes, ziemlich viele Zeugen einzuvernehmen waren. Nachdem die Geschworenen Kaliänek mit acht Sttmmen schuldig erkannt hatten, würde er zu zwei Jahren schweren Kerkers verutteilt. Die Verhandlung ergab u. a., daß Kaliänek auf Kubinec seit längerer Zeit schlecht zu sprechen war, und zwar hauptsächlich deshalb, weil diesem das Effen, das Kaliänek in eigener Regie für seine Arbeiter kochte(wobei sich allerlei unter der Hand verdienen läßt), nicht schmecken wollte, rb. Advokat als Betrüger Todes- und Bermögensopfer Prag. Donnerstag nahm auf der Anklagebank vor dem Senat N o s e k ein Mann mit akademischem Titel Platz. Die Anklage lautete auf das Verbrechen der Veruntreuung, des Betruges und des Vergehens der verschuldeten Krida. Dieser Dr. Viktor K e y i, ein gewesener Advokat, ist in krimineller Hinsichi^kei« unbeschriebenes Blatt. Vor fünf Jahren wurde erinLeitmerih ebenfalls wegen Veruntreuungen zu acht Monaten Kerker verurteilt und die Advokatenkammer entzog ihm am 17. Dezember 1931 die Befugnis zur Ausübung der Advokatur. Das strafgerichtliche Urteil wurde offenbar bedingt ausgesprochen, denn der Angeklagte führt heute noch den Doktortitel! Dieses Faktum hat vermutlich hazu beigetragen, neue Opfer in die Fallstricke des Be- trügers zu locken, die dessen kriminelle Vergangenheit nicht kannten und den akademischen Titel als Bürgschaft für die Solidität des Mannes nahmen, dem sie ihr Geld anvertrauten. Dr. Kehr inserierte in der„Rar. Politika" und stellte großartige Kapitalsanlagen in Aussicht, die neben-hoher Verzinsung auch noch eine gute Existenz verschaffen sollten. Es meldete sich ein gewisses Fräulein, das Vermögen hatte und für ihren stellenlosen Bräutigam einen Posten suchte. Diese war bereit, dem Dr. Keyr 100.000 KC zur Verfügung zu stellen, wogegen dieser versprach, ihren Bräutigam.in seinein Betriebe" eine Beamtenstelle zu beschaffen. Dr. Kehr hat nun zwar in Brandeis eine Viva und Gärtnerei, aber keineswegs eisten„Betrieb", in welchem Beamtenposten zu besetzen wären. Ms dieser Schwindel aüfflog, meldeten sich weitere Geschädigte und der Gesamtschaden beläuft sich auf 104.000 KC. Bemerkenswert ist. daß der Vertrag mit der jungen Dame in der Advokatenkanzlei des Dr. Robert Vavra in der National st raße abgeschlossen wurde, denn in dieser Kanzlei wurden, wie wir vom Kreisgerichte her wissen, schon mehrere ähnliche Kontrakte geschlossen, die mit einem Sträfber- fahren endeten. Gegen den Bruder des Dr. Vavra, der im gleichen Hause eine Realitätenkanzlei betreibt, schwebt übrigens wegen ähnlicher Sachen ein Strafverfahren beim hiesigen Kreisgettcht. Der Pri^eß gegen Dr. Kehr mußte vertagt werden. Zur Charakterisierung der Methoden des Dr. Kehr muß daran erinnett werden, daß seinen betrügerischen Machinationen seinerzeit zwei Menschenleben zum Opfer gefallen sind. Ein junger Mensch e r s ch o ß s i ch, nachdem ihn Dr. Kehr um sein ganzes Vermögen gebracht batte und die Mutter des Selbstmörders starb auf die Todesbotschaft hin an Herzschlag. rb. Kunst und Wissen „Fidelio", Beethovens Meisteroper, wurde vorgestern^ im Prager Deutschen Theater nach längerer Pause wieder aufgeführt. Opernches Prof. Georg S z i 11 dirigierte das Werk; mit musikalischer'Genauigkeit und Sorgfalt, ausdrucksvoll im Stil, dynamisch wirkungsvoll aufgebaut und rhythmisch mit entsprechender Hervorhebung der Steigerungen. Nur die Gefühlsintensität hätte da und dott noch stärker sein können(Canon-Quartett, Gefangenen-Chor, Kerkerszene). Der musikalische Höhepunkt des Opernabends war die fttlvollkommen und mit großem Elan während der Verwandlung des zweiten Aktes gespielt^ Leonoren-Ouvertüre Nr. 3. Als Fidelio(Leonore) sah und hötte man zum ersten Male Frl. Hilde K o n e tz n i, die hoffnungsvolle jugendlich- dramattsche Sängettn unseres Opernensembles. Sie hat darstellerisch und gesanglich die in sie gesetzten Erwartungen erfüllt. Noch fehlt ihr zwar die enffprechende Ruhe und Abge- klättheit des Gesangstones, die für den heroischen Charakter der Leonoren-Partte unerläßlich ist, und auch im Ausgleich der Stimmregister wird die Mittellage und Tiefe gegenüber der glanzvollen Höhe noch an Volumen und Farbe gewinnen müssen,— aber in der Gesamtheit bot die Sängettn eine künstlerische Leistung, die gesanglich ihre außerordentlichen stimmlichen Qualitäten und Quantitäten eindrucksvollst offenbatte und sie auch als höchst intelligente und ausdrucksstarke Darstellettn zeigte. Die Marzelline sang Fr. Hetta Rahn; sehr schön im Ton, von anmutiger Fröhlichkeit'in der Darstellung. Fischers bekannt guter Florestan, S ch e i d l s faszinierender Pizarro. Göllnitz' munterer Jaquino und Andersens gut gemeinter Rocco ergänzten das erneuette„Fidelio"-Ensemble. Für Frl. Konetzni, Herrn Szkll und sein braves Orchester gab es begeistetten Beifall. E. I. Arieitrrvorstellung„Kameraden", eine mit großem Erfolg aufgenommene Komödie von Strind- berg, am Sonntag, dem 15. Dezember, um halb 3 Uhr. Karten täglich 8 bis 2, 4 bis 6) bei Optiker Deutsch, Koruna. Die Gesellschaft für Musikerziehung(Vorsitzender Minister Dr. Kamst Krosta) veranstaltet vom 4 bis 9. April 1936 in Prag einen musikpäda- gogischen Kongreß. Referate haben bst beute außer unseren Universitätsprofessoren Dr. N e j e d l h, Dr. H e l f e r t und Dr. O r e l, dem Komponisten Alois Häba und Pros. Kestenberg folgende hervorragende Testnehmer aus dem Auslande zugesagt: Jaques- Dal c r o z e, der berühmte Jnstiawr moderner Musikerziehung, kommt mit einer Gruppe seiner besten Schüler nach Prag, um hier seine neueste Unterrichtsmethode vorzuführen. Prof. Edward D e n t aus Cambttdge. Vorsitzender der Inta- nationalen Gesellschaft Neuer Musst,"wird über Musikerzrehung in England sprechen(mit Vorführungen).Roger-Ducasse, Generalinspektor für Gesang aller Pariser Schulen, und I. Chantavoine, Generalsekretär des Pattser Konservatoriums. Die Kleine Entente wird durch Prof. B r e a z u l bettreten sein, der Inspektor der Musikerziehung in Rumänien ist und Verdienste als Konservator der Volkskunst und als Direkwr der folkloristischen Sammlungen in Bukarest erworben hat. Weiter durch Prof. Dr. MilojeviC aui Belgrad, dessen Vortrag der Kinderchor„SlavCef aus Trbovlje durch praktische Beispiele illustriere» wird. Aus Oesterreich kommt der moderne Komponist ErnstKkenek und wird eine Diskussion„Was erwarten die zeitgenössischen Komponisten von der Musikerziehung" eröffnen. Auch das„Narodnvi komiffariat po prosvesCeniju" aus Moskau meldet offiziell, daß es seinen Referenten zum Kongreß senden wird. Spielplan des Neue» Deutschen Theaters. Freit»» halb 8: Der lächerliche Sir Anthony, T 1.— SamStag, halb 8: Macbeth, C1. Spielplan der Klemen Bühne. Freitag, 8: W o z- z e k, Kulturverbandsfreunde und freier Verkauf.— Samstag, 8: Anna sagt nein. Der Df«n Die Schatzinsel Ueber diese amerikanische Verfilmung deS Ste- vensonschen Abenteuerromans für lesende Knaben ist nichts weiter zu sagen, als daß sie alles wiederbelebt hat, was im Original spannend und aufte« gend, gruselig und heiter, phantastisch und rührend war. Schon mit den ersten Szenen im Gasthaus dec Frau Hawkins, in dem der geheimnisvolle Kapitän einen rätselhaften Tod stirbt, ist die richttge Stimmung geschaffen, und wer fähig ist, sich von ihr gefangen nehmen zu lassen, wird die dann folgende Geschichte von den getarnten Seeräubern, der Segelfahrt in die Südsee, dem wilden Kampf um de» Schatz des verstorbenen Kapitäns Flint und der Rettung des einbeinigen Piratenführers durch de» kleinen Helden, der ein Herz auch für den Feind hat. mit wacher Anteilnahme verfolgen. Vielleicht wirb ein bißchen zuviel geredet bei all diesen Abenteuers — aber sonst sind sie(unter Victor Flemings Regie) tadellos verfilmt worden, und' der beste männliche Kinderdarsteller von Hollywood,- Jackie Cooper, wetteifett mit dem unvergleichliche» Wallace B e e r y bei der Darstellung der Hauptgestalten. Ihre Abschiedsszene ist nicht nur rührend; sondern sehenswert geworden. Allerdings: das Publikum, für das dieser Film hergestellt wurde, darf ihn bei uns nicht sehen- Die Zensur hat ihn für Jugendliche verboten, wahrscheinlich, weil es in diesem Filr. viele Leiche» gibt und weil die Zuneigung des Keinen Jim s» dem grausamen und> wschlagenen Seeräuber Silvtt moralisch bedenklich erscheint. Es läßt sich gewiß nicht leugnen, daß die„Schatzinsel" keine vorbildlich erzieherische Geschichte ist, aber noch weniger läßt sich leugnen, daß sie bei der Jugend, gerade weil sie jenseits von Gut und Böse steht, beliebter ist als moralisierende Er-ählungen.—eis— 3Cindec= fcautde Kinderfreunde Prag. Ausschußsitzung nicht Freitag, sondern Montag im Parteiheim. 'üereinsnucftricftten Olympiade im 3. Reich? ist das Thema eines Meetings mit anschließender Diskussion, das del Bert Brecht-Club heute um 8 Uhr abends im große» Saal des Gewerkschastshauses, Prag II., A» Peksttzne, veranstaltet. 3093 Mitteilungen aus dem Publikum. Wenn daS Quecksilber sinkt... wenn? immer käller und kälter wird, dann stellen sich anm Schnupfen, Gttppe, Rheumatismus und all dies« Erscheinungen der rauhen Jahreszeit ein.— mit ihnen. Ein gestählter Körper kann ihnen leicht widerstehen und regelmäßige Einreibungen mit dem Franzbranntwein Mpa stählen den Körper wie ntt etwas. Fragen Sie Ihren Arzt! Urania-Kino, Klimentsha 4. Fernsprecher 61828. „Siruensee“ Die Liebe der Königin Karoltne. Bezugsbedingungen: Bei Zustellung ins Haus oder bei Bezug durch die Post monatlich KC 16.—, vierteljährig KC 48.—, halbjährig KC 96.—, ganzjährig KC 192.—.— Inserate werden laut Tarif billigst berechnet. Bei öfteren Einschaltungen Preisnachlaß.— Rückstellung von Manuskripten erfolgt nur bei Einsendung der Retourmarken.— Die Zeitungsftankatur wurde von der Post- uyü Tele- graphendirektiou mit Erlab Nr. 13.800/VII/1930 bewilligt.— Druckerei:.F)rbis". Druck«. Verlags« und Zestungs-A.-G.. Prag.