Sonntag, 22. Dezember 1935 Nr. 298 15. Jahrgang Ehml*refs70lfonir (•InichlleBlich S Heller Ferte). DEmUTTCHnfioZlÄLDEMOKRATISCHEH ARBEITERPARTEI IN PER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TXGLICH FRÜH. REDAKTION und Verwaltung mag XU.. FOCHOVA 62. Telefon 59077. HEI AUSGEBER: SIEGFRIED TAUB. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR: DR. EMIL STRAUSS, FRAG. Passive Resistenz der Bauern Die Gestapo wird mobilisiert Berlin.(Tsch. P. B.) Zahlreiche Bauern beireiten eine passive Resistenz gegen die Regierungsverordnung über die Ablieferung der Milch in die Molkereien zwecks Erzeugung von Butter und Käse. Minister G ö r i n g hat die Geheime Staatspolizei bcaufttagt, gegen diese Banernschaftscharfeinzuschreiten. Ein Bauer wurde verhaftet, angeblich, um den übrigen ein warnendes Beispiel zu geben. Deutschland führt Fetticarten ein Die»Prager Presse" meldet auS Berlin; Freitag wurden in Berlin die schon seit langem erwarteten Fettkarten eingefühtt. Sie sind von derFleischerinnung Berlin ausgestrLt. Die Kunden müssen, bevor sie die Karten auöge- folgt erhalten, eine schriftliche Erklärung abgeb-n, in der sie sich verpflichten, ihren Fettbedarf nur bei einem eiirzigen Fleischer z« decken. Etnzel- personen erhalten von nun ab wöchentlich»in Viertelpfund» ein« vierköpfige Familie dreiviertel Pfund Fett. Reumütige nudihclir zur Politik der Sanktionen Befriedigende Zusicherungen der Flittelmeerstaaten L o n d o n. In London wurde nunmehr offiziell brkanntgegeben, daß am 8. Dezember die kompetenten diplomatischen Bertteter Englands bei den im Mittrlmeer interessierten Staaten, d. i. bei der T L r k e i, I« g o s l a w i en, Griechenland nnd Spanien, Demarchen unternommen haben, um sich ihres Versprechens zu versichern, daß sie mit allen Seestreitkräften der englischen Flotte augenblicklich zu Hilfe eilen würden» falls diese von der italienischen Flotte im Gefolge einer strengen Durchführung der Sanktionen überfallen werden sollte. Es wird hinzugefügt, daß die britischen diplomatischen Vertreter eine befriedigende Antwort erhalten haben. ES sei anzunehmen, daß rin Austausch der Ansichten werde fortgesetzt werden, um die Wirksamkeit der getroffenen Maßnahmen sowohl auf der eine», wie auf der anderen Seite zu erhöhen, damit es möglich wäre, unverzüglich r inzugreife«, falls es zu irgendeinem unerwarteten Angriff auf die im Mittelmter konzentrierte britische Flotte kommen sollte. Rumänien wurde von diesen Demar chen benachrichtigt, wie dies auS seiner Stellung alS Signatar des Balkanpaktes hervorgeht. Rom bleibt siegesgewiß Rom. Dem amtlichen Bericht zufolge, bat der Große Rat am Freitag abends in dreistündiger Sitzung die politische Lage geprüft, die nach der britischen Verwerfung der Pariser Vorschläge eiltstanden ist.' Es wurde eine Resolution angenommen, in der erklärt.wird, daß im Gegensatz zu der Westorientierung und den offenen „auf das klarste betonen, daß der ganze Staat I Differenzen in dem Lager der die Sanktionen und ich der von Masaryk begründeten Tradi- durchführenden Länder das italienische Volk u n* sion sowohl in der inneren als auch in der erschütterlich einig bleibe in der festen Außenpolitik»reue bleiben wollen." j Verteidigung seiner Rechte und durch das Geld- Huldigung der Prager Bevölkerung Prag. Die pqn der Legionärgemeinde angeregte Huldigung der Prager Bevölkerung für de« neue« Präsidenten der Republik nahm einen würdige« Verlaus. Der Umzug wurde vom Primator Dr. B a x a in einer von zwei Schimmeln gezogenen Festkutsche eröffnet. Es folgten die Mitglieder des Stadtrates, das Präsidium der Legionärgemeinde, Legionäre in Uniform, Ratio- nalgarde, Feuerwehr, die Prager Gemeindeangestellten, Skauts, Eisenbahner und Postler, sowie «in« große VoUSmenge und Angehörige verschiedener politischer Parteien. Auf dem Wege zur Burg bildete die Bevölkerung dichtes Spalier. Als die Spitze des Zuges im dritten Burghof eingetroffen war, wurde eine Deputation zum Präsidenten entsendet. Präsident Dr. Benes sagte der Deputation u. a.: I« diesen Tagen hat daS Ausland gut und sehr sorgfältig auf unS geschaut. Wir können froh sein, daß wir uns doch nur bewährt und die Wahl einheitlich durchgeführt haben, obwohl wir uns zu dieser Einheit wenn nicht durchkämpfen, so doch durchdisputieren mutzten. Er sei sich dessen bewußt, daß er Präsident Aller— aller politischen Parteien, aller Klassen und aller Rationalitä- trn— sei» und werde darnach handeln. Nach dem Empfang der Deputation betrat Präsident Benes mit seiner Begleitung und den Mitgliedern der Deputation den festlich geschmückten und erleuchteten Balkon auf dem dritten Burghof. Die Manifestanten zogen dann fast eine Dreiviertelstunde an dem Präsidenten vorbei und begrüßten begeistert den Präsidenten, der die Grüße erwiderte. Diplomatenempfang auf der Burs Prag. Die Mitglieder des Prager diploma tischen Korps stellten sich Samstag mittags im SSM?.: wartet hat, welchen Standpunkt rS in dem Falle, daß die britische Kriegsflotte angegriffen würde, einnrhmen würde, eigentlich nicht mehr betrifft. Schatzkanzler Chamberlain erklärte am Freitag in Birmingham zu den Pariser Friedenovorschlägen: „Diese Vorschläge sind«unmehr tot. Sie sind ganz und gar tot und wurden in Genf bereits begraben. Sie werden niemals mehr zum Leben erweckt werden, und für den gegenwärtigen Augenblick glaube ich, daß alle DersLhnungsversuche im italienisch-abessinischen Konflikt als z w e ck- l o s angesehen werden müßen. Wir müssen daher zur Politik der Sanktionen zurück- kehren und ich hoffe, die Mitglieder des Völkerbundes werden beweisen, daß sie bereit sind, alle Maßnahmen zu treffen, um sich wirksam gegen einen jeden Angriff gegen irgendeinen aus ihren Reihen zu stellen. Ich bin überzeugt, mich darin nicht zu irren." Paris. Wie das Blatt„L'Oeuvrr" erfährt, steht das britische Kabinett dem Plane günstig gegenüber, eine außerordentliche Sitzung des VölkerbundSrates einzuberufen, bei welcher die Frage der gegenseitigen Hilfeleistung eine öffentliche Zustimmung erhalten würde. Diese Ratssitzung könnte etwa um den 10. Jänner stattfinden und würde dazu dienen, um die m o- ralischen Kräfte aufzuweisen, mit welchen der Völkerbund im gegebenen Falle dem Staate entgegentreten könnte, der als Angreifer erklärt würde. SEs wäre dies eine Art moralischen Druckes auf die italienische Regierung, um sie zur Bereitwilligkeit zu veranlassen, zu verhandeln oder wenigstens die europäische Ordnung nicht zu stören. Paris verweist aut seine frühere Antwort Paris. Die französischen amtlichen Stellen haben bisher zu den diplomatischen Interventionen der britischen Regierung bei den Mittelmeerstaaten noch nicht Stellung genommen.- Es wird erklärt, daß es sich am keine neue Angelegenheit handelt und daß dies I Frankreich, daS in seinen Roten vom Oktober i Großbritannien positiv und klar geant- denten»er Republik vor. Insgesamt hatten sich 00 Diplomaten eingefunden. Präsident Dr. 1 Benes erschien in Begleitung des Ministerpräsidenten und Außenministers Dr. Hodja, des Kanzlers Dr. Samäl, des Generals Bläha und des Gesandten Strimpl. Der apostolische Nuntius als Doyen verdolmetscht« die Glückwünsche des diplomatischen Korps, worauf Präsident Dr. Benes dankte und daran erinnerte, daß er 17 Jahre lang nahezu täglich mit den Mitgliedern des diplomatischen KvrpS zusammengearbeitet habe. Er will Plebiszit einen imposanten Beweis seines Willen? zum Widerstand und zum Siege gebe. Die nächste Sitzung des Großen faschistischen 'Rates findet am 18. Jänner 1936 statt. Itaiieniscke Verstärkungen nach Libyen Dreimal so stark als die Engländer in Aegypten London.„Daily Telegraph" meldet: Nachrichten aus Italien zufolge werde zurzeit die baldige Entsendung einer weiteren mechanisierten Division nach B a n g- h a s i an der Libyschen Küste vorbereitet. Di« augenblickliche genaue Stärke der italienischen Stteitkräfte in Libyen sei schwer zu berechnen. Die Hauptmasse der italienischen Streitkräfte sei längs der ägyptische» Grenze versammelt und man sage, daß sie ungefähr dreimal jo sta r k sei wie dir gesamten britischen Streitkräfte in Aegypten. ein Friedensplan des Nesus? Paris. Dem„New Mark Herald" zufolge habe der Negüs bereits vor drei Monaten einen Versöhnungsplan zur Regelung des italienisch- abessinischen Konfliktes ausgearbeitet und wart« das Ersuchen der Großmächte ab, auch feine Ansicht auszusprechen. Nach diesem Plan würde Italien im Norden Abessiniens die Zone zwischen Adua und Adigrat bis zu Makale ohne die Heilige Stadt Alsum, im Süden Abessinien? einen Teil des Ogaden-Gehieteü erhalten. Abessinien Würde auch einem Mandat des Völkerbundes zu- stimmen. Italien hätte jedoch dabei kein Bor« zugsregime. 8lr Samuel Hoare, der zur Rettung des Kabinetts Baldwin geopfert wurde Präsidentenwahlen Von Friedrich Stampfer Alle Freunde der Freiheit in Europa können sich dazu beglückwünschen, das Dr. Eduard Benes zum Präsidenten der Tschechoslowakischen Republik gewählt worden ist. Es hat Augenblicke des Zweifels und der Sorge gegeben. Mit desto größerer Befriedigung sah man dann aber das tschechische Volk den Weg der Demokratie fest und ruhig weiterschreiten. Wäre Reid nicht etwas sehr Unvernünftiges— als Deutscher könnte man neidisch werden. Die Tschechen haben mit sicherem Instinkt erfaßt, was sehr vielen Deutschen noch nicht aufgegangen ist: nämlich daß an die Spitze einer Republik nur ein zuverlässiger Republikaner gehört und daß man mit dem höchsten polttischen Amt nur einen Mann betrauen darf, der politisches Wissen, politische Erfahrung und politi- schen Charakter besitzt. Hätten die Deutschen allgemein diese einfache Wahrheit begriffen, so wären sie heute noch freie Menschen. Weil sie es nicht konnten, sind sie jetzt wehrlose Gefangene, einer Räuberbande. Nach den Proben politischer Begabung, die die Tschechen bisher abgelegt haben, kann man ihnen wohl zutrauen, daß sie auch in direkter Volkswahl den richtigen Mann gefunden haben würden. Dennoch ist es besser, daß die Verfassung der Tschechoslowakischen Republik solche Experimente nicht kennte In Deutschland hat nur eine vernünftige Präsidentenwahlstattgefunden. DaS war di« EbertS durch die Nationalversammlung, im Jahre ISIS. In einer BoltSwahl wäre Ebert kaum durchgekommen, denn die Mehrheit deS Volkcs war noch nicht sozialistisch, die bürgerlichen Wähler aber waren auch nicht mit zehn Pferden für einen„Roten" an die Urne zu bringen. Auf ähnliche Schwierigkeiten stieß anS Gründen des furor protestantieuS ein katholischer ZentrumSmann. Für einen aufrichtigen Republikaner waren bei einer Volkswahl die Aussichten ungünstig. Wenn trotzdem die Volkswahl beschlossen und in die Verfassung ausgenommen wurde, so lag daS an dem doktrinären Eifer, mit dem der demokratische Innenminister Hugo P r e u ß diese seine Lieblingsidee verteidigte, und an der Entschiedenheit, mit der die Rechte ihn dabei unterstützte. Obwohl sie schon damals reichlich antisemitisch war, scheute sie sich gar nicht, daS Gottesgeschenk des Plebiszits aus den Händen eines »Juden entgegenzunehmen. In oer Weimarer Koalition gab es Bestrebungen, den Fehler wieder zntzumachen. Die Rechte erfuhr vorzeitig von ihnen, und sie— oder ihr radikaler Flügel— schlug los. So elend der Kapp-Putsch auch sonst zusammenkracht,, er hat zwei politisch« Erfolge gehabt, die für Deutschland verhängnisvoll wurden: Bayern wurde daS reaktionäre Nährland der Hitlcrci, und von'einer Abschaffung der gefährlichen Wahl des Reichspräsidenten durch das Volk war fortan nicht mehr die Rede. Sehr bald stellte sich heraus, daß das deutsche Bürgertum und seine Mitläufer mit dem Recht der Volkswahl nichts Vernünftiges anzufangen wußten. Statt Umschau zu halten nach politisch erfahrenen Männern, die das Staatsschiff im Sturm zi. lenken verstanden, suchten sie einen Führer und Retter, der mit übermenschlichen Eigenschaften ausgestattet war und Wunder vollbringen konnte. Während in den ersten Friedensjahren der Staat verfiel, machte die „Wirtschaft" an der Inflation Bombengeschäfte. Also schrieb man den„Jndustrieherzögen" die mystischen Eigenschaften zu, die man vordem den Dynastien angedichtet hatte, svaß die erfolgreichen Wirtschaftsführrr zumeist genau dieselben poli- tischen Wickelkinder waren wie ihre Anbeter, sah man nicht. So konnte ein C u n o als Kanzler möglich werden, der den Ruhrkrieg begann und verlor. Später, als die Geschäfte schlechter gingen, wandte sich der Heilandglaube wieder den Soldaten zu. S t r e s e m a n n rang über die Kandidatur Hindenburgs die Hände. Er konnte sie nicht verhindern, und damit brach— eigentlich schon 1925— das Unheil herein. Freund und Feind erwarteten von dieser Wahl entscheidende Ereignisse; daß sie jahrelang auö- blieben, war für alle eine große Ueberraschnng. Ter Grund lag darin, daß- sich Deutschland Seite 2 Sonntag, 22. Dezember 1935 «r. 298 An alle Kolporteure und Abonnenten! Anläßlich der Weihnachtsfeiertage wird unser Blatt früher gedruckt, so daß die Nummer vom Mittwoch, den 25. Dezember, bereits um acht Ahr früh i« allen Orten ist. Die Donnerstagnummer vom 26. Dezember und die Freitagausgabe vom 27. Dezember entfällt, so daß die nächste Ausgabe erst am Samstag, dem 28. Dezember erscheint. außenpolitisch und wirtschaftlich auf einer aufsteigenden Linie bewegte. Da war kein Anlaß zu Aktivität für einen bequemen alten Mann, der sich seiner politischen Hilflosigkeit bewußt war. Dann aber kam die wirtschaftliche und die politische Krise. Im Frühjahr 1930 brach die letzte parlamentarische Regierungsmehrheit, die Große Koalition Hermann Müllers zusammen. Ein Ereignis solcher Art ist für einen Staat der parlamentarischen Demokratie, besonders einer jungen, immer lebensgefährlich. Hört das Parlament auf, regierungsfähig zu sein, so liegt bei dem anderen Hauptfakwr der Verfassung, dem Präsidenten, die ganze Last der Verantwortlichkeit. Ein republikanischer Politiker vom Format an Hindenburgs Stelle hätte die Demokratie noch retten können. Hindenburg konnte eS nicht, selbst wenn er eS wollte. So ergab sich zwei Jahre später eine geradezu tollhäuslerische Situation. Die unpolitischen Massen, die ursprünglich Hindenburgs Wähler gewesen waren, sanken in ihrer Verzweiflung auf die letzte Stufe des politischen Aberglaubens hinab und erwählten den Propheten des stupidesten Fanatismus zu ihrem Heiland und Retter. Um Hitler nicht Präsident werden zu lassen, mußten die Revuhlikaner sich hinter Hindenburg zurückziehen. Im Schutze dieser monarchistischen Ruine verteidigten sie die Republik. . Daß es so kam, war keineswegs nur ein toller Zufall, es war vielmehr eine Auswirkung des Systems selbst. Die Republikaner verfügten natürlich an sich über unzählige Männer, die für das Amt des Präsidenten bessere Eigenschaften mitbrachten als diese beiden Bewerber, aber über keinen einzigen, der ihnen an Volkstümlichkeit auch nur einigermaßen gleichkam.* Idole für die Massen zu züchten entspricht nicht dem Wesen der Demokratie, am allerwenigsten dem Wesen der deutschen Arbeiterbewegung. Ein Gegen- Hitler, der gebrüllten Unsing mit noch lauter gebrüllteiy-ftnsmn beantwortete und dafür als Halbgott verehrt wird, ist ein Widerspruch in sich. Da war der alte Marschall immer noch besser. Di« Republikaner stießen also zu Hindenburg, und mit ihrer Hilfe siegte Hindenburg über Hitler— um ein paar Monate später box ihm zu kapitulieren. Nach seinem Tode veranstaltete Hitler eine Plebiszitkomödie; er ließ sich in einem Amt bestätigen, das er faktisch schon an sich gerissen hatte. Damit war bis auf den letzten I- Punkt eingetroffen, was die Gegner der Volkswahl vorausgesagt hatten: aus der„vollkommensten Demokratie" war im dialektischen Umschlag die vollkommenste Despotie der Welt geworden. Seitdem sind Worte wie„Freiheit",„Gerechtigkeit",„Menschlichkeit"— Worte, die man in der Tschechoslowakei im Zusammenhang mit der Präsidentenwahl, mit MasarYk und Benes immer wieder gehört hat— für Deutschland Worte ohne Sinn und Inhalt oder bestenfalls Klänge aus einer längst vergangenen Zeit. So tief kann ein Volk ins Unglück geraten, das nicht imstande ist, sich ein würdiges Oberhaupt zu geben. Um so mehr darf man das tschechische Volk dazu beglückwünschen, daß es die Demokratie als faktische Auslese der Besten verstanden und dementsprechend gehandelt hat. Für uns aber ist es immerhin Trost und Genugtuung, daß Deutsche, wie die deutschen Sozialdemokraten dieses Landes, dabei mitgeholfen haben. Wir brauchen also das Privileg einer vernünftigen Politik nicht ganz den Tschechen zu überlassen; ein Stückchen davon gehört auch uns. Eines Tages wird auch Deutschland lernen, was die Tschechoslowakei schon kann. Viel Glück! Herr Köhler hat in Brüx gesagt: Innerhalb eines Jahres wird die Regierung marxistenrein fein. Ich wünsche den Herren von der SdP dazu sehr viel Glück, aber sic werde« wahrscheinlich dach blaß noch ein Tier mehr in dem sudetendeutschm Tiergarten abgeben müssen nach KrebS, Hnmmer, Wolf nnd Geyer. All diese Herren such schon lange als politische Mumien ins Panoptikum gekommen und der Marxismus lebt und wird leben! Zum Schluffe noch ein Wort zur Olympiade in Deutschland: Der deutsche Turnverband organisiert eine große Reise zur Olympiade nach Berlin. Wir sehen in diesen olympischen Spielen lediglich eine gewaltige, mit Millionen gespeiste Propaganda des deutschen Ratio n-a lsözialismuS, eine Demonstration des Faschismus und wir verwahren uns dagegen, daß aus Staatsmitteln auch nur ein Heller für diese Olympiade ausgegeben wird. Tschechoslowakische Staatsgelder find keineswegs dazu da, um die nationalsozialistische Hitler- propaganda zu stärken. Draußen hat man alle Arbeitersportplätze konfisziert, die Arbeitersportler aufgelöst. Aber gestern hat hier ein Herr von„Kraft d u r ch Fr e u d c" gesprochen..Flraft durch Freude" gibt es, wenn es eine Demokratie, eine Selbstbestimmung gibt, nichr aber in einem Lande, in dem Brudermord und Unterdrückung herrscht!(Lebhafter Bci- all auch auf der tschechischen Linken.) *** Prag. Der Senat nahm am Samstag vormittags»ach dem Schlußwort des Referenten Zeman zunächst das Budget für 1936 unverändert an, ebenso die im Ausschußbericht angeführten Resolutionen. Die von oppositioneller Seite ein- grbrachten Resolutionen wurden dem Budgetaus- schuß zugewiesen. Gleichzeitig wurde auch das Expoft des Finanzministers zur Kenntnis genommen. Das Haus erledigte dann zum Teil debattelos, zum Teil mit ein bis zwei kurzen Reden pro Vorlage folgende Gesetzentwürfe finanziellen Charakters: Abzüge von den Diäten der Parlamentarier, Abgaben von Amtshandlungen, Zuschläge zur Einkommen- und Tantiemensteuer, Gerichtsgebühren, Umsatz und Luxussteuer sowie die Zuschläge hiezu. Von der Opposition protestierten ein Kommunist und ein Henleinmann mehr pro forma gegen die etwas sehr eilige Behandlung dieser Vorlagen; im Grunde genoinmen waren auch sie froh, endlich in die Weihnachtsferien gehen zu können. Am Schluß der Sitzung wurde in Gegenwart der Regierung das Gesetz Lher die Ehrung T, G. MasarykS in feierlicher Weise und ebenfalls einmütig angenommen. Die Refarate erstatteten die Senatoren Dr. Milota und Dr. Karas. Der Vorsitzende Dr. Soukup hielt abschließend eine Rede, in der er einen Rückblick auf die Ereignisse des ablaufenden Jahres und vor allem der letzten Wochen gab und die Tage des 14. und 18. Dezember als Manifestationstage der Einheit und Stabilität der Tschechoslowakei feierte.„Wir versprechen dem neuen Staatsoberhaupt", schloß Soukup unter starkem Beifall des Senats seine Rede,„mit ihm die gleichen Wege wie bisher zu gehen, und senden ihm alle aufrichtige und ergebene Grüße."— Dr. Soukup wurde zu dieser Rede vom Ministerpräsidenten und den übrigen Mitgliedern der Regierung beglückwünscht. Die richtige Antwort auf aufgelegte Unwahrheiten Wir bringen nachstehend, wegen des Raummangels stark gekürzt, die Rede des Genossen Müller im Senat, deren Wirkung wir bereits gestern ausführlich geschildert haben. Die Herren von der SdP. werden im Notfall noch öfters daran erinnert werden, daß man auf parlamentarischem Boden nicht hemmungs- und grundlos andere Gruppen in unqualifizierbarer Weise angreifen kann, sondern der entsprechenden Antwort von derselben parlamentarischen Tribüne aus gewärtig sein mutz, mag es einem dann paffen oder nicht! Gestern hat hier Herr Tschakert von der MdP erklärt, daß wir„Partei garden" aus Konsumvereinsangestellten, Gemeindeangestellten usw. gegründet haben. In unseren wehrhaften Formationen find aufrechte sozialistische Arbeiter, die auf dem Boden des Staates stehen und bereit sind, nötigenfalls den Staat auch mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. Aber meine Herren von der SdP, wie steht eS denn bei Ihre» Ordnern ans, dir Sie ans den Reihen deS nationalsozialistischen deutschen Tnrnverbandrs ergänzen? Dort find die g r d n n. gelt) K n ü p p e l g a r d en, die in FabrikantrnantoS während der Wahl von Ort zu Ort gefahren sind! Dann hat Herr Tschakert gesagt, daß im Lande überall Konsumvereine und Gec- Bauten sind, die mit staatlichen Geldern und mit Staatsunterstützung gebaut worden sind. Das ist die Lüge Nummer 1! Es gibt in der ganzen Republik nicht eine einzige Konsumverkaufsstelle, die mit Staatsunterstützung gebaut worden ist. Wir haben Herrn Tschakert gefragt, w o. denn diese Bauten sind, worauf er sagte:„In Bodenbach, am Graben!"(Zwischenrufe.) Ich teile Ihnen mit, daß das HauS in Bodenbach am Graben von einer B au- genossenschaft der Angestellten gebaut worden ist. Zu dem Haus wurde kein Heller an Staatsgeldern, kein Heller an Staatsgarantie gegeben. Herr Tschakert möge das, was er hier von der Tribüne aus gesagt hat, d r a u ß e n wiederholen, damit wir ihn zwingen können, seine Aussagen vor dem Forum des Gerichtes zu beweisen. Wie die Brotmuster der SdP zustande kamen: Gestern hat Herr Abgeordneter May im Abgeordnetenhaus die alteBrotgeschichte aufgetischt. Dazu ist folgendes zu sagen: Dir Arbei- trrbickerri hat daS Mehl znrückgewirsen und auS eigene» Beständen gutes, erftklaffigeS Brot für die Arbeitslosen gebacken, die damit völlig zufrieden wäre». Die B ä ck e r m e i st e r. die zum größten Teil der Sudetendeutschen Partei ängehören... (die SdP-Senatoren stellen dies entrüstet in Abrede. Genosse R e y z l ruft ihnen zu, daß er die Bäcker fast alle persönlich kennt und daß es wahr ist.) Müller, fortfahrend: Der Klub der SdP-Parlamentarirr hat den Bäckermeistern in Schlucken«» den Auftrag erteilt, für dr» Klub der Abgeordneten auS diesem Mehl Musterbrote g» tacken. Wir wissen nicht, ob zu diesem l Mehl nicht noch die SSgrspäne der SdP gekommen find! Auf diese Art mit der Rot der Arbeitslose« Schindludrr zu treiben, ist unerhört! (Beifall.) Wer Kat wirklich etwas geleistet? Wir haben gestern gehört, daß auch„zwei Minister mit Schuld beladen sind, daß dieses Elend in den sudetendeutschen Gebieten besteht. Wer will hier anfstehen und behaupten, daß die Minister Czech, Meißner und Neöas für die Arbeitslosen in den sudetendeutschen Gebieten nicht unendlich mehr gemacht haben als die Herren, die bloß eine laute Stimme haben? Niemand von diesen Herren hat sich vor dem 19. Mai um die Arbeitslosen gekümmert. Sie haben höchstens kritistert und geschimpft, aber die Arbeit haben sie den Sozialdemokraten in der Regierung überlassen! Redner spricht nur den Wunsch aus, daß das Programm deS Ministers Neöas nicht durch die Bürokratie in den Bezirks- und Landesämtern erschlagen wird. Wir wünschen, das endlich mit der 40 Stundenwoche Ernst gemacht und die Arbeitsvermittlung in neutrale Hände gelegt wird. Die Arbeitsvermittlung in den deutschen Gebieten ist eine Sache für sich: Durch die Arbeitsvermittlung des deutschen Turnverbandes oder deS Bundes der Deutschen bekommt kein „Marxist" Arbeit! Das sind die Z u t r e i b e r» stellen für die gelben Organisationen. Während der Wahlagitation hat die SdP gesagt: 15 Jahre habt Ihr geredet, jetzt werden wir handeln! Sie handeln jetzt, <Ü>er, wie- und mit wem! Sie handeln w i e Pferdehändler. Sie handeln nicht vielleicht mit. jenen, die für die soziale Befferstellung der Deutschen sind, nein: fie verhandeln mit den größten Chauvinisten, mit den Kreisen um Stkibrnh und Kramäk.(Lärm, Zwischenrufe.) Auch die letzte große politische Entscheidung hat uns wieder gezeigt, wohin die SdP geht. Für alle fortschrittlichen Menschen und für alle aufrechten Deutschen war es völlig klar, daß wir schon im Interesse deS deutschen Volkes das Vermächtnis deS greisen Präsidenten uns zu eigen machen mußten. Die SdP hat am Dienstag abends noch nicht gewußt, was sie tun soll, und hat am Mittwoch leere Stimmzettel abgegeben. 14 Tage lang haben fie von einem historischen Moment gesprochen und von der Schlüsselstellung der SdP. Was ist von dieser Schlüsselstellung übrig geblieben? Ein ganz kleines Schlüsselchen zu einem ganz kleinen Herzchen!(Lärm.) UN^ER|G|E}S!ilC|H]f 32 Roman von Karl Stym Copyright by Eugen Prager-Verlag, Bratislava „Mag schon sein!“ Fogger Schorsch tappst vorüber. Er ist immer auf den Füßen. Jetzt geht er bestimmt wieder in den Tag hinaus, um zu fragen, wielange man uns noch zu quälen gedenkt. Wir Jungen unterhalten uns meist und selbstverständlich über die Weiber. Sie sind das Um und Auf unseres Denkens. Die Alten reifen vom Krieg, obwohl er schon gute fünfzehn Jahre aus ist. Sie wissen noch genau den Tag und die Stunde gewisser Ereignisse. Auch wie der Kaiser bei der Heeres- Inspektion angezogen war und mit welchen Worten er das Truppenkreuz an die Heldenbrüste heftete. Das große Erleben zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Sie sahen fremde Länder, fremde Menschen und furchtbar oft den Tod. Sie reden darüber wie über etwas, das man nicht gerade bereut, erlebt zu haben, aber ein zweitesmal nicht mehr mitmachen möchte. Hagers brummige Antwort auf Foggers scherzhaften Vergleich hat viel Wahrheit in sich. Eine Granate krepiert, reißt ein Loch in die Erde und zerfetzt ein paar Menschen. Das ist fast ehrlich zu nennen. Ist sie einmal krepiert, so steht sie nicht mehr auf, um ein zweites Mal zu krepieren. Unser Gegner geht mit ganz anderen Mitteln vor. Er nimmt uns die Luft, die Sonne und will sechshundert Menschen auf einmal zerfetzen. Wir kriechen hunderte von Metern unterm Berg, frieren und fluchen, um diesen Gegner zur Kapitulation zu zwingen. Ein Kampf im eigentlichen Sinne ist es gar nicht Wir appellieren an die Menschen, die uns mit ein paar Strichen aus dem Leben werfen wollen. Diese paar Striche sind unser Golgatha. Sie sagen, es müsse sein. Das ist nicht wahr! Sie handeln und spekulieren mit uns und kennen uns gar nicht. Würden sie nur einen einzigen Blick zu uns herein tun, unsere Angst und unsere Kümmerlichkeit sehen, müßten sie weich werden. Würden sie uns dann aber trotzdem noch wei- terquälen, so haben sie noch viel weniger Menschlichkeit in sich als wir, die sie nur halbe Menschen nennen. Wenn ich die bleichen Gesichter der Kameraden sehe, erfaßt mich manchmal eine so bittere Verzweiflung, daß ich am liebsten weinen möchte. Was haben wir denn verschuldet?— In solchen Momenten möchte ich aufspringen, aus der Grube hinaus vor die Menschen hin, die uns im Nacken hok- ken, und ihnen in die glatten Gesichter schreien: „Seht doch, wie armselig wir sind! Ist das euch noch nicht genug?" Die Zeit ist die boshafteste Einrichtung. Will man etwas festhalten, hat sie es plötzlich eilig. Wünscht man aber etwas loszuwerden, so kann einen ihre Trägheit zur Verzweiflung bringen. Zwei Tage. Eine kurze Spanne Zeit am ganzen Leben gemessen, aber unendlich lang in nassen Kleidern, hungernd und frierend. Wir hungern bereits. Wir hatten nur für ein, bis höchstens eineinhalb Tage Essen mitgenommen, im Glauben, wir hätten dann genug gefroren, um herausgeholt zu werden. Gut Ding braucht Weile! Verdammt, wie ich Sprichwörter hasse! Sie haben die ekelhafte Angewohnheit, einem ausgerechnet dann einzufallen, wenn ihre Wahrheit am unerträglichsten wirkt. Zwei Tage den Berg als Himmel, die zittrigen Lichter als Sonne und harte Wagenbretter als Betten. Wer noch das Glück hat, eine Speckschwarte zu besitzen, Jutscht daran und foppt den Magen mit der Illusion des einmal darangehangenen Speckes. Der lange Dießler leidet begreiflicherweise am meisten darunter. Er stöbert alles nach etwas Eßbarem durch. Findet er etwas, so gehört es ihm. Nicht daß er*s einem glatt wegnimmt, er findet immer einen Weg, um sich’s rechtmäßig zu erwerben. Ungeheuerliches leistet er, als er sich ein kleines Bestehen Speck aus Hells Brotsack verdiente. Er wettete, daß er einen viermetrigen Stempel vom„Zigeunerwechsel“ bis zum Spitzwechsel tragen werde. Er trug ihn auch, und das heißt was! Drei Mann haben Mühe, das gleiche zu leisten. Dazu ist die Strecke so niedrig, daß man nicht einmal aufrecht gehen kann, am allerwenigsten der lange Dießler. Wir staunten ehrlich. Das so erschundene Stückchen Speck würgte er als Ganzes hinunter mit der Absicht, den Magen durch die Verarbeitung desselben länger hinhalten zu können. Fogger Schorsch kommt eben von„draußen“ zurück. Alles an ihm ist traurig. Nur seine Stimme hat noch festen Klang. „Kameraden, wir müssen noch warten!“ Wir sehen zu Boden. Noch warten! Wie lange noch? Nachher erzählt Fogger Paul und mir Näheres. Draußen in der Kaue sind die ganzen Angestellten versammelt und viel Militär. Gahl, sagt Schorsch, ist in den zwei Tagen ein alter Mann geworden. Er hat noch keinen Bescheid von der Zentrale. Aber eines tat er nicht, was wir ihm nie vergessen wollen: er sagte nicht, wir sollen aufgeben. Man wollte Fogger Schorsch verhaften, um uns führerlos zu machen. Ingenieur Krakauer weigerte sich, das geschehen zu lassen und ordnete überdies noch an, die Ventilatoren in Betrieb zu setzen, damit es nicht heiße, man ließe uns ersticken. Auch Schamback sah er. Er stand am Mundloch und fragte höhnisch, ob wir poch leben. „Das darf ich den anderen gar nicht sagen“, schließt Schorsch,„sonst erschlagen sie ihn, wenn sie ihn kriegen!“ Böhling döst vor sich hin. Irgendein Gedanke quält ihn. Uhu klopft ihm kameradschaftlich auf die Schulter. „Auch Hunger, Kamerad?“ Nr. 298 Sonntag, 22. Dezember 1935 Seite 3 fudctendeutscfier Zeifspiegcf ftn soziales und kulturelles Werk Zwölf Verhaftunsen nach dem Schutzsesetz in >rüx Wie viel Henleinleute werden wieder darunter sein? Brüx. Amtlich wird gemeldet: Die BezirkSbehörde von Brüx hat unter Mitwirkung des Brüxer Polizeikommissariats und der Gendarmerie in den letzten Tagen eine Untersuchung durch geführt, bei welcher die Gründung einer geheimen Gruppe festgestellt wurde, die gegen die Sicherheit desStaa- t e S gerichtete Ziele verfolgte. Im Zusammenhang damit wurden folgende zwölf Personen verhaftet und dem Kreisgericht in Brüx eingeliefert: Der 31jährige Oskar Breitfeld aus Ober» lcutcnsdors, der 29jährige Zuckerbäcker Rudolf Hermsdorf aus Georgendorf, der 33jährige Architekturstudent Leopold Fischer aus Prag, der 25jährige Maler und Lackierer Paul Fuchs, der 33jährige erwerbslose Elektrotechniker Josef P a p p e r t, der 27 jährige Lackierer Adolf G ö p f e r 1, der 31jährige Schnridergehllfe Rudolf Sommer, der 27jährige Erwerbslose Karl P o w« n g, der 26jährige Holzfäller Johann W a n k a, alle sieben aus Brüx, der 27jährige Kaufmann Franz I n g r i s ch aus ObrrleutenSdorf und der 26jährige Maler und Lackierer Wenzel Ranzdorf aus Obrrleutensdorf. Gegen die Genannten wurde die Strafanzeige nach den 88 2, 13 und 17 des Gesetzes zum Schutze der Republik erstattet. '«Kameraden“ vor Gericht Die„eindeutig anständigen und sauberen** Kameraden Konrad Henleins Schwer vorbestrafte Raufbolde der SdP Man schreibt uns aus Böhm.-Leipa: In der Nacht vor der Parlamentswahl wurde in Böhm.-Leipa auf unseren Genossen Bruno Prohazka ein Ueberfall seitens mehrerer Mitglieder der Leipaer Ortsgruppe der SdP verübt, bei welcher Prohazka schwer verletzt' wurde, in das Krankenhaus gebracht werden mutzte, wo er sich noch jetzt befindet. Die Staatsanwaltschaft Böhm.-Leipa erhob gegen die Rohlinge wegen Verbrechens der schweren körperlichen Beschädigung nach Paragraph 165 des Strafgesetzes die Anklage. Mittwoch, den 19. ds. fand dieserhalb vor einem Drei-Richter-Senat beim Leipaer Kreisgerichte die Gerichtsverhandlung statt. Angeklagt sind folgende Personen: Rudolf Jung, Kutscher, 38 Jahre alt, aus Böhmisch- Leipa(vorbestraft mit etwa einem Jahr Kerker); Franz Linke, Tischler, 25 Jahre alt (vorbestraft mit vier Monaten Kerker); Edwin !l l l r i ch, Glaskugler, 28 Jahre alt; Theodor M i t t e is, Fleischer, 38 Jahre(vorbestraft zehn Monate Kerker): Wilhelm Förster, Tischler, 23 Jahrs alt; Rudolf Melzer, Arbeiter, 32 Jahre ält(geboren in Deutschland, zuständig nach Böhm.-Leipa; satz in Deutschland unter dem Hitlerregime eine Strafe ab, weshalb er ausge- tviesen wurde, wie der Verhandlungs-Vorsitzende erklärte. Es werden derzeit über diese Sache noch Erhebungen gepflogen); Franz Knobloch, Tischler, 31 Jahre alt(vorbestraft mit zwei Jahren Kerker) und Emil Gründler, Arbeiter, 36 Jahre alt,(vorbestraft mit drei Jahren Kerker, inbegriffen schwere militärische Strafe). Der Angeklagte Jung ist der einzige, der sich für schuldig erklärte und zugab, den Prohazka geschlagen zu haben; insbesondere habe Melzer den Prohazka mehrmals mit einem Knüttel geschlagen, dabei traf er den nebenstehen- ’ den Jung und verletzte ihn an der Schulter; diese Verletzung wurde nochinderselbenNacht inderWahlkanzleiderSdP(Langegasse) behandelt! Nach der Aussage Jungs haben auch Knobloch und Gründ- ler auf Prohazka eingeschlagcn; natürlich stellen diese jede Mittäterschaft in Abrede. Nach Beendigung der Einvernahme der Angeklagten stellten die fünf Verteidiger der Angeklagten einige Anträge auf Vernehmung neuer Zeugen. Diesen Anträgen gab der Gerichtshof Folg: und vertagte die Verhandlung auf den 9. Jänner 1936, um 9 Uhr vormittags. Wie schon bemerkt, bekannten sich nutzer Jung alle anderen Angeklagten für nichtschuldig. Diese Leute vor dem Richter stehen zu sehen, war ein charakteristisches Bild. Eine besonder« Zierde ist unstreitig der Angeklagte Rudolf M e l z e r. Hätten die Richter oder der Staatsanwalt gesehen, wie er beim Eintreten in den Berhandlungssaal, dem Verhandlungstisch den Rücken zukehrend, seine vielen Spezis im Zu- hörerraum Grimassen schnitt, so wäre ihm eine strenge Rüge nicht erspart worden; sein AeutzereS ist der Typ eines waschechten SA-Mannes: frech, anmatzend und rüpelhaft. Und solche Elemente wählt sich die sudetendeutsche Intelligenz zu ihren Handlangern I „Durch Reinheit zur Einheit“ Die Sauberkeit der Bollsgemeinschaft hat neuerdings einen argen Stotz erlitten. Einer der eifrigsten Verfechter der deutschnationalen Turner und der Volksgemeinschaft, Walter Ru, se aus Schreckenstein, hat als Angestellter des Rentamtes der Gemeinde Schreckenstein beim Einkassieren des Wasserzinses einen bis jetzt festgestellten Geldbetrag von 11.0 Ö 0 KC unterschlagen und für persönliche Zwecke verwendet. Russe wurde Dom Gemeinderate entlassen und gegen ihn die Strafanzeige erstattet. Um seine deutschnationale Gesinnung zur Schau zu tragen, lief er auch im Dienste mit dem dcutschnationalen Turnerabzeichen am Gemeindeamte herum. Bemerkenswert dabei ist, daß aiK genannten Rentamte nicht nur Herr Russe in Volksgemeinschaft macht, sondern auch einzelne seiner Vorgesetzten, denen dringend zu raten wäre, eüvas bester und gewissenhafter zu arbeiten, als Ivährend der Dienstzeit Sammlungen für die Sudetendeutsche Volkshilfe entgegen den Weisungen der Gemeindeverwaltung durchzuführen. Den Tinaen wird in Zukunft ein arötzeres Anacnmert zugewendet werden müstenl Krach In Kuttenplan Verhaftung des SparkassencHrektors Plan. Ein großer Skandal hält die Bevölkerung Westböhmens in Aufregung: Die Planer Gendarmerie verhaftete den Direktor K r ü n e s des Spar» und Borschutzvereines in Kuttenplan. Die Kaste war vor etwa vier Monaten genötigt, um ein Moratorium anzusuchen. Wie sich eraab, bat sie bei einem Einlaaenstand von 4% Millionen Kö ein Defizit von 2 Millionen Ki. Für den Fehlbetrag müssen alle 85 Mitglieder mit ihrem gesamten beweglichen und unbeweglichen Vermögen haften und es ist nicht ausgeschlossen, daß eine Anzahl Leute nm Hab und Gut kommen. Bon beteiligter Seite wurde die Strafanzeige gegen den Vorstand-und den Aufsichtsrat der Kasse erstattet, so dah es nicht aus geschlossen ist, datz es zu weiteren sensationellen Verhaftungen kommen wird. Gegen die Auf- sichtsorgane wird der Vorwurf erhoben, datz sie in leichtsinniger Weise ihr Amt ausaeübt haben und datz sie den Direktor KrüneS nach Gutdünken schalten und wallen ließen. Interessant ist, datz, wie berichtet wird, der frühere christlichsoziale Landesvertreter Rechnungsrat Jtz in Eger, der in der Affäre der Egerer Baugenossenschaft„Roland" eine grosse Rolle spielte, die Revisionen bei der Kuttenvlaner Vorschutzkasse durchführte und die Geschäftsge- baruna immer als in Ordnung befindlich bestätigt haben soll. In diesem Zusammenhangs verdient bemerkt zu werden, dass bereits vor Jahren der jetzige Direktor der Planer städtischen Sparkasse, Spora, auf Ersuchen eines seither verstorbenen Aufsichtsratsmitgliedes in die Bücher Einsicht nahm und in einem Expose dem Vorstand seine Wahrnehmungen zur Kenntnis brachte. Der Vorstand verlieh sich aber auf den Revisionsbericht und verlangte bei Klageandrohung die Zurücknahme der aufgestellten Behauptungen. Direktor Spora lehnte das ab, zur Klage kam es aber nicht. Direktor Krünes war immer ein Gegner der sozialdeinokratischen Arbeiterschaft. Im Kuttenplaner Borschutzverein hatte er nur Bürgerliche um sich, denn einfachen Arbeitern wird das Recht abgesprochen, ordentlich verwalten zu können. obwohl sie in dem nicht weit entfernten Konsumverein in MieS über 25 Millionen Kronen in tadelloser Ordnung verwalten. Ule Brünner Henleln-Gemelnde- vertreter koppeln neuerdings mit den Faschisten! Tie Brünner Henlein-Gemeindevertieter haben ihre anläßlich der Stadiratswahlen verübte Schandtat wiederholl r sie haben für die Wahlen der Kommissionen, Kuratorien und Direktorien wieder mit dem Faschisten Dr. Dominik gekoppelt. Air haben immer wieder daraus hingewiesen, datz die SdP rein faschistisch ist. Die Loyalitätskundgebungen, die diese Partei bei jeder Gelegenheit vom Stapel ließ, haben keinen anderen Zweck, als die Oeffentlichkeit zu täuschen. Die Brünner SdP-Gemeindevertreter können das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, das wahre Antlitz ihrer Partei enthüllt zu haben. Die beiden Koppelungen mit den tschechischen Faschisten sind Beweis dafür, wie wenig den SdP-Mannen an dem Deutschtum, als dessen „einzige und wahre Vertreter" sie sich immer quf« spielen, gelegen ist, wenn es sich darum handelt, ein Mandat zu ergattern. Dabei hatten aber die Henleinleute Pech, denn sie haben trotz ihrer verräterischen Handlung nicht das erzielt, was sie erstrebten. Arbeiter und Beamte verhindern Abmontierung Um die M&hr.-Schönberger Mineralöl- Raffinerie Die Mährisch-Schönberger Mineralöl-Raffinerie beabsichtigt, wie uns aus Mähr.-Schönberg geschrieben wird, den Betrieb nach Pretzbprg zu verlegen. 49 Arbeiter sollen nach Pceßburg übersiedeln, zehn bis zwölf in Schönberg verbleiben und etwa 30 würden entlassen werden. Die Firma hat bis heute nicht um die Bewilligung zur Stilllegung des Betriebes angesucht. Am 2. Jänner sollen Monteure konkmen und zwei Reservoire abmontieren, am 27. Dezember aber noch die ersten Leute, und zwar sieben, entlassen werden. Man beabsichtigt wahrscheinlich, auf diese Weise um die Bestimmungen der Stillegungsverordnung herumzukommen. Die Betriebsausschüsse der Beamten und Arbeiter haben beschlossen, während der kommenden Feiertag« einen gemeinsamen Dienst einzurichten, um zu v e r h i n d e r n, datz während der Zeit, da die Arbeiter nicht im Betriebe sind, etwas abmrntiert wird, Die Arbeiter und Beamten stehen auf dem Standpunkt, daß aus dem Betrieb nichts herausgenommen werden darf, Von der Deutschen Pestalozzigesellschaft, in deren Gesamtvorstand alle deutschen politischen Parteien, al]e Lehrerverbände und kulturellen Vereinigungen vertreten sind, erhalten wir nachstehenden A UFR U F! Anläßlich des 85. Geburtstags festes des Herrn Staatspräsidenten T. G. M gsaryk hat der Gesamtvorstand der Deutschen Pe- stglozzigesellschaft in seiner Festsitzung vom 7. März 1935 beschlossen, den(dealen der Humanität und der Demokratie durch die Errichtung einer Studienstätte für Versuchsschulwesen und Lehrerfortbilung in gleichzeitiger Verbindung mit einem Schul- heim für sozial bedrohte Kinder zu dienen. Die Mitgliederversammlung vom 15. Dezember 1935 hat den engeren Vorstand mit der sofortigen Durchführung betraut. Das erforderliche Kapital beträgt 360.000 tschsl. Kronen. Es soll durch Zeic hnungen aufgebracht werden. Der Zeitpunkt der Einzahlung der gezeichneten Beträge wird im Verlaufe des Jahres 1936 bekanntgegeben werden. Für die bis 31. Dezember 1935 erfolgten Widmungen gelten die Gebührenbegünstigungen des Gesetzes vom 12. Juli 1928, Nr. 120. Die gesamte deutsche schul- und bildungsfreundliche Oeffentlichkeit, Personen und Körperschaften, werden den großen Staatsmann T. G. Masaryk durch die Förderung des gemeinsamen Werkes ehren. Alle Zeichnungen und Zuschriften sind an die Deutsche Pestalozzigesellschaft, Prag III, Letenskä 5, zu richten. solange keine Bewilligung seitens der Behörde vorliegt. Die Vertreter des Fabrikarbeiterberbandes und der Betriebsausschüsse werden in der Angelegenheit bei den Zentralbehörden in Prag intervenieren. SdP am 18. Dezember 1935 So ritten sie los.... und so kehrten sie zurück! Wcitoiaditslcrlen der Regierung Hodia zufrieden— Maßnahmen für die Industrie das nächste Ziel Prag. Der Ministerrat hat in den Tagen von Donnerstag bis Samstag sein Vorweihnachtsprogramm erledigt. U. a. wurden beschlossen: Im Rahmen der Zinsfutzregelung die Dividenden st eu er, ferner eine Novelle des Gesetzes über die direkten Steuern, die der Nationalversammlung zu Beginn des nächsten Jahres vorgelegt werden sollen. Von vollswirtschaftlichen Vorlagen wurde eine Verordnung über die Erleichterung des Kredites bei der National« bä n k(Ausdehnung der Begünstigungen für Exportkredite auf inländische Wechselkredite) genehmigt und das Verbot der Errichtung neuer Zuckerfabriken auf zwei Jahre verlängert, ebenso die Vorschriften über die Einheitspreisgeschäfte. Mieterschutz verlängert Durch Regierungsverordnung werden die gesetzlichen Vorschriften betreffend die W o h- nungSfürsorgeum drei Mo» nate verlängert. Auch die Bestimmungen über die ArbeitSlosenunter- st ü tz u n g werden zeitweilig verlängert und die Mittel für die Ernährungsaktion und zur Fortsetzung der Brot aktion bewilligt. Am Samstag kamen folgende Verordnungen hinzu: fieber die Erleichterungen bei der Zahlung der Schulden der Landwirte, einiger sonstiger langfristigen Schulden und schließlich der Schulden der Arbeitslosen sowie über einige Maßnahmen im Exekutions» und Konkursverfahren gegen Erwerbslose. WciterS genehmigte der Ministerrat den Entwurf der Regierungsverordnung über einige organisatorische Ma tznahmen auf dem Gtbiete der Glaserzeugung und den Entwurf der Regierungsverordnung über Steuererleichterungen bei Bauarbeiten(Hausreparaturen usw.) Schließlich genehmigte der Ministerrat den Antrag auf Errichtung einer Masaryk-Militär- stiftung zwecks Gewährung vcn Unterstützungen an Offiziere, Rottmeister und Zivilangestellte der Militärverwaltung im aktiven Dienst und im Ruhestand und an deren Hinterbliebenen für den Fall der existenziellen Bedrohung, im Falle eines Unglückes oder einer außerordentlichen unverschuldeten Notlage. Der Vorsitzende der Regierung sprach schließlich seine Genugtuung aus, datz es gelungen ist, einverständlich und mit Erfolg den Hauptteil des Regierungspro- g r a m m e s, insbesondere den Staatsvoranschlag, die Zinsfutzregelung usw., zu erledigen. Gleich nach den Weihnachtsferien wird hie Regierung die Durchführung der weiteren Teile ihres Programms fortsetzen, wozu die Fürsorge fürdie Industrie, vornehmlich für di? Exporiindustrie, sowie für das Gewerbe und das Handwerk gehören. Seite 4 Sonntag, 22. Dezember 193» Nr. 298 Das Urteil im Talsperren-Pro?eß B r L n n. Bor dem Senat des Strafkreis- gerichtes in Brünn wurde gestern das Urteil im Prozeß wegen der Bestechungen beim Bau der Frainer Talsperre gefällt. Der Gerichtshof er- tannte gemäß der Anklage den Dr. Jng. Karl Nawratil schuldig und verurteilte ihn zu 1 Vz Jahren schweren, durch monatlich einen Fasttag verschärften Kerker. Jng. Ludwig Mika und Dr. Jng. E. R e i ch erhielten je 10 M o- n a t e schweren, ebenfalls durch monatlich einen Fasttag verschärften Kerkers. Sämtliche drei Angeklagte sind verpflichtet, zu ungeteUter Hand die K o st e n des Strafverfahrens zu ersetzen und verliere« für drei Jahre daö Gemeindewahlrecht; die SicherungS- und Untersuchungshaft wird ihnen in die Strafe eingerechnet. Die Strafen Wurden unbedingt verhängt. Die Ber- mögensvorteile Jng. Dr. Karl Nawratil im Betrage von 261.300 XL verfallen zugunsten des Staates. Die übrigen Angeklagten wurden freigesprochen. EinbeherzigenswerterBorschlag der Aussiger Stadtvertretung Aussig. Die Stadtvertretung hat einen Antrag angenommen, die Regierung zu ersuchen. Sammlungen nur an öffentlichen Plätzen zu bewilligen und die Verteilung und Kontrolle der Sammlungen öffentlichen Korporati'onen, entweder den Bezirken oder Gemeinden anzuver- jxauen. Im Motivenbericht heißt es, daß durch die zahlreichen privaten Haus-, Kaffeehaus- und Gasthaus-Sammlungen die Kontrolle der Öffentlichkeit und hauptsächlich die Kontrolle der Behörden über die Verteilung dieser Sanimlungen unmöglich ist, deren häufige Veranstaltung die Maßnahmen für die Armen und die öffentliche soziale Fürsorge überhaupt schädigt. Solcher Art könnte in die Veranstaltung von Sammlungen ein S y st e m gebracht und es könnten Fälle hintangehalten werden, wo durch nicht organisierte und voneinander unabhängige Sammlungen manche bedürftige Bürger auch einige Male unterstützt werden, während andere entbehrende, leer ausgehen. Die Bezirke und Gemeinden verfügen über einen hinlänglichen administrativen Apparat, um die SanunlungS- und Sozialtätigkeit zu organisieren, zu übersehen, und richtig zu verteilen. Tödliches Autounglück bei Brünn Ein Wiener Arzt getötet Auf der Wiener Staatsstraße nächst Rai- gern bei Brünn ereignete sich am Freitag mittag ein. folgenschweres Auwunglück, dem ein Menschenleben zum Opfer fiel. In einem Personenauto, das von dem 28jährigen Chauffeur Egon Nowak aus Wien gelenkt wurde, fuhren der bekannte Wiener Internist Dx. Oskar Löwin g e r, der Wiener Arzt Dr. Emil Popper und die ArzenteSgattin Therese H e n d l e r aus Berezna bei UZhorod von Wien nach Brünn. Bei Raigern geriet der Wagen auf der glatten Straße ins Schleudern und stieß gegen ein Lastauto, wurde von diesem weggeschleudert, fuhr gegen «inen Baum und überschlug sich. Während die anderen drei Insassen mit verhältnismäßigen leichten Verletzungen davonkamen, wurde Dokwr Löwinger mit einer schweren Schädelbruch in die Brünner Landeskrankenanstalt gebracht, wo er in der Nacht auf gestern starb. Die Javorlna geht ins Eigentum der Republik über Dieser Tage wurden im Landwirtschaftsministerium unter Leitung des Sektionschefs Novak sowie des Generaldirektors der Staatsforste und-Güter Dr. Siman die langjährigen schwierigen Perhandb lütrgen betreffend die Uebernahme des beschlagnahmten Großgrundbesitzes Javorina in der Iwrd- slewakei, nahe an der polnischen Staatsgrenze, beendet. Dieser Besitz gehörte dem reichsdeutschen Staatsangehörigen Fürsten August Hohenlohe- O eh ringen und hat ein Ausmaß von 10.160 Hektar. Wegen des hohen Preises, welchen der Eigentümer forderte, hatte das ehemalige Staatliche Bodeaami die Verhandlungen vertagt, die erst bedeutend spärer Wieder ausgenommen wurden. Dieser Tage wurde das endgültige Abkommen unterzeichnet, demzufolge dieser Besitz mit 1. Jänner 1036 in das Eigentum des Staates übergeht, und zwar zu einem erheblich niedrigeren UebernahmspreiS, als er ursprünglich gefordert worden war. Außerdem wurden auch die strittigen Fragen der öffentlichen Abgaben zwischen dem Großgrundbesitz und bem Finanzministerium bereinigt. Landwirtschaftsminister Dr. Zadina, der wiederholt erfolgreich in den Komplex der Verhandlungen eingegrisfen hat, hat nunmehr durch seine Unterschrift diesem Abkommen Siechtskraft verliehen. Auf diesem Grundbesitz toll ein großer Naturschutzpark geschaffen werden. Bekanntlich wurde das Terrain, das auf p t l- pischer Seite an die Javorina grenzt, bereits von Der neue Präsident, Dr. Eduard Bene$, legt den vorgeschriebenen Eid auf die Verfassung ab der polnischen Regierung als ein Bestandteil des tschechoslowakisch-polnischen Nätional-Parks im ! Tatragebiete verstaatlicht. Explosion auf einem Dampfer Santos(Brasilien). Auf dem im Hafen von Santos verankertem schwedischen Dampfer „B r i t t m a r i e" ereignete sich eine Explosion, durch die drei Personen getötet wurden; drei werden vermißt. Bisher konnte allerdings Weder ein Leichnam der Mitglieder der Besatzung, noch der Hafenarbeiter, die auf dem Dampfer arbeiteten, aufgefunden werden. Der D a m p f e r ist gesunke n. Durch die Explosion wurde eine Anzahl von Lagerhäusern am Quai beschädigt und hiebei ebenfalls eine Reihe von Personen verwundet. Der Dampfer„Brittmarie" kam mst einer Ladung Salpeter nach Santos. Objektivität hübe« und drüben. An der Mehrzahl unserer deutschen Mittelschulen dürfte das Lesebuch von Bernt in Verwendung, stehen. Zu seinen Mitherausgeben gehört.der bekannte- Volkskundler und pensionierte Mittelschulprofes- für Dr. Emil' Lehman tk, der nicht nur für einzelne Länder die Auswahl der Stücke traf, sondern auch eine Reihe von eigenen Aufsätzen, Abschnitten und größeren Arbeiten für den Inhalt beisteuerte. Wir erklären im vorhinein: obwohl wir wissen, daß Lehmann mehrere Jahre hindurch im Parteivorstand der Nationalsozialisten saß, und obwohl sein Name jetzt im Pat. scheider-Prozeß auftauchte, finden wir es ganz in Ordnung, daß weder der Sozialdemokrat Doktor Derer noch der anders orienttierte Dr. Krimak als Schulminister sich bewogen fühlten, das ge- nannte Lesebuch nunmehr außer Gebrauch zu setzen. Wir halten dies' nicht bloß deshalb für recht und billig, weil Dr. Lehmann immer ein ruhiger und anständiger politischer Gegner war, sondern vor allem deswegen, weil Schulbücher, die füfnzehn Jahre lang genehmigt waren, infolge eines äußeren Umstandes nicht plötzlich ihre Approbation verlieren dürfen. Der Staat darf sich nicht" das Vorgehen der katholischen Kirche zum Vorbild nehmen, die bekanntlich Werke ihrer Häretiker sofort auf den Index und, falls es Lehrbücher sind, dort außer Gebrauch setzt, wo ihr hiezu die Möglichkest gegeben ist. Warum toir aber auf die Objektivität der Schulverwaltung verweisen? Weil wir erwarten, daß die Henlein-Organe, von uns darauf aufinerksam gemacht, nicht ermangeln werden, die Haltung des sozialdemokratischen Ministers anzuerkennen; und weil sie bei dieser Gelegenheit auch nicht versäumen werden, eine Parallele Auf dem Grab der Hingerichteten Legionäre: Der P r ä fii d e n t der Republik betraute den Chef seiner Militärkanzlei General B l ä h a mit der Niederlegunz eines Kranzes auf dem Grabe der Hingerichteten Legionäre, deren sterbliche Hülle zur ewigen Ruhe auf dem Friedhöfe von Olsany bestattet wurde. General Blaha kam diesem Auftrage nach und schmückte gestern nach Mittag das Massengrab mit einem Blumenstrauß mit Schleifen. Deveschen-Hochflut. In der Kanzlei des Präsidenten der Republik treffen seit Mittwoch, dem Tage der Wahl, zahllose Begrüßungs« und Gratulatwnskundgebungen aus dem In- und Auslande ein. Bis zum Freitag abends wurden u. a. allein gegen 3800 Depeschen registriert, nicht eingerechnet die zahlreichen schriftlichen Kundgebungen. Es gibt keinen Staat Europas, der in diesem Verzeichnis nicht vertreten wäre. Es befinden sich darin auch zahlreiche Staaten aus anderen Weltteilen. Die Depeschen— einige davon recht umfangreich— betonen insgesamt die langjährige Arbeit des Präsidenten für den Frieden in Europa und in der Welt überhaupt und seine Tätigkeit im Völkerbunde, dem wichtigsten Organ für die Erhaltung des Friedens. In erster Reihe finden sich hier die Kundgebungen der Staatsoberhäupter. Bei der gestern mittags erfolgten Rezeption des diplomatischen-Korps verdolmetschten außerdem einige G e s a n d t e n die Glückwunschkundgebungen der Herrscher und Oberhäupter chrer Staaten und ihrer Regierungen, von welchen sie hiezu besonders betraut wurden. Glückwunschkundgebungen sandten das jugoslawische Abgeordnetenhaus und Mitglieder der Parlamente verschiedener Staaten. Liebestragödie im Hotel. In Zov(Slowakei) hat sich aestern nachts in einem Hotel ein Liebesdrama abgespielt. Ungefähr um 3 Uhr hörte man aus einem Hotelzimmer zwei rasch hintereinander abgegebene Schüsse. Als das Hotelpersonal die Türe aewaltsam geöffnet batte,,fand es in einer Blutlache die 18iähriae Helene I o v r o v a und den 26jährigen Bankbeamten Johann M i h o k aus Sevljus, in einer Blutlache Legen. Beide wurden ins Spital gebracht, wo jedoch Mihok der Verletzung erlag.- Der Zustand der Jovrovä ist hoffnungslos. Die Ursache des gemeinsamen Selbstmordes ist unglückliche Liebe. Mihok schoß zuerst auf seine Geliebte und richtete sodann die Waffe gegen sich. Ernennnng des Generalsekretärs der Zentrak- sozialversicherungsanstalt. An Stelle des bisherigen Generalsekretärs der Zentralsozialversicherungsanstalt Dr. Stern wurde am Donnerstag durch das Präsidium des Institutes dessen bisheriger Stellvertreter Dr. Vrätiflav Richter ernannt. Straßenränbrrrlen sind gegenwärtig in Spanien auf der Tagesordnung. In Sevilla überfielen fünf Räuber einen Boten auf ostener Straße und raubten 125 Peseten, worauf ste im Auto die Flucht ergriffen. Wieder erwischt. Der Brüsseler Polizei gelang iS, den vor einer Woche aus dem Gefängnis in Tournai entwichenen Sträfling HeregoodS, einen gefährlichen,, zum Tode verurteilten Abenteurer, wieder dingfest zu machen. Rach dem mit dem Verbrecher dutchgeführten Verhör hat eS den Anschein, daß ihm bei seiner Flucht zwei Gefangenenaufseher behilflich waren, denen nun schwere Strafe droht. Schiffszusammenstoß. Auf der Unter- Elbe bei Pagensand stieß der englische 5300« Tonnen-Dampfer.Harmonides" mit dem kleinen englischen Dampfer„Gisse" zusammen. Der Dampfer„Guse" sank in kurzer Zeit. Nähere Einzelheiten über den Zusammenstoß sind noch nicht bekannt. Em Roman-Preisausschreiben. Die Deussche Buchgemeinde in der Tschechoslowakischen Republik, Prag und Brünn, Bratiflavskä 4, veranstaltet zur Eröffnung ihrer zweiten Jahresreihe ein Preisausschreiben für den bestenunveröffent- lichten deutschen Roman. DieTeil« nähme an diesem Preisausschreiben steht allen deutschen Romanschriftstellern offen. Gegenstand und Umfang des Romans unterliegen keiner Beschränkung. Die beste Leistung wird mit einem Preis von 10.000 XL bedacht. Dieser Preis kann über Empfehlung der Preisrichter auch geteilt werden.' Tas Preisrichterkollegium kann auch beliebig viele wer« tere Manuskripte der Deutschen Buchgemeinde zur Annahme und Herausgabe empfehlen. Alle Einsendungen sind bis spätestens 31. Jänner in dreifacher Ausfertigung an das Lekwrat der Deutschen Buchgemeinde. Prag H., Jungmannova S, zu richten, Preistag: 31. März. Dem Preisrichterkollegium gehören an: Dozent Dr. Karl Eßl- Prag, Julius Mader- Prag, Dr. Frank Matzke- Reichenberg, Ministerialrat Dr. Anwn Moucha- Prag, Maria Stona- Schloß Trebowitz in Mähren. Das Wetter. Freitag nachmittags und in der Nacht auf Samstag ist auch im mittleren Teile des Staates reichlich Schnee gefallen. In der mittleren Slowakei überschreitet die Schneehöhe auch in den Niederungen vielfach 25 Zentimeter. Die Temperatur liegt nunmehr im ganzen Binnenlande etwas unter dem Regelwert für diese Jahreszeit. In den Niederungen herrscht vielfach leichter Ganztagsfrost und in Höhenlagen über 1500 Meter ist die Temperatur unter minus 10 Grad gefallen. Warm ist es nur im Südteil des Mittelmeeres. Sardinien und Sizilien meldeten Samstag nachmittags plus 17 bis 18 Grad.— Wahrscheinliches Wetter von heute: Im Westteil des Staates wechselnd bewölkt, trocken oder nur ganz vereinzelt Schneeschauer, Frost. In den östlichen Ländern strichweise wieder stärkerer Nachtfrost, jedoch keine anhaltende Besserung, zeitweise Niederschlag, dorwiegend in Schneeform. Vom Rundfunk. taeWilMUwarlM aus den PrograiMMMi Montag: Prag, Sender L: 10.05: Deutsche Presse, 10.11: Schallplatten, 11.05: Salonorchester, 12.10: Opernfantasien, 13.30: Arbeitsmarkt, 13.40: Leichte Musik, 17.40: Klavierkonzert, 18.45: Deussche Sendung: Krippenschau in Weipert, 18.20: Direktor Zak: Grundlagen des Friedens, 18.35: Aktuelle zehn Minuten, 1.15: englisch für Anfänger, 22.20: russisch für Fortgeschrittene, 22.40: Deussche Nachrichten. Sender S: 7.30: Salonorchester, 14.20: Deussche Sendung: Dozent Nettl: Weihnachtsmusik im tschechoslowakischen Rundfunk, 14.50: Deutsch« i Presse.— Brünn 13.30: Arbeitsmarkt und Sozialinformationen. 17: Kinderstunde, 17.40: Deutsche Sendung: Dr. Steinermayer: Märchen für Weihnachten, 21.35: Klavierkonzert.— Mährisch.Ostrau 18.10: Deussche Sendung: Matz: 40 Jahre Kinematographie,— Zigeunerlieder.— Preßburg 16.10: Rundfunkorchesterkonzert. Dienstag: Prag: Sender L: 10.05: Deussche Presse, 10.15: Konzert, 11: Schallplatten, 12.35: Konzert: Salonquartett, 15: Jugendstunde. 15.25: Orchesterkonzert, 17: Deutsche Sendung: Weihnachtslieder, l 19.30: Weihnachtschöre, 20.05: Konzert des Rundfunkorchesters, 22.30: Tanzmusik, 22.55: Orchesterkonzert. Sender S: 7.30: Leichte Musik, 11.05: Konzert, 22.20: Weihnachten in den Bergen. • Die Prager deussche Arbeitersendnng. Die Mittwoch-Sendung in dieser Woche entfällt wegen deS Feiertags;(nicht, wie gestern der Setzer meinte, wegen dem Feiertag). * zwischen der Tschechoslowakei und dem Dritten Reiche zu ziehen. Sie werden ihren Lesern besssmmt erzählen, was den Hunderten von reichsdeutschen Lehrern blühte, denen ihr Staat nichts anderes vorzuwerfen hatte als ihre antihitlerische Gesinnung. Und wenn die Herren von der„Zeit" und der„Rund- schau", ihrem Führer gleich, vielleicht auch vor- daß sie noch im, Lause der Rächt unter schrecklichen Schmerzen starben. Die Ursache der Explosion wird untersucht. zwischen„düben" werden. Wieder zwei Todesopfer einer Explosion Zwei Lehrjungen einer Werkstatt bei Iglau Auch in Wien Filmexplosion mit tödlichem Ausgang Wien. Im siebenten Wiener Bezirk ereignete sich in der chemischen Fabrik Gilbert Aue eine heftige Explosion, wobei mehrere F i l m e in Brand gerieten. Durch die Explosion wurde das vierstöckige Gebäude stark beschädigt. Der 16jäh- rige Angestellte der Firma Gustav Vojtöch kam in den Flammen ums Leben, ein anderer Angestellter erlitt ernste Brandverletzungen. Der Fa« brilinhaber wurde wegen Außerachtlassung der Sicherheitsvorschrijten in Hast genommen. Jg l a«. In B r t n i c e bei Iglau ereignete sich in der Werkstätte des Anton Zima, Erzeugung von Zigarettenspitzen, '■■---";■, i Freitag abends vor 18 Uhr, nachdem die Arbeiter geben werden, über die Zustande in Hitler- l pj, Werkstätte verlassen hatten, eine außerordent- deutschland völlig ununterrichtet zu sein und lich starke Explosion. In einem Arbeitssaal ent- nicht zu wissen, wieviele von diesen Bedauerns- s zündete sich aus bisher unbekannter Ursache der werten aus ihrem Berufe geworfen, ihrer! bei der Erzeugung der Galalith- und Bernstein- Ruhegenüsse beraubt und in Konzentrations-! spitzen entstehende ganz feine Staub. Durch lager gesteckt wurden ,so haben sie doch zweifel- darauffolgende Explosion wurden sämssiche los aus eigener Erfahrung Kunde von jenen Fensterscheiben zertrümmert, der Plafond, die Lehrer- Emigranten, die der Ratio-® i“ u" Werkstätte demoliert. Der Wir hegen die feste Hoffnung, daß die Herren stoei eben in ben@oaI^getretenen Lehr- sich nicht um den so naheliegenden Vergleich jungen, dem 16jährigen Karl Benda und Mischen„düben" und hüben herumdrücken dem 14jährigcn Anton M e r t l die Kleider Feuer und sie erlitten so schwere Brandwunden. Nr. 298 Sonntag, 22. Dezember 1935 Seite 5 DagerZMmg Pelzdiebe. Am 11. November waren aus dem Modegeschäft»Eva" im Lucernapalais zwei Silberfüchse und zwei Nutriapelze im Gesamtwerte von 63.000 KL entwendet worden. Erst dieser Tage gelang es feftzustellen, daß der bereits wegen eines Motorraddiebstahls in Haft befindliche 24jährige Lackierer KarlC u r d a zusammen mif dem gestern verhafteten 30jährigen Anton Cerny der Täter ist. AlS Hehler fungierte der ebenfalls seit längerer iJeit in Haft befindliche Wladimir Kolater, während'u Tischler I. C. aus Bkevnov, der Geliebte einer Angestellten des Modesalons, der sich ohne deren Wissen einem Abdruck des Türschloßes verschafft und danach «inen Dietrich verfertigt hatte, ebenfalls gestern verhaftet wurde. Drei von den Pelzen konnten, teils im Versatzamt, teils bei Hehlern, beschlagnahmt werden. Der Sohn überfällt den Vater. Der städtische Angestellte Franz Kovarik aus Smichov hatte vorgestern früh die Anzeige erstattet, daß er vor einigen Minuten auf dem Wege zwischen den Gärten der Kolonie Sumava von rückwärts angefallen und durch zwei Schläge mst einer Latte über den Kopf leicht verwundet worden sei. Die Nachforschungen ergaben, daß der Täter der minderjährige Freund des 2 Ijäh- rigen Sohnes des Ueberfallenen, Friedrich, sei, der von diesem zur Tat angestifte. worden war. Beide wurden verhaftet und gestanden. Friedrich Kovarik gibt als Motiv der Tat an, daß er sich habe am Vater rächen und ihm Geld abnehmen wollen. Er wurde in die Haft des Kreisgerichtes, der minderjährige, eigentliche Täter in die Haft des Jugendgerichtes eingeliefert. Ein Bolltrunkener kutschiert. Vorgestern abends nach 8 Uhr fuhr der 88jährige Kutscher Leopold Bruner aus Straschnitz mit einem leeren Kohlenfuhrwerk in volltrunkenem Zustande die Fochstraße hinauf. Beim Weinberger Krankenhaus fiel er plötzlich vom Bock und blieb reglos liegen. Da er völlig unfähig war, auf Fragen zu antworten und stark erbrach, wupde er auf die Klinik Hynek gebracht, wo er mit einer sckzveren Alkoholvergiftung in Behandlung blieb. Das Fuhrwerk wurde dem Eigen- tümer zurückgestellt. Bier Sonderzüge ins Riesengebirgr. Am Samstag haben in Prag 1930 Touristen in vier Sonderzügen die Reise ins Riesengebirge angetreten. Sin Sonderzug mit 150 Personen wurde nach Eisenstein abgefertigt. Der Kassendienst bei der Postsparkasse in Prag endet DiknStag. den 24. Dezember l. I.. um 13 Uhr. Die Schalter für den Empfang für Scheckeinzahlungsscheine und für-Ein- und Auszahlungen auf Sparbüchel bleiben bis 17 Uhr geöffnet. Mittwoch und Donnerstag, den 25. und 26. Dezember 1985, wird bei der Postsparkasse für den Parteienverkehr nicht amtiert werden. SPD-Emigranten: Weihnachtsfeier heute Sonntag, dem 22. Dezember, um 4 Uhr nachmittag im Gec-Haus,.Fugnerßlstz"4. Stnhlverholtnng. Die<,Hguptvertreter der neu- zeitlichen Frauenheillunde haben das natürliche „Franz-Josef"-Bitterwasser in einer sehr großen Zahl von Fällen als rasch, zuverlässig und schmerzlos wirkend erprobt. Aerztlich bestens empfohlen. 3148 ßencktssaat Äartoffelgraben—unter ihrerWürde! Eine alte Kriminalschwester Prag. Marie Jarolimek ist 49 Jahre alt ohne ständigen Wohnort und Beruf und 81mal wegen Diebstahls und sonstiger Delikte vorbestraft. Gestern stand sie wieder einmal vor dem Senat C e r v i n k o — diesmal unter Anklage der ge f ä h r l i ch e n Drohung. Die Angeklagte hat meist in den deutschen Gebieten Nordböhmens vagabundiert und ihr Diebsgewerbe betrieben. Sie hat infolgedessen die tschechische Sprache einigermaßen verlernt, obwohl sie nach der Gemeinde Lipany bei Böhmisch-Brod heimatszuständig ist. Die mangelnde Beherrschung der Sprache hinderte ste aber nicht, vor Gericht ein« wahrhaft betäubende Beredsamkeit zu entwickeln. Die erwähnte Heimatszuständigkeit spielt in diesem Prozeß ihre Rolle. Als nämlich die Jarolimel vor einigen Monaten aus der Haft der F rauen- strafanstalt in Repy entlassen wurde, wo sie wieder einmal einige Monate abgesessen hatte, wurde sie. da sie keinen ordentlichen Wohnort nachweisen konnte, in ihre Heimatgemeinde Lipany abgeschoben. Der Ortsvorsteher war natürlich nicht erbaut, als ihm der"eskortierende Gendarm, den weiblichen" Schübling übergab. Was sollte man mit ihn anfan- gen? Die Gemeindevertretung faßte endlich den Beschluß, die alte Vagabundin dem Ge- meindepolizistenin Kost und Wohnung zu geben, wofür man diesem fünf Kronentäg» l i ch aussetzte.' Im übrigen sollte sich die Jarolimel im Haushalt nützlich machen, obwohl man sich keinen Illusionen darüber hingab, daß die alte Kriminalschwester eine ziemlich fragwürdige Arbeitskraft sei» würde. Und tatsächlich— gleich am ersten Tag kam es zu einem Austritt, da sich die Jarolimek weigerte, aufs Feld zu gehen und.Kartoffeln auszumachen. .Woher denn— so etwas hab' ich nicht noUvendigl" meinte sie. Schließlich gab sie aber nach, als der Vorsteher ihr„a m t l i ch" den Auftrag erteilt«, die Arbeit zu übernehmen.»Also gut— aber nur heute! Sonst bin ich für solche Arbeiten nicht zu haben!" Mit diesen Worten nahm sie Harke und Korb und ging aufs Karwffekfeld. Die Jarolimek strengte fich natürlich nicht allzusehr an, aber sie begleitet« ihre Arbeit mit allerhand verfänglichen Reden. U. a. erklärte sie, sie werde dem Vorsteher dasDach über dem Kopf an- zünden und dergleichen. Als dieser von diesen Verheißungen Nachricht erhielt,«rstastet« er die Anzeige wegen gefährlicher Drohung. So wurde die Gemeinde die unsympathisch« Fürsorgeperson los und die Jarolimek wanderte zum zweiunddreißigstenmal hinter Schloß und Riegel. Bei der Verhandlung ließ die Angeklagte die Richter kaum zu Worte kommen. Ihr Redestrom war einfach nicht zum Stillstand zu bringen. Im Gefängnis von Repy sei sie eine geachtete Person gewesen und habe die Sympathie einer dort beschäftigten Klo« sterschwester«enosien und so„ordinäre" Arbeiten wie Kartoffelgraben seien ihr nicht angemessen. Aus der Hast hat sie tatsächlich dieser Schwester einen Bries geschickt, in welchem sie ihrer Freude über das basdige Wiedersehen Ausdruck gibt. Ein weiterer Brief, der in den Gerichtsasten liegt, ist an ihre Schwester adressiert und es heißt darin: „Eines bedauere ich,' daß ich dem Lipaner Vorsteher nicht das Haus angezündet habe" Angesichts der einunddreißig Vorstrafen lautete das Urteil auf dreizehn Monate schweren Kerkers. Als der Vorsitzende ihr die Belehrung über die Rechtsmittel erteilte, schnitt ihm die erfahrene Frau mit schneidiger Handbewegung die Rede ab:„Stellen Sie mir nur das Urteil schriftlich zu. dann werden wir schon sehen." rb. , Ein Zwanzigjähriger . i Wüstling und Messerstecher Prag. Dieser kaum 20jährige Wenzel R asi'S. der gestern vor dem Strafsenat Waldmann auf der Anklagebank saß, hat eine Entwicklung durchlaufen, die keine gute Prognose für seinen weitere Lebensweg zuläßt. Er kann von Glück reden, daß die Tat, für die er sich zu verantworten hatte, ihn nicht vor daS Schwurgericht gebracht hat. Denn es hat nicht viel gefehü, daß dieser Fall mit der Vernichtung eines Menschenlebens geendet hätte. Der Angeklagte zeigte nicht die mindeste Reue, sondern benahm sich vor Gericht so dreist und zchnisch, daß man vermuten muß," daß er sich im Kriminal durchaus wohlfühlt und die Untersuchungshaft keineswegs tragisch nimmt. Wenzel R a i s ist ein Bergarbeitersohn aus T s ch a n s ch bei Brüx. Sein Vater, wollte ihm eine bessere Existenz schaffen, als ste in der heutigen Zeit der Bergmannsberuf bieten kann und gab den Jungen zu einem Fleischer sn die Lehre. Später verschaffte er ihm durch einen Bekannten einen Posten in Prag. Hier aber geriet. Wenzel in üble Gesellschaft und nach wenigen Monaten gab er den ausgepeitschtesten Plattenbrüdern und Zuhältern nichts nach. Am 6. Juni d. I. war er wieder einmal im bekannten Rummelplatz„Eden" in Wrschowitz, wo er mit besonderer Vorliebe zu verkehren pflegte. Als er um Mitternacht diesen„Vergnügungspark" verließ, lief ihm die Prostituierte Emilie Z o f k a in Jigermerrveise Von Richard Rax. »Zum Teufel! Was lungerst du schon wieder herum, Janos? Habe ich dir nicht sagen lasten» du mögest dich nie mehr auf meinem Hofe zeigen? Oder bringst du gar das Geld zurück. daS du mir mst deinen Lügen herausgefoppt hast?— Daß ich älter Trottel dir damals hereingefallen bin! Dein Haus wolltest du um das Geld flicken lasten, damit dein Jozsi, der mst seiner reichen Braut aus Pest kommen soll, sich seines Vaters nicht schämen müste. Feine Lüge das! Vier Wochen bist du im Wirtshaus ge- seffen, dann war das Geld dahin. Dein Sohn ist bis heute nicht gekommen, wird nie kommen und mein schönes- Geld kann ich jetzt suchen gehen. Wart, du Schurke, heute noch gehe ich zum Notar und laste deine Hütte pfänden!" So und ähnlich schnaubt der reiche Capdebu Wut in prastelnden Worten, deren Flut nicht enden will. Doch schließlich geht ihm der Atem aus. Die Pause nützt Janos zu einer umfassend wegwerfenden Handbewegung:»Wenn mich der gnädige Herr nur zu Wort kommen ließe. Eben wegen deS Geldes bin ich hier. Alles wird aus Heller und Pfennig zurückgezahlt. Das heißt— — eine Kleinigkeit fehlt; ein paar Pengö nur, die bringe ich nächstens." Mißtrauisch hält Capdebu jede Banknote des Geldes, das ihm der alte Zigeuner in die Hand zählt, prüfend gegen das Licht der Abendsonne.»Na schön, komm herein, daß ich dir deinen Schuldschein zurückgebe I Die fehlenden zehn Pengö will sich dir schenken, wenn du mir auftichtig erzählst, wie du das Geld aufgetrieben bast und was Wahres an der Geschichte von der reichen Braut deines Sohnes ist. Oder hat sich vielleicht dein Sohn die Heirat überlegt? Daß du an deine Hütte Hand angelegt hättest, davon ist bis jetzt nichts zu merken. Durchs Dach scheint nach wie vor die Sonne und fällt der Regen." Janos nickt zustimmend:»Sonne und Regen, die lieben Gottesgaben l Warum soll ich da- vcn nichts ins Haus bekommen? Das mit dem Jozsi aber und mit seiner Braut hat seine Richtigkeit.——' Sie sind schon dagewesen." Capdebu vergißt vor Verblüffung das Glas Wein, das er in der Hand hält, vollends zum Munde zu führen:»Die Braut ist schon dagewesen?" „Jawohl, gnädiger Herr, heute Mittag. Aber sie ist gleich wieder davon." »Und der Jozsi?" --Jozsi ist ein guter Sohn. Hören Sie die ganze Geschichte, gnädiger Herr!" »Aber nicht ftunkern, Janos! Tas kostet zehn Pengö. Denk an unsere Abmachung!", ,„Alles die reine Wahrheit, wie es sich zu-> den Weg. Rais hielt sie an und sie vereinbarten" eine Entlohnung von 10 KL, worauf sie sich gemeinsam in die dunkeln Felder begaben. Wie die Zeugin vor Gericht erklärte, verlangte Mais Dinge von ihr, zu denen fich die Prostituierte nicht hergeben wollte. Das brachte Wenzel Rais so auf, daß er sein Messier zogundeS der Emilie Zofka indenNackenstieß. Dann lief er davon.—-— Es war eine schwere Verletzung und die Verwundete mußte mit dem Rettungsauto ins Krankenhaus gebracht werden, wo sie längere Zeit in Heilung belassen wurde. Bei der Wucht, mst welcher der Stich geführt Nurde, ist es nur einem Zufall zuzuschreiben, d. ß die Verwundung nicht zu weit schwereren Folgen führte. Es war eine recht trostlose Verhandlung. Das verhungert aussehende arme Geschöpf als Hauptzeugin und der Zwanzigjährige auf der Anklagebank, der zü den Aussagen seines Opfers nur zynisch lächelte und achselzuckend erklärte, er sei unschuldig. Daß er diese Verteidigung selbst nicht ernst nahm, war mehr als klar. Der Gerichtshof verurteilte den Angeklagten zu f ü n f Monatenschwere n Kerker s, u. zw. u n b e d i n g t. rb. Mitteilungen au» dem Publikum. Die Ginheitspreis-GefchSfte Die Einheitspreisgeschäfte, haben ihren Ursprung in Amerika, wo vor fünfundzwanzig Jahren die ersten, anfangs noch Keinen Geschäfte nach dem Zwei-PreiSsystem(3 und 6 Cents) errichtet wurden. I» der Tschechoslowakei wurden die ersten Einheitspreisgeschäfte vor vier Jahren er- öfsnet; sie erreichten bis Dezember 1933 die Zahl von etwa fünfundzwanzig Geschäften. Der neue Geschäftstyp beunruhigte, ähnlich wie früher im Ausland, die Kleingewerbetreibenden und Geschäftsleute, die gegen, ihn zu protestieren begannen. Die Ge- werbetreibenden werfen den Einheitspreisgeschäften vor, daß sie daS Kleingewerbe vernichten, ihr Personal schlecht zahlen, zwar billigere, aber minderwertige Ware verkaufen, daß sie dem Staate nicht so viel Steuern abführen, wie sie könnten und sollten, daß sie von ausländischem Kapital finanziert werden usw. Dagegen werden jedoch von unparteiischer fachmännischer Seite Tat sa ch en angeführt, die die Behauptungen der Gewerbetreibenden widerlegen. So gibt Dr. Kris in der„Pritom- nost" an, daß vom ganzen Einzelhandelsumsatz in Amerika auf die Einheitspreisgeschäfte nur 2 Prozent«nffallen, in England 1, in Deuffchland 0.5, in Frankreich 0.8 Prozent, in der Tschechoslowake« jedoch nur 1 Promille. Das bedeutet einen so geringen Anteil am Gesamtumsatz, daß nicht ernstlich von einer Vernichtung des Gewerbe- und der Schaffung eines Gewerbefriedhofes gesprochen werden kann. Auch in der Frage der Bezahlung deS Personales liegen die Dinge anders. -Hir sehe«, daß die Einheitspreisgeschäfte.ihr Pex- sonal b esffe rbt z a h l e n als die Gr«« mialgeschäfte, Und zwar um durchschnittlich mindestens 100 KL, Die Kollektivverttäge des Personals sind gesetzlich geschützt, während das Personal des Kleinhandels um diese Rechtssicherheit bisher vergeblich kämpft. Die Löhne sind anständig und werden gemäß den individuellen Fähigkeiten des Personals aufgebessert. DaS Publikum kauft in den Einheitspreisgeschäften deshalb gern, West die Prüfe bei guter Qualität der Ware billiger sind als in jedem anderen Geschäfte. Dies hängt mit der Organisierung des Einkaufs und Verkaufs zusammen, weiter mit dem niedrigeren Gewinn. Die reiche Auswahl, die freie Besichtigung im Innern des Geschäfts, das Entgegenkommen des Personals, die niedrigen Preise usw. werden allgemein als guter Dienst am Volke angesehen, besonders heute, wo Löhne und Gehälter eine absteigende Tendenz zeigen und die Hausfrauen genöttgt sind, im Haushalt mit jeder Krone zu rechnen. Der Kampf gegen die Einheitspreisgeschäfte hat begonnen, wird aber nicht leicht zu Ende geführt werden können. Die Gewerbepartei rückte ihnen mit polittscher Macht an den Leib. Zweimal gelang ihr die Offensive, well die Einheitspreisgeschäfte»sich nicht wehrten. Jetzt haben sie eingesehen, daß sie nicht schweigen dürfen. Mit ihnen meldet sich da? getragen hat. Der gnädige Herr weiß, daß ich ein armer Teufel bin. Der Jozsi aber hat es weit gebracht, ist Primas in Pest. Da hat er mir oft Geld geschickt. Einmal war daS Dach zu richten, dann der Stall, dann wieder was anders." „Und du» alter Gauner, hast natürlich das ganze Geld verjubelt!" Janos hebt abwehrend die Hand...„Nicht verjubelt. Aber der gnädige Herr weiß doch. Da ist der Wein manchmal besonders gut. Dcrt macht man ein Spielchen mit guten Freunden oder ein Schätzchen braucht ein Stück Seidenband. Darum natürlich hat es nie gereicht." »Das versteht sich, daß da kein Geld fürs HauS bleibt. Doch weiter?" „Alsa der Jozsi hat in Pest di« reiche Rozsika gefunden und will mit ihr auf Besuch kommen. Tenn der Zigeuner hängt an seiner Sippe. Er schickte wieder das Geld, die Hütte auf den Glanz zu bringen." „Das hast du auch versoffen!?" „Der gnädige Herr weiß doch am besten, wie gut sein Wein ist, den er dem Wirt verkauft hat. Auch war zu bedenken, ckb sich's der Jozsi nicht doch noch überlegt. Wie ich aber heute mittags hinter dem Wirtshaus liege und schlaft, kommt der kleine Pista gerannt und schrest:„Besuch ist da!" „Ich eile nach Hause, so schnell es geht. Dort hält richtig ein Wagen und der Jozsi will einer Shirley Temple spielt die Titelrolle in dem Film„Seine kleine Freundin". Publikum zum Wort, das im Gefolge ihrer Einschränkung oder Aufhebung einen neuen Preisanstieg der Arttkel des Lebensbedarfes im Einzelhandel befürchtet, d. h.«ine neue Senkung des Einkommens, des Verbrauchs- und Lebensstandards auf kaltem Wege. In einer Reihe von Gebieten stellen sich auch die Organisationen der Angestellt en an die Seite der Einheitspreisgeschäft« und senden an Regierung und Parlament Eingaben, man möge die wirffchaftlichen Fragen nicht politisch lösen, sondern vom Standpunfte der Verbrauch e r, die in keiner Weise und von niemandem geschützt sind. Die Sanierung der Landwirtschaft hat die Lebensmittelpreise gehoben. Bis die Parität der Land wir: schäft mit der Industrie durchgeführt werden wird, werden auch die Preise der Industrie- Erzeugnisse steigen. Wenn nun noch das Gewerbe saniert wird— wohin kommt dann der Verbraucher? Wie ersichtlich, teilt sich die Oeffentlichkeit hier in zwei Lager— den Handel und die Konsumenten. Jeder bewachtet das Problem mit seinen Augen und trachtet, nicht geschädigt zu werden. Auf eine Lösung der Frage in der Weise, daß alle zufrieden sind, können wir mit Recht neugierig sein. Die Regierung ist sich wohl schon im klaren darüber, daß man gegen die Einheitspreisgeschäfte nicht mit der Axt vorgehen kann. Sie kann den Beamten die Gehälter nicht erhöhen, sie muß daher auf ihr« herabgesetzte Kaufkraft Rücksicht nehmen und eine unnötige Verteuerung vermeiden. Daß im Kleinhandel Neigung zu Preiserhöhungen besteht, ist aus zahlreichen Beschwerden geÄlde~ in; der MrweihngDÄÄi öst ersehen. Die EinheitSpreirgeschäfjeherteüern nicht. Daher daS Vertrauen der Konsumenten zu ihnen, ES ist Taffache, daß unser Gewerbe veraltet ist. Die Einheitspreisgeschäfte haben eine neue, ihren Konkurrenten unangenehme Arbeitsmethode in unser Leben gebracht. Durch das Kleben an überlebten Formen wird aber nichts erreicht. Unser Einzelhandel kann viel von den Einheitspreisgeschäften lernen. Wenn er den Dienst am Volke nach Art der Einheitspreisgeschäfte erlernt, kann er sich gewiß neben ihnen gut behaupten und zur Geltung bringen. Der Weg zur Rettung führt über Rationalisierung und Organisation. Die Einheitspreisgeschäft« haben mit Investitionen im Werte von 60 Millionen KL in der Zeit der schweren Krise dem Gewerbe Beschäftigung und ihrem Personal eine sichere Existenz verschafft. Durch Kauf heimischer Ware haben sie den Fabriken Arbeit gegeben. Sie sind also ein nützlicher Volks» wirffchaftlicher Fattor und dürfen nicht unterschätzt werden. Sie sind Pioniere der Reform und ein Faktor deS Fortschrittes. Im Kampfe mit der Teuerung sind sie ein wichtiger Regulator der Billigkeit. Daher können sie mit der moralischen Unterstützung der Oeffentlichkeit rechnen, die sich im eigenen Interesse hinter sie stellt. wunderschönen jungen Dame beim Aussteigen helfen. Doch die Rozsika hat nur einen langen Blick auf das Haus geworfen und einen auf mich. Dann bat sie dem Kutscher zugerufen:„Fahr zu!" und ist d,tvcn, als ob die Hölle hinter ihr los wäre." „Arme Rozssta!" brummte Capdebu in sein Glas,„und der Jozsi?" „Ja, der Jozsi. Zuerst will er dem Wagen nachlaufen, dann sieht er mich an mit finsteren Augen und deutet auf die zerfallene Hütte. Ich will ihm erklären, doch er winkt mir Schweigen und geht stumm ins Haus. Dort sitzt er eine lange Weile mit einem bösen Gesicht. Endlich sicht er meine Fiedel an der Wand, lacht und reißt sie herunter. Dann spielt er so wild, daß mir das Herz im Leib erzittert, aber so herrlich schön, daß ich weinen muß."—.— .„Wie er mich weinen sieht, da wird er wieder sanft» legt die Fiedel weg und sagt:„Vielleicht hast du recht, Alter. Das da— er deutet mit dem Daumen in der Richtung der Straße, wo Rozsika davonfuhr,— ist nichts für uns. Wärst du kein echter Zigeuner, wär' ich kein rechter Primas." Auch der Jozsi ist schon wieder fort. Das Geld, das ich Euch schulde, gnädiger Herr, das hat er mir gegeben. Ich mußte schwören, eS Euch zu bringen, heute noch auf Heller und Pfennig. Und hab' ich nicht mein Wort gehalten? WaS sind schon die zehn Pengö, die der Wirt sesi- her für Wein nahm, für einen großen Herrn?" Seite S „Sozialdemokrat" Sonntag, 22 Dezember 1933. Nr. 298 WER IST flSO? Eine ansländlsdic Gcscllsdiait mit ausländischem Kapital? Mein Großvater, Jan Ander, verkaufte sein ganzes Leben lang— vom Jahre 1860 an— in seinem Wallfahrtsladen auf dem hl. Berg bei Olmütz. Mein Vater, Josef Ander, verkaufte ebenfalls dort vom Jahre 1888 an. In demselben Laden habe auch ich begonnen. Wir sind fünf Brüder. Wir sind tschechoslowakische Staatsbürger.Wir haben alle gelernt, die Kundschaft gut und ehrlich zu bedienen. Um die Verkaufsregie zu senken, um besser, schneller und billiger zu bedienen, haben wir als erste nach ausländischem Muster die Einheitspreisgeschäfte in der Tschechoslowakei geschaffen— dadurch konnten wir die Preise der hauptsächlichsten Bedarfsartikel senken— Tausende neuer Arbeiter beschäftigen. Es ist nicht wahr, daß wir die Gewerbetreibenden vernichten, als Beweis dafür: Unser ganzer Umsatz macht kaum 7 s°/oo— in Worten: ein halbes Promille, des Umsatzes aller Kaufleute der CSR. aus. Und doch sind wir den politischen Gewerbetreibenden ein Dom im Auge, welche uns irrtümlich für die Ursache ihrer Krise halten. Sie bereiten zwecks Einschränkung unserer Geschäfte ein solches Gesetz vor, welches eine fast vollständige Schließung nach sich ziehen müßte. Wir kämpfen gegen die Teuerung! Wir kämpfen gegen die Arbeitslosigkeit! Wir kämpfen gegen die allgemeine Krise! Wir verkaufen gute und billige Ware! Das beweisen täglich Hunderttausende unserer Kunden. Wehrt Euch gegen die Teuerung! verteidigt uns! Verteidigt Eudi! JOSEF ander JCuftst und Wissen Wochenspielplin des Reuen Deutschen Theater-. Heute, Sonntag, halb 3 llhr nachmittags: Kind im Kampf, 8 Uhr: Die Fledermaus, Abonnement aufgehoben.—Montag 3: Kasperle reist ins Märchenland, Erstaufführung, Abonnement aufgehoben.— Dienstag: geschlossen. — Mittwoch halb 3: Anna sagt nein, 7: L o h e n g r in, BI.— Donnerstag halb 3: Die ersteLegion, 8: Eine Nacht in Ve- n e d i g, zum ersten Male, C 2.— Freitag halb 8: Die Zauberflöte, D 1.— Samstag 3: Kasperlereistins Märchenland, halb 8: M a c b e t h, A 1. Wochenspielplan der kleinen Bühne. Heute, Sonntag, halb 3 Uhr nachmittags: Im Londoner Rebe' 8: Der König mit dem Regenschirm.— Monlag geschlossen.— Diens tag geschlossen.— Mittwoch^44: DerKönigmit demRegenschirm, 8: Derandere Napoleon,(Napoleon Unique) Welturaufführung. Donnerstag 3: K a m e r a d e n, 8: W i r werden beobachtet, Erstaufführung.— Freitag 8 Uhr: Der andere Napoleon, Theatergemeinde des Kulturverbandes und freier Verkauf. — Samstag 8: W i r werden beobachtet. Verlanget überall Volkszünder Der «i>»I,i„ Ltzriftine Nicht um die Erinnerung an, Gustav Adolfs Tochter wiederzubeleben, die eine Freundin Descartes' und lange vor Friedrich dem.Großen und Joseph dem Zweiten eine„aufgeklärte" Monarchin war, ist dieser Film in Hollywood entstanden, sondern um Greta Garbo die würdige Rcklle zu geben, die sie nach den Kolportage-Rollen Suzanne Lenöx und Mata Hari endlich brauchte. Allerdings ist der Film in der Anlage ein« Mischung aus Alt- Heidelberg und Shakespeare, eine im klassischen Tragödienstill vorgetragene Geschichte von der Königm, die Mensch sein möchte, und wegen ihrer Liebe zu dem(bei Hofe und im Volke unbeliebten) spanischen Gesandten der Krone entsagt, aber den Geliebten, dein sie nacheilt, sterbend auf dem Schiff trifft, las sie beide in-den Süden trayen sollte. Der Regisseur M a'm o u l'i g n(der DMöDM der Parodie FiK mich heut nacht" und des ersten gelimgenen Farbenfilms„Becky Sharp") hat die Einheit des Films durch eine malerische Inszenierung herzustellen versucht, die den Prunk englischer Ausstattungsfilme mit den Farben des Nordens versehen hat, mit Schneeschimmer, Fackelschein und Dämmerung. Das Ganze ist etwas zu feierlich geraten, auch die Sprache ist mehr als nötig getragen, aber der Stil ist bis ans Ende durchgehalten und gleitet vom Erhabenen nicht ins Lächerliche aus. Im übrigen beherrscht Greta Garbo den Film: als eine Königin, die ihre Persönlichkeit wie ein Geheimnis und ihre Schönheit wie eine Last trägt, mit einer Würde, die echt wirkt — und mit schauspielerischen Augenblicken in der Liebes- und der Abdankungsszene, die ergreifen, -eis« Das Tagebuch der Geliebte« Da historische Filme— oder richtiger: historisch auSgestattete Filme— noch immer in Mode-u sein scheinen, ist auch dieser(unabhängig von Goebbels entstandene) Wiener Film modern, da er die Pariser Mode vom Ende des vorigen Jahrhunderts sehen läßt. Der Regisseur Herumnn Kosterlitz hat auch eine richtige Rollschuhbahn, ein altes Photo- graphenatelier und einen Ball mit Quadrille'>or die Kamera gebracht— und damit die besten Szenen des Films geliefert, der im übrigen nicht sehr fesselnd ist. Es handelt sich um die Liebe der jungen russischen Malerin Marie Baschkirtseff zu Guy de Maupassant, dem Novellendichter, den die Filmautoren hier auch noch zum gefürchteten Kunstlichter der Malerei ernannt haben, der mit dem Lehrer der ehrgeizigen, früh von der Schwindsucht hingerafften Baschkirtseff in Konflikt gerät. Aber der Konflikt ist nicht dramatisch, und da auch die Liebesgeschichte vorwiegend elegisch ist, bleibt ein gutgemeinter, über Nicht stilvoll gemachter Film mit manchen netten und vielen konventionellen Einzelheiten. Unter den Darstellern ist am meisten Szöke Szakall zu loben, der in der Rolle eines gutherzigen alten Arztes endlich wieder einmal beweisen kann, daß er kein Clown, sondern ein sympathisch feiner Komi er ist. Bon Hans I a r a y, der den Maupassant, und Lilli D a r v a s, die Marie Baschkirtseff spielt, läßt sich hingegen nicht mehr sagen, als daß sie anständig bemüht sind. Attila Hörbiger erscheint— noch nicht ganz filmstcher— in einer kleineren Rolle. —eis— Der grün« Tomin«. Der neue Vorsitzende der Berliner Reichsfilmkammer, der Nazi-„Professor" Lehnich. hat jüngst in einer Rede an die Kritiker appelliert, sie sollten die neudeutschen Filme nicht auf. ihre Weltanschauung hin untersuchen. Mit gutem Grund hat das Herr Lehnich gesagt: denn man findet'in diesen Filmen gar keine Weltanschauung, sondern nur noch bewußten Blödsinn. Daß in diesem Uta-Film, vom grünen Dvmtrm beispielsweise ein Männ M für die GNjMtz Mms- länglich" einssierren"laßt, die den Mord gar mcht begangen hat, und daß die Frau des wirklichen Täters auch nach dem Tode ihres Mannes jahrzehntelang schweigt, und daß diese alberne Schundgeschichte von mittelmäßigen Schauspielern mit einer Umständlichkeit dargestellt wird, als ob es sich um die ernsteste Sach« von der Welt handelte, das ist keine Sache der Weltanschauung und auch keine A:. gelegenbeit der Filmkritik mehr, sondern nur noch eine Belästigung der Oeffentlichkeit.—eis— Mitteilungen