Dienstag, 24. Dezember 1935 15. Jahrgang Nr. 299 □nntortis 71 Mlw (•liuchliaSlich S Haller Part») IENTRALORGAN DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung präg xii.,fochova 62. Telefon 53077. HERAUSGEBER: SIEGFRIED TAUB. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR■ DR. EMIL STRAUSS, PRAG. Kurswechsel im Foreign Office? (je* an freiheit ist nichts zu mekren. Jugoslawien steht immer noch der Diktatur unendlich näher als der Demokratie. In einem wirtschaftlich zurückgebliebenen Lande, wie es trotz mancher. Fortschritte Jugo«. Die Ernennung Edens ist ein Zugeständnis die parlamentarische Opposition und an die öffentliche Meinung. Eden ist mit seinen 38 Iah* ren einer der» jüngsten führenden Minister der Weltpolitik. Er wäre trotz seiner Eleganz und sei* ner gesellschaftlichen Beliebtheit(die ja in England dazugehören, will ein Politiker Karriere machen) sicher noch nicht zu.dem so einflußreichen Posten aufgkstiegen, hätte nicht das Vol^gebiete- ! risch diesen Mann verlangt, der sich bisher als den besten Typ des Jung-Konservativen vorge* stellt hat. Eden ist ein gründlicher Kenner der Mittelmeerfragsn und der Probleme des Nahen Orients. Das beweist übrigens, das; England doch entschlossen scheint, die Fragen des Nahen Ostens zu lösen,.ehe es sich in den unausweichlichen Kampf um den Fernen Osten, um Indien, die Südsee und die Positionen in China einläßt., Man darf von der Berufung Edens im allgemeinen eine energische Politik En g- lands in Genf, ein stärkeres Hervorkehren des Rechtsstandpunktes gegen Italien und vielleicht eine Verschärfung der Sank- tionspolitik erwarten. Verfehlt wäre es- in Eden unbedingt den Mann zu sehen, der Krieg bedeutet. Eden selbst wird sich an. die Linie, des Kabinetts halten müssen. Sein Vorgänger hat die Extratour mit seinem Sturz bezahlt' und nicht jedem englischen Außenminister ist es wie 1914 Edward Grey beschieden, ein Land, ein Volk, ein Kabinett auf die Linie seiner privaten Kriegs- polisik zu bringen. Eden wird auch mit seinem Unterstaatssekretär Van sittart rechnen müssen, genau wie Grey einst mit Sir Arthu. Nicolfen zu rechnen hatte, der ihn recht eigentlich in das französisch-russische Fahrwasser geführt hatte. Und es ist nicht ausgeschlossen, daß Bal! Win den beliebten und dr au f g ä n g.e- rischen jungen Lord vorfchiebt, um die öffentliche Meinung einzuschläfern, zugleich aber Rom einzuschüchtern. In Paris hcH die Ernennung Edens eine Ueberraschung Herborgerufen, die nur bei den Gegnern Lavals freudig genannt werden kann. Die Rechte und die Lavalsche Mitte sehen in Eden den Mann, der das schwankende und ewig lavierende und„lavalisierende" Frankreich zwingen wird, Farbe zu bekeünen. Diese Kreise fürchten für ihren Freund Mussolini. In Italien hat, den französischen Berichten zufolge, die Ernennung Edens einen„peinlichen Ein, druck" hervorgerufen. Ist doch Eden der bestgehaßte Mann in den Kressen der italienischen Faschisten und man befürchtete von ihm,, daß er die Oelkonzession wahrmachen könnte. Englands Rückfrage bei den Mitsilmeer- mächten hat bewiesen und die britischen Rüstungen beweisen es täglich, daß über Afrika und den italienischen Größenwahn noch nicht das lebte Wort gesprochen ist. England holt setzt militärisch auf, es sichert sich Hilfe in Vorderasien unr Südosteuropa, es sichert sich Häfen und Operationsbasen. es bereitet die mögliche Achtion ph'nmäßg vor. Ans der andern Seite gebt es den Italienern militärisch nicht besonders gut. Der abessinische Widerstand wächst und wenn auch die Anariffe der Abessinier immer wieder im mörd-rsschen Massenfeuer des technisch überlegenen Gegners zusammenbrechen, so bat si-h doch gezeigt, daß der „Spaziergang nach Adis Abeba" Jahre wäbren kann, länger iedenfasis. als Italien das durchzuhalten vermöchte. Selbst so italienfreundliche Publizisten wie Jules Sauerwein sind sehr skeptisch geworden und warnen Mussolini', der die Dinge zum äußersten treibt In dieser Situation kann Edens Mirung ans Stern rruder des britischen Empire allerdings auch eine Ent sch eidung van ungeheurer Tragweibe heraufführen. » London. tReitter.) Der britische Marine* und Armeestab standen vor einiger Zeit in ständigem Kontakt mit den entsprechenden Pariser Stäben und verhandelten, wie nnnmebr bekanntgegeben wurde, über di» Frage der Sicherheit im Mittelmeer. Die Beratungen hatten einen im Ganzen zufrieden st öllen- d e n Verlauf und ein ebensolches Ergebnis, so daß wettere Zusammenkünfte nicht mehr stattfinden werden. Es verlautet, daß der neue Außenminister Eden mit der Vertretern der beim Völkerbund vertretenen Mächte Beratungen über den gleiche»Gegen st and hatte, und daß dabei ei« großer Fortschritt erzielt wurde. Eden richt Gebunden L 0 nd 0 tt. Amtlich wird erklärt, daß sämtliche Gerüchte, die Nemernng Großbritannien habe der französischen R-airrrmg versichert, daß der neue britische Staatssekretär des Aenßern E d e n die Sanktionsvokitik nicht bis zum möglichen AlHrnch der diplomatischen Bezicbnnqen mit Italien betreiben werde, nhsolnt unbegründet find. Anthonu Eden. der neue englische Außenminister „_ Die Teilkrise des Kabinetts, die i. R. Loew aus dem Gefängnis"in durch den Rücktritt Sir Samuel Hoa- Stein entlasten. Bundeskanzler Dr. Schuschnigg gab Rundfunk folgende Einzelheiten über Amnestie bekannt: Der Amnestie teilhaftig sollen sowohl richtlich Verurteilte sowie Verwaltungshäftlinge werden. Von 1521 gerichtlichen Häftlichen aus dem Feberaufstand sind 1351 bereits bei früheren Gelegenheiten aus der Strafe getreten, darunter rund 460 im Wege der Begnadigung und bedingten Entlassung. Von den verbliebenen 170 gelangen 154 in den Genuß der Weihnachts amnestie, so daß insgesamt 16 gerichtliche Häft* linge übrig bleiben. Bei diesen konnte eine Be gnadigung nicht in Frage kommen, weil sie„un mittelbar schwerste Blutschuld als Führer auf sich geladen" hätten oder aus kriminellen Gründen einer Gnade sich nicht würdig erweisen. Die Einstellung des Strafverfahrens sei nach sorgfältiger Erwägung aller Umstände be züglich 19 Personen der ehemaligen sozialdemo kratischen Parteiführung beantragt worden, die sich bereits.seit längerer Zeit auf freiem Fuße befanden. Dies deshalb, well die erweisliche Hauptschuld diejenigen treffe, denen es gelungen sei, nach Mißlingen ihres Planes sich jenseits der Grenzen zu sichern.„Radikale Führer und bekannte Hetzer" hätten mit Rücksicht auf die son stige Gefährdung der ruhigen Entwicklung und Befriedigung ausgenommen werden müssen. Meldung vom Tage Ankara. Der Kriegsminister beabsichtigt, die Rüstungen der Türkei, insbesondere die Flugrü- stung zu verstärken.-• Als Marseille Arm aus gelenkt wurde, den König von Jugoslawien niederstreckte, fiel der Träger eines längst todkrank e n S y st e m s. Fast sechs Jahre zuvor, im Jänner 1929, hatte er die beschworene Verfassung zerrissen und. einzig auf die Bajonette gestützt, seine Selbstherrschaft verkündet, well er anders die Einheit Jugoslawiens im zerfleischenden Hader der Stämme und Parteien vor die Hunde gehen sah. Die Diktatur Alexander I. schien also dem Schutz einer revolutionären Errungenschaft zu dienen, denn der einheitliche Staat der Serben, Kroaten und Slowenen, von der Sozialdemokratie im slawischen Süden zuerst gefordert und nur durch die Vernichtung dreier Despotismen, des osmanischen, des h-rvs« burgischen und des moskowitischen, ermöglicht, umschloß als Stück der bürgerlichen Revolution Südosteuropas einen bedeutsamen historischen Fortschritt. Aber tut es selten gut, das Ergebnis einer revolutionären Entwicklung mit gegenrevolutionären Waffen zu verteidigen, so wurde hier die Gegenrevolution fast Selbstzweck. Obwohl der Karad j 0rd j e w it sch bei jeder Gelegenheit das Regime des 6. JännerS lediglich als Uebergang zur„wahren Demokratie" hinstellte, feierten T e 11 ö r tt n d Korruption ihre Orgien. Auch dieoktroyierte Ver« fas jung von 1931 mit ihrer grotesk gewählten Skupschtina war nur ein Mittel, Europa Sand in die Augen zu streuen. Und manche ließen sich willig streuen. Irgendein Schweizer Käseblatt in Dilsdorf etwa erklärte, daß man sich in Jugoslawien ebenso frei fühle„wie bei uns in der Schweiz":„Das Volk ist zufrieden, von irgendeinem Absolutismus keine Spur". Und sofott im Chor die ganze Regime-Presse von Marburg bis Monastir:„Aufgemerkt, Europa! Bei uns herrscht Freiheit wie in der Eidgenossenschaft! Die„Dilsdorfer Zeitung" ist Schwurzeuge!" Nur das Bolk in Lu g 0 sla w i e n ließ sich nicht dumm machen. Auf Schritt und Tritt gegängelt und belauert von Polizisten, Gendarmen und Spitzeln,' konnte es geraume Weile die Faust nur im Sack ballen, aber als nach dem Tode des Königs die dreiköpfige Regentschaft, bereit, den gleichen Faden weiterzuspinnen, Wahlen ausschrieb, warf die Opposition trotz einem Wahlgesetz, das der Regierung alle Trümpfe in die Hand gab, und trotz der frechsten Einschüchterungspraktiken der Behörden"eine volle Million Stimmen auf den Tisch; die katastrophalste Niederlage des Systems war es, daß demgegenüber seine Knechte mit Erpressung und Betrug nur 1.7 Millionen Stimmen aufbrachten. Mit diesem 5. Mai 1935 kamen die Dinge ins Rutschen. Mit dem Auftrag und der Absicht, die D i k t a t u r abzubauen und in die Demokratie überzuleiten, trat das Kabinett S t 0 j a d i n 0 w i t sch auf den Plan. Denn die Rückkehr zum Parlamentarismus auf breitester demokratischer Grundlage entspricht dem Willen sänsilicher Volksschichten; Bürger, Bauern, Arbeiter— von einem irgendwie gearteten„autoritären Regime" wollen sie alle nach der Musterprobe dieser sechs Jahre nichts mehr wissen. Im Ziel sind sich also die Parteien, die, zur„Jugoslawischen radikalen Gemeinschaft" zusammengefügt, hinter Stojadino- witsch stehen: serbische Radikale, slowenische Christlichsoziale, bosnische Moslems, mit der Opposition: Demokraten, Landwirtsbündler, Kroatische Bauernpartei, völlig einig. Gleichwohl ist neuerdings die Entwicklung ins Stocken geraten. Die Neuwahlen auf Grund des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechtes werden auf eine bedenklich länge Bank geschoben, und von einer Wiederherstellung Lord Eden britischer Außenminister Befriedigung In England, Ueberraschung in Frankreich Peinlicher Eindruck In Italien I Schwere Kample an der Nordfront Asmara.(Stefani) lieber den Kampf, der sich am Sonntag in der Zone Enda Marian Ouoram entwickelte, werden folgende Einzelheiten gemeldet: 5000 abessinische Soldaten versuchten italienische und erithreische Abteilungen zu umzingeln, welche in der Gegend von Tem» bien eine Suberungsaktion vornahmen. Der Versuch der Abessinier wurde durch das gebirgige und bewaldete Terrain unterstützt, doch setzten gerade in dem Augenblick, da die Abessinier versuchten, den italienischen linken Flügel in die Flucht zu treiben, die von Attlllerie und Flugzeugen unterstützten italienischen Abteilungen Mit einem Gegenangriff ein und drängten den Feind in das Tonka-Tal zurück. Die erithreischen Abteilungen verfolgten die Abessinier und brachten ihnen ernste Verluste bei. Kabinettsumbildung in Belgrad Belgrad. Arbeitenminister B 0 biä und Minister für körperliche Erziehung, Komne« n 0 v i c haben ihre Demission gegeben. Sie wurden durch den Abgeordneten K 0 z u l j, ein hervorragendes Mitglied der Radikalen Union, und den neuen Vorsitzenden dieser Gruppe, Cv et- ko v i ö ersetzt. Der Wechsel geht auf innere Differenzen in der Radikalen Union zurück, deren bisheriger Vorsitzender StanoieviL ausscheidet; er war mit der Regierungspolitik der Radikalen Union nicht einverstanden. Dagegen ist der Sküpschtina- Präsident, CiriL, ebenfalls ein früheres Mitglied der radikalen Partei, in die Radikale Union eingetreten. In dieser Entwicklung sehen politische Kreise einen Erfolg der Regierung, die darangeht, sich j eine feste Mehrheit zu sichern und ihr Programm' unter Mitwirkung der Skupschtina zu verwirklichen. I res, besser gesagt durch die Ausopfe- . rung Hoares für die Fortdauer des Ka- bknetts Baldwin entstanden war, hat fi,e eine überraschende Lösung gefunden. Entgegen den Vermutungen der Presse und des Auslands, die auf Austen oder Neville Chamberlain oder Lord Halli- fax als Nachfolger Hoares setzten, ist Sonntag Lord Anthony Eden zum Staatssekretär des Außenamtes im britischen Kabinett ernannt worden. Sdinlzbiind-Anincsfle Der erste w’rhiidie Sdiritt zur Versöhnung? Wien. Auf Grund eines besondere« Manifestationsaktes wurde« heute! alle in Hast befindliche« Führer des! Republikanischen Schutzbundes, darunter Major i.R.Eifler und Haupt- 1 Die„Times“: Wille des Volkes London. Zu der Ernennung.Edens zum Minister des Aeußeren bemerken die„Tim-'s": Diese Ernennung entspricht den Wünschen der öffentlichen Meinung und des Volkes. Die Ver schmelzung der Aemter/ des Außenministers und Völkerbundministers lasse eine einheitliche Leitung der Außenpolitik unter voller Kontrolle und Ver antwortung des Kabinetts erwarten. Das Ka« 1 binett geht nunmehr wiederum mit Festigkeit an>der allerursprünglichsten Staatsbürger- die Durchführung der Politik der gemeinsamen'rechte: Preß-, Vereins- un. Bersammlnngs-' Front gegen den Angreifer und wird die Mitt l und Wege suchen, wie den gemeinsamen Verpflichtungen zu entsprechen wäre und der unglücks-Iige Krieg durch eine friedliche Lössspg beendigt werden könnte. Zwischen Diktatur und Demokratie Zar late la Jugoslawien Von P. O. Smatratsch im Herbst vergangenen Jahres in eine politische Verbrecherbande, deren dem Dunkel von faseistischen Mächten Sette 2 Dienstag, 24. Dezember 1935 Nr. 2SS slawien ist, sind eben die sozialen Kräfte, auf denen die moderne Gesellschaft beruht, zu wenig ausgebildet,, um sich mit rücksichtslosem Ellbogenspiel durchzusetzen. Dem Machthunger der Bourgeoisie hält ihre tatsächliche Stärke nicht die Waage, und die-Arbeiterklasse leidet an den Folgen deS Bruderzwistes zwischen Kommunismus und Sozialdemokratie ebenso wie unter der zermürbenden Wirtschaftskrise mit ihrer nicht weichenden Arbeitslosigkeit; welche Verelendung zeigt es an, wenn zwischen 1930 und 1934 die Zahl der von der Sozialversicherung erfaßten Lohnempfänger von 767.000 auf 663.000 sank! Kommt die Wirtschaftskrise auch fürdieBauernschaft einem schwächenden Aderlaß gleich, s» könnte doch in einem zu vier Fünfteln agrarischen Staate eine einheitliche Front des Landvolkes, wie es einmal in Bulgarien und einmal in Rumänien geschah, am ehesten Stoßkraft entfalten, aber, von den katholischen Bauern Sloweniens und den muselmanischen Bauern Bosniens ganz zu schweigen, die dort den Christlichsozialen, hier der Partei S p a h o s anhängen, hindert die kroatische Frage die serbischen und die kroatischen Bauern, im Gleichschritt zu marschieren. Die Partei, der nach dem Tode Raditschs Dr. Matschek vorsteht, ruft das Landvolk in Kroatien und Dalmatien zuerst als Kroaten, dann erst als Bauern auf. Dabei ist die kroatische Frage im Grunde gar keine kroatische Frage. Ihr Problem gilt genau so wie für die Kroaten für die Serben deS einstigen Habsburgerreichs, nämlich: wie leben sich Teile des gleichen Volks mit der gleichen Sprache, die ihre Geschichte die einen in den östlichen, die andern in den westlichen Kulturkreis wies und so verschieden formte, unter demselben Staatsdach am leichtesten und schmerzlosesten miteinander und aufeinander ein? Mit der zentralistischen Staatsgestal- wie bisher geht es nicht., So steckt auch die jugoslawische Sozialdemokratie, die bislang eine Gliederung des Staates nach dem„historischen Grenzen" der Stämme verwarf und einen strengen Zentralismus allerdings mit weitgehender Autonomie der Verwaltungseinheiten(Provinz, Kreis, Gemeinde) vertrat, neuerdings mehrere Pflöcke zurück:„Wir haben", tat unlängst der bekannte Führer der freilich noch nicht wieder erlaubten Partei, Dr. Topalo- witsch,.in der Belgrader„Arbeiterzeitung", dar,„uns die Existenz einer einförmigen jugoslawischen Volksmasse vorgestellt, die in Wahrheit erst nach und nach entstehen kann. Dem Stammesnationalismus, den regionalistischen und religiösen Gefühlen unserer Volksgenossen haben wir zu wenig Bedeutung beigemessen". Da es sich aber hier um Tatsachen handelt, die der Realpolitiker, ob sie ihm gefallen oder mißfallen, nicht übersehen darf, wird die Neu- ordnung um eine dezentral!stische, vielleicht föderalistische Staatsgestaltung nicht herumkommen. Nur heißt die Voraussetzung dafür, daß eine solche Lösung überhaupt angepackt wird, Wiederherstellung der Demokratie und Abschreibung von Neuwahlen. Leider gibt die innere Wirrnis dank der Schwäche der sozialen Gruppen den„unverantwortlichen Faktoren", die in Belgrad mindestens seit 1903 in der Politik Herumspuken, die Möglichkeit an die Hand, hinter den Kulissen die Fäden zu ziehen. Was die politisierende Generalität, an ihrer Spitze der Kriegsminister Pera Schiwkowitsch, denkt und will, fällt schwerer in die Waagschale als alle guten Absichten des Ministerpräsidenten S t o» jadinowitsch. Dank solcher und anderer Bremsklötze gelangt der jugoslawische Staatswagen auf der Straße zur Demokratie nur im Schneckentempo voran. Kein bündigerer Beweis als die überaus klägliche Amnestie vom 1. Dezember. Während der griechische Kö- Moska«. Die'„I s w e st i j a" bringen eine Unterredung ihres Korrespondeten mit dem tschechoslowakischen Ministerpräsidenten und Außenminister Dr. Milan H o d 5 a. In der Unterredung erklärte der Ministerpräsident u. a.: Die Zusammenhänge der internationalen Politik sind derart organisch, daß es nicht möglich ist, daß in einem Teile Europas dauernde Ruhr herrsche, während ein anderer von einem kriegerischen Umsturz bedroht wäre. Aus diesem Grunde ist die Politik des ungeteilten Friedens und der kollektiven Sicherheit nicht bloß eine leere Phase, sondern die reale Feststellung der Wirklichkeit» mit welcher jeder Politiker rechnen muß. Das System der kollektiven Sicherheit müsse allerdings auf gutenPfei- lernruhrn, auch inMittel-undOst- e u r o p a. Was Mitteleuropa betrifft, ist sicherlich ein solcher Grundpfeiler in erster Linie die konstruktive Zusammenarbeit derKleinenEntente. Auch die Zusammenarbeit des O st e n s ist für den Frieden unausweichlich notwendig. Aus diesem Grunde ist das System der Verträge über die gegenseitige Hilfeleistung rin für das europäische Gleichgewicht unentbehrliches S y st e m und die Zusammenarbeit der T s ch e- choslowakei mit dem Sowjetver- Moskau.(Taß.) Ans Ulan Bator wird ein japanisch-mandschurischer Ueberfall auf Bulun Dersun in der mongolischen Volksrepublik gemeldet. Rach diesem Ueberfall zog sich der japanisch-mandschurische Truppenteil aus mandschurisches Territorium zurück, nachdem er vorher sämtliche Bauten des Grenzpostens durch Feuer zerstört und sämtliche Lebensrnittel mit sich genommen hatte. Unter den Personen," welche bei dieser Gelegenheit von den Japanern getötet wurden, befindet sich der Stellvertreter des Kom- Mandanten des Grenzpostens Sossob. Die Gesamtstärke des japanisch-mandschurischen Truppenteils betrug etwa 300 Mann, die in zehn u«tt Maschinengewehren ausgerüsteten Lastautömo- bilen transportiert wurden. Ueber die Hintergründe d.ieseS Ueberfalles wird aus Charbaröwsk gemeldet: Nach dem Abbruch der mandschurisch-mongolischen Verhandlungen in der Station Mandschurin begann die Kwantung-Armee dahin zu arbeiten, in Tokio die Bewilligung zur Durchführung einiger Angriffe auf die Mongolei zu erhallen. Tokio beeilte sich,nicht mit der Antwort und die Kwantung-Armee getraute sich nicht, auf eigenes Risiko zu handeln. Vor einiger Zeit traf jedoch nig so staatsklug war, sofort nach seiner Rückkehr das ganze Schuldbuch der Vergangenheit selbst mit den Namen der erklärtesten Rebellen ins Feuer zu werfen, ruft in Lugoflawien kein Gnadenakt die kühnsten Kämpfer gegen das unheilvolle System deS 6. Jänner aus dem Exil zurück. b a n d e besitzt für den Frieden in Europa die gleiche Bedeutung wie das System der Kleinen Entente und das Bündnis mit Frankreich. Das System der kollelliven Sicherheit erfordert auch von all seinen Faktoren die a b- soluteKo nsolid i erung derin rue- cenVerhältnisse. Die jüngsten Ereignisse haben ganz außergewöhnlich gezeigt, wie die tsche- choslowakische Nation in ernsten Augenblicken trotz aller parteilichen Anschauungsunterschiede es stets versteht, sich zu einigen. Von neuem Hai es sich gezeigt, wie unteilbar die Einheit des tschechosiowakischen Staates ist und wie vergeblich die Hoffnungen jener sind, die sich bisher dem Glauben an einen Erfolg des Revisionismus hingeben. Die Einheit des Willens der tschechoslowakischen Nation hat zu ihrer Befreiung geführt und sie erklärt daö Geheimnis sämtlicher Erfolge der Tschechosiowakei. Dieser politischen Tugend wird sich unsere Nation niemals und unter keinen Umständen begeben. Aus diesem Grunde kann das gegenwärtige Koalitionssystrm als ein dauerndes angesehen werden. Die Erweiterung dieser Koalitionszusammenarbeit auch um andere Faktoren ist möglich, allerdings bloß unter der Bedingung, daß die bisherigen Richtlinien der Außen, und Innenpolitik unberührt bleiben. in Tientsin die Erklärung eines ausländischen japanischen Militärattaches ein, der das sofortige Eindringen der japanischmandschurischen Armee auf mongolisches Gebiet empfahl.' Außerdem empfahl er aufeinanderfolgende Angriffe aus verschiedene Grenzstationen. Diese Kundgebung machte auf den Stab der Kwantung-Armee großen EinoruÄ und der Stäb beschloß', ohne eine Bewilligung aus Tokio abzuwarten, einen probeweisen Ueberfall durchzuführen. Sabotage-Akt der Weißrussen Angebliches Attentat auf einen Sowjetzug Schanghai. Die weißrussische Presse in Chardin meldet, daß die Weißrussen Ende November auf der Amurbahn einen Sowjetzug in i die Luft gesprengt hätten, wobei es angeblich 200 Tote und Verwundete gegeben habe. Der Anschlag sei gegen mehrere sehr hohe Rätebeamte gerichtet gewesen, die nach Chabarowsk unterwegs gewesen seien. „Sozialisierung“ im Dritten Reich Ein JOdisdicr WatlenlabriKant enteignet Berlin. Der Thüringer Statthalter Sauckel hat«im Einvernehmen mit dem Reichs- wehrminifter von Blomberg beschlossen» di« Waffenfabrik in Suhl, die Eigentum der jüdischen Familie Simson ist,„dem Führer zur Disposition zu stellen". Die Familie Simson wurde ausgewiesen, weil sie ungesetzliche Gewinne eingesteckt, den Arbeitern sehr niedrige Löhne gezahlt und die hygienischen Maßnahmen vernachlässigt habe. Wo bleiben die Krupp und Thyssen? AP. Zum Jahresende hat sich das Dritte Reich noch einen agitatorischen Schlager ausgedacht. Es ist bei der Waffenfabrik in S u h I» die Eigentum der jüdischen Familie Simson war, die erste Enteignung in Deutschland erfolgt. Die Inhaber wurden auSgewiesen. Es hat nie an Leuten gefahlt, die die Meinung vertraten, daß Hitler doch eines Tages zu sozialistischen Maßnahmen greifen werde, ebenso wie es in Deutschland unter der radikalen Anhängerschaft nicht wenige gab, die die Hoffnung nicht aufgaben, daß Hitler einen Tages das Programm doch noch erfüllen werde. Scheinbar haben sie recht behalten, aber nur scheinbar I Die Radikalen werden zwar triumphieren, daß sie sich durchgesetzt hätten, daß ein Sieg über Schacht errungen worden sei, der schon um der Wirkung im Ausland willen keineswegs begeistert sein dürfte, und daß man damit den großen Durchbruch erreicht habe. Sie werden"der Meinung sein, daß sie jetzt endgültig Hitler für sich gewonnen hätten, daß es Goebbels gelungen sei, Hitler auf die Seite der Radikalen zu ziehen, und daß hier„nur ein Anfang" gemacht worden sei, dem bald wettere Taten folgen würden". Nun hat man zwar hier ein Ventil geöffnet, und das war offenbar dringend notwendig angesichts der wachsenden Erregung über die wirtschaftlichen Nöte. Aber es handelt sich eben nur um ein Ventil, nicht mehr. Man hat einen jüdischen Rüstungsindustriellen— vielleicht den einzigen, den es in Deutschland gab, denn in der Schwerindustrie ist jüdisches Kapital sehr wenig vertreten— geopfert, um die nichtjüdischen Rüstungsindustriellen» Krupp und Thyssen, H a n i e l und Hoesch, Klöckner und Mannesmann, Stumm und Röchling schonen zu können. Man hat nichts davon gehört, daß man bestimmte deutsche Rüstungsindustrielle danach gefragt hätte, welche Gewinne sie dadurch erzielten, daß Draht nach Rußland und Sprengstoff nach Frankreich geliefert wurde, und das inmitten des Krieges, ferner daß deutsches Rüstungskapital in den russischen P u t i- low- Werken arbeitete und daß mit deutscher Hilfe die japanische Flotte erbaut wurde. Auch dürfte man sich kaum danach erkundigt haben, welche Geschäfte von deutschen Rüstungsindustriellen während der R u h r besetz u n g gemacht worden find. Masaryk-Gesetz perfekt Prag. Präsident Benes hat seine erste Unterschrift als Staatspräsident unter ein Gesetz gegeben. Es handelt sich um das Gesetz über die Ehrung T. G. Masaryks durch den Staat. Kontinuität ein russischer Interview vr. Hodias in der Außen- und Innenpolitik Vorstoß zezen die Mongolei Systematische Angriffe der Japaner gegen Grenzposten u N 51 : R Gl :|S 1C HT 33 Roman von Karl Stym Copyright by Eugen Prager-V erlag, Bratislava „Ach was! Ich ärgere mich nur. Draußen lacht sich Lorett ins Fäustchen, indes wir herinnen ihm die volle Schüssel erhalten müssen!“ „Leider!“ „Leider!“ Röhlings Gesicht wird vor Ärger puterrot.„Das kann jeder Narr sagen, aber satt wird keiner davon!— Der Teufel soll mich haben, wenn ich nicht in zwei Stunden Was zum Essen geschafft habe, und sollt ichs von Loretts Tisch wegholen müssen!“ Er geht. Wir sehen ihm nach, wie sein Licht in der Richtung zum „Nagele-Schacht“ verschwindet und haben ein hoffendes Gefühl im Magen. Wir warten geduldig zwei Stunden. In diesen zwei Stunden müssen zehn Kameraden an den Tag hinausgebracht werden. Lauter tapfere Kameraden, aber zu schwäch gegen Hunger und Kälte. Das ist gar nicht verwunderlich bei unserem Leben. Meist sind es Brustkranke, wie überhaupt fünfundsiebzig Prozent von uns an diesem Übel leiden. Fogger Schorsch sieht sich gezwungen, einen regelrechten Rettungsdienst einzurichten. Zwei Arbeiter sind ständig damit beschäftigt, die verschiedenen Lagerstellen nach Kranken abzusuchen. Wir nennen sie die„barmherzigen Samariter“. Die beiden haben traurigviel zu tun. Manche allerdings benützen diese Gelegenheit, um auf eine bequeme und entschuldbare Art an die frische Luft zu kommen. Von sechshundert am Anfang sind nurmehr fünfhundert in der Grube. Gegen achtzig haben sich auf Schamback: Weise empfohlen. Mehr dürfen wir nicht mehr verlieren! Rohling ist noch nicht da. Er ist schon vier Stunden weg. Unsere Mägen knurren und in unsere Körper verbeißt sich der Fröst. Essen!- Was zum Essen! Egal, was es ist, nur die Mägen soll es füllen, sonst brennt uns die Kälte aus. Wir brüten stumpf vor uns hin und vermeiden es ängstlich, uns gegenseitig in die fahlen Gesichter zu sehen. Unsere Gedanken kombinieren das Unglaublichste über Röhlings Ausbleiben. Uhu behauptet hartnäckig, er habe aus der Wetterluke des„Nagele-Schachtes“ einen Schuß gehört und nehme an, dies hänge irgendwie mit Rohling zusammen. Wir glauben es fast, well es nicht ausgeschlossen sein kann. Es muß etwas passiert sein. Röhling mag in manchen Dingen ein Lump sein, aber wenn er kommen kann, so kommt er noch. Ganz bestimmt! Dießler bleibt in unserem Lager, um für den Fall, daß Röhling noch kommen sollte^ gleich bei der Hand zu sein. Ich beobachte schon eine Zeitlang seinen unnatürlich weit vorgestreckten Kopf mit den unsteten, trübglänzenden Augen. Es hat den Anschein, als horche er in sich hinein, auf etwas, vor dem ihm selbst graut. Das ist gefährlich. Dießler hat im Krieg einen Kopfschuß bekommen. Die Kugel hat nun zu gewissen Zeiten eine besondere Lage und Dießler gebärdet sich dann wie ein Wahnsinniger. Wir mußten ihn schon einmal halb erschlagen, well er seinen Kameraden erwürgen wollte. Dabei schrie er fortwährend:„Die Italiener kommen!“ Ich mache Hell aufmerksam. Wir halten uns bereit. Dießler wird immer unruhiger. Er atmet hastig und die Haisund Schläfenadern schwellen an. Plötzlich blitzt es gelt in seinen Augen auf. Er wirft die Hände vor, verkrampft sie in der Luft und stürzt sich mit einem wilden Schrei auf seinen Nebenmann. Vier Paar Hände haben Mühe, ihn zu bändigen. Wir binden ihm Hände und Füße. Der Häuer Hager walkt ihn ganz fürchterlich mit seinem Hosenriemen durch« Das ist das beste Mittel! .Wir müssen ihn an den Tag hinausbringen. Kaum aber liegt er auf dem Wagen, kehrt das Bewußtsein zurück. „Nicht hinaus!— Nicht! Es ist schon wieder vorbei!“ Er wendet sich an den Tummler. „Hab' ich dir weh getan?“ Tümmler schüttelt den Kopf und Dießler setzt sich erleichtert in eine Ecke und schläft gleich ein. Es muß etwas geschehen. So kann es nicht länger weitergehen. Wir haben uns alle getäuscht. Jetzt erst erkennen wir, was für ein furchtbares Gefängnis wir uns selbst gewählt haben. Wir sind nurmehr Schatten, die willenlos herumhocken. Fogger Schorsch sieht furchtbar alt aus. Sein Anblick tut mir fast körperlich weh. Trotzdem hat er für jeden einen, Trost. „Bald, bald, Kameraden!“ Der Dank ist nur spärlich. Die blaugefrorenen Lippen versuchen ein dünnes Lächeln. Bald, bald! Wir sind doch schon drei Tage im Berg! Auf dem Ulm mir gegenüber leuchten weiße Buchstaben. Ich selbst habe sie mit viel Begeisterung darauf geschrieben. Vor zwei Tagen, nein, vor langer, langer Zeit. „Herinnen wollen wir sterben! Draußen müssen wir krepieren!“ Das stimmt nicht ganz. Hier im Berg ist das Sterben tausendmal fürchterlicher als draußen in der Sonne! Und noch fürchterlicher ist das Warten darauf! Ein großes Wündern ist in mir: Noch kein einziger ist wahnsinnig geworden. Dießlers Fall hat andere Ursache, wenn auch der unmittelbare Anstoß unsere traurige Lage war. Hell reißt sich energisch aus der Dumpfheit „Komm, Fritz, wir müssen etwas tun, sonst geht die Sache schief!" Wir gehen gegen den„Nagele-Schacht“. Uhu will mit. Nr. 299 DienStag, 24. Dezember 1938 Seite S fudetendeutsdiev Xeitspie&et Die Sanierung der Bergarbeiter-Versicherung Im Zeldien der Solidarität and der Demokratie Am Sonntag trat im Steinersaal des Lidobh düm in Prag unter Vorsitz des Abgeordneten Bro