Einzelpreis 70 Heller (einschließlich S Haller Fort«) 1ENTRALORGAN DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEM ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung frag xii., fochova«2. telefon 53077. HERAUSGEBER: SIEGFRIED TAUB. VERANTWORTLICH« REDAKTEURS DR. EMIL STRAUSS, FRAG. 15« Jahrgang Mittwoch, 25. Dezember 1935 Nr. 300 „Vision am Fenster Zeichnung von Georg H. Trapp.(Aus dem Arbeiter-Jahrbuch 1936.) Demokratie muß von unten kommen Ein Welhnaditsartlkel Dr. Hadias Die Weihnachtsnummer des„Venkov" vom 25. Dezember, veröffentlicht ein Interview mit dem Ministerpräsidenten Dr. H o d Z a über die Entwicklung unserer Demokratie und über die letzten politischen Ereignisse. In dem Interview erklärt Dr. HodZa u. a.: Heute lebt das Volk nicht mehr bloß durch die Intellektuellen und überhaupt nicht durch die Griechische und türkische Zusagen an England Paris. Zu den Unterredungen deS türkischen Außenministers und deS griechischen Gesandten mit Laval erfahren die französischen Blätter, daß die beiden Staatsmänner dem fran- zösischcn Außenminister bestätigten, daß ihre Staaten, wenn die britische Flotte im Mittelmeere bei der Durchführung der Sanktionen überfallen wird, derselben auwmatisch gemäß Absatz 3 des Artikels 16 des Bölkerbundpaktes Beistand leisten würden. Die griechischen und die türkischen Häfen würden der britischen Flotte zur vollen Disposition stehen. Italien bestürzt Uber Edens Ernennung Mailand. Obwohl gegenüber der Ernennung Edens in der Preffe noch Zurückhaltung bewahrt wird, herrscht in der Betrachtung der allgemeinen Lage wieder die pessimistische Rote vor. Die„Stampa" schreibt, nach der Ernennung Edens seien keine Schlichtungsversüche im italienisch-abessinischen Konflikt mehr zu er»s warten. Nach den bisher keineswegs ermutigenden Erfahrungenj zu urteilen, werde Eden den Zwang der Versöhnung vollziehen.„Popolo d'Aalia* schreibt; Die allgemeine Lage Europas hat sich ficht- Nch verschlimmert. Rach der Beerdigung deS Pa-1 riser Planes stehe Europa vor einem drohenden! Krieg, wie es die blutgierige» Sanktionisten ge- wünscht haben.. Wir tzxhen am Scheideweg und jeder muß seine Verantwortung übernehmen.! Italien trifft keine Schuld am Scheiter» des; Friedensangebotes. Die Schlacht bei Quorum ASmara. Während nach den italienischen Schätzungen in der Schlacht bei Edda Marian Quorum$00 Abessinier getötet und 1000 verwundet wurden, führt der italienische Heeres-! bericht an, daß auf üalienischer Seite 5 Offiziere! fielen, während 3 Offiziere und 100 Askari ver-1 wundet wurden. 70 Verhaftungen In Hamburg Hamburg. Als die Belegschaft der Werft Finkenwerder vor einigen Tagen frühmorgens im Betrieb erschien, fand sie das Tor und die, Wände des Betriebes mit antifaschistischen Lo-' sungen bemalt. An der Arbeitsstätte selbst fand man mehr als hundert Flugblätter, die zum Kampf gegen die Nazis aufriefen. Der Betriebsleiter verständigte die Gestapo, deren Agenten bald in Begleitung von Ueber- fallkommandos erschienen. Für länger als drei Stunden wurde der Betrieb stillgelezt und man versuchte, aus den Arbeitern Geständnisse zu erpressen. Als das mißlang, wurden 70 Arbeiter verhaftet.- Mongolischer Protest Moskau. Nach einer Meldung aus Ulan Bator hat der Stellvertreter deS Vorsitzenden, des Ministerrates und Außenminister der mcngo- li scheu Volksrepublik dem Außenminister von Mandschukuo eine Note übermittelt, in der gegen Sen Angriff japanisch-mandschurischer Truppen auf eiucn mongolischen Grenzposten in Bulun Tersno Einspruch erhoben wird. Die Note schließt mit einer Warnung vor den schweren Folgen weiterer liebergriffe japanisch- mandschurischer Truppenteile. Die Verantwortung dafür liege bei> Mandschukuo und bei der japanischen Regierung. Tor einem neuen veskecNnnKvroreS Nach Beendigung des Frainer Talsperrenprozesses wird am 7. Jänner vor dem Brünner Kreisstrasgericht ein neuer Bestechungsprozeß beginnen. Es handelt sich um Bestechungen, die öffentliche Funktionäre hauptsächlich bei S t r aße n b a u t e n im nordböhmischen und nordmährischen Bezirk empfangen haben. Diese Bauten führt die aus dem Frainer Talsperrenprozeß schon bekannte Firma Pittel und Brauiewetter durchs Angeklagt sind insgesamt acht Personen. Bolkselite, die früher den führenden Faktor darstellten, vielmehr stellt eS sich in der M a f s e dar. Diese repräsentiert, durchlebt und ich möchte sagen: bildet das Volk, auch wenn an seiner Spitze Führer und Intellektuelle bleiben. Die Grundlage unserer Demokratie ist v o n unten her erwachsen und muß von unten her auch die Lebenskraft für ihre weitere Entfaltung finden. Die von oben her o r g a- n i s irrte Demokratie würde zur D i kta t u r führen die von unten her emporwachsende Demokratie führt zur ehrlichen Organisation aller Komponenten, zur Regelung der Partei und zur Kultur des politischen Parteiwesens. Die englische Demokratie hat ihre Philosophie» die tschechoslowakische Demokratie drückt ihre Eigenartigkeit durch den Sinn für Disziplin, für Ordnung, für Verantwortlichkeit ans. Das ist ihr Beitrag für Weltdemokratie überhaupt. Tie Kultur der Partei hat ihre moralische Grundlage und demokratische Ordnung und erwächst durch die Diszipliniertheit der Demokraten. Sie ist eine typische Folge unseres Parteiwesens. Alle scheiterten, die sie nicht begriffen haben. Ohne Diskussion gibt es keine g e- reifte Demokratie. Eine wirklich gereifte Demokratie muß über die großen Staatsfragen erwägen und selbstverständlich diskutieren. Sie kann auf dieses Recht nicht verzichten, wenn sie nicht ihren Begriff und Sinn verlieren soll. Es war also natürlich, daß es bei der Präsidentenwahl unter den politischen Parteien und innerhalb der politischen Parteien eine Diskussion gab. Die demokratische Diskussion in einer disziplinierten, kulturell aufgebauten Partei ist s r u ch t ba r, schwächt nicht, sondern st ä r k t. i fest der Besinnung „Feste der Festlosen" hieß eines der geist- : vollen Bücher des Dichters und Politikers, Träumers und Tatmenschen Kurt Eisner. Es wurde zerrissen, zertreten, verbrannt wie so viele andere Bücher, die deutschen Menschen etwas zu sagen hätten, oder verborgene Exemplare vermodern, so wie des gemeuchelten Vcr- faffers Leib... Feste der Festlosen I Kurt Eisner plauderte in diesem Buche 1 von werdenden neuen Festen der Annen und den Zukunftsfesten einer kom- ! wenden Menschheit und von neuem Sinne der I alten Feste Weihnachten, Ostern, Pfingsten. Feste der Festlosen I Millionen kann Weih^ nachten kein frohes Fest sein, weil sie des Nötigsten entbehren. Und Millionen kann es kein frv- ' hes Fest sein, weil das politische Geschehen üy- | serer Zeit, ein Geschehen, dessen Verursacher und Tätige durchwegs christliche Staaten sind, in zu grauenvollem Widerspruch steht zu dem erhabnen, aus tiefster menschlicher Sehnsucht geborenen Sinn des Weihnachtsfestes. Ach ja, Lebcnö- j mittelpakete machen vielen Darbenden die Weih- I nachtstage etwas erträglicher, bescheidene Geschenke der Liebe zaubern auf blasie Kinderwan- gsk ein wenig Rot der Freude, und in den Kon- ' zentrationslagern und Kerkern der faschistischen . Staaten wird vielleicht weniger geprügelt und i den Gefangenen sogar etwas besseres Esten ge- geben, denn selbst Großverdiener und Leute- i schinder. werden zu Weihnachten ein wenig sen- j timental. Aber wer nicht sentimental im ge; chräuchlichen Wortsinne, sondern menschlich ge- ,! fühlvoll ist» wer nicht. autoritätsgUubig und also gedankenlos, sondern grüblerisch, nachdenklich ist, kommt nicht hinweg über den Gegensatz Zwischen Sinn und Widersinn, Schein und Sein, Liebeslehre und Haßtaten, Friedenswort und KriegSmord, der quälender und bedrängender vor ihn tritt als an allen anderen Festtagen. Aber aus solchen Widersprüchen werden die ! vorwärtsdrängenden, die erneuernden Gedanken ! geboren I Es sind allzeit die großer und starker Gefühle, die wirklicher Menschenliebe Fähigen > und die Nachdenklichen gewesen, die solchen Ge- ! gensatz überwinden wollten durch die Zerstörung des Scheins, durch die Verwirklichung des Sinns: Die Taboriten und die Böhmischen Brü- der, Thomas Münzer und die Wiede'ctäufer, die utopischen Sozialisten und die Bahnbrecher der modernen Arbeiterbewegung. Die Erinnerung an diese Rebellen erweckt Bitternis? Immer wieder seien die niedergeschlagen worden, die für die Wahrheit gegen die Lüge, gegen den Schein, für die Verwirklichung der Liebes- lehre gekämpft, die den Sinn gegen den Widersinn gestellt? Ja, sie wurden gerädert und geköpft und verbrannt, eingekerkert und außer Landes gejagt, aber mit ihnen sind nicht ihre Gedanken, ist nicht ihr Wollen und ihr Ziel verloren gegangen. Cs führt ein dem forschenden Auge deutlich erkennbarer Weg von Hus ünd den Böhmischen Brüdern zu Masaryk und der tschechoslowakischen Demokratie! llnd es führen nicht minder Wege vom ursprünglichen Christentum über Thomas Münzer auf deutschen Boden, über Saint Simon auf französischem zum modernen Sozialismus. Der Weg der Menschheit ist mit Märtyrerblut gedüngt, aber er führt doch aufwärts! Nicht geradlinig und nicht ohne Unterbrechung, und es schien oft, als gleite die Menschheit unaufhaltsam zurück, aber doch ist nie das Aufwärtsstreben, das Vorwärtswollen ganz erloschen. Italienische Bischöfe mögen zum Widerstand gegen die Sanktionen auffordern und ihre goldenen Ringe beispielgebend opfern und so Mussolinis Raubkrieg unterstützen— sie vermögen doch nicht die Idee der Menschenliebe, den innersten Gehalt des Weihnachtsfestes, aus der Wirklichkeit zu tilgen und ins Nurmetaphysische umzudeuten. Sie lebt in den Millionen derer, die zu den«Festlosen" gehören! Eine der tiefsten hellenischen Sagen berichtet, daß Prometheus, weil er den Menschen das Feuer gebracht hatte, von den Göttern an einen Felsen geschmiedet und einem Adler befohlen wurde, ihm täglich die Leber zu zerfleischen. Aber: die Menschen hatten das Feuer, das Licht, die Erkenntnis! Und deshalb ist Prometheus, wie der junge Marx sagte, der vornehmste Heilige und Märtyrer im philosophischen Kalender. War nichts das Licht, ursprünglich gleichbedeutend Seite 2 Mittwoch, 25. Dezemk r 1935 Nr. 300 mit dem Feuer, da es anderes als daS der Flam» me oder der glühenden Sonne nicht gab» den Menschen seit altersher Symbol des Wissens, der Erkenntnis? So wollen wir uns denn auch des altgermanischen Sinns der Weihnachtsfeier als Fest der Sonnenwende, der Wiederkehr des Lich» tes erinnern! Und daran, daß vor dem Nahen des Winters Samen in die Erde gesenkt wurde, der den Winter überdauert! Denn es kommt darauf an, den Samen über den Winter hinüber zu retten! Und der Samen des Guten, der Wahrheit, der Erkenntnis wurde— und das mag uns erhebender, stärkender, beseligender Trost sein heute, da es scheint, als sei eine neue Eiszeit über große Teile des Kontinents hereingebrochen— selbst über die schlimmsten, stürmische sten Wintertage der Menschheit hinüberzerettet, wann immer es in der Welt so schlimm und noch frostiger, finsterer aussah als in der Gegenwart! Aus diesem Wissen haben in Zeiten der Bedrängnis die Künstler des Kommenden ihre Zuversicht geschöpft. Kurt Eisner, der so oft Verfolgte und doch nie an der Menschheit Verzweifelnde, läßt in dem Drama„Die Götterprüfung", das er im Gefängnis schrieb, gläubig und zuversichtlich „Guldar", den Vertreter der Zukunft, ausrufen; Wenn einer nur des Guten Samen rettet Durch Sturm und Not, so lebt und wächst das Gute... Nicht einer nur, viele haben ihnen gerettet. In vielen Herzen keimt das Gute der Zukunft entgegen! ' demokraten und Kommunisten ist gegenwärtig dazu ebenso wenig in der Lage wie die etwas nebelhafte Volksfront. Die Parole der Einheitsfront hat jetzt mehr symbolische als politische Bedeutung. Ihre moraltiche Wirkung auf die illegalen Kämpfer, die völlig isoliert arbeiten, fast immer auf ihre eigenen schwachen Kräfte angewiesen sind und dennoch trotz Terror und Not gebeugt und hoffnungsfroh ihrer schweren Aufgabe nachgehen, darf dagegen nicht unterschätzt werden. Ganz allgemein ist die Erkenntnis, daß die S p a l t u n g der sozialistischen Arbeiterklasse Hitlers bester Bundes- genossewarund ist. Die Sehnsucht» sie zu überwinden, ist groß und allgemein. Daher haben die Aufgaben der Gegenwart und Zukunft, die nur durch eine geeinte Arbeiterklasse, die der Vortrupp aller Antifaschisten ist, gelöst werden können, vielfach die Streitfragen der Vergangenheit in den Hintergrund gedrängt. Sie spielen kaum noch eine Rolle. Die Zusammenarbeit zwischei^ Sozialdemokraten und Kommunisten im illegalen Kampf ist weniger eine Frage der politischen Zielsetzung als des p er- sönlichenVertrauens. Wo es vorhanden ist, da besteht die Zusammenarbeit und hebt das Vertrauen rn die gemeinsame Kraft. Aber es wäre ein.Irrtum, wollte man aus dem gemeinsam geführten Kampf gegen die Hitler- diktatur folgern, daß damit die Sozialdemokraten zu Kommunisten geworden seien.„Demokratiehat heute wieder eine größere Anziehungsfähigkeit als„Diktatur". Die stimmungsmäßige Sympathie für den„Arbeiterstaat Sowjetrußland" hat die deutschen Sozialdemokraten nicht blind gegen die Erkenntnis gemacht, daß die Methoden des politischen Aufbaues von Sowjetrutzland nicht aufDeutsch- land übertragen werden können. Sie kämpfen nicht gegen die Hitlerdiktatur, upr ihre eigene Diktatur aufzurichten. Ihre unerschütterliche Ueberzeugung gründet sich auf das sichere Bewußtsein, daß jedi Diktatur sich auf die Dauer ihr eigenes Grab schaufelt und von einer kämpfenden Demokratie gestürzt werden wird, die sich ihrer Kräfte bewußt ist und vor allem sie zur Sicherung ihrer eigenen Macht anwendet. Wer heute für Demokratie und für Freiheit kämpft, dem schwebt nicht die Wiederherstellung des alten Zustandes vor, in dem hinter einer republikanischen Fassade die Kräfte der Reaktion erstarkten, sondern ein neuer Volksstaat, in dem die Mächte des Fortschritts das politische und ökonomische Geschehen entscheidend bestimmen. Ist die Volksfront auch ein Schritt zu diesem Ziel? Diese Frage wäre zu bejahen, wenn neben der Opposition der sozialistischen Arbeiterklasse auch eine organisierte Opposition des Bürgertums vorhanden wäre oder entstünde. Man darf diese Kräfte nicht' in der ReichSweh r suchen, die an dem Sturz Hitlers kein Interesse hat. Auch die I n d u st r i e l l e n, die Nutznießer der Aufrüstung Hitlers, sind nach wie vor Bundesgenossen. Nichts fürchten sie mehr, als eine sozialistische Arbeiterbewegung, die sie entmachtet. Die Großagrarier werden ebenfalls aus Furcht, von einer politischen Umwälzung enteignet zu werden, weiter an Hitlers Seite stehen. Das gilt auch von der h o h e n B ü r o k r a t i e, die fürchten muß, daß ihre nun zum zweiten Male bewiesene Charakterlosigkeit ihre verdiente Strafe findet. Volksftont kann also nur ein Bündnis mitjenenKräften bedeuten, bei denen der durch die Diktatur herbeigeführte B e r l u st der persönlichen und politischen Freiheit schmerzlicher empfunden wird als der V o r t e i l auf anderen Gebieten. Eine geistige Brücke zu diesen Schichten Wer stürzt Hitler? Von Paul Horts In wenigen Wochen beginnt das vierte Jahr der Herrschaft Hitlers. Sein Schlagwort von den „vierzehn Jahren Schmach und Schande" ist verbraucht. Von seinen beiden Vierjahresplänen zur Rettung der deutschen Arbeiter und der deutschen Bauern spricht Hitler auch nicht mehr. Versprechen und Wirklichkeit sichen in zu starkem Widerspruch. Es gibt kaum ein besseres Symptom für den Niederbruch der Stimmung des deutschen Volkes als die heutigen Reden der Naziführer. Sowohl ihre beschwörenden Mahnungen, die Freiheit könne nur durch Opfer erkauft werden^ als auch ihre Drohungen, man werde niemals kapitulieren, beweisen gleichermaßen, daß auch sie die gewaltige Enttäuschung und Entfremdung erkennen, die zwischen Regime und Volksmassen einzetteten sind. Die Unzufriedenheit, die von Monat zu Monat wächst und einen sehr hohen Grad erreicht hat, beweist ebenfalls den Niedergang der Stimmung des deutschen Volkes. Trotzdem gibt es auch jetzt noch keinen realenWid erstand. Im Bürgertum so wenig wie in der Arbeiterklasse. In den letzten Monaten sogar weniger als im Sommer. Die Hoffnungen, die damals an eine hie und da beobachtete größere Aktivität einzelner Gruppen der qualifizierten Arbeiter geknüpft wurden, erfüllten sich nicht. Die V e r s ch l e ch t e r u« g der Wirtschaftslage, die die Existenz unsicher macht, übt bereits wieder eine lähmende Wirkung aus. Hatte die durch die Rüstungen bedingte vorübergehende Besserung der Wirtschaftslage das Selbstbewußtsein der Vorhut der oppositionellen Kräfte gehoben, so hat die Verschlechterung dieses Selbstpexttauen ,ney?rdings in Entmutigung verwandelt Den günstigen objektiven Voraussetzungen für eine Oppositionsbewegung von größerem Umfang, insbesondere durch Teuerung, Fett- und Fleischmangel und Arbeitslosigkeit, steht immer noch die ungebrochene Allmacht des diktatorischen Machtapparats gegenüber. Den von ihm ausgehenden lähmenden Druck kann man wahrscheinlich nur im vollen Umfang begreifen,, wenn man ihm selbst täglich und stündlich ausgesetzt ist. Wo durch ein brutales System von Rechtlosigkeit, Willkür und roher Gewalt jede Aeußerung des Mißfallens oder vorsichtiger .Kritik mit Verhaftung, AechtuNg oder Vernichtung der Existenz geahndet wird, wo jeder Versuch der Bildung einer oppositionellen Meinung mit vieljährigem Zuchthaus bestraft wird, da kann die Opposition, solange noch der Macht- lapparat derDiktatur unerschüttert ist, bestenfalls aus kleinen illegalen Vortrupps bestehen. Neben ihnen gibt es nur unorganisierte, und daher machtlose oppositionelle Stimmungen. * Man kann über den gesetzlichen, geschweige denn über den gesetzlosen Terror keine erschöpfende Uebersicht geben. Selbst das wird durch die Brutalität der Diktatur verhindert. Die Prozesse finden meist unter Ausschluß derOeffent- l i ch k e i t statt. Die Presse darf nur amtliche Berichte veröffentlichen, die aus wenigen Zeilen bestehen. Ost dürfen dabei nicht einmal die Namen der Verurteilten genannt werden. Deshalb lassen nur einzelne Tatsachen in diesen Abgrund von Haß und Gemeinheit hineinblicken. In den Zuchthäusern schmachten gegenwärtig fast ebenso viel politische wie kriminelle Verurteilte. Im Monat November sind in fünfzehn Massenprozessen, über die jeweils die reichsdeutsche Presse höchstens mit 10 bis 20 Zeilen berichtete, 250 Angeklagte zu mehr als 1000 IahrenZwebthaus verurteilt worden. In Wuppertal findet gegenwärtig ein Prozeß statt, der gegen 364 Angeklagte geführt wird, in Hamburg ein Prozeß mit 270 Angeklagten! Diese Massenprozesse, für deren Umfang es in der Geschichte aller Zeiten keine Beispiele gibt, beweisen, daß eine zähe kämpfende Opposition gegen die Hitler- d i k t a t u r vorhanden ist» Aber dies« Opposition ist geistig und organisatorisch zersplittert) Daß es nicht möglich ist, hem über alle staatlichen Machtpositionen gebietenden Gegner eine in den politischen Zielen einige Gegenbewegung entgegenzustellen, gehört zweifellos zu den größten Schwächen der antifaschistischen Bewegung. Solange diese Schwäche besteht und solange es nicht gelungen ist, dem totalitären Faschismus eine allgemeine Volksbewegung entgegenzusetzen, wird das wohl auch so bleiben. Auch eine Einheit aller Antifaschisten würde heute das politische Gesicht Deutschlands nicht entscheidend verändern können, solange nicht die Bolksstimmung sich entscheidend geändert hat und die Massengrundlage der Diktatur ins Wanken gekommen ist. G Die Einheitsfront zwischen Sozial- ,»Vater, ist das Göring in der neuen Uniform?“ ist also ebenfalls notwendig, soll die Oppositionsbewegung im Dritten Reich realen Charakter erhallen. Aber auch das kann nur unter demokratischen Losungen gelingen, die e r n st gemeint sind, und die nicht nur als Mit- tel zum Zweck dienen. Wer die demokratischen Freiheitsrechte nur als Lockmittel benutzen will, um sie nach der Machtübernahme preiszugeben, und dafür die eigene Dillatur aufzurichten, der verkennt, daß im Kampf der Klaffen L i st u n d Tücke noch nie erfolgreiche Waffen gewesen sind. In Frankreich ist ein Aufruf der Kommunisten, der diese Rolle der demokratischen Losungen etwas zu vorzeitig erkennen ließ, von dem bürgerlichen Teilnehmer der Volksfront, den Radikalsozialisten, zutteftend als„Einladung zum Selbstmord" bezeichnet und abgelehnt worden. * Einheitsfront und Volksfront sind Etappen, sind notwendige Hilfsmittel zumStürz d er Diktatur, aber keine Allheilmitte l. Sie können die polittsche Entwicklung beschleunigen, aber nicht das Schwinden der Massengrundlage des Regimes ersetzen. Noch sind sowohl die Kräfte in, der Arbeiterbewegung, wie auch im Bürgertum,' die den Sturz Hillers wollen, zu schwach. Die Zuspitzung der Wirtschaftskrise und auch andere wirtschaftliche und politische Ereignisse können jedoch Belastungen bringen, unter denen die faschistische Herrschaft brüchig wird. Dann wird die Kraft, die die Arbeiterklasse zum Sturz Hitlers zu entfalten vermag, zum entscheidend en Fakwr. Daß die Arbei« terllasse augenblicklich noch schwach ist, heißt nicht, daß andere ihr den Sturz Hitlers abnehmen können. Es läßt nur erkennen, daß der Sturz heute noch nicht möglich ist. Die Arbeiterllasse muß erst stark sein. Auch das notwendige Bündnis aller antifaschistischen Schichten wird erst dann wirksam werden, wenn der Kern der Opposition Legen Hitler, die sozialistische Arbeiterllasse, bereits so stark geworden ist, daß ein Bündnis mit ihr die Aussichten zum Sturz Hitlers entscheidend verbessert. Roman von Karl Stym Copyright by Eugen Prager-Verlag, Bratislava „Drei erwischt man früher als zwei!“ weist ihn HeU zurück,, Uhu macht ein betrübtes Gesicht, als ständen schon dicht hinter seinen Augen die Tränen. Ich gehe schnell weiter. Ich vertrage viel, aber Uhus Augen sind mehr als ich vertragen kann. Paul und ich durchklettern den Schacht Jede einzelne Leitersprosse ist eine Qual. Ich bin fast fertig mit der Kraft. Hell ruft vom Schachtrand ins Dunkel hinein: „HaUo!“ „Wer da?“ kommt es zurück. „Was ist mit unserem Kameraden geschehen, der vor fünf Stunden hier herauskam?“ „Weiß ich’s! Bin erst zwei Stunden hier!“ HeU und ich beraten kurz. Streikbrecher ist Böhling am allerwenigsten. Also muß was geschehen sein. Hells Stimme hebt, wieder an: „Kamerad?“ Der Posten lacht spöttisch auf. „Meinst du mich?“ „Ja!“ „Ich bin nicht dein Kamerad!“ Meine Lampe leuchtet in Hells zuckendes Gesicht „Aber ein Mensch!“ „Zum Teufel, steigt heraus oder bleibt drinnen, nur mich laßt in Ruh’!“ „Kamerad, wir haben Hunger!“ „Gebt doch den Blödsinn auf!“ „Dann hätten wir bisher alles umsonst durchgemacht l Wir können nimmer!“ „Nun, so füttert euch damit!“ Hell reckt sich höher und dämpft seine Stimme. „Wenn du willst, kannst du uns helfen!“ Wieder das spöttische Lächeln. Ich möchte hinunterspringen und dem Kerl an die Kurgel fahren. „He, meinst wohl, ich bin ein Lebensmittelmagazin!" „Das gerade nicht!— Aber wenn du willst, können wir zu einem kommen. Laß uns hinaus und wieder herein!“ „Das geht nicht, ich habe strenge Order, jeden herauszulassen, aber niemanden hinein!“ „Mensch, da drinnen sind Fünfhundert am Verhungern!“ Schweigen. Wir müssen aber hinaus. Zeigt sich der Posten nicht willig, so muß er eben dran glauben. Wir sind verzweifelt und, was ist ein Mensch, wenn es sich um fünfhundert handelt? — Der Gedanke ist gräßlich, doch furchtbar selbstverständlich im Augenblick. „Bedenke, fünfhundert Menschen!—> Ich bitte dich!“ Der Posten geht unschlüssig auf und ab. Hell atmet schwer. Ich fühle seinen zitternden Körper an dem meinen. Seine Hand tastet nach der Hosentasche, wo er Loretta Revolver hat. „Überleg’ es gut!“ Die Stimme ist heiser und bang, als fürchte sie das Korn» man de. „Wenn ihr Glück habt, meinetwegen. Aber Maul halten!" „Gott sei Dank!" Ich freue mich fast mehr um des kleinen Soldaten willen. Wir springen vom Waldrand in den Wald hinunter. Ich taumle gegen einen Baum. Eine unsagbar wohlige Schwäche betäubt mich. Im ersten Moment glaube ich ersticken zu müssen. Dann habe ich das sonderbare Gefühl, die Bäume, die Erde und der Himmel rinnen in mich hinein. Langsam gewöhnen sich meine Lungen und atmen fast geizig die volle Luft ein. Überall stehen Posten und rufen uns an. Wir geben uns als Streikbrecher aus und kommen ohne Zwischenfall in die „Rolle". Der Lagerhalter der Lebensmittelniederlage ist gar nicht erstaunt über unser Kommen. „Ich habe schon vorgerichtet!" Zwei dicke Rucksäcke, einer mit Speck und einer mit Brot vollgestopft, reißen uns fast um. „Hoffentlich habt ihr mehr Glück wie Böhling!“ „Was weißt du von ihm?“ .„Ich kanns nicht wahr machen, was ich sage. Er ist vor vier oder fünf Stunden von hier fort und von da ab fängt der Blödsinn an. Einige sagen, er sei erschossen werden, andere wieder, er habe einen erschossen.“ HeU sieht mich betroffen an. „Also doch!“ „Ja,’s ist schon so weit, daß euch Jedes Milchgesicht in Uniform abknallen darf!“ HeU zuckt die Achseln. „Sie müssen!" Der Lagerhalter faltet seine fetten Hände über dem lagerhalterüblichen Bauch. „Ich täte es nicht!“ Die Empörung macht das lächerlichfeiste Gesicht so komisch, daß wir hell auf lachen müssen. Wir kommen glücklich in die Grube. Die Kameraden vergessen vor Hunger ganz, nach Böhling zu fragen. Herrgott, ist’s möglich, daß ein kleines Stückchen Speck und Brot aus harten Männern Kinder machen kann? Dießler fiebert vor Gier und Uhu kreischt wie besessen in jeden Stollen hinein:„Kameraden, M—u—n—i—t—i—o—n!“ Und im Nu ist Fogger Schorsch von einer wUden Meute umlagert. Keiner will zu spät kommen. Schorsch teilt gleichmäßige Stücke an jeden. Er ist es von zu Hause aus gewöhnt, knapp abzuschneiden. Nr. 300 Seite 3 Auf dem Friedhof von Tellnltz Ansicht der Keramischen Werke ten, Eine Packerin 74jährige Packerin Lichtlose Weihnacht Ein Hilfspacker / • Mittwoch, 25. Dezember 1935 druck des Todes zurück. Nur auf dem größten Friedhof versöhnt nichts mit der Vergänglichkeit, hier tritt der Tod hart und unerbittlich auf und fröstelnd schreitet man durch die eisigen Hallen der stillgelegten Porzellanfabrik. Keinem Toten sind je in Tellnitz so viele Tränen nachgeweint worden wie den grauen Häusern» die, im Laufe der Zeit nacheinander entstanden, Hunderten Menschen Arbeit und Brot gegeben hatten und deren Leben zugleich, mit dem Feuer in den gewaltigen Rundöfen erlosch. Bor 35 Jahren bestand dieses Tellnitz erst aus einem Dutzend kleiner Hütten. Schwere Wald- und Feldarbeit ernährte die wenigen Be- Helmuth Krommer) wohner. Die Industrie hatte ihre Sendboten noch nicht in diesem versteckten Winkel gesandt. Ein Zufall brachte die Entscheidung. Unweit, im ! nahen Liesdorf, fanden bei einem Spaziergang ■ Unternehmer einer kleinen Porzellanfabrik des i Teplitzer Industriegebietes brauchbaren : F e l d s P a t und es erschien ihnen rentabel, auf , dieser Grundlage eine neue Porzellanerzeugung aufzunehmen. Bisher hatten sie vornehmlich die ! weißen glänzenden Porzellanknöpfe, mit denen damals unerfreulicherweise Möbel, vor allem Diwans.werziert" wurden, erzeugt, nun wollten sie zur Massenfabrikation von Elektroporzellan, also von Porzellan für die infolge der allge- ! meinen stürmischen Elektrifizierung rasch aufblühende Elektroindustrie, übergehen. Der Plan wurde in die Wirklichkeit umgesetzt, aus kleinen Anfängen entwickelte sich im Laufe der Jahre ein großes, blühendes Unternehmen, das räumlich größte unseres Staates, und obwohl sich bäld herausstellte, daß der einheimische Spat die Konkurrenz mit dem reichsdeutschen nicht aushalten konnte, wurde die Rentabilität der Fabrik dadurch nicht beeinträchtigt, denn man bezog eben die reichsdeutsche, Ware zur Verarbeitung. Die Voraussetzung war fortgefallen, die Folgen blieben doch erfreulich. Schließlich gab es acht drei- stöckigeRundöfen, in denen abwechselnd aber ununterbrochen Porzellan gebrannt wurde, Sicherungen, Isolatoren und was sonst die Elek- tro-Jndustrie braucht' in den besten Zeiten vor dem Kriege wurden nicht weniger als 70 0 Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigt, die Zahl der Werkstätten nahm dauernd zu und auch die Dachdecker hatten ihre Freude, denn dort, wo der Erzgebirgssturm einen großen Teil deS Jahres mit noch nicht erheblich gemindert ter Kraft ins Tal braust, ist auf 9000 Quadratmetern Dachfläche immer wieder etwas zu richten und in Ordnung zu bringen. Wenn auch nach dem Kriege die Höchstziffern nicht wieder erreicht wurden, da das in- In tausend Hütten wohnt die Not, Kein Stern'entzündet hell sein Licht, Der Hunger kreischt— Wir wollen Brot, Die grüne Tanne wärmt uns nicht! Erloschen rastet die Fabrik, Und hunderttausend Füße gehn Den Weg zum Stempeln und zurück— Kein Lichterbaum ist hier zu sehn! Die Sorge nistet auf dem Haus, ■ Das Leben geht mit mattem Schlag Die Hoffnung wandert weit hinaus ..Und weint sich blind an jedem Tag... Die Kinder klagen wortlos an, Du siehst sie und wirst totenbleich— Den Hunger niemand stillen kann Durch Vorschuß auf das Himmelreich— Wann kommt die Stunde, da das Licht Der Freude unsern Baum erhellt, . Der Tag, da unsre Not zerbricht Wär* Weihnachtsfest der ganzen Welt! Emst Ditt mar Höfen. Die Ofentüren stehen offen, das Quecksilber in den Thermometern ist in sich zusammengesunken und wartet vergeblich auf die 1400 Grad, die allein es hinauftreiben können. Doch die Grube, die vor dem Kriege drei Waggons Braunkohle täglich und noch in der letzten Zeit zwei Waggons wöchentlich zu liefern hatte, ist ohne Auftrag. Auf den Maschinen, den vielerlei Stanzpreffen— wir haben 76 gezählt— sammelt sich der Staub. In der Gießerei sind die Hähne geschloffen, keine Maffe fließt aus den Röhren in die Formen, in denen das Porzellan mit wenigen Millimetern Abstand zum Brennen aneinander? gefügt wird, stehen unbenüht in hohen Säulen. Ueberall Stille, Vergänglichkeit, Tod. Im Kontor liegen schon die Briefe der Jntereffenten, die diese oder jene Maschine, dieses oder jenes Einrichtungsstück aus dem einst so lebendigen Organismus herausreißen und anderswohin verpflanzen möchten. Und was keinen Liebhaber finden würde, soll den Weg alten Eisens gehen, mag es auch noch gar nicht alt uno noch durchaus brauchbar sein. Die Belegschaft muß man in den kleinen Häuschen von Tellnitz, Arbesau und Liesdorf suchen, wenn man ihren Jammer sehen will. In guten Zeiten sind, die Menschen hierher scheintot, denn die Entscheidung, ob seine Agonie noch unterbrochen werden kann, liegt im Handelsministerium, das in der Stillegungsverordnung das Rezept besitzt, das allein helfen kann. In seiner Hand liegt es auch zu entscheiden, ob das Sterben nur verlangsamt werden oder ob wirklich frisches Leben in die Mauern einziehen soll. In den ausgestorbenen Sälen dröhnt der Schritt. Manchmal knirscht unter den Sohlen ein zertretenes Bruchstück. Wo noch- vor kurzem die gewaltigen Oefeq wohltuende Wärme ausstxöpi-- herrscht fetzt eine Kälte, die empfindlicher ist Frosttemperatur auf den verschneiten (Zeichnungen von Man kann das Dorf, das in den letzten Wochen der Kampf um seine Porzellanfabrik auch in weitere^ Kreisen bekannt gemacht hat, mit der Verbindungsbahn Bodenbach—Teplitz, deren Station es ist, oder— und das ist die Hauptverkehrsader, für den Personenverkehr— mit der Straßenbahn von Aussig erreichen, die an Werktagen etwa jede Dreiviertelstunde einen Wagen mit Anhänger hinauffahren läßt. An Sonntagen bei gutem Wetter, besonders wenn im Erzgebirge Schnee liegt, müffen Sonderwagen eingeschoben werden sind trotzdem gelingt es oft nur unzulänglich, mit der eingeleisigen Strecke den großen Andrang der Skiläufer zu bewältigen.' Es ist die Haupiausflugslinie für die 80.000 Menschen, die im Auffig-Schreckensteiner Industriegebiet wohnen. Die Schienen liegen auf der Landstraße, die zwischen Dörfern, Feldern, vereinzelten Waldparzellen, aufgelassenen und noch betriebenen Kohlengruben bergauf und bergab führt und doch allmählich Höhe gewinnt. Schließlich kommt Arbesau» dann ruft der Schaffner die Haltestelle „Monumente" aus und in der Endstation Tellnitz steigen wir nach 48 Minuten auS; die Straße wendet sich in rechtem Winkel hinauf zum Nollen- dorfer Paß, diesem Einfallstor von Sachsen nach Böhmen, deffen Vorzüge die Truppen Friedrichs II. genau so zu schätzen wußten, wie Napoleon und seine Gegner im Jahre 1813. Wir stehen im Raume von Tellnitz auf blutgetränktem Boden. Noch viele Jahre nach dem Morden fand man in den Wäldern Gebeine von Menschen, die, von der feindlichen Kugel zerfleischt, einsam eines bitteren Todes gestorben waren. Ein Beinhaus und drei Monumente, ein österreichisches, ein preußisches und ein ruffisches, mahnen die Men- schen vergeblich, endlich durch Schaden klug zu werden. So ist Tellnitz und Umgebung an Friedhöfen reich. Doch auf ihnen liegen Blumen, die Gräber sind gepflegt und das Leben drängt so den Ein ländische Absatzgebiet viel kleiner geworden war, gab es doch noch Zeiten, in denen fast 500 Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigt wurden; auch wurde die Erzeugung um die Herstellung von hygienischen Porzellan, Waschbecken, Klosetts und dergleichen sowie von Steingutwaren vermehrt. Nur infolge eines Besitzwechsels ging das Unternehmen in Konkurs und obschon die Herr Dr. Brand sehnt sich nach Goebbels-Literatur Die Zeitschrift„Neuer M o r g e n" hat eine Rundfrage veranstaltet, welches das beste deutsche Buch des Jahres 1935 gewesen sei. Genau wie im Vorjahr haben wieder eine Reihe deutscher Würdenträger, vor allem die Lehrer und Führer unserer akademischen Jugend erklärt» sie hätten keine Zeit, schöngeistige Bücher zu lesen und kämen höchstens dazu, ihrer Berufsliteratur nachzugehen. So merkwürdig dieses Bekenntnis in den Tagen wirken mußte, da der Namen Masarykin aller Munde war, der Namen eines Mannes, der als Gelehrter und Politiker immer geit hatte, schön- geistige Bücher zu le se n, und noch als Staatsoberhaupt Zeit fand, der Philosophie und der schönen Literatur nachzugehen, wo immer sie deffen wert schienen». so. sehr ist man an deutschen Geistesführern die Entschuldigung schon gewöhnt, daß ihnen neben der Berufsarbeit— und allenfalls Vereinsmeierei, die sich als völkische Arbeit gebärdet— keine Zeit bleibe, ihren Horizont zu weiten. Bemerkenswert ist aber, was ein so j u n g e r Mann wie der Führer des Kb und der SdP., Herr Dr. Walter Brand, zu sagen hatte. Auch Herr Dr. Brand hat n a- türlich keineZeit und gibt es schon in der Jugend auf, neben der Berufsarbeit schöngeistige Bücher zu lesen. Aber er schüttet bei dieser Gelegenheit auch sonst sein übervolles Herz aus. Außerdem darf ich aus Ihrer Anfrage entnehmen, daß Sie zweifellos das beste deutsche Buch des Jahres 1935 überhaupt meinen. Infolge der sch a r f e n V e r b o t s p r a» x i S kommt jedoch nur ein geringer Teil der neuen deutschen Bücher zu unserer Kenntnis, so daß ihre Frage wohl dahin hätte eingeschränkt werden müssen, daß Sie das b e st e jener Bücher meinen, das dem Sude- tendeutsch tum zur Kenntnis gelangt. Es ist gelinde gesagt eine Keckheit, dies niederzuschreiben. Von der hitlerdeutschen Buchproduktion kommt bis auf einen Keinen Bruchteil alles herein, selbst der Rest aber wird meist erst verboten, wenn die Bücher längst verkauft sind, und Herr Brand hätte Auswahl genug auch unter der gleichgeschalteten Literatur. Wenn er auch unter diesen Büchern das beste nicht findet, so heißt das wohl, daß ihn überhaupt nurjeneBücher locken, die für die Einfuhr in einen demokratischen Staat von vornherein nicht in Betracht kommen? Und warum sagt er, einmal so offenherzig geworden, nicht gleich rundheraus, daß er heuer wie früher und auf Jahre noch„Mein Kampf" für das einzige lesenswerte deutsche Buch hält? Daß dieses klassische Werk die Gedanken der Henleinführer dauernd beschäftigt, verraten sie bei jeder Gelegenheit. Hat doch auch Konrad Henlein(für den bei der zitierten Rundfrage natürlich die Kabinettskanzlei antwortet, nämlich daß er verreist sei) in London gleich erzählt» er kenne Hitler nicht und würde;' wenn er„Mein Kampf" bei sich trüg-, auf der Stelle verhaftet werden. Wir möchtest anrezen, daß man Herrn Brand-von staatswe- gen ein Gratisexemplar von „Mein Kampf" für den Privatgebrauch chenkt, damit das kindische Geraunze schon aufhört und die Herren endlich das deutsche Buch lesen können, das ihnen nun einmal unersetzlich und neben dem ihnen von Lessing bis Thomas Mann, von Schiller bis Hauptmann, von Kant bis Haeckel das deutsche Schrifttum anscheinend gestohlen werden kann.. fudetendeutstfier Zcitspiegcf 1■■■■■ mehriahrige Abwicklung des Konkursverfahrens gezeigt hat, daß es nicht am Unternehmen, sondern am Unternehmer gelegen hatte, wenn es zu diesem Zusammenbruch gekommen war, bedeutete dieser Zwischenfall einen gewaltigen Vorsprung der Konkurrenz, die, organisiert im Wirtschaftsvcrband der Porzellanindustriellen, den Augenblick für gekommen hielt, sich diesen Konkurrenten vom Leibe zu schaffen und ihm endgültig das Lebenslicht, das heißt die Porzellanöfen, auszublasen. Die einzelnen Phasen dieses Kampfes sind aus unseren Veröffentlichungen bekannt. Gegenwärtig ist der Betrieb tot, oder, wenn man will, gezogen, sind zwanzig und dreißig Jahre In diese Fabrik gegangen, und stehen nun plötzlich ohne jede Schuld einer Katastrophe gegenüber, für deren seelische und materielle Bewältigung ihnen alle Voraussetzungen fehlen. Die politische und gewerkschaftliche Schulung ist trotz aller Bemühungen der zuständigen Funktionäre gering geblieben, andereArbeitsmöglichkeiten, außerhalb der 'Porzellanfabrik, sind nicht zu finden. Den billigen Versprechungen des Wirtschaftsverhandes, er werde den Großteil der Arbeiter umsiedeln, glaubt niemand. Weit sind breit ist kein Hoffnungsschimmer zu sehen, wenn die Fabrik endgültig geschloffen bleiben sollte. Die Gemeindeverwaltungen, durch den Steuerausfall der Fabrik selbst am Bettelstab, können auch nicht helfen. Diese Ratlosigkeit im Unglück ist das furchtbarste. Schweigend sehen die hohen Berge des Erzgebirges in das Tal hinab, aus dem wie der erstarrte Zeigefinger eines Toten der Schornstein emporragt. Sie haben manches Unheil der Menschen gesehen und gehört, nicht nur Krieg und Kriegsgeschrei. Sie erinnern sich noch, wie der schwarze Tod von Hütte zu Hütte eilte und über Nacht Familien, Männer, Frauen und Kinder, in qualvollem Sterben ausrottete; sie hören noch den Donner des Bergbaches, der in der Tollheit der Schneeschmelze Hütten und Ställe, Brücken und Wege hinwegrih und die Leichen von Menschen und Tieren gurgelnd in die Weite trug. Das alles verstanden sie noch. Doch diesmal sehen sie die.Männer sich härmen, die Frauen weinen und die Kinder hungern und sie verstehen nicht, warum cs so sein muß. Man merkt, daß ihnen auch die einfachsten Begriffe der modernen„Nationalökonomie" fehlen. Fritz T e j e s s h. ,.r |unu IHM MW-V »»TMK V Seife 4 Mittwoch, 25. Dezember 1935 «r. 300 Heim ins Dorf! es „Wilder“ Häuer ter mag es nicht verstehen, daß in einem Elend-» raum Menschen, Männer, Frauen und Heine Kinder, frieren und nebenan Hegt die Kohle auf freiem Felde und niemand soll sie holen dürfen. frischen Schnittflächen in dem Leib der Erde, sieht alles sinnvoll und ordentlich aus, die Deinen Wagen fahren die lcsgebrochene Kohle ab, irgendwo wartet eine Drahtseilbahn oder ein Eisenbahnzug... aber öde und leer sind die verlaffenen Gruben. Die einst senkrechten Schnittflächen haben unter dem Einfluß von Wind und Wetter nachgegeben- sind abgerutscht, auf ihnen steht Ge« strüpp und gelbes dürre- Gras. Auf der Sohle hat sich ein. tiefer Tümpel gebildet. Wo Unser« tagSstollen gewesen waren, sinkt die Erde allmählich in sich zusammen, es bilden sich Löcher, daS ganze Gelände sieht zerfressen auS wie ein blatternnarbiges Gesicht. Die Häuser im Umkreis stehen schief wie der Turm zu Pisa, nur daß k-ine Fremden sie als Weltwunder bestaunen, und dauernd achten die Bewohner darauf, ob die Neigung nicht wächst, denn dann müßten sie bc furchhohen Prozentsatz auS Kleinbetrieben mit wenigen Arbeitern bestand. Jeder Bauer überlegte, ob er aus seinen Feldern nicht mehr Profit herausholen würde, wenn er sich zum Abbau der Kohle entschlösse, die meist schon wenige Meter unter der Ackerkrume in guter oder mindestens brauchbarer Qualität zu finden war. Tagbau erfordert^nurn wenig Kapital und so wurde unbekümmert um Landschaft und Nachbar darauslosgegraben. Ueberall entstanden Locher, auS denen Kohle herauSgeholt wurde, deren Qualität natürlich sehr verschieden war, doch da oiese Unterschiede sich vielfach erst beim Brennen yer- ausstellten und oft, besonders von.den Ha"S- frauen, nicht beachtet wurden, da der Preis der Zufuhr entscheidend war, blühte die freie Konkurrenz mit allen ihren Vorzügen und Nachteilen. Damals war es den Großunternehmen noch nicht Mißhandelte Landschaft — mißhandelte Menschen Gesetzlicher Profit und wilder Bergbau Der Reichtum der Erde wird ost nicht nur den Menschen, sondern auch ihr selbst zum Fluch. Ihre Flanken werden atzfgerissen, grüne Wiesen, blühende Felder, hochragende Wälder verschwinden, stickige, zum Husten reizende Lust liegt über den offenen Eingeweiden, in denen, Ameisen gleich, Menschen herumkriechen, graue, eintönige, schon kurz nach der Fertigstellung schäbig und ärmlich wirkende Häuschen säumen endlos die von staubaufwirbelnden Lastautos zerfahrenen Straßen, ein hohlwangiges, kränDicheS Geschlecht wohnt zwischen Halden und Schächten und die blaffen Kinder spielen statt mit Blumen mit Kohlenbrocken. Die TschechoslMvakische Republik ist der zweitgrößte Braunkohlenförderer der Welt, sie wird in der geförderten Menge zwar von Deutschland um ein Vielfaches übertroffen, doch ist die im nordböhmischen Becken gewonnene Braunkohle meist vifl bester und liegt in mächtigeren Flözen. Sie bilden zwischen Eger und Elbe fast die Erdoberfläche und so ist es nicht verwunderlich, daß in der heimischen Wärmewirtschaft die Braunkohle eine führende Rolle spielt. Die Braunkohle liegt eben hier nicht i n der Erde, sondern beinahe auf der Erde. Es ist noch nicht lange her, daß sich, besonders in der Gegend von Brüx und Teplitz, Schacht an Schacht fügt, daß der Weg von Grube zu Grube führt. So alt und berühmt Böhmen als Bergbauland ist, es sei nur an Kuttenberg und Joachimsthal und seinen Joachims-„Taler" erinnert, den noch heute der NeguS von Abessinien im Mariockheresientaler nicht minder verehrt, als der moderne Bankier im Dollar— Taler, stammt der Abbau der Braunkohle doch erst aus dem Beginn des vorigen Jahrhunderts und eine Legende will sogar wiffen, daß es zwei Engländer gewesen seien, die die Entwicklung in Gang gebracht hätten. Im Gefolge der Verbündeten, die Napoleon nach Leipzig verfolgten, seien sie auch in das K'e- biet zwischen Elbe und Eger gekommen und der Donner der Schlacht von Kulm habe die gerifferen Kaufleute nicht gehindert, geologische Untersuchungen und Rentabilitätsberechnungen anzustellen. Sei dem wie immer, im Jahre 1926 betrug die Braunkohlenförderung der Tschechoslowakischen' Republik über zehn Millionen Tonnen, im Jahre 1932 sogar schon 16 Millionen. Die dichtbewohnten Industriegebiete von Teplitz und Aussig his Warnsdorf pnd von dort südöstlich nach Reichen» berg und Gewlonz mit mehr als 200 Menschen auf dem Quadratkilometer— die größte Siedlungsdichte in unserem Staate— sind ohne diese Förderung nicht denkbar. Jetzt schreiben wir allerdings Ende 1935 und nicht nur die Zahlen haben sich seither geändert! Es war seit jeher eine Eigenart des nordböhmischen Braunkohlenbergbaues, daß er zu einem möglich, die Preise zu dMeren, doch durch Ankauf von Boden und Schürfrechten suchten sie allmäh» lick eine beherrschende Stellung auf dem nordböhmischen Braunkohlenmarkt zu erhalten. Selbstverständlich ist nicht aller Braunkohlenbergbau in Nordböhmen Tagbau. Es gibt auch viele Tiefbauten, in die der Bergmann mit der Schrle hinabfährt, doch selbst diese Betriebsform findet sich bei Kleinbetrieben und es sind Menschenhände, die das Seil von der Haspel abrollen lasten. Doch bleiben oft auch die Tief- in die der Bergmann hinabfährt. Es bietet ein trostloses Bild, wenn man ar einem trüben Wintertag zwischen den Gruhxn umherschweift. Der Schnee'der Landschaft ist vom Kohlenstaub, der die Luft erfüllt» dunkel besät, nur von den Höhen des nahen Erzgebirges blink« es weiß herab. Grube wechselt mit Halde ab, hier geht es in die Erde hinein, dort häufen sich die bauten erheblich unter hundert Metern Schachtlänge, es sind gewöhnlich 20 oder 30 Meter Tiefe, Abraummaffen zum Berg. Wo gearbeitet wird, verführt der Rhythmus der Arbeit, man sieht die ten, daß ihnen während der Nacht das Dach über dem Kopfe einstürzt. Der Laie macht sich meist eine durchaus unzulängliche Vorstellung von dem Ausmaß der Erdbewegung, die im Zusammenhang besonders mit solchem Tag- oder Flachbau erfolgt. Es gibt im nordböhmischen Industriegebiet Straßen, die in wiederholtem Wechsel bergauf und bergab führen und es sind doch keine.gewachsenen" Berge, von denen die Kinder herunrer- rodeln, sondern einstige Halden, die— zur Befestigung des Erdreichs mit dichtem Nadelholz bestanden— vergessen lasten wollen, wie hier die Erde mißhandelt worden ist. Man braucht nur wenige Schritte von der Straße seitwärts zu gehen, schon steht man vor Mulden, die wie Müllabladeplätze aussehen und oft sogar von einem Drahtseil eingefaßt sind, um Neugierige abzuhalten, sich dem trügerischen Erdreich anzuvertrauen. Hier jflf kann die Erde den Frevler im wahrsten Sinne des Wortes verschlingen und mancher hat mst dem Leben gebüßt, daß er sich durch das Drahtseil nicht abhalten ließ.. Es waren keine leichtfertigen Spaziergänger," denen solches Schicksal widerfuhr.. Wer zur Erholung in- Freie geht, sucht sich nicht gerade auf- gelastene Gruben für die Sonntagswanderung aus. Es find arme Menschen, denen die Kälte bitter weh tut und die das Leben einsetzen» um hier ihren Sack mit Kohle zu füllen und zu Hause heizen zu können. Mögen sich die Elemente gegen sie verschwören» sie lasten eS nicht, sie wollen lieber im ärgsten Fall ein Ende mit Schrecken erleiden als den Schrecken der eisigen Not Tag*ur Tag wehrlos erleben. Der Furcht vor den unsichtbaren Armen, die sie mitten in der Arbeit um den Leib fasten und in daS dunste Reich der Unterwelt hinabziehen können, geben sie nicht nach, aber sie flüchten, wenn sie den Wächter der Wach- und Hchließgesell'chaft kommen sehen, der. mit Uniform und Revolver auSgestattet, die Gruben abstreist. um die Uebeltäter, die„wilden" Bergbau treiben, zu fangen. Wir wissen nicht, ob ihm je gelingt, diese Aufgabe zu erfüllen. Die Wächter sind ja auch verschieden. Wir lernten einen kennen, dem rannte sein Hund stets schon so weit voraus, daß alle„wilden" Bergleute reichlich Zeit hatten, davonzulaufen. Wenn der Alte- mit seiner Pfeife endlich ankam, war die Grube längst leer. Mag sein, daß es, abderSwo weniges idyllisch zuvht aber überall ist gleich groß die furchtbare N/ der Arbeitslosen und Kurzarbeiter und auch ein Wäch- „Lanrazeche Denn es nur nicht so gefährlich Ware f Man hört den Verdacht äußern, daß der Dächtest oft nur als Rückendeckung für die GrubenbesitzetzLe- dacht sei, die, wenn daS Furchtbare doch geschehen und ein„wilder" Bergmann— wie oft ist es eine Frau!— von der Erde verschlungen werde» füllte, vor Gericht in der Lage sein wollen zu sagen, daß ft-, alles nur mögliche getan hätten, um daS Unglück z^ verhindern. Auf Schlitten und Rodeln, auf Handwagen und in Tragkörben wird die Kohle weggeschafft. Nähert man sich einer solchen aufgelasseUen Grube, sieht man die Gefährte schon am Rankst warten. Steigt man in die Tiefe hinab, muß man die ängstlich-mißtrauischen Menschen durch Zurufe beruhigen, daß man nur zusehen und niemanden vertreiben wolle. An den Arbeitsplätzen bietet sich ein merkwürdiges Bild. Jede Familie hat ihren eigenen Winkel. Der Mynn löst mit der Spitzhacke die offen zutage tretende Kohle ab, dje Frau siebt sie, um den Staub zu entfernen, füllt sie in den Sack, der, sobald er voll, ist, zum Eubenranp hinaufgetragen und möglichst sofort nach"Hause, geschafft wird. Wie viel« Kinder des Kohleng-vie- teS müssen Rodel, die mit.Kohle beladen sind» nach Hause zieben, immer ängstlich ausschauend, damit nicht der Wäkbter sie entdeckt und den Preis der elterlichen Mühe beschlagnahmt. Auch sie wissen' sich sicherlich eine schönere Verwendung für ihren Schlitten, öfter auch sie sind schon in die Schwere proletarischen Lebens eingespannt und müssen ziehen und ziehen und auch sie verstehen nicht, warum neben dem Hause die Kohle auf dem Felde lieat und sie Diebe sein sollen, wenn sie sich sie holen, um die kalte Küche zu heizen. Wir könbeN' es ihnen nicht erklären, denn die Dum mb eit", d e r E r w a ch s e n e n, die es nichtfertigbn'n-j gen. die Reichtüm-r der Erde einigermaßen oerecht' zu verteilen, ist so groß, daßeinKjnd si e n i ch t v e rste h e n ka n n. F. T./ (Zeichnungen von Helmuth K r o m m e r.) s Die Aufrechterhaltung des Mieterschutzes wird vom Reichsverband der Mietervereine(Prag)K sowie von der Arbeitsstelle der deutschen Mieier^- Vereine(Teplitz-Schönau) in einer kürzen knappen, aber treffenden Denkschrift begründet. Wir hoben daraus nachstehendes hervor:,; Die Mieterschutzbestimmungen beziehen sich nurmehr auf steine Wohnungen und stejne Be-, triebsstätten einerseits, auf Mieter mit geringem Einkommen andererseits. Di« Inhaber vpn llei-__ nen Betriebsstätten sind dabei Ichog yaL dzm d)s> Hersgen. Gesetz«mpfindlUW. IMtHMxMustgen‘ aufgesetzt gewesen. Sie haften E gllgeurernen. eine vierfache Steigerung des FrietzensziNsiS agj sich genommen. Hat z. B. ein solcher Mietereinen steinen Laden oder eine Werkstätte zu, einem Vor-, kriegszins von 50 Xä monatlich, dann hat er nach dem jetzigen Stand der Gesetzgebung 200. Xö dafür zu bezahlen. Dem Mieter einer solchen Be-' triebsstätte wurde somit der Zins in erheblichem- Umfang aufgewertet und diese Aufwerfung zu-> gunsten des Hauseigentümers bedeutet 7 für den' Mieter eine um so größere Belastung, als Hand/ in Hand mit der Erhöhung der Mietzinse auch gleichzeitig die Erhöhung der Gemeindeabgaben- für die Mieter eingetreten ist. Die Frage der Erhaltung des Mieterschutzes, ist von großer Wirtsch a f t l i che r Tra g-- weite für viele hunderttä«sende F a m IT i e n, gerade in der jetzigen Zeit, da das. Masseneinkommen durch Arbeitslosigkeit,‘ Kurzarbeit und Lohnabbau außerordentlich zusammen-. geschrumpft ist. Ein Abbau des Mieterschutzes insbesondere für die Arbeitslosen würde getad»-zü, katastrophale Folgen nach sich ziehen. Aber auch die anderen Arbeiter würden emvfindlich getroffen werden, da die Löhne seit 1930 in erschrek- kendem Ausmaß abgebaut wurden und der weitaus größte Teil der noch beschäftigten Arbeiter in den niedrigsten Lohnstaffen versichert ist. Die-lehr der Mieterschutz notwendig ist, gebt daraus Hervor, daß nach den Angaben des statistischen Staats«, amt«s von den Gesamtausgaben einer Arbeiker- familie in einer geschützten Wohnung 8,62 Pro-' zent auf die Miete, b°i der. ungeschüßten Arbc'lex-^ familie jedoch 19.62 Prozent entfallen. Die. Arbeiterfamilie in geschützten Wohnungen benn-chte 51 Prozent ihrer Ausgaben füribie Deckung der Ernährung aufzuwenden, die Arbeiterfamilie in einer ungeschützten Wohnung nur-45.08 Prozent.. Alle diese Gründe, sprechen dafür, daß das. Mieterschutzgesetz als ein ausgesprochen soziales, Gesetz gerade in der Zeit der herrschenden sckiwe-. ten Krise trti Interesse Hunderttausender Familien aufrecht erhalten werden muß. Höher als das. Wohl einiger zehntausender Hausbesitzer steht aas Wohl und die Existenz hunderttausender Familien Deiner Mieter, die durch den Abbau des Mie- terschutzeS vollkommener Verelendung preiSgegebea würden...?• Zum Schluß wird eine durchgreifende Aende?» rung des'Mietrechtes verlangt, soweit-irs, im 25. Hauptstück deS Allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuches geregelt ist. Es muß gefordert wer-. den, daß die Rcvellierung des MietrecksteS vor 1 Inangriffnahme der Gesamtnov'llieruNg des bür--- gerlichen Rechtes vorgenommen wird, dergeßalt, daß ein sozial gerechtes Mitrecht geschaffen wird.u getragen von dem Leitgedanken, daß der M» ter" vor unbegründeter und willkürlicher- Kündigung’ sowie vor unangemessenen Mietzinsen geschützt wird. 9h. 300 Mittwoch, 25. Dezember 1935 Seite 5 Wie schaffen wir Arbeit? Die Lage in einigen sudetencleiitschen Industriezweigen Sine Umfrage unseres Blattes Wir haben uns an einige Genossen gewandt mit dem Ersuchen, sie mögen sich über die Lage des Industriezweiges äußern, mit dem sie beruflich verbunden sind. Es handelt sich durchSwegs um Funktionäre, welche die Entwicklung des betreffenden Zweiges der Produktion < kennen und die auf Grund ihrer Erfahr»ngen positive Vorschläge machen, um die Räder der Wirtschaft wieder in Bewegung zu setzen. Wer diese Aeutze- nutgen lieft, wird zur Auffassung gelang en, daß nicht eine einzelne Maßnahme unserer In dustrie helfen und unsere« Arbeitslosen wieder Arbeit beschaffen kann, sonder» daß sy ste m a» r i s ch der Hebel an einigen Punkte» a»gesetzt werden muß, wenn sich die Räder i wieder drehen sollen. Wir glauben auf die entscheidenden Fragen des Sudetendeutschtums damit einige wichtige Antworten gegeben zu haben. Die Redaktion. Ohne innere Ordnung der Industrie- kein Aufschwung Umstellung auf Qualitätsprodukte erforderlich Dir Tex tilindustrie der Tschechoslowakei teilt das Schicksal der Textilindustrien aller alten Industrieländer. Ihr Niedergang ist nicht erst das Ergebnis der herrschenden Krise, sondern die unausweichliche Folge der Industrialisierung ehemaliger Absatzgebiete, die fast überall ihren Ausgang in der Textilindustrie nahm. Eine Hoffnung, diese Märkte jemals wieder zurückzugewiy- nen, bestehtnicht. Ungarn ist ein typisches Beispiel dafür. Die Textilindustrie dieses Landes hat sich innerhalb des Zeitraumes von 1924 bis 1934 derart entwickelt, daß der Ueberschutz der Textileinfuhr über die Ausfuhr bei Halb- und Ganzfabrikaten von 211 Millionen auf 5.8 Millionen Pengö gesunken ist. Die tschechoslowakische Textilindustrie hat dabei die größten Opfer gebracht. Richt viel besser sind die Absatzverhältnisse und die Perspektiven unseres Textilexportes in Rumänien, Jugoslawien und den südöstlichen Agrarstaaten. Soweit in diesen Ländern in Zukunft überhaupt noch Raum für ausländische Textilien vorhanden sein wird, kommen in beschränktem Umfange nur hochwertige Waren in Betracht. Die Erhaltung des mitteleuropäische!. Absatzgebietes erfordert also die Umstellung unserer Texti lindu st rie auf aus- gesprochenhochwertigeQualitäts- w a r en. Wesentlich günstigere Aussichten bieten sich beim Textilexport nach der Uebersee. Dig erfolgreiche Bearbeitung überseeischer, insbesondere mittel- und sühamerikanischer Märkte ist aber.an drei Voraussetzungen geknüpft, nämlich'daß 1." mit' diesen Ländern so rasch als möglich günstige Handelsverträge abgeschlossen werden, 2. die Export Propaganda in diesen Gebieten von den einzelnen Exportfirmen losgelöst und kollektiv durch das Exportinstitut organisiert wird, 3. daß das Exportrisiko der ausführenden Firmen durch Ausgestaltung des Informationsdienstes, Einführung der Balutarisiko- versicherung und durch die Organisation des Exportkredits wesentlich vermindert und damit erträglicher gemacht wird. Ohne Erfüllung dieser Voraussetzungen wird sich die UmsteUung unserer Textilindustrie auf entferntere Märkte nur allmählich, unter großen Opfern und mit unbefriedigendem Erfolg vollziehen. Unsere Textilindustrie verkörpert einen erheblichen Teil des tschechoslowakischen Nationalvermögens. Ihr Wiederaufbau ist eine Lebens- frage für die gesamte Wirtschaft und eines der wichtigsten Probleme der staatlichen Wirtschaftspolitik. Die Gesundung unserer Textilindustrie bezw. auch nur die Erhaltung der in ihr investierten wirtschaftlichen und persönlichen Werte ist ohne innere Ordnung der Industrie undenkbar. Gegenwärtig herrscht in unserer Textilindustrie ein gefährliches marktpolitisches Chaos, das nicht nur ungesunde, sondern auch gesunde Unternehmungen ernstlich gefährdet. Dieses ChaoS ist die Folge des stark ausgeprägten Individualismus und einer bedauerlichen Kurzsichtigkeit vieler Textilindustrieller. Die Betriebe, insbesonders in der Baumwollspinnerei und-Weberei, führen gegeneinander einen tödlichen Konkurrenzkampf, der die Preise drückt, die Rentabilität der noch rentablen Betriebe untergräbt, Betriebsstillstände verursacht und die Löhne der Arbeiter senkt. Dieses Chaos ist der Untergang unserer Textilindustrie. Seine Beseitigung erfordert drei Maßnahmen: 1. die Zwangssyndizierung, sei es auch nur in Form eines Kalkulationskartells, 2. die Einführung der Genehmigungspflicht für Neuanlagen und Betriebserweiterungen, 3. die Rechtsverbindlichkeit der Kollektivverträge als dauernde Maßnahme und deren rasche Verwirklichung unter völliger Organisation einander widerstreitender Kräfte und Neuordnung unserer Handelsbeziehungen zum Ausland, insbesonders der Abschluß von Handelsverträgen mit.bisher vertragslosen Ländern, ferner die großzügige Erleichterung des Exportkredits— das sind die dringendsten und nächsten wirtschaftspolitischen Aufgaben, von denen zunächst die Sicherung des Best a n d e s unserer Textilindustrie und schließlich der Wiederaufbau dieses stärksten aller tschechoslowakischen Industriezweige abhängt. Franz R e h w a l d.< Einseitig agrarische Handelspolitik Zur wirtschaftlichen und sozialen Lage im Bergbau Im tschechoslowakischen Bergbau dauert ,die Krise mit unver- m i n d e r t e r H e f t i g k e i t a n. Obwohl die Zahl der Bergarbeiter in den letzten Jahren stark gesunken ist— seit dem Jahre 1930 würden 25.830 Bergarbeiter abgebaut—» arbeiten die Belegschaften der Gruben nur an drei, höchstens an vier Tagen in der Woche. Die übrigen Tage sind sie zum Feiern gezwungen. Infolge der vielen Feierschichten hatten die Bergarbeiter ün Jahre 1934 einen Lohnverlust von insgesamt 230,000.000 Xö erlitten. Viele Bergarbeiter verdienen oft nicht einmal 100 XL in der Woche. Sie führen infolgedessen ein wahres Elendsdas ein. Zehntaus ende von Bergarbeitern sind heute von einer Stimmung der Hoffnungslosigkeit«nd Verzweiflung erfüllt, aber es sind keine Anzeichen für eine Besserung der Lage im Bergbau vorhanden. Die Kohlenausfuhr geht weiterhin zurück und ebenso auch der Kohlenverbrauch im Inland. Einen schlveren Schlag erhielt die Kohlenausfuhr nach Deutschland durch das von der Hitlerregierung im heurigen'Sommer durchgesetzte neue Kohlenaustauschabkommen. Dieses Abkommen setzt die Kohlenlieferungen nach Deutschland stark herab. Jene Braunkohlengruben, die nach Deutschland exportierten, arbeiten bereits seit Wochen mit vermehrten Feierschichten. Auf dem osteuropäischen, vor allem auf dem ungarischen und österreichischen Kohlenmarkt, wo die tschechoslowakische Kohle früher starke Positionen hatte, wurde sie in den letzten beiden Jahren von der deutschen- und polnischen Kohle immer- mehr verdrängt. An den Verlusten unserer a u s l ä n d i s ch e n M ä r k t e ist die einseitig agrarisch orientierte Handelspolitik unseres Staates nicht ganz unschuldig. Der Kohlenverbrauch im Jnlande betrug im Jahre 1934 nur mehr 18.8 Millionen Tonnen gegen 27.2 Mill. Tonnen im Jahre 1929.- Die Kohlenförderung ist in den letzten Jahren gleichfalls ständig zurückgegangen und betrug im Jahre 1934 10.7 Mill. Tonnen Steinkohle und 15.2 Mill. Tonnen Braunkohle. Trotzdem der Absatz im Auslande und der Verbrauch der Kohle im Jnlande immer, mehr zurückgeht, herrscht in allen unseren Kohlen gruben eine große Antreib-evei und es leiden die Bergarbeiter unter der erhöhten Ausbeutung ihrer Arbeitskraft. Durch diese Antreiberei und durch verschiedene Rationalisierungsmaßnahmen vermochten die- Grubenbesitzer ihre Gewinne auch in der-Zeit der Krise Hochzuhalten. Um das Los der Bergarbeiter zu erleichtern» wären eine Reihe von Maßnahmen erforderlich, von denen die folgenden am dringendsten erscheinen: Entschädigung der Feierschichten, Einführung der Siebenstundenschicht, Förderung der Kohlenausfuhr durch eine bessere Handelspolitik, Errichtung von Kohlenzwangssyndikaten zwecks gleichmäßiger Austeilung der Arbeitsmöglichkeiten, Aufhebung der Kohlensteuer, Ermäßigung der hohen Transportkosten für Kohle auf den Bahnen, Erweiterung der Grubeninspestion durch Vermehrung der Zahl der Bergarbeiterinspektoren, Errichtung von obligatorischen Arbeitsvermittlnngsstellen und Sicherung der Lohnverträge. Karl Schmidt. 5udetendeutsche Metallindustrie hat nichts von Rüstungen Wenn auch in der allgemeinen Wirtschaftslage und damit auch in der Metallindustrie im Jahre 1935 eine Besserung eingetreten ist, so ist davon in der M e t a l l i n d u st r i e i n den deutschen Gebieten unseres Staates mit wenigen Ausnahmen, f a st überhaupt nichts zu spüren. Die bessere Beschäftigung in der Metallindustrie ist zu einem großen Teil auf die Aufträge für Rüstungszwecke zurückzuführen, doch sind die. Metallbetriebe in den deutschen Gebieten daran fast nicht beteiligt. Die Vergabe von. Staatsau f t r ä g e n an die deutsche Industrie i st sehr mangelhaft und bedarf es aller Anstrengungen, um überhaupt Staatsaufträge zu erhalten. Diese Betriebe, die in ihrer Mehrzahl nur fleine und mittlere Betriebe sind, sind in- der Hauptsache mit ihrer Produktion von der Beschäftigung der anderen Industriezweige, wie Bergbau. Textil, Glas, Keramik usw. abhängig.« Die schlechte Beschäftigung in diesen Industriezweigen-- verhindert dis'' Anschaffung neuer Maschinen und nimmt damit der Metall- industrie den Hauptzweig ihrer Beschäftigung. Besonders verheerend sind die Auswirkungen in der M a s ch i n e n i n d u st r i e, wo ein Teil der Betriebe gänzlich eingestellt lvurde und der andere Teil mit reduzierter Belegschaft und verkürzter Arbeitszeit arbeitet. Soweit diese Betriebe noch für den Export arbeiten, wirken sich neben den allgemeinen Exportschwierigkeiten, an denen besonders die einseitige Agrarpolitik mit Schuld trägt, die Konkurrenzkämpfe, selbst innerhalb der inländischen Betriebe aus. Immer mehr macht sich die Ver- d'rängung der kleineren Betriebe bemerkbar, die von den großen Betrieben, mit I denen sie den Konkurrenzkanipf nicht aushalten, aufgesaugt werden. 2n den größeren Betrieben ist wohl eine etwas bessere Beschäftigung zu verzeichnen gewesen, doch wurde dieselbe durch einen scharfen Preiskampf, wie dies insbesondere in der Röhrenindustrie der Fall war, bei dem leider auch die Arbeiterschaft Opfer bringen mußte,- erzielt. Durch die. lange Dauer der Wirtschaftskrise ist ein Teil der Betriebe derartig finanziell geschwächt worden, daß er die notwendigen Mit, tel für diesen Preiskainpf nicht flüssig hat und deshalb auf staatliche Hilfe, die ebenfalls sehr schwer zu erreichen, ist, angewiesen ist. Die Politik der Unternehmer und ihrer Verbände, di? ihr ganzes Heil int Abbau der Löhne itri» in der Entlassung von Arbeitern gesehen hat, ohne zu sehen, daß damit die Basis, auf der überhaupt eine gesunde Wirtschaftspolitik möglich ist, untergraben wird, hat das übrige dazu beigetragen, daß sich die Verhältnisse so gestalteten. Aus den angeführten Ursachen, die zu dem heutigen Zustand in der Wirtschaft geführt haben, ergeben sich auch die Mittel, die zu halbwegs normalen Verhältnissen führen. Gänzliche Beseitigung des heutigen Zustandes ist bei der Einstellung unserer Unternehmer und bei ihrem Widerstand gegen grundlegende Aenderungen und bei dem heutigen Kräfteverhältnis der Arbeiterschaft unmöglich. Vor allem ist die innere Massenkaufkraft zu heben und ist alles zu unternehmen, um die Arbeitslosen wieder in den Produktionsprozeß einzugliedern. Höhere Löhne mid eine Verkürzung der Arbeitszeit sind wichtige Voraussetzungen für bessere Wirtschaftsverhältnisse. Dazu eine Umstellung in unserer Wirtschaftspolitik, welche darauf Rück- sicht nehmen muß, daß wir nur exportieren können, wenn wir auch den anderen Ländern die Möglichkeit geben, ihre Waren bei unS abzusetzen. Der schädliche Einfluß der Kartelle, durch den Betriebe aus reinen Profitintereffen stillgelegt werden können, muß gebrochen und der Arbeiterschaft ein Einfluß ans die Kartelle gesichert werden. In allen Fragen des Wirtschaftslebens ist den Gewerkschaften das Recht auf Mitbestimmung einzuräumen. Josef L a d i g. Vorschlag: Exportprämien Die Haida-Steinschönauer Glasindustrie hat seit dem Jahre 1933 e i n e b e s ch e i d e n e» wenn auch von Rückschläge nunt erbrochene Aufwärtsbewegung zu verzeichnen. Der Beschäftigungsgrad beträgt jedoch-immer noch höchstens 50 Prozent und die- 7 scS Faktum bedeutet namenloses Elend für beir~ Großteil der Arbeiterschaft. Tausende GlaS-' arbeite» sind seit mehr als fünf Jahren arbeitslos und gegenwärtig ist keine Aussicht für die Rückkehr eines großen Teiles von ihnen in den früheren Beruf vorhanden. Oeffentliche Arbeiten können mitRücksicht auf die restlose finanzielle Erschöpfung der territorialen Selbstverwaltungskörper nur in sehr beschränktem Umfange durchgeführt werden und bieten lediglich einer geringen Anzahl Arbeitsloser vorübergehend dürftigen Ersatz für die fehlende Beschäftigung in ihrem erlernten Berufe. Durch die Weltwirtschaftskrise, die politischen Umwälzungen seit 1929 und die übermäßige Berücksichtigung agrarischer Interessen in Seite 6 Mittwoch, 25. Dezember 1935 Nr. 3M der Tschechoslowakischen Republik sind wichtige Absatzgebiete verlorengegangen. Süd- und Osteuropa scheiden infolge der Devisenschwierigkeilen aus, desgleichen Deutschland und neuerdings Italien, die Ausfuhrmöglichkeiten nach Frankreich können mit Rücksicht auf die engherzige Kontingentpolitik gegenüber der Tschechoslowakei nicht ausgenützj werden usw. Da in den Clearingländern, besonders in Italien, gewaltige Summen eingefroren sind, fehlt es vielfach an Betriebskapital. Wenn nicht bald eine entscheidende Wendung in der Wirtschaftspolitik eintritt, kann mit einer nennenswerten Besserung in der nächsten Zeit nicht gerechnet werden. Nötig füx eine Belebung des Exportes— 95 Prozent der Produktion müssen ausgeführt werden— ist zunächst eine allgemeine Hebung der Lebenshaltung der Bevölkerung, um durch vermehrten Importbedarf heiüe vielfach fehlende Voraussetzungen für den erfolgreichen Abschluß von Handelsverträgen und Kompensationsabkommen zu schaffen. Um leistungsfähigen, aber kapitalschwachen Unternehmungen Betriebskapital zuzuführen, wäre die Durchführbarkeit der Umwandlung eingefrorener Forderungen in den C l e a r i n g lä n d e r n in Anleihen an d.ie Schuldner st aaten zu prüfen, weil die Belehiumg dieser Forderungen durch die öffentlichen Geldinstitute Mängel aufweist und die Zinsen oft den erhofften Gewinn übersteigen. Die üsttexe Grenze für den Escompte von Expprtwechscln durch die Nationalbank müßte auf 2006 KL herabgesetzt werden, da der Mindestbetrag von 5000 KL vielfach zu hoch ist. Um die Anpassung an die heute in der gangen Welt beschränkte Kaufkraft zu erleichtern, wqre sogar die Einführung von Exportprämien zu erwägen, wenn auch die Bedenklichkeit dieses Mittels nicht bestritten werden soll. Schließlich mühte mit staatlicher Hilfe, die intensivste Bearbeitung dsr hestte noch sehr unvollkommen erschlossenen überseeischen Absatzgebiete, welche im wirtschaftlichen Aufstieg begriffen sind, betrieben werden. OttoWallek. Kartelle verursachen Arbeitslosigkeit Die wirtschaftliche Lage in der Papierindustrie ist gekennzeichnet durch die Wirksamkeit der Kartelle. Jeder Zweig der Papier«, zellulose-, Holzstoff- und Pqppenindustrie ist kartelliert. Alle K a rt-e l ke haben sich bisher nur als P r o f r kstchutzei nrichtung bewährt. In wichtigen Wirtschaftssragen, wie z. B. in der Frage der E xp ort fö r d eru n g und Exportorganisation haben sie v e r s a g h. Hingegen wurden infolge der durch die Kartellfrage geschaffenen Rechtsverhältnisse ein« ganze Reihe von B e, t r i« b s stil l« g u n g e n ermöglicht. Seit 1936 wurde» nicht weniger als zwölf Fabriken dadurch stillgelegt, daß deren Inhaber das inländische Äbsatzkontingent an andere Fabriken verkauften. Ueher L0Ü0 Arbeiter wurden dadurch dauernd brotlos gemacht, während die Inhaber der stillgelegten Fabriken Millionenbeträge für die verkauften Kontingente erhalten. So hat z. B. die Papierfabrik FranzenStal 159 Arbeiter dauernd arbeitslos gemacht(seit April 1930), sie zahlt den Arbeitern keinen Heller, erhält aber jährlich über eine Million für ihre verkauften Kontingente. Di« Päpierfabrik Pkibyslavice, welche 280 Arbeiter arbeitslos gemacht hat» nimmt jährlich sogar 2.4 Millionen an Kontingententschädigungen ein. Gegen diesen barbarischenZüstand, gegen diese rein aus spekulativen Gründen vor- genomMegen Betriebsstillegungen gibt es keine gesetzliche Handhabe. Die Stillegungsverordnung kam für diese Fälle viel zu' spät. Und doch drängt sich die Frage auf, ob sich der Staat die aus diesen spekulativen Stillegungen erwachsenden Kosten noch länger gefallen lassen kann. Die koalierten freien Gewerkschaften, der Fabrikarbeiterverband und der Svaz dilnictva lueebntho haben daher bei den zuständigen Regierungsstellen beantragt, bei der kommenden Nopellierung des Kartellgesetzes auf diesen Zustand Rücksicht zu nehmen und dafür Sorge zu treffen, daß jedweder Verkauf von Absatzkontingenten zum Zwecke von Betriebsstillegungen unmöglich gemacht wird. Darüber hinaus wurde ein Numerus clausus und eist, Zwangssyndikat unter Aufsicht und Kontrolle des Staates Md unter Mitwirkung der Gewerkschaften Md Genossenschaften beantragt. Dieser Antrag hat die planmäßige Organisation der Produktion und des Absatzes zum Ziel und damit die restlose Beschäftigung aller Arbeiter und aller Betriebe. Franz Dinnehier. 0« Stand der Beschäftigung In der Tschechoslowakei Bei allen Erwägungen über den Zustand der tschechoslowakischen Wirtschaft wird stets von der Zahl der Arbeitslosen ausaegangen, wpbei aber oft die Zahl der Beschäftigten übersehen wird? Einen gewissen Rückschluß auf den Umfang der Beschäftigung in der Tschechoslowakei geben die Ziffern der Zentralsozialversicherungsanstalt, die allmonatlich die Durchschnittszahl der Versicherten erreget und veröffentlicht. Nachstehend geben wir einen Vergleich der Jahre 1934 und 1935: Daraus geht also hervor, daß nur im Mo- 1934 1935 Jänner ■ r 1,558.901 1,626.299 Feber. • • 1,620.776 1,642.408 März., M a * 1,724.172 1,681.991 April.. a a 1,883.261 1,832.879 Mai.. K E • 2,028.017 1,976.378 Juni., 2,030.229 2,047.508 Juli<, M 2,012.018 2,082.051 August. a 1,983.812 2,065.547 September ch 1,956.368 2,056.261 Oktober. a a 1,993.998 2.069.013 November ch 1,994.356 — Dezember • • 1,770.043 — Das nordböhmische Niederland, das die Bezirke Rumburg, Warnsdorf und Schluckenau umfaßt, gehörte einst zu den bestbeschästigten Zentren der Textilindustrie. Wir wollen heute eine Darstellung der Verhältnisse bringen» wie sie in einem Teilgebiet des Niederlandes, im politischen Bezirke Schsuckenäu liegen. Der politische Bezirk Schluckenau beherbergte neben der Textilindustrie vor allem die Kunstblumen-, die Messer« und die Sparterieindustrie. Diese Fabrikationszweige liegen heute ganz oder teilweise unter den Auswirkungen der Krise darnieder. Oie Textilindustrie Die Textilindustrie, die vor allem im Schluckenauer Gerichtsbezirke einstmals große Betriebe besaß, ist heute auf eine geringe Anzahl von Unternehmen zusammengeschrumpft. T'e Zahl der Beschäftigten beträgt noch einen Bruchteil derjenigen vor Eintritt der Krise. In einer Reihe von Betrieben» in denen noch gearbeitet wird, herrscht ein solcher Terror, daß gerade diese Betriebe zu den Brutstätten der Henlein- bewegung gehören. Wir brauchen nur an die Betriebe der Firma W. Weber denken, in denen es keine fteigewerkschaftliche Organisation gibt, bei denen auch kein Arbeiter ausgenommen wird, der freigewerkschastlich organisiert ist. Doch auch die geringe Zahl der heute noch Beschäftigten hat drückend unter der Not zu leiden. Die Löhne werden abgebaut, es reicht kaum mehr zum Notwendigsten. Alle Bemühungen, auch ftzr das Niederland die Verbindlichkeit der Kollektiv ver- trägedurch zusetz en, s in d bis her g e sch eit e r t. So können bei der Angst Md Sorge des Arbeiters um seinen Arbeitsplatz heute die Unternehmer willkürlich ihre Löhne festsetzen. 20 Heller Stundenlohn Ganz besonders kraß liegen die Verhältnisse ist der Kunstblumenindustrie. Diese Industrie» die im Hain-pacher Gerichtsbezirke einmal ton- apgebend war, die tausende Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigte, weist einen bedeutenden Rückgang auf. Die Kunstblumenindustrie ist eine ausgesprochene Exportindustrie und schon im alten Oesterreich gingen 80 Prozent der Erzeugung ins Ausland. Die Lage dieser Industrie verschärfte sich dadurch, daß 90 Prozent dieser Industrie des alten Oesterreichs auf tschecho- siowakischem Gebiete sich befinden. Einige Ziffern sollen uns den Rückgang dieser Industrie zeigen: Die Gesamtausführ der fertigen Kunstblumen betrug Zentner im Werte von Kü 1930 ... 1348 15,243.000 1931 ... 1051 12,744.000 1932 ,•, 633 8,761.000 1933 4" a• 396 4,612.000 1934 ... 530 5,458.000 Diese wenigen Zahlen zeigen den katastrophalen Rückgang der Erzeugung. Auch die Ausfuhr an Kunstblumenbestandteilen ging von 5929 Zentner im Jahre 1930 auf 3460 Zentner im Jahre 1934 zurück. Ein noch viel unerfteulichereS Kapitel ist die Lohnfragß, Der größte Teil der beschäftigten Blumenarbeiter ist Heimarbeiter. Bon ca. 4000 Blumenarbeitern und Arbeiterinnen dürften etwa 1500 in Fabriksbetrieben arbeiten. Die Heim» axbeiter sind das beste Ausbeutungsobjekt der Blumenerzeuger. In 14- bis 16stündiger täglicher Arbeit, bei der meist die ganze Familie mithelfen muß, verdienen diese Heimarbeiter nicht einmal so viel im Monat, um die Krankenversicherungspflicht zu erreichen. 40 bis 50 Kc Lohn in der Woche bei 70« bis 80stündiger Arbeitszeit ist fast Regelmäßigkeit. Die Heimarbeiterinnen bekommen kaum mehr als 20 Heller, manchmal auch weniger Stundenlohn. Bei dem Anfang des heurigen Jahres geführten Lohnkampf kam die Idee der Bolksge« in.inschaft klar zum Ausdruck. Die Unternehmer, die alle zu den eifrigsten Anhängern des Stammesführers K o n r a d Henlein gehören, lehnten die Vorschläge der Gewerkschaften auf Verbesserungder Lohnpephält nisse rundweg ab. Auch die Herausgabe sogenannter Richtlinien, im Einvernehmen zwischen Behörde,> Unternehmer. und Gewerkschaften änderten an diesen furcht-' baren Zuständen nichts.' nat März die Zahl der Beschäftigten kleiner war als im Vorjahr, während in allen anderen Monaten des Jahres 1935 die Zahl der Beschäftigten größer ist als im gleichen Monat 1934. Um einen weiteren Vergleich zu ermöglichen, führen wir an, daß die durchschnittliche Anzahl der Versicherten betrug: im Oktober 1931 2,414.209, im Oktober 1932 2,132.342, im Oktober 1983 2,007.156, im Okwber 1934 1,993.998 und im Oktober 1935 2,069.013. Man sieht also, daß die Zahl der Versicherten bzw. Beschäftigten im Oktober 1935 größer ist als im gleichen Monat 1933 und 193 4, kleiner aber als 193 2 und bedeutend kleiner als 193 1. Oie Nixdorfer Messerindustrie die einstmals ein bedeutender Jndustriefaktor dieses Gebietes war, zählte heute kaum mehr mit. Die Beschästigungsverhältniffe sind derart trostlos, daß man nur noch von einem Vegetieren dieser Industrie sprechen kann. Auch der vierte Industriezweig, die Spaterieerzeugung die in Alt-Ehrenberg einmal einige tausend Arbeiter beschäftigte, ist heute fast vollständig verschwunden Spateriewaren, die sind Erzeugnisse aus gewebten Holzschienchen, die ein flechtartiges Gewebe ergeben, das den Strohmatten sehr ähnelt. Es gab in Alt-Ehrenberg fast kein Haus, in dem nicht Spaterie erzeugt wurde. Doch auch diese Industrie, die Exportindustrie war, teilte das Schicksal vieler^Industriezweige. Die Ehrenberger Erzeugnisse, die in aller Herren Länder ausgeführt wurden, wurden mit einem Male von der japanischen Konkurrenz verdrängt, die bedeutend billiger verkaufte und so das Schicksal der Ehrenberger Spa- terieindustrie besiegelte. Heute gibt es von den ehemaligen 4000 Arbeitern und Arbeiterinnen noch 17 Hilfsarbeiter, die in der Spatcrieindu- srrie arbeiten. Damit ist ein Industriezweig, der enem ganzen Ort seinen Charakter und seinen Ruhm verlieh, aus der Geschichte verschwunden und die Arbeiter müssen entweder umlernen und andere Beschäftigung apf« suchen, die sie heute fast kaum finden, oder stempeln gehen. Da fast alle Industriezweige dieses Gebietes Exportindustrien sind, haben sie von allem Anfang unter den Schlägen der Wirtschaftskrise gelitten. einige Äffern Uber die Arbeitslosigkeit seien hier angeführt, um zu zeigen, wie schwer die Krise auf diesem Gebiete lastet: der Bezirk hat ca. 51.000 Einwohner, von denen im Jänner d. I. 9529 arbeitslos gemeldet waren. Davon bezogen 5778 die Ernährungskarten. Im November betrug die Zahl der Arbeitslosen immer noch 7724, davbn 4614 Ernährungskartenbezieher. Der Rückgang ist auf eine etwas bessere Beschäftigung in der Textilindustrie und in der Blinnen» Industrie zurückzuführen. Trotz alledem wirkt sich diese Besserung fast gar nicht aus und vor allem die Arbeiterorganisationen verspüren än ihren .Reihen davon nichts. Es ist heute schon so, daß die„Roten" fast keine Beschäftigung mehr bekommen und einem ungeheuren Terror ausgesetzt sind. Die furchtbare Not dieses Gebietes kommt klar zum Ausdruck in den Beriehten der Schulärzte, die über die Untersuchungen in den Schulen ausgegeben wurden. So schreibt der Schularzt in Zeidler über die erschreckende Not der Kinder folgendes: „Die letzten Eintragungen in den schulärztlichen Gewichtstabellen der Gemeinde Zeidler enthüllen ein kaum faßbares Kinderelend, wie eS-auS einem anderen Orte Nordböhmens bisher Wohl nicht bekannt geworden ist. Bon den 152 Kindern, welche die Schule besuchen, sind 10 3 oder 6 8 v. H. unterernährt und unter ihnen am stärksten die'Kleinsten. Im 1. und 2. Schuljahre wurden von 52 Kindern 42 unterernährte oder 81 b. H. festgestellt, im 3. und 4. Schuljahre von 58 Kindern 39 oder 67 v. H., im 5. bis 8. Schuljahre von 42 Kindern 22 oder 52 b. H. Im 7, und 8. Lebensjahre wiegen Kinder nur 16.5 bis 17 Kilo, im Alter Von 9 und 10 Jahren 2», 27 und 29 Kilo. Birke Kinder kommen ohne BormittagSbrri in die Schule, in der sie fleißig lernen und das Lehrziel erreichen sollen, obgleich sie nicht einmal die körperlichen Voraussetzungen hiefür erfüllen können. Mit großem Appetit verzehren sie die Brotslücke, die sie von anderen Kindern bekommen oder die sie nach der Schule da und dort als „vergessen" finden. Die Gemeinde Zeidler gehört zu den ärmsten Gemeinden des Bezirkes, von den zwei dort ansässig gewesenen Betrieben ist einer stjllgelegt und der andere nach Nirdorf verlegt worden, so daß die Arbeiter von Zeidler auswärts iür Brot verdienen müssen.' Obzwar der Vorsteher von Zeidler, der Gen. Rösler, ständig um Hilfe bemüht ist, bleibt angesichts der ungeheuren Not alles nur Stückwerk. Auch der Bericht des Schluckenauer Schularztes zeigt die fortschreitende Verschlechterung des Gesundheitszustandes der Kinder auf Bei den Untersuchungen im heurigen Jahre wurden von 830 Kindern nur 12 5 als gesund befunden, d. s. 1 4.4 P r o z e n t, während 33 0 Kinder oder 37.7 Prozentunterernährt waren. Die per- zentuellen Ziffern des Vorjahres waren 16.3 Prozent gesund mW 33.5 Prozent unterernährt. Bon 406 Kindern, die gewogen wurden, haben 61 Prozent der Kinder Untergewicht. Auch hier eine bedeutende Verschlechterung gegenüber dem Vorjahre. Biele Linder kommen ohne Frühstücksbrot zur Schule und haben auch kein ordentliches Mittagessen. Aehnliche Berichte können aus fast allen Gemeinden des Bezirkes gebracht werden. Es ist kaum verwunderlich, wenn unter solchen Umständen ernste Gefahren für die junge Generation der Arbeiterklasse heraufbeschworen werden. Angesichts dieses trostlosen Kinderelends tut dringende Hilfe not. Ein Wort muß allerdings auch über das Verhalten unserer Behörden gesagt werden, die nur sehr wenig beitrage:), den demokratischen Geist unserer Menschen zu stärken. Anzeigen wegen Uebertretung der Arbeitszeit werden monatelang nicht erledigt und selbst Anzeigen beim Ortsgendarmen sind fruchtlos. Die Gendarmerie, die aufgefordert wurde, zu kontrollieren, wie lange in einigen Betrieben des Gebietes Niedereinsiedel-Hilgersdorf gearbeitet wird- soll dieser Aufforderung noch heute nachkommen. Es haben Verhältnisse Platz gegriffen» die kaum mehr zu überbieten sind. Es gibt Menschen, die bei Tage zu Hause sitzen und nachts arbeiten, ohne daß auch nur einmal kontrolliert' würde. Hunderte Arbeiter sind nicht in der Krankenversicherung angemeldet. Eine Kontrolle ist nicht möglich oder wird auch nicht durchgeführt. Diese Zustände führen dazu,'daß der Unternehmer sich jede Willkür erlaubest kann. ES gibt in diesen kleinen Betrieben, und der größt« Teil der Menschen arbeitet in solchen, kerne Organisationen und wenn schon hin und wieder ein freigewerkschastlich Organisierter darunter ist, so kann er aus Angst um seinen Arbeitsplatz sich nicht rühren. Das ist durch die Volksgemeinschaft Konrad Henleins nicht besser, sondern noch, schlechter geworden. Tic^ UykervLhmer fühxestjdie'BosiSgevteistschifft Prak»' tisch durch-,D e r A rb eit e r rst. f u t m t ch d a undich fürhestArhe i.t'e r". Nur daß der Arbeiter schuften muß und ausssebeutet wird bis aufs Blut und der Unternehmt den Profit hat. Der Arbeiter will aber heute auSge- beutet werden, denn es ist die einzige Möglichkeit, einige Wochen Arbest zu haben. WaK es unter diesen Verhältnissen bedeutet, doch noch für die Partei als Gemeindevertreter, als VertrütlenS- mastn tätig zu seist, kann man nur ermessen, wenn Main all diese Dinge miterlebt. Wähl geht langsam, aber nur allzu langsam,- auch durch die Reihen der Henleinanbeter eine Ernüchterung- daß aber unsere Vertrauensleute draußen, in den Orten dem ganzen Ansturm der Gegster standzuhalten haben, zeigen uns tägliche Beispiele. Und doch sehen wir immer wieder, daß stnsere Funktionäre auf der Wacht sind. Zum Schluß muß man sagen, die Not, so groß sie ist, sie ist nicht restlos in den Folgen der Krise begründet, sie ist vor allem auch zurückzuführen jjuf die schrankenlose Ausbeutung. Den Ausgebeuteten, den Arbeitslosen, den Höfesuchenden kann nicht helfen die Volksgemeinschaft mit dem Unternehmer» der das. letzte aus ihnen herauspressen will, sondern der Zusammenschluß und der Kampf aller arbeitenden Menschen. Helfen kann eiste bessere Weltordnung, wenn sie sich zusammenfinden im unermüdlichen, rastlosen und sie» gessicheren Kampf um den Sozialismus« hw. Bata gegen Finanzminister Zwischen der Firma Baka und dem Finanzministerium ist ein Konflikt entbrannt, in dessen Verlauf Baka zur teilweisen Einschränkung des Betriebes gegriffen hat. In ihren Informationen für die Presse verweist die Firma darauf, daß durch die massenhaften Dekrete und Anfragen der Finanzämter, welche binnen wenigen Tagen in Zlin einliefen, die Arbeit der leitenden Personen lahmgelegt und zum Teil für Wochen mit Beschlag belegt wurde. Die Folge davon sei ein bedenkliches Sinken der Beschäftigung und die Gefährdung der Arbeiter und Angestellten gewesen. Zum Schluß heißt es in der Erklärung:„Die Angelegenheiten, um die es sich handelt, werden nicht nur durch Worte entschieden. Um uns selbst fürchten wir nicht. Wir finden unseren Weg aus diesen Schwierigkeiten. Unser Hinweis zielte darauf hin, di« Oeffentlichkeit über die Maßnahme zu informieren, die das Unternehmen und Wirtschaftsleben im ganzen Staat bedrohen, die zu einer Vergrößerung der Arbeitslosigkeit sowie zu einer Minderung der Arbeiter» wie auch Staatseinnahmen führen, in einer Zeit, in welcher wir uns allebei einer verständigen und gerechten Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten zu besseren Zeiten durcharbenen könnten.'" A- Wie sieht es im Niederland aus? Die Not Im Schluckenauer Gebiet Nr. 300 Mittwoch, 25. Dezember 1935 Seite 7 schichte der Nationalsozialismus geschrieben und dann eme. nicht mehr auf derselben Höhe zeitgeschichtlicher Forschung stehende, aber lesenswerte Schilderung der „Geburt des Dritten Reiches" publiziert har, wagt sich nach dieses Vorarbeiten an das schwerste Problem phie—- die diese beiden vereinen mutz— in unserer Epoche.vorfinden, an das Problem Hitler...UW, ES sei vorweg gesagt, datz er es nicht löst. Er| Männliches ist ihm an die Seite zu stellen, sondern rollt es kaum in seinem ganzen Umfang auf. Das! wieder wäre der Vergleich nur möglich mit so vielen Wesentliche bleibt Rätsel und es wird nicht einmal Fran eng esichtern, vor denen man sich stau, gesagt, wie viel von ihm dunkel ist; das ist vielleicht i»end fragt: was hat sie unüberwindlich, begehrens- ~ wert, zum Zauber ihrer Epoche gemacht, wie sah denn die Fra«, überhaupt aus, die dieses Gesicht als Maske trug?(Man versuche es bei Katharina II.!) Ost' Mann und die Zeit ,Die besten Teile in Heidens Buch find die soziologischen."Er schreibt da zwar seine früheren Bücher aus, aber das schadet dem neuen nicht. ZurErklärung des Nationalsozialismus, zur Aufklärung über die beiden grundverschiedenen Schichten, die sich im Nationalsozialismus zu einer äusseren Einheit verbinden, hat Heiden sehr viel beigetragen. Auch jetzt bemüht er sich, Hitler aus seiner Zeit, aus der Bewegung zu erklären, das geschichtliche Rohmaterial zu schildern, aus dem das Dritte Reich gebaut wurde. Kleinbürger, Deklassierte, Arbeitslose, Industrielle, Junker, Generäle marschieren auf und haben ihren Platz im Bilde der Epoche. Aber wieder bleibt die Frage: warum führt gerade Hitler diese kunterbunte Bewegung? Datz er dem Kleinbürger und dem Gestrandeten aus der Seele spricht. ist ohne weiteres zu glauben. Aber gerade die aktivsten und' gläubigsten Elemente der NSDAP, hätten doch vok ihm fliehen und sich.zu Gregor Strasser schlagen müssen; gerade die Industriellen und Generale hätten Hitler durchschauen können und. es ist schwer einzusehen, warum sie nicht mit Göring gehen. Er schlägt vielleicht die Brücke von einem Lager zum andern, er ist im Streit der Cliquen der Vermittler, er ist so schwach, datz alle Stärkeren ihn ettragen können. Es gibt viele Erklärungen, Heiden sucht sie und macht manche glaubhaft, aber wieder bleibt das Problem selbst unklar. Denn andere Epochen sahen andere Lösungen und andere Länder auch. Mussolini wächst aus ganz ähnlichem sozialen Boden und ist doch kein Hitler., Der Zufall Augenscheinlich spielt, das wird man in diesem Jahrhundert noch lernen müssen, der Zufall doch eine grösser«-Roll« m der Geschichte,. aE. das. rechnende und systemisiercnde 19.' Jahrhundert wahrhaben „Das größte Phänomen im Weltall“ Zn Konraä neidens nifler-Dlographle*) Konrad Heiden, der eine ausgezeichnete Ge-| dem andern, was dieses Antlitz spiegeln, soll oder spiegeln will. Eine Entwicklung ist übrigens da, auf die der physiognomisch vorgehende Biograph Rücksicht nehmen sollte. Zwischen 1922 und 1932 hat sich das Weiche, breiige, auch im Augenblick wandelbare Ge- , JJL.., sicht augenscheinlich, soweit die gestaltlose Masse das heran, das Soziologie, Psychologie und Hlftoriogra-! zulätzt und überprüfbar macht, in den Hauptzügen "•“i— die diese beiden vereinen mutz— in unserer| geändert. Es bleibt ein Rätsel trotz alledem, und nichts der stärkste Einwand, den man gegen die Biographie erheben kann. Indem sse vorgibt, das Bild, des deutschen DikMtorS zu entschleiern, und sich und den Lesern nur in einzelnen Punkten Rechenschaft über die nicht 1 31t durchdringende Tiefe, den nicht zu bewältigenden, im Nebel Verschwimmenden Umfang der Aufgabe ablegt, täuscht sie eine Antwort vor, wo eine Frage an kommende Geschlechter steht, eine Frage, die Wohl erst jene beantworten werden, denen die Lösung nicht nur auf dem Gebiet der Geschichts- schreibung, sondern auch auf dem der Ge« schichte gelingt. Dar Psychologische Konrad Heiden geht, wie die meisten Biographen, bei denen Emil Ludwig Schule gemacht hat, seinen ,-Helden" vor allem von der psychologischen'Seite an. So beliebt das*Berfahren heute ist, so schwere Bedenken kann man dagegen erheben, denn die psychologische Tiefenforschung führt oft in ein Labyrinth, während die solide alte Methode einem Wenigstens ein rundes Bild der Fassade und des Umrisses einer Erscheinung vermittelte, wenn sie schon nicht in die Tiefe Vordringen konnte. Es finden sich bei Heiden also viele psychologische Deutungen: Hitler, der die Realschule ohne Reifezeugnis verlassen hat(de; Biograph müßte übrigens die Jugendgeschichte Hitler-Schicklgrubers ebenso wie seine merkwürdigen Familienverhältniffe doch gründlicher untersuchen und schlüssiger aufhellen können, als dies Heiden gelingt), Hitler, den die Kunstakademie ablehnt, ist ein„fruh Gescheiterter". Aber ist Aehnliches nicht wirklich grossen Männern auch geschehen? Helmholtz ist im Gymnaüum durchgefallen, Rilke bekam Nichtgenügend aus Deutsch, Napoleon flog zweimal aus der Armee, der alte Moltkr begann als nirgends heimisch werdender Dilettant seine Laufbahn, Bismarck war als Beamter zweimal gestrandet und als Abgeordneter fast auSgepfiffen worden, als Putschist verunglückt und beinahe auch als Diplomat, ehe ihm der grosse Sprung gelang. Hitler hat ein„nichtsnutzige S Tal e n t". er ist der„JllusionSbürger". DaS ist alles richtig, dies und viel mehr; aber all das erklärt ihn nicht und Nicht seine Erfolge. Sicher ist er eine problematische, Natur(„die beiden Hitler" heisst ein Kapitel bei Heiden), aber das waren fast alle grossen Männer, neben denen er doch klein wirkt, weil seine Problematik keine übermenschlichen Dimensionen hat, weil er weder' im Guten noch im Bösen wirklich gross erscheint. Und warum wirkt er trotzdem? Heiden sucht diese Wirkung deS„grössten Maffenerschütterers ter Weltgeschichte" mannigfach zu erklären. Wieder stimmt vieles und doch bleibt ein Rätsel übrig. Von her psychologischen Seite scheint mir Otto Strasser das Problem Hitler noch am schärfsten erkannt zu haben, wenn er den„Führer" eme Frau nennt. DaS ist nicht grob materiell-sexualogisch zu verstehen. Was das Materielle, seines Eros betrifft, so tappen all« Enthüller und Biographen im Dunkel, auch Heiden kann nur Details mitteilen, die im übrigens schwer zu überprüfen sind. In seinem seelischen Verhalten aber hat Hitler entschieden Züge, die der Eharakterologe weiblich nennen wird. Sein Instinkt; seine Hysterie, das triebsichere Verhalten gegenüber der Masse, das Fehlen jeder männlich« geistigen Logik, die traumwandlerische Sicherheit, die sich nach Schwanken, nach Weinkrämpfen, nach Intrigen plötzlich einstellt, das sind charakterologisch sicher weibliche Züge. Sein Verhältnis zu den Freunden, zur Masse, zum Gegner, ist so eher zu erklären, als wenn man ihn als Mann nimmt und an Männern misst. Man müßte daher zum Vergleich nicht Cäsar, Sulla, Cromwell, Napoleon, Bismarck, nicht Mussolini, /Stalin, Kemal heranziehen, sondern Katharina II., die Pompadour, Cleopatra. Das wäre ein Weg; es ist schwer zu sagen, ob er weiter führt, als der Heidens. Die Physiognomie Das ist ja wohl das grösste/ Rätsel an IHM. Die stärksten Einwände gegen Gesicht und Haltung verblassen vor der Photographie, die erbarmungsws etwas entschleiert— aber was?— nun etwas, das nicht da ist! Heiden brauchte hier nur aufzunehmen, was Weigand von Miltenberg im„Adolf Hitler-Wilhelm HI." darüber gesagt hat. Und doch bleiben wir wieder stecken. Denn,waS vielen am Gesicht des„Führers" auffällt, was sie in ihm vermissen, waS sie abstötzt oder zum Lachen reizt, aufS tiefste erschrecken lässt oder eS ihnen unmöglich macht, daS oft geschaute Gesicht länger als eine Minute im Gedächtnis zu behalten(nämlich daS leibhaftige Gesicht, nicht nur Bärtchen und Stirnlocke, die Anhaltspunkte der Karikaturisten!), das scheint Millionen zu begeistern,- zu überzeugen, scheint Millionen nicht zu.fehlen, scheint eine Nation bezwungen zu haben. Die Wirkung des Gesichts auf die Mass«, das ist das eine ungelöste Geheimnis neben ,*) Konrad Heiden: Hitler, Das Leben, eines Diktators, Europa-Verlag, Zürich. wollte. Es war vielleicht, nur ein Zufall, datz die deutsche Arbeiterbewegung in den sechziger Jahren marxistisch und nicht laffalleanisch wurde. Ein brandroter Frauenschopf, der Lassalle toll machte, eine winzige. damals und noch lange unsichtbare und unbekannte Mikrobe in der Hirnrinde des genialen Führers, die Pistolenkugel eines walachischen-Bojaren— und ausgelöscht ist derZauber, der vielleicht stärker gewesen wäre als alle Kraft der Gedanken, die aus dem Londoner Exil von Marx und Engels auf den Kontinent strömre. Vielleicht, sage ich; es lohnt sich jedenfalls, derlei Fragen heute zu überprüfen. Dass Gregor Straffer in entscheidender Stunde durch die Berliner Weinstuben bummelt, statt nach der Macht zu greifen, datz Schleicher die Minuten nicht nützt, datz an der Feldherrnhalle Hitlers Neberlmann fällt, er aber mit verrenktem Arm zur Flucht imstande ist, die ihn rettet, während die Kameraden noch kämpfen und bluten, das sind Zufälle, die Heiden sehr hoch einschätzt; und wahrscheinlich gibt es ihrer viele in der Geschichte Hitlers. Das Rätsel bleibt Der Mann mit dem Gesicht, da? keines ist, der Mann mit der typischen Halb-Bildung, mit der Monomanie des aufgeregten Kleinbürgers, der Mann mit dem Charakter einer Diva oder Courtisane, der Mann ohne Entschluss, der Mann,' der ein fürchterliches Deutsch schreibt sind banale Reden hält, der Mann mit der nptztönenden Stimme— man könnte die Reihe beliebig lang fortsetzen— hat doch Weltgeschichte gemacht. Er hatte Erfolg und es bleibt ein Rätsel, warum er ihn hatte. Immer wieder fragt man sich: warum nicht Göring, Goebbels, Strasser.Darrö, Röhm, Rosenberg— jeder andere wäre als Diktator eher vorstellbar, warum gerade ER? Er hat e i n e Begabung, die nicht in Frage sicht: er istdas grösste propagandistische Talent der Epoche. Heiden nennt Goebbels, vermutlich mit Recht, nur den Schülex Hitlers. Aber daß man mit diesem Talent allein Geschichte machen und mehr sein kann als«in Trommler, ist doch neu und erstaunlich. Die Persönlichkeit in dieser Zeit Will man es erklären, rationalistisch erklären, so mutz man diese Zeit wohl noch gründlicher analysieren. Dann kommt nmn nicht aus mit der Soziologie des Kleinbürgers und der Analyse der verfaulenden bürgerlichen Gesellschaft. Dann mutz man das Problem untersuchen, wie in dieser Spätzeit des Abendlandes das Denken der Menschen zustande kommt. Man mutz die geistigen Großmächte, die gro- tzen Gifte dieser Zeit in ihrer umfassenden Wirksamkeit begreifen: Druckerschwärze, Zeitungspresse, Film, Reklame, Kulturmache, Vereine und Zirkel, Apparate und anonyme Mächte, den ganzen komplizierten Mechanismus gesellschaftlichen Denkens und einet atomisierten Kollektivität mutz man durchforschen, um zu vexstehey. Hatz«s in dieser Zeit wahrscheinlich em ganz irrsinniger Zufall ist, wenn wirklich eine Persönlichkeit erkannt wird, datz eS aber die Regel ist, wenn Dutzendprodutte zu Persönlichkeiten gestempelt werden. Sie sind ja nur der materielle Punkt, an den eine Legende anknüpft. Phantasmagorien, Gespenster, Luftgestalten, die aus dem Gerücht, der Zeitungslüge, der Reklamnotiz, dem Gebot irgendeines Apparates entstehen, hängen sich an einen Menschen an und er wird gross, viel viel grösser als er selbst ist. Ist Hitler Hitler? Und das ist vielleicht das Problem Hitler, ein Problem, dessen Monographie noch zu schreiben ist: i st Ad olf Hitler wirklich Adolf Hitler? Man mützte ein Nestroy sein, um diese Frage auch nur richtig aussprechen zu können; er hat etwas geahnt, als er den Holofernes den Wunsch aussprechen ließ, einmal zu wissen, wer stärker sei: „i oder i". Es gibt also«inen ftüh gescheiterten Realschüler und Gelegenheitsarbeiter Adolf Hitler-Schicklgruber aus Braunau am Inn, der heute von fünfhundert Millionen zeitungslesender Menschen für den Führer und Reichskanzler Adolfs Hitler gehalten wird und selbst glaubt, er sei«s. Aber sind das nicht zwei Männer, die nur sehr wenig miteinander gemeinsam haben? Ist das nicht purer Zufall; datz sich an den Mann aus Braunau die Legende anhängte, datz er wuchs und wuchs, weit über sein vorgestecktes Mass hinaus? Was von den Gedanken, die er schreibt, was von den Reden, die er hält, was von den Dingen, die man ihm nachsagt, von ihm erhofft, befürchtet, behaupten kann, ist sein Eigentum, was daran ist eine Kollektivarbeit der Hintermänner, Helfer, Freunde,' des Apparats, des Publikums, der Zeftgenoffen und Gegner?! Weiss man auch nur, ob er die Rolle gut spielt, täuscht uns nicht auch darüber die Kritik, die Presse, unser eigenes, längst getrübtes Urteil? Wenn man Hitler für Hitler hält, bleibt bedeutend an ihm die seherische Gabe, di« ihn voraussehen lieh, was die gelehrten Soziologen nicht kommen sahen, den ganzen Kladderadatsch von 1930 bis ad Ka- lendaz Graecas.., Dann Reibt bedeutend an ihm die Kunst der Propaganda, di« Seelenmaffage. Aber ist auch nur d a s von ihm, ist es ihm nicht zufällig angedichtet, zugeflogen, angehängt?! Ein Abgrund des Zweifels öffnet sich immer wieder, wenn man das Bild des Mannes an seiner Rolle, sein Wirken an seiner Figur misst. Einer seiner Lobredner hat ihn das„grösste Phänomen des Weltalls" genannt. Er ist es, wenn auch in anderem Sinne als jener es meinte. Und vielleicht hängt das Schicksal wenigsten? des Erdballs davon ab, ob man das Phänomen wird enträtseln können. Aber dann wird man sich schon fragen müssen, was in dieser Zeit vom lebendigen. Menschen noch übrig blieb und was Fetisch, was Produkte eines verhexten Mechanismus ist, der Persönlichkeiten, Ereignisse, Ideen produziert. Glück und Unglück, Tod und Geburt, ein riesiger Götze, der sich in Adolf Hitler nur qm sinnfälligsten und furchtbar- stenoffenbart. Emil Franzel Jeden Morgen singt uns ein Bogel Kiwit, kiwit, er umkreist nnS schimmernd«nd steigt und flieht. Bang hör ich meine« Ramm rufen, so weit, so weit, Bogel singt das düstere Lied dieser Zeit. Wir hacke« di« Erde»nd graben hinab, hinab. Vielleicht kreiset der Bogel bald über ei« Grab. Flügellahm hinter dem Stacheldraht die Seele wund, blick ich dem dnnllm Bogel nach mtt stnmmem Mund. * Wir legm uns nieder anfs Stroh, der Erinnerung Baum dehnt sei» Geäst über»nS Gefangene auS. Wir sind bei der Liebsten im Traum. Mancher flüstert leise im Schlaf, eS«erzittert im Raum. Wir gehen in den Garten» da erwache ich jäh, ich brach dir eine Ros« im Traum. Dm wachm Sinnen mtgkritet der Verlockung Saum. Die Seele war ei« Falter «m dein Lockenhaupt im Traum... * Des Sommer- Fülle ist dahin, entblättert steht der Wald. Die Tannm zittern im Rauhreif, eS ist kalt,> Die tückischm Rebelschwadm zieh» herüber vom Moor. Das Hungergckreisch der Rabm gellt anS Ohr. Ihr schwarzen Botm deS Unglücks mögt unsre Gäste sein! Wenn wir verbissen schweigen, bürst ihr schrei'»... Walt«» Harnnnsi. Seite 8 Mittwoch, 25 Dezember 1835 Nr. 300 Vie geistige Kampfesaufgabe Ein Buch des Abg. Wenzel Jaksch Soeben ist ttttitr dem Titel„Bolt und A r b e i t» r" im Berlage Enge» Prager eia Buch de- Genossen Wenzel Jaksch er» schienen, in dem der Verfasser die Aufgaben d»S Sozialismus in unserer Zeit zu umreißen sucht. Au- dem Vorwort diese- Buche- stammt da- nachfolgende Stück: Gegen den Kapitalismus ist der Sozialis« mus als nienschlicher Ordnungsbegriff aufge» standen. Die Kraft der europäischen Arbeitermassen, die der Sozialismus mobilisierte, reicht« indes nicht aus, den Machtvorsprung des Kapitalismus und seiner Hilfsmächte einzuholen. Ln den krisenhaften Erschütterungen der Nachkriegszeit entstand in den schwerstgetrofsenen europäischen Ländern ein Vakuum. Der Kapitalismus hatte nicht mehr, der Sozialismus besaß Noch nicht die Kraft, bas aus den Fugen geratene Völkerdasein in Ordnung zu bringen. Da schob sich der Faschismus als Ordnungsmacht ein» Als Ordnungsinacht konnte er in Italien und Deutschland siegen. Die Methoden des Spätkapitalismus hatten ihm den Weg geebnet. In den rationalisierten Betrieben vollzieht sich die Niederwalzung der freien Persönlichkeit. Er erzeugt den Schwemmsand eines haltlosen und ausgestotzenen Randvolkes, welches jedem Gewaltregime seine Söldnerhausen liefert. Der Faschismus vollendete die WehrloSmachung des Menschen. Die Prügelmethoden in seinen Gefängnissen und Verbannungslagern sind nur die konsequente Anwendung eines Prinzips, das Männerstolz und Menschenwürde ausrotten mutz, um leben zu können. Ln der Praxis der Diktaturen bröckelt die idealistische Schminke der faschistischen Bewegungen ah. Der Faschismus wurde durch national- revolutionären Mythos und durch antikapitallstifchs Gefühlsrevolten emporgetragen. Deutschland liefert ein klassisches Beispiel dafür. Der deutsche Nationalsozialismus ist angeblich ausgezogen, den Materialismus des 19. Jahrhunderts zu überwältigen. Er selbst ist aber nur ein Werkzeug dieses Materialismus, indem er die letzten menschlichen Schranken gegen die Mechanisierung des Daseins niederreißt, dem Krieg der entfesselten Technik gegen den Menschen freie Bahn schafft. Aus der versprochenen Ueberwindung des Kapitalismus wurde eine Militarisierung der kapitalistischen AuSbeu* tungsmethoven. Immer schwieriger wird eS für die nationalsozialistischen Machthaber, die Fission ihrer Ordnungsmission aufrecht zu erhalten. Die sozialistischen Verheißungen. mit denen ihr« Vormapschstratzen gepflastert waren, sind ihnen hart auf den Fersen. All die Lästerungen, welche die Ideologen des Nationalstzialis- mus gegen den angeblichen Materialismus der sozialistischen Arbeiterbewegung geschleudert haben, prallen im Hohngeiächter der enttäuschten Gefolgschaften auf ihre Urheber zurück. Das Wort S o z i a l i s m u s hat wieder einen so guten Klang, daß es seine Todfeinde um so öfter in: Munde führen müssen» je größer ihre tödliche Verlegenheit wird. Der Nationalsozialismus verdankt feinen Sieg, den er entscheidend iM gefühlsmätzigen Bereich erfochten hat, derBisioneineSanti- kapitalistischen, an t i m a t e r i a l i- frischen Dritten Reich-. Und seinen tausendjährigen Herrschaftsanspruch begründet er nicht zuletzt auf die Erwartung, daß ritt ohne Meinungsfreiheit und geistige Austauschmöglichkeit dahinvegetierendes und durch totalen Terror atomisiertes Siebzigmillionenvolk nicht mehr die Kraft aufbringen werde, falschen Verheißungen echte Erwartungen entgegenzusetzen und sich ein Zukunftsbild jenseits des Nationalsozialismus zu zimmern. Die faschistischen Despotien leben davon, den Keim jeder möglichen Nachfolge nicht nur physisch zu zertreten, sondern sich auch in der geistigen Beeinflussung als da- kleinere Uebel gegenüber allen anderen geschichtlichen Eventualitäten anzupreisen. Indem sie auf ein chaotisches Ende zusteuexn, drohen sie unaufhörlich mit dem Chaos, das nach ihnen eintreten wird. Vor keinem Gedanken zittern die Tyrannen mehr als vor dem, daß die Opfer ihrer Herrschaft über die Tage dieser Herrschaft hinauSdenken könnten. Wehe ihnen, wenn sie einmal als vergängliche Geschöpfe vergänglicher Machtverhältnisse erkannt Werden! Wehe ihnen, wenn die Ttzrannifterten aufhören, in stumpfer Resignation zu leben, wenn sie die Lockung deS revolutionären Wagnisses ergreift und wenn selbst Schergen und Kerkermeister auf den Gedanken kommen, daß eS schönere Aufgaben gibt als Scherge zu sein! D i e bildhafte Vorstellung des besseren Morgen ist unerläßlich zum Gelingen jeder freiheitlichen Erhebung. So ist die geistige KampfeSaufgabe zweifach gestellt. Die Kulisse des faschistischen Ordnungs- betriebeS mutz weggeräumt werden und ein neuer Ordnungsbegriff ist im Bewußtsein der Volksmassen aufzurichten. Aus dem Chaos zur Ordnung— das ist die wahre Problemstellung in der Auseinandersetzung mit dem Faschismus, Wobei es die Aufgabe seiner Ueberwinder ist, eine möglichst blutvolle und lebendige Vorstellung zu erwecken,, daß freie Menschen ihr Leben schöner und sinnvoller gestalten können als die numerierten menschlichen Bestandteile einer starren Gewaltherrschaft. Daraus erwächst dem marxistischen Sozialismus eine neue Mission. Seine analytische Aufgabe ist vollendet, nun beginnt die synthetische; nun hat er als verbindende Kraft zu wirken. Weil der Spätkapitalismus die Niederwalzung der freien Persönlichkeit vollführt und weil der Faschismus sein Dasein von der Atomisierung der Nation fristet, müssen ihre Gegner um die Würde des freien Menschen streiten und ihm höhere Ziele nationaler Gemeinschaftsarbeit setzen. Am Beginn der sozialistischen Bewegung war es unumgänglich, den Arbeiter als Klasse zu organisieren und ihm das Bewußtsein seiner eigenen Interessen einzuhämmern. Diese Aufgabe wird immer neu gestellt sein, solange der Arbeiter in der kapitalistischen Gesellschaft um Brot und Menschenrecht kämpfen mutz. Di« Gegenwart verlangt aber mehr. Innerhalb der werktätigen Volksmassen, der körperlich und der geistig Schaffenden ist an diesem geschichtlichen Wendepunkt das Verbindende, das Gemeinsam« nicht nur agitatorisch zu bewnen, sondern auch in gemeinsame soziale Tat umzusetzen. Der Ruf des VII. Kommunistischen Weltkongresses nach der Schaffung von werktätigen Volksfronten mochte taktisch gemeint sein, als Markierung eines Umweges zum unveränderten Ziel dtr Diktatur pes Proletariats. Vielleicht liegt ihn: darüber hinaus doch ein Stück Einfühlung in die europäisch« Situation zugrunde. Wie dem auch fei: der freiheitliche Sozialismus hat ohne Hintergedanken und Einschränkungen die Pflicht zu erfüllen, die sozialistische Idee auf das ganze weite Feld des werktätigen Volksdaseins zu streuen und jene Kräfte zusammenzuschlveitzen, die Nicht nur den Faschismus machtmätzig abläsen, sondern an seine] Stellt tin Werk setzen können, wie es der größte deutsche Dichter sehnend ahnte: Solch ein Gewimmel möcht' ich seh'«, Auf freiem Grund mit freiem Volke steh'n! Was Henlein Minen lieben Juden aus London gebracht hat „Mutter, wo ist der Weihnachts- Mann?“—„im Konzentrationslager, mein Kind.“ „Das Collier ist schön, aber die aparte Gasmaske ist moderner.“ Mussolinis patentierter„Kultur-Weih nachtsbaum”. Landstreicher Legende Von Sonka. Noch einmal rufe ich dich an, weil ich dir schott so ost begegnet bin auf der großen Landstraße meines Leben-, dir, Genosse, dir, Freund, dir, Bruder, dir, Kamerad, dir, Bürger, dir, Mitmensch, noch einmal rufe ich dir zu, nicht Genosse, nicht Freund, nicht Bruder, nicht Kamerad, nicht Bürger, nicht Mitmensch» nrch einmal halte- ich dich an: Mensch! Erkennst du mich? Ja, ich bin der, welcher kommt mit dem Siern itn Haar, immer wieder kommt, wie ein Bettler, aber geschmückt mir Löwenzahn schreitet durch die Straßen der Stadt, wie ein Narr. Weißt du Nicht mehr, ich ruhte sehr müde am Neptunbrunnen in Florenz aus und Kinder brachten mir Fische und Brot, weil ich hungrig war, und alle Bettler der Gegend atzen von meinem Hunger und wurden satt, ohne zu betteln. Kennst du mich nicht? Verblaßte das Wunder in deinem Herzen, das geschah, als du deine» wütenden Hund auf mich hetztest, der sprang mich yn mit gefletschten Zähnen und ward zum Lämmlein, als er mich erreichte: er leckte meine Hände. Erinnere dich, daß du gestorben währst an jenem Tag. da du verlassen warst von Gott und Menschen. Ich schwieg und sah dich am Aus meinem Schweigen wurde dir das Leben. Ich habe mich an dich verschenkt, Verbrecher im Gefängnis, an dich, Todkranker im Spital, an dich, Obdachloser im Asyl, an dich, de- Mädchen- von der Strotz«, an dich und dich und dich, ich habe mich verschenkt mit Blick untz Gegenblick und Meiner Hand in deiner Händl die ich umfaßt«. Jetzt kennst du mich: Und deine Maske wird nicht auSlöschen Mein Gesicht, das sich verschenkt, verschenkt, verschenkt, sieh mich nur an! und schon hast du ein Herz und ein Gesicht. Noch einmal rufe ich dich an, weil ich die schon so oft begegne,! hin auf der großen Straße meines Lebens, dir, Genosse, dir, Freund, die, Bruder, dir, Kamerad, dir, Bürger, dir, Mik- mrnsch, noch einmal ruse ich dir zu, nicht Genrsse. nicht Freund, nicht Bruder, nicht Kamerad, nicht Bürger, nicht Mitmensch, noch einmal halte ich dich an, dich ganz umfassend: Mensch. Peter Rosegger und der Nationalismus Die Stadt Aussig führt seit zehn Jahren eiNen Kampf um einen Namen. Der Stadtrat hatte beschlossen-, einer Gärtenanlag« den Namen„Rosegger-Park" zu geben, die politische Verwaltungsbehörde aber hatte dies« Bezeichnung mit dem Hinweis darauf Untersagt, daß der Name Rosegger „an eine Person erinnere, die der tschechoslowakischen Nation feindlich gesinnt gewesen" sei. Nun wurde— wie berichtet— der Prozeß zugunsten der Stadt Aussig zwar entschieden, aber die Zustellung des Bescheides an die Stadtgemeinde verzögert. Bürgermeister Genosse P ö l z l hat deshalb einen Brief an di« LandeSbehövde gerichtet, in welchem er darauf hinweist, daß Peter Rosegger rin Dichter und Apostel der Humanität nicht nur für das deutsche Volk, sondern für die ganze gesittete Welt war. Nichts Endgültigeres und nichts Aktuelleres kann zu dieser Frage gesagt werden, als was Peter Rosegger selbst—»als habe er die Schmach der Terror-.Volksgemeistschaft" voraus-' geahnt•— gesagt hat. Wir zitieren diesen denkwürdigen Aufsatz au- der Wiener„Arbeiter- Zeitung" vom 29. Jänner 1909: Man kennt sie ja gar nicht auseinander! Die Leute verschiedener Nationalitäten, die in unserem Lande seit Jahrhunderten beisammenwohnen und alteingesessenes Heimatsrecht haben— sie sind ja alle gleich. Nein, gleich nicht, Der Rang unter scheidet. Die Kaste unterscheidet. Die Bildungsr unterschied« sind groß. Die Klassen unterscheiden weitmehr als dieRas- sen, die sich längst gemischt haben. Ein deutscher Bauer und ein windischer Bauer stehen sich näher als ein deutscher Bauer und ein deutscher Großstädter. Was Lebenshaltung und Gesinnung anlangt. Mancher Deutsche unterscheidet sich mehr von seinem leiblichen Bruder als vom Nachbar, der jenseits der Sprachgrenze wohnt.— WelcheinUnglück, dieser Nationalitätenkrieg, den wir erleben, der unser Leben so sehr verroht, verbittert, so wi'rdelos macht! Nachdem wir längst darüber einig waren, daß die Menschen an sich gleich sind, daß bei den europäischen Bewohnern der Unterschied ganz wo anders liegt als in der Abstammung, ist jetzt diese schreckliche Zeit gekommen. Jenes Jahrhundert der Humanität mit seinen großen Geistern und Lehren—7 ist es denn ganz für uns verloren gegangen? Die Rassel Das Blut! Wer von uns kaust sagen: Mein Blut ist rein slawisch! Oder; Es ist rein romanisch! Wenn man unser« Blutstropfen chemisch daraufhin untersuchen könnte— das würde kuriose Ueberraschungen geben. Also bleibt nur die Verschiedenheit der > Sprachen übrig, wie sie sich, ich möchte sagen, mehr zufällig in den Landstrichen erhalten haben. Ist es nicÄ größtenteils ein Buchstabenkrieg, der da mit ost wahnwitziger Grausamkeit geführt tviro? Der deutsche und der Hündische Bauer verstehen sich nicht. Richtig. Aber verstehen sich der deutsche Bauer und der deutsche Großstädter? Verstehen sich der deutsche Sozialdemokrat und der deutsche Aristokrat? Verstehen sich der deutsche Katholik und der deutsche Protestant? Sie verstehen sich vielleicht sprachlich, aber nicht sachlich. Lieber Himmel, wenn alle, die auf dieser Welt sich nicht verstehen, sie gegenseitig ausrotten wollten, so bliebe schließlich nur einer übrig. Und auch der müßte sich'abtun, weil er sich ja selbst nicht versteht. In unserer Sache wiederhole ich, baß der deutsche und der slawische Bauer über die Sprachgrenze hinweg vermöge ihrer ähnlichen Lebensführung sich besser verstehen, al- der altständige deutsch« Bauer und der moderne deutsche Städter. Im großen sind die Interessen unserer Menschen und Völker gegenseitig. Die wirklichen Konflikte aber liegen im Wirtschaftsleben, und zwar innerhalb eines.Voltes so gut al- zlvi- ! scheu verschiedenen Völkern. Wozu also dieser Kampf um die Sprachen? Es ist ein rein theoretischer, ein unnatürlicher, ein frevlerischer Krieg. Aehnliche Gedanken quälten mich in den Tagen der Nationalitätsrevolten in unseren österreichischen Städten. Ich bin der Ueberzeu- gung, daß solche Gedanken an sich richtig sind, aber auch, daß die Sache nicht so einfach liegt. So überaus vertoerflich der Nationalitätenkrirg ist— wir haben ihn einmal, wir müssen mit ihm rechnen. Das eine Volk hat angefangen mit der Eroberung, das andere muß sich ipehren. sind wehrt sich natürlich vor allem um seine Sprache, dieses tour« Gefäß unsere- geistigen Leben-. Man meint aber, ein Kulturstaat mühte e- doch zuwege bringen, daß jedem seine Muttersprache gesichert bleibe. Und man meint, die Leute sollten doch so vernünftig sein, auch die Sprachen der Nachbarn zu lernen, ohne zu befürchten, daß dadurch ihr angestammtes Blut zugrunde geht! Der Krieg um die geistigen nationalen Güter. dar wäre etwas! Aber auf dieser"moralischen Höhe stehen unser« nationalen Kämpfe- nicht. Niedrige I n t e r es s e n k ä m p'f e sind es, von persönlichen Feindseligkeiten werden sie geleitet; Eitelkeit und Ehrgeiz der Parteiführer spielen Mit. Ein Werk der Verführung ist größtenteils dieser Kampf. Mit Schlagworten aujgewiegelt wird die Menge, die sich weiß Gott was Heldenhaftes dabei dünkt, wenn man anderssprachige Mitbürger mit Steinen bewirft und ihre Häuser demoliert. Der hohe Sinn, der im treuen Schutze des angestammten Volkstums liegt, bleibt der fanatische 1 Menge verborgen—- ist ihr auch ganz gleichgültig. Soll denn das nun ewig so fortgehen? Tenn was man heute will, ist nie und nimmer durchführbar: die Abgrenzung der Völker, damit dann Friede seil Um diesen Frieden zu erlangen, ewiger Krieg! Ist das nicht widersinnig? Aber es gibt Leute, die wollen den Kampf um jeden Preis. Der Kampf stähle und adle den Menschen, sagen sie. Gut; dann sollen sie ja froh sein, daß immer heftige Feinde gegeu sie aufstehen; sie könnten mit diesen Feinden munter ringen, aber ohne Haß, ohne Rachgier, vielmehr mit Achtung, ja sogar mit Liebe, zum Gegner, der ja das ist und tut, waS sie wünschen und nicht entbehren können. Nein, allen Ernstes, ich mutz eS offen sagen: die Treu« zum eigenen Volk habe ich mir ander- gedacht. Was ist das für ein Nationalismus, der immer darauf aus ist, dem eigenen Volke unter anderen Völkern Feinde zu machen?! Nr 300 Mittwoch, 25. Dezember 1835 Seite 8 Weihnachtsbrief aus Kalifornien Hollywood, im Dezember. Mein lieber Peter, gestern' hat der Weihnachtsmann hier seinen Einzug gehalten. Es hat mir sehr leid getan, daß du ihn nicht sehen konntest. Er fuhr in einem großen silbernen Schlitten, der von sechs weißen Hirschen gezogen würde— und heißt in Amerika gar nicht Weihnachtsmann, sondern Santa Claus. An ihn schicken die amerikanischen Buben und Mädchen die Briefe mit den Wunschlisten. Sie schreiben auf das Kuvert blpß:„To Santa Claus", werfen es in irgendeinen Briefkasten und es kommt an. Bei den viele« hunderttausend Kinder«, die es in Amerika gibt, hat Santa Claus sehr, sehr Piel zu tun und er kann unmöglich alle Briefe allein beantworten und durchsetzen. Deshalb nahm er sich schon vor vielen Jahren einen gütigen alten Mann, der ihm bei dieser Arbeit half. Aber eines Tages lasen die Eltern' der Kinder in der Zeit- tung, daß der Weihnachtsoberpostmeistersekretär- stellvertreter(der in Denver, Colorado wohnte) in Pension gegangen sei. Und die Eltern waren sehr traurig, denn sie wußten nun nicht, ob nun die Wünsche Ihrer Lieblinge alle erfüllt würden ; Aber die Buben meinten, Santa Claus habe sich bestimmt einen WeihnachtSoberpostmet- strrsekretärstellvertreter-Stellvertreter genommen. Aber sie standen doch sehr aufgeregt gestern abends unt 8 Uhr am Hollywood Boulevard, wie hier die schönste Straße heißt, und warteten, ob die Weihnachtsbäumchen an jeder Straßenecke zu leuchten beginnen würden—• denn das war das Zeichen, daß Santa Claus in die Stadt kam. Richtig, pünktlich flammten die Kerzen auf. Es waren aber keine wirklichen Kerze«, wie du sie von deinem Baum kennst. Es waren auch keine wirklichen Tannenbäume—>(die sj> gut duften, die saftige grübe Radeln haben, oft bläulich schimmernd, mit Zapfen daran und die draußen im Wald stehen, mit kühlem Schnee beladen.) Sondern die Kerzen waren elektrische Birnen, grün, blau, rot und weiß. Und die Weihnachtsbäume waren aus Papiermache. Jede Laterne trug solch ein Papierbäumchen und als die tausend bunten Lichter erstrahlten, da klatschten die Buben und Mädchen in die Hände und riefen:„Oh, boy—I" Du Mußt wissen, der Hollywood Boulevard ist schnurgerade und so lang, daß die erleuchteten Bäumchen an jeder Seite wie kleine Perlen auSsahen, die- weit» irgendwo in der Ferne, zusammentrafen. Dazu kletterten viele Lichtreklamen an den Häuser« unter denen es einige Wolkenkratzer gab— auf und ab. Scheinwerfer gossen hellblaue Streifen in den dunklen Nachthimmel und wenn der Zeppelin durch diese Kegel fuhr, so blinkte er wie lauter Silber. Die hohen Palme«, die hier anstatt der Linden und Kastanienbäume wachsen, bewegten sanft die breiten Blätter, weil ein dichter Wind durch sie strich. Der Wind kam direkt vom Meer. Ein langer, freundlicher Wachmann hatte ein schrilles Pfeifchen in der Hand, mit dem pfiff er, wenn die Wartenden zu sehr in die Mitte der Straße, drängten. Dann sagte ex auf englisch:„Leuteln gehtS z'rück—- sonst überrennt euch die Parade." Alle lachten. Und wichen zurück. Nur«in Junge blieb'mitten auf der Fahrbahn stehen. Der Polizist forderte ihn auf: „Hallo, geh aus dem Weg—1" Aber der antwortete frech:„Jq, zeigen S' mir ihn erst.. Denn die amerikanischen Lausbuben sind wie die anderen Lausbuben. Plötzlich ertönten Sirenen und sechzig Motorradfahrer in schmucken Uniformen sausten vorbei, um Platz zu schaffen, für Santa Claus. AuS der Ferne schpll Musik und bald tauchte die Spitze des Zuges auf, geführt von einem Cowboy auf einem Rappen, der tänzelte ungeduldig hin und her und wär« lieber gaUopiert, als nur so im Schritt gegangen.(Der Cowboy war auch kein richtiger Cowboy, sondern der Filmschauspieler Leo Carillo). In eleganten Autos saßen einige Herren« die Stadtväter sozusagen, unter ihnen auch der Bürgermeister von Los Angeles, den alle mit Tücherschwenken und fröhlichen Zurufen begrüßten. Und er Nickte mit dem Zylinder zurück. Ein Lunge, nicht viel älter als Du, rirr auf einem weißen Pony, war selbst ganz weiß gekleidet, sogar die Reitstiefel waren weiß und die Buben schrien:„Look Daddy—- isn't that gorgeous"((Schau her, Papsl, ist das nicht fein?) SeoutboyS(amer"anische Pfadfinder) marschierten stramm vorbei, hatten ihre eigene Musikkapelle und der erste trug das Sternenbanner. Wir entblößten die Häupter und grüßten die Fahne dieses großen Landes, das jedem Mensche« Gastfreundschaft gewährt. Die Trommeln und die Trompetenstöße klangen noch an unser Ohr, da rollte langsam ein gelbes Auw Hexan und darinnen saß’-r na, wer glaubst du? Rein, du kannst es nicht erraten. Darinnen saß ei« lebendiger mächtiger n— Löwe. Jawohl, ein Lywe. Raubtier spitzte fortwährend auf das Pony vor ihm, das ihn anscheinend wett« ays mehr interessierte, als die Menschen. Aber weil der Löwe wußte, daß er hier Gast von Santa Clauß w-r und deshalb keine. Dummheiten machen durfte, weil er auch angekettet war, so gähnte er. bloß— und die Kinder lachten. „Der ist ja gezähmt", riefen die Buben, um zu beweisen, daß sie sich nicht fürchteten. Viele unter Ihnen kannten auch den Löwen schon. Er wohnte nämlich in einem Käfig Ecke Bine Street und Wilshire Blvd.— und war das Wappentier einer Gasoline-Station. Clowns zogen komische Gummifiguren, die so groß wie Häuser waren, zum Beispiel einen Riesen. eine Micky Maus, Felix den Kater Und ein Fabeltier, halb Drache, halb Mensch, mit sechs Beinen. Es war sehr lustig. Die nächste Musikkapelle wurde von einem 14jährigen Lungen dirigiert, der allerlei Kunststücke mit seinem Taktstock vollbrachte und ihn wie ein Akrobat balancierte.(Dafür klatschten die Zuschauer dankbar.) sind endlich näherte sich das Prunkstück der Parade:. Santa Claus im Schlitten, und die riesige Spielzeugwerkstatt, darin fleißige Zwerge an den Spielsachen für die Kinder arbeit teten. Man sah sie hämmern, sägen, malen mit einem Satz: alle die Dinge fabrizieren, die sich solch ei« amerikanischer Lunge wünscht.... Ich glaube, die Kinder der ganzen Wett, haben die gleichen Wünsche. Das ist das Merkwürdige — wenn man aus jedem Land ei« Kind nähme und man ließe sie eine Weil« allein, sie Verstünden sich, obwohl jedes von ihnen eine andere Spräche spricht. Das ist etwas sehr Schönes, mein Sohn, und man sollte sich daran zeitweise erinnern, Es liegt ein großes Geheimnis darin verborgen, in diesem Sich-Berstehen, weißt du .... Die Erwachsene«, mein Lung«, sind nämlich sehr klug und wisse« natürlich alles viel besser als die Kinder. Nur vergesse« sie zuweilen die einfachsten Dinge, sinter anderem, daß sie alle einmal auf dem Schoß einer Mutter gesessen haben, daß sie alle einmal mit Herzklopfen vor der Weihnachtstsire warteten(oder durchs Schlüsselloch zu gucken versuchten!), und daß es kein schöneres Fest auf der Welt gibt, als die fröhliche Weihnachtszeit. Denn- die Großen haben vergessen— und es scheint mir, ihr Kinder solltet sie daran erinnern daß das Leuchten des Weihnachtsbaumes nichts anderes heißt, als: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Ich dacht« daran, als ich hier, im fremden Land, so weit von Dir, die Kinder zusamt den Vätern und Müttern, jubelnd hinter pem Wagen dteinlaufen und zu Santa ClauS hinaufwinken sah. Genau wie unser Weihnachtsmann sah er aus, Mit seiner roten Kapuze, dem langen weißen Bart und der roten Rase. Er streute aus seinem Sack Schnee aüf die Kinder— aber ,eS«raren nur Papierschnitzel— denn hier gibt | cS keinen Schnee, hier ist ewiger Frühling. Und neben ihm saß der neue Weihimchtsoberpostnwi- stersekretärstellvertreter-Stellvertreter und hielt die Zügel der sechs Hirsche. Die hatten ein liebliches Glockenspiel an de« Geweihe«. Und alle freuten sich über den Gehilfen von Santa ClauS und fanden es sehr vernünftig, daß er sich nicht wieder einen alten Mann.— sondern ein schönes junges Mädchen genommen hatte.(Du nicht auch?) Schnell warf ich einen Brief in seine« Schlitten, in dem ich Santa Claus alle meine Wünsche mitteilte. Einer davon war, dqß ich *Dich bald so auf die Schulter hebe« kann, wie die amerikanischen Väter ihre Jungens, damit sie einen freien und bessere« Ausblick haben. Dein Vater. Heiliger log der Menschheit! Weihnachten 1935— Weihnachten der Not! Aus dem„Fest der Liebe", aus den F-sten des Lichts und der Verheißung ist ein Fest der Wenigen geworden, die die Lichter ihres Erfolges anzünden, während die Quartiere der Armut imtiefenSchatten dieser erbarmungslosen Zeit liegen. FriedeayfErden und de« Menschen ein Wohlgefallen.—? Der Geist der Gewalt, des Mordes, der Unterdrückung zieht wie eine Geißel durch die Welt! Der menschenfeindliche Wahn des Fascismus zerrüttet die Moralischen Grundlagen einer Gesellschaft» die, längst morbid, nicht in sinehren still unterzugehen versteht, sondern im Kampf ihrer beginnenden Agonie das Kommende mit zu zerschlagen versucht! Friede aufErden—? Ln Aethiopien wütet der Mord, verbreiten die Bombenflieger des Duce den blutigen Segen der europäischen Zivilisation in de« Hutten hilfloser schwarzer Frauen Und Kinder. Die Rüstungsaktionäre der Welt münzen Blut zu Geld, das goldene Zeitalter der Hyänen der Schlachtfelder ist angebrochen. Die Mordwerkzeugfabrikation arbeitet fieberhaft; die Bedrohung der Welt durch de« Einbruch der Barbarei im Herzen Mitteleuropas, in Deutschland, hat den Kessel zum Weihglühen gebracht! unddenMenschen ein Wohlgefallen? Tvr Hunger geht wie ein unentrinnbares i Gespenst durch die Stuben der Armen, die Fabriken liegen verödet, unterernährte, verzweifelte Menschen zermürbt die vergeblicheJagd nach Arbeit, nach Brot! Hungernde Kinder, Kinder ohne Heim, Kfnder ohne Bett klagen die Gesellschaft ohne Gewissen an, ihr Weinen legt fich wie ein Alpdruck auf unser Herz, ihre erloschenen Augen verfolge« uns, wohin wir auch gehen! Heilige Nacht? S o l a n g e der Hunger umgeht in dieser Welt, umgeht durch unsere Schuld, solange die einen im sioberfluß, und die änderen im Elend, an dem sie schuldlos sind, ertrinken, wird es auf dieser Erde keine heilige Rächt geben! Wenn Unrecht und Hunger besiegt sein werden, wenn aus^ einer Unordnung der Gewalt und der Ausbeutung die O r d n u n g sozialistischer Gerechtigkeit geworden sei« wird, wenn Brot für unsere Kinder und Arbeit für unsere Hände, unbeeinflußt von niederträchttger Spekulation der Profithyänen, aus dem Segen der-GeMeinschaft erwächst, dann werden sich die L i ch t e r i n d e n d u n k- len Hütten der Armut entzünden! Dann wird dit„Heilige Nacht" dieser Erde übergehen in den heiligen Tag der Menschheit! P. Zurückfinden Von Martin Grill Kette, die den Leib nmschnürt, brachst Du kühn entzwei. Straße, die ins Wette führt, sah Dich froh»nd frei. Dann umschlang Dich wunderbar ferne, fremde Welt Und der Seele Wanderschrei stieg zum Himmelszelt. Großer Städte Machtgedröhn schlug Dich in den Bann. Heide träumte, Einsamkeit wehte kühl Dich an. Und der tiessteu Sehnsucht doll, lnstvoll und entflammt Gingst Du hin, entrückt«nd toll» selig»nd verdammt. Sehnen glühte Dir im Blut, das im Ueberschwang Wild, entfesselt«nd verzückt Lnstchoräle sang. Griffst selbst»ach dem fernsten Ster«, faßtest nur de« Schmerz. Stnrm, der«m die Stirne flog, kühlte sanft Dein Herz. Und enttäuscht, verlacht, verhöhnt, blühte Dir kein Glück. Alle Wege führten Dich z« Dir selbst zurück. Du bist Ende»ad Beginn, Sämann«nd die Saat,^ Sei Erkennen, Wollen, Sinn, Weg»nd auch die Tat! Erst wenn Tn Dich selbst verzehrst, wirst Du Sieger sei«. Wen« Du ganz der Welt gehörst, da»« erst ist sie Dein! Lob den Ungeschickten Bon Karel Eapek. Manche Menschen werden von einer besonderen Böswilligkeit des Schicksals verfolgt; man nennt sie ungeschickt, als ob sie etwas dafür könnten, daß sich die Dinge in ihren Händen irgendwie beleben und ein eigenwilliges und nahezu teuflisches Temperament offenbaren. Eher könnte man sagen, sie seien Zauberer, deren bloße Berührung den unbelebten Dingen eine unberechenbare Lebendigkeit verleihe. Schlage ich einen Nagel in die Wand, belebt sich der Hammer i« meiner Hand auf so merklvürdige und unbezähmbare Weise, daß er entweder die Wand oder meinen Finger, oder das Fenster am andern Ende des Zimmers zerschlägt. Bemühe ich mich, ei» Paket zuzuschnüren, äußert der Bindfaden eiüe geradezu schlangenhaft« Hinterlist; er krümmt sich, entschlüpft meinen Händen, unt am Ende voll- führe ich den beliebten Trick, meinen Finger an das Paket srstzubinden. Einer meiner Kameraden, der sich in die hohe Politik mischt und zwar derart« daß sich alle laut darüber wundern, wagt es einfach nicht, den Kork aus einer Flasche zu ziehen; er weiß, der Storf bliebe ihm in der Hand, Ivährend die Flasche mit unerwarteter Gewandtheit seiner Hand entschlüpfte und auf die Erde hüpfte. Die Menschen sind dumm; anstatt dieser besonderen Magie Anerkennung zu zollen, ver, jachen sie dir, welche eine solche belebende Beziehung zu den Dingen haben und halten sie für ungeschickt, für Nichtsnutze, Tolpatsche, Dummköpfe, Tölpel, Rappelköpfe und Quackelhänse. In Wirklichkeit besteht der ganze Unterschied daran, daß die ungeschickten Menschen mit den unbelebten Dingen so umgehen, als Ivären sie lebendig, besser gcsagt ungezähmt, mit einem eigenen Willen begabt und widerspenstig, während die geschickten Menschen die unbelebten Dinge wirflich wie unbelebte behandeln, mit denen sie tun können, war sie wollen. So ein Handlungs- ! gehilfe sieht im Bindfaden nicht etwa eine wilde und hinterlistige Schlange, sondern nur den gehorsame« und toten Bindfaden; eins zwei und es | ist geschafft. Der Hammer in der Hand des Maurers ist kein widerspenstiger und hartköpfiger Bock, der hinstüßt, wo eS ihm gerade gefällt, sondern ein totes und passives Werkzeug, das dorthin schlägt, wo man es braucht. Bom Standpunkt der Ungeschickten ist diese Bändigung der Dinge allerdings eine wahrhafte Zauberei; aber ebenso sollten die geschickten Menschen anerkennen, daß die Ungeschicklichkeit magisch und geheimnisvoll ist. Ich zum Beispiel glaube, daß nicht die geschickten Menschen, sondern eben die magischen Tolpatsche die Märchen von den Dingen, die sprechen können, erdacht haben. Ich denke, Andersen dürfte manchmal vom Sessel gefallen sei». wag ihn auf den Gedanken brachte, ein Stuhl könne hie und da lebendig werden und sprechen. Der dumm^Hans, der den Steg grüßte und ihm viel Glück wünschte, fürchtete zweifellos, dieser Steg könnte ih« in den Bach werfe«; wäre er Mitglied des Touristeyklubs gewesen, hätte er kaum mit dem Steg gesprochen, da er sicher gewesen wäre, anstandslos hinüberzugelangen. Die geschickten Menschen bringen in unsere Welt die heldenhafte Vorstellung unbegrenzter Möglichkeiten; die ungeschickten dagegen bringen und erhalten die epische und geradezu märchenhafte Porstellung unbegrenzter Schwierigkeiten, Zufälle, Hindernisse und Widerstände. Die Vorstellung des gläsernen Berges, der hinter Abgründen, schwarzen Seen und undurchdringlichen Wäldern emporragt, drückt die lebendige Erfahrung der Ungeschickten aus, wonach es schrecklich schwer ist, irgendwohin zu gehen oder irgendwas zu tun. Aber ich lobe nicht die Ungeschickten ihrer vorzüglichen Einbildungskraft wegen; ihre Bedeutung ist größer; gern möchte ich sagen, was sie für die Eittwicklung und den Fortschritt der Welt getan haben. Di« Ungeschickten waren eS, denen wir die größte Entdeckung der Menschheit verdanken. Tie von euch verachteten Quackelhänse waren es, welche die Arbeitsteilung in die Welt brachten. Der erste fürchterliche Tölpel mußt« geboren werden damit ihn der geschicktere Mitmensch bei der Bearbeitung der Klauen oder Ausarbeitung der Häute mit den Worten beiseite stoße:„Geh weg, du Ochse, ich mache es statt deiner." Ein Ungeschickter war es, der den Spezialisten schuf. Wären alle Menschen gleich gewandt, gäbe eS keine Arbeitsteilung und infolgedessen auch keinen Fortschritt. Während einige Urmenschen die Klauen bearbeiten und andere Mammute und Renntiere erlegen konnten,.gab es ein paar wertvolle und fortschrittlich« Einzelwesen, die nichts konnten. Und wenn, dann war es zu nichts; einer zählte aus Langweile die Sterne; der zweite Nichtsnutz brachte mit dem I Mund verschiedene Töne hervor, worüber dit au- .dern lachten und welche sie dann nachzuahmen begannen; der dritte spielte vielleicht mit färbiger Erde und Ruß und fleckste in Attamixa die ersten Fresken hin. Wahrscheinlich warb« eS ganz hilflose und merkwürdige Tölpel, die nicht einmal einen Markknochen zu spalten vermochten. Die Geschickten hatten entdeckt, daß man aus einem Stein ein Messer machen könne; die Ungeschickten jedoch taten ein« weitere Entdeckung, nämlich, daß man diese Arbeit den andern überlassen könne; so schufen sie die Gesellschaft. Starke und gewandte Männer hatten erkannt, man müsse Läger und Krieger sein, um leben zu können; die Tölpel jedoch zeigten, daß ein paar Jäger und Krieger genügten, bannt auch die andern Menschen leben könnten. Der Mensch hörte auf nur Läger zu sein, als Geschöpfe geboren wurden, die sehr schlechte Jäger waren. Könnten all- Men- fchen Schuhe nähen, gäbe es keine Schuster. Und tvenn wir Tolpatsche nicht wären, hätte«S weder einen Prometheus noch einen Edison gegeben. .(Deutsch von Julius Mader.), Sekte 10 Mittwoch, 25. Dezember 1935 Rr. 300 da der oder Mangel an Schlauheit. Zum I „Der dumme Dub- auf eine Ohrfeige stirbt er." So anerkennenswert manche Werke der epischen oder dramatischen Literatur auch sein mögen, — dem Forscher, der den Spuren des geheimen Ttieb- und Empsindungslebens des Menschen zu folgen gedenkt, bieten sie gar nichts oder nur wenig Werw olles, da der Großteil all d'eser literarischen Erzeugnisse auf die Interessen des lesenden Publikums abgestimmt erscheint. Das Streben des Dichters, in brutaler oder sentimentaler Hinsicht sensationelle Wirkung zu erzielen, beraubt seine Schöpfung ihrer psychologischen Werte. Von diesem Gesichtspunkt aus muß es als begrüßenswert angesehen werden, daß der Bibliothekar der Wiener Polizeidirektion darangegangen ist, eine Sammlung von Anschriften und Zeichnungen aus dem Wiener Polizeigefangenenhaus zusamm n- zu stellen: eine Fundgrube kostbarsten Materials für den Kriminalpsychologen und eine interessante Lektüre für den Laien, dem sie einen Einblick ermöglicht in die dunklen Tiefen der Seele des kriminellen Menschen. Die meisten der Kerkerinschriften, soferne sie nicht Liebe und Erotik behandeln, beziehen sich auf jene strafbare Handlung, auf Grund deren die Inhaftierung erfolgte. Sie verraten leider fast niemals Zeichen aufrichtiger Reue, eher Sarkas- muS und Wut über Verrat, außer acht gelasiene Vorsicht Beispiel: -— Ziemlich spät von Sroubek nach Hause.gekommen, ging ich den Rest der Nacht im Bette auf und ab, meditierend. „Lorbeeren sind ja schön, aber von Lorbeeren allein ist noch kein Künstler satt, geschweige denn fett geworden. Du hast ja schon so. vieles im Leben erprobt: Mit Großherzog Alexander H. im Weimarer Schloß zu Nacht gespeist,. im Woolworth-Restaurant in New Aork Geschirr gewaschen, versuch's einmal mit der Versicherung^" Nm halb neun im„Weltall"-Gebäude; um halst zehn meinen Vertrag in der Tasche, um zwei -Uhr nachmittags zweihundert expreß gedruckte Bisftkarten auf Büttenpapier(gegen Dreimonat» .wechsel)' in'der Wäsche, konnte ich schön um drei. 'Uhr die erste von ihnen, Frau Bonzel(Ncka- ' zanka 104, VI. Etage, Lift— Kö 1.— Einwurf) durchs Dienstmädchen überreichen laffenl — Frau Bonzel war nämlich bei Sroubek meine Tischnachbarin gewesen, hat mich mit Schmeicheleien fast erdrückt, und mir schließlich das. süße Geheimnis ins Ohr gc- flüstert, daß sich ihre Aelteste, ihre Libuska. demnächst verheiraten würde! Na, also? Mein erster Abschluß! Sie muß ihren zukünftigen Schwiegersohn zwingen, sein Leben zu Gunsten ihrer Libuska auf— sagen wir: Kf 150.000.— versichern zu lassen.— Die Türe öffnet sich und Frau Bonzel, frisch gewaschen, und. mit denselben.'Dauerwellen auf dem Kopf, wie bei Sroubek, begrüßt mich mit geradezu überschäumender Herzlichkeit: .„Herr Ho—o—ck! Nein, diese lieber» raschungl Bitte, hier in den Salon— Ma- Die Raß, die Elende." „Giht es in Oesterreich eine Gerechtigkeit? An Dreck gibtS." Aber es finden sich auch Inschriften, die nicht nur keinen Zorn, sondern g^adezu stoischen Gleichmut erkennen lasten, wie die eines scheinbar abgefeimten Verbrechers: „Do bin i, do bleib i Und do wüll. i sterben." Ein Tas Versicherungsagent (Selbsterlebtes von Unus) oder: „Menschen, Menschen san mir alle, Fehler hat ein jeder gnur,- mei Fehler wars, daß mi derwischt haben, a reiner Zufall der Natur." und: „Wer das Stehlen hat erfunden, der hats etnsperrn nicht mitgemacht, den sonst haft er seine Stunden mit was andern zugebracht." In erster Linie richten sich Wut und Zorn des Häftlings natürlich gegen den„Räuber seiner Freiheit": auf die Polizei und ihre Organe. Zum Beispiel: „Die Behörde gehört alle am Mist." „O wie blöd seid ihr, Polizeibeamte und doch wie gemein." „Jeder Wachmann gehört verbrennt und in Aport gehaut." ;„Der Kommissär ist ein Trottek, er schreit und brummt als wie ein Trottel, er tut recht spinna, bis daß ihm einmal wirds Hirn auSrinna." Dieser Zorn entspringt häufig der Tatsache, daß der„Sitzende" seine Strafe als zu schwer oder überhaupt> als ungerechtfertigt ansieht, wir aus den drei folgenden Inschriften hervorgeht: „Warum ich hier bin, das möcht ich wissen." „Wier ich jetz in die Freiheit kunun, gehr ich gleich' schimmeln, das mich nicht mehr umsonst Ein- sperrn. Eigentlich bin ich Vortragsküyftler. Als Sprecher eine Klasse für sich. Als Redner ohne Konkurrenz; ohne Selbstlob:- ein Sprech- Caruso. Schwimme in Lorbeeren.' Die Bei« fallsstürifte haben mir schon alle Haare auf dem Kopfe ausgerissen. Die Leute aber halten meine Glatze für eine Alterserscheinung. Nachdem sich einer der erwähnten Orkane nach meiner letzten Programmnummer— anläßlich meines zweiten VortragsabendeS in der „Urania"— gelegt hatte, und ich eben im Begriff stand, mein schweißtriefendes Hemd mit einem trockenen zu vertauschen, stürzt ein Herr mit strahlendem Gesicht, ausgestreckten Armen, mit dazugehörenden Händen, in meine Gar- derober„Mensch! Hock! Ich gratuliert zu Ihrem Bombenerfolg! Sie sind ein Redner! Einfach fabelhaft! So ein Redner fehlt uns! Sie müffen wir haben! Sie verzeihen Sie, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt: I G r ä ul i ch, Max Gräulich, Generaldirektor-er Weltall-Versicherungs-Gesellschaft, Lebens» und Unfalls-Versicherung, mit oder ohne Selbstmord, Glasbruch, Arm- und Beinbruch, Einbruch und Ehebruch, Master und Feuer•—auch für selbstgelegtes— Hock, wir bieten Ihnen j e d e n Gehalt(bis Kä dreihundert) und'/" Prozent vom Hundert aller getätigten-Abschlüffel In einem j Jahr sind Sie ein gemachter Mann— bei Ihrer Redner gäbe?! Die Löcher, die Sie den Leuten in den. Bauch reden—für die kommt die Gesellschaft auf? Guter Witz? Was? Also reden Sie nicht, w i d e r s p r e ch e n Sie nicht— wir treffen uns nachher im Cafk Sroubek.— alles Ihre Bewunderer! Auf Wiedersehen!" so könnten, wir eine anregende Korrespondenz führen und dann die Tat folgen lasten." Richt uninteressant ist es, zu hören, daß die von Weibern stammenden Inschriften und Z.'ch- nungen viel- häufiger und in stärkerem Maß» obszön sind, als die der. Männer, ein Umstand welcher den Sammler der Inschriften zu der.» Schluffe kommen läßt, daß eine Art Elephantiasis sexualis des verbrecherischen Weibes international vorzuliegen scheint. Leider fehlt den meisten dieser Inschriften die Eignung zur öffentlichen W'e- dergabe. Allenfalls: möchte ich aber nicht verabsäumen,. cin iin der Weiberzelle aufgefund mcs Gedicht Wiederzugesten, das in einfacher und daher um so ergreifenderer Art das Schicksal eines ge- scheiwren Mädchens erzählt. Es möge denjenigen zu denken geben, deren Gewissen von den Regungen der Selbstsucht und der Leidenschaft gar häufig übertönt wftd: „Dort steht ein Mädchen, die Wange geschminkt, und wehmutsvoll, cs von ihrer Lippe dringt: Ach hätt ich niemals von Liebe gewußt, den er zerstörte mir das Herz in der Brust, dem ich mich hingab, der' mich belog, den ich so gerne hatte, der mich betrog. Und als sich-stellten die Folgen ein, ließ er im. Elend mich ganz allein. So wurde ich Dirne, die sich verdirbt, . die auf der Straße ihr Geld erwirbt, die langsam dahinsiecht im Laster der Stadt, vom Baume der Großstadt ein fallendes Blatt. Rach einem Jahr später kommt vom'Spital dasselbe.Mädchen, ihr Antlitz ganz fahl, verseucht und berfrostet schleicht sie einher, däS Laster der Großstadt, es rächt sich gar schwer, sie geht in die Kirche, kniet vor dem War, und betet für ihren Verführer sogar. Dann griff sie zur Waffe, nun hab ich es satt! - Vom Baume der Großstadt ein fallendes Blatt." Demgegenüber scheint einer dex Insassen auch einmal wirkliche Reue empfunden zu haben, die er auf folgende originelle Weise kundgab:, •„Liebe Dora I Hast recht gehabt, daß du mir immer gesägt hast geh arbeiten." . Nicht, minder, originell sind auch die Worte eines freiheitlich gesinnten Epikuräers, schreibt:-. „Das« schönste was eS auf Erden gibt ist die goldene: Freiheit, ein Stück Schweinernes oder Geselchtes. Ein Wein, Stück Hausbrot und ein schönes' Bett; und nichts arbeiten." Ein überraschend großer Teil der Inschriften nimmt, wie bereits erwähnt, auflLiebe und Ecotik Bezug, das unterbrochene Triebleben ergeht sich in den seltsamsten Phantasien und Betrachtungen: „Furchtbare Raffe! Mensch hör die Mahnung eines Unglücklichen. Meide die Weiber und bleibe ehrlich," „Das schönste für uns Männer ist ein Weib, jedoch muß sie gebildet geistig und äußerst Sinnlich sein, dann ist eS ein Genuß mir solchem Wesen zu leben. Was ist alles andere dagegen, ein schönes Weib ohne Gefühl und lauter Berechnung folgend, ist eine Maschine ohne Dampf, ohne Seele: Drum, wenn ein Mäderl, sei es hauptsächlich' Sinnlich und auch geistig nicht allzusehr zurück, eine schöne tolle Nacht mitmacheu will, sei eS aus Neugierde oder Sehnsucht sich einmal: ordentlich auSzutoben. so bitte mir vertrauensvoll zu schreiben aus Untersuchungshäftling.... Der Kerker spricht aus einem Polizeigefangenenhaus Von Ernst Mache! Vom abessinischen Christentum Das Kaiserreich Abessinien wird als christlicher Staat bezeichnet, besser gesagt: die Staatsreligion des„äthiopischen Kaisertums ist eine Art altertümlichen christlichen, aber mit verschiedenen fremdartigen. Elementen durchsetzten Gläubens- bekenntnkffes. Wir entnehmen den folgenden Auf satz, der im Verlag der„V o l n ä M y 6 l e n k a" erschienenen interessanten Broschüre„B o j o H a- bes" von A. L. Kaiser, in welcher der sachkundige Verfasser einige bemerkenswerte Kapitel Wer das umkämpfte Land und seine Kultur beisteuert. Die eigentlichen Abessinier sind Christen schon seit dem vierten Jahrhundert. Als sich aber im fünften Jahrhundert in der östlichen Kirche der sog. Monophysitismus ausbreitete, d. h. die Lehre von der einheitlichen Natur Jesu Christi, wurde auch fast das gesamte, damals christliche Aegypten monophysftisch und von da gelangte diese Lehre auch nach Aethiopien. Der Streit um den Monophysitismus war schleppend und. langwierig. Die Päpste verfluchten diese Lehre mehrmals, denn sie widersprach dem katholischen Dogma von der doppelten(menschlichen und göttlichen) Natur Christi, die in einer Person zwar vereinigt, aber doch getrennt enthalten seien. Nach dem Untergang des Christentums in Aegypten und Borderasien Erhielt sich der Monophysitismus nur in der armenischen, koptischen und abessinischen Kirche. Die Abessinier erkennen trotzdem den römischen Papst an, als ihr Oberhaupt aber betrachten sie den koptischen Patriarchen in Alexandrien, der den Metropoliten für Abessinien bestellt. Dieses verworrene Berhäftnis des abessinischen zum west lichen uW> östlichen Christentum ist noch mehr dadurch kompliziert, daß sich auch der N e g u S als Oberhaupt der Kirche betrachtet. Dazu kommt noch die Tatsache, daß die Auflicht über die kirchliche Gerichtbarkeit der höchste kirchliche Würdenträger in der heiligen Stadt A k s u m führt, der„N e- b r i d" genannt wird. .Das abessinische Christentum ist ein kurioses Christentum. So anerkennen z. B. die Abessinier außer der- Heiligen Schrift auch einige Apoky- p h e n(offiziell Nicht als echt anerkannte Schriften), besonders die sog.„Apostolische Kanone", anerkennen bloß. die- ersten drei Kirchenkonzile, bewahren die Beschneidung bei Knaben und Mädchen und haben in ihre Religion- viel Aberglauben und örtliche Gebräuche verflochten. Zahlreiche verheiratete Priester, wenig gebildet oder ganz ungebildet, beuten das Volk aus, soweit sie nicht aus dem reichen Kirchenbesitz leben. Das Land ist übersät mit einer Menge kleiner Kirchen, die in der Regel unansehnlich, unsauber und unbeholfen bemalt sind. Durch bessere Bildung ragen über hey Klerus die Kirchenschüler und -sänger hervor, die sich gewisse Kenntnisse, ange» eignet haben-und öfter an ausländische Schulen gehen,, um als a b e s si n i s ch e Intelli- g e n z heimzukehren. Obwohl die abessinische Kirche einigermaßen einheitlich ist, währt bisher zwischen den abessinischen Mönchen die Glaubensspaltung. Bis heute dauert der. läppische Streit um die Ansicht über die Gottesnatur Christi und ist die Ursache gegenseitigen Hasses und gegenseitiger Verfluchung. Die Abessinier. sind nicht zufrieden'mit der kirchlichen Unterstellung unter Patriarchen von Alexandrien und der heutige Kaiser Halft Se- lassft' unternahm,.noch als Regent Ras Tafari, den Versuch, einen einheimischen Patriarchen für Abessinien durchzusetzen, was ihm aber nicht ge lang. Als guter Diplomat trieb RaS Tafari den Streit nicht bitz zum offenen Bruch und begnügte sich mit dein Abschluß einer Art„Modus vivendi", nach welchem die Abessinier sich auS den von Alexandrien gestellten Kandidaten einen auSwählev könNen. Abessinien führte seinerzeit auch einen Streit um daS„Heilige Grab" in Jerusalem. Hier stoßen die Abessinier namentlich mit den Kopten zusammen, die sie auS dem Dom verdrängt und sich ihr Kloster Dejr es Sultan angecignet haben.. Früher hat die römisch-katholische Kirche mehrfach den Versuch gemacht, die Abessinier vom MänophWtismus zu bekehren. Sie hat damit aber niemals Etfolg gehabt und ihre Versuche hatten stets bürgerliche Wirren und grausame GlaubeuSverfolgungen zur Folge. Auch, die Jesuiten richteten in Abessinien nicht viel aus. Der durchschnittliche Abessinier— ob Krieger oder Bauer— ist oberflächlich religiös und recht abergläubisch. DaS Christentum ist in den Köpfen des Volkes mit primitivem Geisterglauben verschmolzen. Dieser„AnimrsmuS", der für. aste afrikanischen Völker charakteristisch ist, ist so verbreitet' daß er.vielerlei, oft schwer verständliche Gebräuche entstehen ließ. Der Abessinier beschwört Geister, betet zu ihnen, ruft sie in schljüuneir■ Augenblicken an. Und zwecklos knallt er auS seiner Flinte, um sie zu erschrecken und so von Angriffen auf seine werte Person abzuhalten. Auch, der abessinische Klerus ist vom UnimismuS verseucht. Für die Reinheit des Glaubens geschieht nichts— es gibt nur Lithurgien, die in den Augen des Volkes. magische Zwecke haben.. Die Volksmoral richtet sich nach Gebräuchen, die Religion hat keiften Einfluß auf sie, ganz ebenso, wie sie ja auch in.hochzivilisierten Staaten fast ohne Einfluß ist... r. 1 ruska! Bemte klobouk vot päna!—Nehmen Sie Platz! Also Sic sind also, wie ich sehe(auf meine Karte weisend), Geschäftsmann geworden? Da haben Sie recht! Nur als Geschäftsmann kann man verdienen! Künstler sein ist ja schön, aber was bringt die Kunst schon ein? Mein Mann sagt immer:„Der Geschäftsmann hat die Dailers und der Künstler hat den Dal« les!" Nehmen Sie's nicht übel, aber mein Mann macht imer so'ne Witze! Sehen Sie sich bloß meinen Kusäng an, den Sigi— ich hab' ihn Ihnen doch gestern vorgestellt— das ist ein Geschäftsmann! I Vor zehn. Jahren ist er nach Prag gekommen, mit ausgefranste Hosen!. Mit Hosenträgern hat er gehandelt— heute ist er mit Petsche! auf Du und Du! Ganze Gummipavlatschen soll er in Afrika haben ■— so viel Gummi braucht er für seine Guinmi» artikel, uftd nur im Dutzend! Die Kinder schreien, wenn sie nicht seinen Lutscher bekommen! Bor zehn Jahren hat er nicht gewußt, wie'n Theater inwendig aussieht und heute? Eine ganze Prozessions-Loge hat er abonniert im Deutschen Theater! Und wie er dasitzt, müßten Sie sehen: immer im Schmoking, mit Brillanten im Vorhemd, in die Manschetten sogar im Haar braucht er Brillantiene I Und s o weit, sehen Sie,. müssen Sies auch bringen-,-77-7'.bei IhrerRedner gabe? Sie werden*——" „Gnädig st e, verzeihen Sie, ich“ „Verzeihen soll ich? Sie müssen meinem Mann verzeihen, daß er Sie gestern nicht an-, gehört hat! Aber er hat Sitzung gehabt, in der „Beerdigungsbrüderschafi" I Aber meine Libuska war begeistert! Sie ist leider nicht zu Hause, sic ist beim Doktor, wegen ihre Beine— die ganzen Beine hat sie voll Frostbäulen— was sagen Sie dazu? Aber das kommt von die dünnen seidenen Florastrümpfen! Ja, die Mädchen von heute: auf'm Hut haben sie'n Biber, um den Hals'n FuöD, um den Leib Astrachan und, ausgerechnet, die Beine nackt! So was hat's doch zu meinen Zeiten n>t gegeben? Wir haben schöne, weiße, dicke Wollstrümpfe gehabt undicke, warme Barchenthosen— aber heutzutage? W0 sehen Sie heute Barchent? Wer trägt heute Barchent? Mein Mann sagt immer: „Außen Seide, innen Salbe! Er macht, wissen Sie, immer so'ne Witze—• „Gnädige Frau, ich Vers ich e re „Natürlich müssen Sie das, wo Sie doch in der Versicherung sind! Sie werden schon Ihr Geschäft machen! Die ganze Welt ist ja versichert; bloß mein Mann hat eine Antipipie dagegen. Er sagt immer:„Wenn mir mein Arzt v e r s i ch e r.t, daß ich tot bin, was brauch ich da noch für eine Versicherung?" So'ne Witze macht er immer! Und dftbei hab' ich ihm erst neulich gesagt:„Sami", hab ich gesagt,„du bist' im Leben kein Geschäftsmann gewesen und w i r st auch keiner werden! Wenn du dich versichern läßt, bloß auf 200.000 K£, und der Agent kommt und du sollst die Prämie bezahlen— ich kenn dich doch— trifft dich vor Aerger der Schlag und deine Familie bekommt die 200.000 KL! Das Glück ist gar nicht auszudenken l" „I ch w ü r d e vie ll e i ch t" „mit ihm reden? Das tun Sie j a nicht: Er wirst alle Agenten heraus! Erst vorige Woche ist einer vom'Phönix dagcwrsen, da schreit ihn mein Mann an:„Phönix? Bin ich ein Vogel? Ich will doch nicht a u f e r st e h e n? Wenn nur dreißig Jahr verheiratet ist, ist ma froh, wenn ma tot ist!" Und dabei ist er gar nicht so dumm, nein, er sieht bloß so aus! Aber zum heiraten sind die dümmsten Männer die besten! Froh bin ich bloß, daß meine Libuska unter dse Haube kommt— er ist Witwer mit drei Kindern— aber er hat ein schönes Haus in Pankräc— da hat er schon früher mal zehn Jahre gewohnt——" „Gnädige Frau, ichmöchte „Ja, ich möchte auch, daß sie einen andern nimmt, aber was wollen Sie? Meine Libuska hat ihren eigenen Kopf!„Mamiöku" sagt sie zu mir,„wenn ich heirat', muß ich doch Kinder bekommen? Was das für Umstände macht, hast du mir ja selbst erzählt: das monatelange Warten, dann die Doktorrcchnung, die Amme, die Kindermädchen— alle vierzehn Tage eine andere— da heirat' ich doch lieber gleich die fertige Sach'?"— Meine Libuska ist ja so klug. Sie glauben's gar nicht! Sie geht aber auch in alle sexuellen Vorträge in der Urania! Da werden die Mädchen gebildet und klug l Meine Libuska" „G n ä d i g st e, i ch w 0 llt e m i ch bloß empfehlen—-——" ——„Sie wollen sich schon empfehlen? Das ist wirklich schade!. Ich kann Ihnen stundenlang zuhören l MarnSka— wo ist der Hut vom gnädigen-Herrn— JeZis Maria! Dejte sem! Nein, ist das ein Trampel! Meine Frühere, die Anna, das war eine Perle! Mein Mann sagt immer" „V e rz ei he n, eine wichtige B e r a b-r e d u n g— ,i ch m u tz— Küßd i e Hand! Habe die Ehre, habe die Ehre I" • ♦■ (Bor der Tür, mit tiefem Atemzug):„Ich bin bloß froh, daß i ch ein so g u t e r R e d n e r bin! Einen Tag Versicherungsagent gewesen und nicht wieder!". Nr. 300 Mittwoch, 25 Dezember 1935 Sekte 11 Kramär 75 Jahre Den 75. Geburtstag begeht Karel Kramäk in einer Lage, die für ihn einer gewissen Tragik nicht entbehrt:' Er ist politisch völlig vereinsamt, die Politik, die er seit etwa 1920 betreibt, ist gescheitert, seine Partei, die einst die tschechische Politik beherrscht hat, ist klein, einflußlos und durch die Vereinigung mit den Ligisten Stki- brnhs schwer kompromittiert. Diese Verbindung mit einer faschistischen Gruppe, die von nationalistischen Schlagworten lebt, hat dem Ansehen, das Kramäk früher noch genoß, schwer geschadet. Kramäk hat einst politisch bessere Tage, gesehen. Am 27. Dezember 1860 in Hochiser geboren, hat er an den Universitäten in Prag und Berlin studiert, wo er sich hauptsächlich mit volkswirtschaftlichen Fragen beschäftigte. Frühzeitig zeigte er lebendiges Interesse für die Politik und begründete mit T. G. Masaryk mid dem späteren österreichischen Finanzminister Dr. Josef Kaizl den sog. Realismus, eine Reaktion auf den staatsrechtlichen und nationalen Romantizismus, der damals die tschechische Politik beherrschte. Bald jedoch geriet er in Gegensatz zu Masaryk, der 1893 sein Mandat niederlegte und aus der jungtschechischen Partei austrat, während Kramäk in dieser Partei bald eine hervorragende Rolle spielte. Schon 1891— einunddreißig- jährig wurde er Abgeordneter, 1897— siebenunddreißigjährig— Vizepräsident des Abgeordnetenhauses, als welcher er sich allerdings nicht sehr rühmlich hervortat und eine drakonische Geschäftsordnung handhabte. Dieses antidemokratische Vorgehen machte er allerdings später wett durch sein Eintreten für die Wahlreform. Während das, deutsche Bürgertum mit allen Mitteln das gleiche Wahlrecht zu hintertreiben suchte, wurde Kramäk fein Befürworter. Politisch war er lange Lahre zum alten Oesterreich positiv«in-, gestellt und strebte eine gewiffe Autonomie für die Tschechen im Rahmen der Monarchie an. Freilich trat er leidenschaftlich für eine andere Außenpolitik des Habsburgerreiches ein, er war ein scharfer Gegner des Dreibundes und wünschte die Annäherung an Rußland. Seit dem Beginn des Weltkrieges änderte er seinen Standpunkt. Insbesondere die Kriegserklärung an Rußland wühlte ihn, der Rußland liebte und eine Russin zur Frau hat, außerordentlich auf und er trat im Herbst 1914 mittelbar mit den Ententemächten in Verbindung. 1915 wurde er verhaftet und ihm ein Prozeß gemacht, der nach mebrmonatlichen Verhandlungen mit seiner und des Mitangeklagten, Rasin Verurteilung zum Tode endetet Dieses Todesurteil wurde in zwanzigjährigen Kerker verwandelt, auS dem ihn die Amnestie vom Juli 1917 befreite. Sein Aufenthalt in Oesterreichs Kerkern hat seine Popularität sehr gehoben, so daß er der erste Ministerpräsident der Republik wurde. Die Gemeindewahlen vom Juni 1919 haben dann zu seinem Rücktritt und zur Ernennung Tusars zu seinem Nachfolger geführt. Seitdem war Kramäk verärgert und machte eine unfruchtbare oppositionelle Politik. Ln den Fragen der auswärtigen Politik bekämpfte er insbesondere die Annäherung des Staates an das neue Rußland, in der inneren Politik spielte er sich auf den unentwegten Nationalisten auf und verband sich schließlich vor den Wahlen 1935 mit den Stkibrnh-Leuten. Das Auftreten seiner Partei bei der Präsidentenwahl vom 18. Dezember ist noch in frischer Erinnerung. Die Wahl Beness zum Präsidenten sowie Kramäts Krankheit haben wohl seiner politischen Tätigkeit ein Ende bereitet. Ein außerordentlich begabter Mann, ein Mann der reinen Hände hat sich Kramäk seit einem Jahrzehnt um allen Einfluß gebracht, weil er die Zeichen der Zeit verkannt und sich den neuen Verhältnissen, die seit 1918 entstanden sind, nicht mehr anzupassen vermochte. „venei dringt de» Bolschewismus“ Flüsterpropaganda vor der Präsidenten* wähl In den Tagen vor der Präsidentenwahl gab es manche Debatte über die Frage, wie die Untergebenen Konrad Henleins stimmen werden. Erfahrene Polstiker im deutschen und tschechischen Lager meinten, es sei ganz unmöglich, daß die SdP-Fraktion für Prof. Nemec eintreten werde. Auf der einen Seit« der Schüler Masaryks, aus der anderen Seite der Vorsitzende des tschechischen Nationalrates, der die Sudetendeutschen vor wenigen Monaten als„den Feind" bezeichnet hatte— wie konnte da noch ein Zweifel über die Haltung der deutschen Parteien bestehen? Alle diese überflächlichen Beurteiler sind jedoch mn Wahltag eines Besseren belehrt worden. Sie sind mm hoffentlich von dem Irrtum geheilt, die SdP als eine demokrattsch-parlamen- tarische Partei zu betrachten, die hei den poli tischen Entscheidungen von den Interessen ihrer' Wähler geleitet wird. WaS einzelne Henlein-Vertreter in Privatgesprächen sagen oder ia gelegentlichen Aussprachen an Meinungen äußern, ist vollständig gleichgültig und unmaßgeblich. Die politische Linie d«r Partei wird nach dem Führerprinzip doch von Asch aus bestimmt, womit wir nicht behaupten wollen, daß die Eingebungen des Herrn Henlein den Ausschlag geben. Heute ist schon vollständig klar, weshalb die SdP-Fraktion bis zum letzten Augenblick nicht aus dem Nebel der Ungewißheit heraustrat und ihre Stimmen für den zweiten oder dritten Wahlgang reservierte. Im Lande draußen wurde schon die Stimmung dafür vorbereitet, falls die SdP— tatsächlich das»Zünglein an der Waage" geblieben wäre und anscheinend völlig vernunftwidrig den Kampf aktiv gegen Benes entschieden hätte. In der Flüsterpropaganda wurde bereits die Formel geprägt: „Benes ist ein Sozialist, der bringt uns den Bolschewismus." So wird es jetzt aus verschiedenen Teilen des Landes berichtet. Und es ist wohl kein Zufall, daß diese Propaganda ganz nach der Nürnberger Pärteitaasrede Hitlers klingt. Gleich nach Nürnberg hat doch die SdP die antibolschewistische Walze eingelegt und warum sollten die Motive, die Henleins Getreue zur Ablehnung des Äußenexposes bewogen haben, bei der Präsidentenwahl plötzlich außer Kraft gesetzt sein? Von einer Konsolidierung des Staates hat die SdV nichts zu erhoffen. Nur alsUnrube« f a k t o r vermag diese Partei«ine Rolle zu spielen. Wenn sie aber dabei keinen Partner findet, wie es diesmal bei der Präsidentenwahl der Fall war, dann wird ihre Rolle bald ausgespielt sein. Sozialistische Jugend im Kampf gegen die niUerdlHatur Zudifliausorteile gegen SAJ-mnhtlonäre Der Pressedienst der Sozialistischen Jugend- Internationale schreibt: In Hamburg und Bremen haben kürzlich mehrere grosse Prozesse gegen illegale Sozialdemokraten stattgefun- den, die durch ihre besonderen Begleitumstände und durch die Härte der verhängten Strafen selbst in dem an Schreckensurteilen so reichen Hitler- deutschland Aufsehen erregten. Auf der Anklagebank fassen neben einer grossen Zahl von bekannte« Sozialdemokraten aus den beiden Hansestädten vierzehn junge Mensch en, die als Mitzlieder der Sozia l i st i s chen A r 1^ bet t e r j uzend des’ H o A v r r r ats bezichtigt wurden. Die jungen Genossen, denen nichts anderes vorgeworsen werden konnte, als dass fie nach wie vor ihrer sozialistischen Ueber- zeugung treu geblieben find und für diese Ueder- zrugung wirkten, wurden wie gemeineBer» b r e ch e r behandelt. Zu den Berhandlungrn wurden die Genossen, unter denen einige fich noch im Lehrlingsalter befanden, gefes- selt durch die Straßen vom Untersuchungsgefängnis zum Hamburger Obrrlandesgericht geführt. Der„Anführer" wurde z« fünf Jahren Zuchthaus und zu fünf Jahren Ehrverlust verurteilt. Der Staatsanwalt beantragte die Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte mit der Begründung, daß der Begriff der Urbezeugungstäterschaft keine Anwendung finden könnt«, da eine Handlung gegen„Führer und Staat" gleichzusetzen sei mit der Handlung eines Berufsverbrechers. Wer find diese„Berufsverbrecher", die nun für Jahre ihr junges Leben hinter Zuchthausmanern verbringen sollen? Unter den Verurteilten befinden sich die Genossen Willi T i e d t, Henrp Lankena« und HanS Sander. Sie waren die Vorsitzenden der Sozialistischen Arbeiterjugend in Gross-Hamburg, Bremen und Harburg-Wilhelmsburg und gehörten auch dem Bezirksvorstand Hamburg-Rordwest der Sozialistischen Arbeiterjugend an. Neben ihnen finden wir die beiden Vorsitzenden deS größten Hamburger JugenddistriktS Eimsbüttel, die Genoffen Walter P öh lS und Philipp B ö rth; und die Leiter verschiedener Hamburger Arbriterjugrndabteilun» gen, Otto Dehnte, Arnold Henke, Paul S t r o d a und Richard B o l j a h n. Alle diese Genosse« find junge Menschen, die in ihrem privaten, beruflichen und gesellschaftlichen Leben ihre hohen menschlichen Dualitäten bewiesen haben. Aus innerster Uebrrzeugung und im Glauben an den Sozialismus wirkten fie in der Sozialistischen Arbeiterjugend. Ihre Aktivität, ihre Fähigkeiten und das Vertrauen der Mitglieder ihrer Gruppen brachten fie früh in füh- rcnde Stellungen der Jugendorganisation» dort waren sie die Träger einer Jugendarbeit, die sich/ das Ziel gesetzt hatte, in ernsthafter politischer Erziehungsarbeit die junge Generation zu verantwortungsvoller Mitarbeit an der Neugestaltung der Gesellschaft, heranzubilden. Sie blieben ihren Idealen treu, als Hitlerdeutschland anbrach, und der beispiellose Mißbrauch der Jugend durch dir Machthaber des Dritten Reichs, der nach Hitlers Machergreifung erst in vollem Umfang sichtbar wurde, hat fie in ihrer Urberzeugung von der Richtigkeit ihrer sozialistischen Anschauungen nur bestärken können. Die Gerichtsverhandlung gegen diese„Berufsverbrecher" war in Wirklichkeit«i n h o h e S Lied auf den grossen Idealismus, die menschliche Sauberkeit und den persönlichen Mut der Angeklag- t e n. Selbst dieses Gericht mußte in seiner Urteilsbegründung zugebrn» daß eS sich hei den An- geklagten um unbestrafte, intelligente und begabte junge Menschen handle. Diese Eigenschaften find aber in der Hitlerdiktatur strafverschärfend. Menschen dieser Qualitäten gehöre« in Hitlerdeutschland inS Zuchthaus, ihnen muß man die„bürgerlichen Ehrenrechte" deS'Dritten Reichs aberkennen, fie sind„Berufsverbrecher". Die Zuchthausurteile von Hamburg und Bremen richten das Regime. Sie sind«in neuer Beweis dafür, daß daS„tausendjährige Reich" HitlerS nur leben kann, wenn es mit Terror, Handbeil und ZuchthauSsttafen täglich ne« seine Schreckensherrschaft befestigt. Der Unterschied Zur Präsidentenwahl Das Journalistenleben, kombiniert mit Emigra- tion, ließ den Schreiber dieser Zeilen dreimal der Vereidigung gewählter Staatsoberhäupter beiwohnen. Das erstemal 1925 in Berlin. Im zweiten Gang der Ersatzwahl für den verstorbenen Reichspräsidenten Ebert hatte Hindenburg die meisten Stimmen erhalten und war dadurch gewählt, denn einzig bei dieser direkten Volkswahl galt im Reiche das englische relative MehrheitSvrinzip. Den Eid auf die Verfassung hatte der Gewählte vor dem Reichstag zu leisten. So stand der Erwählte aller deutschen Antidemokraten vor dem grün und schwarz-rot-gold dekorierten Präfidentenpult. Paul Loeb« lud ihn zur Eidesleistung mit. der Anrede ein:„Sehr verehrter Herr Generalfeldmarschall l" Hindenburg begann die Ablesung seiner Antworttede mit„Sehr verehrter Herr Reichs Präsident!" Vielleicht erschien ihm daS eine Silbe längere Wort Reichs tags Präs sent als weitschweifige Zipilschwabbelei. 1932 wurde er von einer ganz andere« Mehrheft als.Kleineres Uevel" gegenüber Hitler wiedergewählt. Aber eine Wiederholung der Vereidigung, hielt man nicht für nötig. Soviel ich weiß, machte die Linke nicht einmal den Versuch, die Reuvereidigung durchzusehen— jedenfalls unterblieb sie und wurde nicht einmal in der großen Linkspresse gefordert. Die weitere Entwicklung hat bewiesen, was Hindenburgs Eid wert war. Ueberhaupt hätte man sinngemäß für die Personalaften der Beamten etc. einen Gummistempel anschaffen können„Berfas- sungSeid geleistet am..." wie ein solcher—> allerdings für den Manifestationseid— mir auS lang zurückliegender Beschäftigung in einer böhmischen Bezirkskrankenkaffe noch als dort gebraucht in Erinnerung ist. 1934 wurde T. G. Masaryk zum drittenmal« durch die Nattonalversammlung in seinem Amt bestätigt. An seiner Verfassungstreue zweifelte schon nach seiner Herkunft und Geschichte kein Mensch. Aber ebensowenig dachte jemand daran, von der Berfaffungsvorschrift Abstand zu nehmen und Masaryk selbst begnügte sich nicht mit der früher angewandten Eidesformel, sondern wiederholte den ganzen Wortlaut der zutreffenden VerfaffungS- besttmmung. Und so hat eS auch Präsident Dr. BeneS gehalten. Beidemal« konnte ich dabei sein. Ich dachte an Berlin 1925 und ein klassisches Wort ging mir durch den Sinn:„Wie anders wirkt dies Zeichen auf-mich ein." n. Vom Rundfunk empfehlenswertes an* den Programmen! Donnerstag: Prag, Sender L: 9.55: MujjikS Salonquartett, 17.50 Deutsche Sendung: Klastische und zeitgenössische Musik für Bläser, 18.50 Deutsche Presse, 19.30: Uebertragung aus dem Nationaltheater: Don Carlos von Verdi, 22.45: Schallplatte«, 22.50: Deutsche Presse. Scnder S: 14.30: Deutsche Sendung: Jugendstunde.— Brünn: 14.15: Deutsche Sendung, 19.30: Hanakische Legende, 21.15: Weihnachten in Rumänien.— Mähr-Ostrau: 16.00: Nachmittag-unterhaltung, 17.50: Deutsche Sendung: Marie Stona liest eigene Werke.— Preßburg: 19.10: Slowakische Volkslieder. Freitag. Prag, Sender L: 10.05: Deutsche Presse, 13.30: Arbeitsmarkt, 13.40: Schallplatten: Grieg, 17.15: Streichquattett, 18.10: Deutsche Sendung: Alte deutsche Weihnachtsmusik, 18.35: Arbeitersendung: Aktuelle zehn Minuten, 20.05: Kinderchor- Konzert, 21.05: Konzert deS Prager Rundfunkorchesters. 22.15: Schneeberichte. Sender S: 7.30: Salonorchester. 14.50: Deutsche Sendung: für hie Frau.---- Brünn: 12:35 Rundfunkkonzert. 17.40: Deutsche Sendung: Sportberichte.^— Mäbr.-Ostrau 18.10; Deutsche Sendung: Weingartovä singt Lieder von Brahms.— Vreßbürg 16.10: Rundfunkorchesterkonzert. Der todbringende Weihnachtsbaum Brünn. Der Inkassant der Brünner städtischen Gaswerke Franz Zech probierte Montag nachmittags die elektrische Weihnachtsbaum» Belruchtung und geriet dabei in den elektrischen Stromkreis. Er wurde i« bewußtlosem Zustande ins Krankenhaus gebracht, wo er kurz nach der Einlieferung verschied. Großstadt ohne Obdachlose Die größte bürgerliche Zeitung Dänemarks, »Politiken", hat soeben gründlich«ach Obdachlosen in der Hauptstadt, gefahndet— aber auch nicht einen einzigen gefunden.»Socialdemokraten" bestätigt dieses Ergebnis und stellt fest, daß es durch die Sozialpolitik dersozialdemokra tisch geleiteten Regierung erzielt ift 16 Milliarden Schulden Paris. Die Stadt Paris kann das budgetär« Gleichgewicht nicht erlangen. Die Schulden der Stadt wuchsen auf 16 Milliarden Francs. Der Seine-Präfekt kündigte an,, daß es nötig sein werde, den Wasserzins und die Tarife der städtischen Verkehrseinrichtungen zu erhöhen, insbesondere die der Untergrundbahn. Auch einige Gebühren sollen gesteigert werden. Bahnunfall in Brün» Brünn. In der Nacht zum Dienstag entgleiste kurz nach 2 Uhr auf den Rangiergeleisen des Brünner Oberen Bahnhofes eine Verschub- lokomotive und ein Waggon, wodurch das Geleise des Prerauer Perrons verrammelt wurde. Die Morgen-Personenzüge erfuhren dadurch eine fast halbstündige Verspätung. Verletzt wurde niemand und der Schätzen ist geringfügig.(Direktion oer Staatsbahn in Brünn.) M« neuer St. Gotthard-Tunnel In Basel traten hervorragende Techniker zu einer Tagung zusammen, um das Problem eines zweiten St, Gotthard-Tunnels zu studieren, in welchem eine Automobil- Straße in einer Länge von etwa zehn Kilometer gelegt werden soll. Die mit der Erbauung dieses Tunnels verbundenen Kosten würden etwa ,80 Millionen,Schweiz,er Franken betragen; die Erhastyngskosten wüxoen. sich aus 300.000" Schweizer Franken jährlich'belaufen. Infolgedessen müßte von jedem Automobil, welches diesen Tunnel passieren will, eine Gebühr von, etwa 20 Schweizer Franken«ingehoben werden. TragSdie eines Hundertjährige» Jussuf Kara Jbraimöv Agowski, ein 110- jähriger Bulgare, aus dem Dorfe Tschepelare im Gebirge Despopo-Dagh(früher Rhodopegebicge), wo die Bulgaren deS mohammedanischen Glaubens, die sogenannten Pomazen, wohnen, versuchte auS Lebensüberdruß seinem Leben durch Erschießen ein Ende zu machen.' Er fühlte sich verlassen, da alle seine Jugendfreunde bereits gestorben waren. Der schwerverletzte Greis wurde in das Krankenhaus geschafft, wo es den Aerzten gelang, den Sckstverderletzten am Leben zu erhalten. Dies ist in den letzten Monaten bereits ter zweite Fall, daß ein 100jähriger einen Selbstmordversuch unternommen hat. Die Motive waren in beiden Fällen die gleichen. Pflicht derer, die davonkamen. DaS tiefste und bedeutsamste aller Weihnachtsworte ist leider auch zum abgegriffensten geworden:„Friede den Menschen auf Erden..." In aller Munde ist'S, tausendfach steht'S zu lesen. Und dennoch: die Tiefe, mit der es viele viele Menschen empfinden(oder richtiger gesagt: eben nicht empfinden), steht im umgekehrten Verhältnis zu . der Bedeutung, die dieses Wort gerade in unseren Tagen wiederum hat. Nicht nur ist nicht überall Friede auf Erden, nicht nur fallen vielleicht gerade in dem Augenblick, da dem Leser diese Zellen unter die Augen kommen, in Abessinien unschuldige Menschen unter den Schlägen der vom Faschismus entfesselten Furie, nicht nur schmachten in Gefängnissen und Konzentrationslagern Zehntausende unter blutigem Diktat der „Friedens".Zell— nein, mehr noch: der Friede Europas ist neuerdings bedroht; und bricht heute ein neuer Hoffnungsschimmer durch die Wolken, so kann morgen das Wellbild sich wieder um so ärger verfinstern. Alle, die guten Willens find, kämpfen oder arbeiten oder reden gegen den Krieg. Alle? Sind nicht auch viele unter uns, die gar viel über und gegen den Krieg zu sagen hätten, aus eigenem Erleben, und die dennoch nicht alles tun, um ihr Erleben für die Zukunft fortwirken zu lassen? Man kann ein hundert- prozenttger Kriegsgegner sein, aus der traurigen Erfahrung des Weltkriegs und aus tteferer und höherer allgemeiner Erkenntnis, und es : kann einem doch passieren, daß man, vom Kriege erzählend, ins Fabulieren, ins Romantisieren Lei'« 12 Mittwoch, 25. Dezember 1935 9h. 300 Verfällt, daß man den Jüngeren, den Kindern, der Frauen eigene Kriegserlebnisse berichtet und dabei sogar in eine gewisse Heiterkeit der Schi!» derung verfällt, sei es aus innerer Freude darüber, daß man„dabei" war, sei es im Glücksgefühl, daß man davonkam, sei es aus Eitelkeit oder infolge einer anderen menschlichen Schwäche. Und davor mag man sich sehr hüten! Es wäre schon sehr gut, wenn diejenigen, die davon- kamen, die Weihnacht dazu benützten, um den anderen zu berichten, w i e e s w a r. Wie es war mit allem Blut und Dreck, mit aller Todesangst, mit allem Grauen, aller menschlichen Erniedri- gung, mit Entbehrung und Leid. Ein Familienvater könnte es sich geradezu vornehrnen, zu Weihnachten ein Stündchen dem Kriegsgedenken zu widmen, den Jungen zu erzählen, wie es vor zwanzig Jahren war. Aber er mag jedes Wort dabei abwägen, mag sich vornehmen, sich von keiner wohligen Stimmung treiben zu lassen. Erzieherisch muß es sein, erläuternd und läuternd, warnend und drohend, nichts beschönigend, nicht vage aus dem Gedächtnis hingeplaudert, sondern durchdacht, zurück und zu Ende gedacht. Erst bis in den Zuhörern Abscheu und Empörung mitzittern, mag man die Stunden von heute loben, die trotz aller Not doch noch besser sind als jene, die wir in Schützengräben auf Bormarsch oder Rückzug erlebten. So wird dann das Wort vom„Frieden auf Erden" in den Weihnachtsstunden Fleisch ansetzen und sich mit lebendigem, gesundem Blut erfüllen gegen alles Blutvergießen. Denket, Männer, an diese eure Pflicht! Und die Kriegsfrauen von anno 1935 können Hinzufüger., wie es daheim aussah, als draußen die Männer gemordet wurdm. Gewiß, das sind keine frohen und keine festlichen Bilder. Aber Weichen wir ihnen nicht mit Empfindlichkeit aus. Denn erst wenn wir ihnen standhalten, dürfen wir des Besseren, das unö heute gegeben sein mag, wirklich froh werden, und erfüllen wir die Pflicht einer Nachwelt gegenüber, deren Glück von unserem Willen, unserer Kraft, unserer Einsicht mft abhängt. Die österreichische Polizei prügelt! Die „Arbeiter-Zeitung" berichtet: Von mehreren Seiten erfahren wir, daß auf gewissen Wiener Wachstuben nach wie vor geprügelt.wird. Daß insbesondere Jugendliche, die aus irgendeinem Grunde der Polizei eingeliefert werden, regelmäßig mit Ohrfeigen traktiert werden, gehört geradezu zu den vorschriftsmäßigen Gebräuchen der„besten Polizei der Welt". Aber es sind nicht Jugendliche allein! Besonders arg sind die Zustände in der Wachstube Hubergaff«. iw Wien». Ottakring-. Ein. wegen riner politischen Anzeige Verhafteter erhielt gleich zu Beginn des Verhörs dupch den Polizeibeamten A u i n g e r von einem dabeistehenden Wachmann eine wuchtige Ohrfeige. Als er einen Schmerzensruf ausstieß, fragte ihn der Wachmann höhnisch:„Was haben Sie gesagt?" Als er erwiderte, er sei geschlagen worden, bekam er sofort noch eine Ohrfeige. Das wurde so lange fortgesetzt, bis er auf die Frage,, ob er geschlagen worden sei, mit Nein antwortete— ganz wie im Dritten Reich. Während des stundenlangen Verhörs wurde der Betreffende noch oft geprügelt, bis er sich kaum mehr rühren konnte. Ebenso ergeht es den meisten Politischen, die in diese Folterhölle eingeliefert werden. Das vollzieht sich unter den Augen des Bier neue Groh-Sender in der Tschechoslowakei Das außerordentliche Inveftitions- bndget sür 1936 enthält den Betrag von 3'/ Millionen Kronen zur Errichtung von vier neuen starken Rnndfrmksta- tionan. Nach Mitteilungen des Sektionschefs im Postministerium Ing. Strnad werden errichtet: Prag I! mit 66 bis 199 Kilowatt nördlich von Prag, wobei die Station Straschnitz(5 Kilowatt) als Reserve dienen wird. Westlich von Angvar wird sür Karpathoruß- land ein Sender mit 69 bis 199 Kilowatt, nördlich von Neutra ein solcher mit 199 KUowatt errichtet, für die der Sender Preßburg(12 bis 15 Kilowatt) als Reserve dienen wird und schließlich nordöstlich von Brünn ein Sender mst 39 bis 49 KUowatt, mit dem Sender Brünn(34 Kilowatt) als Reserve. Auf Grund der Erfahrungen mst de« neuen Sendern soll über die Errichtung einiger kleiner Stattonen z. D. in Karls bad, Budweis entschieden werden. * Im Laufe des Novembers meldete« sich 16.697 neue Hörer an, so datz die Gesamthörerzahl jetzt 789.330 erreicht hat. Nach den Erfahrungen der Borjahre unterliegt es keinem Zweifel, daß die Weihnachtszeit eine neue große Steigerung der Rundfunkkonzrssionen bringen wird. verhörenden Beamten, der sich manchmal selbst an den Brutalitäten beteiligt. Aber in Oesterreich herrscht kein Terror— so sagen die österreichischen Minister in ihren Reden.... Antisemitismus als Geschäft. Zur Durchsetzung der Nürnberger Gesetze, die nach der Meinung eines Julius Streicher noch nicht genug angewendet werden, veranstaltet er jetzt in über 1000 Gemeinden Nordbayerns Schulungskurse in Antisemitismus. Alle öffentlichen Angestellten sind zur Teilnahme verpflichtet, das übrige Publikum ist gleichfalls eingeladen und man erwartet, datz alle kommen.— Die Stadt Nürnberg hat Julius Streicher die 5 0 Z i m m e r-V i l l a geschenkt, die einst von der bayerischen Jndustriebaronfamilie Cramer- Klett erbaut worden ist. Die Widmungsurkunde beginnt:„In Anerkennung Ihrer bleibenden Verdienste um den Antisemitismus...." Das Haus wird auf Gemeindekosten neu eingerichtet. Kurz vorher hat Nürnberg der Gauleitung der Nazipartei ein ncuerbautes großes Haus geschenkt. Allerdings ist der Oberbürgermeister Liebel der Kompagnon Streichers im Betrieb des pornographisch-pogromistischen•„Stürmer" Streicher hat Liebel zum.Stadthaupt ermannt und jetzt verkaufen beide das Dreckblatt an den Parteiverlag Eher in München, besten Hauptbesttzer Adolf Hitler ist. Die Regierung will nämlich die Sicherheit haben, datz bis zur Olympiade„Der Stürmer" nicht aus der befohlenen„Kulturreihe" tanzt. Da man aber gegen den vielwissenden Streicher nicht mit Zwang vorzugehen wagt, gibt man ihm und dem Liebel einen Kaufpreis von 2.5 Millionen Mark. .Solche Kompagniegeschäfte mit, öfftyflicheg.Geldern können in einem Reiche nicht-wundirn,des» sen Alleroberster das seit Jahrzehnten in der Reichskanzlei hängende weltberühmte Bis- m a r ck-B i l d Franz v. Lenbachs eigenhändig abnahm, um es seinem Göring zur Hochzeit zu schenken. Es störte ihn dabei gar nicht, datz er Reichsbesitz verschenkte. Bon Gangstern ermordet. In Hollywood ist die Filmschauspielerin Thelma Todd unter sehr geheimnisvollen Umständen ermordet wor- i den. Seit mehreren Monaten wurde die bildschöne Frau von einer Gangsterbande verfolgt und bedroht. Trotz aller Mühe gelang es der Polizei nicht, die Bande ausfindig zu machen. Vor kurzem erhielt Thelma Todd einen Brief» in dem ihr befohlen wurde, den Betrag von 10.000 Dollar zu zahlen, anderenfalls— „unsere Burschen von San Francisco Dich zu finden wiffen." Die Schauspielerin zahlte nicht, sondern verliest sich auf den Schutz der Polizei. Daraufhin erhielt sie ein zweites Schreiben, das sie ebenfalls nicht beachtete. Die Bundespolizei entwickelte eine fieberhafte Tätigkeit und es gelang ihr schliehlich auch, eines der Bandenmitglieder in New Dork zu verhaften. Autzerdem waren Privatdetektive mit dem Schutz der Schauspielerin beauftragt. Dennoch fand man eines Morgens Thelma Todd tot am Volant ihres Autos auf einem verlassenen Terrain hinter ihrer Villa. Sie war ermordet worden. Ein besonderes Licht auf diese Affäre wirft die-Tatsache, datz die Frau bereits 48 Stunden tot gewesen sein mutzte, als man ihre Leiche entdeckte. Die Polizei hat noch nicht feststellen können, warum die Freunde und Angestellten der Schauspielerin das Verschwinden Thelma Todds nicht früher angezeigt haben. Gegen den Teufel«nd den Rum in Hemdsärmeln. Vater William Ashley Sunday, gewöhnlich Billy Sunday genannt^ ist in Chicago im Alter von 72 Jahren gestorben» Dieser Billy Sunday war eine- besondere und echt aineri- kanische Erscheinung. Im Jahre 1883 ist er Professional des Base-Ball, dem Lieblingssport der Amerikaner. 1903 ist er presbyterianischer Pastor in Chicago. Seine mächtige Stimme, seine Gabe, die Dinge dramatisch darzustellen, die Fülle seiner plastischen Gesten, sichern ihm eine enthusiastische Zuhörerschaft. Von der Kanzel herab balgt er sich mit dem Teufel herum. Um diesen„Kampf" bester führen zu können, legt er häufig den Rock ab. Seine Ausdrucksweise bet' den° Predigtet? entstammt dem Base- Ball-Dmlekt. Billy löste häufig vor den Gebäuden, in denen er sprach, wahre Schlachten aus. Man baute ungeheure Säle für seine Zwecke. Ein ganzer Trupp von Musikern, Sängern und Reklameleuten begleiteten ihn auf seinen Fahrten durch die Vereinigten Staaten. Eines Tages überredete er. in New Uork 65.000 Personen, sich zum Presbyterianismus zu bekehren. Eine Geldsammlung ergab an diesem Tage 600.000 Dollar. Zwischen 1904 und 1907 „machte" er 1000 bis 5000 Bekehrte monatlich. Insgesamt soll er 1 Million bekehrt haben. Vor schätzungsweise 80 Millionen hat er gepredigt. B'lly Sunday kämpfte gegen zweierlei: den Teufel und den Rum; er hat viel zur Einführung Geschichte vom bösen Richter i. An einem brennend heißen Maientag des Jahres 1740, als der Richter des königlichen Gerichtes zu Mestina, Pietro Maria Camdo noch befangen und schlaftrunken die Fensterflügel seines in der Beletage gelegenen Schlafgemachs aufltieß und der Purpurball der sizilianischen Sonne ihm wie' eine Peitsche ins Gesicht schlug, gewahrte er in der Gasse, die dem heiligen Franziskus geweiht ist, ein seltsames Schauspiel: An der schmierigen Häuserwand gelehnt stand ein Mann und ein anderer' stieß ihm den Dolch zwischen die Rippen. Mit einem Wehlaut brach der Fremdtz zusammen. Und der Unbekannte— wie von plötzlichem Entsetzen gepackt'— schleuderte den Dolch in weitem Bogen von sich und floh— in den Morgen— den Pinienwäldern zu, die am Stadtrand sich hinzogen. Obwohl dieses Schauspiel kaum Sekunden gedauert, hatte das Gesicht des Mörders sich dem Gedächtnis des Richters mit unverwischbarer Kraft eingeprägt. Angewurzelt, als sinne er über das Nichtalltägliche dieses Geschehens nach, blieb der Richter am geöffneten Fenster. Wind wehte vom Meer und brachte Kühlung. Die Geräusche der Stadt sangen ihr Morgenlied. Schweigend liegt die Gaste des heiligen Franziskus. Da unterbricht ein Geräusch diese Ruhe. Schritte hallen über das Krummpflaster. Ein junger Mensch schlendert durch die Gaste und pfeift vor sich hin. Da scheint sein Schritt gehemmt. Der Blick, wie zufällig zu Boden gesenkt, haftet— die Hand greift nach einem glänzenden Gegenstand— hebt ihn hoch. Weiter streift das Auge und hängt, wie gebannt an einem Bild: Da liegt ein Toter— ein Fremder in der Frühe des Maisommertages Entsetzen läßt das Gesicht des jungen Menschen zur'Maske erstarren. Furcht und Neugier zeichnen sich in.seinem blasten Gesicht— wie das Wild die Legschlinge, so umkreist der Bursche mit vorsichtigen Schritten den Toten. Ta: marschieren Soldaten. Die Stadtwache, die zur Ablösung zieht. Wie di« Federbüsche glänzen im Sonnenglast. Die Gesichter stehen wie Bronze gegen den rosig- ! weißen Kalk der Häuser. Seltsam, der junge ! Mensch lächelt.'Jetzt runden sich seine Augen vor ! Schreck: Sein Instinkt rät zur Flucht. Doch schon ! sind die Buntröcke am Tatort. Sehen den Leichnam. Der Bursche hat unwillkürlich die Hand geöffnet. Ein glänzender Gegenstand kollert zu Bo« ! den... die Füße setzen sich schwerfällig in Bewe- gung— ein flacher Hieb mit der Säbelklinge— i der Bursche liegt am Boden... Der königliche Richter Pietro Maria Cambo schließt daß Fenster. Er hat genug gesehen. II. Das vergitterte Fenster liegt hoch und die Zelle ist eng wie ein Spucknapf. Ruhelos tappt der Gefangene aus und ab: Fünf Schritte vor— fünf zurück. Vier Stockwerke tiefer sitzen sie im kühlen Gemach. Der Dust der Zypressen und der würzig-herbe Atem des Meeres ist gut zu riechen. Auf dem dunklen Rechteck des Tisches liegen Dolch und Scheide, als stumme Zeugen, die Klage führen. Blut, braun geronnen, rostet am blanken Metall. Die Uhr vom Dom schlägt die zehnte Morgenstunde. Der Richter Pietro Maria Cambo, hoch und dürr! in starrer Robe, betritt das Gemach. Die Schreiber verbeugen sich. Der Konzipient huscht eilig zum Pult. Reißt den Deckel hoch und gräbt in seiner Schublade. Rolli den Akt auf und schiebt ihn dem königlichen Richter zu. Schlottern steht der Delinquent vor dem königlichen Richter Pietro Maria Cambo. Die runden ängstlichen Augen des Burschen sehen in bebrillte. Die bebrillten blicken erbarmungslos auf das Opfer. Dann versinken sie wieder in Geschriebenes. Der Mund des Richters Pietro Maria Cambo öffnet sich: Die dünnen Lippen lesen Sätze ab—- formen Fragen. Der junge Mensch schüttelt den Kopf. Seine Lippen zittern— seine Stimme ist schwach wie die eines Neugeborenen:„Ich.. bin.. unschuldig", behauptet diese Stimme. Der Richter bleibt unbewegt. Deutet auf die stummen Zeugen: „Beweise!" sagt diese strenge Stimme.„Hier sind Beweise".— Der Tor leugnet. Die Unschuld lügt, weil sie die Wahrheit spricht. Zwei Tage später liegt der Mensch auf der Kolter. Blut spritzt aus den Daumen. Siebzehnmal taucht der Kopf ins gefüllte Fatz.—„Der dritte Grad?" stagt der Henker amtlich-hart. Der Richter winkt ab und richtet seine Augen auf den jungen Menschen.- Aechzen— Atmen— Weinen.. Worte. Der Schreiber kratzt behende mit dem Kiel. Ein Geständnis. Der Richter Pietro Maria Canibo schließt die Akten. Morgen wird er das Urteil sprechen.— Unbeweglich sitzt er am Rechteck des dunklen Tisches. Er hält die dünnen Hände spitz gefaltet, als ob er bete. Die Braue über seinem rechten Auge zittert ein wenig. Die Stirn wellt sich in Falten. Er kann sich ganz gut erinnern. Drei Tage später, als die sizilianischen Berge im Abendrot verglühen, schleifen sie den Miffetäter zum Galgen. Die bunten Federbüsche bäumen sich wie Rotzschweife. Lautlos haucht der Sünder seine Seele aus. Der Richter Pietro Maria Cambo sitzt im lichten Gemach und trinkt den süffigen Messmer Wein. Die Signorina löffelt Eis aus silberner Schale. Und sie seufzt: „Man müßte in Rom sein um diese Stunde. In Rom ist Corso um diese Zeit..." III. Kalter Wind rollt von den Bergen, zaust die Bäume und fegt die Straßen kahl. Monate sind ins Land gegangen. Vor dem königlichen Richter Pietro Maria Canibo steht ein Mann: Wüst, zer- Mickey Monse, der Kino-Liebling von groß und klein, singt seine berühmte Hymne„Vivat Mickey Mousel" der Prohibition in den Vereinigten Staaten beigetragen. Marseille ohne Straßenbahn. Straßenbahner von Marseille haben im Anschluß an eine Massenversammlung Montags abends beschlossen, in den Streik zu treten, um gegen eine Gehaltskürzung zu protestieren, die im Anschluß an die Ber- öffentkichung der Richtziffer der Lebenshaltungs- kvsten durchgefuhrt worden ist. Gold nicht erwünscht. Tie belgische Regierung hat beschlossen, den polnischen Ingenieur Dunikowsti, der behauptet, künstliches Gold zu erzeugen, des Landes zu verweisen. Dunikowski, der bekanntlich vor einiger Zeit in Frankreich verurteilt wurde, hatte sich nach Verbüßung der Strafe in Italien niedergelassen, von wo er gleich-- falls ausgewiesen wurde. Es scheint, daß ihm nunmehr nur n o ch der Aufenthalt in Polen übrig bleibt. Amerikanische Weihnachten. Das Kriegsamt hat Bauaufträge für insgesamt 103 Flugzeuge vergeben. Bei der Douglas-Air-Craft-Co. wurden 90 zweimotorige Bombenflugzeuge für 6.5' Millionen Dollar und bei der Boeing-Co. 13 vier-' motorige Bombenflugzeuge für 2.5 Millionen Dollar bestellt. Eine testamentarische Stahlbrücke. Die Erben' des bekannten südafrikanischen Multimillionärs Alfred Beit, Goldgrubenbesitzers in Rhodesia, teilten der südafrikanischen Regierung mit, daß sie im Sinnen des letzten Willens Betts eine neue Stahlbrücke über den Sabi-Flutz in einer Länge von. sttik"'tfrtiüft"Aüfwativr'bin■'160;000- Pfund Sterling erbauen lassen werden. Heute Mann, morgen Fran. In Moskau hat man eine Frau verhaftet, die das alte Gebiet der Hei-' ratsschwindeleien um einen neuen Trick„bereichert" hat. Sie zog Männcrklcider an und machte so di« Bekanntschaft von heiratslustigen Frauen. Innerhalb von vier Jahren heiratete sie neunmal. In der Hoch- zeitSnacht machte sie ihre„Gattin" betrunken und' wenn diese im tiefsten Schlaf lag, raubte sie alles MitnehmenSwerte und entfloh. Den Nachforschungen der Polizei entging sie immer wieder, weil sie sofort nach solch einem Streich Frauenkleider anlegte, und die Polizei nach einem Mann sandete. Jetzt hat ein Zufall dieser originellen Gaunermethode ein Ende gesetzt. schunden das Gesicht. Mit ftecher Lippe und mit kalten Augen. Ein Straßenräuber. Cambo muh ihn zum Tod verurteilen, weil er ein Mörder ist. Der lächelt mit böser Stirn über Q den Spruch und tut den Mund auf:„Ihr seid kein Richter, Cambo— ein Mörder seid ihr."— Und weidet sich am Enffetzen des andern, ehe er fortfährt:„Kennt ihr mich'nicht wieder: Der Mord, der in der Gaffe des heiligen Franziskus geschehen— ich bin der Mörder!" Der König hielt Hof ab in Palermo. Und es drang zu ihm das Gerücht vom bösen Richter Cambo. Er befahl ihn zu sich. Pietro Maria Cambo gehorchte und erschien vor seinem Herrn. „Du hast die Gerechtigkeit mißbraucht— einen Unschuldigen verurteilt und den wahren Schuldigen nicht angezeigt." Pietro Maria Sambo verneigt sich tief: „Sire— höher als mein Wille steht das Gesetz. Das aber befiehlt: Der Richter darf weder Anfläger noch Zeuge sein. Ich würde mich gegen das Gesetz vergangen haben, hätte ich den Schuldigen angezeigt und den Unschuldigen begünstigt. „Du hättest aber einen Unschuldigen nie-, mäls verurteilen dürfen."— „Sire— das konnte ich nicht. Ich schwieg.! Die Beweise genügten zur Anwendung der Fol-- ter. Und auf der Folter gestand der Angeklagte, daß er der Mörder sei." So aufrechten Sinnes sprach der königliche, Richter Pietro Maria Cambo zu seinem Herrn. Der König dachte lange nach über Richter und Gerechtigkeit. Und dies schien ihm das Weiseste: Er verkündete ein Dekret, das die Abschaffung der Fol«. ter befahl. Den königlichen Richter Pietro Maria Cambo aber ließ er wiffen, daß er ihn weiterhin im Amt behalten wolle. Denn Richter sind dem König unentbehrlicher als Gerichtete. Rudolf Steiner, Nr. 300 Mittwoch, 25. Dezember 1935 Seite 13 bitten, gnädige Frau?" Die Dame zog ihr Notiz, buch, ritz eine Seite heraus, schrieb etwas darauf und reichte das Blatt der Verkäuferin. Mabel las, und einen Augenblick klopfte ihr Herz:„Mary von England, London, Buckingham Pa laee." Doch hatte sie sich gleich wieder in der Gewalt. Mit ruhiger Miene begleitete Mabel Smith, Verkäuferin, die Königin zum Portal und verneigte sich vor ihr nicht tiefer als vor jeder anderen Kun- din. Auf dem Wege zur Kaffe begegnete sie Dinah. „Dinah", sagte sie leise,„arme Dinah, was wirst du jetzt sagen. Ich habe soeben der Königin von England einen Pyjama für den Prinz of Wales verkauft. Er wird ihn zwar bestimmt nicht tragen, aber das macht nichts. Siehst du, hier ist der Bestellzettel mit der Adreffe." Dinah stand starr Dann aber ritz sie Mabel das Blatt Papier aus der Hand und lief damit völlig faffungSloS durchs HauS. „Die Königin war hier, denkt euch", rief sie,„die Königin". Mabel sah ihr spöttisch lächelnd nach. Die Königin, das bedeutet für sie: Kategorie schwer zu behandelnde Kunden! Mary kauft ein... Weihnachtsgeschichte aus dem Warenhaus Von Ellen Lenski. Mabel Smith arbeitete nun schon zweieinhalb Jahre als Verkäuferin in dem kleinen, aber fashio- nablen Warenhaus von Swans& Edgar, London, Oxford street. Als Mabel diese Stellung erhielt, war ihre Mutter im siebenten Himmel.„Du sollst es einmal besser haben als dein Vater und deine Mutter. Sei nur recht nett und tu alles, was dein Chef verlangt."—„Ich werde immer höflich und korrekt sein und meine Pflicht erfüllen. Mehr nicht", antwortete das junge Mädchen. Mabels Vater war Metallarbeiter gewesen. Jetzt lag er schon viele Jahre auf einem dunklen, lieblosen Friedhof von Castend. Mabel wutzte: in der Ehe ihrer Eltern hatte eS viele Streitigkeiten gegeben. Wenn man nur eine Stube und eint Küche hat, laffen sich Szenen vor Kindern schlecht verbergen. Meist ging eS um die Politik. Der Vater opferte einen Teil seines Lohns und seiner Zeit der Partei. Er war überzeugter Sozialist und. versuchte, Mabel von frühester Jugend an in seinem Sinn zu erziehen. Mabel liebte den Vater, glaubte ihm alles, was er sagte. Er wurde ihr Freunds und sie fühlte sich mit ihm einig, wenn es gegen die Mutter ging. Dann starb et. Es war Mabels schlimmster Tag. Noch heute kann sie nicht daran zurückdenken, ohne daß es schmerzlich in ihs^pufzuckt. Sie wollte Arbeiterin werden. Der Mutter war das nicht genug. Sie opferte das Letzte, um ihre Tochter Verkäuferin werden zu.lassen, Jetzt hatte Mabel die Stellung bei Swans& Edgar. Es ging ihr nicht schlecht. Doch mutzte sie für das verdiente Geld schwer arbeiten. Viel Mühe, viel Geduld erforderte, ihr Beruf. Bei Swans& Edgar kauften nur sogenannte „bessere". Leute. Sie waren schwer zufriedenzustellen. An allen Waren hatten sie etwas auszusetzen, und während sie in bequemen Sesseln hingegossen ruhten, hetzten sie die armen Verkäuferinnen mitleidlos hin und her. Trotzdem fand Mabel <Änith unter den Kolleginnen keine, die ihre Ansichten über das Leben im allgemeinen und die reichen Leute im besonderen geteilt hätte. Sie träumten alle davon, selbst einmal reich, zumindest wohlhabend zu werden. Ihr ganzes überflüssiges Gell» gaben sie für Puder, Lippenstifte und Seidenstrümpfe aus, in der Hoffnung, ein netter junger Rann aus dem Kundenkreis würde sich in sie verlieben. Dies geschah auch von Zeit zu Zeit. Rur, datz solch„netter junger Rann" daraus niemals bindende Konsequenzen zog. Er ging mit dem Mädel ins Kino, ins Dancing und ins Bett. Dann war der Fall für ihn erledigt. Der Schmetterling flatterte, weiter. Dies alles beobachtete Matz^l, hell und geweckt. Aber ,die anderen hörten nicht auf sie. Da war Dinah. Eine hübsche Neunzehnjährige. Blond mit braunen Augen. Sehr langen, wohlgeformten Beinen. Dinah wünschte sich nichts sehnlicher, als einmal die Königin bedienen zu dürfen. ,Fch weitz e» genau", sagte sie,.Königin Mary kaust sehr ost selbst ein. Meine Freundin Emy bei Selfridge hat sie auch einmal bedient. Sie sägt, Königin Mary sei die beste Geschäftsfrau der Wett." Michel lachte..Kein Wunder, wenn man so viel Geld hat. Da ist«S leicht, gut und geschmackvoll einzukaufen." Dinah fühlte sich persönlich beleidigt.„Emy meinte Lido II:„Viva Villa" Wallace Beery. A.— Louvre:„Zigeunerbaron." D.— Ma» ceöka:.Zigeunerbaron." D.—Roxy:.Die Christi von der Post." D.— Sport:.Das Gesetz der. Dschungel. A.— U Vejvodu:.Der Springer von Pontresina." D.— Baldek:.Nur ein Komödiant." D.— Brletrhy:„Nur ein Komödiant. Der Hupfauer»Sllvan baut vor Von Oskar Maria Graf Beim Hupfauer in Erglbach gehts seit Jahr und Tag grundnotig zu. Das ist weiter kein Wunder. Der Hupfauer ist ein windiger Kleinhäusler, seine ärmliche Hütte steht draußen vor dem Dorf und ist hinten und vorn notdürftig zusammengeflickt. Zwei magere Ziegen stehen im Stall, ein kleines Wiesenfleckerl gehört dem Hupfauer, das ist alles. Der Hupfauer verdient sich sein Geld schwer als Taglöhner im Forst, Wenns hoch kommt, bringt er an Zahltagen seine 18 Mark heim, und er hat nicht weniger als sieben Buben, die alle noch im Wachsen sind. Not, Not und wieder Not ist beim Hupfauer daheim. Jeden Taggibts Erdäpfel und wieder Erdäpfel und an ganz guten Tagen ausnahmsweise einmal Dampfnudeln mtt Zwetschkentauch oder einem Guglhupf. Erglbach ist ein schönes Dorf, rundherum sind saftige Wiesen und Waldungen. Da haben sich verschiedene Herrschaften Villen hingebaut. Im Sommer kommen- sie, im Herbst ziehen sie wieder in die Stadt, diese feinen Leute. Und das hinwiederum ist für die Hupfauerin ganz gut, denn ,chei der Saison" geht sie— wie man so sagt—„eins Putzen" oder sie macht beim Postwirt aushilfsweise Abspülerin. Da springen auch etliche Mark heraus. So ftetten sich die Hupfauerleute schlecht und recht durch ihr kleines Leben. Die sieben Buben von dem Hupfauer sind dem Alter nach nur jahrweise auseinander und wenn man sie in einer Front nebeneinander stellt, so sieht das aus wie eine lebendige Orgelskala. Und weil das so ist, so kriegt selbstredend immer der eine Bub vom andern den Anzug. Sparen heißts, sparen und eintellen. Unter den Herrschaften» die Erglbach besuchen, sind mitunter barmherzige Menschen. Sie schenken der Hupfauerin manchmal abgelegte Kleider, zerwetzte Blusen, ausrangiertes Schuhwerk und so weiter. Für alles ist die Hupfauerin dankbar, denn was kann sie nicht brauchen.... Der Baron Kefel hat der Hupfauerin neulich einen schönen Anzug geschenkt. Sie ist ganz zerwirbelt vor Freude, heimgekommen, die sieben Buben sind um sie herum gestanden und haben mtt erwartungsvollen Blicken dreingeschaut, als sie das große Packl aufgemacht hat. „Ah, ah, so was Schöns", haben alle bewundernd und gierig auSgerufen. Der Aelteste. der lange, dürre Hanfl, hat alle weggedrängt und geschrien:„Den kriag i." Der Sepp hat ihm wegdrücken wollen und gesagt:„Na, den kriag i. Dir paßt er ja doch net." „An Schmarrn, den kriag i", hat hin- wiederum der Karl gesagt und der Girgl hat ihm einen Renner gegeben und geplärrt:„I hob noch nia wos kriagt. Den muß ganz einfach i hob'n." Der Toni ist ganz weinerlich geworden und hat gebenzt:«Na, na, den muß i kriag'n." Die zwei Jüngsten, der Ander! und der Loifl, sind überhaupt nicht zum Tisch gekommen. Die Aelleren haben schon das Stoßen und Streiten angefangen, ein Gewurl war, daß es der Hupfauerin denn doch zu dumm geworden ist.„A Ruah jetzt, Herrigott. Jetzt werd probiert. Marsch, hat sie kom mandiert und also ist das Anprobieren angegangen. Der lange Hanfl ist in die Joppe geschloffen, alle Nähte haben gekracht. Ganz traurig hat er zugeben müssen, sie patzt absolut nicht. Der Sepp hat sein Glück versucht. Vergeblich. Der vorlaute Karl hat zu breite Schultern gehabt. Dem Girgl hat der Anzug nicht gepaßt und dem Toni erst recht nicht. Alle haben elendige Gesichter bekommen und schon auf den ausgehungerten„BaronbUam" geschimpft, der „wo doch g'wiß net so mager und minder sein brauchert, wenn er alles z'essen- hat, was er mag." Endlich sind also die zwei Jüngsten drangekommen. Brav und ruhig ist der Peter in die Joppe geschloffen. Richttg, sie hat gepaßt wie angegossen. Ueber sein Gesicht ist ein Schimmergehuscht, so als woltt' er sagen:„Wer zuletzt lacht, lacht am besten." Er hat die Weste probiert. Wunderbar. Er ist in die Hose gefahren mit seinen zaundürren Beinen. Es hltt gestimmt. „Net an Stich braucht ma macha", hat ihn die Hupfauerin belobigt.„Paßt dir tvia. o'g'mess'n.„Stolz ist der brave Peter dagestanden. Der Kleinere, der dickköpfige Silvan, hat sich ganz nah an den Peter herangezwängt und in einem fort die Joppe von innen gemustert,^ ewig hat er sie drinnen gemustert und kein Wort dabei gesagt. 9 „Wos host d' denn. Wos schaugst denn den Anzug auf der verkehrt'n Sett'n o'", hat ihn die Hupfauerin endlich gefragt, und da lugt der Silvan ihr auf und sagt schlagfertig:„No ja, i muaß'n mir doch innen o'schaugn. I kriag'n ja doch erst, wenn er g'wendt(gewendet) werd.. w- 300 Mittwoch, 25. Dezember 1935 SeitelS AUTO SKODA Zu beziehen durch die KAUFT Julius Kubelka Hehn. Mestec 3109 typ 3173 B B s. s 3202 'M » Bauet (früher Hypothekenbank des Königreiches Böhmen) Betonstraßen 2877 3176 i Die Hausmarke der Aerzte und Kenner! M. B. H. 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