5-AülöMÄM IENTRALORGAN DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHQSIOWAKISCNEN REPUBLIK ERSCHEINT MIT AUSNAHME»ES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung präg xii., fochova«r. telefon 0077. Ehmlprels 70 NeKtr (•hwcMMlIck I Heller Part») HERAUSGEBER» SIEGFRIED TAUB. VEIANTWOITLICHa REDAKTEUR» DR. EMIL STRAUSS, PRAG. 15. Jahrgang Dienstag, 30. Dezember 1935 Nr. 303 Hu alle Abonnenten, Kolporteure und Derlihleiüer Anläßlich des Reujahrsfeiertages entfällt die Nummer vom Donnerstag, dem 2. Jänner. Die nächste Nummer erscheint am Freitag, de« 3. Jänner, zur gewöhnliche» Stunde. Abessinischer Vormarsch aal Nakalle Addis Abeba.(Reuter.) Wie berichtet wird, rückt das unter dem Kommando Ras Mulugetas sie- hende abessinische Heer von Südosten her anfMakale vor. Die Streitkräfte des Ras Sehoum und des Ras Kassa bedrängen die Flanke der italienische« Abteilungen 1« einer Entfernung von 10V Kilometern vom Af- Gaga-Paß. Die Sonderkorrespondenten der Pariser Blätter in Abessinien stimmen in der Anschauung überein, daß an der Tigre-Front, u. zw. an drei Stellen, ehestens eine große Offensipe der Abessinier beginnen wird. Dieselbe werde unter der Führung des KriekSministcrs Ras M u l« g e t a, des Ras S e y u m und des Ras Kassa erfolgen. Das Ziel dieser -Offensive werden die Städte M a k a l l e, A k s u m und A d u a sein. Der Generalstav wird in die Stadt Quorum unweit des Aschangi- Sees verlegt werden. An der Ogaden-Front sollen sich die Italiener nunmehr auf der Linie befinden, auf der sie bei Beginn der F e i» d s e l i g k e i». t e n standen. Auch der Kommandant der Südfront zufrieden London. Der Kriegsberichterstatter dcS Reuter-Büros meldet aus Addis Abeba, daß er bei der Armee des Generals N a s s i b u, ocs abessinischen Oberkommandanten an der Südfront, gewesen sei, dessen Trupen zum größten Teil zwischen Daggahbur und Sassabane konzentriert sind. General Rassivu erklärte dem Reuter- Korrespondenten, daß er mit dem bisherigen Kriegsverlauf vollkommen zufrieden sei, denn eö sei sehr kennzeichnend, daß der Feind im Verlaufe von zwei vollen Monaten nichts hat» erreichen können. Kampfbefehl des Nesus Der Reg« s erteilte von seinem Haupt» quartier in Dessie aus einen Kampfbrfehl und die künftige Woche verspricht daher rege Lampftätigkeit. ES erhalten sich Gerüchte, daß sich das Torf Ab bi Addi, der Hauptort in Tembien, in den Händen der Abessinier befindet, die sich so eine gute Basis sicherten, von der auS sie die italienischen Transporte nach Makalr bedrohen können. 1650 SUdtiroler sind desertiert Vertonung der Angehörigen Bregenz. DaS»Vorarlberger Volksblatt" meldet, daß die S ü d t i r o l e r sich in Massen der Einberufung zum Kriegsdienst in Ostafrika entziehen. Ein Teil von ihnerT entzieht sich durch Flucht, vereinzelt in die Schweiz, häufiger nach Oesterreich, zum größten" Teil aber nach D e u t s ch l a n d, der Dienstpflicht. Die Gesamtzahl der Flüchtigen beträgt nach behördlichen Feststellungen 1650. 150 davon befinden sich in Oesterreich, 1500 halten sich in Deutschland auf. Im Bozener Unterland und anderswo in Südtirol wurden Angehörige dieser Militär« iflüchtigen verhaftet und mit Polizeistrafen belegt. Gegen die Angehörigen der Geflüchteten sind auch wirtschaftliche Maßnahmen durchgeführt worden. Militärpakt Berlin-Tokio? Aul Initiative Hiners Moskau.(Tsch. P.-B.) AuS London langt die Meldung ein, daß die dortigen politischen Kreise de« Berhandlungen in Berlin betreffend den Abschluß eines japanisch-deut- schen Militärabkommens bezüglich deS gegenseitigen Beistandes nach wir vor außerordentliche Aufmerksamkeit widmen. Die weiteren Einzelheiten dieser Berhandlungen klären sich nunmehr. Die Initiative zum Abschluß einer offene« Konvention über eine Bekämpfung der kommunistische« Internationale neben einem geheimen Militärabkommen geht von Hitler aus. Er motiviert seinen Vorschlag den Japanern damit, daß es, wie die Erfahrung zeigt, nicht gelingen werde, die Tatsache des AbschluffeS eines Mi- litärabkommens zwischen Japan und Deutschland zu verheimlichen. Schwierig werde es auch sein, das Abkommen vollständig zu leugnen, wenn dir dirsbrzüglichrn Meldungen in der Presse erscheinen werden. Diese Meldungen könnten England aufbringen, welches natürlich darin eine Festigung der Situation Japans im Fernen Osten sehen wird. Hitler, der noch nicht die Unzufriedenheit Englands hervorzurufen wünscht, schlägt vor, zur Täuschung der Oeffentlichkeit außer einem Militärabkommen über den gegenseitigen Beistand öffentlich ein anderes Abkommen mit Japan abz«schließe», angeblich zur Bekämpfung der kommunistischen Internationale. Ein solches absolut harmloses Abkommen werde nach der Meinung Hitlers keinerlei Unzufriedenheit Hervorrufen, sondern im Gegenteil sogar Sympathien Englands und anderer kapitalistischer Staaten auslösen. Gleichzeitig werde dieses Abkommen als Deckmantel für eine militärische Konvention dienen, die für England und andere Staaten geheim bleibt. Andererseits besteht der japanische Militärattache in Berlin, welcher namens Japans die Verhandlungen führt und gegen ein antikommunistisches Abkommen als Deckmantel nichts einzuwenden hat, auf der vorhergehenden Vorbereitung des Bodens in den verschiedenen Ländern und der Verschiebung der Veröffentlichung dieses Abkommens bis zu einem günstigeren Augenblick, in welchem aus irgendwelchen Gründen eine neue Welle sowjetfeindlicher Stimmung anschwrüen wird. Wahrscheinlich wird das geheime Militärabkommen, das im Wesen gegen die Sowjetunion und gegen England gerichtet ist, formell eine Ergänzung zu dem öffentlichen Abkommen über die Bekämpfung der kommunistischen Internationale bilde«. Me Italiens Goldvorrat nUSSOlini um zwei Drittel vermindert auf dem Wes zur Finanzpleite Paris.(Tsch. P.-B.) DaS schnell« Tempo» in welchem die Goldreserven Italiens aufgezehrt werden, wird durch den eben veröffrnt lichten Ausweis der Vankvon Frankreich bekräftigt, aus dem hervorgeht, daß die Goldvorräte der Bank von Frankreich in der Ztit vom 20. Dezember bis zum heutigen Tage um fünf Millionen Pfund, d. i.»mKOOMillionen Xi gestiegen sind. Man weiß, daß von diesem Betrag ein« Sendung von 20 Tonnen Gold, die 3.3 Millionen Pfund repräsentiert» erst vor wenige» Tagen aus Italien in Paris eingetroffen ist. Als weiteren Beweis der schwierigen Si tuation, in welcher sich Italien gegenwärtig befin drt, da es die Lieferungen aller zur Fortführung des Krieges notwendigen Materialien in Gold und bar bezahlen muß, führt man de» Umstav d an, daß Italien den Vertrag über die Petroleumliefrrungen mit Rumänien nicht p^rfektniere» k o n n t e. Italien machte sich rrbötig, ein Drittel des Marktpreises in Gold» ein Drittel in Waren und den Rest nach Beendigung des Krieges gegen Abessinien zu bezahlen. Rumänien beharrte jedoch auf der sofortigen Barzahlung, welcher Forderung Italien nicht entspreche« konnte- Der letzte Ausweis über die Goldreserven Italiens stammt vom 20. Oktober. Damals betrugen die Goldreserven 65 Millionen 608.200 Pfund. BiszumhrutigenTagistder Goldbestand auf 2 0 Millionen Pfund gesunken. Ole„pause Im Kolonialkrieg" Rom. Am Montag berichtete Mussolini im Ministerrat ausführlich über die politische, militärische und wirtschaftliche Lage. Er sagte laut amtlicher Mitteilung über die„provisorischen Pariser Vorschläge", daß sie weit davon entfernt waren, den italienischen Mindestforderungen Genüge zu leisten, und daß sie, lange bevor der faschistische Rat sie hätte prüfen können, zu Fall gebracht worden waren. Die Gründe dieses Scheiterns sind alle jenseits der Grenzen Italiens zu suchen, wo man überall bei den Menschen gute« Glaubens das auch zuzugestrhen beginne. Zur militärischen Lage in Erythräa erklärte Mussolini u. a., das rasche, in den ersten dreißig Tagrn vollzogene Borrücken der italienischen Truppen mache jetzt umfangreiche Arbeiten für die ordnugSmäßige' Regelung deS Nachschubs notwen- | big, welche die spätere Bewegung einer nach Hunderttausenden Menschen zählenden Masse von j Soldaten und Arbeitern sicherstellen müsse. Mussolini erklärte weiterS: Jeder Kolonialkrieg hat seine unerläßlichen Panse«, wenn es sich um die Organisation in einer schwierigen und gebirgigen Gegend handelt, wir der Tigre, dessen Oberfläche ein Siebentel der gesamte» Oberfläche Italiens ausmacht und das über 400 km von seinem Stützpunkt in Massaua entfernt ist. Bei den letzten Zusammenstößen zwischen dem 15. und 22. Dezember, den wichtigsten seil Beginn der Feindseligkeiten, hätten sowohl die Truppen der Heimatarmee als auch die der eingeborenen Armee die schönsten Beweise ihreS Mutes und ihrer Hingabe erbracht. Goldmangel auch Im Hitlerparadles Trauringe nur mehr achtkarätig Berlin. Im Reichsanzeiger erläßt die im August errichtete„Ueberwachungsstelle für Edelmetalle" eine Verordnung Nr. 1, in der cs he.ßt, daß die Mißstände auf verschiedenen Gebieten des Verkehrs mit Gold und Goldwaren in Verbindung mit der Verknappung des Rohstoffes eine strengere Bewirtschafte«» erfordert.§ 1 dieser Verordnung schreibt daher für die Fabrikation von Trauringen Höchstgrenzen für Gewicht und Feingehalt vor, wornach Trauringe zukünftig nur mit einem Feingehalt bis zu 333 Tausendstel(8 Karat) hergestellt werden dürfen. Enthüllte Schuld Lton Blums Abrechnung mit Pierre Laval Nicht nur die französische Kammer hatte am vergangenen Freitag einen historischen Tag; über die Politik der französischen Republik hinaus und nicht nur für die sozialistische Welt war von außerordentlicher Bedeutung, was L i o n Blum, der Führer einer der größten sozialistischen Parteien Europas, dem Außenminister und Ministerpräsidenten Laval auf seine aufgeplusterte und doch lendenlahme Entschuldigungsrede an anklagenden Wahrheiten ins Gesicht schleuderte. Obwohl, ja gerade weil es Pierre maval, im Schutze inntnpolisischer Notwendigkeiten, an diesem Freitag noch einmal gelang, eine allerdings schon sehr magere Mehrheit für seine, deni Duce so gefällige Pendelpolitik zu erzielen, ist es von vielleicht wirklich geschichtlicher Bedeutung, wenigstens die Hauptgedanken zu verbreiten, die Blum in seiner meisterhaften Rede vorbrachte und mit denen er die schwere persönliche Schuld Lavals brandmarkte. Wir wollen das im Nachfolgenden versuchen. Lton Blum begann seine, für die internattonale sozialistische Politik überzeugend maßgebende Freitagrede mit der Feststellung, daß Laval seine Außenpolitik ganz nach persönlichem Gutdünken geführt habe; hätte er damit Erfölg gehabt, so wäre eS sein persönlicher Erfolg gewesen; da Laval aber mit dieser Politik scheiterte» so hätte er unbedingt die Konsequenzen daraus zu ziehen gehabt, um so mehr, als es m der französischen Geschichte kaum«in Beispiel für ein« so vollständige, nackte und prompte Niederlage gebe, als sie eben Laval erlitt. Nach dem Scheitern des Laval-Hoare-AbkommenS und nach der Demission HoareS, welch letztere für sich aüszu- nützen dem englischen Premier Baldwin immerhin möglich war, ist es, so erklärte Blum unter dem Beifall von links wie von ganz rechts, das Ueberraschendste, daß Laval überhauptnochdaist, da er ja, zum Unterschied von Baldwin, als Ministerpräsident seine eigene Arbeit als Außenminister zu decken hat. Es gibt Mißerfolge, die zu überleben ein Politiker nicht das Recht hat. Nun aber ereignet sich noch das Unerhörte, daß Laval noch die Alternative zu stellen wagt: entweder meine PolitikoderKrieg, und daß Laval perfid gar noch die Sozialisten in die Rolle der Friedensfeinde drängen will. Der friedliche Wille Frankreichs ist in weitem Maße das Werk der Sozialisten, das sie seit fünfzehn Jahren ohne Rücksicht auf ihre Popularität geschmiedet haben. Der Friede ist für den Sozialismus ebenso wichtig wie der Sozialismus f ii r' die Erhaltung des Friedens. Jene, die uns, aber auch einen B r i a n d bis in sein Alter hinein, mit ihrem Haß verfolgten, versuchen sich heute als Friedensdiener hinzustellen, um in Wirklichkeit den Interessen des ihnen vorbildlich erscheinenden faschistischen Regimes dienen zu können. Aber wir, erklärte Leon Blum, werden nicht zulassen, daß die Welt also düpiert werde. Unser Ziel ist eS. die Kriegsursachen zu beseitigen. Aus diesem Grund auch verteidigen wir die Demokratte, weil die letzten Vorfälle beweisen, daß Diktatur Krieg bedeutet. Der Völlerbund, den unsere Nationalisten bisher als machtlos hingestellt haben und lächerlich zu machen versuchten, ist heute daran, einen Beweis seiner Wirksamkeit abzulegen. Unsere Neubekehrten der Friedensidee müßten sich hierüber freuen. Sie unternehmen im Gegenteil aber alles, um seine Tättgkeit zu durchkreuzen und die Solidarität der Völler zu verhindern. England legt sich gegenwärttg die größten Opfer im Interesse der Kollekttvsicherheit auf. Statt sich über diesen Wechsel zu freuen, unternimmt man alles, um die schlimmsten Mißverständnisse zwischen Frankreich und England zu schaffen. Man läßt die englische Oeffentlichkeit heute glauben.^daß Frankreich seine Sympathien dem Angreifer reserviere. Der zur Rechtfertigung der Politik Lavals unternommene Feldzug der ihm dienstbaren Presse hat das Prinzip deS Völkerbundes selbst in Frage gestellt. Man behauptet, daß das im Pakt vorgesehene Spiel der Sankttonen dem Krieg zuftih« een müsse. Allerdings könnte nur die Durchführung der allgemeinen Abrüstung verq Teile 3 Dienstag, 31. Dezember 1935 Nr. 303 hindern, daß sich ein Angreifer gegen, die über ihn verhängten Sanktionen wehrt. Im gegenwärtigen Konflikt ist dieses verzweifelte Wehren des Angreifers gegen die Mächte, welche die Sanktionen ihm gegenüber durchführen, aber nicht möglich, wenn alle Staaten entschlossen sind, ihre Verpflichtung dem Völkerbund gegenüber zu erfüllen. Eine Kriegsgefahr würde nur dann auftauchen, wenn ein Zweifel in die Erfüllung der Pflicht der Unterstützung des Angegriffenen möglich wäre. Der unverzeihliche Fehler Lavals aber ist es, diesen Zweifel zu Mussolinis Gunsten geschaffen zu haben. Es genügt dies, Laval ohne Appellmöglichkeit zu verurteilen. Der von Frankreich zu fürchtende Gegner heißt nicht Mussolini, wohl aber Hitler. Eine franko-italienische Allianz würde uns, die Möglichkeit eines Krieges mit Deutschland ins Auge gefaßt, keine Sicherheit bieten, wohl aber die Allianz mit EnglandundRußland, wie dies die Geschichte bewiesen hat. Hitler-Deutschland wartet nur darauf, daß die kollektive Sicherheit sich als unwirksam erweise. Gegen die kollektive Sicherheit arbeiten bedeutet somit in direkter Weise gegen Frankreichs Sicherheit zu arbeiten. Wir So- Aus Berlin wird gemeldet: Das Reichsinnenministekium hat mit 24. Dezember sämtliche Polizeistellen angewiesen, jü, dischen Handelsreisenden ihre Lizenzen, die in der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr zur Er» neueriMg einzureichen sind, nicht zu verlängern, „da Jm>en als politisch nicht zuverlässig gelten müssen."— Die Polizeistellen wurden ferner angewiesen, jüdischen Fabrikanten die Erlaubnis zur Einstellung von Handelsreisenden nicht mehl zu erteilen, weil auch hier„die Gefahr der Ber- brestung von Greuelmärchen gegeben" sei. Mit geradezu satanischer Konsequenz führen die Beherrscher des Dritten Reiches den Vernichtungskampf gegen die Juden durch. Das Verbot der Beschäftigung jüdischer Handelsreisender vernichtet die Existenz mindestens eines Fünftels der Gesamtheit der deutschen Juden. Die Gesamtzahl der jüdischen Reisenden in Deutschland wird aus 30.000 bis 40.000 geschätzt. Mit ihren Familien zählen sie mindestens hunderttausend. Hunderttausend Juden werden vom Neujahrstage an nicht mehr wissen, wovon sie leben sollen! Das ist nicht Vernichtung des„jüdischen Kapitalismus"— das ist Vernichtung jüdischerPro- letarier! Systematisch wird der Lebensraum der Juden in Deutschland eingeengt. Juden können längst nicht mehr Aerzte, Advokaten, Notare, Lehrer, Journalnken, Schriftsteller, Schauspieler sein. Kein jüdisches Kind darf bei einem Handwerkmeister in die Lehre gehen. In keiner Fabrik wird ein Jude als Arbeiter ausgenommen. Planmäßig werden seit Monaten die Juden gezwungen, ihre Geschäfte zu verkaufen. Was bleibt schließlich den Juden noch anderes übrig als der Selbstmord, da man ihnen auch die Auswanderung unmöglich macht? An die Stelle der brotlos gemachten jüdischen Handelsreisenden sverden„arische" treten, and damit wird eine der Ursachen des fanatischen Kampfes gegen die Juden aufgedeckt: der Neid um den Arbeitsplatz'. Der Konkurrenzkampf ist ja seit jeher eine der Ursachen des deutschen Antisemitismus. Aber da die wirtschaftliche Vernichtung zialisten haben keinerlei Vertrauen zu Herrn Laval, erklärt« der Redner, weil er der Mann ist, der unter Zersetzung der kollektiven Sicherhett gegen Frankreichs Sicherheft gearbeitet hat, well er die Atmosphäre der Kriegsdrohung geschaffen hat und den Krieg in Afrika ausbrechen ließ, der in Europa die Friedenskräfte schwächte. Sell sechs Monaten erlebt man eine Wiedererweckung des Völlerbundes. Statt sich aber mit Frankreich an die Spitze der Bewegung zu stellen, folgte ihr Laval nur widerwillig. Er hat für die großen Weltaffären genau die gleichen Methoden der niederen Kombinationen und Intrigen angewandt, wie für seine kleinen persönlichen Affären. Das Entgegenkommen, welches er Mussolini in der Außenpolittk zeigte, ist für Frankreich genau so verhängnisvoll wie jenes, das er unseren Faschisten in der Innenpolitik zeigte. Jene, die noch ein Gefühl für die französische und republllanische Tradition haben, müssen daher den ungetreuen Mandatsttäger absetzen. So schloß LLon Blum, seine ausgezeichnete Rede, die immer wieder von mächttgem Beifall auf der gesamten Linken unterbrochen worden war und die ihm zum Schluß eine begeisterte Ovatton seiner sozialistischen Kameraden eintrug. der Juden zugleich die Vernichtung vieler alter Unternehmungen ist, wird bald für weit weniger Handelsangestellte zu tun sein, als jetzt vor das Nichts geschleudert werden, und so wie viele der „arischen" Rechtsanwälte, die ihre verdrängten jüdischen Kollegen beerbt haben, keinen größeren, sondern einen viel kleineren Klientenkreis haben als früher, so werden auch die„arischen" Handelsreisenden ihres Triumphes über die Juden nicht allzu froh werden... DerFlüchtlingskommiffar Macdonald hat in einem an den Generalsekretär des Völkec- bundes gerichteten Brief, den wir im Auszüge veröffentlicht haben, sein Amt niedergelegt /mit der Begründung, daß der wachsende Umfang der antisemitischen Maßnahmen in Deutschland die Lösung der Flüchtlingsfrage durch eine andere Organisation als denVöllerbund unmöglich mache. Macdonald scheint aber das Wesen des deutschen Anttsemitismus noch immer nicht ganz zu erkennen, wenn er eine freundschaftliche Mion der Völkerbundstaaten bei der deutschen Regierung fordert. Diese Aktion würde unwirksam bleiben, die Regierung Hitlers würde einfach mit jener schlichten Ehrlichkeit, die sie auszeichnet, alle Behauptungen über eine Benachteiligung der Juden in Deutschland als Greuelmärchen bezeichnen und sie wird es noch tun, wenn der letzte Jude in Deutschland vernichtet sein wird... Mehr und mehr wird es den Juden in Deutschland unmöglich werden, durch eigene Hilfsaktionen die von der Barbarenfaust Getroffenen vor dem Hunger zu schützen. Und die Welt- öffeütlichkeit mag das Dritte Reich wegen der Grausamkeiten gegen Marxisten und Inden noch so sehr verachten— so lange nicht zumindest eine durch den Völkerbund organisierte große internationale Hilfsaktion für alle Flüchtlinge sich der Opfer Hitlers annimmt, wird diese moralische Entrüstung den Verfolgten nichts nützen. Von Tag zu Tag wächst das Heer der Vertriebenen, der Mißhandelten, der vor den Hunger gestellten— wann wird das Heer der Helfer, der Retter sich bilden? England holt auf Wie Aegyptens Westgrenze gesichert wird Kairo. Nach Blättermeldnngen hält der Anstrom von großen Menge« Kriegsmaterial für die englischen Truppen in Aegypten an. In letzter Zeit seien mehrere Schiffsladungen mit Stacheldraht, Wüstenlastwagen, Flugzeugen und Ersatzteilen eingetroffen. Befestigungsarbeiten größeren Stils seien im Gange in der Oase Siwa, in Fayum und im Wadi Rattun. Generaldepots und Flugzeugstützpunkte befinden sich in Siwa, Sollum und Mersa Rattan. In der Wüste seien bisher vier Stellungen mit Stacheldrahtverhauen und Tankgräben angelegt worden. Die Blätter schätzen die Zahl der englischen Flugzeuge in der westlichen Wüste auf 600, die sich auf 30 Flugplätze verteilen. * London. Die Voranschläge der englischen Admiralität sehen laut„Sunday Chroniele" eine Vermehrung der Mannschaftsbestände der Marine um 3000 Mann vor; ferner sollen die Mattosen, deren Dienstzeit jetzt oder in absehbarer Zeit abläuft, aufgefordert werden, sich für einen weiteren Zeitraum von mehreren Jahren zu verpflichten. Italiener verwenden Giftgas Protest des Nexus an den Völkerbund Addis Abbeba. Der Negus hat an den Völkerbund eine Protestnote gesandt, in der er die Italiener bezichtigt, das Kriegsrecht auf dem Rückzug der Italiener im Gebiet von Schire und Tembien verletzt zu haben. Die Truppen hätten, so heißt es, die abessinischenKirchen verbrannt und die Zivilbevöllerung„systematischen Drangsalierung" ausgesetzt. Am 23. Dezember hätten sie im Gebiet des Takazze zum ersten Male Gift gas angewendet. Abessinien protesttert gegen die unhumanen Mittel der Kriegsführung, die eine Verletzung des Völkerrechtes darstellen. Wie von der Nordftont berichtet wird, sollen die Italiener Giftgasbomben, anscheinend mit PhoSgen-GaS, abgeworfen haben. Die Verluste der Abessinier scheinen bettächtlich zu sein. Trotzdem hätten sie ihre Stellungen gehalttn. Heimwehr-Jugendführer angeschossen Wien. In der Nacht auf Sonntag wurde im 18. Bezirk von unbekannten Täter» der 26- jährige städtische Lehrer Max W a l ch a r, ein bekannter Führer der Heimwehrjugend, angeschos- sen und ernstlich verletzt. Er wurde in das Krankenhaus gebracht» wo er operiert wurde. Der Attentäter ist verschwunden. Die Ligen-Gesetze angenommen Paris. Montag abend nahm der Senat durch Handaufheben die drei Gesetzentwürfe über die Ligen, das Waffenttagen und die Pressever- gehen ohne Aenderung in dem von der Kammer angenommenen Wortlaut in zweiter Lesung an. Die Entwürfe werden nach der Unterzeichnung durch den Präsidenten der Republik wahrscheinlich bereits im heuttgen Amtsblatt kundgemacht werden und sofort Gesetzeskraft erlangen. Schon wieder Kabinettswechsel in Spanien Madrid. Ministerpräsident Valladares hat dem Staatspräsidenten den Rückttitt des Gesamtkabinettes angezeigt. Valladares wurde mit der Bildung eines neuen„Kabinetts der Mitte" betraut. Im Kabinett bestanden hauptsächlich Meinungsverschiedenheiten über die Wahlpolitft und-Taktik. Die republllanische« und die Linksparteien hielten mft den Sozialisten Beratungen über die Bildung einer gemeinsamen Linksfront bei den kommenden Wahlen ab. Im neuen Kabinett Valladares, das bereits vom Staatspräsidenten bestätigt wurde, bleiben die Posten des Ministerpräsidenten, des Kriegsministers und der öffentlichen Arbeiten mft den gleichen Persönlichkeiten besetzt. Sämtlich« Minister sind parteipolittsch unabhängig. Arn 5. April französische Wahlen? Paris. Ein Blatt Hat bekanntgegeben, daß sich die Regierung mit der Absicht ttage, das Datum der Wahlen für den 6. April festzulegen. Hiezu erklärt das Pariser Innenministerium, die französische Regierung habe über das Datum der Wahlen noch keine Beschlüsse gefaßt. Politik und Käse Warum Uruguay die Beziehungen zu den Sowjets abbricht MoSka«. Zu dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen seitens der Regierung von Uruguay schreibt die.I s v e st i j a", daß der Beschluß Uruguays wahrscheinlich unter dem Druck Brasiliens und anderer sowjetfeindlicher Kreist erfolgte; so sei man über die besondere Aktivität unterrichtet, die der i t a l i e n i s ch e Gesandte in Uruguay in dieser Angelegenheit entfaltet habe. Das Blatt sagt weiter, daß der Präsident von Uruguay sich erst vor kurzem bemüht habe, von den Sowjets eine Bestellung aus einen großen Po st en von uruguayischem Käse zu erhalten, wobei er zu verstehen gab, daß er im Falle der Nicht» erteilung dieses Auftrages kaum imstande wäre, dst sowjetfeindliche Agitation in Uruguay zu verhindern. Diese Forderung, die offenbar den Charakter einer Erpressung trug, sei natürlich abgelehnt worden. Vom Rundfunk Cm»tahlMSwert«s aus den Programmen! Mittwoch: Prag, Sender L: 7.30: Konzert aus Karlsbad, 8.80: Konzert für Violine und Orgel, 9.15: Weihnachtslieder, 10.05: Schallplatten: Smetana, 10.20: Neujahrsmusik, 13.45: Dvorak»Konzerr, 14.15: Deutsche landwirtschaftliche Sendung, 16: Bunter Nachmittag, 17.50: Deutsche Sendung: Dr. Frankl: NeujahrSgruß,— Piepmätze singen Volkslieder, 18.50: Deutsche Presse, 19.25: Programm aus Brünn, 22.15: Schallplatten, 22.20: Deutsche Presse. Sender S: 14.30: Deutsche Sendung: Orchestermusik.— Brünn 11.10: Beethoven, 17.50: Deutsche Sendung: Gajdeczka: die Demo- ttatte als Grundlage hellenischer Kultur, 19.30: AuS dem Landestheater: Die verkaufte Braut.— Kascha» 17.40: Slowakische Volkslieder. WlrlsdiaHlldic Vernichtung taOcMlon! arheHsTos! von 100.000 Juden! UNSER 37 Roman von Karl Stym Copyright by Eugen Prager-Verlag, Bratislava Paul reißt mir beinahe die Arme aus. „Fritz! Fritz!— Schau doch, was das für dumme Kinder sind!“‘\ Tapfer schluckt er»die aufquellende Weichheit hinunter. Es£ind wirklich tolpatschige, unvernünftige und lausbübische Kinder um uns herum und wir selbst nichts Besseres. Die Kranken werden auf Wagen gehoben und bilden die Spitze des vierhundertundfünfzig Mann langen Zuges. Irgend jemand fängt das Bergarbeiterlied zu singen an und alle fallen ein. Ich glaube, mit ganz der gleichen Begeisterung würden wir auch den fadesten Schlager mitplärren. Uns ist nicht so sehr um das Singen zu tun, sondern wir wollen nur unsere Stimme fühlen. Der helle Tag blendet mich. Ich muß die Augen mit den Händen verdecken. Die Lungen blähen sich, als wollten sie die Brust sprengen. Frauen und Kinder lachen und jubeln. Alles rinnt in mich hinein und füllt mich ganz mit fast erstickender Freude. Dort nimmt einer die Hände seines Weibes. Seine Finger suchen an den vollen Armen hoch. Hier hebt einer seinen Jungen zum bärtigen Gesicht auf. Martha kommt auf mich zu. Ihre Augen sind groß und feucht« Eine wohlige Mattigkeit ist in mir, die mich mir selbst fremd macht. Die Frauen, Kinder und Kameraden um mich her sind klein und weit weg. Von ebenso weit kommt Marthas Stimme: „Fritz, ich bin so froh!“ Die Illusion eines weichen Bettes ist in mir stärker als alles andere. „Ich möchte schlafen!“ Ja, schlafen— Aus den nassen Kleidern heraus in ein weiches Bett kriechen!* Wie muß das schön sein— Links und rechts am Mundloch stehen je drei Soldaten und ein Offizier. Sie sehen stramm geradeaus. Ihre blanken Bajonette auf den Gewehren blinken in der Sonne. Alles an ihnen ist hart, nur die Augen sind weich und— voll Hochachtung. Jetzt sehen sie, für wen sie scharfe Munition gefaßt haben, auf wen sie Tag und Nacht gelauert haben, wie auf Verbrecher. Sie sehen, was wir für arme Teufel sind, aber auch, daß wir gekämpft haben, wie sie selbst noch nie. Fogger Schorsch steht auf zwei übereinandergestellten Wagen und donnert über uns hinweg, daß die Ohren schmerzen. Trotzdem verstehe ich kein einziges Wort davon. Mein Kopf ist auf einmal unsinnig schwer und sinkt langsam vornüber, um nach einigem Hin und Her auf Marthas Schulter zu landen. Ich schrecke auf. Die Umstehenden belehren mich jedoch, daß ich mich deswegen gar nicht zu schämen brauche. Sie schlafen alle im Stehen... « „Fritz ,aufstehen! Draußen ist schon Tag und dazu Frühling!“ So weckt mich Hell zwanzig Stunden später. Ich habe zwanzig Stunden ohne Essen und Traum geschlafen. In Schropps guter Stube ist schon das Essen gerichtet. Wir legen uns tüchtig ins Zeug. Der Alte sitzt auf der Ofenbank und lächelt über unsere Gefräßigkeit, trotzdem sein Gesicht schmerzlich zuckt. Ihn quält wieder die Gicht, das Übel, das jedem, der zwei Jahre Grubenarbeit macht, das Leben verbittert Es macht die ohnehin schwere Arbeit manchmal fast unerträglich. Man hat das impertinente Gefühl, ein gezähntes Messer schabe mit teuflischer Beharrlichkeit zwischen Fleisch und Knochen auf und ab. Zu Zeiten ist es so stark, daß man geradezu Angst hat, die Arme zu heben oder zu gehen. Etwas später kommt der alte Raab. Sein rechter Rockärmel baumelt leer von der Schulter. Steifbeinig nimmt er neben Schropp Platz. Raab kommt sehr oft zu seinem alten Kameraden. Er gehört fast zum Haus und kommt und geht ohne Gruß. Die beiden Alten sitzen stundenlang am Ofen und starren zum kleinen Fenster gegenüber hinaus, ohne ein Wort, zu sagen. Manchmal spielen sie Karten. Um abgebrannte Zündhölzchen oder Bohnen. Dann mag es vorkommen, daß sie die Karten weglegen, sich gegenseitig ins verschlissene Gesicht schauen und einer sagt: „Ferk hätte nur den Stempel etwas weiter hinten stellen sollen, dann wäre das Flötz nicht gekommen!“ Nachher spielen sie wieder weiter, langsam und bedächtig, als ginge es um ein Vermögen. Sie haben immer die gleichen Gedanken. Auch leben sie gleich,** beide von ihren verstümmelten Körpern. Unser Körper ist eben unser einziges Kapital. Ist er noch jung und stark, so arbeitet er für uns. Ist er dann verstümmelt, so sind wir seine Rentner... Raab hat einige neue Zeitungen mitgebracht. Ich lese die Artikel über uns laut vor. Die eine Zeitung nennt uns Helden, die anderen Rebellen, Anarchisten usw. „Blödes Gequatsche!“ Hell faltet die Zeitungen nachdenklich zusammen und schiebt sie in den Ofen. „Damit wir wenigstens etwas davon haben!“ Helden! Rebellen 1— Diese Leute wissen einen großen Schmarrn von uns! Wir sind keines von beiden, nur arme Luder... Die ganze Zeit über schon höre ich aus dem Nebenzimmer ein undeutliches Gemurmel, einer Litanei nicht unähnlich. Ich öffne leise die Tür und habe Mühe, nicht zu zerplatzen. Der Zimmerinhalt ist auch ein zu köstliches Idyll: Sophie sitzt auf ihrem— Rohling. Breit und selbstverständlich, als wäre es sein gutes Recht und hört eifrig zu. Nr. 303 DienStag, 31. Dezember 1935 Seite 3 fudetendcutseficr leitepie^el Vorläufige Filmsperre gegen Deutschland und Oesterreich Nun heißt es festbleiben! Wie das„Prager Montagsblatt" und „Vekerni Teske Slcvo" melden, hat der Verband dcr tschechoslowakischen Filmimporteure seine Mitglieder angewiesen, vorläufig keine Filme mehr aus Deutschland und Oesterreich zu beziehen. Diese Maßnahme deutet darauf hin, daß die Verhandlungen, die seit Wochen zwischen den hiesigen Filmimporteuren und der Berliner Reichsfilmkammer im Gange sind, bisher zu keinem Erfolge geführt haben. Um den Konflikt zu verstehen, muß man sich daran erinnern, daß die dem Diktat des Berliner Propagaitdaministeriums unterstellte Berliner Filmindustrie immer neue Versuche unternommen hat, den österreichischen und den tschechoslowa» kiscken Filmmarkt zu beherrschen und gleichzuschalten. In Oesterreich hat dieser. Versuch schon vor einem Jahre zu einem fast völligen Erfolge geführt— durch einen deutsch-österreichischen Filmvertrag, in dem sich die Wiener Filmproduktion verpflichtete, für je einen österreichischen Film, der nach Deutschland geht, zehn reichs- dcutsche nach Oesterreich einzuführen. Aber auch bei uns hat das Gleichschaltungsbestreben der Film-Machthaber des Dritten Reiches bisher wenig Widerstand gefunden. Solange der amerikanische Filmboykott andauerte, hat der Goebbels- Film den bisherigen Markt fast völlig beherrscht und auch seit der Wiedereinfuhr der amerikanischen Filme stellt er— dank der Haltung der hiesigen Verleiher und der Einfuhrkommission— noch immer fast ein Drittel der gesamten Filmrinfuhr in die Tschechoslowakei. Die Berliner Reichsfilmgesellschaft hat eS durchgesetzt, daß die deutschen Versionen der Prager Filme nach dem Arierparagraphen besetzt worden sind, und beim letzten„Internationalen Filmkongreß" in Berlin sind die hiesigen Verleiher und Produzenten sogar einer Internationalen Filmkammer beigetreten, die in Wahrheit eine Goebbels-Filmkammer ist und der deshalb auch außer den tschechoslowakischen Filmunternehmern nur noch die deutschen und die gleichgeschalteten österreichischen angehören. Wenn die hiesigen(größtenteils nichtarischen) Verleiher und Produzenten geglaubt haben, durch ihr würdeloses und kulturpolitisch geradezu verräterisches Verhalten die Berliner Filmdiktatoren von weiteren Attacken abzuhalten, dann haben sie sich getäuscht. Man hat in Berlin den Import tschechoslowakischer Filme immer weiter gedroffelt und die Berliner Reichsfilmkammer, die neuerdings einem alten Parteigenossen Hitlers» dem Nazi-Professor Lehnich unterstellt wurde, hat den Versuch gemacht, die nichtarischen Prager Verleiher, denen der reichsdeutsche Film seine Förderung bei unS hauptsächlich verdankt?, aus dem Geschäft zu verdrängen und zwei Prager Verleihfirmen, der hiesigen„U f a" und der der Berliner TobiS-Konzern gehörigen„S l a v i a", das, Monopol für die Einfuhr deutscher und österreichischer Filme in die Tschechoslowakei zu verschaffen. Dagegen hat sich nun endlich der Widerstand der hiesigen Filmindustrie geregt: die tschechoslowakischen Verleiher haben sich zu einem Verbände zusammengeschlossen, der die einseitige Zuteilung der deutschen und österreichischen Filme an ein- veutsche Gewerbepartei neu konstituiert Ablehnung von„Totalltätsansprüchen“. Das Sekretariat der Deutschen Gewerbepartei stellt den Blättern folgende Meldung zur Verfügung: Sonntag, den 29. Dezember, fand in Prag eine aus allen Teilen der Republik außerordentlich zahlreich beschickte Reichskonferenz des Ständebundes für Handel und Gewerbe(Deutsche Gewerbepartei) statt. Die Konferenz beschloß einmütig, die selbständige polftische Ständeorganisation des Deutschen Gewerbes und Handels trotz allen Anfeindungen weiter auszubauen. Der bisherige Vorsitzende, der ehemalige Abgeordnete Alois S t e n z l, wurde neuerdings einsfimmig zum Bevollmächtigten der Partei bestellt, ferner wurde ein Vollzugsausschuß neu gewählt. Die Tagung lehnte die den demokratischen Grundsätzen widersprechenden Totalitätsansprüche ab, legte gegen den wirtschaftlichen Boykott deutscher Gewerbe« und Handelstreibender ihrer politischen Ueberzeugung wegen schärfst« Verwahrung ein. Die Konferenz erläßt auch an alle deutschen stan- desbewußten Handwerker, Gewerbetreibenden und Kaufleute einen Aufruf zur Mftarbeft. Dem Handelsminister Nasman wurde in Anerkennung seiner auf den Schutz des gewerblichen Mittelstandes abzielenden Bemühungen tat Dank ausgesprochen zelnen Firmen verhindern soll, und als weitere Abwehrmaßnahme ist auch die kürzlich erfolgte Aufhebung der Kopier-Lizenz der Tobis zu werten, die sich dahin auswirkte, daß bisher für jede in der Tschechoflowakei angefertigte Filmkopie eine hohe Lizenzgebühr an das reichsdeutsche Ton-Bild-Syndikat(Tobis) gezahlt werden mußte. Wenn der so entstandene Konflikt zu einer vorläufigen Filmsperre gegen Deutschland und Oesterreich geführt hat, so'scheint das zu beweisen, daß die tschechoslowakischen Unterhändler diesmal den Willen haben, festzübleiben. Wir hoffen, daß sie Um die Wiederaufnahme der Arbeit In Tellnltz Wird die neue Ersteherin die Arbeitsaufnahme in der Trllnitzer Porzellanfabrik ermöglichen? D a s ist jetzt die Frage, die die Gemüter der Interessenten bewegt. Soweit man die Situation überschauen kann, liegt es nur an der neuen Ersteherin, wie die Sache abläuft. Wir konnten in Erfahrung bringen, daß bereits Verhandlungen zwischen der neuen Ersteherin, vertreten durch Herrn Dr. Anders in Karlsbad, und dem Konkursmasseverwalter, Herrn Dr. Gerson in Kar- bitz, geführt wurden, die bisher leider zu keinem Resultat führten, weil die von der neuen Ersteherin gestellten Bedingungen derart sind, daß bei ihrer Annahme der Betrieb nicht existieren könnte, selbst wenn er ausgenommen würde. Wir wollen heute noch nichts über die Höhe des geforderten Pachtzinses und den Inhalt der übrigen von Herrn Dr. Anders gestellten Bedingungen schreiben in der Annahme, daß die interessierten Kreise doch noch zur Erkenntnis kommen und ihre Bedingungen so gestalten, daß die Wiederaufnahme des Betriebes ermöglicht wird. Genossin Kirpal hat bei ihren wiederholten Interventionen im Handelsministerium festgestellt, daß das Justizministerium das juristische Gutachten bereits ausgearbeitet und dem Handelsministerium Wergeben hat. Es soll nicht verkannt werden, daß das Handelsministerium auf Herrn Anders Einfluß genommen und eine Unterredung herbeigeführt hat, es muß aber mit allem Nachdruck verlangt werden, daß das Handelsministerium durch ein entscheidendes Votum auf den Gang der Verhandlungen Stellung nimmt. Bis jetzt stehen noch fast 200 Arbeiter und Angestellte brotlos da. Nur ein kleiner Bruchteil, kaum zwei Prozent der früher im Betriebe Be- schäftigten, konnte anderweitig vorübergehend untergebracht werden. Unmöglich können diese Menschen dem Hunger überantwortet werden. ES muß mit allen Mitteln entscheidend gearbeitet und jeder Versuch der Sabotage verhindert werden. „Bereltschaft"-ProzeB läuft wieder Mährisch-Ostrau. Nach der Weihnachtspause wurde Montag vor dem Senat des KreiSgerichteS der Prozeß gegen Dr. Patscheider und Genossen fortgesetzt. Cs wurden fünf der 20 Angeklagten verhört. Dr. H. Schwarz, der Primarius des Krankenhauses drS Deutschen Ritterordens in Troppau. verwahrt sich anfangs sehr erregt gegen die Behauptungen im „Sonderbefehl", welcher den Hauptstützpunkt der Anklage darstellt und in dem der Name Dr. Schwarz' angeführt wird. Dr. Schwarz erklärt, dies könnte sein Bruder Robert sein, der zur Zeit in Berlin wirkt. Dr. Schwarz behauptet weiter, er hätte in der Eheberatungsstelle gearbeitet, wobei er sich mit der Rassenhygiene beschäftigte, lieber dieses Thema schrieb er in der Zeitschrift„Der Weg". Schwarz weilte mehrmals im Auslande, besonders in Deutschland, doch betrafen seine Reisen bloß seine ärztliche Tätigkeit. Sein Bruder war früher österreichischer Oberleutnant, doch wurde ihm nach dem Umsturz dieser Rang nicht mehr belassen. Dies ließ sich sein Bruder bestätigen, damit man in Deutschland sehe, daß er kein„Cechoun" sei und damit ihm in Deutschland der Aufenthalt bewilligt werde. Der Angeklagte spricht dann über Rckssenhygiene von der politischen und wis- senschaftljchen Seite aus sowie über den Unterschied zwischen diesen zwei Begriffen. Ein zweiter Angeklagter, der 48jährige Fachlehrer Adolf Sadowski aus Teschen, behauptet, politisch niemals täfig gewesen zu sein. Er war in der deutschen nationalsozialistischen Partei organisiert, aus welcher er im Jahr« 1882 ausgetreten ist. Auf dem Olmützer Kongreß der „Bereitschaft", welchem er nicht beiwohnte, wurde er zum Vertrauensmann für Schlesien gewählt. Er hat eine Reihe von Personen ausgesucht, die er für die Bereftschaft gewinnen wollte, doch hätten dieselben abgelehnt, weil sie sich einer strengen Disziplin nicht unterordnen wollten und weil sie schließlich auch diese Betpegung nicht interessiert habe. In Teschen gab es die unverschämten Berliner Forderungen nicht nur ablehnen, sondern ihnen eigene Forderungen entgegenstellen werden. Wenn es schm nötig'ist, gleichgeschaltete Filme in unsere Republik einzuführen, dann sollte man wenigstens durchsetzen, daß ein entsprechender Prozentsatz nicht gleichgeschalteter hiesiger Filme nach Deutschland aus- gefiihrt werden darf(wo ja beim Publikum em nachweislich großes Verlangen nach Auslandsfilmen besteht), Wester muß mit der Anwendung dxs Arierparagraphen auf die hiesig? Filmproduktion Schluß gemacht werden. Und wenn die Verhandlungen ergebnislos bleiben, sollte zur vermehrten Herstellung deutscher Filme im Inland« geschritten werden, die— mit den deutschen Versionen, amerikanischer, englischer und skandinavischer Filme— die bisherige Einfuhr aus Deutschland und Oesterreich ersehen und außerdem auch ein lohnender Ausführartikel unserer Filmindustrie werden könnten. bloß zwei Mitglieder. Der Verteidiger Sadowskis erklärt, er sei ein„Führer" ohne Mitglieder gewesen. Der Angeklagte erklärt, daß er den„Sonderbefehl" nicht kenne und daß er ihn erst in der Haft beim Verhör gelesen habe. Im Laufe der Verhandlung wurde Sadowsti von Unwohlsein befallen, so daß eine Pause von 30 Minuten eintrat. Der Prozeß wird Dienstag fortgeführt werden. Der Verhandlung wohnten etwa 80 Zuschauer bei, darunter zahlreiche deutsche Hochschüler.« Wechsel in der Führung der Landjugend. Wie wir bereits gemeldet haben, sind die Führer der Landjugend, gegen die demnächst ein Schutz- gesetzprozeß beginnen wird, aus der Haft entlassen worden. Die„Deutsche Landpost" meldet, daß der enthaftete bisherige Reichsführer der Landjugend, Toni Müller, seine Funktion niedergelegt hat. An seiner Stelle wurde Josef Seer aus Littitz, der 1. Stellvertreter Müllers, bis zum Zusammentritt eines außerordentlichen Reichsjugendtages, mit der Leitung betraut. Päpstlicher als Goebbels in der Ableugnung der Wahrheit über die Zustände auf dem deutschen Lebensmittelmarkt ist die^Henleinsche„Zeit". In einem Leitartikel, dem sie den Titel„Böses Gewissen?" gibt, schreibt die„Zeit", daß die tschechische Presse sich freue,„an Falschmeldungen Wer an g e b li ch e Nahrungsmittelnot in Deutschland". Soweit, von angeblicher Lebensmittelnot zu sprechen, geht Goebbels selbst nicht. Er sucht nach mehr oder weniger humoristischen Ausreden, wie z. B. daß die Juden jetzt aus Haß gegen Hitler das Schweinefleisch wegessen, und daß die Marxisten statt Margarine plötzlich Butter essen wollen, aber er hat bisher nicht geleugnet, daß es an Butter und Schweinespeck mangelt. Im übrigen weiß es alle Welt und auch im Randgebiet haben es tausende Familien gerade in der Weihnachtszeit erfahren, daß ihre Verwandten und Bekannten im Dritten Reich sie um Buttersendungen baten. Schon gibt es K u n- denlisten, Bezugsscheine und alle möglichen Kriegserinnerungen mitten im Hitler- schen Friedensdeutschland, nur in der Goebbelsfiliale in der Prager Hybernergasse ist man kühn genug, von Falschmeldungen über angebliche Nahrungsmittelnot in Deutschland zu schreiben. Schade, daß die Untertanen Hitlers sich den Optimismus des Herrn Dr. Brand nicht aufs Brot streichen können! Lord Reading, der ehemalige Bizeköni» von Indien, ist im Alter von 75 Jahren in London ge- storbeU. Der Verstorbene hatte eine ganz ungewöhnliche Karriere hinter sich. Lord Reading, der mit seinem bürgerlichen Namen RufuS Daniel JsaacS hieß, wurde am 10. Oktober 1860 als Sohn eines jüdischen Citykaufmanns in London geboren und verlebte eine sehr bewegte Jugend. Im Alter von 14 Jahren kam er als Schiffsjunge zum erstenmal nach Indien und Südamerika. Nach Absolvierung seiner Studien wurde er A d v o k a t, Vom Jahre 1010 bis zum Jahre 1918 war er Generalstaatsanwalt, wurde dqpn zum Lordoberrichter von England und gleichzeitig zum Mitglied des Oberhauses ernannt, nachdem er neun Jahre als Liberaler für den Wahlkreis Reading dem Unterhaus angehört hatte. Den Namen dieser Wahlkreises nahm er mit dem Lordtitel an. Während des Krieges war er der Initiator des berühmten Moratoriums und der Staatsgarantie für die britischen Wechsel, die die englische Geldwirtschast vor dem Chaos bewahrten. Reading war es auch, der als außerordentlicher Gesandter des englischen Königs und als Leiter der englisch-stanzösischen Finanzkommission im Jahre 1915 in Washington die Anleiheverhandlungen mit der amerikanischen Regierung zum erfolgreichen Abschluß geführt hat und dadurch den Eintritt Amerikas in den Weltkrieg vorbereitete. Nach dem Kriege wurde er Vizekönig von Indien, trat im Jahre 1926 zurück und wurde dann zum Marqueß ernannt. Im dritten Kabinett Macdonald war der Verstorbene einige Monate (Herbst 1981) Staatssekretär für Auswärtige Angelegenheiten. Zinssenkung in Kraft getreten In der Gesetzessammlung sind zwei Verordnungen erschienen, von denen die eine Nr. 238 die allgemeinen Zinssätze, die andere Nr. 239 die Verzinsung der Staatsschuld regelt. Die erste Verordnung bestimmt folgendes: a) ein vordem 1. November1938 abgeschlossenes allmählich kündbares Darlehen darf durch den Gläubiger im Jahre 1936 nicht gekündigt werden, wenn die vereinbarten Zinsanzahlungen geleistet werden. b) Bücheleinlagen ohne Kündigring werden im allgemeinen zu 3 Prozent verzinst, gegen einmonatige Kündigung zu 3)4 Prozent und gegen dreimonatliche Kündigung zu 3)4 Prozent.. c) Für Darlehen bei Volksgeldanstalten in den historischen Ländern beträgt der Zinsfuß 4)4 Prozent» in der Slowakei 5)4 Prozent, für Kommunaldarlehen 5(5)4) Prozent, Bank- und Bankgeschäfte, beim Lombard und beim Kredit auf zedierte Forderungen und bei jedem anderen Kredit 7(7)4) Prozent als Höchstsatz. Die Geldanstalten dürfen dabei keinerlei Leistungen oder Nebengenüsse Wer die festgesetzten Zinssätze hinaus für Einlagen anbieten und es werden die Manipulationsgebühren und sonstigen Zuschläge geregelt. d) Ist das Geschäft einer Bank verlustbringend» kann es zur Kündigung oder zur Verhandlung Wer eine Herabsetzung von Bezügen im Auftrag des Finanzministers kommen» allerdings nur bei höheren Dienstbezügen als 4 8.0 00 jährlich oder bei R u h e- u n d Versorgungsgenüssen, die auf Kosten der Betriebsrechnung gehen und mehr als 3 0.0 00 Ki betragen. Die zweite Verordnung betrifft» wie erwähnt» die Senkung der Staatsanleihezinsen. Danach werden die Zinsen der Staatsschuld um 10 Prozent des ausgezahlten Betrages herabgesetzt. Die Zinsen der Staatskassenscheine dürfen nicht mehr als 4 Prozent betragen. Die Herabsetzung des Zinsfußes tritt am 1. Jänner 1936 in Kraft. Srämek Segen den Faschismus Bei einer in Olmüh stattgefundenen öffentlichen Feier anläßlich des 60. Geburtstages des Abgeordneten F. Svetlik sprach neben zahlreichen Repräsentanten verschiedener öffentlicher Korporationen und Vertretern der Volkspartei auch Minister Dr. S r ä m e k. Er erklärte u. a.» die Volkspartei hab« stets erstrebt, daß die Außenpolitik der Innenpolitik entspreche. Die Bollspar- tej habe keine Politik gemacht, die sich von der Staatspolitik unterschied. Die Partei werde die offizielle staatliche Innen- und Außenpolitik unterstützen, ohne sich durch Erscheinungen im AuSlande beirren zu las- s e n, w e l ch e u n s v i e l e a l L M u st e r vorhalten. Der einzige Leitgedanke müsse bei uns das Gedeihen von Volk und Staat sein und wir dürfen ausländische Mu st er nicht n a ch a h m e n, die uns vom richtigen Wege abbringen würden. Die Versammlmtg bereitete dem Altpräsidenten T. G. Masaryk und dem Präsidenten Dr. Benes, der dem Jubilanten ein« Bcgrützungsdepesche übersandt hatte, herzlich» Ovationen, * Srämeks Worte,„man solle ausländische Muster nicht nachahmen, die uns vom richtigen Wege abbringen würden", können nur so verstanden werden, daß sich Srämek gegendenFa- s ch i s m u s wendet und für die tschechoslowakische Demokratie eintritt. Im Zusammenhang mit dem Auftreten Srämeks bei der Präsidentenwahl, bzw. seinem Eintreten für die Kandidatur des Tr. Benes, ist diese Rede bemerkenswert. Sie zeigt, daß der Vorsitzende und Führer der tschechisch- tatholischn Bolkspartei entschlossen ist, unbeirrbar den Weg der Demokratte weiterzuschreiten.. In diesem Sinne Wird Srämeks Rede auch in sozialistischen Kreisen ein freundliches Echo finden. Innsbruck. In Kitzbühl wurde der ungarische Großgrundbesitzer Graf Fidel Palsfy, früherer ungarischer Abgeordneter und einer der Führer der ungarischen Pfeilkreuzler, wegen nationalsozialistischer Propaganda ausgewiesen. Wien. In den ersten elf Monaten des laufenden Jahres betrug die österreichische Einfuhr 1081 Millionen Schilling, die Ausfuhr 804 Millionen. Das Handelsvolumen ist gegenüber dem Jahre 1934 um 50 Miflionen gestiegen. London. Zum 16. Dezember d. I. wurden in Großbritannien 1,868.565 Arbeitslose registriert. ES sind dies gegenüber dem 25. November d. I. um 49.997 und gegenüber dem Stande der Arbeitslosigkeit vor einem Jahre um 217.250 Personen weniger. Berlin(AP.) Der deutsche Filmexport, der 1932 noch 11 Millionen Mark betrug, wird in diesem Jahr kaum, 6 Millionen erreichen. Die deutsche Filmeinfuhr, die sich 1932 auf 8.4 Millionen Mark belief, wurde auf 1.8 Millionen Mark reduziert. Addi- Abeba. Bier italienische Flugzeuge bombardierten am Montag acht Stunden hindurch Dagabur. Seite 4 Dienstag, 31. Dezember 1935 Nr. 303 / Das tödliche Spielzeug Der neun Jahre alte Max Prokop in Gesteinigt bei Eulau hatte als Weihnachtsgeschenk eine Dampfmaschine erhalten. Als er am zweiten Weihnachtsfeiertage in Gemeinschaft mit anderen Kindern die Maschine in Gang setzte, erfolgte eine Explosion des Kessels,, die eine furchtbare Wirkung hatte: Der kleine Prokop erlitt an der ganzen Vordersefte des Körpers derart schwere Verbrennungen, daß er trotz aller Kunst der Aerzte am Sonntag, dem 29. Dezember, an deren Folgen st a r b. Ein anderer Junge, namens Werner aus Schneeberg, der mit den anderen Kindern nach der Explosion vor Schreck flüchtete, kam dabei zu Falle und brach sich einen Oberschenkel, so daß er in das Tetschener Masaryk-Krankenhaus gebracht werden mußte. Das Unglück des kleinen Prokop ist um so tragischer, als er das einzige Kind seiner Eltern war. Der Tod des armen Jungen rief im ganzen Orte herzlichste Anteilnahme hervor, die sich den schwer geprüften Eltern, Großeltern und Urgroßeltern des Jungen zuwendet. Die Beerdigung des kleinen Prokop erfolgt am Neujahrstage um dreiviertel 3 Uhr vom Trauerhause in Gesteinigt aus. Ein interessanter Lebensweg Der Militärkommandant der Prager Burg, Ober st Josef Seidl, dient heuten Silvester, den letzten Tag: Morgen, zu Neujahr, übernimmt auf der Burg bereits der neue Kommandant, Oberst Kvapil, sein Amt. Josef Seidl wurde 1873 in Görkau bei Komotau als Sohn einer sehr armen Familie geboren. Ein schwerer Lebensweg brachte vorerst Seidl gleich in seiner Jugendzeit in den Malo- stransky Sokol. Auf internationalem Turnforum in Arras 1903 sowie in Prag beim Sokolkongreh des Jahres 1907 war er einer der besten Turner. 1908 geht Seidl nach Rußland, wo er als Turnlehrer an Mittelschulen wirkt. Die Beliebtheit, deren sich Seidl in Rußland erfreute, bewog den Großfürsten Peter Nikolajewitsch dazu, seine Kinder imTurnen von Seidl unterrichten zu lassen. Zu Beginn des Weltkrieges meldete sich Josef Seidl sofort in die tschechische Drujina, wo er jedoch nicht angenommen wurde, da er zu dieser Zeit bereits das 40. Lebensjahr überschritten hatte und Väter einer großen Familie war. Er arbeitete deshalb wenigstens in der revolutionären Auslandsbewegung. 1916 trat er ins tschechoslowakische Heer in Rußland ein, wobei er auch seinen Sohn mitnahm. Aus Rußland kam er nun mit einem Legionär-Transport nach Frankreich. Auch sein Sohn folgte ihm hierher. Eine T o ch t er namens BoZena wirkte im russischen Legio- n ä r h e e r, wo sie zum Leutnant befördert wurde. In Frankreich wurde"Seidl Mitglied der Kommission für die Ausbildung des Legionärheeres in Cognae. Im März des Jahres 1918 war Seidl in den ersten Gefechtslinien der französischen Front zwischen Reims und Verdun im Abschnitt Mont Cornille, später kam er in die Schützengräben der Argonnen und von Vouzieres, wo er auch verwundet wurde. Seine militärische Karriere als Legionär begann Seidl von der Pike auf, und war während der Kämpfe bei VouziereS bereits, Kommandant eines Zuges. In die Heimat kehrte Seidl nach Kriegsschluß. als Kapitän zurück und wurde im Frühjahr 1919 zum Militärkommandanten der Burg von Prag ernannte Dieses Amt versah Oberst Seidl bis zum heutigen Tage. Flammentod dreier Hotelangestellter London. Bei einem Hotelbrand in Edinburgh erlitten Montag früh drei Frauen den Feuertod, sieben weitere Personen trugen mehr oder minder schwere Brandwunden davon. Als das Feuer ausbrach, befanden sich in dem Hotel 15 Personen. Bei Ankunft der Feuerwehr stand das Gebäude bereits lichterloh in Flammen. Mehreren Hotelgästen und Angestellten gelang es, sich mittels zusam menge- knüpfter Bettlaken durch ein Fenster auf das Dach eines benachbarten Gebäudes herunterzulassen. Die drei verbrannten Frauen sind Hotelangestellte. Sie waren in ihren Betten ersti ckt. Etwa um die gleiche Stunde brach im Theater Royal in Sheffield ein Brand aus, der sich mit so verheerender Geschwindigkeit ausbreitete, daß bei Anbruch der Morgendämmerung nur noch die Grundmauern übrig geblieben waren. Fast das gesamte Magazin, in dem zum Teil sehr wertvolle Kostüme und Kulissen wären, wurde zerstört. Die Verwandlung der Weltrekordlerin Die erfolgreiche tschechoslowakisch« Sportlerin und Inhaberin zweier" Weltrekorde, Zkunka K o u b k o v d, steht seit einiger Zeit im Mittel- puntt des Interesses der sensationslüsternen Oef- fentlichkeit. Eine ärztliche Untersuchung tat ngmlich ergeben, daß hier einer jener zwar seltenen, vom medizinischen Standpunkt aus aber durchaus einfach erklärbaren Fälle vorliegt» too infolge einer nicht vollkommen abgeschlossenen Entwicklung bei der Geburt ein Fehler in der Bestimmung des Geschlechts unterlaufen kann, so daß das wahre Geschlecht der betreffenden Person erst später, gewöhnlich in d^r Zeit der Reife, nachgewiesen wird. Die Koubkovä, welche sich nach dieser Feststellung einer Operation unterzog, hat nunmehr bei den Behörden um die Bewilligung angesucht, einen männlichen Namen und männliche Kleidung tragen zu dürfen. Beiden Gesuchen wurde entsprochen. *. Wie die jugoslawischen Zeitungen melden, hat sich in Split eine 16jährige Studentin in einen Knaben verwandet. Im Vorjahre absolvierte das Mädchen die Quarta des Mädchengymnasiums und setzt heuer seine Studien nach einer im September borgenommenen Operation am Knabengymnasium fort. Regen-Katast?dphe in Spanien Frankreich und Portugal Madrid. Di« starken Regengüsse in Nord» und Westspanien dauern an. Fast sämtliche Flüsse sind über ihre Ufer getreten. Der Verkehr auf der Landstraße von Madrid nach Santander ist durch die Fluten unterbrochen. Der Eisenbahnverkehr zwischen Madrid und Galicia ist durch Erdrutsche unmöglich gemacht. Ein Per- s o n e n z u g entgleiste bei Montefurado. Der Schnellzug Lissabon—Madrid liegt auf freier Strecke still. H ä u s e r e i n st ü r z e, Vernichtung Hon Getreide- und Viehbeständen werden aus zahlreichen Provinzen gemeldet. Zwischen Valencia und Albäcieto stürzte ein mit 27 Personen besetzter Autobus eine Böschung hinunter. E l f Personen wurden schwer verletzt. .♦ Auch zahlreiche Gegenden Frankreichs, namentlich das Flußgebiet der Rhone und ihrer Nebenflüsse, sind überschwemmt. Auch der Was- serstanh der Loire, Marne und Saone ist im Steigen begriffen. In Lyon machen sich neuerlich gefährliche Erdbewegungen an jenen Stellen bemerkbar, an. denen sich vor zwei Jahren das große Unglück ereignet hatte. Deshalb wurden die Bewohner aus zwei Häusern schleunig delogiert., Das Unwetter, von dem Portugal seit einigen Tagen heimgesucht wird, hat Formen angenommen, wie sie hier seit Jahrzehnten unbekannt sind. Biele Flüsse sind über die Ufer getteten, so auch der Douro und Tejo. Die Einfahrt in die Häfen von Lissabon und Porto ist nur mit groß>.r Mühe möglich. Viele Schiffe befinden sich in S e e n o t. Die im Hafen von Lissabon verankert liegenden Kriegsschiffe wurden in die Docks geschleppt, um ein Losreißen zu verhindern. In dem Fischerdorf Espinho wurden 51 Häuser z e r st ö r t. Eine neue Heilige? Agnes von Böhmen Rom. Kardinal Dr. Kaspar überreichte dem Papst eine Petition, in welcher er ihn um die Heiligsprechung der seliggesprochenen Agnes von Böhmen bittet.(Anmerkung: Die selige AgneS von Böhmen ist die Tochter König Premysl Ottokars I. und wurde in Prag am 20. Jänner 1205 geboren. Die Bestrebungen ihrer Heiligsprechung gehen bis auf Karl IV. zurück.) Die internationalen Schieber Mailand. Die Mailänder Polizei hat im Schnellzug Mailand—Zürich drei Mitglieder einer gefährlichen internationalen Schmugglerbande verhaftet, u. zw. den Schweizer Schlafwagenschaffner Alfred K o b i, sowie zwei Oesterreicher namens Herrmann N a g l er und Adolf Schein. Es wurden über 3 0 0.0 00 Lire sowie 206 Aktien der Donau-Save-Adriabahn beschlagnahmt. Weltrekord für««bemannte Registrierballon» Im Aerologischen Observatorium in Borispol in der Ukraine wurde dieser Tage ein unbemannter Registrierballon, System Prof. Moltschanow, zum Aufstieg gebracht. Der Ballon erreichte eine Höhe von 25.121 Meter, womit für den Aufstieg von Registrierballons ein neuer Welkrekord aufgestellt worden ist.(Die bisherige Rekordhöhe hat seinerzeit ebenfalls in der Sowjetunion ein Registrierballon des Aerologischen Instituts in Sluzk erreicht, der bis zu einer Höhe von 24.800 Metern aufstieg). Vorbildliche Bescheidenheit. Wie das„P r a- v o l i d u" berichtet, hat der Präsident-Befreier sich sogleich nach seinem Rücktritt Visitkarten anfertigen lassen, die keinen anderen Text als diesen ttagen: T. G. Masaryk LAny Die Bescheidenheit, die aus dieser Geste eines Mannes spricht, der damit allerdings nur die jahrzehntealte Tradition seines großen. Lebens fortsetzt, könnte manchem Mttbürger zum Vorbild dienen. In einem Lande,, in dem Tschechen wie Deutsche es an Titelsucht nicht fehlen lassen und der Herr" Hilfsämterdirektor oder Depotbewachungsunterbeamte würdig neben, dem pan to- värnik und dem pan sprävce domu stehen, ist es doppelt nötig zu betonen, wie wenig Wert der größte Bürger des Staates auf seine Titel legt. Einbruch in die Saazer Bezirksbehörde. In der Nacht zum Sonntag drangen Einbrecher in die Amtsräume der Saazer Bezirksbehörde em. Sie rissen einen eisernen Kassenschrank auf, dessen Inhalt, 823 Kd, sie entwendeten. Sie bohrten auch zwei weitere Kassenschränke an, doch ge- lang es ihnen nicht, sie zu öffnen. In einer dieser Kassen waren größere Geldbeträge verwahrt. Die Sicherheitsbehörden haben bereits drei Personen verhaftet, die der Tat verdächtig erscheinen. Der Chrudimer„Wunderdoktor" gestorben. In der Nacht auf Sonntag starb in Chrudim der bekannte Arzt Dr. B. PodrouZek im 69. Lebensjahr. In der letzten Zeit hatte er eine eigene Methode zur Heilung von Galle n st e i ne n durch eine besondere Arznei ausgearbeitet, deren Zusammensetzung niemand kannte. Zu ihm kamen zahlreiche Pattenten aus dem Jn- lande sowie aus dem Ausland. Er behandelte täglich bis zu 70 Patienten, darunter auch zahlreiche Ausländer, die von weither nach Chrudim kamen. Dr. Podrouzek starb an einem Herzleiden. Der neue Wettkampf um die Schachweltmeisterschaft zwischen Dr. E u w e und A l j e- ch i n am Semmering ist den letzten Berichten zufolge gesichert. Die beiden Meister teilten den Veranstaltern, d. i. dem Hotel Panhans, mit, daß sie sich mit dem Wettkampf und seinen Bedingungen einverstanden erklären. Kardinal Dr. Kaspar hat am Montag nachmittags mtt seiner Begleituna Rom verlassen und wird heute mit dem Münchener Schnellzug nach Prag zurückkehren. Zugszusammenstoß bei Salzburg. Montag früh stieß ein von Salzburg nach Innsbruck fahrender Personenzug mit einem Lastzug am Bahnhofe von Lenden zusammen. Dadurch wurden die Lokomotiven der beiden Züge stark beschädigt. Zwei Eisenbahner wurden schwer und acht Passagiere leicht verletzt. Die staatliche Masaryk-Schule für Hygiene und Sozialfürsorge in P r a g beginnt ihren ersten Lehrgang am 1. Feber 1936. Zweck der Schule ist die theoretische und praktische Ausbildung von weiblichen Funttionären an öffentlichen und freiwilligen sozial-hygienischen und sozialen Institutionen. In den ersten Lehrgang werden 45 Schülerinnen im Alter von 18 bis 30 Jahren ausgenommen. Aufnahmsbedingung ist. die Absolvierung einer Mittelschule(mit Reifeprüfung)' oder einer gleichwertigen Schule. Ausnahmsweise können auch Schülerinnen ohne Mittelschulbildung ausgenommen werden, falls sie eine angemessene Vorbildung durch mindestens zweijährige hervorragende Tätigkeit in irgendeiner Hygiene- oder Sozial-Jnstitution aufweisen. Nähere Informationen enthält der Prospeft der Schule, der über Ansuchen' bei der Direktion'der Mailichen Masaryk-Schule für Hygiene- und Sozialfürsorge, Prag XII., Ruftä tk. kp. 2331, erhältlich ist. Andauern des milden Wetters. In einem Großteil des FesÜandes dauert das relattv w a r m« Wetter an. Trotzdem sich am Montag über unsere Gegenden vorübergehend etwas kühlere Lust ausgebreitet hat, herrschte nachmittags nahezu überall, auch in den höheren Lagen, Tauwetter. Nur di« Schneekoppe hatte leichten Frost(minus 2 Grad),'di« höchsten Temperaturen(plus 9 Grad) meldet Ujho- rod. Im Zusammenhang mit einer tiefen, nunmehr über Irland lagernden Druckstörung, wird dem Binnenland erneut warme Luft aus dem Südwesten her zugeführt. In Frankreich herrscht vielfach regnerisches und windigds Wetter bei Temperaturen von plus 10 bis plus 15 Grad.— Wettervorhersage für heute: Vorwiegend bewölkt, im Westen der Republik Zu- nahm( der Niederschlagsneigung, später im allgemeinen wieder ein wenig wärmer. Im übrigen Gebiet keine wesentliche Aenderung.— Wetteraussichten für Mittwoch: Andauern des unbeständigen und milden Wetters. Vom Prager RiindlUHK Tie Rückschau über nahezu sechs Wochen deutscher Sendung hält immer wieder bei dem für das Polittsche Leben in der Republik und die politischen Probleme Europas so bedeutungsvollen Ereignis der Amtsniederlegung durch den. Präsidenten-Befreier Dr. Thomas G. Masaryk und der fast unmittelbar folgenden Wahl im Wladislawsaale, die der Republik in der Person des Außenministers Dr. Eduard Benes einen neuen Präsidenten, allen Bürgern des Staates aber die Bürgschaft gegeben hat, daß der Gedanke der^demokratischen Verfassung im Sinne Masaryks weiterleben wird als Menschheitsidee, als Bekenntnis" zum Frieden, als lebendiger Wille zum Aufbau wahrer Kultur.— Im Zusammenhänge mit diesem Ereignis bleibt Prof. Dr. Oskar Frankls Gedenkrede in der Erinnerung bewahrt. Diese Feierstunden, schnitten eine unerwartete Zäsur in das nach üblicher Art ablaufende Programm. das schließlich in die frommen Lieder, Volksweisen und„Brauchtums-Anweisungen" des Weih- nachtskreises mündete. Es bewahrt die behagliche Ruhe eines jeder Erschütterung ausweichenden Abonnements auf solid bürgerliche Geistigkeit, pflegf die in jahrelangen Gewohnheiten erprodten Gedarikenbahnen und freut sich an jedem Samstag, ein artiges und wohlgefälliges Stück Wochenarbett hinter sich gebracht zu haben. Es fühlt sich wohl bei dem Gedanken, allen recht getan zu haben und vorsichtig jeder Gefahr, in die Zeitprobleme zu geraten, ausgewichen zu sein. Das Sende-Programm tut in unbeirrbarem Gleichmaß sein« Pflicht wie eine Turmuhr, die gewissenhaft die" Stunden verkündet: unbekümmert darum, ob diese dem Glücklichen zu rasch, dem Unglücklichen zu langsam vergehen. Es hat seinen Stundenplan wie der pedantische Schulmeister, registriert zuverlässig- Vorschau. Jugendstunde, Hörspiel.... und ruht gnt nach getaner Arbeit auf seinem sanften Gewissen. Als wertvollste« Bestandteil' wird man immer die Hörspiele schätzen müssen. Kreifches besonders dem Pädagogen liebes Funkbild„Zwischen s e ch s'u n d's i e b« n" kam zur Wiederholung. Zloei- mal Sieg über die Flachsmänner eines Gymnasiums kann nicht schaden!— Dem„Rufmord" von Ro- kos(er ging ja unterdessen über einige deutsche Bühnen) wäre eine bessere Aufführung zu wünschen gewesen.-— Auch die Sprecher in Mells fronnnem „Apostelspiel" drangen nicht zu tief in die Poesie dieser schön empfundenen Legende.— Etwas sehr Liebes war die Viärchenoper„Die Teuf el- chen aufder Himmelswiese"; man kann der Konzertsängerin Irmgard Richter und ihren „Komotauer Lerchen" aufrichtige Glückwünsche sagen. —■ Besonders dankbar war man für Rollands „Spiel von Tod und" Liebe", unter Liebls Spielleitung von Mitgläedern des Prager Deutschen Theaters vorzüglich gesprochen.— Und schließlich damit unerhörten dramatischen■ Energien geladene, in der Gesinnung hochanständige.„Spiel um die Welt" der Brüder Walter und Kurt Seidl, insze- nicrt von Sordan. In der Vortragsreihe nehmen Archivrat Mauch a s Worte zu„Neuen Büchern" inuner einen wettvollen Platz ein.— In teilweiser Verbindung mit Musik wurden die Gedenftage zweier Großer gefeiert: Rainer Maria Rilkes und Kamillo Horns. Pros. Schlossers Führung zu den„Erfreulichen Augenblicken im Leben eines Chirurgen" folgte Man ebenso gern wie der Einladung Prof. P i r ch a n s, in die Geheimwerkstatt des Mimen zu gucken, der seine Maske macht.— Welche wandelbare Darstellung „Heimat und Volk in der Sage" erfahren, mag vielleicht für manche Hörer ebenso wichtig(und vielleicht auch wichtiger!) sein wie die Fräs«-, welche Stellung beide im Leben der Gegenwart«mnehmen. Es erscheint mir nur ebenso gefährlich wie unfruchtbar. die aktuelle Anschauung solcher Probleme aus Resentiments zu speisen und Einflüsterungen aus dem Mythos geneigt zu machen. Die Zeiten, da sich, ein kleiner Muck durch die Heirat mit einer aus Zauberbann befteiten Königstochter sanieren konnte, sind halt leider so ziemlich endgültig vorbei!— Eine überaus fesselnde und in vorbildlich volkstümlicher Art gebotene rechtswissenschaftliche Analyse des„Gedankens der Fresheit in der tschechoslowakischen Verfassung" war Univ.-Pros. Dr. Rauchberg zu danken.— Unwichtig erscheint es mir, zur„Berufsberatung in den Mittelschulen" (Dr. Kaltofen) heute mehr zu sagen als das eine: „Maa euch der Himmel helfen, daß ihr überhaupt irgendwo noch um ein paar Kronen fürs tägliche Brot unterkommt und laßt euch dann nicht von Neigungen und Begabungen in anderer Richtung davon abhalten i" Es erscheint mir immer als ein gedgpt- licher Leerlauf, wenn man auf Gebieten ins Kommende bauen will, die augenblicklich keine Gegenwatt haben. Man kann natürlich auch einem armen Teufel von Lungenkranken klar machen, wie heilkräftig ein Aufenthalt in Aegypten ist. Er wird aber davon kaum mehr Nutzen haben als ein Abiturient von seinen Begabungen, für die man keine Verwendung hat im „Produktionsprozeß". Sehr notwendig dagegen erscheint mir eine recht eindringliche Btztrachtung der von Dr. Frankl zur Diskussion gestellten„Fra- genzeit gemäßer Bildungspflege". Befremdend rst aber, wenn man in diesem Zusammenhang für den„Heimätschutz durch die Jugend" ein- tritt. Wie wär's demgegenüber mit obligatorischer musikalischer Erziehung der Jugend? Mit dem Pflichtbesuche guter Theatervorstellungen? Mit einem den Kindern der Wirtschaftskrise angepaßten Lehr- vlan in den Schulen? Mit einem wirklich wirkungsvollen Kampf gegen Schundliteratur im Buchhandel und in der Filmproduktion? Mit der Verlängerung der Schulpflicht und der Erfassung der schulentlaffe- nen. arbeitslos umhettrrenden Jugend? Mit der verpflichtenden Schulung junge? Mädchen in Säuglings- oflege und Kindererziehung? Dies« und hundert andere Probleme warten seit Jahren auf ein« Lösung. Indessen erzählt uns ein Sekretär von„W e i h- nachten im deutschen Brauch tum" (das mußte ja kommen!) und dabei von einer»Kerze. Oie„tun" Tische tröstlich leuchtet" und anderen nttten Sprachschönüeiten. Unsere Arbeitersendungen erfüllen getreulich die ihnen zukommende Pflicht. Darum sei ihnen der Wunsch anverttaut. sie mögen in kleineren Zeitabschnitten Tatsachenberichte aus dem Witt» schaftsleben des Tages bringen: Stillegung von Bettieben. Drosselung der Produktion und ihre Ursachen, Betteilung der Staatsausträge. Lohnbewegungen u. a. m. Weniger allgemeine Urteile über wirtschaftliche Erschütterungen und dafür mehr konkrete Beispiele. Ein Wott noch zu den katholischen Rundfunkpredigten, die ja im Programm ihre Stammttschecke behaupten. Ihnen verdankt man ein Ereignis besonderer Art im Berichtsabschnitt: den Monsig. P. Karl Fritscher als soziälistischen Revolutionär! In seinen„Adventgedanken für den Arbeiter" mußten sich die Unternehmer sagen lassen, daß die Habgier des kapitalistischen Eigennutzes schuld trage an dem Wirtschaftselend der Zeit und daß der Kapitalismus ein Verbrechen, Diebstahl sei an dem Allgemeingut der Nation! Ter Besonderheit'wegen muß mau sich solche Worte merken. Mindestens zum Unterschiede von denen des Herrn Direktors Josef Zäk, der„Die Grundlagen desFrie- d ep s" in so rührend nawer Art erkennt, daß man schwer sagen könnte, ob dabei die Weltferne eines ttndhaften Frommglaubens oder der Fanatismus eines zu neuen Kreuzzügen bereiten Gottesstreiters die Vormundschaft ausüben. Die deutschen Hörer nehmen ins neue Jahr de« alten Wunsch hinüber. Er soll hier nicht wieder ausgesprochen werden. Er bleibt eine Forderung an vr« gerechte Einsicht und an das Gewissen derer, die die Macht und daher die Pflicht haben, ihn zu erfüllen. ' Ernst Thöner. «r. 303 DkenStag, 81. Dezember 1935 Seite 5 Vierlinge und Fünflinge Wie Amerika seine Fünflinge, hat England seine berühmten Vierlinge. Ihre glückliche Mutter ist Frau W. Miles, die Gattin eines Chauffeurs, die sie zu Weihnachten erstmalig besuchen kam. Wegen der notwendigen ärztlichen Fürsorge und aus andern Gründen wurden nämlich die Vierlinge zu dem Arzt gebracht, der bei-ihrer Geburt Beistand geleistet hatte und der nun einen Teil seiner Wohnung für sie herrichtete. Die Kinder sind jetzt gerade einen Monat alt. Nach Abschluß der Familienfeier wurde eine Tonfilmaufnahme von den Kindern gemacht. Wieviel sie dabei verdienten, weiß man sticht. Damit aber Amerika das Primat habe, wird eben aus Managua gemeldet, daß eine Frau Timotea Laines, eine Farmersgattin in Matagalpa, F ü n f l i n g e zur Welt gebracht hat und zwar drei Mädchen und zwei Knaben. Der letzte Fall einer Fünflingsgeburt hat sich vor zweieinhalb Jahren ereignet. Politischer Mord i« Chicago London. In Chicago wurde, wie Reuter meldet, Montag, dasMitglied der gesetzgebenden Versammlung des Staates Illinois, Albert P r i g- n a n o, von drei Verbrechern erschossen und beraubt. Man glaubt, daß trotz der Beraubung es sich um einen politischen Mord handelt. Dies ist der zweite politische Dtord in Chicago innerhalb weniger Wochen.' 39 Todesopfer eines Taifuns Manila. Nach den jetzt vorliegenden Berichten aus den entlegenen Teilen der Insel Luzon hat der vor einigen Tagen wütende Taifun?9 Todesopfer gefordert. Der 7000 Tonnen große amerikanische Frachtdampfer»Golden Peak" wurde in der Nähe von Tandoc auf Südluzon aus eine FelSllippe geschleudert. Man hofft aber, das Schiff abschleppen zu können. 18 indische Frauen ertrunken Sholapur. Ein Dampfer, an dessen Bord sich 28 mohammedanische Frauen und Kinder befanden, ist umgekippt. Bis auf sieben der Passagiere sind alle anderen ertrunken. Erderschütterungen in Straßburg und Berlin. In der Nacht zum Montag wurde die Bevölkerung von Straßburg zweimal durch ein Erdbeben aus dem Schlaf geweckt. Das zweite Beben war von unterirdischem Dröhnen gefolgt. Die Häuser erzitterten, doch wurden bisher keinerlei Schäden gemeldet, die durch das Erdbeben verursacht worden wären. Es kursieren in Straßburg Gerüchte» daß das Erdliben Erdrutsche in"den Gruben des Kreises Stieringen- Wendel verursacht hatte. Auch in B e r n in der Schweiz wurden ziemlich starke Erderschütterungen in der Nacht auf Montag bemerkt. Viele Menschen wurden infolge der Erderschütterungen, des Wankens der Möbelstücke, des Erzittern von Türen und Fenstern aus dem Schlafe geweckt. — Auch inBayern wurden am Montag vormittags Erderschütterungen verspürt, und zwar hauptsächlich in Nürnberg. Erfolgloses Bombardement. Der Abwurf l on insgesamt 600 Pfund Bomben auf den Krater des Mauna Los und auf den Lavastrom ist anscheinend ohne Erfolg geblieben. Der Lavastrom ist in der Zwischenzeit um weitere eineinhalb Meilen in Richtung auf Hilo vorgerückt. Er befindet sich nur noch in einer Entfernung von drei Meilen von dem Wasserreservoir der Stadt. Man plant ein erneutes Bonchardement des Lara- stromS. Rekordflug in dm Tod. Der Versuch der beiden Flieger Pharabod und Klein, den Rekord Paris—Madagaskar zu schlagen, fft gescheitert. Ihr Flugzeug ist kurz nach dem Start auf der Zwischenlandestelle Wadi-Halfa in Argyp- tisch-Sudan in der Nähe der abessinischen Grenze abgestürzt. PharabodistumSLebenge- kommen, Klein ist verletzt. Die beiden Flieaer hatten Paris am vergangenen Donnerstag vormittags verlassen.— Die bekannte neuseeländisch« Rekordsliegerin Jean B a t t e n, die vor kurzem den Atlantik überflogen hat, mußte Sonntag aus dem Fluge von Southampton nach London in der Nähe von Midhurst eine Notlandung vornehmen, bei der sie sich außer einer leichten Gehirnerschütterung eine Verletzung an du Stirn zuzog. Schiffskatastrophm. Wie aus Melbourne gemeldet wird, ist das britische Schiff»Pa» rmga" seit dem 23. Dezember verschollen. Von der Besatzung von fünfEuropäern und 2 8 Chinesen ist keine Spur vorhanden.— Der englische Dampfer»Maid Evelyn" ist währ-nd eines Sturmes mit dem portugiesischen Dampfer »Maria Carlotta" zusammengestoßen. Der Dampfer»Maid Evelyn" ist gesunken und man befürchtet, daß die Besatzung zugrundegegangen ist. Fahrpreisermäßigung zur Prager Frühjahr,- messe. Die tschechoslowakische Bahndirektion hat dm Besuchern und Ausstellern der nächsten Prager Frühjahrsmesse(6. bis 18. März) wieder eine 38- prozentige Fahrpreisermäßigung eingeräumt. Für Besucher gilt die Ermäßigung vier Tage, für Aussteller zehn Tage vor Beginn bzw. Schluß der M-.sse. ’ Messeteilnehmer aus der Slowakei können auch ändere Strecken über Brünn oder Preßburg benützen. Ausländern steht eine SOprozentigrEr- ' Mäßigung zu. »er Wty der Wlrtsdiall 1935 Gehälter noch an: ist dann wieder auf 702 gegen Ende Jahresbeginn auf 678. Er stieg bis auf 710 im weniger Windungen emporführen soll. tiefen Standes, erreicht hatten. auch in den vorhergehenden Jahren, allerdings um wenigstens 100.000 Personm höher anzusetzen. Ein wesentlich günstigeres Bild als im Vorjahr bietet die E n t w i ck l u n g des A u ß e n- Handels, dessen Würdigung wir uns nach dem Vorliegen des JahreSergebnisseS Vorbehalten. Wieder richten sich die Blicke nach vorn, wieder beleben sich die Hoffnungen! Zahlreicher als im Vorjahr find heute Symptome zu erkennen, die der tschechoflowakischen Wirffchast im kommenden Jahre zu einer Beschleunigung deS Auf- stiegStempoS verhelfen können. Die staatlichen Jnvesttttonen und Rüstungsaufträge haben einen größeren Umfang und auch ausländische Aufträge beschäftigen zu Jahresbeginn Teile unserer Wirtschaft stärker als ein Jähr ftüher. -bei Entscheidendes für einen n a ch h ästigen Ausstieg hängt davon ab, ob die Masse unserer arbeitenden und arbeitslosen Beyölke- rung in ihrem Lebenshaltungsniveau über den ttessten Stand der Krisenzeit hinauSgebracht werden kann, ob durch eine Erhöhung des Massenkonsums die Produktton auch vom JnlandSmarkt her die notwendige Anregung bekommt. An dieser Aufgabe kann die Wirtschaftspolitik nicht vor- ülckrgehen. wenn der Weg im neuen Jahre mit. gedehntenKonsumsdererz rügten Waren vorenthalt. Lohneinkommen ist weiter gesunken! Lehrt schon die hohe Anzahl der Arbeitslosen, daß sich die soziale Lage von Millionen Menschen in unserem Staate 1933 weiter verschlechtert hat, so wird dieses düstere Bild durch die Entwicklung der Löhne und unterstrichen. Der Lohnabbau ist, trotz deS den die Löhne bereits 1934 nicht zum Stillstand gekommen. Völlig einwandftei läßt sich die Bewegung für das ganzstaatliche Gebiet wegen deS Fehlens einer amtlichen Lohnstatistik leider nicht erfassen. Doch gibt die Statistik über die Versichertenbewegung bei den der Zentralsozialversicherungsanstalt angeschlossenen Krankenkassen einige zuverlässige Anhaltspunkte. Vergleichen wir an dem letzten, vorliegenden Monatsausweis für September 1938 di« Versichertenbewegung in den einzelnen Lohnklassen mit dem gleichen Borjahrsmonat. Es gehörten den einzelnen Lohnklaffen von je 10.000 Versicherten Dieser Verschiebung, die in den Lohnllassen vor sich gegangen ist, ist zu entnehmen, daß die Anzahl der niedrigst entlohnten Arbeiter und Arbeiterinnen 1935 erheblich zugenommen hat. Rach dieser Tabelle erhalten knapp 45 »» Prozent aller Lersichertcn einen Wochenlohn von höchstens 60 Kronen. Wie soll mit 60 Kronen wöchentlich eine Familie ernährt werden? Da müssen die äußersten Einschränkungen am unentbehrlichen Verbrauch gemacht werden, da muß die Verelendung um sich greifen und da kann, bei diesem völligen Versagen des inländischen Absatzmarktes auch auf die Produktion der Verbrauchsgüterindustrien keine Anregung ausgehen I Die Folge: Rückgang des Verbrauchs Bei der Ermittlung deS Umsatzes an Waren deS Massenverbrauches ist wieder das Fehlen einer Statistik der Einzelhandelsumsätze fühlbar. ES lassen sich daher nur für wenige Lebensmittel und Waren deS täglichen Bedarfes zuverlässige Angaben machen. So fiir Fleis ch und Fett: Im Monatsdurchschnitt 1934 betrug der gesamte Fleischverbrauch auf den Kopf der Bevöllerung gerechnet 2.37 Kilogramm, der Fettverbrauch 0.45 Kilogramm. Bis zum September 1935 ergibt sich ein Rückgang deS Fleischverbrauches auf 1.91 Kilogramm oder um 20 Prozent, des Fettverbrauches auf 0.38 Kilogramm oder rund 15 Prozent. Der inländische Zuckerverbrauch, der bereits in den vorangegangenen Jahren stark gesunken war, wird für das ganze Jahr 1935 einen weiteren, wenn auch nur geringen Rückgang aufweisen. Der Milchlonsum 1935 pro Kopf der Bevöllerung ist hinter 1934 zurückgeblieben. Außerdem ist auch der Absatz von Bier, Tabak und Zigaretten zurückgegangen. Der inländische Verbrauch an Kohle zu Heizzwecken hat von den starken Rückschlägen der letzten Jahre 1935 nur wenig aufholen können. Im übrigen wird die fortgesetzte Verbrauchs, schrmnpfung auch belegt durch daS Sinken der Einnahmen auS den staatlichen Verbrauchssteuern. In den ersten zehn Monate« sind 1305 Millionen, also 50 Millionen Kronen weniger BerbrauchSsteuern eingenommen worden. Die Teuerungswelle Diese Rückentwicklung deS Verbrauchs, die sich natürlich auf die armen Bevölkerungsschichten beschränkte, wurde verschärft durch die im Frühjahr 1935 einsetzende Teuerung. Die verschiedenen Preisindici bringen ihren Umfang nicht vollständig zum Ausdruck.' Der Index der empfindlichen Preise(1927 gleich 100) ist von 49.4 im Jänner auf 53.6 im November gestiegen. Bei den Kleinhandelspreisen für Nahrungsmittel(1914 gleich 100) betrug der Index im. Jänner 1935 667, im Juli erreichte er mit 729 den Hochstand. Im November ist er auf 706 zurückgegangen. Der von dem Statistischen StaatSawt errechnete Index für Lebenshaltungskosten einer Arbeiterfamilie mit drei Kindern(1914 gleich 100) stand zu Vas Präsidium der SASI zur des Präsidenten Dr. Eduard BeneS Das Präsidium hat im Namen der sozia--- listischen Arbeitersport-Internationale und im Namen aller angeschloffenen Verbände den: neugewählten Präsidenten Dr. Eduard Benes, dessen Persönlichkeit ja auch unseren Sportlern überall bekannt ist, zur Wahl die herzlichsten Glückwünsche übermittelt und die Freude der Arbeitersportler über seine Wahl zum, Ausdruck gebracht. Kapitalmangel? Es stehen sonach unserer Produktton noch eine Masse von menschlichen Arbeitskräften zur Verfügung, die 1935 ungenützt blieben. Im Widerspruch zu dem von bürgerlichen Volkswirt- schaftern und von einzelnen Leuten, die sich Wirtschaftsführer nennen, vorgetragenen Behauptung, steht die Entwicklung auf dem Geld- und Kapitalmarkt. Es waren im Jahresdurchschnitt für einige hundert Millionen Kronen mehr Banknoten im Umlauf als im vorhergehenden Jahre. Und zum andern nahm die Jndusttie die bestehenden Kreditmöglichkeiten bei weitem nicht in Anspruch. Die Summe der von der Nationalbank beliehenen Wechsel ist im Monatsdurchschnitt tiefer als 1934 und auch die Kreditgeschäfte derNa« tionalbank weisen einen nicht gerin- g e n R ü ck g a n g auf. Außerdem blieb die Gründungstätigkeit von Aktiengesellschaften und Gesellschaften mit beschränkter Haftung hinter dem Vorjahr zurück. Diese Bewegung ist deshalb bemerkenswert, weil sie aufzeigt, daß die Hemmungen für einen raschen Produktionsaufstieg nicht bestehen, weil das Unternehmertum an Kapitalmangel leidet, sondern von einer ganz anderen Seite kommen: aus dem Widerspruch des kapitalistischen Wirtschaftssystem, das die Produktionskräfte stürmisch entwickel tun^den Vo l k Sm assen die Möglichkeit eines aus- Vor einem Jahre konnte bei dem Rückblick auf die Entwicklung der Wirffchast in der Tschechoflowakischen Republik festgestellt werden, daß das Jahr 1934 eine Ueberwindung des ttessten Krisenstandes gebracht hatte. Auf den einzelnen Gebieten war eine merkliche Besserung eingetreten. Der Index der industriellen Gesamtproduktion war von 60 auf 66.7(1929— 100) gestiegen. Die Ausfuhr hatte von 5.9 Milliarden Kronen auf 7.3 Milliarden Kronen erhöht werden können. Auch das seit 1930 ununterbrochene Anwachsen der Arbeitslosigkeit war zum Stillstand gekommen, ja es war sogar eine geringe Verminderung des Jahresdurchschnittes der gemeldeten Arbeitslosen zu verzeichnen. Diese unwiderlegbaren Symptome einer Besserung der wirtschaftlichen Lage unseres Landes lösten Hoffnungen auf das kommende Jahr aus. Der Blick wandte sich vorwärts; er suchte nach Anhaltspunkten für eine günsttge Beurteilung der Entwicklung der tschechoflowakischen Wirffchast in der nahe« Zukunft. Jetzt stehen wir wieder vor dem Ende des erwartungsvoll begonnenen Jahres. Die bisher vorliegenden Wirtschaftsdaten ermöglichen eine Antwort auf die Frage: Welchen Weg ist die tschechoslowakische Wirtschaft im Jahre 19 3 5 gegangen? Run, dieser Weg ist nicht geradlinig verlaufen; er zeigt im Gegenteil viele Windungen und führt stellenweise sogar wieder talwärts. Leberblickt man aber die ganze zurückgelegte Strecke, so ist doch ein ganz langsames Ansteigen der Wirtschaftsentwicklung festznstellen. Geringe Erhöhung der industrielle« Produktion Beginnen wir unsere Untersuchung mit der industriellen Produktion, die neben der agrarischen Erzeugung die Grundlage unserer Wirtschaft bildet. Produktionsstand und Beschäftigungsgrad haben in den einzelnen Jndusttiezweigen eine verschiedene Ent- wicklung genommen. Am günstigsten ist in der Erzeugung die Hütten- und metallverarbeitende Industrie vorangekommen. I« der zweiten Hälfte von 1935 kommt die Monatsprodnktion von Roheisen nahe an den Stand von 1931 heran, während die Rohstahlproduktton im Oktober 1935 sogar höher liegt alS im Oktober 1930. Dieser starke Ausschwung der Hüttenindustrie ist ausgelöst worden durch die staaüichen Aufträge, die sich aus den staatlichen Verteidigungsnotwen- -tzigkeiten ergaben, durch die öffentlichen Aufträge' im Zuge der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen hierunter fallen auch die großen Schienenmate- rialaufträge und andere Bestellungen der Staatsbahnen— und nicht zuletzt kommt der Antrieb von der Rüstungswelle, die die ganze Erde überspült. Die meisten schwerindustriellen Konzerne unseres Landes haben im zu Ende gehenden Jahr an ausländischen Rüstungsaufträgen gearbeitet und zahlreiche Abteilungen ihrer Unternehmungen sind noch auf Monate mit ihrer Ausführung beschäftigt. An dieser Rüstungskonjunktur konnte beinahe die gesamte Metallindu st r i e teilnehmen. Erreichte ihre Produktion im Jahresdurchschnitt 1934 nur 47.5 Prozent des Standes von 1929, so hatte sie sie im Oktober 1935 bereits bis auf 65 Prozent herangebracht. Sie hat also von dem fünfjährigen Rückschlag in einem einzigen Jahre 17.5 Prozent aufgeholt. Da die RüstungSkonjnnktnr in den letzten zwei Monaten dieses Jahres keine Abschwächung erfahren hat, so wird die erzielte Aufbesserung am Jahresende noch höher sein. Dagegen hat die Produktion in den eigentlichen Verbrauchsgüterindustrien diesen raschen Anstteg nicht mitgemacht. Ja, in einzelnen von ihnen ist es im Verlaufe des Jahres zu leichten Rückschlägen gekommen. Im» ganzen dürfte demnach im Vergleich zu 1929 der Index der industriellen Gesamtproduktion, der 1934 66.7 betrug für 1935 nur mäßig höher liegen. Die ffchechoflowakische Wirtschaft bleibt damit auf dem Gebiete der industriellen Produktion auch 1935 hinter der Entwicklung in anderen Ländern zurück! Die Massenarbeitslosigkeit kaum vermindert In Uebereinfttmmung mit der Entwicklung der Produktion ist es darum auch nicht zu eiper wesentlichen Verminderung der Massenarbeits- losigkeit gekommen. Im Jänner und Feber waren 20.000 bezw. 11.000 weniger Arbeitslose gemeldet als im Jahre vorher. Während der Monate März bis Juni wurden mehr Arbeitslose! gezählt. Von Juli bis September liegt die Arbeitslosigkeit mit durchschnittlich 570.000 Personen knapp unter der des Vorjahres, um dann in den letzten Monaten wieder auf über 700.000 anzusteigen und damit den vorjährigen Stand teilweise zu überholen. Eine Aufgliederung der Gesamtzahl der Arbeitslosen nach Beschäftigtengruppen ergibt, daß der Hüttenbau und die metallverarbeitende Jndusttie den stärksten Rückgang der Arbeitslosigkeit hatten. Eine ganze Reihe von anderen Jndusttiezweigen und Teile des Verkehrs, des Handels und andere Benffe hatten an der Verminderung keinen Anteil. Der tatsächliche Umfang der Arbeitslosigkeit ist» wie Juli und des Jahres gefallen. Für eine Arbeiterfamilie hat sich demnach nach dieser Berechnung die Lebenshaltung im Verkaufe deS beendeten JahreS um 3.5 Prozent verteuert,', bei gleichzeitig fortgeschrittenem ,gr Lohnabbau! In Wirllichkeit werden jedoch die Arbeiterfamilien von der Teuerung viel stärker getroffen, da sie gerade die VolkSnahrungSmittel besonders stark erfaßt hat. Die Preissteigerungen betragen nach dem Statistischen Staatsamt bis zu 20 Prozent, das Statistische Amt der Stadt Prag hat An fang Dezember sogar Preiserhöhungen biS zu 40 Prozent für einzelne Lebensmittel gegen daS Vorjahr festgestellt. Zunehmende Kartelldiktatur Diese Teuerung ist mit eine Folge der Mo^ nopolstellung wichtiger Erzeugergruppen und deS stürmisch fortschreitenden KartellierungSprozesseS* der die industrielle und agrarisch« Erzeugung, den Handel, kurz nahezu albe Gruppen der Wirtschaft erfaßt hat. Die Zahl der Kartellverttäge ist von 625 zu Jahresbeginn auf 737 im Oktober 1935 gestiegen, die im einzelnen die Erzeugung, den Preis und den Absatz nach den Profitinter- essen der Unternehmer zu regeln versuchen. Diese straffere Kartellierung wirst ihre Schatten auch aufchie Produktion zurück. Im Jahre 1935 find eine große Anzahl Jndu- strievetrirbe» die bisher noch tausende von Ar- bcitcrn beschäftigt haben, von den Kartellen anfgekauft oder durch gütliche Vereinbarungen und nach entsprechender Abfindung der bisherigen Besitzer bzw. Aktionäre, sttllgelegt wor den. Richt wegen Schwierigkeiten, sondern nur zum Zwecke der Rationalisierung der Profitgewinnung! September September Lohnklasse Tageslohn 1934 1935 I bis 6.— Kä 1088 1143 II über 6.— bis 10.— XL 2279 2315 III über 10.— bis 14.— XL 1718 1717 IV über 14.— bis 18.— XL 1257 1340 V über 18.— bis 22.— XL 1012 972 VI über 22.— bis 25.50 XL 674 640 VII über 25.50 bis 28.50 XL 406. 400 VIII über 28.50 bis 31.50 XL 843 321 IX über 31.50 bis 34.50 XL 289 268 X über 84.50 XL 934 884 Seite 6 „Sozialdemokrat" DienStag, 81. Dezember 1835. Rr. 303 Len st« noch das, was man vorher schon von ihren Gesichtern ablesen konnte. Das wirkt umständlich— und ist eS auch. Die Handlung des Films ist episch wie die der besten Ruffenfilme von einst. Aber das EpoS ist hier zur Tagebuch-Chronik geworden. Szene reiht sich an Szene, akzentlos wie das Leben einfacher Menschen auch in erregtesten Reiten verlaufen mag. aber so akzentlos wie die Darstellung des Lebens nicht sein darf. Dabei sehen wir einen heroischen Vorgang: den Kampf eines nur noch von Krauen bewohnten Dorfes im Donez-Becken gegen die Absicht des weiffgar- ditzischen Befehlshabers, den Kohlenschacht(in dem die Krauen arbeiten mufften) vor der Rückkehr der roten Armee(in der die Männer des Dorfes stehen) zu vernichten. Eine tragisch-heldische Episode aus dem Bürgerkrieg, die mit einem Sieg unter Opfern und mit dem schmerzlichen Entschluh zur Fortsetzung des Krieges endet. Eine Episode, aus der ein ergreifender Kilm hätte werden können. Aber der Film Gendel- steins ergreift nicht, weil er wirklich nur eine Episode berichtet(woran auch einige propagandistische Aeufferungen am Ende nichts.ändern können). Die Darsteller werden durch den umständlichen Stil und den chronikartigen Aufbau gehemmt. Und auch die Begleitmusik, die von Dimitri Schosta« k o w i t s ch. dem Komponisten der Oper»Lady Macbeth vom Dorfe" stammt, bleibt unauffällig. —eis— §port-§piet-Iiörp«rpskegr Die Wintersportsaison in Sowjetrutzlaud ist in bollem Gange. In Moskau wurden 60 Eislaufplätze eröffnet, welche eine Gesamtfläche von 1 Million Quadratmetern besitzen. Leningrad besitzt 87 Eislaufplätze und 80 Ski-Stationen. Aus der Gemeinde Bodaibo in Sibirien machte sich eine Skiläufer-Stafette auf den Weg, um die 8000 Kilometer lange Strecke bis nach Moskau zurückzulegen. Im Feber treffen sich in Leningrad 600 der besten Skifahrer und Eisschnelläufer, um die Meisterschaften der SSSR auszutragen. Wiener Eiskunstlauf-Demonstration in Prag. Am Samstag und Sonntag gastierte im Prager Winterstadion der bürgerliche Weltmeister im Eiskunstläufen Karl Schäfer(Wien) mit einer Anzahl weiterer Wiener und Wienerinnen. Sportlich zeigten neben Schäfer, deffen Können ausgezeichnet ist, noch die Geschwister Pausin Vorzügliches, dann wären noch Hedi Stenuf und der»Komiker" Hen- hapel zu erwähnen. Die Wienerinnen zeigten in der Kür vornehmlich Tänze, von denen nur einer gefiel(der russische Tanz des Frl. Wächtler). Es zeigt sich, wie schon bei Sonja Henie, daß dieser Sport von dem»Großen" immer mehr in seinen Schaustellungen sich den Bariett-Borführungen nähert. Solcherart wird wohl für den Eislaufsport auch Propaganda gemacht, doch der Zuschauer waren wohl verschwindend wenige von den Tausenden, di« kamen, um zu lernen, statt fürs Geld etwas zu sehen. Die Beleuchtung und die Musikübertragung waren diesmal kein Lob für di« Veranstalter. Eishockey. In 8 ukareft siegte Rapid Prag gegen Bragadiru 2:0, nachdem am^Vortag gegen Telefon-Club ein 8:2 erzielt worden war.-- Paris: Stade Francais gegen Streatham 1:1.— London: Earls Court Rangers gegen Wembley CanadianS 5:4. Prager Fußballturnier«. DaS Winter» p o k a l-Turnier in Nusle brachte in der dritten Runde harte Kämpfe. Der Ligaklub SK Kladno hatte schwere Arbeit mit dem SK Lckeü, um mit 5:4 (2:2) siegreich zu bleiben. Viktoria Zizkov uno Cechie Karlin lieferten sich einen ganz und gar unangebrachten Kampf, dem auch dann drei Spieler hinter den Barrieren zusehen mußten. Viktoria gewann schließlich 6:0(1:0).— Das NuslerTur» nier fand Sonntag sein Ende: Viktoria Nusle wurde Gesamtsieger, da sie gegen CAFC 3:1 gewann. Nuselsky SK wurde von Sparta Michle mit 1:2 geschlagen. Der Teplitzer FK hatte einen Berliner Naziklub, Viktoria, als»Gast". Das Spiel endete 1:1 und brachte keinen überragenden Sport. Unsere Teplitzer»Freiheit" schrieb als»Bornotiz" zu dieser Begegnung u. a.: Ausgerechnet der Teplitzer Fußballklub, der sehr viele Juden als Ehrenmitglieder und zahlende Zuschauer besitzt, sieht es für notwendig an, gegen einen Klub aus dem Dritten Reiche zu spielen, obwohl jedermann von den Judengesetzen Christenverfolgungen und Konzentrationslagern gelesen und gehört haben dürfte. Es gibt noch Wunder und Eigentümlichkeiten, aber Heine hat rech: behalten, als er einmal die Verse schrieb von den Nachher... Der Kerze« Licht ist tald verblaßt. Der graue Morgen schaut herein. Und ne« beginnt die wilde Hast, Und wieder stehst d« ganz allein... Der Baum hängt leer, den du geschmückt, A« dürre« Radeln wächst kein Brot, Du gehst, genau wie sonst, gebückt... Was blieb allein? Die Rot... die Not.., Der Glocke« Lied ist längst vertönt, DaS Mitleid einer Nacht verfliegt,- Der Stern, der fie erhöht, verschönt, Erlosch zu bald»nd ist verstegt... Pierre. Leuten, die immer noch so kerzengrad gestriegelt gehn, als hätten sie den Stock verschluckt, mit dem man sie geprügelt hat. Zidenlee Brünn hat seine Portugaltournee beendet. Auch im letzten Spiel in Lissabon gegen SC gab eS eine Niederlage, und zwar 1:3(1:1). Sonstige Fußiallergebniffe. Wien: Fav. gegen Heikort 4:3, Wacker gegen Red Star 8:1, Ostbahn gegen Floridsdorfer SC 6:3.— Paris: Ferencvaros Budapest gegen Vienna Wien 5:2.— Nimes: Hugaria Budapest gegen Liberias Wien 4:1.— Marseille: Olhmpique gegen Hakoah Wien 4:1. Vereinsnackrickten. * Atus Prag ladet Sie zu dem am SamStag, den 25. Jänner 1986, ÄvA unter der Devise„Fahrendes j I B o l k" im Saale des„HasiLflh üm", Prag XII., Rimskä 46(Mala pr a» opereta) stattfindenden Masken« ' und Kostümball ein. Jeder kann anziehen, was er hat. Musik besorgt Kapelle Papert. Im kleinen Saal Schrammelmusik. fleber- raschungenl Beginn 20 Uhr. Eintritt 10 XL inkl. Steuer. Filme in Prager Lichtspielhäusern Adria:„Morgen beginnt daS Leben." A.— Alfa:„Wonder Bar." A.— Avion:„Seine kleine Freundin." Temple. A.— B 36 Kotva:.Liebe und Haff." Sowjet-Filmroman.— Beränek:„Mazurka." Pola Negri. Regie W. Forst. D.— Fenix:„Königin Christine." Gr. Garbo. A.— Flora:»Es geschah in einer Nacht." Gable. Colbert.— Gaumont: „Varietö." Hans Albers, Annabella. D— Holly* wood:„VarietL." D.-— Hvezdar„Neues Mickey-Programm. Für die Jugend.— JuliS:„Klar zum Gefe cht." Annabella.— Kinema, B. Th.: Journale. Groteske. Reportage, ab >/r2—%7.— Koruna:„Nagana. die Gefahr der Tropen."— Lucerna:.Königin Christine." Garbo. A.— Metro:„Die Brautschau der Na- nynka Kulichovä." Tsch.— Olympir:„Der neue Gulliver." Sowjetfilm.— Passage:„Tagebuch der Geliebten." D.— Praha:„Der grüne Domino." D.— Radio:„Derneue Gulliver." Sowjetfilm.— Staat:„Es geschah in einer Nacht." Gable, Colbert. A.— Svötozor:.Klar zum Gefecht." — Alma:„Es gab einmal zwei Schelme." Laurel und Hardy.— Bajkal:„Mazurka." Pola Negri. Regie W. Korst. D.— Belvedere:„Liebe nach Noten."— Beseda:„Nur ein Komödiant." D.— Carlton:„Pygmalion." D.— Illusion:„Mazurka." D. — Kapitol:„Der neue Gulliver." Sowjetfilm.— Lid, II.:„ES gab einmal zwei Schelme." Laurel und Hardy.— Louvre:„Mazurka." D.— Maceska:„Mazurka." D.— Roxy:„Die ganze Welt dreht sich um Liebe." Eggerth.— Sport: .SivaBilla." Wallace Beery. A.— U Bejvodu: „Die Flucht nach Nizza."— Bälde!:„ES geschah in einer Nacht." Gable, Colbert.—■ Beletrhy:„Die ganze Welt dreht sich um Liebe." D. Verlanget überall Volkszünder Selbstmorde und Selbstmordversuche. Gestern vormittags schoß sich der 20jährige Schlaffer Joses Marsälek aus Smichov auf einem Felde bei der Malvazinka aus einem Trommelrevolver eine Kugel in die rechte Schläfe. Er war auf der Stelle tot: das Motiv ist unbekannt, die Leiche wurde ins Jm'ti- tut für gerichtliche Medizin gebracht.— Gestern morgens wurde das 23jährige Dienstmädchen Anna Turk von ihren Dienstgebern in deren Bkevnover Wohnung tot auf dem Bette gefunden. Sie hatte sich mit GaS vergiftet.— Ebenfalls mit Leuchtgas vergiftet hat sich Sonntag nachmittags der 49jährige Selchermeister Rudolf Maisl in seiner Wohnung in Prag XII.. Kronengaffe; die Polizei, die. von seinem Buchhalter aufmerksam gemacht, daff er seit dem Morgen die Wohnung nicht verlaffen habe. dorchin eindrang, fand ihn tot auf seinem Bette, den Gasschlauch, den er durch ein in die Küchentür gebohrtes Loch ins Zimmer geleitet hatte, in der Hand. In beiden Fällen ist das Motiv der Tat unbekannt; beide Leichen wurden inS Institut für gerichtliche Medizin überführt.— Sonntag nachmittags wurde in«inem Hotelzimmer in der BLlehradskä in Prag XU. die Leiche der 23jährigen Elfriede Felkl aus Zwittau mit durchschoffener rechter Schläfe gefunden. Aus den hinterlaffenen Briefen ging das Motiv nicht hervor; die Leiche wurde zur Bestattung freigegeben.— In der Nacht auf gestern stach sich in ihrer Wohnung in Karolinental die 45jährige Trafikantensgattin Karla Teleci mit einem Küchen- meffer in selbstmörderischer Absicht in Hals und Kopf. Sie wurde in Polizeibegleitung ins allgemeine Krankenhaus auf die Klinik Jiräsek gebracht, wo aber, da fie auf keine Frage antwortete, das Motiv der Tat nicht festgeftellt werden konnte.— Der 29jährige Fleischergehilfe Josef Pech schoff sich Sonntag abends in Nusle im Flur seines früheren Wohnhauses aus einer Flobertpistole eine Kugel in di« linke Bruftsejte. Er wurde von der Rettungsgesell- schaft auf di« Klinik Jiräsek gebracht, wo er als Motiv-seiner Tat unglückliche Liebe angab. Schwieriger Gefangenentransport. Gestern vor-• mittags führte eine Gendarmerigeskorte den 83jäh- rigen bekannten Kaffeneinbrecher Wenzel Dudek aus Lieben, der e6en eine dreijährige Kerkerstrafe ab« . büßt. von der Strafanstalt in Karthaus in die nach Ruzhn. Da Dudek sich den Weg über ruhig benommen hatte, wurde seinem Wunsch, im Masarykbahn- z Hof eine Kleinigkeit zu effen. kein-Widerstand entgegengesetzt: er ging also mit jstvei Gendarmen zum Büfett. Diese Gelegenheit benützte er jedoch, um sich loSzureiffen und zu fliehen; und als er von den beiden Gendarmen eingeholt wurde, warf er sich zu Boden und simulierte einen Tobsuchtsanfall. Er muffte gefeffelt und. als er zu schreien fortfuhr, im Auto der Polizeidirektion in die Zwangsarbeitsanstalt gebracht werden. Zu Silvester inS Erzgebirge. Ein Motor-Son- Verzug nach St. Joachimsthal mit Verpflegung zum Preise von 79 XL wird am 81. Dezember um 16.61 Uhr vom Masaryk-Dahnhof in Prag abgefertigt. Anmeldungen mit einer Anzahlung werden bis zum Dienstag, den 81. d., im Basar neben dem Wilson- Bahnhof. Tel. 388-85, entgegengenommen. Iüurst uml Wteseft> Der internationale Kongreß für Musikerziehung Der Vorstand der„Gesellschaft für Musik-' erziehung"(Vorsitzender Minister Krofta) hat daS Programm für den ersten internationalen Kongreß rür Musikerziehung, der vom 4. biS9. April 1936 in Prag stattfinden wird, in den Grundzügen festgelegt. Bei der Eröffnungssitzung in der philosophischen Fakultät. der Karls-Universität wird Prof Nejedly einen Vortrag über die Aufgaben und Ziele der Gesellschaft halten. Am Abend dieses Tages wird Smetanas„Mä vlast" unter Leitung von O. Jeremiäs zur Aufführung gelangen. Sonntag, den 6. April wird vormittag im N a- rodni divadlo eine Isiatinee stattfinden unter dem Gesamttitel:„Wie die Jugend in chez Tschechoslowakei singt und spielt" Montag, den 6. und Dienstag, den 7. April, werden „Wege zu musikalischer Aktivität" Montag, den 6. April, abends, werden die internationalen Vokalchöre und Instrumentalgruppen, die al- Gäste aus aller Welt am Kongreß teilnehmen, zeigen, wie musikalische Jugenderziehung in den verschiedenen Ländern betrieben wird. Mittwoch, den 8. April, find Jugendkonzexte und Vorträge vorgesehen. die verschiebend Systeme entwickeln, die der „Erziehung zum verständnisvoll- le«musikalischen Hören" dienen, unter anderen ein Jugendkonzert der Tschechischen Philharmonie mit Erläuterungen. Donnerstag, den 9.April, finden allgemeine und sektionsweise Beratungen und die Schlußsitzung statt. Als Vortragende haben bisher zugesagt: Breazul-Bukarest, Chantavoine-PariS. Coeuroy-PariS, Dent-Cambridge, Häba-Prag. Hel- fert- Brünn, Jacques-Dalcroze- Genf. Kestenberg- Prag. Kkenek-Wien, Milojevicz-Belgrad, Nejedlh- Prag, R. Mayer-London, Orel-Bratislaba, Roger- Ducaffe-PariS, C. Sachs-Paris. Sackaja-Moskau. Gleichzeitig mit dem Kongreß wird auch ein Kurs stattfinden, den I a c q u e s-D al r o z e für aktive und zuhörende Teilnehmer abhält. Der Beitrag für Kongreßteilnehmer beträgt 75 XL, für die Teilnehmer am Dalcrozekurs erhöht sich der Betrag um 25 XL. Kür Hörer, die nur am DälcrozekurS feil, nehmen, ohne sich sonst am Kongreß zu beteiligen, ist der Beitrag auf 60 XL-festgesetzt. Bor und nach der Hochzeit.(Moliäre im Ständetheater.) Das tschechische Nationaltheater hat zw i von den Moliäre'schen Komödien für die nunmehr übliche Silvester-Nachtvorstellung neu«instudiert Wlmg und unter obigem Titel den Einakter:»Die erzwungene Ehe" und das drei kurze Akte umfassende Lustspiel»George Daudin" am Samstag, dem 28., zum erstenmale aufgeführt. Der sonst selten gespielte Einakter»DieerzwungeneEhe" wirkte, wie auch vorgesehen, wie eine Einleitung zu der Komödie ! der ungleichen Ehe, die in„George Daudin" ihre etwas bitter schmeckende Wirkung nicht verfehlt. Der verliebte alte Narr Sganarel, der sich zu einer ungleichen Ehe, eingeschüchtert von dem rauflustigen Bruder der leichtfertigen Dorimene, zwingen läßt, liefert ein klassisches Vorbild des Bräutigams und Ehemannes, der nolens volestS die ihm aufgesetzten Hörner als Kopffchmuck tragen wird. In der Neueinstudierung unter der Regie von B. Noväk hat dieser unsterbliche gehörnte Ehemann»George Dandin" die robusten Züge deS bäuerischen Emporkömmlings, dem jedoch eine' tragische Größe nicht abzusprechen ist, indem er den feinen Listen und dummer Ueber« Hebung der adeligen Gesellschaft unterliegen mutz. Die Drehbühne schuf wechselnde Bilder, da sie die Szenen im Garten und auf der Freitreppe rasch aufeinanderfolgen ließ; die Ausstattung und Kostümierung, von der Musik R. M. Mandees unterstrichen, Hecken dazu beigetragen, eine richtige Lustspielstimmung zu schaffen. Die etwas schleppende Handlung des Einakters, in dem die köstlichen Szenen des vorbeiredenden und des zweifelnden Philosophen nicht voll zur Geltung kamen, wurde durch das lebhafte Spiel der zweiten Komödie wettgemacht, m. i. Wochenspielplan deS Reuen Deutsche« TheaterS. Heute Dienstag, 7 Uhr: Land des Lächelns, Abonn. aufgehoben, Silvesternachtvorstellung, 10% Uhr: JimmYS Bar(Gastspiel Rosa Baletti), Abonn. aufgehoben.— Mittwoch, 2% Uhr: Kasperle reist inS Märchenland, 7% Uhr: Eine Nacht»in Venedig, B 2. — Donnerstag, 7% Uhr: Die erste Legi o n, C 1.— Freitag 7% Uhr: LaBohLme, volkStüml. Vorstellung, Abonn. aufgehoben.— Samstag, 8% Uhr: Kasperle reist inS M ä r ch e n l a n d, 7% Uhr: Spiel vom Leben und Sterben des Bauern, Gastspiel Hans Multerer mit seiner Laienspielschar, Abonn. aufgehoben. Wochenspielpla« der Kleinen Bühne. Heute, Dienstag, halb 8 Uhr: Wir werdenbeob- achtet, 10% Uhr: DaS kletneBezirkS« g e r i ch t. Silvesternachtvorstellung, Erstaufführung.— Mittwoch, 8 Uhr: Kameraden, 8 Uhr: Der andere Napoleon.—- Donnerstag, 8 Uhr: Wir werden beobachtet.— Freitag. 8 Uhr: Wir werden beobachtet, Theatergemeinde deS KulturverbandeS und freier Verkauf.— SamStag, 8 Uhr: Anna sagt nein. DerDtm „Liebe und Haß" Der neue Ruffenfilm aus der Geschichte des Bürgerkrieges erinnert an die großen ruffischen Werke der Stummfilmzeit.— aber der Vergleich mit ihnen fällt nicht zu seinen Gunsten aus. Gewiß: auch er hat den Realismus, der selbst die schwächsten Ruffenfilme über die routiniertesten Kitsch-Künste der westlichen Filmproduktion emvorhebt. Aber dieser Realismus der ungeschminkten Gesichter und zersetzten Kleider. der Natur-Szenerien und des einfachen Lebens wirkt nicht mehr so unmittelbar und erlösend wie vor zehn Jahren: erstens, weil er nicht mehr neu ist. und zweitens, weil die Aufnahmetechnik der Freilichtszenen. der Maschinen und menschlichen Bewegungen anderswo inzwischen Fortschritte gemacht hat. hinter denen die ruffischen Filme auffallend Zurückbleiben. Und es handelt sich nicht nur um Mängel der Photographie: es handelt sich darum, daß eS den" ruffischen Regisseuren noch immer nicht gelingen will, das Ton- fllmproblem zu lösen. Von wenigen Ausnahmen wie den musikalischen Filmen„Petersburger Nächte" und »Die ganze Welt lacht" und dem großenteils im Atelier hergestellten»Neuen Gulliver" abgesehen.war dieser Mangel bei allen Ruffenfilmen der lichten Zeit zu bemerken. Aber so deutlich wie in diesem Film des Regiffeurs Gendelftein war er selten. Denn hier bat man den Eindruck, daß aller doppelt gespielt wird: die Darsteller drücken ihre Gedanken. Stimmungen und Absichten erst stumm aus. und dann spre- Neue Bücher Georg Mannheimer: Russisches Tagebuch(Tribuna Prag). Der Berfaffer hat im torigen Winter die Reise der tschechoslowakischen Journalisten nach der Sowjet-Unio:. mitgemacht und erzählt rmter dem unmittelbaren Eindruck der/neuen Welt, die er gesehen, frisch, interessant und geistvoll Geschautes und Erlebtes. Er verteilt— einerseits individualistischer Skeptiker, andereffeitS doch voll Verständnis für den Sozialismus und den gigantischen sowjetruffischen Aufbau 7— Licht und Schatten, wobei aber das Licht so hell strahlt, daß der Schatten kaum beachtet wird. DaS Büchlein ist lehrreich, aber nicht nur das: es ist amüsant. E. St. Der Buchdrucker-Kalender 1936 ist soeben erschienen. Es versteht sich ja von selbst, daß ein von der Deutschen graphischen Bildungsvereinigung in der Tschechoslowakischen Republik herausgegebener Kalender in der Form und im Inhalt beispielgebend ist. ES ist für jeden, der Sinn für Buchdrucktechnik und Aestethik hat,«ine Freude diesen Kalender durchzublättern, für denjenigen, der Belehrung sucht, wird fie reichlich finden. Die Redakfion des Kalenders besorgte in altbewährter Weise Genosse Emil T a n n i ch in Olmütz. st. Di« Politische Funktion der Zeitung. Unter diesem Titel hat der Chefredakteur der„Prager Presse", Arne L a u r i n, ein Verzeichnis jenes Teiles seiner Bibliothek herauSgegeben, die sich auf die öffentliche Meinung und das Zeitungswesen bezieht. Laurin ha' damit ein Handbuch geschaffen, welches dem Journalisten gute Dienste leisten wird. Auch in seiner äußeren Form ist daS Buch außerordentlich gefällig. ft. Karl Tefchitz: Religion, Kirche» Religionsstreit in Druffchland. Sexpol-Berlag, Kopenhagen, Postbox 827(112 Seiten, Preis dän. Kronen 8.60). Walter Mehring:„Müller". Die Chronik einer Sippe. Roman. Glur-Verlag, Wien. Hermynia Zur Mühle«:„Unsere Töchter» dir Razinen." Roman. Gsur-Berlag, Wien. Dr. Walter Berger:„Was ist Rasse?" Versuch einer Abgrenzung ihrer Wirksamkeit im seelischen Bereich. Mit Berücksichttgung des jüdischen Raffe- problemS.— Gsur-Verlag, Wien. Deutsch-ffchechischrS Handwörterbuch. Redigiert von Univ.-Prof. Dr. Josef Janko, Prof. Dr. Hugo Siebenschein, Dr. Paul Eisner, Univ.-Prof. Dr. Otokar Fischer und Prof. Dr. Jiri Haller. Das Werk erscheint in der staatlichen Verlagsanstalt in Heften von je 32 Seiten Umfang zum Preise von je XL 8.40, mit Postgebühr Xi 8.60. Selbstverständlich ist ein so gründliches, von so hervorragenden Fachmännern geschaffenes Werk sehr zu begrüßen! Nach dem ersten Heft«u schließen, wird diesem deuffch- tschechischen Handwörterbuch kein anderes an Aus führlichkeit und Gediegenheit gleichen. Aber: Auch ein im Staatsverlage erscheinendes Werk sollte die deutschen Sprachgesetze achten! Den Buchstaben C gibt es in deuffcher Sprache nicht, de: Akzent, der im Tschechischen das L zu tsch macht, kommt im Deuffchen nicht vor. Wie widersinnig, auf einem so begrenzten Geltungsgebiete der deuffchen Sprache, wie«S die sudetendeutschen Gegenden sind, die Deuffchen zwingen wollen, just bist der Schreibung der Worte Tscheche und tschechisch gegen die deutschen Sprachgesetze zu verstoßen! Niemand könnte eS weniger lieb sein als den Tschechen, wenn sich diese Schreckweise etwa in der Schweiz und in Deutschland durchsetzte! Denn das Ereignis wäre, da in diesen Ländern niemand für die Einbürgerung dieses Buchstaben sorgt, daß L als c gesprochen würde!— Anders als mit„Prestige"-Gründen kann man sich dieses amtliche Festhalten an der Schreibung deuffcher Worte mit tschechischen Buchstaben— denn das Wort„tschechisch" ist ja kein ffchechischeS Wort mehr!— nicht erklären. „Sudeten-Almanach". Jahrbuch deuffcher Verleger in der Tschechoslowakei. 1936.— Es handelt sich um jene Verleger, die Literatur bringen, di« am besten als heimische Dlubo- Literatur bezeichnet werden könnte. SorgfälffgeS Fernhalten von den wirklichen Fragen der Zeit! Literarische Beiträge der bekannten sud-tendeutschen bürgerlichen Schriftsteller. Bezugsbedingungen: Bei Zustellung ins Haus oder be» Bezug durch die Poft monatlich XL 16.—. vierteljährig XL 48.—, halbjährig Xi 96.—. ganzjährig XL 192.—.— Inserate werden laut Taris billigst berechnet. Bei öfteren Einichaltmmen Preisnachlaß.— Rückstellung von Manuskripten erfolgt nur bei Einsendung der Retourmarken.— Di« Zeitungsfrankatur wurde von der Post- und Tele- ^aphendirektion mit Drlaß Rr. 13.800/V 11/1930 bewilligt.— Druckerei: Orbis'. Druck-, Verlags- und ZeitungS-A.-G.. Prag.