Vurrlpnlr 70 IMIw ’einwhlieBlich 5 Haller forte) IBNTRALORGAN DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEM ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHQSIOWAK1SCHEN REPUBLIK ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. REDAKTION UNO VERWALTUNG FRAG XII., FOCHOVA 42. TELEFON 53077. HERAUSGEBER: SIEGFRIED TAUB. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR: DR. EMIL STRAUSS. PRAG. 16. Zahrgang Dienstag, 7. Jänner 1936 Nr. 5 Nm Rettungsanker für Mussolini Papst und Könige in Aktion Die Rolle Leopolds III. s Und wieder Laval! Während die italienische Heeresleitung anscheinend an einem großen Versuch arbeitet, der noch vor Beginn der Regenzeit zugleich mit einem vollwertigen Faustpfand eine Operationsbasis für den eventuellen Herbstfeldzug in die Hand der Italiener bringen soll, wird von den Freunden Mussolinis nichts unversucht gelassen, ihm einen diplomatischen Sieg zu sichern, ehe noch die Regenzeit, weitere militärische Mißerfolge oder das Einsetzen verschärfter Sanktionen seinem Afrika- Traum ein Ende bereiten. Die Stimmung in Italien hat sich allen Berichten zufolge seit den unverkennbaren militärischen Mißerfolgen um die Dezembermitte und dem Sturze Sir Samuel Hoares bedeutend verschlechtert. Besonders auffällig ist es aber, daß in den letzten Tagen diePressesehrfried« fertig geworden ist— soweit man diesen Ausdruck auf faschistische Zeitungen überhaupt anwenden kann. Der Ton gegen England ist gemäßigt, die Forderungen werden nicht mehr so maßlos hoch gespannt wie noch in der Besprechung des Laval-Hoare-Planes, und die Durchhalte- phrasep werden auch in gedämpfter Ausgabe geliefert. Die ersten Folgen der Sanktionen, der Goldmangel, die blutigen Ver- l u st e des Krieges, die nachgerade nicht mehr zu verheimlichen sind, das Ausbleiben der erhofften großen Siege, tun ihre Wirkung. Italiens Menschenverluste Man darf nicht vergeffen, daß der afrikanische Krieg, trotz seines merkwürdigen Charakters ohne große Schlachten, bisher schon einen schwer enAderlaß für Italien bedeutet. Man darf sich freilich nicht an die offiziellen Verlustlisten der italienischen Heeresleitung halten, die in schamloser Weile lügen. Die einzige verläßliche Angabe bietet bisher der Ausweis der Suez-Kanalgesellschaft. Diese hat in der Zeit vom 25. Juni bis zum 25. Dezember 1935 in der Richtung gegen Erytrea 2 4 6.3 61 Mann L» l d a t e n und Arbeiter befördert, in der Gegenrichtung aber 3 5.6 97 Verwundete und Kranke daS stad von der erstgenannte» Zahl gerechnet 14.5 Pr, zent. Nun waren freilich schon vor dem 25. Juni italienische Truppen nach Erytrea und Somaliland abgegangen. Die Zahl der rückbeförderten Verwundeten wird, auf diese berechnet, vielleicht nur 12 Prozent betragen. Andererseits sind in diesen Ziffern noch die Opfer der Schlachten von Mitte Dezember nichtenthalten, die, doch die blutigsten und überhaupt die einzigen großen Kämpfe des bisherigen Feldzuges warenI Man must aber auch ins Kalkül ziehen, daß unter den 35.697 zurückbeförderten Kranken und Verwundeten sicher nicht enthalten sind: die s ch w e r ft e n Fälle, die nach mehrwöchiger Behandlung in der Etappe in die Frent rum ssaUe des Redakteurs Maixner Zu unserem am 2. III. 1935 unter der Ueberschrift„Faschistische Internationale in Aktion..Einheitsfront Adolf Borstendörfer— Milos Maixner" veröffentlichten Artikel konstatieren wir, daß unsere Nachricht, als ob Herr Milos Maixster mit dem reichsdeutschen Publizisten Adolf Borstendörfer zusammengearbeitet hätte, auf falschen Informationen beruht hat und daß der Redakteur Milos Maixner auch schon im Soinmer dieses Jahres vom Strafkreisgericht in Prag von der gegen ihn erhobenen Klage freigesprochen worden ist. Auf Grund des durchaeführten Gerichtsverfahrens teilen wir mit, daß Herr Milos Maix- ner keine staatsfeindliche oder unehrenhafte Hmidlung begangen hat. Wir sichren hiemit unser Referat auf das richtige Maß zurück. zurückgehen, und wohl auch der größte Teil der kranke«»der verwundeten A S k a r i, die der „zivilisierte" Italiener zweifellos in Ort und Stelle verkommen läßt. Man wird also faktisch mit wenigstens 50.000 kranke« und verwundeten Italienern und einer schwer z« schätzenden Zahl verwundeter»ad kranker ASkariS bi» Jahresende rechnen müssen. Dieser Zahl dürsten aber wenigsten» 3000 bi» 5000 T» t• entsprechen. Man kann sich schon vorstellen, daß diese Verluste auch von einer an Kopfzahl großen Nation empfindlich gespürt werden und daß sie die Begeisterung für einen größeren Krieg abdämpfen und eindämmen. Verhandlungsberelt? Auf diese Wandlungen scheint eS zurückzuführen zu sein, daß Italien verhandlungsbereit wird. Wieweit Mussolini selbst eS ist, wieweit er von stärkeren Kräften, etwa von der Generalität, ged rängt wird, ist eine andere Frage. Auffällig war schon seine Aeutze« rung, daß Italien für das Scheitern des Laval- Hoare-Planes nicht verantwortlich sei, da man' seine Antwort gar nicht abgewärtet habe. Neuerdings verlautet, daß Italien wahrscheinlich sehr froh wäre, wenn eS auf der Basis das Laval-Hoare-Angebotes verhandeln könnte. Wahrscheinlich würde es sich sogar mit weniger zufrieden geben. Seine Aussichten für den weiteren Feldzug sind nicht besonders günstig. Selbst wenn r» Badogli» gelingt, durch den angeblich geplanten Gewaltftoß der Südarmee die Provinz Sidamo in seine Hand zu bringen und diese» fruchtbare und klimatisch günstige Gebiet, daS jedenfalls besser ist al» die Lgaden, während der Regenzeit besetzt und in dauernder Verbindung mit den Somalihäfen zu halten, wird dir Position dieser italienischen Armer durch viele Monate sehr schwierig sei« und bei Beginn de» HrrbstfeldzngeS wird sie nicht nur mit dem Feind von 1935, sondern mit einem wesentlich besser ausgerüstete» zu kämpfe« habe«. Badoglio und die Armee würden also zwei- fellsohne einen raschen Frieden jeder Fortsetzung des Krieges vorziehen. Auf einen. raschen Frieden drängt aber augenscheinlich auch die Krone, drängen gewisse Kreise der Finanzwelt und drängt vor allem die Kirch e. Leopold III.»Is Vermittler Hn einer recht merkwürdigen Roll« erscheint dabei der König Leopold III. von Belgien, besten Schwester Maria Josö mit dem italienischen KronprinzenUmbertover heiratet ist. Leopold III. soll sich seit Wochen als Vermittler im Dienste Italiens betätigen und an dem Zustandekommen des Laval-Hoare-Planes beteiligt gewesen sein. Er ist im Dezember zweimal in London gewesen— angeblich um einen Arzt zu konsultieren— faktisch, wie es scheint, um englische Politiker und um seine englischen Verwandten(Leopold ist ja Koburger wie die britische Königsfamilie auch, die sich allerdings im Kriege in Haus Windsor umbenannt hat) zu besuchen und für Italien, günstig zu stimmen. Einigermaßen rätselhaft ist dabei freilich die Frage, wie sich in einem parlamentarisch regierten Lande wie England der königliche Einfluß überhaupt so stark geltend machen kann. Der Einfluß des Königs hat ja auch, wenn er überhaupt vorhanden war, nicht ausgereicht, um Hoare zu halten und den Plan gegen die öffentliche Meinung durchzusetzen. Verständlicher wäre ein Druck hoher k i r ch sicher Kreise auf die belgische. Regierung und eine diplomatische Vermittlung Leopolds III. im Einvernehmen mit seinem Premierminister B a n Z e e l a n d. Hier beginnt eine große Aufgabe f ü r u n s e r e b e l gisch e n G e n o s se n:' die Ansätze einer Kabi nettspolitik der Häuser Savoyen und Koburg zu durchkreuzen. Oer Vatikan In gleicher Richtung wie der König der Belgier soll der Papst arbeiten. Daß die Kirche keine Entwicklung wünscht, die zu einem großen europäischen Krieg, zu einer Niederlage Italiens und wahrscheinlich zu einer Revolution in Italien, mindestens zur Herstellung einer stark freimaurerischen liberalen Republik sichren könnte, ist verständlich. So wenig sympathisch dem Vatikan manche Züge Mustolinis sein mögen, so sehr der Papst zu Kriegsbeginn wahrscheinlich eine Erledigung Mustolinis durch seine konservativen Gegner begrüßt hätte, so gefährlich dürfte ihm im jetzigen Augenblick ein Sturz Mustolinis und eine Entwicklung nach links erscheinen. Man darf nicht ver« gesten, daß ein Krieg im Mittelmeer wahrscheinlich die französische Linke ans Ruder bringen, Frankreich radikalisieren und nahe an den Rand einer jakobinischen Diktatur führen, die Zusammenarbeit der Westmächte mit der Sowjetunion vertiefen, vielleicht auch Spanien aufs neue in die revolutionäre Front einreihen würde. Möglicherweise fürchtet der Vatikan auch für Mitteleuropa. Seine Politik läuft darum zweifelsohne ans die Herbeiführuna e.n«s raschen Friedens hinaus, tei dem Mussolini nicht zuviel an Prestige verliert, aber vielleicht gerade genug, um gegen ein» Einschränkung seiner Macht durch die erstarkend» Krone und di« Kirche nichts unternehmen zu können. In der Richtung eines raschen Friedens, der zugleich eine kleine, nach außen kaum merkbare Demütigung Mustolinis sein könnte, arbeiten augenscheinlich Pius Xk., der Kronprinz Umberto, di« katholischen Kreffk Frankreichs und Belgiens, Leopold III. und gewisse brstische Kreise. Pierre Lavai Daß bei solchem Spiel Pierre Laval nicht fehlen darf, versteht sich am Rande dieser.Betrachtung. Herr Laval, durch die letzte Abstimmung«st 20 Stimmen Mehrheit für drei Wochen Regent von Frankreich, nützt die Frist und soll schon wiederrinenPlanfertig haben. Er will sich diesmal zuerst der Zustimmung Ptuffolinis versichern und dem Bölkrrbnndrat dann mit dem Plan aufwarten, um eventuell mit der Zustimmung Genfs vor die Kammer treten und sich ein neues Vertrauensvotum holen zu können. Auf ketnest Fall will Laval die Oelsanktion riskieren, die seinem Freund Mustolini den Todesstoß versetzen würde. Eden ist durch die Haltung Lavals genötigt, in Genf eine zurückhaltende Politik zu verfolgen. Die Entscheidung über die Oelsanktion, über den Friedensplan, über Mustolini, Laval und Eden wird aber Franklin Roosevelt fällen. Wie zu Beginn des Jahres 1917 spielt auch heute der Präsident der USA eine welthistorische Rolle. Wie damals Wilson wird heute Roosevelt durch widerstreitende Motive geleitet: Ethik un^ Geschäft. Rücksicht auf Sympathien und Antipathien seiner Mitbürger und Wähler, weltgeschichtliche Erwägungen, durchkreuzen einander und niemand vermag nach Roosevelts vieldeutiger Rede trotz ihrer Spitze gegen die Diktatoren heute zu sagen, wie der Mann entscheiden wird, der mächtiger als alle Könige und Bischöfe und Diktatoren und doch gefesselt ist durch die Aussicht auf die kommende Präsidentenwahl! Angst vor dem Ende Paris. Bedeutende Aufmerksamkeit in der Pariser Presse hat ein Artikel im Organ des Linksflügels der faschistischen Partei„Regime Fascista" hervorgerufen, der sich für eine beschleunigte Regelung des italienisch-abessinischen Konfliktes ausspricht. Das Blatt schreibt, das entscheidende Wort in den Versöhnungsversuchen sallte der Völkerbund führen. Dieser Standpunkt Ivird als symptomatisch für die Wendung gehalten, die sich m der■ italienischen Oeffentlichkeit bemerkbar zu macken beginnt. Der Berichterstatter des„Paris Midi" schreibt, einflußreichen ausländischen Stimmen sei es gelungen, die führenden italienischen Regierungsfaktoren darauf aufmerksam zu machen, daß die Bombardierung des schwedischen Feldlazaretts im.Auslande einstimmig verurteilt worden ist. Wiedergeburt und Neubeginnen Zum Parteitag des BdL Am 19. Mai 1935 sind die bürgerlichen Parteien des Sudetendeutschtums von der Attacke der SdP in einem Maße niedergeritten worden, daß in weiten Kreisen der Eindruck entstand, es gebe im Sudetendeuffchtum nur noch die eine große totalitäre Bürgerpartei und neben ihr eine beträchtlich kleinere marxistische Opposition. Was dazwffchen liegt, könnten nur noch Trümmer sein, die in absehbarer Zeit verschwinden würden. Noch in ihren letzten Kundgebungen und Preffepole- miken hält die SdP an der anspruchsvollen Deutung fest, sie sei d i e Partei des sudetendeutschen Volles schlechthin. Daß dem keineswegs so ist, heute nicht mehr so ist, hat der Parteitag des Bundes der Landwirte doch Wohl in anschaulicher Kraft erwiesen. Nachdem sich schon die Christlichsozialen besonnen, zum Widerstand aufgerafft und durch einen Wechsel in der Parteiführung nach außen und innen die Absicht zu einer selbständigen und eindeutigen Politik dargetan haben, beweisen die Kundgebungen sowohl des Ministers Spina als auch des neuen Partei-Obmanns des BdL, Gustav Hacker, darüber hinaus aber der ganze Geist, von dem der Parteitag getragen war, und die eindrucksvolle Stärke der Delegationen aus allen Landgebieten, daß die alte Bauernpartei des Sudstendeutschtums entschlossen ist, den Kampf gegen die Totalitätsbestrebungen Henleins wieder aufzunehmen, und daß Tie sich kräftig genug fühlt, diesen Kampf durchzuhallen bis zu dem Punkte, an dem das Versagen der Henleinschen Gesamt-Konzeption weiteren Kreisen des Landvolks offenbar werden mutz. Der Aufftieg der SdP und der Niedergang der alten bürgerlichen Standes« und Weltanschauungsparteien war durch ebendiese selbst zum großen Tei verschuldet worden. Nicht nur die tätige Hilfe gerade etwa Minister Spinas und anderer bürgerlicher Politiker, mehr noch der lähmende Gei st der Kapitulation, von dem sich angesichts der Hitlerei und des Bolks- gemeinschaftsrummcls die alten Parteien anstek- ken ließen, haben zwischen 1933 und 1935— neben der gefährlichen Haltung verantwortlicher tschechischer Kreise— das meiste dazu beigetragen, daß Henlein über das Maß der Erfolge hinausgelangte, die man ihm nach der Auflösung der alten nationalen Parteien als deren Erben und Kronwächter von Haus aus Vorhersagen konnte. Spät, aber doch wohl nichtzu spät, sind sich die verantwortlichen Menschen in den bürgerlichen Parteien darüber klar geworden, daß sie nicht, wie sie es wohl erhofft hatten, die Totengräber des Marxismus, sondern die ihrer eigenen Parteien zu werden drohten, daß sie aber■ auch der Nation, der sie zu dienen meinten, einen wahren Bärendienst erwiesen hatterz. Der deutsche Katholizismus des Staates, die deutschen Bauern der Tschechoslowakei, die deutschen Gewerbetreibenden, haben kein Interesse daran, sich durch eine Katasttophenpolitik, die nach Berlin schielt und von Berlin ihre Rettung erhofft, wie sie von dort auch ihre Orders erhält, im Staate isolieren, zu einer mageren und im Falle einer europäischen Fehlrcchnüng der Herren Ribbentrop and Walter Brand für die Sudetendeuffchen tödlichen Obstruktion verurteilln zu lassen. Sie merkten bald nach dem 19. Mai 1935, daß Henlein sie und die Nation, soweit sie ihm gefolgt, auf diesen Weg führen muß. Sie wurden ernüchtert und zogen einige' Konsequenzen aus ihrer Erkenntnis. Die Schwenkung derChrist« lichsozialen, die kürzlich erfolgte bemerkenswerte Stellungnahme der G e w e rb e p a r- tei Stenzls, nunmehr die Erklärungen Spinas und Hackers, die von anderthalb tausend Bauern und Baüernvertretern— also doch wohl nachweisbar und zweifelsfrei gut deutschen und bodenständigen Menschen— zustimmend ausgenommen wurden, erweisen den Anbruch der Henleindämmerung im katholischen, kleinbürgerlichen und bäuerlichen Lager. Es wird nicht nur für diese Parteien, deren Schicksal am Ende ihre eigene Sache ist, sondern für die Masten des sudetenoeutschen Vrlles von tzroßer Bedeutung sein, ob die wiedererstarkenden Gruppen der bürgerlichen Mitte all'ihrem Bor- Seite 2 Dienstag, 7. Jänner 1936 Nr. 5 Sowjetanleihe in Paris Paris. Das französisch-sowjetrussische Handelsabkommen vom Jänner 1934 wurde bis Ende des Jahres 1936 verlängert. Im Zusammenhang damit wurde über eine Anleihe von 8 0 0 M i l- lionenFranken verhandelt, die die Sowjetunion zur Bezahlung von Einkäufen in Frankreich erhalten soll. Die Verhandlungen sind auf gutem Wege. In der nächsten Sitzung des Ministerrates wird Laval den Abschluß dieser Anleihe empfehlen. haken festhalten und den Kamps gegen den Hitle- rismuS und Totalitätswahn zu Ende durchfechten. Erfreulich ist die Beobachtung, daß man sowohl bei den Christlichsozialen als auch bei den Landbündlern zu wissen scheint, daß es mit einer einfachen Wiederaufnahme der ulten Ideologien und der alten P c I i t i k n i ch t g e t a n ist. In beiden Lagern hat man begriffen, daß dem Durchbruch der neuen Generation auf der Rechten mit neuen Mitteln und nicht zuletzt von neuenMännern begegnet Wersen muß. Die Berufung Hackers, die von anderen Gesichtspunkten aus Bedenken erregen könnte (war doch Hacker lange Henleins Exponent im BdL) ist aus diesem Grunde als ein Symptom der Gesundung und Erstarkung zu werten. Es wäre auch nur die Bestätigung einer alten menschlichen und geschichtlichen Erfahrung, wenn Hacker, das gebrannte Kind, nun das Feuer um so mehr fürchten und sich als sicherer Mann im Sviel gegen den Totalitätswahn der Hitlerei und des Kameradschaftsbundes erweisen würde. Eine Schicksalsfrage des BdL wie der Christlichsozialen wird eS sein, wieweit sie sich auch wirklich neuen Ideen gegenüber aufnahmebereit zeigen werden. Der Henlein'schen, von den Fabrikanten und Banken oder von intellektuellen Führercliquen diktatorisch gelenkten»Volksgemeinschaft" wird man nicht mit dem Auskramen antimarxistischer Pläne einer versunkenen Zeit begegnen können. Im Antimarxismus ist Henlein heute fiibrend und nicht niederzukonkurrieren; in allen Fragen einer engherzigen bürgerlichen Klassenpolitik ist er firm. Spinas Hinweis auf die Sammlung der bürgerlichen Gruppen ist die Berufung auf eine veraltete Ideologie. In den schicksalsschweren Entscheidungen, denen mit dem ganzen alten Europa auch die Tschechoslowakei und wir Sudetendeutschen entgegengehen, handelt es sich um mehr und um ganz Anderes. Zur Diskussion steht die große Frageder Zusammenarbeit von Arbeite r n u n d Bauern, der Weg-Genossenschaft aller europäisch gesinnten Elemente, der F e st st e l l u n g des Gemeinsamen in den wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Aufbau-Ideen der jungen Gcneration aller nichtkapitalistischen Vollsteile aller abendländischen Nationen. Wir wollen nicht so weit gehen wie die Komintern, die heute einer verschwommenen Einheitsfront mit Klerikalen. Liberalen, jüdischen Kapitalisten und Hitlergeg- nern jeder Richtung nachjagt, aber wir möchten an die Adresse der sudetendeutschen Gegner der Hitlerei heute die Diahnung richten, sich in der Ncuformulierung ihres politischen Wallens aus der Höh« der geschichtlichen Situation zu erweisen und mutig über Bord zu werfen, was aus einer Vergangenheit, die ein für allemal dahin ist, ihrem Denken und Planen als gefährlicher Ballast anhaftet. niedergeworfen haben. Weder die Heere der Hussiten noch die Legionen im Weltkriege haben die Einrichtung der Dragoner gekannt. Minister Machnik hat also bei seiner Verfügung der Tradition und dem Geist der Arinee zuwidergehandelt. Außerdem muß man fragen, ob Machnik dadurch nicht in die Kompetenz des Präsidenten der Republik, des Oberbefehlshabers der tschechoslowakischen Armee, eingegriffen hat. Die Exekutive der öffentlichen Angestellten Wie die„Lidove Noviny" melden, steht eine gewisse organisatorische Umbildung der sog. Exekutive der öffentlichen Angestellten bevor. Diese war bisher eine bloß freie Zusammenfassung der Zentralen der Organisationen der öffentlichen Angestellten und soll jetzt die anerkannte stän dige Vertretung dieser Organisationen mit aktiver Teilnahme an der Vorbereitung von Gesetzentwürfen werden, welche die öffentlichen Angestellten betreffen. Zweimalige Verschiebung det kommunistischen Parteitages Die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei sollte ursprünglich im Jänner ihren Parteitag äbhalten, der indessen auf den Feber verschoben worden war. Run soll der Kongreß neuerlich, und zwar auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Die Tagung sollte sich vor allem mit der Anwendung der Beschlüsse des Internationalen Kongresses in Moskau im August 1938 auf die Tschechoslowakei befassen und man scheint sich noch nicht im klaren darüber zu sein, wie daS eigentlich zu geschehen hätte. Die SdP in der Isolierung Spinas Parteitagsrede, Der Parteitag des BdL brachte am Sonntag ein großes politisches Referat des Ministers Dr. Spina, das sich in der Hauptsache mit der SdP befaßte. Dr. Spina erklärte hiezu u. a.: In seinem politischen Referat erklärte Minister Dr. Spina u. a. Die parlamentarische Vertretung des Sudetendeutschtums bestehe heute aus vier Parteien: Die Stellung der drei alten Parteien sei klar, die Sudetendeutsche Kartei sei zu einer Klärung nicht gelangt. Getreu dem demokratischen Prinzip stand der Bund der Landwirte immer auf dem Standpunkt der Erhaltung der Selbständigkeit der einzelnen Parteien innerhalb der Koalition. Durch das Wahlschlaqwort von der .Volksgemeinschaft" wurde zwar eine zahlenmäßig sehr starke deutsche Partei geschaffen, die aber selbst unter dem Blickpunkt der Volksgemeinschaft nicht zu einem inneren Interessenausgleich gelangen könne. Sie werde vielleicht in nationaler, niemalSaber in wirtschaftlicherund sozialer Hinsicht den Nenner finden, der einzig sie zum Partner der tschechischen Mehrheit machen könne. Der Totalitätsstandpunkt der SdP sei aber zum BerhängniS für das Sudetendeutschtum geworden. Heute stehe die SdP ohne jede Möglichkeit einer Querverbindung zu einer ihr wesenSvrrwandten Gruppe auf der tschechischen Seite, sie besitze keinerlei Möglichkeit für die Wahrung der deutsche» VolkSintereffr«? sie habe aber durch ihre einzig auf parteitaktischrn Diachtgewinn gerichteten Bestrebungen die Wir- kungSmöglichkeit und die Durchschlagskraft der anderen deutschen Parteien stark geschädigt. Wenn di« übrigen deutschen Parteien verschwunden wären, so wäre iede Brück« zwischen den beiden Bölkern abgebrochen worden und die heute schon historisch gewordene Isolierung der SdP hätte gleichzeitig eine Isolierung des gesamte« SudetendentschtumS bedeutet. Das Sudetendeutschtum habe schon einmal bis 1926 geschlossene Opposition, ja O b st r u k t i o n zu machen versucht und sei gescheitert, obschon dieser Oppositionsblock damals viel mehr Sympathien im Auslande und auch beim Vollerbund genoß, als heute die Heute, da der Staat innerlich konsolidiert ist und international als ein unerläßlicher Baustein km mitteleuropäischen Blockgebilde gewertet loird, müßt« ein solcher Versuch noch vielkläglicher scheitern. Seien sich die Herren, die zu solchen Methoden raten, denn bewußt, was ein Sieg autoritärer Ideen bei uns bed«.u« ten würde? Es sei für die Deutschen keine Genugtuung zu sehen, daß«in« so große Partei wie die SdP auf parlamentarischem Boden eS nicht hat verhindern können, in den Hintergrund gedrängt zu werden. Sich helauszunranövrieren. sei ausschließlich Sache der SdP. Wer für seine Politik Vertrauen fordert, dürfe nicht drei politische Gesichter haben, sondern nur ein«S. aber dieses eindeutig. Nicht ein demokratisches Gesicht gegenüber den Tschechen. ein unduldsam totalitäres gegenüber dem internen Kreis der Sudetendeutschen und ein liberales fürs Ausland bis in alle Konsequenzen der deutschdemokratischen Freiheitspartei. Machniks Dragoner Der Minister für nationale Verteidigung hat dieser Tage eine Verordnung erlassen, nach der die bisherigen Kavallerieregimenter in Dra- gonexregimenter umbenannt werden. Diese Verfügung wird im„Prävo Lidu" als der nationalen Tradition der Armee widersprechend kritisiert. Die Dragoner waren eS, welche in den böhmischen Ländern sowohl die Anhänger der Reformation als auch die revolutionären Bauern Schlechter Barometerstand! Betriebswahlen mit seheimzuhaltenden Resultaten Berlin. Der»Angriff" bezeichnet die in diesem Frühjahr ftattfindenden Wahlen in die Ber» trauensräte aller Betriebe als eine wichtige Probe für die nach Ablauf von vier Jahren der nationalsozialistischen Regierung versprochene Rechenschaftslegung.’ Das Ergebnis dieser Wahlen werde zwar nicht veröffentlicht werden, bilde aber für die herrschenden Faktoren einsehrwichtigeSBarometerder Stimmung im Volke und insbesondere in der Arbeiterschaft. Die Wahlen im kommenden Frühjahr werden die ersten Wahlen in Deutschland seit der Wiedererringung der deutschen Freiheit sein. Die Führung deS Reiches habe darauf verzichtet, die Entscheidung des Bolles in allgemeinen Wahlen zum Ausdruck kommen zu lassen. Sie wende sich zunächst an den deutschen Arbeiter mit der Frage, ob die Schärfe seines Blickes in den letzten Jahren so sehr gewachsen sei, daß er die »Größe des Erreichten" über alle„kleinen Opfer des Alltages" nicht übersehe. Der»Angriff" gibt schließlich der Meinung Ausdruck, daß, wenn die arbeitenden Menschen Deutschlands in diesem Frühjahre zur Wahlurne schreiten, sie dadurch- das demokratischeste(!) Wahlrecht der Well ausüben. Noch 20 Verletzte gestorben Addis Abeba. Von den Personen, die bei dem Bombardement der schwedischen Roten- Kreuz-Ambulanz verletzt wurden, sind noch 20 ihren Verletzungen erlegen. Die Gesamtzahl der Opfer beträgt somit 50 Personen. Am Sonntag begaben sich von der Hauptstadt zahlreiche Ambulanzen ausländischer Rot- krcuzstationen nach D e s s i e. In den nächsten Tagen treffen in Abessinien Rotkreuz-Ambulanzen aus Norwegen, Finnland und Großbritannien ein. Ein weiteres offizielles Kommunique teilt mit: Italienische Flugzeuge warfen zahlreiche BombenmitGiftgasen auf Amba Alagi, südlich Makale. Drei italienische Flugzeuge bom- !bardietten> Dednat. Getötet wurde niemand. Die abessinische Regierung erklärt, daß es künftig alle Lazarette des Roten Kreuzes überhaupt unter Zelten bergen wird, die mit der Farbe des Bodens angestrichen oder an verborgenen Stellen untergebracht sein werden. Luxusdampfer für Truppentransporte requiriert London.„Sunday Dispatch" meldet, daß der englische 20.000-Tonnen Luxusdampfer „2 c y t h i a" ist ein Truppentransportschiff verwandelt wurde, um Militär, Tanks, Geschütze und andere Waffen nach Alexandria zu befördern. Dir ,,Scythia" wird bereits am Mittwoch von Southampton nach Alexandria in See gehen. Das Blatt betont» es sei dies das erstemal seit dem Weltkriege, daß ein Atlantikdampfrr vom Kriegsministerinm für Truppentransporte requiriert worden ist. Boraussichtlich würden demnächst mehrere Paffagierdampfrr der White- Skar-Linie» darunter„Laurentic",„Laconia" und„Sumaria", für dieselben Zwecke requiriert werde«. Von den üsterreichischen Genossenschaften Nach den Wiener Feberereigniflen von 1934 Hat die österreichische Regierung eine Verordnung erlassen, wonach sie an Stelle des Vorstandes, des Aufsichtsrates und der Generalversammlung der Großeinkaufsgesellschaft österreichischer Konsumvereine einen Verwaltungsausschuß eingesetzt Hat. Diese Verordnung ist nun mit Gesetz voni 21. Dezember 1935 aufgehoben worden, wodurch die Göc in die Lage, versetzt wurde, wieder eine Generalversammlung abzühälien.? Diese Generalversammlung fand nun am Sonntag, den 5. Jänner 1936, in Wien statt, wobei die Wahl des Verwaltungsausschusses durch Delegierte der Konsumvereine vorgenommen wurde. Zum Ehrenvorsitzenden wurde der Obmann der Wiener Konsumgenossenschaft, B u k o v i c, zum geschäftsführenden Vorsitzenden der Landwirtschaftsminister Strobl gewählt. Bei der Tagung waren die Konsumgenossenschaftsbewegungen Englands, Frankreichs, Schwedens, Ungarns und der Tschechosiowakei vertreten.(Eine Leitung der österreichischen Genossenschaftsbewegung, an deren Spitze ein„vaterländischer" Minister steht, kann Wohl nicht als wirkliche Vertretung der österreichischen Genossenschaftsbewegung angesprochen werden. D. Red.) Roman tob Kari Stya Copyright d» Bugon Pragtr-Vorlag, BrafMaoa Und wie langsam ich nur denken kann! Gerade, als müßte sich jeder Gedanke durch eine dicke Haut fressen.— Da, Vorne am Kopf, stimmt auch etwas nicht ganz. Es bohrt und zieht, als säße ein Wurm darinnen.— Was nur das sein könnte,* was mir so widerlich warm übers Gesicht rinnt? Auf der Zunge fühlt sich’s herb und klebrig. Blut? Das ist ja lächerlich. Ich bin doch tot!— „Verschüttet!“ Was?— Wer sagt das? Ist denn noch wer da? „Kamerad?“ Komisch, nicht einmal ich selbst höre mich. „Verschüttet!“ Zum Teufel, wer äfft mich denn? Laßt mich in Ruhe, ich bin doch tot! „Verschüttet!“■ Könnte ich doch zuschlagen, dann würde der Blödsinn bald aufhören. Aber meine Hände rühren sich nicht, als gehörten sie gar nicht mir— Was war denn vorher, bevor ich starb? Nichts!— Doch: Ein verzerrtes Gesicht, weiße Zähne, dann Kohle, viel, schrecklich viel Kohle... „Verschüttet!“ Eine wahnsinnige Angst durchjagt meinen Körper. Reißt und zittert in den Nerven, umkrallt mein Gehirn, preßt es zusammen. Ich schreie. „Ich bin verschüttet!“ Bunte Farbenfetzen flirren vor meinen Augen auf und ab und hin und her. Rote, blaue und gelbe rinnen zusammen zu einem großen, gräßlichen schwarzen Klecks, der auf mich zukommt... Also doch! Ja, warum lebe ich denn dann überhaupt noch? Hätte mir doch ein Stückchen Kohle den Schädel eingeschlagen! Ein faustgroßes schon hätte genügt auf dem richtigen Fleckchen. Das wäre barmherziger, als mich leben zu lassen! Wenigstens wäre mir dann ein langsames Krepieren erspart... Ich schlage um mich, weine, fluche und schreie. Hämmere mit den Fäusten den schmerzenden Kopf— Verdammte Kohle! Verdammtes Loch! Ich möchte hineinbeißen und mich durchfressen bis zur Sonne. Dann liege ich wieder regungslos und horche mit angehaltenem Atem. Nichts rührt sich. Nur mein Herz schlägt laut und ruckweise und schmerzt bis zum Hals herauf. Ich ersticke fast. Die dicke Luft und die Verzweiflung erwürgt mich.— Ich werde verrückt!— Vielleicht hängt über mir ein„lauter Brocken“. Er soll schnell machen und gut treffen. Das Warten ist unerträglich.— Ein armer Sünder weiß wenigstens, wie und wann er enden wird, ich aber muß warten, bis die Luft so schlecht ist, daß ich ersticken darf, werde ich nicht früher erschlagen oder zerdrückt. Wie lange bin ich eigentlich schon hier eingeschlossen? Stunden? Tage? Ich weiß nur, daß es eine Ewigkeit sein muß. Warum kommt mir niemand zu Hilfe? Hat man mich vergessen?— Wo sind meine Kameraden?— Kameraden, helft mir! Ich— ich möchte leben! Leben und in die Sonne schauen, in den blauen Himmel, mit euch lachen und mein Mädchen heben! Kameraden, helft mir— Ich will noch nicht sterben! Ich bin erst vierundzwanzig Jahre alt und habe zu Hause eine Mutter! Helft, der alten Frau ihren Sohn erhalten! Helft! Ich bitte euch Kameraden, helft!— Ich bringe keinen Laut mehr aus mir heraus und kann den Mund nicht mehr zumachen. Ich bin total ausgetrocknet. Wasser! Ich verdurste!— Um Gotteswillen, wie lange noch? So zu sterben, habe auch ich nicht verdient— nein, das nicht!— Hätte ich wenigstens Licht. Mein Feuerzeug fängt nimmer. Die Luft ist zu schlecht. Ich reibe daran, bis meine Daumen steif sind und schleudere es vor Wut gegen die Kohle. Mein Gefängnis ist etwas länger als ich, zehn nebeneinandergelegte Handbreiten breit und sieben bis acht solche hoch. Für einen Sarg zu groß, zum Leben aber zu klein.. Ich taste jedes Fleckchen ab, in der Hoffnung, meine Lampe zu finden und habe Glück. Auf dem Rücken liegend, trinke ich das Wasser aus. Pfui, wie das stinkt, aber Wasser ist es doch. Wo aber ist jetzt das Feuerzeug? Ich fluche und suche, zerrenne mir den Kopf und kratze die Hände wund. Umsonst! Die Lampe gäst stark. Das wird mich unbedingt umbringen. Ich werde sie eingraben. Dabei fallen einige warme Tropfen auf meine Hände. Ich taste höher und — das ist doch ein Kopf, ein richtiger, warmer Menschenkopf!— Furchtbar!— wem gehört er aber?— Paul? Ja, Paul muß es sein. Er stand mir am nächsten, als die Kohle kam. Sein verzerrtes Gesicht und der zum Schrei geöffnete Mund, die grellen Zähne waren das letzte, was ich sah. „Paul! Paul!" Keine Antwort. Ich schiebe meinen Kopf nahe an dey seinen und horche. Er atmet noch. Aus Nase und Mund rinnt Blut. Ich taste weiter. Knapp hinter dem Hals begreife ich Kohle. Er hat also nur den Kopf frei. Ich muß ihn frei kriegen. Muß! Er ist mein Freund!— Ich reiße und zerre am blutenden Kopf. Fluche und lache durcheinander im Wahnsinn. Von meinen Fingern hängen die Hautfetzen herab. Ich schreie, fasse die klebrigen Haare und ziehe. Paul! Meine Hände lassen die Haare los und mein Gesicht fällt nach vorn. Um den Mund spüre ich etwas Nasses und lecke gierig. Blut!— Ekel würgt mich. Ich presse die Lippen fest zusammen, um nicht Blut zu atmen.— Blutroter Nebel kommt auf mich zu, hüllt mich ein— ich ersticke!— Die Lampe— gast— die Lampe— Lampe— aus... Nr. 5 Dienstag, 7. Jänner 1936 Seite 3 fudetendeutscfier Zeiispieget In das Jahr des Rclchsjugcndfagcs Der Verbandstas der Sozialistischen Jugend beendet Teplitz-Schönau. Sonntag früh wurde die Debatte über den Bericht des Verbandsvorsitzenden Genossen Kern fortgesetzt und nach einer mit stürmischen Beifall aufgenommenen Rede des Genossen Fatsch als Vertreters der Partei für beendet erklärt. Genosse Kern hielt hierauf das Schlußwort. Die z« seinem Bericht vorliegende allgemeine Resolution wnrde vom Berbandstag mit 90 Dttm» men bei 19 Stimmenenthaltungen angenommen, wobei jedoch insbesondere dir Worte des Dankes an die Partei und den Verband und die Würdigung ihrer Arbeit ausnahmslos von allen Delegierten bekräftigt wurden. Nach Genehmigung des Kontrollberichtes wurden die Wahlen vorgenommen. Znm Verbandsvorfitzenden wurde wiederum Genosse Karl Kern mit 104 von 109 Stimmen gewählt. In der Nachmittagssihung beantwortete der Verbandstag zunächst die mit Freude aufgencm- menen Begrüßungszuschriften des Parteivorsitzenden Genossen Dr. C z e ch und des Arbeiter-Turn- und Sportverbandes.. In schneller Folge wurden dieBerickte der AntragsprüfungS- und derSchieds- tommission angenommen. Das Wiederaufnahmegesuch eines ehemaligen Mitglieds, welches seinerzeit als erster Wortführer der sogenannten„S o- zialistischen Aktion" auftrat wurde mit allen Stimmen ohne Stimmenenthaltung abge« lehnt— ein Beweis, welches Ende Spaltungsversuche und Disziplinlosigkeiten im Sozialistischen Jugendverband nehmen. Mit dem Schlußwort des Genossen W a n k a und der„Internationale" wurde der Verbandstag beendet. Er hat nach eingehender und kameradschaftlicher Aussprache die Voraussetzungen für eine zielbewußte und geschlossene Arbeit des Verbandes im Jahr des Reichsjugendtages geschaffen. Die Aufgaben der Jugendbewegung und die Frage der Einheitsfront Die Entschließung schildert zunächst die Lage der arbeitenden und arbeitslosen Fugend, ihren Mißbrauch durch faschistische Demagogie und erneuert die sozialpolitischen Forderungen deS Verbandes. Sie stellt dann fest: Soweit bisher Maßnahmen zur Rettung der arbeitslosen Jugend durchgeführt wurden, sind fit ausschließlich auf die Arbeit der sozialistischen Jugendverbänd« und der sozialdemokratischm Par- teien zurückzuführen, denen die sozialistische Jugend ihr« Anerkennung und ihren Dank ausspricht. Di« Jugend fördert daher ihren Kampf um ein besseres Dasein am besten durch die Stärkung des Sozialistischen Jugendverbandes und die Arbeit für die sozialdemokratische Partei. Der sozialistischen Jugendbewegung ist im Rahmen der sozialistischen Kampfgemeinschaft eine wichtige und entscheidende Aufgabe zugewiesen: sie ist nicht nur die fordernde und känchfende Wortführerin der jugendlichen Opfer des Kapitalismus, nicht nur die Vertreterin der besonderen Jugendinteressen innerhalb der Gesellschaft, sondern auch die Stätte der Selbsterziehüng der Jugend zu demokratischen VerantwortungSbewußtsein, sozialistischer Erkenntnis und fester sittlicher Haltung. Diese Selbsterziehung fußt auf den Gedanken der Gemeinschaft, der Solidarität und auf dem Bekenntnis zur Menschlichkeit. Die sozialistisch« Jugendbewegung will der Jugend geben, was ihr der Kapitalismus raubte: Lebensfreude und Lebensmut, Bildungsmöglichkeit, Selbstvertrauen, Gemeinschaftsgefühl, Kulturverbundenheit. Die Festigung und Pflege der sozialistischen Gesinnung beruht auf der Erkenntnis, daß die neuen besseren Verhältnisse des Sozialismus nur von neuen Menschen geschaffen werden können. In der Gemeinschaft der sozialistischen Jugend sollen diese Menschen emporwachsen, die ihre Abkehr von den wirtschaftlichen Formen deS Kapitalismus durch die bewußte Abkehr von seinen Lebensformen ergänzen. BufS neue bekennt sich der Berbandstag zu diesen Grundsätzen der sozialistische« Jugendarbeit, d'e den Charakter deS Sozialistische» Jugendverbandes alS einer in dir sozialdemokratische Gesamtbrwrgnng organisch eingrfügten Kampf- und ErzirhungS- gemeinschaft bestimmen. So bestätigt und bekräftigt der Berbandstag auch die BerbandsvorstandS- beschkstssr von Ren-Ohlisch, welche die Grundlage der BerbandSarieit im vergangene» Jahre geworden find, mrd die Leitsätze von Komata». Tie freiwillige Eingliederung d«S Sozialistische» JugendverbandeS in die sazialdrmokratische Gesamtbewegung führt zu Anerkennung und Verfolgung ihrer wirffchaftlichen, sozialem und politischen Zielsetzungen und bewirkt, daß der Jugendver- band dir Entscheidungen in den grundsätzliche« und taktische« Fragen der Gesamtbewegung zuweift. DieS gilt auch für die von der kommnnistischen Jugend geforderte Einheitsfront, die für die sozialistische Jugendbewegung augenblicklich um so weniger in Frag« kommt, als die ideologische Verwirrung in der kommunistischen Jugendbewegung einen rbens» Ein Entführungsversuch an einem rekchSdeutschen Kommunisten hat die Bewohner der Grenzgemeinde Pe» terswald im Bezirk Aussig in große Aufregung verseht. Ein Dresdner Kommunist, der, angeblich um nicht aufzufallen, nach dem 30. Jänner 1933 in Sie SA eintrat und in derselben diente, in der sein Bruder, mit dem er verfeindet war, als Sturmführer tätig war, mußte jetzt, weil seine illegale Tätigkeit offenbar erkannt worden war, aus Deutschland flüchten. Er suchte in Peterswald, wo er während eines Aufenthaltes im Vorjahr die Tochter eines Landwirtes kennen gelernt hatte, Zuflucht. Im glichen Hause, in dem der Kommunist in Dresden mit seiner Mutter gewohnt hatte, war auch der 25jährige SA-Mann Willkommen einquartieri, der in demselben Sturm diente. Als Willkommen vor einiger Zeit seinen Kameraden bei der Familie deS Landwirtes anffuchte, entdeckte er bei ihm rin Erem- plar der„R»t e n F a h« e", steckte eS ein und erstattete bei seiner vorgesetzten Behörde in Dresden Meldung. Donnerstag vergangener Woche überschritt nun Willkommen, von Hellendorf kommend, die tschechoslowakische Grenze auf dem Wege über daS Zollamt und kam abends gegen acht Uhr in Pe- großen Umfang angenommen hat, wie daS organisatorische ChaoS, in dem sie sich befindet. Diese lleberzeugung gewinnt der Berbandstag vor allem aus der Untersuchung der Ergebnisse f:s VI. Weltkongresses der Kommunistischen Jugend- Internationale. Der Sozialistische Jugendverbänd ist auch nicht in der Lage, die von den Kommunisten gewünschten Sonderakttonen einzelner Untergliederungen in der Frage der Einheitsftont zu gestr.ten, sondern betont seine Einheitlichkeit in allen taktt» scheu und grundsätzlichen Fragen der sozialistischen Jugendarbeit. Der Berbandstag beauftragt den BerbandSvorstand, das Verhältnis zur kommunistischen Jugendbewegung in Uebereinstimmung mit der sozialdemokratischen Gesamtbewegung ständig ,'u prüfen und jene Enttcheidungen zu fällen, die dem Willen und den Bedürfnissen der Gesamtbewegung enffprechen. Indem er betont, daß einer Vereinheitlichung der proletarischen Jugendbewegung auf dem Boden der Organffatton und der bewährten Grundsätze deS Sozialistischen Jugendverbandes nichts un Wege steht, bekundet der Berbandstag aufs neue len unerschütterlichen Willen, in der Einheitsfront mtt der sozialdemokratischen Partei, den fteien Gewerkschaften und sozialistischen Kulturorganisattonen imd der ttchechischen sozialistischen Jugendbewegung zu bleiben. Die Jugend muß erkennen, daß sie ihr Schicksal selbst mitbestimmen kann und muß ihren Willen zur Freiheit und zum Frieden in eine feste Gemeinschaft münden und ihn durch sie zur gestaltenden Kraft werden lassen. Der Berbandstag ruft darum die ftrdrtendeutsche Fugend ans, 7'> im Sozialistischen Jugendverband znm Kampfe nm ein beferes Jnaenddasein, zur Arbeit für eine neue Welt, die Welt der Gerechtigkeit, des Friedens und der Freiheit, znm Ringen um dm Sozialismus zusammmznschließm. terkwald an. Der SA-Mann begab sich zu seinem „Kameraden" und richtete ihm aus, daß„Keck", einer der Frennde des Kommunisten—- auf reichödeuffcher Seite auf ihn warte und ihm eine dringliche Mitteilung zu machen habe. Der kommunistische SA-Mann war zwar mißtrauisch, ging aber dennoch auf die Aufforderung Willkommens ein und begleitete ihn ein Stück Weges. In der Mitte des Dorfes stieß zu den beiden ein Dritter, ließ sich von Deutschland erzählen und behielt Willkommen scharf im Auge. Als man in einem Gasthaus noch ein Glas Bier trank und der kommunistische SA-Mann einen Augenblick wegging, um einen seiner Freunde zu holen, verlor Willkommen die Nerven. Er verließ das Gasthaus und rannteimLauf- schritt der nahen Grenze zu. Schließlich wurde der Flüchtige eingeholt, überwältigt und der Gendarmerie übergeben. Dort wurden sämtliche Beteiligte von Beamten der Bezirksbehörde und dem Gendarmeriekomnmndanten verhört. Willkommen wurde dem KreiSgericht Leitmeritz ein geliefert. Er sucht sich dadurch zu entlasten, daß er angab, sein Kamerad, der kommunistische SA-Mann, habe aus der Kassa der Dresdner SA-Brigade 800 Mark entwendet und damit das Weite gesucht. Diese Ausrede wird als nicht stichhalttg angesehen, da andernfalls sicher ein AuSlieferungs- antrag gestellt worden wäre. Menschenraub-Versuch im Müssiger Bezirk Die Geschichte eines reichsdeutschen Kommunisten, der bei 0er SA diente Wiener Momentbl'd— demokratische Hoffnung Kommt man, sei es auch mehrmals im Jahre, doch immer nur für wenige Tage in das Wien von heute, so hat man sicherlich alle Ursache, die politischen Anschauungen und Urteile, die man dort hört und die man sich selber auf Grund der empfangenen Eindrücke bildet, gewissenhaftest abzuwägen und noch vorsichtiger bei der A e u ß e- r u n g solcher Urteile zu sein. Man darf da nichts generalisieren, aus Einzelerscheinungen und Zwiegesprächen keine allgemeinen Schlüsse ziehen. Darf eS um so weniger, als die kleinen Erlebnisse, die man bei solcher Gelegcnheft finden mag, oftmals einander widersprechen, wie man ja auch in den Kreisen der Wiener Bevölkerung, mit denen man in Berührung kommt, auf die verschiedensten Meinungen und Hoffnungen stößt. Also ein klares Bild läßt sich so keineswegs gewinnen, geschweige denn reproduzieren. Und deshalb sei dem Folgenden nachdrücklichst die Feststellung vor- ausgcschickt, daß es sich nur um Beobachtungen und Eindrücke flüchtiger Natur handelt. Allerdings ist das, was ich nun verzeichne, die reine Wahrheit; und die hat wohl, sei sie auch nur wie in einem Tautropfen aufgefangen, unbedingte Daseinsberechtigung und-Wirkung. Und nun darf ich wohl sagen, daß ich, als ich diesmal Weihnachten nach Wien kam, gleich nach dem Besteigen des ersten Straßenbahnwagens einen persönlich genug starken Eindruck empfing. Nämlich aus einer Unterhaltung, zu der sich der Schaffner gerne mit mir herbeiließ. Schon meine erste, leicht hingeworfene Frage nach dem vermutlichen Ausfall des Weihnachtsgeschäftes beantwortete der Mann«etwa ein Fünfziger, mit beweglichen Klagen iiber die immer mehr sinkende Kaufkraft der breiten Massen, mit dem Hinweis auf die fortschreitende Verteuerung insbesondere der Lebensmittel. Meine Suggestivfrage, ob es denn unter dem neuen Regime nicht schon endlich besser geworden sei, entlockte dem Mann folgenden Erguß: „Besser word'n? Schlechter iS all's word'n in die leht'n zwei Joahrl Alle unsere Zulag'n san g'schtrich'n. Gengans amol außi, schaun's Jhner an. was für Betrieb' sttllg'legt sind. A tausend oder zehntausend Leut' Ham si natürlich g'holf'n durch den Umsturz, aber sunst'n? Red'» ma net drüber! Als ich dem Manne sagte, daß ich jetzt in Prag lebe und eigentlich gar nicht mehr so gerne nach Wien komme wie früher, erwiderte er: „Aus Prag? Ja, dös glaub' il Oes habt'S dort jetztn ja einen großen demokrattschen Sieg, durch die Benes-Wahl!" Ich gab meiner Verwunderung über die Freiheit der Meinungsäußerung Ausdruck. Und> obwohl ich dem Manne mit keiner Andeutung verraten hatte, daß ich Sozialist bin, erwiderte er: „Na, a Meinungsfreiheit gibt's bei uns net, dös werd'n's ja selber wissen. I schau' mir halt nur die Leut' guat an, mit denen i so red'. Und wissen's: reden darf mer no nix. Bier wann wir dö von früher treffen, ziag'n wir den Huat bis auf die Erden!" Und dann meinte er noch, er sei schon überzeugt, daß ich„richtig" sei. Was die nächste Zukunft bringen werde, könne er nicht sagen. Aber um wenigstens etwas darüber dem„Zuag'reisten" zu erzählen, berichtete er mir, daß eben jetzt die letzten privaten Mieter aus der Hofburg„außi- g'feiert" worden seien; man richtet den Habsburger» das Nest her... Als wir uns der Haltestelle näherten, bei der ich aussteigen wollte, äußerte ich meine Freude über das Gespräch und fügte ganz leise, obwohl wir beide allein auf der Plattform standen, die etwas herausfordernde Frage hinzu:„Aber mit .Freundschaft' darf ich mich wohl noch nicht verabschieden?" Worauf sich der Schaffner rasch nach allen Seften umsah und mir dann mit einem herzlichen„Freundschaft!" die Hand drückte. Und aus dem weiterfahrenden Wagen winkte er mir noch so lange, als er mich sehen konnte, mtt beiden Händen nach. Ich muß es jedem Leser iiberlassen, dieses Keine Bild in eine größere Vorstellung vom Wien Ein Opfer der Blutherrschaft Der 20jährige reichsdeutsche Emigrant W. Richter in Reichenberg machte sn der Nacht vom Sonntag auf Montag seinem Leben ein frei- williges Ende. Die Gründe, welche den für den für den Sozialismus begeisterten und lebenden jungen Genossen bestimmten, seinem Leben einen so tragischen Abschluß zu geben, werden'in ihren Einzelheiten unbekannt bleiben, weil Genosse Richter für seinen freiwiNigen Tod keinerlei Anhaltspunkte hinterlassen hat, aber man wird nicht fehlgehen, wenn man die. Todesursache in der Qual sucht, die mtt dem Leben eines Emigranten, der seine Heimat und seine Klaffe über alles liebte und wenig Hoffnung hatte, in absehbarer Zeit nach Deutschland zurückzukehren, verbunden ist. Falsche Zehnkronenstücke Anfang Dezember wurde in H o st o m i h festgestellt, daß falsche Zehnkronenstücke im Umlauf sind. Die Gendarmerie leitete eine eingehende Untersuchung ein und konnte am 21. Dezember das erste Stück in die Hände bekommen. Bis Ende des vorigen Monats hatte sie insgesamt sieben Stück, woraus zu schließen war, daß es sich um eine regelrechte Erzeugung dieser Falsifikate handelte. Die-Beobachtungen und Erhebungen führten dann am 3. Jänner zur Verhaftung folgender Personen: Ulbrich Franz, Lekes Johann. Kutscher« Emil, Straßberger Josef und Seidel Franz. Alle wohnen in Hostomitz oder in der näheren Umgebung. Seidel ist auch Mechaniker. Diese Leute hielten sich öfters jenseits derGrenze auf.— Das falsche Zehnkronenstück ist leicht erkenntlich, die Nachahmung ist nickt besonders geschickt und viel weicher als die echte Münze. Die Bevölkerung wird auf diese Fälschungen aufmerksam gemacht und gebeten, entsprechende Wahrnehmungen sofort zur Anzeige zu bringen. Die Karlsbader Kurfrequenz im Jahre 1935. Die Kurverwaltung Karlsbad veröffentlicht soeben eine Statistik über den Besuch Karlsbads im abgelaufenen Lahre. Die Gesamtzahl der Kurgäste hielt sich mit 40.312 Personen auf der Höhe des Lahres 1934. 17.074 Besucher stammten aus derTschecho- slowakei, so daß der Anteil des Inlands an der Gesamtfrequenz 42 Prozent betrug. Lm Besuch aus dem Ausland steht Deutschland an erster Stelle, das 7100 Gäste nach Karlsbad sandte, d. s. 17)4 Prozent des Gesamtbesi- ches. In weiterer Reihenfolge rangieren Österreich mit 3600, Polen mit 3400, Rumänien mit 2200 und Ungarn mit 950 Besuchern. Lm Vergleich zum Lahre 1934 haben die Besuchszahlen aus Deutschland, Oesterreich und Polen zugenommen, während bei Rumänien und"Ungarn ein Absinken zu verzeichnen ist, das hauptsächlich in den Devisenschwierigkeiten seinen Grund hat. Auch der L n l a n d S b e s u ch ist gegenüber dem Jahre 1934 leicht zurückgegangen. Von den außereuropäischen Staaten stellten die Bereinigten Staaten von Nordamerika mit 823 Personen das weitaus größte Besucherkontigent. Diese Zahl bedeutet gegenüber 1934 ein merkliches PluS. Verglichen mit dem Jahre 1928, das Karlsbad mit 67.675 Personen den größten Besuch in den NachkriegSjahren brachte, bedeutet die Kurfrequenz deS Lahres 1935 ein Absinken von etwa 40 Prozent. Der südmährische Landschaftsmaler Walter Prell, der feine gesamte künstlerische Tätigkeit der Schilderung der reichen Schönheiten der Thaya- Landschaften gewidmet hatte, ist in München gesto»'- ben. Seine frischen und lebendigen Aquarelle erfreuten sich großer Wertschätzung und schmücken heut« zahlreiche private und öffentliche Sammlungen und Räume. Der Künstler war bereits längere Zeit-r- krankt. Er starb nach schwerem Leiden im Alter ton 78 Jahren. Der Präsident der Republik empfing am Montag den Kardinal-Erzbischof von Prag, Dr. I Karl Kaspar. dieser Zeit einzugliedern. Aber ich glaube schon, daß mein Schaffner unzweifelhaft unserWiffen um die tiefe politische und wirtschafttiche Unzufrieden- hett breitester Wiener Bevölkerungsschichten bestätigt und geeignet ist, unseren Glauben an die Unüberwindlichkeit des sozialistischen Denkens, Fühlens und Hoffens im Wiener Proletariat zu erhärten. Natürlich sind in Wien neben den Roten die Nazis da und neben denen die Monarchisten. Und alle machen von sich reden. Und all das stärkt die lleberzeugung, daß die Basis, auf der die Schuschniggs und Starhembergs ihre sogenannte vaterländische Polittk machen, ein sehr, sehr schmales Brett'l ist. Jetzt haben sie sich auch noch bei denen, die vom Fremdenverkehr leben, besonders unbeliebt gemacht. Die FraueineSBeam« t e n, die weder mit dem Sozialismus noch mit dem Nationalismus das Mindeste gemein hat und die sich politisch selber für nichts anderes als für eine gute Oesterreicherin hält, sagte mir wörtlich: „Gerad' in Tirol haben wir jetzt wieder das Pech mit den Engländern! DaS verdanken wir nur der Freundschaft mit den Katzelmachern und dem Starhemberg. Jeder Oesterreicher hat das nn voraus gewußt. Die wenigen Engländer, die noch bei uns waren, find jetzt ausgerissen. Im Sommer haben wir uns große Hoffnungen gemacht— und jetzt san mir die Wurzen!" Auch das gibt vielleicht zu denken, wenn man sich erinnert/ welches Aufheben die österreichischen Seite 4 Dienstag 7. Jänner 1936 Nr. 5 IaAesnemgLelterr Hinrichtung Hauptmanns am 14. Jänner New Uork.„Daily News" zufolge wurde den Verteidigern Hauptmanns mitgeteilt, daß Hauptmann in der Nacht zum 14. Jänner wird hingerichtet werden. Das Blatt fügt hinzu, daß die Verteidigung in aller Eile ein Gesuch um Wiederaufnahme des Untersuchungsverfahrens einbringen, das dem zuständigen Gerichte in New Jersey unterbreitet werden wird. Das gleiche Blatt erfährt, daß die Schwiegermutter Lindberghs, Frau Dwight Morrow, sich mit ihrer jüngeren Tochter Konstanzia für die Ueborfahrt nach Europa eingeschifft habe, ohne ihr genaues Reiseziel anzugeben. Man glaubt jedoch, daß sie sich nach England begibt. Auch die Familie Morrow habe in den letzten Wochen Drohbriefe erhalten. Der Weihnachtsmann im Tank. Obwohl die letzte Weihnacht nun schon vierzehn Tage hinter uns liegt, scheint uns eine Christabends- Episode, die die„Neue Zürcher Zeitung" aus Deutschland berichtet, immer noch aktuell zu sein. Da wird nämlich erzählt, daß in einer reichsdeutschen Garnison, während Offiziere und Mannschaften den in- Lichtern erstrahlenden Weihnachtsbaum umgaben, plötzlich geflügelte und bestahlhelmte„Engel" auf Motorrädern in den Saal und um den Weihnachtsbaum herum fuhren; als sie Halt machten, ertönte von nebenan Maschinengewehrfeuer und ein riesiger Tank fuhr vor den Feiernden auf; und während die Maschinengewehre Wester knatterten, zeigte sich aus dem Tank das Antlitz eines Weihnachts- mcmnes, der sodann mst der Bescherung begann; jeder Offizier erhielt ein fünfzehn Zentimeter großes Modell eines völlig eingerichteten Tanks; nachdem man das Spielzeug ausprobiert hatte, fuhr die ganze Engelkolonne samt dem Weih» nachtsmann wieder davon... Und unterdessen, so fügen wir hinzu, läuteten natürlich auch in dieser Garnisonstadt die Glocken den Frieden auf Erden und die braven Biirger sahen bei ihrem Radioapparat, der den Menschen ein Wohlge- sollen brachte. Und waren überzeugt davon, dch eben die„Innigkeit" der deutschen Weih- nacht nirgends in der Welt ihresgleichen hätte! Aber je richtiger es ist, daß wirklich gerade in deutschen Landen die Menschen mit besonderer Wärme den Weihnachtsabend zu begehen pfle- gen, desto erschreckender, quälender ist das Bild, das da die zweizer Zeitung nachzeichnete. Und tröstlich nur das Bewußtsein, daß auch Tanks nicht für die Ewigkest gebaut sind und daß solcher Entweihungsnacht, je toller der Spuk getrieben wird, umso früher und sicherer doch echte Weihnacht folgen wird. JuleS Deströe gestorben. In der letzten Samstag-Nacht verstarb in Bcüffel im Alter von 72 Jahren Genosse Jules Destree, einer der bedeutendsten Männer der belgischen sozialistischen Partei. Destree, der schon zwanzigjährig seinen Doktor gemacht hatte(er war Jurist), kam frühzeitig zur Sozialdemokratie und war seit dem Jahre 1894 ohne Unterbrechung Deputierter. Er bekleidete außerdem eine ganze Reihe wichtiger öffentlicher Aemtcr, gab eine große Zahl politischer und schöngeistiger Schriften heraus, war nach der russischen Revolution von 1917 bevollmächtigter Minister Belgiens bei der Kerenski-Regierung und in den Jahren 1919 bis 1921 Kultusminister Belgiens— der überhaupt erste sozialistische Kultusminister dieses Landes. Von Jules Desträe, mit dem die belgische Pruderpartei einen großen Anwalt, einen glänzenden Redner, Schriftsteller ver«arme Winter wütet in rranhrclcn Hochwasser— Ertrunkene Stlllseleste Fabriken und Bahnen'— Ersäuftes Vieh Paris. Die Ueberschwemmungen nehmen in ganz Frankreich von Tag zu Tag ernsteren Charakter an. Aus allen Provinzen werden unermeßliche Sachschäden gemeldet und es besteht vorläufig noch keine Aussicht, daß die Waffermaffen zurückgehe». In- Chauteaubourg in der Nähe von Rennes ertrank ein kleines Mädchen in den Fluten. Ueberall ist viel Vieh umgekommen. In der Gegend von Rochefort-sur- Mer haben die Staudämme dem Druck des Wassers nachgegeben, so daß weite Strecken überschwemmt sind. Die Bewohner zahlreicher Ortschaften mußten mitten in der Nacht aus den Wohnungen fliehen. Auch aus der Normandie lauten die Berichte trostlos. In der Gegend von Orbec mutzten sämtliche Fabriken wegen Uebersckwemmung der Kraft- und Lichtzentralen ihren Betrieb stillegen. Der Fluß Risle, der unter normalen Umständn ein unwichtiger kleiner Wasserarm ist, hat sich in einen reißenden Strom verwandelt, der Hunderte von Weintonnen und totes Vieh ins Meer wälzt. Aus Lyon lauten die Nachrichten etwas zuversichtlicher. Die R h o n e hat ihren Höchststand erreicht und ist seit gestern im Sinken begriffen. In der Nähe von Lyon wollten drei junge Leute mit ihrem Auto in das Ueberschwemmungsgebiet fahren. In dem verhältnismäßig seichten Wasser geriet der Wagen von der Straße ab und stürzte in einen Graben. Zwei Insassen waren auf der Stelle tot, der dritte wurde schwer verletzt. Bei Nantes ist die Loire am Sc-nntag außerordentlich gestiegen. Falls das Wasser während der Nacht noch weiter steigen sollte, müßte ein großer Teil der Fabriken von Nantes die Arbeit einstellen. Das Fabrik- und Arbeiterviertel der Stadt ist bereits überschwemmt. Die zahlreichen kleinen Arbeiterhäuschen stehen schon größtenteils tief unter Wasser. In Chantenay mutzte die Straßenbahn ihren Betrieb eiystellen, weil das Wasser im Laufe des Tages über einen Meter gestiegen war. Die Strecke Paris—Nantes ist unterbrochen. Die Züge müssen umgeleftet I werden. und Künstler verliert, stammt aus der Jugendzeit das schöne Wort:„Die Nationalisten sind immer auf dem Kriegspfad; während die Sozialisten die gerade Straße des Friedens gehen. Meine Wahl ist getroffen." Liebestragödie bei Leitmeritz. Unterhalb des Leitmeritzer Schlachthofes wurden am Damm der Bahnstrecke Leitmeritz—Schreckenstein nachts zwei Leichen gefunden. Eine Polizeistreife stellte fest, daß Doppelsclbstärord vorliegt: Es handelt sich um den Soldaten Johann B r i j ch a des 1. Reiterregiments in Theresienstadt und um eine gewisse B r y ch t a aus Bauschowitz. Aus einem Wb, schiedsbrief geht hervor, daß die beiden in gegenseitigem Einvernehmen aus dem Leben schieden. Sie baten in dem Schreiben um gemeinsame Beerdigung. Ein Mitvorschworener von Marseille? In Hartberg bei Graz lenkte der gebürtige Slowene Marjan Baier, geboren in Laibach, der wegen verschiedener politischer Delikte ans Jugoslawien geflüchtet war, die Aufmerksamkeit der Gendarmerie auf sich. Im trunkenen Zustande erzählte Baier von dem Marseiller Attentat und brüstete sich, daß er an diesem Verbrechen beteiligt war. Tags darauf versuchte er Selbstmord durch Vergiftung: Es wurde jedoch im Krankenhaus wieder zum Leben gebracht. Die Gendarmerie verhaftete Baier und forschte feine Vergangenheit aus. Baier hatte sich insbesondere gebrüstet, daß es seine Aufgabe war, Stempelfalsifikate— Baier ist Graveur von Beruf— für Pässe der Terroristen herzustellen. Gegenwärtig befindet sich Baier in Haft des Bezirksgerichtes in Hartberg. Drei Menschenleben um zwei Ballen Tabak. Im Karstgebiet unweit von Nevesinje kam es zu einem tödlichen Zusammenstoß zwischen Gendarmen und Tabakschmugglern. Als ein Gendarm den Schmugglern zwei Tabakballen mit Beschlag belegen wollte, stürzten sich die Schmuggler auf den Gendarm, wobei es zu einem Handgemenge kam. Der Gendarm stürzte während des Handgemenges mit den beiden Schmugglern in einen Abgrund, wobei alle drei den Tod fanden Bei den Kindern ist noch Menschlichkeit. In der oberschlesischen Ortschaft Rokitnitz spielte sich eine Kindertragödie ab. Zwei Schüler, der dreizehnjährige Zydek und der elfjährige Ciolek, wollten einen anderen Schüler namens Schneider retten, der sich auf die Eisdecke eines Teiches begeben hatte, um andere Kinder, die sich auf dem Eise tummelten, vor der drohenden GMrhr zu Warnen» und der dabei eingebrochcn war. Sie schoben ein Brett auf die Eisdecke und ermöglichten dadurch die Rettung des in Ertrinkungsgefahr Regierer mit der großartigen Saison des Jahres 1935 zu machen suchten. Solchen Mißmutsäußerungen stehen allerdings Anschauungen anderer gegenüber, die immer noch verkünden, es sei besser geworden; zwei-• hunderttausend Wiener seien zu Weihnachten aufs Lmid gefahren— eine Rekordziffer, die niemals in den letzten Jahren auch nur annähernd erreicht worden wäre. Die Theater seien besser besucht, mehr Fremde als in ftüheren Jahren kämen jetzt nach Wien und brächten Geld. Auffallend in Wien von heute sind die vielfachen Notausgänge der demokratisch oppositionellen Schichten ins K u n st g e b i e t. Seit geraumer Zeit schon gibt es in Wien Kleinkunst b ü h n e n, die sich in Kaffeehaussälen auftun und dort eine Menge Gedanken verbreiten, die zu den österreichischen Zeitungen und überhaupt in die breitere Oefsentlichkeit deinen Zutritt haben. Seit dem Sommer hat die Zahl dieser kleinen Theater sich neuerdings vermehrt- Und nach der Vorstellung zu schließen, der ich beiwohnte, ist auch die Sprache dort kühner geworden. Ich stellte mit einem heitern und einem nassen Auge fest, daß ich da von der Bühne herckb eine Menge Dinge hörte, die kein tschechoslowakischer Zensor passieren ließe. Mit überraschendem Freimut werden zwar nicht die österreichische Regierung, wohl aber die Faschismen und Diktaturen schlechthin gebrand- markt und verhöhnt und insbesondere dicunver-1 kennbaren Angriffe auf Hitlerdeutsch- l a n d, auch wenn es nicht beim Namen genannt wird, sind schärfer und wirksamer als die, zu denen sich die deutsche Kunst in der Tschechoslowakei, beispielsweise in Prag, entschließen könnte oder dürfte. Außerordentlich geschickt find Satire und Hieb und Stich dort, wo es eben notwendig ist, eingekleidet; aber der Rassenwahn beispielsweise wird mit aller wünschenswerten Schärfe (und dabei durchaus künstlerisch) gegeißelt. Also es ist keinesfalls so, daß das freie Denken in Wien keine Stätte mehr hätte; im Gegenteil: es werden ihrer eben immer mehr, so daß eine erfteuliche Wechselwirkung zwischen ununterdrückbarer Gesinnung und ihrem offenen Ausdruck feststellbar ist, wenn natürlich auch die Parteimarke absolut verpönt ist. Und all dies scheint mir denen rechtzugeben, die zwar, wie alle auf unserer Seite, die besondere Brutalität und Verwerflichkeit des Austrofaschismus nie verkannt, aber doch immer den Unterschied gefühlt haben, der zwischen Hitlerdeutsch- land und dem klerikofaschistischen Oesterreich auch in solchen wichtigen Dingen zu machen ist. Und drum kann maivschon in das neue Jahr auch mit der Hoffnung eingehen, daß das Regime in Oesterreich sehr bald zumindest einer erfteulichen Wandlung entgegengehen dürfte. V e r u s. befindlichen Knaben. Plötzlich brach jedoch das Eis unter den Füßen der beiden kleinen Retter, sie versanken unter der Eisdecke und konnten nicht mehr zutage gebracht werden.— So erschütternd die Tragödie der Kinder auf uns wirkt, die bei der Rettung eines dritten Retters so tapfer ihr Leben einsetzten und es verloren, so erhaben wirkt in unserer furchtbaren Zeit dies große Beispiel an Menschlichkeit und tapferer Solidarität, das ein Dreizehnjähriger und ein Elfjähriger uns geben. Welche Tragik, daß Kinder wie diese, wenn sie nicht sterben, vielleicht von Eltern erzogen werden, die in Göring ein Vorbüd und in Hitler einen Führer sehen! Lastzug gegen Autobus. Samstag nachmittags stieß in Rosenthal, unweit von Köflach, bei einem ungeschützten Streckenubergang der Köf- lacher Kohlengruben ein Lastzug mit einem stark beichten Autobus zusammen, wobei drei Waggons des Lastzuges entgleisten und der Autobus über die sechs Meter hohe Böschung abstürzte und zerschellte. Der Autobuschauffeur und fünf Fahrgäste wurden teils schwer, teils tödlich verletzt. Eine Angestellte der Köflacher Grubengesellschaft liegt im Krankenhause in Agonie. Flüchtiger Räuber erschossen. Die Gendarmerie in Nydek bei Tschechisch-Teschen eskortierte am Montag mit dem Zuge den 28jährigen gefährlichen polnischen Räuber Martin Wloch auf der Eisenbahnstrecke nach Oderberg nach dem Bezirksgericht in Jablunkau. Wloch hatte mit seinen Helfershelfern in der letzten Zeit zwei gewagte Raubzüge unternommen. Während der Fahrt sprang Wloch plötzlich aus dem Zuge und versuchte zu flüchten. Die Gendarmerie-Begleitpatrouille schoß ihm nach und Wloch blieb beim Eisenbahndamm tot liegen. Eine Gerichtskommission untersuchte den Vorfall. Vizepräsident der französischen Kammer unter Anklage. Im Jahre 1927 gründete ein Pariser Bankier auf unehrliche Weise eine Gesellschaft für die Entwicklung des bekannten Badeortes Biarritz, die unter ebenfalls unehrlichen Bedingungen Obligationen in Umlauf brachte. Nunmehr sind die Mitglieder des Verwaltungsrates dieser Gesellschaft wegen Verletzung des Gesetzes betreffend Handelsgesellschaften angeklagt. Unter den Angeklagten befindet sich auch der Deputierte Henry P e t i, der Vizepräsident der französischen Abgeordnetenkammer. Kampf um einen Leichnam. Im Dritten Reich ist es Polizeibrauch, die Asche der Opfer polizeilich-politischer„Maßnahmen" den Angehörigen als Antwort auf Anftagen über den Verbleib des Vermißten per Post zuzusenden. Ganz so modern ! ist die i t a l i e n i s ch e O v r a, das Gegenstück zur Gestapo, nicht. Aber die Methode ist dieselbe. Tas erwies sich erst dieser Tage beim Tode des Mailänder Sozialisten Mario Riccardi. Er wurde am 29. September bei Como ohne Anruj über den^Haufen geschossen als man ihn beim Schmuggel von Aufrufen der Sozialistischen Arbeiter-Internationale betrat. Erst am 6. November wurde den Angehörigen nach unzähligen Nach- ftagen zugegeben, daß Riccardi tot und längst in Como begraben sei. Bis dahin hatte man nur eine Verletzung bei einem angeblichen Fluchtversuch angedeutet. Als man nach weiteren Vorsprachen schließlich die Ueberführung des. Leichnams nach Mailand gestattete, wurde dies an die Auflage gebunden, daß keinerlei Bestattungsfeierlichkett vorgenömmen und niemand von der Ueberführung unterrichtet werden dürfe. Riccardjs Tod sollte nicht bekannt werden. Aber die Bemühungen der Ovra waren vergeblich. Kurz nach der Beisetzung Riccardis in Mailand verbreitete sich das Gerücht von seinem Tode in den Mailänder Betrieben und unter den illegalen Mitarbeitern der Sozialisti- schen Partei. Frauenleiche seit Pfingsten im Schrank. In dem südöstlichen Berliner Vororte Adlershos wurde von der Kriminalpolizei ein furchtbares Verbrechen aufgedeckt, das bereits am zweiten Pfingstfeiertage des Jahres 1935 verübt worden ist. In einem Bücherschrank der Wohnung einer Frau Ahl wurde die Leiche der Wohnungsinhaberin entdeckt, die in diesem Schrank seit . Pfingsten verborgen war. Als Mörder wurde ein s mehrfach vorbestrafter Mann namens Wagner festgenommen, der die Wohnungseinrichtung der Frau Ahl allmählich verkauft hatte, mit der Begründung, die Frau sei auf Reisen gegangen. Als die Kriniinalpolizei die Wohnung durchsuchte, fand sie nur noch einen größeren Bücherschrank vor, in welchem sich die zerstückelte und in Lumpen gehüllte Leiche der Frau befand. Die Leichenteile waren mit Chlorkalk übergossen worden, so daß im Hause kein Verwesungsgeruch auftreten könnt:. Wagner gab zu, die Frau im Verlaufe eines Streites am zweiten Pfingstfeiertage getötet zu haben. Das Vaterland wird teurer. In den bekannten Berliner Restaurants von Aschinger, in denen täglich viele tausend Werktätige essen, find die seit Fahren stabilen Preise in den letzten Wochen folgendermaßen verändert worden: früher jetzt Tagessuppe..,« •• 0.20 0L5 Brühe...... 0.20 0.25 Wiener Würstchen-.. 0.25 0.30 Bockwurst mit Salat. 0.40 0.50 Hering 0.25 0.30 Heringssalat.... 1. 0.40 0.50 Portion Butter... 0.20 0.25 Erstes Tagesgericht wie B ruh- kartoffeln, Pichelsteiner Ge- müsetopf, Graupen mit Rindfleisch.... 0.50 0.60 Zweites Tagesgericht tr re Spinat mit Ei, Bratwurst mit Kartoffeln.. 0.60 0.70 Die Preiserhöhungen der teureren Fleischgerichte schwanken bei Aschinger zwischen 10 und 25 Prozent. Den Preis für die viel gegessenen Löffelerbsen hatte man von 40 auf 50 Pfennig erhöht, machte dies aber rückgängig, da es wohl in breiten Kreisen zu unangenehm ausgefallen war. In den letzten Tagen stiegen Bücklinge, die im Sommer noch 40 Pfennig pro Pfund kosteten, von 60 auf 80 Pfennig pro Pfund. Macdonalds Tochter wird Gastwirtin. Die Tochter des Lord-Vorsitzenden des Geheimen Rates Ramsay Macdonald, Isabel, übernahm in der Grafschaft Buckingham eine kleine Gastwirtschaft, deren Führung sie sich widmet und in der sie einige ältere Bedienstete beschäftigt, die sie und ihr Vater in der Zeit seiner Ministerpräsidentschaft in seinem Hause hatte. Die Rache deS Auws. In dem Tagesbericht der kleinen Unfälle fand sich vor einigen Tagen die Nachricht, daß ein Monsieur Leopold Davet von einem Auto auf dem Boulevard Ney angefahren und erheblich verletzt worden ist. Was diese Meldung interessant macht, ist die Tatsache, daß eS sich um keinen geringeren handelt, als um den Generalsekretär der „Federcstwn der Fußgänger", der, in vielen Reden und Artikeln den Bannstrahl der Verdammung gegen die Autos geschleudert hat. Es ist darum in diesem Fall verständlich, daß die Autos ihre Rachegelüste beftiedigt haben. Motorisierte Gendarmerie. Die Gendarmerie wird immer mehr den moderiien Anforderungen durch ihre technische Ausstattung gerecht. Die 10 mobilen Landstraßen-Polizeiposten, die die Gendarmerie stellt, find durchlvegs motorisiert, ebenso werden auch Bereitschaftsabteilungen, die beift über 20 Mann verfügen, mit Motorfahrzeugen ausgestattet, Es gibt- bereits 22 solcher Bereitschaftsabteilungen; zu ihnen gesellen sich 46 Fahndungsstellen, die ebenfalls motorisiert werden. Es wird auch daran gedacht, die größeren Gendarmeriestationen, deren es insgesamt 2700 gibt, mit Motorfahrzeugen auszustatten.(Pr. Pr.) Erfolg der Prämienaktion der Tabakregie. Die Prämienaktion der Tabakregie, die zu Weihnachten 300.000 Schachteln Zigaretten und 12.000 Schachteln Zigarren mit LoSprämien ausgestattet hat, hat sich über Erwarten gut bewährt. Sämtliche Zigaretten und Zigarren wurden ausverkaust. Wunschträume. Jeder, der jetzt zu Beginn des neuen Jahres Lose der neuen Jugendfürsorge-Lotterie kauft, kann in Kürze sein« kühnsten Träume übertroften sehen, denn für die 5 Kä, die ein Ju- gendfürsorgeloS kostet, kann er 100.000 Kä gewinnen. 320.000 Kä bettägt der Gesamtwert der 9206 Treffer, die verlost werden. Lose sind zu haben bei dep Deutschen Bezirksjugendfürsorgen, bei Geldanstalten, Trafiken und direkt zu beziehen von der Deutschen Landeskommission für Kinderschuh und Jugendfürsorge, Reichenberg. Waldzeile 14. Vom Rundfunk tMvtahlMswertM aus 4m Progriumsi Mittwoch: Prag, Sender L: 10.05: Deutsche Presse, 10.15: Schulfunk f. d. deutschen Oberstufen, 10.35: Schallplatten, 12.10: Schallplatten, 13.40: Deutscher Ar- beitsmartt, 16.10: Militärkonzert, 17.55: Schallplatte», 18.10: Deutsche Sendung: Dr. Maras: aus dem ffchechoslowakischenKulturleben, 18.20:Arbeit tersenduna: Adolf Schmidt: Auswanderungsländer, 18.40: Sozialinformationen, 18.45: Deutsche Presse, 19.10: Schallplatten: Beethoven, 20.15: Konzert, 22.15:' Tanzmusik. Sender S: 7.30: Salonorchester, 14.15: Deutsche Sendung: Kinderftunde, 14.50: Deutsche Presse, 18: Bosko- vee und Werich er-' Schallplatten, 18.45: Leichte Musik.— Brünn 11: Schallplatten: Verdi, 13.20: Slowakische Volkslieder, 17.40: Deutsche Sendung: 19.25: Salonorchester.— Mährisch-Ostrau 12.35: Orchesterkonzcrt.— Preßburg 15: Orchesterkonzert. Nr. 8 Dienstag, 7. Jännrr 1936 Seite 8 Oasen Im Kriegsdienst Nach ägyptischen Blättermeldungen werden von der britischen Armee im westlichen Aegypten an der libyschen Grenze umfangreiche militärische Vorbereitungen durchgeführt. So werden die Oasen, diese Inseln in der Wüste, befestigt und mit Stacheldraht und Tankgräben umgeben. Auf unserem Bilde sieht man die Oase Siwa, wo die Engländer ihr Hauptlager und einen Flugzeugstützpunkt anlegen. WWWsW Nachtfahrt nach Algier Von Ott» Friedrich. Die schwankende Laufbrücke zwischen dem steinernen Hafenkai und dem Deck des großen schneeweißen Passagierdampfers»Ville Blanche" ist eine schmale Fortsetzung der Cannebiöre, der Prachtstraße Marseilles. Die Cannebiöre scheint direkt inS Meer zu fuhren und' durch das Ultet unsichtbar weiterzurinnen im Kielwasser der Schiffe, die nach Afrika, nach Tunis und nach Algier, der„Ville Blanche" fahren. Die Häuser mit ihren Bankfilialen, Reisebureaus, Luxusgeschäften und zettelbeklebten Seemannsfahrten, die Caffs mit ihren müßig auf die Straße starrenden Gästen, die kleinen Restaurants mit ihrer würzig gelbroten Fischsuppe, dar alles bleibt zurück, zurück bleibt auch der nach Teer, Tank. Fischen und allerhand zweifelhaften Parfums geschminkter Mädchen duftende Kai und das alte Hafenviertel mit seinen dunklen, steilen Lafiergaffeu, aus denen Grammopüongequerr, Kindergeschrei, Lockrufe und die Schimpfworte alter Betteln klingen, in denen Spülichtwaffer über das katzbuckltge, von Obstschalen bedeckte Pflaster rinnt und abgewaschene Wäsche wie zerzauste Fahnen auf hochgespannten Seilen Mischen den engen Häuserfluchten flattert, — zurück bleibt„Vieux Fort", der Hafen armseliger Liebesfreuden der kindlichen Matrosenherzen. Zurück bleiben auch die Menschen. Scharen von ihnen wälzen sich fürs erste, stoßend, lachend, fluchend vom Land ins Schiff und vom Schiff ans Land. Koffer werden geschleppt. Grüße getauscht, Scherz, Rührung und Geschästsabreden, alles drängt sich in den Minuten der Abfahrt zusammen,— bis die Glocke klingt, die Menschen ächzen, die Laufbrücke zurückfällt auf den Steinboden des Ufers, die Taue emporgewunden werden und der Koloß pustend und dröhnend die Wellen hinter sich aufwirbelt. Noch einiges Winken, noch einige grelle Schreie der Verkäufer und dann ist alles nur noch«ine formlose bunte Masse. Die Häuser treten zurück, di« Bucht mit ihren grünen Hängen, ihren weißen berganklettern- den Villen und der stadtbeherrschenden stolzen Wacht- kirche. Notre Dame de la Garde, eben noch plastische Umgebung, wird jetzt bildhaftes Panorama. Selbst die Felseninsel Chateau d' Jf liegt längst hin« ter uns, die Küste wird zum schmalen Streif, weiße Moden umkreisen gierend und girrend das Schiff und die Meerwasserwogen blaugrün im Sonnen- glaft. Jetzt ist für zwei Tage das Schiff die Heimat. Nie fühlt man mehr das Berreistsein, das Losgelöstsein vom Alltag, als an Bord solch einer Keinen Schiffsinsel. Jetzt ist das Gepäck richtig in der Kajüte verstaut. Das Essen bringt die Gäste zusammen. Leckere Gerichte aus Salaten, Fischen, Geflügel, grünen Feigen, Mandeln und blauschwarzen Trauben. Ein süßer hitziger Mokka beschließt das Mahl und dann kommt die Abendpromenade an Deck, die Sinnenruhe im Liegestuhl und der Blick auf eine rote Sonnenwand im Westen, auf ein lila verdunkelndes Meer und«ine langsam auffchattend« Sternennacht des unendlich durchsichtigen milden Augusthimmels. Ein^»äziergang an Deck ist reich an kleinen Entdeckungen. Man blickt unversehens in den spiegelnden Glanz weicher Luxuskabinen, man schlendert einige Schritte durch den Rauchsalon, in dem alte Hefte der„Illustration", der„London News" und vielfarbige Reiseprospekte gutgestapelt auf den Tischen liegen. Sin alter französischer Herr im dunklen Rock, mit heller Weste, schwarzer Binde und dem obligaten roten Bändchen der Ehrenlegion hebt «in wenig zitternd den Zwicker an der Schnur empor und liest seiner gelaitzweilten Tochter aus den Prospekten die verschiedenen Schiffsmenus vor. Wer «in wenig Pressen in der Magengegend verspürt, kann ihm nur mit Mißbehagen zuhören. Dann geht es wieder hinaus, an Taugewinden, allerhand Haken und Ringen vorbei; vorbei auch an einem eisenum- zäunten Schacht, der in die Tiefe zu den schwingenden Maschinenkolben hinabreicht, in die heiße, höl, lische Tiefe, in der dunkle Heizer halbnakt die Kohle schaufeln. Vorbei weiter an dem hohen Thronbau des Steuermanns, vorbei an den Kajüten des Kapitäns und des Schiffsarzte-. Schließlich findet das müde- gewordene Auge einend stillen Platz, von dem der Blick berabfällt, wie von der Höhe ins Tal, der Blick fällt aufs Zwischendeck. Eine sonderbare Welt, die sich öffnet: Der Mond ist aufgegangen. Die da unten in der ungeschütztei- Grube deS offenen Zwischendecks haben es sich de» auem gemacht. Aber waS heißt hier„bequem" l Dunkelhäutige Arbeiter in blauen Arbeitsblusen haben einen Handsack unter den Kopf gezogen, Frauen mit wimmernden Kindern liegen zwischen ihnen. Da hat einer den Inhalt seines kärglichen Mahls dem Schwanken deS Schiffes zum Opfer ge» bracht, dort fitzt im Burnus ein Araber in leise», Singsang über den Koran gebeugt, hier streiten zwei Spieler und zwischendurch huschen ausgezehrte Kinder in schmutzigen Lappen und mit Augen, brn». nend und verzehrend wie die eine? Schwindsüchtigen. Eine armselig«, vielfältig verschlungene, in Schmutz und Elend zusammengesprenkelte Schar der Enterbten. Die Unterwelt der Haseugassen des„Vieux Port", Saisonarbeiter, Teppichhändler und Gelegen« heitssucher, arabisches Strandgut der europäischen Welt,' eine verknüllte, verdreckte, heimwehkranke Masse, die Menschenwar« des Zwischendecks, sozusagen das Eingeborenenviertel des Dampfers, ähnlich geschieden von der europäischen Oberwelt wie die düsteren, schwülen mittelalterlichen Gassen der „KaSbah", deS Araberviertels in Algier, von der „Weißen Stadt", jener„Ville Blanche", deren Namen am Bug des Schiffes prangt. Ueber dieser Welt der Armut und der hinter Lumpen mühselig verborgenen Not der ausgezehrten Körper thronen wir, die Hellen Götter, die Herren des Schiffes, Da tafeln wir, da tanzen wir, lachen und gähnen, genießen den Blick auf die Spiele der Wellen, die jenen, die hohe Schiffswand verbirgt, und atmen den frischen Luftzug der Brise, der nur in den Rauchschwaden des Schornsteins, schwarz und ölig besprengt, zu ihnen dringt. Ist diese Wirklichkeit nicht wie ein Gleichnis, eindeutig und erschütternd, wie nur das Leben selbst es zu zeichnen vermag? Wenn die da unten wüßte», was ich weiß, der ich mich über die Reling lehn«.. Wenn sie wüßten, wie schwr.h die Balken sind, di« unser Oberdeck tragen! Wir sind wenige, sie sind viele. Merdings, wir haben die Waffen, daS Wisse», den Willen und das Geld i ,ib sie sind dumpf, voller Trägheit der Besiegten und verbannt in die Träume der Vergangenheit. Da steht einer unter ihnen auf! Die Halbmüden werden wach, die Schläfer werden beiseite geschoben, Frauen und Kinder drängeln sich nach vorn, ein Kreis rundet sich um ihn. Der Stehende ist jung und elastisch, er trägt«inen Burnus, aus dem ein glanzender weicher Bart und zwei große Augen, eine ktzhn und hart gebogene Nase und ein willensstarkes, ovales Kinn hervorschauen. Er beginnt zur Menge zu sprechen. Seine Stimme ist hell, aber halblaut, man hört die gutturalen Laute des Arabischen, aber sie sind nicht krächzend oder heiser querrend, wie oft bei den Marktrufern, sondern wie ein Felsgestein, da? nur da zu sein scheint, damit die Lautbäche hell und spielend darüber rieseln. Was der Araber spricht, weiß ich nicht. Aber ich sehe, daß nicht nur der aussteigende Mond, sondern eher noch ein aufsteigendes Gefühl die Gesichter seiner Hörer erhellen. Spricht dort ein Prophet, ein Sinnengaukler oder ein Volksführer? Was zwingt alle in den Bann dieser Rede, so daß sie Müdigkeit und Elend für Augenblicke vergessen? Ich verstehe die Worte nicht, aber ich verstehe ihr Echo in den Mienen. Wird da nicht eine Sprache gesprochen, die einmal Schicksal werden kann, unser Schicksal, das Schicksal des.Oberdecks Europa". Ein junger Franzose steht plötzlich neben mir, elegant im weißen'Abendanzug, die Haare pomadisiert. Die manikürten Hände drehen an dem Flaum des fleinen Schnurrbärtchens, das er nach Art der Flaneure von Cannes und Rizzg trägt.„Ein bizarres Bild", ironisiert er die Szene,„Was erzählt der Araber seinen Landsleuten?", entgegnete ich.„Pah, parfümiert«, orientalische Dummheiten, ein Märchenerzähler, mein Herr!"—„Verstehen Sie denn, was er sagt?"—„Ich bin Orientalist und fahre jetzt gerade wieder zu Studienzwecken nach drüben. Ich kenne mich in den Leuten aus, auch wenn ich ihnen nur haw zuhöre. Er scheint irgendeine ganz verworrene Geschichte zu erzählen." Ein älterer, grauhaariger, starkgebräunter Herr, — an seiner schmalen Uhrkette hängt ein lleines Freimaurerzeichen—, ist näher getreten und hat die letzten Worte gehört. In seinen Augen Nimmt ein Lächeln, sozusagen ein Lächeln hinter dem Vorhang weltweiser Höflichkeit. Der elegante junge Mann spürt den kritischen Blick und zieht es vor, zu verschwinden. Guttural, fast wie der Araber, wirft der Grauhaarige einige Worte französisch vor sich hin. „Der junge Herr mag Orientalist sein, aber er ist kein Orientale. Er ist nicht einmal ein Menschenkenner."—„Wie meinen Sie das."—„Sie find ein Fremder, darf ich Sie ttotzdem fragen, was Sie glauben, daß der Mann da unten seinen Mitfahrern erzählt hat."—„Sitzver zu antworten! Aber ich fühlte mit Unbehagen eine Art Vision, als ob das Oberdeck zu schwanken beginne und als ob es immer stärker ins Schwanken komme, je länger er spräche." — ,Lhre Vision war nicht falsch. Ich kann er bestätigen, denn ich verstand jedes Wort. Ich stamme aus Algier. Ein halbes Jahr lebe ich in Frankreich, das andere Halbjahr verbringe ich auf meinen Gütern drüben. Ich kenne sie beide, die Franzosen und die Araber. Und", endete er ein wenig nachdenklich,„ich glaube sie beide etwas zu verstehen, so daß ich nicht nur höre, was sie reden, sondern auch wovon sie reden möchten. Dieser Araber beispielsweise hätte mehr reden mögen als er konnte, oder genauer ge- f 0‘, als er durfte."—„Sie nennen ihn einen Märchenerzähler?"„Ja und nein. Er hat seinen Landsleuten ein Märchen erzählt, aber Sie haben selbst wohl empfunden, wie es auf sie wirkte, wie es sie aufrüttelte, wie sie sich aufrichteten und wie der heiße Atem ihrer Debatte jetzt noch emporsteigt. Der Mann ist wohl ein Märchenerzähler. Aber einer von ganz besonderer Art. Einer der Leute vom ,Roten Stern'." „Was ist der ,Roie Stern'?" „Ach so, das wissen Sie nicht. Der.Rote Stern' ist ein arabischer Geheimbund, so eine Art Freimaurerorden," er schaute dabei ein wenig selbstironisch auf das kleine Zeichen an seiner Uhrkette, daS seine Finger unwillkürlich umklammert hielten. „Man findet in diesem Geheimorden alte orthodoxe Moslems und junge nationale Rcvoluttonäre beisammen. Eine stille soziale Anllage gegen das fremde Regime eint sie. Sie haben darin nur zu recht- Die Weißen haben ihnen den Alkohol und die Syphilis gebracht, daS ganze Vylk siecht an diesen Gaben dahin. Jetzt leben sie in armseligen Hütten. Bor Zeiten einmal bauten sie Hallen von feinster ziselierter Ornamentik, Säulen von zarter Stukkatur, Wunderwerke wie die Traumhöfe der Alhambra und- dar Bvgeiidickichk der Müsches Voß Cordoba. Früher haben sie Romanzen gesungen Und daS Wissen des Hellenentums für uns gerettet. Jetzt sind sie Händler, Gaukler, Lastenträger, Schutt der Geschichte." „Was für ein Märchen hat der Araber seinen Freunden erzählt?" „Ein gefährliches Märchen. Ihr Instinkt ließ Sie zu recht erschrecken. Der Beduine sprach von diesem Schiff und von seinem Heimatshafen, von Algier, von der„Bille Blanche". Er verglich mit vielen bunt ausgemalten Bildern das Leben hier am Oberdeck und im Zwischendeck, dann sentte er seine Stimme zu einem heißen Flüstern und malte aus wie es wäre, wenn sie sich alle zusammenrotteten, wenn das Zwischendeck anS Deck sttege, die weißen Götter übermannte, wegholte von den Tafeln deS Glücks und der Freude und sie herabstieße in das Verließ des Zwischendecks. Ein rascher Sieg würde es sein und am Heck würde die Trikolore verschwinden und der rote Stern aufziehen. Aber fieilich,— und dabei hielt der Erzähler, erschreckt stockend, inne, so daß sein Erschrecken sich weiter pflanzte auf die Hörer, Herren der Menschen würden sie sein, aber nicht Herren des Schiffes. Denn, so fragte er, wer wäre nun der Kapitän und wer der Steuermann?" „Und so pessimistisch schloß er seine Geschichte?" „O nein, so enden keine Märchen, so enden allenfalls Lehrbuchgeschichten. Nein, im Gegenteil, Nach einem Plane oder aber nach einer Verlegenheitstaktik halten die Kriegsherren Italiens in Abessinien gewisse Bestimmungen des Völkerrechts ein, während sie andere völlig mißachten. Sie bombardieren z. B. Spitäler, werfen aber keine Gistbomben. Nämlich bis zum 23. Dezember taten sie es nicht; an diesem Tage aber haben sie die Abessinier an der Tigrefiont mit Gasbomben angegriffen und sie zum Zurückweichen gezwungen. Eine Meldung besagt, das gemeldete Gas sei Phosgen gewesen. Und in der Tat— was brauchen sich die Herren viel um neue, wirffamere Giftgase zu sorgen? Das Phosgen gehört zu den allergiffigsten und ist im Weltkrieg nur deshalb minder wichfig geworden, weil es mit Gasmasken verhältnismäßig leicht aufgefangen werden kann— eine nicht zu keure Flüssigkeit, Urotropin, verschluckt es restlos, so daß ihre Anwesenheit im Feinkies des Maskenfilters den Angriff unwirksam macht. D i e Abessinier aber haben keine G a s m a s k e n; ein Atemzug in der Nähe einer geplatzten Bombe genügt, um den Krieger zu töten. Da ist kein Senfgas nötig, das im Weltkrieg deshalb eingeführt wurde, weil es außer auf die Atemwerkzeuge auf die Körperoberfläche wirkt; dort zieht es schwer heilbare Blasen, erzeugt hartnäckige Brandwunden und Knochenfraß. er sprach von der Not, die erfinderisch macht, von den Notsegeln, in die sich der Wind Allahs setzt, ein gnädiger Wind, der sie zum Hafen treiben wird. Und er schilderte dann den Jubel,' als das Schfff einlief: An Heck und Masten flatterte der Rote Stern. Da leerten sich im Nu die armseligen Viertel der Kasbah. Alles strömte zum Häfen und im Triumph führte man die Schiffsflaggen zum Platz des Residenten, hoch hißte man sie am Fahnenmast der Residenz!"— „Die Vision einer afrikanischen' Revolution?"'— „Vielleicht auch das" Aber hier brach das Märchen ab. Freilich mit einer Drohung:„Wir schliefen lange. Wer lange schläft, wird mächtig erwachen. Sein ist daS alte Auge des Propheten und di« junge Kraft deS Riesen: Wissend ist er und stark." Ich flocht ein:„Also doch ein Agitator?"— „Wie Sie wollen, mein Herr, er zieht durch die Lande als ein Märchenerzähler, nur beginnen seine Märchen nicht mit den Worten:„es was einmal''^ dafür enden sie stets:„eS wird einmal sein.» Halb sich zum Gehen wendend, setzte er hinzu: „und daS, mein Herr, ist sehr bedrohlich für das Oberdeck. ES gibt nämlich Märchen, aus denen Geschichte erwächst. Man muh sie nur gut und oft genug erzählen. Bisweilen versteht sie dann sogar der Fremde, denn die Klagen der hitteren Not. versteht mancher auch ohne Wörterbuch. Ihm genügt die Grammatik des Herzens. Eine«nationale" Tat. In einem großen jüdischen Musikalien- und Radiogeschäft Wilnas explodierte Samstag abends eine Höllenmaschine. Dabei wurden die Inhaberin und zwei weibliche Angestellte schwer verletzt und die Einrichtung des Ladens zerstört. Man nimmt an, daß der Täter im Lager der nationalen Jugend zu suchen ist. Neue polnische Gehässigkeiten. Im Prozeß gegen die vermutlichen Mörder des polnischen Innenministers Pieracki deutete, wie die„Prager Presse" meldet, der Staatsanwalt in seinem Plädoyer an, daß„fast unter Mithilfe tschechoslowakischer Behörden Personen die Grenze überschritten hätten, um zu morden, bzw. nach Verübung des Mordes straflos zu entkommen."— Di«„Prager Presse" weist diese Verdächfigungen auf das entschiedenste zurück und erklärt, der polnische Innenminister habe Wohl Ende Juni v. I. den tschechoslowakischen Gesandten aufmerksam gemacht, daß bei der Untersuchung möglicherweise einige Spuren in die Tschechoflowakei führen werden. Er habe daraufhin sofort die Antwort erhalten, daß die Tschechoslowakei der polnischen Regierung gern überall, wo es ihr möglich sei, unter Einhaltung der Grundsätze des internationalen Rechtes behilflich sein werde, Konkrete polnische Vorschläge seien nicht erfolgt, Wohl aber, wie jetzt, Verdächtigungen und Angriffe.. Wie im Schauerfilm. Der russische. Staatsangehörige Iwan Slag, der seit einiger Zeit wegen eines Vergehens in einem Gefängnis sitzt, wird allgemein nur der«unsichtbare Mann" genannt. Zwar besitzt er nicht, wie der"sagenhafte Siegfried, eine Tarnkappe, er kann sich aber der seltsamen Eigenschaft rühmen, daß er nicht photographiert werden kann, daß er also zum mindesten gegenüber der Kamera„unsichtbar" ist. Die Polizei hat mit Iwan Slag wirklich ihre liebe Not. Als sie ihn kürzlich zur Festlegung seiner Personalien zu photographieren versuchte, stellte sich heraus, daß die Platte nach der Entwicklung auch nicht den geringfügigsten Teil des Gefangenen wiedergegeben hatte. Nun, das konnte«in Fehler des Photographen fein. So machte man nacheinander sechs Aufnahmen, ohne daß die Platte auch nur die geringste Anstalt machte, Jllvan Slag darzustellen. Der Gefangen« erbot sich schließlich, das Geheimnis seiner„Unsichtbarkeü" zu enthüllen, falls man ihn auf freien Fuß setzen würde. Da die Polizei diese Zusicherung aber bisher nicht geben"wollte, ist das Rätsel noch immer ungelöst. Der„unsichtbare Mann" aber sitzt in seiner Zelle und freut sich, daß feine Mitmenschen sich übex seine Eigenart den Kopf zerbrechen. Die Gelehrten können sich noch nicht erklären, worin die felssame Eigenschaft des Russen besteht. Kein Lewisit wird gebraucht, das als Hautgift noch das Senfgas übertreffen sollte, uiü> zwar in Amerika gegen Kriegsende in Massen erzeugt, aber nicht mehr verwendet wurde. Was brauchen die Italiener sich gar den Kopf zu zerbrechen über neue Gifte, die vielleicht seit dem Weltkrieg erfunden worden sind? Das Phosgen ist einfach herzustellen; man braucht nur Kohlenoxyd und Chlor, zwei ganz billige Gase, zur chemischen Vereinigung zu bringen. Es ist achtmal so giftig als das gefürchtete Chlor. Gegen einen Feind ohne Gasmasken, wenn er in irgend dichteren Kampfverbänden marschiert ist, muß es durchschlagend wirken. Da ist eS zu glauben, daß die italienische Heeresleitung den Feind zu einer größeren Schlacht zwingen will und daß dieser sich ihr immer wieder entzieht. Auch die angeblichen Erfolge der Abessinier gegen die italienischen Kampfwägen sind unglaubwürdig. Nur im Bunde mit der Natur seines Landes, die den modernen Kampfmitteln die schwersten Hindernisse bereitet, kann das Naturvolk hoffen, den Feind zu zermürben; diesen Feind, der jedes Mittel der Kriegstechnik einsetzen wird, wo es Erfolg verspricht, wobei ihm das Völkerrecht das eine Mal für Borwände zum Angriff gut genug ist, das andere Mal aber gleich nichts geachtet wird. E. B. Giftgas an der abessinischen Front Seite 6 „Sozialdemokrat" Dienstag, 7. Jänner 1936. Nr. 5 Trager Leitung Drei Selbstmorde. Vorgestern abends sprang in selbstmörderischer Absicht der 44jährige Kaufmann Alfred Schratter aus Prag II. auf der Kleinseite von der Mauer der ehemaligen Prager Schanden und blieb mit gebrochenem Rückgrat liegen. Er wurde auf die Klinik Schlosser gebracht. Das Motiv der Tat sind häusliche Zerwürfnisse.— Der 60jährige Pensionist Rudolf Albrecht erhängte sich ebenfalls vorgestern abends aus Gram über seine Krankheit in seiner Nusler Wohnung. Die Leiche wurde ins Institut für gerichtliche Medizin gebracht. — Aus Schmerz über den Tod ihrer vierzehnjährigen Tochter, die einige Stunden vorher gestorben war, trank gestern abends die 45iährige Witwe Julie Köhler in ihrer Wohnung in Nusle den Rest von deren Arznei aus. Die Ueberführung ins Bankenhaus lehnte sie ab. Sie mußte in häuslicher Pflege belassen werden. Ein Kind tödlich verletzt. Der zehnjährige Schüler Milos Simon aus Horomeritz wurde gestern abends auf einer Landstraße in der Umgebung Prags vom Personenauto E. 51.240, das der Landmann Bohumil Matucha aus Tursko lenkte, überfahren. Seine Verletzungen— ein Schädelbruch und eine schwere Gehirnerschütterung— sind tödlich. Dem Chauffeur wurde der Führerschein entzogen, das Verfahren eingeleitet. Eine Frau vom Trittbrett gestoßen. Gestern um 6 Uhr nachmittags stieß der 36jährige Geschäftsvertreter Moritz Neubauer aus Prag XII., als er sich in einer Gasse in Holleschowitz mit seinem Auto P. 29.060 zwischen dem Gehsteig und einem stehenden Motorwagen der 14er Linie« hindurchzwängen wollte, eine Frau., die eben einsteigen wollte, von den Stufen des Wagens und überfuhr sie. Die Frau, die als die 55jährige Gattin des Bohnitzer Jrren- hauswärters Marie Mala sichergestellt wurde, erlitt eine schwere Gehirnerschütterung und zahlreiche Quetschwunden und wurde von Neubauer auf die Klinik Jiräsek gebracht..Neubauer wurde der Wagen und der Führerschein beschlagnahmt- Arbeitsunfall bei Ringhoffer. Gestern früh fiel bei der Arbeit in den Smichower Ringhofferwerken der 25jährige Metallarbeiter Wenzel Albrecht aus Zijjkov aus etwa einem Meter Höhe auf eine am Boden liegende Traverse und wurde mit mehreren Rippenbrüchen auf die Klinik Schlosser gebracht. Sonder.AusslugSzng in die Hohe Tatra. Das Referat der Ausflugszüge der Tschechoslowakischen Staatsbahnen veranstaltet vom 11. bis 19. Jänner 1936 einen Sonder-Ausflugszug in die Hohe Tatra zum Preise von 560 Kö. Im Preise ist die Verpflegung inbegriffen.- In der Hohen Tatra findet zu dieser Zeit das internationale Hockey-Turnier statt. Anmeldungen und Informationen im Referat der Ausflugszüge im Basar neben dem Wilsonbahn- hof, Telephon 383-35. Der traditionelle Angestevten-Ball, der Ortsgruppe Präg des AÜ-Ä-Ver findet am 29. Feber (Samstag) im Hckinesaal statt. Reklamationen an die Ortsgruppenleitung, Prag II., Füg- nerovo näm. 4. Iümst und Mssen Gertrude JenningS:„Familienaffären".(Stände- theater, Gastregie von K. Jernek.) Die fortlaufenden Affären der Familie Madehurst, die drei Akte der unterhaltenden Komödie der englischen Dramatikerin ausfüllen, scheinen die alte Wahrnehmung zu bestätigen, daß„eine Familie Sorgen am laufenden Band bedeutet". Der Zerfall der bürgerlichen Gesellschaft hat auch vor dem geheiligten Heim der Engländer keinen Halt gemacht; die englischen Romanschriftsteller liefern Beweise. Doch im Gegensatz zu ihnen findet G. Jennings in der altweisen Mutter die Stütze und Retterin der zerfallenden Gemeinschaft. Denn es ereignen sich schlimme— wenn auch nicht ganz ungewöhnliche— Sachen. Der jüngste Sohn, sonst die Anständigkeit selbst, ist aus den Krallen einer verführerischen verheirateten Frau zu retten, die junge Frau des Enkels hat sich in einen feschen— Friseur verliebt, der zweitälteste Sohn zeigt keinen Hang zur Opfer willigkeit für die Familie— und endlich kehrt der von der Mutter totgeglaubte älteste Sich» mit der schlimmen Vergangenheit von Jamaika zurück, um Geld zu fordern. Die Mutter rettet den jüngsten Sohn und die bürgerliche iunge Frau vor einer „Mesalliance" mit dem Friseur, weiß tapfer dem Geiz des anderen Sohnes zu begegnen und opfert das alte Familienhaus, um dem Schwarzen Schaf der Familie zur abermaligen Flucht und neuer Existenz zu verhelfen. Das Stück zeigt einige sicher und scharf gezeichnete Figuren, wie den verlorenen Sohn Sidney,(Herr Rnbik), den Choleriker Herbert(Herr Devl) vor allem aber die köstliche Figur der komischen Tante Amy(von Frau Baldovst mit unwiderstehlichem Humor gespielt) und der Lady Madehurst. deren Rolle als der ein wenig übertrieben körperlich gebr chlichen und geistig frischen Mutter die frühere dramatische Hauptdarstellerin Frau Dostalovä übernommen hat. Ihnen galt auch der ^-Eall. Auch die Margret Hamilton der Frau Be- chynovä, die Julie der Frau Sudovä a. G., die Sarah der Frau PaöovL, sowie die übrigen verdienen Erwähnuna. Eine schnellere Abwicklung des dritten Aktes würde die freundliche Aufnahme noch erhöhen.' m. i. Arbeitervorstellung„Martha", romantisch-komische Oper, am Sonntag, dem 12. Jänner, um halb 8 Uhr nachmittags. Karten ab Donnerstag, täglich von 8 bis 2, 4 bis 6 Uhr, bei Optiker Deutsch, Koruna. Spielplan des Neuen Deutschen Theaters. Dienstag 8: Das kleine Bezirksgericht, A2 — Mittwoch halb 8: Große Lieb e, Ensemblegastspiel des' Theaters in der Josefstadt, B 1.— Donnerstag halb 8: Figaros Hochzeit. Gastspiel K. A. Neumann, C 2.— Freitag 8 Uhr: DaskleineBe, irksgericht. Dl.— Samstag 7 Uhr: Das Land des Lächelns, Tbeatergemeinde der Jugend. Abonnement aufgehoben, balb 11 Uhr: Bouleboule gewinnt Erstaufführung, Gastspiel Bressart, Abonnement aufgehoben. Spielplan der Kleinen Bühne. Dienstag 8 Uhr: Jimmys Bar, Gastspiel R"sa Valetti, Bankbeamte II und freier Verkauf, Mittwoch 8 Uhr: Jimmys Bar. Gastspiel Valetti, Bankbeamte l— Donnerstag 8: Anna sagt nein.— Freitag 8: W i r werdenbeobachtet.— Samstag halb 8: Die Dame mit denTür- k i s e n, Erstaufführung. Adina Mandlovä in„Komödiantenprinzeffin." Der Dlm Charlie Chan in Paris Innerhalb der Gattung Kriminalfilm, deren Unwert ebenso außer Zweifel steht wie ihre Einträglichkeit, sind die amerikanischen Filme von Charlie Chan, dem Chinesendetektiv, schon wegen ihrer originellen, von dem Schauspieler Warner O l a n d mit behutsamem Humor verkörperten Hauptfigur nicht die schlechtesten. Der Fall, den er in Paris aufzuklären hat, ist so verwickelt wie es sich gehört: es ist eine Aktienfälschm.g, deren Urheber sich abwechselnd als Bettler verkleiden und in dieser Maske auch noch zwei Morde begehen, um den Verdacht abzulenken und die Untersuchung zu erschweren, an der diesmal auch der Sohn Charlie Chans(den Kehe Luke spielt) beteiligt ist. Der Regisseur Lewis Seiler hat die Sache so spannend dargestellt, wie sie erfunden ist— und daß die vielen Gespräche, die nun einmal zum Kriminalfilm gehören, den Gesetzen des Films widersprechen, ist nicht seine Schuld.—eis— Ich war Jack Mortimer. Wenn man das Verzeichnis derer betrachtet, die an diesem neudeutschen Film mitgewirkt haben, und dann den Film selbst sieht, wird einem sonderbar zumute. Der Roman, der als Vorlage diente, stammt von Lernet- H o l e n i a, der einst ein Demetrius-Drama und Gedichte im Stile Rilkes schrieb, der Regisseur ist Karl Froelich, der Mitschöpfer der unvergeßlichen„Mädchen in Uniform", und unter den Hauptdarstellern befindet sich Eugen K l o e p f e r, der mit Baffermann, Krauß und Kortner einst zu den hervorragendsten Darstellern der deutschen Bühne gehörte- Aber was hat man— im Zeichen der deutschen Kunst-Erneuerung— mit solchen Kräften gemacht? Einen Kriminalfilm, dessen Ideen zum guten Teil von der Drei-Groschen-Mystikerin Thea von Harbou stammen, die Geschichte von einer Leiche im Auto- Taxi, die Anlaß gibt, die gesellschaftlichen Abenteuer des Ermordeten mit einer Kapellmeistersgattin und das nicht minder romantische Doppelleben des Taxi-Chauffeurs zu enthüllen. Es ist eine beinahe pathetische Geschichte von jener mondänen Art, die Ernst Lubitsch in seiner„Flucht aus dem Paradies" mit Recht ironisiert hat, weil sie elegante Schundliteratur und nichts weiter ist. Herr Froelich hat den Film auf Spannung inszeniert, aber da er sich dem ungeschriebenen Gesetz des neudeutschen Films unterworfen hat, das gebietet, die besten Darsteller in die kleine..» Rollen und einest affektierten Star(wie Herrn Wohlbrück) in den Mittelpunkt zu stellen, hat er nicht einmal die vorhandenen theatralischen Möglichkeiten voll ausschöpfen können. Üua der Nortel Deutsche sozialdemokratische Bczirksorzanisation Prag. Freitag, den 10. Jänner 1936, wichtige Sitzung der Bezirksvertretung, zu der das Erscheinen aller Mitglieder der Bezirksvertretung erwünscht'st. Tkrunsnachdchizn, Deutsche Volkssinggemeinde Prag: Dienstag, den 7. Jänner, um 7 Uhr abends Probe des Frauenchors, um 8 Uhr des gemischten Männerchors. Da wir bereits am Mittwoch bei der Jahresversammlung der Angestell tengewerkschaft mitwirken wollen, wird um vollzähliges Erscheinen ersucht. Freie Bereinigung sozialistischer Akademiker. AuSschußsttzuug: Donnerstag, 9. Jänner, um 18.30 im Parteiheim, Mrodni tri da Nr. 4. Allgemeiner Angestelltenvrrband. Mittwoch, den 8. Jänner, um halb-8 Uhr Jahresversammlung im großen Saal des Handwerkerheimes. SPD-Flüchtlinge. Donnerstag, den 9. Jänner, von 6 bis balb 8 Uhr Zusammenkunft mit Ausschußneuwahl im Heine-Restaurant. Fochobä tr. 25. Hunde, die Ihren Mann nähren Aus London wird unS geschrieben: In England entfaltet sich in bemerkenswerter Weise ein ganz neues Gewerbe, das direkt und indirekt Tausenden von Personen zur Arbeit verhilft. ES ist dies das Gewerbe der Hundezüchter. Heute gibt eS in England fast 3 Millionen Hunde, um 900.000 mehr als vor 15 Jahren und um eine Million mehr als vor dem Kriege. Das Interessanteste daran ist, daß diese Zunahme gerade bei Hunden mit einem Stammbaum zu verzeichnen ist. Der„Kennel Club", das ist der Klub der Hundezüchter, verzeichnet allein fast 601.000 Hunde mii Stammbaum. Vor dem Kriege gab es in England bloß 19.000 Hunde mit einem Stammbaum. Zur Popularisierung des Hundes rrug in hohem Maß auch der Umstand bei, daß die modernen Eheleute nicht so viele Kinder haben wollen als ihre Eltern und Vorfahren hatten und weil sie im Hunde einen ergebenen Kameraden erblicken. Ebenso wurden auch die Kinder größere Hundefreunde als es früher der Fall war. Man ist der Ansicht, daß es in Großbritannien heute etwa 20.000 Hundezüchter gibt, von denen eine gute Hälfte Frauen sind. Diese verkaufen jährlich für eine halbe Million Pfund oder für etwa 60 Millionen Kö die von ihnen gezüchteten Hunde größtenteils nach dem Auslande. Die Züchter verraten nur selten die Preise, die sie für ihre Lieblinge erhalten, es ist aber bekannt, daß erstklassige Champions für 500, ja auch für 1000 Pfund, hauptsächlich nach Amerika verkauft wurden, und daß Preise von einigen hundert Pfund ganz üblich sind. Das einträglichste Gebiet oer Hundezüchter ist die Zucht von Renn-Windhunden, deren es in England an 50.000 gibt und deren Preis sich um 50 bis 75 Pfund bewegt. Auf diese Weise wurde dieses Gewerbe sehr einträglich und zahlreiche Landwirte widmen sich ihm völlig, weil sie auf diese Weife in hohem Maße, ihre Einkünfte ergänzen, wobei sie noch anderen Leuten,, insbesondere Mädchen, Arbeits- und Verdienstmöglichkeit bieten. i Wenn man rechnet, daß das Fressen, Arzneien und verschiedene andere für den Hund aufgewendete Kleinigkeiten wöchentlich einen Schilling kosten, bedeutet dies, daß in England jährlich an acht Millionen Pfund bloß für diese Sachen auSgegcben werden. Dabei hat es aber dieses Gewerbe, das jährlich tausende und aber, tausende Personen beschäftigt, ergent- lich nur mit den Nachkommen von etwa 80 erstklassigen Stämmen zu tun; von denen heut« der grobhaarige Terrier der beliebtest? ist. Seinerzeit wurde per feinhaarige Terrier als der König der Hunde gewertet. Jetzt ver zeichnet ihrer der Kennel Club jährlich bloß 2100 gegen 7300 grobhaarige. Eine gleich große Abnahme verzeichnet die Dogge, deren es noch im Jahre 1926 8058 gab, welche Zahl im Jahre 1933 auf bloß 2615 gesunken ist. Für das kommende Jahr wird eine noch weit größere Zunahme der Gesuche um die Konzessionsverleihung erwartet. Die Indianer sterben au§. Die Regierung der Staaten verausgabt jährlich einige Millionen Dollar, um in den Jndianerreservaten die alten Gebräuche und Kultur der Indianer aufrechtzuerhalten. Aber dieses' Ziel gelingt immer weniger. Allein in den weiten und wenig besiedelten Flächen von Arizona, Neu-Mexiko und Texas haben die Indianer noch etwas von ihrer Eigenart bewahrt. Aber auch dort zerstören Radio, Autos und Touristen immer mehr die indianischen Sitten. Am bedrohlichsten aber ist die ständige Abnahme ihrer Zahl: es gibt heute insgesamt nur noch 332.000 Indianer. Auch rein körperlich gehen die Indianer langsam zugrunde Es war vor kurzem eine Sensation, als bei einem Sportmeeting in Buffalo die indianische Mannschaft selbst bei indianischen Sportübungen (Reiterspiele, Pfeilschießen und anderes) von „Bleichgesichtern" glatt geschlagen wurden. Rochelle Hudson spielt neben Shirley Temple in dem Fox-Film „Seine Keine Freundin". PBAG Atus Prag ladet Sie zu dem am Samstag, den 25. Jänner 1936, unter der Devise„Fahrendes B o l k" im Saale des„Hasicsky düm", Prag XII., Rimskä 45.(Mala opereta) stattfindenden Masken- und Kostüm ball ein. Jeder kann anziehen, was er hat. Musik besorgt Kapelle Papert. Im Keinen Saal Schrammelmusik. Ueber- raschungenl Beginn 20 Uhr. Eintritt 10 Xc inK. Steuer. §pori-§piek- Xorperp|tege Prager Fußball. Die beiden„S" eröffneten am Sonntag ihre„Frühjahrssaison" mit TrainigS- spielen. S l a v i a hatte sich S K N a ch o d als Partner verschrieben und gewann dank ihrer guten Verfassung über die nur zeitweise ambitioniert spielenden Nachoder mii 5:0(1:0).— Sparta schlug den Divisionsverein Rapid 9:0(1:0), wobei aber ihr Sturm-.ur durch Einzelleiftungen glänzte und als Gesamtes wenig beftiedigte.— Das Turnier um den Winterpokal wurde am Sonntag beendet und sah Piktorrä' Zizkov als Gesamtsieger vor dem SK Nusle. Die beiden restlichen Spiele brachten folgende Ergebnisse: SK Kladno gegen Cechie Karlin 1:0(1:0) und Viktoria Zizkov gegen SK Nusle 2:2(0:0). Zidenice Brünn hat in Portugal weiterhin ken.e Lorbeeren geerntet. In Coimbra wurden die Brünner von einem Studententeam mit 5:3(3:0) geschlagen. Es soll der schwächste Gegner der Brünner gewesen sein und da kann man sich vorstellen, in welcher Verfassung sie gewesen sein müssen. Run folgen die Spiele in Spanien— d. h. also Fortsetzung der Niederlagen. Die Moskauer Auswahlmannschaft trug' am Sonntag inLhon gegen den dortigen Arbeiterfuß- ballklub ein Spiel aus und siegte 11:0. Wiener Fnßball. Fav. AC gegen Red Strr 8:1, Helfort gegen Wacker 5:2, Äustria gegen WAF 6:1, Ostbahn 11 gegen WAC 4:3. Eishockey. In Paris spielten Francais Volants gegen Kensington Corinthians 3:3. Die norwegische Eisschnrllaufmristerschaft gewann Ballangrud vor Mathiesen und Staksrud. Ballangrud siegte über 1500 und 10.000 Dieter rn 2:22.4 bzw. 17:28.9 Min., während Mathiesen die 5000 Meter in 8:34.3 Min. an sich brachte. HDW und Svaz zur Razi-Winter-Olympiade. Diese beiden Verbände sind jetzt sehr beschäftigt um das geeignete Material zu finden, welches sie ehlenboll auf dieser Veranstaltung vertreten soll. Es ist' schließlich kein Wunder, wenn die Sportler des HDW dabei mehr ins Zeug gehen aks jene des Svaz. In Seifenbach fanden Sonntag sogenannte Ausschei- dungskämpfe statt. Vormittags wurden dreimal sechs Kilometer gelaufen. Von den 36 Sportlern siegte G. Berauer(HDW) in 1:00:51.8 vor Musi« (Svaz) in 1:01:09 Std. Am Nachmittag wurde ein Abfahrtslauf kombiniert mit Slalom durchgefübrr. Es siegten bei den Männern Pick(HDW) in 3:^5.7 und bei den Frauen Z. Wünsche(HDW) in 2:29 Min. Die Springer beider Verbände trainierten am Montag im Dritten Reich.— Man muß schon feststellen,/daß die bürgerlichen Verbände Geld wie Heu haben müssen, um all die vorläufigen Kosten bestreiten zu können, denn daß diese die Sportler aus eigenem tragen, scheint niemanden einleuch.en zu wollen. Und doch: es ist zum Fenster hinaus- geworfenes Geld, das zu Hause nutzbringender angelegt werden könnte, als ein abwirtschaftendes System noch gute Devisen hinzutragen... Sowjetrusfische Schwerathletik. In Moskau erreichte Mechanik vom Sportklub.Lokomotive" im Leichtgewicht links Reißen eine Leistung von 82 Kilogramm, welche um zwei Kilogramm besser ist als der bürgerliche Weltrekord. GEDENKET bei allen Anlässen der Arbeiterfürsorge! Bezugsbedingungen: Bei Zustellung ins Haus oder bei-Bezug durch die Post monatlich liö 16.—. vierteljährig Xi 48.—. halbjährig KC 96.—. ganzjährig KC 192.—.— Inserate werden laut Tarif billigst berechnet. Bei öfteren Einkchaltungen Preisnachlaß.— Rückstellung von Manuskripten erfolgt nur bei Einsendung der Retourmarken.— Die Zeitungsftankatur wurde von der Post- und Tele- '-ivbendirektiou mit Erlaß Nr. 13.800/V1I/1930 bewilligt.— Druckerei:„Orbis". Druck-. Verlags- und Zeitungs-A.-G.. Prag.