Einzelpreis 70 Heller (•iMchließllch 5 Heller Porto} IE NTRALORGAN DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung präg xiufochova«2. telefon 5X77. HERAUSGEBER: SIEGFRIED TAUB. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR 1 DR. EMIL STRAUSS, PRAG. 16. Jahrgang Mittwoch, 8. Jänner 1936 Nr. 6 Keine„Volksfront“ in Belgien Brüssel. Ter Borstand der Sozialistischen Arbeiterpartei hat mit 45 gegen 24 Stimmen bei 6 Stimmenenthaltungen eine Resolution angenommen, welche die Taktil eines gemeinsamen BorgehenS der Sozialisten mit den Kommunisten, wie sie z. B. in Frankreich diese beiden Parteien durch die Bildung der sogenannten Volksfront verwirklichten, a b l e h n t. Die Resolution spricht sich dagegen aus, daß die sozialistische Arbeiterpartei ein gemeinsames politisches Kartell mit den übrigen Parteien aus Grundlage der Gleichberechtigung der Parteien bilde. Die Resolution erklärt, daß sich die belgische sozialistische Arbeiterpartei ihr« Initiative in der Organisierung der Propaganda und des Kampfes gegen de« Faschismus und den Krieg wahren«nd die übrigen Parteien zu einer Zusammenarbeit aus diesem Gebiet« der politischen Tätigkeit einladen müßte. Zurück zur Verfassung I Neuwahlen In Spanien am 16. Feber Madrid. Der Präsident der Republik «ntrrzeichnete in der Sitzung deS MinisterrateS ein Dekret, mit welchein das Parlament aufgelöst wird. Die Neuwahlen werden am 18. Feber, die Stichwahlen am 1. März stattfinden. Tas neue Parlament wird am 18. März zu- fammrnrrrten. Durch ein weiteres Dekret des Präsidenten werden die versaffungsmäßigen Garantien für ganz Spanien wirderhergestellt. Tics bedeutet die unbegrenzte Versammlungsfrei h e i t,Unverletzlichkeit der Wohnung, Sicherung gegen willkürliche Verhaftungen«nd Abschaffung der Preffezensur. Farmerhilfe verfassungswidrig GroBe Konfusion durch ein Gerichtsurteil Washington. In politischen Kreisen hat das Erkenntnis des Obersten Gerichtshofes betreffend die Verfassungswidrigkeit des Agrargesetzes große Erregung hervorgerufen. Die Fonds, aus denen den Landwirten Unterstützungen für die Einschränkung der Produktion ausgezahlt wurden und die den Betrag von 1130 Millionen Dollar erreichten, hören auf zu funktionieren, wodurch 85.000 Angestellte des Amtes für die Unterstützung der Landwirte arbeitslos geworden sind. - Der Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Kongreßausschufses Jones hat angedeutet, daß die Staatsverwaltung das landwirtschaftliche Budget vor dem Kongreß in der Weise erhöhen würde, daß hinreichende Gelder für die Erfüllung der»moralischen Verpflichtungen zu den den Landwirten schüldigen Auszahlungen" zur Disposition seien. Der Führer der Arbeiterorganisationen Green sprach sich dahin aus,' daß die Notwendigkeit einer Verfassungsander u n g nie so klar zutage getreten sei wie jetzt. Auch Seite amnestiert Eine Prager, Abendzeitung bringt die Nachricht, daß unter denjenigen österreichischen Sozialdemokraten, welche der Amnestie nicht teilhaftig geworden sind, sich auch die früheren Mitglieder des Parteivorstandes der, österreichischen Sozialdemokratie, Kaxl Seitz und RoscT Iochmann befinden. Dazu erfahren wir, daß diese Nachricht nicht richtig ist und Seitz gleichfalls amnestiert ist. Frau Rosa Jochmann wurde nur deswegen nicht amnestiert, weil sie die Strafe bereits abgebüßt hat..., Neuer Berater des Nesus Addis Abeba. Am Dienstag traf in der abessinischen Hauptstadt der junge Doktor der Rechte der amerikanischen Harward-Universität I. H. Spencer ein..Er wird der neue politische Berater der abessinischen Regierung sein. Sein Vorgänger in dieser Funktion war der schwedische General Virgin, der aus Gesundheitsgründen auf diese Funktion Verzicht" leistete. Defensivpakt London-Paris Militärische Zusammenarbeit genau fertgelegt perfekt Paris. Die letzten britische» militärischen Sachverständigen haben, wie die Pariser Ausgabe der„New Jork Herold Tribüne" meldet, am Montag Paris verlaffen. Die technische Ausarbeitung des französisch-englischen Planes für die militärische Zusammenarbeit auf Grund des 8 3, Artikel 18 des Völkerbundpaktes, zwischen den Sachverständigen der beiden Generalstäbe hat sechs Wochen in Anspruch genommen. Nunmehr sind Frankreich und England fürjrde Möglichkeit zu Land und zur See vorbereitet. Dem Vernehmen nach sieht der Plan die unverzügliche Mobilisierung der beiderseitigen Luftstrei tkräfte, Kriegsflotten nnd Armeen im Falle eines unprovozierten Angriffes vor. Außerdem stellen beide Länder ihre Flottenstützpunkte» Arsenale«nd Docks einander zur Verfüg,mg. Großbritannien verpflichtet sich außerdem, den Schutz eines Teiles der französischen Küste «nd den Luftschutz einiger großen französischenJndustriezentren zu übernehmen und im Notfall« seine motorisierten Truppen hinter der französischen südöstlichen FrstungSzone zu placieren. Französisches Geschwader an der Marokko-Küste London.„Daily Telegraph" meldet, daß die sechswöchige UebungSfahrt eines imächtigen französischen Geschwaders an der Küste von Marokko der Beitrag Frankreichs zu den Vorsichtsmaßnahmen sei, die im Zusammenhang mit der politischen Lage im Mittelmeer ergriffen würden. Das zweite französische Geschwader, das am Dienstag von Brest auslaufe, werde niemals weit von Gibraltar entfernt sein und könne im Ernstfälle das östliche Mittelmeer in drei bis vier Tagen erreichen. Eine andere bedeutsame'Maßnahme Frankreichs sei der mit großer Eile in Angriff genommene Ban eines neuen Flottenstützpunktes in Mertz. rl Kebir bei Lr«n in Algerien. Athen. Im PiräuS sind vier englische Torpedobootzerstörer eingelaufcn. Drei weitere Zerstörer werden erwartet. 320 km Stacheldraht Aus Alerandria meldet der Reuterhericht- erstatter: Die Italiener haben Stacheldrahtverhaue quer durch die Libysche Wüste längs der Grenze von Libyen und Aegypten in einer Länge von 320 Kilometer gezogen. Sie bedrohen jeden, der bei dem Versuche betroffen I wird, diese Grenzen zu überschreiten, mit der Todesstrafe. In regelmäßigen Abständen sind längs dieser Linie italienische Wachtposten mit Maschinengewehren aufgestellt. Zahlreiche Fälle werden gemeldet, daß britische Militärflugzeuge über. diesen Drahtverhauen buchstäblich Seite an Seite mit italienischen Flugzeugen fliegen. Die Piloten begrüßen einander durch Händewinken und fliegen dann weiter längs der Grenzlinie. Militärische Vorbere'tvngen Englands in Ostafrika London. Die englische Regierung hat be- schloffen, in Mombasia(Kenia), Hem britischen Hauptstützpuukt in Ost-Afrika, demnäckist wichtige Vcrteidigungswerke zu errichten. Bereits im Verlaufe der nächsten vier Wochen werden schwere Geschütze und eine Anzahl von Scheinwerfern in Mombasia eintreffen. Gleichzeitig wird aus den in Mombasia ansässigen britischen Angenieuren und früheren Artilleristen ein Frciwilligenkorps gebildet werden. Neue Truppen für Badoglio Rom. Nachdem die Verschiffung der für die Somalifront bestimmtet, SchwarzhemdendU- sion Tevere bereits abgeschlossen ist, beginnt jetzt die Ausreise der, Alpendivision V a l P u st e r! a. Dienstag abends ist bereits der zweite Transport von Neapel in See gegangen. Die aus den alten Regimentern gebildete Division zählt über 12.000 Mann. Schwere Regengüsse an der Nordfront Militärische Operationen gegenwärtig unmöglich Addis Abeba. Wie von der Nordfront gemeldet wird, machen außerordentlich stärke Regenfälle gegenwärtig jede militärische Operation unmöglich. Seit sieben Tagen regnet es im abessinischen Hochland ununterbrochen, eine Erscheinung, die seit 1007 zum erstenmal wieder auftritt, da normalerweise die kleine Regenzeit erst Mitte März einsetzt. Die Italiener benützen jede regenfteie Stunde, um ihr Bombardement an der Nordfront, insbesondere im Gebiet von Schirr und Wollait, fortzusetzen. Tie italienischen Truppenzusammenziehungen im Süden von Dolo an der Somalifront werden fortgesetzt. Tie Italiener haben die Provinz Ogaden jetzt gänzlich geräumt. Die Frontlinie verläuft jetzt von Nal-Ual über Gerlogubi, Gorahai, Kuban, direkt südlich auf Act und Dolo. Schweden appelliert an den Haager Gerichtshof Paris Wie Havas aus Stockholm meidet, beabsichtigt dir schwedische Regierung den Haager Internationalen Gerichtshof non dem Bonibardc- ment des schwedischen Feld-Lazaretts in Abessinien durch italienische Flugzeuge zu verständigen und ihn zu ersuchen, eine Entscheidung bezüglich^er Entschäd'gung zu treffen, welche Jtanm den Familien der schwedischen Opfer dieses Bombardements bezahlen soll. An schwedischen amtlichen Stellen wird bemerkt, daß Italien n i ch t in der Lage sein wird» die Arbitrage abzulehnen. j Schon wieder ein..Irrtum" Nach einer Meldung aus Berber« in in Britisch-Somaliland haben 2 italienische Flugzeuge die Angehörigen eines unter britischem Schutze stehenden Eingeborenenstammes, die in der Nähe der Grenze seine Wafferplätze besuchte, irrtümlicherweise mit Bomben belegt. Menschen scheinen nicht zu Schaden gekommen sein. * In Berbera eingetroffene Meldungen besagen, daß die Abessinier zwei italienische Flieger erschossen haben, die infolge eines Motordefektes in der Umgebung von Dagabur landen mußten. Dem dritten Mitglied« der Besatzung dieses Flugzeuges gelang es zu Aüchten, er wurde aber später ergriffen und gleichfalls erschossen,. 800.000 Arbeitslose Ein Warnungssignal ist die Statistik der Arbeitslosen vom 31. Dezember: im letzten'Mo- nat des Lahres 1935 hat die Zahl der Arbeitslosen um fast 120.000 zugenommen. Während seit dem Sommer 1935 die Ziffern der Arbeitslosen ungefähr gleich hoch waren wie ein Jahr vorher, hat die Arbeitslosenkurve in den letzten Tagen des Jahres 1935 diejenige von 1934 weit überstiegen. Ende 1934 betrug die Zahl der Arbeitslosen 752.328, in den letzten Dezembertagen 1935 ist sie auf 797.190 angewachsen.. Bezeichnend ist, daß die Entwicklung, wie sie aus deut Ziffern der Arbeitslosenvermittlungsämter hervorgehen, etwas anders erscheint, als aus der Statistik der Zcntralscgialversicherungs- auftalt. Während bei den Arbeitsvermittlungsämtern die Zahl der Arbeitslosen gezählt wird, werden bei der Zentralsozialversicherungsanstalt naturgemäß die Ziffern der Beschäftigten erhoben. Aus den letzten Zahlen der Zentralsvzialversicherungsanstalt, die uns zur Verfügung stehen, geht hervor, daß die Zahl der Versicherten im Oktober 1935 2,089.000, im Oktober 1934 jedoch 1,994.000 betragen hat, so daß es also im Monat Oktober um 75.000 mehr Beschäftigte gegeben hat, als ein Jähr vorher. Obwohl also die Zahl der Beschäftigten in inuncr- hin beachtenswerter Meise ansticg, steigt auch die Zahl der Arbeitslosen, woraus zu ersehen ist, daß die Zahl der Arbeitsfähigen und Arbeitsuchenden rascher wächst, als die Zahl der Beschäftigten. Der Warnungsruf, der uns da aus den Arbeitslosenziftern entgegentönt, wird um so mehr gehört werden müsien, als die wirtschaftlichen Weihnachtsbnrachtungen der Presie auf keinen übermäßig pessimistischen Ton gestimmt waren. E? kennte festgestellt werden, daß unsere Ausfuhr in den ersten elf Monaten 1935 um etwa 700 Millionen KL größer war, als in der gleichen Zeit 1934 und daß der Index der Erzeugung in der Tschechostowakei ungefähr 80 Prozent der Produktion aus den Konjunkturjahren erreicht hat. Obwohl sich also 1935 eine Zunahme der Produktion und des Handels ergab, steigt dennoch die Zahl der Arbeitslosen, ein Beweis dafür, daß bei erhöhter Produktion doch kein nennenswerter Abbau der Arbeitslosenarmee erfolgt ist. Die Rationalisierung ist eben auch in.her Krise weiter fortgeschritten, eine geringere Zahl voft Arbeitern kann eine größere Menge von Gütern erzeugen. Daraus, erfolgt mit großer Deutlichkeit die Lehre, daß wir den schädlichen Folgen der Rationalisierung nur durch eine Verkürzung der Arbeitszeit entgegentreten können. Von Tzech bis Nekas haben die Minister für soziale Fürsorge sich bemüht, den Gesetzentwurf über die Verkürzung der Arbeitszeit zu verwirklichen. Es waren die bürgerlichen Parteien, welche sich dieser segensreichen Maßnahme entgegengestellt haben und auf ihnen lastet vor allem die Schuld, daß die Zahl der Arbeitslosen augenblicklich höher ist, als ein Jahr zuvor. Möge die warnende Statistik der Arbeitslosen vom 31. Dezember 1935 bei den bürgerlichen Parteien nicht ungehört verhallen! Inzwischen müsien wir aber für die 800.000 und vielleicht bald ncch mehr Arbeitslosen in den Minterwochen und-Monaten sorgen. In der staatlichen Winterhilfe darf keine Verzögerung eintreten und wir müsien schon heute verdangen, daß diese Hilfe über den Feber hinaus verlängert wird. Es bestehl wenig Aussicht, daß bis zum Eintritt des Frühjahrs und der neuen Bausaison die Zahl der Arbeitslosen vermindert wird. Es darf daher keine bürokratischen Hemmungen geben angesichts der Masiennot, vor der wir stehen, es darf keinen Unterschied geben, wenn man hungernden Menschen hilft. Die Parteilichkeit der sogenannten Sudetendeutschen Volkshilfe, zu ver sich der Bund der Deutschen hergegeben hat und die nichts anderes ist. als ein politisches Instrument des Herrn Henlein und seiner Kameraderie, ist verwerflich und unsittlich, muß verurteilt und verabscheut werden, da man nur jenen etwas gibt, die ihre Seele verkaufen müsien, um ihren Magen zu füllen. Es muß aber auch gesagt werden, daß innerhalb der Regierung alle Maßnahmen getroffen werden müssen, um das Aergste von den Menschen abzuwenden. Wir brauchen ausgiebige Hilfe und eine planmäßige Wirt- Seite 2 Mittwoch, 8. Jänner 1836 Nr. 6 schaftspolitik. Gewiß, die Regierung hat einiges getan, um das Gespenst des Hungers zu verscheuchen, sie hat eine wirklich großzügige Winterhilfe ins Werk gesetzt und wir wünschen nur, daß dies« Hilfe den Bedürftigsten auch tatsächlich zuteil wird. Die Regierung hat auch mit der Herabsetzung deS Zinsfußes das Werk des wirtschaftlichen Wiederaufbaues in Angriff ge- nonunen. Sie muh darin fortfahren, um durch ein ganzes System von Maßregel n, durch einen Wirtschafsplan die Räder der Wirtschaft wieder in Bewegung zu bringen. Der 18. Dezember, der Tag der Präsidentenwahl, hat die Demokratie aus Jahre hinaus gefestigt und gesichert. Nun rst es unsere Aufgabe, den Trägern und Stützen, den verläßlichsten Kaders der Demokratie, Brot und Arbeit zu beschaffen. Der 18. Dezember war einer st er Schritt, nunmußder zweite folgenl Baisse an der Börse Die Arbeitslosenziffern setzten auf der gestrigen Prager Börse dem ununterbrochenen Aufstieg gewisser Jndustriepapiere ein plötzliches Ende. Nordbahn-Aktien gingen um 200 Kc, Eestomoravstä um 12V, Berg und Hütten um 100 und Skoda-Aktien um 47 Xi pro Stück zurück. Die staatlichen Anleihen waren jedoch fest. Gerade gestern führten auch die Verhandlungen des Finanzministeriums mit den Geldinstituten wegen Prolongierung der fälligen Feberkassenscheine— die nicht weniger als 1180 Millionen XL ausmachen— zu einem günstigen Abschluß. Der Zinsfuß der neuen, ein- und zweijährigen Kassenscheine wird nur 8.75 Prozent betragen. Dadurch verbilligt sich der Zinsendienst für die kurzfristige Staatsschuld sehr bedeutend, denn noch vor anderthalb Jahren betrug deren Verzinsung 5 Prozent. Ole Wirisffionskrlsc im Dritten Pcldi Steinende Preise und Lebensmlttelknapphelt Wachsende Insolvenzen und schwindende Einlagen Die vom Handelrdepartement der Vereinigten Staaten von Nordamerika herauSgege- benen„Commerce Reports" veröffentlichen einen Bericht über die Wirtschaftslage im Dritten Reich, dem der Londoner„Daily Herold" folgende Stellen entnimmt: „Das Bemühen der deutschen Regierung, das gegenwärtige Preisniveau zu halten, widerspricht der gleichzeitigen Tendenz, zu gesteigerter Autarkie in Rohstoffen und Lebensmitteln zu gelangen, denn in den meisten Fällen kann die Jn- landsproduktson nur mit erhöhten Kosten erweitert werden. Die großen Ausgaben der Regierung haben das Einkommen einiger Sektionen der Arbeiterschaft erhöht, und damit wuchs die Nachfrage nach gewissen Konsumgütern, besonders Lebensmitteln. Aber diese größere Nachfrage verschärft nur noch die steigende Knappheit an Nahrungsmitteln, besonders an Fett, Fleisch, Obst und Gemüse. Die Lage ist für die Nazi-Regierung so ernst geworden, daß sie dem Beispiel des mit Sanktionen belegten Italien folgen und in einigen Gegenden zwei fett- und fleischlose Tage pro Woche anordnen mußte. Zu gleicher Zeit werden Versuche gemacht, den Verkauf von frischer Sahne und hie Herstellung von kondensierter Milch zu verringern. Aber trotz all dieser Maßnahmen macht sich der Lebensmittelmangel immer deutlicher bemerkbar. Der Mangel an Schweinefleisch ist die Folge des Einfuhrrückgangs und der Futtermittelknappheit. Die Schweineschlachtungen sind von 443.000 im September 1834 auf 267.000 im August und 148.000 im September 1833 zurückgegangen. Hinzu kommt eine Krise der Verbrauchsgüterindustrie. Seit der schlimmsten Depressionsperiode im Jahre 1332 stieg die Erzeugung dieser Industrie um 25 Prozent. Aber während derselben Zeit ist der Absatz nur um 8 Prozent gestiegen. Diese Ueberproduktion hat zu zahlreichen Insolvenzen geführt. Weitere Bankrotte sind auf die Massenliquidation jüdischer Betriebe gesolgt, die auf das Geschäftsleben allgemein eine schädliche Wirkung ausüüen. Gleichzeitig ist auch der Truck auf die Reichsbank gewachsen: die Anleihen haben zugenommen, während die Goldreserven sinken. Wenn die Jndustrietätigkeit tatsächlich unverändert geblieben ist, ist das nur die Folge der hef- ttgen Bestellungen von Munition und Rüstungsartikeln. Die Lebenshaltung des deutschen Volkes hat sich nicht gehoben. Das geht aus den Bankberichicn hervor. Die Einlagen betrugen im September 1333 nur noch 4.6 Millionen, während sie im September des Vorjahres noch.67.8 Millionen be- ttagen haben. Angesichts der Lebensmittelteuerung hat das deutsche Volk wenig Möglichkeit zu sparen, und was man spart, läßt man aus guten Gründen nicht in die Hände der Regierung fallen." 621 Millionen Dollar für die Marine Washington.(Reuter.) In seiner Budgetbotschaft schätzt Präsident Roosevelt das Defizit, mit dem daS Budgetjahr am 30. Juni 1936 enden wird, auf 3234 Millionen Dollars. Präsident Roosevelt ersuchte auch um einen Kredit von 567,872.400 Dollars für die Kriegsmarine für das Jabr 1937, was mit den Krediten aus dem Vorjahr insgesamt 621,900.000 Dollars(603,500.000 i. I. 1936) ausmachen wird, die für das Jahr 1937 zur Verfügung stehen werden. Die Erhöhung des Kredites für das nächste Jahr ist hauptsächlich für den Bau von Schiffen und Flugzeugen und zur Vermehrung des Effektivstandes der Offiziere und der Mannschaften bestimmt. Verzweifelte Arbeitslose Bromberg. In der westpolnischen Kreisstadt Znin versammelten sich etwa 1000 Arbeitslose vor dem Landratsgebäude und forderten die Auszahlung höherer Winterunterstichungen. Die Menge drang ins Landratsgebäude ein und zertrümmerte viele Scheiben. Mehrere Polizeibeamte wurden entwaffnet und verprügelt. Sechzehn Personen wurden verhaftet. Die Konsumgenossenschaften bekommen Keine Subventionen! Man weiß, daß seit Jahren von den Vertretern der Gewerbepartei und in neuester Zett auch von denen der Sudetendeutschen Partei als Hauptargument gegen die Konsumgenossenschaften immer wieder ins Treffen' geführt wurde, daß diese vom Staate angeblich riesige Subventionen erhalten. Konkrete Daten waren aber von diesen Herren nie zu erlangen. Dafür sind wir nun in der Lage, mit amtlichen Ziffern aufzuwar- tcn. Unter dem Titel„Die Erwerbs- und Wirt- ichaftsgenossenschaften..ist als Band Nr. 108 eine Arbeit dcS Statt st ischen Staatsamtes erschienen, die ungemein aufschlußreich, die Dinge bis ins kleinste Detail verfolgend, die Entwicklung der Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften(mit Ausnahme der Kreditgenossenschaften) und ihre volkswirtschaftliche Bedeutung darstellt. Was zeigt uns nun diese Arbeit des Statistischen Staatsamtes in bezug auf das immer wiederkehrende Märchen von der hohen Subventionierung der Konsumvereine? Es erhielten Subventionen: X£ Landwirtschastl. Genossenschaften 53,015.000 Gewerbliche Genossenschaften.. 1,119.000 Konsumgenossenschaft«.... nichts Van- n. Wohnungszenoffenschaft« 6,757.000 Sonstige Genossenschaft«.. 1,152.000 Gesamt.. 62,043.000 Hier ist somit durch das Statistische Staatsamt unter Beweis gestellt, daß die Konsumgenossenschaften nickt einen Heller an Subventionen erhielten. Unsere Gegner werden sich freilich dadurch nicht abhalten lassen, auch weiterhin das Gegenteil zu behaupten. Internationaler sozialpolitischer Kongreß nach Prag einbsrufen Der Vorstand der Internationalen Bereinigung für Sozialpolitik hat in seiner am 4. rmd 5. Jänner in Paris stattgefundenen Sitzrtzrg beschlossen, den zweiten internationalen Kongreß für Sozialpolitik, für Ende September nach Prag einzüberufen. Dem Kongreß vorängehen wirb ber internationale Kongreß der Krankenkassen und der Kongreß des Internationalen Instituts für Wirtschaftsplanung im Haag, an dem auch Vertreter der Vereinigten Staaten von Nordamerika wie der Sowjetunion teilnehmen werden. Auf der Tagesordnung des Kongresses selbst steht die Frage der nattonalen und internationalen.Kreditleistung als Mittel zur Milderung der Krise. Referenten sind Abgeordneter Prof. Macek-Prag und Sir Arthur Salier, sowie das Problem der. Organisationsfrciheit der Gewerkschaften und das Korporativ'ystem, Darüber referieren Prof. De Vrouckerö-Brussel, Vorsitzender der Sozialistischen Internationale uvd der Rektor der Universität Toulouse, Brunot de Salaae. Das Protektorat des Kongresses übernimmt Präsident Dr. Benes. Umonbank neuerlich verurteilt. Wie bekannt, Ivurde die Böhmische Unionbank in Prag vor einiger Zeit wegen Entlassung eines Mitgliedes des Betriebsausschusses vom Arbeitsgericht verurteilt. Die Leitung der Bank scheint nun den Ehrgeiz zu haben, alle arbeitsrechticken Sttitte zu verlieren. So geschah es auch jetzt. Die Angestellten der Bank werden nach einem Kollcktivvertrag gezahlt, der auch Bestimmungen über Ortszulagen enthält. Diese Ortszulagen wurden nun in Ostrau und Bratiflava gekürzt. Das hat die Gewerkschaft Der Kampf Internationale Revue, Prag Das Jänner-Heft(Nr. 1) ist soeben erschienen. Es enthält folgende Beiträge: Ilses Hofbauer: Siez der Demokratie. Emil Franzet: Butter und Stahl. Friedrich Ott«: Der Fall Hitler. Greger Bienstock: Kämpfe um Nordchina. H. Lionel Elvin(London): Sozialismus und moderne englische Literatur. Wrltpolitik. Weltwirtschaft. Internationaler Sozialismus Aus der Sowjrtuni«. Ans dem geistig« Leben. Bücherscha«. Preis des Heftes 5 Xö, Jahrcsbezugspreiö 50 XL. Redaktion u. Verwaltung: Prag II., Lützowova Skr. 37. der Bankbeamten und der Betriebsausschuß zum Anlaß genommen, eine Anzeige wegen Uebrr- schreitung dieser Verordnung' zum Schutze d.r Kollektivverträge beim Magistrat erstattet. Daraufhin wurde einer der leitenden Direftoren der Unionbank zu einer Geldstrafe von 5000 XL verurteilt. Heute wurde über die privatrechtliche Seite beim Prager Arbeitsgericht unter Vorsitz des Gerichtsrates Dr. I i n a entschieden. Der Beamte der Filiale Bratiflava, Buchwälder, vertreten durch Genossen Dr. L a n g e r, hat den widerrechtlich abgebauten Betrag eingeklagt. Tie Klage stützt sich in der Hauptsache darauf, daß dieser Betrag kollektiv-vertraglich verbürgt und daher durch die Verordnung geschützt sei und daß überdies der Kläger gegen die Kürzung protestiert bat. Die Bank war durch Dr. Schonbaum vertreten; das Arbeitsgericht hat der Klage stattgegeben. Besserung der Staatßbahn« hält an. Die Siaatsbahnen weisen auch im Oktober 1935 gegenüber dem Vorjahr einen wenn auch nicht bedeutenden Z u w a ch s der Einnahmen aus. In den ersten zehn Monaten des Jahres 1935 be- trugen die Einnahmen aus dem Personenverkehr 624.5 Millionen(gegenüber dem gleichen Zeitraum deS Vorjahres um 22.3 Millionen mehr), die Einnahmen aus dem Frachtenverkehr 1671.8 (plus 49.9) Millionen, sonstige Einnahmen 850.3(minus 1.7) Millionen. Insgesamt betrugen die Betriebseinnahmen also 2646.6(pluS 70.5) Millionen. Die Bettiebsausgaben belaufen sich in demselben Zeitraum auf 2717.2 (pluS 54.9 Millionen. Bon dieser Erhöhung entfallen auf die Personalausgaben 23.1 und auf die Sachausgaben 31.8 Millionen.— Ende Oktober 1935 belief sich der Personalstand der StaatS- bahnen auf 146.871 Angestellte, d. i. um 1324 mehr als Ende September und um 6.388 mehr als im Oktober 1934. Davon waren 28.826 Vertragsarbeiter. Keine Verhandlungen Paris—Berlin Paris. An französischen amtlichen Stellen werden die Auslandsmeldungen über geplante Besprechungen des französischen Luftfahrtministers Denain in Berlin mit hohen deutschen und polnischen Persönlichkeiten dementiert. In Paris wird kategorisch erklärt, daß Minister Denain nicht nach Berlin fahren wird. 43 Roman von Karl Stym Copyright by Eugen Prager-V erlag, Bratiflava Ich liege im Spital. Hier ist alles freundlich und weiß, die Düren, Fenster, Wände und die Flügelhauben der Schwestern. Eine tiefe Freude ist in mir. Ich lebe!■— Ich kann nur geradeaus schauen, durchs Fenster in den blauen Himmel. Die Schmerzen sind nicht einmal so arg. Ekelhaft aber ist der impertinente Karbidgeschmack ganz hinten im Gaumen. Langsam kommen die Erinnerungen. Die Lampe, Pauls blutender Kopf, dann ein kleiner Moment, wo ich die Sonne sah und viele Gesichter über mir. Ein mageres, gelbes Gesicht beugt sich über mich. Gallon. Er öffnet den Mund und spricht. Wie von weit her höre ich meinen Namen. Gallon deutet auf das Bett neben mir. Dort liegt Hell. Er steckt ganz in Verband, bis auf Mund, Nase und Augen und rührt sich nicht, als wäre kein Leben mehr in ihm. Jetzt**:nd wir doch beide wieder da, Paul und ich, beim Kleinen, aber wie anders als wir dachten... Jallon hat kein Gips mehr und kann schon ohne Krücken gehen. Es könnte einem das Wasser in die Augen jagen, wenn er durch das Zimmer watschelt wie eine Ente. Alles Herumbasteln an ihm hat nicht viel genützt. Er aber freut sich wie ein Kind, gelingt es ihm ohne Anhalten von einer Zimmerecke in die andere zu kommen. Er unterrichtet mich über Hells Zustand. Ich kann nämlich die Ärzte durch meinen dicken Kopfverband nicht deutlich genug verstehen. Eben ist Visite. Der Chefarzt kommt an mein Bett. „Schon auf? Wie geht’s?“ Ich zucke die Achseln und sehe weg. Die freundliche Stimme beschämt mich. Vor drei Monaten wollt* ich in dieses Gesicht schlagen... Hel! gibt er eine Injektion. Der Arme biegt sieh durch und röchelt. Ich halte mir die Hände noch über die verbundenen Ohren. Gallon hockt neben mir. Sein Gesicht ist erdfahl und verzerrt. Ich glaube, er möchte dem Arzt an die Gurgel fahren. Später erzählt er mir von den zwei Dagen, von denen ich nichts weiß. Zweimal hat man in dieser Zeit schon die„Spanische" um Hells Bett gestellt und ihn aufgegeben. Ich möcht'aus und müßt' ich kriechen... In unserem Zimmer sind außer Hell, Gallon und mir noch drei Patienten. Zwei Blinddarmkranke, ziemlich langweilige Patrone, die scheinbar nicht begreifen können, wie sie von nun an ohne ihre Darmschnitzel leben sollen. Der Dritte ist das Juwel des Krankenhauses. Er heißt Max Eland und nennt nichts auf der ganzen Welt sein eigen, als eine schäbige Vagantenkluft, einen Nansenpaß und jetzt noch dazu ein Loch in seinem Bauch. Er hat irgendwo auf der Landstraße was auf gefressen; statt der miserabUgen Strafhauskost schluckt er einen halben Löffel, Hosenknöpfe und Stecknadeln und quält jetzt hier die Schwestern, daß ihre Flügelhauben nur so fliegen. Das Loch im Bauch hält ihn nicht davon ab, durch das ganze Haus zu rennen und die tollsten Streiche zu machen. Er hat immer die Lacher auf seiner Seite und verdient sich die Taschen voll Zigaretten. Unter dem Kopfpolster hat er schon ein ansehnliches Lager. Für später. Eines Tages fällt ihm ein, zu sterben. An die Fensterscheiben klatscht langweilig der Regen und macht richtige Sterbestimmung. Der Fiebermesser zeigt vierzig und Eland verdreht wie ein gottergebener Sünder die Augen. Der Chefarzt schüttelt den Kopf und Schwester Angelika weiß sonst nichts zu tun, als den Spitalsgeistlichen zu holen. Der junge Franziskaner fragt: „Willst du beichten, mein Sohn?“ „Ja!“ haucht der Spitzbube demütig. „Beichte!“ „Ich habe gestohlen!“ Eland spricht jetzt so laut, daß sogar ich es höre. „Was?“ „Sehr viel!“ „Weiter!“ „Ich lüge!“ „Du willst sagen, du hast gelogen!“ »fleh lüge jetzt!“ „Die Beichte im Angesicht des Todes darf keine Lüge sein!“ mein Sohn! „Deinem Sohne ist aber gar nicht zum Sterben zumute!“ lacht der Vagant den verdutzten Priester an. Der geht ohne Vorwurf mit tieftraurigem Gesicht. Komische Leute sind diese Priester, und doch kann man ihnen eine gewisse Hochachtung nicht ganz versagen. Bald darauf fegt Schwester Angelika herein. Ihre sonst so sanften Kinderaugen sind empört. „Sie müssen morgen das Haus verlassen. Sie— schlechter Mensch siel“ „Nur nicht gar so eilig, ehrwürdige Schwester!“ Die sanften Kinderaugen füllen sich mit Tränen. Eigentlich ist Schwester Angelika hübsch, sehr Hübsch sogar. „Warum haben sie das getan?“ Eland lacht roh. In diesem Moment hasse ich ihn fast. „So aus Langeweile!“ a Die Schwester geht, traurig über einen Verlorenen. Wirklich, diese Leute sind komisch, aber ebenso stark. Später frage ich Eland, was er anfangen wird, wenn er gehen muß. „Eigentlich wollt’ ich selbst schon gehen, weil’s jetzt auf der Landstraße auch ganz angenehm ist. Da man mich aber unbedingt draußen haben will, bleibe ich noch!“ »„Aber nachher?“ „Dan sitze ich die noch ausständigen zwei Wochen ab und wandere ein Stück weiter. Wenn der Winter kommt, fängt das alte Lied wieder an: stehlen, Strafhaus, Löffelschluk- ken und Krankenhaus bis zum Frühjahr!“ „Wie lange machst du’s so?“ 9ir. 6 Mittwoch, 8. Jänner 1S3S Seite 3 tfudetendeutsdm Zeitspiegel Geldfälscher auch in wcstböhmcn Eine groBe Anzahl von Falsifikaten im Umlauf Seit Wochenfrist häufen sich bei den Polizei- Lintern und Gendarmeriestationen Westböhmens die Anzeigen von Personen, die beim Waren- Ein- und Verkauf Falschgeld erhalten haben, Münzen sowohl wie Banknoten, bei denen es sich in den meisten Fällen um recht plumpe Nachahmungen handelt. Gleichwohl sind den Sicherheits- behörden Falsifikate vorgelegt worden— Fünf- und Zehnkronen st ücke—, deren Ausführung erkennen läßt, daß die Hersteller der Münzen gewiegte Fachleute sind, ein Umstand, der dadurch erhärtet wird, daß auch die Ver- triebsorzanisation der Falsifikate mit verblüffender Exaktheit arbeitet. Fast zur gleichen Zeit tauchten die Falschgeldstücke und-Banknoten in Karlsbad, Falkenau, Königs berg, Marienbad und anderswo auf, und nicht nur Geschäftsleute und Markthändler erschienen geschädigt, sondern auch Schalter beamte bei der Bahn und bei der P o st mutzten gelegentlich bei der Abrechnung feststellen, daß sich unter den eingenommenen Geldern Falsifikate befanden, und schließlich entdeckten auch Bahnhofsportiere beim Entleeren der in den Hallen aufgestellten Automaten Münzen, die sich im Aussehen und im Klange von echten wesentlich unterscheiden. Die zur Eruierung der Falschmünzer und ihrer Helfershelfer eingeleiteten Recherchen haben bisher ein greifbares Ergebnis nicht gezeitigt. Da die Falschmünzerbande, die das Gebiet Westböhmens systematisch mit Falsifikaten durchsetzt, bei der Verbreitung ihrer Erzeugnisse mit außerordentlichem Geschick zu Werke geht, befin den sich heute bereits größere Mengen dieser Falsifikate im Umlauf, und es ist jedenfalls nicht ausgeschlossen, laß, wenn der westböhmische „Markt" damit genügend versehen ist, die Falschmünzer ihr Tätigkeitsfeld auf andere Gebiete des Staates verlegen werden, weshalb bei der Entgegennahme von Geldmünzen und Banknoten gegenwärtig erhöhte Vorsicht geboten erscheint. Falschmünzerwerkstätte bei Leitmerltz ausgehoben Vor wenigen Tagen tauchten im Aussiger Gebiet falsche Zehnkronenstücke auf. Ihr Verbreiter und Hersteller konnte bald festgenommen werden. In einem Aussiger Kaufhause wollte dieser Tage ein Mann, den ein etwa achtjähriges Mädchen begleitete, zwei belegte Brötchen mit einer Zehnkronenmünze bezahlen, die von der Verkäuferin nicht angenommen wurde, worauf der Fremde mit einei-i anderen Geldstücke bezahlte. Aber einige Stunden später erschien er wieder, kaufte einige Kleinigkeiten und wollte auch diesmal mit einem verdächtig erscheinenden Zehnkronenstück bezahlen. Aber dieser zweite Versuch wurde ihm zum Verhängnis, er wurde festgenommen und als der 38jährige Maschinist Fridolin Elstner aus Pistian im Bezirke Leit- meritz festgestellt. Die Gendarmerie setzte ihre Nachforschungen in des Verhafteten Wohnung fort— und fand sieben falsche Geldstücke, eine Gntzform, einen Metallschöpflöffel, Metallstücke usw. Elstner wurde daraufhin dem Leitmerihcr Kreisgerichte eingeliefert.— In Pistian wurde noch eine zweite Verhaftung vorgcnommen.. Kindersegen und SdP Die SdP und der BdD machen Bevölkerungspolitik In einem Vortrag, den kürzlich ein Herr Julius Stumpf aus Bodenbach in einer Amtswaltertagung des Bundes der Deutschen in Aussig hielt, wurde darüber Klage ge- führt, daß große Kreise des sudetendeutschen Volkes den Fragen der Bevölkerungspolitik verständnislos gogenübersteheru Wenn der Geburtenrückgang weiter fortschreite, müsse der Einfluß der Deutschen bald, auf ein Mindestmaß herabsinken und jede Arbeit für Volk und Heimat werde zwecklos. Beschämend ist es, sagte wörtlich Herr Stumpf, daß nicht weniger als 166.000 deutsche Ehen kinderlos sind und eS müßten kinderlose Familienväter und die. welche weniger Kinder haben, dafür sorgen, daß alle, die den Willen zum Kind haben, auch tat. sächlich die Möglichkeit haben, Familien zu gründen und Kinder großzuziehen. Die Be- quemlichkeit sei zu groß; Verstädterung des Volkes, Lösen von der Scholle, Raffsucht und Gier nach immer neuen Vergnügungen lassen den Menschen immer mehr die Bindung mit dem Volk vergessen. Die henleinfreundliche Presse berichtet über den„ungemein gehaltvollen und gut durch, dachten Vortrag", der mit„brausendem Bei. fall" ausgenommen wurde, woraus zu ersehen sei, daß„die Ausführungen auf Verständnis gestoßen waren". So leicht hat die Lösung der Bevölkerungsfrage sich noch keiner gemacht! Herr Stumps und die Henleins ignorieren alle sozialen Ursachen des Bevölkerungsrückgangs und vor allem die Tatsache des Weltkriegs der den kriegführenden Staaten die besten Männer und Arbeitskräfte wegnahm, die Sterblichkeit im Hinterland zunehmen ließ und die Frauen in die Fabriksfron preßte, also ihrem natürlichen Beruf als Frau und Mutter entzog. Die Zahl der Eheschließungen ging in der Kriegszeit in den btteiligten Staaten um 2.2 Millionen, in Deutschland allein um 206.000, zurück. Der von allen„volksbewußten" und na- fional-christlichen Professoren, Doktoren und guten Bürgern hochverehrte Bevölkerungspolitiker MalthuS vertrat die Ansicht: man müsse der Ueberbevölkerung Vorbeugen, denn es ser am„Tische der Natur" nicht so viel Platz. Damals wurde die Sozialdemokrafie beschul- digt, daß sie mit ihrer Opposition gegen Mal- thus nur ein Schelmenstück bezwecke. Rasche Volksvermchrung begünstige Massenproletari- sierung, diese fördern die Unzufriedenheit! Und ein Herr Dr. Wagner klagte einmal: die Ar- bciter heiraten zu früh und erzeugen zu viel Kinder— Herr Stumpf aber bezeichnet die kinderlosen Ehen als Schande!, Man kann das Bevölkerungsprobleni weder in einem Vortrag, noch in einem Zei- tungsartikel gründlich behandeln: nicht einmal einzelne wichtige Abschnitte. Karl Marx vertrat die Auffassung, daß jede ökonomische Entwicklungsperiode ihr besonderes BevölkerungS- gesetz habe. Zweifellos hängt es mit der so- xialen Stellung der Frau zusammen, ob die Geburtenzahl steigt oder fällt. Intelligente und energische Frauen haben in der Regel keine Neigung, einer größeren Anzahl Kinder, als einer„Schickung Gottes", das Leben zu geben, schreibt Bebel in„Die Frau und der Sozialismus"; wenn sie aber dazu noch sehen muß, wie die Kinder hungernd dahinsiechen, well der Vater ohne Verdienst ist oder trotz seiner Arbett die Familie nicht ernähren kann, dann wird sie auf Stumpfsche Ratschläge nicht hören, die von keinerlei fieserer Einsicht in die ökonomischen, gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnisse beschwert find. Die Frauen der Besitzklasse aber hören ja überhaupt nicht hin, wenn. man von ihnen solche Opfer zur Sicherung des Volkstums fordert. Sudetendeutsche Volkshilfe in Wagstadt eingestellt Wie auS Wagstadt(Schlesien) gemeldet wird, erschien dieser Tage inr Sommerhaus des Otto Kunz, wo die Vormerkungen für die Betei- lung mit Kleidungsstücken aus der Volkshilfe vor- grnommen wurden, ein Vertreter der Bezirksbehörde mit zwei Gendarmen, erklärte die Sudetendeutsche Volkshilfe für vorläufig ringe st e l l t und verfügte die Beschlagnahme der gesammelten Kleidungsstücke mit der Begründung, die Sudetendeutsch« Volkshilfe werde nicht nach dem Erlaß des Innenministeriums durchgcführt und es seien Anstände festgestellt worden. Gendarme als Dolmetscher Im Pottdienst I Daß im sudetendeutschen Gebiet die Schal- tcrbeamten der Post«"und Bahnämter häufig die deutsche Sprache nur in unzureichendem Ausmaße beherrschen, ist bekannt, und nicht minder bekannt ist die Tatsache, daß bei kriminellen Angelegenheiten häufig die Untersuchung deswegen ins Stollen gerät, weil die mit den Erhehungen und mit den Einvernahmen der Parteien betrauten Beamten sich mit den Parteien nicht verständiger^ trn» ncn, insbesondere in ländlichen Gegenden, in denen die Leute sich der Mundart bedienen. Als besonders kratz mutz es dagegen bezeichnet werden,^atz in den beiden rein deutschen Gemeinden S(fi ö r» ficht und Miltigau bei Marienbad seit einigen Tagen Po st beamte ihren Dienst versehen, die überhaupt kein deutsches Wort per« stehen. Da anderseits die Bewohnerschaft dieser beiden Gemeinden nicht tschechisch versteht, ergeben üch in der Abwicklung des postalischen Verkehrs ft grotze Schwierigkeiten, daß di« Unzufriedenheit der Bevölkerung über diese Zustände nachgerade in Erregung umzusch'agen dreht. Es ist beiipieft- weift schwierig, an den Postämtern der beiden Ortschaften Marken zu erhalten, geschweige denn irgendeine Auskunft zu bekommen. Wenn Leute im Postamt erscheinen, um sich irgendeine Information zu holen, ergibt sich jeweils die Notwen- d gleit, einen der im Orte befindlichen Gendarmen, die der deutschen Sprache mächtig sind, al» Dolmetsch zu holen... 1 Auch 1936 keine Massen- entlassunsen Im Bergbau Prager Vereinbarung bis Jahresende verlängert Die Prager Vereinbarung zur Vermeidung von Massenentlassungen im nordböhmischen Kohlenrevier, die am 15. April 1882 abgeschlossen, seither bereits einige Male verlängert wurde und am 31. Dezember 1935 abgelaufen ist, wurde über Antrag der Union der Bergarbeiter, des Svaz hornikü und des Närodni sdrujeni vom Verein für die bergbaulichen Interessen für Nordwestböhmen mit den im Protokoll vom 12. Juli 1933 niedergelegten Klarstellungen bis 31. Dezember 1936 verlängert. Dem Punkte„e" des erwähnten Protokolls wurde hiebei folgende neue Fassung gegeben: „Die Einzelkündigungen dürfen bei den einzelnen Betrieben monatlich rin Prozent des Mannschaftsstandrs vom 1. Jänner 1936 nicht übersteigen." Damit sind die Bergarbeiter Nordwestböy- men? bis zum 81. Dezember 1936 vor Massenentlassungen geschützt. Noblesse der Duxer und Brüxer Brauerei Deutschen kann nur durch Deutsche geholfen werden Die Duxer Brauerei, obwohl aktiv, ist seht in den Besitz der Brüxer Brauerei übcrgegangen. Schon vor zwei Monaten wurden die Arbeiter der Duxer Brauerei einzeln ins Büro gerufen, um in die Lösung ihres Arbeitsverhältnisses mit 31. De- rembrr 1935 einzuwilligen. Die Arbeiter lehnten die Bedingimgen ab. Im Laufe der weiteren Wochen sanden Verhandlungen mit den Gewerkschaftlertretern, dem Gewerbeinspektorat, den Vertretern der Bezirksbehörde und Gesellschaftern statt. Zu einer Einigung kam es aber auch im Verlaufe dieser Verhandlungen nicht. Es handelt sich um sieben Arbeiter, die zwei bis drei Jahrzehnte im Betriebe beschäftigt waren. Die Bürgerliche Brauerei Brüx verpflichtete sich nur, von den sieben Arbeitern Drei zu übernehmen. Vier alte Arbeiter wurden am 31. Dezember 1935 fristlos entlassen, obwohl Lippert 33 Jahre, LanSmann 25 Jahre, Iler 18 Jahre und Sebenta 17 Jahre dort beschäftigt tvaren. Die amtliche Genehmigung zur Stillegung des Unternehmens liegt bis zum heutigen Tage nicht Vor. Als die Arbeiter dem Betriebsleiter am 31. Dezember 1935 sagten, daß, wenn die behördliche Genehmigung zur Stillegung nicht eingelangt ist, sie am 2. Jänner zur Arbeit kommen, erklärte der Herr Gesellschafter der Duxer Brauerei: „Dann lasse ich Euch eben mit der Polizei aus dem Hofe beransjaqen!" So verfahren deutsche Gesellschafter, die nicht weitvon der SdP entfernt sind, mit ihren Volksgenossen! Bei einigem guten Willen wäre es möglich gewesen, datz die Bürgerliche Brauerei in Brüx den alten, verdienten Arbeitern noch für eine gewisse Zeit Beschäftigung gesichert hätte. ilebri'gens mutzten die Gesellschafter der Bürgerlichen Brauerei in Brüx doch auch bedenken, datz das Bier auch in Volks- und Gasthäuser geliefert wird, in denen nur organisierte Arbeiter verkehren! ver Harr Major mit der Peitsche In dem Henlein-Blatt„Heimatruf" lesen wir folgenden Versammlungsbericht: „Kamerad Frank ging weiters auf den Vor-, Wurf ein, daß„die SdP. niemals etioas erreichen könne!" und sagte:„Das stimmt nicht ganz, denn etwas haben wir schon erreicht: wir haben diese P a r t e i h e r r s cha f t e n gezwungen, zu arbeiten, und wenn man uns auch vorläufig von der Verantwortung und Mitarbeit ausgeschaltet hat, so wollen wir wenigstens Mit der Peitsche dabeistehen und gewisse Parteiherrschasten zur Arbeit antreiben." Besagter Herr Frank, pensionierter Major und Senator dazu, scheint noch immer in der Tonart eines k. u. k. Offizierskasinos zu schwelgen. War er wohl gewohnt, seine Untergebenen mit der Reitpeitsche anzutreiben? Statt über seine eigene Tätigkeit zu berichten, will dieser Diäten- und Pensionsbezieher seinen Zuhörern einreden, seine Partei hätte die„Parteiherrschaften" zur Arbeit angetrieben. Statt seine Pflicht als Parlamentarier zu erfüllen, will er auch Weller„mit der Peitsche dabei st ehe n" und' andere zur Arbeit antreiben. So sind es eben die abgetakelten Ofiiziere Henleins gewohnt. Sie möchten kommandieren und die anderen sollen ihnen die Arbeit abnehmen. Nächstens wird der Herr Major wahrscheinlich mit dem„Anbinden" drohen. Er soll nur nicht darauf vergessen, daß so mancher aufgeblasene Offizier beim Zusammenbruch seiner Herrlichkeit die eigene Reitpeitsche zu schmecken bekam!.» Antistaatliche Studentenverbindung Im Böhmerwald ausgehoben Pilsen.(Tsch. P.-B.) Im Böhmcrwaid- gebiet wurde ht den letzten Tagen ein geheimer Verein deutscher Studenten aufgedeckt, die sich ausschließlich der antistaatlichen Tätigkeit widmeten. Der Sitz des Berciucs ist die Grenzgemeindc CH. Katharina(politischer Bezirk Klattau). Die Organisation verfügt über em verzweigtes Retz von Mitarbeitern und Korrespondenten im ganzen Grenzgebiet des Böhmrrwaldrs. Auf Grund dieser Feststellung kmmten zahlreiche Mitglieder dieser umstürzlerischen Organisation verhaftet werden. Unter den Verhafteten befindet sich u. a. der 20jährige Lehramtskandidat Klima aus Bischof- teinitz, bei welchem das meiste Material gesunden wurde, welches die Tätigkeit dieser Bewegung beleuchtet, besonders jedoch Belege über dessen rege Verbindungen mit dem Ausland. Die Untersuchung wird noch fortgesetzt. SdP schreckt mit dem Bolschewismus Charakteristisch für die politssche Taktik der Sudetendeutschcn Partei ist die Polemik, welche deren Hauptorgan, die„Zeit", an leitender Stelle gegen den Minister Spina wegen dessen Rede aus dem Parteitag des Bundes der Landwirte führt. Die„Zeit" interessiert bezeichnenderweise am meisten, was Spina angeblich über die russischen Verhältnisse gesagt hat. Spina hatte nämlich die Ding« so dargestellt, datz die Entwicklung der innerstaatlichen Verhältnisse in der Sowjetunion nach rechts gehe, daß der Bolschewismus nickt mehr so religionsfeindlich sei und sich wieder stark dem Christentum nähere. Dieser angeblich sowjetfreundliche Standpunkt des Ministers Spina ist es, der den Leuten von der SdP am meisten in die Augen sticht. Nicht, was Spina über die innerpolitischen Verhältnisse in der ESR gesagt hat, nicht die Polemll des landbündlerischen Ministers gegen den Totalitätsgedanken Henleins ist cs, was die„Zell" zur Polemik herausfordert, sondern, was Spina über die Sowjetunion gesägt hat. Es geht daraus hervor— was man auch schon früher beobachten konnte—- daß die SdP in getreuer Kopie dessen, was auf dem Nürnberger Parteitag geschehen ist, das deutsche Volk mit dem Gespenst des Bolschewismus schrecken Will, da ihre übrige Politik Schiffbruch leidet. Ter„Prager Mittag" schreibt in Besprechung des BdL-Parteitages unter anderem: „Richt Persönlichkeiten allein oder eine mächtige Presse sind Pfeiler des Parteigefüges, sondern auch ein funttionierender und stabiler Mit arbeiterstab, der sich, auf Traditionell stützend, allen Stürmen gewachsen ist. Wir finden eine Bestätigung dieser Tatsache ja auch bei den deutschen Sozialdemokraten, denen aber wegen ihres Parteiapparates Henlein auf die Dauer, trotz seinen Geldmitteln, Presseorganisätionen und Führerschaften, nichts wird wirklich anhaben können. Parteien können vorübergehend den Kopf oder Wähler oder beides verlieren; ihr Apparat muß als bleibend«, wetterfeste Organisation eingerichtet sein und— alles ist wieder zu holen. Das haben die sozialistischen Parteien immer verstanden, das hat Svehla richtig erkannt, hierin liegt jetzt der Erfolg des BdL." Äufgelöste SdP-Brrsammlung. Die Bezirksleitungen Reichenberg und Gablonz a. N.*ec Sudetcndeutschen Partei hatten für Sonntag, den 5 Jänner, vormittags zu einer Versammlung aller Handels-undGewerbetreiben- d e n der Bezirke und Städte Reichenberg und Gablonz in das R e i ch e n b e r g e r-Schützen-' haus eingeladen. Diese Versammlung wurde— laut.Reichenberger Zeitung"— nach kaum ein- stündiger Dauer und nach zwei Ermahnungen des Rrgierungsvertreters von diesem kurz nach 10 Uhr vormittags aufgelöst. Dienst am Kunden. Zum Schalter der Fahrkartenausgabe der Strecke Eger-Prag auf dem Bahnhof in E g e r kam dieser Tage eine Dame, die eine Rückfahrkarte Eger-Karlsbad verlangte. Als der Beamte den hiefür entfallenden Betrag von 18 XL und einigen Hellern nannte, ergab es sich, daß die Dame in ihrer Brieftasche nurmehr 16 XL hatie. Sie bat deshalb darum,'die Rück-' fahrkarte in eine einfache umzutauschen, die etwa 13 XL kostet. Der Beamte hinter dem Sckalter- fenster schob indessen mit einem höflichen Lächeln der Dame die bereits gelöste Rückfahrkarte hin und sagte:„Ach, das tut ja nichts— Sie werden mir den kleinen Rest bezahlen, bis Sie von Karlsbad wieder nach Eger zurückgekommen sein werden!..." Wir verzeichnen dieses Beispiel liebenswürdigen Entgegenkommens eines Beamten der tschechoslowakischen Staatsbahn um so lieber, als leider solche Vorfälle noch sehr zu den Seltenheiten hierzulande gehören! Im Prozeß gegen Dr. Patscheider begann die vierte Woche mit der Fortsetzung des Verhörs des Angeklagten Professor Dr. Lehmann aus Rcichenberg. Es wurde eine Reihe von Briefen, Jahrbüchern und anderen Dokumenten verlern, di- seine rege Verbindung mit dem„AuSlanl-S- institut" in Berlin beweisen. Heute wird sein Verhör beendet und zum Verhör deS Angeklagten Jng. Rudolf S t a f f e n aus Prag geschritten werden. Dann werden noch die restlichen Angeklagten, insbesondere der Bankdirektor Kie e- Wetter aus Prag, verhört werden. Seite 4 Mittwoch, 8. Jänner 1836 Nr. 6 IagcsnemgLeitetr Hinrichtung verschöben Trenton(New Jersey). Nachdem das Bc- gnadigüngsgericht bekanntgegeben hatte, daß es das von Bruno Hauptmann eingereichte Gnadengesuch am kommenden Samstag prüfen ioerde, hat Gouverneur-Hoffmann die auf den 14. Jänner festgesetzte Hinrichtung Hauptmanns auf einen späteren Tag verschoben. Nur keine Zweideutigkeiten! Kamerad Hol- lube läßt in seinem Kreisülatt die Heldentat schildern, wie er, keine Gefahr achtend, einen wilden Schacht höchstpersönlich besichtigte. Es ist dramatisch und man sollte nicht glauben, wie eine Sache, die Tausende arme Teufel unzähligemale ausführen, ohne daß viel Wesens davon gemacht wird, plötzlich an Bedeutung gewinnt, wenn ein Abgeordneter der SdP sie vollbringt. Es ist also spannend, fast wie im Schillerschen»Taucher": Kamerad Hollube ruft in die scharze Tiefe. Eine Frau kommt seitlich aus der Erde, ruft uns »Guten Tag" zu.»Kann ich zu Euch runter?" Hollube ist es, der fragt.»Sie werden sich schmutzig mawen"— Hollube ist es aber ganz unwichtig, ob er schmutzig wird oder nicht. Er will, er muß hinunter, muß sehen wie sich die Menschen da unten quälen. Er kennt sich ja aus, er hat ja selbst einmal im Ruhrgebiet Kohle gegraben. Schon hat er des» Rock abgestreift, ein Sprung— der erste Absatz ist erreicht, ein zweiter, ein dritter, Hollube ist unten und verschwindet im seitlich getriebenen Stollen. Eine geraume Weile müssen wir warten, bis unser Kamerad wieder zu sehen ist. Dann schwingt er fich an den Seilen von Absatz zu Absatz hoch. Er ist wieder oben. Die Hosen und Schuhe voll Schmutz. WaS schert ihn der Schmutz, an Händen und Kleidung. Nichts schert er ihn. Er ist's gewohnt. VomUmgangmitHeizkörpern. Aber man sollte es nicht in seinem eigenen Blatt so offen schreiben. Der Präfident der Republik empfing Dienstag den Primator der Hauptstadt Prag Dr. K. B a x a und die Stellvertreter A. Stüla, F. Kellner und A. Tylinek. Weiters empfing der Präsident den Gesandten in Belgrad Dr. G i r s a. Nachmittags verdolmetschte der französische Deputierte Jean Monti ny dem Präsidenten die Glückwünsche der Mitteleuropäischen Gruppe der französischen Deputiertenkammer zu seiner Wahl. Ein Ueber-Zeppelin. In Deutschland wird mit dem Bau eines neuen und viel größeren Zeppelins als des„Adolf Hjtler" begonnen werden, der unttzc Nr. LZ 129 im kommenden Monat den Flugplatz in Friedrichshafen verlassen wird. Der alte„Graf Zeppelin", der bisher den regelmäßigen Flugverkehr mit Südamerika versah, wird in Zukunft ausschließlich zu Europaflügen verwendet werden. Den Ueberseedienst werden die Luftschiffe„LZ 129" und„LZ 130" übernehmen, wie das neue Luftschiff bezeichnet werden wird, das im Laufe von zwei Jahren fertiggestellt werden soll und viel luxuriöser ausgestattet wird, als alle früHeren Flugschiffe dieser Art. Es wird sogar seine ei g e n e S ch w i m m a n st a l t besitzen. Vermißtes Flugzeug. Ein Sowjetflugzeug, das mit vier Passagieren an Bord zum Fluge nach Komsomolsk in Chaberowsk gestartet ist, wird vermißt. Man hegt Befürchtungen, daß sie von einem.Sturm überrascht wurden und verunglückt sind. Es wurden drei Flugzeuge zur Suche ausgeschickt. Gestrandet. In den Schären zwischen Rus- saroe und Hangos kenterte ein Bugsierdampfer der finnischen Küstenartillerie. Sechs M i l i« tärpersonen, eine Frau und ein Kind fanden den TodindenWellen, acht Soldaten wurden gerettet. Brudermord wegen eines Pengö! In Kis- pest in Ungarn hat der 37jährige Schlofferge- hilfe Ladislaus Gal seinen 24jährigen Bruder wegen einer Differenz von einem Pengö vor den Au gen seiner Mutter durch einen Messerstich ins Herz getötet. Der Mörder versuchte zu fliehen, wurde aber festgcnommen. „Heimgefunden." Die Budapester Polizei hat auf Ersuchen der amerikanischen Polizeibehörden die Recherchen zur Auffindung von drei amerikanischen Gangstern eingeleitet, die sich nach Angaben der amerikanischen Polizei vermutlich nach Ungarn geflüchtet haben. Die Banditen, und zwar die beiden Brüder Oley und ihr Komplize Geary, haben mehrere Menschen in Amerika entführt und sind dann nach Europa geflüchtet. Bei einer Explosion in dm Persilwerken Henkel u. Co. in Düsseldorf-ReiSholz wurde eine ganze Anzahl von Arbeiterinnen durch Verbrennungen verletzt. Acht der Verletzten, von denen einer in Lebensgefahr schwebt, wurden ins Krankenhaus geschafft. Großfruer in Leningrad. In einem Viertel an der Peripherie von Leningrad brach ein Brand aus, der sich rasch ausbreitete und vieleHäu- ser einäscherte. Der Brand forderte auch einigeToteundVerwundete, darunter auch aus den Reihen der Feuerwehren. Blutiger Kampf Mähr.-Ostrau. In der polnischen Gemeinde Goleszow, ungefähr neun Kilometer von Teschen, drangen in der Nacht zum Sonntag sechs Diebe in das Geschäftslokal eines dortigen Bürgers ein und entwendeten viele Sachen. Der Bestohlene wurde durch Hundegebell' aufmerksam und begann gemeinsam mit anderen Hausbewohnern die Diebe zu verfolgen. Im Mondlichte gelang es den 48er- fclgern, einen Teil der Diebsbande einzuholen. Die Diebe wehrten sich jedoch und gaben einige Revolverschüsse ab. In dem darauf entstehenden Handgemenge verletzte den Bestohlenen einer der Einbrecher mit einem Taschenmesser an der Nase und brachte ihm schließlich noch einen Stich in oen Bauch"bei. Trotzdem gelang es den Dieben, über die nahe tschechoslowakische Grenze zu entkommen. Inzwischen hatte polnische Gendarmerie und polnische Polizei die Verfolgung der Diebe ausgenommen und ersuchten um Mithilfe der tschechoslowakischen Gendarmerie. Einer der Einbrecher hatte sich offensichtlich im Hause der Anna Raskovä in Nhdek an der Bahnstrecke Kaschau—Oderberg verborgen. Als die Gendarmerie dieses Haus umstellte, sprang der Einbrecher aus einem Fenster und flüchtete. Die Gendarmerie machte, da er dir Aufforderung, stehen zu bleiben, nicht befolgte, mit Einbrechern von der Schußwaffe Gebrauch. Der Verfolgte wurde getroffen und blieb tot liegen. Die Le'chr wurde als die des 28jährigen Martin W l o ch, des Führers einer polnischen Einbrecherbande, agnosziert. Es wurde sichergestellt, daß gerade er rs war, der den Geschäftsmann in Goleszow an de. Nase verletzt und in den Bauch gestochen hatte. Sein Komplice Mozgal wurde in Hnojnik, wohin er aus dem Hause der Anna Rascvä gestoben war, verhaftet. Auch die Rasovä, bei der sich gestohlene Gegenstände vorfanden, und ihr Sohn, der der Bande des Wloch angehörte, wurden verhaftet. Die Gendarmerie und die Gendarmerie- Fahndungsstation aus M.-Ostrau setzen die Suche nach den übrigen Mitgliedern der Bande fort. Es wurde fcstgestellt, daß die Wloch-Bande im Dezember 1935 einen größeren Einbruch in Nero- dima in Polen verübte und daß ihre Mitglieder auch damals auf ihre Verfolger schossen. Das Tsch. P.-B. gibt diese Information unter Hinweis auf den gestrigen Bericht aus Teschen über die Erschießung des Wloch aus. Der gestrige Bericht war nicht in allen Punften genau. Die vorstehende Information stammt von den Gendarmeriestafionen in Nhdek und Teschen. Ein Offizier als Mörder. In einem Cafk in Rybnik(Polen) kam cs zwischen dem 24jähri- gcn Artillerieleutnant Grzogorz und dem 34- jährigen Sergeanten Chronik zu einer Auseinandersetzung. Als der Sergeant dem Befehl des Offiziers, ihm sofort die Koppel abzugeben und das Lokal zu verlassen, nicht ohne weiteres Folge leisten wollte, zog der Leutnant seinen Dienstrevolver und schoß Chronik nieder. Obwohl die Frau desSergeanten, die im Lokal anwesend war, den Leutnant bat, ihren Mann nicht zu erschießen, gab dieser noch einen zweitenSchuß auf den am Boden Liegenden ab. Nach der Tat flüchtete der Offizier, stellte sich aber, als eine größere Menschenmenge Anstalten machte, ihn zu l y n ch e n, der Polizei. Er wurde durch-ein Offizierskommando in die Garnison gebracht. Eine Militärkommission aus Kattowitz ordnete seine Ueberführung in das Mi- litärgefüngnis in Krakau an. Der Sergeant ist an seinen Verletzungen wenige Stunden später gestorben. Russische Liebesgaben nach Deutschland. Der „Neue Vorwärts" berichtete jüngst auf Grund der Erzählung eines aus der Sowjetunion Zurückgekehrten, daß die Vertrauensleute der Naziaktion „Brüder in Not" jetzt von den Wolgadeutschen, die sie„befürsorgen" sollten, Fettspendcn für da? Dritte Reich erschnorren. Nun lesen wir im „Daily Herald" einen Bericht seines Moskauer Korrespondenten» wonach tatsächlich dort lebende Deutsche Butterpakete an ihre Angehörigen im Hitlerreich schicken. Der Berichterstatter traf aus dem Moskauer Hauptpostamt lange Reihen von Leuten mit solchen Paketen, die auf ihre Abfertigung warteten. Das werden allerdings keine Wolgabauern, sondern deutsche Arbeiter sein, die in die Sowjetunion ausgewandert sind und dorthin emigrierte Antinazis. Ob ihre Pakete ihr Ziel erreichen, wird man um so mehr bezweifeln können, als letzthin in Hitlerdeutschland amtlich bekanntgegeben wurde, die Adressaten von Fettpaketen müßten genau Nachweisen, daß es wirklich Geschenke seien! Angeblicher Spion geköpft. Der vom Volksgerichtshöfe am 19. September wegen Verrats militärischer Geheimnisse zum Tode verurteilte 36jährig« Franz S u e ß aus Niederreidenbacherhof(Hunsrück) ist Dienstag morgens in Berlin hingerichtet worden. Lebensgefährlicher Ehrgeiz. In dem Dorfe Karguili bei Adana(Türkei) kandidierte für das i Amt des Bürgermeisters ein 60jähriger Mann. Als er unterlag, rächte er sich an seinem Gegenkandidaten dadurch, daß er dessen 17 jährigen! Sohn, ermordete. Streikbrecher exemplarisch gezüchtigt. In Northamptonshire, wo mehrere hundert Omnibusangestellte am Samstag in den Streik getreten! sind, ist es zu schweren Streikunruhcn gekommen. In Isham griffen Streikende einen Ersatzomnibus an, rissen den Führer von seinem Sitze und warfen ihn in einen Fluß. Er wurde in bewußtlosem Zustande und mit einer schweren Kopfverletzung von Gasarbeiiern herauSgezogen. In Kettering wurden die Scheiben eines Autobusses von Streikenden zertrümmert. Aus dem fahrenden Zug gefallen. Zwischen den Stationen Jirna und Bechovice. fiel während der Fahrt der Soldat des Fliegerregiments Nr. 5, Jan'Jllek, aus den; Zuge. Er wurde in bewußtlosem Zustande nach Böhmisch-Brod ins Krankenhaus gebracht, wo festgestellt wurde, daß die Verletzungen leichterer Natur sind. Im Krankenhause erlangte er wieder das Bewußtsein. Er wird dort einige Tage in Pflege belassen werden. Kazimov an Rußland ausgelirfert. Der frühere Beamte der Prager Sowjetgesandtschaft Kazimov, der Ende November den Tresor der Gesandtschaft mittels Nachschlüssel geöffnet hatte und. mit einem großen Geldbetrag geflohen war, wurde am Montag abends in Begleitung zweier Detektive mit dem, Oderberger Schnellzug über Rumänien nach Rußland abtransportiert, wo er vor Gericht gestellt werden wird. Obwohl der Transport geheim gehalten wurde, gelang es doch den Reportern einiger Prager Blätter, die Ueberführung Kazimovs im Polizeiauto auf den Prager Wilsonbahnhof in allen Phasen zu verfolgen und Kazimov sogar durch das Fenster des Abteils, in dem er untergebracht wurde, zu photographieren. Die Meldungen, daß es Kazimov bei dem .seinerzeitigen Diebstahl weniger um das Geld als um Dokumente gegangen sei, die an eine reichsdeutsche Spionin'ausgefolgt-werden sollten, werden von halbamtlicher Seite in Abrede gestellt. Streichers Arm reicht weit. In Budapest wurden in den letzten Tagen in großer Zahl Flugblätter antisemitischen Inhalts verbreitet, auf denen eine Wiener Druckerei als UrsprungSort angeführt wurde. Es wurde jedoch ermittelt, daß der auf den Flugblättern angeführte Name in Wien überhaupt nicht existiert. Durch die eingeleitete Untersuchung wurde festgestellt, daß die Flugblätter aus Erfurt in Deutschland stammen, wo in der letzten Zeit große Massen antisemitischer Flugblätter gedruckt und in die ganze Welt verschickt wurden. Kampf mit einer Dammkapelle. Zu einer ungewöhnlichen Prügelei ist es dieser Tage im Hotel„Evropa" in Loznica gekommen. Ein betrunkener Gast wax mit einer Sängerin in Streit geraten und hatte sie niedergeschlagen. Darguf kamen ihr die Kolleginnen von der Damenkapelle zu Hilfe. Nun hatte es der Gast mit der ganzen Kapelle zu tun; als Waffen dienten ihm Stühle und Tischbeine, während die Kapellenmitglieder mit Violinen und Trompeten auf ihn einschlugen. Obgleich die Partie 12:1 stand, hatte der Betrunkene die Kapelle schon fürchterlich zusammen- gcschlagen, bis es einigen Gästen gelang, die Mädchen vor dem Betrunkenen zu retten. Alle dreizehn Beteiligten sind verhaftet worden. Ein neuer Seeweg. Nach dreijährigen Vorarbeiten, die von Sowjet-Teeleuten verfolgt und unterstützt wurden, konnte jetzt ein neuer Seeweg eröffnet l werden. Es bandelt sich um einen Weg, von dem i die Seeleute seit Jahrhunderten träumten und den' Nelson als utopisch bezeichnete. Diesen Weg haben Frachtdampfer zwischen Europa und Asien gefunden, indem sie längs der nördlichen Küsten beider Erdteile fuhren. Eine über die ganze Strecke verteilte Eisbrecherflotte haft den Weg schiffbar, außerdem sorgen fünf Radiostationen dafür, daß die Seeleute dauerckd über die Wetterverhaltnisse und den Eisgang unterrichtet sind. Das Oelkapital bietet seine Bundes- * genossenschaft an Tas Beuteschiff Napoleons. Bei den Arbeiten an dem an den Küsten Elbas gesunkenen Dampfer „Aegypten" hat das Taucherschiff„Artiglio" das Wrack der yapoleonischen Fregatte gefunden, die während des italienischen Feldzuges mit reichen Kunstschätzen beladen unterwegs nach Frankrei^ unterging. Selbstverständlich besteht keine Hoffnung mehr, die Gemälde zu retten, die über 100 Jahre auf dem Meeresgründe geruht haben. Aber auf der Fregatte befanden sich, wie man aus zeitgenössischen Dokumenten weiß, auch viele Marmorstatuen und Edelsteine, und so wirb man in naher Zukunft an die Hebung des Schatzes Herangehen, um so mehr, da die Fregatte nur in einer Tiefe von 450 Fuß liegt. Unglückliche Liebe. In Batelov bei Jglau wurde Sonntag die Leiche des 21jährigen Knechtes I. Marek am Bahndamm gefunden. Marek hatte sich vom Zuge überfahren lassen. Wie die Nachforschungen ergaben, wollte Märek gemeinsam mit seiner Geliebten, einer 18jährigen Hausgehilfin aus dem gleichen Städtchen, Selbstmord begehen. Seit Neujahr irrten die beiden fünf Tage in der Gegend zwischen Pelhkimov und Neuhaus umher und sprachen sich Mut für den gemeinsamen Selbstmord zu. Sie tranken Lysol und Marek würgte mehrmals das Mädchen, bis es ohnmächtig wurde, brachte es dann wieder zu sich und stürzte sich dann unter den Zug. Das Mädchen riß ihn jedoch noch rechtzeitig vom Geleise und wieder begannen beide herumzuirren. In einem Walde bei Batelov versuchte Marek, das Mädchen zu erwürgen und als es ohnmächtig zusammenbrach, stürzte er davon und warf sich unter die Räder eines Zuges, der ihn überfuhr. Als das Mädchen aus der Ohnmacht erwachte, wurde es von Gendarmen angetroffen, die es ins Krankenhaus einlieferten, da es mehrere Wunden aufwies. Die Ursache dieser Verzweiflungstat ist in unglücklicher Liebe zu suchen. Die Darlehonsschwindlcrin Anna Sweräkovä, die am 7. Jänner vom Kreisstrafgerichte in Pilsen wegen verschiedener Betrügereien zu zehn Monaten schweren Kerkers verurteilt wurde, hatte in Prager Blättern kreditfähigen Personen Darlehen bis zu 100.000 K5 angeboten und geldbedürftigen Keinen Gewerbetreibenden und Beamten, die sich auf Grund' dieser Angebote gemeldet hatten, an Provisionen, Auslag^nersatz und Zinsen insgesamt 5310 KC heran sgelockt, ohne eine Krone Darlehen gegeben zu haben. Sie hatte sogar die Kühnheit, solche Gelder gerichtlich einzutreiben I Fünfundzwanzig Geschädigte hatten schließlich Anzeige erstattet.— Immer wieder zeigt sich, daß am ehesten Geld herausgelockt werden kann, wenn Geld in Aussicht gestellt wird. Vom Rundfunk Empfehlenswertes aus den Programmen i Donnerstag Prag, Sender L: 10.05: Deuffche Presse, 11: Schallplatten: Smetana, 12.10: Kompositionen von Tschaikowski, 13.40: Operettenlieder, 16.10: Orchesterkonzert, 17.45: Deuffche Sendung: Jugendstunde, 18.10: Bergarbeitersekretär Schubert: Vom Falkenauer Braunkohlenbecken, 18.45: Deuffche Presse, 19.15: Englisch für Anfänger. 20.25: Klavierkonzert, 22.15: Salonorchesterkonzert. Sender S: 7.30: Leichte Musik, 14.15: Deuffche Sendung: Dr. Reich: Musikgenuß bei Gehörlosen, 14.35: Schallplatten, 14.50: Deuffche Presse, 19.10: Harfenkonzert.— Brünn 13.30: Deutscher Arbeitsmarkt, 17.40; Deuffche Sendung: Arbeiterfunk: Schmerda: Arbeiterbildung, 19.30: Volkskonzert.— Mährilch-Ostrau 15: Nachmittagskonzcrt, 18.10: Deuffche Sendung: Otto: Vorlesung aus eigenen Werken,— Klavierkonzert.— Preßburg 19.30: Unterhaltungsmusik. Heute Ist Mondesfinsternis Am 8. Jänner wird sich wieder einmal unser Erdtrabant verfinstern. Uni 17.28 Uhr wird der Mond in den Erdschatten eintreten, um dann nach seinem vollkommenen Verschwinden von 18.58 bis 19.21 Uhr um 19.51 Uhr wieder ganz in seinem matten Licht zu erstrahlen. Wir zeigen hier die verschiedenen Phasen einer Mondfinsternis des vergangenen Jahres. Nr. S Mittwoch, 8. Jänner 1936 Seite 5 Neiile aari idi sprechen! Warum ich Im„Hans-Westmar-“(Horst Wessel-)Film spielte Einer längeren Zuschrift des Filmschau- spielerS Lugo Döblin, die zeigt, daß das braune Regime auch den gewaltsamen Mißbrauch von Juden für seine Propagandazwecke nicht verschmäht, entnehmen wir folgende Stellen: Lange mußte ich schweigen und war wehrlos allen Angriffen preisgegeben» Rücksichten auf andere diktierten vor allem mein Verhalten. Ich mußte bis heute warten, um den Transport meiner Apparate, der für mich wichtigen Existenzmöglichkeit, nicht zu gefährden; nun ist mein Umzugßgut da. mein Bruder und seine Kinder sind in Sicherheit, jetzt kann, jetzt werde ich reden. Und so beginne ich: daß Mißverständnisse entstanden sind, daß mancher entsetzt war, zu hören, daß ich in einem nationalsozialistischen Propagandafilm spiele, das ist Wohl verständlich, aber ich war tief erschüttert über die harte und lieblose Verurteilung, ohne nur einen Versuch zu machen, die wahren Ursachen zu ergründen. Die Vermutung lag doch nicht fern, daß ich in meiner besonders exponierten Stellung als Bruder Alfred Tob lins diese Rolle nicht freiwillig spielen konnte. Als ich im Juni 1933 zu der Gesellschaft bestellt wurde, die den Film berstellte, wär mein Bruder eben geflüchtet, einen Monat früher waren seine Bücher öffentlich verbrannt worden und seine Kinder waren noch im Land. Bei der Filmgesellschaft ließ man mich zunächst allein in einem Raum und ich hörte im Nebenzimmer heftige Schmähreden gegen meinen Bruder mit Ausdrücken wie„Verbrecher" und ähnliches. Diese telephonischen Gespräche dauerten etwa eine halbe Stunde, dann kam jemand herein, ließ die Tür offen, ich sah einen andern im Nebenzimmer fitzen, das Telephon war au-gehängt.„Haben Sie sich politisch betätigt?" rief man mir zu. Ich lagt«:„Rein", dann wurde mir ein bedruckter Vertrag van vier Seiten vorgelegt, mit Tjnte war einiges dazwischengeschrieben..Sie brauchen den Vertrag nicht erst durchzulesen, unterschreiben Sie— vorwärts", sagte man. Und so setzte ich meinen Namen unter einen Vertrag, von dem ich keinen Gegenvertrag erhallen und von dem ich nur die letzten Worte .ich habe mich nicht politisch betätigt", gelesen. Dir Unterschrift konnte ich nicht verweigern, das war in der gegebenen Situation unmöglich; beim Spiel aber konnte ich mich einmal nicht überwinden und sagte dem Regisseur:.ich spiele das nicht", darauf wurde mir erwidert:»Das wird doch gespielt!" und die lebendige Mauer der viertausend uniformierten Nazis, die bei dieser Filmszene zugegen waren, gab den Worten genügenden Nachdruck. Zu den Gründen, die mich zwangen, in dem Film zu spielen und die mir jede Bewegungsfreiheit in Deutschland nahmen, gehört vor allem die boykottmäßige Schließung der von mir begründeten und geleiteten staatlich konzessionierten Tonfilmschule Döblin, die im April 1983 von einer Horde junger Nazis gestürmt wurde, so daß ich nur durch die Aussage eines Lehrers, ich wäre nicht mehr in Deutschland, meiner Verschleppung entging. Bis zu meiner Emigration war ich ununterbrochen Haussuchungen, Vernehmungen, Ausforschen der Portiers und Wirts« Erdrutsch bei Paris forderte fünf Todesopfer Auf der Landstraße von Versailles nach Le Pecq kam es infolge der letzten Unwetter und der Erschütterungen durch den Autoverkehr zu einem folgenschweren Erdrutsch, bei dem nicht weniger als fünf Personen getötet wurden. Zwei Verlobte und ein Ehepaar mit einem einige Monate alten Kinde wurden auf dem Heimwege von den stürzenden Erdmassen verschüttet und mußten durch Soldaten ausgegraben werden. Unser Bild zeigt die Stätte des Unglücks nach der Katastrophe. leute ausgesetzt, mehrfach wurde ich auch zum Polizeipräsidium borgeladen und immer mit der Verhängung vvn Haft bedroht. Alt ich einmal in der Filmfachschaft energisch wurde und darauf hinwiei, daß gerade die deutschen Juden Entscheidendes für den künstlerischen deut- scheu Film geleistet haben und daß ich eS ihnen nie vergeßen werde» daß sie zum Tank jetzt die deutschen Juden verfemen, wurde ich am andern Tag zum Führer der Fachschaft bestellt. Man sagte mir: „Sie nehmen dies« Aeußerungen zurück, sonst gebe ich das weiter und Sie wissen doch, was dann Ihrer wartet...!" Darauf erklärte ich, daß ichS nicht so gemeint hätte, und wer anders in meiner Situation gehandelt hätte, der soll den ersten Stein auf mich werfen. Aber sie haben alle Steine geworfen, und zwar Steine, die mich schwer getroffen haben. So hat man Mr bk Charakterlosigkeit. porgtzworfey^ daß,sch in dem Film gespielt hätte, um ein Vermögen von 20.909 RM zu verdienen. Wan hat sich dabei um zwei Nullen geirrt, ich habe für den ganzen Film 299 RM bekommen. Daß ich mich für diese Gage nicht verkauft habe, wird wohl jeden überzeugen, nachdem ich noch kurze Zeit vor diesem Film, wie ja in Kunstkreisen bekannt ist. 200 RM für einen Aufnahmetag bekam. In dieser Zeit, wo wir alle aus der Heimat, aus dem Wirkungskreis vertrieben sind, ist nichts schlimmer, als von denen verleumdet und verkannt zu werden, deren Leid und Kampf auch der meine ist. London. Das, Ergebnis der am Montag wieder äufgenommenen BetakungSu der FloÜen- konferenz, bei denen Minister Eden zum Vorsitzenden gewählt wurde, besteht darin, daß den Delegierten am Dienstag drei neue Pläne betreffend die quantitative Beschränkung der Marinestreitkräste werden vorgelegt werden. Diese Pläne stammen von Großbritannien, Frankreich und Italien. Paris. Die Straßenbahn- und AutobuSschaff- ner von Lille sind dem Beispiel ihrer Berufskollegen in Roubaix gefolgt und haben den Verkehr eingestellt. Pari-. Der Prozeß gegen die des Mordes am König Alexander von Jugoslawien angeklag- ten Mitglieder der Ustascha wird am 5. Feber vor dem Geschworenengericht des Rhone-Devar- tements in Aixen Provence wieder ausgenommen. Athen. Der deutsche Gesandte Dr. Eisenlohr, der zum Gesandten in Prag ernannt worden ist, wuxde vom König in Abschiedsaudienz empfangen.* Nom. Mittel- Dekretes dei Ministerpräsidenten Mussolini als Kriegsministers wurde der italienische Thronfolger, Prinz von Piemont, zum Mitglied deS Obersten Armecrates in seiner Funktion als Divisionsgeneral ernannt. Amerikanische Flottenmanöver Mit 150 OAtffen and 400 Flugzeugen New Aorki* In der Marinebasis von San Pedro in Kalifornien sind 150 Kriegsschiffe und 400 Flugzeuge der Vereinigten Staaten von Nordamerika konzentriert. Am Montag beginnen - unter dem Kommando des Admirals R e v e s in den kalifornischen Gewässern die Manöver der See- und Flugstreitkräfte, welche drei Tage dauern und in aller Heimlichkeit vorsichgehen werden. BestechunssprozeB Plttel& Brausewetter In Brünn Brünn. Vor einem Senate des Brünner Kreisstrafgerichtes wurde Dienstag vormittags die Verhandlung in einem weiteren Bestechungsprozeffe eröffnet. ES handell sich um Bestechungen, welche öffentliche Angestellte von Vertretern der Firma Pittel L Brausewetter bei der Durch- führung von Straßen«, Regulierungs-, Kanalisie- rungs- und anderen öffentlichen Arbeiten in einigen Bezirken Nord-Böhmens und Mährens erhielten. Ursprünglich waren 20 Personen angrklagt. Gegen viel« von ihnen wurde aber di« Anklage zurückgezogen. da es sich bei ihnen vor allem um eine Uebertretung handelte, welche einstweilen verjährt war und straflos wurde, da sie di« durch die Annahme von Geschenken entstandenen Schäden ersetzt Haden. Einer der Angeklagten ist während der Untersuchung gestorben. Angeklagt sind: Jng. Fr. Eßl er, technischer Rat deS Bezirksamtes in Mähr.-Schönberg, Jng. Ernst Hansel, Leiter der Filiale der Firma Pittel & Brausewetter in Mährisch-Schönberg, Ingenieur Josef Obermajer, Landwirtschaftsrat deS Bezirksamtes in Königgrätz, Jng. Julius Baumann, technischer Rat des Landesamtes in Prag, Urban Neumann. Bezirks-Straßenmeister in Braunau. Wenzl Kunze, Leiter der Filiale der Firma Pittel & Brausewetter in Trautenau. die Jng. Franz M a- chaLek und Wilhelm F e h r e,' Gesellschafter der Firma Pittel& Brausewetter, Cölestin Hausdorf, städtischer Bauaufseher in Prag, Josef Steiner. Ober-Straßenmeister in Trautenau, und Jng. Gustav B ö l i n a, technischer Oberkommissär des Lan- deSamtes in Prag. Gemäß der Anklageschrift hat di« größten Bestechungen— im ganzen gegen 56.000 KL— Jng. Baumann angenommen. Ingenieur Eßler erhielt zirka 10.000 Kd, der Straßenmeister Neumann zirka 13.009 Kf, Jng. Obermajer erhielt zwei Weih- Nachtskörbe von bedeutendem Wert« und ist verdächtig, auch Geldgeschenke angenommen zü höben. Hausdorf erhielt gemäß der Aussage KunzeS zirka 15.000 KL, Steiner zirka 6000 KL und Jng. BLlina 1509 KL. Die Angellagten geben zu, zum größten Teil Geschenk erhalten zu haben, aber nicht in der Höhe, wie sie die Anklage anführt, und nicht als Bestechungen, sondern als Honorare für verschiedene außerordentliche Arbeiten. Steiner und Jng. BLlina leugnen, irgendwelche Gelder erhalten zu haben. Den Vorsitz führt GerichtSrat R a c e k. Die Anklage vertritt Staatsanwalt Dr. Stankovskh. Anwesend sind all« Angeklagten. Der Beginn der„Boulange“ 1886- 7. Jänner- 1936 Von Hermann Wendel Als am 7. Jänner 1886 das Kabinett F r ehrt n e t ins Leben trat, hatte es nicht mehr Aussicht, seinen Namen der Nachwelt zu überliefern, als irgendein anderes der kurzfristigen Ministerien, die die Dritte Republik in rascher Folge verbrauchte. Wie der Chef selber waren Gablet, der den Unterricht, S a r r i e n, der das Innere, L o ck r o y, der den Handel übernahm, gewürfelte und geschickte Parteipolitiker, der Finangminister Sadi C a r n o t sollte eS binnen kurzem sogar zum Präsidenten der Republik bringen, aber all daS blieb im Rahmen des Durchschnittlichen. Eine Rolle mit europäischem Widerhall zu spielen war nur einem der neuen Männer beschieden, dem General, dem das Portefeuille des Kriegsministers zufiel. Er hieß Georges Boulanger und in der weiteren Oeffentlichkeit kannte ihn niemand... Zpletzt Direktor der wichtigen Infanterieabteilung in der Rue Dominique, hatte der jüngste Divisionßgeneral der Armee eine gute und glatte Laufbahn mit Feldzügen, Verwundungen, Auszeichnungen und raschen Beförderungen hinter sich, aber nicht wegen seiner militärischen Tugenden wurde Boulanger von Clemrnceau an- gelegentlichst"empfohlen, ja, fast aufgezwungen, sondern weil er als einer der wenigen höheren Offiziere mit unbedingt zuverlässiger republikanischer Gesinnung galt. Anfang- schien er an seinem neuen Posten seinem Ruf auch Ehre machen zu wollen: die feudalen Kavallerieregimenter,.deren Offizierskorps monarchistisch« Kundgebungen nicht scheute, verlegte er aus der Umgebung von Paris in die fern« Provinz, und als er in der Kammer rühmte, daß die in das Streikgebiet von Decazeville gesandte Truppe mit den ausständigen Bergarbeitern Brot und Suppe teilte, klatschte ihm selbst die äußerste Linke Beifall. Auch mühte er sich, die Schlagfertigkeit des Heeres zu erhöhen; die Vorbereitung der dreijährigen Dienstzeit und die Einführung des LebelgewehreS waren sein Werk. Aber mit allem, was er tat, verband er die ausdringlichste Reklame für di« eigene Person, und als er am 14. Juli 1886 auf das Paradefeld deS Nationalfeiertags sprengte, eine stattliche,„schneidige" Erscheinung mit blondem Bollbart, auf seinem Rappenhengst Tunis, gefolgt von einer Eskorte SpahiS mit flatternden weißen Mänteln, genoß er im Uebermaß jene billige Volkstümlichkeit, die stets bei schmetternder Marschmusik Hurra zu rufen bereit ist. Bald scharten sich Elemente um ihn, die ihn für ihre dunklen reaktionären Pläne zu benutzen gedachten; bald hieß er der»General Revanche", der„General Hoffnung", von dem man nicht nur raunte und flüsterte, daß er demnächst Elsaß und L.othringen auf der Spitze seines DegenS zurückholen werde. Daß B o u l a n g e r sich alS zukünftiger Sprenger der Ketten des Frankfurter Vertrages umjubeln lassen konnte, war nicht zuletzt Bismarcks Schuld, der den französischen Kriegsminister als Wauwau verwandte, um seine innerpolitischen Zweck« zu erreichen. Ms ruhiger und sachlicher Beobachter der Dinge berichtete der deutsche Botschafter in Pari-, Graf Münster, die Angst vor dem Kriege sei in Frankreich sehr groß, und eS finde sich kein Minister, der die Kriegsfackel entzünden möchte,„am allerwenigsten B o u l a n g r r, der jetzt vor allem nur sucht, Kriegsminister zu bleiben, ja, er fügte hinzu: »Ein Krieg mit Frankreich könnte nur von unS ausgehen, und eS würde einer sehr starken Provokation bedürfen, um die Franzosen dazu zu bringen"—> tat nichts, BiSmarck brauchte für die SeptennatSwahlen des JahreS 1887 seine Kriegs» gefahr, um den Spießbürger fstr die Heeresver- mehrung einzufangen, und so rasselt« Berlin derart forsch mit dem Säbel, daß Boulangers Säbelrasseln dem französischen Volk nur wie die berechtigte Antwort darauf klang. Tabei war das Pariser Kabinett so friedfertig, daß e-, um jeden Anstoß zu vermeiden, im Mai 1887 B o u l a n« g e r ausschiffte und im März 1888 völlig abhalfterte, da der brennend ehrgeizige General auch alS Korpskommandant in Clermont-Ferrand den Mund nicht hielt und der Disziplin widerstrebte. Aber jetzt war die Bahn für de»Poli tik er Boulanger frei; jetzt hoben ihn die Wähler jichtzlnd auf den Schild; jetzt dröhnte Frankreich von dem ungestümen Rhythmus deS; C'est Boulange, bange, lange, C'est Boulanger, qu'il nous faut— da Boulanger Bäcker heißt, in freier Ueberset» zung: Backe, backe, backe, Bäcker tut uns not. Fast mehr die Macht der Umstände als der eigene Wille machte ihn zum Führer der großen Partei derer, die, ohne recht zu wissen, was sie wollten, auf die Demokratie, den Parlamentarismus, die Republik, das»System" schimpften. »Die Unfruchtbarkeit der politischen Zankereien", sagt Alexander Z e v a ö s in seiner«Geschichte der Dritten Republik", die häufige Wiederholung der Ministerkrisen, die Inhaltslosigkeit gewisser Parlamentsdebatten, die fünf, oder sechsjährige Pause im Einbringen großer Reformen hatte in der so empfindlichen französischen VolkSmasse ein täglich wachsendes Gefühl der Unzufriedenheit erregt. Zum Dolmetsch dieserUnzufrieden- h eit warf sich General Boulanger auf." Im April 1888 schon sandte ihn das Norddepartement in die Kammer; bei 3 Nachwahlen im Juni wurde er mit überwältigender Mehrheit abermals gewählt; sogar Paris, das als festeste Hochburg des republikanischen Radikalismus galt, nahm er am 27. Jänner 1889 im Sturm: 244.000 Stimmen gegen 162.000 für den gemeinsamen Kandidaten der republikanischen Parteien!»Der Bou- langismus", schrieb Arthur Meyer im»Gau« lois",»ist eine Bewegung von derartiger Kraft, daß er alles wegfegen wird, was sich seinem Marsch entgegenstellt", und da ihm die»Patriotenliga" Terouledes mit ihren militärisch gegliederten und geübten Verbänden zur Verfügung stand, schien er eine ernste Gefahr für die Republik. Eine drohende Wolke: der Staatsstreich Boulangers, die Diktatur VoulangerS, verfinstert« den politischen Horizont. Aber als der Innenminister des Kabinetts T i r a r d, Constans, Lauheit und Laßheit abschüttelnd, den Spuk zu bannen unternahm, bannte er ihn wirklich: vor einem gegen ihn eingeleiteten Hochverratsverfahrcn nahm der, wie ihn em beliebter Gassenhauer feierte« „tapfre Gen'ral Boulanger" eiligst und auf Nimmerwiedersehn Reißaus nach Belgien. Im Herbst 1889 gelangten bei den allgemeinen Wahlen trotz barnumhaster Reklame und verschwenderisch ausgestreuter Gelder, die nicht zuletzt auS den Kassen der legitimistischen, der Königspartei stammten, gerade 48 Boulangisten in die Kammer, und bald zeigten die Pariser Ge- mrinderatswahlen, daß der BoulangiSmus nichts mehr als ein Fieberanfall der. Nation gewesen war. Sicher gab es in der Geschichte der»Bonlange" Augenblicke, da der General nur die Hand auszustrecken brauchte, und die Macht fiel ihm zu. Aber jedeSmal, wenn er zu Pferde stsigen sollte, legte er sich, zur grenzenlosen Enttäuschung seiner Anhänger, zu Bett. Mangel an Selbstvertrauen, Willensschwäche, vielleicht auch dumpfe Erkenntnis von der Ideen« und Aussichtslosigkeit seines Programms hinderten ihn, den A b- sp'rung zum Staatsstreich zu wagen. Auch lähmte die verzehrende Leidenschaft zur Vicomtesse de Bonnemains feine Hand; ihr folgte er im April 1889 nach Brüssel und an ihrem Grabe erschoß er sich am 30. September 1891. Aber ebenso wie an seiner persönlichen Unzulänglichkeit scheiterten seine verschwommenen und abenteuerlichen Pläne an objektiven Ursachen. Die Verteidiger der Republik schließen sich zur Abwehr in der„L i g a d e r Mensch e n r e ch te" zusammen, und die Regierung, statt tatenlos zuzusehen, griff zur rechten Zeit zu; es fehlte nicht an hohen Beamten, die Sabotage zu treiben versuchten, doch wurden sie unbarmherzig abgesägt. Vor allem aber hatte der Franzose di« politische Erziehung eines vollen Jahrhunderts als Gegengift gegen die boulangistifchen Phrasen im Leibe. Mochte von Boulanger eine Hypnose ausgehen» wie von wenigen Persönlichkeiten der neueren Geschichte, einem Volk, das sich in drei großen Revolutionen sein Schicksal selbst geschmiedet hatte, war der Geschmack vor einem Diktator Nicht beizubringen. Darum blieb die„Boulange" im Anlauf stecken; statt eine glorreiche Epoche zu werden, wurde sie nur eine lärmende E p i j o d e. Seite 6 Mittwoch. 8. Sanner 1936. Nr. 6 »Sozialdemokrat" MiM M»M Kleine Wirtschaftsnachrichten Schwierigkeiten im Walzdrahtkartell. In dem Internationalen Walzdrahtkartell ist ein heftiger Quotenstreit zwischen den verschiedenen nationalen Gruppen im Gange. Möglich ist eine Auflockerung des Kartells und seine künftige Beschränkung auf den Auslandsabsatz. Das Defizit der Reichsbahn. Bei der deutschen Reichsbahn ergibt sich für die ersten zehn Monate 1935 ein Defizit von 124 Millionen Mark. Nach dieser Entwicklung ist für Jahresende mit einem höheren Fehlbetrag als 1934 zu rechnen. 1936 ein gutes Ssujskn? Für das begonnene Jahr wird etAe gute Bausaison erwartet. In der„Prager Presse" wird in dem wirtschaftlichen Neujahrsartikel darauf hingewieser., dass zahlreiche ausgearbeitete und schon finanzierte Bauobjekte wegen des langsamen Arbeitens des bureaukratischen Apparates stecken geblieben sind und nicht rechtzeitig durchgeführt, ja nicht einmal begonnen'werden konnten.„Hier steckt für das Jahr 1936 eine starke Reserve und wir können mit Recht annehmen, daß sich zu der Reihe der endlich zu beginnenden öffentlichen Bauführungen auch die private Baubewegung in lebhafterer Weise gesellen wird. Wir können dies aus dem billigeren und reichlich vorhandenen Gelde schließen. Es ist anzunehmen, daß die ersten Monate des JahreS 1936 mit einer richtigen Plethora einsetzen werden und daß von den reichlichen Geldmitteln auch die Baubewegung profitieren wird. Die Errichtung von Wohnhäusern gestattet selbst bei den noch gedrückten Verhältnissen eine bessere und sichere Verzinsung der Kapitalien als jede andere Art von Anlagen, und es ist sicher, daß die Kapitalisten sich jetzt wieder stärker diesem Abschnitt der wirtschaftlichen Anlagetätigkeit zuwenden werden." Die letzten gesetzgeberischen Akte der Regierung, insbesondere die Zinssenkung, ist geeignet, die günstigen Symptome für eine gute Bausaison zu verstärken. Trager Leitung worden. Die Beziehungen zu den übrigen Nachbarstaaten— Estland, Schweden und Norwegen— bleiben normalerweise aufrecht erhalten. Sowjetruftifche Fußballer In Präs Autounfälle. Vorgestern stieß daS Auto des Studenten Karl Peterka aus Prag XU in Smichow mit dem Auw des Chauffeurs Tichon Zajcev zusammen. Dieses Auto wurde zertrümmert, der Fahrgast A. Tausche aus Jinonitz am Kopfe und im Gesicht verletzt. Er wurde von Peterka auf die Klinik Jirasek gebracht.— Der 57jährige Schuldiener Wenzel Fafejtaaus Prag XIX wurde vorgestern abends beim lleberschreiten der Bilskystraße von einem Auto zu Boden geworfen und an der Hüfte und am Arm verwundet. Unfälle beim Anf- und Abspringen. Gestern svrang der 67jährige Kaufmann Jan Srutek aus Hronov bei Nachod beim Bubentscher Bahnhof aus einem fahrenden Straßenbahnwagen. Er erlitt leichte Kopfverletzungen. Viel schlimmer erging es der 19jährigen Schneiderin Therese S v a b aus Prag VHI, die in der Fügnerstraße in Lieben auf einen fahrenden Motorwagen der 14er Linie ,aufspringen wollte, dabei abstürztp und bewußtlos liegen blieb. Sie wurde ins Krankenhaus anf der Bulovka gebracht, wo eine schwere Gehirnerschütterung und ein Bruch der Schädelbasis festgestellt wurden. Die Verletzungen dürften tödlich sein. Im Keller erhängt. Die Mieter eines Hauses in Holleschowitz fanden gestern vormittags einen Unbekannten, der später als der arbeits« und woh« nungSlose Selcher Franz O S v a l d festgestellt werden konnte, erhängt im Keller auf. Nach einem hinterlassenen Brief sind Familienzerwürfniffe und eine unglückliche Lieb» daS Motiv der Tat. Baulos-Dieb verhaftet. Ein Mann, der curz vor Weihnachten in der Wohnung der BoZena Hou« Sek in Zizkov Baulose im Werte von über' 2000 Xi, ferner Schmuck und etwas Bargeld gestohlen hatte, konnte gestern in der Person des 30jährigen Arbeiters Josef Kreibich aus Zabihlitz verhaftet werden. Amerikanische Rätsel Die Amerikaner haben seinerzeit daS Kreuzworträtsel in aller Welt populär gemacht, und auch heute noch hat der sogenannte„Denksport" in Amerika Millionen von Anhängern und Adepten. ES existiert eine„National Puzzlers League", deren Leitung sich anheischig macht, jedes Rätsel zu lösen, und alljährlich Hunderttausende von neuen Rätseln ssammelt. Jedes Jahr werden die besten Rätsel des Jahres von dieser obersten, Rätselbehörde publiziert. Die diesjährigen sind: Maria und Anna: Maria und Anna sind zusammen 44 Jahre alt, Maria ist doppeu so alt, wie es Anna war, zu der Zeit, als Maria halb so alt war, wie es Anna sein wird, wenn sie dreimal so alt sein wird, wie Maria, als sie dreimal so alt war wie Anna. Wie alt ist jede?(Antwort: Maria 27>/j Jahre, Anna 16/2-) Rekordlösungszeit vier Minuten. In einem Eisenbahnkoupee fahren drei Fahrgäste. Zwei von ihnen haben verrußte Gesichter. Sie blicken einander gleichzeitig an und beginnen alle drei zu lachen. Denn jeder von beiden, deren Gesicht beschmutzt war, stellte dies(ohne Spiegel) fest. Wie? Antwort: Jeder von beiden sah, daß die beiden anderen(der mit dem sauberen und einer mit dem verschmierten Gesicht) lachten. Der mit dem sauberen Gesicht konnte über den anderen mit oem verschmierten Gesicht lachen, aber dieser selbst mußte logischerweise über sich lachen. Rekordlösungszeit: 40 Sekunden. Adolf W-Hlbrück in der Hauptrolle des Kriminalfilms„Ich war Jack Mortimer" Xunstund Wisstn Zweites philharmonisches Konzert Das zweite philharmonische Konzert des Prager DeutschenTheaters war als B e e t- Hoven-Abend ins Werk gesetzt worden. Es ist kennzeichnend für den Rhythmiker S z e l l, der daS Konzert leitete und sein Programm festgesetzt hatte, daß gerade jene beiden Symphonien Beethovens zur Aufführung gelangten, die emes eigentlichen Adagiosatzes als Mittelteiles antraten; die S e ch st e oder Pastoralsymphonie, Beethovens, des großen Naturfreundes, musikalische Verherrlichung des Landlebens, und die Siebente, den musikalischen Humor Beethovens so vielfältig offenbarende Symphonie, von der man mit Recht behauptet hat, daß ihre Musik selbst dort, wer sie melancholisch wird, wie im zweiten(Alle- gretto-) Satz, eine wohllautende Klage, ein von der Kunst zum Genüsse dargebotener Schmerz ist. Prof. Georg S z i 11 g musikalische Interpretation der Beethovenschen Symphonien bereitete ungetrübten, hohen.künstlerischen Genuß. Einmal wegen der schlechthin vollendeten technischen Ausführung, an der das in den Streichern wirksam verstärkte Orchester gebührenden Anteil hatte, zum andernmal wegen der beschwingten Freundlich- j keit, die über beide Werke ausgebreitet schien. Im besonderen fesselte Szells Wiedergabe der Pastorat symphonie durch die fast landschaftlich fühlbare Betonung der ländlichen Gedanken, jene der Siebenten durch die kaum mehr zu steigerntze rhythmische Straffheit und Genauigkeit sowie Mrch den mit fortreitzenden Schwung ihrer Temponahme in den beiden Schlußsätzen. Schade nur, daß Szell nicht auch in den lyrischen und gefühlsmäßigen Sätzen beider Symphonien(„Szene am Bach" in der Pastoralsymphonie und Allegrettosatz der Siebenten) restlos überzeugte, weil man sich manches inniger und duftiger gewünscht hätte. Wäre Szell ein ebenso starker Gefühlsmusiker wie er Rhythmiker und geistig bedeutender Meister der Stabführungskunst ist, er wäre einer der besten Dirigenten unserer Zeit. E. I. Spielplan f-s Reue« Deutschen Theaters. Mittwoch halb 8: Große Liebe. Ensemblegastspiel des Theaters in der Josefstadt, 8 1,- Donnerstag halb 8: FigarosHochzeit, Gastspiel K. A. Neumann, C 2.— Freitag 8 Uhr: Das kleine B e€ irks gerich t, D 1.— Samstag 7 Uhr: Das Land des Lächelns, Theatergemeinde der Jugend, Abonnement aufgehoben, halb ess Uhr nachts: Bouleboule gewinnt. Erstaufführung, Gastspiel Bressart, Abonnement aufgehoben. Spielplä« der Kleinen Bühne. Mittwoch 8 Uhr: JimmysBar, Gastspiel Valetti, Bankbeamte l.— Donnerstag 8: Anna sagt nein.— Freitag 8: Wir werden beobachtet.— Samstag halb 8: Die Dame mit denTür- k i s e n, Erstaufführung.' Der Dior Stradivari. In diesem Berliner Film des alten Operettenregiffeurs Geza von B o l v a r y(der jetzt durch seinen Angriff auf Goebbels' Reichsfilmdramaturgen Krause von sich reden gemacht hat) wird um eine alte Meistergeige eine elegische Geschichte von Liebe, Treu ung und Wiederk-Hr aus dem Krieggesponnen, die zwischen Ungarn und Italien sprelr, den Ländern also, zu denen sich der Goebbels-Film am ehesten hingezogen fühlt. Herr Bolvary, obwohl selbst ein Ungar, hat sich allerdings nicht die Mühe gemacht, mit diesem Film zu reisen. Er hat sich seine ungarischen und italienischen Milieus im Atelier hergestellt, und sie wirken ebenso billig wie die ganze Aufmachung dieser LiebeSromanze. Gustav Fröhlich und Sybille Schmitz sind zwar Fehlbesetzungen, aber ste zeigen immerhin, daß sie innerhalb des heutigen reichsdeutschcn Films noch zu den Begabteren gehören.—eis— „Königin Christine" in Lanä. Präsident Ma- sarhk ließ in seinem Privatkino in Lanä den MGM- Film„Königin Christine" vorführen.— Für seine Enkel bestellte er das Lustspiel„Es gab einmal zwei Schelme" mit Laurel und Hardy in den Hauptrollen. Sybille Schmitz in dem Film„Stradivari" §por^-8piek-X5rperpkkege Finnlands Arbeitersport Im Jahre 1935 Die Tätigkeit des Tul hat sich gesteigert und die Mitgliederzahl betrug zu Anfang 1935 35.678. Auch die^irsustätigkeit war größer als im vergangenen Jahre. Es wurden zahlreiche Kurs« in der Provinz abgehalten, ferner ein Zentralkurs für die Instruktoren der Leichtathletik und zahlreiche Kurse für die Frauen. Die Frauen-Sommerschule war von 350 Schülerinnen besucht, darunter zwei Estländerinnen und sechs Tschechoslowakinnen. Mit dem Bau einer eigenen Turnhalle für diese Schule wird begonnen. Die Kosten betragen zirka 150.000 Xi, von denen ungefähr die Hälfte vom Staat gegeben, während die zweite Hälfte durch eine Lotterie aufgebracht werden wird. Eine Bundeslotterie mit 2.5 Millionen Finnen-Mark ist im Gange. In zwölf Kreisen haben Kreisfeste stattgefunden, an denen 8000 Turner und Turnerinnen teilgenommen haben. Beim Kreisfest in Tampere und Helsinki Ware,, auch die Frauen aus der Tschechoslo- wakei anwesend. Die sportliche Konkurrenztätigkeit hat sich wegen der Besserung des Arbeitsmarktes ziemlich gesteigert. Es haben 18 internationale Wettkämpfe unter Beteiligung von Estland, Schweden, Norwegen und Rußland stattgefunden; außerdem achtLänderkämpfe, und zwar mit Estland im Ringen, mit Norwegen im Fußball, Boxen und Leichtathletik, mit der SSSR im Ringen, Fußball, Leichtathletik und Boxen. Die internationalen Beziehungen mit der SSSR sind durch einen Wettspielvertrag erweitert Moskau gegen Prag— Oder: Spartak gegen Slavia’ und Dynamo gegen Sparta In Frankreich weilt, wie bekannt, derzeit cine Moskauer Auswahlmannschaft, bestehend■ us Spielern der Sportklubs„Spartak" und„Dynamo". Die Leitung des tschechisch-bürgerlichen Fußball« Mittelgaues nahm die Gelegenheit wahr, um'ne Russen nach Abschluß ihrer Frankreich-Tournee zu Spielen in die Tschechoslowakei einzuladen. Da Verhandlungen zwischen Prag und Paris sich schwierig gestalteten, fuhren drei Vorstandsmitglieder les Prager Mittelgaues kurzerhand nach Paris, um kort alles zu bereinigen, was einem Start der Russen in Prag hinderlich war. Nun sst es so weit. Tie Russen werden auf ihrer Heimreise zwei Spiel« in Prag austragen. Das erste Match findet am 19, Jänner im Dkasaryk-Stadion start und das zweite wird wahrscheinlich am 21. Jänner abgehalten werden. Als Gegner der Moskauer kommt eine Kombination Sparta—Slavia, das wäre also gleichbedeutend mit der Nationalmannschaft, in Frage/ oter auch besteht die Möglichkeit, daß die beiden Prager Spitzenklubs je ein Spiel mit einer Mannschaft W „Spartak" bjto.„Dynamo" austragen. Das e. e steht jedenfalls fest und ist auch aus den tschechischen Pressekommentaren zu entnehmen: Das Auftreten der Russen in Prag ist er in d i e s e m Falle eine Sensation... und ein Geschäft! DaS Ende der Deutschen Turnerschaft im Dritte« Reich. Mit 1. Jänner 1936 hat im Dritten Reich bie Deutsche Turnerschaft zu bestehen aufgehört. Sie wurde kurzerhand ausgelöst und in'm nationalsozialistischen„Reichsbund für Leibesübungen"„überführt". Die Macher der DT, die jahrelang politische Eiertänze aufführten, haben nun den „Lohn" empfangen. Eine Anzahl Vereine und Mitglieder waren über diese„Auflösung" nicht sehr erbaut, aber da ihnen der Reichssportführer erzählte, daß dies ein„Sieg des Jahnschen Gedankens"'c< deute, gaben auch sie sich damit zufrieden. Iah« selbst kann ja diesen„Kohl" nicht mehr verhindern. — Der langjähkige Schwimmwart E. Bitsch hat jein Amt niedergelegt, der Volksturnwart H. Schmid ist 'zurückgetreten, ebenso der Pflichtturnwart. Die übrigen Funktionäre werden mit der Zeit wohl gegangen werden... Was nun ist, hat mit der DT nichts mehr gemeinsames— denn der„Reichsbund für Leibesübungen" ist ausschließliches Nazi-Gut und wurde aus rein politischen Gründen errichtet. der Harter Sitzung des Bezirksfrauenkomitees am Freitag, den 10. d. M., um halb. 7 Uhr abends im Partei» heim. Um das Erscheinen aller Mitglieder wird ersucht Derritlsnacstrickten Freie Bereinigung sozialistischer Akademiker. Ausschntzsitzung: Donnerstag, 9. Jänner, um 18.30 im Parteiheim, Nürodni trida Nr. 4. Allgemeiner Angestelltenverband. Mittwoch, den 8. Jänner, um halb 8 Uhr Jahresversammlung im großen Saal des Handwerkerheimes. SPD-Flüchtlinge. Donnerstag, den 9. Jänner, von 6 bis halb 8 Uhr Zusammenkunft mit Ausschußneuwahl im Heine-Restaurant. Fochovä tr. 25. ▲ Achtung, Turner, Turnerinnen, "rauen und Kinder! Der regelmäßige Turnbetrieb hat mit 7. Jänner wieder begonnen. Den regelmäßigen Beuch der Turnstunden sollte sich jeder prak zur Pflicht machen.— Mitwirkens» r u an der Ball-Mitternachtsszene üben schon diesen Sonntag von 8 bis 12 Uhr im Turnsaal. Literatur „Müller. Die Chronik einer deutschen Tippe". Walter Mehrin g^ nennt dieses sein Buch (Gsur-Verlag-Wien) einen Roman. Das ist es wohl nun nicht; aber«ine ausgezeichnete und originelle satirische Erzählung, aus der Zeit und doch über sie hinaus geschrieben. Walter Mehring hat den köstlichen Einfall, einen zeitgenössischen Professor Müller aus dem Dritten Reiche zum Zwecke des Rassen- reinheits-Nachweises eine Geschichte seiner Sippe schreiben zu lassen. Die beginnt in der Schenke der Locusta zu Rom, wo etwa im Jahre 90 n. Chr. ein germanistischer Söldner Millesius, ehemals Lustknabe eines Römers, jetzt Kämpe gegen die Nordwestgermanen, als Ahnherr der Müllers auftaucht. Eine Friesin Thusnelda wird seine Geliebte, eine Art Marketenderin, die ihm einen Knaben gebärt, dessen Patenschaft aber mit Recht die ganze Legion übernimmt. Und dann sehen wir die Müllers weiter durch die Jahrhunderte sich fortpftanzen, mit Slawinnen und Romanen, sich vermischen mit Oft und West, Nord und Süd. Reizvoll satirisch ist der„Blut"» Weg der Müllers geschildert und so plausibel gemacht, wie sie zu all den Eigenschaften kamen, die nicht nur die Müllers im Dritten Reich kennzeichnen. Bei aller Schärfe und Kühnheit, bei aller verdienstvollen Rücksichtslosigkeit der Darstellung, entbehrt dieses Buch dennoch auch nicht des Poetischen, Zarten, Lyrischen, wie den« überhaupt die spottlustige Feder .Mehrings nicht nur von Erkenntnis, Gesinnung und Kampfwillen, sondern auch von einem warmen menschlichen Herzen diktiert erscheint, das zum Schluß mit voller Deutlichkeit gewahr werden läßt, daß Komödie und Tragikomödie der Müllers nur niedergeschrieben wurde, um ihre und der deutschen Nation Tragödie recht anschaulich und erzieherisch wirksam zu machen. Ein kluges, heiter-ernstes Buch, das keiner je vergessen wird, der es las. l. g. Buchdrucker, Zeitschrift der Deutschen Graphischen Blldungsvereinigung in der Tschechoflowakei, 2. Jahrgang, 6. Heft. Das soeben erschienene No« Vember-Dezember-Heft 1935 dieser Zeitschrift rechtfertigt ein paar Worte der Besprechung,»weil es sich wohl um das beste Heft handelt, das die Zeitschrift „Buchdrucker" bisher herausgebracht hat.- Sowohl im Text als auch in den Illustrationen wird da Belehrung und ästhetisches Vergnügen geboten. Man kann der rührigen Bildungsvereinigung der deutschen Buchdrucker zu den Fortschritten, die sie machen, gratulieren. „Einheit für Hilfe«ud Verteidigung". Unter diesem Titel beginnt Anfang Jänner in Prag eine neue Monatsschrift antifaschistischen Charakters zu erscheinen. Eine Reihe namhafter Persönlichkeiten der Kultur und der Wissenschaft haben ihre Mitarbeit zugesagt.— Umfang des Heftes 24 Seiten (Quartformat), reich illustriert. Einzelverkaufspreis Xi 1.30, Bezugspreis für ein Vierteljahr Xi 3.30. Bllcherelnlauf Sir Arthur Keith:„O püvodu clovcka." Verlag: Bolnä myslenka, Prag.(84 Seiten). Alois Machover:„Sto povidek". Verlag: Bolnä myslenka, Prag(118 Seiten). Josef Fischer:„Bälka a mir". Verlag: Cin, Prag.(Preis 24 Xi, 105 Seiten). Bezugsbedingungen: Bei Zustellung ins.Haus oder bei Bezug durch die Post monatlich Xi 16.-. vierteljährig Xi 48.—. halbjährig Xi 96.—. ganzjährig Xi 192—.— Inserate werden laut Tarif billigst berechnet. Bei öfteren Einschaltungen Preisnachlaß.— Rückstellung von Manuskripten erfolgt nur bei Einsendung der Relourmarken.— Die Zeitungskrankatur wurde von der Poft- mrd Tel«. - gravhendirektion mit Erlaß Nr. 13.800/VH/1930 bewilligt.— Druckerei:„Orbis". Druck». Verlags» und Zeitungs-A.«G.. Prag.