16. Zahrgang Nr. 18 Mittwoch, 22. Jänner 1936 Einzelpreis 70 Heller (einschließlich 5 Heller Porto) IENTRALORGAN DER DEUTSCHEN SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung präg xiufochova«r. telefon 53077. HERAUSGEBER! SIEGFRIED TAUB. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR: DR. EMIL STRAUSS, PRAG. Der Thronwechsel in England Eduard VIII. KGnla von GroBbrltannlen und Irland Rach mehr als LLjähriger Regierung ist Georg V. gestorben«nd das Aufsehen, daS sein Tod erregt, steht im Widerspruch zu der Stille, dir der bescheidene und diskrete Mann während seines Lebens um sich verbreitete. Georg V. könnte ei n Bürgerkönig genannt werden» hätte das Wort nicht seit dem Exponenten der Pariser Börse, jenem Bürgerkönig Louis Philippe von 1830, einen üblen Klang. Aber Georg V. war dasMustrreinrSverfassungsmätzigenMon- a r ch e n. Richt daß er schwächlich«nd ohne igenen Willen gewesen wäre, aber er brauchte sein«» Willen stets nur, um eine vom Volke ausgehende Tendenz durchzusetzen, um zu seinem bescheidenen Teil neben den gewaltigen, weltgeschichtlich bewegenden Kräften Geburtshelfer der Historie semeS Landes zu sein. So hat er im Jahre 1924 dir Arbeiterpartei zur Regierung berufen, obwohl sie keine Mehrheit hatte und cbwohl das damals einen geradezu revolutionären Akt für England bedeutete. So hat er 1929 die.rbriterpartei ein zwritesmal betraut und im Jahr« 1931 die Rationale Konzentration gebildet, als die Maffe dies zu verlangen schien. Aber er bat auch die Entwicklung der Rationalm Konzentration zu einer Monopolpartei abgebremst, als es ihm Zeit dazu schien, und noch vor wenigen Wochen hat er durch die Berufung Edens bewiesen, daß für ihn des B o l k e s W i l l e. ö ch st e s G e b o t war. Georg V. hat durch das Amt eines drkorativm Königs mit viel Würde getragen und der traditionelle historische Prunk nahm seiner Person nichts von ihrer Bescheidenheit. Er unterschied sich wohltumd von Parademonarchm ä-a Wilhelm IL, von Schwächlingen, die ihrm Eid brachm«nd die Macht den Faschisten auslieser ten, aber auch von den Königm» die den Thron am liebstm in der Bar aufstellen«nd die Regier ungögeschäste an die Börse verlegen möchten. Seine untadelige Korrektheit, seine stille Bescheidenheit» sein männlicher Takt haben Georg V. zu einer nationalm Figur gemacht, der im Leben wie nun im Tode konservative«nd demokratische Engländer, der auch das Ausland ehrlichm Respekt gezollt habm»nd weiter zollen. Ter neue König Eduard VIII. ist 41 Jahre alt und gilt als vielseitig interessierter und gebildeter Mann. Ob seine teilweise recht radikalenAnsichten nur Kronprinzm- launr oder tiefere Ucberzeugung waren, wird sich nun erweisen. London. König Georg V. hatte einen friedlichen Heimgang. E«-ist-Äs- zum Ende ohne besondere SchtNerzdn' geblieben. Ms die Aerzte erkannten, daß das Ende noch eine Frage von Minuten war, riefen sie die Königin mit ihren Kindern in das Sterbezimmer. In ihrer Gegenwart hat der König seinen Atem auSgehaucht. Die Wendung im Befinden des Königs, die das Schlimmste befürchten ließ, war am späten Nachmittag des Montag eingetteten. Sie wurde durch die Aerzte kurz nach der Ausgabe der Nach- mittagSverlautbarung festgestellt. Die Aerzte erkannten, daß jede Hoffnung auf eine Wiederherstellung des Königs aufgegeben werden mußte. Der König ist bereits in den letzten Tagen nur noch bei halbem Bewußtsein gewesen. Er war jedoch noch am Montag nachmittags in der Lage, die Königin wieder zu erkennen und grüßte seine Kinder mit einem Lächeln. Der Eid Eduards VIII. S a n b t* n. Die Sitzung des Kronratrs, in der formal die Thronbesteigung Eduard VIII. beschlossen wurde, dauerte eine Stunde. Neberlie- ferungsgemäß gab König Eduard VIII. vor der Versammlung folgende, noch aus der Zett der GlaubenSkämpfe stammende Erklärung ab: „Im Angesicht Gottes bekenne ich, bezeuge «nd erkläre ich feierlich«nd aufrichtig» daß ich ein gläubiger Protestant bin«nd daß ich di« vrberrinstimmung mit dem wahren Zweck der Gesetze, die die protestanttsche Thronfolge sichern, die besagten Gesetze nach besten Kräften erhalten Und stützen werde, wie das Gesetz es verlangt." Im Geheimen Rate, der Dienstag nachmittags im St. James-Palaste tagte, teilte der Erste Lord-Präsident den Tod des Königs Georg sowie die Thronbesteigung seines Sohnes mit. König Eduard VIII. gab die von der Berfaffung vorgeschriebene Erklärung ab und die Mitglieder des Rates unterzeichneten sodann die Proklamierung Eduards VIII. zum Könige. Die Proklamierung wird am Mittwoch öffentlich unter dem üblichen historischen Zeremoniell bekanntgegeben werden. An dem Geheimen Rat beteiligten sich der Erzbischof von Canterbury, die Regierung und die ^Mitglieder der früheren Regierungen, insoweit sie noch leben und erreichbar waren. König Eduard VIII. wird Mittwoch im St. James-Palais sowie an drei anderen Stellen der Hauptstadt, und zwar in Charing Croß, Templebar und an der Börse zum König proklamiert werden. Die Flaggen, die auf Halbmast wehten, werden Mittwoch wiederum. hochgezogen werden aus Anlaß der Proklamierung des neuen Königs, Die Parlamente schwören Treue Die beiden Parlamente traten Dienstag'um II Uhr zusammen, um dem neuen König Treue und Ergebenheit zu schwören. Ms erster leistete , der Kyr-ch-r folgte der Ministerpräsident, der Schatzkanzker und der Innenminister. Die Eidesformel lautete: »Ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen, daß ich Seiner Majestät, König Eduärd, seinen Erben und Nachfolgern dem Gesetz entsprechend die Treue halten werde, so wahr mir Gott helfe." In ähnlicher Form vollzog sich der feierliche Akt der Eidesleistung im Oberhaus. Die Eidesleistung wird wahrscheinlich noch mehrere Tage in Anspruch nehmen. Anschließend werden Unterhaus und Oberhaus vom König persönliche Botschaften entgegennehmen. * Die Bestattung In Windsor Sandringham. Die sterblichen Ueberreste des Königs werden am Donnerstag nach London überführt, wo sie in der Westminster-Abtei aufgebahrt werden. Der Eisenbahnzug mit den sterblichen Ueberresten König Georg V. verläßt den dreieinhalb Kilometer entfernten Bahnhof Worferton am Donnerstag Mittag. In Dörferton wird der Sarg auf eine von Pferden gezogene Geschützlafette gelegt werden. Dtm Sarge werden die Mitglieder der Königsfamilie zu Fuß folgen. Die Polizei der Grafschaft Norfolk wird unterwegs die Ordnung aufrechterhalten. London., Di« Beerdigung des Königs findet, wie nunmehr amtlich mitgeteilt wird, am kommenden Dienstag in der St. Georgs-Kapelle in Windsor statt. Am Beerdigungstag wird der Sarg in voller Staatsprozession von der West- minster-Hall.zur Eisenbahnstation Paddington gebracht, werden, von wo der. König.seine letzte Fahrt nach Schloß Windsor antritt. Beileid der Labour Party London.(Reuter.) Der Nationalrat der Arbeiterpartei bezeigte dem verstorbenen König und seiner verfassungsmäßigen und demokratischen Gesinnung eine Ehrung in einer Erklärung, die Major Attlen im Buckinghampalast überreichte. Die Erklärung verdolmetscht die Treue für den neuen König und wünscht ihm eine lange Regierung in Frieden und Wohlstand. Der Lebenslauf König Georgs V. König Georg V. von Großbritannien und Irland, Kaiser von Indien, wurde am 8. Juni 1865 als zweiter Sohn des damaligen Prinzen von Wales, des nachmaligen Königs Eduard VII. und der Prin- zrssin Alexandra von Dänemark geboren. Gemeinsam mit seinen älteren Bruder Albert erhielt er unter der Leitung I, N. Taltons eine- sorgfältige Erziehung, welche er dann durch einen-Aufenthalt in der Schweiz ergänzte. Nach einer Reise um die Well trat Prinz Georg in dje britische Kriegsflotte«in und machte als Offizier meistens auf Schiffen der überseeischen Stationen Dienst. Durch den Tod seines älteren Bruders Albert Herzogs von Clarence wurde Prinz Georg, der den Titel eines Herzogs von Dork führte, im Jänner 1892 der Thronerbe nach seinem Vater. Er vermählte sich im; Jahre 1893 mit Viktoria Maria, Prinzessin von Teck, der Braut-seines verstorbenen Bruders. Am 23. Juni 1894 wurde dem Ehepaar der erste Sohn, Prinz Eduard, geboren. Später folgten vier weitere Kinder, und zwar drei Söhne und eine Tochter. Nach der Thronbesteigung seines Vaters(1901) wurde dem Thronfolger-der Titel eines Prinzen von Wales verliehen. Am 6. Mai 1910, dem Todestage des.Königs Eduard VII., bestieg der Prinz den Thron Großbritanniens. Zrr End« des gleichen Jahres unternahm das englische Königspaar eine Reise zu den Krönungsfeierlichkeiten nach Indien. Während des Krieges weilte König Georg mehrmals in Frankreich. Im Juli 1917 wurde ein königliches Dekret erlassen, durch welches der Name der königlichen Familie, die dem Haus« Sachsen- Koburg-Gotha entstammt, in den Namen Winv- sör umgeändert wurde. Im November 1928 erkrankte König Georg ernstlich an einer Lungenentzündung, so daß man um sein Leben fürchtete. Ende Dezember gelang es den Aerzten jedoch, ihn wieder herzustellen. Im Mai 1935 feierte Großbritannien und das grstlMte britische Reich das 25. Reyierungsjubiläum des K>nW,''bald darauf den 70. Geburtstag des Königs, den letzten, der ihm beschieden war. Staatstrauer in der tSR Prag.(Amtlich.) Die Tschechoflowakische Republik schließt sich der Trauer Großbritanniens anläßlich des Ablebens König Georg V. an. Für die Mitglieder der Regierung wurde eine Staatsttauer bis zum Tage des Begräbniffes angeordnet. Deshalb entfällt die Teilnahme der Regierungsmitglieder an Festlichkeiten, insbesondere an Bällen. Die AmtSgebäude in Prag, in denen Minister amtieren, haben zum Zeichen der Trauer die Staatsflaggen auf Halbmast gehißt. Die Fahnen bleiben bis zum Tage des Begräbniffes gehißt. Die Mitglieder der Regierung haben sich in die -auf der königlich englischen Gesandtschaft in Prag aufliegenden Kondolenzlisten eingetragen. Die Staatstheater und der tschechoflowakische Rundfunk werden an den Tagen der Trauer bis zum Begräbnis bloß ein ernstes Programm einhalten. Präsident M a s a r y k und Präsident Benes haben an die Königin Witwe und den neuen Kömg Beileidstelegramme gesandt. Im Abgeordnetenhaus hielt der Vorsitzende Mal y p e t r zu Beginn der Sitzung in Gegenwart der gesamten Regierung dem vorstorbenen König einen Nachruf» worin er ihn als das Muster eines demokratischen Herrschers feierte und betonte, daß Englanh unter seiner Regierung eine der mächtigsten Kräfte war, die an der Wiege der Tschechoflowakei standen. Die Vorsitzenden der beiden Häuser haben an den Sprecher des englischen Unterhauses ein Beleidstelegramm gesendet. Prag.(Amtlich.) In der außerordentlichen Trauersitzung des Ministerrates, die am Dienstag, den.21. Jänner, nachmittags anläßlich deS Ablebens S. M. des Königs von Großbritannien Georg V. .einberufen wurde, hielt der Vorsitzende der Regierung Dr. Hodßa eine Ansprache, in der er aufs wärmste dem Beileid und der tiefen Trauer der Tschechoflowakei über den schweren Verlust Ausdruck gab, der Großbritannien bettoffen hat. Diese Trauerkundgebung wurde von den Mttgliedern de: Regierung stehend angehört. Der' ersitzende der Regierung teilte sodann mit, daß er ein Beileidstelegramm im Namen der tschechoslowakischen Regierung an den britischen Premierminister Baldwin geschickt habe. Hierauf wurden die Maßnahmen zur Kenntnis genommen, die sofort nach Erhalt der Nachricht über das Ableben des Königs Georg berettS durchgeführt wurden. Der Vorsitzende der Regierung wurde sodann ermächtigt, im Einvernehmen mit dem Präsidenten der Republik und mit dem Minister.für auswärtige Angelegenheiten die näheren Modalitäten .hinsichtlich der-Teilnahme der Tschechoflowakei an den Trauerkundgebungen anläßlich des Ablebens Seiner Majestät König Georg V. festzusetzen. »er Kampf nm die Volksgesundheit Von Doz. Dr. Theodor Gruschka Die politischen Ereignisse der letzten Wochen haben den Raum dieser Zeittmg und das Interesse seiner Leser stark in Anspruch genommen. Es sin- deshalb in diesem Blatte noch nicht die Ausfiih-- rungen des Ministers Genossen Dr. Czech im Ge- sundheitsausschuß des Parlaments gebührend gewürdigt worden, was hiemit nachgetrageu werden soll. Die Ausführungen des Genossen Dr, Czech beginnen mit dem Versuche, die herrschenden Gesundheitsverhältnisse in möglichst klarer Weise zu kennzeichnen und vor allem die Frage zu beantworten, ob die nun seit mehrere^ Jahren herrschende Wirtschaftskrise eine bemerkbare Schädigung an der Gesundheit des Bolkskörpers zugefügt hat. An den Ziffern der Sterblichkeit und zwar sowohl der Gesamtsterblichkeit an allen Todesursachen, wie auch an der Sterblichkeit durch Tuberkulose läßt sich eine Verschlechterung nicht feststellen. Ja in diesen Zahlen drückt sich eine gewisse Besserung aus. Aber mit Recht erklärt der Minister, daß die Tatsache, daß in unserer Republik jährlich 20.725 Menschen an Tuberkulose und 35.839 Kinder im ersten Lebensjahr sterben, uns das Gebot auferlegt, viel Mühe aufzuwenden und alle öffentlichen und privaten Faktoren des Landes zum Kampf für eine weitere Verringerung der Schäden zusammenzufasscn, Da für die Prüfung der Schädigung der Volksgesundheit durch die Wirtschaftskrise in den Sterblichkeitsziffern kein Anhaltspunkt gegeben ist, hat sich Minister Dr. Czech bemühte auf andere Art Kenntnis über die schädlichen Einwirkungen der Wirtschaftsnot in Krisengebieten zu beschaffen. Er zieht als Beweis für die Gefahren eine Reihe von Einzelbeobachtungen von Krankenhaus- und Fürsorgeärzten heran, die in ihrer einfachen Schilderung der Tatsachen erschütternd, sind und die zu energischer Abwehr der Gesundheitsbedrohung der weiten von der Wirtschaftskrise erfaßten Kreise mahnen. Nach dieser Einleitung beschäftigt sich Genosse Dr. Czech mit einer eingehenden Prüfung der gesetzgeberischen Grundlagen auf dem Gebiete des Gesundheitswesens und der zur Verfügung" stehenden Einrichtungen. Diese Prüfung zeichnet sich durch ihre schonungslose Offenheit und Entschiedenheit aus. Sie gibt die Grundlage für eine Reihe von Forderungen, die sozusagen ein Programm darstellen, welches das Ministerium für Gesundheitswesen in den nächsten Iahten beschäftigen soll. Die wichttgsten Forderungen sind:■ Die Vereinheitlichung der Gesetzgebung unseres Gesundheitswesens,- der Aufbau eines Um- fassenden Sanitätsgesetzes auf der-Grundlage der modernen Auffassung, der planmäßige Ausbau des Krankenhauswesens, der Aufbau einer öffentlichen sozialen Gesundheitsfürsorge, besonders aber ein einheitliches und großes Werk der gesundheitlichen Jugendpflege, ferner die periodische Schulung und Fortbildung' der Amtsärzte, die Einführung der ärztlichen Gewerbeinspektion und Kampf gegen die Berufskrankheiten. In allen diesen Forderungen bleibt Minister Dr. Czech nicht bei der bloßen Aufzählung der Neuerungen stehen, sondern gibt weiter die grundlegenden Gedanken zum Ausdruck, die bei der Schaffung dieser großen Reformen maßgebend sein sollen. Es ist gerade für die Fachleute ungemein erfteulich, daß diese Darstellungen des Genossen Dr. Czech die Forderungen der wissenschaftlichen Kreise in entschiedenster Weise zum Ausdruck bringen. So wird beim Krankenhauswesen die Planmäßigkeit in den Vordergrund gestellt, bei der Gesundheitsfürsorge die Abschaffung der Zersplitterung und die gesetzliche Regelung gefordert. Bei der Jugendwohlfahrtspflege wird gerade die Gesund- heitsüberwachung und: Gesundheitsfürsorge für Kinder und Jugendliche als wichtiger Teil hervorgehoben und die Notwendigkeit der Erweiterung der Gewerbeinspektion durch die Anstellung ärztlicher GewerbeüberwachungsbearNte und durch die Schaffung von Kliniken für Berufskrankheiten gefordert. In diesem Teil der Ausführungen gibt auch Minister- Dr. Czech eine Darstellung über dir Bemühungen des Ministeriums im Kampfe gegen den Joachimsthaler Lungenkrebs. -; Diese entschiedenen Forderungen, die sich mit den Auffassungen der wissenschaftlichen Fachkreise decken, haben auch die begeisterte Zustimmung hervorragender tschechischer. Fachleute Witz Seite 2 Mittwoch, 22. Jänner 1936 Rr. 18 Prof. Pele und Prof. Rocek, sowie zahlreiche Zu- stimmungserllärungen aus tschechischen Aerzte- kreisen eingetragen. In der Besprechung von Einzelproblemen, die gegenwärtig eine dringende Aufgabe darstellen, stellt Minister Dr. Czech die Heilfürsorge für Arbeitslos« an die Spitze. Er erklärt, daß die zweckmäßigste Lösung dieses Problems in der Betreuung kranker Arbeitsloser durch die Krankenkassen liege und schließt sich dabei einer Auffassung an, die seit jeher von den deutschen sozialdemokratischen Aerzten vertreten wurde. Er kündigt eine besonders umfangreiche Aktion der Erholungsfürsorge für gefährdete Kinder an, weiters die baldigste Eröffnung der Ma- saryk-Schule für Gesundheits« und Sozialfürsorge, in welcher deutsche und tschechische Fürsorgerinnen in ihrxi: Muttersprache Ausbildung erhalten sollen und schließlich besondere Leistungen auf dem Gebiete der körperlichen Erziehung und des Kampfes gegen den Alkoholismus. Daß es Minister Gen. Dr. Czech bei allen diesen Dingen wirklich ernst ist und daß er sich nicht in bloße Versprechungen ergeht, hat er damit bewiesen, daß er trotz aller Schwierigkeiten und trotz dem ausgesprochenen Sparcharakter unseres StaatSvoran- schlages für die Gesundheitsfürsorge und für die Stabilisierunssnovelle vom Parlament angenommen Prag. Das Abgeordnetenhaus befaßte sich am Dienstag in seiner auf zwei Sitzungen berechneten ersten Tagung nach den Weihnachtsferien mit zwei wirtschaftlichen Vorlagen: den G e b ü h r en e rl e i ch t e r u n g e n bei Fusionen und der Novelle-über die S t a- bilisierungsfonds. Die Gebührenerleichterungen bei Fusionen oder Aenderungen der Rechtsform gewiffer Unternehmungen wurden schon im Jahre 1928 eingeführt und bereits einige Male verlängert. Gegenüber der letzten Fassung entfällt die Ermächtigung an die Regierung, die Gebührenerleichterungen auch in gewiffen anderen Fällen zuzuerkennen. Der Senat hat die Vorlage bereits im Dezember angenommen. lieber die Novelle betreffend die Stabilisierung Sfonds haben wir ebenfalls schon berichtet. Kurz vor Weihnachten erfolgte die Rückverweisung durch das Plenum an den Ausschuß, um u. ä. die Frage derrückwirkendenGeltung des Gesetzes zu klären. Der Ausschuß hält an der 'Auffassung fest, daß es sich um keine Rückwirkung handelt, wenn auf Grund deS Gesetzes im Jahre 1936 die Steuern für das VerwaltungSjahr 1986 anders bemessen werden; außerdem rechne daS Budget für 1936 bereits mit dem Mehrertrag der Erwerbsteuer. Der Artikel II über die Besteuerung der zu Lasten des Stabilisierungsfonds ausgegebenen Gratisaktien wird ausgeschieden und soll im Rahmen der Novelle zu den direkten Steuerst verwirklicht werden. In der Debatte sprachen die Kommunisten K r o s n a i und Klima. Mit der staatsmännischen Einstellung dec Kommunisten ist eß längst Wieder vorbei. Die heutigen Redner verfielen schon wieder in den ausschließlich auf wüste Agitation eingestellten Ton ihrer verflossenen Parla- mentsgencration» wobei vor allem die böswilligsten Anwürfe gegen die Regierungssozialisten fröhliche Auferstehung feierten. Herr May von der SdP. suchte ebenfalls das Arbeitslosenelend parteimäßig nach Gebühr auszuschroten. Aus allen drei Reden wurden vom Parlamentspräsidium einzelne Stellen konfisziert. Beide Vorlagen wurden schließlich in erster Lesung unverändert angenommen. Unterstützungen der Bestrebungen auf dem Gebiete der körperlichen Erziehung Erhöhungen des staatlichen Aufwandes durchsetzen konnte. Minister Dr. Ezech bezeichnet aber selbst diese Erhöhungen als ungenügend und quittiert sie nur als Zeichen beginnender EHenntniS. Seine Frage, wie lange cs, da es sich doch um die Gesundheit unseres Volkes, also um eines der Fundamente unseres Staates geht, möglich sein werde, dem staatlichen Gesundheitswesen auch weiter noch die Rolle eines Stiefkindes innerhalb der staatlichen Verwaltung zuzuweisen, bedeutet eine ernste Mahnung nicht nur an die Politiker, sondern an die Gesamtheit des Volkes. Es ist deshalb zu hoffen, daß die ernsten, aufrichtigen und entschiedenenAuSfühnmgen unseres Gesundheitsministers, die durch einstimmige Annahme aller Mitglieder deS Gesundheitsausschusses die volle Zustimmung der zuständigen parlamentarischen Körperschaft gefunden haben, verwirklicht werden. An der Energie des Ministers Gen. Dr. Czech wird es gewiß nicht fehlen, hoffentlich auch nicht am Verständnis derer, die für die Wehrhaftigkeit unseres Staates nicht nur gegen äußere Feinde, sondern auch gegen den inneren Feind der Gesundheitsschäden verantwortlich sind. Der Rechtsbeirat ernannt Der Rechtsbeirat, den der Vorsitzende der Regierung Dr. Hodza in seiner prcgrammatischen Rede im Abgeordnetenhaus ankündigte, wurde jetzt konstituiert. Der Vorsitzende der Regierung ernannte zu dessen Mitgliedern Dr. H ä ch a. Ersten Präsidenten des Obersten Verwaltungsgerichtes in Prag, Dr. Fajnor, Ersten Präsidenten des Obersten Gerichtes in Brünn, Dr. H o e tz e l, ordentlichen Professor der Karls-Universität in Prag, Dr. Wehr, ordentlichen Professor der Dlasaryk-Universität in Brünn, Dr. L a S t o v- k a, ordentlichen Professor der Komensky-Nniver- sität in Preßburg, Dr. Weiß, ordentlichen Professor der deutschen Universität in Prag, Dr. Schauer, Advokaten in Prag, und Dr. Josef K a l l a h, öffentlichen Notar in Preßburg. Der Rechtsbeirat steht unter dem Vorsitz des Vorsitzenden der Regierung oder in dessen Vertretung des Justizministers. Tutny präsentiert Wie parteioffiziell bekanntgegeben wird, erstattete im Parteivorstand der tschechischen nationalsozialistischen Partei Senator K l o s ä c den Bericht über seinen gestrigen Besuch beim Ministerpräsidenten Dr. HodZa. HodZa habe sich bereit erklärt, der Koalition und dem Präsidenten der Republik den Antrag auf die Ergänzung des Kabinetts durch einen Meilen Minister für'die nätionalsozialistische Partei vorzulegen und habe der Partei eines von den drei Ministerien für Aeußeres, Schule und Finanzen zur Auswahl gestellt. Senator Klofäc erklärte im Parteivorstand aufs neue, daß er die Kandidatur, die ihm gleich nach der Präsidentenwahl vom Parteivorstand einmütig angeboten wurde, ablehne, auch wenn er die Wichtigkeit der für seine Kandidatur angeführten Gründe anerkenne. Minister Dr. Franke referierte hierauf über die politischen Verhandlungen, betreffend die Ergänzung der Regierung, die baldige Besetzung des Außenministeriums sowie eine eventuelle breitere Rekonstruktion der Regierung. Einmütig wurde vom Parteivorstand der Antrag angenommen, als zweiten Minister der Partei den Abgeordneten Alois T u L n h zu kandidieren. Magyarischer Aktivismus in der ÖSR Wir haben bereits darauf hingewiesen, daß die Präsidentenwahl im Dezember auch innerhalb der Magyaren eine neue politische Aera eingeleitet hat. Bekanntlich haben beide magyarischen Parteien, sowohl die magyarischen Christlichsozialen als auch die magyarische Nationalpartei für Benes gestimmt und es wurde dann unter diesen Parteien wegen eines Zusammenschusses auf aktivistischer Grundlage verhandelt. DaS Streben der Magyaren, ein konstruktives Element in der CSR zu werden, kommt nun auch zum Ausdruck in der „Magyarischen Minderhcitsgescllschaft", welche Sonntag in Preßburg gegründet wurde, und deren Aufgabe das Studium der magyarischen Frage in der ESR ist. Die Gesellschaft will im Geiste der tschechoslowakischen Verfassung arbeiten. Urteil im Brünner Korruptionsprozeß Brünn.(Tsch. P.-B.) Der Senat des Kreisstrafgerichtes in Brünn hat Dienstag unter dem'Vorsitze des Gerichtsrates Racek das Urteil in dem Prozeß, der Bestechungen bei einigen öffentlichen Bauführungen in Nordböhmen und in Mähren-Schlesien behandelte, gefällt. In dem Prozesse hatten sich insgesamt acht Angeklagte zu verantworten. Der Vorsitzende des Gerichtes verlas das Urteil, nach welchem der Angeklagte Wenzel Kunze, ehemaliger Leiter der Filiale der Firma Pittl& Brausewetter in Trautenau, schuldig erkannt wurde, daß er die Absicht hatte, den Ingenieur Julius Baumann in Prag durch Geschenke zur Parteilichkeit in Amtsangelegenheiten zu verleiten. Er wurde zu sieben MonatenKerker, mit zwei Fasten im Monate und zum Verluste des Wahlrechtes verurteilt. Die Strafe istunbedingt. Jng. Julius Baumann, technischer Rat des Landesamtes in Prag, wurde schuldig erkannt, als Beamter Geldgeschenke angenommen zu haben, und wegen des Verbrechens der Geschenkannahme in Amtsangelegenheiten zu fünf Monaten Kerker mit zwei Fasten und zum Verluste des Wahlrechtes verurteilt. Es wird ihm aber bedingter Strafaufschub für drei Jahre gestattet. Die beiden Verurteilten sind verpflichtet, die Kosten des Strafverfahren- zu ersetzen. Die übrigen Angeklagt wurden freigesprochen. Genosse Franz KrejLi hat gestern im Abgeordnetenhaus die Angelobung als Nachfolger deS Genossen Schäfer geleistet, der, wie gemeldet, vor einigen Tagen mit Rücksicht auf sein Alter auf das Abgeordnetenmandat verzichtet hat. Genosse KrejK vertritt dkil Mahlkreis Königgratz.» Im Sparausschuß erstattete am Dienstag der Chef der volkswirtschaftlichen Abteilung des Ministerratspräsidiums, Bittermann, ein Referat über Hilfs maßnahmen für das Automobilwesen. Er erblickt eine Lösung in der Gewährung von Steuererleichterungen für neue Wagen, in der Herabsetzung der Bersicherungsgebühren und in einer Reihe weiterer Maßnahmen, die zur Erhöhung der Pro- duktion und des Absatzes neuer Automobile beitragen könnten. Der Ausschuß befaßte sich weiters mit den Möglichkeiten eines erhöhten Zucker empörtes sowie mit der Frage der Errichtung einer eigenen Amortisationskasse» die nach dem bewährten Muster der Weststaaten neben der normalen A: ortisafion der Staatspapier« eine außerordentlich« Amortisation durchführen würde, ohne den Steuerdruck zu vergrößern. Auch über die geplante Einführung von Pressekammern wurde verhandelt. Am den Theaterfonds. Im Jnitiativauc- schuß des Senates wurde am Dienstag der Antrag der tschechischen Sozialdemokraten auf Errichtung eine- Staatsfonds zur Unterstützung der Theater den zuständigen Ausschüssen zur Verhandlung zugewiesen. Minderheitenbeschwerde Szüllös und Szen- tivanyis in Genf abgelehnt. Die Abgeordneten Szüllö und Sz e n t.i va n y i hatten beim Völkerbundrate eine Minderheitsbeschwerde wegen der Konfiskation und Einstellung der Tageszeitung„Pragai Magyar Hirlap" eingebrachr. Der Minderheitenausschuß des Rates verhandelte über diese Beschwerde, in der namentlich angeführt ist, daß die im Jahre 1933 in der Tschechoslowakei ausgegebene Zensurverordnuna»aus- schließlich gegen die magyarische Minderheit gerichtet war und daß beim Vorgehen gegen das Blatt»Pragai Magyar Hirlap“ die tschechoslo- wakischen Behörden nicht die volle Unparteilichkeit bewahrt hätten. In dem Berichte des Minderheitenausschusses wird betont, daß die die Konfiskation und Einstellung des„Pragai Magyar Hir- lap" betreffenden gesetzlichen Maßnahmen nicht als Diskriminierung der magyarischen Minderheit in der Tschechoslowakei angesehen werden können. Deshalb hat es der Minderheitenausschuh nicht als angebracht angesehen, die Mitglieder des Völkerbundrates auf diese Beschwerde aufmerksam zu machen. Faschistische Politik auf Welle Sicht... Im Parlament hat die Nationale Vereinigung der Her, ren StiibrnH-Kramak durch den Abg. Kut einen Antrag«ingebracht, wornach die Wahl des Präsidenten der Republll— der nur tschechoslowakischer Nationalität sein dürft— künftig durch das Volk vorgenommen werden soll; die Nationalversammlung hätte nur die Kandidatenliste aufzustellen, in die jeder aufzunehmen wäre, der wenigstens 30 Stimmen erhält. Echielte keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit, so hätte ein: Stichwahl stattzufinden.— Wir haben seinerzeit aus der Feder des Genossen Stampfer einen Artikel veröffentlicht, in dem überzeugend dargetan war, daß die Wahl des Reichspräsidenten durch das Volk in Deutschland wesentlich zum Sieg des Faschismus beigetragen hat. Nun möchten also auch unsere Faschisten ähnlich« Wege gehen. Interessant ist an diesem Antrag weiters, daß die Bestimmung des 8 58, Abs. 4, der Verfassung, wornach niemand mehr als zweimal nacheinander zum Präsidenten gewählt. werden kann, sondern dann erst wieder eine volle Wahlperiode(fieben Jahre) aussehen mu'', dahin abgeändert werden soll, daß die Wiederwahl sofort nach dem Tode oder der Abdikation des nächsten Präsidenten erfolgen könnte, ohne erst die sieben Jahre abzuwarten. Wenn also die Stkibrnh-Faschisten einmal die Zweidrittelmehrheit erobern sollten, so könnte ihr Oberhaupt lebenslänglich den Präsidenten spielen. Er brauchte nur nach Ablauf von zwei Wahlperioden, einen Schattenpräsidenten wählen zu lassen, der sofort wieder zurücktritt, und könnte schon wieder weiter den Präsidenten spielen.— Man muh nur bewundern, daß eine Partei von 16 Abgeordneten, die es also zur Beherrschung des Staates noch reichlich weit hat, schon jetzt mit so entfernt liegenden Möglichkeiten jongliert... Copyright by Bugen Prager-V erlog, Bratislava Arbeit! Das ist ein Sport, der nichts einbringt! Also, gehen wir und schlafen wir uns mal tüchtig aus. Ich habe so das Gefühl, es stimmt doch nicht alles bei mir— Eine Woche später platzt die Bombe. Fristloser Hinauswurf! Zuerst lächeln wir nachsichtig, wie man etwa einen schlecht angebrachten Witz belächelt Als wir aber die Grubeneingänge mit Militär besetzt sehen, erfaßt uns lähmendes Entsetzen. Wir sehen einander in die toten Gesichter. Wirklich?? Halboff’ne Munde erstarren. Ganz hinten in den Augen steigt etwas Furchtbares auf. Wut grenzenlose Wut und vernichtender Haß. Daniel brüllt wie ein halbtotes Tier auf, stürzt auf den zunächststehenden Soldaten und schlägt ihn zu Boden. Das ist unser Signal. Mit Zaunstaketen, Schienentrümmer und scharfen Schrammeisen in den Händen werfen wir uns gegen die blinkenden Gewehrläufe. Die Luft zittert Unser Blut siedet Eine scharfe Salve knattert durch den hellen Frühlingsmorgen. Zwanzig Kameraden wälzen sich auf dem Boden und brüllen vor Schmerz und Wut Die folgende Pause benützt Paul und springt zwischen uns und das Militär. Seine Stimme überschlägt sich. „Kameraden! Kameraden, nicht so! Das ist unnütz! Ruhe, Kameraden!“ Fünfeinhalbhundert verkrampfte Körper ducken sich, tun im nächsten Moment vorzustürzen. „Kameraden, besinnt euch! Wir wollen verhandeln! Auf Kameraden, in die Direktion!*.* Eindringlicher als Hells Worte sprechen die zwanzig toten Kameraden. Vor mir liegt Daniel. Sein Gesicht hat nichts Menschliches mehr in sich. Ein feiner Faden Blut rinnt von der Schläfe herab in den offenen Mund. Daniel ist tot, aber seine Hände umkrallen noch immer den Hals des unter ihm liegenden Soldaten. Aus dessen blaurotem Gesicht starren die Augen weit offen und entsetzt in die Luft Er muß noch sehr jung gewesen sein, der kleine Soldat mit den hellblonden Haaren und dem feinen Flaum um das runde Kinn. Vielleicht hat er noch vor einigen Minuten an seine Mutter gedacht oder an sein Mädchen. Jetzt liegt er erwürgt unter Daniel.... Fogger Schorsch kommt Paul zu Hilfe und bringt es so weit, daß sich alle zu einem Zug formieren, um gegen die eineinhalb Stunden entfernte Direktion im Nachbarbetrieb zu marschieren. Die Erde zittert unter uns. Vor unseren gelbglühenden Augen flimmern rote Nebel. Die„Rolle“ ist ausgestorben. Fast, als fürchteten sich unsere eigenen Frauen und Mädchen vor uns. Nur ein paar Kinder spielen auf der Straße und sehen ängstlich in unsere zerwühlten Gesichter. Hinter der„Rolle“ zupft mich jemand am Rockärmel. Es ist der kleine Gallon. Ich nicke ihm zu und er watschelt neben mir her. Er trägt eine Grubenlampe. Ich frage, was er damit will. „Zuschlägen!" antwortet er kurz. „Mit einer Lampe?“ staune ich. In das Gesicht des Kleinen kommt ein eigensinniger Zug, * wie man es oft bei Greisen sehen kann. Er macht die Lampe auf. Der Karbidtopf ist mit Pulver vollgestopft und statt des Brenners ist eine Zündschnur adjustiert „Auf der Stelle wirfst du das Ding weg! Hörst du!" „Meinst du, ich habe das Pulver umsonst gestohlen?“ „Weißt du auch, daß du damit vielleicht zwanzig Menschen zerfetzen kannst l“ „Ja!“ Ich sehe in ein Gesicht mit verzweifelten Augen und zuckenden Lippen. Armer, kleiner Junge! Wäre das alles nicht gekommen, so hätte er sich bestimmt selbst vom Pulver zerreißen lassen. Er kann seinen krüppeligen Körper nicht mehr länger durch das harte Leben schleppen. Gallon macht damit das wahr, was viele von uns denken: Wenn schon, denn schon! Gehe ich drauf, so soll auch ein anderer dran glauben, einer, der vielleicht mitschuldig ist, daß ich gehen muß! Es ist dies die Verzweiflung jahrelangen Zusehenmüssens, die urplötzlich keinen anderen Weg mehr sieht, als Vernichtung. Unser Gehen ist mehr ein Hüpfen von Schwelle zu Schwelle der Feldbahn, die in halber Hügelhöhe zum Nachbar- und Hauptbetrieb führt. Unter uns liegt milchigweißer Nebel. Vom Dorf ist nur das Kirchturmkreuz zu sehen. Es macht den Eindruck, als hänge es über einen dampfenden Opferaltar. Wir gehen der Sonne entgegen, sehen sie aber nicht. Unsere Köpfe ducken sich in die Schultern und unsere Augen sind trüb. Genau so sah ich im Jahre neunzehnhundertachtzehn z einen Zug Heimkehrer. In ihren glanzlosen Augen, in den resigniert schlenkernden Armen und durchgedrückten Knien las ich ein Wort: Geschlagen! Wir sind auch geschlagen! Das wissen wir alle, aber trotzdem gehen wir in die Direktion. Nicht üm zu betteln. Wir wollen nur die Form erfüllen. Unser Gang gilt anderen. Dort sitzt ein Mensch, der den Grubenherren nahe steht und den wir deshalb hassen. Mr wissen ganz genau, da das auch unser Verderben, ist. Das ist’s ja eben, was wir wollen. Wir wollen die ganze Welt herausfordern, uns zu vernichten, weil wir mit uns selbst nichts mehr anzufangen wissen. Nr. 18 Mittwoch, 22. Jänner 1936 Seite A ^udeiendeutstfier Zeitspielet Zs beschäftigte sich vornehmlich mit der Novellierung des Gesetzes über den zur gewerkschaftlichen Arbeitslosen» Die Beratung wurde eingeleitet durch In der ausführlichen und lebhaften Aussprache über den Bericht zur Novellierung des Gesetzes über den Staatszüschuß zur Unterstützung der Gewerk» schaftsmitglieder nahmen alle Redner scharf geg-n die jetzigen Zustände in der Arbeitslosenunterstützung Stellung.'EH hat sich ein Zustand herausgebildet, der die Führung der Geschäfte der Arbeitslosenunterstützung für die Gewerkschaften fast unerträglich macht und der innerhalb der Arbeiterschaft, soweit sie dem Genter System unterliegt, mtt Recht Unzufriedenheit und Erbitterung auslöst. Es wurde einmütig beschlossen, den Minister für soziale Fürsorge zu ersuchen, darauf zu dringen, daß bei den „Friedensbereitschaft" und eine Bahnstunde ter ein Austritt wegen der Fortdauer Kampfes! Das überzeugt nicht sehr von Sicherheit der Führung. scitigt werden, und zwar der, daß die arbeitslosen Gewerkschaftsmitglieder, die den Staatsbeitrag erhalten, von der staatlichen Ernährungsaktion und von den Unterstützungen der öffentlichen Verwaltungskörperschaften unterschiedlos ausgescha'- tet werden. Darin liegt ein schweres Unrecht gegen die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter und Angestellten iy allen jenen Fällen, in denen der Staatszuschuß niedriger ist als die staatliche Zuwendung an Beschäftigungslose, die keiner Gewcrkschafts- Wigstadtl als Beispiel erfolgreicher sozialistischer Erziehungstätigkeit Verhaftungen an der Grenze. An der Grenze bei Neuhausen wurde, wie die„Ascher Zig." berichtet, von der tschechoslowakischen Finanzwache ein junger Mann aus Schönbach verhaftet, da er neben einiger Munition auch eine den Behör-' den verdächtig erscheinende Druckschrift bei sich hatte. Er wurde dem Kreisgerichte Eger eingeliefert.— In der Gemeinde Mohrau, auf. tschechoslowakischem Gebiet, wurde ein uniformierter SA-Mann, der seine Kleidung unter einem ausgeliehenen Uebcrzieher verbarg, verhaftet und dem Kreisgericht Königgrätz einge- licfert. ... Emigranten suchen eine neue Heimat... Daß sudetendeutschvölkische Zeitungen sich für die Emigranten erwärmen, ist nichts Alltägliches, wie man wiederholt aus ihren haßerfüllten Stilübungen gegen die deutsche und österreichische Emigration entnehmen kann. Doch herzerweichend schreibt die„D e tscheTageszeitung" mit dem Erscheinungsort Tets ch e n: „Aber niemals, auch zur Zeit der französi- schen Revolution nicht, hat eine Massenemigration eine solche Flut des Elends, des Jammers und der Not mit sich gebracht. Zehntausende find verhungert, Zehntausende an den Folgen der erlittenen Verfolgungen zugrundegegangen... So verklingt allmählich eine der schauerlichsten Nach- 7-- kriegsvaüaden. Tie Kinder der Emigranten verlernen allmählich ihre Muttersprache, in den Augen der Eltern steht jene absolute Hoffnungslosigkeit, wie sie Menschen ohne Vaterland anhaftet. Die Welt ist über sie zur Tagesordnung übergegangen." Eine trefende Kennzeichnung! Nur daß sie natürlich nicht das Schicksal der deutschen und österreichischen marxistischen Emigranten betrifft— das könnte man von einer Henleinzeitung ja auch wirklich nicht verlangen! Ihr Mitgefühl wendet die nationalistische Zeitung an die r u s s i s ch e n Emigranten, besonders an 170 Offiziere der ehemaligen Wrangelarmee, die sich in der Türkei niederließen... Wir registrieren das, weil es erneut treffend die Einstellung einer gewissen sudetendeutschen Presse erkennen läßt und weil wir soviel Mitgefühl für die Emigration noch bei keiner Zeitung dieses Schlages feststellen konnten. Umweg über Chile. Die„Zeit" reproduziert die Photographie einer Lokomotive, die von der chinesischen Staatsbahn in Deutschland gekauft und nun feierlich als„Alemania" dem Betrieb übergeben wurde. Die Maschine trägt an ihrer Vorderftont ein H a k e n k r e u z, so groß und deutlich, daß die„Zeit" darauf im Text nicht noch eigens hätte verweisen müssen. Aber was tut man nicht alles, um sein wahres Herz zu öffnen? Unverständlich- Eisenbahnpolitik. Nach Berichten der deutschbürgerlichen Blätter soll mit Inkrafttreten des Sommerfahrplanes der weitaus größte Teil der Züge Röhrsdorf— Deptsch-Gabel aufgelassen werden. Aus die ganze Bevölkerung und auf die Geschäftswelt l haben diese Gerüchte einen geradezu niederschmet- Die Arbeiterbewegung des schlesischen Städtchens W i g st a d t l hat einen guten Ruf. Immer wieder aber ist man freudig überrascht, wenn man in die ausgezeichnete und erfolgreiche Täti.'lcit unserer dortigen Organisationen Einblick erhält. Soeben wird uns ein Bericht über das vergangene Geschästsidhr unterbreitet, der von umfangreicher Arbeit der Wigftadtler Organisationen Zeugnis gibt. * Es ist fast selbstverständlich, daß in Wigstadtl jeder Zweig der Arbeiterbewegung vertreten ist. Alle streben sie zusammen, um durch ihre Betäti- güng den ganzen proletarischen Mensch e n von Kindheit an und mit allen seinen Fähigkeiten und Neigungen zu erfassen find weiterzubilden. Im Vordergründe aber steht, von allen Organisationen gestützt und gefördert, die Partei. Die durchschnittliche Besucherzahl einer Parteiversammlung beträgt nach dem Bericht 284, öffentliche Versammlungen zählen bis zu 750 Besuchern. An die Arbeit der Partei reiht sich würdig jene der Kultur- und Erziehungsorganisationen. Wir lesen, daß die Jugendorganisation in einem Jahr 64 Vereinsabende veranstaltete und daß ein Lichtbildervortrag ISO Teilnehmer aufwies, wir lesen von 128 Veranstaltungen der Kinderfreunde und der Frauensektion(durchschn. Besucherzahl der Frauenabende: 70) und von einer reichen Tätigkeit des 25 Jahre bestehenden Turnvereines. Es sind aber auch Bildung s- v o r t rä g e und Feiern mit ernsten und heiteren Programmen registriert, Theateraufführungen und Veranstaltungen der Gesangsund Musiksektion. Sehr interessant ist der Bericht über die Tätigkeit der Gewerkschaften; die Versammlungen der Textilarbeiter zählen im Durchschnitt 337, jene der Bauarbeiter 107 Besucher. Es versteht sich, daß die Genossenschaften nicht fehlen, in einem ihrer Vortrat s- Hacker und die SdP Wie die sudetendeutschen Bürgerblätter be richten, fand am Sonntag in Komotau ein Be zirksparteitag des Bundes der Landwirte statt, auf dem der neue Parteiobmann Gustav Hacker sprach. Irr seiner Rede betonte Hacker, daß, wie es in dem oberwähnten Berichte heißt,„eine Ge sundung der sudetendeuffchen Politik nur durch die Zusammenfassung aller Kräfte herbeigeführt werden könne, allerdings unter Er haltung der selbständigen Landvolkspartei". Die Rede war, wie weiter betont wird,„überzeugen der Ausdruck der Friedensbereit schaft des neuen Parteiobmannes". An demselben Tage fand, gleichfalls in Komotau, eine Bezirksbauernversammlung der SdP statt, zu der als Berichterstatter Abgeord neter H o d i n a erschienen war. Auch Hodinas Ausführungen waren auf Versöhnung abge stimmt; er gab der Hoffnung Ausdruck, daß man nicht mehr in dem Zustand der Selbstzerfleischung zurückkehren und daß man das Kampfbeil be graben werde. Die Ausführungen Hackers werden zu min dest Uns icherheit über die Absichten des neuen Parteiobmannes des Bundes der Landwirte Hervorrufen. Wir zwei feln nicht daran, daß Hacker, wie er sagt, die Ab sicht hat, die selbständige Landvolkspartei zu er halten. Aber es kommt darauf an, m i t w e l- chen Mitteln das Hacker tun will und ob diese Mittel die geeigneten find. Wenn Hacker wieder seine Partei aufbauen will, muß er einen Teil der Bauern, die in die SdP desertiert sind, zurückgewinnen. Ob die Anbiederung an die SdP, die ehemals dem Landbund angehörenden Bauern veranlassen wird, in ihre Mutterpartei zurückzukehren, darf füglich bezweifelt werden. Sonrlerdsre Begleiterscheinung An demselben Tage, da diese Versöhnung! schalmeien ertönen, bringt die„Zeit" und die „Reichenberger Zeitung" folgenden Bericht: Der bisherige Obmann der Brüxer Ortsgruppe des Bundes der Landwirte, Max Ullrich, hat seine Funktion niedergelegt und ist aus der Partei ausgetreten. Er war u. a. auch Mitglied des Bezirksparteivorstandes. Ullrich habe sich als Worführer der jüngeren Generation im Bunde der Landw. seit seinem Hervortreten in den letzten Jahren immer für eine sudetendeutsche Verständigung unter Aufrechterhaltung einer selb ständigen Standes- und politischen Vertretung der"organisation angeboren. Landwirtschaft eingesetzt und sei wiederholt mit' größtem Nachdruck„gegen den sudeten deutschen Bruderkämpf" aufgetre ten. Wie Ullrich mitteilt, hat ihn die Crfolglofig- keit seiner Bemühungen dazu bestimmt, fich von einer Weiterbetätigung im Bunde der Landwirte zurückzuziehen. Da muß man schon fragen: weiß im BdL ■bie Rechte nicht, was die Linke tut? In Komotau wei- deS der Mschlußberatungen innerhalb der Regierung die Wünsche und Forderungen der Gewerkschaften in vollem Umfange berücksichtigt werden. In den anderen Angelegenheiten, die die Sitzung der Zentralgewerkschaftskommission noch ver übende wurden 220 Mitglieder gezählt. Wir lesen' handelte, bestand ebenfalls volle Einmütigkeit. Unsere weiter noch über die Tätigkeit der Radfahrer Gewerkschaften hleiben unverändert dabei, Verhand- und der Naturfreunde, des Vereines „Arbeiterheim" und der Baugenos senschaft; wir ersehen aus den vorliegenden Programmen, daß— neben zahlreichen Sitzungen — diemehr als 250 Veranstaltungen aller Organisationen Wigstadtls innerhalb eines Jahres nicht nur durch ihre Zahl imponieren, son dern auch durch ihre Qualität und innere Ge schlossenheit. Wir kennen aber auch die Initiative unserer Wigftadtler Genossen und wissen, daß sie den größten Teil ihrer Versammlungen mit eigenen Referenten bestreiten können; das war schon zu Dagobert H.idrichs Zeiten so und das ist so auch noch heute, wo seine intelligenten, bildungs beflissenen Schüler unter der Führung des Be zirksvertrauensmannes Karl Mader die alten Traditionen hochhallen und, dem neuen Tempo angepaßt, mit Eifer und Hingabe dem Sozialis mus dienen. Dabei wollen wir nicht vergessen, daß gerade in Wigstadtl keineswegs günstigere Voraussetzungen für diese enorme Arbeit vorhanden sind. Das Städtchen liegt abseits vom großen Strom des Ver kehrs, es hat ferner nur ausgesprochen agrarisches Hinterland. Es ist seit Jahren von der Krise heimgesucht— die einst blühende Textilindustrie ist mächtig zusammengeschrumpst—, wie die schlimmsten unserer Notstandsgebiete. Aber unsere Wigstadtler Arbeiter haben sich nicht beugen las sen, sie haben sich in der richtigen Erkenntnis, daß die sozialistische Arbeiterbewegung ihr einziger Rückhalt ist, nur umso inniger an diese ange schlossen. So wird Wigstadtl Vorbild und Bei spiel, es wird zum Beweis dafür, was konzentrier ter Wille und sozialistische Hingabe an unsere Sache auch in schwierigen Zeiten zu schaffen ver mag. muß noch ein anderer^Uebelstarw be-; f ern j; eri Eindruck hervorgerufen und man finde es " unfaßbar, daß man eine solche Maßnahme ohne Fühlungsnahme mit der Stadt und den Nachbargemeinden durchführen wolle. Auch wenn etwa der Autobusverkehr Röhrsdorf—Zwickau dafür erweitert werden sollte, so könne dies nur einen ganz ungenügenden Ersatz bilden, abgesehen von den teueren Autobuspreisen. Die Stationen Lin- dcnau und Kunnersdorf, bzw. diese Orte, wären dann, da der Autobusverkehr nur bis Zwickau reicht, so gut wie von jedem Verkehr abgeschnitten. Eine Seilschwebebahn zum Panzer? Die Staatsbahndirektion Pilsen beabsichtigt auf der Strecke Gegend—„Frischwinkel" eine neue Station„Schwarzer See" zu errichten, von dort aus aber eine Seilschwebebahn zum Panzer zu erbauen. Die Erbauung eines großen Touristenhotels dort ergäbe sich zwangsläufig. Eine staatliche Wetterstation soll gleichsfalls auf dem Panzer errichtet werden. Vom Bahnhof Spitzberg zum Bahnhof„Schwarzer See" soll durch den Spitzbergtunnel ein Motorzug-Pendelverkehr eingerichtet werden, der den vom„Schwarzen See" ankommenden Touristen die Möglichkeit bietet, in Stundenfrist hinauf auf den Panzer zu gelange». Für eine Neusestaltuns der Arbeitslosenunterstützung Beratungen unserer Gewerkschaften Eine erweiterte Sitzung der Zentralgewerk- schaftskommission des Deutschen Gewerkschaftsbun- des, die am Mittwoch, den'15.Hjänner, iw Reichenberg stattfand, bevorstehenden Staatszuschuß Unterstützung.' einen Bericht des Kollegen Kirchhof. Die Neuregelung deS Genter Systems war bereits für den Monat Dezember in Aussicht genommen, die internen Vorberatungen für die Neuregelung des Genter Systems nahmen aber viel Zeit in Anspruch, was die Regierung veranlaßte, die Gültigkeit des Gesetzes über den Staatszuschuß bis zum 31. März 1936 unverändert zu verlängern. Es haben sich nun seit der letztem Novellierung des Gesetzes über die Unterstützung arbeitsloser Gewerkschaftsmitglieder bei dessen Durchführung manche Erschwernisse gezeigt, deren Beseittgung bei der ve- vorstehenden Novellierung verlangt werden muß. Es wird vor allem nachdrücklichst gegen die von einzelnen bürgerlichen politischen Parteien verlangten Verschlechterungen des Gesetzes Verwahrung eingelegt. Die Gewerkschaften fordern dagegen entschieden eine Ausgestaltung der Arbeitslosenunterstützung, sie wenden sich gegen jede weitere Einschränkung in den Untetstützungs- sätzen, die für die gewerkschaftlich organisierte nr- beiter- und Angestelltenschaft überaus verhängnisvoll wäre. Sie fordern die Abänderung der Regierungskundmachung Rr. 39/1934 nach den Anttägen der Gewerkschaften. Die in dieser Kundmachung aufgestellten Unterstützungsregeln.sind für die Gewerkschaften mit Auswirkungen verbunden, die ihre ganze Entwicklung und ihre Arbeit als Organ isa» twn aufs Schwerste gefährden. In Verbindung mit der Neuregelung des Gen lungen mit den Kommunisten über die Aufrichmng ! einer gewerkschaftlichen Einheitsfront als zwecklos abzulehnen, weil fich in den grundsätzlichen ! Fragen der heutige Standpuntt der Kommunisten ton ! ihren früheren Auffassungen durchaus nicht unter- i scheidet. Es wurde betont, daß solche VerhanSlun- gen nicht lokal und von einzelnen Organisätio- ! nen zu führen und daß ebenso wie bisher auch fernerhin gemeinsame Akttonen mit der kommunistl- ! scheu Partei und mit den unter deren Führung ! stehenden kommunistischen Gewerkschaften zu nnter- I lassen sind. Dann wurde nach einem Bericht des Sekretärs, Abg. Macoun, beschlossen, den für 1936 m Aussicht genommenen Gewerkschaftskongreß am 2 3. Mai und die folgenden Tage abzuhalten. Qvnosse Hans Hedtoft-Hansen (Kopenhagen) Abgeordneter und Generalsekretär der dänischen Sozialdemokratte hält diese Woche Vorträge in mehreren sudetendeutschen Städten. Seine Ausführungen über die Sozialdemokratie der nordischen Länder und deren erfolgreiche Politik werden vom Arbeiterpublikum mit großem Interesse entgegengenommen. Unterbrechung in Senk Gen f. Die politischen Arbeiten in Genf wurden Dienstag plötzlich unterbrochen. Die Sitzung des 13gliedrigen Ausschusses des Bölker- bundrates, in der ein Situationsbericht über den abessinisch-italienische» Konflikt hätte vorbereitet werden sollen, wurde widerrufen. Dieser Ausschuß wird nach Möglichkeit abends oder vielleicht auch erst Mittwoch vormittags zusammrntreten. Der Bölkcrbnndrat hat Dienstag vormittags keine Sitzung abgehalten und wird erst nachmittags zu- sammentteten, um das Andenken des Königs Georg V. zu ehren. Die Ursache dieser Pause in den Genfer Arbeiten ist teilweise das Londoner Ereignis, das in Genf tiefe Bewegung auslüstr, am meisten trug aber die plötzliche Abreise des französischen Ministerpräsidenten Laval nach Paris bei. Die Demission L a v a l s ist nach Meldungen aus, Paris bereits sicher. Ter französische Ministerpräsident und Außenminister Laval ist um 10 Uhr ans Genf abgereist. London. Wegen des Todes König Georgs V. wird die Londoner Flottenkonferenz bis auf weiteres unterbrochen. 18monatige Dienstzeit In Frankreich Paris. Die Kammer genehmigte mit 335 gegen 251 Stimmen den Gesetzentwurf, der die zwölfmonatige Militärpflicht bis Ende des Jahres 1939 um sechs Monate verlängert. Im Jahre 1940 wird die normale zwölfmonatige Dienstzeft wieder eingeführt werden. Der Nesus mobilisiert neue Truppen London. Die Offensive des Generals Gra- ziani an der Südfront ist jetzt zum Stehe» gebracht, trotzdem noch Zusammenstöße der italienischen Patrouillen mit kleineren Abteilungen abessinischer Krieger, die den Rückzug Ras Destas decken, gemeldet werden. Die Armee Ras Destas erhielt bereits ihre ersten Verstärkungen^ deren Zahl insgesamt auf 30.000 bis 60.000 Mann geschätzt wird.■ Es besteht kein Zweifel, daß der neue Mobilisierungsbefehl des abessinischen Kaisers nicht ohne Zusammenhang mit der Niederlage Ras Destas ist. Die Zahl der durch den heu- ttgen Mobilisierungsbefehl erfaßten Krieger wird auf 300.000 geick'ätzt. Eine SdP-Sensation zu Wasser geworden. In einer Rede in Brüx hatte Minister Doktor Spina im Verlaufe einer Polemik gegen die SdP u. a. erllärt, wer die Ablehnung einer Intervention wolle, der brauche sie nur durch Parlamentarier der SdP betreiben zu lassen. Die SdP hatte daraufhin alle Hebel in Bewegung gesetzt, um ihrem ehemaligen Protektor mis dieser Aeußerung einen Strick zu drehen. Aus der anfänglich beabsichtigten Ministeranklage wurde schließlich eine geharnischte dringende Interpellation an die Regierung. Am Dienstag wurde nun die Antwort des Ministerpräsidenten im Parlament vorgelegt. Dr. Hodza begnügt sich mit hem kurzen Hinweis darauf, daß Dr. Spina diese Aeußerung nicht in seiner Funktion als Minister, sondern im Rahmen der Versammlung einer politischen Partei getan hat. Eine solche Aeußerung, heißt es wörtlich, kann auf das Vorgehen der Behörden gegenüber den Bürgern keinen Einfluß haben, weil die Tä- tigkeit der Behörden durch die Rechtsordnung bestimmt und durch Rechtskonttollen gewährleistet ist, welche zum Schutze der Bürger durch das Gesetz geschaffen worden sind. Seite 4 Mittwoch, 22. Jänner 1936 Nr. 18 Eine Mutter von drei Kindern pollzelllch'kllnisch ermordet Die Erfolge der Sterilisation Im Dritten Reich eine tverheirat'ete F r a uu n d Mut- sächlich aber in der vergangenen Woche, mehrere ter von drei Kindern. Sie litt an!verwegene Räuberstückchen, insbesondere Bauk- Epilepsie(Fallsucht), war aber sonst ein brauch» Überfälle usw., durchgeführt hatten, barer und nützlicher Mensch. Sie und ihr Mann weigerten sich, die Operation vornehmen zu lassen. „Zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" lautete die Begründung, mit der die nationale Regierung des Dritten Reiches(lies Herr Göring) ihr Gesetz der Sterilisation kundgab. Ein Gesetz, welches verhindern soll, daß an unheilbaren vererbbaren Krankheiten leidende junge Menschen Kinder zeugen, die dann auch an diesen Gebrechen leiden. Immer wieder verkündeten die Propheten dieses Sterilisationsgesetzes, daß die dazu erforderlichen Eingriffe absolut gefahrlos für die Gesundheit oder das Leben derjenigen seien, die sich der Sterilisation unterwerfen müssen. Wir schreiben müssen, denn es besteht ein unbedingter Zwang zur Operation. Wenn im Dritten Rhich der Amtsarzt einen Menschen für erbkrank erklärt hat, ist er unwiderruflich einer Operation unterworfen. Diese Operation ist bei Frauen viel schwieriger und der Eingriff ein viel größerer als beim Manne. Weigert sich ein Erbkranker» so zwingtihn die Polizeigewalt zur Operation, indem sie den„Erbkranken" einfach in seiner Wohnung abholt und ihn der zuständigen Klinik überbringt. Dort wird dann der„für das Leben absolut ungefährliche Eingriff" ausgeführt. Wie ungefährlich dieser Eingriff" ist, sollen nun folgende zwei Fälle zeigen, die uns zu Ohren gekommen sind und für deren Richtigkeit unser Gewährsmann einsteht. Jeglichem menschlichen Empfinden hohnsprechend sind die Mittel, mit denen man diese beiden Menschenkinder zur Operation zwang. Nicht nur tragisch, sondern wahrlich ungeheuerlich aber sind die' Wirkungen und der„Erfolg" dieser beiden„Operationen" gewesen. Beide Operationen an zwei Frauen wurden in Heidelberg vorgenommen. Beide Oper.a- tionen endeten mit dem Tode. Und dies grausame Spiel war das Ergebnis der Heiden ersten Sterilisationen, welche unter einer Bebölkerungszahl von 9060 Seelen vorgenommen wurde. Wie hoch inögen sich die Opfer im ganzen Reich belaufen. Im ersten Falle handelte es sich um eine' 29jährige ledige Person aus dein Bezirk S ch w e tz i n g en- Land. Sie stammt aus einer armen, bettelarmen Familie und ernährte sich auch vom Bettel. Dazu tvar sie derart häßlich und schmutzig, daß sich Wohl nie ein Mann an ihr vergriffen hätte. Sie war auch mit 29 Jahren noch unberührt. Die Bevölkerung hielt sie, wie man so sagt, für beschränkt, vom medizinischen Standpunkte handelte eö sich um Debilität. Sie tat niemand etwas zuleide und man gab ihr zum Leben, was sie gerade-benötigte? Eines Tages'erscheint bei ihrer Mutter die Polizei und zwingt sie, mit ihrer Tochter nach der Klinik in Heidelberg zu gehen, wo sie sterilisiert werde. Ein Weigern gab es nicht mehr. Nach sechs Tagen bekam die Mutier ihre Tochter als Leiche zurück. Es hätten sich leider nach der Operation Komplikationen ergeben. Vom Rundfunk Bei einem natürlichen Tod hätte wohl kaum jemand an der Beerdigung dieses armen Menschenkindes teilgenommen. So aber sah man zur größten Ueberraschung eine ungewöhnlich große Beteiligung an dem Leichenbegängnis. Zahlreiche Kranzspenden schmückten das Grab der„Erbkranken". Das Bezeichnende aber war, daß man in der Gemeinde nur ein Wort über diese Operation hörte: Mord. Biel schlimmer und unerhörter ist jedoch der Aveite Fall, der sich auch im Bezirk Schwetzin- gen-Land ereignete, handelte es sich doch hier um Da wurde die Frau emes Tages, während der Mann auf der Arbeitsstelle war, von der Peli- zei geholt und in die Klinik gebracht! Der Ehegatte sah seine Frau und die Kinder sahen ihre Mutter nur als Leiche wieder. Ungeheuer war die Erregung der Bevölkerung und auch hier gab es nur ein Wort zu hören: M o r d, nichts anderes als g e m e i n e r M o r d. Wer auf der großen weiten Welt schützt weitere unglückliche Menschen vor dem gleichen Schicksal? Wann endlich wird man dem Dritten Reich wieder Zivilisation beibringen? Schloß Sandringham, wo König Georg V. gestorben Ist A-esneuigkeltek „Erledigt** Die italienische Regierung hat sich endlich bereit gefimden, der schwedischen ihr Bedauern über den Mordüberfall auf das schwedische Laza- rett auszuspyechen. Nicht ohne die Lüge, es sei ein„unbeabsichtigtes Bombardement" gewesen. Das Bedauern ruft die Toten nicht wieder zum Leben, das Bedauern heilt die schwere Wunde nicht, die das internationale Rechtsbewußtsein erlitten hat, macht nicht wieder gut, was gesündigt wurde, als man in die ohnehin dünnen Wände des Völkerrechts eine Bresche schoß, durch die künftig noch schlimmere Bar- barer wird eindringen können. Darum mutet es grotesk genug an, wenn die Meldung der Agenzia Stefani sagt: Donnerstag r Prag, Sender L: 10.05: Deutsche Presse, 13.40: Chöre und Volkslieder, 16-45: Deutsche Sendung: Jugendstunde,— soziale Familienpolitik, 18.45: Deutsche Preffe, 19.80: MuZikS Salonguartett, 22: Rundfunkorchesterkpnzert, 22.15: Prager Salonorchester. Sender- S: 7.30: Unterhaltungsmusik, 14.50: Deutsche Sendung: Dallinger: Was-wird aus unseren Heimarbeitern? 14.50: Deutsche Preffe, 19.10: Klavierkonzert.—, Brünn 11: Hanousek- Ouartett, 13.30: Deutscher Arbeitsmarkt, 17.40: D-uffche Arbeitersendung: Dr. Kreisler: Krankheiten des Proletarierkindes.—Mährisch.Ostrau 18.10: Deutsche Sendung: Herrman: aus dec Vergangenheit mancher Speisen,— Operettenszenen.— Pretz- bnrg 19.50: Flötenkonzert.— Die schwedische Ambulanz wurde ohne Absicht getroffen, da sie zwischen den Zelten der feindlichen Kämpfer untergebracht war. Die königlich italienische Regierung spricht ihr Bedauern über dieses Ereignis aus. In berufenen politischen Kreisen wird dieser Zwischenfall als erledigt angesehen. Die berufenen Kreise sehen ihn als erledigt an. Sie beweisen dainit aber nur, daß sie zur Wahrung von Recht und Gesetz s o b e- rufen sind wie der Bock zum Gärtner und Italien zum Kulturbringer. Wie ost wäre die Phrase am Platze, wie oft wenn ein Prestige der- „IMc große Same“ „Mein Leben ist keine große Sache; es enthält keine Kriege," sagte einmal der göttliche Beniw über sich selbst. Diese Erkenntnis muß ihm, dem ehrgeizigen Bonaparte-Nacheiferer, viel stilles Leid verursacht haben, und also ging er eines schönen Tages daran, sein Leben zu einer„großen Sache" umzugestalten. Und es wird ihm vielleicht nur eine Ehre dünken, wenn man ihm dereinst das gleiche Epigramm zueignen wird, mit dem man seinerzeit den„großen" Korsen zu charakterisieren versuchte: „Für seines Schicksals großes Los War ihm kein fremdes Los zu teuer: Er war zwar ungeheuer groß. Doch auch ein großes Ungeheuer I" * Wenn es um die Durchführung einer„großen Sache" geht, muß es selbstverständlich auf» hören, daß man sich nebstbei mit Sächelchen befaßt, die Verwirrung anrichten könnten in den Kopsen jener, denen die„Größe" der Sache und der Zeit noch nicht voll zum Bewußtsein gekommen ist. Rechnung tragend dieser Notwendigkeit, hat die von Ugo Ojetti geleitete K u l t u rzeitschrifi „Pan" ihr Erscheinen eingestellt. Mit der Mo» tibierung, daß«Herz und Geist der Italiener ,etzt auf heftigere Gedanken und Leidenschaften eioge- jtcllr" find.— Es ist zwar nicht erwiesen, doch immerhin glaubwürdig, daß dem Entschluß zur Einstellung des Blattes eine feierliche Redaktionssitzung vorangegangen sein soll, in der die Teilnehmer nach einem dreimaligen„Evviva Mufsö- linil" den erhabenen Kantus anstimmten:- „Laßt uns den Verstand versaufen! Wozu brauchen wir Verstand?" * Eine ganz große Sache im Rahmen der„großen Sache" des Duce waren zwei Spenden anläßlich der Ende des Vorjahres veranstalteten Gold- und Metallsammlung: die Kapuziner der reichen Loretobasilika stellten sich mit 400 Kilogramm Eisenabfällen ein, einer Gabe, die den ganz ansehnlichen Wert von fast 40(vierzig') tschechoslowakischen Kronen repräsentiert. Ein zweiter, nicht minder hochherziger Spender war Duce Benito selbst, der es sich nicht nehmen ließ, zu der Metallsammlung 2262 Kilogramm beizusteuern— in Form einer Kollektion eigener Düsten. Diese Büsten hatten bislang zur Ausschmückung seines Sommersitzes in Rocca della Cammate gedient, und welches persönliche Opfer mit dieser Spende verbunden war, vermag nur derjenige zu erMeffen, der Phantasie genug be» sitzt, um sich vorstellen zu können, wie unsagbar schön und erhebend es sein muß, einen Sommerurlaub zu verbringen» umringt von Legionen eigener Büsten und Porträts! „Giovinezza, giovinezza, primavera di be- lezza...1" ErnstM. letzt wurde, wenn einer Lappalie wegen die Kanonen drohend gegen den Feind gerichtet, wenn wegen einer verletzten Eitelkeit friedliche Bande zerschnitten werden. Aber gerade dann finden die berufenen Kreise gewöhnlich, daß es noch lange nicht erledigt sei, sondern daß Blut fließen müsse. Ist aber Blut geflossen, das nach Genugtuung verlangt, ist schwerstes Unrecht geschehen, dann geht man zur Tagesordnung über und ein Be- .dauern her Mörder erledigt alles. Empfindet Ssie-Menschhest nHst den Widerspruch Mifchesi E privaten Moral,' die jede Mordtat vor einem Forum behandelt und gerügt sehen will, und einer Staatsmoral, die einen Mord nur einen „Zwischenfall" nennt und kein Gericht kennt, das Untaten wie das Bombardement eines Spitals wirklich untersuchen, wirklich bestrafen und da- mit auch für den Verbrecher zu einem Risiko machen würde?! Auto-Unglück in Brünn. An der Kreuzung der Böhmischen Gaffe und der Jost-Gaffe in Brünn stießen ein Personenauto und der Wagen eines Kohlenhändlers zusammen. Durch den Zu- sammeristoß wurde bei dem Personenauto eine Glasscheibe zertrümmert, durch deren Splitter der im Auto sitzende Sekretär des Zentralverbandes der tschfl. Industriellen in Prag, Dr. Jaroslaus Kubälek, am rechten Auge verletzt wurde. Dr. Kubälek wurde in das Lankeskrankenhaus gebracht, wo ihm das verletzte Auge behandelt wurde. Am die Identität deS Lindbergh-BabyS. Gouverneur Hoffmann erklärte in Trenton, er habe Hauptmann den Strafaufschub nur deshalb gewährt, weil er eine Aufklärung des ganzen Falles erhoffe. Die zahlreichen einander widersprechenden Aussagen von Prozeßzeugen hätten ihn veranlaßt, die Staatspolizei zu ersuchen, ihre Anstrengungen zur Ermittlung der angeblichen Mitschuldigen zu erneuern. Der vom Gouverneur Hoffmann mit einer eingehenden Untersuchung des ganzen Falles beauftragte Washingtoner Kriminalspezialist Robert Kicke werde den Beweis zu erbringen versuchen, daß die in der Nähe des Lindbergh'schen Landsitzes gefundene Kindes- leiche nicht das Lindbergh- Kind gewesen sein könne. Er bereite gerade in dieser Richtung mehrere Beweisstücke vor, darunter ein vergrößertes Lichtbild der Kindesleiche. Diese Aufnahme zeige eine Mßbildung an einem der Füße des seinerzeit am Fundorte photographierten Kindes, eine Mißbildung, die das Lindbergh-Kind nicht gehabt hätte. Gemeinnutz geht vor Eigennutz. Gauleiter Streicher erhielt von- der Stadt Nürnberg „für seine Verdienste" das Cramer-Clsstt-Pala's, ein BarockpalaiS, das früher der bekannten bayerischen Adelsfamilie gehörte, zur Verfügung gestellt. Verlängerung der Semefterferie« an den Schulen. DaS Ministerium für Schulwesen und Volksaufklärung verlängert mit Erlaß vom 20. Jänner 1986, Nr. 8797/86, ganz ausnahmsweise die Semesierferien im heurigen Schuljahr an allen Mittel«, Fach- und Volksschulen um den Dienstag, den 4. Feber 1986.(Amtlich.) Ein schieches Weibsstück. Inserat in der Wochenschrift„Daheim":„Deutsche Frau, artrein und blutsauber, von perlendem Weibs- tum, geschlechtserschlossen und sippenverwurzelt, sucht Weggenoffen zu Wirken an deutscher Zukunft."— Viel Glück auf den Weg darf man dem Zukünftigen dieser blutsauberen Sippenwurzel kaum wünschen. Unter fünf Päpsten. Dienstag starb im Alter von 91 Jahren Rinaldo Hacchini, der Kutscher der Stadt des Vatikans, der fünf Päpsten diente. Die Kältewelle, die in den letzten Tagen mit Schneewehen und Schneestürmen die Vereinigten Staaten heimgesucht hat, forderte bisher 170 Todesopfer. Ein Damm durch den Reustedlersre. Der Neusiedlersee, der zu den seichtesten der Welt überhaupt gehört, trocknet in regenarmen Sommern nahezu aus. Wiederholt ist nun zwischen der österreichischen und ungarischen Regierung darüber verhandelt worden, einen Teil des Sees auszutrocknen und dafür dem übrigbleibenden Teil durch entsprechende Waffer- bauten eine größere Tiefe zu verleihen. Da die Verhandlungen zu keinem Ziele führten, beschloß die burgenländische Landesregierung, einen Plan durchzuführen, der nur den österreichischen Teil des Sees berührt. Vom Ort Reusiedel soll ein etwa 28 Kilometer langer Damm nach^dem Südwestufer schräg durch den See gelegt werden, deffen Spiegel durch die Abdämmung um etwa einen Meter gehoben würde; auf dem Damm soll eine Straße verlaufen, die den Ort Reusiedel und das nahegelegene Strandbad von Wien aus auf verkürztem Weg erreicht. Durch Schleusen soll genügend Wasser in den ungarischen Teil des Sees abgegeben werden, um sein gänzliches Austrocknen zu verhindern. Füllfederkrieg in China. Das heutige China zeigt außerordentlich starke Gegensätze. Die moderne Zivilisation dringt iunner weiter vor, aber gleichzeitig werden die alten Traditionen, namentlich auch von den intellektuellen Kreisen, mit besonderen Eifer gehütet. Gegen manche Neuerungen, wie zum Beispiel, gegen das Schminken und Pudern, wird ein durchaus erfolgreicher Kainpf geführt. Jetzt haben sich die Schulbehörden auch sehr energisch gegen den Gebrauch von Füllfedern gewandt. In dem Zirkular, daS ihren Gebrauch in der Schule verbietet und' sogäff den Verkauf an Jugendliche untersagt, wird ausgeführt, daß die alte chinesische Schrift das getreue Bild des chinesischen Geistes ist. Dieses Bild kann nur mit Pinsel und Tusche erreicht werden, die Federn verunstalten eS. Besonders die Füllfeder, die ein schnelles Schreiben erlaubt, führt dazu, daß die ehrwürdigen Zeichen in einer respektlosen Weise hingeworfen werden Und das mutz auf die Dauer, nach der Meinung der Erzieher Chinas, die Moral der Schüler untergraben. Wahrscheinliches Wetter Mittwoch. Veränderlich mit Schauern, Winddrehung gegen Nordwesten und etwas kühler; in den böhmischen Ländern zeitweise windig. Im Osten deS Staates Temperatur zunächst wenig verändert.— Wetterausstchten für Donnerstag: Wechselnd bewölkt, auf den Bergen noch Schneeschauer. Auch im Karpathengebiet kühler. Japans Ministerpräsident lehrt seinen Enkel Atalaria bei bet Armee Graziani. Die starken Re ge n fälle der letzten Tage haben zu einer ungeheuren Vermehrung der Moskitos Mt der Südfront geführt. Die Moskitos übertragen in einem bisher nicht gekannten Umfang die Malaria. In der Bar verhaftet. Die Pariser Polizei schreiben Der japanische Ministerpräsident Okada ist, wie viele fernöstliche Staatsmänner, wegen seines großen _.... Familiensinnes berühmt. Hier bringt er einem seiner verhaftete in der Nacht auf Dienstag in einer! jüngsten Enkelkinder mit einem großen Pinsel"-das Pariser Bar das Oberhaupt der Pariser Gang»! Schreiben der schwierigen japanischen Schrift« ster Lotchace, welche in der letzten Zeit« Haupt-1 Zeichen bei. Rr. 18 Mittwoch, 22. Jänner 1936 Leite 5 Das deutsch-russische Wettrüsten. In der soeben geschlossenen Session des Zentralexekutiv- ausschusses der Sowjetunion hat, neben der großen politischen Rede des Vorsitzenden des Rates der Bolkskommiffäre Molotow, der von uns in Kürze bereits erwähnte Bericht des stellvertreten» den Volkskommissars Tuchatschewski, besondere Aufmerksamkeit erregt. Tuchatschewski unterstrich die gefährdete Lage, in der sich die Sowjetunion zwischen den eng miteinander liierten Deutschland und Japan befindet. Die Rote Armee müsse sich auf einen Zweifrontenkrieg gefaßt ma» chcn, wobei die beiden Fronten 10.000 Km. von einander entfernt sein werden. Das sei eine in der Geschichte der Kriege noch unbekannte Si« tuation. Tuchatschewski betont, daß daraus für den russischen Generalstab sich die Notwendigkeit ergebe, erstens die unmittelbare Kriegs- b er e i t s ch a f t der Roten Armee bedeutend zu erhöhen und zweitens die beiden eventuellen Kriegsfronten, die westliche(europäische) und die ostafiatische, ganz selbständig und unabhängig voneinander zu machen.(Ob dies möglich sein wird, ist allerdings eine andere Frage, denn das Schwergewicht der russischen Rüstungsindustrie liegt noch immer im europäischen Rußland und zum Teil in Westsibirien, aber es ist ohne weiteres zuzugeben, daß die Sowjetregierung gewaltige Anstrengungen macht, um in der unmit- telbaren Nähe des voraussichtlichen ostasiatischen Kriegsschauplatzes Jndustriebasen aufzubauen.) — Sehr bemerkenswert waren auch die Mitteilungen Tuchatschewskis über den Ausbau der russischen Kriegsflotte.— Besonderer Nachdruck wird auf die Ausbildung der mittleren und unteren Offizierschargen gelegt: 13 Kriegsakademien und 6„Kriegsfakultäten" zählen in diesem Jahre 16.000 Hörer. Der Marschall hat in seiner Rede auf das gewaltige Tempo der deutschen Aufrüstung hingewieseo. Nach englischen Angaben werden in Deutschland monatlich 300 bis 600 Geschütze und nicht weniger als 200 Kriegstanks produziert. Auch die deutschen Autostraßenbauten dienen bekanntlich vornehmlich militärpolitischen Zwecken. In den nächsten zwei bis drei Jahren sollen 7000 Km. Autostraßen und insbesondere drei Haüptstraßrn in west-östlicher Richtung gebaut werden. Datum waren im Herbst 1935 bereits mehr als 3000 Km. Autostraßen im Bau. Eine auffässige abessinische Provinz. Ein Sorgenkind des NeguS ist die Provinz G o d- schäm, eines der reichsten amharischen Kerngebiete Abessiniens, das sich eine weitgehende Selbständigkeit bewahrt hat und im Westen des Lander gelegen ist. Die dortige Dynastie gibt ebenso wie die herrschend« Dynastie von Schoa an, von Salrmon abzustammen und beruft sich aus Tecla Haimanot, der als Gesetzgeber, Organisator, Prophet und Heerführer gefeiert wird, und nach dem zahlreiche Ortschaften benannt. sind. Er war der Urgroßvater von Ras Hqilu, dem abessinischen Feudalherren, der dem Negus die Macht streitig machte. Der Negus aber erkannte ihn nur als Gouverneur von Godscham an. 1932 wurde er von einem Fürstengericht wegen Hoch- und Landesverrates zum Tode verurteilt, dann aber zu lebenslänglicher Verbannung auf eine Fieberinsel des Suai-Sees begnadigt. An seiner Stelle wurde der Ras Jmru Gouverneur des Godscham. Er stieß jedoch überall auf Schwie- rigkeiten und Widerstände. Ras Hailu hielt es stets mit den Italienern, und so ist es nicht verwunderlich, daß italienische Agenten seit Jahren den Godscham bearbeiteten. An der Spitze dies-S Geheimdienstes stand der Oberst Peluso, der vor einiger Zeit auf ungeklärte Weise umS Leben kam. Rach Kriegsbeginn setzten die Italiener ihre Propaganda fort. In Handzetteln wurde mit- geteilt, daß die Italiener der Bevölkerung ihren geliebten„Negus" Ras Hailu wiedergebcn würden. ES kam zu Unruhen, die die Entsendung der kaiserlichen Garde nötig machten. Ras Jmru mußte von der Nordfront nach der Provinz zurückkehren. Die Bevölkerung verweigerte die Dienstpflicht, unterstützt von einem Test der Geistlichkeit, die, nicht ohne italienische Beeinflussung, geltend macht, daß der„Abuna", das Oberhaupt der koptischen Kirche, ein Aegypter und kein Abessinier sei. DaS geflissentlich verbreitete Gerücht, Ras Hailu sei vergiftet worden, steigerte die Erregung. In den letzten 14 Tagen ist eine gewisse Befriedung eingetreten, so daß Ras Jmru an die Nordstont zurückkehren konnte, doch ist nicht ersichtlich, ob die Ruhe von Dauer sein wird. Volkswirtschaft und Sozialpolitik Streiks und Aussperrungen Im Dezember Nach den vorläufigen Feststellungen des Statistischen StaatSamteS gab es im vergangenen Monat 9 Streiks(im November 21) in 14(44) Betrieben, welche 2693(2486) Arbeiter beschäftigen. von welchen 2488(801) streikten. Der Verlust an Arbeitstagen beträgt 22.729(4450), an Lohn 444.203(114.617) KL. Vier Streiks entfielen auf das Baugewerbe(1886 Tage), je zwei auf die Stein- und Erdindustrie(|92) und die Holzindustrie(18.977), ein Streik auf die Bekleidungsindustrie(140). In sechs Fällen handelte eS sich um eine Forderung nach Lohnerhöhung, in je einem Fall um Nichthrrabsetzung des Lohnes und um Nichtentlaffung. Das Ergebnis war in fünf Fällen(22.501) ein teilweiser Erfolg, in einem Falle ein Mißerfolg und in einem Fall ist das Ergebnis nicht bekam:!. Aussperrungen gab es im Dezember nicht. Die Legende von den Ideen Von J. Hederer Den drei Ideen Humanität, Pazifismus und Zivilisation war eS gelungen, auf einer allen, ehrwürdigen Universität auf eine bis heute noch unerklärliche Weise auö den dicken Einbanddecken schwerer Folianten zu entschlüpfen. Unbeholfen, wie Ideen Won einmal sind, wenn sie versuchen, mit dem Reich der Praxis anzubinden, plumpsten sie schon in dem dritten Raum den sie auf ihrer abenteuerlichen Reise erreichten, in ein Gewirr von Drähten, Röhren» Tiegeln und Destillatoren. Ein Summen, Surren und Kochen Hub urplötzlich an. Nun erst merkte die Zivilisatton, der diese Dinge noch am nächsten lagen, daß sie in das Chemie-Laboratorium geraten waren.'Ehe sie jedoch ihre Gefährten auf die Gefahr aufmerksam machen konnte, um mtt ihnen durch das Schlüsselloch zu fliehen, waren sic auch schon in schwere Dämpfe gehüllt. ES knixte und knaxte, die Ideen wurden zu Stoff, sie nahmen Gestalt an und wurden leibhaftige Wesen. Ein Wunder war geschehen Ideen waren in Materie aufgegangen und zum höchsten Individuum des Universums geworden — zum Menschen. Verdutzt schauten sie einander an, machten die ersten Gehversuche, machten sich mit allen Kniffen der Intelligenz sofort vertraut^und beschlossen, sogleich ihrem jahrhundertelangen Gefängnis zu enffliehen... Mit jeder Minute wuchs ihre Vertrautheit mit den segensreichen Einrichtungen unseres Jahrhunderts. Sie bekamen auf ihr tadelloses Aussehen hin Kredit, sie aßen und ttanken im Hotel, fuhren Auto und Straßenbahn und landeten zum Fünfuhrtee im Cafe. Beflissen brachte man ihnen zuerst die Zeitungen. Beherzt begannen sie zu lesen.... Der Kellner hatte schon manchen Gast gesehen, der scheinbar nur des Zeitungslesens halber ins Cast kam, aber mit einem solchen Aufwand von Zeit und Interesse hatte er noch niemanden lesen sehen. Der Tee war längst kalt geworden und blieb unberührt. Sie zahlten endlich und verlangten ein Separee. Komisch, denkt der Kellner, ins Separee ohne Damenbegleitung. Das ging erst recht über seinen Horizont. Die Ideen aber, die seltsamerweise Menschen geworden waren, versahen sich erst noch einmal mit Zeitungen vieler Sprachen und aus allen Ländern und lasen nochmals stundenlang. Endlich legte die Humanität das letzte Blatt aus der Hand und sprach zu ihren beiden Gefährten:„Also, Freunde!, das ist die Welt, so sieht sie auSl Jahrhundertelang hat man uns Ideen gelehrt, und gepredigt und mau hat auch noch gelobt; uns zu Lebensgrundsätzen zu machen. Und nun? DaS Debakel 1935.....Krieg, Hunger, Arbeitslosigkeit, Tyrannenherrschaft, Anarchie und Verfall!" Der Pazifismus und die Zivilisation wiegten sorgenvoll die Köpfe. Aber schon waren sie sich unbewußt in dem Entschluß einig— hier mußte gehandelt werden. ES gab keine Diskussion, den Konkurs mit ihrem eigenen Ich drohte die Weltgeschichte ihnen an. Die Stellung, die sie bis jetzt in der Welt innehatten, war ernstlich erschüttert. Schlimmeres stand bevor. Der Pazifismus wieder hatte im Sinne, eine äußerst einfache, aber um so umfangreichere Arbeit auf sich zu nehmen. Er wollte auf großen Plakaten an allen Litfaßsäulen und Anschlagtafeln der Welt die Schrecken und Unmenschlichkeiten eines neuen Krieges zeigen. Die Zivilisatton hatte vor, auf die verantwortlichen Industrie- und Bankmagnaten zu wirken, ihre Wirtschafts« und Produktionsmethoden im Weltmaßstäbe so gut zu organisie ren, daß sie dem technischen Fortschritt der letzten Jahrzehnte und der geographischen Lagerung der Wirtschaftsgebiete endlich angepaßt werden, um damit die Grundursachen der großen Erschütterungen innerhalb der politischen Interessensphäre aus der Well zu schaffen. ... Die Wege der drei Gefährten mögen weitverzweigt und abenteuerlich gewesen sein. Ihre Erlebnisse und Erfahrungen aber waren niederschmetternd. Nur der Zufall ließ sie nochmals alle drei zusammenkommen. Die letzte Station, die wieder registriert werden konnte, war die anatomische Fakultät der allen Univer- sität ihres Ausgangspunktes, wo sie als Leichen nach einigen Woch. i wieder eingeliefert wurden. Der Pazifismus hatte sich in einem Konzentrationslager einen Tobsuchtsanfall zugezogen und war daran verstorben und nun war er zu medizinischen Studienzwecken hierher beordert worden. Die Humanität war von Abessinien als einer der ersten gefallen-n Europäer auf abessinischer Seite mittels Flugzeug zur Universität gebracht worden, um an ihm Grad und Art seiner tödlichen Gasvergiftung für wissenschaftliche Zwecke zu analysieren. Die Zivilisation wurde von einem Zuchthaus aus eingeliefert. Dort war sie an den Folgen eine- nervenzerrüttenden Kreuzverhörs gestorben. Es war wirklich jammerschade, daß der Welt diese übernatürlichen Gefährten auf so einfach sterbliche Art wieder verlorengegangen waren. Wäre ihnen auch kein vraktischer Erfolg beschieden gewesen» so hätten sie uns doch den Stoff zu der größten Tragikomödie aller Zeiten liestrn können... Da berieten sie denn die ganze Nacht hindurch und sannen auf Abhilfe. Am nächsten Morgen begannen sie ihr Werk»»zur Läuterung der Menschheit." Man hatte beschlossen, rationell vorzugehen. Die Humanität hatte sich zur Aufgabe gemacht, sich unverzüglich mit den tyrannischen Staatslenkern in Verbindung zu setzen und ihnen die Staatsidee der Humanität neuerdings flarzu- legen und ihnen praktische Vorschläge zu unterbreiten, die den Ausgleich der Interessen aller Völker auf vernünftiger Basis bedingen und daS Gemeinwohl aller erstreben. Hettcktssaat ein Gegenstück zur AffSre des Zentraldirektors Zailtek Millionendefraudationen eines Domänen* direktors und seiner Komplicen Ungarisch-Hradisch. Ein sensationeller Prozeß, dessen Dauer auf mindestens eine Woche geschätzt wird, begann gestern vor dem KreiSgericht in Ungarisch-Hradisch. Es handelt sich um riesenhafte Unterschlagungen bei der Forstverwaltung des Großgrundbesitzers Seilern-Aspang, deren Höhe mehr als fünf Millionen beträgt. Dieser Prozeß stellt sich der seinerzeitigen Affäre des Larisch» Mönnichsschen Zentraldirekwrs Dr. Z a j i i e k würdig an die Seite, der seinerzeit vor dem Mährisch-Ostrauer Kreisgericht zu vier Jahren schweren KekkerS verurteilt wurde und gegenwärttg noch seine Strafe absitzt. Zwischen dem vorliegenden Fall und der skandalösen Affäre des Dr. Zajiäek ergeben sich so viele Berührungspunkte, daß sich einem unwillkürlich der Gedanke aufdrängt, daß die Tätigkeit jenes„genialen" Zentraldirektors die Leute, die diesmal auf der Anklagebank sitzen, inspiriert hat. Bier Angeklagte wurden dem Senat des OGR. Dr. B e z d i t vorgeführt. Alle drei sind ange-1 „Wo sind Deine Versprechungen? Die ganze Welt wolltest Du mir zu Ftlfien legen!“ „No also, da liegt sie ja." klagt des Verbrechens der Veruntreuung und der Schaden beläuft sich, wie erwähnt, auf mehr als fünfMtllionen. Als Hauptangellag- ter erscheint der 57jährige Güterdirektor Jng. Rudolf R e h u l k a; weiters sind angeklagt die Forstverwalter Alois Zlotohlävek, Alois Zele n k a und Bohumil Start). Der Fünfte im Bunde, der Rentmeister Erlebach hat sich in der Untersuchungshaft vergiftet. Der Großgrundbesitzer Seilern-Aspang, ein österreichischer Aristokrat, besitzt im mährisch-slowakischen Gebiet ausgedehnte Waldungen, deren drei Hauptreviere, deren jedes bis zu 60.000 Hektar Wald umfaßt, von den drei angeklagten Forstverwaltern „betreut" wurden. Als oberster Leiter dieser ungeheueren Domäne fungierte der Erstangeklagte Direktor Jng. Rebulka, der diesen Posten seit dem Jahre 1925 bekleidete. Während zu den Zeiten seines Vorgängers der Besitz einen guten Ertrag abgeworfen hatte, wurde er nach dem Amtsanttitt des Im Rehulka mehr und mehr passiv. Zunächst erklärte man diesen Mißstand mit der allgemeinen Wirtschaftskrise. Obwohl der Grundbesitzer mehrfach durch anonyme Briefe auf die Mißstände in der Domhnen- verwaltung aufmerksam gemacht wurde, schenke er diesen Anzeigen keinen Glauben und so wirtschaftete daS saubere Konsorttum munter weiter und plünderte nicht nur seinen Dienstgttier, sondern«trog auch zahlreiche Waldarbeiter um ihren Arbeitslohn. Auf die Einzelheiten, die die außerordentlich umfangreiche Anklage anführt, kann nicht eingegangen werden. Im wesentlichen handelt es sich darum, dqß der treffliche Direktor Jng. Rehulka unter Mithilfe der weiteren Angeklagten ans eigen« Rechnung und zu eigenem Gewinn den Wald drS Herrn Sei- lern-AsPang abholzen ließ. Daß dabei mit gefälschten, Belegen,- fingrerten Rechnungen und falscher Buchführung manipuliert wurde, bedarf keiner Erwähnung. Den wahren Schaden festzustellen, ist nicht gelungen, da die Defraudanten vor ihrer Verhaftung Verschiedene Belegt zu vernichten vermochten. Rach den unzulänglichen Unterlagen, die zu erbringen waren, belaufen sich hie Defraudationen R e h u I- kas auf 8,664.000 Kö, die Z e l e n k a s auf 1,087.000 Kd, die Veruntreuungen Zlatohlä- b e k s auf mehr als 600.000 KL und die Unterschlagungen Starts auf rund eine halbe Million KL. Rehulka hat während der Zeit seine- segensreichen Wirken- auf verschiedene Sparbücher mehr als eine Million zurückgelegt! Bemerkenswert ist, daß di« ganze Sache erst durch eine Revision der Steuerbehörde aufflog, der di« auffallende Passivität des sonst so rentablen Besitzes nicht einleuchten wollte. Ganz im Sinne des berüchtigten Dr. Zajiiek verteidigen sich di«, sonst im wesentlichen geständigen Angeklagten mit einem „Konto S e p a r a t o", da- ihnen der Grundherr al- eine Att Dispositionsfonds eingeräumt habe. rb. Amerikanische Geschichten Der Liebesbrief Im Scheidungsprozeß der MrS. Hildred Gude, der Frau eines Millionärs, spielen die Liebesbrief« eine- deutschen Barons eine Rolle. Der Baron, sagt Frau Gude, sei„ein lieber Kerl"; seine Liebe habe er aber nie durch die Tat, sondern nur in Briefen ausgedrückt. Immerhin waren die Briefe so, daß der Anwalt des Gatten im Kreuzverhör fragen konnte: „Was meinte der Baron, als er schrieb, er warte, bis Sie in seine Arme zurückkehren würden?" Frau GudeS Antwort war exatt und so, daß si- formal kein Geständnis enthielt:„Ich denke, er meinte, er warte, bis ich in seine Arme zurückkehren würde." Go schlau fragen, daß eine schlaue Frau in die Falle geht, kann nicht mal ein schlauer Anwalt. Die Sterilisation „Ich hatte als Kind keine Puppen und werde„ wenn ich alt bin, lein Kind haben. Das ist meine ganze Geschichte." Sagt Miß Anne Cooper Hewitt, die jetzt 21jährige Erbin eines Zehnmillionenvermügen». Sie klagt auf 500.000 Dollars Schadenersatz gegen ihre Mutter, Frau Childs McCharter and zwei Aerzte. Grund der Klage: Ihr Vater, Peter Hewitt, hatte testamentarisch ein Legat ausgesetzt, das ihr nur zufallen sollte, wenn sie heiratete und Kinder bekäme. Ihre Mutter hat das Mädchen aber sterilisieren lassen, um dieses Legat selbst zu behalten. Miß Hewitt behauptet, Mutter und Aerzte hätten sie durch falsche Vorsp'ege» lungen zu dieser Operation gebracht. Die Mutter behauptet, die Tochter sei schwachsinnig. Desgleichen die beiden Aerzte. Nach kalifornischem Gesetz ist zur Erlangung der SterilisattonSerlaub- nis bei einer minderjährigen Person die medizinische Feststellung des Schwachsinns und die schriftliche Einwilligung der Eltern oder des Vormunds nötig. Soweit wäre die Sache also formal in Ordnung. Offenbar ermangelt aber Fräulein HewittS deS vorgeschriebenen Schwachsinns; ein ärztliches Attest aus dem November 1985' bescheinigt ihr auch, daß sie keinerlei geistige Defekte aufweise. Da sie nun volljährig geworden ist, kann sie also ihren Kampf um ihr Recht und ihr Geld— allerdings nicht um ihr Kind, das ihr, ungeboren, definitiv verloren ist— durchführen. Für die Mutter und die Aerzte tun sich lehr unangenehme Perspeüiven auf. Gewinnt Miß Hewitt den Prozeß, so werden sie noch von Staats wegen ein Strafverfahren auf den Hals bekommen. Wahrscheinlich— bestimmt ist eS mcht. Denn der neue Gatte der ehemaligen Frau Hewitt, Herr McCharter, ist natürlich auch kein armer Mann, und deshalb möchten sich die Behörden gerne um die Verantwortung drücken, indem sie sagen, eS sei Sache der Tochter, Strafantrag zu stellen. Während diese wiederum, aus Rücksicht auf die öffentliche Meinung, die ihr llnkindlichkett vorwerfen würde, sagt, eS sei„sehr unfair, zu r- warten, daß sie die Pflichten des Polizeidepcnte- mcnts auf sich nehmen und ihre Mutter totem eines Verbrechens anklagen sollte, wenn auch Benehmen von Frau McCharter gegen sie in der j Vergangenheit noch so schlimm gewesen sei"- Dieser edle Wettstreit wird vielleicht Frau McCharter vor dem Strafgesetz retten. Sonnen energie Aus St. LouiS, Montana, kommt die Nachricht, daß Dr. Charles G. Abbot eine gewöhnlich.: Dampfmaschine ohne Kohle, einzig mit Sonnenenergie betrieben hat. Die Ausnützung der Son nenenergie zu technischen Zwecken ist im Prinzip seit langem gelöst. Ihre praktische Anwendung in größerem Ausmaß scheitert aber immer noch en der Kostspieligkeit des Verfahrens, d. h. vor allem an den hohen Kosten der nötigen Spiegel. Abbots Apparat bedeutet aber insofern einen sehr wichtigen Fortschritt, als er 15 Prozent der Sonn-n- energie nutzbar macht, was das Vierfache deS WL- her erreichten Nutzeffekts ist. Bei der Vorführung seines Apparats hat Dr. Abbot zugleich auch gezeigt, daß die erreichten hohen Temperaturen selbst Metall schmelzen. Er sieht, vorausgesetzt, Me Herstellungskosten konnten eines Tages genügend herabgesetzt werden, voraus, daß man nicht nü: Kohle, Gas und Elektrizität, sondern auch gewisse Schmelzöfen durch Sonnenkraftmaschinen a»S- schalten kann. Olympiakämpfer Neunundzwanzig Mitglieder der amerikanischen Olympiamannschaft sind in Deutschland e'n- getroffen. Ihr Führer ist ein Professor Hildebrand. Die Bereinigten Staaten haben den Ruhm, als erstes Land die Sabotage der anständigen Menschen gegen die Olympiade in Barbanen durchbrochen zu haben. Professor Hildebrand verdient einen warmen Händedruck Hitlers und eine Lakaienuniform aus Görings Kleiderschrank. M.EL .Sssttrftemtfrtrf" Mittwoch, 22. dünnet 1938. Nr. 28 W» 8 F / z 8H A n ’a 35 SORTEN VON WINTERSCHUHEN UND 30 SORTEN VON WINTERSTRÜMPFEN I z »At r/ Kroger Leitung Dte Arbeftstosen-Aktlon der Hauptstadt Präs Der Primator-Stellvertreter Dr. Stüla empfing Montag die Pressevertreter zu einer infor- mativen Aussprache über di« Organisation der Ar- beitSlosenfürsorge der Hauptstadt Prag, Wie bekannt, hat das Sozialamt des Prager Magistrates für die gegenwärtig« Winterszeit eine grundlegende Aenderung der Unterstützungspraxis durchgeführt, und zwar- in der Richtung, datz dem Gedanken der produktiv eit Arbe i t s losenfürsorgc möglichst breiter Raum gegeben wurde. Es ist sehr zu begreifen, datz die städtische Verwaltung sich entschlossen hat, Wer dieses Wohlfahrtswerk- öffentlich Rechenschaft zu geben, um so mehr, als es an offenen und versteckten Angriffen von feiten der Reaktion nicht gefehlt,hat. Das Prinzip der neuen Praxis besteht hauptsächlich darin, datz an Stelle der bisherigen Unter- ftützungen, beziehungsweise Rotständsarbeiten, die kein ordentliches Arbeitsverhältnis begründeten, für die Arbeitslosen'regelrechte Dienstverhältnisse geschaffen wurden. Bei insgesamt zehn Firmen werden solcherart viele Laufende Von Arbeitslosen unter städtischer. Subventionierung wenigstens teilweise beschäftigt, wobei den Arbeitnehmern.nebst dem kollektivvertraglichenArbeitslohn(per Stunde 8i85 Kd) auch die übrigen Vorteile eines regelrechten Arbeitsverhältnisses(Sozialversicherung')'zukommen. Es handelt sich vor allem um Terrain-’ und Regulierungsarbeiten. Mit Recht verwies der technische Leiter Jag. Vondrouset in seinen Erläuterungen zu der technisch-ökonomischen Seite dieses Problems darauf, datz die für solche Arbeiten gufgewendeten Mittel der Allgemeinheit in. hervorragender Weise zugute kommen und daher als durchaus produktiv zu bezeichnen sind. Der Gesamtaufwand-dieser Aktion beträgt 89 Millionen, wozu noch die Aufwendungen für Material und Transportkosten treten,- die mit rund 10 Millionen zu veranschlagen sind, abgesehen von sonstigen Unierstühungsaktionen.(Arbeitslager, Weih- nachtshilfe, ärztsiche Behandlung u. a. m.) Wenn man den staatlichen Zuschutz von 10 Kd per Person und Tag in Abzug bringt, waren d«nnach über 80 Millionen aufzubringen, für deren Deckung im ordentlichen undautzerordentlichen Budget zu sorgen war. Der^.B e s ch ä f t i g u H'9g r ä d der einzelnen' Arbeitslosen ist abgestuft nach' deren Familienstand. Ledig« Personen werden an zwei Arbeitstagen pro W<Äe beschäftigt(Stundenlohn 3.85 Kd, wöchentlicher Bruttoverdienst 61.60); kinderlose Verheiratete und solche mit einem Kind werden wöchentlich drei Tage beschäftigt(Wochenverdienst 02.40 Kd); Verheiratete mit mehr als zwei Kindern vier Tage pro Woche(Wochenverdienst 123.20 Kd). Bemerkenswert ist, datz die Frauen den Männern nunmehr dem Lohnsatz nach gleichgestellt sind. Gearbeitet wird an 228 Arbeitsstätten. Die Ar« beitsorgan.isation ist nach Richtlinien festgelegt, die nach Darlegung des technischen Referenten hauptsächlich das Ziel verfolgen, einerseits durch die Vor- und Begleitarbeiten möglichst viele weitere Arbeitslose in Arbeit zu setzen und. durch Einsparungen beim Material- und Regiekonto den Lohnanteil der Beschäftigten zu erhöhen. Beschäftigt werden auf solche Art insgesamt 14.321 Personen) grösstenteils Familienerhalter. Davon sind 8138 Verheiratete mit mehr als zwei Kindern, 6881 Verheiratete mit einem Kind o.der kinderlos und 3901 ledige Personen. Ausserdem werden 459. fugendliche Arbeitslose in städtischen Arbeitslagern beschäftigt. - Im Lauf« der abschließenden Debatte wurde den Pressevertretern eine Exkursion zu den wichtigsten Arbeits^ätten zngesagt. rb. 800 Paar Strümpfe gestohlen. In der Nacht auf gestern brach. ein bisher. unbekannter Täter in das Galanteriewarengeschstft Emanuel Binä in Zijlkov«in, wo er 500 Paar Damenstrümpfe aus dem Lagerraum entwendete. Er versuchte auch, die Kaffe- auszurauben, fand hier jedoch nnr einen Barbetrag von 30 Kd vor, den er miknahm. Schreibmaschine gestohlen. In der Nacht auf gestern stahl ein Unbekannter aus cher Kanzlei der Stefanikkaserne in Prag«ine Underwood-Schreib» maschine im Werte von 1700 Kd. Flüssiges Metall ins Gesicht. Gestern nachmittags schweitzte der 30jährige Klempner Alois Havelka aus Wysotschan eine mit Lötbrei gefüllte'Messingröhre in der Klempnerwerkstatt Ottomar Kouzik in Straschnitz. Beim Biegen barst die Röhre und der glühende Brei spritzte Havelka inS Gesicht. Er hat, wie auf der Klinik-Jiräsek fcstgstellt wurde, Verbrennungen zweiten Grades erlitten. Zwei BerkehrSvnfälle. Der 15jährige Tischlerlehrling Stanislaus Vejvoda aus Podol fuhr gestern nachmittags auf seinem Rade durch die Strossmaher- gaffe in Podol, wobei er sich so ungeschickt benahm. datz er in den linken Kotflügel eines vom Beamten Alfred Stkpänek aus Branik gelenkten Autos hineinfuhr, obwohl sich dieser alle Mühe gegeben hatte. auSzuweichen. Das Fahrrad wurde zertrümmert; Vejvoda blieb mit schweren inneren Verletzungen bewutztloS liegen und wurde vom selben Auto ins Podoler Sanatorium gebracht.— Die 30jährige Arbeiterin Karla Hakl lief gestern nachmittags, indem sie einem Autobus ausweichen wollt«, in Zffjkov dem Auto P—5.400 des Kaufmanns Jaroslav Her- kik in den Weg, wobei sie zu Boden geworfen.und mit einem Bruch deS linken Vorderarmes vom gleichen Auto auf die Klinik Jiräsek gebracht wurde. Die StaatSbahndirrktion in Prag expediert einen Sonder-Motorschnellzug mit Verpflegung nach JohanniSbad zum Preise von 75 Kd und zur Sokol- baud« für 90 Kd. Anmeldungen mit Anzahlung nimmt der Basar neben dem Wilsonbahnhof, Tel. Rr. 883—35, entgegen Kunst und Mss4n Hoffmanns Erzählungen weisen jetzt im Deutschen Theatex vier Damen-Partien nevbesetzt auf; leider nicht sehr glücklich. Zwar nötigt es Respekt ab,.wie Käthe Walter nach der wenig stimmförderlichen Verwendung in der Operette nun mit der Olympia anstandslos fertig wird; aber zu oeut- lich wirkt die notwendigerweise geübte übergrotze Vorsicht der Tpnbildung auf Kosten der Klangschönheit. Und Lotte Medak gibt wohl als Giulietta dem Ensemble leuchrkräftige Töne, bleibt aber der Barcarole tast alles schuldig; bei dieser Gelegenheit verrät auch Hertha Glatz als Niklas, datz ihre Mittel zumindest vorläufig für das grosse Haus nicht ausreichen. Und schliesslich entschädigt das sühe Belcanto von Harriet Henders nicht genügend für die Unzulänglichkeit im Versuch der gesangsdramatischen Bewältigung der anspruchsvollen Antonia. Uebrigens ist die Aufführung, obwohl von Kapellmeister Schick liebevoll betreut, im Gesanglichen auch sonst nicht gerade besser geworden, l. g. Arbeitervorstellung.EineNachtinVene- big". Operette von Johann Strautz, am Sonntag, den 2. Feber, um halb 3 Uhr. Karten täglich von 8 bis 2 und 4 bis 6 Uhr bei Optiker. Deutsch, Koruna. Wochenspielplan des Reuen Deutschen Theaters. Mittwoch halb 8: Der junge Herr Rente, Bl. r— Donnerstag halb 8: Hoffmanns Erzählungen, C 2.— Freitag halb 8: Gentleman, Ensemblegastspiel des Deutschen Volkstheaters Wien mit Albert und Else B a s sie r m a n n, Abonnement aufgehoben.— Samstag halb 8: Die Lebenslüge, Gnsem- blegastspiel des Deutschen Volkstheaters Wien mit Albert und Else Bassermann, Abonnement aufgehoben. Wochenspielplan der Kleinen Bühne. Mittwoch 8r Die Dame mit den Türkisen, Bankbeamte II und freier Verkauf. — Doynerstag 8Ä: Das kleine Bezirksgericht.'— Freitag 8: A n n a s a g t nein, Theatergemeinde deS Kulturverbandes und freier Verkauf.— Samstag 8: Im L ond o n e r Retz e l, volkstümliche Vorstellung. Uiawsnflcfirkftten. Heute 8 Uhr Gruppenabende. Weinberge- Smichov(Rä- rodniheim):„Maxim-Gorki-Ahend. Zentrum(Liga): Diskussion über die Judenfrage. H ö l l e- s ch o w i tz(KaMenickä): Liebknecht-Luxemburg-Lenin-Feier.— Mittwoch, den 29. Jänner 1986: I a h r eS- Vollversammlungen aller Gruppen. Auf der Tagesordnung: Berichte, politisches Referat, Neuwahlen, freie Anträge. Alle Genossen, Genossinnen«ad ATIICl Freunde des Atu» treffen sich beim AtuS-MaSken- und Kostümball am Samstag, den 25. Jänner. Die Devise.Fahrendes Volk", die für diese Veranstaltung gewählt wurde, wird auch in der MitternachtS- ^i szene zum Ausdruck kommen. Es wirken mit: die acht AtuS- Girls, die ächt lustigen Hand« Werksburschen, die Zigeunerkapelle Lajos Putzta. weiter Straßensänger und sonstiges fahrendes Volk.— Für Nichttänzer ist auch gesorgt: Wiener-Schrammelmusik.mit dem Stimmungssänger Vater(bekannt durch den Rundfunk). Die Veranstaltung findet im Feuerwehrhaus, Prag XII., Kimskä 45(Malt opereta) statt. Beginn 20 Uhr. Eintritt 10 Kd inkl. Steuer. Karten bei den Funktionären und. im Bildungsverein deutscher Arbeiter, Prag II., Smeiky 27, täglich von 5 bis 8 Uhr abends. Bezugsbrdinaungen: Bet Zustellung ins Hau« oder bei Bezug durch die Poft monatlich Kd 16.—. vierteljährig Kd 48.—. halbjährig Kd 06.—. ganzjährig Kd 192—.— Inserate werden laut Tärif billigst berechnet. Bei öfteren Einschaltungen Preisnachlass— Rückstellung von Manuskripten erfolgt nur bei Einsendung der Retourmarken.— Die ZeitunaSfrankatur wurde vou der Post- und Tel«. '' graphendirektion mit Erlass Rr. 13.800/VII/l930 bewilligt.—Druckerei: jDriHft* Druck« Verlags- und ZeitungS-A.-G. Prag.•'•'■>