Freitag, 24. Jänner 1936 Nr. 20 IKIahrgang rkrelpwk 76 miBr (•InKhlMlich S Hallar forte) 1ENTRALORGAN DER DEUTSCHEN.SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI IN DER TSCHECHOSLOWAKISCHEN REPUBLIK ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH. Redaktion und Verwaltung frag xii., fochova«r. Telefon 53077. HERAUSGEBERt SIEGFRIED TAUB. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR* DR. EMIL STRAUSS. PRAG. Abg. Tuiny Postminister Dr. Franke Schulminister Dr. KrCmäf scheidet aus Prag. Durch vier Handschreiben deS Präsidenten der Republik wurden Donnerstag nachmittags die angekündigten Aendernngen in der Regierung, die sogenannte„kleine Kabinetts- Oer Ministerpräsident Vertretern der Presse über die aktuellen politischen Fragen von Postminister Tutn? Rufi ö f• Auf- aus deS d e r gegen Präsident Lebrun wünscht eine rasch« Beendigung der Kabinettskrise, die sich bereits in einer könne um so mehr verlangt werden, als die ftpgNAiellen Voraussetzungen zur Belebung der Unternehmertätigkeit gegeben sind. Durch die Her» absetzung deS Zinsfußes find die Kosten für Kapitalaufnahme herabgesetzt worden, der Kapitalmarkt ist dazu fähig der Industrie die nötigen Mittel zur Verfügung zu stellen. Der Ministerpräsident bekennt gerne, daß es in Zukunft keine Gesetze mit rückwirkender Geltung mehr geben dürfe, denn sonst könnten die industriellen Betriebe keine Pläne machen. Auch die Errichtung deS Rechtsbeirates sei ein Entgegenkommen an die Wirtschaft, der Zweck deS Rechtsbeirates ist eS, E i n h e i t l i ch- keit in dir administrative Praxis zu bringen. Beim Finanzministerium wird eine Kommission errichtet werden, an welche Beschwerden gegen die Finanzverwaltung zu richten sein werden.« Diese Beschwerden werden vorläufig nur von Korporationen, wie Handelskammern und Landeskulturräten, erhoben werden können, und man hofft, dadurch zu einer allmählichen Reform der Finanzve.rwaltung zu kommen. Der Steuerträger soll von Zeit zu Zeit eine Abrechnung der Steuerverwaltung erhalten, damit er wisse, woran er sei. an der Konferenz Fragen gestellt wurden, die er äußerte sich in seiner Red« über eine Reihe der innere» und der auswärtigen Politik. Prag.(Eigenbericht.) Ministerpräsident Dr. Hodja empfing am Mittwoch di« Vertreter der großen Blätter,»m sie über verschiedene aktuelle Fragen zu informieren. Der Ministerpräsident hielt vor den Journalisten in freier Rede ein etwa eineinhalbstündiges Expose, worauf an ihn von einige« Teilnehmern auch beantwortete. Der Ministerpräsident bedeutsamen Probleme« der WirtschaftS-, Wahlkabinett Sarraut? Noch keine Losung der Kabinettskrise Bahnhof in die Westminsterhall abgebrochen und auf die Straße gefallen war. Ein Offizier hob es auf,.konnte aber allerdings die Ordnung im Zuge nicht stören und überreichte es erst in der Westminsterabtei. Das Kreuz wurde nun wieder an. der Krone befestigt. Island will nicht schwören I London.(Reuter.) Informationen Dublin zufolge wurde in der Hauptstadt Freistaates Irland bisher König Eduard VIII. nicht als König proklamiert, da die verfassungsmäßigen Faktoren des Freistaates der Ansicht zuneigen,'.daß esnicht notwendig sei, den Eid zu erneuern, den Generalgouverneur Buckley bei Antritt seines Amtes geleistet hat. Sein Eid, so wird an den genannten. Stellen erklärt, gilt nicht nur für König Georg, sondern auch für den Kron- prinzen und dessen. Nachfolger.' Oer tote König nach London Überführt Die sterblichen lleberreste Geörg V. wurden Donnerstag von Schloß Sandringham nach London überführt,-wo die Aufbahrung in der W e st m i n st e r H a l l erfolgte. Bom Bahn hof bis zum Westminster Hall standen 7000 Poli zisten Spalier. Den..Sarg begleitete eine militä rische Ehreneskorte. Vor dem Eingang zum West minster Hall erwarteten Vertreter des Parla ments den Trauerzug.'-,--- Nach der Aufbahrung des Sarges in der! Westminsterhall wurde bemerkt, daß von der auf dem Sargdeckel niedergelegten Krone. das Mal- h«r Sozialisten übernommen werden soll, oder ob theser-Kreuz verschwunden war. I|" gestellt, daß dieses mit einem herrlichen indischen hatte. Daß er nnter diesen Bedingungen die Unterstützung der Sozialisten findet, ist wenig wahrscheinlich. Entscheidend wird die Haltung seiner eigenen Partei sein. Die Plenarsitzung der radikal-sozialistischen Fraktion betraute Daladier mit der Aufgabe, Sarraut brkanntzugrbrn, daß die Partei bereit ist, die Regierung zu unterstützen, dir in ihrem Programme 1. dieBerteidigungdesFranken gegen die Spekulation, Verteidigung WM,_ en- Politik im Rahmen und nach den Prinzipien des Völkerbundes aufweisen wird. Selbstverständlich wird jede Regierung nur ein Wahlkabinen sein und der Linken liegt im Augenbfick nur daran, daß die Wahlen nicht , von einem ausgesprochenen Gegner der Bolks- Unterstützung der Industriewirtschaft Zunächst befaßte sich Ministerpräsident Dr. Hodja mit aktuellen wirtschaftlichen Fragen, welche die detaillierte Durchführung des Regierungsprogramms beinhalten. Hodja sagte, daß in der Regierung Verständnis dafür vorhanden sei, daß man die Entwicklung der Industrie fördern müsse und daß insbesondere die Belebung des Exportes der Regierung am Herzen liege. Wenn die Industrie Unterstützung durch die Regierung verlange, dann muß andererseits die Regierung verlangen, daß diese Industrie auch gegenüber der Gesamtheit ihre Pflicht tue, daß die Jndu- rekanstruktion" durchgeführt." Der bisherig«! Minister Prof. Dr. Kr i m ä k, der im Feber striel len wirklich Unter,nehm er 1834«ach d«m Abgang der Rationaldemokraten sind und etwas unternehmen. Dies aus der Regierung Malypetr als Beamter das'~ Schulressort übernommen hatte, scheidet autz der! Regierung aus. Als zweiter«atioualsozialistlscher Minister tritt der Gewerkschaftsführer Tukny! neu in das Kabinett ei««nd übernimmt das Post ressort, während der bisherige Postminister Dr. Franke, ebenfalls Nationalsozialist, das Schulministerium' übernimmt. •VTx’äh'-s* 5* Der neue Postminister Tuenh steht im 65. Lebensjahre. Er ist der Sohn eines Webers, arbei tete als Typograph, später als Korrektor und Direk tor in mährischen Buchdruckereien und kam 1908 nach Prag, wo er in der nationalsozialistischen Bewegung aktiv tätig war. Im Jahre 1912 wurde er in die Zentrale der nationalsozialistischen Gewerkschaften berufen. Er ist seit dem Umsturz Mitglied der Nationalversammlung und war in den Jahren 1921 bis 1926 je einmal Arbeiten-, Post-. und. Gesund- heitSminister. Von 1926 bis heute arbeitete er wie der in seinem früheren Wirkungskreis, im Zentralsekretariat der tschechoslowakischen Arbeitergemeinde. Für 3*2 Milliarden Investitionen Begrüßenswert war, was der Ministerpräsident über die öffentlichen Investitionen sagte und insbesondere der Nachdruck, den er daraus legte, daß der Aufnahme der Arbeite» keine behördlicheu Schwierigkeiten bereitet werden‘ dürfen. Wie man es nicht machen dürfe, legte er am Beispiel der Untertunnelierung der Straße bei Chuchle(in der Nähe von Prag' dar, welches Projekt die Aemter bereits seit acht Jahren beschäftige. Man wird künftighin die persönliche Verantwortung jener feststellen müssen, die an der Verzögerung derartiger Projekte Schuld tragen. Der Ministerpräsident führte dann an, daß an Investitionen vorgesehen seien: 1. Fortsetzung begonnener Arbeiten, für die du Summe»0« 1.2 Milliarden bereitgestrllt sei. 2. Nene Arbeite» im Gesamtbetrag von 2 Milliarden. Davon solche Arbeiten, die Ende Feber begonnen werden können und die einen Betrag von 630 Millionen XL erfordern, solche die im Mai 1936 ferfigprojektiert sein müssen, im Gesamtbeträge von 760 Millionen Xi und endlich Arbeiten, an die man ungefähr im Juli werde herantrrten können im Betrage von 614 Millionen XL. Insgesamt sind also'JnvestitionSarbeite» sür den Betrag von 3.2 Milliarden vorgesehen. Der Ministerrat hat ein Subkomitee eingesetzt, welches die oberste Instanz für all« Jn- vcstitionsarbeiten sein solle, außerdem besteht eine JnvestitionskomMission im Mini- sterratspräsiöiüm, damitnichtdurchKom- petenzkonflikt- der Gang der Investitionen aufgehalten werde. Zu den Aufgaben der Regierung gehört ferner die Hebung des Fremdenverkehrs, der auch(durch Ausbau vc- Straßen) zum Teil im Rahmen des Investitionsprogramm erfolgen soll. Weiters wird die Regierung für 2. die f e n t l i ch e» Freiheiten rührer und 3. die Festigung de Der Rücktritt Lavals hat hie feit langem schwebende Frage akut gemacht, ob die Regierung I von einem Kabinett der Volksfront, mindestens j einem Kabinett der Radikalen'mit' Unterstützung | wvgiuu|i(H uuEinumiiini lucAUVil VUll, VDCL lli wurde fest-- wieder ein Kabinett sozusagen von bet' linken 'M» ,.1 Rechten bis zur rechte» Linken gebildet wird, wie Edelstein geschmückte^euz auf dem Weg vom dir Regierung Laval war. Es zeigt sich, daß m. 1 Ä!1- v Radikalen nicht einig find«nd der längst voranszusehendrn Situation ohne Pro gramm gegenüberstehen. I Präsident L e b r u n hat zahlreiche Persön lichkeiten empfangen«nd die Kabinettsbildung so wohl H e r r i 0 t als auch D e l bo s, dem Frak- tiousführer der Radikalen angetragen. Beide habe« abgelrhnt. Dagegen hat sich Alber 1 Sarraut mit Vorbehalten bereit erklärt, ein Kabinett zu bilden. Sarraut galt immer für einen rechtsstehen den Radikalen. Er hat als Innenminister seiner zeit sehr scharfe Maßnahmen gegen die Links radikalen unternommen nnd sich auch alS Kolo nialgouverneur anf der Linken nicht gerade be- front durchgeführt werden. liebt geinacht. Es ist also von ihm kaum eine ernste Linksschwenkung zu erwarten^ Er haf auch bereits erklärt, daß er seine Mitarbeit in den, starken G 0 l d f l u ch t bei der Bank von Frank gleichen Kreisen suchen will, wo Laval die seinen 1 reich auswirkt. die Konzentration der Propaganda in einem eigenen Amt Sorge tragen. Schließlich sieht die Regierung als wichtige Aufgaben die Förderung derMoto- risierung und den Ausbau deS Flugwesens vor, auf welchem Gebiete die Tschechoslowakische Republik in letzter Zeit zurückgeblieben ist. Vie nächsten Aufgaben des Parlaments Der Ministerpräsident wandte sich dann der Besprechung innerpolitischer Fragen zu. Er teilte mit» daß dem Parlament gegenwärtig 21 Vorlagen unterbreitet worden sind davon 13 dem Abgeordnetenhaus und 8 dem Senat. 33 wichtige Vorlagen sind insgesamt. Darunter jene über die Baubewegung, den Mieterschutz, die Wohnungsfürsorge für die ärmerenBolkSschichten, die Sa- nierung derBruderladen, das landwirtschaftliche Institut, den landwirtschaftlichen Ausgleich, die Rekultivierung der vom Bergbau verwüsteten Gebiete, die Verkürzung der Arbeitszeit und die Arbeitsvermittlung(die Genehmigung der beiden letztgenannten erhoffe die Regierung, wie der Ministerpräsident ausdrücklich sagte, bald). Vorlagen über die Unterstützung der Krankenhäuser, den Regreß, das Dienswerhältnis der Redakteure und die Errichtung eines ftowakischen Landesschulrates, über den Fremdenverkehr, die Unifikation der Eisenbahngesetzgebung, die Novellierung des K a r t« l l g e s e tz e s und das neue bürgerliche Gesetzbuch, wcBei allerdings die Ehegesetzgebung ausgeschlossen bleibt.. Autonomie KarpathoruBlands Eine innerpolitische Aufgabe für die Regierung ist auch die Frage der Autonomie Karpathorußlands, welche in den Friedensverträgen vorgesehen ist. ES ist nicht Schuld der Regierung, daß es zur Durchführung der Autonomie bisher noch nicht gekommen ist. In diesem Lande waren zur Zeit, da eS der Tschechoslowakischen Republik zufiel, 80 Prozent Analphabeten, in den Dörfern sogar 90-Prozent, das Voll war nicht gewohnt, sich politisch zu betätigen, es besaß keine nationale Intelligenz. Nunmehr ist aber die Regelung der Verhältnisse in Karpathorußland ein« politische Aktualität geworden. Der erste Schritt zur Durchführung der Autonomie wird die Errichtung eines Amtes des Gouverneurs von Karpathorußland sein, das mit Referenten betreffend jene Ressorts ausgestattet wird, die Gegenstand der im Friedensvertrag vorgesehenen Autonomie Karpathorußlands sind, Rekonstruktion der Regierung Weiters beschäftigte sich der Ministerpräsi», dent mit der Umgestaltung derRegie- r u n g, welche er als eine Ergänzung der Regierung bezeichnete. Diese sei vor allem durch das Ausscheiden deS Außenministers notwendig geworden und es muß nun den tschechischen Nationalsozialisten ein zweites Ressort gegeben werden. Der Ministerpräsident bot der genannten Partei drei Ressorts zur Auswahl an, und zwar das Außen-, Finanz« und Schulministerium. Die Nationalsozialisten entschieden sich für daS Schulministerium, das mft dem bisherigen Postminister Franke besetzt werden wird, während zum Postminister der Abgeordnete Tntnh ansersehen ist. DasMinisteriumdeSAeußernwird mit einem Beamten besetzt werden, wobei der Ministerpräsident bemerkte, er häfte eS lieber gesehen, wenn auch an die Spitze dieses Ministeriums ein Politiker getreten wäre. Eine zweite Angelegenheit ist die Rekonstruktion der Regierung, mit der, sich der Mini« Seite 2 Freitag, 24. Jänner 1936 Nr. 20 sterpräsident angelegentlich beschäftigte^ Er glaubt, daß die bisherige Grundlage der Regierung zu eng sei und daß die großen Aufgaben der Innen- und Außenpolitik uns dazu zwingen, alle Kräfte innerhalb der Regierung zu konzentrieren. Allerdings muß jede Erweiterung der Regierung zur Konsolidierung führen, der innere Zusammenhalt der Koalition darf darunter nicht leiden. Man kann auch n ü rParteienindieKoalitionauf- nehmen, die an dem bisherigen Wirtschaftsprogramm der Regierungsmehrheit fest halten. Dieses.Programm besteht darin, daß die liberalen Grundsätze verlassen werden und zu einer dirigierten Wirtschaft über« gegangen wird. Eine Regierungserweiterung bei Rückkehr zur liberalen Wirtschaftspolitik ist unmöglich. Dies umsomehr, als in der Industrie selbst, welche die Trägerin der liberalen Wirtschaftspolitik ist, sich Anzeichen der Erkenntnis der Aenderung der wirtschaftlichen Auffassungen bemerkbar machen, insofern als nicht nur der Landwirt, sondern auch der Unternehmer von der alttn Doktrin Abschied nehmen müsse und daß gewisse Eingriffe in die Organisation dtr Produktion notwendig seien. Deswegen können die. Rationaldemokraten noch nicht in dir Regierung gehen. Die Erkenntnis von der neuen Wirtschaftspolitik ist bei ihnen noch nicht durchgedrungen. Aktuell dagegen ist der Eintritt der Slowakischen Bolkspartei in die Regierung. Der Ministerpräsident erklärte, er habe sein Amt mit dem Programm angetreten, die Slowakische Volkspartei für die Koalition zu gewinnen, die diesbezüglichen Verhandlungen seien bereits eröffnet und er habe mit dem Abgeordneten Dr. Ti s o und Sokol bereits verhandelt. Er habe der Slowakischen Volkspartei mitgeteilt, daß sie sich auf meritorische Verhandlungen über den Eintritt in die Regierung vorbereiten möge. Der Ministerpräsi- dent glaubt, daß man bereits in 14 Tagen mit diesen Verhandlungen beginnen könne. Die Parteien der Koalition seien sich in dieser Frage einig, die Verhandlungen werden mit der Absicht geführt, sich zu einigen und der Ministerpräsident wolle die Sache sobald als möglich fertigbringen. Auch mit den deutschen Ehriftlichsozialen werde verhandelt werden und auch da glaube man zu einem positiven Ergebnis zu kommen, weil keine politischen Probleme vorhanden sind, welche ein Hindernis der Zusammenarbeit auch mit dieser Partei bilden. Scidann verbreitete sich der Ministerpräsident über die außenpolitischen Fragen, die mit dem Besuch des Bundeskanzlers Schuschnigg in Prag zusammenhängen. Die mitteleuropäische Zusammenarbeit Es ist ein absolut unrichtiges Vorgehen, wenn man bei der Reise des Bundeskanzlers Dr. Schuschnigg nach Prag nach politischen Pikanterien sucht. Wir, Oesterreich, ganz Mitteleuropa haben andere Sorgen, als Versuche um eine problematische Geheimdiplomatie oder Status- änderungen dieses oder jenes Staates zu unternehmen. Es handelt sich darum, sich vor Augen zu führen, wie absolut notwendig es ist, die wirtschaftlichen Interessen aller Staate», die man als das Reue Mitteleuropa zu bezeichnen pflegt, einander näherzubringen. Es sind dies die Donaustaaten und weitere Staaten, die sich auf den Gebieten zwischen Deutschland und Rußland befinden, insofern« sie an der Kooperation interessiert sind. Es handelt sich um eine zweifache Annäherung: um die politische und um die wirtschaftliche, somit um sukzessive und systematische Beseitigung der Hindernisse, welche dem Uebereinkommen im Wege stehen. Wenn ich mit einer Kooperation beginnen .soll, dann muß ich«in bestimmtes System, als. Ausgangspunkt wählen. Ich gehe von der ÜeLer- zeugung aus, daß die gegenseitige Verständigung der mitteleuropäischen Staaten möglich ist. Die in Betracht kommenden Komponenten dieser Gruppierungen sind die folgenden: Baltische Entente, Balkanentente, welch letztere schon deshalb bemerkenswert ist, weil an ihr zwei Staaten der Kleinen Entente teilnehmen, Sie gleicht die Gegensätze zwischen Jugoslawien und Bulgarien und besonders diejenigen zwischen Bulgarien und Rumänien aus. Weiter gehören hieher: die K l e i n e E n t e n t e und die Länder des Römischen Paktes. Es besteht somit die Bereitwilligkeit zu Gruppenbildungen, deren Zielbewußtsein keineswegs bezweifelt werden I kann. Wollen wir somit ein mitteleuropäisches Uebereinkommen vorbereiten, dann bleibt nichts anderes übrig, als mit dieser Aktton dort zu be ginnen, wo ein noch so kleines Ergebnis zu er warten ist, welches die Lage in ganz Mitteleuropa beeinflussen könnte. Daher soll unser erster Schritt darin bestehen: eine Handels-«nd wirtschaftspolitische An- nähernng zwischen der Kleinen Entente«nd den Ländern des Römischen Paktes vorzubereiten. Diese Jnittative kann keine Unzu friedenheit in Berlin Hervorrufen. Weder die Tschechoflowakei, noch die Kleine Entente, noch irgendjemand in Mitteleuropa wollen eine Aktion, welche gegen Berlin zugespiht wäre. Unter dem Gesichtspunkte der ganzen künftigen Entwicklung muß unser Hauptbestreben darin bestehen, einen Modus vivendi mit Berlin zu fin den. Dies ist aber auf dem Wege von bilateralen Verttägen nicht möglich. Mit einem so großen Gebilde, wie es das Deutsche Reich ist, können sich die kleinen und mittelgroßen Staaten bloß auf Grund einer bestimmten Kotrlbinatiön, das beißt auf Grund, eines mitteleuropäischen Regional paktes ohne Gefahr verständigen. Der Weg nachBerlinführtübereinor- ganisiertes Mitteleuropa. Bezüglich Roms handelt es sich direkt um positive Politik, denn wir nehmen di« Koordina tion des Wirtschaftspaktes der Kleinen Entente mit dem Kompakt als Grundlage für eine kon- struktive Mitteleuropa-Politik an. Ich hoffe, daß eines TageS auch Budapest Verständnis für diese Lösung finden wird. Anfragen deutscher Journalisten Nach dem Vortrage des Ministerpräsidenten richteten einige der anwesenden Journalisten an| ihn Anfragen. Der Vertreter deS„Sozialdemokrat" machte den Ministerpräsidenten auf die Kri- ttk aufmerksam, die in der deuffchen sozialdemo- kratischen Presse an den Arbetten des Parlaments geübt worden ist. Er wies darauf hin, daß das Ermächtigungsgesetz durchaus keine Ausschaltung des Parlaments notwendig mache und verlangte, daß das Parlament öfters tage «nd auch jene wirtschafili ch'e n Vorlagen beschließe, deren Erledigung durch das Ermächtigungsgesetz möglich sei.. Darauf antwortete der Ministerpräsident, daß eine Reih« von Gesetzen durch Verordnungen erledigt werden mußten, weil sie terminiert waren und weil die polittschen Ereignisse im Monate Dezember alle Kräfte in Anspruch genommen haben. Nun sei die Situation anders, von Anfang Feber an könne das Parlament arbeiten, es habe für die ganze Saison genügend legislatorische Arbeit. Ein anderer Journalist fragte den Ministerpräsidenten, ob die Nachrichten über eine Verlegungge wisser Industrien aus Nordböhmen in das Innere des Landes den Tatsachen enffprechen, was der Ministerpräsident verneinte. Er ergreife aber die Gelegenheit, um über die Krisenverhältniffe im deuffchen Gebiete zu sprechen. Er anerkenne die schwierige Lage im deuffchen Gebiete, aber er warne davor aus der Krise der deuffchen Gebiet« ein Politikum z« machen, wie dies die Sudetendeuffche Partei tu«. Man könne feststellen, daß das Ministerium für soziale Fürsorge von Czech bis NeöaS einen entsprechend hohen Bettag der für die Arbeitslosen besttmmten Summen in die Gebiete des größttn Notstandes dirigiert habe. Die Konferenz des Ministerpräsidenten mit i den Journalisten wurde mit DankeSkundgebungen der Vertreter der Presse an Dr. HodZa für die eingehende Jnformatton, die der Ministerpräsident gegeben hatte, geschlossen. Die Steuernovelle Im Motivenbericht zu der Steuernovelle, die Donnerstag dem Parlament vorgelegt wurde, heißt es u. a., daß der wachsende Druck der öffentlichen Bedürfnisse die Finanzverwaltung zwinge, einige Bestimmungen des Gesetzes über die direkten Steuern zu revidieren und so der Staatskasse die Mittel zur Bedeckung notwendiger Bedürfnisse des Staates und der Selbstverwaltung zu beschaffen. Die Finanzverwaltung berück- ,sichtige dabei die Tragfähigkeit der Steuerzahler und wolle eine gerechtere.Aufteilung der Steuerlast herbeiführen. Einen weiteren Beweggrund bildet das Bestreben, einige llngenauigkeiten,die aus der bisherigen Stilisierung des Gesetzes sich ergaben, zu be- seittgen. Endlich soll die Novelle die Rechtsgrundlage für die Vereinfachung einiger Zweige der Steuerverwaltung abgeben, namentlich was die Technik des Bemessungs- und Berufungsverfahrens und die Verzugszinsen betrifft. Die wichtigsten Aenderungen sind folgende: Die Wirksamkeit der RevisionSabtrilung wird von 10 auf 15 Jahre(ab 1. Jänner 1927) verlängert. In dem neuen Kapitel XVa der Einführungsbestimmungen wird die Einhebung einer be- sonderen Gebühr in der Höhe von 15 Prozent eingeführt, die von dem Erwerb von Aktien(auf- gestempelten oder neuen) durch all« Aktionäre bei Erhöhung des AttienkapitalS aus dem eigenen Reservekapital zu enttichten ist. Uffprünglich war diese Bestimmung in der Stabilisierungsnovelle enthalten. Für den Bereich der Einkommens- sowie der allgemeinen und der besonderen Erwerb st euer ist für Investitionen gemäß 810 und 8 79 eine außerordentlicheÄbschrei- bu ng in der Höh« von-10 Prozent'vorgesehen, die diil Regkerülig biS'äuf 20'Prozent erhöhen kann.' Für vor dem 1.. Jänner 1936 bereits begonnene oder vollendete Investitionen bleibt die außerordentliche Abschreibung von 20 Prozent im bisherigen Umfang aufrecht. Erwerbsunternehmungen von Vereinen, die nach den allgemeinen VereinSnormen erreicht wurden, werden von der besonderen Erwerbsteuer ausgenommen und werden künftighin der allgemeinen Erwerbsteuer unterliegen, welche für diese Vereine weitaus günstiger ist. Die Aenderungen, die speziell di« besondere Erwerbsteuer tangieren, sind im wesentlichen folgende: Neu abgegrenzt werden die Bedingungen für die steuerliche Begünstigung der Genossenschaften. und zwar durch teilweise Jnkamerie- rung der Vorschußkassennovelle(169/85) und der Genoffenschaftsnovelle(116/86). Für einen Teil -er Kreditgenossenschaften werden weiters die Sätze durch Erhöhung des SteuerpauschalS neugeregelt und Gewinnsätze«ingeführt. Erweitert wird die Grundlage für die sogenannte Minimalfteuer um die echten Reserven. erhöht werden die Steuersätze bei Versicherungsgesellschaften auf Gegenseitigkeit und dem Rentabilitätszuschlag unterworfen werdet, die brauberechtigten Bürgerichafren. Schließlich ttitt bei Handels-, Prodnktions- und Bersicherungsunternehmun- gen durch Herabsetzung der SiedlungSquote von 50 auf 35 Prozent eine Aenderung in der Steuerteilung ein. Bei der Rentensteuer wird u. a. der Steuersatz von den Spareinlagenzinsen von 8 auf 6 Prozent erhöht. In da- Gesetz werden weiters Bestimmungen über die obligatorische RechtSbeleh- rung(Belehrung über di« Rechtsmittel) ausgenommen. die jedem behördlichen Bescheid und jeder behördlichen Verfügung beizuschließen find. Diese Bestimmungen find den für das Verwaltungsverfahren bei den polittschen Behörden geltenden Bestimmungen so weit als möglich angepaft. Zugleich mit dem Gesetzentwurf wird durch Regierungsverordnung der Satz der Verzugs» und der Ersatzzinsen von 7 auf 6 Prozent herabgesetzt. Konsul Klotz der Anstifter der Ueberfälle auf ffchechisch« Schulen? Eine Reihe von Anschlägen, die im vergangenen Herbst im Gebiet von Tschechisch- Teschen gegen tschechische Schulen verübt worden find: scheint nun ihre Aufklärung-gefunden zu haben. Am Donnerstag wurden der. 26jährige Jan B o c e k, ein ehemaliger Angestellttr der Trzynietzer Eisenwerke in die Hast des Teschener Bezirksgerichtes eingeliefert. Bocek hat gestanden» daß er an 15 Anschlägen gegen tschechische Schulen beteiligt gewesen sei. Als seine Komplizen bezeichnete er den Taxibesitzer Przeczek und den früheren Portter des Hotels Polonia in Teschen, Alois Langer. Beide sind flüchtig. Bocek behauptet, daß der frühere polnische KonsulKlotzbei den Beratungen immer dabei gewesen sei; sie hätten auch durch Vermittlung LangerS vom pclnis<*7n Konsulat in Mähr- Ostrau reichliche Geldmittel erhalten. UNSER GESICHT -I J L! 1 I- i. Roman von Karl Styaa Copyright by Eugen Prager-Verlag, Bratislava Er nimmt ein zweimetriges Schienenstück und stürmt da» mit zurück. Rock und Hemd flattern um die freie Brust. Ein schönes Ziel!— Kommt auch nicht mehr! Komisch, wie teilnahmslos mich das läßt, und— ist es nicht besser?... Ich muß Paul heimbringen. Er ist noch besinnungslos und blutet bei jedem Schienenstoß. Der Schweiß rinnt mir vorn Laufen in die Augen. Weiter! Alle, meinetwegen, können draufgehen, nur Paul nicht, mein Freimd! Auf dem halben Weg zur„Rolle" kommt mir ein Trupp Arbeiterfrauen und Kinder entgegen. Sie kreischen auf. ..Blut! Blut!" Ich laufe weiter. Paul darf nicht sterben! Vor der„Rolle“ kommt Martha. „Gott sei Dank, du lebst! Was ist drüben los?— Du? Mein Vater und meine zwei Brüder sind drüben! Wie schrecklich! Ich muß hinüber!" Ich halte sie nicht zurück und-laufe weiter. Ich halte meine Augen zu, um nicht die vielen fragenden und entsetzten Gesichter sehen zu müssen. , Vor Schropps Haus lege ich Paul auf die Sonnbank. Ich kann mit bestem Willen nicht mehr weiter. Durchs offene Fenster sehe ich Rohlings Weib am Bett ihres Jungen. Sie weint Meine Hände am Fenstergitter fangen an zu zittern. „Fritz!" Sie hat mich erblickt und kommt heraus. „Um Gottes willen, was ist mit ihm?“ Sie beugt sich über Paul und fährt erschrocken zurück. „Tot!“- „Nein, noch nicht!" „Wo ist mein Mann?" Ich deute mit der Hand über die Achsel. Etwas zu sagen, bin ich nicht imstande. Sophie stürzt ins Haus, nimmt ihren Jungen auf die Arme und läuft an mir vorüber. Ihre Haare flattern. Lange noch höre ich ihr Schreien: „Mein Mann! Mein Mann!" Schropp kommt gichtsteif vorn Wald her. Hinter ihm zieht er an einer Kette seine gefleckte Ziege. Sein Gesicht bleibt unverändert, nur die Stimme ist heiserer als sonst „Ich habe gewußt, daß es mal so kommen wird!" Er bindet die.Ziege an den Zaun und hilft mir, Paul in unser Zimmer schaffen. Dann geht er um den Arzt. Ich wasche das Blut von Pauls Gesicht. Es ist gelb und spitz. Die Augenlider haben eine so durchsichtige Blässe, wie bei einem— Toten. Ich muß mich an die Wand lehnen. Alles dreht sich in tollem Wirbel um mich. Um meinen Kopf tanzen Kugeln und blinken Gewehre und über die zerfetzte Menge sehe ich Gallon* Gesicht, riesengroß und verzerrt... Doktor Klopfer poltert ins Zimmer. Der kleine, vierschrötige Mann mit dem schwammigen Gesicht poltert immer. Er horcht Paul ab. „Hm!“ Aus einer roten Dose nimmt er eine tüchtige Priese, schimpft über die vorzeitige Hitze und sieht mich an. „Bist du auch krank?“' Diese Frage ist nicht unberechtigt. Ich fühle mich elend. „Nicht gerade! Aber sagen Sie, wie steht es mit meinem Kameraden!?“ „Dumme Frage!— Guten Tag!" Doktor Klopfer geht und mir ist, als nehme er alles mit, Paul, die Luft und mein letztes Bestehen Hoffnung. Paul wird sterben. Das spitze Gesicht dort im weißen Linnen wird noch spitzer werden. Die Haut wird sich welk um die fleischlosen Knochen legen und dann— sterben... Sterben! Was ist das eigentlich? Man sagt das Wort so oft, kann es aber nicht begreifen, steht man knapp davor. Gut, jemand ist alt geworden, hat sich selbst aufgebraucht und stirbt. Das ist verständlich. Der dort ist aber erst vierundzwanzig Jahre und muß auch schon sterben. Wer lebt die übrigen Jahre, die ihm der Tod wegstiehlt?— Vierundzwanzig Jahre! Das klingt doch wie Jugend und Hoffnung. Das soll nun alles in einen kleinen, schmalen Sarg?! Wie stümperhaft doch das Leben ist... Ich kann das graue Gesicht nicht länger ansehen und gehe in die Stube hinunter. Der alte Schropp sitzt am Ofen und streichelt mit den Händen die grünen Kacheln, als friere ihn. „Wie steht’s mit ihm? 4* Ich sehe in das alte Gesicht und schweige. „Schade, um so viel Jugend!“ / ♦ ♦ ♦ Spät am Nachmittag kommt Paul zu sich. „Was ist denn das? Warum liege ich hier? Wo sind die anderen?“ Er sieht mit fremden Augen um sich. „Ruhig, Paul! Du mußt ruhig sein, um gesund zu werden!" Er will aufspringen. Ich halte ihn ans Bett und rede wie auf ein kleines Kind auf ihn ein. „Ich bin doch gar nicht krank! In mir ist alles so federleicht! Laß mich, du tust mir weh!" „Doktor Klopfer sagte, du mußt schlafen!" „Klopfer?— War Klopfer hier?“ „Ja!“ In seine Augen kommt eine starre Leere. Ich habe das Gefühl, sie sehen durch mich, durch die Wände, weit fort, überall durch. „Fritz, ich glaube, mit mir geht’s zu Ende!" Ich weiß das selbst und doch erschüttert mich die brüchige Stimme. Nr. 20 Freitag, 24. Jänner 1936 Seite 3 fadetendcHfecfter Zeitspie&et Die Börsianerpartei in der Klemme Empörung Uber die Ernennung Dr. Wannenmachers Aus oppositionellen SdP-Kreisen gehen unS Berichte zu, welche volle Zustimmung zu unserer Kritik an der diktatorischen Beförderung Doktor Wannenmachers zum Chefredakteur der„Zeit" vekunden. Di« antikapitalistisch eingestellten Elemente'n den Reihen Henleins fühlen sich wie vor den Kopf geschlagen durch die überaus peinliche Tatsache, daß ein früherer Börsenredakteur des»Prager Tagblatt" in wenigen Monaten zum Publizistischen Wortführer der»Volksgemeinschaft" emporklettern konnte. Selbst die Schadenfreude darüber, daß der wenig beliebte Dr. Brand dadurch nach allen Regeln der Kunst ausgebootet wurde, vermag die konsternierende Wahrnehmung nicht zu versüßen, daß in l er Personalpolitik Henleins einfach das Unglaublichste zum alltäglichen Ereignis wird. Gegen Dr. Wannenmacher herrscht in den weitesten Parteikreisen daS denkbar schärfste Mißtrauen. Es ist von ihm bekannt, daß er seinerzeit für Mische Gelder nach Deutschland fuhr, um wirtschaft liches Material gegen das Dritte Reich zu sammeln, welches dann in den Artikeln des„Tagblatt" verwendet wurde. WaS aber besagten Bolksgemeinschaftler nicht hinderte, in der»Rundschau" wirtschaftspolitische Artikel zu schreiben, mit denen Hitler und Schacht durchaus zufrieden sein konnten. Außerdem ist uns bekannt, daß die ursprüngliche Haltung der„Zeit" in der italienisch-ickessi« nischen Frage bis in die nächste Umgebung Henleins große Erbitterung hervorrief. Die„freihändlerische" Stellungnahme deS Blattes gegen das südtiroler Schicksal wurde Dr. Wannenmacher zugeschrieben. Unter dem Druck der wachsenden Mißstimmung bequemte sich das Blatt dann dazu, über die Desertionen der Südtiroler zu berichten. Dem Vernehmen nach haben südmährische Parteikreise der SdP Erhebungen eingeleitet, die sich auf die besondere Einkauffreudigkeit Doftor Wannenmachers bei öffentlichen. Versteigerungen beziehen. Er ist ja als Schilderer der sudetendeut- schen Arbeitslosennot besonders zuständig, da er ein Gut in der Nähe von Jgla« besitzt. Handstreich der SdP auf die Lese- und Redehalle Mittwoch fand die Generalversammlung der Lese» und Redehalle der deutschen Studenten in Prag statt. Die Halle ist der seit 1848 bestehende, auf eine lange demokratische Tradition zurückblickende Verein, in dem sich ursprünglich die gesamte deutsche Studentenschaft Prags zu kultureller Arbeit zusammenfand, der aber später gespalten wurde und gegenüber der völkischen„Germania" und der freien Vereinigung sozialistischer Akademiker die Sammelorganisation, der liberalen Studenten wurde. Bei der Generalversammlung fanden sich mehr als 200 Teilnehmer ein, die sich aber, wie sich bald zeigte, zum größeren Teil aus Mitgliedern und Freunden der SdP rekrutierten, die offenbar nach einem bestimmten Plan der Halle beigetreten waren, um diese bisher demokratische Organisation in ihre Hand zu bekommen. Tatsächlich wurden vom alten Ausschuß nur zwei— rechtsstehende— Kandidaten gewählt, im übrigen aber ein A.u»s ch u ß, der sich a u S S d P- L e u t em ergänzt. Die Studenten hatten vielfach hektogra- phierte Zettel mitgebracht, auf denen, vorgeschrieben war, wer zu streichen und weffen Namen an die Stelle des Gestrichenen zu sehen sei. Die SdP siegte mit knapper Mehrheit. Damit ist die traditionelle Organisa- tionder liberalen Studenten vorläufig ein Werkzeug der SdP geworden. Der Ueberrumpelungserfolg ist um so bedeutsamer, als bei den Wahlen in die völkische Organisation, die an Stelle der aufgelösten Germania entstanden ist, die Henleinleute gegenüber den radikalen Korporationen unterlegen sind. Sie hwben dort gegen die nationalszoialistisch orientierten Studenten eine schwere Niederlage erlitten, die sie wohl durch die Eroberung der„Halle" ausmerzen wollen. Agrarier wollen Neudeker Textilunternehmen kaufen? Die Mährische Bank, die unter dem Einfluß der tschechischen Agrarier steht und die Interessen jener agrarischen Jndustriegruppe vertritt» die sich um den Landesausschußbeisitzer S t o u p a l gruppiert,, welcher einer der führenden Männer des rechten Flügels der Agrarier ist und große Zuckerintereffen in Mähren hat, versucht nun auch in der Textilindustrie Fuß zu fassen. Es haben, wie der„Prager Börsencourier" meldet, Besprechungen zwischen dem Präsidenten der Mährischen Bank Dr. Kyjovsky und dem Generaldirektor Gustav Haas der Neudeker Wollkämmerei- und Kammgarnspinnerei A.-G. in Neudek stattgefunden, welche die Erwerbung der Majorität der Aktien deS letztgenannten Unternehmens bezwek- ken. Man muß abwarten, ob sich diese Nachricht bestätigt, dip, wenn sie den Tatsachen entspräche, von großer Bedeutung für das Neudeker Gebiet wäre. Die Hauptverhandlung gegen die Mitglieder der Deutschen Landjugend» die für den 24, Jänner beim Kreisgericht L e i t m e r i tz festgesetzt war, wurde über Senatsbeschluß zum 3. Feber vertagt. Die vom Verteidiger der beiden Angeklagten Summer und Köstler beim Obergericht in Prag erhobenen Einsprüche wurden abgelehnt. Die Anklage ist dadurch rechts- kr ä f t i g geworden. Ein Hakenkreuz-Hiffer verrät sich seltst. In einem Gasthaus in Drahowitzbei Karlsbao erzählte der Dachdecker Fritz Schneider, er habe im Jcchre 1933 auf dem Schornstein des Karlsbader Fernheizwerkes eine Hakenkreuzfahnc gehißt. Der Vorfall erregte seinerzeit großes Aufsehen. Di« Fahne konnte erst nach Ueberwin- dung großer Schwierigkeiten geborgen werden. Be: der Einvernahme durch die Polizei gab der Dach decker seine Tat neuerlich zu. Er wurde sofort verhaftet und dem Bezirksgericht Karlsbad über- 'tcHt. Irrtümlich verhaftet. Wie das„Pr. Tagbl." meldet, ist der wegen Vergehens gegen das Schutzgesetz inTroppau verhaftete HansMüller nicht identisch mit jenem Hans Müller, der des Mordes an dem Emigranten Jng. F o r m i s verdächtig ist.' ES handelt sich lediglich um«ine Namensgleichheit und um den Zufall, daß beide Müller in Brieg in Schlesien geboren sind. DaS Verfahren gegen Dr. Keibl. Zur Berhaf« tnng deS früheren Abg. Dr. Keibl und deS Tet» chener Rechtsanwaltes Dr. Büngener erfahren wir. daß die Verhaftung der jetzt in Leitmeritz in Untersuchungshaft beftndlichen Beschuldigten unter dem Verdachte der Teilnahme am Verbrechen nach dem Schutzgesetz 88 2/2 und 0/2 erfolgte und daß im gleichen Verfahren die weiteren Erhebungen noch im Zug« sind, so daß auch die vielfach verbreitete Nachricht einer schon bevorstehenden Haftentlassung als sehr verfrüht bezeichnet wird. Autounglück in Kradrob fordert ein Menschenleben. DaS Lastauto- des- Herrn Franz Jngrifch, Brüx, das Mittwoch, den 22. Jänner, um 8 Uhr abends in rasendem Tempo in den Ort einfuhr und bis an den Straßengraben kam, erfaßte die dort mit Aufräumungsarbeiten beschäftigte Frau T. D i t t r i ch und schleuderte sie derart zu Boden, daß sie auf der Stelle getötet wurde. Auch das Auw wurde in-den Straßengraben geworfen und swrk beschädigt. Bon den drei Personen, welche im Auw fuhren, erlitt eine eine leichte Kopfverletzung, di« beiden anderen kamen unverletzt davon. Ein schweres Unglück ereignete sich im Bezirksschotterwerk H e n g st e r« r b e n. Bei den vorgenommenen Sprengarbeiten ging ein Schuß vorzeitig Ws, so daß die Arbeiter Ernst Harzer aus Jungenhengst, Wilhelm Hahn aus Halbmeil und I. Filz aus Halbmeil schwere Augenverletzungen davontrugen. Dem Arbeiter Wilhelm Hahn wurde auch die linke Hand zerschmettert. Furchtbarer Unfall in Eltogen. In Elbogen ereignete sich an der Kreuzung der Karlsbader Straße und der Elbogener Bahnhofstraße ein furchtbarer Unfall, der den Tod eines zehnjährigen Kindes zur Folge hatte. Der in Grünlas bei seinen Eltern wohnende Schüler Franz Eibenberger bat einen ihm bekannten Kutscher, der ein mit Eistafeln beladenes Schwerfuhrwerk lenkte, ihn mitfahren zu lassen, und nahm, während der Wagenlenker neben dem Gefährt einherging, auf dem Kutschbock Pwtz. Bei dem starken Gefälle der Karlsbader Straße riß ein« der Halteketten, mit denen das Eis befestigt war, und die schweren Eisschollen kamen nach vorn ins Rutschen. Sie rissen den Knaben vom Kutschbock und schleuderten ihn vom Wagen, und da die beiden Pferde, die gleichfalls von den stürzenden Eisstücken getroffen wurden, scheu wurden und durchgingen, ging der schwere Wagen über daS unglückliche Kind hinweg, de« schwerverletzt inS Krankenhau» gebracht wurde, wo eS jedoch kurze Zeit nach seiner Einlieferung trotz der sofort an ihm vorgenommenen Operatwn verschied. - Eger bekommt ei« neues Gtzmnastalgetäude. Die völlig unzulänglichen Raumverhälwiffe des Egerer Gymnasium» ließen nunmehr den Plan der Erbauung eine- neuen, allen modernen Anforderungen entsprechenden Gyuurastalgebäude» in ein entscheidendes Stadium treten.^Jn diesen Tagen wird bereit- im Beisein eine- Vertreters de» Unterrichtsministeriums die Kommissionierung de» von der Stadtgemeinde Eger zur Verfügung gestellten Bauplatze» am Gregorienplatz in Eger erfolgen. Die Baustelle ist sehr günstig in det Nähe de» Bahnhofes gelegen und so geräumig, daß auch genügend Platz für einen au»gedehnten Schulgarten vorhanden'ft. Wenn alles glatt verläuft, dann kann das neue Egerer Gymnasium im Schuljahre 1937/38 bereu» in Gebrauch genommen werden. Vermißte Menschen. AuS GraSlitz wird unS berichtet: Vor einigen Tagen hat sich der in Mark- Ha u s e n bei GraSlitz wohnhafte geisteskranke Franz Müller auS seiner Behausung entfernt, ohne bisher wieder zurückgekehrt zu sein, weshalb die Vermißtenanzeige erstattet wurde.— Seit Wochenfrist ist der zuletzt in Oberlohmr bei Franzensbad wohnhaft gewesene Kriegsinvalrd« Andreas Lucka, ein Kellner, abgängig. Lucka rst 48 Jahre alt, groß, von starker Statur und hat ein-n steifen linken Arm; am linken Bein trägt er eine Prothese. Zuletzt wurde er in Eger im Cafe„Wallenstein" gesehen. Der Vermißte ist verheiratet und Vater dreier Kinder.— Gleichfalls seit einer Woche abgängig ist der 31jährige verheiratete Schwsser Franzbranntwein zu Massagen und Einreibungen des Körpers Adolf Schmiedkunz aus Zieditz bei Falkenau, der wiederholt Selbstmordabsichten geäußert hat, so daß es nicht ausgeschlossen erscheint, daß der Mann Hand an sich selbst gelegt hat. Jagdrevier ahne Jagd. In den Bezirken Schildberg und Hohenstadt find für dre einzelnen Jagdreviere keine Pächter zu finden. Zu den Jagdverpachtungen kommt in der Regel n s«r Ausrufer mit dem Schreiber. Die Ursache ist oarin zu suchen, daß das Wild dieser Jagdreviere fast völlig ausgerottet wurde. Die Jagdergeb- niffe seien deshalb immer beschämend gering. Auch der Negus meldet Siege Addis Abeba.(Reuter.) Ei« offizielle» Kommunique« besagt: Die große Schlacht an der Nordfront in der Provinz.Tigrq, die am 20. Jänner einsetzte» ist in vollem Gange. Di« abessinischen Truppen haben die Angriffe der Italiener zurückgcschlagrn und sind selbst zum Angriff übergegange«, wobei sie wichtige Positionen besetzten und viel Kriegsmaterial,«. a. auch zahlreiche Geschütze, erbeuteten. Einige tausend italienische Soldaten sind im Kampfe gefallen. Die abessinischen Verluste sind noch nicht bekannt. Major Dagnevadajo schoß mit dem Gewehr ei« italienisches dreimotorigrs Flugzeug ab. Die Kämpfe sind sehr zäh, oft kommt es zu Bajo- nettangriffen und zum Kampf Mann gegen Mann. Diese Kämpfe werden nordwestlich von Makale geführt., Nach abessinischen Berichten von der Südfront begann Ras Nassibu eine Offensive gegen die italienischen Linien im Süden, die sich in einer Lange von ungefähr 700 Kilometer hinziehen. Die Offensive verfolge das Ziel, General G r a z i a n i zu zwingen, seine Aktionen gegen RasxAesta aufzugeben. Danzig rebelliert gegen Genf Gens.(Tsch. P. B.) Der Präsident deS Danziger Senates Greiser sandte dem Hohen Kommissav für Danzig, Lester, die Antwort aus den Jahresbericht» den Lester dem Bölkerbundrat übergeben hat. I« seiner Antwort behauptet Greiser» daß die Politik deS Danziger Senates im Einklang mit der unabhängigen Jurisdiktion des Obersten Gerichtes stehe und da» niemand dir vom Völkerbund garantierte Konstitution angetastet habe. Die Freiheit der Presse ist nach der Behauptung des Präsidenten deS Danziger Senates Greiser in Danzig eine absolute, müsse aber in den gesetzlichen Grenzen gehalten werden. Greiser erwähnte auch den reichsdeutschen Staatsangehörigen Forster, der in Danzig nur al»„Gauleiter" tätig sei, das ist als Gauführer der nationalsozialistischen Partei; infolgtdessen müsse seine Tätigkeit nur vom Standpunkte der politischen Partei beurteilt werden. Die Mitglieder des Bölkerbundrats, denen das Dokument übergeben worden war, verhehlten nicht ihre Mißbilligung über die Ausführungen deS Präsidenten des Danziger Senates. Illesale Sozialisten verurteilt Wien.(Tsch. P.-B.) Nach zweitägiger Verhandlung wurden vor dem Wiener Schwurgericht 13 revolutionäre Sozialisten wegen Verbreitung von hochverräterischen Druckschriften verirrten-. Die ersten zwei Angeklagten, Anna Mick und Friedrich Brunmich, wurden zu je 16 Monaten, dieübrigen 13 Angeklagten zu je einem Jahr strengen Arrest verurteilt. Sieben weitere Angeklagte wurden freigesprocken, doch werden sie der Polizei I überstellt werden. Vie Gewerkschaften bei Minister Netas Am Dienstag, den 21. Jänner, fanden sich die Vertreter der gemeinsamen Landcszcntrale des OS§. beim Minister für soziale Fürsorge Jng. N e c a s ein, um die Forderungen, die die Gewerkschaftszentrale mit Rücksicht aus das neuerliche Ansteigen der Arbeitslosigkeit als am dringendsten erachtet, vorzubringen. In der Aussprache wurde auf die notwendige Beschleunigung und Erweiterung deröffentlichenArbei- t e n, namentlich auf die' ringende Aenderung der Vergabeordnung hingewiesen; auch die Exportförderungen wurden bewnt. Die Vertreter der Zentrale forderten auch eine ordentliche Vertretung der Arbeitnehmer in den in den einzelnen Branchen geschaffenen Shndikä- t e n, damit deren Produktion und Preispolitik vom Gesichtspunkte der gemeinnützigen wirtschaftlichen Interessen gelöst wird. Ferner behandelten die Vertreter der Zentrale ausführlich die Frage der Arbeitszeit und der A r b e i t s v e r- m i t t l u n g. Sie brachten dann konkrete Belege über die ungenügende Arbeitslosenfürsorge vor und machten daraus aufmerksam, daß einige Bezirke und ebenso auch Mitglieder der Gewerkschaftsorganisationen, soweit sie ungenügende Unterstützungen beziehen, zu Unrecht aus der Nothilfe ausgeschlossen werden. Die Delegation der Gewerkschaftszentrale betonte noch ausdrücklich, daß sie als Hauptaufgabe der Regierung die Schaffun gvonArbeits- gelegen Heiken für Arbeitslose ansieht, welcher sie immer den Vorzug vor den Unterstützungen geben wird. An der Delegation beteiligten sich die Vertreter der gemeinsamen Landeszentrale Macoun, Roscher, Tayerle, MmeLek, Smejkal, Zacharda und Kadlec, Dividendensteuer angenommen Prag. Das Parlament verabschiedete am Donnerstag die Dividendensteuer und eine Vorlage über die Weidebenützung in der Slowakei und vertagte sich dann wieder auf zwei bis drei Wochen, ohne das Datum der nächsten Sitzung genau zu präzisieren. In der Zwischenzeit wird voraussichtlich das Subkomitee des Budgetaus- .schuffes die eben vorgelegte Novelle zum Gesetz über die direkten Steuern durcharbeften. Aus dem Referat des Abg.' Dr. N o v a k über die Dividendensteuer ging hervor, daß die Steuer etwa 25 bis 30 Millionen eintragcn dürfte. Daß die Dividenden bisher unbesteuert blieben, erklärt der Referent damit, daß man die Sparer veranlassen'wollte, ihre Reserven nicht nur guf Einlagehücheln, sondern auch in der Pro- duktiön selbst anzülegen und damit' zü ihrer Belebung beizutragen. Diese Hoffnungen hätten sich nicht erfüllt. Damit entfällt auch der Grund, gerade das Einkommen aus Aktien anders zu behandeln. In der Debatte entwickelte K l i m e n t (Komm.) unter neuen Angriffen auf die sozia- listischen Regierungsparteien ein Hilfsprogramm für die Arbeitslosen„auf Kosten der Reichen", das rein auf die Agitation berechnet ist, weil heute eben die zur Verwirklichung eines einigermaßen radikalen Programms nöttgen 151 Sttmmen nicht aufzubringen sind. Das wissen die Kommunisten selbst nur zu gut. Trotzdem treiben sie ihr unwürdiges Spiel mit den Arbeitslosen weiter, nur noch übertroffen von der SdP. Die kommunistischen Abänderungsanträge wurden denn auch cbgelehnt. In der weiteren Debatte lehnte Birke(SdP) namens seiner Partei„jede Verantwortung für die Folgen ab, die aus der Teilnahmslosigkeit gegenüber dieser Not(im sudetendeutschen Gebiet) entstehen könnten". Die Herren müßten erst einmal unter Beweis stellen, daß sie bisher auch nur einen Funken Verantwortungsgefühl für den sudetendeutschen Menschen wirklich aufgebracht haben! Im übrigen immunisierte Birke' das Referat der „Zeit" über die gestrige Notstandslundgebung der SdP, das vom Zensor ziemlich unsanft behandelt worden war. Zweite Lesungen und zwei Jmmu- nitäten bildeten den Rest der Sitzung. Einkommensteuer bei Landwirten Heuer keine Pauschalierung Laut Pressemeldungen und Mitteilungen von zuständigen Stellen müssen die Landwirte ebenso wie die anderen Steuerträger bis spätestens 31. Jänner d. I. ein schriftliches Einbr» kenntnis über daS Einkommen im Jahre 1935 mit den amtlichen Formularen einbringen. Die in den früheren Jahren zwischen den LandeSkul- turräten und den FinanzlandeSdirektioncn vereinbarte Pauschalierung der Einkommensteuer entfällt heuer. Jeder steuerpflichtige Kleinlandwirt wird aufmerksam gemacht, daS Bekenntnis einzubringen, daansonstendieSteuervonder Behörde nach deren Auffassung bemessen wird. Die BezirkSverbandSlei- tungen des Zrntralverbande» der deutschen Kleinbauern und Häusler werden den Gtenervflich- tigen in jeder Hinsicht an di« Hand gehen, besonders bei der Ausfüllung der BekenntniSformu- lare.. Zentralverband der deutschen Kleinbauern und Häusler. Seife 4 Freitag, 24. Jänner 1936 Nr. 20 A-esimligLelkn Schuld und Sühne Im Dritten Reich, wo derlei besonders gro- tesk wirkt, findet ein Mordprozeß statt, dem ein grauenhafter Tatbestand zugrundeliegt. Grotesk daran ist der Umstand, daß in einem Lande, wo von rechts, und gesetzeswegen— man denke an den 30. Juni 1934— aber auch im Verord- nungswege, durch geduldeten, öffentlich geförderten und bekannten Terror soviele Morde geschehen, Plötzlich von gewissen Morden Aufhebens gemacht wird. Es steht ein Mann vor Gericht, der allen schwerwiegenden Indizien zufolge, zwölf Knaben mißbraucht und dann ermordet hat. Zweifelsohne eine grauenhafte Tat, die an die gräßlichsten Kriminalfälle der letzten Jahrzehnte, an den Fall Haarmann und ähnliche Kapitel menschlicher Bestialität erinnert. Aber erschütternder als der Tatbestand ist vielleicht die Erwägung, daß der Mörder nur durch einen kleinen Irrtum auf der Anklage- statt auf der Ministerbank des Dritten Reiches sitzt. Leute seines Schlages, die Heines und Göring werden doch sonst Minister- oder mindestens Polizeipräsidenten. Der Mann ist ein Verbrecher aus krankhafter Veranlagung, ein S a d i st. Aber der preußische Ministerpräsident ist ohne Zweifel auch ein Sadist, nur findet sein Trieb eine legale Entspannung, ein Venttl in Justtzmorden, Terroratten, wüsten Schimpforgien und Drohungen, Gestapo-Akttonen und ähnlichen, nicht nur erlaubten, sondern rühmenswerten Taten. Wofür der eine also erhöht, dafür wird der andere geköpft. Eine merkwürdige Rechtsordnung. Aber liegt der Keim zur Verkehrung von Recht und Unrecht, zur Umwertung der sittlichen Werte nicht schon in den lückenhaften, ost widersinnigen Strafgesetzen der liberalen Epoche, die man nicht rechtzeitig reformiert hat?! Da wurde vor ein paar Tagen in Oesterreich ein Bauer verurteill, weil er a u f vier Kinder aus nächsterNähe ausseiner Schrotflinte geschos- s e n hatte. Die Kinder wurden sämllich, zum Teil auch schwer verletzt. Obwohl sie ihn gebeten hatten, nicht zu schießen, obwohl sie ihn baten, das Feuer einzustellen, als zwei der Kinder schon getroffen waren, hat der Unmensch seinen Mord kaltblütig fortgesetzt. Das wüste Vieh hat seine Schandtat vollbracht, weil die Kinder e i n paarTrauben aus seinem Weinberg st a tz- len. Der Mann wurde zu einer lächerlichen Strafe von ein paar Monaten, und dies bedingt (!), verurteilt! Nicht auf Grund eines Willküraktes, sondern nach dem Buchstaben eines Gesetzes, das von lebensfremden Juristen, von Paragraphenreftern und Tintenklecksern erson- nen wurde, die sich bei ihrer papierenen Arbeft nicht vorstellen können, wie ein Verbrechen in Wahrhett aussieht. Ist es nicht ein Widersinn, daß ein Verbrecher, der blindlings in eine Menschenmenge schießt, nach dem Gesetz weniger sttafbar ist, als einer der— ost mit subjektiv gutem Grunde— irgend einen Feind niederschlägt l Ist es nicht eine Juristenschrulle, daß ein Mensch, der viel- leicht seinen Peiniger niederschießt, ein schwereres Verbrechen begeht als der Lümmel, der kürzlich im Salzburgischen nach einem Schnellzug feuerte und den Koch im Speisewagen ins Herz traf?! DaS„natürliche Rechtsgefühl desBolkes" wird für den Kindermörder von Klosterneuburg, der wegen ein paar Trauben -fünfjährige Knaben in den Bauch schießt, den Galgen verlangen. Der Mann ist mindestens so gemeingefährlich wie der Knabenmörder von Rostock, aber er ist moralisch weniger entschuldbar als dieser, denn er handelt nicht im Trancezustand, sondern aus Besitzgier. In allen Strafgesetzen finden sich solche widersinnige Normen ohne Zahl. Sie verwirren das Denken des Volkes, sie bahnen der faschisttschen Rechtsverdrehung und Rechtsschändung den Weg. Enthüllung einer Dr. Leo. Winter-Büste im Fürsorgeministerinm. Das Sozialinstitut der Tschechoslowakischen Republik übergab Donnerstag abends die im Vortragssaal des Ministeriums für soziale Fürsorge aufgestellte Büste seines Gründers und langjährigen Vorsitzenden Dr. Leo Winter in die Obhut des Ministers Jng Neöas. Dieser Pietätsakt fand anläßlich des auf den 26. Jänner d. I. fallenden 60. Geburtstages Dr. Winters statt. Der gegenwärtige Vorsitzende deS Institutes Profesior Dr. Schoenbaum würdigte in der Eröffnungsansprache das LebenSwerk Winters als Mitbegründers der tschechoslowakischen Sozialpolitik und kündigte an, daß das Sozialinstitut daS Andenken Winters durch die Herausgabe eines besonderen Sammelwerkes ehren werde. Diese Büste, die ein Werk des akademischen Bildhauers I. Hruska ist, möge auch künf- tige Generationen an sein Werk erinnern. Schwerer Unslücksfall in Tabor Drei deutsche Soldaten aus dem Böhmerwald von einem Lastauto getötet Tabor. Donnerstag kurz vor sechs Uhr abends ereignete sich in Tabor ein schweres Automobilunglück. In der Prager Borstadt fuhr ein Lastautomobil in eine freigehende Gruppe von Soldaten der 5. Rotte des 2. Bataillons des Jnf.» Reg. Nr. 48 hinein, wobei drei derselben getötet und drei weitere verwundet wurden. Bon den verwundeten Soldaten ist einer mtt schweren Verletzungen in das Taborer Bezirkskrankenhaus überführt worden. Der Chauffeur des Lastautomobils JaroSlaus Klouda wurde verhaftet. Eine amtliche Kommission untersucht die Einzelheiten des ganzen Vorfalles. Alle drei getöteten Soldaten stammen aus dem polittschen Bezirk K a plitz, sind deutscher Nationalität und gingen z« einem Abendkurs für-tschechische Sprache. Das Auto fuhr in die Gruppe der Soldaten hinein» trotzdem sie durchaus die richtige Straßenseite benützten, so daß es sich, wie bisher festgestellt wurde, um ein grobes Verschulden des Wagenlenkers handelt. In Tabor hat dieses Unglück starke Erregung hervorgerufen und noch in den Abendstunden zogen große Mengen der Bevölkerung zur Unfallstelle. Sämtliche Kino- und Theatervorstellungen sowie alle Tanzunterhaltungen wurden in der Stadt abgesagt. Zu dem Automovilunglück bei Theresienstadt wird weiter mitgeteilt: Samuel Wimwood, der Diener des amerikanischen Geschäftsmannes Goodmann, dessen Auto ins Schleudern geriet, ist sehr schwer verletzt. Es wurden ihm einige Rippen gebrochen, ferner erlitt er einen komplizierten Armbruch und eine ernste Lungenverletzung. Goodman selbst erlitt einen Armbruch. Sein Enkel Jrwing zog sich eine Beckenquetschung zu. Alle drei sind im Theresienstädter Krankenhaus in Behandlung. Die Leiche des Chauffeurs Hood wurde in die Leichenkammer überführt. Schülerselbstmord. Auf dem Hofe des Gutsbesitzers Runt in Rudig brachte sich der 18jährige Schüler der 4. Bürgerschulkkstsse in Podersam, Josef Hribal aus Rokycany, einen Schuß in die. rechte Schläfe bei. Hiibal wohnte auf dem Gute seines Onkels, von wo er jeden Tag in die Bürgerschule nach Podersam fuhr. Er wurde schwer verletzt in das Dezirkskrankenhaus in Podersam eingeliefert, erlangte aber das Bewußtsein nicht wieder. Bisher konnte nicht festgestellt werden, woher er sich die Schußwaffe beschaffte und welches die Beweggründe seines Selbstmordes sind. Ein ganzes Benzin-Lager gestohlen. In der Nacht auf Mittwoch fuhren unbekannte Männer mit einem Lastauto vor dem Warenlager der Vacuum Oil Company jn V. PtitoLnä bei Klaonc vor. Sie luden acht Fässer Benzin und drei Fässer mit Petroleum, zusammen Waren im Werte von einigen tausend Kronen, auf und verließen dann unbeachtet den Ort. Erst früh erfuhren di» in der Nähe wohnenden Menschen, daß geradezu vor ihren Augen ein ungewöhnlich frecher Diebstahl verübt worden war. KindeSmord. Zur Gendarmeriestatton in Melnik kam Donnerstag vormittags die 30jähr!ge F. Sustopä mit der Leiche ihres kaum zwei Jahre alten Kindes und erzählte» daß sie wegen Streitigkeiten in der Familie das Kind erdrosselt hätte. In der Haft versuchte sie sich die Pulsadern zu durchschneiden und sprang dann, als sie daran verhindert worden war, in einem unbewachten Augenblick aus dem Fenster. Sie blieb unverletzt. Die Untersuchung hat noch nicht ergeben, ob die Frau ihre Tat mit Ueberlegung oder in einem Anfall von Sinnesstörung begangen hat. Opfer der Trunksucht. Jn der Gemeinde Svalava traten bei drei Waldarbeitern nach dem Genuß von denaturiertem Spiritus schwere Vergiftungserscheinungen auf. Während zwei Arbeiter durch ärztliche Hilfe gerettet werden konnten, starb der dritte namens Ivan Jasinöuk, Vater von fünf unversorgten Kindern, bei seiner Einlieferung ins Krankenhaus von Mukaöevo. Uebersällige Flugzeuge. Das seit Montag vermißte Wasserflugzeug der Linie Marseille— Tunis, das nahe der Insel Korsika zur Notlandung gezwungen war, wird nun endgültig als verloren angesehen.— Unweit Le Bourget ist neuerlich ein Flugzeug abgestürzt. Der Pilot kam ums Leben. der Chauffeur blieben unverletzt. Die beiden Wagen wurden nahezu vollständig zertrümmert. Gegen Berger, der den Zusammenstoß verschuldete, wurde die Anzeige erstattet.. Im Auftrage des Kreisgerichtes Leitmeritz ließ das Kreisgericht in Wiener-Neustadt den 42 Jahre alten- ehemaligen. Kinobesitzer aus Teplitz« Schönau Ernst Watzke, der sich in.Baden aufhielt, verhaften. Watzke wurde dem Bezirksgericht Baden überstellt. Hochwasser st» Karpathenruüland. Durch den > plötzlichen Temperaturanstieg sowie durch die letzten Regenfälle, insbesondere durch den gestrigen starken Regen, der die ganze Nächt über anhielt, ist der | Wasserspiegel des UZ-Flusses mit semen Nebenflüssen stark über has Normale gestiegen, so daß die Straßenverbindung zwischen Pereckn und dem UZoker Paß unterbrochen wurde. Die Sttaße steht einen . halben Meter unter Wasser. Die Eisenbahnstrecke zwischen den Stationen Kostkina und Zornava ragt nur 20 Zentimeter aus dem Wasser hervor. Die Zuflüsse des Uj führen gleichfalls starkes Hochwasser. Der Fluß Ljutüänka hat die Straße überschwennnt und führt große Mengen von Brenn- und Nutzholz mit sich, das sich bei den Sttaßen- und Eisenbahn- . brücken anstaut. In Uzhorod steht der Fluß UZ 180 ! Zentimeter über dem Normal«. Die übrigen karpathenrussischen Flüsse haben kein nennenswertes An- j steigen über den Normalstand zu verzeichnen. Unbekanntes Gift. Jn der Gemeinde Bhöna Sitnice bei Strppkov weilte der 22jährige Soldat Josef Turkin vom Jnf.-Reg. Nr. 16 bei seiner Mutter auf Urlaub. Zu Hause ttank er Wasser und starb zwei Stunden nachher. Durch di« Obduktion wurde eine Vergiftung infolge Einnahme eines unbekannten Giftes festgestellt. Aus diesem Grunde wurden die inneren Organe des Toten nach Prag zpr ärztlichen Untersuchung eingesandt, Kiplings Asch»- im britischen Pantheon.- Die Urne mit der Asche deS Dichters und Schriftsteller- Kipling wurde in der Westminster-Abtei neben den Gräbern der übrigen berühmten englischen Dichter aufgestellt. Die Trauerfeierlichkeiten waren sehr einfach. Bildhauer bei der Arbeit verunglückt. Der bekannte polnische Bildhauer Professor Wittik hat während der Arbeit an der Modellierung eines für daS Ackerbäuministerium- bestimmten Denkmals einen Unfall erlitten. Professor Wittik stürzte nämlich von dem fünf Meter hohen Gerüst ab und erlitt außer ernsten inneren Verletzungen einen Beinbruch. Er wurde ins Spital überführt. Opfer deS Alkohols. Wie aus Linz gemeldet wird, ttaten die landwirtschaftlichen Arbeiter Fran- Wolf und Johann Hirschvogel Mittwoch nachmittags in angeheitertem Zustande aus einem Gasthause den Heimweg an. Infolge dichten Nebels konnten die beiden Männer den über den Atterbach führenden Steg nicht finden und stürzten in de» Bach. Während Wolf ertrank, konnte sich Hirschvogel retten. Er Dr. Edvard BeneS: Rede an die Deutschen in der CSR 48 Seiten— Ke 2.— Zu beziehen durch die Zentralstelle für das Bildungswesen, Prag XII., Slezskä 13. blieb jedoch vollkommen erschöpft am Ufer liegen, wo er am nächsten Morgen mit schweren Erfrierungen bewußrlos aufgefunden wurde. Die Witwe nach dem Betrüger Stawiski, die bekanntlich in der vorigen Woche vom Schwurgericht von der Mitschuld an den Unternehmungen ihres Diannes freigesprochen wurde, ist unter ihrem Mädchennamen Simon heimlich nach den Vereinigten Staaten von Amerika abgereist, wo sie einen Mctzesalcn einrichten will. Vor der Ehe war sie Mannequin in Pariser Modesalons. Einige Blätter melden, daß ihr die amerikanischen Variete- Unternehmungen ein hohes Honorar anbieten, damit sie dort als„Witwe nach Stawiski" austrete. Schätze aus dem Müllkasten. Was Abfälle einbringen, zeigt das Beispiel der Prager Müllver- brenmingsstation. Gemäß einem Ausschresben. der Stadt Prag wurde einer Prager Firma die»Auslese" und die Abnahme der ausrangierten Gegenstände aus den Abfällen in der Verbrennungsstation in VysoLany vergeben, wofür die Firma im ersten Fahre ein Pauschale von 68.000, im Meilen 73.000, im dritten 78.000, im vierten 83.000 und im fünften Jahre 88.000 KL zu zahlen hat. Damit aber noch nicht genug. Die Firma hat sich verpflichtet, dieses Angebot zu erhöhen, wenn es ihr gelingt, das ausrangierte Eisen vollständig zu reinigen, so daß in diesem Falle statt der angebotenen 60 Heller je 100 Kilogramm bis 8 KL je 100 Kilogramm erzielt werden könnten; weiter auch dann, wenn es ermöglicht wird, die Lmnpen in der Verbrennungsstation derart zu reinigen, daß man sie verkaufen kann; in diesem Falle würden statt 2.80 je 100 Kilo bis zu 7 Kö dafür gezahlt werden. Die Druckstörung, welche in der Nacht auf Donnerstag, namentlich im Karpathengebiet länger dauernde und sehr ergiebige Niederschläge gebracht hat, ist nunmehr nach Polen abgezogen. Hinter ihr ist von Nordtvesten her mit großer Geschwindigkeit eine Abkühlung vorgedrungen, die bereits einen großen Teil der Balkanhalbinsel ergriffen hat. Nach einer vorübergehenden Beruhigung dürfte aus der Umgebung der pyrenäischen Halbinsel erneut warme Luft gegen daS Binnenland Vordringen. — WahrscheinlicheSWettervonhe ute: Im Südwestteil deS Staates strichweise Aufklärung, auch in den tteferen Lagen Nachtfrost. Jn den ubkissest Gegenden'tiSch'MGestRrdig^inäMkitlich auf den Bergen stärkere Bewölkung und Schneeschauer. Im allgemeinen kühler.— Wetteraussichten für SamStag> Bon Südwesten her erneut allmähliche Erwärmung. Vom Rundfunk SmptaMenswertei aus dun Proaramasuai SamStag: Prag, Sender L: 10.05: Deutsche Presse, 41: Schallplatte», 12.10: Operettenmusik, 13.40: Polkas. 17.25: Leichte Musik, 17.55: Deutsche Syr- dung: Sturm Lberm Acker, HanS Kudlich-Hörspiel, 22.15: Gesangsvereinigung mährischer Lehrer. 23.30: Salonorchesterkonzert. Sender S: 7~.80: Unterhaltungsmusik, 14.10: Deutsche Sendung: Lieder von Goethe, 14.50: Deutsche Presse, 18: Kammermusik.— Brünn 16.05: Rundfunkorchesterkonzert, 16.50: Für di« Jugend, 17.40: Deutsche Sendung: Flick und Flock, die bösen Buben, Kinderrevue.— Mährisch-Ostrau 15: Orchesterkonzert.— Kältewelle in den Bereinigten Staaten. Ueber dem ganzen Gebiet von Zenttal-Montana bis Illinois, von der kanadischen Grenze bis zu dem nördlichen Teil des Staates Missouri, herrschte Mittwoch eine Kälte, wie sie in diesen Gegenden seit vielen Jahren nicht mehr vorgekommen ist. Zahlreiche Orte melden Temperaturen von—29 Grad Celsius bis—48 Grad Celsius. Jn Minnesota ist der Verkehr fast, vollkommen lahmgelegt. Bereits zwölf Personen sind erfroren. Die Aerzte haben alle Hände voll zu tun, um die Ungezählten zu behandeln, denen Hände und Füße erfroren sind. Jn St. Clairs- ville(Ohio) waren Schulautobusse von den Schneestürmcn völlig eingeschneit worden. Jn den Autobussen befanden sich über 100 Schullinder. Berittene Polizeibeamte haben die Wagen aus dem Schnee herausgeschaufelt. Gefährliche Diebsbeute. Aus den Versuchsanlagen der Budapester landwirffchastlichen Fachschule wurden 30 mit Cholerabazillen geimpfte Hühner gestohlen. Die Polizei hat umfangreiche Recherchen zur Feststellung der Täter und der gefährlichen Beute eingeleitet. Brünner Auto bet Mistelbach verunglückt. Don nerStag vormittag fuhr der Fleischhauer Andrea Berger mit seinem Lastauto auf der Brünn« Sttaße zwischen Schrick und Obersdorf in ein ihm entgegenkommendes tschechoslowakisches Auto der mährischen Landesvertretung. Der in dem tschechoslowakischen Auto befindliche Regierungsrat Dr. Adolf Kadlec auS Brün« erlüt bei dem Zusammenstoß schwere Verletzungen und wurde in das Krankenhaus von Mistelbach gebracht. Seine Frau und v.e letzte Ruhestätte Georgs V. Am Dienstag erfolgt die feierliche Beisetzung des englischen Königs Georg V., der in der S ch l o ß k a p e l l e v ö n Windsor neben den Gräbern seiner Ellern die letzte Ruhe finden wird. Unser Bild gibt einen Ueberbllck über die St.-Georgs-Kapelle von Windsor. Nr. 20 Freitaft, 24. Jänner 1936 Seite 5 0 Ein Kind für fünf Francs verlaust. Neben den Fällen grausamer Behandlung von Kindern, welche die französische Oeffentlichkeit um so mehr erregen, als sie sich immer wieder ereignen, find in der letzten Zeit auch Fälle zu verzeichnen, wo Kinder regelrecht verlaust worden sind. Erst vor wenigen Tagen hat die Polizei in Lille wieder einen solchen Fall festgestellt. Es handelt sich um die professionelle Bettlerin Marie Folran, die Mutter von vier Kindern ist. Drei von ihnen sind ihr bereits fortgenommen und in öffentliche Fürsorge gegeben worden. Das vierte, ein Mädchen im Alter von wenigen Monaten, hatte man der Mutter gelassen, die es nährte. Die Polizei erfuhr nun vor einigen Tagen, daß sich der Säugling im Wohnwagen von Jahrmarkt-Artisten befand. Ms man das Kind dort abholen wollte, wurde der Polizei ein Adoptionsschein vorgewiesen, wonach die Mutter bestätigte, ihr Kind den Artisten an Eltern Statt übergeben zu haben. Sie hatte dafür ganze fünf Francs erhalten. Da es sich offensichtlich um Verkauf handelte, verhaftete die Polizei die„Adoptiveltern". Die entmenschte Mutter konnte noch nicht aufgefunden werden. Kurzberichte in drei Zeilen find heute in der Presse der ganzen Welt üblich, bei den Londoner Zeitungen und dem immer eiligen City-Publikum aber ganz besonders beliebt. Es war auch ein englischer Journalist, der die Kurzmeldungen»erfunden." hatte, Felix Feneon. Aber ir wäre vermutlich mit einer Kurzmeldung nicht einverstanden gewesen, die man vor einigen Tagen in einem großen Blatte lesen konnte, und in der es über die Wahlen in Porw-Rico, ebenso kurz, erschöpfend und bündig hieß:»Das Wahlergebnis ist gestern verkündet worden. Es gab acht Tote und vierzig Verletzte." Frauen machen Heiratsanträge. Das Jahr 1936 ist ein Schaltjahr. Run bestand in den Gründerjahren Amerikas die Sitte, daß in solchen Jahren junge Mädchen Heiratsanträge an Männer machen durften. Dieser Brauch, der mit den damals bestehenden Auffassungen in eklatantem Widerspruch stand, ist eineS der ersten Anzeichen der Eman» zipation der Frauen in den Staaten gewesen. Seit damals hat fich vieles verändett, und es ist heute nicht- mehr ungewöhnliches, daß der Heiratsanttag von der Frau ausgeht. Um aber an den alten Brauch zu erinnern, haben jetzt einige Staaten der« fügt, daß im Jahre 1936 junge Paare gebührenloS getraut werden können, wenn durch Zeugen nachgewiesen wird, daß die Ehe durch einen Antrag der Frau zuftandegekommen ist. Flitterwochen im Unterseeboot. WaS exzentrische Einfälle angeht, so stehen die Amerikaner immer an erster Stelle. Maryse Lisbeth Gould heiratete vor kurzem unter großem Pomp. Sproß der berühmten Bankiersfamilie, konnte sie mit Recht etwas Extravagantes beanspruchen. Sie beschloß darum, die Flitterwochen /»jü-in einem.Unterseeboot zu verbringen. DaS junge Paar kaufte eins, sogleich nach, der Hochzeit ging das Boot auf den Meeresgrund, und tauchte offizielle erst genau nach dreißig Tagen wieder im Hafen von New Aork auf. „Veden Sie doch den Daumen vom Braten!* 4 „'... daß er mir nochmal avf die Erde fällt!“ Suche nach dem Weißen Gott. Wie aus Georgetown(Britisch Guyana) gemeldet wird, teilte der amerikanische Flieger Art Williams mit, er habe nach dem Flieger Redfern Spuren gefunden, der seit dem Jahre 1927 vermißt wird. Redfern hatte einen Flug aus den Vereinigten Staaten nach Rio de Janeiro unternommen. Williams befand sich auf einem Forschungsflug durch die unzugänglichen Dschungeln von Südamerika in der Nähe der Grenze von Guyana, wo er jetzt einige Gegenstände auffand, die davon zeugen, daß Redfern unter Indianern lebt. Wegen des Mangels an Lebensmitteln, der Unpassierbarkeit des Terrains und wegen Indisposition war Williams gezwungen, von weiteren Nachforschungen abzulasien, u. zw. in dem Augenblicke, als eS schien, daß die Expedition ihrem Endziele nahe war. William er- flärt in seinem Berichte, er werde neuerlich in die Urwälder starten, sobald er die notwendigen Reparaturen an seinem Flugzeug beendet haben werde. Die Rettungsexpedition Williams finanziert der reiche Georgetown« Kaufmann Edwin Sill, dem Nachrichten zu Ohren kamen, daß ein weißer Mann unter den Indianern in den unzugänglichen Urwäldern Südamerikas lebe, wo er als Gott verehrt werde. Der Flieger Williams wird von seinem Freunde Harry Wendt und einen indianischen Führer begleitet. Die Nachforschungen werden in den Urwäldern südlich der Grenze der drei Guyanas durchgeführt. (R. F.) Der Berliner Korrespondent deS holländischen sozialdemokrattschen Organs„H e 1 Volk", berichtet über eine Unterredung, die er mit einem jungen, führenden Mttglied der katholischen Gewerkschaftsbewegung in Deutschland hatte. Der Betreffende ist in Deutschland geblieben und kennt die heutigen Sttömungen innerhalb der katholischen Arbeiterschaft aus eigener Anschauung sehr genau. Wir geben im Folgenden seine Ausführungen wieder: „Wir katholische Gewerkschaftsfunktionäre haben die Hitlerdiktatur nie für«ine rasch vorübergehende Erscheinung gehalten, denn fie hat fich wirklich ttef in die Grundlagen der wirtschaftlichen und geistigen Entwicklung Deutschlands eingewurzelt. Die alte individual-liberalistische Epoche ist durch die Kriegserfahrung und durch die gesellschaftlichen llm- hüdu!nge»er wirtschaftlichen Wiederbelebung ängöseheü. In' Wirklichkeit trifft diese Deutung nur dott zu, wo die Funktion des preisbildenden Mechanismus vollkommen hergestellt ist und wo das Arbeitseinkom- men infolge einer Wittschastsbelebung wirflich gestiegen ist. Die Devalvation Hilst«inen Preisausgleich herbeizuführen, aber nur unter der-, Bedingung, daß sie zu einer Lockerung der Devi« senzwangswirtschaft führt. Ein verläßlicher Barometer des Kttsenstandes ist nicht immer der Preisindex, well er vielfach zurückzuführen ist auf die erhöhten Rüstungen und auf außerordentliche öffentliche Investitionen, welche nichts Dauerndes sind. Die gesamte Wirtschaftsbilanz ist also nur dort günstig, wo tatsächlich der innere Markt wieder belebt ist. WaS den Außenhandel der Tschechosl. Republik betrifft, kann man bemerken, daß dieser, soweit es den Wirtschaftsverkehr mit den Staaten des Sterling-Blocks betrifft, wächst, während der Verkehr mit den Clearing-Staaten und mit Deutschland sich im Rückgang befindet. Daraus können gewisse Lehren gezogen werden. Die Staaten des Sterling-Blocks haben schon den Tiefpunkt der Krise überschritten und sind im Ausstieg, während die Staaten drS Goldblocks noch in der Depression verharren. Wie sich die Weltwirtschaft in der nächsten Zukunft entwickeln wird, kann bei d« Berschie- denhett der Entwicklungstendenzen noch nicht genau bestimmt werden. Landarbeitervertrag gescheitert Wie der»Land- und Forstarbeiter" meldet, sind die Verhandlungen, welche über den Abschluß der Richtlinien für die Landarbeiterlöhne im Sonderbeirate in Prag geführt worden sind, gescheitert. Die Vertreter der Arbeller- schaft forderten die Rechtsverbindlichkeit der Kol- lektivverträge und die Erhöhung der allgemeinen Löhne auf das Niveau des Jahres 1932 für die Taglöhner auf jenes von 1931. Außerdem wurden Lohnausgleiche für gewisse schwierige Arbeiten, wie Hopfentrocknen, für den Anbau von Zichorie und Mohn und eine Erhöhung der Kar- toffelprämie verlangt. Die Vertreter der Agrarier lehnten alle diese Forderungen ab. Die Bemühungen des Vorsitzenden Dr. Kuäera, im letzten Augenblick ein Kompromiß zu erreichen, schlugen fehl und so ist es vorläufig zu eiyem vertragslosen Zustand gekommen. Neue Betttebseinstcllungen. Die erste Leit» meritz er Ze m e n t w a r e n f ab rik hat um die Bewilligung zur Einstellung des Betriebes nachgesucht. Ein gleiches Gesuch Hai die Blech- und Metallwarenfabrik F i s ch e l und Tr a- m e r in Mähr.'-Ostrau eingereicht. Seite 6 „Soziallwinofrat" Freitag, 24. Jänner 1936. Nr. 20 Iraqer fettuna Ei« neuer Straßenbahn-Wagen in Brand. Gestern vormittags bemerkte der bei den Chotek- Anlagen Dienst versehende Schuhmann, daß aus dem Dach eines der neuen Wagen der Straßenbahn^ die auf der Einser-Linie eingestellt wurden, Flammen schlagen. Er hielt den Wagen an, damit sich die Passagiere in Sicherheit bringen könnten und löschte dann gemeinsam mit den Schaffnern das Feuer, welches wahrscheinlich durch Kurzschluß entstanden ist. Das Dach des Wagens wurde vernichtet. BetrLgerischer Angestellter. Dem 27jährigen Handlungsgehilfen Josef Chudoba aus Zizkov gelang es, seiner Chefin, der Inhaberin des Stoffgeschäftes Gabriele Katz in Prag I, unter der Vorspiegelung, daß er einem gut zahlenden Kunden gefunden habe, Stoffe und Nähzeug im Werte von 20.000 KJ her- auSzulocken. Die Stoffe, soweit es Stoffe für Herrenanzüge waren, übergab er einem Schneider und ließ sich Anzüge nähen. Gestern gelang es, ihn zu verhaften und nach Pankratz einzuliefern. Fußloser Invalide überfahren. Vorgestern abends stieß der Chauffeur Jaroslav Oliva aus Wvsotschan, der mit seinem Lastauto P—17.156 durch die Podsbrader Straße in Zizkov fuhr, vor der Fabrik.Papierografia" gegen den dreirädrigen Karren des 49jährigen, fußlosen Invaliden Josef Joura aus Hrdlokez. Joura wurde aus dem Wagen geworfen und scheint innere Verletzungen erlitten zu haben. Der Karren wurde zertrümmert.— In der Ziacht auf gestern um 3 Uhr stieß der Chauffeur Bo- Kuslav Chudh aus Zizkov mit seinem Auto P—-25.382 vor dem Hause Nr. 316 in Dejwitz mit dem Motorrad des 28jährigen Postbeamten Karl TichÄek aus Dejwitz zusammen. Hiebei wurde Tichäöek aus dem Sitz geworfen und mit dem Kops gegen den Richtungsweiser des Autos geschleudert. Chudh brachte den Bewußtlosen in seinem Auw ins allgemeine Krankenhaus, doch starb er in der Auf- nahmskanzlei. Das Verfahren wurde in beiden Fällen eingeleitet. Mitteilungen aus dem Publikum. Massiere Dich täglich; verkühl' Dich nie! Das ist einmal«in Schlagsatz, dessen Beherzigung nicht genug empfohlen sein kann. Und er ist so leicht zu befolgen: Ein paar Tropfen des Alpa-Franzbrannt- weins in die hohle Hand und dann fest den Körper damit emgerieben; erst ist es angenehm frisch, dann wohlig warm und vor allem: der Körper ist gefeit gegen Verkühlung und Folgekrankheiten I Das sagt auch der Arzt! Bata ermäßigt di« Preise um 20%, 85 Sorten Warmer Schuhe und 30 Sorten warmer Strümpfe. Laut Wettervorhersage ist es zu erwarten, daß der heurige Winter besonders lange dauern wird. Darum Nütz'ttl Sie den billigen Eistkdtlf'waimier vor Gericht wegen schweren D i e b st ä h l s, und zwar gemeinsam mit seiner Freundin, der um vier Jahre älteren Hausgehilfin Hildegard Pilz. Die beiden hatten sich, wie sie bei der Verhandlung gestanden, zusammengetan, um die Dienstgeberin der Pilz, eine Frau Olga Schulz in Prag VII, auszuplündern, was ihnen auch ausgezeichnet gelang. Am 9. November befand sich sowohl Frau Schulz als auch deren Sohn außerhalb Prags und in der Wohnung blieb die Pilz allein zurück. Sie hatte bereits vorher mit ihrem Freund Steiner alles im Detail besprochen und der Plan wurde nun durchgeführt. Steiner kam zu ihr und sie übergab ihm zunächst einiges Geld und Schmuckstücke, die sie eigenhändig beiseitegeschafft hatte. Dann machte sich Steiner selbst mit Hilfe der Schlüffel, die ihm seine Komplizin beschaffte, an die Arbeit. Die Beute war ganz außerordentlich. Nebst verschiedenen in- und ausländischen Geldnoten und Münzen im Werte von vielen tausend Kronen sielen den Dieben noch zahlreiche wertvolle Schmuckstücke in die Hände, darunter eine diamantenbesetzte Platinuhr für 20.000 KC, eine Goldkette, wertvolle alte Arbeit, für 15-000 KJ u. a. m. Aber auch Kleinigkeiten, wie eine Flasche Kolnischwasser, ein Badetrikot und ähnliche Sachen hießen die beiden mitgehen, mit einem Wort: sie räumten sämtliche Schränk« und Tischladen aufs gründlichste cm3. Dann fuhr Hildegard Pilz unverzüglich nach Brünn, wo ihr am nächsten Tag ihr Komplize und Freund Steiner mit dem Hauptteil der Beute nachfolgte. Von Brünn begaben sie sich nach Jglau. um von dort über die Grenze zu entwischen. Inzwischen war aber der Diebstahl'entdeckt und sämtliche- Fahndungsstationen alarmiert worden. Ungeachtet angenommener falscher- Namen wurden Steiner und die Pilz in Jglau verhaftet. Von der Diebsbeute wurde nur mehr ein Teil zustande- gebracht, etwa 40.000 KJ. Das Gericht fällte ein strenger Urteil. Steine r wurde zu zweieinhalb Jahren, di« Pilz aber zu zwei Jahren schweren Kerkers verurteilt. rb. kln verhängnisvoller Sprengschuß Prag. Es ist genau ein Jahr her, daß sich der tragische Vorfall ereignete, deffen strafgerichtliches Nachspiel nach mehrfacher Vertagung gestern vor dem Strafsenat Marei« k endlich feinen Abschluß fand. Angeklagt war der 63jährige Sprengmeister Franz Podkvet aus St. Kilien bei Davle, der seit vielen Iahten in dem dortigen SteinLrüch seinen verantwortüngsvollen Beruf ausübte/'- Am 23. Jänner 1988 wurde in der Mittags« stunde im. Steinbruch von St. Kilien gesprengt. Bei einem der Sprengschüffe wurde-ein 70 Dekagramm schwerer Stein mit solcher Gewalt in die Luft geschleudert, daß er im Hofe eines benachbarten Häuschens niedersiel.. Unglücklicherweise arbeitete zur selben Zeit die Häuslerin Antonie Karl auf dem Hof. Sie wurde von dem nieder fallenden Stein mit solcher Wucht auf denKopf getroffen, daß sie mit zerschmettertem Schädelknochen tot zusammenbrach.(SS setzte eine scharfe Untersuchung gegen den verantwortlichen Sprengmeister em, die schließsich zur Erhebung der Anklage wegen fahrlässiger T ö t u n g führte, in der dem Angeklagten zur Last gelegt wurde, er habe nicht die nötigen Vorsichtsmaßregeln getroffen und insbesondere daS vorgeschriebene Warnungssignal durch einen Trompetenstoß verabsäumt. Das BeweiSverfahren brachte indeffen zum Vorschein, daß das Unglück einem tragischen Zufall zuzuschreiben war und nicht einer Pflichtverletzung des allen Sprengmeisters,-er von der Anklage f r e i g e- sp rach en wurde. rb. Xunst und Mssen Eine Aufklärung. Wir werden vom Vorstand des Deutschen Theater-V er eines in Prag um die Aufnahme folgender Zeilen ersucht: Aus Anfragen, die in den letzten Tagen an den Theater-Verein gelangt find, geht hervor, daß bezüglich der Theaterplätze am Abend des P r ä s i- deute nbesuches verschiedentlich irrtümliche Auffassungen verbreitet sind. Für die Vorbereitung war leider nur eine sehr kurze Frist zur Verfügung. Der Theater-Verein mußte selbstverständlich Sorge tragen, daß den Mitgliedern der Regierung und der Kanzlei deS Präsidenten die enffprechende Anzahl von Sitzen zur Disposition gestellt werde. Dabei mußten die Abonnenten dieser Plätze mit anderen Plätzen entschädigt werden. ES war nicht möglich, an Vertreter deS deutschen kulturellen, wirtschaft- lichen und sozialen Lebens in Prag besonder« Einladungen zu richten, well die Zeit für die Vorbereitung zu kurz war. Der Andrang zu der Vorstellung war über Erwarten groß, so daß viele Personen keine Karten erhielten. Der Deutsche Theater- Verein bedauert es auf daS lebhafteste, daß er nicht allen Wünschen gerecht werden konnte und daß di« zeitliche Beschränkung ihn hinderte, alle Vorbereitungen zu treff««, di« den Abend noch glänzender gestaltet hätten. Arbeitervorstrllung.E in«Nacht iu Ben e- d ig". Operette von Johann Strauß, am Sonntag, den 2. Feber, um halb 3 Uhr. Karten täglich von 8 bis 2 und 4 bis 6 Uhr bei Optiker Deutsch, Koruna. Spielplan deS Reuen Deutschen Theaters. Freitag halb 8: Gentleman, Ensemblegastspiel des Deutschen Volkstheaters Wien mit Albert und Else B a((ermann, Abonnement aufgehoben.— Samstag halb 8:DieLebenslüge, Ensemblegastspiel- des Deuffchen Volkstheaters Wien mit Albert und- Else B a((ermann, Abonnement aufgehoben.-. Spielplan der Kleinen Bühne. Heute, Freitag 8 Uhr:.„Anna s a g t n e i n", Theatergemeinde deS Kulturverbandes und freier Verkauf. — Samstag 8: Im LondonerRebel, »volkstümlich« Vorstellung. Schuhe üßh lpqrmer ZfrMpfß qilZ. Für heu Winter noch 1 Paar billigere, warme Schuhe. Hrftciltssaat ein„Journalist" als Wohnunssdleb Der bunte Lebenslauf eines Abenteurers Prag. Der 25jährige Emil Steiner, der gestern dem Strafsenat H r u s k a aus der Untersuchungshaft vorgeführt wurde, ist«ine merkwürdige Existenz. Er erklärt, Journalist zu sein und beruft sich darauf, daß er für einige hiesige Zeitungen hie utw da Artikel geschrieben habe. Di« Polizei steht indeffen dieser Berufsangabe fleptisch gegenüber und erklärt Steiner für einen gefährlichen Kriminellen aus Profession. Steiner ist in T e m e S- v a r im heutigen Rumänien, geboren, hat einen Teil seiner Jugend in Frankreich verlebt, in Paris das Gymnasium und in Lausanne drei Semester einer Akademie absolviert, worauf er in die Welt ging, um mit großer Schnelligkeit auf die schiefe Ebene zu kommen. In Budapest erhielt er als erste Strafe drei Monate Kerker, wechselte dann in unsere Republik herüber, wo er alsbald wegen Betrugs abgestrast und ausgewiesen wurde. Er kehrte aber heimlich zurück und machte sich neuerlich in Prag ansässig. Gestern stand er ahermals Tickie Moore und Virginia Wridler in dem Film»Peter Ibbetson". Ein ganzes Land im Ausverkauf Billigkeitstaumel In Holland Amsterdam, Mitte Jänner. Wer in diesen Tagen nach Holland kommt, in die größte Stccht, in das kleinste Dorf, reibt sich-die Augen: man ist im Paradies der billigen Waren, der niedrigen Preise.'Aus allen Schaufenstern, von allen Firmenschildern, aus allen Zeitungsinseraten, von allen Litfaßsäulen schreit, brüllt, donnert es auf jedermann herab: Opru- i m i n g l Und dieses Zauberwort heißt in schlichtem Deutsch ganz einfach Ausverkauf. Ausverkäufe sind, darüber kann kein Zweifel bestehen, in dem Maße, in dem sie heute existieren, ein« Krisenerscheinung. Von diesem GesichtS- punkt aus betrachtet, muß die Krise in Holland ärger sein als irgendwo in der Well. Nun, sie ist i arg, und die 400.000 Arbeitslosen, die eS heute in Holland gibt, stellen S Prozent der Gesamtbevölkerung dar. Aber diese Maffenanhäufung von Ausverkäufen in Holland hat ihren Grund in einer gesetzlichen Maßnahme, die einzigartig in der Welt ist. Die zahllos einlaufenden Ansuchen um Bewilligung von Liguidations-, Saison- und»sonstigen Ausverkäufen haben die Regierung. bewogen, eine drakonische Regelung zu treffen: jeglicher Ausverkauf in Holland ist Nur in der Zeit zwischen 2. und 21. Jänner zugelassen; auf diese Weise sollte die Konkurrenz in geregelte Bahnen gelenkt werden. Gleiches Unrecht für alle, wenn schon die Gleichheit der Wohlfahrt für alle nicht erreichbar ist. Ein Warenhaus in Rotterdam annoncierte einige Tage vor Beginn des großen Taumels, es werde Knabenanzüge zum Preis von 1 Cent zum Verkauf bringen— es hatte Vie Wahrheit gesprochen, und die Mütter stürzten sich auf die kostbar-billige Ware. Die Anzüge hätten schließlich auch verschenkt werden können, aber das verbietet daS Gesetz. Ein Schuhladen in Amsterdam bot Schuhe, die 10 Gulden gekostet hatten, zu 50 Cents aus; es waren nicht einmal nur die Liliputaner- und Riesen-Größen. In den Schaufendern prangt, was im letzten Jahr und vielleicht in den letzten fünf Jahren nickst verkauft werden konnte. Am 3. Jänner sieht man bereits auf den| Straßen die Folgen dieses Billigkeits-Runs: phantastische Farben, exotifche Kleider-^Mäntel- modelle, die man nur kaufen kann, wenn man von niedrigen Ziffern behext ist. Die Hausftauen wühlen in»leicht beschädigter" Ware, über deren Fehler sie nur im Rauschzustand hinwegsehen können. Man erzählt einander von rätselhaften Gelegenheitskäufen, und die Brieftaschen, kaum erholt von den Anstrengungen der Fest»(man beschenkt einander übrigens nur am St. Nikolaus-Tag, fast gar nicht zu Weihnachten), kaum wiederaufgefüllt am 1. Jänner, le.—n sich blitzartig vom 2. Jänner an. * Es gibt in Holland 400.000 Arbeitslose, aber es gibt auch ungeheuerlich viel Kapital, das aber nicht rollt. In einem winzigen Ort eröffnete man ein« Sparkasse mft einer ersten Einlage von 200 Gulden; heute sind fast 3 Millionen eingezahlt. Wer Geld hat, rührt eS nicht an. Reiche und Arme stürzen sich in die.Opruiming", beide fühlen sich gleich arm, fühlen sich gleich glücklich im VaradieS der Billigkeit; reguläre Ware zählt nicht. Und erst am 22. Jänner wird man sich dessen bewußt, daß eS doch noch eine Krise gibt und daß die Illusion ihr Ende genommen hat. R. M. Sport-5pie(-1törperpf(ege Wie steht es um Danzigs Arbeitersport? Der Arbeiter-Turn- und Sporwerband Danzig führte am 19. Jänner seine Jahrestagung durch. 50 Delegierte nahmen daran teil. Der Verbands- Vorsitzende H. Thomat hatte den organisatorischen Bericht so verfaßt, daß er den Rückblick monateweise mft seinen Ereignissen brachte. Das Jahr. 1985 dürfte in der Geschichte der Danziger Arbeitersportbewegung wohl als daS schwerste anzusehen sein. Es gibt kaum eine zweite Organisatton in Danzig, die so viel Stürmen ausgesetzt war wie der Arbeitersport. Aus früheren Nurspörtlern sind Sportler und Kämpfer für den sozialistischen Gedanken geworden Ter Mitgliederbe st and ist im ständigen Anwachsen. Waren eS am Schluffe des vorigen Jahres über 700 Mitglieder, so hat sich dieser um fast daSDoppelte erhöht. Erfreulich ist es, festzustellen, daß sich bei den Jugendlichen(unter 18 Jahren), der Hauptzustrom bemerkbar macht. Das Anwachsen des Verbandes redet eine deutliche Sprache und zeigt, welche Wandlung sich in bet Weltanschauung der Danziger Bevölkerung vollzieht. Die Kurse für daS Sportabzeichen erfahren eine besondere Pflege. Bisher haben 150 Sportler das Abzeichen«rworben. Den Wünschen der Techniker, im kommenden Jahr mit auswärtigen Gegnern in Perbindung zu treten, wird nach Möglichkeit Rechnung getragen. Die Diskussion war lebhaft. Hervorzuheben ist, daß auch die Frauen die Einführung von Kursen für das Sportabzeichen wünschen. Auf dem Lande herrscht der lebhafte Wunfch, wieder Landsportvereine ms Leben zu rufen. Eine Anzahl Anträge, die sich in der Hauptsache mit organisatorischen Aenderungen befaßten, wurden zum größten Teil angenommen. Bei der Wahl wurde der bisherige Hauptvorstand mit H. Thomat an der Spitze wiedergewählt. FuBball-Lftndersplel Tschechoslowakei—SSSR 7 Wie gemeldet wird, verhandelt der bürgerliche Staatsverband für Fufchall, CsAF, mit den maßgebenden Faktoren der SSSR wegen eines Länderspiels, welches noch vor dem geplanten Städtematch Prag—Moskau stattfinden soll. Als Bedingung für die Austragung des Länderspiels verlangt die CsAF, daß die SSSR der Fifa beitreten mutz. Man gib» sich in Prag keiner allzu großen Hoffnung hin, daß die Russen dieser Bedingung willfahren werden, ist aber immerhin gespannt, welche Antwort darauf erfolgen wird. „WUrdig" befunden DaS Nazf-Eishockevteam zu den Olympischen Winterspielen absolvierte in den letzten Wochen eine Reihe von UebungSspielen, die aber nicht so ausgefallen find, daß sie den diversen Sport- „Führern" entsprachen. Run wird gemeldet, daß beim letzten Trainingsspiel in Garmisch-Partenkirchen der ehemals bekannte Eishockeyspieler Rudi Pall als Sturmfühxex de« rötCR Angriffs mit- wirkre. RudlBäll ist I u o e undmußte beim Anbruch des Dritten Reiches mit seinen Brüdern den Berliner Schlittschuhclub und Deutschland verlassen. Nach kurzem Aufenthaft der Balls m der Schweiz übersiedelten sie nach Italien, wo sie in Mailand bei den Diavoli Roffoneri spielen. Wenn also der ita- lienische Faschismus mit ihnen.zufrieden" ist, warum sollte es dann der deutsche nicht sein— falls ein Jude den Nazi-Sport auf die Beine helfen kann. SS finden sich ja immer wieder solche Rückgratlose, die ihren Peinigern noch die Hände küssen. Vbcdnsnachdchten Achtung! Falken! Samstag nachmittag? pünktlich halb 6 Uhr läuft der Filmstreifen»Rote Falken auf Auslandsfahrt", der aus technischen Gründen om letzten Sonntag nicht gezeigt werden konnte. Außerdem: Bringet die Buchlose mit! Die Bücher sind da und werden ab 5 Uhr im Parteiheim vetteift! Alle Genosse«, Genossinnen und Freunde des AtuS treffen sich beim AtuS-MaSken- und Kostümball am Samstag, den 25. Jänner. Di« Devise.Fahrendes Volk", die für diese Per» anstaltung gewählt wurde, wird emch in der Mitternachts» 'zene zum Ausdruck kommen.- ES wirken mit:. die acht AtuS- GirlS, die acht lustigen Handwerksburschen, die Zigeunerweiter Straßensänger und. kapelle Lajos. Pützta,. sonstiges fahrendes Volk.— Für Nichttänzer ist auch gesorgt: Wiener-Schrammelmusik mit dem Stimmungssänger Vater(bekannt durch den Rundfunk). Die Veranstaltung findet im Feuerwehrhaus, Prag XII., Kimskä 45(Malä opereta) statt. Beginn 20 Uhr. Eintritt 10 Xi inkl. Steuer. Karten bei den Funktionären und im Bildungsverein deutscher Arbeiter» Prag II., SmeLky 27, täglich von 5 bis 8 Uhr abends. Urania-Kino, Klimentshä 4. Fernsprecher 61623. Ab beute: 4'!- Musketiere Bezugsbedingungen: Bei Zustellung ins Hau» oder bei Bezug durch die Post monatlich XL 16.—, vierteljährig KJ 48.—. halbjährig KJ 96.—. ganzjährig KJ 192.—.— Inserate werden laut Tarif billigst berechnet. Bei öfteren Einschaltungen Preisnachlaß.— Rückstellung von Manuskripten erfolgt nur bei Einsendung der Retourmarken,— Di« Zeitungsirankätur ward« von der Post- und Lele- araphendireftion mit Erlaß Nr. 13.800/VII/1930 bewilligt.— Druckerei:.Orbis'. Druck». Verlags- und ZeitungS-L.-G.. Prag,