16. Jahrgang Mittwoch, 29. Jänner 1936 Nr. 24 Elnztlprels 70 Helfer (•iMchlleSllch 5 Heller Porto) IENTRALOEGAN DER DEUTSCHEN SOZI ALDEMOK RATISCHEH ARBEITERPARTEI IN DER ISCHECHOSIOWAKBCHEN REPUBLIK ERSCHEINT MIT AUSNAHME DES MONTAG TÄGLICH FRÜH, Redaktion und Verwaltung PRAG xn., fochova a. thefon sm. HERAUSGEBER: SIEGFRIED TAUB. VERANTWORTLICHER REDAKTEUR: DR. EMIL STRAUSS, PRAG. Mehr als zwei Millionen Zuschauer 7000 Zuschauer ärztlich behandelt 150 ins Krankenhaus eingeliefert Nahezu 7000 Personen, welche dem Begräbnis zusahen, i vle Söhne halten Totenwache König Eduard und seine drei Brüder hielten von Mitternacht ab eine halb« Stunde lang die Totenwacht am Sarge des verstorbenen Königs in der Westminsterhall. In den frühen Morgenstunden wurde das Gebäude endgültig für die Oeffentlichkeit geschloffen, nachdem in den letzten Tagen insgesamt über 600.000 Menschen dem toten Monarchen di« letzte Ehrung erwiesen hatten. Der gange Weg, dem entlang sich der Trauerzug bewegte, war schon früh von einem dichten Spalier von Menschen aus der Umgebung und aus der Provinz umsäumt, welche in dem andauernden Regen und in der durchdringenden Kalte geduldig ausharrten. Die Straßen, durch die sich der Leichenzug bewegen wird, waren für jedweden Verkehr gesperrt worden. Beamten des königlichen Hauses in ihren prunkvollen mittelalterlichen Uniformen, die Mitglieder der fremden königlichen Familien, fünf Könige, neun Kronprinzen und etwa 30 Prinzen. Den königlichen Prinzen folgte die Staat-karoffe mit der Königin. Unmittelbar hinter dem Wagen der Königin kamen die Häupter der ausländischen Abordnungen. Ferner marschierte in der Gruppe ein großer Teil der bekanntesten Staatsmänner Europas. Anschließend folgten die Wagen mit den Prinzeffinnen und den drei Königinnen, die zur Teilnahme an der Beerdigungsfeierlichkeit nach London gekommen waren, unter ihnen die einzige noch lebende Schwester des verstorbenen Königs, Königin Maud von Norwegen. In einem langen Zuge, in dem wohl sämtliche London. König Georgs V. sterbliche Uebcrreste wurden DienStag in einem prunkvollen Leichenzug zum letztenmal durch die Straßen Londons gefahren und daun mit einem Ertrazug nach Schloß Windsor überführt, wo ste in der St. Georgskaprlle beigesetzt werden. Man schätzt die Zahl der Personen, die in den Londoner Straßen dem toten König die letzte Ehrerbietung bezeigten, auf über zwei Millionen. Im Trauerzug schritten neben König Eduard VIII. und seinen Brüdern fünf ausländische Könige, zahlreiche andere Angehörige europäischer Herrscherhäuser und die Abordnungen der anderen Staaten. In allen Ländern des großen Reiches wurde der tote König durch zwei Minuten Schweigen geehrt. *) Dr. Jan Slavik in der Wochenschrift ,So« bota", VH- Jahrgang, Nr. l:.„Kofeny sily va- äeho näroda“. Drei Todesopfer der letzten Studentenunruhen in Kairo Kairo. Ein weiterer Student, der bei den letzten Manifestationen verletzt worden war, ist seinen Verletzungen erlegen, so daß bis jetzt, im ganzen drei Personen ums Leben gekommen sind. Die Universiiät wurdtz auf unbestimmte Zeit gesperrt. Andenken an König Georg V. um 11 Uhr vormittags ein feierlicher Gottesdienst abgehalten/ dem in Vertretung des Präsidenten der Republik Ministerpräsident Dr. H o d Z a, ferner die beiden Vorsitzenden der Nationalversammlung, zahlreiche Minister, die Spitzen der Behörden und der Armee und das gesamte Prager diplomatische Korps beiwohnten. Die öffentlichen Gebäude hatten auf Halbmast, bzw. Trauerfahnen gehißt. Im Senat hielt am Nachmittag der Vorsitzende Dr. Soukup in Anwesenheit des. Ministerpräsidenten und zahlreicher Minister dem verstorbenen König, einen Nachruf, der von allen Anwesenden stehend in tiefem Schweigen angehört wurde.■...... t.......'S Vom Kriegsschauplatz London. Von den abessinischen Kriegsschauplätzen wird gemeldet: Im Norden sind der Krieg und der Guerillakrieg wieder aufgelebt, insbesondere im Abschnitt Malaie. An. der Südfront nützt General Graziani seinen kürzlichen Sieg bei Ganale Dorio aus. Wie der Bertteter des Reuterbureaus aus Deffie. berichtet, besagen dort eingetroffene Nachrichten über die Kämpfe um Makale, daß die abeffinischen Krieger, nach Art des nächtli- chen Guerillakrieges die leicht verwundbaren Stellen der Front überfallen, die feindlichen Soldaten im Schlafe erwürgen und dann wieder in ihre Posttionen zurückschleichen. Der Reuterberichterstatter in Neghelli meldet: Zwischen italienischen Truppen, die weiterhin vorgehen, und verschiedenen Abteilungen der Armee des Ras Desta dauern die Kämpfe an. Einige dieser abeffinischen Abteilungen bemühen sich ohne Erfolgsaussichten den Fluß Dawa Parma zu erreichen, um sich mit Waffervorräten zu versehen. Man ist der Ansicht, daß Ras Desta bei den letzten Operationen d i e Hälfte seinerSoldaten verloren hat. Die Lage der Rest« der Armee Destas ist eine gefährliche, da diese Im Norden in dichtem Buschland zerstreut und ohne Lebensmittel und Waffer sind. folgte. Die Lafette mit dem Sarg des Königs wurde von 120 Mattosen in Paradeuniform gezogen, denen zur Seit« Abordnungen und Herold« des königlichen Haushalts sowie Gardeoffiziere schritten. Er war bedeckt mit einem Banner d«S königlichen Hauses Windsor. Auf dem Sarg lagen di« Reichskleinodien und ein einfaches, aus weißen Lilien bestehendes Kreuz. Unmittelbar hinter dem Sarg folgt« die königliche Standarte, die von zwei hohen Lffizieven begleitet wurde. Einige Schritte hinter dem Sarge ging allein der König Eduard Vlll. in der Uniform eines Großadmirals. Ihm folgten der. Herzog von Kent, der Herzog von Dork, der Herzog, von Gloucester sowie der-Earl of Aston.. Dann kamen die höchsten prunkvolle l.elckenkeler ln l.onclon Schwierige Kabinettsbildung in Athen Athen. Nach dem Endergebnis der Parlamentswahlen erhielten die Anti-Beneselisten 143, die veniselistischen Liberalen 127 Mandate, die unabhängigen Liberalen Kretas 3, die Republikaner 7, die Agrarier 4 und die Unabhängigen des Epirus ein Mandat. Die Kommunisten errangen 15 Mandate. Man ist der Ansicht, daß die Bildung der neuen griechischen Regierung längere Zett erfordern wird. Der König wird den Führer der Beniselisten Sophulis damit betrauen, die Beratungen zwecks Bildung einer Regierung der nattonalen Vereinigung oder der großen Koalition aufzunehmen. Man nimmt an, daß das größte Hindernis bei der Bildung des Kabinetts die Frage der Wiedereinreihung der nach dem Märzaufstand des Jahres enüaffenen Offiziere sein wird, MMäruniformen der Welt vertreten waren folgte Deutschen, die Ungarn und besonders die Brüder Polen. Ständig fordern sie die Welt auf, auf dem Atlas den tschechoslowakischen geographisch„unmöglichen" Staat anzusehen. Wirklich, auf der politischen Karte Europas sehen wir nicht schön aus Vom Wehrstandpunkt aus erweckt die Grenze des Staates Sorge. Was soll man darauf ant« Worten? Ist es möglich ein Heilmittel gegen die Beängstigung zu finden, welche bei dem Blick auf das gedehnte, schmale Gebiet aufsteigt, welches an viele uns ausnahmslos unfreundlich betrachtende Staaten angrenzt? Ja, wir haben solch ein Heilmittel. Blättert in dem Atlas, welchen unsere hämischen Feinde st empfehlen! Suchet die Na« tionalitätenkarte Europas heraus. Aus ihr kaust die ganze Welt ersehen, wer die Schöpfer der Tschechoslowakei sind. Die einheitliche Farbe bezeichnet den Sitz des Slawentums, die Farben- schattrerungen zeigen die Sitze der einzelnen slawischen Völker. Wie sehen wir dort aus? Das tschechoslowakische Leben ragt hier wie eine Insel im deutschen Meer. Kann irgend ein europäisches Volk sich eines so stolzen Platzes rühmen, eines Platzes an der Spitze der Kolonne, an welcher der deutsche Vormarsch nach Osten wie an einem gra- nitnen Vorgebirge zerschellte? Die ganze Welt weiß, wie dieser Ausläufer entstand.Es ist der Rest der ungeheuren slawischen Masse, die einst in Mitteleuropa wohnte. Dem deutschen kulturell fruchtbaren und milttä- risck angriffslustigen Volke fiel sie zur Gänze zum Opfer. Mit Schwert und Pflug brach sich die Welle des Deutschtums Bahn und ergoß sich über die mittlere und untere Elbe weit zum Osten hin. Nach Süden schritt sie durch das Donaubek« ken vor. Dort überall wurde das slawische Element verschlungen. DaS geschah vor vielen Jahrhunderten. Schon seit dem Ende des Mittelalters war von der slawischen Maffe nur die tschechische Insel übrig. Sie widerstand nicht nur, sondern sie konnte noch Einiges von den verlorenen Positionen dem deutschen Meere entreißen. Wie war daS möglich? Man hat auf diese geographische Lage verwiesen. Der Kranz der Berge soll uns wie ein Wall geschützt haben. In Wirklichkeit war es nicht so. Das Randgebirge mit seinen Wäldern half kann also behauptet werden, daß die Randberge das tschechische Volk geschützt haben? Um die Wahrheit zu sprechen, war das tschechische Bott m schon vor 600 Jahren von der Natur so wenig ■rznv-v■ evangelischen Kirche der Boh- geschützt, wie der heuttge tschechoslowakische Staat .^kuder.,^.^S'ESeürberg^ wmde zum durch natürliche Grenzen geschützt ist. Ein anderes Moment half uns der deutschen Flut widerstehen. Es war die kulturelle Kraft. Die Kultur kam zu uns vor allem aus dem Deutschen. Wer wir verstanden es, in mancher Beziehung unsere hauptsächlichen Lehrer M überflügeln. Wir überflügelten sie vor allem in der sozialen Entwicklung. Das wird bei uns immer noch wcht genügend gewertet.' Die alte Vorstellung von der Nation, die nur mit der Zahl der Menschen derselben Sprache operiert, steht dem im Wege. In Wirllichkeit kommt eS auf das..a- 38 Millionen Anweisungen zu je 50 Dollar Washington. Wenige Stunden, nachdem der Senat Roosevelts Vew überstimmt hatte, gab das Weiße Haus eine Erklärung aus, wonach Roose velt das Schatzamt und die Beteranenbehörde an- gewiesen hat. mit den Bonus-Zahlungen mög- t Gardettgimenter, die Größe der Aufgabe hin. 2500 bis 3000 neue' Angestellte würden für sechs Monate benötigt, um den jedem der. 3,500.000 Veteranen zuste- benden Bonus-Betrag festzustellen. Finanzmini ster Morgenthau schätzte, das insgesamt 38 Millionen 50-Dollar-Bonds in Verbindung mit der Bonus-Zahlung benötigt werden dürsten. oeuyegu ivuu Personen, roeiqje oein«egraoms>—: „uw, mußten in den 41 Ambulanzen, die dem deutschen Element ins Land. Unter den letz- längs des ganzen Weges aufgestellt waren, be- ten Pkemyfliden war dort der letzte für Kolom- handelt werden. Außerdem mußten 150 Perso- sierung freie Boden. Bor allem dorthin wurden nen in das Krankenhaus gebracht werden. Eine die Deutschen gerufen. Bald wurden sie Herren Person starb während des Transportes in das^n dem gebirgigen Kranz, an den Rändern. Wie Krankenhaus. Trauergottesdienst In Prag Der Trauerzug Um 9.45 Uhr englischer Zeit setzte sich der riesige Trauerzug von der Westyiinsterabtei unter dem Geläute der Glocken und unter dem Kanonendonner der im Hydepark Trauersalut feuernden, Gardeartillerie in Bewegung. Jede Minute donnerten von nun an durch zwei Stunden die Kanonenschüsse, um den König auf seinem letzten Zuge durch seine Residenz zu geleiten. Feierlichste Sttlle trat überall ein, sobald der Traueyug herannahte. DaS spalierbildende Militär hatte vis dahin mit verkehttem Gewehr, die Arme über diesem verschränkt und mit gesenktem Kopf in der Habtachthaltung der englischen Trauerparade gestanden. Sobald der Trauerzug nahte, präsentierten die Garden jedoch das Gewehr. Einer alten Ueberlieferung gemäß nahmen an dem Trauerzuge durch London die Mitglieder der Regierung, die Mitglieder des Oberhauses und des Unterhauses nicht teil. Sie waren ebenso wie die Botschafter und Gesandten der in Lvn- don vertretenen Staaten nur bei der eigentlichen Feier in W i n d s o r anwesend. Der fast 2 Km. lange Trauerzug wurde durch einen Offizier der Kriegsmarine eröffnet, dem Abordnungen der Regimenter folgten, deren persönlicher Chef der König gewesen war. Dann- kamen- die Bettreter der ausländischen Armeen. Unter ihnen bemerkte man auch die beiden tschechoslowakischen Generäle Syrovt) und Bojcechovskh. Hierauf folgten der oberste Kommandant der, Luftflotte, das gesamte Hauptquartier, Vertt.ter der Armee, etwa 20 Feldmarschälle, der gesamte Generalstab, Ver- tteter der Flotte in Blau, smntliche Admirale usw. Es folgten hierauf die Musikkapellen der gesamten ..-.,.,-,, zuletzt die schottische Dudelsack- zu beginnen. Roosevelt wies dabei auf pstifettapelle, auf die dann unmittelbar, der Sarg Konferenzen mit Starhemderg London. Die Tellnahme so vieler Staatsmänner an dem Begräbnis König Georg. V. hat zahlreichen von ihnen Gelegenhett geboten, in persönliche Fühlungnahme zu tteten und einander gegenseitig zu besuchen. Bei diesen Besuchen wurde ein Meinungsaustausch über die aktuellen Fragen gepflogene Die Blätter verzeichneten bereitst u. a. die bei diesem Anlaffe stattgefundenen Unterredungen des jugoflawischen Prinzregen- ten Pa ul und des rumänischen Außenministers Titulescu mit dem österreichischen Vizekanzler Starhemherg. Auch der tsche- choflowiMche Gesandte Jan Mäsärhk hatte Mit Starhemberg eine längere Unterredung. Die Wurzeln der tschechischen Volkskraft Ein Beitrag zur Rumburser Diskussion Der folgende Aufsatz einer nattonalen Tschechen*) enthält so bemerkenswette Gedankengänge, daß wir es für nützlich hatten, ihn in wöttlicher Uebersetzung der sudetendeutschen Oeffentlichkeit zugänglich zu machen. Er ist ' besonders aktuell in einem Augenblicke, da ein« deuffche Pattei mit fünfviettel Millionen Wählern ihren mächtigen wtalitären Apparat gegen einen nordböhmischen Schttftleiter mobilisiert, der vom nationalen Standpunkte gus eine kttttsche Meinung zu vertrtten wagt. Der Auwr hat das Wort: Das Gebiet unserer Republik hat weder eine ansehnliche noch eine strategisch votteilhafte Form. In dieser Beziehung ist die Tschechoslowakei stiefmütterlich ausgestattet. Darauf verwiesen di« das Gefolge der Könige und der stemden Abordnungen, schließlich Abordnungen der Londoner Polizei, der Feuerwehr und der Londoner städtischen Beamten. Den.Schluß bildeten wiederum Militär- abteilungen der Garderegimenter mit ihren Musikkapellen. Der Trauerzug erreichte nach fast zweieinhalbstündigem Marsch die Eisenbahnstation Paddington im Norden Londons. Hier löste sich der Zug auf. Der Sarg wurde in einem Sonderzug nach Windsor verladen. Fünf Sonderzüge waren für die hervorragenden Trauergaste, reserviert. Der Leichenzug besteht aus einem schwarz geschmückten Wagen für den Sarg des Königs und aus einem anderen für König Eduard Vlll und die Mitglieder der königlichen Familie vorbehalteNen Wagen. In Windsor In Windsor traf der Zug mit dem verstorbenen König kurz nach 13 Uhr ein. Seine Ankunft wurde durch 101 Schläge der großen Windsorer Glocke angekündigt. In dem Augenblick, da der'Sarg mit der sterblichen Hülle des verblichenen Königs in der königlichen Krypta des Schlaffes von Windsor beigesetzt wurde, wurde im ganzen brittschen Reich zwei Minuten Sttlle gewahrt. Der Sarg wurde um 14 Uhr 15 Min. in der Krypta beigesetzt, 10.000 Kranze Eine Zählung hat ergeben, daß allein in Windsor an 10.000 Kränze eingetroffen sind. Die Schwierigkeit ihrer Unterbringung wurde in der vergangenen Nacht so groß, daß ein großer Tell auf die Rasenfläche gelegt werden mußte. Die tschechoslowakische Delegation legte am Sarge des verstorbenen Königs vier Kränze nieder: Einen für den Präsidenten-Befreier M a s a r H k, einen für den Präsidenten der Republik Dr. Benes, einen für die Regierung und einen für die Armee. Seite 2 Mittwoch, 29. Jänner 1936 Nr. 24 tionale und bürgerliche Bewußtsein cm. B e i uns erwachten— vor allem dank dem Verdienst der hussitischen Revolution i— die breiten Schichten des kleinen Handwerks in den Städten und das bäuerliche Volk auf dem Lande zu aktivem Leben, während gleichzeitig im benachbarten Deutschland die breiten Volksmassen noch im Schlafe des„nicht aktiven", von einer dünnen feudalen Schicht beherrschten Elements liegen. Auf das Kommando dieser Schicht zog sich das Volk, ohne wirklich bürgerliche und nationale Seele» gegen die tschechischen Ketzer. Es konnte nicht anders ausfallen als es ausfiel. Die von einem revolutionären Gedanken erfaßte Nation hatte eine ungeheure Uebcrmacht, die sich mit Notwendigkeit auch auf dem Schlachtfelde zeigen mußte. Später wiederholte sich dasselbe in der großen französischen Revolution. Gegen die fortgeschritteneren französischen Bürger genügten die„Untertanen" der Obrigkeiten und Monarchen ganz Europas nicht. ZiIka und Napoleon konnten militärische Genies an der SpitzOvon nationalen und sozial fortgeschritteneren Heeren werden. Nicht einmal die Katastrophe am Weißen Berge konnte diesen tschechischen nationalen Borsprung beseitigen. Im Gegenteil, die Geschichte der letzten Jahrhunderte zeigt die wirkliche Kraft der Demokratie. Durch die Konfiskationen nach dem„Weißen Berg" war das Volk an den Bettelstab gebracht. Dadurch, daß die tschechischen Großgrundbesitzer in die Hände von Fremden kamen, wurde uns die Grundlage genommen, auf welcher in der neuesten Zeit die Industrie entstand. In dieser Beziehung waren wir unaussprechlich gehandicapt. Das Großgrundbesitz-Kapital wurde zur Basis einer nichttschechischen wirtschaftlichen Entfaltung im Lande. Und doch triumphierte in Böhmen zum Schluß das tschechische Element— durch die Kraft seines größeren demokratischen Geistes. Das war seine Waffe und sein Mittel. Es wäre notwendig, das tschechische Voll hierin mit dem polnischen, ungarischen oder auch russischen vor dem Kriege zu vergleichen. Alle diese Völker hatten ihren„patriotischen" Adel, welcher für das Voll dachte. Aus seinem großen Vermögen gründete er verschiedene kulturell« Institutionen. Aber trotz all dieser Millionen, welche er für die nationale Kultur gab, blieben das polnische, ungarische und russische Voll weit hinter dem tschechischen zurück, soweit es um Bildung und politisches Bewußtsein ging. Bis zum Weltkrieg waren die Volksschichten dieser Nationen gegenüber unserer Landbevölkerung geradezu Schläfer, die oft nicht einmal wußten, wie sie wirklich heißen. Man muß also nicht einmal an irgend eine besondere Begabung unseres. Volles denken, die «S bewirkte, daß wir ein'harter Dämm in der mächtigen deutschen Flut sind., Das Geheimnis liegt darin, daß wir in der Gesamtentwicklung der europäischen Menschheit immer bemüht waren, ein Stück vorun seren Nachbarn vorauszusein- Darin liegt ein gewisses Gesetz unserer Geschichte und das sollte ein Gesetz unserer Politik in der Zukunft sein. Die Entlpicklung der Menschheit und Europas bleibt im 20. Jahrhundert nicht stehen. In Europa entstehen neue Ideale, man strebt eine weitere Vervollkommnung, eine weitere Demokratisierung der Gesellschaft an. Es ist nicht möglich, daß das tschechoslowakische Voll von dieser Bewegung unberührt bleibt. Es darf nicht und wird sich sicher nicht auf den sturen Standpunkt stellen: Ich habe meinen Staat und was außerhalb seiner Grenzen liegt, interessiert mich nicht. Die Basis unserer politischen Philosophie muß eine andere sein: Unsere Selbständigkeit wurde uns von einer weiteren Etappe der Demokratisierung in Europa gebracht, welche jene Gebilde liquidierte, die dieser Entwicklung nn Wege standen. Unsere Zukunft ist davon abhängig, ob wir die Interessen unserer und der fortchreitenden Entwicklung zu vereinigen verstehen werden. Bis-^ her haben wir eS verstanden. DaS half uns, im Kampfe mit dem mächtigen Nachbarn zu bestehen. Eine vorteilhqfte militärische Grenze ist eine gute Sache. Der beste Wall aber ist— als Voll sozial vollkommener und entwickelter zu sein als die Nachbarn. Das ist das Vermächtnis und die Weisung unserer Geschichte. MllltBrliefferiingen und Nationszugehörigkeit Das Einschreiten des Abg. Gen. Taub Auf Grund der Zeitungsmeldungen über die Bedingungen, die bei der Vergebung von Militärlieferungen gestellt werden, ist Abgeordneter Taub im Ministerium für nationale Verteidigung eingeschritten, wo ihm seitens des Ministeriums folgende Informationen gegeben wurde: Das Ministerium für nationale Verteidigung muß bedingungslos daran festhaüen, daß militärische Lieferungen ausschließlich an solche Unternehmer vergeben werden können, deren positives Verhältnis zum Staate gewährleistet ist und deren Arbeitnehmer loyale Staatsbürger sind. Irgendwelche nationalistische Tendenzen sind dem Ministerium für nationale Verteidigung dabei vollkommen fremd. Dem Ministerium für nationale Verteidigung ist bekannt» wie schwer durch die Wirtschaftskrise insbesondere di« Randgebiete unseres Staates betroffen sind, und es ist deshalb bemüht» bei staatlichen, insbesondere militärischen Lieferungen diese Gebiete entsprechend z« berücksichtigen. Das Ministerium für nationale Verteidigung vertritt aber die Auffassung, daß die nationale Zusammensetzung der Beamten und Arbeiter in allen Unternehmungen, denen Militärlieferungen vergeben werden, dem natio- nalen Verhältnis in dem bet reffenden Gebiete entsprechen soll. Das Ministerium für nationale Verteidigung verlangt keineswegs, daß zur Herbeiführung dieses Verhältnisses augenblicklich irgendwelche Entlassungen vorgenommen werden. Es gewährt zur Herbeiführung des vorangeführten Verhältnisses in nationaler Beziehung einen Zeitraum von zwei Jahren, eine Frist, die aber in allen Fällen auchbulänfl'ert werden kann-^Daiö Ministerium für nationale Verteidigung verlangt nur, daß bei Aufnahme neuer Kräfte in national gemischtsprachigen Gebieten ein Augenmerk auf entsprechend befähigte Bewerber tschechoslowaki- scher Ration genommen werde. Das Ministerium für nationale Verteidigung muß eine Regelung ganz besonders dort anstreben, wo offenkundig uNd provokativ die Leitung des Unternehmens sich weigert, berechtigten Forderungen nach Aufnahme von Beamten tschechoslowakischer Nationalität zu entsprechen. Das Ministerium für nationale Verteidigung vertritt die Auffassung, daß die Armee eine Armee der gesamten Bevölkerung ohne Unterschied der Nation sein mutz, in der nationalistische An in e r k u n g der Redaktion': Der Geschichtsbetrachtung Dr. Slaviks wären vom sozialistischen Standpunkte Manche Einwände entgegenzuhalten. Die Wegleugnung des schützenden Einflusses des böhmischen Grenzwalles ist z. B. keineswegs überzeugend, nachdem die Tschechen in dieser Periode den stärkeren Nachbarn keinen besonderen"kulturellen oder sozialen Vorsprung entgegenzusetzen hatten. Faszinierend ist dagegen der Grundgedanke des Aufsatzes, daß das tschechische Volk. seine militärischen und politischen Erfolge in der Geschichte durch die demokratische Aktivierung des kleinen Mannes errungen hat. Er enthält gleichzeitig die prägnanteste Erklärung der Mißerfolge aller deutschbürgerlichen nationalistischen Bewegungen und ein Todesurteil gegen die Totalitätspolitik Hillers und Henleins. Momente keine wie immer geartete Rolle spielen dürfen. M Es ist zu begrüßen, daß das Ministerium für nationale Verteidigung in der Information, die dem intervenierenden Genossen Taub zuteil wurde, wenigstens zugibt, daß bei militärischen Lieferungen die durch die Krise besonders hart hergenommenen Randgebiete unseres Staates berücksichtigt werden müssen, und daß in der Armee nationalistische Momente keine wie immer geartete Rolle spielen dürfen. Wertvoll ist auch die Zusicherung, die dem Genossen Taub gegeben wurde, daß derzeit irgendwelche Entlassungen deutscher Arbeiter oder Angestellter nicht werden vorgenommen werden. Trotzdem ist d i e A n t- wort des Mini st eri um s nicht völligbefriedigend, weil man nicht weiß, wie dieser Erlaß in Zukunft gehandhabt werden, wird. Es müßte Grundsatz des Ministeriums für nationale Verteidigung werden, in allen Arbeiter- und Angestelltenfragen das* Einvernehmen m i t d e n O r g a n i s a t i o n e n derAr- beiterundAnge st eilten zu suchen, wie es in allen demokratischen Staaten üblich ist und wie es von anderen Ressorts auch bei uns gehandhabt wird. DaS Ministerium für nationale Verteidigung ist die.Institution des demokratischen Staates und muß alles, was es unternimmt, im demokratischen Einvernehmen mit den betroffenen Schichten der Bevölkerung tun. Hoffentlich wird dieser Gesichtspuntt bei künftigen Erlässen des Ministeriums Berücksichtigung finden. Mehr Vermittlungen durch die öffentlichen Arbeitsämter Das Bemühen, durch vermehrte Jnvesti- tions- und Notstandsarbeiten Beschäftigung für die Arbeitslosen"zu wersürgen, getgtnfich"irrbent fetzt vorliegenden Bericht der öffentlichen Arbeitsvermittlungsanstalten. Im Gebiet der Reichenberger Landeszentrale, welcher 47 solcher Anstalten unterstehen, wurden im Jahre 1938 zusammen 527.470 Arbeits- und Dienststellen gemeldet und es konnten 493.603 Vermittlungen erzielt werden. Gegenüber den beiden vorangegangenen Jahren bedeutet dies eine Steigerung um 26.471, bzw. um 55.557, nach den Beobachtungen der Anstallen hauptsächlich infolge der öffentlichen Arbeiten.. Welche Arbeitsleistung die Aemter zu vollbringen hatten, geht daraus hervor, daß im Laufe des Jahres nicht weniger als 1,768.883 Anmeldungen von Bewerbern und Bewerberinnen um Beschäftigung erfolgten, die in Evidenz geführt und kontrolliert werden mußten, wobei berücksichtigt werden mutz, daß. die Zahl der Meldungen ein Vielfaches der Arbeitslosenzahl beträgt. Ule StraBensubventionen für 1936 Prag. Die 16. Tagung des Straßenrates befaßte sich mit dem Bericht über die für 1936 projektierten Regulierungen auf den staatlichen Straßen. Nach diesem Programm soll das Land Böhmen 85 Millionen K£ für die Regulierung der Staatsstraßen erhalten, Mähren-Schlesien 22.2 Millionen, die Slowakei 15 Millionen und Karpa- thorußland 4 Millionen, zusammen demnach 76.2 Millionen KL Dieses Programm wurde mit der Ergänzung genehmigt, daß im Falle von Ersparungen im Lande Böhmen vor allem an die Beendigung der Regulierung der Roßhaupter Staatsstraße gedacht werde, die unsere internationale Ausfallslinie nach Südöeutschland und nach den westlichen Staaten bildet. Weiter wurde der Bericht über die Verteilung der zur Subventionierung von Ausbesserungsarbeiten auf den nichtstaatlichen Straßen bestimmten Gelder behandelt. Rach dem vom Ministerium für öffentliche Arbeiten borgeschlagenen Schlüssel soll vor allem ein Betrag von 18 Millionen Ki für Verbesserungsarbellen auf gesamtstaatlich wichtigen Straßen, insbesondere für die Verbindungen des Landes Mähren-Schlesien mit der Slowakei reserviert werden. Von den restlichen 72 Millionen KL sollen auf Böhmen 43.7 Millionen, auf Mähren-Schlesien 16.8 Millionen, auf die Slowakei 10.2 Millionen und auf Karpathorußland 1.8 Millionen enffallen. Lenst Prag. Die Dienstagsitzung des Senates befaßte sich mit einigen kleineren Vorlagen, die durchwegs ohne Debatte angencmmen wurden. Es handelte sich um einen Initiativantrag über die Strafbarkeit des Wilddiebstahls in der Slowakei, der bisher nur von den Verwaltungsbehörden und meist mit einer bloßen Geldstrafe geahndet wurde; nunmehr wird der Wilddiebstahl analog wie in den historischen Ländern bestraft werden. Weitere Vorlagen betrafen einen Vertrag mit Ungarn über den Fischfang in den Grenzgewässern, einen Vertrag mit Rumänien über die Aufteilung der Waisenkassen in den Grenzbezirken sowie ein Zusatzprotokoll zum Handelsvertrag mit Polen. Dann wurden die Wahlen in den Jnkcmpatibilitätsausschuß und in die Kommission zur Kontrolle der Vermögensabgabe durchgeführt.. Der eigentliche Zweck der Sitzung war die Auflegung der aus dem Abgeordnetenhaus kommenden Gesetzentwürfe über die Dividende n st e ue r, die Essigsäure- und Backpulver- steurr/dre den Ausschüssen zugewiesen wurden. Nächste Sitzung Mittwoch um 14 Uhr. Masaryks Geburtstag— Staatsfeiertag. Dienstag wurde im Senat der von allen Koali- tipnsparteien eingebrachte Gesetzantrag aufgelegt, wornach der 7. März, der Geburtstag des Prä- sideNten-Pefreiers T. G. Masaryk, zum alljährlichen Staatsfeiertag erklärt werden soll. Die Begründung besteht aus einem einzigen Satz:„Der 7. März soll als Staatsfeiertag erklärt werden, auf daß alle kommenden Geschlechter und namentlich die Jugend in den Schulen immer wieder des Befreiers des tschechoslowakischen Volkes und Staates gedenke." Der Antrag wurde dem Jni- tiativausschuß abgetreten. UNSER GESICHT 61 Roman von Karl Stym Copyright by Bugen Prager-Verlag, Bratislava Das Lachen füllt das Totenzimmer bis zum letzten Winkel. Die Luft ist voll Wahnsinn. Ich reiße die Jalousien auseinander. Hell flutet die Sonne herein und mit ihr ein furchtbares BUd. Im Fenster gegenüber steht der Häuer Saurer und lacht. Alles an ihm lacht. Das brennrote, verzerrte Gesicht, die wirren Haare und die flatternden Kleider um den hageren Körper. Die Luft um ihn herum lacht. Saurer ist wahnsinnig— Unten im Hof stehen Menschen. Viele. Das Lachen hat sie aus ihren Wohnungen getrieben. Sie haben die Köpfe geduckt, als drücke sie das Lachen nieder. Das ist das Ende— Wir warten. Auf etwas Furchtbares. Das wird das letzte Gute aus uns herausreißen. Saurer verkörpert unser Gesicht: Hart, kantig, mit kohlenkranken Augen. Jetzt wütet der Wahnsinn darin. Eine tote Neugierde ist in mir, wie gestern, als mein Freund im Sterben lag. Was wird der Mann dort, dem der Wahnsinn das Blut verbrennt, beginnen?—' Jäh bricht das Lachen ab. Saurer sieht einen Moment lang vor sich hin, als besinne er sich auf etwas. Dann springt er vom Fensterbrett ins Wohnungsinnere zurück. Die Köpfe im Hof unten heben sich. Graue Gesichter starren auf das leere Fenster. Sie warten, wie ich— Vom Wald herunter fallen unheimlich lange Schatten. Sie greifen und zucken nach den grauen Gesichtern. Es sind dies die spitzen, wahnsinnigen Krallen des Waldes. An den Häuserwänden flackern Licht und Schatten im närrischen Durcheinander. Überall Wahnsinn— Unheimlich toter, erstickender Wahnsinn. Kein Atem, kein Lufthauch stört ihn. Jeder horcht seinem eigenen Blute nach, wartend, bis es auch brennt. Wir sind alle verloren, wenn nicht etwas geschieht. Irgend etwas— ein Schrei schießt hoch, wie eine Flamme aus hundertfachem Leben. Saurer hockt wieder auf dem Fensterbrett. In den verkrampften Händen hält er seinen kleinsten Jungen. Das Kind schmiegt sich ahnungslos an das verzerrte Gesicht seines tollen Vaters. Mit teuflischer Langsamkeit schiebt der das Kind von sich. Seine rotunterlaufenen Augen weiden sich an der armseligen Liebe seines eigenen Fleisches. Die kleinen mageren Händchen fassen verlangend zum Gesicht zurück. Ein schmales, zartes Stimmehen ruft:„Vati!“ Das Sümmchen reißt ein Loch in die wahnsinngefüUte Luft. In den starren Hof kommt Bewegung. Ein Reiben und Schieben beginnt Im Hause gellt eine Stimme: „Hilfe!— Mein Kind, Hilfe!“ Die ersten neben dem Hause laufen durch die Türe. Stiegen knarren, Entsetzensrufe gellen. Dann fassen einige Armpaare zugleich nach Saurer. In diesem Moment läßt der Wahnsinnige das Kind fallen. Ein Schrei— klein und armselig— Ich schließe meine Augen. Poltern und Schreien brüllt durchs Fenster zu mir herein. Dann eine Stimme, grell, sich selbst fressend: „Kameraden!— Hunde, Schufte!— Die Welt verreeckt! — Verreeeckt! Unsere Kameraden sind tooot! Tooot! Jetzt kommen die Riiiinderrr! Alle— werft sie aus den Fenstern!— Hinaus! Bringt die Weiber um Aaahoo!“ Das Schreien geht in würgendes Gurgeln über. Dann ist es still. Unheimlich still. Vor dem Haus, auf dem schmutzigen Pflaster, liegt ein Weib. Sie bohrt den Kopf in eine kleine Leiche hinein. Mutter und Kind— hingeworfen vom wahnsinnigen Leben. Aus dem Haustor tragen einige Kameraden den Saurer. Seine Hände hängen schlaff herunter. Für einen Moment sehe ich in das Gesicht Tiefe, schwarzblaue Augenhöhlen unter einer verbeulten Stirn, eine spitze Nase, aus dem schaumnassen Munde kommt ein Wimmern. Ein kleines, hilfloses Kinderwimmern. Unser Gesicht stirbt— Ich gehe an Peters Mädchen vorbei aus dem Zimmer, die Stiege hinunter, stoße mich durch puppensteife Menschen durch. Die helle Sonne tut mir weh. Sie lacht über mich. Hinter dem letzten Haus draußen lehne ich mich an den Gartenzaun. Ich möchte lachen. Genau so, wie Saurer gelacht hat Eine Kinderstimme trifft mein Ohr. Blitzartig zeichnet diese Stimme ein Bild vor mich hin: Eine niedrige, blutdunstige Halle. Ein Schlachthaus. Darin steht Rind an Rind mit großängstigen Augen. Vorne, am Eingang, stehen zwei wildgesichtige Menschen mit langen Messern. Ein Rind neben dem anderen geht in eines der langen Messer hinein. Plötzlich kommt durch ein kleines Fensterchen unter dem Plafond eine leise, unendlich zarte Musik zu den sterbenden Rindern herein. Musik von draußen, von sonnigen Weiden und blauem Himmel. In die tränenden Rinderaugen stiehlt sich ein schwachergebenes Leuchten. Und sie gehen in die Messer— — ich drehe mich um. Auf einem Sandhaufen spielen zwei Jungen. Sie bauen einen Tunnel. Kinder spielen!?— Drüben frißt der Wahnsinn ihre Eltern. Warum spielen sie hier?— Sie sollten doch zur Waschlache hiiiunterlaufen und hineinspringen. Dort ist viel Wasser. Kaltes, tötendes Wasser. Mehr als ihre kleinen Mägen fassen können. Und doch, warum sollen sie nicht spielen! Sie sind ja noch Kinder!— Sie nässen spielen!— Etwas steigt in mir hoch. Zaghaft zuerst, aber immer stärker werdend. Ich hatte es zwei Tage lang schon völlig verloren gehabt: Hoffnung. Mitten in aller Verzweiflung beginne ich zu hoffen. Die zwei hellen Stimmen dort in den kleinen Körpern werden stark werden und die kleinen Körper voll Kraft. Sie werden bauen, die starken Stimmen und kräftigen Körper, an einem neuen Gesicht— Ende—— Nr. 24 Mittwoch, 29. Jänner 1936 Seite 3 tfudetendeutsdier Zeitepic^ef „Ein inncrlldi kranker und morscher Körper LandbUndler-Urteil Ober die SdP Die„Deutsche Landpoft" beschäftigt sich in einem langen Aufsatz mit„KB und S d P", mit dem„unheimlichen Einfluh" näm lich, den der Kameradschaftsbund auf die SdP ausübt. Aus dem bemerkenswert scharfen Urteil des deutschagrarischen HauptblatteS über die Henleinpartei und deren KB-„Scheinloge" sei Nachstehendes zitiert: „Die Opposition innerhalb der Partei ge^en die Methoden des KB ist besonders in den letzten Monaten sehr gewachsen und ringt nach politischer Gestaltung und Geltung. Alle Ausschlüsse aus der Partei erfolgen schlagartig und überraschend und jedermann weih, daß solche Exekutionen stets gegen Leute vorgenommen werden, die sich irgendwie gegen den KB ausgesprochen haben oder sich eine Kritik an einem Mitglied des KB erlaubten. Unter diesen Umständen ist daö allgemeine B e r t r a«« n in der Partei den schwer- sten Erschütterungen ausgesetzt. Dir Erkenntnis gewinnt immer mehr an Boden, daß der KB der Totengräber der SdP ist und die Beseitigung des KB-Systems überhaupt die Boraussetzung zur Gesundung und Erhaltung der SdP bildet. Die Spannungen nehmen von Tag zu Tag mehr den Charakter einer Vertrauenskrise gegenüber einem gewissen Kreis in der Führung an.. Die Unzufriedenheit in der SdP ist auch rein sachlich und psychologisch erklärlich. Die Partechat keinen nationalen und keinen sozialen Standpunkt und bewegt sich in einem Nebel von verschwommenen Schlagwörtern. Sie hat sowohl das Programm der nationalen Selbstverwaltung iiber Bord geworfen, wie sie anderseits an dem sogenannten„Altaktivismus" kein gutes Haar läßt. Henlein tritt in seinen Reden einen nationalen Rückzug nach dem anderen an, wirft sogar mit Schlagworten gegen den„P a n g e r m a n i s- m u s" um sich und reicht den Juden ein Bonbon. In sozialer Beziehung stehen in der SdP Bauern, Arbeiter, Gewerbetreibende, Angestellte und Industriellen nebeneinander, aber es istkein Programm da, um die ständischen Interessen und Gegensätze in Uebereinstimmung zu bringen. Di« Partei gibt jedem und allen recht, indem sie ständische Unterabteilungen gründet und von diesen Entschließungen und Anträge ausarbeiten läßt, die dem betreffenden Stand angenehm sind."Auf diese Weise entstehen innerhalb der Partei mehrere lleine Standesparteien, die aber praktisch keine Bewegungsfreiheit und Auswirkung haben, weil die Gesamtpartei selbst keinen Standpunkt und kein Programm hat. Das Schlagwort von der„Volksgemeinschaft" reicht in diesem Falle nicht zu, um den v o l l st ä n d i g e n Mangel einer großen sozialpolitischen L i n i e zu verdecken. Zusammenfassend kann man sagen, daß die SdP in ihrer heutigen Form wohl ein riesiger Organisations- und Agitationsapparat ist, daß sie aber, sowohl was das persönliche Vertrauen innerhalb ihrer Führung und zwischen Führung und Anhängerschaft, wie auch das nationale und soziale Programm betrifft, nicht nur ein unfertiger, sonder« sogar rin innerlich kranker und morscher Körper ist. Die Enttäuschung, die insbesondere unsere deutschen Bauern in der SdP erleben werden, kann daher nicht ausbleiben. Es dreht sich nur um den Zeitpunkt, bis die Erkenntnis heranreift und das Volk genügend Aufllärungs- unt Anschauungsunterricht erhalten hat. Monsterprozeß in Eger 24 Angeklagte freigesprochen Zwei bedingt verurteilt Am 8. April 1933 hatten die Hakenkreuzler versucht, in Doglasgrün(im Bezirke Elbogen) einzudringen. Sie veranstalteten eine Versammlung, zu der sie die Besucher sogar in Autobussen heranbrachten. Die Arbeiter, die davon erfuhren, beschlossen ebenfalls hinzugehen, so daß sich 806 Menschen vor dem Gasthaus ansammelten, die keinen Einlaß fanden, weil ft<* die Hakenkreuzler darauf beriefen, daß es sich um eine 8-2-Ver- sammlung handle. Angesichts der gefahrdrohenden Situation verbot die Gendarmerie die Ab- haltung der Versammlung. Auf dem Heimwege w irden dann der als Referent ausersehene nationalsozialistische Professor H a ß m a n n aus Elbogen schwer verletzt, ebenso wurde ein anderer Hakenkreuzler verprügelt. Auf Grund dieser Vorfälle erhob der Staatsanwalt gegen 26 Arbeiter, davon 21 Sozialdemokraten und fünf Kommunisten, die Anklage, u. zw. gegen zwei Beschuldigt« wegen schwerer Körperverletzung, gegen zwei weitere wegen öffentlicher Ge- walitätigkeit und schwerer Körperverletzung, gegen die andern wegen Auflaufs und unbefugten Eindringens in«ine Versammlung und schließlich gegen einen Genossen wegen Veranstaltung eines nicht bewilligten Aufzuges der R. W. Am Dienstag fand vor dem Kreisgericht in Eger die Schlußverhandlung statt. Den Sozialdemokraten stand Rechtsanwalt Dr. Henisch aus Neudeck zur Seite, den Kommunisten war als Verteidiger Dr. Rotschild aus Reichenberg beigestellt worden. Das Gericht sprach lediglich zwei Kommunisten schuldig, von denen es aus Grund des teilweisen Geständnisses als erwiesen annahm, daß sie bewaffnet in einen Hof eingedrungen seien und dort einen Hakenkreuzler verprügeü hätten, und^verurteilte den einen zu sechs Monaten schweren Kerkers, bedingt auf zwei Jahre, den andern zu 24 Stunden strengen Arrests, bedingt auf ein Jahr, Alle übrigen Angeklagten wurden f r e i- gesprochen, weil ihnen die zur Last gelegten Handlungen nicht nachgewiesen werden konnten. Wenzel Jaksch: Arbeiter und Volk Ein Buch, das jeder denkende Sozialist lesen muß KC 24.—•. Für Parteigenossen Sonderrabatt Zentralstelle für das Bildung*wesen, Prag XII., SlezskA 13 * Demnächst erscheinen: Emil Franz el: Abendländische Revolution Otto Bauer: Zwischen zwei Weltkriegen? Verlag E. Prager, Bratislava Erfreuliche Entwicklung unserer Konsumgenossenschaften An die hundert Vertreter der deutschen Konsumgenossenschaften Mähren-Schlesiens versammelten sich Samstag und Sonntag im Arbeiterheim Mährisch-Ostrau-Pkivoz zu ihrer Kreisverbandstagung. Die Anzahl der dem Kreisverbande angeschlossenen Genossenschaften fielen in dem Zeitraum 1925 bis 1936 von 60 auf 39, während die Anzahl derBerteilungsstellen von 225 auf 325 anstieg. Im selben Zeitraum stieg die Mitgliederzahl von 51.511 auf 52.110. Der Umsatz konnte um rund 9% Millionen auf 89,555.000 Kc gesteigert werden. Im gleichen Zeitraum wuchsen die Reserven von 2,287.000 KL auf 3,411.000 KC, die Geschäftsanteile von 4,961.000 KL auf 6,205.000 KL und die Einlagen der Mitglieder von 18,700.000 KL auf 28,938.000 KL— Wohl der beste Beweis dafür, welch großes Vertrauen die Mitglieder den Genossenschaften entgegenbringen. Der Schwarze Tag von Rumburg. Alfred P o h.l, Arbeiterstandsvertreter der SdP im Hainspacher Bezirk, ist aus der Sudetendeutschen Partei a u s g e t r e,t e n. Er hatte, so schreibt die„Rumburger Zeitung", in der Rumburger Versammlung zur Einigung und zum Frieden gemahnt. Die Aufführung des Vorsitzenden des Klubs der Abgeordneten und Senatoren der SdP, Abg. K. H. Frank, der seine Freunde und Bekannten aus früherer Kampfzeit mit„Matz Braun" und„Separatisten" beschimpfte, machte ihm ein weiteres Verbleiben in der Partei unmöglich. Eindeutig sozial! Zur SdP-Tagung in Karlsbad, in welcher Konrad Henlein sprach, stellten sich nach der Zählung verläßlicher Gewährsmänner nicht wenige rals siebzig Fabrikanten ein. Ihnen zu Ehren trat als Redner auch Walter Wannenmacher auf, den die Herren ja gut als bürgerlichen Handelsredakteur kannten und mit Freuden als Leiter des Hauptblattes der„eindeutig sozialen SdP" begrüßten. Augenzeugen versichern, daß Henlein gespannt lauschte und daß der Beifall der Siebzig von Herzen kam., Wird Henlein vor Hacker kneifen? Eine Einladung zur Diskussion Sonntag fand in Eger eine gut besuchte Versammlung des Landbundes statt, in welcher der neue Parteiobmann Hacker referierte. Einleitend brachte er seinen Zuhörern einen Briefwechsel zur Kenntnis, der für die weitere Oeffentlichkell von Interesse ist. Die Ortsgruppe Eger der SdP hatte Hacker in einem Schreiben ersucht, ihren„Bauernführer" Hauptmann K u m p e r t als Gegenredner über das Thema: „Der richtige Weg für die Besserstellung des sudetendeutschen Landvolkes" zuzulassen. Darauf erllärte sich Hacker in einem Antwortbrief bereit, mit Konrad Henlein persönlich eine Diskussion über das Thema: Der richtige Weg für eine Besserstellung des sudetendeutschen Volkes zu führen. Die Aussprache mit einem anderen Bevollmächtigten oder Vertreter Henleins lehnte Hacker ab. Die SdP ließ dieses Angebot unbeantwortet. Es ist bezeichnend, daß Henlein bisher überall, wo es brenzlich war, einen seiner Unterführer vorgeschickt hat. Warum weicht Henlein jeder Diskussion aus? Hat sein allmächtiger Generalstab wohl Angst, daß in solchem Falle die Ideenarmut des obersten Führers allzu peinlich zur Schau gestellt würde? Nach unserer Erfahrung halten wir es für gänzlich ausgeschlossen, daß Henlein den Mut aufbringen wird, einem politischen Gegner offen Rede und Antwort zu stehen. Der sudetendeutsche Messias hat sich offenbar ganz daran gewöhnt, vor politischen Mamelucken zu reden, welche pflichtschuldigst die seichtesten Phrasen mit Heil- gebxüll quittieren. Die Sudetendeutsche Volkshilfe in Aussig hielt es für notwendig, den„Sozialdemokrat" der falschen Berichterstattung zu zeihen, weil er die Art der Sammlungen, wie sie von den Nachbetern Henleins durchgeführt wird, unter die Lupe nahm. Es wird der Borwurf erhoben, daß damit der Firma Schicht und ihrer Arbeiter- und Beamtenschaft bei der Kontingentzuteilung Nachteile entstehen. Wenn diese Behauptung richtig wäre, dann wären wahrlich nicht die Sozialdemokraten, sondern einzig und allein jene Faktoren schuld, welche die Bestimmungen der Sammlungsbewilligung zu umgehen versuchen. Der Oeffentlich- keit wird eingeredet, die angeblich strenge Untersuchung habe die Haltlosigkeit unserer Behauptung, daß Betriebsleiter der Firma Schicht bei ihren Arbeitern kassieren, einwandfrei ergeben. Es ist daher nochmals notwendig, die Tatsachen festzustellen:- Der Herr Betriebsleiter Kromvholz ließ durch den Vertrauensmann der SdP den in seinem Betriebe beschäftigten Arbeitern Spendenerklärungen einhändigen, auf welchen die Uebernahme des Monatsbeitrageö für die SBH. von ihm eigenhändig bestätigt war. Wenn dies keine Betriebssammlung sein soll, dann ist es unerfindlich, weshalb ans diesen Erklärungen zunächst auch der Name des Arbeitgebers angeführt war und warum dann diese Erklärungen rasch durch solche»mgetauscht wurden, auf welchen der Name der Firma wegblieb? Wurden also die dem Herrn Betriebs- Fisch tragen wird. Die Oberangler(!) erhalten auch am Kragen noch ein Wzeichen. Ab morgen Abkühlung? An der Bordersette einer erttfernten Druckdepression über dem Ozean wird unseren Gegenden noch andauernd warme Luft auS dem Südwesten zugeführt. In den Niederungen wurden Dienstag nachmittags in der ganzen Republik plus 6 bis 9 Grad, im Osten pluS 10 bis 12 Grad verzeichnet. Gleichzeittg breitet sich aus den baltischen Staaten sehr langsam kalt« Luft in der Richtung gegen Mitteleuropa auS. Mtttwoch dürfte in unseren Gegenden noch ziemlich warmes Wetter herrschen, in den wetteren Tagen muß jedoch bereits mit einer fortschreitende» Abkühlung gerechnet werden.— Wahrscheinliches Wetter von heute; Andauer der unbeständigen und mäßig warme» Wetters. Ziemlich bewöllt, hie und da etwas Regen. Auf den Bergen wieder ein wenig wärmer bei auf« frischendem- Südwestwind.,— Wetteraussichten für Donnerstag: Vorwiegend bewöstt, zeitweise Niederschläge, allmähliche Abkühlung, Nr. 24 Mittwoch, 29. Jänner 1936 Seite 5 s Romain Rolland Zu seinem siebzigsten Geburtstag am 29. Jauner 1936 Krieg flammte in Europa, als dem Notar Rolland in dem burgundischen Städtchen Clamech am 29. Jänner 1866 ein Sohn geboren wurde. Krieg tobte durch die Welt, als der Lehrer der Musikgeschichte an der Universität Paris, der Biograph, Dramatiker und Romancier R o- main Rolland, durch seine Manifeste an die Völker, seine Taten im Geist der Menschlichkeit eine international berühmte, von Millionen Men- schen geliebte Gestalt wurde. Krieg droht an allen Ecken und Enden der Erde, als der greise Dichter den Westen, der seine Stimme nicht mehr hort, verläßt und in Sowjetrutzland ein« neue Heimat findet. Das Leben und das Werk Romain Rollands sind eine gewaltige dramatische Symphonie, im Geist der Musik gelebt und nur aus dem Geist der Musik voll zu berstehen. Jedes Land Europas ist ein Instrument in dem gewaltigen Orchester, das die ungeheure Komposition dieses heroischen Menschendaseins spielt. Im Hause des Vaters lebt noch das Feuer der französischen Revolution. Die Dramen Shakespeares entflammen den jungen Rolland. Die Musik Beethovens wird und bleibt sein höchstes künstlerisches Erlebnis. Rom schenkt ihm in der Gestalt der weisen, gütigen Malvida von Mevsenburg die beste, mütterlichste Freundin. Und aus Rußland, aus Jasnajä Poljäna, komnit, als Antwort auf einen verzweifelten'Brief, inm.der Hand Leo T o st o j s jene--Schreiben an den„lieben Bruder", das den am Sinn der Kunst irre gewordenen jungen Rolland wieder aufrichtet und seinem ganzen Schaffen die Richtung gibt mit der Forderung, daß Werke der Kunst nicht um der Kunst, sondern um des Menschen willen geschaffen werden mögen. Awei Themen beherrschen diese Lebenssymphonie. Sie klingen immer wieder auf, bekämpfen einander, übertönen einander: die klirrende Fanfare des Krieges, der Zerstörung alles Geschaffenen in Blutrausch und Kanonendonner, und die machwolle Melodie friedlicher Zusammenarbeit und fruchtbarer Gemeinschaft aller Böller. Alle Konflikte, die in den Dramen und Romanen Romain Rollands gestaltet werden, sind nur Variationen des urweltlichen Gegensatzes zwischen brutaler Gewalt und Herrschaft des Geistes. Zwischen allen Begriffen und Erscheinungen, die einander im Werk Romain Rollands ringend entgegentreten, besteht dieselbe Spannung: Nationalismus— Internationalismus; Triumph der Macht— Menschlichkeit; Kapitalismus— Sozialismus. Es liegt in der musikalischen Struktur des Werkes Romain Rollands, daA es weniger analytisch, als synthetisch, weniger kritisch, als wegweisend und aufbauend ist. Es will Manifest sein, es scheut den Borwurf der Lehrhaftigkeit nicht, denn es gilt in diesem Werk ja die Menschheit das Höchste zu lehren: die Menschlichkeit. Um die Idee möglichst deutlich in Erscheinung treten zu laffen, wächst eS manchmal ins Allegorische. Die Dichtung, in der Romain Rolland seine Gedanken über Krieg und Frieden, Kapitalismus und Proletariat, Egoismus und Menschheitsinterefse am klarsten und sinnfälligsten ausgesprochen hat, «Lilüli", ist ein symbolisches Ideendrama, das sich dem Theater der Wirklichkeit entzieht. Dem Theater der Wirklichkeit hat Romain Rolland eine lange Reihe von Stücken geschenkt, die zum größten Teil Themen aus der französischen Revolution behandeln:„Die Wölfe", „Danton",„Der 14. Juli",„Spiel von Tod und Liebe",„Trr Triumph der Vernunft". Sie sollten das Repertoire eines„Theaters des Volkes" aufbauen helfen. Das Theater des Volkes blieb, wie viele andere'edle Pläne Rolands, ein unerfüllter Traum. Als das Grauen des Weltkriegsgewitters vorübergezogen war, ging Romain Rollands pazifistisches Drama aus dem Burenkrieg„Die Zeit wird kommen" über alle Bühnen: Flammender Appell an die Menschheit, die Zeit, da das Schwert regiert, nie tmederkehreN zu laffen. Die vernichtenden GewiffenSzweifel des menschlichen Menschen in den Zeiten des Krieges hat Rolland in seinem„Clerambault" mit einer Beispielhaftigkeit gezeichnet, die diesem Buch zeitlose Bedeutung sichert. Aus dem, Krieg 100 so 80 60 SO 40 Japan schürt weiter Aggressivität Mandschukuos gegen die Mongolei Hsingking. Der Außenminister des mandschurischen Staates hat der mongolischen Regierung telegraphisch die Forderung nach sofortiger Ent-. fernung der mongolischen Truppen von der Grenze übermittelt. Begründet wird dieses Verlangen mit angeblich bewußten Grenzverletzungen in drei Fällen. Meldungen aus der r mongolischen Stadt Ulanbator, die in Moskau eingelaufen sind, melden jedoch umgekehrt neue provokatorische Grenzverletzungen seitens m a y d s ch u r i s cher Truppen, hinter denen die Japaner stehen. Am 22s Jänner traf eine japanisch-mandschurische Abteilung auf drei Äststautos mit fünf Reserveautos beim mongolischen Grenzposten Tschingischan am See Cha- ranchur, 25KilometervonderGrenze entfernt, ein, eröffnete Geschützfeue r( I)' und begann sich unter dem Schutz dieser Beschie-, •feunfl dem Grenzposten zu nähern. Infolge des energischen Widerstandes der mongolischen Grenzwache zog sich die mandschurische Abteilung in der. Richtung der Grenze zurück, wobei sie einen Toten und ein leichtes Geschütz zurückließ. Auf ihrem Rückzug nahm die mandschurische Abteilung zwei mongolische Soldaten mit, über deren Verbleib nichts bekannt ist.' Vie die Polen in veutschiand behandelt werden Warschau. IN einer in Kattowitz stattgefuN- denew Beratung des Verbandes zum Schutze der Westmarken Polens wurde festgestellt, daß die Schikanen, der deutschen Behörden gegenüber den Polen hauptsächlich auf dem Gebiete des Oppelner Schlesien in der letzten Zeit an Umfang z u- genommen haben. Das Erbhofgesetz und das Gesetz über die allgemeine Arbeitsdienstpflicht drohen die gänzliche Entnationalisie- rungder polnische»Bevölkerung in Deutschland herbeiznführen. Der Kongreß nahm eine Resolution an, in der die polnische Regierung zur energischen Intervention in Berlin zwecks Bef-; serung der tragischen Situation der Polen in Deutschland aufgefc-rdert wird. Oelfiever in Amerika.(E. B.) Die Neu- tralitätsbill hat den Kongreß Noch-Nicht passiert, die Regierung hat jedoch bereits den" O e l st r u st s zu berstehen gegeben, daß sie die Ausfuhr nach den kriegsführenden Ländern, mit anderen Worten nach Italien, nicht gern sieht. Die Oelmagnaten kümmern sich jedoch vorläufig ziemlich wenig um diese Regiermigsempfehlung. Inden Oelgebieten der Bereinigten Stadien herrscht'' gegenwärtig ein förmliches Fieber- Oel wird in gewaltigen Mengen eingekuUft, was bereits zu einer Preishauffe auf dem Anlandsmarkt geführt hat. Italien zahlt mit Bargeld, und die' Oelkonjunktur hat Ausmaße erreicht, die an die Zeit der Prosperity erinnern. Das Oel wird meistens auf norwegischen Schiffen transportiert. Im Zusammenhang mit dieser Konjunktur ist die Stimmung'in PittSburg und anderen Oelgehieten gegenüber der Neutralitätsbill und insbesondere gegenüber eine/ strengen Fassung ziemlich kühl. Diese Stimmung hat sich bereits in die Kongreßäusschüffe, die sich gegen-, wärtig mit der Bill beschäftigen, übertragen. Rumänien und die Oelsanktion. Die rumänische Presse beschäftigt sich sehr lebhaft mit der Frage der Oelsanktionen. Die faschistischen Blätter führen eine heftige Kampagne gegen das Pc-., troleumembargo, mit der Begründung, daß das Land..unter der Einstellung dieser Lieferungen schwer leiden müßte. Die demokratischen Blätter machen demgegenüber geltend, daß Italien zahlungsunfähig sei und an Rumänien bereits 800 Millionen Lei schulde. Die„Dimineata" spricht sich für die Anwendung der Sanktionen aus, wenn die Opfer auch noch so groß seien, weil dies eine wertvolle Sicherung gegen, einen eventuellen späteren Krieg bedeute. erwuchs ihm seine dichterisch schönste Erzählung „P e t e r u n d L u tz", di« Geschichte zweier junger Menschen, die bei einem Luftangriff aus Paris in einer einftürzenden Kirche getötet werden. Die Welt ist Menschenwerk, und wer sie begreifen will, muß in die Seele des Menschen dringen. In einer Reihe biographischer Werke hat Romain Rolland das Leben Michelangelos, Tolstojs, Beethovens gezeichnet. Die. Größten des Geistes, die Meister der Kunst, sie. sind bei Rolland nicht Giganten, sondern nur leidende Menschen. Nicht aus heroischem Selbstbewußtsein, nichts aus Weltherrscherpose, sondern nur aus Leid wächst jene menschliche Größe, die den Weg des Lebens bestimmt. Um Frucht zu tragen, muß auch das Herz des Menschen, wie der Leib der Erde, von der Pflugschar des Schmerzes aufge- riffen werden. Zwischen diesen Büchern, Intermezzo zwischen zwei Schlachten, liegt der heitere Roman „M e i st e r B r e u g n o n", ein Buch, das in seiner überströmenden Lebensfülle an de Costers „Till Uilenspi«gel" erinnert. Wie eine Kuppel über einem Dom, ein schneeleuchtender Gipfel über einem Meer von Bergen, ragt Über dieses Werk ein Roman, der nichts anderes unternimmt, als die Geschichte einer guten Seele zu sein und die Synthese Europas: der„I o h a n n C h r i st o f". In drei Bänden klingen die Stimmen dreier Ländßt auf: Deutschlands, Frankreichs, Italiens, Der Held ist, es wäre sonst kein Buch von Rolland, Musiker; er ist Beethoven, er ist Mozart, er ist Hugo Wolf. Auch dieses Buch ist eine Symphonie: drei Themen werden angeschlagen, drei Melodien in heiterer Verklärung zu einem gewaltigen Akkord geeint: Europa. Dem„Johann Christof" hat Rolland später in einem Zyklus von Frauenromanen„Die verzauberte Seele" ein Gegenstück folgen laffen. Er hat ihn nicht mehr erreicht. Wer den Namen Rolland ausspricht, denkt dabei an Johann Christof; wenigen Dichtern ist das Glück be- schieden gewesen, in einem großen Werk den ganzen Umfang: ihrer Welt, den ganzen Inhalt ihrer Ideen, die ganze Fülle ihrer Seele zu gestalten. „Johann Christof ist der Roman Europas; seinen Dichter hat der Freund und Biograph Rollands, Stefan Zweig, das„Gewiffcn Europas" genannt. Der Brief aus Jasnaja Poljana hat nicht nur dem Dichter Rolland, er hat auch dem Menschen für immer die Richtung gewiesen. Neben dem schriftstellerischen Werk Romain Rollands steht ein unübersehbares lebendiges Werk menschlicher Hilfsbereitschaft. Nicht nur im Krieg, als Rolland den Briefwechsel der Gefangenen aller Länder mit ihren Angehörigen in der Heimat vermittelte, auch vorher und nachher, immer ist er helfender Freund, besorgter Berater aller derer gewesen, die in ihrer Not und ihrem Kummer zu ihm gekommen sind. Panait I st r a t i, den rumänischen D>chi«r, stnt er der Welt entdeckt, und als Mittler großer Gedanken hat er als erster oen Namen Mahatma G h a n d i s in Europa bekannt gemacht. In den letzten Jähren ist eS still gewordey um Romain Rolland. Der Feind, den er besieg Beinahe„ausgestiegen Bei einem Hindernisrennen in Melbourne(Victoria, Australien) wäre der Jockei(rechts im Bilde) beinahe„ausgestiegen". Er konnte abe; wieder den Sattel gewinnen und das Rennen durchstehen. wähnte, der Ungeist des Kriegs, die Tollwut, des Chauvinismus, sind wieder auferstanden und auch Rolland mag erkannt haben, daß es auf die Dauer nicht möglich ist, sich mit Worten der Schwerter zu erwehren. So ist er, der oftmals in seinen Manifesten die„Sozialisten aller Länder" aufgerufen hat, nach Sowjetrußland übersiedelt; dem Land, das der Erfüllung seiner Ideale näher ist als die übrige Welt. Er hat damit kundgetan, daß. er, wie kurz vor ihm Thomas Mann, zu der UeberMlgung-gelanst:*istr auch der- bürgerliche Mensch,-der für Friede» und Humanität kämpft, kann heute nur im Sozialismus seine geistige Heimat finden. Daß das Dritte Reich die Bücher Romain Rollands auf den Scheiterhaufen geworfen hat, ist nur selbstverständlich. Für einen Dichter der Menschlichkeit ist in den Bücherschränken und Gehirnen faschistisch regierter Länder kein Platz. Und nicht für einen Kämpfer, dem „Bolt" nie ein nebelhafter Begriff zur natio- nalisttschen Sinnesverwirrung, sondern immer nur die Bezeichnung für die friedliche, arbeitende unsere Brüder sind". „Wir kennen nicht einzelne Völker, sondern nur das Volk, das eine unmittelbare Volk, das leidet und kämpft,, fällt und sich wieder erhebt und dabei doch immer vorwärts schreitet auf einem schweren Weg in Blut und Schweiß — dieses Volk aller Menschen, die alle, alle unsere Br ü d e r sind". Noch starrt die Welt in Kanonen. Wieder sind an allen Enden Brandstifter am Werk, um das Haus in Flammen zu setzen, das das große Volk der Menschen sich errichtet hat. Aber über ihre Köpfe hinweg fliegt, als ewige Fahne, donnernde Fanfare, das Wort des Menschen, dem Leben Kampf für die größte Idee der Menschheit bedeutet: Das Wort vom Frieden. Die Zeit wird kommen... F r itz R o s e n f e l d. 20 1929 »>»i— Goldwert ♦♦♦♦♦♦♦ Goldpreise Menge Dieser graphischen Darstellung entnimmt man, daß zwar der Menge nach der. Rückgang des Welthandels einigermaßen aufgehört hat, daß aber der Welthandel dem Wert« nach auf einer katastrcphal-niedrigen Stufe sich befindet. Die ganze Größe der Krise wird aus dem obigen Diagramm offenbar. i A fv ua ry V* A 1 tj w«J \\ f\ fl • La< H• 1* 1 a <7 l \ l|\ • \/ \/ A. ■ ♦ \ 11* \1 V• V W ♦ •»„ ♦♦♦ Seite 6 „Sozialdemokrat* Mittwoch, 29. Jänner 1936. Nr. 21 Kroger Rötung Präs steckt voll Automaten (M. P.) Ten bekannten Spruch Goethes— Frankfurt steckt voll Merkwürdigkeiten— kann man in Prag auf die im Titel angegebene Devise verändert!. Ja, es stimmt, ileberäll, wo uns eine winzige kleine Ecke nur ein wenig Raum bietet, dort wird ein Automat,, ein Milchbüfett oder eine andere Einrichtung derselben Sorte und Gruppe eröffnet. Nicht nur am Wenzelsplatz, wo das bunte und reiche, recht belebte Hin und Her der Menschen in Wogen ununterbrochen vor sich geht, sind die Automaten voll von verschiedenen, immer aber hungrigen stunden, auch jene„automatisch" eingerichtete Maststätten in den kleineren Straßen, ja selbst Automalen in ruhigen Gassen haben ihre ständige und treue Kundschaft. Der Präget ist immerhin Gewohnheitsmensch, er gewöhnt fich an„seine" Zeitungsfrau, an„feine" Tabaktrafik, er gewöhnt sich an„seinen" Automat, wo er täglich entweder morgens Kaffee trinkt oder abends eine Portion Gulasch speist. Das verflossene Jahr hat fast eine Automatenepidemie gebracht und wo nur das Auge hinfällt, dort erblickt er fein ausgeschliffene Buchstaben BUFFET oder AUTOMAT, die über leuchtenden, großen Glasscheiben lustig glänzen. Nur ein Stand sieht es mit Bitterkeit und einer steigenden Unlust— die Gastwirte. Fast ein Drittel der Prager Wirtschaften hat die Lokale schon lange geschloffen, eine große Reihe läßt nicht lange mehr auf sich warten.• Eine bange Stille herrscht unter den Gastwirten, hauptsächlich unter den kleinen, denn es fehlen ihnen die großen Mittel und Möglichkeiten,.welche die Automatenbesitzer ins Geschäft geworfen haben. Fast über Nacht erscheinen in Prag, neue und neue Büfetts mit einer vollkomnenen Einrichtung, die auch gleich zahlreiche Gäste lockt. Für die Gast- wirtschasten gibt es keine Hoffnung für die Zukunft, man kann ruhig behaupten, daß sich Schatten der Dämmerung über die einst so lustigen und angenehmen ,^ut bürgerlichen" Gasthäuser senken. Kindesleiche im Koffer. Vorgestern abends fand eine Frau in der Bahnhofstraße in Smichow auf dem Boden ihres Hauses im Koffer i^res 19jährigen Dienstmädchens Barbara Karas die Leiche eines etwa sechs Wochen alten Kindes weiblichen Geschlechtes.■ Die Leiche war in ein geblümtes Kleid eingewickelt. Als die Karas in der Nacht nachhause kam, wurde sie sofort verhaftet und aufs Polizei- kommiffariat geführt. Sie ist geständig. Die Kindesleiche wurde ins Institut für gerichtliche Medizin gebracht. Tie Staatöbahndirrttion Prag veranstaltet folgende Fahrten: Vom 31. Jänner bis 4. Feber ins Adlergebirge für XL 205.—, in die Beskiden für XL 275.— und ins Riesengebirge für XL 220.— Vom 8. bis 16. Feber in die Hohe Tatra für XL 560.—; am 1. und 2. Feber einen Motor-Sonder- zug nach JgtzirnnWad fstr XL 78.—. Anmeldungen nimmt das Referat für AuSflugszüge im Basar neben dem Wilsonbahnhof, Tel. 883-35, und auf dem Väclavskä nsun. Nr. 60, Tel. 350-55, entgegen. Bruderliebe bis zum Geldsack Prag. Ein recht kurioser Fall beschäftigte gestern den Sttafsenat Beck, vor welchem sich vier Brüder wegen falscher Zeugenaussage zu verantworten hatten. Es ist eine Tragikomödie brüderlicher Hilfsbereitschaft, die freilich ihre Grenzen hatte, wo das Interesse des Geldbeutels betroffen war und schließlich einen unerquicklichen Ausgang nahm. Es ist schon ziemlich lange her. daß fich der Vorfall ereignete, der den Anstoß zu den späteren Verwicklungen gab. Am 12. Oktober 1933 unternahmen die vier Brüder Franz, Vladimir. Ladislav und Josef K. einen Autoausflug in der Richtung Böhmisch-Brod. Es bestehen beträchtlich« Altersunterschiede zwischen ihnen, der älteste. Franz K.. ist Bauingenieur und hat das vierzigste Lebensjahr überschritten, der jüngste ist ein 24jährigcr Student. Besitzer und Lenker des Wagens war der 32jährige Ladislav K. Während der Fahrt überliest dieser seinem ältesten Bruder Jng. Franz K. auf dessen Bitte den Platz am Steuer, obwohl Jng. Franz K. erst chauffieren lernte und keinen Führerschein besaß. Unter der Lenkung dieses mangelhaften Motoristen geschah es nun, daß das Auto in der Ortschaft Roftoklaty eine Radfahrerin anfuhr unipzum Sturz brachte. Das Mädchen erlitt Verletzungen am Kopf und am linken Bein und die Gendarmerie erhob die Anklage gegen den Auwlenker wegen Uebertretung gegen die Sicher- heitdesLebens— besser gesagt, gegen den, welchen sie für den Lenker hielt. Denn als solchen erklärte sich in brüderlichen Opfermut der Besitzer des Wagens Ladislav K., der für seinen Bruder Ina. Franz K. in die Bresche sprang. Di« vier Brüder hatten nämlich gleich nach dem Unfall einen. Kriegsrat abgehalten und beschlossen. den führerscheinlosen Bruder von der Verantwortung zu entlasten da sie mit gutem Grund annahmen. daß dieser eine schwerere Strafe zu gewärtigen gehabt hätte. So bestätigten sie denn unisono vor der Gendarmerie, wie auch vor dem Bezirksgericht in Böhmisch-Brod, daß den Wagen der Bruder Ladislav gelenkt habe,, der denn auch mit fünf Tagen Arre st hestraft wurde. Da indeffen außer dem Strafverfahren auch die Schadenersatzansprüche der verletzten Radfahrerin gerichtlich anhängig gemacht wurden, begann es den aufopfernden Ladislav zu reuen, daß er voreilig die Schuld auf sich genommen und sich damit auch finanziellen Ansprüchen ausgesetzt hatte. Er legte Berufung ein und gestand im Berusimgsverfahren reumütig, er und seine Brüder hätten zuerst unrichtige Angaben gemacht, nm ihrem ältesten Bruder zu helfen. Damit aber batten sie sich des Verbrechens des Betruges(durch falsche Zeugenaussage) schuldig gemacht, dessen sie die Staatsanwaltschaft auch an- llagte. Das Gericht verurteilte die Angeklagten(bis auf den jüngsten Bruder, dem eine Teilnahme an dem sonderbaren Kompwtt nicht nachzuweisen war) zu je drei Monaten Kerker bedingt. Von der Ueberttetung gegen die Sicherheit des Lebens'ist Ladislav in zweiter Instanz inzwischen freigesprochen worden, und zwar nicht nur deshalb, weil er nicht am Steuer gesessen hatte, sondern auch deshalb, weil nach den Feststellungen des Berufungsgerichtes die Ursache des Unfalles im Platzen eines Reifens lag und der Lenker des Wagens strafrechtlichnicht als schuldig angesehen werden könne. Ladisiav K. wäre also in zweiter Instanz unter allen Umständen freige- 'sprochen worden, so daß ihm seine reumüttge Enthüllung nicht nur nichts genützt, sondern drei Monate Kerker zugezogen hat. rb. Sozialistische Jugend. Kreis Prag Gruppe Zentrum, Gruppe Wrinberge-Smichov, Gruppe Holleschowitz Dahresvollversammlunsen Mittwoch, den 29. Jänner 1936, um 8 Uhr abends in den Grupprnheimen. Tagesordnungri. Arbeitsberichte, 2. Po- lttischeS Referat, 3. Neuwahlen, 4. Freie Anträg» und Ausblick. Xunst unck Wissen- Ns» ihr wollt Das Deutsche Theater(Kleine Bühne) kam uns gestern, nach längerer Pause, wieder einmal shakespearisch mit„Was.ihr wollt*. Was ihr wollt, d. h. was ein gutes Publikum will, ist— so dachte richtig der größte aller Dramatiker— volkstümliches und dabei phantasievolles Theater, Heiter-Naives mit leise mitschwingenden stttlich-erzieherischen Obertönen, ernsthaft Menschliches in bunter Gewandung. Scherz mtt tieferer Bedeutung. Und so, als F a st n a ch t s s p i e l voll sinnlichen und sinnigen Unsinns, der die kleinem und großen menschlichen Schwächen und Leidenschaften und die Menschen selber durcheinanderpurzeln läßt, ist insbesondere„Was ihr wollt" auf» zufassen und zu spielen. Launen der Natur, zufällige und absichtsvolle Bttwkchsküngbtt führen bei Shakespeare immer mehr als zu bloßem Utt und! Spaß, enthüllen Charaktere und mit liebenswürdigem Spott und mildem Verzeihen wird dem Zuschauer, ohne daß er es recht mertt, ein moralisches Gewichtchen aufgebürdet, das er'lächelnd heimträgt, weil ja, wie er glaubt, nicht er törichter Verliebtheit. aufgeblasener Eitelkeit, hohler und feiger Windbeutelei fähig ist, sondern nur eben die Olivien, die Malvolios, die Junker Bleichenwang... Und so, als launig-lustiges, romantisch-poetisches Spiel, ging gestern wirklich dieser Shakespeare in Szene. Die„neue Faffung", zu der sichHansRothe bemüßigt fühlte, hat in diesem Falle der entzückenden Dichtung glücklicherweise wenig Abbruch getan; beffer,„moderner" ist sie durch den Bearbeiter nicht geworden, brauchte und vermochte sie nicht zu werden- hie und da ist ein Strich nun breiter gezogen, das Musikalische sympathisch unterstrichen, manches sprachlich zurechtfrisiert, nicht immer ohne Sinn, manchmal aber auch zu Schaden des Worts. Kurzum: Härte man„Was ihr wollt" wiederum nach Schlegel gespielt, so wäre der große Erfolg, den die Aufführung erzielte, bestimmt nicht kleiner geworden. Und ein ausgesprochener Erfolg war eS. Julius Gellner inszenierte mtt feinstem Geschmack innerlich und äußerlich(hier durch das Bühnenbild von FrankSchultes sehr stilvoll unterstützt), schattierte vorbildlich das Lyrische, das seelisch Zarte um den sonnigen" Scherz, ließ musterhaft alle Charaktere hervortreten und gegeneinander spielen und war sichtlich auch um möglichste Sauberkeit im Sprachlichen bemüht. Und ebenso hohes Lob wie der Regiffeur verdient das Ensemble der Darsteller. Stärkste Wirkung erzielte—' und darum sei er als erster verzeichnet— Hans Götz als Malbolio; es ist geradezu erstaunlich, wie dieser Künstler, der lebenslänglich dazu bestimmt(man möchte beinahe sagen: verurteitt) erscheint, den Charmeur und Bonvivant, den Galant und Elegant zu spielen, diese groteskkomische Shakespeare-Figur überlegen und feinsinnig nachzeichnet, wie er in der scheinbaren Soloszcne des Malvolio Wort um Wort, Satz um Satz, Geste um Geste aufbaut; ein besonderer Spaß, für den näheren Kenner der Führerge- stalten unseres Theaters, wie Götz Tonfall und Sprechart eines unserer ersten Theatermänner(und auch ersten Schauspieler) humorvoll und doch ohne zu verletzen nachahmt. Ein ganz verfluchter Kerl auch der Ritter TlBias des Herrn Volker; das ist tatsächlich in Haltung und Mimik, in Wort und Spiel«in Herr von Rülp, der sich aber auf die große Kunst versteht, im Allerderbsten, das er hemmungslos gestaltet, nicht ordinär, sondern nur vulgär und Immer mit todsicherer Wirkung auf die LachmuS- keln zu wirken. Schmerzen re ich— um zunächst Wetter bei den Herren zu bleiben— spielt den Junker Christoph(den Hans Rothe unerfindlicherweise in einem Ritter Andreas verwandelte) dega- giert dämlich, Padlesak und Brix vertreten überaus liebenswürdig die beiden seelenadeligen Aiänner, WalterTaub hott aus dem Narren, den der Bearbeiter vergeblich intereffanter zu gestatten versuchte, das Möglichste heraus, B a l k und Stadler bemühen sich um die Episoden des Antonio und des Fabio. Unter den Damen verdient die blutjunge Inge Waern(Viola) als erste genannt zu werden, weil- wiederum starkes Ta- lent zu verspüren war, ein manchmal wundersames Lächeln, manchmal ein herzerfrischendes Aufjauchzen der fast noch kindlichen Stimme; und wenn auch hie und da der Ausdruck des Gesichts und die Wie- dergabe des Worts noch zu wenig plasttsch erscheinen, zuweilen sogar Leerlauf im eigenen Miterleben durch die Darstellerin einzutteten droht, so ist doch der Gesamteindruck überaus günstig. In Schönhett und vornehm spieü Marion Wünsche die Olivia, mtt wirkungsvoller Drafttk, freilich zu Uebertteibungen neigend, Lotte Stein die Marie. Uebertteibungen und Teuipoverschleppungen, die fich aber bei Wiederholungen leicht auSmerzen ließen(und vielleicht mehr von den Darstellern als von der Regie herrühren), schmälerten ein wenig, in den letzten zwei Akten, den Erfolg, ohne ihm aber insgesamt fühlbar Abbruch zu tun. Das Publikum ging bis zum Schluffe begeistert mit, brach wieder- hott in Szenenapplaus aus und führte viele viele Vorhänge, herbei. Hocherfreulich, daß sich unsere Bühne nun auch mit Shakespeare einen Ehrenabend schaffte, dem wir recht viele Wiederholungen vom Herzen wünschen. L. G. Nussiger Stadwertretuug kündigt den Brttrag mit dem Theaterdirrktor Huttig. Die Auffiger Stadtvertretung hat beschlossen, den im Jahre 1934 mit dem jetzigen Theaterdirekwr Huttig abgeschlossenen Berttag zu kündigen, um eine neue Fassung des Verttages unter besonderer Berücksichtigung der geldlichen und sachlichen Leistungen der Stadtgemeinde bei Zugrundelegung der Subventionen an die Direktion durchzuführen. Die Forderung der Direktion, ihr den Betrag der Subventionen einfach für den Betrieb zu überlassen, ohne die Zuwendungen der Stadt zu kürzen, wurde mit Rücksicht auf die geldliche Lage der Stadt abgelehnt. Bei den Beratungen wurde von unseren Genoffen ausdrücklich erklärt, daß dieser Beschluß sich nicht gegen das Theater oder gegen die Angestelltenschaft richtet. Der Beschluß soll lediglich Verhandlungsmöglichkeiten schaffen mtt dem Ziel, die bisher der Stadt gewährten Subventionen in irgend einer Weise zu realisieren. Die Stadt Auffig kann in Rücksicht auf ihre Finanzlage und die Arbeitslosen, auf den für diese Post im Voranschlag eingesetzten Betrag von 50.000 XL nicht verzichten und höhere Aufwendungen für das Theater nicht machen. Die Stadt Aussig wendete bisher jährlich weit über 1 Million XL für das Theater auf.. Seit dem Jahre 1929 wurden alle Subventionen der Stadtgemeinde zugewiesen. mit Ausnahme von 30.000 XL, die aus bin Erträgnissen der Rundfunkgebühren direkt der jeweiligen Direftion übermittelt wurden. Die Bürgerlichen haben diese Angelegenhett als ein Politikum aufgezäumt. In ihren Argumentationen lttßen sie sogar die Drohung durchblicken, daß mtt einer eventuellen Sperrung des Theaters zu rechnen ist. Die Auffiger Stadtverwaltung wird alle Vorkehrungen krrffkn, dckß vntth kefif ibiß Immer'geEttÜZ Mitno» per di« Interessen de» Auffiger Kullurinstinnes be- einträchligt werden. Del« Lipinskaja wiederholte bei ihrem Gastspiel im Neuen Deutschen Theater größtentells das Programm, das sie vor zwei Monaten schon in der Kleinen Bühn« zum Vortrag gebracht hatte, damals durch das Fehlen ihres ständigen Klavierbegleiters, diesmal durch die Größe des Raums beeinträchtigt, den ihre intime Kumt nicht immer zu füllen vermochte— und den auch das Publikum nur notdürftig fülltt. Die sprachlich-musikalische Begabung, die lebendig pointierende und doch nie übertreibende Vortragskunst der Lipinskaja erntete auch diesmal wieder begeisterten Beifall, dec die Künstterin zur Zugabe ihrer beliebtesten Nummern nötigte. Aber eS wäre zu wünschen, daß fie bis zum nächsten Wiedererscheinen an eine Erneuerung ihres schon allzu bekannten Programms denkt. Mtt dem .Fiakerlied" allein ist es nicht getan.—eis— Spirltzlan des Neuen Deutschen Theaters. Mittwoch, halb 8 Uhr: Katarina Jsmaj- l»w a, B 2.— Donnerstag, halb 8: D ie u n enr- schuld i gte Stunde, Erstaufführung, CI.— Freitag, halb 8: Eine Ra chtin V enedig, D 1. — Samstag, halb 7: Tristan und Isolde, GastspielA.my Konetzni, A2. Spielplan der Kleinen Bühne. Mittwoch, 8: Annasagtnein.— Donnerstag, 8: WaSJhr wollt.— Freitag, 8%: Das unbekannte Mädchen, volkstüml. Vorstellung.—• Samstag, 8: Was Jhrwollt. Marlene Dietrich als„Rote Zarin"(Katharina H.) Bezirksorganisation Prag der deutsche« sozialdem. Arbeiterpartei Freitag, den 31. Jänner 1936, im großen Saale des Gewerkschaftshauses, Prag L» Perstyn, um acht Uhr abends Wei-MMeWWUlW Referent: Genosse Abgeordneter Wenzel I a k s ch. --Die tschechoslowakische Demokratie vor neue« Aufgaben". Vorträge Neber„Baugenossenschaften in der Krise" spricht Donnerstag, den 30. Jänner, um halb 8 Uhr abends im Vortragssaal des Ministeriums‘üt soziale Fürsorge(Prag II., Palacky-Platz 4) Genosse Senator F. Modräket. Eintrttt frei. Der Dkm Fra« In Fesseln Richtiger hieße der Film„Die Frau auf Teilung", denn es handelt sich darum, daß dtt Privatsekretärin eines Schiffsreeders erst für ein paar Jahre den Chef heiratet, der sich um ihretwillen scheiden ließ— und dann doch in die Arme deS jüngeren argentinischen Pferdezüchters zurückkehrt, den sie kurz vor ihrer Heirat auf einer Schiffsreffe kennen und lieben gelernt hatte. Sehr aufregend ist das nun gerade nicht, und wenn nicht der Regiffeur Clarence Brown die Szenen auf dem Schiff und auf der argentinischen Ranch abwechslungsreich gestaltet hätte, dann wäre dieser Hollywood-Film ganz in der Langweiligkeit des durchschnittlichen Gesellschaftsfilms versunken. Daß Joan Crawford«ine ausdrucksvolle und ehrgeizige Darstellerin ist. wissen wir, aber wenn sie uns schwimmend, reitend, weinend und strahlend in immer neuen Kostümen gezeigt und zum Star gestempett wird, dann ist daß mehr als ihrer Wirkung bekömmlich ist. Clark Gable ist wieder ausgezeichnet in seiner krafwoll beherrschten Männlichkeit, während der andere Partner Otto Krüger nur vornehm ist.—eis-^ üu& der Sortel Bezirksverein„Arbeiterfürsorge", Prag. Freitag, den 31. Jänner, um 7 Uhr abends im Odborovy dum wichtige Ausschußsttzung. Ilereinsnackricßten- Der beliebte Faschingsball beS Klubs deutscher Buchdrucker i« Prag findet 1. Feber, 8 Uhr abends, |tm Deutschen Handwerkerverein, Smetschkagafse. statt. Urkomisches Mitternachtsprogramm. Musikkapelle Papert. Eintritt 13 XL einschlttßlich Steuer. „Der Kongreß tanzt", Maskenball der Union der Geschäftsreisenden und Bertteter, am 8. Feber d. I. im Steinersaal des Lidovh düm, Prag H., HybernSskä 7. Reklamationen und Tischvormerkunge» im Sekretariate der Union, Prag U., Na Zbotenct Nr. 18. 8248 Der tradisionelle Angestellten-Ball der Ortsgruppe Prag des All-A-Ver findet cm 29. Feber (SamStag) im Heinesaal statt. Reklamationen an die Ortsgruppenleitung, Prag II., Füg» nerovo näm. 4. kilme in Prager Lichtspielhäusern Urania:„4>/r Musketiere".(Szakall, Wallburg, Verebes, Husar-Puffy).— Adria:„Dtt Festung der Verfluchten". Fr. Annabella.■— Alfat „Die Kreuzritter". A. de Mille.— Avion:.Katharina die Letzte". D. Franziska Gaal.— B 36 Kotva:„DasPrivatleben desPeter Binogrado w". R.— Beranek:„Die Brautschau der Nanny Kulich". Tsch.— Fenix:„Die rote Zarin". A. Marlene Dietrich.— Flora:.Königin Christine". A. Greta Garbo.— Gaumont: „Ein Ruf in die sibirische Nacht". Tsch.— Hollywood:„Eine Seefahrt, die ist lustig".— Hvizda: Mickey-Programm.— Juli-:„Janosik". Regie: FriL. Tsch.— Kinrma: Journale, Groteske, Reportage.%2—%7.— Koruna:„Die Schatten von Sing-Sing". A.— Lucerna:„Frau in Ketten". Clark Gable, I. Crawford. A.— Metro:„Die selige Exzellenz". D.— Olympic:„Musikus Florian". D.— Passage:„Katharina— die Letzte". Franziska Gaal. D.— Praha:„Maskerade". Paula W e s l e l h. D.— Radio:„Die Brautschau der Nanny Kulich. Tsch.— Staut:„Königin Christine. Greta Garbo. A.— Svitozor: „Jäno-ik". Regie: FriL. Tsch.— Alma:„Königin Christine". Greta Garbo. A.— Bejkal: „Königin Christine". Greta Garbo. A.-?- Belvedere:„Einer zu viel an Bord". D.— Beseda: „Episode". Paula Wes s e l y. D.— Carlton: „Die Brautschau der Nanny Kulich".— Illusion: .Königin Christine". Greta Garbo. A.-- Lido ll:.Königin Christine". Greta Garbo. A.— Macr-ka:„Pygmalion". D.— Roxy:„Die Brautschau der Nanny Kulich". Tsch.— Sport- Smichow:„Mazurka". Pola Negri. Regie: Forst, Bezugsbedingungen: Bet Zustellung ins Haus oder bet Bezug durch die Post monatlich XL 16.—. vierteljährig XL 48.—. halbjährig XL 96.—. ganzjährig XL 192.—.— Inserate werden laut Tarif billigst berechnet- Bei öfteren Einschaltungen Preisnachlaß.— Rückstellung von Manuskripten erfolgt nur bei Einsendung der Rewurmarken.— Die Zeitungsfrankatur wurde von der Poft» und Tcle- graphendirektton mtt Erlaß Nr. 13.800/V1I7193Q bewilligt.— Druckerei;«Orbis". Druck». Verlags» und Zeitungs-A.»G- Prag.