■ Ur. 139. Abomumeitts- Kedingungen: «bonnemenlZ-Preis pränumerando: «llierteljährl. SLV Mr.. monatl. I.lvMl.. wöchentlich 2S Pfg. frei tnS Haui. Einzelne Nummer S Pfg. SonnlagZ» Nummer mit illustrierter Sonntag»- Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Post» Abonnement: 3,30 Marl pro Quartal. Eingetragen in der Post- Zettiing»- Preisliste für 1899 unter Dr. 7880. Unter«reuziand für Teutschland und Oesterreich»Ungarn 2 Marl, für da» übrige Ausland 3 Marl pro Monat, «rschrink läglich nutzer»onkng». Vevliner VolKsblakt. 16. Jahrg. Die Insertions- Gebühr beträgt für die sechSgefpaltene Kolonel« zeile oder deren Raum so Pfg., für politische und gewerlschaftliche Vereins- und Versammlung«-Anzeigen 20 Pfg. „Kleine Anzeigen" jedes Wort 5 Psg. n ch s e s zn legen, um die„Neigung zum Züchtigen" erst gar nicht sich ausbilden zri lasse». Nur eins befürchten wir: Männer von so vernünftigen Ansichten, wie jener Mann im KnltnSmiinstcriuin fallen in Preußen nur zu häufig der reaktionärer Meute zum Opfer.— Die Acnstermig dcS Kaisers über die ostclbischen Arbeiter- w o h u n Ii g e n im Verhältnis zu den S ch w e i n e st ä l I e n hatte bckainitlich in der konservativ-agrarischen Presse sehr verschnupft und war verschiedentlich als ungenau, übertrieben, mißverstanden und dergleichen hingestellt worden. Die„Elbingcr Zeitung", von der jene Aenßennig in die Leffentlichkeit gebracht worden war, hält ihre Mitteilungen jedoch ausrecht. Sie schreibt: .Wir betonen, daß wir die Aeußerungen Sr. Majestät mit stenographischer Genauigkeit wiedergegeben haben, daß wir unscru Bericht in vollem Umfange auf- recht erhalten und uns von keiner Seite etwas davon abhandeln lasten. Unser Gewährsmann ist noch sicherer informiert als der der«Kreuz« Zeitung" und ganz nnansechtbar. Von„Irrtümern",„ganz unaiigebrachtcu politischen Ervricruilgcn".„auf eine größere Entsernuiig etwas gehört haben" kam« gar icinc Rede sein. Deutlicher zn werden haben wir keine Leraulassiiug. Die Sache ist für uns erledigt. Der.Gewährsmann" der„Elb. Ztg." ist in der That un- anfechtbar, wenn er, wie die wcftprcnßischen Blätter behaupten,— die Frau L a n d r a t v. E tz d o r f ist, mit der der Kaiser eben jene Unterhaltung geführt hat. Thronfolge in Koburg-Gotha. AuS Gotha wird vom Freitag gemeldet: Im gemeinschaftlichen Landtage erklärte in Vcr- trctnng des abwesenden Ministers v. Strenge Staatsrat Schmidt, daß sich Minister v. Strenge auf Befehl des Herzogs nach England begeben wird, nnr mit den Beteiligten die Behebung der in der Thronfolge hervorgetretenen Schwierigkeiten zu betreiben. Bei dem gegenwärtigen Stande der Dinge sei es nicht möglich. Aufklärung über die Angelegenheit in öffentlicher Sitzung zu geben. Vertrauliche Mittcilnügcn wird der Landtag Sonnabend in einer geheimen Sitzung in Empfang nehmen. ES scheinen übrigens Bestrebungen im Werke zu sein, irgend einen preußischen oder sonstigen deutschen Prinzen auf den Gothacr Thron zu bringen. DaS freisinnige„Gothaische Tageblatt" schreibt:„Wir verspüren durchaus keine Neigung. nnS— ivaS ja doch der zwar unausgesprochene, aber unzweifelhaft vorhandene Wunsch der„Auch-Natioiialen" ist— irgend einen deutschen Prinzen, dessen ganze Qualifikation zum Herrschcrberufe nach Ansicht jener Leute voraussichtlich dach bloß nach feiner Dienstzeit in einem Berliner oder Potsdamer Garde-Regiment de- mcsicn werden sollte— als zukünftigen LandeSvater aufoctrohicren zu lasten.... Und wenn alle Stricke reißen und~ was aber völlig ausgeschlossen erscheint— jeder der berechtigten Agnaten auf die Erbfolge verzichten oder nicht befähigt sein sollte, diese zu über- nehmen,— wer sagt denn den„auchnationalen" Ratgebern, daß es gerade ein hochgeborener Prinz sein muß, der die Regierung unseres Landes zu übernehmen habe? Im Notfalle können wir uns auch eine Zeitlang oder auch auf die Dauer ohne einen Souverän behelfen, ohne daß dadurch unsere Ver- pflichtuugen gegenüber dem Deutschen Reiche auch nur um ein Jota zu'knrz kommen werden. Der Hamburgische Staat zählt mehr als noch einmal so viel Einwohner, als das Herzogtum Koburg- Gotha und vermag ohne ein Fürstenhaus auch zu existieren, des- gleichen auch die übrigen Hansestädte und das noch viel größere Reichsland. Die Gothaer sollten doch wirklich bedenken, daß noch so mancher Prinz unterzubringen ist. Wir eriimem z. B. an den Fürsten Adolf von Schaiiniburg-Lippe, von dem die Sage geht, daß er gern bereit ist, irgendwo deutscher Landesvatcr zu werden. Also vorderhand kann von etwaigen UnabhängigkeitSbestcebungen absolut nichts werden.- Pensionierung älterer Richter. In der.Deutsch. Juristen- zeitung" veröffentlicht der Berliner Amtsgerichtsrat Dr. Aschrott eine Abhandlung über die Pensionierung älterer Richter anläßlich der Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuchs. Er hält die untere Alters- grenze voir 65 Jahren für zu hoch gegriffen und befürwortet, daß man den Richtern, die 60 Jahre und darüber alt sind, wenigstens ge- statten solle, mit der gewöhnlichen Pension in den Ruhestand zu treten, ohne daß sie den Nachweis der Dienstnnfähigkeit zu erbringen brauchen. Es würden dann zu unterscheiden sein: a) Richter bis zu 69 Jahren; mau verlangt von ihnen die Einarbeitung in die neuen Verhältnisse, falls sie mcht den Nachweis der Dienstunfähigkeit erbringen; b) Nichter von 60—65 Jahren, sie können sich ohne diesen Nach- weis mit ihrer gewöhnlichen Pension zur Ruhe setzen; c) Richter über 65 Jahre, sie erhalten bei ihrer Versetzung in den Ruhestand drei Jahre ihr volles Gehalt weiter und dann ihre gewöhnliche Pension. Die Ausgaben, welche durch eine derartige Erweiterung der Entwürfe entstehen würden, sollen nach dem Verfasser nicht sehr bedeutend sein.— Chronik der MajestätSbcleidignngS-Prozesse. Wegen Majestätsbeleidigung standen am Freitag zwei Arbeiterfrauen aus Spandau, Johanna Gatka und Marianne Liviak, vor der zweiten Strafkammer am Land- gericht II Berlin. Die beiden Angeklagten wohnten mit einer Frau Schubert auf einem Flur. Am 3. März dieses Jahres gc- rieten sie mit der Nachbarin der Kinder ivegcn in Streit. Um die Frau Schubert recht ordentlich zu kränken, warf ihr die Gaikn ciueii unsittlichen Lebenswandel vor, nud um die Sache recht deutlich zu machen, zog sie die Person des Kaisers in das Wortgefecht. Tie Frau Liviak sekundierte ihr nicht aNein, sondern suchte ihr noch zuvor zu thrm und so hatten sie sich beide schwerer„Majcstätsbcleidi- ginigen" schuldig gemacht, ohne sich dessen in ihrer Wut bewußt zu werden. Die Verhandlung, die unter Ausschluß der Oeffeurlichkeit stattfand, endete mit der' Verurteilung der Angeklagten zu drei Monaten Gefängnis. Von der Strafkammer zu T o r g a u wurde am 10. Juni der Handelsmann Ad. Voigt aus Schmiedebcrg wegen Majestätsbelcidi« guug zu einer Gefängnisstrafe von 4 Monaten verurteilt.— Ausland. Arb eiterb ew egung in Petersburg. In der Zeit unmittelbar vor dem 1. Mai und im Laufe des ganzen Monats Mai hauste die Gendarmerie in Peters- bürg wie selten jemals zuvor. Da der Finanzminister Witte vor dem Zaren die Ansicht vertrat, die letzte russische Studentenbewegung habe keinen politischen Charakter, ver- anlaßen seine Feinde in den höheren Regierungssphären die Petersburger Polizei, sich die größte Mühe zu geben, um einen Znsammenhang zwischen den Leitern der Studentenbewegung und der Redaktion des Organ? der Petersburger Socialdemokratie:„Der Arbeitergedanke" nach- zuweisen. Außerdem sollte unbedingt die Verbreitung der Maifest-Flugblätter und der zu erwartenden Nr. 6 des„Ar- beitergcdankens" verhindert werden. Infolgedessen folgten seit Ende April in Petersburg jede Nacht Verhaftungen auf Verhaftungen. Von den im Laufe des Monats Mai Verhafteten sind wir in der Lage, die folgenden Namen zu nennen: W. Garder, der Fcldschercr Ustinow, die Studenten des Tech- nologischen Instituts Michael Gorbatschow, Sergej Kirpitschnikow, Wladimir Noskow, Wassili Fominych. Andrei Scholomowitsch(diese sieben sind in der Peter PanlS-Festuiig, alle weiter unten ge- nniint«! im Untersuchungsgefängnis untergebracht worden); Akim Bender, Jordansly, Korschnnow, M. Mogilansky (Studenten); Michael Gordcnko, Iwan Gribkow(Studenten des Technologischen Jnslittits); Andrei Saorsky(Sttideitt des Instituts der Wcgekommunikattouen), Marie Neustrojewa und Marie Sisarewä(Studentiimcn der höhereu Frauenkurse); Olga Mirgorodzewa und M. KlewanSkaja(Studentinnen der Lestaaft- scheu Kurie, die letztere von diesen wurde auf dem Bahnhof der Petersburg- Warschauer Bahn verhaftet); Nadcschda Archan- gelskaja'(Schülerin der Roschdestwenskhschen Hebammen- 'Schule): Jesephine Gascher(Lehrerin); Afanassjew. Balzcr, Nikolajrw und Poljakow(Schüler der Fcldschcrer- Schule); Nikolai Kornjuchow, Iwan Malinin, Pawalnew und PokrowSky(Arbeiter); M. Mallakowa(Arbeiterin); Wera Gurari, Wladimir Sabreschew-Feodorow, Wsewolod Koschewnikow. Die Polizei war insbesondere bemüht, die Druckerei des „Arbeitergedankens" ausfindig zu machen und anfangs Mai verbreitete sich in Petersburg sowie in der Provinz das Gerücht, die Druckerei und die gesamte Auflage der Nr. 6 des„Arbeitergedankeus" feien der Polizei in die Hände gefallen. Anlaß zu diesem Gerücht gab die Thatsache, daß leider eine nicht geringe Zahl von Exemplaren der Nr. 6 von der Gendarmerie bei einer Haussuchung aufgegriffen worden sind und die Polizei sich Wohl eine kurze Zeit im Glauben gewogen haben mag, sie habe die Petersburger Arbeiter vor dem giftigen Einfluß dieser Zeitung gerettet. Doch die Freude der Polizei sollte nicht lauge dauern— sehr bald mußte sie erfahren, daß unmittelbar nach ihrem Fang die Verbreitung der Nummer 6 des„Arbeiter- gedankenS" unter den Arbeitern der ver- schiedenen Petersburger Fabriken in ge- wohnter Weise pünktlich v o r s i ch gegangen ist. Diese Nr. 6 des„Arbeitergedankeus" liegt uns vor. Es ist dies eine schön gedruckte achtseitige Zeitung, welcher ein sehr gutes Bild von Karl Marx als Beilage beigefügt ist. Im Vergleich mit den früheren Nummern weist diese— was die principielle Haltung und die Reichhaltigkeit des Inhalts anlangt— einen entschiedenen Fortschritt auf, namentlich ist die Erweiterung des Teiles, welcher der Arbeiter- bewcgung im Auslande gewidmet ist, hervorzu- heben. Außerdem bieten großes Interesse zwei Artikel über Finnland(im ersteren von diesen wird die finnische Arbeiterbewegung, im zweiten die Bewegung der finnischen Bürgerschaft gegen die absolutistischen Gelüste der russischen Regierung geschildert) und eine ausführliche Geschichte und Schilderung der gegenwärtigen Zustände in der Weberei von Pähl. Diese Schilderung der Pahlschen Fabrik ist außerdem im Separatabdruck als Broschüre erschienen, welche speciell zur Agitation unter den Pahlschen Arbeitern dienen soll. Wie uns mitgeteilt wird, hat die Re- daktion des„Arbeitergedankens" die Herausgabe ähnlicher Broschüren auch über eine Reihe von anderen Petersburger Fabriken in Aussicht genommen. Soweit ist„Der Arbeitergedanke" aus den Stürmen der letzten Zeit heil und sogar erstarkt hervorgegangen— hoffent- lich wird es ihm auch in den künstig zu erwartenden Stürmen nicht anders ergehen!—_ Frankreich. Zur Reubildung de» Ministeriums liegen heute die folgenden Stachrichten vor: Paris, IS. Juni. P o i n c a r S stattete heute vormittag Brisson, Meline, Ribot und Sarrien Besuche ab und begab sich darauf nach dem Elisöe. Nachmittags soll bei Poincar� eine Be« sprechung stattfinden, an welcher Brisson als Mitberater sowie ferner Sarrien, Delcassö, Monis, Guillain, Krantz, Delombre, Barthou, Ribot und Mougeot teilnehmen werden. Bei dieser Besprechung sollen die noch in der Schwebe befindlichen Fragen geregelt und die� Portefeuilles verteilt werden.— Mehrere Blätter glauben, Poincarv werde angesichts der Schwierigkeiten von radikaler Seite den Plan, ein Konzentrattons-Mimsterium zu bilden, aufgeben und ein einheitlich progressistischeS Kabinett konstituieren. Die sonderbar verschlungenen Wege, die P o i n c a r 6 bei der Bildung seines Kabinetts wandelt, haben ihm bereits das schärfste Mißtrauen der Radikalen zugezogen. Der„Boss. Ztg." wird darüber telegraphiert: Poincars hat seine Portefeuilles zuerst Mämiern angeboten. von denen er bestimmt wußte. daß sie für die Radikalen völlig unannehmbar seien. Einen Krantz ,_ Ribot, Barthou, Sarrien zum Eintritt ins Ministerium einzuladen, hieß alle Republikaner der Kammer dreist herausfordern. Man hat jetzt Poincarö im Verdacht, er habe seine Nnnien wohlbedacht so gewählt, daß*« zorniger Absagen der Radikalen gewiß war, und daß er nun erklären wolle:.Sie sehen, mit den Radikalen ist nichts anzufangen, ihre übermäßigen Ansprüche zu befriedigen, ist unmöglich, es bleibt also nichts übrig, als uns an die Gemäßigten zu halten." Wenn dies Poincnros geheimer Plan ist, so kann man seinem Ministerium, vorausgesetzt, daß es überhaupt geboren wird, einen raschen Tod vorhersagen. In der„Petite Republique" macht der Genofie JauriS, der in der DreyfuS-Kampagne an allererster Stelle ge- fochten hat, die folgenden sehr beachtenswerten Ausführungen über die gegenwärtige politische Situation in Frankreich: Die Generale von der Gattung Hartschmidt haben sich un- gesttaft aufrührerischen Kundgebungen hingeben können. Pellieux, Roget sind noch in Paris und befehlen. Boisdeffre steht noch auf der Heerliste und lauert hinter den Kulissen. Tavernier, der nicdcrträchttge Nntersnchungsoffizier, der gegen Picquart eine ungeheuerliche Anklageschrift aufbaute, ist mit der Unter- suchung der du Pathschen Strafsache betraut. ES bereitet sich also eine neue GerichtSposie vor. Alle in der Drehfus- Sache oder in den Staatsstreich• Umtrieben belasteten Führer warten auf eine Heimzahluna. Alle, die, wie Mercier, Boisdeffre, Gonse, Pellieux, Roget, vor dem Gesetze der Republik Angst haben müssen, warten ungeduldig auf einen Gewaltstreich, der sie vor dem HochverratSgerichte retten soll. Richttger: sie b e r e i t e n d i e s e n Gewalt st reich selbst vor. Die geheimen Zusammenlünste zum Zwecke eines Staatsstreichs werden in den Offizier- kreisen mimer häufiger. Die Führer verschließen sich vor der Wahr- heit in der Dreyfns-Sache. Sie empören sich gegen den Augenschein. Der Hauptmann Earriöre sder beim Kriegsgericht in Rennes als Ankläger waltet) hätte sich zweifellos die Äeußerungen gegenüber dem Ausfrager des„GauloiS", in denen er sich schon zctzt als Tod- f e i n d von Drehfus bekennt und daS Urteil des Höchsten Ge- richtS als nicht vorhanden, als Luft betrachtet, niemals erlaubt, wenn er nicht wüßte, daß eine gewalttge Militärverschwörung zur neuen Vergewaltigung des Unschuldigen im Werke ist, und daß das KriegSmimsterium seine verbrecherischen Ränke wieder beginnt. Die Staatsstreich- Generale hoffen, die Regierung werde entiveder einer geschickt vorbereiteten Ueberraschung am 14. Juli oder den um die Renn-r Verhandlungen veranstalteten militärischen Unruhen erliegen. Wir haben das Recht, eine wachsame und feste republikanische Regierung zu fordern. Ein schwankendes und zweideutiges Ministertum, daß die Aufrührcr beunruhigen würde, ohne jevoch ihre Bestrafung zu wagen, würde die Wunde nur vergiften. Wir brauchen ein entschlossenes Ministerium, eine Regierung der LandcSrettung, der republikanischen Rettung. In einigen Monate» kann alle Gefahr beseitigt, jede Schwierigkeit über- wunden sein. Die aufrührerischen Führer absetzen, Republikaner zu den obersten Befchlshaberstellen ernennen, die Verbrecher, die die Gesetze gebrochen, Fälschungen gehäuft, den Unschuldigen unter- drückt und sich gegen die Republik verschworen haben, vor das Hoch- Verratsgericht stellen: das ist die dringende und notwendige Arbeit. Das künftige Mnisterinm braucht kein anderes Programm zu haben. Für dieses Werk der republikanischen Rettung'könnte das neue Ministerium alle republikanischen Kräfte, die Gemäßigten ebenso wie die Socialisten an- rufen. Ganz gewiß würde niemand seinen Teil an der Mit- arbeit und Mitveraittwortlichkcit ablehnen. Ist die Arbeit gethan, so legt das Ministerium seine Vollmachte» in die Hände der Kammer zurück und sagt:.Jetzt, da die Empörer entwaffnet sind und die Republik außer Gefahr ist. können Sie versuchen, zur Arbeit der Verbesserungen zu schreiten. Wir haben unsere Pflicht gethan. Sie von der mili- tärischcn Bedrohung zu besteien. Jetzt mag jede Partei wieder ihren eigene» Weg gehen, und der Kampf der Gedanken und Pro- granime kann wieder beginnen, da die Republik nicht mehr in Frage steht."_ Tie Verhaftung eine» italienischen Generals in Süd« Frankreich haben wir vorgestern gemeldet. Am Donnerstag kam der Vorfall in der italienischen Deputiertenkammer zur Sprache. In Beantwortung einer Interpellation deS Deputierten Fabri bestätigt der Minister de? Acußcrn Viscontt-Venosta, daß der General Giletta unter der Anschuldigung, auf französischem Gebiete militärische Landesaufnahmen gemacht zu haben, verhaftet worden sei. Biscouti-Vcnosta fügte hinzu, er könne sich über die Angelegenheit nicht weiter äußern, erkläre jedoch, daß die Regierung der Sache durchaus fern stehe. Die Regierungen beider Länder würden, wie er versichen, könne, den Zwischenfall in freundschaftlicher Weise zu erledigen trachten. Dem.Temps" wird auS Nizza gemeldet: Der italienische General Giletta verfaßte eine Denkschrift, in welcher er die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen zurückweist und sodann feststellt, daß die von ihm eingestandene Spionagemission vom Jahre 1889 datiere und daher verjährt sei. So ganz harmlos scheint die Geschichte von der»vergnügungS- tour" deS Generals nicht zu sein.— Bulgarien. Sofia. IS. Juni. Ein durch Maueranschlag veröffeut- licktcs, von sämtlichen oppositionellen Deputierten unterzeichnetes Manifest an die bulgarische Nation fordert zu Protest-Meetings gegen die Regierungspolitik der Verschuldung des Landes auf.—' Serbien. Blutiger Zusammenstoß an der serbisch-türkischen Grenze. In Belgrad eingetroffene Meldungen besagen. zahlreiche albanesische Banden hätten im Verein mit nahezu 2000 Mann regulärer türkis cher Truppen am Mittwoch die serbische Grenze in der Nähe des Bezirks Jablonitza angegriffen: die serbischen Bauern hätten lebhasten Wider- stand geleistet; der Kampf habe den ganzen Tag gedauert und habe sich auf 20 Kilometer längs der DemarkationS- linie ausgedehnt. Auf beiden Seiten seien mehrere Personen ge- tötet, mehrere verwundet worden. Den Angreifern, die in be- deutender Ueberzahl waren, sei es gelungen, sich dreier Abteilungen der serbischen Grenzwache j)» bemächtigen und drei Dörfer zu blockieren. Die serbischen Militärbehörden hätten reguläre Truppen entsendet, um die Angreifer auS dem serbischen Gebiete zu vertreiben und die Ruhe wieder' herzustellen.— Die Meldung insbesondere der fiinweis auf die 2000 regulärer türkischer Truppen, klingt doch recht bertrieben. � Rumänien. Die Anttsemiten-Standale in Jassy.— Am Vorabend der Wahlen.— Tie Krise in der socialistische» Partei Rumäniens. Bukarest, 11. Juni. Wir sind ein sehr unglückliches Volk. Lange Zeit waren wir der grausamen und schmachvollen Herrschaft der Bojaren unterworfen, heute tragen wir das Joch einer politischen Oligarchie. Ein Census-Wahl- körper, in welchem das Volk in das dritte Kollegium Masse) ver- bannt ist,' so daß es einflußlos ist, hat die Geschicke unseres Landes in der Hand. Eine winzige Minderheit von Politikern, gestützt auf bestechliche Wähler, die sich aus allen Klaffen des Luinpenproletariats rekrutieren und von dem Meistbietenden für alles zu haben sind, regiert, unterdrückt,? plündert und ruiniert unser armeS Volk. Und wenn das Volk, aufS äußerste getrieben, die Hand zornig erhebt, um sich seiner Peiniger zu entledigen, dann werfen diese ihm die Juden vor, gegen die leider noch daS Vorurteil christlichen Aberglaubens besteht.„DaS ist der Feind I", sagt man dem Volk, „die Inden sind schuld an Deinem Elend und an all Deinen Leiden"! Es ist urkundlich festgestellt, baß unsere Regierung die uden hetzen organisiert hat und bei ihnen mithilft. s ist notorisch und aktenmäßig festgestellt, daß die Polizei des Stourdza im Herbst 1897 die antisemitischen Unruhen hier in Bukarest veranstaltet hat. Und es unterliegt keinem Zweifel, daß das gegenwärtige Kabinett Cantakuzenu die jüngsten Excesse gegen die Juden in Jassy hervorgerufen hat. Das demokratische Blatt„Adeverul" geht so weit, zu behaupten, daß im gegenwärtigen Kabinett ein Minister sitzt, welcher die Judenhetze als lein Haupt-Regierungsgeschäft betrachtet und betreibt. Jedenfalls ist es eine Schmach und eine Niedertracht, wie man in Jassy an den Juden gehandelt hat. Wenn wir über die Natur dieser sogenannten Volksbewegung nur einen Augenblick im Zweifel sein könnten, so würde jeder Zweifel beseittgt durch einen Blick auf diejenigen, welche bei diesen Tumulten verhastet worden sind. Ja, wenn es, wie die Antisemiten- und Regierungsblätter behaupten, „das Volk" wäre, das diese Schandthaten verübt hat, dann wäre das rumänische Volk der Freiheit nicht wert, dann könnte es keinen Platz haben unter den civilisierten Völkern und verdiente die Knecht- sckaft. DaS Volk hat mit diesen Infamien aber nichts zu schaffen. Es ist der Auswurf der bürgerlichen Gesellschaft, der sich dazu her- gegeben hat. Unter den 86 in Jassy Verhafteten waren 4S Rückfällige— das heißt Verbrecher, die unter Polizeiaufsicht und unter Polizei-Einfluß stehe». Die Krawaller waren schnapstrunken und zogen mit Musik und einer Fahne in das Juden- viertel, wo sie die Häuser der Juden verwüsteten und die Insassen mißhandelten, einige auch totschlugen— alles unter den Angen der Polizei, die erst einschritt, als daS Schandwerk vollbracht war. Die Regierung brauchte diese Excesse, denn die bevorstehenden Wahlen machten es notwendig, daß sie denen, für welche die Juden- Hätz politisches und sonstiges Kapital ist, ihren Antisemitismus zeigte. Es ist wahr, die Konservativen, welche jetzt am Ruder sind, finden sich keiner ernsthaften Opposition gegenüber, weil die Liberalen ge- spalten sind, aber im Schoß der konscrvattven Partei selbst herrscht Zwietracht und Interessen- wie Pcrsonenstreit. In einem Land wie dem unsrigen, wo das allgemeine Wahlrecht nicht besteht und es keine großen politischen Strömungen giebt, spielen die Interessen und Leiden- schaftcn der einzelnen Politiker naturgemäß eine große Rolle. Daher kommt es, daß in der Politik unseres Landes alle politische Moral so vollständig fehlt. Das Ueberlausen aus einer Partei in die andere ist hier etwas Alltägliches und erregt gar kein Aufsehen. Ein gewisser Flewa, der seit 30 Jahren in der liberalen Partei„arbeitete", wird plötzlich Konservativer, weil die Konservattven ihm einen Platz im Ministerium angeboten haben. Unversöhnliche Feinde von gestern liegen sich heute' gerührt in den Armen; und niemand wundert sich darüber. Die„fortschrittlichen Konservativen", die augenblicklich in Oppo- sttion sind, gelten für besonders ehrenhaft. Wohlan— zu Beginn des WahlfeldzugeS gab ihnen ihr Führer C a r p den Rat,„sich j e nach den Umständen entweder mit den Regierungsparteien oder den liberalen Oppositionsparteien zu verbünden und kein anderes Ziel zu haben als die Durchdringung möglichst vieler Kan- didaten". Ein jeder begreift, daß dies für die socialistische Partei eine äußerst günstige Lage ist, Aber es mutz eine socialistische Partei da sein; und zu meinem lebhaften Bedauern ist das, was sich in Nu- mänien socialfftische Partei nennt, durchaus nicht einheitlich, weder in Organisation noch im Princip. Und in Ermangelung eines klaren, feststehenden Zieles hat die rumänische Cocialdemokratie auf politischem Gebiet die wunderlichsten Seiltänzereien gettieben. Während der Arbciterkern unerschütterlich blieb, halten viele der Führer eine Ivachsende Neigung zu Allianccn mit den bürgerlichen Parteien. Einer der Herren schlug sogar vor, die Partei eine„demokratisch- nationale Partei" zu nennen. Und selbst Liebäugelet nnt der Monarchie wurde nicht verschmäht. Die Masse hat aber gegen diese„staatSmännisch-praktische Politik" so kräftig Front gemacht, daß wir die fanlen Elemente sehr bald ganz los fein werden, und eine gesunde Reorganisation der Partei' mit Sicherheit zu erwarten ist. Rumänien befindet sich jetzt auch inmitten einer schweren ö k o n o- mischen Krise. Das Kabinett Stourdza hat für 80 Mill. Franken Schatzscheine ausgegeben, weil eS kein Geld für notwendige StaatSbautcn hatte; die Konvertierung der Staatsschuld ist miß- lungen— kurz, die Finanzen sind in dein traurigsten Zustande, Ebbe in allen Kassen. Dazu kommt der M i tz w a ch s fast aller Produtte des Ackerbaues. In vielen Departements ist die Ernte total vernichtet, in den anderen Departements wird sie kaum die Hälfte einer Durchschnittsernte erreichen. Unser Land geht schweren Zeiten und einer schweren Krise entgegen.—_ VÄrlÄtnenknVifrtzvs. Eeschiiftsdiöpofitionen des Abgcordnctcnhanscö. Am nächsten Dienstag soll die Charfreitags-Vorlage zur Verhandlung kommen. Tie erste Sitzimg der Kanalkömmission ist zum 23, d. M. anberaumt; die nächste Sitzung der Kommission für die Genieindewahlrechts- Vorlage findet am Dienstag den 20. statt.— Der Masseuproteft gegen die Zuchthaus- Vorlage. Die Protestbewegung gegen das neue Knebelgesetz nimmt in allen Teilen des Reiches ihren Fortgang, Einstimmig ist die Ar- beiterklasse in der entschiedensten venirteilung dieses Attentats auf ihr Koalitionsrecht. Täglich konimen neue Meldungen über zum Teil gewalttge Versammlinigen in den großen Jnduftriecentten. nnd neue Versammlungen werden angekündigt. Aber auch in den kleinsten Orten, wo es klastenbewußte Arbeiter giebt, treten sie zusammen, um ihre Stimme, die man vorher hätte hören sollen, zu erheben und die stritte Ablehnung der Vorlage zu fordern. Heute liegen wieder Meldungen vor anS Königsberg, wo die Hafenarbeiter und Scelettte m einer statten Versammlung pro- testietten. desgleichen von den Seeleuten aus Hamburg, ans Bremen, wo 4000 Besucher nach einem Referat des Rcdacteurs Genossen D i e d e r i ch einor energischen Protestresolutton zusttnnnten, aus Kiel, wo die Arbeiter den größten Saal der Stadt bis auf den letzten Platz füllten, aus Barmbeck, wo Genosse Metzger vor wett über 3000 Personen referierte, Wilhelms- b u r'g, 1000 Personen, Lübeck mit einer Riesenversammlung, Herford ffchon einmal verboten und dafür diesmal statt besucht) und Minden, einberufen von den National- Socialen und besucht von den Socialdemokraten, die gegen wenige Stimmen eine social- dentottattsche Resolution annahmen. In der Provinz Schleswig'- Holstein find für diese Woche eine große Anzahl Versammlungen angekündigt. In Breslau protestierten die Metallarbeiter in einer großen Versammlung, in Striegau tagte gleichfalls eine imposante Versammlung. In I e na" tagte am Dienstag eine von 400 Personen, darunter auch Frauen und Akademiker, besuchte Versammlung, die nach einem Referate des Genossen Th. Schwartz eine scharfe Resolunon an« nahm. Eine kleinere Versammlung fand in Droyßig bei Zeitz statt. In der Chemnitzer Gegend finden in diesen Tagen 14 Versammlungen statt. In Frankfurt a, M, wurden am Dienstag in 11 Ver- fammlungen gleichlautende Resolutionen angenoinmen, in Essen beschloß der socialdcmokratische Verein einen Protest. DaS Gewettschastslartell in Köln hatte, wie mitgeteilt, an die Vertrctimg der katholischen Arbeiter das Ersuchen gerichtet, mit ihnen gemeinsam zu protestieren. Darauf erhielten sie jetzt in einer längeren Zuschrift eine ablehnende Antwort. Ausgesprochen wird allerdings in dem Schreiben, büß auch die katholischen Arbeiter in der Vorlage die äußerste Gefährdung des Koalitionsrechtes er- blicken und statt dessen die Aufhebung aller das Koalitionsrecht be« schränkenden Bestimmungen fordern. Die Gewerkschaften Kölns protestierten darauf in eigener in, posanter Versammlung gegen die Vorlage. Aus Bayern wird gleichfalls wieder über Versammlungen in Hof. Fürth, Schweinfurt, Memmingen und Burg« lengenfeld berichtet. Die Parteigenossen in Karlsruhe hatten um Ueberlaffung der städtischen Festhalle ersucht, dies war ihnen jedoch abgeschlagen worden. Dafür war dann die im ReichShallen-Theater veranstaltete Versammlung um so stärker— von ca. 3000 Personen— besucht, unter denen sich auch viele Angehörige der BnrgerNasse befanden. Die Ansführunaen deS Referenten, Genossen Fendrich. wurden mit brausendem Beifall aufgenommen. Ans der Nnigegend Berlins kommen noch Meldungen über statt besuchte Versammlungen aus Potsdam, wo Genosse Baudert, FriedrichShagen. wo Genosse Hoch, und Wilmersdorf, wo Genosse A, Geck referierte. In Forst i. Lausitz fanden gestern zwei überfüllte Protest- Versammlungen statt, die von 3500 Personen besucht ivaren. Hunderte fanden keinen Einlaß, Nach den Referaten von Klees nnd W i t t r i s ch wurden Protest-Resolutionen gegen das Knebel- gesetz angenommen. 4» Eine etwas merkwürdige„Protestbersammlung" machten die National-Socialen in Jena. Herr Dr. Maurenbrecher sprach in scharfer Weise gegen die Vorlage und in � einer einstimmig angenommenen Resolution wurde gefordert, die Vorlage glatt abzu- lehnen»nd nur den§ 11 sAlifhcbnng des§ 153 der G,-O.) anzunehmen, Danach hielt der Vorsitzende. Geh. Hofrat Prof, Gelzer. eine Kolonialrede nnd brachte zum Schlüsse ein Hoch auf den Kaiser, den Redner von Oeynhausen, aus. Beim StiftuiigSfest deS katholischen Arbeitervereins in Untergrombach bei Karlsruhe kam. wie man uns auS Baden berichtet, der Festredner Häfner, Redacteur eines badischen Centrinnsblattes, ans die Zuchthausvorlage zu sprechen.� Die Fassung derselben enthalte das Grab der Freiheit für die ge- s a ni t e Arbeiterschaft; statt eines Polizeigesetzes sollte man den Arbeitern die Erweiterung der Socialgesetzaebung ohne jede Vettümmernng des KoalitionSrechts geben. Dann fügte der katholische Redner, der die Stimmung seiner CentrmnSfrattion zu kennen schemt, hinzu: Ohne den Abgeordneten, welche die Prüfling der GesetzeSborlage zu ihrer Pflicht machen, vorgreifen zu wollen, ist es nicht nur unser gutes Recht, sondern auch u»sere Pflicht, ihnen kund zu thun, wie man m interessietten Kreisen darüber denkt; und wir wollen hoffen, daß die Stimme der Taufende hier versammelten Arbeiter bis Berlin dringt und dort nicht unerhört verhallt. Im Landtag von Sachsen-Koburg-Gotha hat Abg. Bock einen seltsamen Widerspruch festgestellt zwischen einer Aeußcrung des StaatSmin isters v. Strenge nnd der Angabe der „Denkschrift" über angebliche Ausschreilungen in diesem Herzogttim. Herr v. Strenge hatte kürzlich erklärt,„daß hier im Lande leine Ausschreitungen zur Kenntnis der Behörden gekommen sind," Aber in der„Denkschrift" sind eine ganze Reihe Gruselgeschichten aus dem Herzogtum berichtet. Das„Volksblatt" in Gotha erklärt diese An- gaben' der Denkschrift teils als linkontrollierbar, weil jede nähere Bezeichnung fehlt, teils als unrichtig, Im Landtage von Renß j. L. haben die socialdemokratischen Mitglieder beaniragt: „Der Landtag wolle beschließen, das Ministerium zu ersuchen, den Vertreter beim Bundesrat dahin zu instruieren, im Bundesrat gegen das Gesetz.zum Schutze des gewerblichen Arbeitsverhält- nisses" zu stimmen, sofern dasselbe vom Reichstage angenommen werden sollte."—_ Navkei-NttFzVicszken» Die italienischen Socialisten in der Schweiz hielten am 10„ 11. und 12. Jnni in Bern ihren diesjähngen Kongreß ab. der von 38 Organisationen durch 27 Delegierte beschickt war, zu denen sich noch eine große Anzahl Berner Genossen als Gäste gesellten. Eine vom Kongreß angenommene Resolution erklärt die Notwendigkeit, die italienischen Arbeiter in der Schweiz zu organisieren, damit sie der schweizerischen Arbeiterschaft und ihrer Beivegung nützlich sein können, und erklärt ferner das wirtschaftliche Gebiet als dasjenige. ans dem die TJnicms socialista di lingua italiana besonders thnttg sein soll. ES wurde sodann die Errichtung emeS italienischen Arbeitersekretariats beschloffen, daS seinen Sitz in der deutschen Schweiz haben soll niid zu dessen Sekretär der Schweizer Professor Walär gewählt wurde. Der LandeSauSschliß, der bisher in Zürich war, wurde nach Lugano verlegt und als sein Sekretär der bisherige Redacteur des„Socialist", Genosse M a r a ch i, der ebenfalls Schweizer Bürger ist. bestellt, wie auch die übrigen Mitglieder des genannten Ausschusses iiur aus Schweizern bestellt werden sollen, ivomit der Ausiveisung der leitenden Personen ein Ende gemacht ist. DaS Partci-Organ erhielt statt des bisherigen Titels ,11 LociaHsta" den Namen„Aweniro del Lavoratore" („Zukunft des Arbeiters") und eS wurde für sämtliche Mitglieder der LandeSorganisation obligatorisch erklärt.— JulcS GueSde ist seit der vorjährigen Wahl(Mai 1898), in welcher er den, unerhörten Terrorismus deS Unternehmerttims, unterstützt durch die reakttonäre Regierung MelineS, erlag, kaum mehr an die Oeffentlichkeit getreten. Beunruhigende Gerüchte über seinen Gesundheitszustand verbreiteten sich,»nd dieselben waren auch nicht ganz unbegründet. Ein altes Halsleiden nahm einen bös- artigen Charakter an, so daß die Freunde ernsthafte Besorgnisse hegten. Die Aerzte schrieben eine Reise in den Süden vor und Eni« Haltung von aller aufregenden und den Geist anstrengenden Arbeit. Eine Zeitlang war Guesde in den Pyrenäen— mit dem besten Er- folg. Jetzt ist er in den Fichtenwäldern der„Londen", wo er sich einer regelmäßigen Kur unterzieht, und seiner Genesung rasch entgegengeht. Am 9. Juli wird er, in Begleitung seines Freundes Legitimus, des socialistischen Abgeordneten für Guadaloupe, nach dieser Kolonie abreisen, um sich dort vollends für neue Kämpfe zu kräftigen. Die Genossen in Guadaloupe, welche — es sind meistens Neger— vortrefflich organisiett sind, haben die Absicht, ihm— waS in ihrer Macht liegt— ein Mandat zu geben, da sie seine Anwesenheit in der Gesetzgebung für eine Notwendigkeit halten, Wir sind überzeugt, den zahlreichen Freunden GueSdeS in Deutschland mit diesen Nachnchten eine Freude berettet zu haben.— Polizeiliches, Gerichtliches usw. — So waS kann passieren. In der Verhandlung gegen den Genoffen Stücklen vor der Strafkammer in Altcnburg hielt ihm der Borsitzende aus den Akten vor, welche Ausdrücke er seiner Zeit in Bezug auf den deutschen Kaiser gebraucht hätte. Dafür erhielt Stücklen seinerzeit von dem damals zuständigen bayrischen Gericht 8 Monate Gefängnis. Ein anderes bayrisches Schwurgericht hatl wegen der gleichen Artikel freigesprochen, ebenso die Strafkammer in Brandenburg, einige weitere Gerichte haben ebenfalls verurteilt, in anderen Städten hat man gar keine Anklage erhoben, so in Leipzig und auch in Altenburg, denn einer dieser Artikel hat auch in dem damals inAltenburg erschienenen„W ä h l e r" gestanden! — In Harburg wurde der Maurer Prestler vom Schöffen- gericht zu 16 M. Geldstrafe wegen Beleidigung der Harburger Polizei verurteilt. P. hatte in einer Versammlung das Verhalten der Polizei beim Bauarbeiterstreik kritisiert und dabei in lebhafter, etwas drastischer Weise seine Meinung dahin zum Ausdruck gebracht. datz die Polizei sich um Dinge kümmere, die sie nichts angingen. In dem dabei gebrauchten Ausdruck wurde die Beleidigung ge- funden. — Die Koalitionsfreiheit in Mecklenburg. In Wismar wurde eine GewerkschaftS-Versammlung verboten, in der Reichstags- Abgeordneter Genosse Herzfeld über das Thema„Zweck und Nutzen der gewerkschaftlichen Organisation" sprechen sollte. Als Grund wurde angegeben, daß das gewählte Lokal ein solches sei, in dem vorwiegend politische Versammlungen abgehalten würde», und sodann „die Stellung des Dr. Herzfeld in der politischen Partei". — Wegen versäumter Anmeldung von Acnderungcn im Vorstande wurden in Frankfurt a. M. eine Anzahl Vorstandsmitglieder socialdemokratischcr und gewerkschaftlicher Vereine mit Strafzetteln bedacht. Die Beisitzer beantragten gerichtliche Eni- scheidung und machten geltend, daß nur der Vorsitzende haftbar sein könne und daß überdies bisher die Behörde vielfach Stundung für die Anmeldung gewährt habe. Das Gericht erklärte sie jedoch für mitverantwortlich und erkannte gegen vier Mann auf je 6 M. und gegen fünf Mann auf je 16 M. Mit Strafzetteln find noch eine ganze Anzahl von Vorstandsmitgliedern gewerkschaftlicher Vereine bedacht worden. Zur Massenaussperrung der Berliner Maurer. Das vereinigte Unternehmertum des Baugewerbes plant eine» Gewaltstreich: Herr Felisch hat für Montag eine Versammlung des Bundes deutscher Baugcwerksmeistcr(vereinigte Innungen) ein- berufen, in der Stimmung dafür gemacht werden soll, die Aussperrung auf ganz Deutschland auszudehnen. In der Versammlung der Unternehmer Freitagmittag teilte der Vorsitzende noch mit, daß die zuständigen Behörden und Bauleiter den Unternehmern das möglichste Entgegenkommen während der Aussperrung zu- gesichert hätten. Die Unternehmer haben das Syndikat der Mörtelwerke ersucht. den Unternehmern, die noch weiter arbeiten lassen, die Mörtellieferung zu sperren. Auch an Stein- und Ziegellieferanten sind gleiche Er- suchen gerichtet worden. » �» Die Ausständigen bezw. Ausgesperrten hielten gestern bei Keller. Koppenstraße, eine sehr stark besuchte, von der Lohnkommission der centralen Richtung einberufene Versammlung ab. Der große Saal und die Galerie war bis auf den letzten Platz besetzt. Bereits um l/s2 Uhr erfolgte die polizeiliche Absperrung der um 2 Uhr ange- setzten Versammlung. Nach dem Bericht, den Silbe rschmi'dt erstattete, waren bis gestern vormittag bei der Lohnkommission 3838 Maurer von der centralen Richtung in den Listen als Streikende bezw. Ausgesperrte eingezeichnet. Davon sind in Berlin 1633, i» den Vororten: Steglitz. Lichterfelde und Friedenau 220 Maurer ausgesperrt, während 2026 Maurer wegen Nichtbewilligung des geforderten Stundenlohnes von 65 Pf. die Arbeit eingestellt haben. Eine große Zahl arbeitet bereits zu den neuen Bedingungen. Ein sehr starker Prozentsatz der unverheirateten Maurer hat Berlin verlassen und ist abgereist, um ihren älteren Kollegen Platz zu machen. Vielen Unternehmern und nicht zum wenigsten den Jnnungs- Mitgliedern selbst scheint der Beschluß des Unternehmerbundes nicht angenehm zu sein und sie versuchen, durch allerlei Manipulationen sich der für sie schlimmen Lage zu entziehen. So hat ein Unter- »ehmer einem Arbeiter Geld gegeben, damit derselbe auf seinem Namen Mörtel kauft, um den Anschein aufrecht zu erhalten, daß auf dem betreffenden Bau nicht gearbeitet wird. Ein anderer Unternehmer. der in Rücksicht auf seine Kollegen wohl den geforderten Stundenlohn von 65 Pf. ablehnte, versprach den Arbeitern, um sie zur Wiederaufnahme der Arbeit zu bewegen, eine wöchentliche Gratifikation von 3 M. Auch ist ein Fall vorgekommen, wo der Unternehmer den Auftrag gab, bei einer etwaigen Kontrolle der Innung die bei ihm beschäftigten Arbeiter als seine Verwandten zu bezeichnen. Alle sonstigen Vorkommnisse in den letzten Tagen berechtigen zu der Ansicht, daß die Situation für die Arbeiter keineswegs ungünstig ist. Obwohl die angeführten Zahlen auf Genauigkeit keinen An- spruch machen können. so ist doch gewiß, daß der Kampf immer weitere Kreise zieht. Durch das brutale Vorgehen der Unternehmer wurde unter den Arbeitern eine allgemeine Entrüstung hervorgerufen, so daß die Beteiligung an der Bewegung zur Erringung des Stundenlohnes von 66 Pfg. als eine völlig ein- mütige bezeichnet werden kann. Im weiteren Verlauf der Vcr- sammlung wurde auf die Verhaltungsmaßregeln bei den Bausperren hingewiesen und aufgefordert, wie bisher, in jeder Beziehung ruhig und besonnen vorzugehen und überall den Beschlüssen entsprechend zu handeln. Mit einem begeisterirden Hoch auf das Gedeihen der Bewegung erfolgte der Schluß der in größter Ruhe verlaufenen Versammlung. * D i e Maurer der lokalen Richtung, die gestern Abend gleichfalls bei Keller, Koppenstraße, eine sehr stark besuchte Ver- sammlung abhielten, faßten nach längerer Diskussion folgenden Be- schluß: „In Erwägung, daß der Arbeitgeberbund rücksichtslos auch die- jenigen Maurer aussperrte, die mit der Lohnbewegung nicht ein- verstanden waren und nach der ganzen Stellung, die die Leiter des Bundes in Wort und Schrift bisher bekundet haben(„Baugewerks- Zeitung' Nr. 47 vom 14. Juni) auch nicht anzunehmen ist, daß eS sich lediglich um die Nichtbewilligung des 66 Pf. Stundenlohnes handelt, sondern dem Bund eS darauf ankommt, unsere Organisation zu zerstören, beschließt die Versammlung der Maurer Berlins und Umgegend(VertrauenSmänner-Centralisation): 1. Ueberall da, wo die Arbeitgeber nur teilweise Aussperrungen vorgenommen haben, jedoch auf den dringenden Baustellen be- willigt haben und arbeiten lasien, ist am Sonnabend, den 17. d. M. früh dem Unternehmer die Forderung zu stellen, auf allen Bauten zu bewilligen. Tritt die Bewilligung nicht ein, so ist sofort die Arbeit niederzulegen. 2. Bei allen Arbeitgebern, wo die Forderung von 65 Pf. noch nicht bewilligt ist, treten die Kollegen Sonnabend früh mit der Forderung an dieselben heran und legen im Fall der Nicht- bewilligung ebenfalls die Arbeit nieder. Die Versammlung beschloß ferner:„Da zu einem solch schweren unS aufgedrungenen Kampfe enonne Mittel'gebraucht werden und notwendig sind, die Beisteuer zum Streikfonds für jeden arbeitenden Kollegen beträgt 60 Pf.— Die Streikunterstützung beginnt jedoch Verantwortlicher Redacteur: Auauit Jacobe» in Berlin. mit dem siebenten Streittag als ersten Tag für diejenigen Kollegen, die täglich zwei Stempel in der Streik-Kontrollkarte aufzuweisen haben und beträgt für jeden Streikenden pro Tag 2 M., für jedes Kind pro Woche 1 M., für drei Tage 60 Pf. Von der Streikunterstützung ist ausgeschlossen, wer sich den ge- schäftlichen Anordnungen laut Streikreglement nicht fügt und auch derjenige, dem durch die Kommission nach außerhalb Arbeit nach- gewiesen wird und dieselbe ohne ganz triftige Gründe verweigert. Die unverheirateten Kollegen halten es als Ehrenpflicht, selbst auf bewilligten Bauten den hier verheirateten und ansässigen Kol- legen Platz zu machen und Berlin zu verlassen. Rcise-Unterstützung wird per Bahn 4. Klasse bis zum bestimmten Ort gewährt. Jeder unserer Centralisation angehörige Kollege hat sich im Besitz einer Streikkontrollkarte zu setzen, und zwar die arbeitenden sowie die streikenden, und sind zu diesem Zweck am Sonntag früh von 9 bis 11 Uhr die Filialen geöffnet. Die Kollegen haben sich zur Entnahme dieser Karten nach der Zahlstelle ihres Wohnbezirkes zu wenden und die Sammelkarte vorzulegen. Der Referent Fr. Kater sowohl als auch die DiSkufsionS- redner betonten, daß besonders die Maurer der lokalen Richtung diesen Kampf nicht provoziert haben, und daß der Kampf den Arbeitern von den Unternehmern aufgedrängt worden ist. Alle Redner befürworteten den nicht mehr abwendbaren Kampf mit der ganzen Kraft zu führen und infolge der ernsten und nun veränderten Situasion auch die Tattik zu ändern, wie sie von der Kommission in der Resolution in Vorschlag gebracht ist. «« Auch die Bauarbeiter(Hilfsarbeiter) sind bereits in großer Zahl in den Kampf der Maurer einbezogen; sie hielten ebenfalls am Freitagabend eine Versammlung ab. Der große Saal bei Cohn, Beuthstr. 20, war bis auf den letzten Platz gefüllt. Den Ausfüh- rungen des Vertrauensmannes N o a ck zufolge sind bis jetzt etwa 1000 Bauarbeiter, darunter 800 Familienväter, durch die AuS- sperrung der Maurer in Mitleidenschaft gezogen. Die Kommission schlägt den unverheirateten Kollegen vor, Berlin unverzüglich zu verlassen. In Westfalen sei Arbeitsgelegenheit vorhanden, und wer dahin gehen wolle, dem werde die Kommission daS Reife- geld zahlen. Um die Zahl der Unterstützungsberechtigten zu vermindern, sollten die Ausgesperrten eventuell andere Arbeit, das heißt nicht auf Bauten, annehmen.— Der Vorsitzende des Central-Verbandes, K r e n z- Hamburg, betonte in längerer, eindrucksvoller Rode, wie notwendig und selbstverständlich es sei, daß sich die Bauarbeiter in diesem den Maurern auf- gezwungenen Kampfe mit ihren Arbeitsbrüdern solidarisch erklären und den Kampf bis zu Ende durchführen. Der Verband stehe mit leinen Mitteln hinter den Ausgesperrten und werde dieselben in weitestem Maße unterstützen. Die Lohnkommission empfahl eine Resolution folgenden Inhalts: Da die Bauarbeiter durch die Aussperrung der Maurer in Mitleidenschaft gezogen sind, erklären sie sich mit denselben in vollem Umfange solidarisch. Die Ausgesperrten verzichten für die erste Woche auf jede Unterstützung. Von der zweiten Woche an erhält jeder Aus- gesperrte pro Woche 10 M., und d'- Vcrheirateteu für jedes Kind 1 M. besonders. Die Weiterarbeitenden sind verpflichtet, von ihrem Vcr- dienst 10 Proz. an die Streikkasse zu zahlen. Die Unverheirateten haben Berlin zu verlassen und bekommen das Reisegeld. Die Resolution wurde ohne Widerspruch angenommen. Am Montagvonnittag 10 Uhr findet in Cohns Saal eine Ver- sammlung der ausgesperrten Bauarbeiter statt. GenjevKMscftlithVS. Deutsches Reich. Ein Maurerstrcik ist auch in Darmstadt ausgebrochen. Es streiken beinahe 600 Mann. Die von den Unternehmern abgelehnten Forderungen sind zehnstündige Arbeitszeit und 46 Pf. Stundenlohn. Ausland. Ter Tcxtilarbeiterstrcik in Brünn steht noch auf dem alten Fleck. Die Fabrikanten bleiben halsstarrig in der Hoffnung, die Arbeiter auszuhungern. Daß ihnen das nicht so leicht gelingen dürfte, dafür diene als Beweis die nachstehende Schilderung der „Wiener Arbeiterzeitung" über einen Tag in Brünn, die den unter den Streikenden herrschenden Geist und die Art, wie der Streik ge- führt wird, lebensvoll kennzeichnet: „Von Tagesanbruch an(am 12. Juni, wo die Fabrikanten, wie schon manchmal, die Thore ihrer Fabriken in Erwartung der Streik- brecher weit aufgesperrt hatten) hatten sämtliche Fabriken eine kleine Ehrcngarde, aus verläßlichen Genossen bestehend; sie hatten nicht etwa„Arbeitswillige" abzuhalten, sondern sie sollten sie nur zählen, lvenn welche gekommen wären. Bei unserer Rundfahrt konnten wir überall den Bericht entgegennehmen, daß„alles in Ordnung", daß kein Mann und keine Maus sich zur Arbeit einstellt. Unter magchcm Fabrikthor sah man hie und da einen Fabrikbeamten oder einen Portier, die mürrisch dreinsahcn, als ob sie sich der Ruhe nicht freuten, die ihnen die Arbeiter vcr- schafft. So still es da war. so lebendig ging es her auf den Straßen, die von den Dörfern herein nach Brünn führen. Da kamen in langen Zügen die Streikenden heranmarschiert: voran meist die Frauen in ihrer bunten Tracht, in der Mitte eine Musikkapelle, dann die Männer. Die Mehrzahl mit Blumen und Laub geschmückt oder einen großen Strauß am langen Stocke gleich einer Standarte schwingend, so zogen sie. ihre Lieder singend und sich gegenseisig»nt lautem, fröh- lichcm„Na zdar!" begrüßend, zur Stadt. Der weite Hof des „Arbeiterhcim" schien schon dicht gefüllt, die Versammlung hatte schon begonnen, da mußte Genosse Burian seine Rede unterbrechen, denn der letzte Zug, der von Lösch und Julienfelde, kam an. Von der Straße her durch Musik und laute Willkomnirufc angekündigt. marschierten sie durch die schmale Gasse, die die Kopf an Kopf eng gedrängt stehenden Leute offenhielten, brachten ihre Blumensträuße zur Tribüne und rangierten sich dann in vollerOrdnung in einem weniger stark besetzten Teil des Hoscs, zum Teil mußten sie auf der Straße bleiben. Die Versammlung nahm ihren Fortgang;»ach Burian sprach Genosse Adler. Das Ausharren im Streik wurde nicht erst beschlossen, der Kampfesmnt und die Entschlossenheit, nicht nachzugeben, sprachen aus jedem Atemzuge der Versammelten. Dann kam die Auszahlung: ärmliche 70 Kreuzer für den Kopf. An 10 Tischen im Hofe wurde ausgezahlt; draußen in den Vororten, und auf den Dörfern giebt es weitere zwölf Zahlstellen. Die Tische waren umdrängt von Wartenden, aber es gab kein Gedränge, kein Stoßen, kein Kreische». Ein Genosse ruft die Namen auf, ein zweiter zahlt aus, ein dritter kontrolliert, alles geht wie am Schnürchen, ohne Hast, ohne Reibung. Drin im Saale wird Brot ausgeteilt, mit derselben Ruhe wie draußen spielt sich das ab. In der Mitte des Hofes aber spielt die Musik und drehen sich lustig die tanzenden Paare..."— So geht es einen Tag wie den anderen. Sorinlv Vrchkspflogr. Ncichö-BerflchcrnngSamt. Ist einem Arbeiter in einem Be- triebe ein Unfall zugestoßen, so hat er zur Sicherung seiner Rentenansprüche sofort die Arbeit niederzulegen und sich möglichst bald zu einem Arzte zu begeben. Wie notwendig es ist. daß die Arbeiter nach diesem Grundsatze handeln, lehrt folgender Vorfall. Der Hobler L. hatte sich im Betriebe der Firma Säger u. Klüsmann zu Lübeck beim Aussetzen eines 4 Ccntncr schweren Kippwagens einen doppelten Leistenbruch zugezogen. Trotz der Schmerzen, die sich einstellten, arbeitete L. weiter. Am nächste» Morgen machte er dem Arbeitgeber, der Vertrauensmann der Berufsgenossenschaft ist, von dem Vorfall Mitteilung, arbettete aber �ür den Inseratenteil verantwortlich: Th. Glocke in Berlin. Druck und V« auch jetzt noch den ganzen Tag und suchte erst am dritten Tage einen Arzt auf. Dieser konstatierte das Vorhandensein eines Bruche?,„zu dem aber schon die Anlage dagewesen sei". Auf Grund dieses Gutachtens wurde ein Betriebsunfall als nicht vorhanden angenommen und L. wurde mit seinem Rentenanspruch von der Genossenschaft und später auch vom Schiedsgericht, das er anrief, abgewiesen. Auch das Reichs-Versicherungsamt schloß sich den Ab- wcisungsgründen des Schiedsgerichts an und verwarf den Rekurs. Der Vorsitzende, Geheimrat Sasse, begründete den Spruch des Gerichts eingehend. Danach ist für die Annahme einer schon vor- Händen gewesenen Bruchncignng maßgebend, daß L. im stände war, die Arbeit fortzusetzen, was ihm im andern Falle unmöglich gewesen wäre. Auch der Einwand des Vertreters des Klägers, daß L. sich nicht mehr ernstlich beschäftige, könne daran nichts ändern. Bestärkt würde das Gericht in seiner Annahme aber grade durch das erfolgte Ein- treten eines doppelten Bruches. Das vom Kläger beschaffte Gut- achten, welches sich grade hierauf stützt, sei verfehlt. Ein Ober- gutachten erübrige sich dadurch, daß solche über gleichartige Fälle mehrfach vorlägen. Landwirtschaftlicher Unfall oder Bau-Unfall? Der Land- Wirt S e l m a n s hatte den Arbeiter G u d l i k i s beauftragt. Steine zu sprengen, die für einen Stallbau bestimmt waren. Bei dieser Arbeit verletzte sich G. die Finger. Nachdem er vergeblich bei der landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft eine Unfallrente beantragt hatte, wandte er sich an die Baugewerks-Berufsgenossen- schaft. Diese wies ihn ebenfalls ab, indem sie die landwirtschaftliche Berufsgenossenschaft für entschädigungspflichtig hielt. Gegen diesen Bescheid legte G. die Berufung ein. DaK Schiedsgericht veranstaltete eine Beweiserhebung über den Umfang des Stallbaues und wies dann die Be- rufung zurück. Das Gericht hatte die Ueberzeugung gewonnen, daß dieser Bau zu den Arbeiten gehöre, die bei der landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft versichert seien. Der Umfang der Arbeit wäre nur ein geringfügiger gewesen und im wesentlichen hätten die Besitzer ans der Nachbarschaft den Bau aus Gefälligkeit aufgeführt. — Der Kläger griff nunmehr zum Rechtsmittel des Rekurses und-nachte geltend, daß er den Bau als Fach- mann geleitet haben würde, wcnn er nicht verunglückt wäre. Die Arbeit sei auch keine schnell vorübergehende gewesen, denn sie habe an etwa 100 Tagen stattgefunden. Das Rcichs-Ver- sicher ungsamt verurteilte nach entsprechenden Ermittelungen die Baugewcrks-Berufsgenosscnschast, dem Kläger die Rente zu ge- währen. Zur Begründung des Urteils wurde ausgeführt: Zunächst wäre anzunehmen, daß die Sprengthättgkeit des Klägers eine Bau- arbeit gewesen sei, weil die Steine zum Neubau eines Stalles ge- braucht'-verde» sollten. Als Unternehmer sei der Landwirt selbst angesehen worden. Es handele sich aber auch um eine bei der Bau- gewerks- Berufsgenossenschaft versicherte Vauarbeit. Neubauten könnten nur unter besonderen Umständen als Teile einer Landwirt- schaft angesehen werden. Hier sei dies nicht angebracht, da der Stallban im Verhältnis zu der kleineu Landlvirt- schaft des S. zu umfangreich gewesen sei, um als Teil der land- wirtschaftlichen Thätigkeit gelten zu können. Das Schiffs- Unglück beim Ziillchower Freiftaden. DaS Schiffsunglück beim Züllchower Freistaden er- folgte in der Weise, daß die beiden etwa 100 Fuß langen Dampfer „Blücher" und„Pölitz" zusammenstießen. Der von Stettin kommende„Blücher" war im Begriff fortzufahren und der„Pölitz", von Pölitz kommend, im Begriff anzulegen. Durch falsches Manövrieren des letzteren rannte sein Steven mittschiffs den „Blücher" an und dieser sank nach einigen Minuten. Auf dem Schiffe befanden sich haupffächlich Kinder aus den naheliegenden Ort- schaften, welche ans den Schulen in Stettin zurückkehrend, diesen Dampfer zur Heimfahrt benutzen. Die Gesamtzahl der Passagiere -vird auf einige fünfzig angegeben, von denen der größte Teil ge- rettet sein soll. Als verletzt ist bisher nur ein Passagier gemeldet, der sich ein Bein gebrochen hat und in das Johanniter-Hospital in Z ü l l ch o w geschafft wurde. Von dem versunkenen Schiff, welches in 7 Meter Tiefe liegt, ragt nur ein Mast einige Fuß über dem Wasser empor. Leichen find bisher trotz aller Mühe noch nicht ge- borgen; doch werden die Bergungsarbeiten unausgesetzt betrieben. Alle Anstalten sind getroffen, das Fahrzeug zu heben und die im Raum befindlichen Leichen zu bergen. Da die Vernsißten sich auf vcrschisdcnc Ortschaften der Umgegend verteilen, war es den Be- Hörden bisher nicht möglich, die genaue Zahl derselben festzustellen. Uvtzte Mackzvichten und Vepefchen.' Die Kabinettsbildung PoincaröS gescheitert. Paris, 16. Juni. Die Besprechungen, welche heute Nachmittag und ain heutigen Abende bei P o incarö stattfanden, um Brisson. S a r r i e n Gelegenheit zu geben, sich mit ihren politischen Freunden über den Stand der Dinge zu besprechen, sind resultatlos verlaufen. Das Bureau der demokratischen Linken war am Nachmittag in dring- sicher Sitzung zusammengetreten und hatte beschlossen, daß man die Vorschläge P o i n c a r s s wegen der Zugehörigkeit Barthous zum Kabinett nicht annehmen könne. Deshalb wurden die Unterhandlungen abgebrochen. Poincars begab sich ins Elysee und gab den Auftrag zur Kabinettsbildung in die Hände des Präsidenten zurück. Paris, 16. Juni.(W. T. B.) Präsident L o u b e t wird morgen nachmittag mit mehreren ehemaligen Ministerpräsidenten konferieren, insbesondere mit Brisson, Meline und R i b o t. Loubct wird voraussichtlich D e l c a s s v den Auftrag, das neue Kabinett zu bilden, erteile». Auch der Name Waldeck-Rousseaus tritt sehr in den Vordergrund._ PariS, 16. Juni.(W. T. B.) Das Zuchtpolizeigericht ver- urteilte in dem Prozeß gegen die an der Kundgebung in Auteuil Beteiligten zwei der Angeklagten zu 3 Monaten Gefängnis, einen zu 2 Monaten, einen zu 1 Monat, und zwei andere, darunter den Grafen Dion, zu 14 Tagen Gefängnis. Einer der Angeklagten wurde zu einer Geldstrafe von 200 Frs. verurteilt, ein anderer freigesprochen. Rom, 16. Juni.(83. T. B.) Die D e p u ti c r t e n k a m m e r setzte die Beratung der Vorlage betreffend die politischen Maßnahmen fort. Nach einer lebhaften Debatte wurde auf Antrag Arcoleos. der von R u d i n r und S o n n i n o wann unterstützt wurde, der erste Arttkel unter großer Erregung an die Kommission verwiesen und die Sitzung geschlossen. Madrid, 16. Juni.(W. T. B.) Die Deputtettenk-'nimer hat sich kouftituirt. Pidal wurde zum Präsidenten wiedergewählt. Im Senate setzte Almenas die Angriffe gegen die Generale fort und ver- langte, daß der frühere KricgSmini'stcr Cervera wegen der Kapitu- lation von Santtago vor ein Gericht gestellt werde. New Dort, 16. Juni.(W.T.B.) Einer Meldung aus Manila zufolge verlautet dort gerüchtweise, daß A g u i n a i d o von den Anhängern L u n a s ermordet worden sei. Halifax(Neu-Tchottland), 16. Juni.(Meldung deS„Reuter- schen Bureaus".) Eine sehr heftige Explosion hat in dem Kohlen- bcrgwerk Caledonia am Kap Breton stattgefunden. Zwanzig Leichen sind bereits hervorgezogen worden. Man befürchtet, daß 120 Personen getötet worden sind. Johannesburg, 16. Juni.(Meldung des„ReuterfchenBureaus".) In einer Versammlung von etwa 6000 Bürgern, welche gestern Übend hier stattfand,-vurden mehrere Resolutionen angenommen, in welchen die Borschläge des Präsidenten Krüger und die tandlungsweise des Volksraads gebilligt-verde», ferner dem crtrauen Ausdruck gegeben wird, daß der Präsident und die beiden Raabs fähig seien, alle Streitfragen zu regeln. -laa von Mar Babing in Berlin. Hierzu S Beilaaen. m it. i. Iriimc te jniätts" Ittlinft UcksM Sonnabend, 17. Inni 1899. Keiltzskag» 84. Sitzung. Freitag. 16. Juni 1899. 1 U h r. Am Bundesratstische: v. Bülotv, v. Posadowsky, Frhr. t>. T h i e l m a n n. . Zunächst steht auf der Tagesordnung die erste Beratung des Gesetzentwurfs, betreffend die HandelSbezichnugcu zum britischen A�eich. Danach soll für die Zeit nach dem 3a Juli 1899 der Bundesrat ermächtigt werden, den Angehörigen aus den Erzeugnissen Englands und seiner Kolonien bis auf weiteres diejenigen Vorteile einzn- räumen, die seitens des Reichs den Angehörigen oder den Erzeug- uisseu des meist begünstigten Landes gewährt werden. Abg. Graf v. Kanitz(k.): Als wir im vorigen Jahre das Handelsprovisorium verabschiedeten, hofsrcn wir, dah es gelingen würde, die dem Abschluß eines Handelsvertrages entgegenstehenden Schwierigkeiten zu überwinden. Leider ist dies nicht gelungen und wir stehen daher jetzt vor der traurigen That fache, daß das Provisorium verlängert werden muß. Die Schwierigkeiten liegen vor allem darin, daß sich seitens der englischen Kolonien immer mehr das Bestreben geltend macht, selbständige Wirtschaftsgebiete zu bilden und sich von dem Mutterlande unabhängig zu machen. Die englische Regierung ist also auch beim besten Willen nicht in der Lage, auf die Zollpolitik ihrer Kolonien einen bestimmenden Einfluß auszuüben. Wir müssen also unsere Zollpolitikcr darauf einrichten, daß wir die englischen Kolonien auch als selbständige Länder behandeln, was sie ja sein wollen. Be- sonders hat sich dies ja in Bezug auf K a n a d a gezeigt, sodatz diese englische Kolonie bereits von der Meistbegünstigung ausgeschlossen ist. Diese Behandlung Kanadas als nicht meistbegünstigtes Land ist aber vorläufig praktisch unwirksam gewesen, weil unsere Zollbehörde keine Kontrolle darüber hat, ob Waren aus Kanada stannnen. Es wäre daher nötig auch für diese Waren ein Ursprungszeugnis zu fordern, wie es einzelnen Waren anderer Länder z. B. Spanien gegenüber jetzt schon freilich in sehr geringem Umfange ge- schieht. Im März dieses Jahres soll nach Zeitungsnach- richten den Bundesrat die Frage beschäftigt haben, ob auch für kanadische Erzeugnisse ein Ursprungszeugnis zu fordern sei, man hat aber die Notwendigkeit einer derartigen Maßregel nicht an- erkannt. Ich komme nun zu B r i t i s ch- O sti n d i e n. Dort ist vor kurzem ein Zuschlagszoll auf Zucker aus Ländern mit Zucker- Prämie beschlossen worden, doch richtet sich dieser Zoll nicht gerade gegen Deutschland, da z. B. der französische Zucker weit mehr be- lastet wird. Nach den Verhandlungen, die gestern erst im englischen Parlamente stattfanden, haben wir aber zu erwarte», daß die englische Regierung selbst recht bald einen solchen Zuschlags- z o l I auf Länder mit Zuckerprännen legt. Weiter will ich auf die englischen Kolonien nicht eingehen. Es ist ein alter Mißstand, daß wir unseren Zolltarif gebunden haben und nicht in der Lage sind, unsere Zollsätze so zu erhöhen, wie das andere Länder thun. Ich bin nie ein Freund der rücksichtslosen Meistbegünstigung gewesen, deren sich jetzt die englischen Kolonien und andere Lander erfreuen. Eine selbstverständliche Voraussetzung der Meist- bcgünstigung ist, daß die Zolltarife der beiderseitigen Länder so be- schaffen sind, daß sie einen äquivalenten Warenaustausch mindestens gestatten. Wird diese Voraussetzung nicht erfüllt, erhöht das eine Land in rücksichtsloser Weise seinen Zolltarif, so kann eS selbstverständlich nicht den Anspruch darauf machen, von anderen Ländern als meistbegünstigt behandelt zu werden, und die Vorzüge der dortigen niedrigen Tarife zu genießen. Ich bitte Sic dringend, den einzigen Ausweg, den es aus der jetzigen schwierigen Situation giebt, zu betrcteu und sobald als möglich den lange versprochenen autonomen Zolltarif aufzustellen mit so hohen Zollsätzen, daß wir die Zollerhöhnngcn anderer Länder konipensiercn können. Hand in Hand gehen damit muß, wie schon erwähnt, eine Ausdehnung der Forderung von Ursprungszeugnissen. Zum Schluß empfehle ich Ihnen die Annahme der Vorlage unter der Voraussetzung, daß die Worte»bis auf weiteres" ersetzt werden durch Einschaltung eines bestimmten Termins, sagen wir„bis zum 3a Juli 1999". An unsere Regie- rung richte ich die Bitte, dafür zu sorgen, daß der Warenaustausch zwischen Deutschland einerseits und den englischen Kolonien anderer- seits sich so gestaltet, daß wir dabei nicht zu kurz kommen. Unserer Industrie müssen die gefährdeten Absatzgebiete mit allen zulässigen Mitteln erhalten werden. In diesem Sinne bitte ich Sie, der Vor- läge zuzustimmen.(Bravo! rechts.) Abg. Dcinhardt(natl.) sauf der Tribüne fast unverständlich) bringt die vom englischen Unter Hause beschlossene Erhöhung der Finanzzölle auf ausländische Weine zur Sprache. sDa der Redner auch im Hause unverständlich bleibt, wird: Lauter! gerufen. Redner dreht sich um und fragt er- staunt: Was? Präsident Graf Balle st rem: Herr Abgeordneter, man wünscht, daß sie lauter sprechen.(Heiterkeit.)) Er hoffe, daß der Reichskanzler seinen Einfluß aufwenden werde, um den deutschen Weinhandel vor ungerechtfertigten Schädigungen zu bewahre», und ist im übrigen gleichfalls für Beschränkung der Geltungsdauer des Handelsprovisoriums. Abg. v. Kardorff(Rp.) spricht sich im Sinne des Grafen Kanitz, namentlich gleichfalls für die Beschränkung der Geltungsdauer aus. Wenn der Vorredner mit seinen Behauptungen recht habe, so sei es sehr merklvürdig, warum nicht der deutsche Gesandte bei der englischen Regierung vorstellig geworden sei, um Schädigungen des deutschen Weinhandels abzu- wenden, während doch der französische Gesandte auf seinem Posten gewesen sei. Es werde ihm lieb sein, von dem Regierungsvertretcr Aufklärungen über diesen Punkt zu erhalten. Redner empfiehlt schließlich noch einmal, die Geltungsdauer auf die Zeit bis zum 1. Juni 1999 zu beschränken. Abg. Dr. Rösicke-Kaiserslautern(B. d. L.) ist der Ansicht, daß die nervöse Plötzlichkeit der Zeit es liebe, heute Maßregeln zu treffen, die morgen als verfehlt sich herausstellen. Da England selbst nicht in der Lage sei, etwas anderes zu gewähren als Zollfreiheit, so sei als Aequivalent von deutscher Seite die Meistbegünstigung in den Kolonien zu fordern. England sei keineswegs'so einflußlos gegenüber seinen Kolonien, wie gemeinhin behauptet werde: Ostindien sei noch dazu nicht autonome Kolonie, sondern Kronland; die dortigen Differenzialzölle seien direkt auf den englischen Vicekönig zurückzuführeU. D i e Schlaffheit der Regierung bei Verhandlungen mit dem Auslande werde in den breiten Schichten der nationalgesinnten Be- völkerung nicht verstanden.(Sehr richtig I rechts.) Staatssekretär Graf Posadowsky tritt der Annahme entgegen, alS ob die deutsche Regierung bei den Verhandlungen es an der nötigen Energie habe fehlen lassen. Wenn von der Mißstimmung weiter Kreise gesprochen wird, so ist stets zu fragen, welche Kreise gemeint sind. Die eine Gruppe von In- dustriellen, die irgendwie geschädigt wird, möchte ain liebsten alle Handelsbeziehungen zu dcni betreffenden Lande abgebrochen wissen. während morgen wieder eine andere Gruppe uns himmelhoch be- schwört, den Handelsvertrag unter allen Umständen zu stände zu bringen. Die kanadischen Differenzialzölle, die dem Mutterlands einen Vorzugstarif von W Proz. gegenüber anderen Nationen gewähren, waren keineswegs, wie der Vorredner behauptet hat, der Regierung beim Beginn der Verhandlungen unbekannt; würde er sich die Mühe gegeben haben, die dem Entwürfe beigegebenen Motive durchzu- ftudicren, so würde er gefunden haben, daß diese Thatsache der Regierung keineswegs unbekannt geblieben, vielmehr von ihr in der nötigen Weise berücksichtigt worden ist. Sollen wir aber, möchte ich hier denn doch fragen, deshalb, weil eine englische Kolonie dem Mutterlande einen Vorzugstarif von 25 Proz. gewährt hat, sollen wir deshalb uns in einen Zollkrieg mit einem Lande hinein- treiben lassen, mit dem die engsten Beziehungen politischer, Handels- politischer, ich darf wohl sagen freundschaftlicher Natur uns verbinden? Das dürfte im Ernst doch wohl niemand verlangen. sSehr richtig! links.) Daß die andern englischen Kolonien oder ein erheblicher Teil derselben dem Beispiel Kanadas in Bezug auf die differenzielle Be- Handlung der deutschen Waren folgen werde, ist gewiß nicht zu be- fürchten; dazu sind die Engländer viel zu gewiegte Kauflcnte und nüchterne Rechner, die außerdem nicht vergessen werden, daß mehr Waren aus den englischen Kolonien nach Deutschland, als Waren ans Deutschland nach den englischen Kolonien ausgeführt werden. Von der Einführung von Ursprungszeugnissen gegenüber Kanada müssen>vir absehen, weil solche mit unendlichen Scherereien und kolossalen Belästigungen für den Handel verbunden sind. Ans dem Papier mögen sich solche Maßregeln ganz gut ausnehmen, denn das Papier ist geduldig; wie schwer' sie aber in der Praxis sich durchführen lassen, wird mir jeder bezeugen, der diese Dinge aus der Anschauung kennt.(Sehr richtig!) Graf Kanitz hat die ostindischcn Ausfuhrprämien zur Sprache gebracht. Auf die streitige Frage, ob in der Erhebung von Zuschlagszöllen gegenüber Ländern mit Ausfuhrprämien eine Verletzung der Meistbegünstigung liegt, will ich mich hier nicht einlassen. Wir werden dieselbe' nach den praktischen Erfordernissen des Einzelfalles und nicht von einem vorgefaßten Princip aus entscheiden. Ich gebe dem Grafen Kanitz recht, daß gerade die Freunde der Handelsverträge einen autonomen Tarif mit hohen Zollsätzen wünschen müssen.(Zustimmung rechts.) Bezüglich des englischen Weinzolles ist der deutsche Gesandte in London vorstellig geworden; es ist ihm gelungen, die Herabsetzung von l'/j auf 1 Schilling zu erwirken— es kann also keine Rede davon sein, daß die Regierung die Jntcr- essen des deutschen Weinhandcls nicht wahrgenommen hat. Die Zeitdauer der Befristung ist der Regierung gleichgültig; ich will nur bemerken, daß die Worte„bis auf weiteres" unter Umständen eine schärfere Befristung bedeuten. Jedenfalls wird die Regierung von der Vollmacht nur im Interesse des Reiches Gebrauch machen.' Ministerialdirektor Rcichardt nimmt den deutschen Botschafter in London gegen den Vorwurf des Abg. Dcinhardt, daß er die Interessen des deutschen Weinhandels nicht genügend vertreten habe, in Schutz. Abg. Paasche(natl.): Meinen politischen Freunden wäre eS lieb gewesen, zu erfahren, worin eigentlich die Schwierigkeiten lagen, die sich dem Abschluß der Verträge entgegenstellten. In England ist das Verlangen laut ge- worden, den Differcnzialzoll auf Zucker in Indien nicht zu gestatten Und dabei sind von feiten der Regierung Ansichten über Freihandel geäußert worden, die nicht mehr mit dem alten englischen Freihandel übereinstimmen. Da müssen sich aber auch die anderen Staaten danach richten. Freilich wollen wir keinen Zollkrieg provozieren, aber, wir wollen uns von den Herren Engländern auch nicht alles gefallen lassen. Redner verbreitet sich sodann über Retorsionszölle, die er für eine Verletzung des Wieistbcgünstigungsrechtö erklärt. Faktisch kommt es darauf hinaus, daß man die neue Absatzquclle uns dadurch verstopfen will. Abg. Hahn(Bund der Landw.) findet, daß der Wert der P r o d u k t i o n s st a t i st i k, an der von der Regierung seit Jahr und Tag gearbeitet iverde, im ivcsentlichen darin liege, daß sich daraus etwa 199 Doktorarbeiten anfertigen ließen. Aber in der Praxis habe sie nur eine geringe Bedeutung, und zur Vorbereitung für den Zolltarif sei sie nicht notwendig. Früher haben wir schneidig,-exakt und in kurzer Zeit gearbeitet. Seit der Zeit, da ich der Politik mein Interesse zuwandte, muß ich mit Betrübnis sehen, daß man von diesem Grundsatz mehr und mehr abkommt. Redner empfiehlt sodann kräftige Ab wehr maßregeln gegen England. Abg. Brömcl(frs. Vgg.): Die bisherige Debatte hat gezeigt, daß man nicht auf der rechten Seite des Hauses geneigt ist, der vom Bund der Landwirte eingeleiteten Agitation rückhaltlos zuzustimmen. Die Grundlage der Handelspolitik muß ein für alle Male die kühle kaufmännische Rechnung bleiben. In seinen weiteren Ausführungen billigt Redner durchaus die Haltung der Regierung. England und seine Kolonien haben sich bisher stets loyal verhalten und werden es wohl auch in Zukunft thun. Und nun. nachdem Kanada von der Meistbegünstigung ausgeschlossen ist, liegt keine Veranlassung mehr zu Mißhclligkeitcn vor. Bei der Festsetzung autonomer Tarife solle man nicht außer acht lassen, daß hohe Zollsätze in jedem Falle eine zweischneidige Waffe sind. Oberster Grundsatz für Regierung und Volksvertretung müsse bleiben: Friede ernährt, Unfriede verzehrt. Abg. Dr. Orrtcl(Sachsen): Einen Ruf zum Zollkrieg habe er aus den Reden der Herren Hahn und Rösicke nicht gehört. Sachlich unterschreibe er alles, ivas diese beiden Herren gesagt haben. Deutschland müsse energisch aus treten, damit nicht die Befürchtung Platz greife, Deutschland könne schlinimsten Falls gar keinen Zollkrieg führen. Man wolle der Re gierung keine Schwierigkeiten machen, ihr aber den Stücken stärken und ihr sagen, daß man festes energisches Auftreten für notwendig halte, dieses Auftreten aber in den letzten Jahren schmerzlich vcr mißt habe. Staatssekretär Graf v. Posadowsky bestreitet dem Abg. Paasche gegenüber, daß die Regierung ihren Standpunkt zu der Differenzierung des Prämicnzuckers geändert habe. Es müsse hier vor allem beachtet werden, ob eine Schädigung der deuffchen Interessen eintrete oder nicht. Das sei früher eilt scheidend gewesen und werde auch ferner entscheidend bleiben. Dem Abg. Dr. Hahn erwidere er, daß eine Verzögerung in der Aufstellung der autonomen Zolltarife durch die Aufnahme der Produktions- statistik schon deshalb gar nicht habe eintreten können, weil die autonomen Zolltarife' im Reichs- Schatzamt aufgestellt ivorden sind. Sic seien sogar schon fertig aufgestellt und lägen jetzt dein Rcichsamt des Innern vor. Abg. Möller-Duisburg(natl.) giebt dem Staatssekretär darin vollkommen recht, daß die Ausgleichs- zölle nicht unter allen Umständen eine Verletzung der Meist- begünstigung seien; sie müßten vielmehr von Fall zu Fall beurteilt werden. Daß der Aufstellung des autonomen Zolltarifs gründliche Erhebungen vorangingen, sei als durchaus gerechtfertigt an- zuerkennen. Ucbrigens solle die Produktionsstatistik ja auch noch anderen Zwecken dienen; sie soll die Unterlage für die neuen Handelsvertragsverhandlungen sein. Damit schließt die erste Beratung. Die zweite Beratung findet ebenfalls im Plenum statt. Debattelos werden sodann in erster und zweiter Beratung ge- nehmigt: die Uebereinkunst zwischen dem Reiche und Uruguay über das Wiederinkrafttreten des Handels- und Schiffahrtsvertrages vom 29. Juni 1892, ferner der Konsnlarvertrag zwischen Deutschland und Brasilien, und endlich die Novelle zum Gesetz über die Rechtsverhältnisse»der deutschen Schutz- gebiete. Damit ist die Tagesordnung erledigt. Nächste Sitzung: Sonnabend 1 Uhr. Zweite Beratung des Handelsprovisoriunis mit England. Dritte Beratung der eben in zweiter Beratung erledigten Vorlagen; Wahlprüfungen; Petitionen. Abg. Singer(Soc.) zur Geschäftsordnung: Die Wahlprüfungs-Kommission. die auf An- trag von konservativer Seite in eine erneute Prüfung der Wabl des Abg. v. Löbell eintreten und verschiedene im Gegenprotest auf- gestellte Behauptungen in den Bereich ihrer Untersuchungen ziehen sollte, ist über diesen Antrag zur Tagesordnung übergegangen. Der Bericht liegt gedruckt vor, und ich beantrage, auch diese Wahl auf die morgige Tagesordnung zu setzen. Präsident Graf Ballestrcm: Der Bericht ist noch nicht verteilt. Abg. Singer: Doch! Er ist in unseren Händen. Präsident: Das Bureau versichert, daß er noch nicht vcr- teilt ist...„ Abg. Basscrmann bestätigt, daß der Bericht bereits verteilt ist. Präsident: Dann werde ich recherchieren lassen und setze auch diese Wahlprüfung ans die Tagesordnung. Schluß 5 Uhr. Ueber die Ernährrntgsweise der Berliner Säuglinge werden bei Gelegenheit der Volkszählungen besondere Erhebungen gemacht, deren Ergebnisse ein sehr interessantes Licht auf die V e r- schiedenheit der Säuglingsernährung bei Reich und Arm zu werfen Pflegen. Bei der Zählung von 1893 wurden hier 37 316 Kind er des' ersten Lebensjahres ermittelt; für 37 243 davon ließ sich die Ernähruiigsweise feststellen. Es wurden zur Zeit der Zählung ernährt: mit Mlittcrmilch 16 997 (= 432 von je 1999 Kindern), mit AiNmenmilch 536(— 14), mit Mutter- oder Ammenmilch und anderer Nahrung(Thiermilch), Surrogat, Familienkost usw.) 919(= 25), nur mit Tier- nnlch 16 918(— 454), mit Tiermilch und Surrogat 723 (— 19), nur mit Surrogat, Familicnkost oder Nahrnngs- mittel» anderer Art 1859(— 56). Das ist da? n l l g e m eine Ergcbniß. Versucht inan eine Unterscheidung der Kinder nach der wirtschaftlichen Lage der Angehörigen (der Eltern. Verwandten, Pfleger usw.), wofür leider nur Angaben über die Größe der Wohnung und über Beruf und Arbcitsstellung der Familicnhäupter vorhanden sind, so zeigen die besonderen Ergebnisse für die bemittelte bezw. die unbemittelte Bevölkerung sehr deutliche Gegensätze. Die Unterscheidung nach W o h n u n g s k l a s s e n ergiebt, daß, je größer die Wohnung ist,' die Kinder verhältnismäßig desto seltener' mit Muttermilch ernährt werden. Unter je 1999 in der betreffenden Wohnungsklaffe ermittelten Kindern waren in den Wohnungen mit nur 1 Zimmer 592 Muttermilch- Kinder, mit 2 Zimmern'481, mit 3 Zimmern 415, mit 4 Zimmern 328, niit 5 Zimmern 259, mit 6 Zimmern 163, mit 7 Zimmern 164, mit 8 Zimmern 134, mit 9 Zimmern 93, mit 19 Zimmern 133, mit 11(oder mehr) Zimmern 193. In diesen Zahlen kommt die Thatsache zum Ausdruck, daß die natürlichste Art der Ernährung, die Ernährung mit der Mutterbrnst bei der unbemittelten Bevölkerung i ni ni e r noch am m e i st e n v e r b r e i t e t i st. Sie wird von vielen unbeinitteltcu Müttern dem„Aufpäppeln" mit aus dem Grunde vorgezogen— wenigstens in den ersten Wochen oder Monaten, so lange es geht—, weil sie weniger zeitraubend ist und lallerdings irrtümlicher Weise) für billige r gehalten wird. Beniitteltere Leute helfen sich großenteils m i t A m m e n. Unter je 1999 Kindern der betreffenden Wohnnngsklasse waren in den Wohnungen niit 1. 2, 3, 4, 5. 6, 7, 8, 9, 19, 11(oder mehr) Zimmern 9. 1,4,39, 192, 137, 222, 233, 275, 241, 269 Ammen- milch-Kinder. Je größer die Wohnung, desto häufiger die Ernährung durch Ammen. In den größten, von seihs Zimmern ist sie bereits häufiger als die Ernährung durch die Mutter. Die Thatsache der Verschiedenheit der Sänglingsernährnng bei Reich und Arm wird des weiteren bestätigt durch die Unter- scheidimgnach Beruf und Arb ei ts st e l lun g derFamilien- Häupter. Wo bei den Erwerbsthätigen in Selbständige und Ab- hängige unterschieden ist, sind die M n t t e r in i l ch- K i n d e r bei den Abhängigen zahlreicher als bei den Selbständigen. Besonders scharf ist der Gegensatz z. B. in der Textilindustrie. Hier wurden bei den Abhängigen 427 von 1999 Kindern von der Mutter genährt, bei den Selbständigen dagegen nur 298 von 1999. Sehr zahlreich vertreten waren die Muttermilchkinder in den Gruppen„Persönliche Dienstleistung"und„Handarbeit ohne nähere Angabe", mit 519 bezw. 551 pro 1999, sehr spärlich unter den Kindern der Aerzte, Offiziere, Rechtsanwälte, mit 149, 127, 53 pro 1999. Umgekehrt fand sich die Ernährung durch Am nie» bei den i n d e r n der Abhängigen nur ausnahmsweise, bei denen der S e I b st ä n d i g e n sehr häufig, z, B. in der Textilindustrie bei den Abhängigen nur 5 pro 1999, bei den Selb- ständigen 131 pro 1999. Den höchsten Anteil hatten die Ammenniilch- Kinder unter den Kindern der Rechtsanwälte, 263 pro 1999, den nächsthöchsten unter denen der Aerzte und der Offiziere, 184 bezw. 183 pro 1999, Was nun die Ernährung durch Tiermilch sc. anbetrifft, so war sie b e i W o h l h a b e n d e n und U n b e m i t- teltcn ungefähr gleich häufig, bei den Unbemittelten eher noch etwas häufiger, wie die Unterscheidung nach Wohnungs- klaffen und Beruf zc. zeigt. Wenn trotzdem Jahr für Jahr festzustellen ist, daß einerseits die„Päppelkinder" viel zahlreicher als die„Brust- tiiider", andrerseits die Kinder der Unbemittelten viel zahlreicher, als die der Wohlhabenden an der S ä u g l i n g s st e r b l i ch- keit) namentlich an den S t e r b e f ä l l c n durch V e r- da u ungSkrankbeiien, beteiligt sind, so beweist das, daß die Gefahren der Ernährung mit Tiennilch sehr bedingt werden durch die größere oder geringere Möglichkeit, eine gute Milch zu kaufen, sie sorgfältig zuzubereiten, in saubere n Gefäßen anfzichelvahrcn und sie eventuell bei dem geringsten Verdacht aus Verdorbensein wegzugießen. Alles das sind aber Er forder- nisse, die bei der unbemittelten Bevölkerung aus-Mangel an Zeit und Geld viel seltener erfüllt werden können, als in wohlhabendere» Familien. Sehr lehrreich in dieser Hinsicht ist das, was bei der Zählung von 1895 über die Verwendung von sterilisirter Milch ermittelt worden ist. Es bekamen z. B. von den 16 918 nur mit Tiennilch ernährten Kindern 1778 sterilisirte Milch, 195 von je 1999 Kindern dieser Gruppe. Das Verhältnis stellte sich aber im Minimum bei den„Handarbeitern ohne nähere An- gäbe" ans nur 23 pro 1999, bei den Abhängigen verschiedener anderer Berufe ähnlich, ein Maximum auf 799—899 pro 1999 bei den Rechtsanwälten, Aerzten, höheren Beamten, Offizieren usw., und ähnlich bei den Selbständigen mehrerer anderer Berufe. Sterilisirte Milch ist eben teuer, darum niuß der Unbemittelte meist darauf verzichten. Er muß sie seinem Kinde ebenso wie vieles andere versagen, was zur zweckmäßigen, gesundheitfördernden Er- nährung und Pflege eines Kindes erforderlich ist. Wenn i n B e r I i n alljährlich Tau sende von Proletarierkindern schon im er st en Lebensjahre hin st erben, so darf man geradezu behaupten, daß die eigentliche Todesursache häufig weiter nichts als die Armut und Not ist, in die sie hineingeboren wurden: der Mangel einer guten, bekönim- lichcn Nahrung und einer sorgfältigen, gedeihlichen Pflege, dazu die erbärmlichen Wohnnngsverhäitnisse und oft noch eine von vornherein schwächliche Gesundheit, die sie von ihren im Dienste des Kapitalismus abgerackerten Eltern mitbekommen haben. Wer die Bedingungen, unter denen die Jugend des Proletariates aufwächst,— hinsichtlich der Pflege und Ernährung, wie auch der Unterweisimg und Erziehung— bessern will, der mutz die wirtschaftliche Lage der Arbeiterklasse zu heben suchen; w e r sich d c n B e st r e b u ii g e n der Arbeiterklasse, sich bessere Arbeits- und Lohn Verhältnisse zu schaffen, entgegen st eilt, der schädigt die heranwachsende Generation. Moutmunsles. A«S der MagistratSfihnns am Freitag. Die Frage wegen Unterbringung der unter städtischer Obhut befindlichen Waisen- linder bildete einen Bcrawiigsgegcnftand des Magistratskollegn »n seiner gestrigen Sitzung. Nach dein Entschlnst des Kollegii sollen die Kinder möglichst alle der Fnmilicnpflege übergeben werden. In Bezug der Unterbringung der katholischen Waisenkinder in An- stalten sollen zunächst durch zwei MagistratSmitglicdcr die Waisen« hänser in Potsdam, Wilmersdorf und Moabit einer eingehenden Besichtigung unterliegen.— Einen von der Hochbanverlvalinng au- gefertigten Entwurf zur Errichtung einer G c in e i n d e- D o p p e l- s ch u l e in der Wiclcsstraste legte der in Pevtrehrng des Stadt- baurntS Hofstnann anwesende Stadt-Bauinspcktor Banrat Lindcmamk dem Kollegium zur Gcnchiuigung vor. Das Projekt, nach welchem das Schnlgcbände mit 34 Klassen und ciuciuKindcrhort eingerichtet wird und nach einem Kostenanschläge auf 7LS 000 M. berechnet ist. hat das Kollegium genehmigt.— Dem vom kgl. Polizeipräsidium beabsich- tigtcn Erlaß einer Polizeivcrordnung betreffend das Schlachten von Pferden, Eseln, Maultieren und Mauleseln hat daS Magistratskollcgium zngcstiimnt. Nach dieser Verordnung dürfen die genannten Tiere mir in der Ccntral-Roßschlächterei- in der Greifs- lnalderstraßw geschlachtet werden. Pferde-, Esel-, Maultier- oder Niauleselfleifch, sowie die Fabrikate aus, oder mit solchem Fleische, wie Wurst oder sonstige Fleischwaren, dürfen nach Berlin nicht ein- geführt werden. Ausgenommen von diesem Verbote ist die aus Italien eingeführte Salamiwurst. Fleisch von solchen Tieren, sowie die aus solchem Fleische her- gestellten Würste und sonstigen Fleischwaren— gebratener Klops, Boulcttcn, Pökelfleisch-c.— dürfen nur an solchen Stellen seil- geboten, verkaufl oder sonst in Verkehr gebracht werden, die bei den Behörden vorher angemeldet sind. An solchen Verkchrsstcllen dürfen andere Fleischwaren weder aufbewahrt oder gelagert noch in irgend einer Weise in den Verkehr gebracht werden. Jede Lcrknufsstcllc eines solchen Fleisches oder der Waren aus solchem Fleische muß über oder an der Eingangsthür an einer leicht sichtbaren Stelle mit einer Inschrift versehen sein, die in Buchstaben von 15 Centimeter Hohe die Anff'chrift:.Roßfleisch-Verkanf* oder»Roßfleischwaren- Verkanf" enthalten. In ihrer geheimen Sitznng am Donnerstag genehmigte die Stadtverordneten- Versammlung das Pensionsgcsuch dcS Direktors Iwr Luiscnstädtischen Obcrrcalschule, Dr. Bandow. Ferner stimmte die Bersammlimg der Wiederwahl des ärztlichen Direktors an dem Krankcnhause Moabit, Professors Dr. Rcnvcrs und des Direktors der Anstalt für Epileptische Ruhlgarten, Dr. Hebold, zu. Auch genehmigte die Versammlung die Anstellung der Magistrats-Asscssorcn Alberti und Kremski auf Lebenszeit, die Wahl des Gerichts-Asscssors Dr. Franz als Magistrats- Assessors, des Rcgicrungs- Baumeisters Brnncke als Stadt-Baumeistcr, der Schulamts-Kandidatcn Siegfried Schultz, Dr. Samter, Voß und Reuter als Oberlehrer an einer städtischen höheren Lehranstalt und des Obcr-Sladtsckretärs Schuster als Verivaltungsdirekkor des Friedrich-Waiscnhauscs. Lokales. Der W ahlvcrein Berlin lll unteniimmt morgen. Sonntag früh einen Familienausflug nach Grünau, Lokal von Lindenhayn Um rege Beteiligung bittet Der Vorstand. Unser Parteigenosse Rntrick ist nach der schweren Erkrankung, Über die wir berichtet haben, zur lebhaften Freude seiner Fraktions- kollegcn gestern zum erstenmale wieder im Reichstage erschienen. Dank der ärztlichen Kunst ist Antrick von dem Leiden scr litt an Blinddarmcutzündung) völlig wiederhergestellt worden, und er hofft, daß er sich nächstens wieder mit voller Kraft dem Dienst der Partei widmen kann. Mit uns werden alle Parteigenossen wünschen, daß diese Hoffnung alsbald in Erfüllung gehe. Die im Herbst bicseS Jahres stattfindenden ErgiinznngS- tvahlcn zur Stadttirrordneten-Persammlung stellen in erhöhtem Maße Anforderungen an die agitatorische Thatkraft unserer Genossen. Im Laufe des nächsten Moiiats werden die Listen für die stimmfähigen Bürger auZliegen, und somit müssen die Parteigenossen dafür Sorge tragen, daß sich die Arbeiter allgemein davon überzeugen, ob sie auch in die Wählerliste eingetragen sind. Da zum erstenmale nach der neuen Einteilung der Wahlbezirke gewählt wird, bringen wir iiachstehcnd eine Tabelle, ans der die Genossen ersehen köimeii, in welchem Reichstags- W a h l k r e i s e diejenigen Stadtverordneten-Wahlbezirke liegens in denen in diese m Jahre ErgänziingSivahlen stattfinde». Die Ein- tcilnng bezieht sich selbstverständlich»»r ans die dritte Abteilung. Namentlich ist eS der sechste Rcichstags-Wahlkrcis, der am meisten BevölkcnnigszuwachS zu verzeichnen hat. Dementsprechend entfallen von den sechs neuen Bezirken der dritten Abteilung allein fünf auf diesen Wahlkreis. Wahl- bezirk Nr. 1. 3. 6. 7. 16. 19. ') 15. 20. 21. 26. 27. 30. 33. 38. 40. 43. 44. 45. 46. 47. Stadtbezirke 1—10 21-23. 25-30 40—42. 50-53. 56 54. 55. 57-63 114—121 136—142 109—113 145-148.150.151.201 149, 162—166 156. 160. 189—193 184-188. 194. 195 210— 215. 255. 256 237-241. 243. 244 260—264. 277 273. 275. 276. 278. l 305. 3061 200—202 203-298 290-301. 303. 304 307. 308. 315—318 309-314. 325. 826 Bisheriger Vertreter Jordan Hermes Förstcrling Ullstein Herbig Roscnow T o l ks d o rf Türmer Wille Neuer Bezirk Meißner Sutter G i e s h o it G leinert Neuer Bezirk Gehört zum Reichstags- Wahlkreise I. Wahlkreis II. HI. IV. IV. V. SO. O. vi. Vogtherr Neuer Bezirk *) Tolksdorf vertrat den alten 16. Wahlbezirk, der aber nach der Neueintciliing verschwunden ist. Werder, die märkische Obstkammer, deren erste süße Früchte seit wenigen Tagen wieder auf den Berliner Märkten prangen, gehört zu den ältesten Niederlassuilgen der Mark. In den Tagen, wo von Süden her die Deutschen ihre ersten Erobcrungszüge in das alte Slavcnland.Brennabor" unternahmen, befand sich auf Werder bereits eine Ansiedeliuig wendischer Fischer. 1317 heißt der Ort in den Urkunden.ein Flecken", hundert Jahre später nennt ihn die Chronik schon.Stadt". Die einsame Jnscllage brachte der Ortschaft viel Gutes. Pest und Krieg kehrten nicht in ihren Mauern ein. Während im ganzen Lande der Ichwarze Tod sei» schauerliches Opfer hielt, blieb Werder von ihm vollkommen verschont. Selbst in den wilden Stürmen des dreißigjährigen Krieges, die rundum manches Dorf verwüsteten, war hier der tiefste Frieden. Die Werdcrsche Obstkulwr datiert aus dem 17. Jahrhundert. Sie verdankt ihr Entstehen holländischen Kolonisten. Im Airfang des Z18. Jahrhunderts gehörten die Werderscheu Kirschen bereits zu den Delikatessen der Fein- schmecker. Werdcrsche Erd- und Himbeeren wurden allgemein als die besten geschätzt. Bedeutung für Berlin bekam das Werdcrsche Obst erst, als die Dampfer den Verkehr zu vermitteln begannen. Von 1850— 1860 fuhr die„Marie Louise", alsdann der„König Wilhelm". Jeden Abend verläßt daS Schiff die Stadt, um am nächsten Morgen in Berlin einzutreffen. Obgleich alljährlich Taufende von„Ti»en" Obst aus Werder nach Berlin und ebensoviel Tausende von Thalern ans Berlin nach Werder gehen, find die Einwohner nicht eigentlich reich. Die Unkosten find zu groß, und was eine Reihe guier Jahre einbringen, verzehrt oft ein einziges schlechtes. Neben seiner Obstkultur ist Werder auch noch durch seine Brauereien bekannt geworden. Die„Werdcrsche" darf sich neben der bayrischen zwar nicht behaupten, immerhin steht sie als Nährbier hoch in Riff. Ein Chronist des 18. Jahrhunderts nannte die Werderancr ein grobes Volk, das ungastlich und vcrschloffcn keinen Fremden unter sich dulden mochte: die Grobheit ist zwar auch heut noch nicht völlig ausgestorben, die llngastlichleit aber ganz und gar, die„Wcrderschcn" sind sroh wenn Fremde kommen, ihr Havelklcinod zu bewundern, bildet ihr Verkehr doch eine Hanptcinnahmcquelle für die Stadt Verwerflich und thöricht ist es mir bo» den dortigen Loknlinhabeni daß sie mit einer einzigen Ausnahme glauben, nach bekanntem Rezept die oben so sehr beliebte Arbeitcrseindlichkeit bethätigen zu müssen. Ihren hundertsten GebnrtStaq können in diesem Jahre die Berliner Hausnummern seiern. In einer alten Zeitschrift aus dem Jahre 1799 liest man: Schon lauge war davon die Rede, daß die Häuser in Berlin nach dem Beispiel anderer großer Städte mimmcncvt werden sollten. Man hatte die Idee, daß die Nummern durch die ganze Stadt fortlaufen sollten, und in der That schien es, als könnte sie der Ausführung näher gebracht»verdcn. In den„Denkwürdig- kciten der Mark Brandenburg" aber wurde der Vorschlag gemacht, jede Straße besonders zu nmnmeriercn, und so also mit einer neuen Straße auch immer die Nummern zu wiederholen, weil es abzusehen war, daß durch fortlaufende Zahlen das Behalten derselben erschwert und eine Verwirrung daraus hervorgehen würde. Dieser Vor- schlag ist jetzt ausgeführt und man steht bereits in den Haupt- teilen der Stadt die Nummern auf blauen Blechen mit ver- goldetcn Ziffern über den Thören prangen nach der vorgeschlagenen Art. Da die Bequemlichlcit dadurch befördert und das oft mühsame Aufsuchen sehr erleichtert wird, so ist diese Einrichtung als eine sehr wohlthätige Neueruiyg zu betrachten und verdient deshalb auch in dieser Zeitschrift als solche angemerkt zu werden." In der Angelegenheit der„Socialistischrn Monatshefte welche, wie bereils mitgeteilt worden ist, vorab aus der Akademischen Lesehalle entfernt worden sind, hat das Direktorium der Lese- Halle in seiner Sitzung vom Donnerstag Abend einstimmig den Be- schlnß gefaßt, dem Verlangen des Rektors auf Entfernung der Zeit- schrift ans der Lesehalle n'i ch t stattzugeben, sondern vielmehr die Sache einer allgemeinen Mitgliederversammlung der Lesehalle zu unterbreiten, welche am 27. d. Mts. swilfinden soll Interessant ist eine Mitteilung. wonach der Rektor Herr Waldeyer die seiner Zeit erteilte Erlaubnis zur Auslegung der nun- mehr lviedcr verpönten Monatsschrift damit begründete, daß ja auch der noch viel schlimmere„Vorwärts" in der Akadeniische» Lesehalle anslicge! Eheschliestungcn, Geburten und Todesfälle. In der Woche vom 21. bis 27. Mai fanden in Berlin 376 Eheschließungen statt. — Die Zahl der Lcbendgeborencn betrug 902(480 männliche, 422 weibliche). Totgeboren Ivurdcn 26 Kinder<16 männliche, 10 weibliche). Unter den Lcbendgeborencn befanden sich 136, unter den Totgeborenen 6 außerehelich geborene Kinder.— Die Zahl der Sterbefälle betrug in der Berichtswoche 601 und betraf 318 männ- liche, 283 weibliche Personen. Unter den Verstorbenen befanden sich 190 Kinder im ersten Lebensjahre<149 ehelich und 41 außerehelich gcborciic). In Krankenhäusern sind 179 Personen<96 männ- liche und 83 weibliche) gestorben. Auf gewaltsame Weise endeten 15 Personen, darunter 7 durch Selbstmord.— Auf die einzelnen Stadtteile verteilten sich die Sterbefälle wie folgt: Berlin- Kölln-Dorothcenstadt 10; Friedrichstadt 10: Friedrich- und Schöne- bcrgcr Vorstadt 23; Friedrich- und Tempelhoser Vorstadt twcstl.) 25; Tkinpelhoscr Vorstadt löstl.) 41: Luisenstadt, jenseits des Kanals 58; Luisenstadt, diesseits des Kanals 40; Sttalaner Viertel 68: Königs- viertel 49: Spalldauer Viertel 24: Rosenthalcr Vorstadt 87; Oranicn- bnrger Vorstadt 50: Friedrich-Wilhclmstadt und Moabit<östl.) 33 Moabit(westl.) 80: Wedding 53.— Die Eheschlietzmigen betrugen 21,6, die Lcbciidgedorencn 25.9, die Totgeborenen 0,7, die Sterbe- fälle 17,2 pro Mille der Bevölkerung. ElcudSstatistik. Im städtischen Obdach befanden sich am 1. Mai d. I. 30 Familien mit 103 Personen und 69 Einzelpersonen Am 1. Juni war der Bestand 25 Familien mit 76 Personen und 82 Einzelpersonen.— Im Laufe des Monats Mai wurde das Ob- dach voir 24 301 nächtlich Obdachlosen und zwar von 23 565 Männern und 736 Frauen benutzt. Von diesen Personen wurden 49 hiesigen Krankenhäusern, 64 der Krankenstation des Obdachs, 19 der Geschlechts kranlenstation, 2 der Anstalt für Epileptische Wuhlgarten und 67 der Polizei überwiesen.— Gebadet haben im Obdach im Monat Mai 10 627 Personen. Geschäftliche AuSnnttuug der Mnsterloyalität. In Ocyn- Hansell ivurde ain Montag ein angeblicher Ofstzier wegen ver- schiede»« Schwindeleien verhaftet. Er gestand dann ein. daß er Karl Rothcr heiße, ans Berlin und Kranieiiwärtcr sei.— Es ist wcisellos derselbe Mensch, der die aus Halle. Nordhausen, Sachsa gcmeldclcn Schwindeleien verübt hat. In der Gegend von Alfeld hat er sich für einen Specialknrier des Kaisers aus- gegeben. Am Sonnabend kam er in Lffiziersunisorm ans dem Stahlroß in Dehnsen beim OrtSvolstehcr vorgefahrcn lind gab eine Karte ab,»ach der er ein Graf v. ProminSky, Leutnant im 11. Regiment zu Breslau, sein wollte. Sodann schimpfte er, daß er sein Portemonnaie mit 148 M. verloren habe. Da er nach Hannover müsse, bat er, ihm 15 St zu leihen, was auch geschah. Dann ersuchte er den Vorsteher, doch eine An- zeige bezüglich des verlorenen Portemonnaies zu erlassen,>vas auch ver- sprochcn wurde. Auch in Salzderheldcn, wo er dem Vorsteher den Besuch des Kaisers ankündigte, gelang es ihm, sich II St zu erschwindeln. Tann schickte er von Einbeck ans an den Magistrat zu Alfeld folgendes Telegramm ab:„Leutnant Graf von Prominsty, Specialturicr Sr. Majestät des Kaisers, tvird heute nachmittag da- selbst eiittrcfien. Ich weise Sie hiermit an, demselben in jeder Sic- ziehiing bereitwillig ertgegenznkoliimen. Der RegienmgSpräsldcnt," Wirklich kam."denn auch am Sonntag der angebliche Spccialkuricr des Kaisers und falsche v. Prominsky in Alfeld an, nahm in Pocks Hotel Wohnung und bestellte sich ein feines Mittagsmahl. Slis er dann ober einen Blick durchs Fenster warf und Gendarmen und Polizei auf dem Marktplätze sah, wurde es ihm doch nicht geheuer. Er ließ sein Mittagsmahl im Stich, bestieg fei» Rad und verschwand. Als die Beamten kamen, lvar er bereits entwischt. Dampferfahrten mit Mufikbeglcituug dürfen in Berlin, wie das Polizeipräsidium mitteilt, nur nach eingeholter polizeilicher Er- laubuis stattsiiiden. Zur Vermeidung unlicbsamer Verzögerungen wird darauf hingewiesen, daß die Erlaubnis bei dem Polizei-Schiff« fahrtsbureau, Probsfftraße 8, schriftlich beantragt werden muß und zwar mindestens sechs Tage vor der beabsichtigten Partie. In dem Antrage sind Tag. Stunde und Ort der Abfahrt des Dampfers, der Raine des Schiffes und des Eigentümers desselben anzugeben, außerdem sind 1,50 M. in bar(nicht in Stempelmarken) anzufügen, an Sonn- und Feiertage» darf unter allen Umständen erst nach 12 Uhr mittags mit Musikmachcn begonnen werden. Der in Untersuchungshaft sitzende Graf von mtd zu Egloff- stcin dürfte auf eine endgültige Entscheidung seines Schicksals sobald noch nicht rechnen können. Er hat bekanntlich durch seine Verteidiger Jnstizrnt K l c i n h o l z und R.-A. Dr. M a r c u s e Revision gegen das am 17. April gegen ihn gefällte, auf 9 Monat Gefängnis lautende Urteil der 7. Strafkammer einlegen lasten. Wie wir hören, ist die Revisionsschrift erst Mittwoch an das Reichsgericht abgegangen und es ist nicht wahrscheinlich, daß sie noch vor den Gerichtsferien ihre Erledigung finden wird. Die Aussagen der beide« Personen, die wegen de? gegen die Frau des Gerichtsdiätars Hahn verübten Mordversuches ver- hastet worden sind, smd einander vollständig widersprechend und gar nicht mit einander zu vereffffaen. Frau Buchwald, die die Fra u Hahn in der Nähe deS Bahnhofes Schmargendorf überfallen und mit Messerstichen traktirt hat, bleibt dabei, daß der Diätar Hahn Mitwisser und gewissermaßen Anstifter des Attentats gewesen sei. Sie behauptet, daß sie mit Hahn in intimem Verkehr gestanden und diesem nur der Umstand im Wege gewesen sei, daß Hahn eine Trennung seiner Ehe nicht erreichen konnte. Um die Frau auf andere Weise los zu werden, sei der Ueberfall geplant worden. Hahn bestreitet olle diese Behnnptniigcn anfs Entschiedenste und giebt auch nicht zu, daß er mit Frau Buchwald ein Verhältnis gehabt habe. Er ist aber noch nicht ans der Haft entlasten worden. Die Verteidigung des Hahn hat Ncchtsanwalt P i n e u s I, die der Frau B u ch w a l d Rechtsanwalt Dr. W e r t h a u e r übernommen. Ein frecheS DicieSstiickchcn trug sich vorgestern am hellen Tage in der Besselstraße zu. Eine Witwe Lehmann, die im vierten Stock dcS Hauses S!r. 10 wohnt, hatte ihre Wohnung nicht verschlossen, als sie ans einen Llngcnblick zum Einholen wegging. Diese Gelegenheit benutzte ein Dieb, ein innger Mann von 19—20 Jahren, um ihr das Federbett aus dem Ziiinncr zu stehlen. Als sie zurückkehrte, be- gcgiicte ihr der Dieb im Hausflur. Verwundert betrachtete sie die Last, die er trug, und sprach ihn an:„Nanu, das ist doch mein Bett!"„So," erwiderte der Dieb,„dann behalten S' et man." wars das Bett hin. lief davon und war bereits verschwunden, als man an seine Verfolgung dachte. I» der Zlnsstcllnng für Kriuiketipflcge erfolgt heute die Preisverteilung. Ostend-Theatcr. In dieser schönen Sommerszeit find die Direktoren der kleinen Bühnen trotz aller thcaterfrcundlichcn Regen- güsse übel daran. Mit eiingerniaßen brauchbaren Novitäten kommen sie bei den paar Zuschauern nicht auf die Kosten, und das verlegene Hervorkramen der Klassiker kann weder dem Publikum noch den Schauspielern behagen. Dem Publikum nicht, weil es hervorragende Stücke von mittelmäßigen Kräften gespielt, langweilig finde! und den Schauspielern nicht, weil sie iiffolge der Mängel ihrer �er- anlaguuq keine Befriedigung genießen können. Und für das Sen- sations-ötadaustück»ach cnglisch-amerikanischcm Geschmack ist das Publikum hinwieder trotz aller Bemühungen der Dircktiouen immer noch nicht kornuupiert genug. So war es denn eine beinahe glückliche Idee, daß Direktor Weiß im Ostend-Thcatcr das alte Jntriguen-Lnstjpicl, wie es von den deutschen Rachabmern Scribes behandelt wurde, wieder ans Tageslicht brachte. Der selige Hosrat Schneider war im Schimmer seiner Hausbackenheit nicht allein Vorleser beim hochseligen Wilhelm dem Großen, sondern auch noch Verfasser etwelcher dramatischer Kleiiiigleiten, � von denen„Der Kumtärkcr und die Picarde" wohl am bekaimtesten geworden ist. Am fleißigsten war er aber in der Bearbeitung harmloser französi- scher Lustspiele der vierziger und fiinfziger Jahre. Im Mittelpunkt der gleichfalls nach ftcmdcm Stoff angefertigten„Memoiren des Satans", mit denen gestern das Ostend-Theater kam, steht der Allerweltskerl, der die Schliche und Sünden der Schlechten auf- deckt und der anfangs arg mitgenommenen Tugend mit Geschick und Rücksichtslosigkeit zum Siege verhilft. In Herrn Wach hatte die Bühne einen ganz passable» Darsteller der Heldenrolle. Das Stück fand gleich dem Spiel bei dem anspruchsloien Publikum reichlichen Beifall. Theater. Im Schiller-Theater ist die erste Au ffühmng der vier Einakter„Liebesttäume" von Max Dreyer.„Ein Schäferstündchen" von Georg Engel,„Die schnelle Verlobung" von Paul Ernst,„In Civil" von Gustav Kadelburg sür Montag, den IS. Juni, angesetzt. Morgen. Sonntag, findet leine Nachmittags- Vorstellung statt, abends kommt„Satisfaktion" zur Ausnchrung.— Im Deutschen Theater geht am nächsten DienStag, den 20. d. Mts., neu einstudiett„Die Räuber" mit Josef K-mz als Franz Moor in Scene. Die übrigen Rollen sind folgendermaßen be- setzt: Der alte Moor: Max Reinhardt: Karl: Ed. v. Winterstein; Amalta: Bii»ie Trenner: Spiegelberg: Hanns Fischer; Schweizer: Hernnm Riffen; Grimm: Richard Vallentin: Zchusterle: Paul Biensseldt: Roller: Rudolf Ritttier i Razmann: Bruno Kühler• KosiiiSty: Richard Ballentin; Hermann: Bruno Ziener; ein Pater; Adolf Kurth; Daniel: Emil Ludwig. Fcnerbrricht. In den letzten 48 Stunden erfolgten nur wenig Alarm mmgen. Reichenbergerstraße 63a wurden in einem Putzgeschäf't Möbel und Stoffe eingeäschert Sebastian st raße 1 lvar in einer Räucherkammer Feuer ausgebrochen, das aber keinen großen Umfang erreichte. Wegen eines Schonisteinbrandes erfolgte eine Alannmnig nach Magazin st raße 12. Zur Hilfeleistung wurde die Wehr nach Naunynstraße 2 genffen, wo ein Pferd in eine Grube gestürzt war. Außerdem war Königstraße 51 ein unbedeutender Ladenbrand zu beseitigen, der Weißwarm be- schädigte._ Ans den Nachbarorten. Tcmpelhof, Maricndorf. Den Mitgliedern dcS Arbeiter- Bildungsvercins zur Kenntnisnahme, daß Sonntag eine Flug- b l a t t- V e r t e i l u n g stattfindet. Treffpunkt 7 Uhr morgen? in unseren Zahlstellen, in Tcmpelhof bei Kahl und Gerth. in Manen- dorf bei Ebel.— Am Dienstag hält der Verein eine Versamm- l n ii g im Lokale des Herrn Gerth in Tempelhof ab: Reserent ist Rechtsanwalt Viktor F r ä n k l- Berlin; Vorttagsgcgciistand bildet die Z u ch t h a u§ v o r I a g e. Genossen, agittcrt aufs eifrigste und sorgt für zahlreichen Besuch der Versammlung. Der Frauen- nnd Mädchcn Bildungöverein zu Rixdors veranstaltet am Sonntag einen Ausflug nach Johannisthal. Treffpunkt vormittags 10 Uhr auf dem Richardplatz. Zahlreiche Be- teiligung erwünscht Der Vorstand. Im Charlottenburger Werk von Sicmcnö u. Halskc ist in den letzten Tagen zweimal der Versuch gemacht worden, die Kasse dcS Konstimvercins der Angestellten zu erbrechen und zu berauben. Die Kasse, welche in dem Erdgeschoß eines der Gebäude der umfang- reichen Fabrikanlage untergebracht ist, enthält stets einen größeren Betrag. Beide Male mußte» aber die Einbrecher mit leeren Händen abziehen, da die Kassette allen Anstrengungen widerstand. Der letzte der Einbrüche war besonders sorgfältig vorbereitet. Die Verbrecher hatten in der vorhergehenden Nacht die vor dem Fenster befindlichen Eisenstäbe ailseinandergcbogen. So koimtcn sie in der folgenden Nacht ohne Aufcnthall das Fciffterkreuz eindrücken und in das Zimmer einsteigen. Von den Spitzbuben hat man bis jetzt noch keine Spur. Der Gemeinde Groß- Lichterfclde scheinen bezüglich der Er- Werbung des Gutes Werben zu Stiesclzwecken noch diverie Schwierig» leiten zu erwachsen. Bekanntlich hat die Miiiistcrial-Kommission ihr Gutachten über die Brauchbarkeit jenes Gutes zu dem gedachten Zweck noch nicht abgegeben, sodaß die Gemeinde um Verlängerung der Ankaufsfrist bis 1. August bei der derzeitigen Eigentümerin von Werben, der Landbank in Berlin nachzusuchen gezwungen war. Wie ans der in der jüngsten Gcmeindevertreter- Sitzung, verlesenen Korrespondenz hervorgeht. sucht die Laudbank in der diesen In- stittitionen eigenen besckeidenen Weise aus der Verlegenheit der Ge- Mcinde für sich kräftig Kapital zu schlagen. Die Bank ist zwar bereit, die Aiikaufsfrist bis 1. August zu ver- längern. knüpft daran aber die Bedingung, daß die Gemeinde, wenn ie nicht einen höheren Kaufpreis bezahlen wolle, 4 Proz. Zinsen vom 1. Januar 18 9 9 ab für die Kauffumme von 525 000 M, entrichten und außerdem noch 3000 M. zurückerstatten müsse. ivelch« die Bank als Barzuschüsse für das Gut angeblich geleistet hat. Damit auch der Humor bei der Sache nicht zu kurz kommt, nennt die Bank diese Bedingungen am Schlüsse ihrer Zuschrift auch noch„konlaiit und überaus bescheiden"!— Die Gemeindevertretung hat die Forderung der 4 prozentigen Verzinsung— wie recht und billig— abgelehnt und nur die Erstattung der 3000 M. sür den Fall der Ucbernahme des Gutes zugesichert, wenn die Landbank nachweist, daß sie diese Summe aufgeivcndct und keinerlei Beträge aus der Gutskasse entnommen Hot Die Antwort der genannten Bank steht noch aus. Schwer z» Schaden gekommen ist am Donnerstagnachmtttag auf der Köpenicker Chaussee in Nieder-Schönewetde der SLjährige Kaufmann Linke aus Berlin, der auf einer Radtour be« griffen, von Köpenick kommend, nach dem Bahnhof Johannisthal fahren wollte. Nachdem'L. die Oberspreebrücke passiert, brach die Sattelstange seines Gefährtes und L. stürzte vom Rade. Er schlug mit dem Kopf derartig auf das Chausscepflaster, daß er schwere Verletzungen erlitt. Tie Kreisstadt Teltow wird nun einen Bahnhof erhalten. Um denselben zu erlangen, ist von den in Frage kommenden Grund- besitzern das benötigte Terrain abgetreten worden; ebenso hat die Stadtverordneten- Versammlung die Baukosten bewilligt. Mit den Lorarbeiten zur Bahnhofsanlage ist nunmehr begonnen worden; an der Kreuzung der Anhalter Bahn und der Mahlower Chaussee werden jetzt Bcrmessnngen vorgenommen. Von der Bahnhofsanlage wird Haupt- sächlich eine- Belebung der Banspckulation erhofft. Eine Gesellschaft hat bereits einige tausend Biorgen Land zu beiden Seiten der Mahlower Chaussee für Bauzwecke erworben. In der königl. Gcwchrfabrik zu Spandau wurde der Betrieb vor nahezu drei Jahren auf ein geringes Maß eingeschränkt, weil der Bedarf an Gewehren gedeckt war. Die entbehrlich ge- wordenen Arbeitskräfte, ungefähr 800 Mann, wurden den technischen Instituten der Artillerie überwiesen, die wegen der Einführung des neuen Feldgeschützes reichlich mit Aufträgen versehen waren. Gegen- wärtifi werben die früheren Gewehrarbeiter zu ihrer alten Fabrik allmählich wieder zurückberufen, weil der Betrieb der Gcwehrfabrik wieder lebhafter wird. Die artilleristischen Institute sind dagegen. nachdem das neue Feldgeschütz fertiggestellt worden, im Augenblicke weniger beschäftigt. Die Entlassung von Arbeitern sucht die Militär Verwaltung nach Möglichkeit zu vcnnciden. GevilZzks-' Leitung. Welcher Fürsorge sich die für den Staat besonders nütz liche» Elemente von feiten der Behörden erfreuen, lehrt wieder folgender Vorfall: Im vorigen Jahre streikten die Arbeiter der Schwarz schcn Porzellanfabrik in Spandau. Während der ersten fünf Wochen gehörte der Arbeiter Anton T e p p e r zu den Streikenden und bezog während dieser Ieit auch die Streik- u n t e r st ü tz u n g, obgleich er bis dahin keinen Pfennig zur Kasse des Porzellanarbeiter-Vcrbandes gesteuert hatte. Dann aber kehrte er reuig zur Arbeitsstätte zurück und provozierte die weiter Streikenden noch besonders dadurch, daß er noch andere Arbeiter dem Fabrikanten zuführte und drei„Arbeitswillige" bei sich in Kost und Logis nahm. Eines Tages im September vorigen Jahres beleidigte er die Schwester eines der Streikenden, der mit ihm im selben Hause wohnte, in recht grober und ungerechtfertigter Weise; ihr Bruder, der Porzellanarbcitcr Kübart, der diese beleidigende Aeußernng dcS Tepper gehört hatte, stellte ihn dieserhalb zur Rede und rief ihm auch einige Schimpfe Worte nach, wogegen der Arbeiter Otto Behrend. der gleichfalls zu den Streikenden gehörte, dem Äübart zurief:„Hau ihm ein paar runter I" Wegen dieses, mit dem Streik in keiner direkten Beziehung stehenden Vorfalles erhob die Staatsanwaltschaft gegen Kübart und Behrendt Anklage wegen Vergehens gegen Z 158 der Gewerbe-Ordnung! Das Schöffengericht in Spandau, vor welchem die Anklage am Mittwoch verhandelt wurde, hatte elf Zeugen geladen. Es sprach die beiden Angeklagten schließlich von der Anklage des Gewerbe Vergehens frei und verurteilte dieselben nur wegen Beleidigung zu IS bezw. 10 M. G e I d st r a f e. Der Amtsanwalt hatte gegen Kübart 50 M. Geldstrafe beantragt. Interessant war die Aussage des Fabrikanten Schwarz; dieser erklärte, daß er mit Rücksicht auf die Oeynhansencr Rede des deutsche» Kaisers sich für verpflichtet gehalten habe(!), den Tepper zu befragen, ob er von Streikenden belästigt worden sei; und als dieser ihm hierauf den Vorfall erzählte, habe er(Schlvarz) die Sache zur Anzeige gebracht I In der That wurde Strafantrag von Tcppcr erst zu polizeilichem Protokoll g e st e I l t.(!) Man ersieht hieraus wieder, wie notwendig ein Znchthausgesctz ist, nach welchem ein Strafantrag der„besten Staatsstützen" über- Haupt nicht mehr erforderlich sein soll. Gegen die polnische Socialdcmokratie. Durch die Kritik eines richterlichen Urteils hatte sich der Redacteur Stanislaus Li sni e w s ki von der hier in polnischer Sprache erscheinenden socialdemokratischen„Gazetta Robodnitza" eine Anklage wegen Be- leidigung zugcgezogen, welche gestern vor der dritten Strafkammer dcS Landgerichts I gegen ihn verhandelt>v»rde. Im Anfange d. I. stand der Vorgänger des Angeklagten, der Redacteur Kaczmareck, wegen desselben Vergehens vor Gericht. Es war ein Artikel be- anstandet. der aus der Provinz Posen stammte. Es wurden darin die Arbeiterverhältnisse auf den Gütern des Obcrpräsidenten von Posen, Herrn v. Millamawitz-Möllen- dorf beleuchtet. Die Schilderung läßt sich dahin zusammenfassen, daß die russischen Arbeiter, welche zur Zeit der Rübenernte nach den Gütern des Oberpräsidcnten kämen, ein keineswegs menschenwürdiges Dasein führten. Gegen völlig unzureichenden Lohn werde ihnen schlechte Kost, ebensolche Behandlung und ein ungesundes, unrein- liches Lager in einem Schafstalle geboten. Der Oberpräsident hatte Strafantrag wegen Beleidigung gestellt. Da der vom Angeklagten angetretene Wahrheits- Beweis als mißlungen bezeichnet wurde. erkannte der Gerichtshof gegen Kaczmareck auf eine Gefängnisstrafe von 4 Monaten. Nachdem das Reichsgericht die eingelegte Revision verworfen hatte, erschien in der„Gazetta Robodnitza" eine Notiz mit der Ueberschrist„Preußische Gerechtigkeit". Es wurde darin Mitteilung von der Verurteilung Kaczmareck gemacht mit dem Zusätze:„obgleich die Verhältnisse auf den Gütern des Herrn v. M. zum überwiegenden Teils erwiesen worden seien." Dieser Zusatz lag der neuen Anklage zu Grunde. Der Gerichtshof war mit dem Staatsanwalt der Ansicht, daß die Auftechthaltung der gerichtlich als unwahr erklärten Thatsachcn eine einfache Wiederholung der Beleidigung sei. Der Angeklagte sei aus§ 186 Str.-G.-B. zu bestrafen. Das Urteil lautete auf drei Monate Gefängnis und Publikationsbefngnis im„Deutschen Reichs- anzeigcr" und der„Gazetta Robodnitza". Um Unregelmäßigkeiten bei der Verwaltung der königl. Blindenanstalt zu Steglitz handelte es sich in einem Prozeß. welcher gestern vor der zweiten Strafkammer des Landgerickts II stattfand.' Der frühere Hauswart bei der genannten Anstalt, Jacob Dreher, sollte das Blindeninstiwt durch Unterschlagungen um reichlich 5000 M. geschädigt haben. Der Angeklagte lvar die rechte Hand deZ im Herbst 1897' verstorbenen Ansta'ltsdircktors, Schulrats Wulff. Dieser hatte dem Angeklagten die Geschäfte über- tragen, Ivelche zum Verkaufe der von den Blinden an- gefertigten Gegenstände zu erledigen waren, wogegen Dreher 2 Prozent des Verkaufspreises erhalten sollte. Dem neuen Direktor, Herrn Matthies fiel es im verflossenen Herbst auf, daß eine Firma Schütz, welche früher ständige Abnehmerin der Blinden- Erzeugnisse gewesen war, im Laufe des letzten JahreS nur einmal einen'kleinen Posten bezogen hatte. Es kam ihm auch zu Ohren, daß Drcyer in dem Verdacht stand, sich unerlaubte Vorteile zu ver- schaffen. Der Direktor stellte bei der Finna Schütz Er- Mittelungen an, welche das Ergebnis hatten, daß die Firma in den letzten Jahren eine Menge Waren zum Gesamtbeträge von über 4000 M. bezogen hatte. Die Eingänge dieser Bestellungen waren ebensowenig gebucht, wie der erfolgten Zahlungen. Dasselbe war der Fall bei einer anderen Finna. Hier betrug die vermeintlich unterschlagene Summe etwa 1000 Sil1* Der Angeklagte bestritt ent- schieden seine Schuld. Der verstorbene Direktor Wulff habe ihm gesagt, daß die betreffenden Bestellungen und die eingegangenen Beträge nicht gebucht werden sollte, er wollte diese Summen zur Ver» sügung haben, um sie in besonderen Fällen hilfsbedürftigen Blinden zuwenden zu können. Er, Angeklagter, habe den Umsatz aus dem Blindeninstiwt von 8000 M. auf 100 000 M. jährlich gebracht. Er habe viel mit den Kunden verkehren und auch für dieselben ein offenes Haus halten müffen; diese Aufwendungen seien ihm vom Direktor Wulff ersetzt worden und könnten dafür im Laufe der Jahre wohl gegen 500 M. verausgabt worden sein. Der Gerichtshof kam zu einer Verurteilung des Angeklagten, dem Glauben nicht geschenkt worden sei. Bei dem groben Ver- trauenSbmch sei eine schwere Strafe geboten und diese auf drei Jahre Gefängnis und Ehrverlust bemessen worden. Christliches. Die kirchlichen Gegensätze innerhalb der Heilig- krcuz-Gemeinde, die schon so oft scharf anfeinandergeplatzt sind, hatten eine gestern in 2. Instanz verhandelte Privatklage des Be- zirksvorstehcrs Kaufmann K r a u tz wider den Klempner E. F i ch t n e r verursacht. Als Herr K r a u ß zum Kirchenältcsten gewählt worden war, machte sich auf positiver Seite eine außerordentlich lebhafte Agitafton gegen ihn geltend. Der Angeklagte reichte am 25. Juni und am 1. September 1897 zwei Proteste gegen Herrn Krauh beim Konsistorium ein, in denen er eine ganze Reihe von Vorwürfen ehrcnkränkender Natur gegen ihn erhob, die diesen angeblich unfähig machen sollten, das kirchliche Ehrenamt zu bekleiden.� Die in denen Protesten aufgeführten Thatsachcn sind von den kirchlichen Behörden eingehend geprüft und nicht für stichhaltig befunden worden. Der in seiner Ehre gekränkte Herr Krauß, der in sein Amt als Kirchen- ältester eingeführt worden ist, hat darauf gegen den für die beiden Proteste verantwortlichen Herrn Fichtner die Privatklage angestrengt, deren Verhandlung vor dem Schöffengericht mit der Verurteilung des Angeklagten in dem einen Falle zu 300 M., in dem zweiten Falle zu 600 M. Geldstrafe, event. 30 und 60 Tagen Gefängnis, endete Auf die vom Angeklagten eingelegte Berufung hatte sich gestern die 8. Strafkammer unter Vorsitz des Landgerichtsrats R e i n i ck e mit dieser Angelegenheit zu beschäftigen, zu deren Erörterung etwa 30 Zeugen vorgeladen waren. Den Bemühungen des Vorsitzenden und der Verteidiger Rechtsanwälte Marggraff und Morris gelang es„im Interesse des kirchlichen Friedens innerhalb der Heiligkrcuz-Gemeinde" die Streitaxt zu begraben. Es kam ein Ver- gleich auf der Basis zu stände, daß der Angeklagte— ohne auf Thatsächliches einzugehen— zu Protokoll erklärte, daß er durch seine Proteste Herrn Kraust nicht habe beleidigen wollen und sämtliche Kosten, einschließlich des Honorars des gegnerischen Anlvalts über nahm. Hierauf nahm der Kläger die Pri'vatklage zurück. TaS Militärgericht und die Heldcnthaten des Prinzen Nadziwill. Der stuck, jur. Prinz u. R a d z i w i l l hatte eines Tages, als er die elektrische Straßenbahn in Halle a. S. benutzte. einen skandalösen Konflikt mit dem Motorwagen-Obcrführer Grote angezettelt. Später hatte sich der letztere, wie noch erinnerlich sein wird, vor Gericht wegen Beleidigung des Prinzen zu verantivorckeu; cr wurde zwar schuldig befunden, aber für straffrei erklärt. Der Redacteur des„Volksblattes für Halle", unser Parteigenosse Wilhelm S w i e n t y, veröffentlichte später, im Februar d. I. ein Artikel, in welchem von Dreyftls, der Zuchthansvorlage und dem Falle des Prinzen Radzswill die Rede war. Er spitzte sich zu einem Vorwurfe gegen die Staatsanwaltschaft zu. daß sie unter Vernachlässigung ihrer Pflicht den Prinzen nicht unter Anklage gestellt habe. Nunmehr wurde Genosse Sivicnty wegen Be- leidigung des Staatsanwalts Delbrück angeklagt und am 11. Avril von: Landgericht Halle zu einer Woche Gefängnis verurteilt. Die Feststellungen ergaben, daß der erhobene Borivurf unbegründet war. Im einzelnen wurde folgendes festgestellt: Der Prinz hatte im Straßenbahnwagen Herni Grote ins Gesicht gespien, ihn vor die Brust gestoßen und gerufen:„halten Sie die Schnauze, sonst schlage ich Sie in die Fresse Grote sagte hierauf zu den übrigen Fahrgästen:„Den kenne ich schon, das ist ein ganz gemeiner Kunde." Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage gegen den Prinzen wegen groben Unfugs und Be- leidigung, gegen Grote ebenfalls wegen Beleidigung. Der Prinz teilte dem Gerichte mit, daß er demnächst als Avantageur bei einem Ulanenreginwnt eintreten werde. Die Akten erhielten hierauf den Vermerk:„Eilt!" In derStrafsache gegen den Prinzen konnte ein Zeuge nicht sogleich aufgefunden werden, und als am 19. Dezember v. I. die Hanptverhandlung stattfinden sollte, stellte es sich heraus, daß der Prinz inzwischen beim Militär eingetreten war. Die Staatsanwaltschaft gab deshalb die Akten an das Militärgericht ab und es konnte nur gegen Grote verhandelt werden. Das Militär- gericht hat gegen den' Prinzen das Verfahren wegen Beleidigung eingestellt, weil Grote seinen Strafantrag zurückgenommen hat; es hat ferner den Prinzen von der Anklage des groben Unfugs wegen Mangels an Beweisen freigesprochen!— Gegen seine Verurteilung hatte der Redacteur Swienty Re« Vision eingelegt, welche gestern vor dem Reichsgerichte zur Vor- Handlung kam. Er suchte»achzuweisen, daß cr nur von der Staats- anwaltschaft im allgemeinen gesprochen habe, nicht aber den Staats- anwalt Delbrück habe treffen wollen.— Das Reichsgericht hielt das Urteil für einwandfrei und erkannte auf Verwerfung der Revision. Wie tä einem Landmann erging, als er den ihm zugefügten Wildschaden ersetzt haben wollte, erzählt folgende Geschichte: „Der Landwirt Ferdinand Mensel in Jecha hatte Morgen Land mit Wicken bestellt. Die Rehe des benachbarten fürstlich Schwarzburg- Sondershauser Forstes stillten an dem Futter wiederholt ihren Hunger, so daß sich Herr Wense! an den Landrat mit der Bitte wenden mußte, ihm eine Entschädigung für den Ernteverlust zu bewilligen. Es fanden dann auch Erhebungen statt und der Landrat ließ den Schaden anf 18 M. feststellen. Die Angelegenheit ivar aber noch nicht völlig geregelt und Herr W. ließ deshalb die Wicken, die er eigentlich schon hätte abernten können, noch auf dem Felde stehen. Jnzivischen hatten nun die Rehe dem Felde wiederholt ihren Besuch abgestattet und der Schaden des Herrn W. war noch bedeutend größer geworden. W. wandte sich nun in dem Glauben, daß der Landrat' die Regelmig der Sache verzögert habe, in einer Beschwerde- schrift an das Ministerium in S o n d e r s h a u s e n. In diesem Schriftstücke, welches keine besondere stilistische Gewandtheit des Ver- fassers bekundet, warf Herr W. dem Landrate„BcdrückungSeifer" vor. Die Strafkammer in Sondershausen hat in diesem Worte eine formale Beleidigung erblickt und am 22. März Herrn W. deswegen zu 50 M. Geldstrafe verurteilt.— Anf die Revision des An- geklagten hob das Reichsgericht das Urteil auf und verwies die Sache an das Landgerickit Erfurt. Es wurde der Verdacht aus- gesprochen, daß die Strafkammer Form und Inhalt verwechselt und sich dadurch bei der Feststellung des strafbaren Thatbestandcs habe beeinflussen laffcn. An sich sei das Wort kein Schimpfwort und das Wort„Eifer" enthalte an sich nichts Beleidigendes. Wcnnldie Straf- kammer in dem fraglichen Ausdruck eine Beleidigung finden wollte, so hätte es irgend ein anderes Wort anführen müssen, welches der Angeklagte an Stelle dcS inkriminierten hätte anwenden können, ohne sich einer Beleidigung schuldig zu machen. AuS Halle a. S. wird uns berichtet: Die ramponierte Ehre trieb auch den Hausbesitzer und Kohlenhändler Karl Reimann gegen das„Voltsblatt" zum Kadi. Er hatte im April die Familie des Maurers Körner, der die Miete nicht pünktlich bezahlen konnte, auf das Stratzenpflaster gesetzt. Körner war zur Zeit krank, hat 5 Kinder zu ernähren, und die Ehefrau war hochschwanger. Die Familie mußte im Armenhanse in einer Stube untergebracht werden, in der nicht einmal ein Ofen war, während die durch Körner geräumte Wohnung noch heute leer steht. Genosse Redacteur Swienty' kritisierte Reimanns Verhalten im .Volksblatt", wodurch letzterer sich beleidigt fühlte und deshalb den Privatklageweg beschritt. Bei dem Schiedsmanne. wo Genosse Swienty dem Reimann begreiflich machen wollte, daß er die Familie hätte schon mit Rücksicht auf die schwangere Frau schonen müssen. entgegnete Reimann in wegwerfendem Tone:„Ich bin doch nicht schuld daran!" Das Gericht verurteilte Genosse Swienty wegen einer nebensächlichen Unrichtigkeit zu 10 M. Geldstrafe, brachte aber in der Urteilsbegründung zum Ausdruck, daß Reimanns Verhalten keineswegs als.lobenswert bezeichnet werden könne. Vsvmtpltzkes- Drelstig Personen ertnmkenk Eine furchtbare Schiffs- k a t a st r o p h e hat sich gestern bei S t e t t i n zugetragen. Es wird von dort berichtet: Bei dem benachbarten Züllchow wurde am Freistaden der von Stettin kommende Tourendampfer„Blücher" von dem von Pölitz kommenden Dampfer„Pölitz" angerannt und sank sofort. Zahlreiche Personen, angeblich dreißig, sind ertrunken, zehn Personen wurden gerettet. Nansen über Slndröe. Stockholm. 16. Juni. Frithjof Nansen sprach sich gelegentlich des hydrographisch- biologischen Kon- gresseS in Stockholm zum König von Schweden dahin aus, daß, wenn es Andröe geglückt sei, mit dem Ballon herabzusteigen, ein Boot, Waffen und Munition mitzuftthren, man mit Recht annehmen könne, daß er gesucht habe, Grönland zu erreichen, eS auch wirklich erreicht habe und das dort die Expedition durch Jagd ihr Dasein fristen könne. Unter diesen Umständen würde Andröe wahrscheinlich entweder von der schwedischen Expedition N a t h o r st oder von der dänischen Expedition A m d r u p aufgefunden werden. Jeden- falls sei eine Nachricht hierüber n i ch t vor September dieses Jahres zu erlvarten. AnS Bremen wird berichtet, daß auf dem englischen Dampfer „Monmonth" gestern Feuer ausgebrochen ist. Die Ursache ist noch unbekannt. Der Schaden ist groß. Braunschwciger Blätter brachten dieser Tage die Nachricht, daß ein Pedell an dem M i n i st e r Hartwing einen erschrecklichen Mord habe begehen wollen und sich zu diesem Zwecke, bei dem Sohne des Ministers genau zu erkundigen gesucht habe, wann wohl die beste Gelegenheit'sei, den haarsträubenden Plan auszuführen. Man hatte eS natürlich mit einem Geisteskranken zu thun, aber das hinderte die Sensationspresse nicht, den Mordversuch mit Behagen breit zu treten. Bezeichnend ist, daß die ministeriellen„Braunschw. Anzeigen" der ganzen Geschichte mit keinem Wort erwähnen. Aus Archangel wird berichtet, daß der SchiffahrtS- verkehr im Weißen Meere nicht mehr gestört ist. Zwei Ocean- dampfer sind dort eingetroffen.— In einem Hause bei Rybinsk (Rußland), das durch Feuer zerstört wurde, fanden 11 Arbeiter den Todinden Flammen. Zur Pcstgefahr. Ein Passagier des LloyddampferS„Bohemia", welcher schon aus der Fahrt von Alexandrien leidend war, ist im Seelazarctt San Bartolomco gestorben. Die Sektion ergab Schrumpf- nicre als Todesursache. Die übrigen Passagiere und die Mannschaft des Dampfers bcstnden sich vollkommen wohl. Marktpreise von Berlin am 18. Jnni 18SV nach Erinittelullgen deS kgl. Polizeipriistdinms. D.-Ctr. ")Weizen ')Rogge» ")Futter-Gersti„ Hafer gut „ mittel„ gering Richtstroh„ Heu„ f) Erbsen iiTpeisebohnen„ PLinkkU- Kartoffeln, neue. Nindfleisch, Keule 1kg da. Bauch„ ) Ermittelt pro 16.35 15,00 13,40 15,60 15,— 14,40 3,82 6,40 40.- 50.- 70,- 1,60 1,20 Tonne Schweinefleisch Kalbfleisch Hammelfleisch Butter Eier Karpsm Aale Zander Hechte Barsche Schleie Bleie Krebs« 1kg 60 Stück 1kg per Schock 1,60 1,80 1,60 2,40 3,60 1,1" 2,80 2,60 2,40 1,60 2,50 1,20 14,- 1,10 I.- 1- 2,- 2,20 1,20 1,20 1,20 1,20 0,80 1,20 0,80 2,50 15,00 13,00 12,70 15,10 14,50 14,- 3,32 4,- 25,- 26,- 30,- 4,- 1,20 1- von der Centralstelle der Preuh. Landwirt- lchaltskammcr— Nolierungsslelle— und umgerechnet vom Polizeipräsidium für den Doppel-Cciitner. ff) Kleinhandelspreise. Produkten markt vom IS. Juni. Brotfrüchte zogen um l1/. vis 2 M an. Hafer und Mais lagen fest. Rüböl auf Klagen über die Raps- ernte um 20 Pfg. besser. Am Spiritus markt war die Stimmung im allgemeinen fest, nauientlich aber für den Terminmarkt. Am Locomarkt zeigte sich dagegen eine kleine Abschwächnng. Angeboten waren nur 13900 Liter 70cr Ware, die mit 40,70 M.<— 0,10 M.) gehandelt wurden. Kartofsclfabrikate. Berlin, 16. Juni. Feuchte Kartoffelstärke per 100 Kg.— ,— M. Prima trockene Kartoffelstärke per 100 Kg. 20,10 M., do. Supra 21,00 M., do. Sekunda 15,50—17,50 M. Prima Kartoffelmehl per 100 Kg. 20,10 M., do. Supra 21,00 M., do. Sekunda 15,50-17,50 M. Berlins Getreide- und Mehlzusuhren zu Waffer vom 15. Juni mittags bis 16. Juni nitttags betrugen 270 To. Weizen, 395 To. Roggen, 91 To. Hafer, 150 To. Gerste, 300 To. Mais, 5100 D.-Ctr. Weizen- uiehl, 1000 D.-Ctr. Roggenuiehl. KLittcriingsiibersicht vom 1K. Juni 1899, morgens 8 Uhr. Stationen Swinemdc. Hamburg Berlin Wiesbaden Mtinche» Wim 764 NO 764 NO 762 NO 760©" 761:® Wetter 3'Dunst Ibedcckt 3 hlb.bed. ZRegen Ibcoeckt C* l» II gö H% Stationen Haparanda Petersburg Cork Abcrdcen Paris 761 NW 762 NW 766 N 767 O 764 NNO Wetter 2 hlb.bed l.ivolkenl 4 heiter lihlb.bed. 2wolkenl SS iU 14 13 17 14 12 Wetter-Prognose für Sonnabend, den 17. Juni 1899. Ein wcnig wärmer, zeltweise heiter, vielfach wolkig bei»lästigen süd- östlichen Winde», etivas Regen und Gewitterneigung. Danksagung. Allen denen, welche meinem leider so früh verstorbenen Mann, dem Re- slauratenr Elacnach, daS letzte Geleit gegeben, mSbesonoerc dem Verein ehemaliger 12. Dragoner, den Beamten deS Postamts 26, den Beamten der Krankenlaffe sowie allen Freunden und Bekannten meinen crzlichslen Dank. 628b ÜVrv. Bertha Elsenacta, Adalbertstr. 95. Central-Krilnktil- 11. Sterbt' kasse der Tischler ze. (Oertlichc Verwaltniig Berlin L.) Sonntag, de» 18. Juni 1899, vormittags 10 Uhr, km Lokale deS Herrn Xolksdorf, Äörlitzerstr. 58: MMtr-Bersamuilllllg. Tagesordnung: 1. Festsetzung der Gehälter. 2. Neuwahl der Ortsverwaltung tnll. Beitragsammler. 3. Wahl cincö Vertrauensarztes. 4. Verschiedenes. K Mitgliedsbuch legitimiert. chlreicheS und pünktliches Gr- scheinen ersucht 184/11 Dte OrtSverwaltnng. Möitei'-ltolif.- Verein„Berlin". Morgen Vj 3 Uhr vom Stralauer Platz zur Botshaus-(Kiuweihung vom Ruderklub„Vorwärts". 11/19 Donnerstag: Hauptversammlung, Andreasstraste 25 LMMellkchb.Mhmr, Stmilteure il.mni.kemrbe zu Berlin. Im Interesse der Kassenmitglieder findet eine allgemeine Bersamm- lung am Dienstag, de» S9. Jniii. abends 8�/, Uhr, in Muxfeldö Fest- säleu, DrcSdenerstr. 96, statt. Tagesordnung: 1. Vortrag des Herrn Dr. RatkowSky: „Die Lungenschwindsucht und ihre Bekämpfung, nnt besonderer Berück- sichtigung der Lungenheilstätte»." 2. Berichterstauung vom Tuberkulose- Kongrest. 3. Diskussion. Der Vorstand. _ I. A.: I. S ö f n e r. l20/15 Orts-Krankenkass e der Buchbinder usw. Sonnabend, den 17. Juni cr.. abends 8i/z Uhr, in den Zlrminhallen (grober Saal), Kommandaiitcnstr. 20: .&»«»vrordcntllchv General-Yersammlung. In Anbetracht des wichtigen Vor- trage« des Herrn Dr. Frendenberg: „Die Verbreitung der Tuberkulose, im besonderen in unserem Gewerbe", werden die Kaffenmitglieder(auch Nichtdeiegierte) nochmals ersucht, zahlreich zu erscheinen sowie für guten Besuch zu agitieren. 24/13 Der Borstand. Bon der Reise zurück! Dp. Klose, Specialarzt für HalS-, Nasen- und Ohrenleiden. Friedrichstraste 19». �WWWlÄW�MSWIWU�I Bfiie den Inhalt der Inserate «berniniiiit die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei _ Verantwortnng._ Thrnkrv. Sonnabend, den 17. Juni. Opernhaus. Euryanthe. Anfang 7-/- Uhr. Schauspielhans. Das fünfte Rad. Anfang 7l/z Uhr. Neues Opern- Theater(Kroll). Die Fledermaus. Ansang 7r/z Uhr. Deutsches. Die versunkene Glocke. Anfang 7Vi Uhr. Residenz. Der Schlafwagen- Eon- troleur. Vorher: Zum Einsiedler. Ansang 7l/z Uhr. Neues. Die Wahrsagerin. Vorher: Pictro Caruso. Anfang 7'/, Uhr. Weste». Zar und Zimmermann. Anfang 7 Uhr. Central. Waldmeister. Anfang 7-/2 Uhr. Schiller. Die schSne Toledanerin. Hierauf: Die Schulreiterin. Auf. 8 Uhr. Belle- Zllliauce. DSrchläuchting. Hierauf: Jochen Pasel. Anfang 8 Uhr. Friedrich. Wilhelmstndtlsche». Der Nachtomnibus- Controleur. Anfang 8 Uhr. lNIexanderPlatk. Nana. Anfang 8 Uhl. Ostend. Memoiren des SatanS. Anfang 8 Uhr. Metropol. Berlin lacht! Ansang 8 Uhr. Apollo. Specialithten-Vorstellung. Anfang 8 Uhr. ReichShalle». Stettiner Sänger. Anfang 8 Uhr. Passage< Panoplikui». Special!- täteii-Vorslellung. Urania. Taubeuslraste s8— 4!>. Naturkundliche AnssteNmig. Täglich geossuet von 1« Uhr vor- mittags ab. Eintritt S0 Pf. Abends 8 Uhr:..Das Land der Fjorde". Operntelepho». Juvnlidenstraste S7/t>!!. Taglich abcudS von b-IO Uhr: Sternwarte._ WllttÄMttt (Wnlluer-Thcater). Sonnabend, abends 8 Uhr: »lv nvilttnv Dolellanerln. Lustspiel in 8 Aufzügen nach Lope de Bega, für die Bühne bearbeitet von Eugen Zabel. Hierauf: viie Schnlreitcrin. Lustspiel in 1 Akt von Emil Pohl. Sonntag, abends 8 Uhr: 8»tf»f«Irt!on. Montag, abends 8 Uhr: Zum crstenmale: Uebestpaame. Ein Schäferstündchen. Die schnelle Verlobung. _ In Civil. CvnkvAl hvAtev Direktion: Jo«e Ferenczy. Letztes Werk von Johann Stranfs. Zum 1Sl>. Male: Waldmeister. Operette in drei Akten von G. Davis. Musik von Johann Strauß. Morgen und folgende Tage: Waldmeister. Lsttlld- wl Weiii-Tliellttt. Gr. Frankfiirierstrasje lltÄ. cyklus volkottlmllobor Vorstellungen. Kleine Preise! Parkett 1,1» M. Die Memoiren iies Sntails. Lustspiel. Anfang 8 Uhr."Vü Vorzugsbillcts haben Gültigkeit. Morgen: Dieselbe Vorstellung. Im Konzert-Garten: Konzert, Spccialitäten- und Theater- Vorstellung. 27 Nummern. Nur Kräfte ersten Ranges.— Anfang ö>/z Uhr. Saisonlarten haben Gültigkeit. Apollo-HiBater. !: Stürmischer Erfolg!! Abends 9 Uhr: Frau Lima mit dem Enftballett Grigolatis. Ferner; 12 ZpeeiMAev. Anfang d. Garten-Konzerts 7 Uhr. „ der Vorstellung 8 Uhr. Btllet-Vorverkauf täglich imTheater und beim„KUnatlerdank", Unter den Linden 69. Mabiter keseWllftöhaiis. Alt-Moablt 80-81. Täglich:'•ö KONZERT und Spccialitäten-Vorstellnng. Kaffeeküche geöffnet. Entree: Sonntag« 30 Pf., wochent. frei. Die Direktion. SomertheaterMieM Badstraste 3S/»«. Regie: Vllly Reusche. Direktion: Max Mekelburg. Heute sowie täglich: Kon�ert�, Theater- und Specialitäten- Vorstellung. Berlin wie's näht und trennt. Poffe mit Gesang und Tanz in 2 Akten von L. Ely. Nach der Vorstellung: Hall. In Vorbereitung: Rosen ans dem Süden. IlFsms Tnnbenstrasse 48/40. Um 8 Uhr: Im Theater: Das Land der Fjorde. Invalldcnstr. 57/62: Tägl. Sternwarte. Nachmittags täglich 5—10 Uhr. Passage-Panopticum Geöffnet von 9 Uhr früh bis 10 Uhr abends. Von 6»/- Uhr: Specialitäten. Um 8V2 Uhr: ! Sensationell! Die Athleten im Cak�vaus. " CASTANS■■ PANOPTICUM Die sensationellen SM- lebenden"VQ Photographien! mit Figuren In Lehensgrösse. Die russische Uiniinil" Damenkapelle„miyilUIl in moskowitischen KostUmen. nnoifnce" mit 3 Be,nen 9ebor- „UlCllllbü leb. Kosakenpferd. Metropol-Theater Jeden Abend sensationeller Erfolg! Berlin lacht! Berliner Revue In drei Abteilungen. Hierzu: Das Press-Ballett und das phünomenale Specialitaten-Progranim. Miss Delo. die 6 Bonhairs, Frid- Frid, Panl Jülich. Reizender 8onimergarteii. Rauchen in allen Räumen gestattet. Wochentags Anfang 8 Uhr, Sonn- und Feiertags VjS Uhr. Reichshallen. Im herrlichen Konzert-Garten resp. im großen Theater-Saal täglich: Stettiner Sänger lAieüscl, Pictro, Britto», Stcidl, Krone, K i r ch m a h e r, Schneider und Schräder). Zum Schluß: Cavallei-ia schufticana. Ansang wochentags 8 Uhr, Sonntags 7 Uhr. Entree SO Pf.(für die Wochentage Im Vorverkauf 40 Pf.) Numerierte Estrade 1 M., unnumerlert 75 Pf. W. Noacks Theater, Brumienstraße 16. Täglich: Konzert, Dheater- und Specialitäten- Vorstellung. Neu! Die Rcgimentsnummer. Poffe mit Gesang in einem Akt von M. Reichardt. Novität! Novität! Der treueste Mann. Operette in l Akt von Carlos Duchow. Musik von H. Bendix. Im Saale: Tanzhrünzchen. Ostbalm-Park Hermann Imbs 71 Rüdersdorfer Strafte 71, am K ü st r i n e r Platz. Täglich: Konzert. Theater- und Specialitäten-Vorstellung. Nur erstklassige Nummem. Anfang: Sonntags 4 Uhr. Enttee 20 Pf. Kinder 10 Pf. Sperrsitz Nachzahl. 20 Pf. Anfang: Wochent. 5 Uhr. Enttee 10 Pf. Kinder 10 Pf. Sperrsitz Nachzahl. 10 Pf. Jeden Dienstag: Korddeutsche Sänger. Hermann Imbs, Direttor. R. Ballschmie ders „Kastanienwäldchen" Konzertglirtell v. Prachtsiile Badstr.lk. Gesundbrunnen. Badstr. 16. Täglich: Gr. Promenaden- Konzert. Jeden Donnerstag: Elite-Streich-Konzert. Sonntags: Großer Ball im neuerbauten Saal. Empfehle meine Säle zu allen Fest- lichkeiten. R. Ballschmleder. Turn-Verein„Fichte" (T. Damen- und II. Männer-Abteilung). Sonnabend, den 17. Jnni: Grosses Sommernachts- Fest In Jogis Victoria-Garten, Treptow, Köpenicker Landstrasse 4, bestehend in Garten- Konzert, turnerischen Anfführnngen der Damen- und Männer-Abteilung, sowie grossem humoristischem Kasperle-Theater mit lebenden Figuren.[589b '—_----" Anfang 4 Uhr. B A E E. Programm 25 Schweizer Garten Am Königsthor(Ringbahn) Am Friedrichshai». Täglich' Theater-«nd Specialitäten- Vorstellttng. Volksbelustigungen aller Art. Freier Damen tanz und Anfang AVs Ehr. Entree SO Pf. An Wochentagen ist daS Etablissement an Vereine zu vergeben Max Kliems Sommer-Theater Hasenhalde 14—15. Artistische Leitung: Panl Milbitz. ISr Täglich: CrchtS Arttii-Konzert. m Theater-«nd Specialitäten-Vorstellung. Auftrete» des gesamten Schauspiel-». Specialitäten-Personals. Nur erstklassige Kräfte. Veorg Fischer(Liebersänger), Karl Gursch(Tanz-Parodist), Heddy Brumien ( Kostüm-Soubrette), Dora Marchetty(Parsorce-Equilibristin), Jackson-Truppe (Exccntriques) nfw. Xenes gediegenes Eauiilicn-Programm. Entree: Wochentags 20 Pf. I Entree: Sonntags 25 Pf. Numerierter Platz 40 Pf. I Numerierter Platz 50 Pf. Anfang des Konzerts täglich 4 Uhr.| Anfang dar Vorstellung 6 Uhr. In den Festsälen: Grosser Ball."VV Die Kaffeckiiche ist geöffnet. Ilax Klicm. Brauerei Friedrichshain. Täglich 1 7 u. 9 ühr: Hagenbecks 13 Eisbären, vorgeführt von Hendrick Olafson. Elefant, Pferd und Hund, vorgeführt von Herckenrath. Entree 30 Pf.. Kinder 15 Pf. Annoncen-Expedition F. v. Schlrp, Berlin. lActien-Brauerei Friedrichshain früher Lipps. Am Königsthor. Größter Konzertgarten und größter Konzertsaal Berlins ' Heute und folgende Tage 20491,* Nonzerl von Eduard Stranss, kaiserl. und königl. östr. Hofball-Musikdirektor mit| seiner vollständigen Kapelle - aus Wien.- Anfang stl/z Uhr. Enttcc 50 Pf., rcscrv. Platz 1 M. OlKstR'lottSihKmK'K- Westend. Wffmauns Uolksgarteu, Mnien- Allee 1. Säle zu Versammlungen und Festlichkeiten. 2072L* 22*4, Zwei Kegelbahnen— Kaffeekfiche."TBE Im Garten jeden Sonntag: Frei-Konzert. - Carl Hoffniann, Alcxanderftr. 27c((5»glischer Garten).* L Polstlam. l5"K| Voigts Blumengarten.» Empfehle mein grostes Garten-Restauraut allen Parteigenossen P und Bekannten zur geneigten Beachtung. Joh. Hahn. ß Wirtshaus Schmargendorf, Warncnittnder Strasse 6.(Direkt am Grunewald belegen.) Bringe hiermit allen Freunden und Genossen meiii�Lokal in empfehlende Erinnerung. Jeden Sonntag: GOolZVV Z?nll. 1910L* Heute, Sonnabend, den 3. Juni: Grosser Sonunernaehts-Hail. Kaffcekiiche von 3 Uhr ab geöffnet Gari Haier. Wo? ist der schönste Ort für Herrenpartien und Ans- flüge? Auf der Insel Pichelswcrder 1671L* beim alten Freund. Am Mlihlensee und meilentiefen Wald ganz nahe der Havel gelegen. <£/ Herrliclistes Volkslokal der Nordbahu. �' Saal für 1000, Garten für 3000 Personen. X Paradiesgarten in Birkenwerder. Bahnf. 42 Min. Per Kremser 2 St. Prächt. 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Wurzel& Co., Wrangelstr. 17 Prater-Tlieater Kastanien-Allee 7/9. Täglich: Doms Resi. Volks- stück mit Gesang u. Tanz von Hugo Schulz, Musik von A. Kersten. Kostüm- soubrettc Frl. Vierrath. Gebr.»Ilardo, Ärot. Duett. Tauma-Quartett, Gesang und Tanz. Ahoue u. Campton, Reck- turner. Br. Picardy, Hand- und Kopf- Equilibrist. Ballettgesellschast Döring. Mr. Bartllng, lebende Photographien. ISP" Konzert und Ball."NE Eintritt Wochentags und Sonntags 3« Ps., ilum. Platz SO Pf. Kalbo. Pnhlmaiins Vaudeville- Theater Inhaber F. Lehmann, Schönh. Allee 148, Kastan.-Allee 97/99. Täglich: Lvll�ert, l'lieaier n. Spemlitaten-Voi'stdliuiA. Victoria-Brauerei Lützotostrastc 111/113. Im Aaturgurtcu oder Saal: Täglicli Humoristische Soiree der Norddentsehen Sänger (Fuhrmann,, Horst, Walde). 9 Auf. Sonntags 1 präc. 7, wochentags 8 Uhr. Enttee 50 Pf. Vorverk. 40 Pf. Familienbillcts 3= 1 M. Sonntag und Donnerstag nach der Vorstellnng Tanzkränzchen. Sommer- Theater ..Aller Mautt" Artillcriestr. 33. Inhaber: A. 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Ter Edanqclische Arbeiierverelu hatte am Donnerstag eine öffentliche Versammlung einberufen, in der H o f p r e d i g.e r Stück er über das Gesetz zum Schutze dcS gcwerbUchcn Arbeitsverhältnisses sprach. Die Versammlung, die im Germania- saal in der Chausseestraße stattfand, war sehr zahlreich, aber nicht nur von Anhängern Stöckels, sondern auch von Natioual-Socialcn besucht. Stöcker ist zwar gegen die Annahme des Gesetzentwurfes, aber nicht etwa, weil er in demselben eine Vergewaltigung d e r A r b e i t e r und eine V e rn i ch t u n g des Koalitions- rechts erblickt, sondern nur aus dem Grunde, weil ihm die vorgeschlagenen Maßnahmen nicht geeignet erscheinen, um den social- demokratischen Arbeitern an den Kragen zu gehen. Stöcker meint, ein Gesetz, wie das vorliegende, werde, weil es so aussehe, als sollte das Koalitionsrccht beschränkt werden, den Socialdemokraten nur Stoff zu„wüster Agitation" geben und dadurch die christlichen Arbeitervereine schädigen. Wenn die Koalitionsfreiheit gesetzlich fest- gelegt würde, indem nian den Berufsvercinen Rechtssähigkeit vcr- leiht und das Verbindungsverbot politischer Vereine aufhebt, dann hat der Herr Hofprediger nichts dagegen, daß der„Vtiffbrauch des Koalitionsrechts" unter strenge Strafe gestellt und damit der „Schreckensherrschaft der Socialdcmokratic", von der Herr Stöcker allerlei längst als unwahr gekennzeichnete Schauergeschichten zu er- zählen wußte, ein Ende gemacht wird. Der Redner empfahl schließ- lich eine lange Resolution, die im Sinne seiner Ausführungen und unter allerlei Verklausulierungen den Reichstag um Ablehnung der Vorlage ersucht.— Als Wortführer der National-Socinlen trat Damaschke auf. Er wandte sich unter lebhaftem Beifall seiner Anbänger gegen die zahme Art, in der Stöcker vor einer Arbeiter- Versammlung diesen Gesetzentwurf, der geeignet sei, die gesunde Eni- Wickelung der Gewerkschaftsbewegung zu hemmen, behandelt habe, und verlangte, man solle den Reichstag um unbedingte Ablehnung des Entwurfes ersuchen. Darauf ivarf Stöcker dem Vorredner vor, er buhle mit der Socialdemokratie. Weiter meinte er, es sei eine Anmaßung, wenn die Volksversammlung vom Reichstage strikte Ab- lehnung verlangen würde. Einige Mitglieder de? Evangelischen Arbeitervereins verurteilten das Zuchthausgesctz mit größerer Entschiedenheit wie ihr Führer. Einer dieser Redner vertrat die Ansicht, daß der vorliegende Entwurf allen Arbeitern, gleichviel welcher politischen Richtung, wie ein Messer an der Kehle sitze. Sollte der Entwurf Gesetz werden, dann müßten die evangelischen Arbeiter, so schwer es ihnen auch werde, niit den Socialdemokraten zusammen- zugehen, doch mit diesen gemeinschaftlich für die Koalitionsfreiheit kämpfen.— In der sehr ausgedehnten Diskussion kam auch ein chriftlich-socialcs Pfäfflein aus C h i k a g o zum Wort, welches sich als.Arbeiterfreund" bezeichnete und seiner Sehnsucht nach einem ZuchthauSgesetz für Anierika Ausdruck gab.— Schließlich wurde, nachdem sich die Versammlung ffchon stark gelichtet hatte, unter Ab- lchnung einer Resolution im Sinne der Ausführungen Damaschkes die von Stöcker eingebrachte Resolution angenommen. Der Ncunuhr-Ladenschlnst und die selbständigen Barbiere lautete das Thema einer von 3lX) ipersonen besuchten öffentlichen Versammlung der Barbier-Gehilfcn, welche am 12. d. M. im.Louisenstädtischen Konzerthaus" tagte. Der Referent K 0 tz k e ging eingangs seines Referats näher auf die Zuchthaus- vorläge ein und hob hervor, daß dadurch das bißchen Koalitions- recht vollständig vernichtet wird, sie verdiene daher den schärfsten Protest aller Arbeiter.(Bravo.) In großen Zügen schilderte Redner sodann die Käinpfe der organisierten Arbeiter zur Erreichung besserer Arbeitsbedingungen, deren vornehmstes Ziel kürzere Arbeitszeit sein muß. Auch im Varbicrgewerbe müßte mit der schrankenlosen langen Arbeitszeit aufgcräunit werden, die Eigenart des Berufes sei kein Grund, daß die jetzt übliche lange Arbeitszeit beibehalte» werden müßte. Redner hält die gesetzliche Regelung der Arbeitszeit für geboten und emfuahl den Versammelten, diesbezügliche Schritte zu unternehmen. In der Diskussion, in der viel Jnnunasmeister sprachen, wurde auch von diesen anerkannt, daß die Einführung kürzerer Arbeitszeit ge- boten und durchführbar fei. Unter schallender Heiterkeit der Ver- sammlung erklärte der Jnnungsmeister E. Sasse, daß nur der Obermeister Herr Wollschlägcr im stände sei, darüber Auskunft geben zu können. Nach Wahl einer siebenglicdrigcn Kommission, die den Auftrag hat, mit der Innung(Wollschlägerschen) zu unterhandeln und so bald wie möglich Bericht zu erstatten, fand eine im Sinne des Referats gehaltene Resolution einstimmige Annahme. Zum Schluß wurde noch darauf hingewiesen, daß sich die Kollegen in Düsseldorf, Pforzheim. Radeberg(Sachsen), Elberfeld und Barmen im Streik befinden, Zuzug dorthin fernzuhalten sei, und daß die Mitgliederversammlungen des Zweigvereins jeden Donnerstag vor dem 1. und Ib. jeden Monats Rosenthnlerstr. 57 stpfttfinden. Eine gut besuchte öffentliche Versammlung der Fliesen- leger Berlins und Umgegend tagte am Dienstag, den t3. Juni. abends ll'/e Uhr, im Englischen Garten. Alcranderstraße 27c. Der Vorsitzende Knöppchen schilderte die Mißstände, die sich in den Reihen der Fliesenleger eingebürgert haben und hauptsächlich von den billiger arbeitenden Fliesenlegern gefördert werden. Im übrigen appellirte Redner an das Solidariiäisgesühl der Kollegen, ohne das eine Besserung nicht erreicht werden könne. W e g e n e r bedauerte die Säumigkeit der Fliesenleger zu den Vercinsvcrsammlungen. H u h t äußerte sich dahin, daß die Fliesenleger im Verhältnis zu anderen Gcivcrkschaften weit zurückstehen. Im weiteren äußerte sich P r 0 p p dahin, daß die Fliesenleger heute noch mit einer zehn- ständigen Arbeitszeit zu rechnen haben, anstatt längst schon eine acht- stündige Arbeitszeit zu fordern. H u h t meint, daß die Maurer, die sich mit Fliesenlegen beschäftigen, unbedingt verpflichtet wären, der Fliesenlcgcr-Organisation beizutreten. Zum Schluß der Versamm- lung würde beschlossen, die Vertrauensmänner zu beauftragen, in nächster Woche wieder eine Versammlung einzuberufen und den Vcr- sammelten einen Tarif vorzulegen. Holzarbeiter- Berbanb. In der am 12. Juni ISSS statt- gefundenen BezirkSversammlung für Wedding und Gesundbrunnen sprach Herr Adolf Hoff mann über: „Auf was nur stolz sind." Eine Diskussion wurde nicht gewünscht. In die Werkstatt-Kontrollkommission des Bezirks wurden gewählt: Steinhoff, Döhling, Hummel, Nieschätzky und Ziegel. Nachdem die Vcrfamnilung noch ihr lebhaftes Bedauern darüber ausgeiprochen hatte, daß die Modelltischler bei der jetzt vorhandenen günstigen Geschäftskonjunktur 12—14 Stunden täglich arbeiten, wurde die Versammlung geschlossen. Ter Verband der Kürschner tagte am 12. Juni bei Feind, Weinstr. It. Der Vortrag des Herrn Dr. Joel, welcher über: „Ein Ausblick in den Bau des Wcltcnalls" sprach, wurde mit Beifall aufgenommen. Wegen vorgerückter Zeit fand keine Diskussion statt. Unter Verschiedenen! wurde beschlossen, am 16. Juli einen Ausflug nach Heffenwinkel über Rahnsdorf zu machen. Abfahrt vom Bahnhot Alexandcrplatz 7 Uhr 65 Minuten. Dem Glasarbeiter- Verbände wurden 20 M. bewilligt. Heitmann giebt bekannt, daß Montag, den IS. Juni, eine öffentliche Versammlung stattfindet. Zum Schluß teilt der Vorsitzende noch mit, daß die nächste Mitgliederversammlung am 10. Juli stattfindet. Die Schrauben-»nd Facondrehcr versammelten sich am Dienstag, den 13. Juni in der„Urania", Wrangelstraße, unt den Bericht des Vertrauensmannes entgegenzunchnicn und die Neuwahl des letzteren zu vollziehen. Der Bericht umfaßt die Zeit vom ö. Oktober 1893 bis 13. Juni 1393. Es haben stattgefunden 6 Werk- statt-Sitzungen, 6 VcrtraucnSmänner-Sitzungen, 4 öffentliche Ver- fammluugen. Gegen 200 Kollegen wurden im Deutschen Metall- arbeiter-Verband aufgenommen. Die Sammlung für die Torgelower ergab 197,20 M., für die Krefelder Weber 93 M., für Marken a 10 Pf. wurden 75,80 M., durch Tellcrsammlungen 75,73 M. und für 200 Broschüren von Schippe! 20 M. eingenommen, in Summe 466,76 M. Zum Vertrauensmann wurde Kollege Part eis, Rudow, Köpnickcrstraße Nr. 77 gewählt. Den Rechenschaftsbericht der Agitationskommission erstattete E. Schnitze. Es crgiebt sich eine Einnahme von 91,75 M., eine Ausgabe von 74,55 M. und wurde demselben Decharge erteilt. Der Verrin der Arbeiter und Arbeiterinnen der Wäschebranche tagte am Dienstag bei B u S k e, Grenadierstr. 33. Dr. Freudenthal hielt einen Vortrag über„die Tuberkulose, ihre Bekämpfung und eventuelle Heilung", wofür ihm reicher Beifall zu teil wurde. Die Versammlung nahm dann den Antrag, für die streikenden Steinsetzer 30 M. zu bewilligen und sich rege an der Listensammlung für die Arbeiter Dänemarks zu beteiligen, an. Am Sonntag, den 25. Juni, findet ein Familien'-uSflug nach„Strand» schloß" Fricdrichshagen statt: Abfahrt.Schlefischer Bahnhof 8 Uhr; um rege Beteiligung wird ersucht. Die Lederarbeiter(Lohgerber, Färber, Weißgerber) hielten am vergangenen Donnerstag eine gut besuchte Versammlung ab, in der Genosse Jahn über„Die Arbeiterfrage der Gegenwart" referierte. Hierauf erstattete K n o b l i ch den Bericht über die Thätigkeit der Gewerkschaftskommission. Ais Revisoren für den Vertrauensmann wurden Kalip, London und Beyer ernannt. Unter„Gewerkschaftliches" entspann sich eine längere Besprechung über eine Resolution des Inhalts, daß die unwürdige Behandlung einiger Arbeiter in der Fabrik von E h ck u. S t r a s s e r seitens mehrerer An- gestellter einer genaueren Untersuchung unterzogen und die gemäß- regelten Arbeiter unterstützt werden sollen. Beißwenger und Brinkmann sind indeß der Meinung, daß diese Angelegenheit unter Hinzuziehung der beteiligten Arbeiter dieser Fabrik genauer erwogen und das weitere der zur Schlichtung von Streitigkeiten ec. eingesetzten Komnnssion überwiesen und alsdann in einer Versamm- lung der Organisation verhandelt werden soll. Nach Annahme dieses Vorschlages erfolgte Schluß der Versammlung. Die Gewerbetreibenden von Fri e d r i ch Sfelde, RummelS« bürg und Fri e d r i ch s b e r g waren zu einer Protestversamm- lung gegen den geplanten Achftihr-Ladcuschlnst sowie gegen die Warenhäuser usw. am 7. Juni nach FriedrichSberg eingeladen. lieber den Verlauf der Versammlung wird uns geschrieben: Erschienen waren denn auch ca. 40 Herren. In der Diskussion traten mehrere Redner für den Neunuhr-Ladenschluß ein, außer Sonn- abestds und den Vorabenden vor den größeren Festen, und zwar mit der Begründung, daß die Arbeiter erst abends so spät von der Arbeit kämen und könnten dann nicht mehr einkaufen; daß die Arbeiter früher Feierabend haben müßten, davon hat niemand gesprochen I Was die Agitation gegen die Warenhäuser betrifft, so kenne ich viele Hausbesitzer, welche in ihrem Hanse mehrere Läden vermietet haben und decken ihren Bedarf fast ausschließlich in Großbazaren, andere wieder kündigen 2 oder 3 kleinen Gewerbetreibenden, um Raum für einen Großbazar zu schaffen l Gute Vorbilder. Zum Schluß der Versammlung wurde eine Tcllcrsammlung veranstaltet(in social- demokratischen Versammlungen ist dieses verboten), auch sah man in dieser Versammlung keine Helmspitze; wahrscheinlich weil am selben Abend die Protestversammlung der Arbeiter gegen die Zuchthausvorlage auch in Friedrichsberg stattfand, denn da wurden die Gendarmen genügend gebraucht, wenigstens waren sie in außerordentlicher Anzahl vertreten, innen söivohl wie außerhalb des Lokals. Britz. In der am Freitag, den 9. d. M. stattgcfundcncn Mit- gliedervcrsammluug des Volks- B i l d u n g s v e r e i n s sprach Genosse Jahn über„Handelspolitik und Handelsverträge". Er er- Icdigte sich seiner Aufgabe in interessanter Weise und zeitigte dadurch eine sehr lebhafte Diskussion. Unter Verschiedenem wurde bekannt gegeben, das am 25. Juni ein Familienausflug nach Königsheide stattfindet. Abmarsch vom Dornschcn Lokal nachmittags 1 Uhr. Nachdem noch der Vorsitzende auf die am Freitag, den 30. Juni. abends 8Va Uhr, stattfindende Versammlung aufmerksam gemacht hatte, und die Mitglieder ersuchte, dieselbe ebenso zahlreich zu de- suchen, erfolgte der Schluß. Charlottettbnrg. Der Verband der Fabrik-, Land« Hilfsarbeiter und Arbeiterinnen Deutschlands hielt am 13. d. M. hier eine gutbesuchte Mitgliederversammlung ab, in welcher Dr. Wehl einen sehr lehrreichen und von der Versamm- Iting mit Beifall aufgenommenen Vortrag über:„Persönliche und allgemeine Gesundheitspflege" hielt. Mehrere Redner sprachen im Sinne dcS Referenten. Zu Verbandsangelegcnheiten ivurde die Gründung einer Zahlstelle Hierselbst vorgenommen und die hierzu erforderlichen Bevollmächtigten in Vorschlag gebracht. Freireligiöse Gemeinde. Sonntag, den 18. d. M., vormittags 9 Nhr, im groben Festsaal der Bertiner Ressource, Äommanoantenstr. 57,„Ver- sammlung Freireligiöse Vorlesung". Um 11 Uhr vormittags ebendaselbst Vortrag deS Herrn Dr. Bruno Wille:„Der Hetlandsgedanke." Gäste will- kommen. Montag, den IS. d. M., abendS 8>/« Uhr, Eingang Stallschreiber- straße 43: Beickliebende Versammlung. Centralverband der Töpfer Teutschlands, Filiale Berlin. General- Versammlung am Dienstag, den 20. Juni, abends 6 Uhr, bei Buske, Grenadierstr. 33. Berichterstattung vom Xl. Kongreb. Ergänzungswahl zum Vorstand. Gewerkschastliches. Allgemeine Kranken-»nd Sterbekasse der Metallarbeiter (E. H. 29.) Hamburg. Filiale Berlin 4. Heute abend 8r/z Uhr: Mitglicdcr-Versnmmlung bei Fritz Wille, Andreasstrabe 26.— Filiale Berlind. Mitglicder-Vcrsammlung heute abend 9 Uhr bei Kopltn, Loch- ringerstrabe 68: Wahl der Ortsvcrwaltung.— Filiale Charlotten- bürg. Heute abend S'/3 Uhr im Restaurant Lcder, Bismarckstrabe 74: Abrechnung und Neuwahl der Ortsverwaltung.— Filiale Rirdorf. Generalversammlung heute abend 3'/, Uhr, Zicchenstrabe 69, bei Preßler. Neuwahl der Ortsvcrwaltung. DkliM. Metallarbeiter-Verband (Verwaltnngtsstclle Berlin.) Sonntag, den 18. Juni, vormittags 10 Uhr, im Lokal des Herrn Grube, Wrangelstr. 136, Konferenz der Vertrauensmänner der Dienstag, den 20. Juni er., abends 81/» Uhr, Neisliiliiillliiig für i>. GelliMniMkli ill Zimmermuuns Festsäten, Badstr. 58. TageS-Ordnung: 1. Die Entwickelung des Deutschen Metallarbeiter-VcrbandeS. die Be- fchlüste der Gcncralvcriaminlung tu Halle a. S. mid der 3. deutsche Gc- werkschasls-Kongreb. Reserciit: Otto Näther. 2. Diolnsston. 3. Die Sttcits und Aussperrungen der Metallarbeiter in Deutschland und Dänemark. 4 Neuwahl der Bezirlsleituiig. b. Virbaudsaugelegenheitelt und Ver- schiedenes. 112/14 KM" Zahlreicher Besuch ist notwendig. Ganz speciell eingeladen sind die Arbeiter imchstehender Finnen: 6rnbo>m, veiter& Schneevogel, Spon- holz 4 Wrede, Kapler, Küstermann, Roller. Am Soiiiinbend, de» 1. Juli, studet im„Marienbad". Bad- flrafce 35—36, ein gi oswc« Sommcrfest statt. Das Bittet kostet inklusive Programm 30 Ps. Der Ueberschuh ist für streikende und aus- gesperrte Kollegen bestimmt. Dienstag, den 20. Juni, abends 8 Uhr, in den„ArznitthaUe»", Kommandantenstr. 20, Versammlung der Schlosser und Maschinenbauer. Tages-Ordnung: 1. Vortrag de? Kollegen«. Rader über:„Krankenkasien". 2. Diskussion. 3. Ist eS möglich, in allen Werlstätten den Neunstundentag, sowie einen Mtnimallohn vurchzustihren? 4. Verschiedenes. sc Angesichts dieser austerordentlich wichtigen Tages-Ordnung ist eS die Pflicht aller Kollegen, skr den regen Besuch der Versammlung Sorge zu tragen. DaS Protokoll der Generalversammlung in Halle a. S. ist erschienen und zum Preise von 10 Pf. bei den Kassierern, sowie im Bureau, Annen- strahe 39, zu haben. Ebendaselbst sind BilletS zur Sternwarte w Treptow, zum Preise von 7b Pf., erhältlich. vi« Ortrverwaltang. Verband der in Buchbindereien, der Papier- und Leder- Galanteriewaren-Jndustrie beschäft. Arbeiter und Arbeiterinnen Deutschlands. Zahlstelle Berlin. DicnStag, den 2«. Jnni, abends 8>/s Nhr, in FenersteinS Saal, Alte Jakobstraffe 75: Mitglieder-Verfammlttng. Tages-Ordnung: 1. Vortrag deS Herrn»npfert über: WaS bietet die Treptower Sternwarte ihren Besucher»? 2. VerbandSangelegenheiten und Ver- schiedenes. Um zahlreiches Erscheinen ersucht llie Ort, Verwaltung. AllgkMtlne Wlis- Kraust Masse(6.§■ Nr. 26) in Liquidation. Sonntag, den 18. Jnni, vormittags 10 Uhr. Brunnenstrafte 188: °sod A Versammlung. Igj a.KS«.. Montag, den 17. Juli 1899, in der Nenen Welt, Hasenheide 108—114: cinossss Lornrnsi-ksst. zur Feier des guten Montags. Karten-Konzert, Fenerwerk, Soecialitaten ersten Ranges. Dlientor-Voi-ntSll�iig- Ni« Kliitlv«. Von 6 Nhr an im Hai charnpetre; SC Grosser Ball. Eintritt in den Saal für Herren 30 Pf., für Damen 10 Pf. Grofter Fackelzug.— Die Kaffceküche ist von!i Uhr an geöffnet. Illllvts a ÄO Pf. sind in sämtlichen Zahlstellen, in obiger Vcr- sammlung, bei allen Werlstuben-BertrauenSpcrsonen sowie im Bureau und in allen mit Plakaten belegten Handlungen zu haben._ 24/14 Verein d. Masctiinisten, Heizer u. Berufsg. Berlins und Umgegend. Sonntaf, den 18. d. M.. nachm. 5 Uhr, In Cohns Fest- Bäten, Beathstr. 19/20: VevfLNnmlung. Die Tagesordnung wird in der Versammlung bekannt gegeben. 138/11 ver» Verstand. Seeklsebe sind das beste und billigste Voiksnabrungsmittel, ersetzen das Fleisch vollständig und sind überaus wohlschmeckend, nahrhaft und bekömmlich. I Riesige Fänge anscrer Dampfer erniägllchen nns,> Schellfische'■;r£r 15-20 25-25". � ROtZUngen, bester Ersatz fllr Seezungen...... 30„« Bratfl nudern /g= 40 Pffl) 1 j. S rilal-Sehnllen)" Z Schmiede. Sonnabend, de« 17. d. M., abendS 8V, Uhr, im„FngUsehen Barten", Sllcrandcrstr. 27c: OeiFentllclie Tersammlnng. Tages-Ordnung: 1. Vortrag und Diskussion. 2. Der Streik der Steinsetzer. 3. Die Aussperrung der Arbeiter in Dänemark. 4. Wahl eines Stellvertreters des Vertrauensmannes. 176/3 Der Elnbernfer. Zähne 2 M. 10 Jahre Garantie. Vollkommen schmerzloses Zahn- zlshen 1 M. Plombon 1,60 M. Teilzahl, w&chentl. 1 M. Zahnarzt Wolf, Leipzlgerstr. 33. Sprechet. 9-7. (Hai-Schollen)'-——■«-> während elleser«nd der kommenden Woche in? unseren Verkaufsstellen abzugeben.— Alle anderen Fischsorten, auch Knnrrhahn, Steinbutt, m (Seezungen, Heilbutt, Seehecht etc. ebenfalls billig, a Deutsche---- �—££ W Dampf flschcrel-t-csellschaft?? Nordsee", i Seefisch-Kochbücher erhalten Käufer umsonst.) Vertreter für Berlin: Johs. Skorczyk. awse. U r umsonst, h Bervlmd der Möbelpolierer. Montag, den IS. Juni, abendS S1/, Nhr. im Lokale des Herrn Wilke, Andreasstrafte 26: NevsÄunnlung. Tages-Ordnung: 1. Vortrag deS Genossen Krempe über:„Müllverbrennung und Verschmelzung." 2. Diskussion. 3. Verschiedenes und Ausgabe der BilletS zur Dampferpartie am 2. Juli nach Hessenwinkel. 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