Ur. 150. Abomumeitts• Kedingungen: «bonnem-nIZ-Prei» pränum-rando! «ierleljährl. 3,30 Ml., monall. 1.10 Mr., wöchexlltch 28 Pfg. lret ins Hau». Einzelne Nummer S Pfg. Sannlag«. Nummer mir illuslricrrer Sonntag»- Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Poll- Abonnement: ZL0 Mark pro Quartal. Eingelragen in der Post-Zelmng»» Preisliste für 1899 unter Nr. 7020. Unter ZIrenzband für Teutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, für da» übrige Ausland Z Marl pro Monat. Erschein! täglich»icher IL anlag». Vevlinev VolKsblskt. Csntralorgan der socialdemokratischen Partei Deutschlands. 10. Jahrg. Dt« Jnserttonz. Gebühr betragt für die s-chZgelpaltene Solonel» zeile oder deren Raum so Pfg., für politische und gewerlschaftliche Verein»- und Versammlungs-Anzeigen 20 Pfg. „Kleine Anzeigen" jede» Wort 5 Pfg. (nur das erste Wort fett). Inserate für die nächste Nummer müssen bi» s Uhr nachmittags in derExpedition abgegeben werden. Tie Expedition ist an Wochen- tagen bi» 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bt» 8 Uhr vormittag» geöffnet. Urrnspr-cheri Amt I, Nr. 1508. Telegramm-Adresse: „Sorialdemoliral Berlin" Abounemeuts-Einladung. Mit dcm 1. Juli eröffnen wir ein neues Abonnement auf den mit seinem wöchentlich fünfmal erscheinenden Unterhaltnttgsblatt und der SonntagS-Beilage .»Die Hielte AVelt". Für Berlin nehmen sämtliche Z e itu n g s sp e d it e u r e, sowie unsere Expedition, Bcnthstr. 3, Bestellungen entgegen zum monatlichen Preise von 1 Mark I« Pfettttig frei ins Haas. Für außerhalb nehmen sämtlichePostanstalten Abonne- ments zum Preise von S Mark 30 Pfennig für die Monate Jnli, Angust nnd September entgegen.(Eingetragen ist der.Vorwärts' in der Post-Zcituiigs- liste für 1893 unter Nummer 7820). Von dem Roman im Unterhaltungsblatt erhalten neu hinzu- tretende Abonnenten die bisher erschienenen Fortsetzungen nach- geliefert. Die Redaktion des„Vorwärts". Ein unerhörter Skandal. Durch die gesamte Presse ging in den letzten Tagen die Nachricht und wurde auch von uns gebracht und nnt-ent- sprechendem Kommentar versehen: daß der Reichstagspräsident Ballestrem seine, durch den Abgeordneten Rösicke veranlaßte mannhafte Aeußening in Bezug aus die Behandlung von Kaiserreden durch Einfügung einiger Worte in dem stenographischen Bericht abgeschwächt, ja ihrer ganzen Be- deutung entkleidet habe. Der Nachricht wurde nicht wider- sprachen, und wir mußten uns schon bescheiden, daß Graf Ballestrem nicht besser sei als die anderen, ja noch schlechter, und daß sein Männerstolz vor Königsthronen nicht steifnackiger als der seiner Vorgänger im Amt, ja daß sein Rückgrat noch biegsamer. Da kommt plötzlich, wie ein Ziegel vom Dach, eine Er- klänmg des Grafen Ballestrem, die nicht verfehlen wird, in den weitesten Kreisen Aufsehen zu erregen. Die Erklärung, die wir in der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung"— an versteckter Stelle und ganz klein gedruckt— finden, lautet: Der gedruckte stenographische Bericht über die 98. Sitzung des Reichstags, am 2t. Juni d. I., enthält auf Seite 27250, Zeile 6, als von mir gesagt, folgende Worte: „Vorausgesetzt, daß es der amtliche Teil des Blattes war." Diese Worte habe ich nicht gesprochen, auch später in den stenographischen Bericht weder selbst hineingescht, noch deren Hinznfügnng direkt oder in- direkt veranlaßt; dieselbe» sind ohne mein Wissen nnbcfugtcrwcise im Bureau des Reichstags hinzugefügt worden; von der Hinznfügnng erhielt ich erst Kenntnis, nachdem der stenographische Bericht bereits gedruckt und verteilt war. Berlin, den 29. Juni 1899. Der Präsident des Reichstages: Graf v. B a I l e st r e m. Nach dieser Erklärung, die keine Doppeldeutung zuläßt und keine Zweideutigkeit verbirgt, müssen wir zurücknehmen, was wir auf Grund"jener unberufen umkorrigierten, ja geradezu umgefälschten Worte über Graf Ballestreni gesagt haben und zu sagen verpflichtet waren. Es liegt ein unerhörter Skandal vor. Wer hat die Fälschung verübt? Auf dem„Bureau" ist es geschehen— das weiß Graf Ballestrem. Daß ein untergeordneter Bureaubeamter es ge- than habe, ist einfach ausgeschlossen. Daß Direktor Knack, der von schwerer Krankheit noch nicht ganz genesen, Urheber der Fälschung sei, erscheint uns ebenfalls ganz ausgeschlossen. Zweifellos sind es mächtigere Persönlichkeiten gewesen, die diese Fälschung— denn eine Fälschung, wenn auch Vielleicht nicht im Sinne des Strafgesetzbuches, i st e s— veranlaßt oder verübt haben. Wenn wir bedenken, wie un- angenehm die Acußerung des Grafen Ballestrem allen Höflingen und sonstigen Reaktionären war, wie sie den Wünschen dieser Kreise entgegentrat, alle persönlichen Akte des Kaisers, seien sie auch noch so polemischer und parteipolitischer Natur im Reichstag als Rührmichnichtan zu betrachten, so fällt es uns nicht schwer. die— Regionen zu erraten, in welcher die Urheber dieses uner- hörten Skandals, dieser beispiellosen Fälschung zu suchen sind, — einer Fälschung, die zlvar anderen, aber gewiß nicht sittlicheren Beweggründen zuzuschreiben, und nicht minder zu verdammen ist, wie die Fälschungen der Henry und Konsorten in Frankreich. Der unerhörte Skandal wird sein Nachspiel haben. Ter Schuldige muß entdeckt und zur verdienten Strafe gezogen werden. Ter Reichstag hat dafür zu sorgen, daß nicht bloß die unmittelbar Schuldigen, sondern auch deren Hintermänner gebührend zur Verantwortung gezogen werden. In jedem Fall werden die Urheber der Fälschung wieder einmal das alte Wort von„der Kraft, die das Böse will und das Gute schafft", beivahrheitet und bestätigt haben. Der Reichstag lehnt es ab, sich gegenüber der Krone ein Papagenoschloß vor den Mund binden zu lassen oder selbst zu binden.—_ Die Politische Lage in Preußen spitzt sich immer mehr zu. Zwischen der Regierung und ihren Stützen, den Agrariern, ist ein offener Konflikt entstanden. Will die Regierung nicht zu Gunsten der Junker abdanken, so muß sie unbedingt zu der Einsicht gelangen, daß sie auf die Dauer mit der„kleinen aber mächtigen Partei" allein nicht regieren kann; und auf der anderen Seite müssen die Agrarier erkennen, daß es selbst für die Miguel und Hammerstein eine Grenze giebt, über die hinaus sie, so schwer es ihnen auch fallen mag, die agrarische Begehrlichkeit nicht weiter nähren dürfen. Charakteristisch für den„Kulturstaat" Preußen ist es, daß die Ursache des Konflikts ein Kultur werk ersten Ranges, der geplante M i t t e l l a n d- K a n a l. ist. Handelte es sich um neue Knebelungsgesetze für die Arbeiter schaft oder um einen neuen Beutezug gegen das arbeitende Volk, so würde die Rechte des Parlaments mit der Regierung ein Herz und eine Seele sein. Aber Kulturwerke? Wann hat jemals ein Junker von echtem Schrot und Koni etwas zur Förderung der Kultur beigetragen? Der einzige Gesichtspunkt von dem aus diese Sorte von Menschen alles und jedes beurteilt ist der: Was fällt für uns dabei ab? Und da sie gefunden haben, daß sie zwar selbst keinen Schaden von dem Kanal haben, aber auch nicht denjenigen Vorteil, den sie beanspruchen zu dürfen glauben, so wollen sie nichts davon wissen. Für sie handelt es sich lediglich um ein Schachergeschäft; es kommt nicht genug dabei heraus, also lassen sie ihre Hände aus dcm Spiel. Man munkelt davon, daß die Ablehnung der Kanal- Vorlage die Auflösung des Landtages zur Folge haben würde, und die„Nationalliberale Korrespondenz" vcr- breitet sogar die bcstimnite Nachricht, Herr v. Miguel habe ein Mitglied der Kanalkommission autorisiert, geborenen Falles keinen Zweifel darüber zu lassen, daß im Falle der Ab- lehnung der Kanalvorlage die Auflösung des Abgeordneten- Hauses zu erwarten sei. Wir glauben nicht daran, daß es so iveit kommt, wir glauben auch nicht an die Erfüllung des schönen Traumes, in dem liberale Blätter sich jetzt wieder wiegen, daß das Ministerium Hohenlohe-Miquel-Necke einem liberalen Ministerium weichen wird. Eine Auflösung des Abgeordnetenhauses hätte eine Bedeutung weit über den vor- liegenden Fall hinaus, sie würde nicht mehr und nicht weniger als die vollständige Zertrümmerung der konservativen Parteien bedeuten, die ja ohnehin nur ein künstliches Dasein fristen. Dies Dasein aber ver- danken sie der W a h I m a ch e der Regierung. Das wissen die Konservativen und deshalb werden sie es nicht zum äußersten kommen lassen, sondern nur scheinbar in der Oppo- sition verharren, in Wirklichkeit aber bei der Abstimnmng durch rechtzeitige Erkrankungen und Abkommandierungen eines Teiles ihrer Freunde der Regierung zum Siege verhelfen. Und die Regierung? Nun auch sie weiß, daß sie auf die Konservativen angewiesen ist. Es ist ja ein offenes Ge- heininis, daß je weniger gefügig sich der Reichstag reaktionären Gelüsten gegenüber zeigt, in desto höherem Maße der Landtag zu den reaktionären Anschlägen auf des Volkes Rechte und Freiheiten herhalten muß. Deshalb wäre es vom Standpunkt der Regierung aus ein grober Fehler, wenn sie es zum Bruch mit den Konservativen kommen lassen wollte. Junker und Regierung brauchen einander, und wenn auch äugen- blicklich eine kleine Verstimmung unter ihnen herrscht, so werden sich die guten Freunde doch bald wieder versöhnt in den Armen liegen. Von diesem Gesichtspunkt aus erklärt sich auch die auf- fallend laue Verteidigung der Kanalvorlage durch den Minister Dr. v. Miguel. Nicht un- berechtigt war die feine Ironie, mit der bei der ersten Lesung ein Redner sagte: Wenn ich Herrn Miguel recht verstanden habe, hat er sich f ü r den Kanal ausgesprochen. Auch in der Kommission zeigte sich der Minister wenig energisch, und als die Vorlage auf Antrag des Centrums nochmals an die Kommission zurückverwiesen war und das Spiel von neuem begann, da ließ sich Herr Miguel von seinen agrarischen Freunden ruhig auf der Nase herumtanzen. Bei dieseni Minister, auf den das Wort zutrifft:„Weiß doch niemand, woran er glaubt", kann man auch jetzt noch im Zweifel sein, ob er eigentlich ein Freund oder ein Gegner der Vorlage ist. Soviel aber ist sicher, daß Miguel von Anfang an ein sehr zweideutiges Spiel gespielt hat. um sich, unbekümmert um das Schicksal seiner übrigen Kollegen und unbekümmert über den Ausgang der Verhandlungen, die bekannte Hintcrthür offen zu halten. Aber diesmal hat sich selbst der schlaue Miguel Per- rechnet. Die agrarische Presse hat ihm ein offenes Mißtrauensvotum erteilt, und auch bei dem Centrum ist sein Ansehen erschüttert. Die Politik des Centrums war von vornherein auf eine Verschleppung der Entscheidung gerichtet. Der Antrag auf Zurückverlveisuug der.Vorlage an die Kommission und die Entsendung des Herrn Lieber als Kommissionsmitglied hatten keinen anderen Zweck, als zunächst einmal die Gemeinde-Wahlreform, von der sich die Klerikalen so viel versprechen, unter Dach nnd Fach zu bringen. Was dann aus der Kanalvorlage wurde, war Herrn Lieber gleichgültig. Nur darauf kam es ihm an, den Schein zu wahren. Daher die Anträge auf Einsetzung von linterkommissioncn, die einer Verschleppung auf Jahre hinaus gleichkamen und die im Grunde genommen den Zweck hatten, die Vorlage zu Falle zu bringen, die Verantwortung aber den Konservativen aufzuhalsen. Wie Miguel, so hat sich jedoch auch Lieber ver- rechnet, denn die Bildung von Unterkonimissionen wurde ab- gelehnt und die Vorlage wird noch in dieser Session an das Plenum gelangen. Betrachtungen über das Schicksal der Vorlage anzustellen, verlohnt sich nicht. Wir sind überzeugt, daß dieselbe aus den erörterten allgemeinen politischen Gesichtspunkten heraus zur Annahme gelangen wird und daß es zu einer Auflösung des Abgeordnetenhauses nicht kommt, die der Regierung ebenso unangenehm ist wie den Junkern. Hinter den Koulissen wird die Regierung mit den Agrariern den Kuh- Handel abschließen und ihnen außer den bereits zugestandenen Kompensationen noch weitere Versprechungen machen, die mit der Vorlage nichts zu thun haben und die sich hauptsächlich auf Zollerhöhungen beim Abschluß der neuen Handelsverträge beziehen dürften. Aber mag die Angelegenheit auslaufen wie sie will, nnt Ruhm hat sich die Regierung nicht bedeckt, und ihr ohnehin sehr geschmälertes'Ansehen im Lande ist durch ihr Verhalten wahrhaftig nicht erhöht worden. Nie ist ihre Schwäche, nie ihre völlige Abhängigkeit von der agrarischen Clique so deutlich zu Tage getreten, wie bei der Behand- lung der Kanaldorlage. Jetzt rächt sich einmal das Vcr- halten der Regierung, die sich nun und ninimer als V o l l- streckerin des Volkswillens, sondern stets nur als Vertreterin von Sonderinteressen gezeigt bat. Sie hat die agrarische Begehrlichkeit gezüchtet und kann nun die Geister, die sie selbst beschworen hat, nicht wieder los werden. Freilich diese Geister sind Geist von ihrem eigenen Geist/ Wie herrlich weit haben wir es doch am Ausgang des 19. Jahrhunderts gebracht I Für den brudermordenden Krieg, für abenteuerliche Kolonialpolitik, für marinistische Phantasien und für andere kulturfeindliche Pläne sind die herrschenden Gewalten stets zu haben. Von einem Kulturfortschritt aber wollen sie nichts wissen. Wie lange soll es so noch weiter gehen, wie lauge soll es noch dauern, bis die w i r k l i ch e n Träger der Kultur sich die politische Macht er obert haben! PoUkische Berlin, den 29. Juni. Eine Kundgebung z»<8»liste» der Ziichthauövorlagc wird nach einem hiesigen Blatte im Herrenhanfe beabsichtigt. ES verlaute. daß im Herrenhause eine zustimmende Kundgebung zum Vorgehen der Regierung hinsichtlich des Gesetzes„zum Schutze der Arbeitswilligen" geplant werde. Im übrigen, Zuchthansvorlage und Herrenhausjunker sind einander wert! In Belgien hat die Opposition gegen die Wahlentrechtungs- Pläne der Regierung, über die wir gestern ausführlicher be- richteten, fast den Charakter einer Revolution angenommen. Am Mittwochabend, nach der stürmischen Kammersitzung. wurden in Brüssel von sämtlichen parlamentarischen Parteien der Opposition veranstaltete Versammlungen abgehalten, um gegen die neue Wahlvorlage der Regierung Protest einzulegen. Die Führer der Opposition, unter ihnen mehrere Deputierte, hielten sehr heftige Reden gegen das Wahlgesetz, welches sie als ein unheilvolles Gesetz und verabscheuungswürdiges Attentat gegen die Kon- stitution und die Menschenrechte bezeichneten. Die Redner sprachen die Hoffnung aus, daß im Falle der Annahme des Gesetzes durch die Kammer, der König die Bestätigung verweigern werde. Die Versammlungen wurden meist mit aufrührerischen Rufen, darunter„Demission" geschlossen. Später zogen mehrere Tausende der Teilnehmer durch die Hauptstraßen der Stadt; bei den Ministerhotels wurden sie von der Polizei zurückgedrängt. Die Garnison und die Bürger- garde sind konsigniert. Vom Mittwochabend liegt ferner die folgende tele- graphische Meldung aus Brüssel vor: Der Stadtteil, in welchem sich die Repräsentantenkammer, die Ministerien und das königliche Schloß befinden, ist von einer Kette von Polizei nnd einer Abteilung der B n r g e r g a r d e bewacht. Ein Trupp von 4000—5000 Manifestanten drängte sich vor dieseni Stadtteil zusammen. Die Polizei hatte große Mühe, die Menge im Zaum zu halten und forderte sie vergeblich auf, auscinanderzu- gehen. Bald darauf trafen berittene Gendarmen ein nnd gingen unter allgemeinem Pfeifen, Johlen und Geschrei der Menge zu wiederholten Malen gegen dieselbe vor. Die bedeutendsten Ruhestörungen ereigneten sich in der Rne Treurenberg, welche von 12 berittenen Gendarmen und Polizei-Ossizicren besetzt wurde. Die Gendarmen, welche mit S t e i n w ii r s e n empfangen und fort- während mit herausgerissenen Ps l a st e r st e i n e n b o m- bordiert wurden, gaben hierauf Fener. ohne daß die Menge zinn Weichen gebracht wurde. Schließlich gingen die Gendarmen zu Fuß mit ausgepflanztem Bajonett im Lausschrittvor und drängten die Manifestanten bis zum St. Gudulaplatz zurück. Zwei Gendarmen wurden verwundet, viele Scheiben und Laternen zertrümmert. In der Rue Aremberg, wo mehrere Schaufenster zerschlagen waren, ging die Polizei gleichfalls mit blanker Waffe vor. Auch hier sollen zahlreiche Verwundungen vorgekommen sein. Eine Anzahl von Manifestanten wandte» sich von der Nue Treurenberg nach dem Centrum der Stadt und zertrümmerte auf dem Wege Fenster- scheiben an den Kaufläden. Die Polizei zerstreute die Manifestanten. Um Mitternacht war die Ruhe wiederhergestellt. Gegen 1 Uhr be- gann es zu regnen. Die Polizei und die Bürgergarde blieb zur Verfügung. Für morgen sind noch umfassendere Polizcimaßrcgeln in Aussicht genommen. Zahlreiche Gendarmerie aus der Provinz ist eingetroffen. Die Regierung sollte sich bewußt sein, daß sie es ist, die mit ihren reaktionären Plänen diese Straßen- kundgebungen provoziert hat. Auch die Sitzung der Drputtertenkalnmer vom Donnerstag verlief ä u ß e r st st ü r»I i s ch. Ministerpräsident Vandenpeerebom wird wegen des gestrigen Einschreitens der Gendarmerie i n t e r p e I l i e'r t. Der Ministerpräsident nimmt die Interpellation an; die Diskussion wird von den S o cia listen durch heftige Aeußernngcn gegen Vandenpeerebom unter« krochen, dem sie vorwerfen, er habe das gestrige Blutvcrgirszcu verschuldet. Der Minister erklärt, sein einziger Gedanke sei, dem Lande zu dienen; das konservative Land stehe auf seiner Seite; fein Wahlgesetz- Entwurf habe einen transaktionellcn Charakter. Es würde billig sein, ihn anzuhören, damit man die Absichten der Regierung kennen lerne.(Der Minister wird fort- während von den Socialisten unterbrochen.) Jeder andere Gesetz- entwurf würde in gleicher Weise bekämpft worden sein. Aus den Grund der Interpellation eingehend, sagt der Minister, es sei unmöglich, jetzt schon genaue Einzelangaben über die gestrigen Unruhen z» machen; jedenfalls aber seien keine Gelvaltmaßregcln angewandt worden, bevor nicht zum Auseinandergehen aufgefordert worden war. Die Verteidiger der Ordnung hatten erst, nachdem sie mit äußerster Heftigkeit angegriffen und verwundet worden waren, von den Waffen Gebrauch gemacht; es sei die Pflicht der Behörden da- für zu sorgen, daß die Ordnung respektiert wird; die Regierung werde ihre Pflicht thun.— Der Deputierte Vandervelde bekämpft die Ausführungen des Ministers. Deutsches Weich. Tapetenring-Terroriönins. Wir haben vor einigen Monaten das Statut des Tapcteiisabrikanteii-VcrbandcS veröffentlicht, das wegen seiner terroristischen Bestin>nu»igen gegen die Fabrikanien sowie gegen die Arbeiter Auffeheu erregte. Jetzt wird bekannt, daß eine Anzahl von Fabrikanten, die sich den frechen Willkürbekehlen der Ringmänner nicht fügen wollten und deshalb Konventional- strafen zahlen sollten, hiergegen gerichtlichen Schutz gefunden hatten. Das Berliner Landgericht hat den Klagcanspruch der Ninglcute abgewiesen; es handele sich, so erklärte das Gericht, nicht um eine Konventionalstrafe, sondern der Ring wollte sich eine Art kriminalistischer Strafgewalt über seine Mitglieder sichern. In einem anderen Falle hat eine Berliner Firma, der im Falle der Nichtzahlung des Bußgeldes Sperre angedroht war, Anzeige wegen Erpressung erstattet. Der Ring Hai über 100 Händler gesperrt, weil sie sich seinen Festsetzungen nicht fügen. Die Gesperrten wollen einen besonderen Verband gründen und eine Sprengung des Ringes versuchen.— Anerkennung. In der Sitzung des Reichstags vom 13. März 1890 legte unser Genosse Bebel eine Lanze siir eine Petition des Bundes deutscher Barbier-, Friseur- und Perrückenmacher-Jnnungen ein, in der gebeten wurde, die Bestimmungen über die Sonntagsruhe auf das ganze Gewerbe auszudehnen, so daß auch die Geschäftsinhaber, die keinen Gehilfen beschäftigen, gezwungen feien, in den im Gesetz vorgeschriebenen Stunden, ihre Läden zu schließen. Die Petitionskommission hatte beschlossen, die Petition dem Reichskanzler als Material zu überweisen, imser Genosse beantragte, die Petition dem Reichskanzler zur Berück« s i ch t i g u n g zu überweisen und begründete derselbe mündlich seinen Antrag. Jetzt hat ihm ein Jnnungs-Verband folgende Zu» schrift gesandt: Herrn Reichstags-Abgeordneten Bebel. Berlin. Der Hannoversche Provinzialverband, Bund deutscher Barbier-, Friseur-, und Pcrriickcnmacher- Innungen hat den crgebcnst unterzeichneten Vorstand beauftragt, Ihnen für die kräftige Ver- tretung der Petition unseres Bundes, betreffs»Schließung der Geschäfte an den Sonn- und Feiertagen gleichzeitig mit Eni- lassung unseres Personals", feinen wärmsten Dank auszusprechen. Seien Sie, hochgeehrter Herr, versichert, daß Ihre Be- strebungen zur Annahme unserer Petition in den Kreisen aller gut denkenden Kollegen Deutschlands dankbar anerkannt werden und Ihr Name mit der von u»S seit Jahren erstrebten und jetzt hoffentlich genehmigten Forderung eng als eifriger Förderer ver- knüpft werde." Folgt die Unterschrift deS Vorstandes der Zwciginnung Hannover. Hoffentlich bringt die nächste Novelle zur Gewcrbe-Ordnung, die ja jedes Jahr, mit der Pünktlichkeit des Mädchens aus der Frenide, wiederkehren, die Erfüllung deS berechtigten Wunsches der Barbier- zc. Innungen. Wahlagitation auf Gemeindekosten. Die Chemnitzer»Volks» stimme" berichtet aus Flemmingen bei Hartha: Hier fanden unsere Genossen, die im Gememderat sitzen, bei Prüfung der Jahresrechnung. daß das Stimmzettelaustragen für die gegnerische» Kandidaten bei derletzten Landtagswahl aus der Gemein belasse bezahlt worden ist. Sie beantragen selbstverständlich, daß dieser Betrag von den damaligen Kassenführern zurückerstattet wird.—_ Reform der Freiheitsstrafen. Der öfters offiziös bedienten„Münchener Allgem. Zeitung" wird aus Berlin geschrieben:„Nachdem das Bürgerliche Gesetzbuch rmter Dach und Fach gebracht sein wird, beabsichtigt man, wie wir hören, an maßgebenden Stellen die Revision unseres Strafen- s y st e m s in Erwägung zu ziehen. Wenn bisher auf diesem Gc- biete noch wenig geschcheii ist, so liegt der Grund hierfür einerseits in den umfangreichen Arbeiten, Ivelche das Bürgerliche Gesetzbuch erforderte, andererseits in dem Umstände, daß sich in der Straf- rechts- und GcfängniSlitteratur bisher noch keine Einigung über die Hauptfragen hat erzielen lassen. Man rechnet jetzt mit der Wahrscheinlichkeit, daß sich eine Einigung unter den Vertretern des ZweckgedankenS und der V e r g e l t u n g S i d e e werde er- zielen lassen." Es wäre zu wünschen, daß bei einer solchen Reform die Beste- rung verbrecherischer Elemente durch Erziehung und Bildung in den Vordergrund gerückt würde, und daß man von dem plumpen Gedanken der Wiedervcrgeltung. der Strafe, nur um Rache zu nehmen, mehr zurückkomnie. Auch die Abschreckungstheorie hat sich ja durch die Erfahrung als falsch erwiesen. Nicht durch Zu- fügnna neuer Roheit wird ein Verbrecher gebessert, sondern, so- fern dies Ziel überhaupt erreichbar ist. durch geistige Kultur, durch humane Bildung. Die Hauptsache ist freilich, durch Hebung der s o c i a l e u BolkSlage, durch Hebung der Volksbildung Verbrechen und Verbrecher soweit niöglich aus der Welt zu schaffen. Zu den r o h e st e n Vertretern der Abschreckungstheorie kann sich mit Recht die„Deutsche Tageszeitung" rechnen, die folgende Mcüumg zum besten giebt:„Daß unser Strafensystem seinem Zwecke nicht entspricht, d. h. zur Vcrmindening des Verbrecher- tums nicht betträgt, ist bekannt. Unsere Freiheitsstrafen wirken durchaus nicht abschreckend; es ist vielmehr bekannt, daß die rücksichtsvotle Behandlung und gute Ernährung in unseren Gefängniffen einen besonderen Anreiz bieten. Wir haben über diese Frage unsere Anschauungen des öftcrn dargelegt und insbesondere als eine allgemeine Forderung weiter Kreise im Volke die Wiedereinführung der Prügelstrafe für Rohcitsvergehen festgestellt. Wenn die verbündeten Negicrnngen die Reform der Freiheitsstrafen in Angriff nehmen wollen, so ist es durchaus er- forderlich, daß sie insbesondere die Prügelstrafe dabei berücksichtigen." Mit dem Teufel ist besser zu streite», als mit einem katholische» Kaplan. Jetzt spuckt er in der„Mark. Volks-Ztg." Gift und Galle gegen uns und hält seine Darstellung von dem „Terrorisnins der Gewerkschaften" aufrecht— wir die unsere. Aber doch nicht alles hält er aufrecht, er gesteht zu, daß er in einem Punkte angelogen worden ist. Tie anderen Punkte sind natürlich die lauterste Wahrheit.— Daß jetzt noch zwei Mitglieder des Vereins„Arbeiterschutz" unbehelligt neben den Gewerkschaftern an dem betreffenden Bau in der Richthofenstraße arbeiten, giebt der Herr Kaplan zu/ und er verrät dabei, daß diese die Vorposten sein sollten einer ganzen Koloiine christlicher Arbeitswilliger, die bei eventueller Arbeitsniederlegung der gcwcrlschafllich organisierten Maurer deren Stellen eingenommen hoben wurden. Unserer Frage, ob es denn„frivol" sei, wenn die Maurer llo Pf. pro Stunde verlangen, stellt der Herr Kaplan folgendes gegenüber:„Die socialdemokratisckien Lokali st en und ein großer Teil der socialdemokrnti scheu Ccntralisten hätten doch auch gewiß gerne die 65 Pf. SUindenlohn genommen, warum waren sie aber trotzdem gegen den Streik?" Und er nntuwrtet:„Weil sie der Ucberzengnnq waren. daß dieser Streik, dessen Macher die Gewerkschaftsführer waren, aussichtslos sei." Was das letztere anlangt, so ist cS hier nicht der Gewährsmann. sondern der Herr Kaplan selbst, der. da flunkert, denn er muß wissen, daß die Gewerkschaftsführer sich in der beschließenden Versammlung gegen den Streik aussprachen, so daß schließlich der Antrag angenommen wurde, die Forderung nur da zu stellen, wo sie voraus- sichtlich ohne alle Schwicriglcit durchgehen werde. Wenn aber wirk- sich, wie es das Kaplansb/att darzustellen versucht, die Massen es vorausgesehen bätten. daß der Streik aussichtslos sei, die Führer aber nicht, so wären diese doch nur nicht iveitblickcud genug gewesen. Der Vorwurf der„M. V.-Ztg." aber, sie hätten„frivol" ge- handelt, ist selbst eine gehässige Frivolität und zugleich ein Muster- gültiger Beweis für die Unsähigkett des KaplanSblattes, ernsthaft Ärbeitcrintcrcffen zu vertreten.— Kothaischc Thronfolge. Wir haben gestern bereits mitgeteilt, daß den Gothacrn der Herzog Alfred erhallen bleibt. Jetzt wird weiter gemeldet, daß zur dcfiiiitioeii Regelung der Thron- folge der gemeinschaftliche Landrag aus Freitagnachniittag nach Koburg eiilbrrufen worden ist.— ReichSlnudischc„Rechts garanticn". AuS S t r a ß b u r g i. E. wird uns geschrieben: Die lctzien Tage haben unseren Parteigenossen in Elsaß-Lothringen eine ganze Reihe von Ucbcrgriffcn der Organe der Polizeigeivatt gebracht. Da die zuständigen Bezirkspräsidien de» gegen die Zuchihausvorlagc gcplanrcn Protestversammlungen fast ausnahmslos die erforderliche Genehmigung versagten, sah sich die socialiflische Arbeiterschaft, um wcuigstcus einigermaßen ihren prole- tarischen Klaffenverpflichtinigeii nachzukommen, genöttgt, durch Massen- Verbreitung von Flugblättern gegen das Attentat auf die Koälitions- frciheit zu protestieren. Dieser Agitation versuchte nun die Polizei, anscheinend auf eiiicn Wink von oben hin, auf der ganzen Linie culgegenzutrctcn. Auf gesetzlichem Wege war unseren Genossen, die in strenger Ilcbereinstimmung mit bei! einschlägigen Bestimmung«» des Prcßgcsctzes nnd der Gewcrbc-Ordnnng zu Werke gingen, nicht bcizukommcn. Man mußte also die dem Staatsbürger gesetzlich gewährleisteten Rechte ignorieren, um der unbcquenicn Bewegung gegen das Posadoivskysche Gesetzesmonstrum auch im RcichSkaude einen Damm entgegenzusetzen. In einzelnen Vororten Straß- b u r g s verbot die Polizei das Affichiercn der Plakate, durch ivelche die arbeitende Bevölkerung zum Maffenbesiich der nach dem badischcn Dorfe Neumühl einberufenen Protestversammlung aufgefordert werden sollte. Eine Anzahl Parteigenossen, die das vo» der Generalkommission der Gewerkschaften herausgegebene Protestflugblatt verbreiteten, wurden verhaftet, die noch vorgefundenen Blätter mit Beschlag belegt. Einem der Ver- breiter wurden die Flugschriften unter dem Rocke hervorgeholt, er selbst nach der Polizeiwache gebracht und dort von den anwesenden Beamten mit heftigen Worten angelassen. Im Gegensatz zu Straß- biirg, Ivo die Polizei eine offizielle Beschlagnahme der erwähnten Flugblätter nicht zu verfügen wagte, wurde in Mülhausen die ganze Auflage, aiischeiileiid auf Anordnung deS Bezirkspräsidenten v. Hohenlohe, bereits vor begonnener Verbreitung konfisziert. Auf erhobene Beschwerde erklärte die Staatsanwaltschaft, die Beschlagnahme sei erfolgt auf Grund deS§ 30 deö PreßgcfetzeS, wonach für die ö f f e n t« I i ch e Bcrbrcitnng von Druckschriften die polizeiliche Gc- nchmigung einzuholen fei. Nun war aber mit der Verbreitung der Dnickschristen, wie erwähnt, noch gar nicht begonnen worden, und wenn dies auch bereits der Fall gewesen wäre, so war seitens »niserer Genossen, denen die betr. Gesetzesbestimmungen wohl bekannt sind, selbstverständlich dafür Sorge gclragcn, daß die Verteilung»nr im Innern der Häuser, also i»„geschlosieiien Räunien", wie das Gesetz es verlangt, vorgenommen werde. In diesem Falle ist aber nach den Bestimmungen des§ 43 Absatz 6 der Gewerbe-Ordnung eine Erlaubnis nicht erforderlich, nachdem auch Artikel 14 der Aus- führinigsbestimmimgen zu dem neuen, seit 1. September v. I. in Kraft befindlichen rcichSländischen Preßgesetz ausdrücklich bestimmt hatte, daß„die unentgeltliche Verteilung von Bekannt- machungen und Aufrufen durch das neue Gesetz nur insofern geregelt werde, als in geschlossenen Räumen zur nichtgewcrbs- mäßigen Verteilung c i n e Erlaubnis nicht erfor Verlich ist(§ 43, Abf. 5 der Gewerbeordnnlig)." Die von der Mülhaufcr Staatsanwallschaft verfügte Veschlagnahme der Protestflugblätter wäre also selbst in dem Falle durchaus ungesetzlich, wciui unsere Genossen— was, wie gesagt, noch nicht geschehen— mit der Verbreitung von HanS zu HnuS bereits begonnen gehabt hätten. Wir haben es hier wieder einmal mit einem gröblichen Uebergriff der reichsländischen Polizeigewalt zu thu», gegen den, wie auch im Straßburgcr Fall, seitens unserer Gen offen der Beschwerdeweg beschritten werden wird. Weil wir gerade von den„Rechtsgarantien" in Elsaß-Lothringen berichten, so sei nebenbei noch mitgeteilt, daß der BczirkSpräsident deS Unterelsaß durch Verfügung vom 17. d. MtS. die beantragte polizeiliche Genehmigung zur Errichtung einer Zahlstelle deS Deutschen Holzar beiter-VerbandeS in Schiltigheim ver- sagt hat. In Metz nimmt die Polizeibehörde gegenüber den gewerkschaftlichen OrganisationSbestrebungen der Arbeiterschaft eine ähnliche Stellung ein. Einem unserer Genossen, der sich deshalb beschwerdeführend an den Bezirkspräsidciitcn gewandt hatte, wurde die klassische Antwort zu teil:„Wir haben keine Zeit, uns mit den Arbeitern abzugeben; wir haben schon genug mit den„Franzose n" zu thun!" Der Jeueuser Studentenexces? scheint bereits seine endgültige Sühne gefunden zu hoben, und es ist so ziemlich ausgeschlossen, daß die ordentlichen Gerichte sich mit der Ausschreitung zu befassen haben werden. AuS Jena wird uns darüber berichtet: An kompetenter Stelle wird der Krawall bedeutend milder auf» gefaßt, als er sich in der Presse wiedergespiegelt hat. Der den, Besitzer deS„Deutschen Hauses" entstandene Mobitiarschaden im Betrage von 1800 M. ist von den Excedentcn nnd ihren finaiiziellen Hilfskräften gedeckt worden. Damit hat sich auch der betreffende! Hotelier bollständig zufrieden gegeben und von der Stellung eim-s Strafantrages Abstand genommen. Gerichtliche Verfolgung' wegen Sachbeschädigung kann bekanntlich nur auf Antrag ein- treten. Daß der Betreffende den erforderlichen Antrag«icbt gestellt hat, ist schließlich von seinem Gcsckäftsstandpunkte aus er- klärlich; denn es ist ihm wahrscheinlich nichts daran gelegen, daß sein Hotel von den„noblen Studenten" boykottiert wird. Die Enttüstlnig über den Vorfall war damals allgemein nnd es ist verschiedentlich die Frage aufgeworfen worden, warum die Tumiiltuaiiten nicht wegen Landfriedensbruchs zur Rechen- schaft gezogen werden. Sicherem Vemehmen nach ist auch in dieser Beziehung nichts zu erwarten, denn die An- klagcbchördc hält den Thatbestand des Landsricdciisbruchs nicht für gegeben. Es fehle da? Merkmal der„öffentlichen Ziisammciirottuiig". Es blieb also bei der Ruhestörung, die der Gemeind'evorstand von Jena mit einer Strafverfügimg von je ö0 M. für die Beteiligten geahndet hat. Einigen der Betroffenen gelang es, den Beweis zu führen, daß sie sich bei dem Exceß passiv verhalten haben, weshalb sie ohne jede Bestrafung davon gekommen sind; ein paar andere wollen, da sie sich nur in geringem Maße schuldig fühlen und nur ein einziges Mal mit einem Glase gcwovfcu haben ivollen, Einspruch erheben und Antrag auf lichter- liche Eiitschciduna stellen. Auch von den getroffenen Schutzleuten, bezüglich von ihrer vorgesetzten Behörde, ist kein Stra fantrag gestellt worden. Der eine der Getroffenen soll nämlich, als er eine Karaffe oder einen ähnlichen Gegenstand durch die Luft fliege» sah, versucht haben, den Gegeiiftond anfzufaligcn(!) und ist dabei durch sein cigcncs Verschulden getroffen worden.(!) Der andere Schutzmann wurde, vermutlich mit einem Glase, in den Rücken getroffen; sein Bcmütien ober, den Thätcr festziiftellen, blieb ohne Erfolg. Auf diese Weise find die Aiihaltepunlte in den Händen der Polizeibehörde zerronnen und dabei bleibt es. Tie gebildeten jungen Herren— es handelt sich um Verkehrsgäste des hiesigen Corps„Thuriiigia"— sind jedenfalls ganz sinnlos betrunken gewesen, denn als ciiienr derselben feine Scbandlhaicn vorgehalten wurden, bemerkte er, daß er nichts davon Ivisse, es aber »johl glaube, wenn es ihm gesagt werde. Eine Verabredung hat nach dem Ergebnis der Nntcrsitchung ebenfalls nicht vorgelegen, denn als einer der Mnsensöhne, die paanvcise in den Zimmern unter- gebracht. waren, das Bombardement begami. machte sein Schlafgenosse mit; die übrigen Kommilironen wurden erst durch das infolgedesscil entstandene Geräusch aufmerksam. vcrsiandcn den keipitalen Witz aber sofort und ließen sich den himmlischen Genuß des„RödelsfiiyrcrS" nicht entgehen, bis schließlich einer den andern zu übertrumpfen suchte. Wahrhaftig ganz harmlos. Die außer Rand und Band geratenen Milsensöhne haben sich aber nicht auf ihre vier Wände bcichränkt, sondern sind auch in fremde Zimmer gedrungen, wo sie die Gegenstände unter- ciiiandcrgeworfcii nnd in der ganzen Etage verfchleppt haben. Die wachthabenden Polizcibcaniten, welche der AiiSschreitung n nr durch Ermahnungen nnd ohne Aiüvcudima von Gewaltmitteln entgegengetreten' sind, haben, sich mit dem Gedanken getröstet, daß der llnsiig aufhören wird, wenn die Herren Studenten das ganze Mobiliar ans die Straße geworfen hätten. So ist es auch gewesen!!-- Soweit der uns zugegangene Bericht. So Ivcrden die Herren Studenten also sehr billig dabonkommen nnd niemandem wird die„Carriere" verdorben. Wir haben auch nichts dagegen einzuwenden. Nerigierig aber sind wir. ob ähnliche Streiche.' von Arbeitern begangen, einen so aiigeiiehmeii Ans- gang gehabt hätten, oder ob da das juristische Definitions- und KonstruktionStnlent zu anderen Schlußfolgerunaen gelangl wäre. Jedenfalls würde eine solche Aiisschremmg von Ab eitern als vor- treffliches Material in der„Denkschrift" zur Zi chtqausvorlage Ver- Iveudiiuq gefunden haben: Da sehe man dcuiilch, wie die jetzige Gesetzgebung nicht binrcichc, um die Teilnehmer der bösesten Excesse zu strafen! Und sicherlich zöge man das Facit: Es müsse die Sttafverfolgnng solcher Excesse der Anklagebchörde, ohne Straf- antrag deö Geschädigten, übergeben werden, denn— wie das Beispiel zeigt— der Geschädigte fürchtet zukünftige Thaten und uitter- läßt deshalb die Stellung des Strafantrages!— Die Tötung vo» nenn Chinesen in K i a u t s ch o il durch deutsche Truppen bestätigt sich. Die „Norddeutsche Allg. Ztg." berichtet über den Ziisaminenstoß: „Bor einigen Tagen wurde dem Gouvernement Äiautschon mit- geteilt, daß in'Ka um i, einem an der zukünftigen Bahn Kiautschou (Stadt)- Weihs gelegenen Flecken, den mit den Vorarbeiten zum Bahnbau beauftragten Deuftchen mit Gewaltthätigkeiten und groben Ausschreitungen begegnet wurde. Der Ort Kaumi liegt innerhalb der Zone, durch die deutsche Truppen das Durchzugsrecht haben, und in der vertragsmäßig ohne deutsche Zustimmung chinesischerscitS keine besonderen Maßnahmen getroffen werden dürfen. Eine sofort zur Behebung obiger Schwierigkeiten nach Kaumi entsandte deursche Compagnie fand ein südlich" von Kaumi belegenes Dorf Titung mit Wällen umgeben und durch Geschütze und etwa 300 bewaffnete Chinesen verteidigt, von denen die deuffche Truppe Feuer erhielt. Das Dorf wurde gestürmt, neun Chinesen blieben d a b e i t o t. Da aüch andere in der Nähe gelegene Dörfer sich in ähnlichem Verteidigungszustand befanden, sandte der Gouverneur von Kiautschou Verstärkungen ab. Neueren Nachrichten zufolge haben die Ebineseii den Widerstand ausgegeben. Kaumi ist besetzt. ES ist zu hoffen, daß ohne weiteres Blulvergießen die völlige Ruhe wieder bergcftcllt wird und die Vorarbeiten zum Bahnbau ihren stetigen Fortgang nehmen."—_ Socialstatistifche Fortschritte— im AnSland. Eine periodische Zusammenstellung arbeilSstanslischen und socialpolitischen Material?, wie sie nach dein Vorbild der englischen„Labonr Gazette" so oft für Deutschland verlangt worden ist, giebt seit diesem Monat auch das N e>v V o r k e r staatliche Arbeitsamt, zunächst in vierteljährlichen „Bulletins" heraus. Die umfangreichen Jahresberichte und Unter- suchungen über besondere Mißstände gehen natürlich weiter miver- ändert daneben her. Das erste Heft, daS uns soeben zugegangen ist, bietet neben Mitteituiigeil über den Geschäftsgang und den Arbeitsmarkt, über den Zu- und' Abgang von Mitgliedern in den Gewerkschaften, über Streiks, Verbesserungen in der Fabrilinspektion, über die jüngsten Arbeitergesetze des Staates und über gerichtliche Auslegungen, die für Unteriichmer und Arbeiter von Bedeutung sind, auch sonst mancherlei Bemerkenswertes. So ist auf Grund eines Gesetzes von 1896 im Staate New Dork jede G e f ä n g n i s a r b e i t für private Unternehmer abgeschafft. „Die Gefangenen arbeiten nur für öffentliche Anstalten und staat- liche Departements. Anstatt eines Wachstums der Beschäftiguiigs« losigkeit hat sich herausgestellt, daß die staatlichen Bestellungen nach einer viel zahlreicheren Gefängnisbevölterung hinlänglich Arbeit geben könnten; das neue System ist daher nicht nur von physischem und moralischem Vorteil für die Sträflinge, es ist auch billiger für den Steuerzahler wie das frühere System der Vergebung von Arbeiten an Privatuilternehmer." Die Darstellung der Lohnvereinbarungen in ver- schiedenen Berufszweigen wird in folgendem Satze zusammengefaßt, den in unserem heutigen Reichsamr des Innern wohl niemand niederzuschreiben wagen würde: Diejenigen Industrien sind am meisten befreit von Streitigleiten und den daraus folgenden zeitweiligen Betriebsunterbrechungen, in denen sowohl die Arbeiter wie die Unternehmer so kräftig organisiert sind, daß sie wie zwei verantwortliche Parteien in gemeinsamem Vertrag Löhne und Arbeitszeiten auf längere Dauer regeln können. Bei uns heißt eö gerade umgekehrt, daß ohne Organisationen eitel Frieden herrschen müßte, und daß daher die Organisation nicht zu fördern, sondern zu unterbinden sei. Hervorzuheben ist auch die ständige Beftagung der Arbeiter- Vertreter, entweder in voller Gleichstellung neben den Unterilehmerii— oder auch ohne Hernnziehnng von Unternehmern, wie bei der Ver- besserung der Fabrilinspektion.— der ungarischen De Luccics' erklärte, dah des Prämien- Ausland. bestreich-Ungar». Die Frage der Zuckerprämien kam in putiertenkanuncr zur Sprache. Finanzmimster er die Symptome des Niedergangs systems mit Freude begriitze: jedoch mässe die Aushebung der Prämien auf internationalem Wege erfolgen. Die Negierung habe sich ilbrigens in dem guckersteuergesetz die Ennächtignng erteilen lassen, eventuell auch im VerordmingSwcge die Herabsetzung oder Aufhebung der Prämien zu verfügen. Der Minister fügte hinzu, das; trotz der neuen indischen Zuckerzölle die ungarische ZnckerauSfuhr einen erfreulichen Aufschwung genommen habe.— Schweiz. «Bern, 20. Juni. Für die Volksinitiative auf Einführung des ProportioualsystcmS für die Wahlen zum Nationalrate find 6t 602, für die Volksinitiative auf Einführung der Wahl des Bundesrates durch das Volk sind Sl27o Unterschriften eingegangen. Da in beiden Fällen die erforderliche Zahl von 50 0«) Unterschriften erreicht ist, so muh über beide Begehren Volks- abstiinmung stattfinden.— Frankreich. Pariö, 29. Juni. D r e h f u s wird heute in einem kleinen Hafen der Bretagne landen. In RenneS wurde die Garnison be- deutend verstärkt, und von der Polizei eine grohe Anzahl anarchisti- scher Plakate beschlagnahmt. Die Telcphonleitungcn in Brest sind seit gestern für die Journalisten gesperrt.— Italien. Rom. 29. Juni. Unter den tclegraphischc» Nachrichten ver- öffcutlichten wir m der gestrigen Nummer schon, dasj das Mmisterium von der Kammer niit 2e nur immer einen oder K i i n o i n s?,! oi- f t s« Vm �linnervtag der Mlnisterprasidcnt weniae PiUlkte besetzen können und daher hin- und hemniicn müssen c? I l u ß i(2 OCU-oClulUi mt hto OCnttih/y/tnio im* hio W».r.___ r*___- läßt. Die Polen sind überwiegend ja nicht socialdrmokratisch, sondern besitzen jene Religiosität, welche rasch mit andere» Gefühlen schwankt. Die Gendarmen und Polizcimannschaften haben ja einen schweren Stand, sie sind nicht zahlreick genug und auch nicht erfahren genug, bezw. sie werden schlecht geführt. Man darf� ihnen zu gute halten, daß sie übermüdet sind und durch das fortwährende Hin- und Her- laufe» bezw. Hin- und Hcrgaloppieren nervös gemacht werden Sie sind eben so wenig zahlreich, baß sie den Verkauf des Kreuzers»Patriot»" an die Compagnie TranSatlantique in Frankreich, sowie dcS Kreuzers.Rapido au eine deutsche Gesellschaft mit. Sodann verlas Silvcla ein Telegramm der Handelslanimer in Alicante, in welchem gegen die Tumulte in mehreren Städten Protest eingelegt wird. Der Minister teilte hierauf mit, daß das neue spanisch-deutsche Handelsabkommen am 1. Juli in Kraft treten solle und daß die Ratifikation des Ver- träges betreffend die K a r o l i u e n- I n s e I n in der nächsten Woche erfolgen iverdc. Madrid. 29. Juni. In ganz Spanien herrscht heute Ruhe; es sind keine erneuten Kundgebungen gemeldet worden. Afrika. AnS Güdafrika. Prätoria, 28. Juni. Die Verhanblimgen des Mitgliedes des Ausführenden Rates deS Oranje-Frei- st a a t e S, Fischer, mit dem Ausführenden Rate der Süd- a f r i l a n i s ch e n R e p u b I i k sind heute zum Abschluß gelangt. Das Ergebnis wird amtlich nicht eher bekannt gegeben werden, als bis die Vorschläge dem Volksraad vorgelegt sind, was am Montag geschehen dürste, und bis die Einzelheiten in geheimen Sitzungen dnrchbcratcn find. ES verlautet, daß die ursprünglichen Vorschläge Fischers ab- geändert seien und daß nanientlich der Zeitraum, für ivelchen daS Bürgerrecht rückwirkende Kraft haben solle, nicht festgesetzt. sonder» der Entscheidung des VoltsraadS überlassen sei, der auch noch über einige andere Einzelheiten zu beschließen habe. Im allgemeinen herrscht der Eindruck vor, daß die Mission Fischers erfolgreich ge- wescn sei. Heute abend tritt Fischer die Rückreise nach Bloem» fontein an.— K a p st a d t. 28. Jnni. Eine Versammlung von 4000 Bürgern, iinter dem Vorsitze des Mayors und unter Teilnahme von vielen ParlamcntSmitgliedeni,»ahm eine R e s o l n t i o n an, in welcher erklärt wird. daß die Erlangung gleicher politischer Rechte für die Bevölkerung von Transvaal und der anderen Teile von Südafrika die einzige Lösung der verbitternden Rasscnfrage sei und eine einmütige Ilnterstiitznng der Politik der englischen Regierung verlangt wird. Es ivurde be- schloffen, eine Abschrift der Resolnlion an Sir Alfred Milner zu senden mit dem Ersuchen, dieselbe an Chamberlain zu telegraphieren. Sir Gordon Sprigg, der frühere Premierminister der Kaplolonie, der auch eine Ansprache hielt, sagte, wenn Milner nicht rückhaltlos unter- stützt werde, so sei Gefahr vorhanden, daß die Kapkolonie sich von dem britischen Reiche loslöse.— Portugal und die Transvaal- Frage. AnS Lissabon wird gemeldet: Trotz des heftigen Einspruch» aller oppositiouelleii Gruppen wird in etwa zwei Wochen eine starke Truppen- nni die Aibeitswilligen zu schützen. Außerdem bestcheu sie au» subalternen E l c m e n t c n und ermangeln einer w e n i g s a ch k u n d i g e n Führung an Ort u n d S t e l I e Ein klassisches Beispiel bot der Schichtwechsel auf.Shamrock" am heutigen Nachmittag. Unter Führung eines wohl beleibten ObcrwachtmcistcrS Koch stellten sich am Süd- auSgange sechs berittene Gendarmen auf; statt aber die an- gesammelten eng zusainmeiistehenden. mit Kinitteln versehenen Radaubrüder ohne weiteres irgendwo zusammeuzulrciben, während des Schichtweckisels abzutrennen und damit unschädlich z» machen» ritten sie in diese hinein und jagten sie in alle Winde. Die Folge war, daß diese Kniittelherde sich einen oder mehrere Kilometer weil aufstellte, um die Ausfahrenden dort zu empfangen. Und nun begann ein nervöses Hin- und Hergaloppicren. Mit flachem Säbel ivurde an allen Ecke» und Kanten hineingeschlagen, aber ohne jeden prak tischen Erfolg. Die ausfahrenden Arbeiter tlagtcn zweien unserer Rcbactcure. welche zugegen waren, nm mit den verschiedenen Berichterstattern Rücksprache zu nehmen, ihr Leid, daß ihnen die Sache nichts helfe und sie nicht ins Hans könnten, und zeigten auf die in der Ferne lagernden Trupps. Einer unserer Ver- treter ging auf einen Wachtmeister los. um dies mitzuteilen, wurde aber statt dcffcn angebrüllt und, da er keine Veranlassung hatte, sich»m Laufschritt zu entfernen, w i e die Knüppelhelden, ohne weiteres nrretiert. Erst auf Intervention der höheren Zechenbeamten wurde er steigclaffcn. Mit dieser H e I d e n t h a t war dann nun die ganzc Deckung der Nachmittageschicht" erschöpft. So machten auch am Nachmittag die Gclsentirchener benttenen Gendornien einen sonder« baren Parade niarsch durch die breite, schöne Bahnhofsstraße, welche Herne durchschneidet, und zwar mit geschwungene in Säbel: sie sollten angensöheinlich die Straße säubern und ritten nnbekünimert um die Passanten über Weg und B ü r g e r st e i g e. Die RowdieS, an den handgelenkdickcn Knütteln erkennbar, wichen einfach in die Seitenstraßen ans und setzten sich hinter den Pferden erst reckt auf der Bahnhofsstraße fest. Man kann daher nur mit den ruhigen Arbeitern wünsckcn, daß man von dieser Gendarmenwirtschafi bald erlöst wird und das Militär eingreift. Die Feiernden haben gemeinsame oder ähnliche Forderungen gar nicht verlautbaren lassen; man weiß also gar nicht, weshalb eigentlich blau gemacht wird. Sckou deshalb kann ein allgemeiner Streik sich nicht entwickeln. Schlimm ist der morgige, lcickr in Sans und Braus verlebte Feiertag. Aber man darf hoffen, daß das Militär Ordnuna am Freilag hält. Es ist schon gut, daß die Bevölkerung aus der Herrschaft unsähiger Gen- Würde, die Polen antworteten aber ganz trotzig:„ach was» da möge» sie uns tot schieben, auf das elende Leben hier geben wir nichts mehr." Am Dienstag hat der Landrat des Kreises den Waffen- Händlern verboten, während des Streiks Waffen zu ver- kaufen. Hier die weiteren eingelaufenen telegraphischen Meldungen: Bochum, 29. Juni.(W. sT. B.) Wie der„Bochnmer An- zciger" ans Herne meldet, ist gestern abend ein Bataillon des Niederrheinischen Füsilier-Regiments Nr. 89 daselbst eingetroffen. Die einzelnen Compagnie» ivnrden auf die berschiedcncn Zechen verteilt. Die Nacht verlief ruhig. Heute früh ist daselbst ein zweites Bataillon und der konimandierende General von Miknsch- Buchberg auL Münster eingetroffen. Außerdem sind noch zwei Bataillone des Jnfantcrie-NegiuientS Herzog Ferdinand von Brann- schweig lWcstfäliichc«) Rr. S7 aus Wesel und eine kriegsstarke Eskadron dcS Kürassier- Regiments von Driescn(Westfälisches) Rr. 4 aus Münster in Herne eingetroffen. Heute vonnittag ist der Kommnn- dcur der 14. Division Gcncral-Leiniiant v. Kamptz mit seinem Stabe aus Düsseldorf in Herne angekommen. Herne, 29. Juni.(B. H.) In einem der ersten Fri'ihziige ans Münster ist eine kriegsstarke Schwadron Kürassiere unter Befehl cincS Rittmeisters hier eingetroffen; desgleichen ist der Kommandeur von Kamptz mit dem ganzen Stabe hier angelangt. Die Soldaten wurden mit 00— 60 scharfen Patronen ausgerüstet. Der Direktor der Zeche„Friedrich der Große" wurde gestern abend auf der Straße von Streikenden Überfallen und mißhandelt. Die Nachrichten von einem Ausstände auf der Zeche„Lothriiigen" bewahrheiten sich nicht. Die Zechcuverwaltnng von„Lothringen" teilt mit, daß die evangelische Belegschaft heute morgen angefahren ist. Unser Bochumer Partei>Organ, das„Volksblatt", der- öffcntlicht an der Spitze seiner Donnerstag-Nummer einen großen Aufruf, worin es zur Ruhe und Besonnenheit ermahnt. Es heißt darin:., Die Socialdemokratie hat kein Interesse an dem unüberlegten Vorgehen dieser Unorganisierten und wir schließen unS völlig dem Ausrufe der V e r b a n d s l e i t u n g des Deutschen Berg- und Hüttenarbeiter- Verbandes an, welche die Streikende» dringend znr Aufnahme der Arbeit auffordert...... Um s o mehr aber raten wir den Arbeitern im ganzen Ruhrrevier zur Ruhe und Be- sonnenheit! Eine Ausdehnung der Streikbewegung auf weitere Gebiete kann nur dem Unter- nchmertum. nicht den organisierten Arbeitern von nutzen sein!... Vöhl wissen wir. daß wir sowohl als auch die Verbandsleitnng der Bergarbeiter im Heiner Gebiet fast ohne Einflust sind. Das i st ein „ s ch w a r z e r W i n k c l". i n welchem d i e A r b e i t c r unseren Organisationen wie auch unserer Presse gleichgültig od er feindlich gegenüber- treten. Desto mehr mögen die Arbeiter der übrigen Bezirke unsere Stimme hören. Ruhe und Besonnenheit! Hört auf die Stimmen der bewährten Leiter Eurer Organisation! Hört auf Eure Presse! Bleibt ruhig bei der Arbeit l" Patlvi-MNthvMxken. Die Parteigenossen in Bnnzlau beabsichtigen, sich im Herbst zum erstenmal an den regelmäßigen Ergänzungswahlen zur Stadt- verordneten-Versammlung zu beteiligen. Die Agitation wurde bereits am Sonntag mit einer zahlreich besuchten Versamm- lung, in der Genosse V o g t h e r r- Berlin referierte, eingeleitet I— Besonders guten Agitationsstoff bildet u. a. die bekannte Aenßerung des Bunzlauer Bürgermeisters, daß die Einrichtung eines Gewerbe- schiedsgerichts für Bunzlau ein„Unding" sei I Warnung. Seit einiger Zeit werden die Vertrauensleute der kleineren Orte von einem angeblichen östreichischen Parteigenossen Anton Schmera, Lackierer oder Änstrcichcr, heimgesucht. Derselbe besitzt«in ordnungsmäßiges Verbandsbuch des deutschen Metalb arbeiterverbandes und sonstige Papiere. Wie die„Metallarbeiter Zeitung" vom 2S. d. M. berichtet, ist der p. Schmera, welcher an- giebt, sich auf der Flucht zu befinden, ein Schwindler, und ist ihm auch hier sein Schwindel recht ergiebig gelungen. Wir warnen die Parteigenossen aller Orten. Rudolf Salomon, Kreisbertrauensmann für Oberbarnim Schmera hat auch bei uns vorgesprochen. Ein Hnnpthilfsmittel seines Schwindels besteht darin, daß er sich ans den Redaktionen der Parteiblätter unter irgend einem harmlosen Vorwande eine Broschüre mit einer besonderen Widmung ansbittet. Ans diese Widmungen beruft er sich dann in anderen Fällen. Polizeiliches, Gerichtliches nftv. — Was ein Gericht alles„feststellen" kann. Ein Wirt in Lüneburg wurde vom dortigen Schöffengericht zu Strafe verurteilt weil ein bei ihm abgehaltenes Fest des dortigen Gewerkschaftskartells als ein öffentliches betrachtet wurde. Dieses Urteil hat sich das Gericht gebildet auf Grund der Feststellung, daß zu dem Berein „Gcwerkschaftskartell" jeder in Lüneburg anwesende Bauarbeiter Zutritt habe und weil sich dieser Verein über ganz Deutsch land er st recke. Das Gericht mutz es ja wissen. — Wegen Tragens„republikanischer Abzeichen" wurde vom Schöffengericht in Dresden abermals ein Arbeiter mit 3 M Geldstrafe belegt, weil er am 1. Mai eine rote Blume im Knopfloch getragen hat. Merkwürdig, daß der sächsische Staat am 1. Mai nur von einzelnen Personen auf die Weise iu Gefahr geraten sein soll, während doch Tausende in Dresden vor den Augen der Polizei rote Blumen anstecken hatten._ GeiveVkZrhNfNirszes. Berlin nnd llmgcgcnd. Töpfer Berlins! Die von Euch mit der Vorarbeit zur Durch- führung der Lohnbewegung betrauten Kollegen haben ihre Thätigkeit damit begonnen, daß sie den hierorts bestehenden Meistervereinigungen die ausgearbeitete Tarifvorlaae zugesandt haben mit dem Ersuchen, mit uns gemeinsame Unterhandlung zu pflegen. Die Kollegen Deutschlands sind benachrichtigt und der Zuzug nach Berlin gesperrt. Die weiteren Schritte, die wir zu thun haben, werden Euch zur rechten Zeit bekannt gegeben werden. Dem Austrage, das auf den Namen Topf angelegte Depot zu heben und das Geld den aus- gesperrten Maurern zu überweisen, konnten wir nicht nachkommen, da der Kollege Topf trotz wiederholter Aufforderung nicht erschienen ist und wir daher das Geld nicht abheben konnten. Kollegen, laßt Euch durch derartige Quertreibereien nicht irre- führen, sondern haltet an dem Beschlüsse vom 22. Juni fest, dann werden wir auch in diesem Jahre zum Ziele gelangen. Die Sammlungen zum Streikfonds haben ja einen erheblichen Auf schwung genommen, doch stehen immer noch Kollegen abseits. Diese heranzuziehen, muß sich jeder Kollege zur Aufgabe machen. Die 60 Pf.-Marke ist noch zwei Wochen im Juni zu kleben. Nur Kollegen, die zum Fonds regelmäßig beitragen, haben Anrecbt auf volle Unterstützung; Arbeitslosigkeit nnd Krankheit befreien' vom Beitrage, doch sind diese Kollegen verpflichtet, die Zeit sich ab stempeln zu lassen. Die arbeitslosen Kollegen haben sich deshalb des Sonnabends in der Hauptzahlstelle, Rosenthalerstraße 67, einzu finden, da in den Zahlstellen diese Kontrolle nicht ausgeübt wird. Dienstag, den 4. Juli, abends 6 Uhr, findet bei Schiller, Rosen thalerstraße 57, eine Sitzung der Baudeputierten statt und ist es notwendig, daß jeder Bau vertreten ist. I. A.: H. David. Vertrauensmann der Töpfer Berlins und Umgegend. Zum Tapezierer- Ausstand bei der Firma K i m b e l u. Friederichsen, von der wir in Nr. 148 u. Bl. Notiz nahmen, wird uns von der betr. Firma ein Schreiben zugesandt, worin es heißt, daß von Lohndifferenzen und Ausstand bei ihr keine Rede sein könne.(Vergleiche hiermit den Versammlungsbericht in heutiger Nummer.) Achtung, Maler! Laut Versammlungsbeschluß vom DienS tag. den 27. Juni, ist jeder arbeitende Maler und An st r e i ch e r verpflichtet, von Sonnabend, den 1. Juli ab, pro Woche 60 Pf. zum Unter st ützungSfonds zu zahlen, damit unsere im Lohnkampfe sich befindenden Kollegen genügend unterstützt werden können. Die Marken und Karten sind auf folgenden Stellen in Empfang zu nehmen: Moabit bei Perschke, Havel- bergerstr. 37. W e d d i n g bei Bergemann, Pasewalkerstr. 3. Norden im Restaurant Nuppinerstr. 42. Osten bei F ö lsch, Langcstraße 102. Westen bei Behrendt, Blumenthalstcaße 6. Südwesten bei Wesse, Nostizstr. 60. S ü d e n bei S t r a m m, Ritterstr. 123. C e n t r u m bei L e n z, Alte Jakobstr. 69. Die Karten- und Markenentnahme erfolgt gegen Quittung auf obigen Stellen am Freitagabend von 6 Uhr ab. Die organisierten Kollegen kleben die Marken im Mitgliedsbuch unter der Rubrik„Streikfondsbeitrag" ein, und zwar' von der 26. Wochenrubrik. Kollegen! Wir bitten Euch, sammelt eifrig. Der Vertrauensmann. In den Gesellenausschust der Korbmacher-Jnmmg wurden die von den organisierten Korbmachern vorgeschlagenen Kandidaten einstimmig gewählt. Deutsches Reich. Lohnbewegung der Lederarbeiter. Der Kampf in Wilster hat einen bedeutenden Umfang angenommen? mehr als 500 Verbandsmitglieder mit ca. 900 Kindern sind daselbst ausgesperrt. Das Unternehmertum, das seit längerer Zeit in rigorosester Weise die Arbeiter behandelte, will die blühende Organisation, die ihm ein Dorn im Auge ist, vernichten. Das wird und darf nicht gelingen. Eine Unterdrückung der Organisation in Wilster hätte die Unter- drückung der Organisation in Schleswig- Holstein zur Folge. Nicht allein das. Es besteht schon lange die Absicht, die Arbeitszeit von 11 Stunden und eine Lohnreduktiön herbeizuführen, um dadurch ein jährliches Mehreinkommcn von 60- bis 100 000 M. aus den Knochen der Arbeiter zum Vorteil der Fabrikanten herauszuschinden. Die Ar- beiter, die zu 90 Proz. organisiert sind, stehen fest zusammen und werden die Arbeit nur unter den alten Bedingungen aufnehmen. In Brandenburg und Magdeburg sind die Löhne der Weißgerber von 21 M. auf 22,60 M., in'Osterwieck von 19 M. auf 21 M., in Parchwitz von 17 ans 13 M., in Kirchhain von 16 auf 16 M. erhöht worden. Ebenso ist der Ausstand in München zu Gunsten der Arbeiter ausgefallen; dagegen ist der Lohnkampf in Krimmitschau ungünstig verlaufen. In Anbetracht des Umfangs und der Bedeutung dieser und anderer Kämpfe hat der Vorstand des Verbandes der Lederarbeiter sich veranlaßt gefühlt, Sammellisten in Umlauf zu setzen. Alle etwa gesammelten Beträge sind an P. Schneider, Gerber, Wilster Landrechten 6 zu senden. Die Lohnbewegung der Textilarbeiter in Apolda ver- anlatzte die Meister, erhöhte Forderungen an die Fabrikanten zu stellen. Bis jetzt haben 60 Apoldaer und einige auslvärtige Firmen eine zehnprozentige Erhöhung der Arbeitslöhne vom 26. Juni an in Aussicht gestellt, während die Berliner Firmen, für welche hier sehr viel gearbeitet wird. sich ablehnend verhalten, be- ziehungsweise eine Lohnerhöhung„für später" in Aussicht stellen. Die Apoldaer Firmen haben bei der Bewilligung die Bedingung gestellt, daß kein Meister für andere Firmen billiger arbeiten darf. Die Forderungen der Arbeiter und Arbeiterinnen sind zum größten Teile bewilligt. Der Lohnkampf der Meister mit Unterstützung der Apoldaer Firmen richtet sich nun hauptsächlich nur noch gegen die Berliner Firmen. Wegen Nichtentlassnng eines mißliebigen Werkführers stellten in den LochinamVjchen Musikwerken in Leipzig über 700 Manu die Arbeit ein. Deutsche Koalitionsfreiheit. Der Bezirkspräsident des Unter- Elsaß hat durch Verfügung vom 17. Juni die beantragte polizeiliche Genehmigung zur Errichtung einer Zahlstelle des Deutschen Holz- arbeiter-Verbandes in Schiltigheim versagt. Ausland. Die Nachwchen des Streiks in Brünn. In einem kleinen Teile der gestrigen Auflage haben wir mitgeteilt, daß am Montag noch in circa 20 Betrieben Differenzen bestanden und die Arbeit infolgedessen noch nicht aufgenommen wurde. Die Leiter dieser Be� triebe legten die Abmachungen des Friedensschlusses zu Ungunsten der Arbeiter aus, auch wurden entgegen den Vereinbarungen einzelne Maßregelungen vorgenommen. Infolge der gemeinsamen Bemühungen der Streikkomitees und des Komitees der Unternehmer sind diese Differenzen indes nun soweit beigelegt, daß nur noch drei Fabriken übrig bleiben, in denen noch nicht gearbeitet wird. Die Maß- regeiungen sind zurückgenommen worden. Acht Fabriken bewilligten überdies freiwillig Lohnerhöhungen und zwei davon auch den Zehn- stundentag. Unterdes sind aber die Anbinder sämtlicher Spinnereien, circa 600 meist jugendliche Leute, in den Aus Sie verlangen: 1. Jeder Spinner möge nur einen Selfaktor zugewiesen erhalten; Nacht gearbeitet, so muß auch der Spinner bei der Nacht mitarbeiten: 3. Minimallohn für Anbinder unter 19 Jahren 6 fl., über 19 Jahre 7 fl.; 4. der Tarif ist in jedem Arbeitssaal anzuschlagen; 6. die Anbinder sind nur durch Meister oder den Unternehmer selbst in Arbeit zu nehmen, nicht aber durch Spinner; 6. Zehnstundeutag.— Zur Erklärung muß erwähnt iverdcn, daß es unter diesen„Bindbuben" auch eine Anzahl„alter Buben giebt, die bei Nacht arbeiten und sogar die Arbeit des Spinners selbst verrichten, der mit ihnen wechselt. Verhandlungen zwischen den Streikenden und Unternehmern sind eingeleitet. Für die Ncutralisiernng des schweizerischen Gewerkschafts- bundes erklärte sich in seiner Sitzung vom letzten Sonntag das erweiterte Bundeskomitee beinahe einstimmig. Es wird also dem nächstjährigen Gewerkschaftskongreß eine bezügliche Vorlage machen. stand getreten. von nun an 2. wird in der Die Massenaussperrimg i« Dänemark. Kopenhagen, den 27. Juni 1899. DaS Urteil des Schiedsgerichts wird in der Presse lebhaft er- örtert. Die liberale Presse verurteilt auf Gnmd desselben die Unternehmer jetzt noch schärfer als bisher. „Politiken" schreibt: Die Meinung des Urteils ist, daß von feiten der sieben Meister- Organisationen ein Vertragsbruch begangen ist... hierfür hat man jetzt das Wort des Schieds gerichts." „Köbenhavn":„Die Aussperrung ist nach der einstimmigen Anschauung des Gerichts au f einen Vertrauens- bruch gegründet; sie streitet gegen die Voraussetzungen, von welchen auszugehen die Arbeiter bei Errichtung der Verträge be rechtigt waren/ und wenn auch das Verhalten bei Unternehmer— ebenso wie s o mancherlei andere Schtvindelcien nicht strafbar ist, ist es doch loyalen Männern unmöglich, davon abzukommen, daß es gegen die Ehrlichkeit im Handel st reitet, welche notwendig ist z u einem guten Zusammenarbeiten un dz ugegenseitigemRespekt." „Dannebrog":„Das Urteil wird es allen klar machen, daß es ein unglaublicher Leichtsinn war. die Aussperrung auf einer solchen unanständigen Grundlage zu erklären, sodaß es ein Verbrechen gegen die Gesellschaft ist, die Aussperrung noch immer fortzusetzen." „Folkets Avis":„Das Urteil sagt nicht mehr und nicht weniger, als daß es ein ungesetz,licher Vertragsbruch war, die Arbeiter auf die Straße zu werfen." „Aftenbladet":„Das Urteil richtet die Aussperrung. Jetzt versteht man, warum die Ausiperrungsleute so lange und so hartnäckig und so niedrig sich dagegen gewehrt haben, vor die Schranken des Schiedsgerichts zu kommen." Sämtliche Blätter verlangen, daß die Aussperning aufgehoben werden soll. Bis jetzt haben die Arbeitgeber jedoch noch nicht einen Schritt gethan, um dieses Verlangen zu erfüllen, im Gegenteil haben sie diese erweitert durch Aussperrung von Arbeitern einer Maschinenfabrik. Sie haben ebcnsoivenig bis jetzt eine Erklärung darüber abgegeben, inwieweit sie das Angebot des Schiedsgerichts, als Einigungsamt aufzutreten, annehmen wollen. Sie wollen erst Mittwoch, den 28. Juni, eine Generalversammlung abhalten, ehe sie einen Bescheid geben. Es scheint also noch viel Zeit vergeben zu sollen, ehe die Aus- perrung beendet wird, aber mit jedem Tage wird der Kampf härter und härter. Wir haben eine Untersuchung vornehmen lassen, welchen Einfluß die Aussperrung auf die Stellung der kleinen Gewerbetreibenden hat, und haben dabei konstatiert, daß die tägliche Einnahme der Handeltreibenden in den Arbeitervierteln um 6V bis 60 Proz. reduziert worden ist. Auf diese Weise wirkt die Aussperrung durch Hunger und Not auf die Ausgesperrten und durch Verlust und Ruin auf die Gewerbetreibenden. Mit brüderlichem Gniß _ P. K n u d s e n. Socinlos. Das Hanseatische Obcrlaudesgericht hat wieder„Von Rechts wegen" ein Stück Arbeiterschutz aus der Welt geschafft. Seit Jahren hat die Polizeibehörde in Hamburg energisch daraus gehalten, daß Angestellte von Geschäftsleuten, ivcnn sie an Sonn- und Fest- tagen während der für die Beschäftigung freigegebenen Zeit Waren ür ihre Arbeitgeber an Kunden auszutragen hätten, den Heimweg ii ihrer Bcschäftigungsstelle bis Schluß der freigegebenen Zeit zurück- egten. Die Arbeitgeber mußten ihre Angestellten stets so früh 'ortschicken und durften sie nur mit so viel Aufträgen belasten, daß sie den Heimiveg nicht in der Zeit zu machen brauchten, in der durch die Bestimmungen über die Sonntags- ruhe eine Beschäftigung von Angestellten den Arbeitgebern verboten ist. Jede Zuwiderhandlung wurde von den besonders instruierten Polizeibeamten zur Anzeige gebracht und mit einer Strnfverfügung geabudet, die bei dagegen erhobenem Einspruch regelmäßig von den Schöffengerichten und Landgerichten bestätigt wurden. Jetzt hat ein Wildhändler die Sache bis zum Oberlandesgericht getrieben und dieses hal entschieden, daß der Heimweg eines Angestellten von einem Kundengauge gerade wie der Hinweg zur Arbeitsstelle nicht als Beschäftigung im Sinne des Gesetzes zu gelten hat, wenn die Aufträge also nur bis Schluß der freigegebenen Zeit erledigt sind, die Ruhezeit darf der Htimweg ganz ausfüllen. Sociale Re»tzkspflege. Mit einem Rechtsstreit, den sieben Putzer und ihre beiden Träger gegen den Maurermeister Lindner angestrengt hatten, beschäftigte sich kürzlich die Kammer III des Gewerbe- gerichts. Laut Vereinbarung erhielten die Kläger bei der Lohn- zahlung am Sonnabend den üblichen Tagessatz von 7 M. für diesen Tag nicht mit ausgezahlt. Der Lohn für diesen Tag„blieb drin" bis zum nächsten Sonnabend, und so fort. Eines Sonnabends behielt Lindner auch den Lohn für den Freitag ein, was die Kläger mit der Arbeitsniederlegung beantworteten. Sie verlangten nun je 14 Mark für die an dem in Betracht kommenden Freitag und Sonn- abend von ihnen geleistete Arbeit. Da hinsichtlich der Stellung der Träger Zweifel entstanden, wurden die Klagen der Putzer gesondert verhandelt. Der Beklagte hielt sich wegen der Arbeitsniederlegung zur Auszahlung der genannten Beträge nicht verpflichtet, er wurde jedoch verurteilt, den sieben Putzern das Geld auszuzahlen. Auf ihren Antrag wurden ihnen ferner Tenninscntschädigungen, teils von 6, teils von 4 M. zugesprochen. Gcwerbcrichter Dr. Schalhorn führte begründend aus: Da nach dem bestehenden Vertrage nur das Geld für den Sonnabend einbehalten werden durfte, so müsse wegen der Vorenthaltuug der 7 M. für den Freitag angenommen werden, daß der Beklagte den Lohn nicht in der ansbedungenen Weise ausgezahlt habe. Das berechtige aber nach der Gewerbe-Ordnung zur sofortigen Niederlegung der Arbeit. Es liege demnach kein Grund vor. der dem Beklagten das Recht gäbe, den Klägern die insgesamt 98 M. vorzuenthalten, die ihnen an sich für bereits geleistete Arbeit zu- ständen. Die Träger wurden mit ihrer Klage gegen Lindner abgewiesen. Nach den Darlegungen des Vorsitzenden könnten sich die Träger nur an die Putzer halten, weil sie von diesen und nicht von Liudner für den betreffenden Bau angenommen worden wären. Wenn es zur Klage käme, müßte sie beim Amtsgericht angestrengt werden, denn die"Putzer wären nicht gewerbliche Arbeitgeber im Sinne der Gewerbe-Ordnung und des Gewerbegerichts-Gesctzes. Auf Zureden des Vorsitzenden gaben die Putzer zu erkennen, daß sie die Träger fteiwillig entschädigen würden. Für Accordm-beitcr und insbesondere für Tischler ist ein Rechtsstreit lehrreich, den die Firma L o m m a t s ch und Schröder gegen die Tischler B. und N. vor dem Gewerbegericht aus- focht. Die Beklagten hatten einen Accord von 370 M. übernommen und erhielten allwöchentlich das übliche Kostgeld. Sie legten die Arbeit noch vor Beendigung des Accordes nieder, weil ihnen am Schlüsse der letzten Woche ihrer Thätigkeit das K o st g e I d v e r s a g>l worden war. Die Firma verklagte sie darauf wegen Kontrakt- b r u ch e s beim Gewerbegericht. Die Kammer IV stellte fest, daß die Tischler thaffächlich an Kostgeld schon mehr erhalten hatten, als der ganze Accord ausmachte. Der Vorsitzende Dr. Gerth führte darauf namens des Gerichtshofes aus, daß die Be- klagten unter diesen Umständen den Accord hätten fertig machen müssen, da das Kostgeld an sich nur eine Abschlagszahlung sein solle. Der Accordvertrag hätte ja sonst gar keinen Sinn. Etwas anderes wäre es, wenn durch eine Nebenabrede bei Accordverträgen das Kostgeld für die ganze Dauer der Arbeit garantiert werde. Die beklagten Tischler verpflichteten sich, an die Firma 16 M. als Kontraktbruchs- buße in wöchentlichen Raten von 1 M. zu zahlen. Der vorliegende Fall beweist, wie notwendig es ist, bei Accordvereinbarungeu die verschiedensten Möglichkeiten ausdrücklich und präzise zu berücksichtigen. Dies erscheint namentlich bei neuen und bei augenscheinlich schlechten Accordpreisen angebracht._ Die Vorgänge in Brüssel. Brüssel, 29. Juni. AuS der Kammer.(Siehe auch Politische Uebcrsicht.) Als der Ministerpräsident nochmals das Wort ergreisen wollte, sangen die Socialistcn das Lied:„O VandenpeereboomI" Der Vorsitzende hob hierauf die Sitzung auf. Vor der Kammer erwarteten ca. 10 000 Personen die socialistischen Abgeordneten zu erwarten.!..s Dem- blou erschien, brachte ihm die Menge große Huldigungen dar. Der Platz vor dem Parlamentsgebäude wurde von der Gendarmerie gc- räumt. Für heute abend werden wiederum blutige Zusammenstöße erwartet. Um 5 Uhr langte eine Abteilung berittener Grenadiere an zur Verstärkung der Gendarmerie. Die Menge empfing dieselben mit Hohnrufen, Pfeife» und Singen. Durch das Einreiieu der renadiere in die Menge wurden mehrere Personen verwundet. Brüssel, 29. Juni.(B. H.) In den Wandelgängen der Kammer. wird das Gerücht demensiert, daß eine Ministerkrisis bevorstehe. Die Regierung sei entschlossen, die Wahlreformvorlage nicht zurückzuziehen, andern sei vielmehr bereit, Zugeständnisse zu machen, bezüglich der Ausdehnung der Verhältniswahlen auf eine größere Anzahl Bezirke. Brüssel, 29. Juni.(W. T. B.) Der„Soir" richtet an den König ein Manifest, in dem er die Aufmerksamkeit auf die Gefahren lenkt, welche durch das von der Regierung vorgeschlagene Wahlrecht einzutreten drohen. In Lüttich fanden zahlreiche Kundgebungen gegen das Wahl- gesetz statt. Der Bürgermeister verbot die Abhaltung von Versamm- lungen im Freien._ Uetzke Mschvichken und Depeschen. Herne, 29. Juni.V(W. T. B.) Auf den Zechen„Moni Cents", Shamrock! und II,„Friedrich der Große". v. d. Heydt",„Julia" und„Kon st antin der Große" ist je eine Compagnie Infanterie und ein Beritt Kürassiere stationiert. Am Abend wird der Bahnhof militärisch besetzt. In der Stadt herrscht Ruhe. Altona, 29. Juni.(W. T. B.) Beim Neubau eines Schulgebäudes brach infolge Ueberlastung ein Treppcngcrüft zusammen; sechs Arbeiter stürzten in die Tiefe, von denen zwei lebensgefährlich und die vier anderen leicht verletzt wurden. Einer der beiden lebensgefährlich Verletzten ist bereits gestorben. Brüssel, 29. Juni./s Uhr, im Lokale der Berliner Ressource, Kommandantenstr. 57 statt.(Näheres im heutigen Inserat.) „Hetze" gegen die Ferienkolonien nennt es die„Berliner Zeitung", wenn wir zeigen, wie unberechtigt ihr Loblied auf den Segen der Ferienkolonien ist. Unsere„Hetze" besteht in dem Hinweise daraus, daß die Ferienkolonien, so lange sie in der Haupt- fache auf die Privat ivohlthätigkeit angewiesen sind, aus Mangel an Mitteln wenig leisten können, und daß sie gerade den ärmsten Kindern nicht zu gute kommen können, weil bei diesen, so weit sie überhaupt berück- sichtigt werden, der Nutzender vorübergehenden Er- holung nach ihrer Rückkehr in das Elend der häuslichen Verhältnisse doch sehr bald wieder verloren gehen muß. Dem Freisinns- Blatt wäre es wohl lieber, wenn wir uns an der in der bürger- lichen Presse beliebten Verdunkelnng des Thatbestandes beteiligten, indem wir die Sache so darstellten, als sei angesichts der Thätigkeit der Ferienkolonien eine weitergehende Hilfe nicht nötig. Unklar ist uns. inwiefern das Werk der Ferienkolonien „gestört" wird durch den Nachweis, daß sie nach ihrer gegen- wältigen Verfassung und Wirksamkeit unzü lang- l i ch sind, und durch die Forderung, daß die Gemeinde die Ferienkolonien übernehmen und zu einer um- fassenderen Fürsorge für arme und kränkliche Kinder ausbauen soll. Daß auch socialdcnioftattsche Eltern die Ferienkolonien, obtvohl diese aus Mitteln der Privat- wohlthätigkeit unterhalten werden, für ihre Kinder in An- spriich nehmen— Ivie die Ferienkolonien andererseits, weil sie noch auf die Privatwohlthätigkeit angewiesen sind, auch von Socialdcmolraten mit Beiträgen untcZtiitzt werden— daS kann uns doch nicht davon abhalten, eine Forderung zu ver- treten, die wir als berechtigt erkannt haben. Die Bemerkung: „Die Ferienkolonien sind von jeher dem„Vorwärts" ei» Dorn im Auge, wie alles, was geeignet ist, der im socialistischen Programm vorgeschriebenen»Verelendung" der Masse Hindernisse in den Weg Akademische Bildung. stehenden Thema bringt eine tzu legen", können wir lächelnd au dem übrigen legen. Gerade beim ..Freilinn" weih man am besten, wie sehr die Socialdcmo- t r a t i e im Parlament, in den Gemeinden und in der Presse be inühl ist, alles an fördern, was die Berelendung der Viasse auf anhalten geeignet ist,— waS sie wirksamer aufhalten wurde, als das durch Ferienkolonien und ähnliche Mittel möglich ist,— und wie oft sie dabei den„Freisinn" zum Gegner gehabt hat. �Zur Anöbentuns» der Hnndlnugsgehilfinnen. In der „Sonntagszcitung für Deutschlands Frauen", einem hier erscheinenden Familienblatt, finden wir folgende» Inserat: Gesucht nach Thüringen junges Mädchen auS besserem Stand! dasselbe hat täglich 6—8 Stunden Comptoirarbcit zu besorgen und niusj für die übrige Zeit eine wirkliche Hilfe für die Hausfrau fein. Verlangt wird Kenntnis oder Erlernung der Stenographie, heiteres Gemüt, Freundlichkeit gegen Kinder, möglichst auch Musik. Völlige Aufnahme in die Fanulie. Monatlich SS M., später nicht. Kurzer Lebenslauf mit Bild an Hasenstein u. Vogler. Angesichts eines solchen Gesuchs weist man wirklich nicht, ob man sich wundern soll über die Unverschämtheit eines Geschäfts- mannes, der es wagt, einem Mädchen mit vielseitigen Kenntnissen bei unbeschränkter Arbeitszeit eine derart lumpige Entlohnung zu bieten, oder ob man staunen soll ob des Elends, welches unter den gebildeten, aber auf Erwerb angewiesenen jungen Mädchen herrscht, denen so etwas geboten werden kann. Eine schreckliche Anfklärnng hat das Verschwinden deS tSjährigen Schülers Paul Freiberg, Sohn des Schraubendrehers F. aus der Tegelerstr. 14 gefunden. Der Knabe hatte sich am Dienstag gegen 4 Uhr nachmittags auf die Straste begeben, um dort zu spielen, und war seit dieser Zeit verschwunden. Mittwochnachmittag fanden Kinder aus dem Bauplatz Tegeierftraste 10—12 die Leiche des vermißten Knaben unter Sand versckzültcr. Wie die polizeilichen Feststellungen ergaben, ist der kleine F. das Opfer eines grausanien Spiels geworden. Der Knabe hatte mit 4 Altersgenossen auf dem Grundstück gespielt und war in eine höhlenartige Grube gestiegen, um dort„Bergbau" zu treiben. Einer seiner Kameraden, der IS Jahre alle Georg Streich, dessen Eltern ebenfalls in der Tcgelerstraste wohnen. wollte einen Bergsturz darstellen. Er sprang auf dem unterminierten Erdreich so lange umher, bis der Boden nachgab und der in der Höhle befindliche F. verschüttet wurde. Statt jedoch Hilfe herbei zu holen, liefen die Knaben weg und hielten den Vorgang geheim. Mittwochmittag erst erzählte St. mehreren Schulkameraden den Vorfall und bat sie. doch nachzusehen, ob der Verschüttete noch am Leben sei. Er bezeichnete ihnen genau die Stelle, an welcher sich das Unglück ereignet hatte und hier wurde auch bald die Leiche des Kindes aufgestmdcn. Der Tod ist, wie ärzllich festgestellt wurde, durch Erstickung herbeigeführt worden. Es ist leider nicht das erste Mal, dah durch kindliche Thorhcit, die in bedauerlichem Mäste niit Gemütsrohheit gepaart war, beim Spiel ein junges Menschenleben vernichtet oder gefährdet worden ist. So konnte erst vor einigen Monaten berichtet worden, dah an der Friedrichsgracht ein Knabe den Tod im Wasser gefunden hatte, nachdem er beim Spielen auf den Kähnen ausgeglitten und dann von feinen geängstigten Kameraden verlassen worden war. Nicht ohne Einflust dürfte eS sein, wenn Eltern und Lehrer solche traurigen Gelegenheiten benutzen, um die Kinder dahin zu instruiren, dah'sie bei Unglücksfällen dieser Art nach Kräften zu helfen und vor allen Dingen sich bei Erwachsenen Hilfe zu holen haben. Zn diesem, häufig auf Tagesordnung hiesige Korrespondenz folgenden Bei- trag: Die Studentenschaft in Berlin hat wiedernial ihre„Sensation". ES ist ein Fall, der schon wegen der beteiligten Personen in allen akademischen Kreisen lebhaft besprochen wird nnd eine recht anmutige Blüte des sogenannten studentischen Komments bildet. Die erste Scene spielte bei der Enthüllung des Hclmholtz-Denkmals. Hier waren neben anderen Verbindungen auch die Chargierten der schlagenden jüdischen Verbindung„Sprevia" erschienen; sie nahmen Plätze ein, die ihnen angeblich von einem der Festordner zugewiesen waren, wurden aber von dcni ersten Vorsitzenden des Ausschusses, einem Vertreter des Vereins deutscher Studenten, barsch angefahren, weil sie seine Platzzuteilung nicht abgewartet hätten. Ein Bursche der„Sprevia", der als ein ausgezeichneter Fechter be- kannt ist, stellte den Herrn vom V. D. St., der gegenwärtig in der Berliner Studentenschaft eine hervorragende Nolle spielt, wegen seines Benehmens an einem der nächsten Tage in der Lesehalle zur Rede: er trat ihm so brüsk nnd herausfordernd entgegen, dah er eine scharfe studentische Forderung erwarten durste. Diese aber traf nicht ein, vielmehr eine Entscheidung des Ehren« gerichtS vom„Verein Deutscher Studenten", dost das Mitglied der„Sprevia" in Rücksicht auf sein Verhalten nicht als »satis f a k ti o ns f ä h i g" zu erachten sei. Die„Sprevia" trat nun für ihren Burschen em und erliest ein Rundschreiben an alle studentischen Korporationen, worin der V. D. St. ironisch zu seiner neuen„glänzenden Wastenthat" beglückwünscht, im übrigen aber jegliche studentische Beziehung mit ihm abgebrochen wurde. Da« Ehrengericht des V. D. St. erwiderte hierauf mit einem gleich- artigen Rundschreiben, in welchem erklärt wurde, dah der Beleidigte sich durch eine Säbelforderung habe Genugthuung verschafien wollen, aber durch die ehrengerichtliche Entscheidung davon zurückgehalten worden sei. Nun hat der Konflitl neulich in der Auguststraste ein Nachspiel gehabt, bei dem keine Säbel und Sekun- danten, sondern nur die Fäuste der beiden Gegner in Aktion traten. Es setzte erst einige Beleidigungen, die man alsdann mit schlagen- den Gründen bckrästigre. Wie mit Bestimmtheit verlautet, hat der Herr vom V. D. St. bei dieser Begegnung entschieden den Kürzeren gezogen. Man ist nun gespannt, wie sich die Sache weiter entwickeln wird. Einige Studenten haben bereits im Dostderienbuch der Lese- halle eine Erörterung de« Falles angeregt, da der Vertreter des B. D. St. eine leitende Stelle im Direltorium einnimmt. Ei» Zusammcnstost zwischen einem Akkumukatorwagen der Grasten Berliner Strastenbahn und einem Anhängewagen der elek- irischen Bahn von Siemens u. Halske verursachte Mittwochabend an der Ecke der Leipziger- und Manerstraste eine groste Verkehrsstörung. Der Lkkumulatorewogcn ftihr vor der Feuerwache in der Mauer- straste, wo sich die Geleise der beiden Bahnen kreuzen, in den Anhängewagen hinein, wobei dieser mit den Fahrgästen auf das ASphaltpflaster stürzte. Der Wagen war so beschädigt, daß er fort- geschafft und außer Betrieb gestellt werden muhte. Auch der Aklumulatorwagen selbst war stark beschädigt. Von den Fahrgästen soll niemand ernstlich verletzt sein. Von Herrn I. Kallmann, dem Mitgliede der Ol. Schul- kommission, erhalten wir zu den am 1. Juni von unS gebrachten Mitteilungen über die Hergabe von Lehrmitteln eine Zuschrift, aus der wir folgendes entnehmen:«Gerade die 91. Schulkommission ver- fährt in der Bewilligung von Lehrmitteln in entgegenkommendster Weise; es wird bei jedem Antrage nach der Bedürftigkeit des Bittstellers fenau recherchiert und bei den geringsten Anzeichen, daß demselben ie Anschaffung schwer fallen könnte, die Bewilligung ausgesprochen. nur in ganz vereinzelten Fällen, wo der Bittsteller in guten Ver- mögcnSverhältnissen lebt, wird der Antrag abgelehnt. Beim letzten Schulanfange sind von 90 Anträgen SS bewilligt und nur zwei abgelehnt worden, weil die Antragsteller in guten Berhältmssen lebten." Der fünfte SfeltranSport deS dentschen Tierfchutz-iverelnS ist gestern Morgen auf dem Schlesischen Bahnhof eiugetroffen. ES sind durchweg? Tiere aus Ungarn im Alter von 4 bis 7 Jahren, die eingefahren sowohl ein- als auch zweispännig ziehen. Ein sechster Transport ist in Budapest zusammengestellt und wird am nächsten Donnerstag in Berlin eintreffen Insgesamt hat der Tierschutzverein 105 Esel hierher schaffen lassen. Wegen zahlreicher Diebstähle ist der Zuschneider Fandreh auS der Manteuffelstraste verhaftet worden. Fandrey war seit zwei Monaten bei dem Schneidermeister Karl Zobel in der Köpnicker« straste 121 angestellt. Diesem enttvendete er Stoffe, indem er sich beim Verlassen de? Geschäfts ein Stück unter der Weste um die Brust wickelte. Bei verschiedenen Trödlern versetzte er die Beute. Außerdem ließ er von den Arbeitern, denen er Sachen zugeschnitten hatte, die für von ihm beim Maßnehmen bedienten Kunden be- stimmten Anzüge in seine Wohnung liefern, stellte sie von hier aus den Kunden zu und steckte den Betrag der Rechnung in seine Tasche. Durch einen Zufall wurden jetzt diese Untcrschleife entdeckt, als ein Arbeiter in der Abwesenheit Fandreys Knöpfe holte, die dieser mit- zugeben vergessen hatte. Man machte nun Inventur und fand, dah viele Stoffe fehlten. AIS man dem Zuschneider die Verniitreuung auf den Kopf zusagte, räumte er sie ein. Die Kriminalpolizei nahm ihn darauf fest. Weil er Sehnsucht nach seiner Heimat Posen hatte, hat sich gestern der 23 jährige Arbeiter Podofski, der aus einer kleinen Stadl in Posen stammt, das Leben genommen. P. ist vor etwa einem halben Jahre»ach Berlin übergesiedelt und hatte mehrfach auf Bauten gearbeitet. Wiewohl der junge Mann ständigen Ver- dienst hatte, sehnte er sich nach seiner Heimat zurück, umsomchr, als er nur mangelhaft deutsch sprach. Schon öfter hatte P. Bekannten gegenüber geäußert, daß er sterben müsse, wenn er nicht bald nach Hause zurückkehren könne. Als gestern morgen die Wirtin des P. ihm Kaffee brachte, fand sie den jungen Mann tot vor. Er hatte sich mit einer auS einem Handtuch gefertigten Schnur an, Thür- Pfosten erhängt. Angestellte Wiederbelebungsversuche blieben er- folglos. Der Fall deS verwundeten LokomotivheizerS TuttaS soll nach der Darstellung eines hiesigen Blattes derart liegen, daß TuttaS am Sonntagabend in der Bükowstraßc drei Offizieren begegnet ist und in trunkenem Zustande einen der Militärs mehrfach mit dem Stock angerempelt bat. Der Angerempelte habe darauf zunächst dem Trunkenen einen Säbelhieb versetzt und ihm sodann in der Ver- teidignng die Waffe eiitgcgcngehaltcii, in die TuttaS nunmehr„gefallen" sei. Falls diese Darstellung der Wirklichkeit entspricht, so muß es be- dcnklich erscheinen, daß der Säbel in einem Falle gezogen wurde, Ivo drei lrüstige Männer beisammen waren. ES iolttc doch ein leichtes sein und vom menschlichen Standpunkte aus für das nächst- liegende gehalten werden, dgß man einen Trunkenen, der nicht weiß. waS er thut. mit sechs Händen zu bändigen sucht. Wenigstens ist eine solche Art der Abwehr im civilcn Leben meistens üblich. Viel- leicht wird bekannt gegeben, welche Umstände, voransgesctzl daß die seltsame Zeitungsmcldung überhaupt zutrifft, in dem bedauerlichen Falle dennoch den Gebrauch des Säbels als dringende Notwendigkeit erscheinen ließen. Die Leiche der Frau Nörig aus der Gcorgenkirchstraße, die auf dem städtischen Friedhofe in Friedrichsfclde beerdigt war. ist auf Veranlassimg der Staatsanwaltschaft ausgegraben und Mittwoch- nachmittag gerichtöärztlich geöffnet worden. Der Gatlenmörder Nörig wurde dazu auS dem Untersuchungsgefängnis vorgeführt. lieber das Ergebnis der Leichenöffnung verlautet nichts. Neues wird sie wohl kaum zu Tage gefördert haben, da schon früher der Tod durch Erhänge» festgestellt' ivorden war und Zeichen einer An Wendung von Gewalt an der Leiche nicht zu bemerken waren. Durch einen elektrischen Schlag getötet wurde gestern Abend der 25 Jahre alte Ingenieur Heinrich Groche aus der Spreestr. 1b zu Charloltenburg in der Fabrik von Siemens u. Halske� in der Franklinstraße. Grawe machte sich an der Wechselstrommaschine zu schaffen, erhielt plötzlich einen Schlag, der ihn zu Boden streckte, und verschied nach kurzer Zeit, obwohl ihm zwei Aerzte von der Unfall- station sofort zur Hilfe kamen. Die Leiche wurde beschlagnahmt. Eine heftige Explosion fand gestern, Donnerstag, abends um 7 Uhr, in den Geschäftsräumen eines erst vor kurzer Zeit zugezogenen Photographen im ersten Stock des Hauses Lindcnstr. 89 statt. Unter einem'starken Knall flogen die Scheiben der Doppelfenster in Scherben und Splitter auf die Straße hinaus. Verletzt wurde niemand. Die Feuerwehr löschte den entstandenen Brand rasch und leicht. Der Rcvicrvorstand, Leutnant Wischhiiscn, erschien mit zwei Kriminal beamtcn, um die Entstehung der Explosion zu untersuchen, während mehrere Schutzmänner das HauS absperrten. Nach einem Flustbade wurde vorgestern Nachmittag um 4�/» Uhr der 45 Jahre alte Magistratskassendiener Arthur Schiefke a»S der Boeckhstratze 9/10 vom Schlage gerührt. Schiefke hatte an der Schillingsbrücke gebadet und brach auf dem Heimwege am Marianncil-Ufer vor dem Hause Nr. 2 zusammen. Man brachte ihn auf die in diesem Hause gelegene Unfallstation. Hier starb er bald nach der Aufnahme. An der Häckselmaschine verunglückt ist ein zwölf jähriger Knabe Emil B. aus Angermünde. Beim Spielen geriet er, während ein anderer Knabe die Maschine in Betrieb setzte, mit der rechten Hand zwischen zwei Wellen, die � ihm den Daumen abquetschten. Der Verunglückte wurde nach Berlin in ein Krankenhaus gebracht. War denn keine Sicherung angebracht, um Leichtfertigkeiten solcher Art zu verhindern? Tie Leitung der Freireligiösen Gemeinde ersucht uns um Aust, ahme folgender Mitteilung: Die Freireligiöse Gemeinde hält vom Sonntag, den 2. Juli, ab ihre Borlragsversammlungen im oberen Saal des Englischen Gartens, Alexanderstr. 27c, zivischen Blumen- und Magazinstraße, und zwar die Frühversammlung um 8'/» Uhr und die spätere um 10>/« Uhr vormittags. Gäste sind sehr willkommen. Spreewald-Postkarten in Künfllerradierung veröffentlicht der Vertag der Kliiistler-Postkarten(A. Htldebrandt) Berlin W, Charlotienstr. 63. Die „n? vorliegende erste Serie von vier Blatt schildert»ns Ledde bei LUddenan, da« poettlche Spree-Venedig, in dem sich Sommer für Sommer Maler und Malerinnen afler Nationen im Künstlerheim niederlassen. Die «arten kosten einzeln 30 Pf. Der Preis der Serie ist auf 1 M- sestgesevt. Theater. Für das Berliner Gastspiel deS Ernst Drucker. Ensembles aus Hamburg im hiesige» Central. Theater sind außer den genannten Possen und Schwänken noch in da« Repertorr auf- genommen:„Etn Hamburg» Bürgergardist" und„Hamburger Dienst. m tidchen". Die morgige Erästnungs-Vorstellung(1. Jul,. abends V«8 Uhr) bringt den Ettndcschen Schwank„Hamburger Leiden" und die Bauernposse „Vadderö Edenlüld". Der Borveriaus ist an der Tageskasse des Central» Theaters bereits eröffnet.— Die akladendltch w»er Urania statt- findenden Borlührungen de« so eigenartigen und interessanten elektro. pdontschen Klavier« werden nur noch dt» zum Ansang der gerlm de« Institut«, all- blS zum 19. Juli, stattfinden. Aus den Nachbarorten. In Erkner findet am Sonntag, nachmittags 21/» Uhr, im Brodtschen GescllschaftShauS eine Volksversammlung statt. in welcher RetchstaaS-Abgeordneter Zu heil einen Vortrag halten wird. Um zahlreiche» Erscheinen ersucht Der Einberufer. «rbeiter-BildungSverein für Martendorf und Umgegend. ür die zum Gonntagnachmittag S>/» Uhr nach Marienselde bei ieutschb ein einberufene Mitgliederversammlung, hat der Genosse Rechtsanwalt V. gräntl das Referat übernommen. Vortragsthema: Die scheintote Zuchthausvorlage. Die Partei- genossen werden gebeten, recht zahlreich zu erscheinen. Der Vorstand. Charlottrnbnrg. Die Stabtverordneten-Versamm- lung hat gestern ihre letzt- ordentliche Sitzung vor den Ferien ab- gehalten. Den ersten Punkt der Tagesordnung bildete der Antrag Buka und Genossen betreffend die Vergebung von stadti- schen Bauten in Generalentreprise. Derselbe lautet: „Der Magistrat wird ersucht, von der Vergebung von Bauten m Generalentreprise, da dieselbe dem Jntereffe der Gewerbetreibenden der Stadt widerspricht. Abstand zu nehmen." Die Beratung wurde |)eS weiteren beschäftigte sich die Versammlung mit dem Vau deS Krankenhauses am Spandauer Berge und genehmigte die Anträge des Ausschusses mit ge- ringfügsgen Aendeningen.— Ein längere Debatte rief die Vorlage betreffend den Straße»betrieb in der Ber- I in e r> und Spandauer st raße hervor. Wie wir bereits mitgeteilt haben, hat die Berlin- Charlottenburger Straßenbahn den Magistrat ersticht, ihr bis zum 1. Dezember 1900 die Genehmigung zu erteilen, die Straßenhahnwagen der Nebenlinien Straßenvahnhof- Lützowplatz, Stadtbahnhof Charlottenburg— Moabit und Straßcn- bahnhof— Amtsgericht— Wilhelmsplatz mittelst Pfcrdebetricbcs dnrch die Berliner- und Spandauerstraße zn befördern. Der Magistrat hat das Gesuch befürwortet. Der Ausschuß der Stadt- verordneten- Versammlung hingegen hat die Frist iiur bis zum 1, Januar 1900 bemessen und folgenden Beschluß gefaßt: Gegenüber dem bisherigen vertragswidrigen Verhalten der Straßen- bahn-Gescllschaft einerseits und gegenüber dem das RiicktrittSrccht begründenden§ 22 deS Vertrages andererseits beschließt die Stadt- verordneten- Versammlung unter Ablehnung der Vorlage des Magistrats, der Gesellschaft nur in Bezug auf die Lützowplatz-Linie die Fortsetzung des derzeitigen Pferdebahn- Betriebe« bis zum l. Januar 1900 zu gestatten und auch dies nur gegen Ucbcrnahme folgender ferneren Verpflichtungen der Straßendahn- Gesellschaft: 1. daß die Gesellschaft auf der Linie Sophie« CharloUcnstraße— Spaiidauer Bock spätestens vom 16. August d. I. ab den Zehnminuten- Verkehr einrichtet; 2. die Linie Moabit— Stadt- bahnhof— Charlottcnburg von der Marchstraße an durch die Bismarckstraße führt und vier Wochen nach der behördlichen Ec- »chmigung, spätestens aber zum 1. August' 1899 in Betrieb setzt, sowie alsdann einen?>/, Miiintenverkehr hier einrichtet! 3. die Linie Kurfürstendamm— Knesebeck-, Grolman-, Bismarck-, Wilmersdorfrtc- straßc— Wilhelmsplatz mit eleltrischcm Betriebe spätestens am 1. Januar 1900 eröffnet. Sollte die Straßcnbahn-Gcsellilbaft nicht innerhalb drei Wochen ihre Zustimmung zu diesen drei Bedingungen erteilt haben oder eine von den verlangten Ausführungen nicht innc- halten, dann soll der Magistrat ersucht werden, von dem der Stadt eingeräumten Rechte der KonzessionSentziehuna Gebrauch zu machen. Dieser Ausschußantrag wurde nach längerer Debatte ein- stimmig angenommen. Kindcrschntz in Rixborf. Die ans Stadtverordneten und Magistratsmiiglicdern bestehende Kommission, die einen S ch u n der Kinder vor gewerblicher Ausnntzung vorbereiten soll, will dem Bürgermeister Boddin als dem Polizeiverwaltcr den Erlaß einer Polizeiverordnung empfehlen, worin folgendes be- stimmt wird: Schulkinder dürfen zur Bediemmg der Gäste mit Speisen und Getränken in Schankwirtschafteii nicht verwendet werden. Das Feilhalte» von Waren irgend>v eich er Art aus öffentllcken Straßen und Plätze», auf Hausfluren nnd Höfen durch Kinder i jt untersagt.— Vor vollendetem zehnten Lebens- jähr dürfen Kinder überhaupt nicht mit gewerblichen Ar- bcitcn irgend welcher Art beschäftigt werden. Nach vollendetem zehnicn Lebensjahr dürfen schulpflichtige Kinder nicht beschäftigt werden von 8 Uhr abends bis 5'/» Uhr morgens im Sommerhalbjahr(1. April bis 80. September) und von 8 Uhr abends bis 6Vs Uhr morgens im Winter- Halbjahr(1. Oktober bis 81. März).— Während man sich in der Kommission über die ersten Beitiminungen von vornherein einig war, führte die Frage der Beschäftigung von Kindern im Alter von mehr als 10 Jahren zu lebhaften Erürrcrungen. Die Socialdemokratcn schlugen vor, das Verbot bis 7 Uhr früh auS- zudehnen; von anderer Seite wurde dagegen gewünscht, das Verbot auf die Zeit von 8 Uhr abends bis 3 Uhr früh zu beschränken. Weitere Vorschläge bewegten sich zwischen diesen beiden. Schließlich wurde jedoch die mitgeteilte Fassung deS Emwnrfs einstimmig beschlossen. nur betonte ein Herr bei der protokollarischen Festlegung des Beschlusses, daß er es„im Interesse mancher Familien" doch lieber gesehen hätte, wenn das Ende der Sperrzeit auf 5 Uhr ftüh festgesetzt worden wäre, und z>var allgemein für Sommer und Winter.— Die Verhandlungen leitete Herr Justizrat Bürkner. Kreiö-Lchrerkonferenzen finden gegenwärtig in allen Kreisen des Ncgicruiigsbczirks Potsdam auf Anordnung deS Regierung?- Präsidenten siatt und werden von dem betreffenden Kms-Schnl- inspeltor geleitet. Aus diesen Konserenzen, welche noch vor den großen Sommcrserien abgehalten werden müssen, bildet den Haupt- gegenständ der Tagesordnung die Verfügung des Kultus- Ministers vom I.Mai d.J. betreffend die Anwendung körper- licher Züchtigungen in der Schule. Die Kreis- Schulinspekloren haben die ihnen unterstehenden Rektoren. Lehrer und Lehrerinnen der Volks- und Mittelschulen be- sonders auf die Gefahren aufmerksam zu machen, welche eine U e b e r s ch r e i t u n g des ZüchtigungSrechteS mit sich bringt, und gleichzeitig über die Frage der DiSciplin- erhalt ung in den Klaffen debattieren zu lassen. Der Metallarbeiter Ernst Vuchholz wurde, wie uns au» Schöneberg berichtet wird, als der Dieb ermittelt, der in der Nacht zum 11. Juni d. I. den Einbruch in die alte Schönebergcr Kirche verübt Hot. Seine Beute waren nur. wie wir seiner Zeit meldeten, einige Flaschen Rotwein, die für die Abendmahlsfeier im Altar- schreine aufbewahrt wurden. Ein Opfer der Mordarbeit ans Bauten. Der Klempner Bchne, welcher am 11. Februar d. I. bei dem Einsturz eines Treppenhauses in der Ringbahnstraße zu Halensee schwer zu Schaden kam, und unter den sechs von dem Einsturz betroffenen Personen als einziger Ueberlebender in das Charlottenburger Krankenhaus gebracht wurde, ist erst vor kurzem von dort entlasten worden. Von den schweren Verletzungen, die er sich bei dem Unfall zugezogen hatte, ist er zwar wieder geheilt worden; doch ist seine rechte Schulter vollständig steif geworden, so daß er infolge dessen erwerbsunfähig geworden ist und Unfallrente bezieht. Merkwürdig übrigens, daß von einer gerichtlichen Untersuchung über das frevel- hafte und folgenschwere Spiel mit Menschenleben, das auf dem Bau getrieben wurde, noch gar nichts ans Licht getreten ist. Lichtenberg» Friedrichsberg. Die von der Gemeinde beab« sichtigte 8 Millionen- Anleihe ist von der Regierung beanstandet worden; es soll der Beginn der Tilgung der Anleihe nämlich auf einen früheren Zeitraum verlegt werden. und zwar auf den 1. April des der Aufnahme der Anleihe folgenden Jahres, daS ist der 1. April 1900, gegen 1. April 1903. Ferner giebt die Regierung anheim, den Zinsftiß von 8Ve auf 4 Proz. zu erhöhen, was vom Gemeindevorsteher unter Hinweis auf RummelSburg, welches bei 8l/i Proz. nur 92,75 erhalten habe, zum Teil als berechtigt anerkannt wird. Die Gemeindevertretung beschloß Vertagung und Einziehung von Erkundigungen bei der RummclSburger Gemeinde, welche seiner Zeit günstigere Bedingungen bei Aufnahme ihrer Anleihe erhalten hatte.'-- Em neuerlicher Beschluß der Ge- meindevertretung, den beabsichtigten Bau einer katholischen Schule anstatt auf dem Grundstück der katholischen Kirche am Kietzerweg, auf einem von der Terraingesellschaft angebotenen Bau- flatze vorzunehmen, hat die Zustimmung der katholischen Schulsocielät nicht gefunden. Die Schulsocietät hat m einer Eingabe an die Ge- meinde verlangt, daß der Beschluß rückgängig gemocht werde, weil innerhalb derRmgbahn die meisten katholischen Familien wohnten. Fest- gestelltsind dagegen 468 Familien innerhalb und 560 außerhalb derRing- ?ahn. Auch wird'bchauptet, daß auf dem neuen Grundstück fürKinder. die Bor« und Nachmittags-Unterricht besuchten, die Gefahr vorläge, über« Haupt nicht zum Mittagessen gehen zu können. Zum Schluß aber kommt das Hauptargument, nämlich, daß durch die weite Entfernung der Schule von der Kirche„die Erziehung der Kinder zur Religion" erschwert und damit„die Bildung des Herzens' vernachlässigt wurde. Dieser Eingabe schloß sich eine Petitton katholischer Familienväter an, in welcher ähnliche Gründe vorgebracht werden und in der alS besonders durchschlagend darauf hingewiesen wird, daß durch die große Entfernung der Kirche von der Schule ein Besuch der Kirche i>en Kindern unmöglich gemacht würde, WaS Beranloffung sein dürste, „daß die Kinder sich spater der Socialdemokratte zuwenden I" Aber auch die„Märkische BolkSzeitung" hat zu dieser Angelegenheit einen Artikel gebracht, der einer Anzahl von Gemeindevertretern wie mich dem Gcmcindcvorfteher zligesnndt Ivorde» war. In der Ge- nicinderaissitzung sprach der Gemeindevorsteher sich über den Zcituiiüsartikcl dahin aus, daß er es unter seiner Würde halte, auf den Inhalt näher einzugehen. Dies Grundstück der Tettain- g.sellschast wurde denn auch als Bauplatz beibehalten, weil ci großer ist nud an zwei Stratzcufrouten gelegen, eine zweck- entsprechendere Anlage der Schulgcbüude gestattet.— Für Neu- Pflastcrung der Dortstraße zwischen Eldenaerstraße und Rathaus und der NunnnclSburgerstraße wurde» 143000 M. bewilligt, eine Summe, die der beabsichtigten 3 Millionen-Anleihe später entnommen werden soll.— Zur vorläufigen Uedcrnahme des Wasserwerks wurde der Gemeindevorsteher cnnächtigt, eine Anleihe von 1000000 M. auszunehmen; auch diese Summe soll aus der großen Anleihe nach neun Monaten getilgt werden. Fricdrichshagc». Der Maurer Karl Steinhock von hier ist am Mittwoch wegen des dringenden Verdachts, daß er sich an seiner schulpflichtigen Tochter sittlich vergangen Hot, verhaftet und den, Kvpeinckcr Amtsgefängnis zugeführt worden.— Demselben Ge fängnis wurde am Dienstag ein arbeitsloser Mann eingeliefert, weil er einem Burschen die Summe von ca. 20 M. entwendet hatte. Durch Sturz in den Lichtschacht vom vierten Stockwerk des Hauses Elisabethstr. 1 in Spandau ivurde am Mittwoch der fünf- jährige Sohn des Arbeiters Kehler tödlich verletzt; das Kind starb bald darauf im Krankcnhause. Der Fall Geimtz vor dem Schwurgericht. Ein häßliches Sittenbild wurde in der Verhandlung entrollt. welche gestern vor dem Schwurgericht des Landgerichts 11 stattfand Es handelte sich um die Blutthat. ivelche am lli. März ds. Js. in Nixdorf begangen wurde. Tie 22jährige Nätherin Lina Alwine G e i n i tz war der Körperverletzung mit tätlichem Erfolge angeklagt. Der Tücher Hugo Altermann lebt schon seit einer Reihe von Jahren von seiner Ehefrau getrennt. Die letztere lebt mit ihrem Schwager, dem Bruder ihres Ehemannes, dem Tischlcrgcsellen Alfred Alterman». wie Mann und Frau zusammen. Hugo Altermann ist kränklich er bedarf der weiblichen Pflege. Al« er sich von seiner Frau getrennt hatte, schickten ihm seine in Sachsen-Weinmr wohnenden Verwandten hie Angeklagte zu. welche seine Wirtschaft in Ordnung halten lolltc. ES soll sich zwischen Hugo Altcrmann und der Angellagten sofort ein intimer Verkehr entwickell haben. Zwischen der Ehefrau Altcrmann und der Aiigeklagten herrschte die erbittertste Feindschaft; wenn die beiden Frauen sich lrafcn, kam es zu erregten Austritten und hausig auch zu Schlägereien. Die Altem, annsche Ehe war endlich gerichtlich getrennt worden. Di- geschiedene Frau Altcrmann klagte darauf gegen ihren früheren Ehemann auf Alimentenansprnch für ihre drei Kinder. Altcrmann erbot sich, die Kinder zu sich zu nehmen. Hiermit wnr seine frühere Ehefrau nicht einverstanden um eine Ablehnung zu begründen, samniclte sie Material in bctrcf' des zwischen Altemiann und der Angeklagten bestehenden Vcr hältnisieS. Zu diesem Zwecke begab sie sich am Nachmittage dcS 16. März in BcglcUnng der Witwe Harz nach' dem Hause Maybach-Ufer 46 in Rixdorf, woselbst Altem, au» ,m dritten Stock eine Wohnnng inne hatte. Die Angeklagte, welche gerade Fenster putzte, bemerkte, daß die beiden Frauen das Hans betraten. Die letzteren begaben sick zunächst nach dem ersten Stock, wo der Eigentümer Hammcrich wohnte. Hier wurde die Tochter Hommerichs über die Lebensweise des Alrermann und seiner Ge liebten ausgehorcht. Darauf begaben sich die beiden Frauen zu gleichem Zwecke nach der vier Treppen höher gelegene» Wohnung einer Frau Lipke. Hier erfuhren sie Thatsachc» die sie mit Befriedigung erfüllten, denn daraufhin konnte das Gericht die Unterbringung der Altermannschen Kinder bei ihrem Vater beanstanden. Leste gingen die beiden Frauen die Treppe wieder hinunter. AIS sie sich vor der Altemiannschen Wohiiu»!, be- fanden, spielte sich der Austritt ab, der der Anklage zu Grunde' liegt und der von der Beschuldigten und der Zeugin Harz grundverschieden dargestellt wird. Nach der Behaupttmg der Anklage' hat die Gemitz den beiden Frauen aufgelauert, als sie von oben herunterkamen. Plötzlich soll die Angeklagte, in der einen Hand einen Stock, in der andern ein Küchenmesjcr, zu ihrer Thür hinausgekommen und auf die Ehefrau Altcmmim losgestürzt sein, welche, bereits im Be- griff, die Treppe hinabzugehen, ihr den Rücken zuwandte. Die Angeklagte soll der Altermann mehrfache Stockschläge über den Kopf versetzt haben. Nun wandte sich die Ueberfallcne um und wollte der Angreiferin zu Leibe gehen. Als die beiden grauen sich gegenüber standen, holte die Angellagte mit dem KUchenmcsser aus. Sie jagte es der Altermann in die Brust. Ins Herz getroffen taumelte sie tödlich Verletzte die Treppe hinunter, auf dem zweiten Absatz brach sie zusammen und mit einem häßlichen Schimpfwort auf den Lippen verschied sie. Inzwischen hatte die Harz der Angeklagten den Stock entrissen und ihr damit mehrere Schläge versetzt. Nun zückte die Angeklagte auch gegen sie daL Messer, wobei sie fortwährend rief: .Ich steche I' Frau Harz trieb sie aber in ihre Wohnung zurück. Die Anklage nimmt nicht an, daß die Geinitz die Frau Alter mann habe töten wollen. Die Thäterin behauptet außerdem, daß der Vorgang sich ganz anders abgespielt habe. Sie sei schon früher von der Altennann mißhandelt worden und habe befürchtet, daß ihr ein Gleiches passieren sollte, als sie sah, daß die beiden Frauen daS Hau 5 betraten. Etwa eine halbe Stunde später habe sie ihre Wohnung verlassen,„m sich zum Hauswirt zu begeben. Um nicht wehrlos bei einem Ucberfall zu sein, habe sie in einer Hand den Stock, in der andern das Messer gehalten. Kaum habe sie den Flur betreten, da seien die beiden Frauen über sie hergefallen, hätten ihr den Stock entrisien, sie am Halse gewürgt und auf sie eingeschlagen. Sie sei schnell die Treppe hinuntergelaufen, von den beiden Frauen aber verfolgt und wieder eingeholt worden. Als sie wieder von zwei Seiten bedrängt wurde, habe sie gerufen:.Wenn Ihr mich nicht in Ruhe laßt, steche ich zu 1" Und dann habe sie auch blindlings zugestoßen. Den Vorsitz führt Landgerichtsrat v. HaugSdorf, Staats- anwalt Sachse vertritt die Anklagebehörde, Rechtsanwalt W r o n k e r führt die Verteidigung. Die Angeklagte, eine hübsch ge- wachsene Person niit keineswegs unsympathischen Gesichtszügen, bleibt dabei, daß sie sich im Zustande der Notwehr befunden, und es wird sich bei der Beweisaufnahme im wesentlichen darum drehen, ob die Darstellimg der Angeklagten oder diejenige der Zeugin Harz der Wahrheit entspricht. Seitens der Verteidigung ist ein umfang- reicher EntlastunasbewciS angetreten worden, der sich hauptsächlich auf den Leumund der Angellagten bezieht. Der Staatsanwalt verkonnte nicht, daß durch die Beweisaufnahme Umstände zu Tage gefördert worden waren, welche wohl Mitleid für die Angeklagte, die als ein Opfer unglücklicher Verhältnisse anzuscben sei, hervorrufen könnten. Aver dies dürfe die Urteilsfähigkeit oer Richter nicht trüben. Folge man der Aussage de» Zeugin Harz, welche den Vorfall im Sinne der Anklage geschildert habe, so könne von einer Verneinung der Schuldfrage nicht die Rede sein. Und er halte die Zeugin Harz für glaubhaft. Der Beweggrund zu der That liege nahe, die Angeklagte sei lange Zeit hindurch von der Verstorbenen gepeinigt und verfolgt worden und da habe sie die ihr gebotene Gelegenheit benutzt, der Rivalin eins zu ver- setzen.— Als der Staatsanwalt in packender Weise schilderte, welch schweren Verfolgungen und Anfeindungen die Angeklagte ausgesetzt worden sei und daß man sie selbst in einer sehr schweren Stunde nicht geschont habe, fiel die Angeklagte in Ohnmachr. Der an- wesende Arzt brachte sie bald wieder zu sich. Der Staatsanwalt kam am Schlüsse seines PlaidoyerS zu dem Antrage, die Ge- fchworenen möchten die Schuldfrage bejahen, der Angeklagten aber mildernde Umstände zubilligen. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Wronker, trat mit Wärme für die völlige Freisprechung der Angeklagten ein. Seine Ausführungen gipfelten dahin. daß der von der Angeklagten geschilderte Sach- verhalt der Wahrheit weit näher komme, als die Aussage der Zeugin Harz. Werde dicS aber angenommen, so habe sie sich im Zustande der Notwehr befunden und selbst wenn sie diese überschritten habe, so müsse sie dennoch freigesprochen werden, denn sie habe aus Furcht. Schrecken oder in der Bestürzung gehandelt. Die Angellagte vcr- diene Mitleid, aber keine Strafe. Die Geschworenen verneinten die Schuldfrage, Freisprechung der Angeklagten erfolgte.'ES sofortige Haftentlassung angeordnet. Sie vielen Seiten beglückwünscht. worauf wurde wurde die ihre von Govichks-'Äettung. Ein SiebeSidyll mit Revolverbegleitnng beschäftigte gestern die 130. Abteilung dcS Schöffengerichts, vor weichet der Malermeister Dömke wegen Bedrohung zur Verantwortung gezogen wurde. D. ist verheiratet und Familienvater, rmtcrhielt aber gleichwohl ein Liebesverhältnis mit der unverehelichten Anna N.. die' einem alten Geheimrat in der Burggrafenstraße die Wirtschaft führte. Er war ständiger Gast in der Küche des Gcheimrats und scheint, wie die Briese, die er mit dem Mädchen gewechselt hat, zeigen, von einem Liebeötanmel ergriffen gewesen zu sein, der ihm zede ruhige lieber Icgiliig raubte. In den Briefen kamen wiederholt Drohungen mit Totschießen und dergleichen vor und das Mädchen be« hauptete gestern vor Gericht, daß sie völlig in der Gewalt des Angeklagten gestanden und das, was er verlangte, habe thun müssen. Der Angeklagte pflegte einen Revolver bei sich zu tragen und soll nach der Behauptung des Mädchens damit wieder- holt Drohungen ausgestoßen haben. In einem Falle soll er ihr den Revolver vorgehalten nnd gedroht haben, erst sie und dann sich zu töten, in einem anderen Falle hatte sich das Mädchen von ihm nicht sprechen lassen wollen und mich bei dieser Gelegenheit soll er den Revolver hervorgezogen und gedroht haben, daß„zwei Familien unglücklich werden würden", wenn man ihm verwehrte, mit dem Mädchen zu reden. Die Schwester der letzteren ließ ihn Platz nehmen, schickte aber insgeheim schleunigst zu einem(Schutzmann, der für die Entfernung des gefährlichen Besuchers sorgte. StaatSaulvalt Dr. N o m e n beantragte auf Grund der Beweis- ausnähme gegen den Angeklagten einen M o n a t G e f ä n g n i s, wobei er von der Erwägung ausging, daß die Bedrohung doch eine recht nachdrückliche gewesen sei und solche Liebesabenteuer mit Revolverbegleitung hier in Berlin schon zu sehr tragischen Vorfällen geführt haben.— Rechtsanwalt Dr. Roth bestritt, daß eL sich um ernstgemeinte Drohungen gehandelt habe und beantragte deshalb die Freisprechung des Angeklagten. Der Gerichtshof ließ die moralische Qualität der BclastnngSzeugin nicht unberücksichtigt und »crurteilte den Angeklagten mir zu 60 M> Geldstrafe. Der Vor- sitzende gab ihm aber den dringenden Rat mit auf den Weg, von solchen Dummejungcn-Strcichcn Abstand zu nehmen und lieber für seine Familie zu sorgen. Gegen eine seltsame Auslegung dcS Begriffes„Schul- zwang" ist mit Erfolg beim Kammergcricht Revision eingelegt tvorden. Die Kinder cincS Herrn Jäger besuchten längere Zeit die Schule in den: rheinischen Orte Hunsheim. Als dann in Ohlhagen eine neue Schule errichtet tvorden war, gab I. die Kinder zu dortigen Verwandten in Pension, um sie in diese neue Schule zu schicken. Er zeigte dies dem Bürgermeister von Hunsheim an und ließ ihn wissen, daß er so gehandelt habe. � weil über den Lehrer in Huns- heim das Gerücht verbreitet fei, er vergreife sich in unsittlicher Weise an den Kindern. Der Bürgermeister erklärte demnächst, daß für den Schulwcchscl eine Gcnchinigung erforderlich sei, und vcr- iveigerte diese dem I. Auf eine Beschwerde erkannte svätcr die Regierung zu Köln, daß die Kinder dem Schulbezirk Hunsheim zngehöricii»nd dort die Schule besuchen müßten. Inzwischen hatte I.' schon ein Strafmandat mit der Begründung erhalte», daß er seine Kinder unbefugt dem Unterricht in der Schule zu Hunsheim entzogen habe, tseiiicn Einspruch hiergegen verwarf das Schöffengericht, und das Landgericht in Bonn wies seine Berufung als unbegründet zurück, obwohl der erwähnte Lehrer durch die Aussagen verich'iedeuer Zeuginneu erheblich belastet wurde. Der „Erzieher der Jugend verlor sein Amt und es wurde gegen ihn auch ein Strafverfahren eingeleitet.— Das Landgericht war davon ausgegangen, daß der Anaeklagte Jäger sich wegen der Fortnahme der Kinder aus der HunSheimcr Schule aut jeden Fall formgerecht hätte entschuldigen müssen und daß er zu der Umscknlung einer Genehmigung bedurft hätte. Die Mitteilung an den Bürgermeister genüge nicht. Jäger legte gegen das Urteil die Revision ein. ivelche in der Verhandlung vor dem Strafsenat des Kammergerichts vom Rechtsanwalt Wolfgang Heine vertreten wurde. Das Kammergerrcht hob denn auch die Vorent- scheidung auf und verwies die Sache an das Landgericht zurück. Zur Begründung wurde ausgeführt: Es sei thatsäckilich verfehlt, ivenn daS Landgericht in diesem Falle von einer Gciichmigung spreche. Eine Genehmigung sei nicht erforderlich, Ivenn die Eltern die Kinder aus einer bestimmten Schule gänzlich herausnehmen wollten. Indessen müsse auch in diesem Falle da« Versäumen deS bisherigen Schulunterricht« genügend entschuldigt werden. In der Mitteilung Jägers an den Bürgermeister sehe das Gericht eine genügende Entschuldigung. Der Senat halte jedoch nicht für genügend dargethan, daß der Bürger- mefftcr wirklich, wie angegeben, Mitglied des SckinlvorstandcS sei. Ucbe er dieS Amt aus, dann wäre die Entschuldigung an zu- ständiger Stelle vorgebracht und I. müßte freigesprochen werden. Ein Nachspiel zur vorjährigen Reichstags- Stichwahl in München, linser Münchener Parteiblatt meldet: Wegen Vorsatz- licher leichter Körperverletzung, verübt an dem Schcnkkcllner Math. G i l ch, wurde der Redacteur deS„Südd. Postillon*. Genosse Ed. Fuchs, am L. November vom Schöffengericht zu einer Geld« strafe von 30 M. oder 6 Tagen Gefängnis verurteilt. Der Verurteilung unseres Genossen lag folgende Thatsache zu Grunde: Fuchs ging am 27. Juni vorigen Jahres(dem Tage der RcichstagS-Stich- wähl) in Begleitung semer Frau durch die Neuhauserstraße und be- merkte, wie der Schenikellner Gilch einen am Thore der Augustiner- brauerei angeschlagenen Aufruf der socialdemokratischen Partei mit dem Messer herunterkratzte, während er die Anschläge dcS Ordnungs- klllngelS unbeschädigt ließ. Fuchs stellte den Gilch zur Rede unter dem Hinweis darauf, daß das Geld der Arbeiter genau so viel Wert habe, als daS der Angehörigen anderer Parteien, worauf der Zapf- bursche meinte: DöS Gesindel brauchen wir zuerst nicht I und den fuchs weiterhin mit den gemeinsten Titulaturen belegte. FnchS, .en der Vorfall peinlich berührte, setzte mit seiner Frau den Weg fort, wurde aber von Gilch unter den ordinärsten Schimpfereien ver- ölgt. Unterwegs gesellte sich zu Gilch ein Gleichgesinnter, weshalb dem Zapfburschen der Kamm anschwoll und er beim Panoptikum Fuchs mit den Worten: Was willst jetzt. Schwab I anrempelte, während der Spießgeselle des Gilch den Regenschirm zum Schlag ausholte. Fuchs, der diesen Schlag mit dem linken Arm tariere» wollte, kam dabei etwas unsanft, aber nicht absichtlich mtt ?em Gesichtsvorsprung des ordnungsliebenden BieranzapferS in Be- ung, wodurch Gilch drei Wochen.arbeitsbeschränkt" gewesen sein will. Gilch. der einem Schutzmann Anzeige erstattete, malte den Vorfall in der ersten Instanz möglichst schwarz, so daß das Gericht zur Verurteilung des Angeklagten kam. FnchS ergriff Berufimg zum Landgericht. daS auf dessen Antrag den Termin bis nach der Entlassung Fuchs' auö dem Zellengefängnis Nürnberg vertagte. In der gestern durchgeführten Verhandlung schilderte Fuchs sowie dessen Frau und ein einwandfreier Zeuge den kritischen Vorfall wie oben angegeben, während der brave Gilch mit seiner in der ersten Instanz zemachten Aussage bedenklich in Widerspruch geriet, was vom Rechts- leistand Fuchs', Rechtsanwalt Bernstein, entsprechend festgenagelt wurde. Das Gericht hob unter diesen Umständen daS schöffen- gerichtliche Urteil auf und sprach den Angeklagten FuchS von Schuld und Strafe unter Ueberbürdung der Kosten auf die Staats- lasse frei. Ucber die rechtliche Stellung der Redactcnre und Bericht- erstatter hat daS Hanseatische Ober-Landesgericht folgende Entscheidung getroffen:„Der Redacteur einer Zeitung.' sowie dessen HilfSperional, die Berichterstatter, welchen die Aufgabe obliegt, den auS verschiedenen journalistischen Beiträgen zusammen- gestellten Inhalt einer Zeitung zu beschaffen und zu ordnen, sind weder HandlungS- noch Gewerbegchilfcn des Unternehmers. Die von beiden Teilen zu beanspruchcnde KündigungSsrist ist,� in Ermangelung einer ausdrücklichen Vcrcinbarnng.»ach den besonderen Verh'ältnislen des Falles, der Größe dcS ZeitungSunternehmenS, der Höhe des Gehalts und dergleichen nach richterlichem Ermessen fcstzu- setzen."_ Vevsammlnngett. Tie Gold- und Silberarbeitcr nahmen in ihrer letzton Ver- samnilniig Stellung zu den Maßregelungen in der Silberwarenfabrik von M e y e rh e im u. S o h n. Brückner, der über die An- gelegciihcit berichtet, stellt fest, daß mit dieser Firma eS bekanntermaßen nickt gelinge, auf gütlichein Wege etivaS zu erreichen. Zudem sei jetzt ein' neuer Werkmeister daselbst angestellt, ivclchcr ver- suche, die Löhne herabzusetzen und auch sonst die Arbeiter in allerlei Art zu bedrücken. Von diesem Herrn Mittmann sei nun auch Kollege P., der schon 8 Jahre in dem Betriebe arbeite, gekündigt worden nnd zivar wegen seiner Zugehörigkeit zum Verband. Darauf haben sich die anderen dort beschäftigten Kollegen solidarisch erklärt. Schließlich sei P. sofort entlassen worden, weil er angeblich ividcrrechtlich die Arbeit verlassen habe. Redner habe nun als Vorsitzender des Verbandes an Herrn Meyer heim ein Schreiben gerichtet nnd versucht, die Sache auf gütlichem Wege zu regeln; er habe darauf einen ablehnenden Bescheid erhalten. Die iiachsolgcnden Redner bestätigten und ergänzten die Ausführungen Brückners. Bon Trink- gclagcii, wie es in dem Antwortschreiben des FirmeninhaberS geheißen, könne gar keine Rede sein, man habe mir, wie das überall üblich, zum Frühstück seine Flasche Bier getrunken. Die Polizei sei um die Finna sehr besorgt, nicht allein, daß das HanS jetzt fast imnicr von zwei Schutzleuten beivacht würde, habe diese auch aus Ver- anlafsung des Mittmann die Verhaftung eines Kollegen vor- nehuien wollen; zu diesem Zwecke seien zlvei Beamte in die Wohnung dcS Betreffenden gekommen. Herr Mittmann, der in der Vcr- sammlnng anivesend ist, giebt das letztere zu, seine Maßnahmen im Geschüft sucht er zu rechtfertige», was ihm aber glicht gelingt. Die Versammlung erklärt schließlich, daß sie die über die betreffeude Finna verhängte Sperre als zu Recht bestehend anerkennt und wird dieselbe auch aufrecht erhalten. Die Tapezierer lFiliale Nord) hielten am 27. d. M. eine Mit- 8liedcrversa»uulmlg ab, um Stellung zu dem Ausstand bei der irma Jacob u. Braunfisch zu nehmen. Ucber die Ursachen des Streiks ivird folgendes berichtet: Herrn Braun fisch sei das feste Znsaminciihaltcii der bei ihm beschäftigten Arbeiter, die fast alle VerbandSmitglieder seien, schon längst recht niiangcnchm gewesen. Vor einigen Tage» habe er die zwei Vertrauensleute ins Comptoir gerufen und habe sie vor die Wahl gestellt, entiveder ihre Mandate iliederznlegen oder aus der Firma auszutreten. Die Vcrniittelungs- versiickie der Lohiikonimissioii scheiterten und so legten außer zweien sämtliche Tapezierer die Arbeit nieder. Zwei weitere, von auswärts zugereiste Arbeitswillige habe die Firma allerdings auch gesunden. Die Versammlung erklärte sich mit dem Vor- geben der ausständigen Kollegen einverstanden und verpflichtet sich, dieselben zu unterstützen, umsomehr, als es sich hier um die Ehre der Organisation gehandelt habe.— Ferner wird über die Arbeits- uicderlcgung dcrKollegeu bei der Firma K i m b e l u. F ri e de richse n berichtet. Dort versuche der neue Werkführer Flicgner, die bis- hcrigcn Preise auf das äußerste hcrabzudrücken, so daß sich die Kollegen veranlaßt sahen, die Arbeit niederzulegen. Zum Schluß wurde noch zur Entnahme der Strcikmarken aufgefordert. Central-Kranken- und Tterbekasse der Tischler und anderer gewerblicher Arbeiter(E. H. Nr. 3, Hamburg). Heute abend R/z Uhr im„Äuglischcii Warten". Mexanderstr. 27o, Versammlung. Im soeialwissciischastlichc» Gtudenteuverein wird am Freitag, 30. Ju Iii, Frl. M eilten einen Bortrag über Wefaligenenfürioige halten. Der Vortrag findet im Hause des Handwerkervereins, 0 Sophien- straszc 1ö statt und beginnt gegen R,« Uhr abeuvs. VermisMes. In Qnakenbrkck wiirdc ein großes Geschäftshaus durch euer vollständig eingeäschert; ein im Dachraume des HauscS untergebrachtes Pcitroiienlciger gab zu mehrfachen Explosionen Anlaß. Die Mutter deS Geschäftsinhabers ist vor Schreck gestorben. Vom Leichenbegängnis dcS Grafen Schönborn. Bei der Einbringnng der Leiche des Kardinals Grafen Schönboni i» Prag wurde ein Kavallcriepferd scheu und rannte in die Menge. Es cut- stand eine Panik und der Leichenzug geriet in Unordnung. Der Einsturz von zwei Podien vernrflchte weitere Störungen. Mehrere Personen sind schwer, 16 leicht verletzt. Marktpreise von Berlin am SS. Jwik 1809 imcli Ermittelungen deö(gl. PolizeipräsidiiimS. D.-Ctr. »IWeizen »)Noggen Futler-Gerste„ Haser gut, , mittel„ „ gering Michtstrvh Heu» f)t!rbsen« s-)Speisel0hllen. t)Lins-» Kartoffeln, neue„ Nindfletsch, Keule 1kg do. Bauch. ) Ermittelt pro 16,20 15,20 13,30 15,60 16,- 14,40 4.1« 6,30 T 1,80 1,20 Tonne Schweinefleisch Kaldfleis» Hammelfleisch Butter Eier Karpfen Aale Zander Hechte Barsche Schleie Bleie Krebse 1kg 60 Stück 1 kg per Schock 1,60 1.60 1,60 2.40 8,60 1.80 2,80 2,60 2,- 1,80 2,50 1,20 1,10 1,- 1,- 1,80 2,20 1,20 1,20 1,20 1,20 0,80 1,20 0,80 3,- 15,00 13,80 12,80 \1Ö,10 14,60 14,- 3,76 4,- 28,- 25,- 30,- 4,- 1,20 1- von der Centralflelle der Preufi. Landwirt- schastslaunner— Roticnmgöstelle— und umgerechnet vom Poltjeiprästdiuni sür den Doppel-Eentncr. H) kletiihandelspreis«. Produkten markt vom 29. Juni. Welzen und Roggen waren je 1 M. billiger zu haben. Haser lag cbenfaNö schwächer auf amerikanische Ankünste. Rüböl infolge ermäßigter Preisforderungen für indischen Raps weiter 0,20 M. nachgebend. Spiritus verkehrte in matter Tendenz. Loco 70er 15 000 Liter mit 41,50(unverändert) gehandelt. Termine leicht nachgebend.— Berlins Getreide- und Mehlzusuhren zu Wasser vom 28. Juni mittag« bis 29. Funt mittags betrugen 2525 Doppelcentncr Weizenmehl.— Eter-Bertcht vom 29 Juni. Normale Eier je»ach Qualität von 3,42'/, M. 51« 2,75 M. pro Schock. Anssortterte kleine Ware je nach Qualität 2,25 M. btS 2,30 M. pro Schock. Tendenz: Still. Briefkasten der Redaktion. Tie juristische Sprechfiimde wird TienstagS. TonnerStags»»b Freitags abends von?>/, bis 8'/, Uhr abgebalte». G. C. L. DaS Krankenhaus Bethanien, Mariannenplatz 1—3, ressortiert vom evangelischen Oberkirchenrat, hat also auch evangelische Pflegerinnen. Im Juni. Schinkestraste. Immer hundert. «ttternngSiiberstcht vom 89. Juni 1899, morgen» 8 Uhr. Stationen Ewinemde. ambnrg erlin Wiesbaden München Wien ts I6 If ZZ 762 II af Still 761IOSO 762 SW 759 O 763©O 763 St« Wetter - heiter 3 wolkig 2 heiter 3 wölken! 2 wolkig - wolkenl ** rfV *1! I» Stationen haparanda Petersburg Cork «berdeen Paris LE S 8 |« P 762 768 762 756 761 i§ et SO NO NW Wetter 2 wolkig 1 bedeckt »heiter 1 bedeckt 3 wolkig «öS «T-. i u 19 15 15 12 16 TSetter- Prognose für Freitag, be» SV. J»ni 1899. Warm und schwül bei meistens nur schwachen südlichen Winden, zu- nehmender Bewölkung und Gewitterneigung; nachher etwas lühler. Berliner Wetterbureau. SocialdemolMMer Mahlverein für den 3. Derliner Reichstags-Wahlkreis. Die gestern besonderer Umstände holder ausgefallene Versammlung findet heute, Freitag, deu 3il. Zuui, abeuds llhr, im Lokal»ovllnvr»«Hsoiii-o«;, Kommandantenstraste 57, statt. Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Genossen Reichstags-Abgeordneten HVoIksaas Hein«. 2. Diskussion. 3. Vereinsangelegenheiten.— Gäste haben Zutritt. Um zahlreiches Erscheinen ersucht 240/12 vei? Torstnnii. WW StÄrtung:"Wi Arbeiter und Arbeiterinnen Berlins! Auei ToMersumliiiip Montag, de»t 3. Jnli, abends SVo Uhr, im„Kösliner Hof", Köslinerstraste 8, Mittwoch, den 5, Juli, abends S1� Uhr, bei Stechert, Aildreasstraste 31. Tagesordnung in beiden Versammlungen: 1. Die Bekämpfung der Tuberknlose und der Verband der MetallindustrirUen. Referent: Herr Dr. C. Frendenbero. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Die Centralkommission der Krankenkafsen Berlins. 267/18_ I. 81.: E. Sirnanowskl, Gartenfit. 78. Achtung: AM" Achtung! Tßelnai'keitoi'. Am Sonntag, den 2. Juli 1899, mittags 1 Uhr, im Lokal „Englischer Garten", Alcxanderstr. 27c i Oeffentl. D evsnm ml u ng der Marmor- und Granitarbeiter. Steinmetzen, Versetzer und Schrifthauer. Tages-Ordnung: Die Zuchthaus- Vorlage. Referent Reichstags- Abgeordneter vr. J. Herzteld. 172/13 Um zahlreichen und pünktlichen Besuch ersuchen _ Die Vertrauensmänner: P. Schrot. F. Fischer. Aauarveiter! Den Kollegen zur Nachricht, dah sämtliche Filialen, welche in der Zeit der Aussperrung eingerichtet worden sind, am Montag, de» 3. Juli, aus- gehoben werden; die Kollegen werden daher ersucht, sich betreffs Ab- stempelung nach dem Central-Burcau, Neue Jakob- und Jiiselstraffen Ecke, zu bemühen._[30/16] Die Lohnkommission. Freireligiöse Gemeinde. Lokal- Uni) ZeitmaMMg sör die Solllltags- Vortrage. Vom Juli an finden die Vorträge im grossen(oberen) Saale des Englischen Gartens. Alexanderstraße L?e (zwischen Blumen- und Magazinstratze), vormittags 10'/« Uhr, statt. Gäste sehr willkommen l 949b DkuWr Dolsllrlititer-ilkrbanii. Heute Freitag, abends 8V. llhr, bei vodn, Beuthstr. 30-21: Sitzung; der Orts» Ter waltnng. Verein der Bananschläger Berlins und Umgegend. Am Sonntag, den 2. Juli, vormittags lO'/s Uhr, im Lokal des Herrn Buske, Grenadicrstraße 33: Genersl- Verla nmtlunfl Tages-Ordnung: 1. Aufnahme neuer Mitglieder. 2. Kassenbericht. 3. Antrag Jühling. 4. Antrag Pfeffer. S. Verschiedenes und Fragekasten. W?- Beiträge werden nur in der Zeit von 10—11 Uhr entgegen genommen. 33/3 Tie Dampferpartie findet am 17. Juli statt. Abfahrt früh 7 Uhr„Spreeterrasse-(Jannowitzbrncke). Her Torstand. Uttblind der Sattler imii Tapezierer. Filiale Berlin l. Sonnabend, den 1. Juli, abends 9 Uhr, im„Englischen Hof-, Neue Roftstratze 3: WF" Atikglirdcr-NrrlÄmmlung'�ZU Tages- Ordnung: 1. Vortrag des Genossen.A.dolk HolTiiiunn über:„Himmel, Hölle, Erde und ihre Bewohner." 2. Diskussion. 3. Ergänzungswahl zur Agitativns- Kommission für Brandenburg. 4. Verschiedenes. Um zahlreiches und pünttliches Erscheinen ersucht 167/3 Her Torstand. Fr. Vereinigung der Stereotypeure u. Galvanoplastiker Berlins und llmgegend. Den Kollegen hiermit zur Nachricht, dass unser Mitglied Alois Clmeiuei* Um zahlreiche Beteiligung ersucht Berlin, den 29. Juni 1899. Her Torstand. Centraiverband der Maurer Filiale Berlin II. Am Dienstag, den 27. d. M.,«er- starb nach schwerem, langem Leiden unser Mitglied ftvalä Uticht im Alter von 37 Jahren. Ehre seinein Andenken. Die Beerdigung findet am Freitag, den 30. d. M., nachmittags 3 Uhr, auf dem Zwölf-Apoftel-Kirchhof zu Schüneberg statt. 136/20 Um rege Beteiligung bittet Der Vorstand. Geffentlilize Versammlung der Bauarbeiter (Vertrauensmcimier-Centralisation) am Sonntag, den 3. Jnli 1899, nachmittags 2 llhr. im Englischen Garten, Alexnnderstrasie 37 e. 31/10 Tagesordnung: 1. Bericht über die Aussperrungen der Bauarbeiter und unser Sammelwesen. 2. Diskussion. 3. Der eingesandte Lohntarif an die Mnurenueister und Verschiedeucs. Ter Bertranensmanu. Verband der Bau-, Erd- und gewerbl. Hilfsarbeiter Deutschlands Sonntag, den 2. Jnli, vormittags 11 Uhr: Mitglieiier-Vcrsaiüiilllliig der Zllhlsttlle Berlin III im Lokale des Herrn Kranz, Bndstrasie 12. Tagesordnung: Bortrag, Vcreinsangelegenheiten und Verschiedenes. 066b__ Die Ortsverwaltniig Berlin I». Verband der Bau-, Erd- und gewerbl. Hilfsarbeiter Deutschlands (Zahlstelle Berlin 1). Solmtag, den 2. Jnli, vormittags 11 Uhr» in Feuersteins Festsäle», Alte Jakobstraste Nr. 75: Mitglieder-Versammlung. Tages-Ordnung: 1. Abrechnung vom 2. Quartal 1899. 2. Festsetzung des Besuchs der Treptow-Sternwarte. 3. Verbandsangelegenheiten. 32/16 Gäste willkommen. Neue Mitglieder werden aufgenommen. Hie OrtsverwaltnnK. Centraiverband der üanrer Deutscblands Zahlstelle Berlin I(Putzer). Sonntag, den 2. Juli. 1899, vormittags>1 llhr, im grossen Saale der A.rimnliallen, Kominandantcn- Strasse 20: WW"' Mitglieder- Versammlung. Tages-Ordnung: 1. Di« Einführung der Tarifgemeinschast(korporativer Arbeitsvertrag) bei den Putzern. 2. Verschiedenes. Die Kollegen der llnterstützungs-Kommission werden ersucht, um 9 Uhr beim Kollegen Klebe». Seydel- und Grünstrassen-Ecke, zu sein; auch wird ersucht, die Sainnicllisten zum Streiksonds an die Kommission abzuliefern. 134/14 Hie Srtllchc Terwaltnng. Btltill kt LciltMtWm Berlins und Umgegend. Sonntag, den 2. Jnli, vormittags 9 Uhr, im Lokale des Herrn Zubeil, Lindenstr. 106: KenerAß-HfepssmmLunci. Tages-Ordnung: 1. Vorstandswahl. 2. Errichtung von Zahlstellen. 3. Verschiedenes. 962b Achlmig! Maurer. Achtimg! 31m Freitag, de» 30. Juni, abends 8 llhr, Bergstrasse bei Herrn «Ilnilte(Deutsches Wirtshans): GroZe Vechiilmliing kt Maurer von Rirdors-Brih. Tages- Ordnung: Unsere Aufgaben auf Grund des jetzigen Einiguugsvertrages. Diskussion. 137/1 Der Borstand. I. A.: Otto lehmann. Achtung! Musikinstrumenten-Arveiter. Laut Beschluß der öffentlichen Versammlung vom 21. Juni sind die Kollegen verpflichtet, zum Streik- und Unterstützungsfonds womöglich 50 Pf. wöchentlich zu entrichten. Marken und Karten werden von jetzt ab Naunpnstrasse 78 bei Clrnndmann ausgegeben. Die Delegierten werden aufgefordert, dieselben zu entnehmen und schnellstens abzurechnen. 142/6 Der Vertrauensmann: J. Arendt, Skalitzerslr. 103 II. Bekanntmachung. Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kenntnis, dass wir den Rechtsanwalt Herrn Hugo Wolffenstein in Berlin, Älexandersir. 33, mit der Einziehung der rückständigen und fällig werdenden Monatsbeiträge für die aml7.Märzl899 aufgelöste ttllgem. Voücs-Kranlcenicasse E. H. 126 zu Berlin beauftragt haben. Wir ersuchen die Mitglieder genannter Kasse deshalb, alle Zahlungen nur an den genannten Rechtsanwalt zu leisten. Berlin, 22. Juni 1869. 963b der am 17. März 1899 ausgelösten tUIxem. Volks-Krankenkasse E. H. 126 zu Berlin. Schiele. Rudolph. Kallnowski. Tollbrecht. Lehmann. Siebert. RelhtöschOumll Auker führt alles durch. Invalidenstr. 126. II. Butter-- Mschwareit- üfliiülmg.®'ä" Empfehle garantiert echt Ost- prenssische Landschinken, im ganzen a Pfd. 0,96 Pf., wie auch feinste Tafelbutter von 1 M. an. Richard Endom.SSrSr Lieferant des 9396 Rabatt-Sparverems„Süd-Ost". 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Johannis- tbal: S e n f t l e b e u, Restaurateur.— Adlershor: Max Worbs, Metzerstr. 4.— Trledenan-Stesllt�: H. Berufe«, Kirchstrasse lo in Friedenau. Bestellungen nehmen entgegen in Steglitz: H. Mohr, Dsippelflrasse 8, und Fr. Schellhase, Ahornstr. 16a.- Sann». schnlenweg; Godel, Baumschulstr. 32, v. III.— Ten» Wcissensee: Spediteur Heinrich Bachmann, Lehderstratze 1, pari, links. Ausserdem ist sämtliche Parteilitteratnr sowie alle wissenschaftlichen Werke dort zu haben. Auch werden Inserate für den„Vorwärts" entgegengenommen. Nm q v n er n e Angabe der Adresse wird Ävingvnd gebeten. Bitte ansschneiden! m W fro> r?* Pfennig. Jedes Wort; � aas erati Wort fett, Worte mit mehr als Buchstaben zählen doppelt, fCIeine ßnzeigen. in den Annahmestellen für Berlin bis 2 Uhr, für die Vororte bis 1 UhrM in der Hauptexpedition Beuthstr, 3 bis 4 Uhr angenommen._ Verkäufe. Baustellen. Grossartige Zukunft hat eine neuentstandene Kolonie dicht an der Chaussee. Bauerlaubnis um- gebend. Rute 26 M. 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Fränkel, Dahme, W o l d e r s k ff, S ch w a h n, Fischer. L a n g e u. a. beteiligten. er hierzu gestellte Antrag Fisch: Daß bei Beteiligung eines Predigers beim Begräbnis eines verstorbenen Mitgliedes kein Kranz niedergelegt werde, wurde mit geringer Mehrheit ab- gelehnt. Dagegen gelangte ein Antrag S ch iv a h n: Bei Bccrdi- giiiig von Mtglicdern ist st e t s ein Kranz dann»icderzntcgen, wenn die Angehörigen des Verstorbenen sich dies nicht ausdrücklich verbeten habeij. mit großer Mehrheit zur Annahm c. Vor Schluß der Versammlung teilt der Vorsitzende noch mit. daß Karten für die Stern warte. in Treptow in allen Zahlstellen des Wahlvcreins zu ermäßigten Preisen zu haben sind. Eine von der Ceiitralkommission der Krankenkassen Berlins einberufene Versammlung von Kranfcnkafsen-Vorständcn und Vcrwaltungsbeainten tagte am DicnStag in der Berliner Ressource. Vertreten waren 68 Orts-, Betriebs-, Junnugs'- und Hilfskassen. Dr. Friedeberg erstattete Bericht über de» Krankenkassen- und den Tuberkulose-Kongreß. Er sagte unter midcrm: Der K r a n k e n k a s s e n- K o n g r e ß sei die bedeutendste Veranstaltung, welche die Krankenkassen Deutschlands bisher ins Werk gefetzt haben. Pia» könne hoffen, daß das geeinte Vorgehen der Krankenkassen Deutschlands Erfolge bringen werde. Ter Zusammenschluß der Kassen sei durch den Kongreß angebahnt, es nuisse daraus mit der Zeit eine Organisation werden, nicht zu geschäftlichen Kasscnangelegcnhciten, sondern eine Organisation, die auf die Arbcitervcrsicherungs- Gesetzgebung einzuwirken hat, und bestrebt ist, diese im Interesse der Versicherten zu beeinflussen. So- wohl auf dem Kongreß, Ivie nachher in verschiedene» Zeitungen sei gesagt worden, die Krankenkassen-Bewegung sei nichts anderes als ein Ableger der Socialdemokralie. Demgegenüber müsse betont werden, daß die Krankenkassen-Bewegung eine rein proletarische, aber keine parteipolitische ist. Gewiß decke sie sich in mancher Hinsicht mit den Bestrebungen der Socialdeniolmtic, ebenso wie viele andere Be- strebungcn, welche einen kulturelle» Fortschritt bedeuten.— Bezüglich des T» b e r k i> l o s e- K o n g r e s s c s bemerkte der Redner, die Centralkonmiisfion habe recht gethan, wenn sie die Beschickung des Kongresses den Krankeiikassen empfahl, und es sei erfreulich, daß diese in großer Zahl sich vertreten ließe». Es könne heute keine Kulturnufgabc gelöst werden ohne Beteiligung des organisierten Proletariats. Der Tubcrlnlosc-Kvngrcß habe die verschiedenen socialen Schichten des Volkes, die in Deutschland noch schärfer voneinander gc- schieden find, wie in England und Frankreich, einander näher gebracht. Dieser Ilmstand sei nicht zu unterschätzen, erwirke mit zur Forderung der Bestrebungen des Proletariats. Der Tuberkulose-Kongreß habe vielleicht mit dazu beigetragen, daß die bürgerlichen Parteien im Reichs- tage fast einmütig gegen die Znchtbansvoriage aufgetreten sind. Kein Arbeiter habe Grund, mit dem Tubcrknlose-Kougrcß unzufrieden zu sein. Die Vertreter der Arbeiter haben durch ihre Teilnahme am Kongreß nichts von ihren Grundsätzen aufgegeben, sondern im Gegenteil ihre Stcllung klar und deutlich zu erkennen gegeben, indem sie betonten, daß nur das freieste Koalitionsrccht die Arbeiter in den Stand setze. sich solche Lebensverhältnisse zu erringen, die der Verbreitung der Volksseuche Einhalt gebieten.— N i t s ch k e lBäckerl erinnert an eine kürzlich abgehaltene Versamm- hing im sünften Wahlkreise, wo Dr. Wehl das Verhalten von Arbcitervertrctcrn auf dcni Gartenfest beim Reichskanzler monierte, und gesagt habe, die daselbst anwesenden Arbeiter hätten die abfällige Bcmcrknng, die ein Bäckermeister im Gespräch mit dem Reichskanzler über die Bäckcreiverordnung gemacht habe, unwidersprochen gelassen. Redner benierkt demgegenüber, er und fein Kollege Schneider, die beiden Arbeitervertrctcr der Bäckerkasse, hätten an dem betreffenden Gc- sprach mitdemReichskanzlerteilgenommenund demselben gesagt, daß die Arbeiter mit der Bäckereiverordnung sehr zufrieden seien und daß sich der günstige Erfolg derselben durch die Statistik der Krankenkasse nachweisen lasse. Redner legt Wert darauf, daß dies festgestellt werde, da bezüglich des Gesprächs der Bäcker mit dem Reichskanzler unzutreffende Äeußerungen durch die Presse gegangen seien.— Dr. Friedeberg meint. Dr. Wehl hätte besser gethan, seine un- berechtigte Kritik über die Teilnahme am Gartenfest des Reichs- kanzlers zu unterlassen. Der Besuch des Festes werde wohl die politische Meinung der Teilnehmer nicht erschüttert haben. Eine lebhafte Diskussion rief der zweite Punkt der Tages- ordnung hervor. Es handelt sich um folgende Angelegenheit: Die C e n t r a l k o m m i s s i o n hat kürzlich eine neue Auflage der Broschüre„Zur Schwindsuchtsbekänipfung" veranstaltet und der Broschüre einen Anhang gegeben, worin hygienische Maßnahmen zur Verhütung der Schwindsucht empfohlen werden. Der Vorstand der neuen Maschinenbauer- Krankenkasse hat dem Verband der Metallin du st riellen eine Anzahl dieser Broschüren zur Verbreitung unter den Arbeitern übersaudt, der Verband der Metallindustriellen hat aber die Verbreitung abgelehnt, und die Broschüren zurückgeschickt. Die Herren Metallindustriellen nahmen Anstoß an einem Passus der Broschüre, welcher dem Sinne nach un- gcfähr sagt, daß lange Arbeitszeit, Accordärbeit lieberstunden usw. die Wider st andsfähigkeit der Arbeiter gegen Krankheiten schwächen, und daß demnach in besonders gesundheitsschädlichen Betrieben der A ch t st u n d e n t a c anzustreben sei. Der Verband der Metallindustriellen häl" aber aber die zehnstündige Arbeitszeit, Accordärbeit und lieber stunden für notwendig, er ist der Meinung, daß durch den betreffenden Passus der Broschüre die Arbeiter unzufrieden gemacht und zu Streiks angereizt und dadurch die Industrie geschädigt werde. Der Vorsitzende der neuen Maschinenbauer- Krankenkasse, Franz Lieben, hat sich dem Verband der Metallindustriellen gegenüber wegen der Zusendung der Broschüre entschuldigt und ist den Herren noch weiter entgegcngekvininen. indem er erklärt hat, er werde bei dem Magistiatslommissar dahin vorstellig werden, daß den Krankenkassen die Verwendung von Mitteln zur Herausgabe derartiger Schriften untersagt werde. In der Versammlung fand sich in der Person des Buchdruckerei- bcsitzcrs S ch o l e m ein Verteidiger des Vorgehens der Metäfr industriellen. Die Ansfübrnngen dieses Redners wurden von allen andere!! Rednern mit lebhaftem Protest zurückgewiesen, ebenso ent- schieden verurteilte man das Verhalten des Verbandes der Metall industriellen und des Vorsitzenden der neuen Maschinenbauer Krankenkasse. Eine Resolution, die sich entschiede» gegen das Vorgehen des Verbandes der Metallindustriellen und die in dem Schreiben desselben niedergelegten Anschauungen ausspricht, wurde angenommen. Die Centralkomnnssion wird in dieser Angelegenheit ztvci VolksvcrsanUnlnngen einzuberufen. Die selben finden statt: Am 3. Juli im Köslincr Hof, am ö. Jnli in den Andreassälen. Hierauf wurden ErgänzungSwahlcn zur Eentralkommission vor genommen, welche folgendes Resultat hatten: Dr. C n r t Freuden- b c r g, K o h n(Orts- Krankenkasse der Kauflente), H o f f m a n n (Jnnnngs-Krankcnkasfe der Töpfer). Der Fachvcrci» der Tisrhler hatte ani 26. Juni eine außerordentliche Generalversammlung einberufen. Zur Erledigung standen der Kassenbericht und Antrag des Vorstandes: Auflösung des Vereins. Der Bericht des Kassierers gicbt ein Kassenvermögcn von 4897, 6g M. an, außerdem iveist der llntcrstütznngsfonds die Summe von g.2S M. auf. Der Antrag des Vorstandes, den Verein auf zulöscn, tvird nach kurzer Debatte gegen 2 Stimmen ang'cnonimen. Das Gesamtvcrmögen des Vereins soll der Berliner Zahlstelle des Deutschen Holzarbeiter-Verbandes überwiesen werden. Der bisherige Vorstand fit als Liquidatioiis-Kommission ernannt und wird zur Zeit Bericht erstatten. Der Ceutralverbnnd der Zimmerer, Zahlstelle Berlin und Umgegend, hielt am Mittwoch eine gut besuchte Versammlung in den „Arminhallcn" ab. Es wurde darüber beraten, welche Fordcrnngen an die Unternehmer gestellt werde» sollen. Der Referent K n b e wies auf die Einigung im Maurergewerbe hin und meinte, nachdem die Lohn- und Arbeitsbedingungen der Maurer von dem Eimgmigs- amt festgelegt worden sind, sei es unerläßlich, daß auch eine Regelung rcsp. Anfbefferung der Löhne der Zimmerer gefordert lverde. Es soll zunächst versucht werden, dies auf friedlichem Wege durchzusetzen, und entsprechende Anträge an die Ilnternchmcr gestellt werden. Da die Maurer es übel empfunden bätten, daß sich nicht beide Organisationen über die zu stellenden Forderungen geeinigt haben, so habe der Vorstand des Ccntralvcrbandcs der Zimmerer mit der lokalen Richtung Fühlung genommen und ein gemeinsames Vorgehen sei in die Wege geleitet. Der Redner empfahl im Namen des Vorstandes folgende Resolution: Tie Versammlung beschließt: Für die Zukunft einen Stunden- lohn von 65 Pf. zu fordern! ferner werden alle die übrigen Forderungen betreffend Schutzvorrichtungen bei Bauten, winterliche Arbeitszeit usw., welche zu wiederholten Malen von den Arbeitern gefordert, aber bis heute nicht voll und ganz durchgeführt sind, von neuem erhoben. Die Versammlung erklärt jedoch, nicht ohne weiteres die Arbeit niederlegen zu wollen, hält es vielmehr im Interesse beider Teile für ziveckmäßig, vorher eine Verständigung anzubahnen. Zu diesem Zivcck wird der Vorstand der Zahlstelle Berlin beauftragt, sobald die lokalorganisicrten Kameraden dazu iellung genommen haben, gemeinschaftlich mit diesen an den Ar- beitgeberlnind heranzutreten und demselben obige Fordcnmgen zu unterbreiten.— Alles weitere wird dem Vorstände überlassen, eventuell hat derselbe auch die Vertretung der Vcrbandsmitgliedcr vor deni Einignngsamt zu übernehmen.— Sollte wider Erwarten auf diesem Wege ein Resultat nicht erzielt werden, so ist sofort eine gcincinschastliche Versammlimg beider Richtungen einzuberufen, ivelche über weitere Maßnahmen Beschluß zu fassen hat. Es folgte eine längere Debatte, lieber die vom Vorstand gc- machten Vorschläge herrschte im großen und ganzen Einmütigkeit, nur in nebensächlichen Punkten wurden ablveichendc Meinungen laut. Tie von den Maurern aiigcuommenen EinigungSbedingniigen wurden gleichfalls berührt und teils als Erfolg begrüßt, teils als nicht weitgehend genng bezeichnet. Die vom Netcrenten eingebrachte Resolution fand schließlich An- nähme gegen 3 Stimmen. Köpenick. Die Zahlstelle des Verbandes der im Transport-, Verkehrs- und Handelsgewerbe An- gestellten hielt am 24. d. M. ihre Versammlung ab. Nach Er- ledigung einiger geschäftlicher Mitteilungen wurde die Wahl von drei Revisoren vollzogen. Gewählt wurden Nenner, Scherf- l i n g und I a k o b i. Die nächste Versammlung findet am 8. Juli im Lokal von Meyer statt, in der neue Mitglieder aufgenommen werden. Tie Sattler, Täschner, Treibricmen-Arbeitcr»ind ver- wandten BcrufSgcnosscn hielten am Mittwoch eine öffentliche Ver- sammlung bei Spi'egclbcrg, Sebastianstraßc, ab, in der Frau Mesch über:„Die Zuckithansvorlage und der gcwcrkschaftlickie Kämpf" referierte. IDic Rcdncrin eriimxrte daran, daß der Tuberkulose- Kongreß, auf welche»! von den Männern der Wissenschaft festgestellt worden ist. daß die ungeheure Volksseuchc, die Schivindsncht, im wesentlichen nur in der schlechten Lebenshaltung der Arbeiter- bevölkcnmg ihre Ursache hat. zur selben Zeit in Berlin tagte, als die Znchthausvorlage geboren wurde, nach deren Bestimmungen- das winzige Koalitionsrecht völlig illusorisch und damit die Besserung der Lebensverhältnisse für die Arbeiterschaft unmöglich gemacht wird. Die Rcfcrentin unterzog die Znchthausvorlage in ihrer ganzen Fassung samt der famosen Denkschrift einer treffenden Kritik und plädierte sodann für den festen Zusammenschluß in der Organisation, damit die Pläne der Reaktionäre. die Arbeiter gänzlich zu knebeln und noch nichr herabzudrücken, vereitelt iverden und nni mit Hilfe der Organisation die schlechte Lage der Arbeiterklasse besser zu ge- stalten. Ter Vortrag wurde von den Versammelten mit lebhaftem Beifall anfgenomnien. Als Delegierter zur Gewerkschaftskommission wurde hieraus I. S a s s e u b a ch gewählt und zum Schluß bekannt gegeben, daß am Sonnabend im Lokale Roßstraße 3 eine Versamm- lung der Filiale I stattfindet. Zu den Differenzen in der Tabakarbciter-Genoffenschast. Zu unseren Notizen in Nr. 124 und Nr. 12S betreffend die Tabak. arbctter-Geiiossenschaft sendet uns Genosse v. Elm noch nachstehende Erklärung, die wir aus seinen besonderen Wunsch hier zuni Abdruck bringen, ohne unserseits nochmals in die Beurteilung der Vorkominniffe ein- zutreten. Nachdem sich in Hamburg mit der Angelegenheit des sogenannten Reverses der Tabakarbeiter-Genossenschaft zwei grobe öffentliche Versamm- lunge» beschäftigt haben und in denselben alle Beteiligten zu Wort gekommen sind, dürste eine kurze objeltive Darstellung der Vorgänge wohl im allgememen Interesse erwünscht sein. � �.. Die indirekte Veranlassung zu dem sogenaimten ReverS gab die Kündigung meiner SteNnng als Geschäftssührer der Genossenschaft. Dieselbe erfolgte weil das fernere Zinäminenarbeiten mit dem Kassierer und Buch- Halter in der Genossenichaft mir im Interesse derselben nicht länger ratsam schien, für mich personlich geradezu unleidlich geworden war. Schon ieit längerer Zeit bestanden persönliche Differenzen, welche dl« Abwickelung der Geschäfte wiederholt miangenehm störten, sie zum Teil direkt zur Unmöglichkeit machte». Nachdenr ich die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß die Betreffenden auch auberhalb der Genossenfchast, nach meiner Meinung ans persönlicher Gehässigkeit, gegen mich zu wirke» versuchten. war für mich das Mab des Unerträglichen voll— ich kündigte. Der Anfsichtsrat der Genossenschaft hielt es für seine Pflicht, zunächst den Versuch einer Vermittclung zu machen. Da ich in meine»! Kiiiidigungs- schreiben u. a. angeführt hatte, daß die Betreffenden trotz ihrer eigenen, den Mitqlicdcrn des Ausflchtsratcs gegenüber wieder- holt abgegebenen Erkläning, für eine Verschmelzung eines in Hamburg seit I8öS bestehenden LebcnsmitteloerteililnaS-BeremS mit der nengegrüiideten Genossenschaft„Produktion" zu wirken, doch in gerade ent- gegcngcsetzlcm Sinne handelten, um dem Aufsichtsrat dadurch zu bewersem daß d»s Wesen der Betreffenden a» innerer Unwahrheit kranke und nach meinem Dafürhalten auch in diesem Falle für sie wiederum nnr daraus an- komme, mir- als dem an der Leitung der Genoffenschast„Produktion- Beteiligten— persönlich entgegen zu arbeiten, so glaubte der Anfsichtsrat durch eine schriftliche Bestätigung der eigenen Absichten der Genannten den Beweis erbringen zu können, dag ich mich im Irrtum befände. So entstand der sogenannte Revers, den man, namentlich nachdem der- selbe der Oefsentlichkeit ohne daS Wie und Warum übergeben wurde, wohl als eine Ungeschicklichkeit bezeichnen kann, dem aber lediglich die gute Absicht zu Grunde sag, den Frieden in der Genoffenschaft wieder herztistellen. Der Anfsichtsrat selbst— und dieser Irrtum ist ihm so verhängnisvoll geworden- glaubte in seiner Mehrheit trotz der entgegenstehenden Hand- lungeii der Betreffenden, an die Ehrlichkeit ihrer Absichten und sagte sich, warum sollen die Leute, was sie Dutzende von Malen uns m ü n d l i ch erklärt haben, nicht auch in irgend einer Form(diese war, wie in einem au den Kassierer gerichteten Begleitschreiben zu dem sogenannten ReverS aus- drücklstli betont wurde, ganz Nebensache) schriftlich erkläre». Für den Anfsichtsrat handelte eS sich gar nicht darin», die Betreffenden zu bc- stimmen, in dem angegebenen Sinne in dem ISüöer Verein zu wirken, sondern mir mir zu beweisen, dag ich mich getäuscht hätte. Eine Ein- Wirkung auf die inneren Angelegenheiten des über Vereins lag dem Anssichtsrat vollständig fern, was am besten daraus erhellt, daß kein einziges Mitglied desselben dem öüer Verein angehörte, um dort eine Thätigkeit in dem angegebenen Sinne zu unterstützen. Dies wird auch weiter dadurch bc- stätigt, dag. als der Kassierer sich bereit erklärte, sich mit mir persönlich aus- cinanderznictzeil und auch ich auf wiederholtes Ersuchen in eine Unter- reduiig willigte, von einer schriftlichen Erklärimg keine Rede mehr war. Die Unterredung kam nicht zu stände, weil der Kassierer am nächsten Tage dieselbe wieder in mich persönlich beleidigender Form ablehnte. Durch die auch m den nächsten Tagen sich ständig widersprechenden Erklärungcek des Kassierers spitzten sich die Dinge immer mehr zu, so daß eine sriedliche Schlichtung der Gegensätze einfach unmöglich war.„, Di- Gründe, die dann zur Kündigung deS Buchhalters führten, waren in erster Linie geschästlichcr Natur und wären eriolgt auch ahne die sonstigen Differenzen. Die letzteren gaben nur die Veranlassung, das, sich der Anssichtsrat wieder einmal danach erkundigte, wie der Buchhalter wiederholt im Interesse des Geschäfts beschlossene Mahnahmen zur Ans- ührung gebracht hatte. Da sich hierbei herausstellte, dah derselbe die gc- .igten Beschlüsse trotz wiederholter Ermahnungen völlig unberücksichtigt gc- laffen, so erfolgte deshalb die Kündigung desselben zun, 1. Juli d. I. Deut BuchhSltcr wurde von diesen Gründen Mitteilung gemacht. Das Verhältnis der Betreffenden zum Auisichrsrat der Tabakarbciter- Äcnofftnlchast ist nun nicht zu vergleichen dem Arbeitsverhältnis eines Arbeiters zu seinem Arbeitgeber. Sowohl der Kassierer als auch der Buchhalter waren an der Leitung des Geschäfts beteiligt, beide sind Mitglieder der Tabakarbeitcr- Gcnoffemchast. Die entscheidende Instanz in derselbe» ist die General- Versammlung; diciclbe wurde sofort zum 25. Mai d. I. cinbenisen. In desselben war es dem Buchhalter sowohl als dem Kassierer möglich, gcycn den Anfsichtsrat Stellung zu nehmen und zu beantragen, gesagte Beschlüsse derselben auszuheben resp. dessen Anträge abzulehnen. Weder das eine, noch das andere ist gcichcben. Der Buchhalter hat gegenüber dem Vorsitzenden des Anssichtörats ausdrücklich aus eine Beschwerde gegen die Kündigung ver- , zichtet; glaubte er, dost ihm unrecht geschehen, so war es jedenfalls seine Pflicht als Genosse, dieses>» der Generalversammlung zu erklären; einzig und allein die letztere hätte eine nnparteiische Prüfung der KündigungSgründ« veranlasse» können. Der Buchbaltcr war in der Generalversammlung an» »vesend! er schwieg dort, wo es als Genosse seine Pflicht war, zu reden, um dann am nächsten Tage in dem ISötzer Verein, woibm, weil dieselbe» dort keine Mitglieder waren, von den AusstchtöratS- Mitgliedern niemand auNvorten konnte, die unbegründetsten Angriffe-legen dieselben zu richten. Der Kaisicrcr selbst erklärte in der Generalversammlung, daß er onerlcnnen müsse, daß sich der' Aussichtsrat alle erdenkliche Mühe gegeben, die Differenzen ansziiglcichcn, eS sei dieses noch seiner Meimnig überhaupt unmöglich, da die- selben schon seit längerer Zeit beständen, dieselben würden auch durch eine schriftliche Erklärung über seine Absichten im ötzer Verein nicht aus der Welt ge- schafft worden sein. Da er überzeugt sei, daß für seine Person als Kassierer leicht Ersatz gelchoffen werden külinle, es dagegen schwer halten dürste, de» GeschSslssühierpvsteil in geeigneter Weise neu zu besetzen, für ihn auch gar kein Zweifel dnrtiber herrsche, wie die Generalversammlung in der Frag» eiitjcheideii würde, endlich durch die Zuspitzung der Dinge es ihm, selbst wenn die Gencralversommlimg anders entscheiden würde, auch ganz un- möglich sei, mit dem bisherigen Anssichtsrat fernerhin harmainsch zusammen zu arbeiten, so iündige er seine Stellung als Kassierer der Genossenschaft. Diese Kündigung wurde dann mit 6K gegen 5 Stimmen leileiis der Generalversammlung angenoimnen»nd in Uebcrcilisiilnmnng mit den WNiischen deS Kassierers der Abgang desselben aus 4 Wochen nach Schluß der betr. Woche sestgescyt. Auch in der öffentlichen Versammlung wnrde ansdiücklich von dem Kassierer anerkannt, daß der sogenannte Revers nur den Zweck habe, den Frieden in der Genossenschaft wieder herzustellen, nicht etwa, eine Maß- rcgelnng vorzunehnien. In Ucbereinstimmung mit dieser Erklärung Hai denn auch die öffent- llche Versammlung(deren Eiiiberusuiig zur Klärung der Sache notwendig war, nachdem in der Versammluim des 56er Vereins, in dem die organisierten Arbeiter jedenfalls die Minderheit bilden, dessen Leitung bis vor kurzem noch vollständig in bürgerlichen Händen lag, eine völlig falsche Darstellung der Angelegenheit gegeben war und diese durch den Bericht Über die Versammlung Aufnahinc in der gesamten Presse fand) mit großer Mehrheit lolgcnden Beschluß gefaßt: „Die Versammlung erklärt nach KemiiniSnahine der in der Tabakarbeitcr- Genossenschast vorgekommenen Streitigkeiten sich nicht für kompetent, über diese»ein internen Gcichästsniigclegciiheiicn ein Urteil zu fällen, erkennt jedoch an, daß der in Betracht kämmende Revers nicht dazu dienen sollte, Maßregelungen hcrbciznsiikreii, sondern dazu, den Frieden und das gute Einvernehmen zwischen den Vorstandsmitgliedern genannter Genossenschaft wieder bcrznstcllcn Aus dem Bcglritichrcibcn des Reverses wie aus den Bekundungen der Anssichtsraie-Milglicder geht hervor, daß von den Herren Würfel und Stromberg nnr eine schriftliche Bestätigung ihrer vorher ge- machten mündlichen Aussogen verlangt wurde." Da es nch bier rnii cm genoffenichaftliches Arbeiicrunicrnchme» handelt, dem laut Statut nur organisierte Tabakarbeitcr als Mitglied angehören können, in welchem die Auszahlimg jeglicher Dividende onsgeschloffen ist, dcsien Vermögen bei eine: eventuellen Auslösung laut Statut den an- crlaiiincii Tabakorbeiter-Orgaiiisationen zufällt, hielt der Unterzeichnete sich verpflickllet, als Geschäftsführer der Genoffeilschaft, die vorstehende wahrheits- icmäße Schilderung der Vorgänge zu geben und ist überzeugt, durch die- elbe zur Zerstreuung vieler irrtümlichen Anichanungei» über die Angelegenheit beigetragen zu haben. A. von Elm. Biit den Jukalt t>er Inserate ül'eriiiniint die Rcdakiivn t>c»i Piililikmil ftestennber keinerlei VeraniNiorinna. Ghrnkrv. Freitag, den 30. Juni, Opernhaus. Der Freischütz. Anfang 7V, Uhr. DchaniPielhauS. Maria Stuart. Anfang 7Vi Uhr. Tentsches. Die Jüdin von Toledo. Anfang 7>/i Uhr. Residenz. Der Schlafwagen- Eon- trolenr. Vorher: Znui Einsiedler. Anfang 7'/- Uhr. 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