Sozialdemokrat Zentralorgan der Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik Erscheint mit Ausnahme des Montag täglich früh/ Einzelpreis 70 Heller Berantwortlicher Redakteur: Karl Kern, Prag Aus dem Inhalt: Sittlichkeitsaffäre in Komotau Das Schlußwort des Fürsorgeministers Keine Pensionskürzungen Enttäuschung in USA über Brüssel Redaktion und Verwaltung: Prag XII., Fochova 62Telephon 53077- Herausgeber: Siegfried Taub 17. Jahrgang Freitag, 26. November 1937 Budgetausschuß bestätigt die Grundsätze des 18. Feber Auch die SdP muß dafür stimmen 190 102 195 Koalition übernimmt einen Resolutionsantrag Jaksch- Mayr- Harting- Viereckl Pra g. Programmgemäß beendete der Budgetausschuß am Donnerstag abends feine( stitutionen nach dem Bevölke. Beratungen mit der Abstimmung über das Budget, über das Finanzgesetz und die hiezu einge- rungsschlüssel zu erfolgen. brachten Refolutionen. Abänderungsanträge zum Budget wurden diesmal auch von der Oppofition nicht überreicht. Es lagen lediglich von der SdP und von der Nationalen Vereinigung zwei Anträge nach der Richtung vor, die Abstimmung über das Budget bis zur Durchberatung der Bedeckungsvorlagen zu vertagen, was von der Mehrheit jedoch abgelehnt wurde. Als großer politischer und moralischer Erfolg der deutschen Regierungsparteien darf es gewertet werden, daß der Ausschuß einen als Resolution der gesamten Koalition gekennzeichneten Antrag der Abgeordneten Jaksch, Mayr- Harting und Viereckl annahm, der die Regierung bei der Verwendung der Budgetmittel auf die genaueste Einhaltung des Grundfazes der gerech ten Proportionalität im Sinne des Abkommens vom 18. Feber festlegt. Wie erinnerlich, hat Genosse I aksch in der Generaldebatte zum Budget einen diesbezüglichen Antrag formuliert, der dann vom Ministerpräsidenten Dr. Hodža in seiner Ausschuß rebe unter gewiffen Einschränkungen aufgegriffen wurde. In weiteren Verhandlungen ist es gelungen, die gesamte Koalition auf diese neue feierliche Bekräftigung des 18. Feber zu verpflichten. Bezeichnend ist es, daß auch die Sdp, die doch seinerzeit den 18. Feber als nationalen Berrat" verdammte, diesmal nicht umhin konnte, für diese Resolution zu stimmen. Die Resolution hat folgenden Wortlaut: Bei der Durchführung der Maß nahmen der sozialen Fürsorge und des öffentlichen Gesundheitswesens, insbe fondere auch der Jugendfürsorge ist im Sinne des gleichen Beschlusses, wonach ,, nicht nur auf die Bevölkerungszahl, sondern auch auf die Höhe der Arbeitslosigkeit in den einzelnen Gebieten Bedacht zu nehmen ist", Nr. 278 Die Mission Halifax Das tschechoslowakische und österreichische Problem A. S. London, 23. November. Der Bericht unseres Londoner Korresponden ten ist destpegen besonders aktuell, weil er Pros bleme erörtert, die für die Tschechoslowakei und Mitteleuropa von entscheidender Bedeutung find und die auch im Mittelpunkt des englischen Inter effes stehen, wie die Unterredung des Ministers präsidenten Chamberlain mit dem Abgeordneten Mander betweist, von der wir an anderer Stelle berichten. Das Rätselraten um die Hintergründe und Ergebnisse der Forschungsreise des Viscount Halifax nach den Jagdgründen des Dritten Reiches wird wohl noch einige Zeit fortdauern. Es liegt in der Natur der Sache, daß Verhandungen zwis schen England und Deutschland, wenn sie übereine organische Proportionalität unter haupt zustande kommen sollten, einige Zeit in Berücksichtigung der sozialen Struktur Anspruch nehmen würden und unterdessen diplo= der Bevölkerung und vor allem der matisches Schweigen die britische Parole fein besonderen Notstandsgebiete einzu wird. halten. Daß die Enthüllungen des Londoner Sensas tionsblattes ,, Evening Standard", wonach Hitler. Der gleiche Maßstab hat für die von England Attionsfreiheit in Mitteleuropa Die Regierung wird aufgefordert, Verwaltung, bei den staatlichen Unter. Durchführung von öffentlichen Arbei- gegen eine Zurüdſtellung der Kolonialforderungen bei der Verwendung der im Voran- nehmungen und Anstalten für die entten und Bauten zu gelten, wobei ins verlange, nicht rundivex, aus der Luft gegriffen schlag bewilligten Mittel streng darauf sprechende Systemisierung von Dienst besondere darauf zu achten ist, daß nicht waren, wird heute von niemand mehr beſtritten. nur die Unternehmer, sondern auch die Außer von Deutschland selbst, das fiai bei solchem zu achten, daß im Sinne der Beschlüsse posten Sorge zu tragen. Arbeiter aller Nationalitäten sowohl Suhhandel nicht gerne in der Weltöffentlichkeit ertappen läßt. Aber Sitler selbst hat die Stage der Regierung vom 18. Feber 1937 über unter Bedachtnahme auf die Bevölke ein wenig aus dem Sad gelaffen, als er nach die Richtlinien der Nationalitätenpoli Im Sinne des zitierten Regie fik der Grundsatz der gerechten Pro. rungsbefchlusses, wonach der Staats- rungszahl, als auch auf die Arbeits- Beendigung der Halifax- Bisite ankündigte, in portionalität genauestens eingehalten werde. sages sind insbesondere nachfolgende Zur Durchführung dieses GrundVorkehrungen zu treffen: ,, der Ausdruck der Entschloffenheit der Regierung sein wird, in gleicher Weise und im Geiste ber nalitäten zu fördern", lofigkeit gebührend berücksichtigt werden. fechs Jahren werde sich die Welt mit der deutschen Kolonialforderung abgefunden haben. Sechs Jahre find eine lange Zeit. Womit wird Hitler in der Zwischenzeit feinem Volk die für sein Regime Das Eisenbahnministerium wird gebührenden Proportionalität auch das Bildungs- aufgefordert, rechtzeitig die Vorarbei unentbehrliche Aufpeitschung geben? wesen der anderssprachigen Mitbürger und Natio- ten dafür zu treffen, daß in den VorTaß die Hauptwünsche des nationalsozialis anschlag des Jahres 1939 angemessere stischen Imperialismus in Mittel- und Osteuropa Um die Herstellung der gerechten Proportionalität im öffentlichen Dienst hat die Aufteilung aller Dotationen für Mittel zur Durchführung der längst not liegen, ist aus Hitlers Buch und aus der Tradis zu ermöglichen, ist sowohl zum Zwecke kulturelle Zwecke, also insbesonder: wendigen Bahnhofsbauten, insbeson- tion des deutschen Imperialismus wohl bekannt. der Neuaufnahmen, wie auch zur Er- für Bildungs- und Erziehungsinstitu- dere in Karlsbad, Auffig, Bodenbach, Auch die taktischen Leitgedanken hat Hitler mit möglichung der Beförderung in allen tionen, für die Studentenfürsorge, für Troppau und Zwittau, bereitgestellt erfreulicher Offenheit enthüllt. Die erste Etappe, Zweigen des Dienstes in der staatlichen Theater und andere künstlerische In- werden. Keine Kursänderung Englands! London für kollektive Sicherheit Beruhigende Erklärungen Chamberlains London.( E. B.) In der Beurteilung der Frage, ob in der Außen politik Englands gegenüber Deutschland eine völlige Kursänderung zu er warten sei, ist im Laufe der letzten 24 Stunden ein völliger Umschwung ein getreten. Anfangs waren bei den Anhängern der kollektiven Sicherheit spürbare Besorgnisse vorhanden, doch haben diese einer neuen Zuversicht Platz gemacht. Diese Tatsache kommt am stärksten dadurch zum Ausbruck, daß die Stellung Edens im Kabinett völlig gesichert erscheint. Ein Kurswechsel kommt also nicht in Frage. Niemals gegen Frankreich und seine Verbündeten! die Gewinnung Italiens, ist ihm bisher gelungen, obwohl es schwer fällt, sich begreiflich zu machen, wie Italien ohne selbstmörderische Gefährdung aus dem Wege geräumt sei. Sonderbarerweise feiner Basis die mitteleuropäische Position auf die unterläßt die„ Times" genau so wie die„ D. A. Dauer preisgeben fann. Die zweite Etappe beſteht darin, sich Englands wohlwollende Neutralität für 3." auf die ebenso wichtige wie ungelöste Frage die deutschen Pläne in Zentraleuropa zu sichern. der Luftflotten hinzuweisen. Bertinarit das Sitler nun gelungen? spricht davon, daß man zur Meinung gekommen ist das Hitler nun gelungen? Man hat verschiedentlich die Mission Halifar sei, eine Fortsetzung der Besprechungen set bes rechtigt. Die englisch- französische Konferenz vom mit dem Verfuch des Lord Haldane verglichen, der im Jahre 1912 zum letzten Mal eine Verstän 29. und 30. November sei vielleicht die wichtigste unter allen Nachkriegskonferenzen. Hitler warte digung zwischen England und Deutschland an nur eine englisch- französische Verständigung über strebte. Es sind gewiß nicht genau die gleichen die Grenzfragen im Westen ab. Es müsse diese Probleme, die dabei zu lösen sind. Damals war Berständigung aber auf den ganzen Kontinent Deutschland im Begriffe, die englische Herrichaft ausgedehnt werden. Das Vorgehen in dieser zur See zu attadieren, und bestrebt, eine fotonaft Brage könne nur im Sinne der follettiven Sicher Weltmacht zu werden. Gleichzeitig bemühte es sich, heit und der französischen Hilfsverträge behan- feine Stellung auf dem Kontinent zu befestigen, belt werden. Daher werde die Stolonialfrage weit und forderte unverblümt von England, daß es mehr Raum in der Besprechung einnehmen als Frankreich und Rußland im Falle eines kontinen= talen Konflikts im Stiche laffe. Es wollte alles in den deutschen Mitteilungen an Halifax. auf ein Mal und erhielt daher nichts. Ist Hitler diesmal flüger, verbirgt er die Maßlosigkeit Hitler an Mussolini feines Appetits und versucht er, die Engländer glauben zu machen, daß er sich mit kontinentaler Machtpolitik begnügen wolle? ,, Deuvre" will wissen, daß Hitler eine Botfchaft an Muffolini gerichtet habe, um ihm zu fagen, daß die französisch- britische Solidarität London. Die Deutschlandreise Lord Hali-| Länder beeinträchtigen könnte, in Erwägung geunerschütterlich sei und daß er seinerseits nichts Bescheidenheit liege und es ihm gelungen sei, Lord far war auch Donnerstag wieder Gegenstand zogen würde. einer Interpellation im Unterhaus. Miß Ratäten, fragte Chamberlain, ob er die Fragen, die fich aus der Deutschlandreise Lord Halifax ergeben, mit den französischen Staatsmännern anOeffentliche Meinung gegen ohne Italien tun werde. Hitler habe Besorgnisse über den ökonomischen Druck geäußert, den England, Frankreich und die USA auf die beiden Kurswechseländer der Autarkie ausüben könnten. Daß die ökonomischen Fragen eine sehr wesentliche Rolle bei den eventuellen kommenden Verhandlungen Die„ Times" lassen in ihrem Leitartikel Salifar von ihrer, wenigstens zeitweiligen Auf-richtigkeit zu überzeugen bleibt die Frage, welche Zugeständnisse England ihm überhaupt gewähren kann. Die zentraleuropäischen Ziele des Dritten Reichs sind die Tschechoslowakei und Oesterreich. Nicht zu Unrecht hat der., Manchester flowakische Republif keineswegs so schwach oder diplomatisch so isoliert wäre, daß deutsche Macht pläne irgendeine Chance auf Erfolg hätten. Der Silfsvertrag zwischen der Tschechoslowakei und läglich ihres Besuches in London diskutieren durchblicken, daß die englischen Hoffnungen auf mit Deutschland spielen würden, wird auch in Guardian" darauf hingewiesen, daß die Tschechos werde und ob Frankreich fonsultiert werden eine Verständigung mit Deutschland sehr allge- Londoner Kreifen als wahrscheinlich betrachtet. würde, ehe ein Abkommen mit Deutschland in meiner Natur sind. England wolle die Erstarformeller oder informeller Form in Vorschlag ge- rung der Fronten und der Gegensäße verhindern. Zerstreute Befürchtungen London.., Daily Herald" will wissen, eines der mit ihm berbündeten Länder beeinträch folgen und nicht auf Kosten der guten Beziehun- daß in Paris Mittwoch ernste Befürchtungen dars Frankreich, hinter dem der gleichartige Vertrag lich, daß ein Konflikt um die Tschechoslowakei isoliert werden könnte. Und damit lehrt die Salitigen tönnte. würde Baris ebenso mitsprechen wie Berlin und reich auffordern werde, im Anschluß an die Hali Chamberlain antwortete, daß die Reise Rom. Ebenso wie die„ Deutsche Allgemeine Bei- far- Reiſe wichtige Rugeständnisse an Deutschland Lord Halifax natürlich mit den franzöfifchen tung" bergleichen die" Times" die Salifar zu machen, insbesondere hinsichtlich der Anerkens far- Mission in die Bahnen der gescheiterten Vers Staatsmännern diskutiert werden würde. Was Visite mit Lord Haldanas Besuch in Berlin; das nung der deutschen speziellen Interessen in der mittlungsbemühungen des Lord Haldane zurück: den zweiten Teil der Frage anbelangt, erklärte mals fei allerdings die Flottenfrage zwischen Tschechoslowakei und Desterreich. Dies würde die ein Angriff auf die Tschechoslowakei ist ein Angriff er, daß kein Abkommen, welches die Sicherheit Deutschland und England gewesen, die heute Aussichten der Delbos- Reise durch Mitteleuropa auf Frankreich. Wenn Deutschland freie Hand Frankreichs oder eines der mit ihm verbündeten durch den Flottenvertrag aus dem Jahre 1935 stören. gegen die Tschechoslowakei verlangt, so fordert es Seite 2 Freitag, 26. November 1937 Nr. 278 von England genau so wie 1912 die Neutralität in einem deutsch-französischenKonflikt. Und die englische Antwort kann heute nicht ander- lauten als vor fünfundzwanzig Jahren. Sie Ware heute nur noch bestimmter als damals. Kein einziger unter den britischen Staatsmännern, nicht einmal die deutschfreundlichsten unter ihnen, lassen Zweifel darüber bestehen, daß England immer an der Seite Frankreichs sein must, wenn Deutschland im Kampf mit der französischen Republik seine Vormacht auf dem Kontinent aufrichten will. Tvs ist nicht blost eine Angelegenheit der britischen Grenze am Rhein, von der Baldwin gesprochen hat. England und Frankreich sind angesichts der„Achse Rom—Berlin" auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden. Wenn Frankreich auf die englische Hilfe baut, um seine Grenze gegen Deutschland zu sichern und Zentraleuropa vor der deutschen Eroberungspolitik zu bewahren, so rechnet umgekehrt England mit der französischen Unterstützung für sein Ringen im Mittelmeer. Der eine oder der andere unter den britischen Staatsmännern, die nicht gewohnt sind, mit einem Feind im Mittelmeer kalkulieren zu Keine weiteren Pensionskürzungen Erklärungen des Finanzministers Im Sozialpolitischen Ausschust des Abgeordnetenhauses stand am Donnerstag die Regierungsvorlage über die Milderung der Personalsparmaßnahmen zur Verhandlung. Finanzminister Dr. K a l f u s begründete die Tatsache, daß die Pensionisten nur in beschränktem Ausmaß der Milderung der Abzüge teilhaftig werden, mit dem Hinweis darauf, daß die Penfionslasten in den letzten Jahren sehr angewachsen seien, von 2251 Millionen im Jahre 1931 auf 2558 Millionen im Jahre 1936. Im Budget für 1938 sind 2724 Millionen präliminiert. Das sei vom Standpunkt der Tragfähigkeit der Wirtschaft bedenklich. Der Minister erklärte jedoch ausdrücklich, weder die aktiven StaatSangestellten noch vor allem die Pensionisten brauchte« keineswegs durch die verschiedenen in der Oeffentlichkeit verbreiteten Gerüchte beunruhigt zu sein, daß die Regierung die Pensionen weiter restringieren wolle. ES sei im Gegenteil daS Bestreben der Regierung, die Pensionen z« stabilisiere«. Der Vorsitzende Dr. Meißner machte darauf aufmerksam, daß eS notwendig sein werde, die Vorlage anders zu stilisieren, da sie unübersichtlich sei und namentlich auch der Sonderstellung der Richter nicht Rechnung trage. Meißner regte an, daß der Ausschuß die Vorlage umarbeitet und ein Gesetz schaffen solle, daS systematisch und übersichtlich alle Sparmaßnahmen ab 1. Jänner'1938 umfaßt. Dr. Kalfus erhob dagegen keine Einwendungen unter der Voraussetzung, daß der Staatskasse daraus keine neuen Ausgaben erwachsen. Mit der Umarbeitung der Vorlage wurden schließlich der Vorsitzende und der Referent im Einvernehmen mit den Vertretern der zuständigen Ministerien betraut. Der Präsident der Republik empfing am 25. November den Professor Piccard aus Brüssel, weiters den Generaldirektor der Staatsforste und -Domänen Jng. Dr. Karl Siman und schließlich den Professor MUDr. Antonia O strtil aus Prag, welcher dem Präsidenten der Republik über die Vorbereitungen, für die Schaffung einer Liga gegen die Krebskrankheit berichtete. müssen, mag das einen Angenblick lang vergessen wolftn— die harten Tatsachen! rufen ihn ball» in die Gegenwart zurück. Man»tag in London hofft», die„Achse" sprengen und damit die europäischen Fragen einzeln erledigen zu können— die Möglichkeiten einer solchen Diplomatie sind aber durch die Allseitigkeit der gemeinsamen bri- tisch-ftanzösischen Interessen begrenzt. Blecht freilich daS Problem Oesterreich. Indem sich die Werreichisshe Regierung derfreu- digen Unterstützung der Arbeiterschaft selbst begab und den Schutz ihres Landes in di« so wenig zuverlässigen Hände Italiens legte, hat sie selbst die Situation geschaffen, mit der sie heute ringt. Nur eine völlige Kursänderung, die Oesterreich an die, Seite der Tschechoslowakei heranführen und damit auch hier den Sperriegel des ftanzösischen Interesses einschieben würde, könnte das österreichische Problem lösbar machen. Ist das österreichische Regime dieser befreienden Tat fähig? Schuschniggs Schwäche ist Hitler- Stärke. Hier, ausschließlich hier liegt die Wunde Stelle in der mitteleuropäischen Abwehr gegen da- Dritte Reich. Der Stand der Sozialversicherungslnstitute Fürsocgeminister Jng. NecaS befaßte sich kn seinem Schlußwort im Budgetau-schutz auch mit dem finanziellen Stand der Allgemeinen Pen« stonsanstalt und der ZentriüsozialverficherungS- anstalt. Die im Ausschuß erhobenen Vorwürfe gegen die Soziakversicherung entsprechen nicht der Wahr» heit. Es ist begreiflich, daß die Krise und einige andere Umstände die Entwicklung der Träger der Sozialversicherung ungünstig beeinflußt haben. DaS ist aber nicht nur bei uns, sondern auch im Ausland der Fall. Eine für alle gewiß begrüßenswerte Erscheinung, die Verlängerung des menschlichen Lebens, greift tief in di« Sozialversicherung ein, weil sie deren versicherungsmathematische Grundlagen tangiert. Die Krisenjahre sind leider nicht ohne ungünstigen Einfluß geblieben. Das Ministerium hat eine eigene Kommission zur Lösung der damit zusammenhängenden Fragen eingesetzt. Diese Kommission soll gleiWeitig auch eine Regelung dieser Hauptzweige der Sozialversicherung vorbereiten. Die rein fachliche Seite wurde eigenen versicherungsmathematischen Subkommissionen anvertraut, deren Arbeit vor dem Abschluß steht. Bei diesen Aufstellungen mußten allerdings nicht nur die Krisenjahre, sondern auch die Besserung in den Jahren 1936 und 1937 herückfichtigt werden. Dieft Besserung ist augenscheinlich. So ist die Zahl der neu anfallenden Renten bei der Pensionsanstalt von 8569 im Jahr« 1932 auf 1487 im Jahre 1936 gesunken. Auch die Einnahmen haben sich günstig entwickelt. Im Jahre 1935 hat die Pensionsanstalt 472 Millionen an Prämien eingenmnmen, im Jahre 1936 495 Millionen und Heuer dürften 546 Millionen erreicht werden. Diese Steigerung ist einerseits auf den Zuwachs an Versicherten zurückzusühren, deren Zahl zum 1. Oktober 1937 370.521 betrug, während ein Jahr vorher nur 843.282 Versicherte vorhanden waren. Auch da- Ansteigen der Dienschezüge macht sich in den Prämien bemerkbar, allerdings bleiben die Bezüge noch immer unter dem Niveau von 1929. Dagegen hat sich der Ertrag des Anstaltovermögens, das Ende 1937 fast 5 Milliarden betragen wird, in den bei-' den letzten Jahren infolge der Zinsfußsenkung i vermindert. Durch die günstige Entwicklung der beiden letzten Fahre konnten ftellich die Verluste der Krisenzeit nicht ausgeglichen werden. Die, ministerielle Kommission soll deshalb neben einer Regelung der Versicherung auch die Bedeckung für diese" Verluste schaffen. Dasselbe gilt auch von der ZSvA. Auch dort wurde eine Kommission errichtet, die sich mit einer Neuregelung sowie mit der Deckung der alten Verluste befaßt. Tschechoslowakische Kunstausstellung In Leningrad Leningrad. Am Donnerstag wurde in der Eremitage di« tschechoslwvakische Kunstausstellung eröffnet. Der Eröffnung wohnten u. a. Gesandter Fierlinger und Ausstellungskommissär Rovotnh bei. Gesandter Fierlinger und der Leiter der Eremitage, Karisov, hielten bei dieser Gelegenheit Reden, in denen sie der Hoffnung Ausdruck gaben, daß die Ausstellung einen weiteren Beitrag zu dem kulturellen Austausch zwischen der Tschechoslowakei und der Sowjetunion liefern werde._ Verbesserung der Kontrolle der Staatsnusgaben. Der Präsident des Obersten Kontrollamtes Dr. H o r a k erklärte im Budgetausschuß, daß daS. Amt seit drei Jahren die Staatswirtschaft systematisch schon im Laufe des Budgetjahres verfolge. Jeden Monat würden die Ausgabeposten bei den Prager Aemtern an Ort und Stelle, bei den übrigen Aemtern auf Grund deangeforderten schriftlichen Materials kontrolliert. Das Amt umfaßt so einen viel größeren Sektor der Staatswirtschaft als früher, wo die Ausgabenbelege zumeist erst beim Abschluß der Iah» reSrechnung angefordert wurden. Bis der Personalstand deS Kontrollamtes entsprechend ergänzt sein wird, wird man diese Neuerung zu einem festen System ausbauen können. Es wird dann möglich sein, die Einhaltung de^ Budgets viel rigoroser zu überwachen. Für 12,2 Milliarden hastet der Maat. Präsident H o r a k vom Obersten Kontrollamt gab im Budgetausschuß«ine Uebersicht über die vom Staat übernommenen finanziellen Garantieverpflichtungen, die bis Ende 1936 die Summe von 12,2 Milliarden K£ erreichen. Es sind dabei zwei Gruppen zu unterscheiden: Bei der ersten handelt es sich direkt um finanzielle Verpflichtungen des Staates, vor allem aus den ersten Bauförderungsgesetzen, bei der zweiten jedoch nur um eine s u b- s i d ä r e Haftung, also um Garantien im eigentlichen Sinn«. Diese machen rund 9,6 Milliarden XL auS. Aus dem Titel der Haftung für die Staatsgaranfien mußte die Staatskasse im Jahre 1935 387,2 Millionen, im Jahre 1936 561,5 Millionen ausbezahlen, und zwar ein» schließllch der Haftungen nach dein- Bauförde» ! rüngsgesetz und der Haftüng für die Getreidegesellschaft. Das sind also 4, bzw. 4.5 Prozent der gesamten Garantiesumme. Rene Junggesellensteuer? Fürsorgeminister Jng. N e L a S wies im BudgetauLschuh auf die Wichtigkeit der Unterstützung von Familien mit zahlreichen Kindern hin. Um die nötigen Mittel hereinzubekommen, wäre es nur gerecht, wenn man die alten Junggesellen und auch di« kinderlosen Ehepaare zu einer besonderen Steuerleistung für diese Zwecke heranziehen würde.(Eine Art „ Junggesellensteuer" besteht bei uns bereits in Form eines 15«, bzw. lOprozentigen Zuschlages zur Einkommensteuer für Steuerträger, die nur für sich selbst, bzw. nur noch für eine zweite Person z« sorgen haben.) 22 »ER KLEINE VON E II G I NE DABIT Bfchthrte üebertragnng ans dem Französischen von Bejot Wir schlingen, ohne«in Wort zu sagen. Jeder nimmt, die Ellbogen auf dem Tisch, doppelte Bissen und kratzt noch zuletzt den Teller ab. Trinken wir Kaffee?" ftagt Tavernier. Wir schnallen ab, knöpfen unsere Röcke auf, machen es uns bequem und rauchen. Die Lampen hängt» in einem bläulichen Dunst. Es ist Betrieb. Die Türe steht nicht still. Das Lachen der Kellnerin erfüllt den Raum. Ich liebe die lärmende Heiterkeit der Kameraden, ich wüsche ihren Reden und Gesängen, wie ich soeben leiseren Stimmen gelauscht habe. Derselbe Strom, dieselbe Kraft, der Neber» -schwang der Jugend. Nur ein Wesen fehlt zu meinem Glücke: Pierre. Wie würde er sich freuen, mich genesen zu sehen. Wo mag er jetzt sein? Werde ich je wieder von ihm hören? „Wir wollen gehen!" Vor der Türe bleibt die Bande unschlüssig stehen. ,Ltue du Gaz", entscheidet Tavernier.„Unb du. Kleiner?"- „Kein Geld." «Macht nichts. Ich zahle für dich." „Danke. Seid doch vernünftig." »Meinst du? Wir find keine Pfaffen wie dein Freund Pierre." Sie lassen mich stehen. Ich habe das Bewußtsein, daS Andenken unserer Freundschaft rein gehalten zu haben. 4. Kapitel. Heuft ist' ein neuer Rekrutenschub» Jahrgang 1918, eingetroffen. Wir haben Platz machen müssen und hausen nun unter dem Dach, in einem Raum, den Ratten und anderes Ungeziefer unsicher machen. Wir schimpfen. Doch keiner dentt daran, einen Besen zur Hand zu nehmen. Ich setze mich auf mein Lager. Die Stube ist schlecht gelüftet. Man kann kaum atmen. Mein Trost ist, daß ich nicht lange darin leben werde. Mein Nebenmann wirst sein Bündel aus seinen Strohsack. .Grauenvoll, diese Umzieherei", stöhnt er. „Und dazu noch Stallwache heute abends!" „Ich auch. Soll ich Ihnen behilflich sein?" Ich lege seine Wäsche ordentllch zusammen, und er schichtet sie auf dem Wandbrett oberhalb seiner Pritsche auf. „Ich kenne dich. Du bist doch aus Stube drei und heißt Ducon?" „Nein, Louis Decamp. Aber Sie heißen Jacques Tollin." „Woher weißt du'S? Kannst mir übrigen- auch du sagen." „Warst du nicht unter den Offiziersaspi« ranten?" „Ja. Sie haben mich rauSgeschmissen. Ist mir natürlich ganz schnuppe. UebrigenS ist eS Zeit zum Futtern. Kommst du mit in die Kantine?", „Das kann ich mir nicht leisten." «Quatsch, ich lade dich ein." Ein g«ßer Saal. Die Wände sind geschmückt mit patriotischen Inschriften, mit Waffen und Fähnchen. Fliegenschwärme und Ta- bakSqualm machen dft Lust fast undurchsichtig. An der Theke halten Rekruten die alten Leute frei. Jacques Collin läßt sich an einem Tisch nieder. „Drei Gedecke." Dann, zu mir gewandtr „Du wirst Lemoigne kennenlernen." Er kommt. Ein starker Bursche mit fteund» lichem Gesicht. Glänzende Augen, aufgeworfene Lippen, kurzgeschnittenes blondes Schnurrbärtchen. Er gibt mir die Hand und unterhält sich mit seinem Freunde. Aus ihrem Gespräch entnehme ich zu meiner Verwunderung, daß sie ein Zimmer in der Stadt haben und in den großen CaftS verkehren. Sonntags sichren sie Boot auf dem Claim Sie essen viel und hastig. Ich würde gern noch das Stück Fleisch und ein paar Bratkartoffeln nehmen. „Deinen Teller!" sagt Lemoigne derb. . Hinterher trinken wir Kaffee mit Kognak. Ich bin satt, wunschlos, nur ein wenig geniert. Ich suche in meiner Tasche. JacqueS Collin winkt eindeutig gezeigt ward, daß nicht nur der Dichter mählich von der Höhe und immer tiefer glitt, sondern mit ihm auch der Mann, dem zu einem Charakter zu viel fehlt, als daß noch so große frühere Leistung darüber hinwegsehen lassen könnte. 1893 ließ Hauptmann einen seiner Weber, den alten Ansovge, angesichts des ihn umgebenden furchtbaren sozialen Elends, ausrufen:„M ir leidens ni mehrl^ Wer war seit 1933— fast ein Jahrhundert nach dem Weber-Aufruhr in Schlesien— Millionen leiden, daS ficht den Dichter der„Weber" nicht an und vor den Tvrannen duckt er sich geschäftemachend wie etwa sein Expedient Pfeifer vor dem Barchentfabrikänten Dreißiger. Sollte der alt« Mann noch den Zusammenbruch der Reudreißiger erleben, so würde• er verdienen, ihn voll mitzuerleben, kläglich, feige, winselnd, unmännlich— ganz wie Pfeifer. .. Drum latstn wir Hauptmann— zu viel Worte schon über ihn— und bleiben wir bei den„Webern". Die Wirkungskrafr dieses Schauspiels ist unverwüstlich, weil der Arem, der in ihnen weht„ unendlich ist; unendlich wie bisher das Leiden der Menschheit, und die eherne Wahrheit darstellend, daß immer wieder Revolution unausbleiblich ist, wenn irgendwo und irgendwann Menschennot unerträglich wird. Und deswegen sind die„Weber" nichts weniger als ein historisches Werk. Ihr lebendiges Spiegelbild ist auf unsere Tage überkommen, in Massenschicksalen unserer Zeit in allen Teilen der Erde. Vierzig Jahre beispielsweise nach dem großen Hauptmann hat sich«in Epiker gefunden, Fgnazio Silone, der in seinem„Fontamara" das Hundeleben der italienischen Landarbeiter und Häusler. der Taglöhner, der cafoni, in einer, revolutionären Dichtung nachgestaltet hat. Dort und-anderswo ist traurige und schaurige Wirklichkeit geblieben, was Hauptmann zeichnete: das Hinsiechen eines arbeitsamen Volkes unter der Peitsche der Unternehmer, der Hungertod unschuldiger Kinder, die Selbstmord-Epidemie, Cretinisierung, Frauen-Elend, Massenquartier«, Säbelherrschaft, Todesschweigen. Hauptmann hat das zu seiner Zeit wahrhaftiger, bedeutender, mutiger und künstlerischer gestaltet denn irgendeiner. Seine„Weber" haben nicht aufgehört und werden nicht aufhören, an die Herzen zu rütteln, sie bleiben flammende Drohung an alle Unterdrücker: Habt acht! Mir leiden? ni mehr! Jedes Unrecht findet einmal«in Ende und die Gewalt, wenn's sein muß, durch Gewalt. Die Aufführung hat außerordentlich hohes, vorbildliches Niveau. Julius Gellner. dessen Regiekunst wir schon so viele große Abende verdanken, hat diesmal sein Meisterstück geliefert. Nichts fehlte der Dichtung an niederdrückender Atmosphäre, nichts vom Feuer-Atem? Furcht und Mitleid wurden geweckt, edler Fühlen und Mitfühlen entfacht wie nur ganz selten in diesem Hause. DaS Höchste wurde erzielt, was Schauspieler erzielen können: daß man vergaß, im Theater zu sein, und durch die Kunst teilhaftig wurde des Lebens, in aller Unerbittlichkeit seines Grauens, in aller Schöne des Menschen, der zum Freiheitsdrang erwacht. Auch szenisch und technisch war alles glänzend geraten—(der kleine Fehler, daß zuweilen mechanische Geräusche oder Massen-Lärm das Wort verschluckt, wird sich mühelos beheben lassen). Die vorgenommenen Strich« waren, etwa bis auf«inen, verständlich. Die Besetzung der Rollen war fast durchwegs ausgezeichner. Nennen wir zuerst die Repräsentanten und Diener der Macht, nenne wir sie zuerst, weil sie in Dichtung und Darstellung hinweggefcgt werden vom Kollektiv vum; Valk. ei» eherner und doch irgendwo noch menschlicher Dreißiger, Typus der Klaffe, die brutal und schonungslos nach dem Gesetz verfahren muß. nach dem sie angetreten; eine hochansehnliche schauspielerische Leistung, die begreiflich macht, daß die Revolution sich gegen die Dreißigers auslebt, nicht gegen den einen; Costa eine glaubwürdig minderwertige Kreatur als Pfeifer, Schindler ein Pastor mit Haltung, Grünberg und Fürth überzeugende Säbelträger. Neben diesen Figuren, die das Geld und der in seinem Namen geleistete Dienst hassenÄvert oder verächtlich macht, hoben sich richtig immer bedeutender ab die Gestalten, die da? Leid ihrer Klaffe über sich selber hinauswachsen läßt; der ans Herz greifende Ansorge Volkers, der in frifier^Mrdnkiäfi ürid Rechtlichkeit aieittverstbitide Schmied Afritsch', der rührende Baumert Dudeks, der wilde Teufelskerl von Klippels Jäger, der eindringliche Vater Hilfe Marl öS, die mitreißend revolutionäre Luise Hilfe der Warnholtz; in Episoden besonder- eindrucksvoll Glaser und Witt, Stadler, Trabauer(dessen roter Bäcker leider nur Episode blieb), Peter Winner, die kleine Barring. Im vollen Hause(das unter anderen Unter- richtsminister Dr. Franke mit seinem Besuch beehrt hatte), gab eS wahre Beifallsstürme. Dee faifiegeade trfagsdieui ist zur SwaWiuig der(Uonnem«ate