Ur 16 t Adomrements-f tbfnpttfltn: Abonnements- Preis pränumerando: vierteljährl. ZLV Mk., monall. t.ioM!., wöchentlich 28 Pfg. frei in» Hau«. Tinzelne Nummer S PIg. SonmagS« Nummer mit iUullrterter Sonntag«» Beilage.Die Neue Welt- 10 Psg. Post- Abonnement: 3,30 Mark pro Quartal. Singetragen in der Post- Zeitung«» Preisliste für lS9S unter»r. 7S20> Unter Kreuzband für Teutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für da» übrige Autland 3 Marl pro Monal, Trschelnl Uiglich nutzer Moning». Vevlinev Volksblatt. 16. Jahrg. Dt« Iiisertians-GedÄh» beträgt sür die sechsgespaltene Kuamisib zeile oder deren Raum SO Psg., sv» politische und gewerkschastlicht Vereins- und Versammlung«-Anzeigen 20 Pfg. „Plelne Auseigeu" jedes Wort v Psg. lnur da« erste Wort fettl. Inserate sür die nächste Nummer müssen bi« 4 Uhr nachmittag« in derExpedilion abgegeben werden. Tie Srpcditto« ist an Wochen- tagen bi« 7 Uhr abend«, an Sonn- und Festlagen bi» sllhr vormittag« geöffnet. Fernsprecher:«mk l, Nr. 1208, Telegramm- Adresse:, «Solialdemolrrst Berlin" Centraiorgan der sociatdemokratischen Vartei Deutschlands. Redaktion: SW. 19, Veutlz-Straßr 2. Donnerstag, den IB. Juli 1809. Expedition: SW. 19, Brullz-Strafze 3. Die bayrischen Landtagswahlen. Der Ausfall der Wahlmänner-Wahlen zu den bayrischen Landtagsabgeordneten-Wahlen, die am Montag, den 10. d. M., stattfanden, läßt bereits einige allgemeine Schlüsse auf die Zusammensetzung des zweitgrößten deutschen Landesparlaments zu. Registrieren wir zunächst die glänzenden Siege unserer Partei in München II und in Nürnberg, sodann die be merkenswerten Erfolge in München I, Fürth- Erlangen und in Ludwigshafcn-Speyer, sowie schöne Anfänge in Bayreuth, Schweinfurt und Hof. Aber das eigent liche Gepräge werden die Abgeordnetenwahlen anl 17. d. Mts. wohl von dem entschiedenen Zurückdrängen dxs sogenannten Kammerliberalismus erhalten. Sicher ist heute'�schon. daß die Liberalen in München I, in Regensburg und in Weiden ihre Sitze verloren haben, und in der Pfalz werden sie wohl für immer aus ihrer Monopolstellung vert-eben werden. Das Verhängnis, das über diese Sorte von Liberalismus herein bricht, ist wahrlich wohlverdient. Eine leisetreterische Gesell schaft. immer bereit die spärlichen Rechte des Volks dem Fraktionsinteresse zu opfern, haben diese Liberalen um der schönen Augen der Minister willen den bayrischen Parlamentarismus zum Kinderspott herabgewürdigt und sich als Träger und Stützen der politischen und Wirt- schaftlichen Reaktion aufgethan. Standhast waren sie, denen sich die Freisinnigen als gehorsame Schildknappen angeschlossen hatten, um immer dann, wenn es galt, Forderungen der Arbeiter abzulehnen. Soweit gingen sie in ihrer blöden Rückwärtserei, zum Beispiel bei der Beratung der bayrischen Gesinde-Ordnung in der letzten Landtagssession oder bei der Diskussion über die heute noch in Bayern gesetz- lich mögliche(obschon der Gewcrbe-Hrdnung widersprechende!) Bestrafung des„blauen Montags", daß sogar professionelle Scharfmacherblätter, wie die„Münchner Neuesten Nachrichten", bisweilen aufzumucken für gut besanden. Es kann dem politischen und parlamentarischen Leben in Bayern nur dienlich sein, daß mit diesem eklen Mischmasch endlich einmal auf- geräumt wird. Nun ist es freilich wahrscheinlich, daß in der neuen Kammer die Ultramontanen die absolute Mehrheit erhalten werden. Niemand wird das bei der Natur des Centrums für einen wünschenswerten Zustand halten. Aber es ist doch des- halb von den beiden Uebeln das kleine»?, weil nun die Sach- läge bedeutend klarer und übersichtlicher wird. Das bayrische Centrum, ebenso reaktionär und jedem politischen, socialen Fort- schritt spinnefeind, wie das Centrum im Reich, dabei von einer unbezähmbaren Sehnsucht, sich in allen Kulturfragen jedesmal bis auf die Knochen zu blamieren, wurde im letzten Jahr- zehnt durch die wachsende Unzufriedenheit der Bayern zu lebhafterer Thätigkeit aufgeputscht. Mit allen Mitteln hat es gearbeitet, die widerborstigen Rebellen draußen im Lande wieder einzufangen und zu knebeln; das ist ihm auch zum größten Teile gelungen; die Hochflut der Bauernbewegung hat sich gestaut, allerdings zumeist dank der kapitalen Unfähigkeit der Bauernfiihrer, die es verstanden haben diese interessante und dabei ursprünglich sehr bcachtens werte Bewegung vollkommen wilden Kampfe mit den zumeist von den Kaplänen in den Dörfern selbst, hat die Doppelzüngigkeit der Ccntrunrspartei ihre Unverfrorenheit im Versprechen und NichtHalten wahre Orgien gefeiert; aber ebenso unzuverlässig, oder besser gesagt: direkt feindlich hat sich die Partei in allen Arbeiterfragen gezeigt. Sick regierungsfähig zu machen, das war der einzige Wunsch ihrer Größen und Gernegrößen. Zu einer folgenschweren Entscheidung wird das Centrum im Landtage sofort mit der Frage der Wahlrechtsreform gedrängt werden. Bayern„erfreut" sich eines indirekten Wahlsystems, dessen Schäden durch eine unglaubliche Wahlkreis-Eintcilung noch vermehrt werden; dazu„mußte" mich in diesem Jahre noch nach dem Bevölkerungsstand von 1875 gewählt werden. Das bewirkt alles zusammen eine außerordentliche Ver gcwaltigung der Minoritäten. Aber alle Versuche, eine Aende- rung herbeizuführen— bekanntlich galt Grillenbergers letzte Rede noch wenige Stunden vor seinem Tode diesem Zwecke— scheiterten an dem engherzigen Widerstande der„großen" Parteien. Noch 1893 haben die Ultramontanen die so- genannte Verfassungsklausel vorgeschützt, wonach kein Ver- fassungsgesctz unter der Regentschaft geändert werden dürfe, und ihr Wortführer, Dr. Orterer, sprach da- mals ganz unverblünit aus, er sei deshalb nicht für das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht, weil dadurch das Uebergewicht vom platten Lande(lies Centrum) in die Städte(lies Socialdcmokratic) verlegt werden würde. Und doch ist niemand darüber im Zweifel, daß es s o nicht weiter geht. Die Wahlbeteiligung betrug 1893 bei den Reichstags- wählen in Bayern 63,9 Proz., bei den Landtagswahlen im gleichen Jahre aber nur 31 Proz.; in 465 Gemeinden erschien überhaupt kein Urwähler an der Urne, in 467 nur je einer. Das Ganze nennt man politisches Leben! Die Thatsache, daß in jedem Urwähler-Bezirk die absolute Mehrheit entscheidet, also von einer einzigen Stimme die Wahl von 3—7 Wahlmännern abhängen kann; ferner die That- fache, daß dann wiederum bei der Abgeordnetenwahl die absolute Mehrheit der Wahlmänner entscheidet, macht einmal eine Voraussage des WahkresultatS einfach unmöglich und ren herunterzubringen. In diesem bäuerischen Rebellen, durchgeführt veranlaßt zweitens die Parteien zu einem beispiellosen Schachern und Feilschen. Es besteht begründete Aussicht, daß diesmal 10 oder 11 socialdemokratische Abgeordnete in die Kammer entsendet werden; aber nur fünf Mandate haben wir dabei aus eigener Kraft gewonnen, und zwar die vier von Nürn berg und das des zweiten Münchener Wahlkreises. München I, Fürth und Ludwigshafen sind unsere Leute au einen„5si>hhandel" angewiesen. Daß sich dabei die wunder barsten Konstellationen ergeben, versteht man leicht. Wir wollen auch keineswegs behaupten, daß solche Kompromisse ganz unbedenklich wären; aber es ist doch nicht zu leugnen. daß sie aus dem Zwang der Verhältnisse heraus geboren werden und eine Art Ersatz für eine Proportionalwahl dar stellen. Haben wir, wie z. B. in Fürth, bei einer erheblichen Ueberzahl aller abgegebenen Ilrwählerstimmen die Ent- scheidung über die zu wählenden Abgeordneten in der Hand, so ist kein vernünftiger Grund einzusehen, warum wir einem Liberalen, einem Freisinnigen oder einem Bauernbündler zu Liebe ein Mandat weggeben sollten. Bietet doch eine starke socialdemokratische Fraktion im Landtage die beste Gewähr dafür, daß mit dem vorsintflutlichen Wahlrecht zu sammen die Notwendigkeit solcher politischen Schachermacherei möglichst bald abgethan wird. Daß München I sich diesmal so wacker gezeigt hat— wir haben dort die übergroße Mehrzahl der Wahlmänner gestellt und werden durch Zusammengehen mit dem Centrum vev mutlich drei Abgeordnetensitze gewinnen— wird überall dort lebhafte Freude erregen, wo der Ausfall der letzten Reichstags wähl die Erwartungen getäuscht hatte. Aber bedeutungsvoll ist vor allem der Sieg in unserer alten Hochburg Nürnberg dort ist der faule Rathausfreisinn, der eine letzte verzweifelte Anstrengung gemacht hat, um die bitter gehaßte Social demokratie noch einmal zurückzuwerfen, dank der glänzenden Organisation und der trefflichen Stimmung unter unseren Leuten vollkommen vernichtet. Nur 91 von 257 Wahl Männern vermochten die Gegner trotz allen Chikanen und wahlgeometrischen Künsten aufzubringen. In der Pfalz liegen die Verhältnisse sehr eigenartig und es wird des ganzen Taktes unserer dortigen Parteigenossen bedürfen, um dauernde Erfolge zu erzielen. Um Vergleiche der jetzigen Wahlresultate mit früheren zu ermöglichen, seien hiernach einige statistische Daten mitgeteilt: An der Wahl 1893 hatten sich im ganzen 299 574 Urwähler beteiligt— 31,2 Proz. der Wahlberechtigten. Das Ergebnis der Wahlmänncrwahlen war: Für das Centrum 4726 Wahlmänner gegen 5428 im Jahre 1887-- 47 Proz. der Wahlmänner gegen 54 Proz. im Jahre 1887. Für den liberalen Mischmasch 3625 gegen 4042— 36 Proz. gegen 40,3 Proz. Für den Bauernbund 833— 8,3 Proz., die Konservativen 198 Wahlmänner gegen 213— 2,0 Proz. gegen 2,1 Proz. Volkspartei 210 Wahl männer gegen 148— 2,1 Proz. gegen 1,5 Proz. Social� demokratcn 376 Wahlmänner gegen 214 im Jahre 1887 gleich 3,7 Proz. gegen 2,1 Proz. Nach den Abgeordneten wählen stellte sich das Parteiverhältnis im Landtage wie folgt: Centrum 74, liberaler Mischmasch 67, Baucrnbund 7, Socialdemokraten 5, Volkspartei 1, Konservative 4 und 1„Zdilder". Die Abgeordnetenkandidaten unserer Partei sind zur Zeit noch nicht offiziell ernannt worden; die bisherigen Landtags Mitglieder(Vollmar, Löwenstein, Scherm, Ehrhart, Scgitz) werden bestimmt wiedergewählt; dazu treten jetzt eine Reihe neuer Männer. Ihrer aller harren schwere und wichtige Arbeiten, die viel Arbeitskrast und einen hohen Grad politischen Verständnisses erfordern. Wir wollen hoffen, daß sich die neue bayrische Fraktion zum Segen des Ganzen und unserer Partei im Landtage bethätigen und bewähren möge.__ Der Große Kurfürst. Die neueste Depesche des Kaiser? an seinen früheren Erzieher, den Geheimen Rat Hinzpeter, erinnert unwillkürlich an das melancholische Wort, das Rouffeau an einen Fürsten seiner Zeit richtete:„Wenn ich das Unglück hätte, als Fürst gebore» zu sein." In den. Zu- sammenhang, worin Rouffeau diesen Satz aussprach, sollte er auf die einseitige Bildung und Erziehung hinweisen, welche die Fürsten nach den Lebensbedingungen ihreSStandeS erhalten!: es ist nicht ihre Schuld, aber ihr„Unglück". Wäre der Kaiser in seiner Jugend wahrheitsgemäß durch den Geheimen Rat Hinzpeter über die Geschichte des Großen Kurfürsten unterrichtet worden, so würde er jetzt nicht erklären, daß gleich wie in diesem Ahn, auch in ihm ein unbeugsamer Wille sei, den einmal als richtig erkannten Weg allem Widerstand zum Trotz unbeirrt weiter zu gehen". Mag man in gewissem Sinne anerkennen, daß der Große Kurfürst der Begründer der hohenzollernschen HauSmacht gewesen sei, so ist er es doch nicht geworden durch einen unbeugsamen Willen, nicht dadurch, daß er den einnial als richtig erkannten Weg allem Wider- stand zum Trotz unbeirrt weiterging, sondern auf Schlangen- Windungen.die von Verrat triefen. Der übelste Ruf ging ihm schon voran, als er 1640, ein zwanzig- ähriger Jüngling, zur Regierung gelangte. B. Erdmannsdörffer, ein preußischer Historiker, der vor einigen Jahren durch einen amtlichen Preis ausgezeichnet wurde, schreibt darüber: WaS hatte man alles von Konrad von Burgsdorff(einem Geistlichen deS Kurfürsten) zu erzählen, dessen Persönlichkeit in der That so viele Angriffspunkte bot, und auch der junge Kurstirst wurde nicht geschont; wußte man doch von ihm die entsetzlichsten Geschichten, von seiner Verschlvendnng, seiner Trunksucht, seiner Unfähigkeit zum Regiment; den Tod seines Vaters hatte er kaum erwarten können, er war in das Krankenzimmer gekommen zu fragen, ob er noch nicht endlich tot sei, ja zuletzt hat er dem Sterbenden das Kopfkissen weggezogen, damit er schneller stürbe." Gewiß hatte sich der junge Mann unter den schwierigsten Umständen zu behaupten, und Ivenn man einmal die wohlwollende Voraussetzung macht, daß die Erhaltung des Kur- fürstcntums Brandenburg des Schweißes der Edlen Ivert gewesen sei, so konnte er es mit seinen Mitteln und Wegen nicht so sehr genau nehmen. Aber darüber weit hinaus gewann der Große Kurfürst selbst in seiner durchaus nicht zartfühlenden Zeit den Ruf eines herzlosen Despoten, des Treulosesten unter den Treulosen. Die Einkerkerung Rhades, die Ermordung Kalcksteins kann sich mit jeder Schandthat messen, die den französischen Ludtvigen nachgesagt wird, und wie der Große Kurfürst mit dem Verrat am Vater begann, so endete er mit dem Verrat a>n Vaterlande, indem er, von französischen, Golde bestochen, die deutsche Kaiserkrone an den König von Frankreich ver» schacherte. Doch würde es weit über den Raum einer Tageszeitung hinaus- gehen, wenn hier auch nur im kürzesten Abriß die Regierung des Großen Kurfürsten geschildert werden sollte. Wir beschränken uns auf den einen und zwar den entscheidenden Punkt, auf die Frage, wie dieser Fürst die„Souveränetät" gewann, und auch darüber werden wir nur durchaus loyal gesinnte, preußische Historiker abhören. Nicht durch„unbeugsamen Willen", nicht dem„Widerstande" des feudalen Adels„zum Trotze" begründete der Große Kurfürst den Absolutismus in dem brandenburgisch-preußischen Staate, sondern dadurch, daß er die damalige Arbeilerklasse, die bäuerliche Bevölkerung, die zu schützen sein landesherrlicher Beruf war, an Händen und Füßen geknebelt dem Adel auslieferte, wofür dieser ihm dieMittel zur Errichtung eines stehenden Heeres gewährte. Schmoller schreibt darüber:„In der verzweifelten Lage zu Anfang seiner Regie» nmg(im LandtagSreceß von 1653) hatte der Kurstirst dem privilegierten Adel die Möglichkeit einer festen höheren Politik, den milos xor» petuus, gleichsam damit abgekauft, daß er ihm die Bauern preis» gab, ihm in unterster Instanz ein unbedingtes Herrenrecht zugestand." Ferner der loyale Roscher:„Nichts würie irriger sein, als wenn nian den Großen Kurfürsten für einen sogenannten Bauernfreund halten ivolltc.... Die traurige Politik der Bauernunter- drückung, welche namentlich mit dem Landtags-Abschiede von löbv bc- ginnt und in der Gesinde-Ordnung von 1620 mit ihrer faktischen elobao aäZoriptiosLeibeigcnschastjdes unterthänigenBauernstandes ihre völligste systematische Durchbildung erreicht, sehen wir in den ersten Rcgienmgs- jähren des Großen Kurfürsten einfach beibehalten" Und endlich schreibt der preußische Historiker Stenzel:„Das Ansehen des Adels schützte er nachdrücklich und erhielt ihn durch wiederholte Verordnungen bei seinen alten Rechten über seine Untcrthanen. In den erneuerten Bauen,-, Gesinde-, Hirten- und Schäfer- Ordnungen für die Mistel- mark, Prignitz, Uckennark, Bceskow und Storkow und dann sür die Neumark und'Sternberg(1673, 1681 und 1683) bleiben Unterthänigkeit, Dienstbarkeit und Leibeigenschast der Bauen,, wo sie herkömmlich waren, wie der LandtagSreceß vom Fahre 1623 zugesichert hatte... Viel strenger als in der Mittelmark >var die Leibeigenschaft in der Uckermark und in Pommern, da waren die Dienste ungemessen, ganz nach Willkür der Herrschaft, für welche und wie viele Tage und mit wie vielen Gespannen sie es verlangte; auch das wurde bestätigt. Wer in der Ncumark vier Jahre unter einer Herrschaft saß, wurde untcrthnniz, seit 1670 selbst die Kinder, die vor der Unterthänigkeit der Elcern geboren lvaren. Entlaufene konnten überall zurückgefordert werden ohne Rücksicht auf Wer- jährung." Mit anderen Worten: der Große Kurfürst legalisierte das „herkönm, liche" Bauernlegen und Bauernschinden der Junker, da? bisher wenigstens formelles Unrecht gewesen war, um seinen Ab- 'olutismus zu begründen. Und wenn dieser Absolutismus nun auch wirklich moderner Absolutismus gewesen wäre, in de», besseren Sinne des Wortes, der ihn als einen historischen Fortschritt von dem entartete» Feudalismus unterschied. Aber das war er nicht und konnte er nach der Art seiner Entstehung auch gar nicht sein. Der Große Kurfürst mochte den ohnmächtigen Bauern einen„unbeugsamen Willen" zeigen; vor den, Adel mußte er trotz des stehenden Heeres, trotz des„milos perpetuus" einfach kuschen, aus dem einfachen Grunde, weil der Adel dafür gesorgt hatte, das Heer in seiner Hand zu behalten. Die durch das Blut und Gut der Bauern erpracherte Souveränität des Großen Kurfürsten war mehr scheinbar, als wirklich. In höfischem Prunk und kostspieliger Soldatenspielerei erschöpfte sich sein Selbstherrschertum. Dar- über schreibt Stenzel:„Der Kurfürst hatte einen prächtigen Hof und zahlreiche Truppen. Wenig empfindlich bei den Leiden der Menschheit, belastete er seine Ilnterthanen außerordentlich, um ein Gepränge zu erhalten und seinem kriegerischen Geiste Raum zu geben; außerdem überließ er seine Staaten der Plünderung seiner Minister, die bei unbedeutenden Gelegenheiten großen Einfluß auf ihn hatten, die er aber bei wichtigen wenig zu Rate zog." Das heißt: Dieser glorreiche Potentat wußte nur die Schattenseiten des modernen Absolutismus auf die Schattenseiten des FörderalismuS zu pfropfen. Braucht es danach noch eineS Beweises, daß der Kaiser„diesen Ahn" unmöglich alS sein Muster aufgestellt haben würde, wenn ihm dessen Geschichte richtig dargestellt worden wäre? Gewiß nicht. Sähe der Kaiser die Geschichte des Großen Kurfürsten in dem Lichte, worin sie die Geschichtsschreibung darstellt, so würde er gewiß ein Telegramm an den Geheimen Rat Hinzpeter nicht abgesandt haben. Die schweren und zahlreichen Pflichten seine» Berufs gestatten ihn» nicht, ich eindringenden GeschichtSftudien zu widmen, wie cS ein anderer seiner Ahnen, der vierte Friedrich Wilhelm, in weniger anspruchS- oller Zeit noch tonnte. Der freilich kannte die Geschichte des Großen Kurfürsten und wollte auf dessen Wegen allein Zeidmstande zuni Trotz unbeirrt ivcitcr gehen, aber er brach zusainman und be- kannte in ohnmächtigem Schmerze:„Die Wege der Könige sind thräncnreich." Polififift» Tlrbrrficht. Berliu. den 12. Juli. „Der Wille des Kaisers". Durch alle rednerischen und teleAraphifchen Kundgebungen des Kaisers klingt— in verschiedenen Formen zwar, aber in gleicher Tendenz— das Bekenntnis seines„unbeugsamen Willens", wie es in dem letzten Telegramm an Hinzpater tzinstt. Im einzelnen mag der Kaiser seine Ansichten ändern. er trägt z. B. kein Bedenken, ein paar Jahre nach dem Transvaal-Telegramm Cecil Rhades zu eaipfongan, und nach dem stürmischen socialen Neformeiser der erste« Jahre folgte die Strafgesetzbuch-Politik, in der wir jetzt leben— mdcs sein Grundwillen wankt nicht. Sie volo. sie jubeo. so will ich's. so befehle ich's, schneb er dem Kultusminister V. Goßler auf seine Photographie. ß»Ki» voluutos suprema vex— des Königs Wille das' höchste Gesetz— so zeichnete er sich ins goldene Luch von München ein. Hierher gehört auch die Tedikation für den ehenialigen Lotschaster in Rom, Kurt v. Schloezer„vllorivt lluro wvtuam". «lögen sie mich hassen, wenn sie mich nur fürchten. Zu den lateinischen Sprüchen gesellen sich die zahlreichen deutschen Wendungen in seinen Sieden. Am 2a März 1890 erklärte er, daß er diejenigen zerschmettern werde, die sich ihm bei serner Arbeit entgegenstellen würden. Es war dieselbe Rede, in der er auch die erzieherische Wirkung der Seefahrten pries, aus denen mau einsam, nur Gottes Sternenhimmel über sich, Einkehr in sich selbst hatten tonne. ..Da kann man geheilt werden von Selbst- Überschätzungen, und das thut uns allen not." »Ich lasse mich nicht beirren", erklärt der Kaiser am 20. Februar 1891 gegenüber der Liömärckrxchen Fronde, von der er sagte:„Es schleicht der Geist des UngehorsarM durch das Land; gehüllt in schillernd verführmsches Gewand, versucht er die Gemüter meines Volkes und die mir ergebenen Männer zu verwirren." Wieder bekennt er, daß er im Austrag eines Höheron handelt, dem er dereinst Rechenschast abzulegen habe.„Ihr Markgraf spricht zu Ihnen, folge» Sie ihm durch Dick und Dünn auf allen den Wegen, die er Sie führen wird!" Die Nörgler fordert er am 24. Februar 1892 auf. den deutschen Staub von ihm, Pantoffel« zu schütteln. In, Ge- fühl seiner Verantwortung dem obersten Herrn gegenüber gewinnt er stets neue Kraft,„bei der Arbeit zu beharren und auf dem Wege vorwärtszuschreiten, der mir vom Himmel gewiesen ist".„Mein Kurs ist der richtige und er wird weiter gesteuert." Am 6. September 1894 ergeht an die Vertreter der Provinz Ostpreußen sein Ruf:„Auf zum Kampfe für Religion, Sitte und Ordnung, gegen die Parteien des Umsturzes." „Vorwärts«it Gott,«nd ehrlos, wer seinen König im Stiche läßt l" Bisweilen mischen sich in den Kultus semes unbeug- samen Willens freilich Stimmungen, die dem christlichen „Widerstrebe nicht dem Uebel" verwandt sind. So als er in Jerusalem sagte:„Sticht Glanz, nicht Macht, nicht Ruhm, nicht Ehre, nicht irdisches Gut ist es, was wir hier suchen, wir lechzen, flehen und ringen allein nach dem Einen, dem höchsten Gute, dem Heil unserer Seelen." Aber in der praktischem Politik bekennt der Kaiser sich zu dem Princip der Macht und des Willens.— Die Martern der Teufelsmsel.� Heber das ll»recht, das Dreyfus geschehen ist, haben die Revistonsbestrebungen allmählich auch den Mißkauifchsten anfgeklärt. Bon den furchtbaren Leiben«der, die der unschuldig Verurteilte unter dem Kamen der Bestrafung zu erdulden hatte, hat man bisher noch fast»ichts gewußt, weil er allein außer seine» Kerkermeistern sie kannte. Die folgenden Einzelheiten, die Georges Elemeuceau in der„Aurore" mitteilt, haben einen fast urkundlichen Wert, weil sie offenbar auf den Angaben der Familie beruhen und somit au« der besten Quelle schöpfen konnten, nämlich auS den Worten de« Hauptmann« Dreyfnfl selber. Da» Unrecht, die Vergewaltigung begann schon mit der Gr- öffnuug de? Verfahrens gegen ihn. das ihn wegen Hochverrats vor Gericht stellte. Selbst wenn Treyfus der Versa, ser de« Bordereaus war. so durfte die Anklage nur auf Spionage lauten� eü, Berbrechen, das im höchsten Falle mit fünf Jahren Deportation bestraft wird. DreyfuS hat damals, trotzdem schon aus der Fassung der Anklage sich sonnenklar ergab, daß seine Gegner ihn verderben wollten, seinem Verteidiger Demange nicht erlaubt, dagegen zu protestieren. Ein rechtlicher Einwand dieser Art wäre seinem empfindlichen Ehrgefühl ak» ein Anzeichen von Schuldbewußtsein erschienen. Er meinte, man könnte vermuten, es komme ihm darauf an, das Strafmaß zu verkürzen. Darum stellte er sich der juristisch falschen Anklage eines erdichteten Verbrechens. ließ ein Urteil über sich ergehen, da» formell ebenso falsch war wie sachlich, und trat die Strafe an. Und diese Strafe, so furchtbar sie an sich schon war, sie wnrde ihm von dem damaligen Kolomalminister, dem „Foltmr" Leb o n, noch fürchterlicher gemacht. Allein da» Leben schon in diesem Klima ist eine Hölle. Dieser Sonnenglut, den giftigen Ausdünstungen de» tropische» Boden« erliegt die robusteste Gesundheit. Die stanzöstfchen Be- amten der Kolonie, die doch nach allen erreichbaren hygienischen Mitteln sich schützen, müssen alle zwei Jahre aus sechs Monate nach Europa zmückkehreu. Und wenn ihre Gesundheit zerrüttet wird, wie sollte dann Dreyfus am Leben bkeiben. begraben wie er war in Einsamkeit, unter Wächtern, deren ingrimmigen Haß gegen ihn allein ihr furchtbares Stillschweigen verriet. Zwei, drei Jahre, nicht länger rechnete man, konnte er bei aller Lebenszähigkeit standhalten. Und da er doch über lang oder kurz sterben nmßte, so war man menscheiisreundlich genug, ihm zur Abkürzung seiner Qual behilflich zu sein. Wenn die Lust in seiner Hütte dem Befangenen unerträglich wurde, C er hinaus, um auf dem engen Räume, den seine Umzäunung ließ, die stickend heiße Atmosphäre einzuatmen. In plötzlicher Ohnmacht fiel er oft wie von einem Fauftschlag getroffen zu Boden. Dann liefen die Wärter herbei in der Hoffnung, e» sei min endlich eimnal aus nnt ihm. Aber er enttäuschte sie stet«, er wollte Das Kaiser-Telegrannm und die Presse. D»s Kaiser-Tekegramm, dos die Antwort des Monarchen auk die Reichstagsentscheibpnz über die Zuchthausvorlage dar- stellt, hat in der Berliner Presse Verheerungen angerichtet. Wir leben in der Nrlaubszcit. Tie Redaktionen sind dünn besetzt. So ist es zu erklären, daß in den Morgenausgaben der Blätter, die am Abend eingegangene Dopesche keine Bemhtung gefunden hat. Das„Berliner Tageblatt" registrierte sie sogar unter die einfachen Hofnotizen und der Leitartikel des Abendblattes ist nun den spaßhaften Be- mühungen getmdviet. sich Wega, des Mißgriffs gegenüber dem gestrengen Verleger herauszureden. Was Ungeschick war. wird nun als weise Äbsicht ausgegeben:• „Wir hahsu diese Depesifie heute früh im lokalen Teile unseres Blattes unter de« Hosnachrichjteu veröffentlicht, weil wir in ihr schleck, terdings nur eine persönliche Kundgebung sehen können, die siir daS Eharaderdild deS Monarchen interessant, nicht aber für politische Einzelfragcn von Bedeutung ist.... Es ist politisch unwürdig, in diesem Falle an die Depesche des Monarchen Diskussionen über öffentliche Angelegen- heiten zu kniivsen. Aus seiner Uacht, ohne irgend einen veränt- wortlichen Minister, jährt der Kaiser spazieren. Er macht einer Stobt«m Gescheut und Velour, dabei, daß man ebenso wie auf icü,e„ Ahn auch ans ihn zäGen könne als auf einen ganzen Mann. Zu einem solchen gehört in erster Reihe die Beobachtung des eigenen nnd des fremden Rechtes. Es heißt, den, Staats- oberbaupte ein Unrecht thun,»venu man vermutet, daß er eine polittsche Kundgebung ohne Mitivissen irgend eines verantwortliche» Ministers habe erlasse» wollen, während die Worte seiner Depesche keinen Anhalt für duese Unterstellung geben." Hoffentlich glaubt's— Herr Mass e. Tie V ossis che Zeitung" findet sogar im Abend- blatt noch kein Wort deS Urteils. Man könnte vermuten, daß in dem Blatte nur nwch die Auslauds-Redacteure vor- lzaude» seien, wenn nicht Herr Stcphany immer noch als ver- antworsliche» Redaetenr zeÄmete, also Wohl zur Disposition stehen muß. Die uatioualliberale„N ational-Zeitnng" schweibt ebeusalls bisher— ein verlegenes Schweigen, das aus ihre ganze zweideutige Haltung in Sachen der Zuchthaus- Vortage zurückzuführen sein dürfte. Von de» amtliche» emd halbamtlichen Blättern bringt die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" das Telegramm in möglichst»».auffälliger Weise ohne Kommentar. Der„ Reichs-Anzeiger" unterläßt auch die bloße Mit- teilung. Eigentümlich ist das Verhalten der konservativen, insonder- heit der industriellen Hetzpreffe. Die einen ve, folgen die Taktik, über die Kundgebung stumm hinwegzugehen. Man lvird. hier offenbar Vau der Einsicht geleitet, daß bas Tele- gravmi zu j r ü h gekoiuHnen ist, daß es die Agitation gegen dw Vorlage aus» neue arnfacht und so den Plan durchkreuzt, mit dem man im kousettvativen Lager rechnet: die erregten Gemüter einschlummern zu lassen, um dann im Herbst mit irgend einem fertigen Kuhhandel-Trick den Reichstag und das Volk zu überrumpeln. In dieser Taktik ist wenigstens einige JnK'lligeuz zu rühmen:„K r e u z z e i t u n g" und„Berliner Neueste Nachrichten" verfolgen sie, Tie anderen Organe der Reaktionsterroristen hingegen nehmen keinen Anstand» das Telegramm für ihre Zwecke zu benutzen. Die„Post" deutet die Rede auf die Zuchthaus- Vorlage und bemerkt: „Sollte diese Auslegung der kaiserlichen Worte das richtige treffen, so könnte» sie: als ein neues Symptom, daß die Reichs- rechenmg die in der Socialpolitik zum Glück wieder en, geschlagenen Bismarckschen Pfade»cht wieder verlassen will, von allen, welche sich von Sfinipinhicn für die Umsturzpartei frei wissen, nur mit Freude begrüxt werde»,.... ... Für uns mar und ist es eine selbstverständliche Sache, daß die Regierung ihren in so entschiedener Weise ausgesprochenen Willen, der sociäldsmokrattschen Vergewaltigung der Arbeitswilligen mit aller Energie entgegenzutreten, nick» infolge des der- zeitigen Widerstandes des Reichstages mit einem Male ändert, sondern ihre pflichttmäßigen Bemühungen, wenn auch unter er- *) Wir geben die Schilderung der Leiden DreyfuS' wieder, weil sie nicht nur eine persönliche Angelegenheit behandelt, sondern ein niederträchtiges System charakterisiert. nicht sterben. Man packte ihn an Kopf und Füßen und warf ihn auf seine Pritsche. Rnch einiger Zeit erholte er sich und am nächsten Tage passierte daS Gleiche. Manchmal phantasierte er, eine tödliche Starrheit lähmte die Glieder. Man dachte:„Nun ist es aus". Aber es war nicht au« I Eigenfinnig hielt daS Leben sich in de« mißhandelllen Körper, es hielt stand, während die Ge- fangenenwärier um ihn zu Grunde ginge»! sie verschwanden aus seinen Lugen, wohin wußte er nicht, aber er konnte eS ahnen, und ihr Schicksal zeigte ihm, was er zu erwarten hatte.' Dazu das beständige Fieber und die Beschwerden, die das übermäßig dagegen angewandte Chinin hervorrief. Zwischen Krankheft und Ohnmacht schwankte diese« Leven so fort, das in feiner Wurzel außerdem noch von der fortschreitenden Blutarmut bedroht wurde. In jedem beißen Klima wird der Mensch blutarm, hier aber kamen die Gemütsleiden hinzu, die den Körper aufzehre», und der Mangel a n N a h r u n g. Die Konserven, die DreyfuS sich von Cayenne kommen ließ, wurden ihm entzogen. Seine Milchration wurde ihm genommen. Man reichte ihm ekelhafte Speisen, die der Magen zurückwies, und glaubte so mit diesem armen Leib, der so gar nicht sterben wollte, fertig werden zu können. Aber er starb dennoch nicht! Hervorragende« leistete die Phantasie der Senker— dieser Aus- druck wird nicht zu stark erscheinen— im Ersinnen von moralischen Qualen. Zunächst hatte man die Erfindung gemacht, ihm nur Kopien der Briefe seiner Familie zu geben, uiio zwar Aenderungen und Lücken. Nicht einmal sehen durfte DreyfuS die Schriftzilge der Seinigen. Aber man fand, daß all das noch nicht genug sei, und so unterdrückte man einfach die ganze Korrespondenz DreyfuS' mit seiner Familie und seinem Verteidiger. DieS war ein furcht- barer Schlag für ihn, daß er nicht« mehr von seiner Frau und seinen Kindern hörte, brachte seine Vernunft in« Wanken. Und nun führte man auch den letzten Streich, der ihn vollends hinstrecken sollte. Jemand fand sich, der zu ihm sagte:„Ihre Familie hat Sie ausgegeben!" Diese Worte sind thatsächlich ge- sprochen worden. Aber wie durch em Wunder— wer kamt denn ergründen, woher die menschliche Seele in ihrer höchsten Not Kraft und Zuversicht schöpft— blieb da» Berttauen, das der Verbannte in seine Familie setzte, unerschüttert, und er richtete sich hoch auf und schrie dem Hallunken, der ihm daS sagte, in» Gesicht:„Sie lügen l ES ist nicht wahr! Sie lügen!" Als man in Paris anfing, von der Revision zu sprechen, ver- doppelte man auf der Teufelsinsel die Qualen. Warum diese plötzliche barbarische Behandlung über ihn verhängt wurde, ver« mochte sich der Unglückliche nicht zu erklären. Er schrieb an B o i sj- desfre, schrieb an Felix Faure. Gerade an die, die ihn ver- nichten wollten, wandte sich der unselige Mann. Und sie ließen ihm antworten, seine Familie habe unerlaubte Mittel für die Revision angewandt, ihr habe er daher die» neue Unglück zu danken. Und Dreyfus glaubte es schließlich, wurde bitter gegen seinen Bruder und schrieb an Faure uuo BoiSdeffre:„Ich lege meine Ehre in Ihre Hände und«warte mein Hell von Ihnen. Als er sich auf dem„Sfax" esttschisfte, war er überzeugt, daß er selbst de» Urheber schwcrten Umständen, fortsetzt, um daS für richtig erkannte Ziel zu erreichen." Die agrarische„Deutsche Tageszeitung" erblickt in dem Telegramm„einen Beweis dafür, wie ernst der Kaiser die Ausgabe erfaßt, umsiürzlerischen Bestrebungen ent- gegeuzutreten". Das Blatt ist sehr hoffnungsvoll.— „Es ist indeffcn anzunehmen, daß die jetzige,, Reichstagsferien " auf die Slimmung der Abgeordneten in dieser' Frage klärend ein- || wirken werde», und man darf die Hoffnung nicht aufgeben, daß ! Mittel und Wege werden gefunden werden, dem Terrorismus der Socialdemokratie wirksam zu bcgegncin Die letzten Vorkommnisse in Herne haben bewiesen, daß«was Ernstliches geschehen muß. , und sie werden nicht ohne Eindruck bleiben. Nach dieser Richtung hin kann sich der Kaiser der Erwarwng hingeben, daß sein Streben von Erfolg gekrönt sein wird, um so mehr, als er die große Mehr- hcit des Volke» auf seiner Seite hat." Tann aber präsentiert das Blatt den berühmten Mittel- standswechsel und verlaugt die Erfüllung auch dieses Teiles des Bielefelder Programms. Bewilligen die Agrarier dem arbeitenden Volk mehr Zuchthaus, so verlangen sie dafür für sich höhere G e t r e i d e z ö l l e. Das ist ihre ausgleichende Gerechtigkeit. Umsonst gewähren sie nicht eümml das Zuchthaus. Der pastoral-konservative„Reichsbote" schreibt: „Diese unnmlvnndeue Erklärung, a» deren Fassung nichts zu drehen und zu deuteln ist, wird dem Liberalismus wie dem E e n t r u m und der Socialdemokratie al« ein Signal dienen, daß es mit ihrer triumphierenden Erwarwng, die Re- gicrnngsvorloge sei endgültig begraben, nichts ist, sondern daß die Frage des Kampfes gegen die Gewalt und de» Zwäng des Umsturzes wiederkehrt, bis sie im Sinne des Bielefelder Programms gelöst ist." Die Cchweinburgschen„Berliner Politischen Nachrichten" geben die unnötige Versicherimg ab, daß der Jeucke- Bund mit dem langen Namen(Verein für die berg- baulichen Interessen im LberbergamtSbezirk Dortmund) durch- aus für die Vernichtung der Koalitionsfreiheit eintritt: .Die besomicnften Vertreter der Industrie sind der Ueber- zeugmig, daß es ohne Einschränkung de« socialdemokrattschen Tcrronsmns nicht Iveiter geht, und wem, Herr Gcheimrat J enck e dieser Ueberzeugung Ausdruck gab, so kann dieselbe nicht ohne Eindruck bei vcrichieden en Reichstags- Abgeorbäieten bleiben. Daß die verbündeten Regierungen auf dem eüimal effigeschlagcncn Wege zu beharren gedenken, haben wir sckio» früher milgctcilt. DaS Telegramm, welches der Kaiser an de» Geheimen Ober-Regiemngsrat Dr. Hinzpeter jüngst gerichtet Hat, schließt auch nach dieser Richtung jeden Zweifel ans." Unseren Ausführungen schließt sich im wesentlichen die „B o l k s- Z e i t u n g" an, die u. a. bemertt: „Wir aber halten für nötig, in Lachen der Zuchthautvorlage auf der Hut zu sein. Hier werden Freiheiten und Rechte deS arbeitenden Volkes mit Einschränkungen bedroht, einem unbeug- samen Wille», der sich dafür einsetzt, hat daS seiner konstitutionellen Rechte bewußte Volk den seinigen mit Berufung auf die Ler- fassung entgegenzustellen. Die Verfaffung und nicht ein Einzel- Wille fft heure die entscheidende Instanz." Die Arbeiterschaft wird auf der Hut sein. Mag sich nun auch das Bürgertum gerüstet zeigen sowohl gegen Kreis- blatt-Beilaqen und„Gelbe Hefte" wie gegen Kundgebungen aus dem forden.— Deutsches Zteich. Die Fälschung. Die„Magdeb. Ztg." erklärt, e» sei kein» Red» davon, daß die Staatsanwaltschaft wegen der Fälschung des Reichstags-Stenogramms ein Verfahren eingeleitet habe, ver- mutlich interessiert sich' die Staatsanwaltschaft für diese Art von Fälschungen nickt. Dem„B. T." lvird„aus unbedingt zuverlässiger und genau informierter" Quelle versichert, daß die Fälschung von keinem steno- graphischen Beamten herrührt, daß das gesamte Stenographen- burcan, die Vorsteher, die Stenographen, die Stenogrophenschreiber vollkommen unbeteiligt sind an jener Aenderung. Auch von einer Schuld der„Korrektoren" ist keine Rede. Man scheint in gewissen Kreisen anzunehmen, bi« zum Wiederzusammentritt des Reichstags im Herbst werde die Geschichte ver- der Revision sei, und daß er seinen Briefen an die beiden Genannten allem alles verdanke. Man muß es den anderslautenden parteiischen Ver- sicheruiigen zum Trotz immer noch iviederholen: AI« DreyfuS zurückkam, wußte e'rnickitS. aber gar nichts von seiner ganzen Angelegen- heit. Das erste Wort, das er zu seiner Frau sagte, war:„Du ver- stehst nichts, denn Du weißt von nichtSI" Di» Lermst» hielt ,hn für irrsinnig. Seine Bücher hatte man ihm nicht zu nehmm gewagt. Aber dafür wurde jede selbständige geistige Bethat igung ihm verwehrt. Schrieb er eine Zeile nieder, nur zur Uebung, »m seinen Verstand mcht gänzlich zusammenbrechen zu lassen, so war auch schon der Wäner da und entriß ihm den Fetzen Papier. Aus Verzweiflung kam DreyfuS schließlich dahin, bloß mechanisch abzuschreiben. Er kopierte ganze Kapitel au« seinen Büchern, bloS um nicht verrückt zu werden. Jede« einzelne von ihm beschriebene Blatt wurde weggenommen, nach Patt» ge« sandl und dort genau durchsucht, in der Hoffnung, man könne dar- auS eine Waffe gegen den Gefangenen schmieden. Nur um Zola, von dessen Thätigkeit für ihn DreyfuS natürlich keine Ahnung hatte. gegen den Gefangenen zu erbittern, veröffentlichte man den Auszug ans einem Buche, das gegen Zola gettchtet und von DreyfuS ab- geschrieben worden war. Zum Schluß kommt Clömenceau abermals auf den Kolonial« minister L e b o n zu sprechen, der alle diese Barbareien und Feig« heilen durch eine noch größere Feigheft und Barbarei überbot. „Auf immer hat Lebon seinen Namen dadurch entehrt, daß er, zitternd vor Furcht, dem Gequälten, der mit dem Tode rang, die letzte Matter zufügte. Du Paty de Clam hatte einen gefälschten Brief ans Kolonialminifterium gerichtet, in der Hoffnung, daß Dreyfus infolge dieses BttefeS einem noch strengeren Regime »merworfen werden würde. Denn für du Paty de Elam, wie für die anderen, war es nötig, daß der Verurteilte starb. Die „Libre Parole" drohte, sprach von Fluchtversuchen. Der Kolomalminister Lebon begann zu zittern, und um die Sngttffe der Antisemiten von sich abzuwenden, gab er den Befehl, DreyfuS in Kette n zu legen. Nachdem man in Guyana die Depesche deS KolonialminfftcrS erhalten hatte, wurde das Feuer in der kleinen Schmiede der Teufelsinsel angezündet und man beeilte flch, wohl oder übel die Foltettnstmmente zu fabrizieren. Eher übel als wohl. Vom ersten Tage an zerriß das Fleisch an den Fußknöcheln, die durch den Druck der eisernen Fesseln angeschwollen waren. Ein» Wunde bildete sich, bald trat eine heftige Einzündung dazu, Fäulnis« Erscheümngen zeigten sich. Sollte man ivegen solcher Kleinigkeiten die Tortur einstellen? Niemandem kam diese Idee. Der Verwundete klagte nicht, streckte mit stoischem Gleichmut seine blutenden Füße den Henkern entgegen und bat nur. man solle ihm doch wenigsten» sagen. >ve»halb man diese neue Sttafe über ihn verhänge I Kein« Antwort I Das dauerte zwei Monate. Am Morgen wurden die Kesseln ab- genommen, am Abend wurden die Eilen wieder auf die bluttnden Wunden gelegt. Während dieser Zeit la« der Minister Lebon auf- merksom die antisemitische Press« und lonstatterte mit Befriedigung, daß man ihn nicht angrfff. ,Da« hat sich", schließt Elsmenceau, ,am Ende dt« neunzehnten Jahrhunderts in d« franzöfischen Republll ereignet l' l. Franks. Ztg.") gessen fein. Ander? ist bn? hartnäckige Schweigen der zum Reden Verpflichteten nicht zu erllären. Aber die Spelnsalion anf die Zeit ist falsch und durch das Vertuschungßshstem inehreu sich nur die Schuld und— die Schuldigen.— Tie Liberale» sind schwer erbost über ihre Niederlage in Bayern. Anstatt aber ihre eigenen politischen Sünden zu be- kennen, schmähen sie das Bündnis, das Centrum und Social- demokratie in einigen Wahlkreisen geschlossen hatten. Die einen machen dem Centrum Vorwürfe, weil es mit„den Feinden des Vater- landes und der Monarchie" zusanrmeugegangen sei. die anderen klagen die Socialdemokratie an, daß sie der klerikalen Verfiusteruugspartei Hilfe geleistet hat. In einen drollia-rabiaten Schmerzensausbruch bricht die Mün- chener.Allgemeine Zeitung" aus: .Das unnatürliche Bündnis zwischen Soutane und Ballon mütze, zwischen dem Kruzifix nnd der Petro leumflasche ist leider in Deutschland nichts ganz Seltenes mehr geworden. Datz Bayerns Hauptstadt den Schauplatz für eine eklatante Wiederholmig dieses Bündnisses bieten mutz, ist aber eine ganz besonders betrübliche Erscheimmg.... Wie eS dem Regenten und seinem Hause zu Mute sein mag. wenn er seine angeblichen getrenesten Anhänger Arm in Arm mit der.zielbewußten" Partei marschieren sieht, die in der Pariser Kommune den reinsten, leider vereinzelt gebliebenen Versuch einer praktischen Verwirklichung der soeinl- demokratischen Ideale erblickt und die Abschaffung der Monarchie als etwas selbstverständliches fordert, das scheint die schlauen Politiker von der Rechten nicht zu beunruhigen. Tie Politik eines Wahlbündnisses mit den Socialdemokraten war schlau, eS fragt sich nur, ob sie nicht zu schlau war... Die.Vossische Zeitung" wiederum bedauert wehmutvoll daß[die.Kommune verherrlichenden Männer.mit'der Petroleum flasche' sich nicht mit den Liberalen der auch liberalen»Allg. Ztg." verbündet haben. Und die.Berliner Zeitung" droht possierlich:.Ter Wahlschacher, den die bayrische Socialdemokratie getrieben, wird ihr nicht so bald vergessen werden." Unser Leitartikel giebt die Gründe, aus denen die Socialdemo kratie.in Bayern unter den besonderen Verhältnissen bei dieser Wahl mit dem Centruin ein Stück Weges marschiert. Der Hinweis der «Berl. Ztg." auf Belgien zeigt gerade die Besonderheit der bayrischen Berhältnitse. In Belgien geht die Arbeiterklasse mit den Liberalen, weil diese in Opposition zur Regierung steht, die dem Volke seine Rechte vor- enthält und weiter schmäler» will. In Bayern sind die Liberalen die Stützen der Regierung, Träger der politischen und wirtschastlichen Reaktion, Feinde jeder noch so bescheidene» Forderung der Arbeiter- tlasse. Diese ann, astende Herrschaft eine? Liberalismus, der seinen Namen täglich schändet, aalt es zu brechen. Unseren Parteigenossen ist sicherlich der Schritt, den sie gethan haben, nicht leicht geworden Aber die Berliner Freisinnigen und gar„Demokraten" thäten gut, wenn st» nicht zu nahe an ihre bayrischen Parteivettern heran rückten.— Zn« Aronssche» Falle. In der„Strastburger Post" hatte ein ungenannter Professor Betrachtungen darüber angestellt, welche Rücksichtslosigkeit gegen Dr. LronS in einer Hinausziehung der An- gelegenheit bis in die Universitätsferien liegen würde. Diese Er- örterungen scheinen doch nicht ganz unbeachtet geblieben zu sein, denn wie wir soeben hören, ist noch kurz vor Schluß des Semesters. nämlich aus den 22. Juli, ein Termin zur Verhandlung vor der philosophischen Fakultät anberaumt worden. Nach dem Privatdocenten- Gesetze fungiert die Fakultät als Gericht erster Instanz.— Boch««, 11. Juli. Wegen Beleidigung des fürstlich meiniiigil fchtn Ministeriums will der Staatsanwalt zu K o b u r g den Redacteur O. H'uä von der hier erscheinenden.Deutsch. Berg- und Hüttenarbeiter-Ztg." vor das Forum de» Koburger Landgerichts Chen. Huä soll in einer Nummer seiner Zeitung dem Ministerium i Vorwurf gemacht haben, daß es nicht» für die Verbesserung der Lage der meiningischen Griffelmacher gethan habe; er wird gegen den ambulanten Gerichtsstand der Presse, wie er M semer Klagesache zur Anwendung kommen soll, Protest einlegen. Vo« sächsischen Polizeiregiment. Das neueste Original Produkt der PolizeiweiSheit hat der Stadtrath in Zittau ans Licht der Welt befördert. Er hat nämlich das 5lrilerium.g e< werbSmästigen" Verteilens von Druckschriften als gegeben ge� funben, wenn ein solcher Verteiler von Druckschristen(s o c i a- l i st i s ch, r natürlich I) für seine Mühe eine Entschädigung für Fahrgeld, Effen, Trinken usw. bekommt. Gewerbs- mä tz i g« S verteilen ist aber bekanntlich von der Genehmigung der Behörde abhängig. Weil nun ein solcher Sünder diese Ge- nehmigung nicht eingeholt hatte, bekam«r ein Strafmandat. Das Gericht wird darüber noch sprechen. In Meisten wurde der Organisation der Töpfer die Abhaltung eines harmlosen Tänzchens, da» gelegentlich einer Partie kn einem Parteilokal stattfinden sollte, von der dortigen Amtshauptmannschaft verboten..Grund": Die BeHorde kennt die einzelnen Teib nehmer an dem Vergnügen nicht genügend.— Mresdett. 12. Juli.(Gig. 8er.) Daß die Milttärvereine auch in Sachsen Lieblind der Regierung sind, ist ja bekannt. Schon deshalb, weil sie den Sturmbock gegen die Socialdemokratie abgeben müssen, obwohl diese Bereine angeblich ganz.unpolittsch" sind. Wahrscheinlich, damit etwa nicht irgend jemand über diese swatSretterische Ausgab« im Zweifel sein kann, hat da» jetzt wieder einmal ein offizieller Vertreter der Regierung. ein Geheimrat von Kirchdach, in der hier statt gehabten Bundesversammlung ausdrücklich in einer Ansprache ganz demonstrativ hervorgehoben. Er erllärte nämlich, daß Regierung und Königshaus großen Wert auf.unser MilitärvereinSIeben" legen, da diese» unter den vielen Vereinigungen da»»stärkste Bollwerk gegen die Strömungen(? I) de» Umsturzes" sei.»» Spotten ihrer selbst, und wissen nicht wie.— Nürnberg, 11. Juli. Zur Jllustrierung de» bayrischen Wahl- gesetzt», da» wir im Leitartikel bereits beleuchtet haben, mögen einige Beispiele dienen: In einem Rürndergischen Wahlbezirk kamen auf MS Wahlberechtigte v Wahlmänner, in einem anderen auf 8828 nur 8. Unnötig zu sagen, daß der erste Bezirk im Bourgeoisviertel liegt, der zweit« in einer Proletariervorstadt, Di« Bourgeois haben also 12— IS mal soviel Wahlrecht als die Arbeiter. Für die Social- demokraten haben rund 16 000 Wähler ihre Stimme abgegeben, für die Freifinnigen etwa 8800; aber wir hätten 24 000 Wähler stellen tonnen, wenn die physische Möglichkeit der Wahl gewährleistet gewesen wäre. Unsere kolossale Ueberlegenheit kommt bei diesem System gar nicht zur Geltung; in einem Bezirk haben wir 1037 Stimmen gebabt, die Gegner 162; 800 der Unsrigen hätten ruhig zu Hause bleiben können, sie haben lediglich demonstriert, der Effett wäre mit 200 Stimmen auch erreicht worden.— Chronik der MajestätSbeletdigungS-Prozeff«. Die Schneiderin Frehs« in Hamburg soll im Jahre 1804 eine MajestäiSbeleidigung begangen haben. Nach Verlauf von etwa 10—12 Tagen erzürnte sie sich mit ihrem Zuschneider RamenS BallmuS, schimpfte ihn �uS und wurde darauf von ihm denunziert. Sie ging aber nach Schweden und konnte dort nicht gefaßt werden. Als sie vor ewigen Monaten jedoch nach Deutschland zurückkehrte, hatte ihr eigener Schwiegervater nicht« Eiligeres zu thun, al? die Rückkehr der Behörde anzuzeigen, worauf sie verhastet wurde. In der jetzigen Verhandlung beantragte der Staatsanwalt selbst Freisprechung, da» Gericht erkannt« jedoch auf drei Monate Gefängnis.—_ Aus dem ostprenhtschen Landartetterparadte» wird uns geschrieben: Hat es auch der Leutemanael bereits dahin gebracht, daß stellen- weise die jüngeren Arbeiter, bei denen man da« Fortgehen befürchtet. etwas besser behandelt werden, was ja in Ostelbien noch nicht viel sagen will, so haben die alten Arbeiter, die nicht mehr fort können, nach wie vor unter dein Druck ihrer Ausbeuter zu leiden, ja man läßt sie sogar oftmals dafür büßen, daß die junge» Leute fortgezogcn sind. Nachfolgend geschilderter Vorfall, der sich vor einigen Tagen in Nesselbeck, Kreis Königsberg, zugetragen hat, giebt uns ein klares Vild von der.liebevollen" Behandlung, die den älteren Landarbeitern in Ostelbien zu teil wird. Dort wurde dem 64jährigen Kuhhirt vom Inspektor der Auf- trag gegeben, das Vieb ani Vonnittag erst mit trocknem, dann mit eben von der Waide geholtem Futter zu füttern. Er that das auch Al« der Inspektor am Mittag vom Remoutemarkt, der in der Nachbar schaft abgehalten war, zurückkehrte, war er mit der Art des Futterns mizusrieden. Tie Aeußerung des Hirten, daß es so gemacht sei wie er bestimmt habe, brachte ihn derartig in Wut, daß er mit einem schweren eisenbeschlagenen Stock wie toll auf den alten Mann einschlug, so daß demselben die Arme, die er zum Schutze er- hoben Halle, ganz blutig geschlagen wurden. Damit aber noch nicht genug; sei eS, daß der alte Mann sich zu wehren suchte, kurz, der Unmensch zog nunmehr einen Revolver und schoß viermal auf de» Mißhandelten. Drei Kugeln trafen den Unglücklichen. Derselbe wurde nach der städtischen Kranken anstatt in Königsberg gebracht. Dort liegt er jetzt noch schwer krank Selbst weirn der alte Mann sich wirtlich zur Wehr gesetzt hätte. was er bestreitet, bleibt es doch immer eine Roheit sonder gleichen. wenn der öüjährige kräftige Inspektor zum Schießeisen greift und den alten Mann über de» Haufen schießt. Vielleicht erinnern sich die Herren Agrarier dieses Vorfalls. wenn sie im Reichstag wieder einmal erzählen, wie liebevoll in Ostelbien die alte» Arbeiter behandelt werde». Ausland. Frankreich. Paris, 12. Juli. Ter Kriegsminister hat den General I u i l l a r d, der gelegentlich der Versetzung des Obersten Saxee von Remies den bekannte» Tagesbefehl erließ, aufgesorderr, sich in seinen Tagesbefehlen künftig einer größeren Vorsicht und Zurückhaltung zu befleißigen. General D n ch e s n e hat dem Kriegsminister seinen Bericht über die von ihm geleitete Unters» chnng bezüglich des Verhaltens des Generals Pellienx eingereicht. Die Schlnßsolgerniige» de« Berichts werde» geheim gehalten. Die„Fronde" schreibt, es sei mvglich, daß D u Patyde C l a in nicht vor die Miliiärgerichtsbarleit, sonder» vor die Civil- g e r i ch t e gesiellt werde, da festgestellt sei, daß seine Frau seine Mitschuldige sei, da sie einen der falschen Blanchebriefe geschrieben habe. Italien. Rom, 12. Juli. Wie radikale Blätter melden, haben sich alle Räte des Kassationshofes entschieden gegen die Rotverorduungen ausgesprochen. i> Der von der französischen Regierung begnadigte General Giletta ist bei seiner Ankunft in Piacenza auf Befehl des Kriegsminister« unter Vorbehalt weiterer Versügungen in strengen Arrest abgeführt worden.— Ungesetzliche Gefangeusetzung Costas. Der Abgeordnete Genosse Andrea Costa wurde nach der letzten Sitzung des Par- lanieiitS verhaftet, um eine im Jahre 1889 über ihn verhängte, aber mittlerweile durch eine allgemeine Amnestie aufgehobene Strafe abzusitzen. ES hat sich nun herausgestellt, daß Costa nur infolge einer burcaukratischen Schlamperei verhastet worden ist; der mit der Führung des Strafrcgisters, in dem Costas Verurteilung eingetragen ist, betraute Beamte Hai einfach vergessen, auch den Erlaß der Strafe zu notieren. Um einen Skandal zu vermeiden, sucht man jetzt durch allerlei rabulistische Kuiisistücke nochzuweisen, daß Costa nicht aninestiert worden und daher seine Verhaftung durchaus gesetz- lich ist. Costa wird im Gefängnis in der niederträchtig st en Weise behandelt. Man will ihn mit den ge- meinen Verbrechern znsammensperren. er soll Sträflingskleider anziehen, sich Bart- und Haupthaar schneiden lassen, Sträflings arbeiten verrichten, keine Besuche empfangen und nur einmal in der Woche an seine Familie schreiben dürfen. Er hat gegen diese V«r- fiigung der Strafhansdireklio» an das Ministerium rekurriert, das sich aber bisher noch nicht herbeigelassen hat, zu antworten. Daß die Verhaftung Eostos eine ungesetzliche ist, geht schon daraus hervor, daß der Abgeordnete Genosse Morgan, der sich in genau derselben Lage befindet wie Costa, nicht verhaftet worden ist. England. Ueber die Differenz der englischen Regiening mit den nten liegen heul keine neueren Nachrichten vor. ES ist daS ein gutes Zeichen, aus dem zu schließen ist, daß die Krise aufhört akut zu sein. Das Eintreten der englischen„Afrikander" für die Transvaal- Republik ist ein Ereignis von großer Tragweite, dessen Bedeutung auch der verbissenste englische Jingo nickit bestreiten kann. Da« Haupt der Regierung des KaplandeS, Mr. Schreiner, war von jeher ein warmer Freund der Buren-Republit. Er ist beiläufig der Bruder jener Miß Oliv« Schreiner, die an der Spitze der englischen Bewegung gegen die afrikanische Politik Chamberlains teht. Diese hochbegabte Frau hat durch ihre trefflichen Schriften und Borträge wesentlich dazu beigetragen, die Schwindeleien und Frevelthaten des Herrn R h o d e s aufzudecken, der in Chamderlain einen würdigen Helfershelfer gefunden hat.— Ruhland. Der„Friedenssürst": Der Generalaouverneur von Finnland General Bobrikow erklärte einem dänischen Journalisten gegen über, die internationale Deputation sei vom Zaren abgewiesen worden, weil er nicht wünsche, in seinem eigenen Hause darüber belehrt zu werden, wi« er Rußland regieren solle. Sollten die Finnen sich dem Willen des Zaren widersetzen, so würden ihre Privilegien vernichtet werden. Die finnländische Presse würde, wenn sie die gegenwärtig« Agitation fortsetze. Zwang»- maßregeln hervorrufen und damit dem Lande einen schlechten Gefallen rhu».—•__ Zuchthauskurs uud Majeftätsbeleidigungs'Paragraph. Zu der gestern bereit» gewürdigten Reichsgerichts« Entscheidung um Frankfurter MajestätSbeleidigungS- Prozeß wird uns noch ge- chrieben: In dem jetzt abgeschlossenen Frankfurter Majestätsbeleidigung»- Prozesse, dessen Opfer Genosse Quarck geworden ist, rangen zwei ociale Strömungen miteinanden darum, wer von ihnen den größten Einfluß haben sollte: die sich immer mehr bei unseren deutschen Ricbtern verschärfende Neigung, die Geltung desMajestätSbeleidigunas« Paragraphen zu erweitern, und die bei denselben Richtern durch den ZuchtbauSkurS unwillkürlich erzeugte Stimmung. Man könnte nun sagen: das ist ganz einfach; unterm Zuchthaus- kur» müssen sich ja a l l e strafgesetzlichen Tendenzen verschärfen, die ich gegen Arbeiterpresse und Arbeiterbewegung richten. Von dem Augenblick an, wo die straffe Arbeiterorganisation an sich schon als ein Urbel bezeichnet wurde, mußten oi« Hüter der Ordnung auf eder Stufe der behördlichen Rangleiter überall ihr beste» dorm er- blicken, selbständigen Regungen überhaupt schärfer al» je entgegen- zutreten. Es ist kein Zufall, daß wir dergestalt wieder bis zum Verbot socialistischen PfeifenS und Gingen» gekommen sind, sodaß den Soeialdemokraten kaum mehr erlaubt ist. auf— sich selbst zu pfeifen; ebenso, wie eS im ZuchlhauskurS liegt, daß in Hochschul« und DenkmalSfragen dt« Reaktion ihren Bogen bis auf» äußerste spannt. Dazwischen liegen dann dt« zahllosen, her bekannten Verfolgungen. Daß sie sich schon die zugespitzt« Lag» mit sich. Man schon von lange vermehrten, brachte kommt also zu der sehr einfachen Erklärung, daß der Frankfurter Fall ebeu ein Majestät»- beleidigungs-Prozeß ist, wie er unterm Zuchthauskurs gezeugt werden mußte. Allein so einfach liegt die Sache doch nicht. Gewiß— im ersten Stadium des Franksurler Prozesses krnnile man noch glaube», es handle sich hauptsächlich um eine uerschärfle Anwendung des Begriffs von Crimen laesae majestatis, der Majestätsbeleidigniig, wie sie eben erregte Zeiten nnt sich bringen. Die Frankfurter Strafkammer gab sich redlich Mühe, das altrömische Verbrechen zu konstruieren. Sie sagte bekanntlich: der Angeklagte hat zivar nur über die Thronrede geschrieben, aber die Thronrede wurde und wird gewöhnlich vom Kaiser selbst gesprochen, das Recht dazu haftet ganz eigentlich der Person des Kaisers an, und folglich richtet sich auch jede mißliebige Aeußerung über die Thronrede gegen die Person des Kaisers, sie wird eine Majestätsbeleidigniig.©o die Strafkammer. Daß damit ein Hauptsatz unserer ganzen Verfassung über den Haufen geworfen wurde, lassen wir jetzt einmal ganz bei- seite. Wir folgen nur dem Gedankengang der Frankfurter Richter so getreu als möglich und stellen fest, daß das Streben nach dem äußersten Schutz der Majestät im neu-reichsdeuffchen Sinne immerhin »och der leitende Gedanke für die Richter erster Instanz blieb. Oder, noch besser ausgedrückt: die eigentliche preußisch-deutjche Gedanken- strömung, die im Frankfurter Prozesse sich geltend machte, blieb zuerst noch ziemlich in der Hülle des wirklichen Majestäfs« beleidigungs-Verfahrens. Wodurch vielleicht gerade jenes Ergebnis bediiiol wurde, daß das Urteil erster Instanz zu einer vollstmidigeit Umkeynmg der bisher bei uns maßgebende» staatsrechtlichen Be- griffe koiinnen mußte. Anders ging s nicht gut. Wer den„be- leidigten" Kaiser an die Stelle der„beleidigten" Bundesregieningen oder des„beleidigten" Ncichskanzlers setzte, beging zwar einen völligen Umsturz unserer Vcrfasstmgsanschauungen, aber er blieb doch eben noch bei der Majestätsbeleidigung. Nun ist aber jetzt das Reichsgericht gekommen nnd hat mit dieser Begründung des Utteils, die doch immer noch eine Konseguenz in ihrer Art war. aufgeräumt. Tie Leipziger Richter stehe» staatsrechtlich' denn doch der reinen Universitätstheorie zu nahe, als daß sie den völligen Bruch mit bisherigen Grundsätzen mitmachen konnten. Sie reißen Balken nach Balken an d�m Frankslirter Urteil ein, daß es nur so eine Lust ist, zuzusehe». Es geht schon einmal vorläufig nicht anders, sagt das Reick, sgerscht: der Kaiser sst nur Inhaber der Prästdialgeivcklt im Reiche, nur Vertreter Per verbündeten Regie- rmigen, und die Thronrede ein Programm des letzteren, eiw ver- fasstiiigsmäßiaer Regieruiigsakt, für den der Reichskanzler verant- Wörtlich bleibt. Die Erörterungen der Thronrede wie andere Regierungsvorlageii können unmöglich auf diejenigen Grenzen beschräult wcrdc», iiinerhalb deren»ach unserer heutigen Rechtslage nur eine Kritik persönlicher kaiserlicher Aeußerungen möglich ist. Und so giebt' denn das Reichsgericht dem angeklagten Redacteur akademische» Trost ans vollen Händen; der socialdemokratische Journalist glaubt schon frei aufatmen zu können, weil ihm wenigstens das nicht mehr versagt sein soll, was seine» bürgerliche» Kollege» noch niemals versagt ivar. Die bisher einzig dastehende Erweiterung des Majeftätsbeleidiguiigs-Begriffs nach den Anschauungen der Franl- stirter Strafkammer ist beseitigt uud wieder allgemeine», gleiches verfassungsmäßiges Recht auf Kritik an Regierungshandlungen für die gesamte Presse hergestellt... Da macht aber eben das Reichsgerichtsurteil plötzlich jene ent- scheidende Wendung, die uns zu dieser ganze» Betrachtung führte. Nachdem es den Apparat W des MajestätSverbrechetis beseitigt und die juristische Hülle gesprengt hat, unter der sich bisher die unterste Strömung verbarg, die diese» Prozeß herbeiführte, offenbart es diese Strömung mit oller Deutlichkeit, weil sonst gar keine Verurteilung mehr möglich gewesen wäre. Jene Wendung macht das Reichsgericht mit zwei kleinen Worten: Dort, wo es ausspricht, daß die Frankfurter Strafkammer recht hat, wenn sie sagt, daß der Kaiser bei der Thronrede außer der Meinung der ver- bündeten Regierungen.zugleich daneben seine eigene persön- liche Meinung ausiprechen kann." Und da festgestellt sei, daß der An« geklagte diese. zugleich daneben" ausgesprochene persönlicheMeinung de» Kaisers durch den bekannten Vergleich scharf habe kritisieren wollen, incht die Thronrede, von der er nur sprach, so bleibe e» bei der Verurteilung. Run hat der Kaiser aber„zugleich mit' und„neben" der Thronrede garuichts zur Eröffnung des Reichstags im November gesagt. Wohl aber hat er vorher die Oeynhäuser Rede gehalten; die erste offizielle Bestätigung dieser Rede kam in der zur Frage stehenden Thronrede, und der Angeklagte besprach eben dtese Stelle der Thronrede. Damit ist unseres Erachtens der psychologische Untergrund der ganze» Affaire aufgedeckt, und man muß dem Reichs- gericht Dank wissen, daß es dies durch sein Urteil ermöglicht. Den Frankfurter, aber noch mehr den Leipziger Richtern war die An- schauung schon in Fleisch und Blut übergegangen, daß die Politik„Gegen den Arbeiter- TerrorismuS" vom Kaiser per- sönlich angegeben sei und fortgeführt werde; deshalb wurde ihnen beim besten Willen eine Trennung derjenigen Kritik, welche sich gegen diese persönlichen Kundgebungen des Kaisers richtete, und derjenigen. ivelche uns die verfassungsmäßigen Resultate jener kaiserlichen Richtung, also die Thronrede und den Reichskanzler traf, schlechterdings unmöglich. In ihrem Bewußtsein herrscht der Eindruck, daß es sich bei allem um Wünsche deS Kaiser» handelt, so stark vor, daß persönliche und verfassungsmäßige Aeußerungen de» Monarchen un- bewußt bei ihnen ineinander fließen. Erst so wird auch da»„zugleich" und„daneben" de» ReichsgerichtS-Urteu« verständlich. Di- R-chtlofigk-it deS meckleuburgischen Volkes wird wieder einmal deutlich erwiesen durch nachstehenden Vorfall. In Rostock sollte eine Versammlung abgehalten werden mit der Tagesordnung:„Der Entwurf eine« Gesetzes zum Schutze de» gewerblicken Arbeitsverhältnisses." Diese» Thema bildet angesichts der in Aussicht stehenden Zuchthausvorlage und der mit diesent Gesetz« so«ng verknüpften wirtschastlichen Interessen der Arbeiter ein notwendiges Requisit. um die Arbeiterschaft über ihre Lage aufzuklären, um ihr zu zeigen, durch welche Machtmittel ihre wirtschaftliche Existenz bedroht ist. Da» Ministerium beutteilte diese Angelegenheit offenbar vom politischen Gesichtswinkel aus und gab, scheinbar getrübt durch die Voreingenommenheit gegenüber deu aus organisietten Arbeiterkreisen kommenden Eingaben zwecks Abhaltung öffentlicher VerjammUingen, einen ablehnenden Bescheid. Den gleichen Erfolg hatte eine Beschwerde an das Staatsministerium. Dieses bestätigte einfach die Ablehnung deS Ministeriums. Damit ist die Sache abgethan, die Versammlung muß unterbleiben. Das sind in der That unhaltbare Zustände. Wegeu Rtchterbeletdiguna wurde derRedaeteur des Halle- chen. VolkSblattes", Genossen Swienty, am 11. d. M. zu 400 Mark Geldstrafe ev. 40 Tagen Gefängnis verurteilt. Er all in einem am 28. April unter der Spitzmarke:.Ein ungemein auffälliges Utteil' veröffentlichten Attikel die Mitglieder der 2. Straf- kammer und besonders den Landgettchtsdirektor Weise beleidigt haben. Gen. Swienty war am 2S. April wegen Beleidigung des Etslebener Schöffengerichts zu 300 M. Geldstrafe verurteilt worden. Weil er durch die Wegenüberstelluug zweier Urteile den Richtern in Eisleben den Vor- wurf der Parteilichkeit gemacht haben sollte. Es handelte sich damals um die Bestrafung eines Mühlenbesitzers im Gegensatz zu der Bestrafung eine» Arbetters. In dem fraglichen Artikel wurde die gegen Swienty verhängte Strafe aufs neue kritisiert. Diese Kritik soll wiederum belerdigend gewesen sein. Polizeiltrstes» Äerichllichc» uftv. — Genoff« Verkau, Redacteur des Halberstädter Pattei-Orgaus, hat dieser Tage eine Gefängnisstrafe von einem Monat angetreten, die ihm wegen angeblicher Beleidigung des Oberstaatsanwalts in Naumburg zudiktiert worden war. Bekanntlich handelte es sich dabei um eine Notiz, die der Entrüstung über die Behandlung, die dem Redacteur Emil Meyer während der ersten Zeit seiner Haft' zu teil wurde, Ausdruck verlieh. — Boykott durch den 9 RSS zu treffe»— diesen Versuch ,uiter- nahm die Frankfurter Staatsanwaltschaft. Di« Fronkfutter »VollSstimme" hatte zu verschärfter Führung des Bierkrieges gegen die Ringbraucreicn aufgeforderte Das sollte gegen den§ 153 der Gewerbe-Ordnung und gegen§ 360 Abs. 11 verstoßen, und es erfolgte Anklage gegen den Verantwortlichen, Z i e l o w s k i. Der Staats- anwalt beantragte einen Monat Gefängnis; Z i e I o w s k i wurde aber vom Schöffengericht sowohl, als auch vom Landgericht frei- gesprochen.__ GemeMMzsftliiizes. Berlin und Umgegend. Achtung, Bauhandwerker! Die Fliesenleger legten heute, Mittwoch, den 12. Juli, in allen Finnen zum großen Teil die Arbeit nieder, da die Geschäftsinhaber sich bis jetzt weigerten die gestellten Forderungen anzuerkennen. Zuzug ist fernzuhaltend Anftagen zu richten: Bureau, G r e n a d i e r st r. 33, R e st a u r a n t. Die Kommission. Bei den Wahlen zum Geselleuausschuff der Drechsler Innung, die am 11. d. M. von etiva 250 anwesenden Gesellen vorgenommen wurde, sind sämtliche von den Organisationen sHolzarbeiter-Verband und Verein der Stockarbeitcr) aufgestellten Kandidaten— vier Vertreter und zwei Ersatzmänner— ein- stimmig gewählt worden. Aus Spandau wird uns geschrieben: Unter den hiesigen Maurern hat sich der Organisattonsgedanke, trotz der vorjährigen Aussperrung, in erfreulicher Weise noch mehr verbreitet; einen treffenden Beweis hierfür bot am letzten Sonnabend das von den Jnnungsbnidern veranstaltete Quartalsfest. Entgegen den ftüheren Jahren beteiligten sich diesmal an dem Aufzuge gar nur 34 Mann, noch dazu bis auf wenige Ausnahmen durchweg Poliere, auf deren Mitivirkung an der Organisationsarbeit von den Maurergesellen leider noch immer nicht gerechnet werden kann. Dagegen war das am gleichen Abend von dem Verbände der Maurer arrangierte Stiftungsfest ganz außerordentlich gut besucht. Dem Umstände, daß ihre Organisation fortgesetzt wächst. haben es die Maurer auch allem zuzuschreiben, daß die Unternehmer sich in diesem Jabre zu Unterhandlungen mit der Arbeitnehmer- Konimission bereit fanden und den geforderten 50 Pfennig- Stundenlohn b e iv i I l i g t e», um dessentwillen die ersteren noch im vorigen Jahre die große Aussperrung vornahmen. Achulich gut find die Z i m m e r e r Spandaus organisiert, auch ihnen ist von den Unternehmern im Wege der Vereinbarung der 50 P f e n n i g- S t u n d e n l o h n zu- gestanden worden. So ist für absehbare Zeit Frieden in das Bau- gewerbe in Spandau eingekehrt, nur � weil die Arbeiterorganisation eine gute ist! Hoffentlich lernen die übrigen Spandauer Arbeiterkategorien hieraus l Deutsches Reich. An die Arbeiter Deutschlands! Arbeiter, Genossen! Seit sechs Wochen befinden sich die Arbeiter der Roßlederfabrik von Falk u. Schütt in Wilster in Holstein im Abwehr- streik. Da die Arbeiter einmütig zusammenhalten und es der Firma unmöglich war. Arbeitswillige zu bekommen, glaubt das Unternehmertum nunmehr, begünstigt durch die etwas flaue Konjunktur, die Arbeiterschaft dnrcb Hunger zur Raison bringen zu können. Die Finita Gebr. Böhme hier hat am 24. Juni 281 Arbeiter ausgesperrt und man hat auch versucht, andere Roßleder- fabrikanten in der Provinz zu diesem Schritt zu veranlassen. Die Fabrikanten beabsichtigen, die Organisation zu lprengen les gehören 94 Proz. der Ausständigen dem Verband der Lederarbeiter Deutsch- lands an), sowie elsstnndige Arbeitszeit und 15proze»rige Lohn- reduktion einzuführen. Nach scchsivöchentlichem Kanipfe ist i-och kein Abttünniger zu verzeichnen; ein Zeichen des Klassenbewußtseins der Arbeiterschaft, ES befinden sich im Ausstand 601 Personen: davon sind 397 Familienväter mit 950 Kindern, 104 Ledige und Frauen. Arbeiter, Genossen! Diese Zahlen beweisen Euch, welche großen Opfer hier gebracht werden müssen. Außerdem werden keine Leute aus Wilster anderwärts eingestellt und kann der Kampf nur teilweise erleichtert werden. Der Verband der Lederarbeiter hat schon viele Kämpfe in diesem Jahre durchfechten müssen und sehen wir uns veranlaßt, an die Opferwilligkeit der deutschen Arbeiter zu appellieren. Arbeiter I Stets wo es galt, kämpfende Arbeiter zu unterstützen, haben die Lederarbeiter Wilsters voll ihre Pflicht gcthan und im Bewußtsein treu erfüllter Pflicht, richten wir an alle auf den: Boden der modernen Arbeiterbewegung stehenden Arbeiter die Bitte, uns im Kampfe um das Koalitionsrecht pekuniär zu unterstützen. Gelder sind an O. Klemm, Herberge Ahrens, Wilster in Holstein zu richten. Alle arbeiterfreundlichen Blätter werden um Abdruck gebeten. Der Ortsvorstand des Lederarbeiter-Verbandes. I. A.: August Winkel. Für den Centralvorstand. I. A.: H. Beißwanger-Berlin. An die Dcxtilarbciterschaft Teutschlands! WaS lange vorauszusehen war, ist zur Thatsache geworden. Vor Monaten schon beschäftigten sich die Elberfelder Färber in Versammlungen mit einer Besserung ihrer Arbeitsverhältnisse. Sie wählten eine Kommission. welche die zu stellenden Forderungen an die Herren Fabrikanten formulieren sollte. Das geschah. Diese Forderungen, welche von dem größten Teil der Färber Elberfelds in einer späteren Versammlung anerkannt wurden, lauten: 1. zehnstündiger Arbeitstag, 2. Minimallohn von 21 M.. 3. Bezahlung der Ucber- shinden mit 50 Pf., 4. nrenschenwürdige Behandlung.— Am 3. Juli reichten die Färber in sämtlichen in Betracht kommenden Färbereien diese Forderungen ein, es erfolgte aber seitens der Arbeitgeber— einzelne Ausnahmen abgerechnet— besonders der Inhaber großer Bettiebe, eine abschlägige Anttvort. Hierauf legten von ca. 400 beschäftigten Färbern 300 die Arbeiter nieder. Unter den in Arbeit bleibenden 90 Personen befinden sich 50 Lehrlinge, aber auch auf die übrigen 40 Personen können die Herren Fabrikanten wenig rechnen, da es sich meistens um ältere Leute handelt. Da nun aber die Kassen der hiesigen Gciverkschaften schon durch die jüngsten Lohnkämpfe, welche im Rheinland stattgefunden haben, stark in Ansprach genommen wurden— wie ja die Opferwilligkcit der Wupperthaler Arbeiter bekannt ist-- sehen wir uns veranlaßt. die gesamte deutsche Arbeiterschaft bei mfferm Kampfe in Anspruch zu nehmen. Alle Geldsendungen sind zu richten an Jos. Brück, Elber- seid. Wülfrather st ratze 17. Alle anderen den Lohnkanipf betreffenden Fragen bereitwilligst zu beantworten mich bereit erklärend, zeichnet mit kollcgialischem Gruß im Auftrage des Agitattons-Komitees der Textilarbeiter für Rheinland und Westfalen Karl Schmidt, Elberfeld, Wirker st r. 71. Elberfeld, den 11. Juli 1899. (Alle Arbeiterzeitungen werden um Abdruck gebeten.) f m Waldcn burger Bezirk ist ein heftiger Kampf zwischen ischlergesellen und deren Meistern entbrannt. Die Tischler- innung hat die Meister durch Namensunterschrift und Ehrenwort verpflichtet, die Fordeningen der Lohnkommission des Holzarbeiter- Verbandes nicht zu bewilligen, vor allem aber die zehnstündige Arbeitszeit abzulehnen. Ferner sollen die Streikenden nicht mehr eingestellt werden; ein Mtglied der Lohnkommission ist auf Be- tteiben der Zünftler von seinem Meister entlassen worden. Die Jnmmgsbrüder suchen nun Ersatz aus Böhmen heranzuziehen. Wegen Beleidigung von Streikbrechern wurde vom Schöffengericht in F r a n k f n rt a. O. am Montag der Steingut- drcher M. K. zu 20 M. Geldstrafe verurteilt. K. soll drei Streik- brecher in einer Wirtschaft beschimpft haben. Nachdem K. wieder zur Arbeit zurückgekehrt, zogen zwei der Beleidiger ihre Straf- antrüge zurück. Der Staatsanwalt war der Meinung, daß es gesühnt werden müsse, daß der Angeklagte arbeitsfreudige und ' arbeitswillige Arbeiter an der Arbeit habe hindern wollen, hielt aber in Anbetracht der inzwischen erfolgten Versöhnung obige Strafe für ausreichend. Arbeitsnachweis der Maurer Braunschweigs. Die Kommission der Braunschweiger Maurer bittet uns, nachstehendes zu veröffentlichen: An die Maurer Deutschlands! Daß unsere Forderung von 45 Pf. Stundenlohn in diesem Jahre von der größten Mehrzahl der Arbeitgeber anerkannt ist, wird allgemein bekannt sein. Wenn wir auch die übrigen Forderungen, Löhnerhöhung bei Wasser- arbeiten usw. fallen gelassen haben, so sind wir doch vorerst mit dem Errungenen zufrieden. Das beste, was wir in diesem Jahre erreicht haben, ist wohl, daß wir uns einen Arbeitsnachweis ge- schaffen haben, aus welchem fast sämtliche Arbeitsstellen besetzt werden. Auch die Unternehmer sind sehr damit zufrieden, da ihnen von uns gute Leute zugeschickt werden, was sie uns zum Teil selbst bekundet haben. Kollegen! Wir alle sind wohl der Meinung, daß ein Arbeitsnachweis in Händen der Arbeiter einen großen Fortschritt in unserer Be- wegung bedeutet. Selbst die Unternehmer haben es hier in Braun schweig versucht, den Arbeitsnachweis in ihre Hände zu bekommen, was aber mißglückte, da sich nur die minderwenigen Kollegen dort meldeten. Um nun diese Waffe in unseren Händen zu festigen, liegt es hauptsächlich an den hier zurcisenden Kollegen, die hiennit ersucht werden, wenn sie nach Brannschweig kommen, sich zunächst auf das Bureau der Komnussion im 3i h e i ii i s ch e n Hof Wendenstraße 45, zu begeben und sich dort zu melden. Also nochmals, Kollegen, beherzigt dieses und unterstützt uns in dieser Sache. Wir lverden sämtliche Kollegen, soweit Arbeit vorhanden ist, berücksichtigen. Handwrber am Nicderrhein. Die Handweber in Sanunten welche hauptsächlich in den unigebendcn Ortschaften, wie H ü l s St. Tönis, St. Hubert, Süchteln usw. wohnen, haben einen Ausschuß gewählt, welcher mit den Fabrikanten um eine Lolm- erhöhung von 30 pCt. unterhandeln soll. Ihr Durchschnittsverdienst pro Woche bat nur 10 M. betragen; nach den geforderten Znsätzen würde er sich auf 13—14 M. erhöhen. Einzelne Fabrikanten haben sich zu einer Lohnerhöhung vom künftigen September verstanden während andere sich ablehnend verhallen. Die Handweber geben ihrer Entschlossenheit Ausdruck, ihre Forderungen durchzusetzen. Sachse» am Rhci». Am Sonntag wurde in Mülheim am Rhein durch den liberwackjenden Polizeikommissar Krüppel eine von dem Hirsch-Dnnckerschen Gewerkvereiii der Maschinenbaner veranstaltete Prote st Versammlung gegen die Zuchthaus Vorlage aufgelöst, als unser Parteigenosse Gilsbach aus Köln in der Diskussion redete. Wie unberechtigt und gesetzwidrig das Ver- halten der Beamten ist, mag man an den Worten erkennen, dercnt- wegen die Auflösung erfolgte. Gilsbach sagte:.Die Arbeiterschaft hatte am meisten die Notwendigkeit der Solidarität empfunden, weil sie von jeher, unterdrückt und enttechtct von dem Ilinemehniertum und Regierungen... In diesem Augenblick erbob sich der Polizei- tonimissar und erklärte:.Ich löse hiermit die Versammlung auf' Es wurden allgemeine Rufe des Erstaunens und der Enrriistung laut. Gilsbach criuahnte. rubig zu sein und den Saal zu verlassen; er erklärte, gegen das Vorgehen des Beamten würden die crforder- pichen Schritte gethan werden. Die Versammlung, die von 350 Per- oucn besucht war, verließ denn auch in aller Niuhe den Saal. Tic Spinner der Gladbacher Kammgarnspinnerei änd, wie wir vor einigen Tagen mitteilten, in den Ausstand getreten. Darauf hat die Direktion sämtlichen Ausständigen die Wohnungen gekündigt. Hier zeigt sich wieder einmal, was es mit den sogenannten ohlfahrtseinrichtungen sür Arbeiter" aus sich hat. Sie dienen— namentlich gilt dies von den Arbeiterwohuungen— als das beste Mittel, die Arbeiter an die Scholle zu fesseln— ein Hemmschuh bei Lohnbewegungen. Lohnbewegung der Krahucnsührer in Frankfurt a. M. Die Siadt Halle den Krahnenführern im Kohlenhasen 20 Pf. Lohn- Zuschlag pro Tag bewilligt, sodaß diese nun 3,20 M. Tagelohn batten.' Dafür sollten sie aber des Morgens 20 Minuten ftühcr an- angen, als die übrigen Arbeiter im Hafen. Damit sind die Krahnen- uhrer nicht einvcrftanden und nahmen deshalb die Arbeit nicht auf. Vom Frankfurter Zinimrrerstreik. Die Lage des Streiks hat sich am Ende der zweiten Woa,e zu Gunsten der Streikenden verändert, denn gestern meldete» sich zur Kontrolle von den Streiken- den nur noch 45 Mann und von diesen kommen am Montag, den 10. Juli, weitere 19 Mann zu den neuen Bedingungen in Arbeit. Bewilligt haben 25 Unternehmer, bei denen 152 Mann in Arbeit and. In der Umgebung von Frankfurt arbeiten 184 Mann. Trotz- dem der Verband baugcwerblicher Unternehmer von Frankfurt a. M. überall hin aufgefordert hat, keinen der Streikenden einzustellen, gehen täglich bei der Lohnkommission Nachfragen ein nach Zimmer- teuren, die nach außerhalb gewünscht werden. Ter Maurerstrcik in D a r m st a d t ist zu Ungunsten der Ar- beiter vccndct. Die Maurer in Mecrane hatten beschlossen, das Einigungs- amt beim Gewcrbegericvt anzurufen. Der Stadtrat hat auch eine Besprechung mit den Arbeitgebern arrangiert, die aber erklärten, keinen Austrag zu haben. Auch das fernere Verhalten der Unter- nehmer ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, daß diese keine Einigung wollen. Tie Tischlergrsellcn von Heidelberg i. B. sind in eine Lohn- bewegung eingetreten. Sie forden«: 1. Einführung der zehnstündigen Arbeitszeit; 2. Erhöhung der Löhne um 15 Proz.; 3. sür Ueber- stunden und Sonutagsarbeit 25 Proz..Zuschlag; 4. Abschaffung von Kost und Logis beim Meister. Zur Beilegung des Kainpseö zwischen den Stuttgarter Möbelttschlern und den Möbelfabritanten hat der dortige Siadtschuliheißen G a u tz Unterhandtungen angebahnt. Die Möbel- fabrikanten haben aber erklärt, nur dann zur Verhandlung bereit zu sein, wenn die Arbeiter vorher auch ihre letzte Hauptforderung, die iieunftündige Arbeitszeit, fallen lassen. Diese Anmaßung beweist. daß die Unternehmer aus dem Streik eine Machtfrage machen wollen. Wenn man sich einigen will, hat man nicht im voraus Bedingungen zu stellen, über die ja gerade die Verhandlungen gepflogen werden sollen. Hoffentlich werden die Machtgelüste der Unternehmer an der Solidarität der Arbeiter scheitern. Zum Stand des Streiks selbst macht das Streikkomitee folgendes bekannt:.In den letzten Tagen haben wir wiederholt in Erfahrung gebracht, daß auSwärtS das Gerücht verbreitet wird, unser Streik sei beendet. Wir richten deshalb an die gesamte Arbeiterpresse die Bitte, darauf hinzuweisen, daß der Streik fortdauert und daß der Zuzug lerngehalten werden muß. Schwarze Listen und Fiihriiiigsattcste gehören zu den beliebtesten Mitteln der Unternehmer� die Arbeiter unter ihrer Knute zu halten. Vor uns liegen zivei Führungsattcste, welche die „H a r p e u e r B e r g b a u- A k t» e n- G e s e l l s ch a f t" zwei ihrer Arbeiter bei deren Abkehr aushändigte. Beide haben sich nach dem Zeugnis de« Betriebsführers»gut geführt", der eine aber.mußte wegen Beteiligung am Streik entlassen werden" und der andere»ist bei Ausbruch des Streiks als Rädelsführer aufgetteten". Hoffentlich haben die betreffenden Arbeiter ihr Recht bei der zuständigen Stelle gesucht, denn die Kennzeichnung der Arbeiter durch derartige Bemerkungen im Entlassungszeugnis ist nn- gesetzlich. Znm Nngsburger Manrerstreik. Augsburger Blätter melden unterm 10. Juli: Gestern abend wurden etwa 30 arbeitswillige Maurer, die sich von auswärts hierher zur Arbeit begeben wollten, in der Nähe der Stadt von streikenden Arbeitem überfallen, und nachdem der anfiihrende Polier durch Schläge unschädlich gemacht worden war. in ein Wirtshaus geschleppt, wo sie die ganze Nacht festgehalten wurden, um ihren Arbeitsantritt heute zu verhindern. Die Sache ist gerichtlich anhängig gemacht worden. Dazu bemerkt die„Münch. Post":„Wir können die Richtigkeit der Meldung zur Zeit nicht kontrollieren. Es wäre aber sehr bedauerlich, wenn sie sich bewahrheiten würde. Nehmen doch die Scharfmacher-Organe bereits Anlaß, den Fall nach ihrer Art zu fruktifizieren und neuerdings für die Zuchthausvorlage Reklame zu machen." Indes: Abwarten! Ausland. Im Hafen zu Antwerpen ist dem Brüsseler„Pattiote" zufolge ein Ausstand ausgebrochen, der sich auf verschiedene Arbeiter- kategoricn ausdehnt. Besonders fordern die Anslader für die Sonntagsarbeit und die Nachtarbeit einen Stundenlohn von einem Fcank. Die Bewegung werde von allen katholischen und socialdemo- kratischen Vereinigungen unterstützt. Aus de« �rsuenbcivcgnng. � Eine Frauen- und Mädchcn-Lnngeuhcilstätte soll im Walde bei Gommern iProvin; Sachsen) errichtet werden. Am Sonntag fand unter den üblichen Feierlichkeiten die Grundsteinlegung'statt. Die Zunahme der weiblichen Lehrkräfte an den ö f f e n t- l i ch e n Volksschulen Preußens mar in den letzten Jahren sehr bedeutend. Nach der Fachzeitschrift„Aus der Schule— für die Schule" betrug die Zahl der Lehrerinnen 1822 2.21 Proz.; 1834 2.98; 1846 7.16: 1855 8,3; 1864 9.14; 1875 8,10; 1886 11.83; 1896 14.90 Proz. der männlichen Lehrkräfte. Sie belief sich 1886 auf 6848, 1896 dagegen schon auf 10 299. Z w e i d r i t t e l aller Lehrerinnen(6679) amtieren in Berlin, Westfalen und Rheinland. Auf dem Lande waren 3703 Lehrerinnen angestellt, also etwa ein Drittel der Gesamtheit. Die Landlehrerinnen sind größtenteils katholisch(2926); nur 777 waren evangelisch. Die Domänen der Lehrerinnen sind die g r o ß e n S t ä d t e. In den Metropolen des Ostens kommt auf zwei Lehrer in der Siegel eine Lehrerin, im Westen dagegen sind beide Geschleckter vielfach in gleicher Zahl ver- treten. Ganz allgemein ist die Verwendung in evangelischen Schulen geringer als in katholischen. So machen z. B. in den westfälischen Städten die evangelischen Lehrerinnen(213) nur ein Fünftel der evangelischen Lehrer(1013! aus, während die katholischen Lehre- rinnen(552) den Lehrern(572) fast das Gleichgewicht halten. In den Städten des Regierungsbezirks Münster sind die katholischen Lehrerinnen(170) sogar zahlreicher vertreten, als die Lehrer(157). In den Bezirken Arnsberg und Minden und im ganzen Rheinlande tritt uns dieselbe Erscheinung entgegen. Tie Frauen in der Berliner akademischen Lesehalle. In der letzten Sitzung des Direktoriums der akademischen Lesehalle lag ein Antrag vor, die st n d i e r e n d e n Frauen, die bisher nur als außerordentliche Mitglieder der Lesehalle angehören und einen höheren Beitrag als die Studenten zahlen müssen, für voll- berechtigte Mitglieder zu erklären. Tie Mehrheit deS Direktoriums lehnte den Antrag ab. So bringt das Zopstum wcnigslens noch etwas ein: Höhere Beiträge— keine Rechte I Mttkevnrlimev�Vcvbiittde. Börse und Handel. Ein neuer Ring hat sich am Sonnabend Berlin gebildet. Im Central-Hotel fand am Sonnabendnach- mittag eine Versammlung der Fett- und Oelwaren« Fabrikanten Deutschlands statt, welche zur Gründung eines FachvereinS führte. In dem Cirkular, in welchem zur Teil- nähme an der Versammlung aufgefordert wurde, war mitgeteilt worden, daß zur Erzielung besserer Preise dieser Ring ge- bildet werden solle. Zwei Firmen in Stettin und r a b o w haben zwar keine unbedingte Zustimmung abgegeben, doch könnte gegen etwaige Gegner der Vereinigung mit Machtmitteln(!) vorgegangen und die Firmen gezwungen(I) werden, dem Verein beizutreten. Der letztere wurde in der Ver- sommlung lonstttuiert und die Satzungen alsbald festgelegt. Gleich- eilig wurde beschlossen, den jährlichen Vereinsbeittag� auf 5 M. zu normieren. Es wurde ferner bestimmt, daß z u n ä ch st eine Erhöhung der Preise von Wagenfett stattfinden soll. Ebenso wird der neu gegründete Verein beim Reichstag dabin vorstellig werden, daß bei Einführung von Harzöl aus dem Auslande eine Steuer erhoben oder die auf R o b h a r z lastende Steuer beseittgt wird. Im Oktober d. I. wird in Eisenach eine Versammlung deS Vereins stattfinden, in welcher über weitere Maßnahmen zur Er- ziel nng besserer Warenpreise beraten werden soll. � Für die Einhaltung der einmal festgesetzten Verkaufspreise soll Einführung einer Konventionalstrafe Sorge getragen werden. Verein will ferner eine Einkaufsgenossenschaft gründen. durch Der Zfctzke und DevcsÄzen. Frankft. Ztg." meldet Einleitung des Frankfurt a. M., 12. Juli.(B. B.) Die aus Darmstadt; Das Ministerium hat die............... Disciplinarverfahrens gegen den Geheimen Oberschulrat Dr. Schiller in Vließen beschlossen. Frankfurt a. M., 12. Juli.(B. H.) Die„Franks. Ztg." meldet aus Newyork: Die„Sun", ein Organ der Administration, meldet den Rücktritt des Kricgsministers Alger infolge von Zerwürfnissen mit dem Präfidenten. Budapest, 12. Juli.(B. H.) Der Reichstag ist bis zum 28. September vertagt worden. Die Ansgleichsverfügungen werden zum Teil im Laufe des Juli in Oestreich und Ungarn in Kraft treten. Brünn, 12. Juli.(W. T. SB.) Ausständige Arbeiter der Firma Loew-SBeer tn Switawka erzwangen Gewaltthätigkeiten und Drohungen in der Spinnerei Netti-Fischer in Lhotta-Rakotiija die Einstellung der Arbeit. Gendarmen verhafteten dabei 58-Personen, welche wegen Verbrechens der Gewaltthätigkeit dem Gerichte eingeliefert wurden. Brüssel, 12. Juli.(W. T. B.) Der Ausschuß des liberalen Bundes nahm einstimmig eine Tagesordnung an, welche die liberalen Gruppen auffordert, angesichts der Haltting der Regierung in der Wahlrechtsfrage und insbesondere angesichts der Kommunal- wählen sich den übrigen oppositionellen Parteien zu �Paris, 12. Juli.(W. T. B.) Die Blätter veröffentlichen ein Schreiben des ftüheren Kolonialministers Lebon, in welchem dieser erklärt, er habe infolge amtlicher Berichte über die Möglichkeit einer Flucht Dreyfus' die Hütte desselben mit Pallisaden umgeben lassen und angeordnet, so lange die Pallisaden unvollendet seien, Dreyfus des Nachts in Eisen zu legen. London, 12. Juli.(W. T. B.) Das ständige Personal der be- rittenen Infanterie im Lager von Aldershof hat Befehl erhalten, sich zur Einschiffung nach Südafrika bereit zu halten. Bukarest, 12. Juli.(B. H.) Der Minister des Innern schärfte den Präfetten durch ein Cirkular ein, sich durch Jnspeltionsreisen über die Bedürfnisse und die Stimmimg der Landbevölkennig zu informieren, die schädliche Propaganda zu bekämpfen und die Bauernschaft auf die Gefahren aufmerksam zu machen, denen sie sich aussetzen, wenn sie der Propaganda Gehör schenken. Eine etwaige Revolte würde auf das Strengste geahndet werden. Athen, 12. Juli.d weniger gut entwickelte jüngere Kühe und Färfen—, d) mäßig genährte Kühe und Färsen 47—49 e) gertng genährte Kühe und tärsen 43—45.— Kälber: a) feinste Mast«(Vollmilchmaft) und beste augkälber 66—69, b) mittlere Mast- und gute Saugkälber 60—64, o) ge- ringe Saugkälber 54—58, d) ältere gering genährte(Fresser)—. — Schafe: a) Mastlämmer und jüngere Masthaimuel 68—60, b) ältere Masthammcl 62—56, o) mäßig genährte Hammel und Sckiafe(März- schaje 48—50, d) Holstein«! Nicderungöfcbafe(Lebendgewicht)—.— Schweine: a) vollfleischlge, der feineren Rassen und deren Kreuzungen, im Alter bis zu!>/« Jahren 47; b) Käser—, o) fleischige 46, d) gering entwickelte 44— 4o, e) Sauen 40—42 M.— Verkauf und Tendenz: Dom Rinderauftrkeb bliebe»»och 109 Stück unverkauft. Der Kälber- Handel gestaltete sich nihtg. Bei Schafen fanden ungefähr di« Hälfte des Auftriebs Absatz.. Der Schweineniartt verlies ruhig und wmde nicht ganz geräumt; schwere fette Ware blieb ganz vernachlässigt. Witterungsübersicht vom 18. Jnli 1899, morgens 8 Ithv. Stationen Swineinde. Hamburg Berint Wiesbaden Miinchen Wien Wetter aS B-» ss 11 I» Stationen v e H 766 SO 764)0 765ONO 76210 764 0 764Bt!ll 4:h0itcr 21 Z.wolkenl! 22 I wollenl! 21 Smolkenl 22 Iwolkenl 19 — wolkenl! 18 Haparanda Petersburg Cork Aberdecn Paris 764 769 760 Z«■ S OSO N 760 MNQ Wetter öS Wi ss» 5'3 2 heiter iDnuft 5Mgen 2 bedeckt 18 18 13 14 Wetter-Prognose für Donnerstag, den IZ. Jnti 1899. Zllnächst ziemlich heiter und sehr wann bei mäßigen südlichen Winde») nachher zunehmende Bewöllung, Gewitterregen und Abkühlung. Berliner Wetterbureau. Briefkasten der Redaktion. Di« juristische Sprechstittide wird Dienstags, Donnerstags und Freitags abends von 6 bis 8 tthr abgehalten. R.®. Uns unbekannt. «. vv.„Tabak-Arbeiter", Leipzig, Mtttelstr. S. Fragen Sie gefalligst dort an. M. F. 100. 7. Dezember 1835 Nürnberg- Fürth. Derartige Ding- finden Sie selbst in jedem Handlexikon. Jduna. Entzieht sich unserer näheren Kenntnis. W. W. An der Stadtbahn, Bogen 104, Centralvere!» fllr Arbeits- Nachweis. H. Otto. Nach Ansicht der Versicherungsanstalt liegt Berycherungs- pflichl seit dem 1. Januar 1891 vor.— G. K. 11. Sie müssen sich an das Polizetprästdinm wenden.-p. V. freudeaberg. 2, DiL- kusston. 3. Verschiedenes. 116/1 Da«b sich in dieser Versammlung darum handelt, energischen Protest gegen da« Borgehen der Metallindustrielleu einzulegen, fo ist zahlreiches Erfcheweu unbedingt erforderlich. De« vertraurnSmann der Berliner Metallarveiter. Ott« Xaether, 8., Annenstraße 39. Ledemiieiter Äerlins. Am Freitag, den 14. Jnli, abendS S'/a Uhr, im Lokal deS Herrn Oi-au»(Bictoriagarten), Badstr. 12: Große öffentliche Versammlung aller in der Lederfabrikation beschäftigte» Arbeiter und Arbeiterinnen, als: Weistgerber, Lohgerber, Lederfärber. Zurichter und Berufsgeu. Tages-Ordiiung: 1. Vortrag des Genossen A. KnoII über:„Die Arbeiterbewegung im Mittelalter". 2. Kassenbericht des Vertrauensmannes. 3. Wahl der Delegierten zur Gewerlschastskommifston. 4. GewerkschastlscheS und Ver- schiedeneS. 103/4 Ver- V-'i-ti-aaeiiKinaim. Zähne 2 M. 10 Jahre Garantie. Vollkommen echmerzloees Zahnziehen l M. Plomben 1.50 M. Telizahl. wöchentl. I M. Kalmarzt Wolf, Lelpzlgentr. 92. Spreobet. 9-7. Todes-Anzeige. Gestern Mittag verstarb im 80. Jahre naoh längerem Leiden unser guter Vater, Sobwieger- und Groesvater, " 1800b unser Bruder und OnSTcl ffleiurich Orimpe. Dies zeigen allen Verwandten und Freunden mit dex Bitte um stüle Teilnahme an Die tranernden Hinterbliebenen. Berlin, Schulenburg, Hlldethelm, Hannover, Elberfeld, Bei»- eoheld, Bournemouth, den 12. Juli 1899. Uie Beerdigung findet am Freitag, den 14, Juli, nachmittags 3Va Uhr, vom Krankenhause Bethanien aus statt. Kleine Anzeigen. W t« Buckstabon tM/m doppelt. Mßm M M 4W9 Alt Z tilgen yHmt>ier u I.rilen in den Annahmestellen für JtBrlin — mmxmattSTttsJ~ bis 2 ühr, für die Vorariebls 1 Vhr, in der Hauptexpedition Beatkstr.# bis 4 Uhr anyanommon. Uea A nien fm tin t»SJ m MSbelverkauf, Oranienstraße 73, zwischen Moritzplatz und Alexandrinen- straße. in meinem vier Etage» hohen Fabrikgebäude, großes Möbel-Special- geschäft für WohnungS-EInrichtimgen. Brautleute, welche eine dauerhafte»»d billige Einrichtung kaufen wollen, bitte ich, ohne jeden Kaufzwang mein koloffales Lager vor Einkauf zu bcsich- ttgen. Verlangen Sie inei» größtes Musterbuch gratis und franko. Durch gtößere Masseneinkäufe und Ersparung der teuren Ladeumiete bin ich iu, staube, hübsche und geschmackvolle Wohnnugseinrichtmigen ichon für 150, 200, 300, 400 Mark, hochelegante von 500 bis 10 000 Mark zu liefern. Fertige Musterzimmer zur Ansicht. Wohnungseinrichtungen auf Teilzah- lung unter de» loulaitteste» Beding- ungen. Beamten ohne Anzahlung. 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