Ar. 173. KboiMtMtMs-Zedingungt«: Abonnements- Preis pränumerando: Vierleljahrl. 3.Z0 Mb, monatb l.lOMk.. wöcheutlich 28 Psg. frei ins Hau». Einzelne Nummer S Psg. Sonntags- Nummer mit illustrierter Eonniags- Beilage„Die Neue Welt" 10 Psg. Post- Abonnement: 3,30 Marl pro Quartal. Eingelragen in der Post- Zeilungs- Preisliste sur 1899 unter Lr. 7820. Unter Kreuzband sitr Deutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, sür da» übrige Ausland 3 Marl pro Monat. Erschein! täglich»usjrr Wonlag». Verlinev VulKsblsitt. 16. Jahrg. Die Insertion--Wrbühr beträgt sür die sechsgespaltene Kolonel» zeile oder deren Raum so Psg., sür politischeund gewerlschastliche Vereins- und Versammlung»-Anzeigen 20 Psg. „Kleine Anietgen» jedes Wort 5 Psg. (nur das erste Wort seit). Inserate sür die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in derExped ilion abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis 8 Uhr vormittags geössnet Fernsprecher, Am! I, Sr. 1208, Telegramm-Adresse:. „Sorialdeniokral Srrlin'i* C�ntralorgan der socialdemokratischen Partei Deutschtands. Rrdalttion: SM. 19, Beuth-Straste 2. Sonnabend, den Ä9. Juli 1899. Expedition: SW. 19, Beuttz-Steafze 3. Die Terroristen an der Arbeit. Marx hat einmal von den in Trades Unions organisierten eng« tischen Arbeitern gesagt, sie seien die P r e i s f e ch t e r des gesamten Proletariats der Welt gewesen. Von den dänischen Unter- n e h m e r n können wir heute mit gleichem Recht sagen: sie sind die Preisfechter des internationalen Unter- nehmertums. Die Massen- Aussperrung in Dänemark ist keine nationale Angelegenheit, sie ist in einem Maße wie kein früherer Klassenkampf zwischen Arbeitern und Kapitalisten eine inter nationale Angelegenheit, ein internationaler Kampf. Die dänischen Geldprotzen würden sich nimmermehr zu diesem Feldzug gegen die K l a s s e n« O r g a n i s a t i o n der Arbeiter ent- schlössen haben, wenn sie nicht im Voraus sich der Unterstützung ihrer Klassen« und Standesgenossen in den übrigen Kultur- und Industrie ländern versichert hätten. Namentlich in dem stammverwandten Deutschland, wohin die dänischen Arbeiter gern wandern siiicht aus wandern), hatte man das Terrain vorher sondiert und die bündigsten Zusagen kräftigster Unterstützung empfangen. Insbesondere hatte man die Zusage, daß kein ausgesperrter dänischer Arbeiter in Deutschland Beschäftigung erlangen würde. Die Aussperrung der Arbeitswilligen von der Arbeit war also gleich von vornherein mit einer Aussperrung vom Brot, mit dem wirtschaftlichen Interdikt verbunden. Wir wissen, daß die Zusage gehalten worden ist. Das Sprüchwort von der Ehrlichkeit unter Dieben gilt auch für die Zunft der Arbeitgeber. Und nicht bloß ist die Zusage gehalten worden— nein, auch in jeder Weise hat das ausländische Unternehmertum die dänischen Kollegen unterstützt: sie angefeuert, angestachelt, aufgestachelt, für den unbarni- herzigsten Terrorismus scharf zu machen gesucht. Die Briefe der König Stumm und verwandter Seelen, die, ähnlich, wie weiland der Zar von Saarabien den Hamburger Reedern während des Hafw arbciter- Streiks, den dänischen Protzen Mut zusprechen und sie ermahnen, nicht eher zu ruhen, bis die„rebellischen" Arbeiter vom Hunger auf die Knie gebracht und gezwungen sind, ihre einzige Waffe: die Organisation zur Ausübung des Koalitionsrechts zu zerbrechen— pour encourager les autres— um den Arbeitern der anderen Länder als warnendes Beispiel zu dienen— diese Briefe zu lesen, das wäre ein kultur- geschichtliches Studium. Wir kennen ja schon den kulturgeschichtlichen Wert Stummscher Briefe, wenn ihnen auch, wie das Gericht festgestellt hat, kein geistiger Wert innewohnt, so daß sie kein geistiges Eigentum bilden können. Das Zureden und Hetzen, verbunden mit der thatkräftigen Unter- stützung durch allgemeines Aussperren der Ausgesperrten, hat denn auch seine Wirkung nicht verfehlt; die dänischen Arbeitgeber fühlen sich auf der Höhe ihrer internationalen Mission, und zu den 40 000 schon Ausgesperrten wollen sie jetzt noch weitere 12 000 aussperren, damit die Brotrationen verringert werden müssen, und der Hunger seine Arbeit rascher verrichtet. Hunger! Nicht der Hunger, welcher der beste Koch ist für den, infolge von Ueberfütterung, an Appetitlosigkeit leidenden Reichen — nein, der Hunger, welcher den Magen zernagt und in das Mark der Knochen hineinbeißt— der grausamste, gefürchtetste Feind der Armut, und der zur Armut verurteilten Arbeit. Der Hunger, dieser mächtigste Bundesgenosse des Kapitalismus, dieser Bändiger der stärksten Kraft und der festesten Entschlüsse, diese trockene Guillotine, die, wie wir früher schon sagten, weit qualvoller ist, als die nasse, und die ihr Ziel sicherer trifft, als das Schwert und die Kugel: er, der Hunger, der allbezwingcnde Würger, ist die Hauptstütze, ist das Hauptwcrkzcug, die Hauptwaffe des modernen Terrorismus. Was ist verglichen mit diesem Schreckmittel die Guillotine der alten französischen Revolution, die M i t r a i l l e u s e, die zu Hunderten, zu Tausenden die Männer, Frauen und Kinder der Kommune hinmähte, wie im Juni die Gras- Halme von der Sichel gemäht werden? Kein Despot des Altertums und der Neuzeit hat gleichen Terrorismus geübt, konnte und kann gleichen TerroriSmus üben, wie der moderne Despot von Kapitalis- mus Gnaden, dem Leib und Seele„seiner" Arbeiter gehört, und für den die Arbeiter nicht Menschen sind, sondern Sachen, mit denen er thun kann, was er will. Nur eine Möglichkeit giebt es für den Arbeiter, sich aus der Bastille dieses absoluten, unbeschränkten Despotismus zu retten, sein Menschenrecht ihm gegenüber zu bewahren. Diese einzige Möglichkeit liegt im Koalitionsrecht. Das Koalitionsrecht wird deshalb auch ingrimmig von dem Unternehmcr-Despotismus gehaßt. Es den Arbeitern zu rauben, ist das Ziel des Unternehmer- Despotismus, und der Zweck des Unternchmer-Terrorismus in allen Ländern des europäischen Festlandes. In Deutschland Kn eb e- liiitg der Arbeiter, durch die der Unternehmcr-Despotismus mit einem Male sein Ziel erreichen soll— in Dänemark diese Massen- Aussperrung, durch die wider Recht und Gesetz den Arbeitern ihre beste Wehr und Waffen zerbrochen werden soll. Ueber 22 000 Arbeiter die Folter des Hungers verhängt, weil sie von ihrem gesetzlich verbrieften Naturrecht Gebrauch machen— und dieses Schreckenssystem verhängt unter dem Beifall des Unternehmertums aller Länder des europäischen Festlands I Kann der Terrorismus, kann die Gesetzlosigkeit, kann die Uiimcuschlichkcit dcS kapitalistischen Unternehmertums handgreiflicher dargethan, in grellerer Beleuchtting gezeigt werden? Der Kanipf, den die dänischen Arbeiter gegen die Hungertaktik des satten Untcrnehmcrtunis führen, ist der näm- liche Kampf, wie der Kampf der deutschen Arbeiter gegen die geplante Knebelung. Beides ist e i n Kampf; und darum gebietet uns das Klasseniiitcrcsse ebenso wie die Humanität, den dänischen Genossen Hilfe zu gewähren, Hilfe im äußersten unserer Kräfte, denn ein Sieg des dänischen Unternehmer-Terrorismus wäre gleichbedeutend mit einem Sieg des deutschen Unternehmer-Terrorismus! Drum, Hilfe den dänischen Brüdern! Und nieder mit der S ch re ckenS h errsch aft des inter- nationalen Kapitalismus! Politische Mebevstchk. Berlin, den 23. Juli. Der Kampf»m Biesterfeld. Vor einigen Monaten wurde auf einen merkwürdigen Fall von Politik im Goth'aischen Hofkalender hingewiesen. In der Vorrede der Redaktion zum Jahrgang 1899 fanden sich folgende Bemerkungen: „Tiefgehende Veränderungen in dein genealogischen Teile des Hofkalenders sind nicht vorgenommen worden, wenn auch in diesem Jahre, wie schon oft, mannigfaltige Versuche— zum Teil unter Drohungen— gemacht worden sind, die Re- daktion von ihren alten bewährten Grundsätzen abzubringen und den Hofkalcnder Soudcrbestrebungen dienstbar zu machen. Es sei auch hier darauf hingewiesen, daß der Hofkalcnder nie Politik getrieben hat noch treiben wird. Er hält sich einfach an die vollendeten That- fachen und verzeichnet sie historisch möglichst getreu. Irgend welche Bevorzugungen oder Parteinahme sin der nicht statt. Dagegen hat er oft genug schon Schutzlosen gegen seiner Meinung nach un- berechtigte Äugriffe dadurch Schutz gewährt, daß er an dem bis- herigen Wortlaut festhielt." Die Tragikomödie, die sich in der Redaktion des Harm- losen Hofkalenders abgespielt hatte, bestand darin, daß sie der Weisung widerstrebt hatte, die Kinder des jetzigen Regenten von Lippe deshalb aus dem Kalender zu streichen, damit ihre Ebenbürtigkeit nicht anerkannt werde. Die Gothaische Hofkalender-Redaktion zeigte also eine nicht unrühmliche Widerstandsfähigkeit gegen mächttge Einflüsse. Aber Strafe muß sein, und da es nicht gelungen war, den Kalender, übrigens ein durch sejnp statistischen Nachweise sehr nützliches Buch, durch gütliche Ueberredungen zu beeinflussen, so griff man zur finanziellen Gewalt, man suchte ihn mürbe zu machen, indem man ihm künstlich eine Konkurrenz schuf, zum erstenmal seit seinem Bestehen, seit 136 Jahren. Wie wir den„Dresdener Nachrichten" entnehmen, erschien bald auf dem Markt ein Buch mit dem Titel: „Jahrbuch des hohen Adels, umfassend die Abstammung der dcuffchen landesherrlichen Häuser sc.". Interessenten und Kenner der Fachlitteratur konnten, so schreibt das erwähnte Blatt, nicht begreifen, was die als Verleger ge- zeichnete Verlaasbuchhandlung für Kriegs Wissenschaft, G. m. b. H., Berlin W, lGcschäftssührender Gesellschafter der königlich preußische Hofbuchhändler Hans Kufittich) veranlaßt haben könne. den Versuch zn machen, mir diesem Jahrbuch den Gothaischen Hofkalcnder zu verdrängen. Der Vergleich ergiebt, daß es außer einigen nicht neuen, irgend einem heraldischen Handbuch entnommenen Be- merkuugen über die ursprüngliche Bedeutung der Bezeichnungen Graf und Herzog, nichts enthält als einen fast buchstäblichen Abdruck der beiden ersten Abteilungen des Gothaische» Hofkalcnders, ivobei es wahrscheinlich in Ermangelung eigener Quellen bei neuen Er- eignissen nur den vorjährigen Jahrgang des Gothaer abschreiben konnte. Dabei kostet das Jahrbuch bei einem klinfangc von nur ISO Seiten 4 M., während der Gothaische Hofkalcnder. der außer dein genealogischen Teil noch das viel wichtigere diplomatische Jahr- buch enthält, bei einem Unifaug von 1332 Seiten nur 8 M. tostet. Das Rätsel löst sich allein,' aber in überaus charakteristischer Weise, wenn man in beiden Handbüchern den Artikel ,. L i p p e" vergleicht. Während im„Gothaer" selbstverständlich alle Glieder des Hauses verzeichnet sind, hat der Berliner Kriegsverlags-Hof- buchhändlcr in seinem Jahrbuch allein den Graf-Regenten von Lippe aufgenommen, seine Kinder und andere Glieder des Hauses aber unbarmherzig aus der Liste der Lebenden ge- striche». Also allein zu diesem Zwecke mußte die Krieqsverlags- Buchhandlung des Herrn Kufittich dem über lOOjährigeu Golhaischen Hofkalender ein Konkurrenzunternehmen bringen und das neue Jahrbuch unter ihre Fittiche nehmen. So sicher es ist, daß wirk- lich leitende Persönlichkeiten der Sache ganz fern stchcu, so charakteristisch und interessant ist sie für eine bei jeder Gelegenheit sich einstellende liebedienerische Gcschäftspraxis, die den Personen und der Sache, der sie dienen will, in den Augen der unabhängig und klar Denkenden nur großen Schaden bringt." Zu diesen erbaulichen Enthüllungen, die gerade in ihrer vorsichttgen Formulierung deutlich reden, nehme man folgendes Inserat der„Lippischen Landeszeitung" vom 26. Juli: „Die aus Anlaß meines Geburtstages mir übersandten freund- lichen Glückwünsche, die mir so zahlreich aus dem Lippischen Laude wiederum dargebracht sind, haben mich herzlich erfreut imd sage ich auf diesem Wege meinen aufrichtigsten Dank für dieselben. Adolf, Prinz zu Schaumburg-Lippe. Bonn, Palais Schaumburg, den 21. Juli 1899." Der durch den Schiedsspruch des Königs von Sachsen seines Anspruchs auf den Thron von Lippe verlustig gegangene Prinz bringt sich den„Unterthancn" seines siegreichen Rivalen auf dem Wege des Zeitungöinserats in empfehlende Er- innerung. Er beruft sich auf die Sympathien, die er in seinem ehemaligen Lande genießt— um zu zeigen, wer eigentlich der„angestammte" Herrscher sei. Wenn die 1866 widerrechtlich entthronten Fürsten von Hessen und Hannover derarttge Kundgebungen erlassen hätten, 'o würde Bisniarck schleunigst Abwehrmaßregeln verlangt haben, obwohl das doch ihr gutes Recht gewesen wäre und derartige Danksagungen begründete Antworten auf wirkliche Sympathie- Kundgebungen gewesen wären. Jetzt nimmt ein durch recht- lichen Schiedsspruch seiner unbefugten Ansprüche entledigter Prinz für sich das Recht in Anspruch, dem legitimen Fürsten öffentlich klar zu machen, daß die Gunst des Volkes nicht dem wirklichen Regenten gehöre, sondern dem unberechtigten Thronanwärter. Der Fall zeigt nicht nur, wie man heutzutage den ur- alten Hofgeist aus der Zopfzeit sinnig mit der modernsten Technik des Jnserierens vereint, sondern er beweist auch, mit welchen eigenartigen Mitteln man gegenwärtig daslmonarchische Gefühl zu stärken meint.— Bitterer Zucker. — st— Wien. 27. Juli. Das Ministerium Thun-Kaizl hat den Bogen überspannt. Nach» dem sich die guten Oestreicher zwei Jahre lang die entwürdigende Verordnungswirtschaft ohne Murren gefallen haben lassen, so meinte die Regierung wohl, es könnte ihnen alles, also selbst die verfassuugs- widrig vollzogene Auferlegung neuer Steuern, zugemutet werden. Nur so ist es zu erklären,' daß die Regierung sich vermessen hat, die Steuer auf Zucker mittels des Z 14, also ohne Parlament, um fast die Hälfte zu erhöhen. Aber wenn auch die politische Reife der durchschnittlichen Oestreicher so geartet ist, daß Verletzungen der Verfassung hier gleichmütig hingenommen werden: Da es an den Geldbeutel geht, werden selbst die Leute störrig, die sich im allgemeinen über den Mißbrauch mit dem 8 14 nicht aufzuregen vermögen. Nun regnet es, seitdem das Reichs-Gesetzblatt die kaiser- liche Verordnung kundgemacht hat, Prozesse über Prozesse. Die Regierung hat zwar den ganzen Polizei-Apparat aufgeboten, um der Opposition Herr zu werden— die Zeitungen werden koufiscicrt, die Versammlungen verboten oder aufgelöst, die Beschlüsse der Gemeindevertretungen sistiert—; aber mau sieht doch, daß es eine wirkliche und tiefgehende Bewegung ist, die sich da gegen den immer dreister austretenden Absolutismus regt. Das Vorgehen der Negierung Thun war wirklich eine Herausforderung; es war weder notwendig noch berechtigt. Daß sich der Widerspruch nun so kräftig regt, zeigt also au, daß die Oestreicher, dieser vorgeschobene Posten der europäischen Kultur, sür den Absolutismus denn doch nicht genug verkommen sind. Es ist nicht wahrscheinlich, daß die lauten Proteste die oktroierte Steuer Ivegschaffen werden, dazu ist die Gewalt einer fertigen That- fache zu groß. Aber sicher ist, daß sie die Regierung beseitigen werden. Diese Steuererhöhung wird denen, die sie verübt haben, noch bitter genug werden. Mit dem verfassungswidrigen Ausgleich hat sich die Regierung den Stein um den Hals gelegt, der sie rettungslos in die Tiefe ziehen wird. Die politische Lage in Oestreich ist deshalb so seltsam, weil die am Ruder befindliche Regierung ganz und gar unmög- lich ist, sich aber stolz als„Unentbehrlich" darstellt. Denn es sind noch etliche Verfassungsbrüche zu begehen— die Ausgleichs- bestimmungen über die Bank, über die Valutaregulierung, über die Verrechnnüg des Ertrages der indirekten Steuern werden alle mit dem 8 14 in Kraft gesetzt werden—. und es wäre wirklich schwer. eine neue Regierung aufzutreiben, die das Werk fortzusetzen bereit wäre, das die Herren Thun und Kaizl so glorreich begonnen. Und das merkwürdigste ist, daß diese weiteren Verletzungen der Vcr- fassung erst möglich sein werden, nachdem das Parlament heim- geschickt sein wird. Der Reichsrat muß im Oktober ein- berufen werden— um die Delegationen zu wählen— aber er darf im November nicht mehr beisammen sein, weil sonst die Regierung den Ausgleich nicht zu Ende führen könnte. Wird gegen alle Vernunft die Regierung Thun im Oktober noch am Ruder sein, so wird damit offen zugegeben, daß mau den Rcichsrat zu keinem anderen Zwecke einberuft, als um ihm die Delcgaiious« rechte abzulisten, daß man aber die Absicht hat, ihn danach sofort wieder heimzubefördern. Deshalb konzentriert sich das gesamte politische Interesse heute darauf, ob es möglich sein wird, diese Wahlen zu verhindern. Daß es unter Umstanden notwendig sein kann, steht außer allem Zweifel. Es ginge das freilich nur niit wirklicher Gewalt. Alle Steuererhöhungen mit dem 8 l4 sind selbst nichts anderes als Gewalt, und das Gewalt von oben die Gewalt von unten hervorruft, ist eine Wahrheit, von der die Geschichte auf jedem Blatte Kunde giebt._ Die Transvaal Krisis soll, nach einigen Alarmnachrichten, wieder plötzlich brennend geworden sein. Bei einer Frage, in welcher politische Momente so innig mit Börsenmanövern und Aktienspekulattonen ver- quickt sind, ist es außerordentlich schwer, alle Nach- richten sofort auf ihren wahren Wert prüfen zu können. Jedenfalls steht es aber mit beglaubigten Nachrichten im grellsten Widerspruch, wenn ein hiesiges Sensationsblatt unter der grotzgedruckten Ueber- schrift: Krieg zwischen England und Transvaal? teilweise in fetter Schrift eine Londoner Depesche veröffentlicht, welche den Krieg für unvermeidlich erklärt, wenn die Bocren nicht unbedingt nachgeben. So stehen die Dinge denn doch nicht, das Schlimmste, was vorliegt, ist eine Tischrede, die der englische Minister Balfour gehalten hat und über die der Telegraph also berichtet: Bei einem Ounolison der konservativen Partei, welches am Donuerstagnachmittag stattfand, hielt Balfour eine Rede, in welcher er ausführte, die Transvaalfrage sei geeignet, sowohl der britischen Regierung wie der konservativeii Partei Sorge zu bereiten. Es wäre ein Irrtum, wenn man die Aiigelegenheiteu Transvaals fo be- trachten wolle, als wären sie die eines isoliertcnStaatcs.„Wir müssen", fuhr Redner fort,„nicht nur die Klagen der Uitlanders in Er- Ivägung ziehen, sondern auch die Reaktion derselben auf unsere Kolonien. Glndstone und sein Kabinett würden niemals Transvaal die Nuabhäugigkeit wiedergegeben haben, wenn sie nicht geglaubt hätten, daß die Republik der �englischen und der holläudischeii Rasse gleiche Vorrechte einräumen würde. Die Regierung Trans- vaals hat indessen nicht die Politik befolgt, zu der sie sich 1880 verpflichtet hat. Daher rühren alle gegenwärtigen Schwierig- leiten. Wenn unsere unendliche Geduld und alle Hülfs- mittel der Diplomatie sich unwirksam erweisen, den Knoten zu lösen, müssen andere Mittel gefunden werden. Man hört jedoch, daß Transvaal bereit ist, den Interessen der UitlcMdetS eine direkte Vertrewng zu gewähren, welche, wenn sie auch nach unserer Auffassung unvollkmnmen ist, doch immerhin etwas Positives und Greifbares ist. Es ist ja auch offenbar un- möglich, sich auf die Dauer gefallen zu lassen, daß freigeborene Engländer als Angehörige einer niedrigeren Rasse behandelt werden.„Ich sehe," schloß Redner,„die Lage nicht als verzweifelt an. es wäre aber Thorheit. Frieden zu prokla- mieren, wo keiner ist." Dies das Telegramm. Es war also nicht einmal eine Tischrede, sondern eine Frühstücks rede, denn Imudrecm heißt Frühstück. Heute Abend findet im Parlament eins Debatte über den Stand der Transvaal-Angelegenheit statt. Um darauf vorzubereiten und orientierende In- formationen zu geben, hat die Regierung ein zweites Blaubuch über Transvaal veröffentlicht. Einem sehr ausführlichen telegraphischen Bericht des„Ham- burger Korrespondenten" entnehmen wir, daß der Ton der neuesten englischen Depeschen ein durchaus freundlicher ist und dadurch Vorteilbast von dem schroffen Ton der Depeschen des e r st e n Transvaalblaubuches absticht. Auch eine Auskunft, welche der sonst so streitlustige Chamberlain betreffs gewiffer Zollaugelegenyeitett mit der Transvaal-Regierung gestern aus eine Anfrage im Unterhaus erteilte, war durchaus friedlicher und freundlicher Natur. Heute Abend findet nun eine eingehende Debatte statt, in welcher die Regierung Aufschlüsse über das ganze Vcr- hältnis zu Transvaal geben wird. Nach dem Vorstehenden haben wir keinen Grund zu der Annahme, daß sie irgend beunruhigender Art sein werden. �* Aeutsches Weich. Die Zuchthansvorlage alS Roman? Die Denkschrift zur Zuchthausvorlage zeigt so viele romanhaste Züge, daß es nur noch eines kleinen Schrittes bedarf, um sie als Kolportage-Roman in die Massen zu werfen. Wir haben schon früher darauf aufmerksam gemacht, die Regierung thue besser daran, statt der gelben Hefte der Firma Hülle, Douglas und Fahrenhorst einen Roman ausarbeiten laffcn und ihn hcftweise gratis zu verteilen. Eine Münchner Verlagsfirma hat nun— wenn wir eine Anzeige im„Buchhändler-Börsen-Blatt" richtig deuten— diese geniale Idee aufgegriffen und kündigt in ca. lö— 20 Lieferungen folgendes an: Der Streikbrecher Socialer Noinnn aus der Gegenwart von Oskar Linden. Der Verlag verspricht den Buchhändlern:„Sie werden mit diesem sensationellen Roman in allen Kreisen der Gesellschaft sowie unter der Arbeiterschaft ein horrendes Geschäft machen." Man werde mit diesem„aktuellen, zeitgemäßen Werke" ein guteS und leichtes Geschäft machen, kurz es sei eine„sensationelle Neuheit." Ein OSkar Linden ist in dcr Litteratur nicht bekannt. DaS schadet aber nichts. Der Verfasser der Denkschrift war ja auch vor seiner epochemachenden That eine unbekannte Größe. Was den Inhalt des Kunstwerkes anlangt, so ahnen wir U. a. folgende Kapitelüberschriften:„Im Heim des Frommen.— Die Werlchworung in der Budike.— Der Fusel-Dämon.— Im Palast des Hetzers.— Champagner und Arbeitergroschen.— Blut I— Die ge- schändete Jungftau oder daSOpfer desAgitators.— Der frivoleStrcik— Der Arbeitswillige.— Der Ueberfall in der Novembernacht.— In tausend Wunden verröchelnd.— Die geschändete Jungfrau rächt den Water.— Die neue Jungstau von Orleans oder aus arbeitswilligem Stamme.— Die Hetzer auf der Flucht.— Der Geist des ermordeten Streikbrechers.— Sieg der Tugend.— Auf eivig vereint oder die Hochzeit des Fabrikanten mit der geschändeten Tochter des er- mordeten Streikbrechers.— Socialer Frieden.— Der erste Junge oder das Geschlecht der Arbeitsloilligen stirbt nicht aus?— Der Hetzer in der Hölle.— Deutschland. Deutschland über alles I Wie wir weiter ahnen, wird Herr Lauff den„Streikbrecher" dramatisieren, und schon in der nächsten Saison wird das Stück im Schauspielhaus zur Aufführung gelangen. . Zum TiSciPlinarverfahrcn gegen AronS. Die„Kölnische Zeitung" ist unzufrieden mit der Art, wie die Regierung gegen Dr. Arons vorgegangen ist. Besonders tadelt sie, daß die Regierung der Oeffentlichkeit die Gründe der Anklage vorenthält: „Die Regierung hat es bisher unterlassen, die Thatsachen mit- zuteilen, die sich seit Erlaß des Gesetzes vom 17. Juni 1893 zu- getragen, und ein amtliches Einschreiten erforderlich gemacht haben. Die philosophische Fakultät hat in dem vom Ankläger beigebrachten Material keinen Anhalt gefunden, um das von der Staatsregierung erhobene Disciplinarverfahrcn zu rechtfertigen. Um so dringen- dere Aufgabe erscheint es uns jetzt für die Staatsregierung zu sein, der Oeffentlichkeit wenigstens einen festen Boden für die Beurteilung des Iv eitern Vorgehens zu geben, wenn sie nicht in den Verdacht geraten will, die un- seligste Gesinnungsriccherei zu treiben. Denn die zweite Disciplinarinstanz, welche die Staatsregierung nach Blätter- Meldungen bereits angerufen hat, bildet das Staatsministerium selbst, sodaß hier Ankläger und Richter in einer Behörde vereinigt sind. Die Staatsregierung hätte also doppelt Ursache, rechtzeitig da- für zu sorgen, daß die öffentliche Meinung in einer so einschneidenden Frage nicht haltlos im Finstern tappt, sondern zuverlässig und klar erkennen kann, was hier vorgeht. Will sie sich bei dem Spruch der ersten Instanz nicht beruhigen, so sollte sie ungesäumt die Gründe bekannt machen, die für fi« das judichirn pariurn(Urteil der Gleichen) als unannehmbar hinstellen." Die Forderung der„Köln. Ztg." wird nicht befriedigt werden. Die„Gründe" der Regierung sind derartige, daß sie der Oeffcntlich- keit vorenthalten werden müssen.— Ueber tendenziöse Berichterstattung über die Verhandlung gegen Arons hatte die Dunkelprcsse gelärmt. Dazu schreibt die »Bresl. Ztg.": „Sieht man nun zu. was gegen den Bericht eingewandt wird, so ist das Gesamtergebnis nicht viel mehr als Null. Der Bericht hatte behauptet, der Vertreter der Anklage habe ausdrücklich erklärt, daß er nicht auf die einzelnen Handlungen des Angeschuldigten Gewicht lege, sondern auf die socialdemokratische Gesinnung als solche, er mache also gerade aus der Gesinnung ein Verbrechen. Das soll eine ungeheure Fälschung sein; denn in Wahrheit habe der Vertreter der Anklage nicht von der Gesinnung'gesprochen, sondern von der Bekundung der Gesinnung; hätte Arons seine Ge- sinnung nicht bekundet, so wäre er unbehelligt geblieben. Wenn gegen den Bericht nichts Schlimmeres vorgebracht werden kann, so wird man an ihm wohl ein ziemlich richtiges Bild der Verhandlung haben. Nach allem, was man hört, muß in der That der Staats- anmalt— als solcher war Geheimrat E l st e r vom Kultusministerium bestimmt— eine recht klägliche Rolle gespielt haben. Prof. Elster ist ja in Breslau noch bekannt als ein durchaus liebenswürdiger Mann. Man kann Mitgefühl mit ihm haben, daß grade ihm das traurige Amt übertragen wurde, vor einer Körperschaft, deren Mit- gliedern er sonst als Decernent gegenübersteht, ein Plaidoyer zu halten, von dessen Aussichtslosigkeit man im Ministerium von vornherein, und zwar recht gründlich, überzeugt war. Allein das rechtfertigt doch noch nicht, daß man nun gegen den Verteidiger, der den unvermeidlichen Mißerfolg zu einer geradezu eklatanten Niederlage gestaltet hat, mit solchen Mitteln vorgeht."— Gegen de« Luxus in der Armee predigt ein alter Soldat in der„Kreüz-Zeitung": „Ihre Stellung zieren Ehrenhaftigkeit und Pflichttreue mehr als ganze Ställe von Luxuspferden lind ganze Schlösser voll stil- voller Einrichtungen; diejenigen, die nach anderem Flitter haschen, sind Kameraden zweiten Grades: und unerbittlich sollten sie von ihren Waffengenossen auf die Herabwürdigung Hingewiesen werden. die sie sich selbst damit anthun... ..'. Man hört hier und da Klagen, daß selbst junge Haushaltungen mit solchem Luxus prangen, daß die Kommandeure mit ihrem einfachen hergebrachten Hansrate dagegen zurückstehen: das ist eine Sache, die natürlich der Förderung des Dienstes durchaus im Wege steht. Hier müßte wie zu unserer Zeit mit rücksichtsloser Energie von oben herab eingeschritten und die Statten von Kameraden geschnitten und verspottet werden, die über daS Maß hinausgehen.".... Ein Prediger in der Wüste.—'-- Dem bereits erschienenen Jahresbericht des am Dienstag, den 1. August, hiersclbst beginnenden Allgemeinen VereinstageS der auf Selbsthilfe beruhenden Erwerbs- und Wirtschafts- Genossen- schaften ist zu entnehmen t Nach den vom Allgemeinen Verbände ge- stihrten Listen bestanden am 81. März 1899 10 850 Kreditgenossenschaften, 82 gewerbliche Rohstoffgenossenschasten, 1103 landwirtschaftliche Rohstosigenosscnschaften, 34 gewerbliche Werkgenossenschaften, 432 landwirtschaftliche Werkgenossenschaftelt, 67 gewerbliche Magazingenossenschaften, 106 lanowirtschastliche Magazingenossenschastcu, 198 gewerbliche Produktivgenossenschaften, 2017 landwirtschaftliche Produktivaenossenschaften, 271 Genossenschaften verschiedener Art, 1373 Konsumvereine, 244 Baugenossenschaften. Die Zahl der Kreditgenossenschaften ist wieder bedeutend ge- wachsen, meist sind es ländliche Kreditgenossenschaften, die neu cnt- standen sind. Auch die Zahl der gewerblichen Produktivgenossen- schaften ist gewachsen. Die Zahl der Konsumvereine ist dagegen zurückgegangen. In den letzten Jahren, so heißt es in dem Bericht, sind mehrfach Konsumvereine errichtet worden, denen alle Bor- bedingungen für ein Gedeihen fehlten; diese verschwinden allmählich und das ist nicht zu bedauern. Die Baugcnosscnschafts-Bewegung schreitet vorwärts. Die 512 berichtenden Konsumvereine zählen 481 439 Mitglieder, unter diesen zumeist Arbeiter, Das Betriebskapital dieser Konsum- vereine beträgt insgesamt 221/t Millionen Mark. 1898 wurden von 41 der berichtenden 56 Baugenossenschasten 182 Häuser erbaut, deren Herstellungskosten 3 Vi Millionen Mark betrugen. 5 Baugenossen- schaften, welche Häuser zum Erwerb durch die Mitglieder herstellen, erbauten zusammen 42 Häuser mit je 2 und 3 Wohnungen, Von den Genossenschaften mit gemischtem System erbauten 3 17 Häuser zum Erwerb durch die Mitglieder, die anderen Genossenschaften er- bauten Häuser zum Vermieten der in denselben befindlichen Wohnungen an die Mitglieder. Militärisches. In Nr. 173 des„Potsdamer Jntclligenz-BIatt" findet sich folgendes Inserat: „Für die Ernte-Arbeiten können noch einige Gardc-Artilleristcn beurlaubt werden. 7. Batterie 2. Gardc-Feld-Artillerie-RegimentS." Hier werden Soldaten also sogar zu civilen Beschäftigungen angeboten, ohne verlangt worden zu sein. Die Dienstzeit muß offenbar viel zu lang sein.— Freiherr v. Wangcuhcim ist zu Einkommen gelangt und zahlt sogar Steuern. Dieser notleidende Landwirt hatte be- kanntlich keine Einkommensteuer gezahlt, weil seine Güter ihm nichts einbrachten, wobei die Frage offen blieb, wovon dann der Ein- kommenslose sein durchaus„standesmäßigeS" Leben führen konnte. Wie die„Stargnrd. Ztg." erfahrt, hat sich„sogar der Finanz- m i n i st e r mit den eigentümlichen Steuerverhältnissen des Herrn v. Wangenheim beschäftigt, worauf alsdann eine ordnungsgemäße Regelung der Steuerangelegenheit erfolgt ist." Und der Erfolg war, daß der Bedauernswerte jetzt wirklich Steuern zahlen muß. Man weiß freilich nicht, ob er jetzt landwirtschaftliches Einkommen versteuert oder politisches Einkommen aus seiner Thätig« keit als Oberster des Bundes der Landwirte.— Bochum, 27. Juli. Am 26. Juli verurteilte das Landgericht wiederum 7 Bergleute, die am 3. Juli auf Zeche„Ewald" bei Harten einen Streik zu inscenieren versuchten. S y m a n S k i wurde zu 7 Monaten, G r a b o w s k i zu 5 Monaten 3 Tagen und S e- d o w s k y, S y m o n s i, Fröhlich, Graba und P v r z a- b o w s k i zu je 5 Monaten Gefängnis verurteilt. Sie sollen vor einer Menschenmenge zum Ungehorsam aufgefordert haben. Mehrere der Verhafteten trugen Revolver, haben aber davon keinen Gebrauch gemacht.— Eine Verbillig»»«! der Eisenbahn-Fahrprcise für Arbeiter strebt die ostpreußische Landwtrtschaftskammer an. Bisher haben die ostelbischon Agrarier verlangt, daß den Arbeitern die Abwanderung nach Gegenden, wo sie ihre Arbeitskraft vorteilhafter verwerten können, wie in der Heimat, durch Verteuerung der Fahrpreise auf der Eisen- bahn erschwert wird. Besonders nachdrücklich haben sie verlangt, daß der Eisenbahnminister nicht mehr Fahrpreisermäßigungen für ganze Trupps von Arbeitern gewährt, die als Sachsengänger nach dem Westen gehen. Trotzdem ist es kein Scherz, wenn gesagt wird, daß die Agrarier Ostpreußens jetzt einer Herabsetzung der Fahrpreise nicht mehr abgeneigt sind. Die Landwirtschaftsknmmer der Provinz Ostpreußen hat den Vorstand des Ostprcußischen landwirtschaftlichen CcntralvercinS zu einer gutachtlichen Acußerung über die Frage aufgefordert, ob ein ■allememes Interesse und Bedürfnis zur Einführung von Fahr- Preisermäßigung für Schulkinder zur Erreichung ländlicher Arbeits st eilen vorliege. Man sieht, die LandwirtschasiSkammer verschließt sich der That« fache nicht, daß eine billige Beförderung auf der Eisenbahn erstrebens- wert ist, wenn e S im Interesse der o st p r e u ß i s ch e n Agrarier liegt. Der CentralvereinS-Vorstand hat sich dahin geäußert, daß ein allgemeines Interesse und Bediirsiiis für eine solche Maßregel nicht vorliege. Es sei zu empfehlen, che in dieser Angelegenheit weitere Schritte unternommen werden, die von einer solchen Maßnahme zu erwartenden Folgen auch vom ethischen und allgemein Volkswirt- schaftlichen Standpunkte ausgehend zu erwägen. Der Vorstand hat also ivohl einige Bedenken, spricht sich aber nicht rund heraus gegen die Sache aus, die eine noch stärkere Heranziehung von Schulkindern zur Arbeit auf den Gütern der „Notleidenden" zur Folge habe» würde.— Auch die geringfügige» Ergebnisse der„Friedens- konfercuz" bleiben vollständig in der Luft hängen. Aus dem Haag wird heute gemeldet: „Angesichts der Unmöglichkeit, sich sofort über die Form zu einigen, in welcher die Mächte sich der Kon- vention betreffend das Schiedsgericht anschließen können, beschlossen die Delegierten, diese Frage späteren Ver- Handlungen der Regierungen zu überlassen." JnvalidcnvcrsichcrungS- Gesetz und die CentrnmSprcsse. Der Mann mit dem Zeichen des abnehmenden Mondes in der „Märkischen Volkszeitung" ist über unsere Entgegnung in Nr. 172 unserer Zeitung entrüstet. Insbesondere wurmt ihn, daß wir die den Kleinbauern und den Arbeitern feindliche Haltung des Centrums niedriger gehängt haben. Wir heben auS der langen Darlegung des märkischen Blattes hervor, daß es jetzt ausdrücklich erklärt, die Auf- bringung der Mittel für eine Invaliden- und Altersversicherung durch eine auf hohe Einkommen gelegte Steuer fei ungerecht, da ja der Wohlhabende für seine Zahlungen keine Gegenleistung erhält. Darnach wäre also jede direkte Steuer abzuschaffen, da ja der Zahlende keine Gegenleistung erhält. Natürlilh fallen auch die indirekten Steuern aus demselben Grunde fort. Leider stimmt das Centrum für direkte und indirekte Steuern, freilich nicht zur Aufbringung von klagbaren Renten der Arbeitsinvalidcn sondern für andere Zwecke. Die Renten sollen ferner, falls eine Ein- kommensteuer sie aufbringen, Almosen werden. DaS ist keines- Wegs der Fall. Almosen sind unklagbat und bringen den Verlust politischer Rechte mit sich. Klagbare Renten, auch wenn sie durch Einkommensteuer beschafft würden, ziehen nicht den Verlust politischer Rechte nach sich. Daß die jetzigen Renten eine almosenartige Niedrigkeit besitzen, ist wiederum mit dem Centrum zu danken. Nach den Proben, die lvir aus dem zur Verteidigung der Haltung des Centrums bei der Invalidenversicherung geschaffenen Arsenal unseren Lesern vorgeführt haben, erübrigt sich ein Eingehen auf derlei weitere Stückchen. Dem Mann mit dem abnehmenden Mond aber raten wir als zutreffenderes Symbol seiner Zeitungsartikel einen ewigen Neumond anMiehmen.— Ausland. Oestreich-Unglirn. Wien, 23. Juli. Gestern abend wurde eine fortschrittliche und eine demokratische Versammlung, in denen gegen den§ 14 und gegen die Wiener Gemeindewahlreforin protestiert wurde, wegen heftiger Angriffe auf die Regierung a u f g e I ö st. Die ganze Presse, ausgenommen die offiziöse, giebt ihrer Entrüstung darüber Ausdruck, daß andauernd Massenkonfiskationcn von Zeitungen stattfinden und Versammlungen aufgelöst werden, die sich gegen Z 14 wenden. Sollte Graf Thun die Dinge auf die Spitze treiben, so könnte das zu ernste» Konsequenzen führen. Schweiz. Zürich, 26. Juli.(Eig. Bcr.) Seit Jahren ist im Kanton Zürich die Frage der Revision des A r m e n g e s e tz e s an- hängig. Im Jahre 1892 reichte die Armenpflege der ländlichen Ge- meinde Hedingen dem Kantonsrat ein Jnitialivbegehren ein, das die Ersetzung der Ortsbürgergenieinde durch die Einwohnergemeinde für die Armenpflege verlangt. Die Regierung verhielt sich dagegen ein- mütig ablehnend, während der Kantonsrat die Eingabe einer Koni- Mission überwies, die jetzt, nach Jahren, ihre Arbeit beendigt und einen Gesetzentwurf nebst einem umfangreichen Berichte von 260 Druckseiten und 80 Tabellen veröffentlicht hat. Der Gesetzentwurf umfaßt 86 Paragraphen und baut sich auf dem Territorialprincip der Armenpflege auf, doch soll der Unterstützungsanspruch an die Wohngemeinde erst nach fünfjährigem Aufenthalte erworben werden, wahrend diese Karenzzeit im Kanton Bern wie in Deutschland nur zwei Jahre beträgt. Begründet wird die vorgeschlagene Aendcrung mit der Verschiebung der wirtschaftlichen Verhältnisse. Während im Kanton Zürich noch im Jahre 1850 65 Proz. der Gemeinde- Einwohner Ortsbürger, 29 Proz. Bürger aus andern Gemeinden des Kantons, 4 Proz. aus andern Schweizer Kantonen und 2 Proz. Ausländer waren, so war das VerhälMis im Jahre 1888 43 Proz., 31 Proz., 16 Proz. und 10 Proz., d. h. der Anteil der Ortsbürger war um 22 Proz. zurückgegangen, dagegen derjenige aller übrigen Einwohner-Kategorien gewachsen, so der Bürger aus andern Kantonen um das vier- und der Ausländer um das fünf- fache. Seitdem haben noch weitere Verschiebungen in dieser Richtung zu Ungunsten der Ortsbürger stattgefunden. Bemerkenswert ist, daß die ganze Schweiz fast das gleiche Bild der Entwicklung zeigt, wie der Kanton Zürich. Die Zahl der Unterstützten in diesem Kanton betrug 1847: 13 820<1893: 10 953), die Summe der Unterstützung 375 000 Fr.(1474 207 Fr.) durchschnittlich pro Kopf der Unterstützten 1847 24 Fr.. 1893 137 Fr. Seit 1870 schwankt die Zahl der Unterstützten konstant zwischen 10 000 und 11000. Die bedeutende Erhöhung der durchschnittlichen Unterstützung bekundet, daß die Armenpflege in unserer Zeit mit mehr Verständnis ausgeübt wird wie früher. Die Kommisston, die sich übrigens in eine Mehrbeit und Minderheit gespalten, wovon letztere dem vor- liegenden Entwurf der Mehrheit ablehnend gegenübersteht, findet nach einer Untersnchuna der EntWickelung der wirtschaftlichen Ver- Hältnisse des Kantons Zürich, daß die Armut jedenfalls nicht im Zunehmen, eher im Zurückgehen begriffen sei. Aber in einer Zeit, wo alles Elend vor die Augen des ganzen Volkes tritt und den Anlaß zu ernstesten Betrachtungen und zu kräftiger That bietet, sollte das Armengesetz umgestaltet und verbessert werden.— Frankreich. Paris, 28. Juli. Waldcck- Ronssca» bestätigte, daß wegen der an der gestrigen Pariser Börse verbreiteten falschen Nach- richten die Untersuchung eingeleitet worden ist. Estcrhazy wird von dem ihm gewährten sicheren Geleite keinen Gebrauch machen. Wie er einem Mitarbeiter des ..Matin" erklärte, wird er nicht nach Reimes gehen.— General Nsgrier äußerte einem Berichterstatter des„GauloiS" gegenüber, daß er sich nickt mehr als zur Armee gehörig betrachte, sondern un- verzüglich seinen Abschied nehmen werde.— Die Untersuchung gegen General Pcllicux soll vorläufig nur e i n g e st c l l t werden, da sich die zur Sache gehörigen Schrift- stücke zum Teil in dem Dossier Paty de Clams befinden und deS- halb erst nach Beendigung des Prozesses eingesehen werden können.— Belgien. Brüssel, 27. Juli. Die Kammer begann heute die Debatte über das Gesetz betreffend die Vereinigung der Brüsseler Trambahn- Konzessionen. Die Eocialisten Bertrand und Furnemont griffen den Minister de Bruyn heftig an.— Rnftland. Für die Zustände in russischen Gefängnissen ist ein Vorfall, der sich kürzlich in Kiew ereignete, bezeichnend. Der Bauer Mischtschnk büßte im Kiewcr Stadtgefängnis eine ihm zuerkannte vtcrmonatliche Gefängnisstrafe ab. Ais er zur Arbeit angehalten wurde, erklärte der Gefangene, daß er krank und nicht im stände sei, dieselbe zu verrichten. Die Gefängnisaufseher deuteten das als Ver- stellung und mißhandelten den Gefangenen für seine angebliche Faul- heit dermaßen, daß er bewußtlos wurde. Von seiner Bewußtlosigkeit erholte er sich nicht wieder und war am vierten Tage eine Leiche. Wegen dieses und noch zahlreicher anderer, ähnlicher Verbrechen soll gegen die Ricwcr Gefängnis Verwaltung das gerichtliche Verfahren eingeleitet werden.—_ NÄvlJmenkÄviMes. Jgnaz Spics, Rcichstags-Abgeordnetcr und Mitglied des Landcsausschusics von Elsaß-Lothringen ist am Freitag früh g e- Porben. Spies gehörte dem Reichstage als Vertreter fürSchlett« st a d t seit 1806 an. Er wurde damals als Kandidat deS Centrums bei der Ersatzwahl gewählt, die erforderlich geworden war, nachdem daS Mandat des konservativen Abg. Pöhlmann wegen amtlicher Wahlbceinfluffungen für ungültig erklärt worden war. Zur„Kompromitz"-Tebatte. Der Verfasser. des Artikels„Augenblicks- Kartelle" kann das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, mit dieser Bezeichnung ein Wort erfunden zu haben, mit welchem er die Mcinuugsverschieden- heilen in der Partei über die Zuläfsigkeit von Kompromißpolitik spielend überwindet. DaS Wort ist geistreich— aber sehr geeignet, daS Kampffeld zu verschieben. Wenn man Kompromissen mit bürgerlichen Parteien — und nur um solche handelt es sich in der Parteidtskussion der letzten Zeit—, um dieselben rechtfertigen zu können, einen anderen Namen giebt, so ändert das an der Sache durchaus nichts, sondern vennchrt nur die Verwirnuig, die leider über diese Frage in unseren Reihen herrscht. Nicht die Benennung einer politischen Äksion kann in Betracht kommen, sondern ihre Wirkung, und in allen Fällen muß meines Erachtens nach geprüft werden, ob ein in der Tagespolitik anzuwendendes Mittel den in Programm- und Partei- Beschlüssen festgelegten Grundanschaunnqen der Partei entspricht. Der taktische Kampf der Partei muß mit den in bcr Rüstkammer prinzipieller Auffassungen geschliffenen Waffen geführt werden, und nur von diesem Standpunkt aus sollten — wie ich glaube— die taktisch-politischen Maßnahmen der Partei ecvmiliifct«nt>, wenn nöttg, kritisiert werden. Das ist, um in der Rede- weise des Verfassers der„Llngcnblicks-Kartelle" zu bleiben, keine»Ab- sxerrüngs- und rauhaltsnmlciispolttit". sondern das ist die konsequente Lniiehaltiing des seit länger als 30 Jahren von der Partei ein- gcnominencn StlMdpnnkts, das ist die Fortsetzung der stets und mit immer wachsenden Erfolgen ausgeübten Parteipolitik. Wenn ich an dieser Grundanschauung festhaltend die Vervffent- lichung des Artikels benutze, um einige Bemerkungen über die darin behandelten Fragen zu machen, so werde ich nicht von „Augenblicks-startellen" reden, sondern werde meine Meinung über Kompromiszpoliiik sagen, weit ich keinen Grund finde, an einem feststehenden Begriff berumzutaufen. Denn wofür der schöne neue Raine erdacht ist, das ist nichts anderes als die alte, in letzter Zeit— ich wiederhole eS': leider viel umstrittene Frage: sollen nur allgemein oder auch nur zum Zweck einer bestinnntcn politischen Aktion mit bürgerlichen Parteien Kompromisse abschlicjzcn. Meine Antwort auf die Frage lautet nein!— rund und nett— wenn ich auch dafür von dein Verfasser der Augenblicks- Kartelle als der Vcrkünder einer Politik„der Trägheit und Unfruchtbarkeit" stigmatisiert werde.� Wer die in meiner Anschauung wurzelnde „Trägheit und Unfruchtbarkeit" der Partei seit Jahrzehnten mit- gemacht hat, der kann mit Gemütsruhe das Urteil eines Augen- blicks-Kartellisicn ertragen. Uebrigcns tröstet mich das Belvufitsein, mich mit den für die prineipielle Ueberzeugnng des Verfassers entscheidenden und maß- gebenden Schlnßbcmerkungen des Artikels vollkommen einig zu wissen. Ich unterschreibe dieselben Wort für Wort— aber gerade weil ich dies thue, verwerfe ich grundsätzlich die Kompromißpolitik, die der Genosse, als mit unseren Prineipieil vereinbar, empfiehlt. Der Artikel schließt mit den Worten: „... Die eigentliche, die wichtigste Aufgabe bleibt, die schwere Erziehung und Heranbildung der Massen zu geläuterten Menschen der Kultur und reifen Kämpfern für jene Organisation, die wir er- streben. Im Schöpferischen liegt unsere Arbeit, nicht in dem, wenn auch noch so wichtigen, so doch vor unseren großen Aufgaben vcr- saiwindendett Meinungsstreit über— Augenblias-Kartelle." Oder wie tch sagen würde, über— Kompromisse. Weil wir jedoch diese große gewaltige Aufgabe nur auf dem Boden des Klassenkampfes zu erfüllen vermögen, weil jede Ver- brüderung mit bürgerlichen Parteien, gleichviel welcher Art, sei es auch nur vorübergehend und zu bestimmten Zwecken, das Kampfbild trüben, die noch nicht aufgeklärten Massen verwirren muß, und weil vor allem das klassenbewußte in der Socialdcmokratie politisch organisierte Proletariat sich nicht dazu hergeben darf, um einiger Augenblicksvorteile willen, mit seinem Todfeind einen Waffenstillstand zu schließen oder gemeinsame Sache zu machen— deshalb sollten nach meiner Ansicht Kompromisse mit bürgerlichen Parteien für unS nndiskutierbar sein. Es ist ein durch die Parteigcscbichte hundert- fältig bewährter Erfahrungssatz: stark sind wir nur allein! Während die Verbindung mit einer bürgerlichen Partei eine Bleikugel an unseren Füßen darstellt, sind wir andererseits nicht im stände, eine bürgerliche Partei, der wir uns angegliedert haben, ernsthaft vor- värls zu treiben, weil dieser Versuch stets an den Klasscninteresien »er Bourgeoisie scheitern mutz. Weshalb also diese aussichtslose, unsere eigene Kraft schwächende, ne Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft schützende Konipromiß- Politik? Genosie ts kämpft in dem ersten Teil feines Artikels wacker gegen jede Verunreinigung der Partcigrundsätze mit fremden Elementen, kommt aber nach dieser Salvierung seines Parteigewissens zu der Ansicht, daß deshalb die Anpassung an die jeweiligen Ver- hältnisse im taktischen Kleinkampf um so gefahrloser gewagt werden darf. Diese Zweiseelentheorie scheint mir nicht empfehlenswert für unsere Partei, denn was nützt mir die Anerkennung des PrincipS, wenn ich dasselbe nur anerkenne, um in der Praxis das Gegenteil davon zu thun? Befremdlich wirkt auch in dem Artikel die Heranziehung des Kommunistischen Manifests zum Beweise dafür, daß in der Partei stets Kompromißpolitik getrieben sei. Der Verfasser dcS Artikels schlägt sich selbst mit dem Citat aus dem Manifest. ES heißt dort: ....„In Deutschland kämpft die kommunistische Partei, so- bald die Bourgeoisie revolutionär auftritt, gemeinsam mit der Bourgeoisie gegen die absolute Monarchie, das feudale Grund- rigentum und die Kleinbürgerei." Vielleicht belehrt uns der Genosie darüber, wo und in welchen fragen die Bourgeoisie in Deutschland revolufionär auftritt und ob »r von einem ernsthaften Kampfe der Bourgeoisie in Deutschland ;egen die Monarchie— gleichgültig ob absolut oder konstitutionell — oder die Kleinbürgerei etwas weiß. Der Verfasser will die lkomproinißpolitik als eine Art Schule des Lebens betrachtet wissen, w lobt die Kompromisse als„erzieherisches Moment" für die Social- dcmokratie, und ist entzückt darüber, daß wir uns dadurch in dem „Tagcsbetrieb und Tagesbedarf der Politik" zurechtfinden lernen. Bescheidenheil ist gewiß eine nützliche Eigenschaft, indes scheint mir Genosie ts hierbei von einer Entsagungsfähigkeit zu sein, die in einer Kampfpartei' wirklich nicht am Platze ist. Wir sollen nach Ansicht des Verfassers die Kraft und die Agitation der Partei in den Dienst der Kompromißpolitik stellen, um uns die„Technik des politischen Kleingeiverbes rechtzeitig anzueignen". Mit solcher Politik kann sich die Arbeiterklasse nicht abfinden. Das ist die Politik des absterbenden Bürgertums, wird aber hoffent- lich niemals die Politik der unaufhaltsam vorwärts dringenden, um die politische Macht und die wirtschaftliche Befreiung kämpfenden Volksmasicn ivcrdcn. Große Ziele erfordern starke Mittel. Kompromißpolitik gehört hierzu sicherlich nicht.— Damit soll aber nicht etlva irgendwie die Notwendigkeit praktischer Thätigkeit im Reich, Staar und Gemeinde bestritten werden. Ohne eine solche Thätigkeit können wir gar nicht existieren, und seitdem die Partei die politische Arena betreten hat, war sie stets bemüht praktisch-politische Agitation zum Nutzen der Arbeiter- klaffe zu betreiben. Die Möglichkeit einer für die Arbeiterklaffe nutzbringenden Ausübung praktischer Politik für die Social- dcmokratie ist m. E. nach aber nur dann vorhanden, wenn die hierfür erförderlichen Mandate in den verschiedenen Körper- schnften ohne Vermischung oder Kompromisse mit bürgerlichen Parteien errungen werden können. Ob dies erreichbar ist, richtet sich nach den maßgebenden Wahlsystemen und ist in jedem einzelnen Fall zu erörtern. Es ist falsch, wenn behauptet wird, die praktische Politik der socialdemokratischcn Partei richte sich nicht nach den im Programm festgelegten Grundsätzen und die Partei treibe bei Wahlen und im Parlament usw. stets Kompromißpolitik. Als Beweis für diese Behauptung wird das Verhalten der Partei bei den Stichwahlen und die Abstimmungen der Fraktion im Reichstage angeführt. Wer die Wahl eines CeutrumS- oder liberalen Kandidaten, nach- dem wir bei der Hauptlvahl unterlegen sind, als ein Kompromiß ansieht, dem ist nicht zuhelfcn. EinKompromiß wäre nurdaitu vorhanden, wenn die Parteien vor den Wahlen Abmachungen in dieser Richtung getroffen hätten. Ties ist meines Wissens nirgend geschehen. Wenn wir in der Stichwahl zwischen einem Junker oder Stnmmling für einen Centrumsmann oder Freisinnigen stimmen, so ist dieS ein Gebot der politischen Klugheit, und ganz etwas anderes als wenn wir etwa auf die Aufstellung eigener Kandidaten in einem Wahlkreise verzichten und sofort einen Gegner in der Hauptwahl wählen, um in einem anderen Wahlkreise dafür ebenfalls bei der Haupt- ivahl Centrums- oder Freisinnsstimmen einzuheimsen. Ebensowenig ist es ein Kompromiß, wenn wir im Reichstage für Anträge gegnerischer Parteien, oder sür Regierungsvorlagen stimmen, wenn dieselben Verbesserungen der gegenwärtigen Per- hältnisse bezwecken. Parlamentarische Handelsgeschäfte aber hat die Fraktion noch niemals gemacht, d. h. die Socialdemokratie hat noch nie BclvilliguNgen ausgesprochen, um Kvmpensatiousobjekte dafür einzutauschen. Einer solchen Politik muß und ivird die Social- dcmokratie für alle Zeiten fern bleiben, und sie wird dies um so sicherer können, je weniger die Versuche, Kompromiß- und .Kompensationspolitik in das Waffe» arsenal der Partei einzufügen, Antlang und Verständnis bei der Masse unserer Parteigenossen finden. Der Parlamentarismus, eine hochwichtige, nicht zu entbehrende Waffe in dem Kampfe gegen die herrschende Gesellschaft, wird zur Gefahr für die Arbeiterklasse, wenn er etwas anderes für uns tvird, als Mittel zum Zweck. Selbstzweck war der Parlamentarismus nie für die Socialdemokratie und wird es nie werden— dafür ist schon durch unsere Organisation gesorgt, welche eine außerhalb des Parlamentarismus stehende Körperschaft— den Parteitag— zum Richter über den Parlamentarismus berufen hat. Hiermit kann ich den allgemeinen Teil des Artikels, der meine Ueberzeugnng von der Verwerflichkeit jedes Kompromisses mit bürgerlichen Parteien nur gefestigt hat, verlassen, und möchte einige Betrachtungen über die von dem Verfasser gewürdigten„Drei markanten Fälle socialistischer Kompromißpolitik"— erfreulicherweise findet der Genosie hierbei wieder den richtigen Namen— hinzufügen. Zunächst das belgische Kompromiß; hierbei wird abzuwarten bleiben ob das Bündnis, welches die belgischen Genosse» abgeschlossen haben, um in Belgien die Republik vermittels des Wahlrechts ein- zuführen, von dem bürgerlichen Liberalismus in Belgien gehalten werden wird, lind was die socialen Forderungen unserer Partei anlangt, so werde» selbst die eisrigstcn Befürworter und Verteidiger des belgischen Kompromisses wohl nicht glauben, daß die liberale Bourgeoisie in Belgien die Hand dazu bietsn Ivird, die kapitalistische Wirtschaftsweise aufzuheben. Ob es also richtig war von unseren Genossen, sich selbst die liberalen Ketten um die' Füße zu schlingen, und inwieweit die Trennung von dem Angcnblicksbruder nicht ver- doppelte Arbeit und Anstrengung kosten wird, das wird die Zeit lehren. Nach meiner Meimmg ist der unvergleichliche Heldenmut und die bewunderungswürdige Ausdauer unserer belgischen Buiderpartei eines höheren und bleibenderen Lohnes wert, als das Bündnis mit einem Teile der Bourgeoisie ihr bieten kann. Einen breiten Raum in den Erörterungen der socialistischen Presse— auch des von mir behandelten Artikels— nimmt der Eintritt des Genossen Millerand in das Ministcrimn in Frankreich ei». In der deutschen Partei- presse wird die Frage verschieden beurteilt. Am markantesten treten zwei Aufsafsiingen in de» Vordergrund. Die eine Ansicht, vertreten durch den Verfasser der„Augenblicks-Kartclle", heißt den Eintritt Millcrands in das Ministerium ans Gründen der Opportunität gut. Die andere Ansicht, zu deren Mundstück sich vor wenig Tagen Genosse Liebknecht gemacht hat. tadelt die Aktion Millcrands, weil sie dem. Ministeriunt Gallifct zn Gute kommt. Nach meiner Meinung sind die Gründe beider AuffasiUngen nicht stichhaltig und entbehren der principiellcit Berechtigung. Genosie Liebknecht scheint der Ansicht zn sein, daß Millerand in einem Ministerium ohne Gallifet am Platze gewesen wäre"j Das kann ich nicht zugeben. Die Frage, ob ein Socialdemokrat in ein bürgerliches Ministerium eintreten soll, kann, wie ich glaube, nicht von' irgend einer Persönlichkeit dieses Ministeriums— weder im guten noch im schlechten— abhängig gemacht werden. Nach meinem Dafür- halten muß die Frage unbedingt verneint werden ans principtellen und' taktischen Gründen. Der Eintritt eines Socialdcmokraten in ein bürgerliches Ministerium lähmt die Initiative der Partei, ist eine Kundgebung zu Gunsten der bürgerlichen Gesellschaft und bedeutet ein Kompromiß mit den herrschenden Gewalten, welches in direktem Widerspruch mit den Forderungen des Klassenkampfes steht. Auch vom taktischen Standpunkt ans kann der Eintritt eines Socialdcmokraten in ein bürgerliches Kabinett nicht gutgeheißen werden, weil der Socialdemokrat mit seinem Namen die Minfftcr-Kollegen deckt, ihnen die Verantwortlichkeit siir ihre Handlungen der Arbeiterklasie gegenüber abnimmt— aber selbstverständlich als einzelner keine wirksame, den Klassen- ftandpunkt zur Geltung bringende Maßregel durchzusetzen vermag. Will aber der Socialdemokrat in solchem Falle nur von seiner Partei vertretbare Regierungshandlungen gutheißen und ausführen, so ist sein Ministcrlebcn von gar kurzer Dauer und die ganze Geschichte ist überflüssig gewesen. Wie sehr in solchen Situationen Opfer des Jntcllelts gebracht werden müssen, geht aus der Thatsache hervor, daß Millerand am zweiten Tage seiner Ministcrlanfbahn ein Main- fest mitunterzeichnet hat, welches den Militarismus und die Armee in einer Weste verherrlicht, wie es imfere Genossen in der fran- zösichcn Kammer niemals gethan haben und nach ihren Grundsätzen auch nicht thun konnten. Vielleicht ist es nicht uninteressant, an die Aiischammgen zn erinnern, welche unsere Altmeister Marx und Engels über diese Frage hatten. Ich erinnere mich einer Unterhaltung.' die ich vor Jahren mit unseren Vorkämpfern hatte, in der beide ihre Meinung darüber in das Diktnm zusammenfaßten:„Ein Socialdemokrat hat in einem bürgerlichen Ministerium nichts zn suchen." Nach� Ansicht des Genossen vom„AnaenblickS-Kartell" brauchte die prineipielle Frage der socialistischen Miiiisterportefeuilles bei der Gelegenheit nicht entschieden zu iverden, weil sie gar nicht vorliegt. Millerand ist nach dieser Auffasiung in ein Miinsterinm mit eng begrenzter Aufgabe getreten und'wird— so sagt der Artikel- schreibcr— nach Erfüllung seiner Mission wieder gehen. Das mag sein, über das letztere haben wir nicht zu entscheiden. Die Ansicht aber, daß ein Princip hierbei nicht in Frage kommt, halte ich für grundfalsch. Die„Affaire" wird ms Feld geführt und die Republik bätte gerettet werden müssen— so jagen die Vcr- tcidigcr des Millerandschen Schrittes. Soweit ich mir ein Urteil gebildet habe, glaube ich, daß unsere Genossen in der französischen Kammer und im Lande alle Maß- nahnccn der Regierung unterstützen konnten, welche auf Erhaltung der Republik, auf Förderung und Sicherung der Revision, ans Be- kämpsung des Klerikalismns und auf Eindämmicng des vom General- siab getriebenen militaristischen Chauvinismus gingen, ohne daß dazu der Eintritt Millcrands in das Ministerium nötig gewesen wäre. Die Einigkeit und Geschlossenheit der Partei hätte solchem Vorgehen sicher einen machtvolle» Eindruck gewährleistet, und der beklagens- werte Zwiespalt wäre vielleicht zu vermeiden gewesen. Und nun zu den bayrischen Genossen. Der Verfasser der „Augenblicks-Kartclle" tadelt und lobt hier in einem Atemzug. Nach dem Grundsatz:„es ist nichts so schlecht, daß nicht noch etwas Gutes darin wäre", nieint er, daß in der Handlung der bayrischen Genossen etwas Ersprießliches steckt. Als specicll bayrische Angelegenheit vermag ich das Kompromiß mit dem Centrnm nicht anzusehen; nach meiner Meimmg muß das- selbe nach den Grundsätzen und der durch Parteibeschlüsse fest- gestellten Taktik der Gesamtpartei beurteilt werden. Von diesem Standpunkt aus scheint mir der Abschluß des Kompromisses vcr- fehlt zu sein. Ich will bereits Gesagtes nicht wiederholen, aber eine Taktik, die darin besteht, daß man einen schon mächtigen Gegner noch stärker macht, angeblich um ihn, wenn er von seiner absoluten Macht gegen die durch unsere Partei vertretenen Massen Gebrauch macht, desto nachhaltiger bekämpfen zu können— scheint mir alles andere, nur nicht socialdcmokratstch zn sein. Selbst rein taktische Erwägungen können nach meiner Anficht daS Kompromiß nicht rechtfertigen. Der Opportmiismns unserer bayrischen Genossen ivird. wie ich überzeugt bin, die erhofften Früchte nicht zeitigen, denn die Bedeutung unserer Freunde im bayrischen Landtag war sehr wahrscheinlich' mit fünf eventuell ausschlaggebenden Stimmen viel größer, als sie es jetzt sein wird, wo unabhängig von allen Parteien eine Centrnms-Majorität zusammengewählt ist. Unser Parteiorgan in München sucht es so darzustellen, als ob es sich sür die bayrischen Gcnosfen nur darum handeln konnte, entweder dem Liberalismus oder dem Centricm die socialdemokratischen Stimmen zuzuführen. Mit Verlaub. Es gab noch ein drittes, nämlich auf die Kreise, in denen die Socialdemokratie nicht wie in Nürnberg und Münchest II selbständig die Mandate erringen kann, zu vcr- zschten und es den bürgerlichen Parteien zu überlassen, sich um die Kammersitze zu raufen. Ob die Genosse» in Bayern nach Cciitrumsart geschmort oder in liberaler Weise gebraten werden— das dürfte ihnen doch ziemlich gleich sein, und die erhaltenen Stimmen in Verbindung mit den ans eigener Kraft eroberten Mandaten, hätten, glaube ich, den *) Hier irrt Singer. Ich hätte den Eintritt Millcrands in? Ministertnm Waldcck-Ronsicau mißbilligt, auch wenn Gallifet nicht in dem Ministerium wäre. W. Liebknecht. Fortschritt und daS Wachstum der socialdemokratischen Partei in Bayern ebenso glänzend manifestiert als die Dcrmchnmg der Mandate. Gewiß hat unser Münchener Parteiblatt recht, wenn es mit Nachdruck darauf verweist, daß die Genossen in der Kammer durch Verdoppelung der Mandate neue Arbeitskräfte gewinnen. Das ist zweifellos sehr wertvoll— aber nach ineiner Ansicht sollte die Partei diese Vorteile nicht um de» Preis einer Koalition mit bürgerlichen Parteien erstreben. Die„Münchener Post" meint, der Liberalismus und das Ccn- trum in der bayerischen Kammer seien einander wert. Sicher ein durchaus richtiges Urteil— aber eben deshalb hätten unsere Ge- nosscn an das'Wort vom Rabbi und vom Mönch denken und sich sowohl vom Frack als von der Kutte fern halten sollen. Paul Singer. DAvkei-Mktchvichken« Zu den bayrische» Landtagöwahle» nimmt die„ M ü n ch. Post" in einem weiteren Artikel Stellung, und zwar behandelt sie in demselben specicll die Frage, ob es denn richtig sei, was von verschiedenen Seiten gesagt werde, nämlich, daß unsere Genostcn m der bayrischen Kammer bisher„das Zünglein an der Wage" gebildet hätten. Unser Münchner Parteiorgan beantwortet die y'rage u. a. wie folgt: „Iii der Abgeordnetenkammer, die im Jahre 1893 aus den Wahlen hervorging, stellte sich das Parteieiivcrhältms wie folgt: Centrnm 74, Liberaler Mischmasch 67, Baueriibnnd 7, Konservative 4, Volkspartei I, Wilde 1, Socialdemokraten 5, im ganzen 159 Abgeordnete. Absolute Majorität 89. Da der„Wilde" nichts war wie ein verkappter CentruMSmann. blieben„Liberale". Socialdcmokraten und Volksparteiler iil»»er noch um zivei Stimmen hinter dem. Centrnm zurück, �„, In einem einzige» Falle, als der dem Ceiitrnm cmgehvrige Präsident aus übergroßer Reizbarkeit einer Lappalie wegen sein Amt niederlegte, kam es zu einer Kooperation der„Liberalen", Social- demokraten und Baneriibüiidler mit dem Resultate der Wahl emcs „liberalen" Präsidenten. Dieser Vorgang änderte aber gar nichts an der völligen Preisgabe der„liberalen Pmieipien" an das Centrnm in allen wichtigen Fragen. Und der„Präfideuteiisturz" war, das kann auch ganz ruhig gesagt iverden, die Mühe nicht ivert, die auf- gewendet werden mußte, um den»Liberalen" Mut für diese Staats- aktion eiiizuflößen.,, t yi Wo es sich um die Interessen der Arbeiterschaft handelte, wo es galt, reaktionäre Bestrebnngeil zu kennzeichnen oder zurückzuweisen, waren aber die„Liberalen" immer noch reaktionärer ivie das Centrnm, desicn Lob hier gewiß nicht gesungen werden soll. Und der Bailerubund, dem es an jeder Führung mailgelte, war erst recht nichts wie das Schwanzstück des Cenlrnms., Also nicht in der Rolle des„Züngleins an der Wage", die ihr unter diesen Umständen völlig versagt war, errang die kleine social- demokratische Fraktion ihre Erfolge, sondern diese sind lediglich das Resultat ihrer geschickten und energischen Arbeit, ihres principiellen und festen Widerstandes gegen die„beiden Großen"." Das genannte Partei blatt macht weiter geltend, daß nach dem ganzen Verhalten der„Liberalen" wahrend der letzten Legislatur- Periode das Centrnm in der That als das„kleinere Ucbcl" zu betrachten gewesen sei. Die Parteikonferenz für de» Wahlkreis Prenzlan-Anger- münde tritt Sonntag, den 27. August, mittags 1 Uhr, in Prenz la» im Lokale des Herrn Poillion, Schnelle 67, zusammen. Als vorläufige Tagesordnung ist festgesetzt: 1. Bericht des Kreis- Vertrauensmannes und der örtlichen Vertrauensleute. 2. Agitation. 3. Die Lokalfrage. 4. Die Kandidatenfrage. 5. Wahl des Kreis- Vertrauensmannes und Wahl der Delegierten zur Provinzialkonfercnz. 6. Verschiedenes. Der Kreis-Vertrauensmann. Die Förster Parteigenossen beschlossen in einer am Donners- tagabend abgehaltenen Parteiversammliing, sich auch dieses Jahr an den Stadtverordncteiiivahlcn zu beteiligen. Ferner wurde eine Rc- solution angenommen, in welcher die Genossen, welche Mitglieder des Konsumvereins sind, aufgefordert werden, dahin zu wirken, daß am 1. Mai Comptoir und Verteilnngsstellen geschlossen bleiben. Zum französische» SinignngS-Könqvrst. Man schreibt uns: DaS Schicksal des französischen EiiiiguNgstongresseS hängt wesentlich von dem siebzehnten nationalen Jahres- Kongreß ab, den die(„Marxistische") Arbeiterpartei vom 13. August an in E p e r n a Y abhalten wird. Diese Organisation, welche jetzt länger als 20 Jahre besteht, ist unzweifelhaft die bestgeglicdcrle und ans festester Prineipiengrundlage beruhende politische Arbeiter- organisation in Frankreich. Die Arbeiterpartei, geführt von G u e s d c. L a f a r g u e und D e v i l le, sämtlich Schülern von Marx, dessen Schwiegersohn Lafargue ist, hat bei den vorjährigen Knmmcrwahlcn in Frankreich weitaus die meisten der Stimuten gehabt, und sie ist es. welche die meisten unter socialistischer Verwaltung stehenden französischen. S t ä d t e er- obcrt hat. Tie Grenzlinie zwischen den verschiedenen französischen Partei-Organisationen läßt sich aber nicht streng ziehen, wie wir schon früher hervorhoben, und so erklärt es sich denn, daß auch aus der Mitte der„Arbeiterpartei" mancherlei Proteste gegen das Angriffs-„Manifest" der drei Fraktionen erschienen sind— Proteste, die jedoch zum großen Teik mehr der scharfen und persönlich zu- gespitzten Form gelten, als dem Inhalt. Man will eben keiicen neuen Streit. Allein die Thatsache hebt sich doch mehr und mehr hervor, daß wichtige Fragen der Taktik und des Princips trennend zwischen den verschiedene» Gruppen stehen und erledigt werde» müssen, ehe eine wirklich« Etlsigung erfolgen kann. Auf dem nationalen Kongreß in Epcrnah werden mm diese Fragen zur Sprache kommen und von den Beschlüssen, welche gefaßt werden, hängt'es ab, welche Stellung die„Arbeiterpartei" ans dem EinignugS- kongreß cinnehnien Ivird. ' So viel kann jetzt schon nach Aenßernngen von maßgebender Seite als feststehend gelten, daß eine vollständige Einigung nur dann stattfinden kann, wem- hie gedingte Partei sich den Klasscitcharakter rückstchtslos wahrt. Geschieht dies nicht, so würde die„Arbeiterpartei" mit der alten Blanquistischen Organisation verschmolzen, eine gesonderte Existenz innerhalb der Partei sich vorbehalten. Auch daS wäre schon ein großer Forlschritt. Schlimmstenfalls wirb ein»och bcsiercr Zustand eintreten, als der durch das VerständigniigSkomitee geschaffene. Ein günstiger Umstand ist es, daß die verwirrende Dreysus-Affaire v ö r dem Zusammentritt des EinigmigSkongresics enilvirrt sein wird, so daß die Geister bis dahin Zeit gehabt haben, sich abzulühlen. Polizellichrs, Gerichtliches nfw. — Der Ncdnctcnr der Chemnitzer„VolkSstimuie", Genosse S ch ö p f l i n, wurde wegen Beleidigung des Stadtrats zn Hohen- stein zu 199 M. Geldstrafe verurteilt, trotzdem er am nächsten Tage eine Berichtigung gebracht hatte. — Ei»(inffälligeS Urteil fällte'das Schöffengericht zu G e I s e n k i r ch e n. Vor ca. 3 Monaten hielt der dortige Arbeiter- BildiingSverein eine Versammlung ab, welche dem Schicksal der polizeilichen Auflösung verfiel, weil sich bei einer Abstimmnng herausstellte, daß 5 NichtMitglieder anwesend waren. Das Gerichr entschied, daß, da genannter Verein ein politischer Verein sei, nach dem VcrcinSgesctz bei VcrcinSversanimlungcn keine Nichtrnitglieder zugelassen werden dürften. 3 Borstnndsmirglicder wurden deshalb wegen Vergehens gegen das Vcreinsgesctz zn je 15 M. Geldstrafe verurteilt, der Mieter des Lokals erhielt 39 M. Strafe und ebenso viel erhielt der Referent, der sich nach Ansicht des Gerichts vorher hätte erkundigen sollen, ob Nichtvercinsmitglieder anwesend wären, was er nicht gethan hat. Gegen das Urteil wird Berufung an- gemeldet. zu dcr und GemeMschAftliltzes. Tcntschcö Reich. Zum Lcdevarbeiterausstand i» Wilster. Nachdem der Äersuch der Fabrikanten, Corrigcnde» an Stelle der Ausständigen bc- schäftigcn zu dürfen, fehlgeschlagen, war es klar, daß man versuchen würde, Arbeiter in Distrikten anzuwerben, in denen die Arbeiter bewegung noch weniger Fortschritte gemacht hat. Die Her richtung von Logier- und Schlafräumen in dcr Falk Schüttschcn Fabrik veranlaßten die Arbeiterschaft, ihre Posten weit hinaus zu schieben, um einem Transport fremder Arbeiter event. Aufklärung zu geben. Ein 61 Personen starker Trans Port, aus Oberschlesiern und Böhmen zusammengesetzt, langte am Dienstagabend hier an. Durch das Zusammenarbeiten der Polizei Elicnbahnbehördcn und des Unternehmertums war es nicht möglich, den Leuten schon in Hamburg Aufklärung geben über die Dinge in Wilster. In Itzehoe. letzten Station vor Wilster. wurde dcr Wagen losgelegt..... per Extrazug nach der Falk u. Schüttschcn Fabrik, wo bis jetzt keine fahrplanmäßige Haltestelle war, gebracht. Den Leuten wurde schon klar, zu welchen Diensten sie bestimmt waren, denn das starke Polizei anfgebot betrachteten dieselben nicht als eine Ehrenerweisung. Man hatte sie für eine neueinzurichtende Fabrik, angeblich fünf Minuten von Hanlburg entfernt liegend, angeworben. Nachdem die Streikenden ihnen durch Wort und Schrift Aufklärung gegeben verliefen dieselben am anderen Morgen die Fabrik.' Sämtliche Ausgänge der Fabrik waren verschlossen lind als 23 Mann denselben „verbotenen Weg" passierten, auf dem sie hineingekommen, wurde auch dieser Ausgang zugenagelt, und so würden die Leute gleich Häftlingen an der Ausübung ihres freien Willens bo hindert. Seitens der Streikenden wurde ein Flnßfahrzeug requiriert und dadurch die Leute aus der Gefangenschaft befreit. In einer vormittags abgehaltenen Versammlung berichteten die Leute über ihre Anwerbung und Transport hierher. Hoffentlich nimmt der hiesige Bürgermeister, der die Versammlung persönlich uberlvachte, keine Rücksichten mit den Fabrikanten und deren Helfers- Helfer, sondern veranlaßt, daß gerechte Strafe denen zu teil wird die die Leute ihrer Freiheit beraubten, die Fälschung der ilontrakte vornehmen. Dcr Bürgermeister hat thatsächlich festgestellt, daß die Werbekontrakte nach Wilstorf hciHamburg lauteten; später hatte man „orf" durchstrichen und„er" darüber geschrieben. Auch wurde fest gestellt, daß man den Leuten in Ratibor eine Liste vorgelegt, zur Auf zeichnung ihres Namens nnt dem Bemerken, glcichzeing festzustellen, loie viel Personen zum Transport verfügbar seien. Hier entpuppte sich diese Personenliste als ein K o n t r a k t, v o n d c m die Leute keine Silbe wußten. Auf Grund dieser Fcstftellnng seitens der hiesigen Polizeibehörde waren die Leute von der Aufnahme der Arbeit entbunden. Heute Donnerstag sind sämtliche Leute wieder abgereist. Das Vermittelungsbureau kl n g e r a t h e n in Ratibor hat hier seine Hand im Spiel gehabt und machen wir alle Arbeiter darauf aufmerksam. Nachdem die deutsche Arbeiterschaft sich dieses Ansstandes an- genommen und denselben uuterstiitzt. ffV die Möglichkeit ausgeschlossen, daß der Wunsch der Unternehmer, den Arbeitern müssen die Mittel zur Unterstützung ausgehen, in Erfiillung geht. Nament liche Summen sind bereits zur Unterstützung eingelaufen. Weitere Sendniigen nimmt gern entgegen das Streikkomitee O. K l e m m. W i l st e r, A h r e n s' Herberge. Gegen den Vertrauensmann dcr Hamburger Stcinarbeiter I. Vi. Arnold war, wie mitgeteilt, ein auf 1 Monat G e- f ä n g n i s lautender amtsrichterlicher Strafbefehl ergangen, weil er sich dadurch des Vergehens gegen Z 153 der Gewerbe-Ordnung schuldig gemacht haben sollte, daß er verschiedentlich im„Hamburgcr Echo" bekannt gegeben hatte, die organisierten Steiuarbeiter hätten über drei, iiamentlich angegebene Firmen wegen Nichtbeivilligung des von der Organisation aufgestellten Lohntarifs die Sperre vcr- hängt. A. beantragte richterliche Entscheidung gegen den Strafbefehl und bestritt, daß erstens in der einfachen Mitteilung, es sei über die und die Firma die Sperre verhängt, überhaupt eine Verrufs- erklärung zu erblicken sei, und zweitens, daß der§ 153 der Gewerbe- Ordnung auf den Fall Anwendung finde, wenn ein Arbeit geber durch eine Verrufserklärung usw. von Arbeit- uehmern gezwungen werden sollte. deren Forderungen zu bewilligen. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft war anderer Meinung. Er führte aus, eine einfache öffentliche Bekanntgabe der Thatsache, daß über eine Firma eine Sperre verhängt sei, sei eine Verrufserklärung, denn es werde dadurch die betreffende Firma den Arbeitern gegenüber in Verruf erklärt. Und dcr An- geklagte habe mit dieser Verrufserklärung bezweckt, die Firmeninhaber zu zlvingen, Verabredungen der Steiuarbeiter behufs Erlaiignng günstiger Lohn- mid Arbeitsbedingungen beizutreten und das durch Bewilligung des von den Arbeitern aufgestellten Lohntarifs zum Ausdruck zu bringen. DaS Gericht war mit dem Angeklagten und dessen Verteidiger jedoch der Ansicht, daß in dem einfachen öffentlichen Bekanntgeben der Sperre- verhängung eine Verrufserklärung im Sinne des 8 153 der Gewerbe- Ordnung deshalb nicht zu erblicken sei. weil dabei das eigentliche Kriterium des Verrufs, das Moment der beabsichtigten Herabsetzung in der Meinung anderer Personen, fehle, und sprach den Angeklagten kostenlos frei. Tee Tischlcrauöstand in Waldenburg(Schlesien) dauert noch fort. Einige Meister haben die Bedingungen: zehnstündige Arbeits- zeit, Ibprozentige Lohnerhöhung, angenommen; 25 Gesellen arbeiten zu den neuen Bedingungen. „Die Tocialdcmokratcn reize» zum Streik auf" ist eine der bekanntesten gegnerischen Redensarten, die spcciell bei Beratung der Zuchthausvorlage zu Ehren kam. Was es damit für eine Be- wandtnis hat, ergiebt u. a. auch wieder die Thatsache, daß in Saal- feld i. Th. lediglich infolge der wiederholten Verinitteluilgsversuche unseres Genossen A. Hofmann, des Verlegers des dortigen„Volks- blattes", ein großer Streik vermieden worden ist. 163 Mann der Firma Auerbach u. Scheibe, Maschinenfabrik, hatten die Kündigung behufs Erringuiig kürzerer Arbeitszeit eingereicht, haben diese jetzt aber wieder zurückgezogen, nachdem infolge der Vermittelung H.s die Firma die Einsührung der zehnstündigen Arbeitszeit in bälde zu- gesagt hat, während sie sich vorher zu gar nichts verstand. Die Tarifgcmeiuschaft der Buchdrucker und das Leipziger Gewerkschaftsrartell. Die Vorgänge, die seiner Zeit zu dem Aus- schluß dcr Delegierten der Leipziger Buchdrucker ans dem dortigen Gewerkschaftskartell führten, dürften allgemein noch in Erinnerung unserer Leser sein. Das Leipziger Kartell stellte sich auf den Stand- Punkt, daß die Tarifgemeinschaft eine vom Boden des Klassenkampfes abweichende Vereinbarung sei und ließ deshalb nur die Gegner der Tarifgemeinschaft(Gaschianer) zu. Nun hat der letzte Gewerkschafts- kongreß sich nnt dieser Frage befaßt und � die„Tarifgcmeinschaftcn" anerkannt. Damit war die Zulassungsfrage wieder akut geworden und das Leipziger Kartell hat sich mehrfach damit beschäftigt, schließlich aber von neuem den Beschluß gefaßt, die Vertreter des Buchdrucker-Verbandes nicht zuzulassen. Zu diesem Beschluß hat nun eine Leipziger Buchdruckerversammlimg Stellung genommen und eine Resolution gesaßt, die jedenfalls zu weiteren Konsequenzen führen wird. Die Resolution lautet: „Die am 14. Juli 1899 im Theatersaale desKrystallpalastes zuLeipzig abgehaltene, sehr stark besuchte Allgemeine Buchdruckerversammlimg brandmarkt den am 10. Juli d. I. wiederholt gefaßten Beschluß des Leipziger Gewerkschaftskartells, wonach die auf der Grundtage des Kartellstatuts ordnungsgemäß gewählten Vertreter des Verbandes der Deutschen Buchdrucker wegen der von diesem eingegangenen Tarifgemeinschaft nicht als Kartelldelegierte anerkannr werden. Die Versammlung beauftragt das Bureau derselben, gegen diesen Beschluß bei der Gene'ralkommission der Gewerkschaften Deutschlands Prorest zu erheben, und von dieser zu verlangen, daß sie gemäß der rechtsgültigen Kongretzbeschlüsse zur Befolgung derselben das Leipziger Kartell auf- fordert, da einerseits den Kartellen als einer der Generalkommission untergeordneten Hilfskraft kein Recht zusteht, die Beschlüsse eines Ge- Werkschaftskongresses nachzuprüfen oder umzustoßen, anderseits für das Buchdruckgewerbe nur der Verband der Deutschen Buchdrucker als Centralorganisation im Rahmen der Generalkommission anerkannt ist. Die Tarifgcmeinschast kann umsoweniger als ein Hindernis für die Anerkennung der Buchdruckerdclegierten erachtet werden, als der Frankfnrrer Gewerkschaftskongreß sowohl für diese Frage wie auch bezüglich der Einmischung der Kartelle in die internen Angelegen- heiten der einzelnen Centralorganisationen ganz zweifelsfreie und principielle Beschlüsse gefaßt hat. Sollte sich trotz Aufforderung der Generalkommission das Leipziger Gewerkschaftskartell bc- Harriich weigern, die Kongrehbeschlllsse anzuerkennen, hat dieselbe alle Beziehnngen mit dem Leipziger Kartelle, als außerhalb dcr Generalkomnlission stehend, abzubrechen und die Vorstände der Centralorganisationen aufzufordern, ihre Berufskollegen aus dem Leipziger Kartelle zurückzuziehen, eventuell haben diese Vorstände bekannt zn machen, daß die betreffenden Delegierten Ivider den Willen ihrer Organisation eine nicht zu billigende Haltung einnehmen und damit die Beschlüsse der eignen Centralorganisation mißachten Die Leipziger organisierten Buchdrucker enthalten sich vorläufig weiterer Schritte, werden jedoch zu gegebener Zeit einmütig mit der Gcsamtkollegcnschaft Deutschlands die sich ergebenden Konsequenzen zu ziehen wissen." Ju der Waggonfabrik in Weimar haben über 100 Schlosser die Arbeit niedergelegt. Tic dänische Aussperrung sollte in diesen Tagen in Dresden und dcr Umgebung in verschiedenen Versammlungen erörtert werden. Für die Dresdener Versammlung war der Däne Olsen als Referent angekündigt. Dem Einberufer ist daraufhin von der Polizei mitgeteilt worden, daß das Auftreten Olsens nicht ge- duldet werde, dieser vielmehr eventuell seine sofortige Ausweisung aus ganz Sachsen zu gewärtigen habe. Ganz sächsisch! Schutz den Arbeitswilligen. Wie ftivol seitens der Streik brecher oft Anzeigen geinacht werden, das ging aus einer dieser Tage vor dem Münchener Schöffengerichte gegen zwei Bäcker- gehilren durchgeführten Verhandlung wegen Vergehens gegen§ 153 der R.-G.-O. wieder deutlich hervor. Ein zur Zeit des letzten Bäckerstreiks in einer Bäckerei arbeitender Streikbrecher machte einem Schutzmann die Anzeige, daß er durch zwei Streikende beschimpft und bedroht worden sei. Infolge dieser Angaben wurde gegen die zwei Gehllfen, die schon in der Voruntersuchung die Angaben des Streikbrechers entschieden in Abrede stellten, das Haupt- verfahren eröffnet und jeder von ihnen auf deni Mandatswege zu einer Woche Haft verurteilt. Sie beantragten gerichtliche Entscheidung und in der Verhandlung vor dem Schöffengerichte erklärte der An- zeiger auf Eid, alle seine damals de in Schutzmann ge- machten Angaben seien unwahr g e>v e s e n. Dabei verwickelte sich der Bursche mit seinen eidlichen Angaben derart in Widersprüche, daß ihm die sofortige Verhaftung wegen Meineids nahe bevorstand. Die beiden Angeklagten mußten infolge dieses Ergebnisses unter Ucberbürdung sämtlicher Kosten auf die Staatskasse von Schuld und Strafe frei- gesprochen werden. Der gewissenlose Anzeiger aber bekam vom Amtsrichter einen gesalzenen Rüffel. Ausland. Die Antwerpcuer Hafenarbeiter haben die Aufhebung dcr Sonntagsarbcit und die deppelte Bezahlung für die Nachtarbeit durchgesetzt. Die Bewegung der Hafenarbeiter ist damit aber noch nicht zu Ende, sondern es handelt sich noch um einige andere Punkte._ Sociales. Bauarbciterfchutz. Der Minister der öffentlichen Arbeiten, ferner die Minister des Innern und für Handel und Gewerbe haben Grundzüge für Polizeiverordnungen, betreffend die Arbeiterfürsorge auf Bauten, ausarbeiten und den nachgeordneten Behörden zur weiteren Veranlassung zugehen lasse». Diese Grundzüge be- ziehen sich ini allgcnieinen auf umfangreichere Hoch- und Tiefbanten, und ihre Verwertung soll sich nach dem vorhandenen Bedürfnisse der einzelnen Bezirke richten. Vorgeschrieben wird die Herstellung geeigneter Räume zur Unterkunft für die an Bauten beschäftigten Ar- bciter bei ungünstiger Witterung und in den Ruhepausen, die Vorhaltung genügender und gesundheitsgcmäßer Aborte; sodann be- 'chäftigen sich' die Grundzüge auch mit der Sorge für die Gesund- heit der in Neubauten arbeitenden Personen. In letzterer Beziehung bestimmen sie, daß vom 16. November bis 15. März Stuccateur u tz e r- und Töpferarbeiten in Neubauten nur dann ausgeführt werden dürfen, wenn die Räume, in denen gearbeitet wird, durch Thüren und Fenster verschlossen sind, sowie daß in Räumen, in denen offene Cooksfcuer ohne Ableitnng dcr enfftchenden Gase brennen, nicht gearbeitet werden darf, vielmehr solche Räume gegen andere, in denen gearbeitet wird, dicht abzuschließen sind. Welches ist die Ursache dcr Schwindsucht bei den thiiringifchen Porzellanarbcitern? Vor kurzem teilten wir mit, daß ein Bezirksarzt im Herzogtum Sachsen-Altcnburg dem dortigen Fabrikinspcktor berichtete, unter den Porzellandrehern und-Malern komme die Liingeiischwindsucht häufiger vor, als bei der übrigen Bevölkerung, wo sie verhältnismäßig selten auftrete. Zweifellos sei die Ursache dieser Erkrankungen weniger in Betricbsschädignngcn, wie Staub, schlechte Luft und dergleichen zu suchen, sondern vielmehr in dem überniäßigen Alkoholgenuß imd der unsoliden, trotz hohen Verdienstes recht dürstigen Lebensweise der betreffenden Arbeiter. Dieses ärztliche„Gutachten" wird begreiflicherweise von bürger- lichcn Provinzblättern eifrig kolportiert, denn es scheint ihnen ge- ignet, das Unternehmertum von dem oft und mit recht erhobenen Vorwurf: durch schlechte Betriebsverhälwisse zur Verbreitung der verheerenden Volksscuche beigetragen zu haben, reinzuwaschen, und die Schuld an diesem Uebel den angeblich unsoliden, alkohol- liebenden Arbeitern zuzuschreiben. Die organisierten Porzellan- arbeiter in verschiedenen thüringischen Orten haben bald nach Bcknimtwerden des genannten„Gutachtens" sich mit demselben be- chäfiigt, und den Vorwurf, als ob sie durch Trunksucht die Tuber- kulose in ihren Reihen befördern, entschieden zurückgewiesen. Wir wollen die Auslassungen des altenburgischcn Bezirksarztes mit einigen Thatsache» beleuchten. Der Herr sagt,„trotz hohen V e r d i e n st e s" sei die Lebensweise der Betreffenden eine unsolide und dürftige. Wie sieht es nun mit dem„hohen Verdienst" der altcnburgischen Porzellandreher und-Maler aus? Darüber giebt eine voni Verbände dcr Porzellanarbeiter in den Jahren 1894/96 aufgenommene Statistik Antwort._ In Kahla verdienten die Dreher und Former bei täglich elfftündiger Arbeitszeit einen durch- 'chnittlicheu Wochenlohn von 18,37 M., die Maler bei 1M/«stllndiger Arbeitszeit durchschnittlich 17 Mark pro Woche. In Eisenberg erzielten die Dreher und Fomicr bei 10�/4 stündiger Arbeitszeit einen Durchschnittswochenlohn von 18,88 M., bie Maler einen solchen von 17,23 M. bei lOstündiger Arbeitszeit. Das sind die Löhne, die der Bezirksarzt als„hohe"-bezeichnet. Es ist klar, daß solche Löhne eine Familie zu recht dürftiger Lebensweise verurteilen. Daß die Löhne seit den Jahren' 1894 95 nicht höher geworden sind, das wurde auf der diesjährigen Generalveriainnilung der Porzellanarbeiter von allen Seiten konstatiert und zahlen- mäßig nachgewiesen, und es wurde weiter festgestellt, daß Löhne, welche sich über den Durchschnitt erheben, nur durch zahlreiche Ucber- tunden erzielt werden. Der Herr Bczirksarzt sagt weiter, als Ur- ache der unter den Porzellanarbeitcrn so häufig auftretenden Schwindsucht kämen Betriebsschädigungen wenig in Betracht. Dcr Herr hat jedenfalls noch nie das Innere einer Porzellanfabrik betreten. Daß die Arbeit in staubcrfüllter Luft wesentlich zur Begünstigung der Schwindsucht beiträgt, ist eine allgemeine anerkannte Thatsache. Run haben aber die Porzellandreher ganz erheblich unter der Staub- entWickelung, die der Betrieb mit sich bringt, zu leiden, und es kostet den Arbeitern oft viel Mühe, die Unternehmer zur Durchführung der allernotwendigsten hygienischen Einrichtungen zu veranlassen. Von zahlreichen Beispielen seien hier nur zwei angeführt: In einer Eisenberger Fabrik befindet sich die Dreherei auf dem Glüh- boden. Wenn nach beendetem Brand die Ofcnthür ge- öffnet wird, dann steigt die Temperatur lo hoch, daß eS den Arbeitern kaum möglich ist, hier zu verweilen. Aber von Ventilation ist keine Rede. In einer anderen Fabrik, wo der Ar- beitsranm der Maschinendreher ungewöhnlich niedrig und die Ein- Wirkung von Staub und schlechter Luft daher ganz besonders fühlbar ist, ersuchten die Arbeiter die Fabrikleitnng um Anlage einer Venti- latio». Es wurdeil auch zwei Abzugskanäle angebracht, die aber nicht ins Freie, sondern auf den über dem ArbeitSrauin befindlichen Bodenraum führten. Dadurch konnte dem Uebelstand natürlich nicht abgeholfen werden. Die Arbeiter baten, nian möge doch die Abzugskanäle durch das Dach ins Freie führen. Darauf antwortete der Direktor lakonisch:„Das kostet zu viel Geld." Achnliche Mißstände ließen sich noch aus den meisten Fabriken des in Rede stehenden Bezirks anführen. Wenn Arbeiter in solchen aller Rücksicht auf ihre Gesundheit hohnsprechenden Betrieben täglich 10, 12 und mehr Stunden thätig sein müssen, und noch dazu so niedrig entlohnt werden, daß dcr Verdienst zu einer guten Ernährung auch nicht entfernt ausreicht, dann ist es kein Wunder, wenn die Schwindsucht in ihren Reihen zahlreiche Opfer fordert. Wenn der Altenburgische Bezirksarzt unter der übrigen Bevölkerung Schivindsuchtserkrankungen weniger be- obachtet hat, so erklärt sich dies wohl hauptsächlich daraus, daß die übrige Bevölkerung nicht in die Porzellanfabriken geht. Verantwortlicher Redacteur: Angusr Jacobey in Berlin. Für den Inseratenteil verantwortlich: Th. Glocke in Berlin. Druck und Verlag von Max«ading in Berlin. Gevidiks-'Seilung. Die Hamburger Polizei möchte die Arbeiter-Radfahrer gern unter ihren besonderen Schutz nehmen, ihnen zu ihren Versamni- lungen zwei uniformierte Hüter entsenden und zu diesem Zwecke gern 24 Stunden vorher Wilsen, wann und wo die Versammlungen abgehalten werden. Der Arbeiter-Radfahrerverein hat für diese wohlgemeinten Bestrebungen aber gar kein Verständnis>md weigert sich beharrlich, die Versammlungen bei der Polizei- behörde anzumelden. Dem Vorsitzenden war deshalb eine Strafverfügung über 20 M. wegen Vergehens gegen§ 8 des Hamburgischen Vereinsgesctzes zugestellt, gegen die er aber Einspruch erhob. Dcr Vertreter der Slaalsanwallschaft beantragte Vcr- werfung desselben, da der Arbeiter-Radfahrerverein offenbar ein „politischer Verein" sei!, Derselbe habe sich unter Vorantragmrg seines Banners an der letzten Maidemonstration der Hambnrgee Socialdcinokraten beteiligt und einmal in einer Vcrsamniluiig das Thema erörtert: Das Vorgeben der Hamburger Polizei gegen die Arbciter-Radfahrervereine. Daraus gehe zur Genüge hervor, daß es sich um einen„politischen Verein" handele, der seine Versammlungen anmelden müsse. Demgegenüber könnt« der Verteidiger Freiherr von Adlershausen darauf hinweisen, dm das Hamburgische Vereinsgesetz den Begriff„politischer Verein" ga nicht kenne und nur verlange, daß Versammlungen, in denen öffeii' liche Angelegenheiten erörtert iverden sollten, angemeldet werdn müßten. Selbst durchaus politische Vereine brauchten Vcrsamr- lungen, in denen keine öffentliche Angelegenheiten erörtert werdn sollten, nach dem Wortlaut des Gesetzes nicht vorher bei der Pölich anzumelden. Das Gericht schloß sich dem an und erkannte as kostenlose Freisprechung. Prompte Justiz. Daß das Reichsgericht in Civilsachen iir Zeit in hohem Grade überbürdet ist, dafür spricht die Thatsache, fcitz in einer Civilklagesache, in der in den ersten Tagen dieses Monas Revision eingelegt wurde, Termin zur Hauptoerhandlung auf d.n 2. Februar 1900 anberaumt wurde. Uetzke Ltachttichtett und Depeschen. Kiel, 23. Juli.(Privatdepesche.) Ein Marineunfall ereignete sich heute Nachmittag im Kieler Hafen. Das„Segelgig" des Hafen- kapitäns kenterte, wodurch 7 Matrosen in Lebensgefahr kamen. 2 Matrosen ertranken, 5 wurden gerettet. Hierzu meldet Wolfis Telegraphenbureau: Dcr Kutter des kaiserlichen Hafenkapiräns wurde heute nach mittag zwischen Möltenort und Friedrichsort durch eine schwee Rcgenböe zum Kentern gebracht. Die Besatzung, aus einem Dck- osfizier. einem Oberbootsmann und sechs Matrosen bestehend, ftür.te ins Wasser; drei Matrosen ertranken, der übrige Teil der Besatzuig wurde durch hinzueilende Dampfboote gerettet. Haag, 23. Juli.(B. H.) Der socialistische Abgeordmte T r o e l st r a, der in der Aff'aire des angeblich unschuldig vcrrr- teilten Hogerhuis eine hervorragende Rolle spielte, wurde heute v:m Schwurgericht von der Anklage der Beleidigung von Gerichtsbeamftn freigesprochen. Wien, 28. Juli.(B. H.) An alle Korpskonimandanten wurde vom Rcichs-Äriegsministerinm ein Reserchatbefehl erlassen, durch welchen Mißhandlungen der Soldaten, besonders das Schlage» ins Gesicht, auf das st r e n g st e verboten wird. Wien, 28. Juli.(B. H.) Eine Deputation liberaler Abgc- ordneter und Gcmeinderäte begab sich heute vormittag zu Graf Thun, um Beschwerde zu führen über das brutale Vorgehen der Polizei nach der Auflösung der gestrigen Protcstvcrsanimlung gegen den ß 14. Graf Thun, der sich sehr zurückhaltend verhielt,' versprach nur, sich informieren zu wollen. Lemberg, 28. Juli.(B. H.) Ein russischer Militärballon mit zwei russischen Gencralstabsofsizieren landete bei Jaroslau. von wo die Offiziere alsbald unter Gendarmeriebegleitung an die Grenze gebracht wurden. Brüssel, 28. Juli.(B. H.) Der Fünfzehner-Ausschuß hat sich nach heftigen Debatten, während welchen es zu stürmischen Aus- cinandersctznugc» zivischcn Progressisten und S o c i a l i st e n kam, auf nächsten Dienstag vertagt, ohne daß es zur Abstimmung über irgend eine Wahlreform gekommen wäre. Die Ministerkrisis ist dadurch wieder in den Vordergrund getreten. Nicht weniger als fünf Kombinationen sind nunnichr vorhanden. In den meisten wird Vandenpeereboom als Ministerpräsident durch den ftühereu Minister Smet de Naher ersetzt. Briiffel, 28. Juli.(B. H.) Der progressistische Abgeordnete Lorand veröffentlich in einem heutigen Briefe seine Demission als Redacteur des Progressisten- Organs„Reform", iveil seine Ansichten mit denen seiner Partei nicht mehr übereinstimmten. Brüssel, 28. Juli.(B. H.) In der heutigen Senatssitznng hat die Regierung sich geweigert, einen A m n e st i e- A n r r a g -ür die während der' letzten Unrnhen verhafteten Kundgeber ziizu- gestehen. Belgrad, 28, Juli.(Meldung de? Wiener Telegr.-Korr.» Bureaus.) Das Standgericht beschäftigt sich noch immer mit der Aburteilung von Personen, welche ivegen verschiedener Delikte, wie Preßvergehen, Majcstätsbclcidiguiig, Angriffe auf behördliche Agenten oder Beleidignng derselben k. angeklagt waren. Die Verhandlungen sind öffentlich; es stehen den Angeklagten Verteidiger zur Seite. Den Verhandlungen wohnen regelmäßig Kor- respondenten mehrerer europäischer Blätter bei. Nach Angabe offizieller serbischer Kreise wird dasselbe Verfahren auch bei den Verhandlungen über die Attentats- und Verschivörnngsaffaire beobachtet werden. Diese Verhandlungen sollen in etwa zehn Tagen beginnen und werden über dieselben regelmäßig Berichte veröffentlicht werden. Für das diplomatische Korps wird«iine Tribüne reserviert werden. Wie man vcr- ächcrt. habe die Regierung diese Maßnahmen zu dem Zwecke getroffen, nn die Behauptung, als wäre das Attentat von dcr Polizei ange- 'listet worden, zu widerlegen. Nach einer Meldung' dcr„Franks. Ztg." ans B e lg r a d, vcr- urteilte das Standgericht heute den Redacteur des liberalen BlatteS „Srpske", Zastari, wegen Beleidigung zu zehn Tage Arrest. Hierzu t Beilage. Nr. 175. 16. IahiMH. ZNiiMiid. 29. Juli 1899. Eine Tienstboten Bewegung, die auch den Herrschaften gefallen und nützen soll. Tin hier seit längerer Zeit bestehender„Unterstiitznngsverein der Dienerschaft Deutschlands" bemüht sich seit kurzem, auch das Weib- lichc Dienstpersonal zu seiner Organisalion heranzuziehen. Zu diesem Zweck fand am Donnerstag im Hohcnzollern-Saal in der Bandelstraste eine von dem genannten Verein einberufene öffentliche Dienstboten- Versammlung— die zweite dieser Art— statt. Die Dersanimlung war von ettva SOO, meistens dem weiblichen Geschlecht angehörenden Personen besucht. Die„Mädchen für Alles", also die Dienstmädchen im engeren Sinne des Wortes, waren anscheinend gar nicht vcr- treten: die weitaus größte Zahl der Versammlungsbesucherinnen machten den Eindruck von Mädchen, die in reichen Häusern bessere Stellungen bekleiden. Ferner waren einige Damen erschienen, eine kleine Zahl männlicher Dienstboten, und einzelne— an- scheinend antisemitische— Herren, die durch ihr Bc tragen bewiesen, daß sie nur gekommen waren, um sich die Zeit durch Ulk und Radau zu vertreiben. Ein Vorhaben, welches jedoch dadurch im Keime erstickt wurde, daß die umsitzenden Vcrsammlungsbcsuchcrinncn diese Herren ganz energisch zur Ruhe verwiesen.— lieber die Tendenz der geplanten Dienstboten Organisation giebt ein in der Versammlung verteiltes Flugblatt Ausschluß, aus welchem wir die charakteristischsten Sätze hervorheben: „Wir bekämpfen die Ausbeutung und Knechtung und die Ungcrechtig- keit in jeder Form." Unsere Ziele sind:„Durch eigene Selbsthilfe den dienenden Stande ein menschenwürdiges Dasein zu schaffen." Mit diesen Zwecken und Zielen sollen„nicht etwa socialdemokratische Tendenzen verfolgt werden, sondern die rein wirtschaftlichen, subjektiven Zustände verbessert werden".„Es ist selbstverständlich, daß eine Vereinigung von solchen Personen, welche sich ini Dienste der Herrschaften befiiiden, nicht durch wüste Agitation vorgehen darf, sondern nur auf staatstreucm Boden gedeihen und danach streben kann, ihre Lage zu verbessern." Als der Einberufcr die Versammlung eröffnete, verwahrte er sich nach drücklichst gegen die durch die Presse vertretene Ansicht, als ob die Dienst botenbcwegüng eine socialdemokratische sei. Als erste Referentin trat ein Fräulein Schlesinger ans. Sic sprach über die„Dienstboten- lalamität", ein Ausdruck, der nicht das Elend der Dienstboten, sondern den Mangel an solchem Dienstpersonal, welches ini Sinne der Herrschaft ein gutes ist, bezeichnen soll. Die Referentin ging in ihrer, reich mit Phrasen von Frieden und Harmonie zwischen Herrschaften und Dienenden gespickten Rede davon aus, daß die„Dienst botcnkalamität" beseitigt würde, wenn die Herrschaften ihrem Dienft personal eine bessere Behandlung zu teil werden lassen. Die Red ucrin wandte sich auch in diesem Sinne an die Herrschaften, jedoch konnte man ihren Ausführungen anmerken, daß es ihr bei den Bc strebungen um Verbesserung des Loses der Diciistboten weniger um diese, als vielmehr um das Wohl der Herrschaften zu thun ist, die unter dem Mangel an geeigneten Dienstboten leiden. Die inildc Friedeuspredigt der Rednerin wurde mit lebhafte»» Beifall auf genommen. Der zivcite Referent war Herr Perlmann, der Redacteur de? Prcßorganes des DIener-Vereines. Er wandte sich zunächst gegen die Haltung, ivclche die hiesige Presse auS Anlaß der ersten Versammlung gegenüber der Tienjtbotcnbcwcgung eingenommen hat. Mit wenig Ausnahmen hätten die Tages�eiNingen die Bc wcgung teils lächerlich zu machen gesucht, teils eine feindliche Stellung gegen dieselbe eingcnonimcn. Der„Vorwärts" habe die vorige Versammlung nicht angezeigt, auch keinen Bericht über dieselbe gebracht. Das sei wohl der beste Beweis dafür, daß die Bcivcgung keine socialdemokratische ist. In der vorigen Ver- samnilung sei ein Socialdeinokrat Pfeifer aufgetreten, der habe gesagt, er werde dafür sorgen, daß der„Vorivärts" einen guten Bericht über die Versammlung bringe. DaS sei nicht geschehen. Man sehe also, was es mit den Versprechungen der Socialdemolralen auf sich habe.„Ich rate Ihnen, pfeifen Sie auf Pfeifer und seine Genossen."(Stürmischer Beifall.)*) Zu seinem Thema:„Wie bekommen die Herrschaften gute Dienstboten?" übergehend, fiihrte der Redner aus: DaS Gedeihen des Staates hänge von einem ge simden, zufriedenen Mittelstände ab. Der Mittelstand müsse zu frieden gemacht werden. Es müsse dafür gesorgt werden, daß die Männer dcS Mittelstandes gute, tüchtige, pflichttreue Hausfrauen bekommen. Solche Hausfrauen könnten aber nur im Dienstboten- beruf ausgebildet werden.(Beifall.) Die Frauen seien die größten Stützen des Staates.(Bravo.) Leider gingen die Mädchen des Arbeiterstandcs heut lieber in die Fabriken, tvic in den Dienst. Die Folge davon sei, daß auch der Arbeitcrstand unter dein Mangel an guten Ha»lsfraucn leide. Wer habe es nicht sck�on beobachtet, daß ein verheirateter Arbeiter in der Budike zu seinen» Kollegen sage: Wceßt Du, vat»»eine Olle heut' jckocht hat, dct is jar nich runter zu kriegen.(Heiterkeit und stürmischer Beifall.) Damit dem Dienst- botciunangel abgeholfen werde, plädierte der Redner für Ab- schaffling'oder zcitgeinäße Aenderung der Gesinde-Ordnung, für bessere Behandlung derDicnstbotcn seitens derHerrschaften, Fürsorge in Krankheitsfällen, und. weil in den Zeugnissen oft ivahrhcitSwidrige, die Existenz deS Dienenden schädigende Angaben gemacht werden, Abschaffung der Zeugnisse in den Dienstbüchern,(stürmischer Beifall.) Der Redner schloß mit der Mahnung an die Herrschaften: Behandeln Sic die Dienstboten g»lt. und Sie werden gute Dienst- boten haben. Berücksichtigen Sie die gerechten Forderungen, und es lvird kein Mangel an Dienstboten sein.(Beifall.) Den Mädcheif aber sage er: Wenn es Ihnen nicht gefällt, dann stellen Sie den Besen nicht gleich in die Ecke, sondern suchen Sie sich bessere Verhältnisse zu schaffen. Organisieren Sie sich!(Bravo.) Sic allein können aber die Frage nicht löse»», es gehören auch die Herrschaften dazu, darum suchen Sie ein giitcs Einvernehmen mit den Herrschaften herbeizuführen.(Lebhafter Beifall.) Es folgte nun eine längere Diskussion, an der sich auch die weiblichen Dienstboten lebhaft beteiligten. Maria Zech führte aus: Sie sei ein schlichtes Mädchen aus dem Volke»md habe in fünfzehnjährigem Dienst manche Erfahrungen gcsaiumclt. Ihr Vater habe ihr zwar gelehrt, nach dem Worte zu handeln: WcS Brot ich esse, dcS Lied ich singe. Trotzdem könne sie nicht umhin, das Vcr- halten gewisser Herrschaften zu verurteilen. Sei es»»icht empörend, wenn den Mädchen eine Cchlasstelle angowicsen werde auf dem Hängeboden, der angebracht ist über Wr Küche, der Bade- stube und einem gewissen Ort, so daß die Schlafende gezwungen sei, die gemischten„Wohlgcrüche", welche diesen drei Räumen entströmen, einzitatmci». Ja einem herrschaftlichen Hause sei es der Redncrin passiert, daß man ihr Knochen statt deS Fleisches auf den Teller legt, und als sie deshalb den Dienst verließ, habe sie das Zeugnis bekommen: Für meinen Haushalt nickt brauchbar. In einer andern Stellung habe sie als ISjähngcS Mädchen in der Nacht waschen müssen. Aber eS gebe auch edle Herrschaften,»md au diese müsse»nan sich wenden, daß sie den Bestrebungen der Dienstboten helfen.(Beifall.) Emma Bienng hält eS für die vornehmste Aufgabe der Dienstboten, durch Treue, Pflicht und Echorsain die Zufrieden- *) Zu den AuSfühnmgen deS Herrn Perlmann haben wir zu bemerken: Was die Berichterstattung über die erste Versammlung anlangt, so ivar es durch einen unglücklichen Zufall versäumt worden, von feiten der Redaktion einen Vertreter in die Versammlung zu entsenden. Tie Berichte der bürgerlichen Presse, die nach de» eigenen Worten des Herrn Pcrlmann die Sache teils„lächerlich" zu inachen suchten, teils ihn„feindlich" gegenüber traten, mochten wir nicht benützen. Bekannt machen aber konnten wir die Versainmlungen nicht, weil sie in Lokalen abgehalten wurde»», deren Wirte sich weigern, der Arbeiterschaft ihre Säle zur Erörterung ihrer Berufs- und Klasseninteressen herzugeben. Red. d.„Vorw." heit der Herrschaften zu erwerben. Die Dienstbotenbewegung wolle nichts Unerreichbares, sie verlange Freiheit und geregelte Arbeits zeit.(Lebhafter Beifall.) Wie' es jetzt damit aussehe, zeige folgender Fall: Die Redncrin habe ein Mädchen ersucht, niit in die Versammlung zu komme»». Dem habe das betreffende Mädchen nickt»»achkommen können, Iveil das HauS um 8 Uhr geschloffen wird, und sie nachdem nicht mehr aus- gehen darf. Wenn auch jetzt keine Hängeböden gebaut werden dürfen, so seien die Schlafrärime der Mädchen doch nichts anderes als elende Löcher.(Allseitige Zustiminung.) So wie 1813 das deutsche Volk sich aufraffte, um sich von der Franzosenherrschast zu befreien so»nüßlen sich heut die Dienstboten zusammeirscharei», und nicht eher ruhen, als bis sie sich von der Gesinde-Ordiimig vom Jahre 1810 bc- freit habe»».(Brausender Beifall.) Anna Stefenha gen: Die Damen haben zwar viele Wohlthätigkeitsvereine gegründet, aber nichtl für die Dienstboten gethaii. Bist du Gottes Sohn, so hilf dir selbst, heißt es jetzt. Nur wir selber können uns von der Gesinde- Ordnung befreien.(Beifall.) Nedacte»lr v. G e r l a ch bekundet in längerer Rede seine größte Sympathie für die Dicnstbotenbewcgung meint aber, daß Fräulein Schlesinger allzusehr zum Frieden ge- mahnt habe. Der Friede müsse ztvar das Ziel der Beivegung sein, vorläufig heiße es jedoch: Durch Kampf zum Sieg I(Brausen- der Beifall.) Rudolph Bläsing: Wenn Ihnen sociab deinokratische Tendenzen ui»tergcschoben werden, so brauchen Sie sich deshalb nicht zu schämen. iZuruf: die wollen wir aber nicht I) Ich will Ihnen solche auch nicht aufdrängen. Wenn Sie Fräulein Schlesinger folgen, dann behalten Sie den Frieden, den Sie jetzt haben, und bei dem Sie die Unterdrückten sind.(Zuruf: Den wollen wir nicht.) Wer ist denn im Parlament stets für die Beibehaltung der Gcsmde- Ordnung eingetreten? Das waren die Ab' geordneten derjeirigen Parteien, deren Angehörige die Macht und das Geld haben, die Vertreter derjenigen, welche an der Beibehaltung der jetzigen Zustände im Dienftbotenwesen ein Jnter- esse haben. Nur die Socialdemokratie trit» für alle Unterdrückten und Geknechteten ein.(Bravo!) Ich will hier nicht Propaganda für die Socialdemokratie machen, sonder»» Ihnen nur zeigen, daß Sie von denen, die denselben Kreisen wie Ihre Herrschaften an- gehören, nichts zu erwarten haben. Nur durch Ihre eigene Kraft können Sie den Sieg erringe»». Die Bediensteten im Gastlvirts- gewcrbe haben eS auch nur ihrer Agitation zu verdanken, daß sie»»icht inchr unter der Gesinde-, sondern unter der Gewcrbe-Ordi»ung stehen. Herr Perlmann sprach von Pfeifer und Genossen. Sollte er dainit die Socialdemokratie meinen, so sage ich ihm, daß diese Partei die einzige ist, welche für die Interessen der Arbeiter eintritt.(Bravo. l Wen»'»»nan Ihre Bestrebungen mit denen der Socialdcinokratie idcntiflcicrt, so brauchen Sie sich deshalb nicht zu fürchten. Sobald sie emstlich an die Verbesserung Ihrer Lage denken »vird man sie ohne weiteres als Socialdeinokraten betrachten. (Lebhafter Beifall.) Redacteur P e r l m a n n kommt nochmals auf den Pfeifer aus der vorigen Versammlung zurück. Derselbe habe gesagt, die Dienstboten sollten sich erst organisieren, dai»n würden ihnen die Socialdeinokraten helfen. Redner meint, wenn die Belvegung erst stark sei, dann brauche sie den Schlitz keiner Partei»nehr. Ii'» einer Frage, lvie die der Dienstboten, müßten alle Parteien auf feiten der letzteren stehen.— Die Versammlung endete mit der einstimmigen Annahme folgender Resolution: Die hier versammelten Dienenden sind zu der Aiisicht gekommen, daß die für sie bestehenden Sondcrgesetze den heutigen Anschauungen nicht mehr entsprechen. Sie»volle»» weite Kreise interessieren für zeitgemäße Aenderung oder Abschaffung der Gesinde-Ordnung. Uolrnlcsu Achtung! Parteigenosse»! Die Wählerlisten für die Stadtverordneten-Wahlen liegen nur noch biö Tonntag zur Einsicht anS. Wir weisen deshalb nochinalS auf«uscr Tablean der Wahlbezirke hin, das in der Nummer am Tonncrötag, den 27. d. M., erschienen ist. Wer sich sein Wahlrecht für die städtische Vertretung wahre» will, de»» ist dringend anzuraten, Einsicht in die Listen zu nehme,», oder dies durch die Partcifrcnl»de, deren Adressen wir»viedcrholt bekannt gegeben haben, vollziehen zu lassen. Die Partei- genossen bitte»»vir, die Täunlige« auf ihre Pflicht anfmrrk- sam zu»nachc» und allerorts auf die Vcdcntnug der Wahl und die Aufstellung von Wählerlisten hinzuweisen. Am Sonntag läuft der Termin für die Auslegung der Liste» ab, d. h. es können noch an diefein Tage von 9—3 Uhr im städtische» Wahlburca», Poststraffe 19, 2 Treppen, die Listen eingesehen»verde». Wer bis dahin dieser kleinen Mühe sich nicht unterzogen hat, länft Gefahr, eines ivich- tigcu politischen Rechtes verlustig zu gehen; daS zu vcr- hindern fei jeder Arbeiter und Gctverbetrcibcndcr bedacht, «mfomehr, da gerade bei diese»» elenden Wahlsystein zur Ttadtvcrtrctnng die Rechte der besitzlose» Klassen äuffrrst hcrabgedrückt sind.___ DaS Polizeipräsidiui» und die Landagitatio». Die Agita- tionskominission für die Provinz Brandenburg soll nach Ansicht des Berliner Polizeipräsidiums ein„Vereiil" sein,„Statuten" besitzen und sie den» Polizeipräsidium einreichen. Nun ist aber die Kotnmission »vedcr ein Verein, noch besitzt sie Statute»», noch ist sie gar verpflichtet, solche dem Polizeipräsidium einzureichen. Aus der Disharmonie zwitchen den» Wunsch des Berliner Polizeipräsidenten und den that- sächlichen Verhältirissen ist ein recht interessanter Kanipf hervor- gegangen. Das Berliner Polizeipräsidium hat an Genossen Diminick die Aufforderung gerichtet, bei Vermeidung von 1SV Mark Strafe die Statuten der Komiirission einzureichen. Gegen diese Ver- fiignng ist Beschwerde an den Obcrpräsidentcn»md an den Mii»istcr des Innern gerichtet. Beide lehnten cS ab, im Anssichtswcge die einer gesetzlichen Grundlage entbehrende Verfügung aufzuheben. WaS nun thun? Der Polizei- Präsident bestand auf seinem formell rechtskräftig gewordenen Schein, der von Dimmick die Uninöglichkeit verlangte, nicht vorhandene Satzilngen dem Polizeipräsidium einzureichen. Diminick inußte nun- mehr dieser Verfügung nachkominen oder 150 M. bis in die lln- cndlichkcit hinein so oft zahle»», als eine polizeiliche Verfügung dies verlangte. So»vill es das formale Recht. Doch der Fonnalismus trägt sein Gegengift in sich selbst, er trägt den Formalismus als Ucbcrwindcr niit sich hcrnn». Statuten werde»» auf bis dahin leeren Blättern geschrieben. Sie bestehen ans dem Papier und der auf ihm fcstgcbanirtcn Schrift. Nicht vorhandene Statuten entbehren der Schrift. Soweit sie existieren— und ihre Existenz ver- langt die Polizeiversiigring— befinden sie sich in» Werdczustal»d. Ein nnbcschricbcncr Bogen stellt die Statuten gewissermaßen im Embryonalzustand dar. Jener Offizier arretierte 1848 jemanden wegen versuchten Hochverrats, Iveil der Verhaftete ein leeres Blatt Papier bei sich führte, auf das eine HochvcrratSarifforderung hätte geschrieben werden können. Dimmick fand einen unbeschriebenen Bogen, iruf den» Satzungen hätten stehen können. Diesen sendete er zur Erfüllung des pölizeipräsidialcn BcgehrS ein. Aber auch jetzt tvar der Polizeipräsident nicht befriedigt. Durch eine neue Verfügung spricht er die Ansicht aus. Dimmick habe der„gesetzlichen Verpflichtung zu entsprechen. Statuten der Agitaiionskommission«nzurcichen beziehungsweise rechtzeitig dafür Sorge zu tragen, daß der Verein gesetzlich fixierte Satzungen besitzt". Gleichzeitig setzte er gegen D. 150 M. ZivangSstrafe fest und drohte ihm»vcitere 150 M. Zwangsstrafe an. Gcgci» diese polizeiliche Verfügung hat D. das VerwalwngSstreit-Bcrfahren eingeschlagen und ferner beantragt, falls eine„gesetzliche Verpflichtung" zur Statutenschaffung bestehe, gegen ihn das Strafverfahren einzuschlagen. In der That ist»merfiiidlich, auf welche gesetzliche Bestiminung der Polizeipräsident glaubt seine Verfügungen stützen zu können. Die Komimsston ist. wie das Kam»nergericht in einem gleichlicgenden Fall anerkannt hat, kein Verein. Noch weniger ein Verein, wclckcr eine Einwirkung auf öffentliche Angelegenheiten bezivcckt. Wäre er ein solcher, so hätten drei Tage_ nach seiner Stiftung Statuten eingereicht werden müssen. Wie soll D. 8 Jahre nach unbehelligter Lebens- führung der Kommission„rechtzeitig dafür Sorge' tragen, daß der Verein gesetzlich fixierte Satzungen besitzt"? DaS ist eine lln- Möglichkeit. Und Unmöglichkeiten können auch durch polizeiliche Zwangsstrafen nicht in Wirklichkeiten umgesetzt werden. Ist aber solch Zaubcrstücklcin möglich, so muß es'auch durch einen anderen als D. ausgeführt tverden können. Demnach hätte der Polizeipräsident nach Z 132 des Gesetzes über die allgemeine Landesvcrwaltung die zu erzivingendeZauberhandlung„durch einen Dritten ausführen zu lassen", nicht aber Zlvangsstrafcn anzudrohen oder festzusetzen. Die recht- liche Anffaffung der Polizeiverfügung entbehrt eben iiach allen Seiten hin der gesetzlichen Grundlage. Die AgitationSkoinmission»vird das schmale Besprechungsrecht, das in Preußen besteht, nicht aus den Händen geben und die Angclcgenhrit durch alle Instanzen hindurch führen. Die Polizeiverfügung stellt einen Eingriff in das Recht, sich zu unterhalten, und in daS Recht dar, daß vermeintlich strafbare Handlungen nicht durch polizeiliche Exekutivstrafen, sondern durch den Richter gesühnt werden. Zur Zeit schwebt die Sache beim Oberpräsidentcn. Im städtischen ZlrbeitShause betrugen die Bevölkerungsziffern während der Monate April bis Juni 1899: �..Korrigenden an» 31. März 1899 1195(107S Männer, 119 Frauen); der Zugang betrug»vährend der angegebenen Zeit 301(264 Männer, 37 Frauen). der Abgang 306(274 Männer, 32 Frauen), zusammen ain 30. Juni 1899 1190(1066 Männer, 124 Frauen). L. Hospitaliten am 31. März 1899 518(415 Männer. 103 Frauen): der Zugang betrug 202(171 Männer, 31 Frauen), der Abgang 193(171 Männer 27 Frauci»), zusamincn am 30. Juni er. 522(415 Männer, 107 Frauen) Uederhaupt A und B am 31. März er. 1713, Zugang 503, Abgang 504, am 30. Juni 1712 Personen. Als Kranke befanden sich aiir 30. Juni 1899 in dem Lazarett der Anstalt und in den Lazarett- stationen des Hospitals von den Korrigenden 60 Männer und 23 Frauen, von den Hospitaliten 147 Männer und 59 Frauen, über- Haupt 289 Personen. Während der Monate April bis Juiri 1899 befanden sich im Arbeitshallse durchschnittlich täglich von den Korrige»ideii 1199 Personen, von den Hospitaliten 522 Pcrsonci». Im Durchschnitt»varen demnach täglich 1721 Personen von der Ärbeitshausverlvaltung zu verpflegen. Mit dem Oberbau eines groffcn Kraftlvcrkcs für die Centrale der elektrischen Hochbahn ist jetzt an der Trcbbincr- straße, auf den freigelegten Grundstücken der Häuser Trebbiner- straße 1—3 und des Eckhauses Tempelhofer Ufer 30 begonnen worden. Die mächtigen Eisenträger, die beim Bau Verlvendung finden, sind bereits angefahren»md»verde»» augenblicklich auf den' Fundamenten aufgerichtet. Für die ganz in der Nähe projektierte mächtige Heber- führung der elektrischen Hochbahn über die Gleisanlagen der Potsdamer Bahn nach der Denncivitzstraße hin sind ferner die kolossalen haushohen Mauerpfeiler bereits säintlich bis zu ihrer vollen Höhe cmporgeführt. Wie innn schon jetzt sehen kann,»vird diese Hochbahnbrücke die größte und höchste derartige Anlage Berlins »verde»». Ter Botanische Garten hat seit langer Zeit nicht so viele Besucher gesehen,»vie sich an» gestrigen Donnerstagnachmittag zur Blüte der Victoria regia dort eingefunden hatten. Bereits um »/so Uhr, als daS die berühmte Pflanze bergende Glashaus für das Publikum geöffnet wurde und die Knospe sich allmählich zu entfalten begann, lvaren Taufende erschienen, welche auf dem zu dem Hause führenden breiten Wege eine dichte Kette bildeten. Der Andrang lv»irde nach und nach so stark, daß als um 7 Uhr der Garten geschlossen»vurde, eine große Anzahl der Besucher nach Hause gehen»mißte, ohne von der Vietoria. regia etwas gesehen zu haben. Viele stürmten auch über den Rasen hii»>vcg»iird uiilstandcn das Haus von außen,»im»venigstenS ab und zu einen Blick auf die herrliche Blüte»verfen zu können, soiveit dies eben bei der sich im Innern des Hauses beständig einherschiebenden Menschen- masse möglich war. Durch den Gcnnff von Tollkirsche» hat der zwölfjährige Sohn des Handelsmanns B. in der Ackersrratze seinen Tod gefunden. Der Knabe hatte am Mittivoch die Giftbeeren in einem Garten be- merkt und dieselben für Blaubeeren gegessen. Die Folgen des Giftes»nachten sich bald bcincrkbar, doch versuchte der Knabe, seinen Zustand den Eltern gegenüber zu verheil», lichen, da er befürchtete, »vegen Betretens und Diebstahls in einem fremden Garten bestraft zu»verde»». In der Nacht stellte sich hochgradiges Fieber und Er- brechen ein und»vurde sofort seitei»s der»»in» aufmerksam ge- »vordenen Eltern ein Arzt herbeigeholt. Nunmehr legte der ge- ängstigte Siiabe ein Geständnis ab, leider zu spät.' Trotz der ärztlichen Bcmühungei» verstarb der Kleine gestern morgen unter unsäglichen Leiden. Die Leiche wurde nach dem Schauhause ge- bracht. An der Anöfiihrnng cincS Selbstmordes gehindert wurde vorgestern früh der 26jährige Kaufmann B., der den Versuch machte, sich in der Spree bei Treptow zu ertränken. B., der sich schon seit Mittlvochabend in Treptow aushielt ui»d d»lrch sein scheues Wesen die Aufmerksamkeit eines Schiffers hervorrief, wurde von diesem beobachtet. So konnte der Kaufmann, als er vom Treptoiver Park aus sich in die Spree stürzte, noch rechtzeitig gerettet werden. Die Veranlassung zu dem Selbstmordversuch»var ein unheilbares Leiden. Mit Strychnin vergiftet hat sich die 26 Jahre alte Buch- halteriu Marie Metscher, die seit ei», cm Jahre bei der Fainilie Liebelt ff» der Prinz'custraße 13 wohnte. Frau L. wollte ihrer Mieterin an» Donnerstag den Kaffee bringen und fand sie. mit Nachtjacke und Hemd bekleidet, tot auf den» Fußboden liegend auf. Ein Arzt glaubt an Vergiftting. Marie Metscher hat mit einen» Kaufmann ein Liebesverhältnis unterhalten; ob aber der Tod damit in Verbindung gebracht»verde» kann, steht dahin. Einige Erregung verursachte ain Donnerstagabend gegen ö'/s Uhr der Möbclhändlcr Paul Kukies, der in der Griebenowstraße das 3Vzjährige Mädchen.Martha Kotter durch lleberfahrcn tödlich verletzt hatte,' und mit seinem Fuhrwerk zu entkommen versuchte. KukicS hatte bei seiner Annäherung daS Kind nicht durch Zuruf auf die Gefahr aufmerksam gemacht: sv» Wagen war»hm über den Kopf gegangen. Die Kleine, die man nach der Rettungswache in der Kastanien-Allee brachte, starb unter den Händen deS Arztes. In- zwischen jagte K.»ach der ZionSIirche zu davon und wäre ent- kommen, wenn nicht ein Radfahrer ihn verfolgt und seine polizeiliche Feststellung bewirkt hätte. Zu dem Lcichcnfnnd an der Lessingbrücke wirb berichtet, daß die Persönlichkeit auch heute noch nicht erkannt war. Zu der bis- herigen Beschreibung ist noch hinzuzufügen,.daß der Strumpf am linken Bein, der nicht zerrissen»var,»vie der„Lokal-Anzeiger� schreibt, aber nicht gesehen hat. unter dem Knie mit einem gelben Strumpf- band aus Gummi festgehalten wurde. Das Stttimpsband hat kein Schloß, besteht vielmehr nur auS einen» zusammengenähten Streifen. Die Wunden sind derart bedeutend, daß sie von einem Bootshaken nicht herrühren können. Die Leiche weist sogar verschiedene Brüche an starken Knochen auf, die nicht leicht mit Ha.en beigebracht werden können. D ie Wunden am fleisch lassen nicht genau erkennen, ob die Ränder glatt oder rauh sind. Das muß erst ein ärztliches Gutachten feststellen.— Daß ein Verbrechen vorliege, kann bis jetzt ebensowenig behauptet werden, wie das Gegenteil. Bei der Annahme eines Selbstmordes lritt hindernd in den Weg, daß die Kleidung fehlt. Ein Unglücksfall, etwa beim Baden, wäre möglich; doch muß die Kleidung dann bald gefunden werden. Daß die Kleider durch eine Dampferschraube oder durch Bootshaken vollständig vom Körper ab- gerissen sein sollen, ist ausgeschlossen, da die Leiche noch frisch war inid nicht, wie der„Lokal-Anzeiger" weiß, schon 14 Tage im Wasser gelegen hat, außerdenr aber an Brust und Schultern keine Wunden bat. Sonach bleibt der Fall, der vielleicht eine einfache Lösung finden wird, vorläufig noch in Dunkel gehüllt. Eine rätselhafte Geschichte knüpft sich an einen Leichenfund. der am Freitagmorgen auf Charlottenburger Gebiet im Landwehr- kanal gemacht wurde. Dort landete man die Leiche einer fein- gekleideten Frau, in der später die am 7. Juli 1874 zu Amsterdam geborene Frau Luise v. Emden erkannt wurde. Frau v. E. geborene Note war mit einem holländischen Beamten verheiratet und hielt sich seit 10 Monaten in der Tauentzienstraße S zu Charlottenburg auf, um sich im Gesang im Sternschen Konservatorium zu vervollkommen. Am Mittwochabend empfing sie eine Einladung zu einem Dampferausflug. An demselben Abend verfieß sie ihre Wohnung, ohne dahin zurückzukehren. Die Wirtin benachrichtigte den Mann drahtlich von dem Verschwinden der Frau, und dieser ist heut hier eingetroffen. In der Baumschule tot aufgefunden wurde am Donnerstag- nachmittag auf dem Borsigschen Grundstück in Moabit ein etwa ötljähriger Mann. Er hatte sich dort an einem Baum erhängt und wurde erst entdeckt, als der Körper infolge der Auflösung herunter- gefallen war. Die Persönlichkeit des großes und starken Mannes konnte nicht ermittelt werden. Er trug einen Manchesteranzug, hat blondes Haar und einen blonden Schnurrbart. Der Kops war bereits vom Rumpf getrennt. Ein großer Tachstuhlbrand brach gestern abend 7 Uhr Urbanstraße 81 aus noch nicht ernnttelter Ursache aus. Bevor auf die Meldung„Mittelfeuer" sechs Löschzllge herbeieilten, hatte das sehr;pät wahrgenommene Feuer bereits das Dach durchschlagen, und die hoch emporlodernden Flammen waren weithin bemerkbar, lieber zwei mechanische Leitern und Treppen hinweg mußte gegen das verheerende Element vorgegangen werden, um es zu lokalisieren. Fünf Schlauchleitungen brachten es erst nach l'/e stllndigem Wassergeben zum Stehen. Der ganze Dachstuhl mit den Dachkammern wurde eingeäschert. An der Löscharbeil beteiligte sich die 2., 3., und Kompagnie. Feucrbcricht. Freitag früh 3 Uhr brannten Köpnicker- st r a ß e 37 Holzabfälle in einer Tischlerei. Kurz darauf mußte am Görlitzer Bahnhof auf einem Lagerplatz ein durch Selbst- entzündimg entstandener Preßkohlenbrand abgelöscht werden. In der vorhergehenden Nacht entstand Stralauerstr. 55 durch übergelochten Leim ein kleines Schadenfeuer. Vorher war W e i d c n w e g 62 noch ein unbedeutender Zimmerbrand zu beseitigen. Aus de» Nachbilrorten. Ripdorf. Am Sonntag, den 30. d. M.. mittags 2 Uhr. findet im Apollo-Theater, Hermannstr. 43/50. eine große öffentlsche Ber- fammlung der Kutscher. Mitfahrer und Hausdiener statt. Tages- Ordnung: Das Koalitions recht und das Zuchthaus- g e s e tz. Referent Genosse Joh. Rein. Pankow. Die Genossen werden ersucht. Sonntag, den 30. d. M., ftüh.7 Uhr. hei Slörr, Mühlenstt. 24, zur Flugblattverbreitung zahlreich zu erscheinen. Ter Vertrauensmann. Spandau! Achtung, Parteigenossen! Heute und morgen liegt nur noch die Wählerliste für die bevorstehenden Stadtverordneten- wählen im Rathaufe, Zimmer 16/17, zur Einsicht öffentlich aus. Wer bisher noch keine Einsicht genommen hat, der hole jetzl das Versäumte nach und beantrage nötigenfalls sogleich die Berichtigung der Liste. Spätere Reklamationen haben keinen Erfolg mehr. Personen, deren Namen in der Wählerliste nicht eingetragen sind, gehen, vor- ausgesetzt, daß sie überhaupt wahlberechtigt sind, ihres Wahlrechts a e r l u st i g. Wilmersdorf�Halcnfec. Heute abend feiert der Social- demotranfche Verein im Volksgarten sein Snftungsfesl, wozu die Parteigenossinnen und-Genossen hiennit eingeladen sind. Der eventuelle Ueberschuß wird zu P a r t ei z w e ck e'n verwendet werden. Stacht zahlreichen Besuch erwartet Das Komitee. Stralau. Nachdem seit einem halben Jahre die Vorarbeiten zur /Regulierung der Dorfstraße ernstlich in Angriff genommen und die Verträge mit Berlin, der Untergrundbahn und den Banunter- nehmrrn glücklich alle Instanzen passiert haben, ist Anfang dieser Wocke mit der Reguliernngsarbeit selbst begonnen worden. Der Teil der Dorfstraße vom Markgrafen- dämm bis zum Eisenbahntunnel wird mit Steinpflaster versehen, wogegen der iveitere Teil, von der Bahnbrücke bis zur alten Taverne, mir Äsphaltpflaster belegt wird. Gleichzeitig mir der Pflasterung wird auch die Kanalisation in Angriff genommen. Dieselbe wird iir die Berliner Kanalisation in der Stralauer Allee und ca. 200 Meter über die Straße 43 hinaus eingeführt werden. Zu diesem Zwecke wird in der Nähe des Schnlgebäudes auf das Gemeindegrundstück eine Pump- station errichter und durch diese mittels Druckrohres die Stralauer Kanalisationswäfser in die Berliner Röhren getrieben. Die Kosten für die Kanalifationsanlage inkl. Pumpstatton sind auf 160 000 M. veranschlagt worden. Die Gesamtsumme der Kosten für Liegulierungsarbeiien betragen ca. 400 000 M. Von Berlin erhielt die Gemeinde Stralau als Abfindungssumme für" die Unterhaltung der Dorfstraße 75 000 M., von der Untergrund- bahngesellschafr als Zuschuß zur Pflasterung-c. 84 000 M. Äußer- dem wird auf Beschlutz der Gemeinde eine Anleihe von 250000 M. aufgenommen. ' Mit- der Neu-Slnlage der Straße wird auch zugleich die Schienen- legung der Uniergrundbahn erfolgen. Wenn irgend möglich sollen die gesamten Arbeiten bis zum 1. Oktober d. I. fertiggestellt und der Betrieb der Bahn aufgenommen werden. Leider haben sich einige Besitzer noch immer nicht bereit gefunden, das nötige Straßenterrain zur Verbreiterung des Bürgersteiges herzugeben. Dadurch wird das Gesamtbild der Straße einige Lücken aufweisen. Ein Stück Kultmwerk ist noch an dem Markgrafendamm in Stralau zu verrichten. Die Stadt Berlin, für die diese Straße eine Verbindung mit'ihrem Besitz in Rummelsburg bildet, sollte doch dafür Sorge tragen, daß die geradezu harn-sträubeuden Zustände in dieser Straße beseitigt werden. Da es in Stralau gegenwärtig durch die Beseittgung der Baum- allce in der Dorfstraße an schattigen Plätzen recht mangelt, so beab- sichttgt man im Einverständnis mit der Kirchenverwaltung, den so- genannten Kirchenpark zum öffentlichen Erholungsplatz herzurichten. Mit den notwendigen Anpflanzungen»vird im Herbst begonnen werden. Die Kosten belaufen sich auf 4—5000 M., die von der Gemeinde bewilligt sind. Der Wunsch der Direktion der Pichelödorfer Brauerei ist jetzt erfüllt. Nachdem bereits wenige Tage nach der bekannten Saalverweigerung der von militärischer Seite über die Brauerei so lange verhängt gewesene Boykott aufgehoben und dem Militär durch'Kommandanturbefehl der Besuch des Brauerei- etablissements wieder gestattet wurde, verkündet der Oekonom jetzt täglich durch redattionelle Hinweise und Inserate recht pomphaft, daß am kommenden Freitag im Garten der Brauerei das„Erste Militärkonzert", ausgeführt von der gesamten Kapelle deS 3. Pionier- Bataillons in Uniform stattfindet. Die Arbeiterschaft gönnt der Pichelsdorfer Brauerei die so lange ersehnte nnifornnerte tttindschaft recht herzlich, aber auch ebenso von Hetzen ihr Bier! Weißensee. Die kirchlichen Körperschaften haben beschlossen, die bis jetzt aus den Kommunalkassen der Gemeinden Weißensee und Neu-Weißensee bestrittenen kirchlichen Abgaben durch eine Kirchensteuer aufzubringen. Dieser Beschluß ist bereits am 15. März d. I. vom Regierungspräsidenten zu Potsdam bestätigt. Die namentlich vom hiesigen Verein der Grundbesitzer betriebene Agitation für Verleihung des Städte rechts an Neu- Weißensee dürfte durch einen Entscheid des Ministers des Innern ganz bedeutend gehemmt sein. Ermutigt durch einige, bei Gelegenheit der Beratung des Gesetzentwurfs betreffend die Polizeiverwaltung in den Vororten von Berlin vom Minister vorgebrachten Bemerkungen, welche der Verleihung des Städterechts günstig gedeutet werden konnten, wurde von genanntem Verein eine besondere Eingabe an den Minister gerichtet, in der die etwaigen Bedenken, welche in finanzieller Hinsicht dem Antrage entgegenstehen konnten, zahlenmäßig als nicht vorhanden bezeichnet wurden. Auf diese Eingabe hat der Verein die Zuschrift erhalten,„daß nur auf An- trag der Gemeindevertretung eines Ortes die Verleihung des Städterechts erfolgen könne. Die hier in Betracht kommende Vertrettmg habe Vertagung der Angelegenheit auf ein Jahr be- schlössen, folglich müsse der Antrag des Vereins abgelehnt werden." Wenn die Verleihung des Städterechts an und für sich für die Arbeiterschaft auch keinen direkten und greifbaren Nutzen bringt, für den politischen und wirtschaftlichen Kampf den die Arbeiterklasse zur Erreichung ihres gesteckten Zieles führt auch von ganz untergeordneter Bedeutung ist, so darf doch nicht verkannt werden, daß die Einführung der Städte-Ordnung für die meisten größeren Gemeinden die Beseitigung jener heute dominierenden, oft auch für die Arbeiterschaft sehr fühl- baren, kleinlichen und längst veralteten Verwaltungsmaximcn bc- deuten würde. Weder die seiner Zeit für die sieben östlichen Pro- vinzen Preußens eingeführte neue Landgemeinde-Ordnnng, noch das eifrigste Bestreben des fortgeschritteneren Teiles der Bevölkerung sind im stände, den jeden ge'unde» Fortschritt auf allen Gebieten der Gemeindeverwaltting hemmenden Einfluß alteingesessener, verwandter und vervefterter Cliquen zu be- seitigeu. Hat ja doch in weiser Voraussicht deffen, was kommen konnte, das Abgeordnetenhaus durch Einführung des Dreiklassen- wahl-Systems auch für die Landgemeinden dafür gesorgt, daß dem Besitze das Vorrecht nicht streitig gemacht werde. Von der andern, mit dem Besitze oft in einem Atem genannten Eigenschaft, der Bildung, darf hier nicht die Rede sein. Das Auftreten jener satten, aus ihrer bisher beschaulichen Ruhe aufgestörten Kreise zeigt, daß diese selbst auf das Prädikat„gebildet" keinen Anspruch zu machen gedenken. Die Verleihung des Städterechts würde zum größten Teile die Stütze, welche diese Kreise an den zur Zeit einflußreichsten Stellen innerhalb der Gemeindeverwaltungen besitzen, hinwegräumen nicht zum Schaden anch der Arbeiterschaft. Aus diesen und auch aus anderen hier nicht näher zu behandelnden Gründen zeigt sich. daß solchem Antrage direkt entgegenzutreten eine Veranlassung nicht vorhanden ist. Mögen die Molive, ivelche jene Herren bei Stellung ihres Antrages— die Antrag st eller sind Grund- b e s i tz c r— geleitet haben, zum größten Teil eigennütziger Natur gewesen sein, so wird auch hier die Arbeiterschaft den rechten Zeit- punkr zur Wahrung ihrer Interessen nicht versäumen. Aus dev Frsuvnvoturgung. Frauenarbeit in Holland. 400000 Frauen sind in dem kleinen Holland in der Industrie beschäftigt, ohne die Heim- arbeiterinnen mitzuzählen. Von ihnen sind 22 018 verheiratet, 2010 sind über 70 Jahre alt. Nur 150 000 unverheiratete Frauen über 22 Jahre sind berufslos. 2200 Frauen sind teils Studentinnen der Medizin, teils Aerztinnen, 2400 sind Krankenpflegerinnen, 400 Apo- thekerinnen. Wahre Hnngerlöhne werde» den Arbeiterinnen in der Wäschekonfektion gezahlt: Für ein Herrenhemd erhalten sie zwischen 13 und 20 Pf., für ein Bettlaken 5— 10 Pf., für eine Kinderschürze, an der sie 1�/e Stunden zu nähen haben, 3— 6 Pf.! Eine Frauen- schürze wird mit 8 Pf., ein Kopfkissen mit 2 Pf., ein Frisiermantel mit handgenähten Knopflöchern nnt 30 Pf., eine Herren-Unterhose mit 20 Pf. entlohnt. Trotz dieser schrecklichen Ausbeutung haben sich die Frauen zur Organisation nicht entschließen können. ES besteht nur in Amsterdam ein kleiner Näherinnen-Verein. VevJÄuttttlungen. Der Wahlvcrei» für dcit Z. Wahlkreis hielt am Donnerstag seine gut besuchte Generalversammlung ab. Vor Eintritt in die Tagesordnung ehrten die Anwesenden das Andenken der im letzten Quartal verstorbenen Mitglieder: Drechsler Salz mann und Gastwirt Greiser durch Erheben von den Sitzen. Infolge einer Anfrage Wilhelm über den Bericht von der vorigen Versammlung, gelangte ein Antrag Mahle zur Annahme, daß der Vorstand beauftragt wird, bei der Redaktion des„Vorwärts" darüber vorstellig zu werden. Nach dem von K r et et e r erstatteten Bericht des Vorstandes hat der Verein sich in günstiger Weise fortentwickelt. Im letzten Quartal fanden sieben Versammlungen statt. Der vom Kassierer H a r n d t erstattete Kassenbericht ergiebt mit dem Bestand vom vorigen Quartal von 378,67 Mark eine Einnahme von 820,07 Mark, bei einer Ausgabe von 671,05 Mark, so daß ein Be- st and von 249,02 Mark verbleibt. Die Revisoren bekunden die Richtigkeit der Abrechnung, worauf dem Kassierer Entlastung erteilt wird. Ein Antrag Hoch: dem Vorstand 200 Vi. zur Agitation zu überweisen, gelangte einstimmig zur Annahme. Die Ergänzungs- wähl des Vorstandes ergab folgendes: R i ck e r t erster und R i e d i g c r zweiter Vorsitzender; Kar l Lange zlveiter Kassierer; Ritter zweiter Schriftfiihrer. Als Revisoren werden Müller. Klein und Jonas ernannt. Zum Schluß der Versammlung tvies der Vorsitzende»och darauf hin, daß am künftigen S o» n l a g, 30. Juli, ein F a m i li e n a u s f lu g nach F r i e i> r i ch s h a g e n stattfindet. Eine stark besuchte Bandepnticrtcn- Versammlung ber Mauret(Central) tagte am Donnerstagabend beiZribeil Nachdem ein kurzes Bild über den Stand der dänischen Arbeiteraussperrung von Schulz gegeben worden, wurde beschlossen, diesen Punkt aus die Tagesordnung der nächsten Versammlung zu setzen und der Ver- fammlung zu empfehlen, eine namhafte Summe vom Streikfonds den Ausgesperrten zu übermitteln. Die Versammlung sprach sich dahin aus, daß, um eine gleichmäßige Belaftifffg aller Mitglieder zu ermöglichen, es angebracht sei, einen Beschluß, die Listen der Gewerkschaftskommission auf den Bauten cirkulieren zu lassen, nicht zu fassen, sonder» die Unterstützung unserer dänischen Brüder von Woche zu Woche aus dem Streikfonds zu bewilligen, Ivelcher von dieser Woche ab von 25 Pf. auf 50 Pf. pro Woche erhöht fei. — Sodann wurde ein Antrag der Lohnkommission beraten und an- genommen, wonach eine Erweiterung des_ Streikgebietes vorgeschlagen wird, und zivar dergestalt, daß dasselbe alle Orte um- saßt, in welchen die Unternehmer Mitglieder des hiesigen Arbeit- geberbundes sind, damit ein einheitliches und planmäßiges Arbeiten der Organisation ermöglicht'wird. Das Streikgebiet umfaßt sonach die Orte: Berlin, Charlottenburg. Rixdorf, Wilmersdorf. Schmargen- dorf, Steglitz, Gr.-Lichterfelde, Tempelhof, Friedrichsberg. Friedrichs- felde, Pankow, Weitzensee, Reinickendorf, Mariendorf und Tegel. Nach- dem gab der Steinmetz Schauerhammer einen kurzen Bericht über den Stand des hiesigen Steinarbeiterstreiks unter besonderer Berücksichtigung auf das Solidaritätsgefühl der Maurer. Nach einer kurzen zustimmenden Diskussion gelangte folgende Nesolutton zur einstimmigen Annahme:«Die heutige Baudeputterten-Versammlung der Maurer lhut den Steinmetzen ihre volle Sympathie kund und verspricht, mit allen Mitteln den Streikenden, soweit es in ihren Kräften steht, zu ihrem Siege zu verhelfen. Die Deputierten ver- pflichten sich demgemäß, dafür zu sorgen, daß sogenannte Versetz- arbeiten an Stelle der Steinmetzen von den Maurer» nicht auS- geführt werden. Des weiteren wollen alle Anwesenden dafür ein- treten, alle moralischen Mittel anzuwenden, die noch zu den alten Bedingungen arbeitenden Steinmetzen dazu zu bewegen ver- suchen, sich zu Gunsten der Erkänipfmig ihrer Forderungen den Streikenden anzuschließen."— Zum Schluß wurde noch das bis jetzt erreichte Resultat über die Verhandlungen der„Achtzehner- Kommission" mitgeteilt, nach welchem die von uns im Frühjahre aufgestellten Forderungen, wie Festsetzung einer geregelten winter- lichen Arbeitszeit, Regelung resp. Beseitigung der Ueberstnndenarbeit, Einrichtung gesunder und geräumiger, im Winter heizbarer Barr- bnden, Aufstellung verbesserter Aborte usw., zum größten Teile und zur Befriedigung der Kollegenschaft von der Kommission anerkannt worden sind. Diese Bestinrnnuigen sollen in Plakatform auf den Bauten ausgehängt werden. Zuletzt wurden noch die Kollegen auf- gefordert, bei der Suche nach Arbeit die Mitglieder des Ar- beitgeberbundes mehr z u berücksichtigen. Zu iinserm Vericht über die Bäckerversammlung in Nr. 173 unseres Blattes erhalten wir nachstehende R i ch t i g st e l I u n g: „Nach dem Bericht soll ich gesagt haben: In Friedrichsberg hätten Arbeiter bemerkt, daß entgegen den Bestimnningen über die Sonntagsruhe in einer Bäckerei des Sonntagsnachmittags noch gearbeitet wurde. Sie hätten dies einem Polizeibeamlen mitgeteilt, der aber ein Entschreiten ablehnte, da er seinen Posten nicht verlassen dürfte. Auf dem Amtsbureau, wohin sich die Be- treffenden'begaben, hätten sie keinen Beamten angetroffen. Diese Darstellung weicht in einigen Punkten lveseittlich von meinen Ausführungen ab. Zlvei unserer Kollegen kontrollierten an einem Sonntage auf Ersuchen von einem dort Beschäftigten vor- mittags 10 Uhr jene Bäckerei, und trafen die Leute noch alle bei der Arbeit, die um 8 Uhr beendet sein»iiißte. Diese beiden Kollegen gingen, nachdem sie vergeblich einen Beamten zum Ein- schreiten zu veranlassen gesucht hatten, zum AmtSbureau. E s wurde ihnen dort versichert, daß man sofort einen Beamten hinschicken würde, die Kollegen warteten nun b i s Mittag, doch es erschien kein Beamter, und die Arbeit in jener Bäckerei war mittlerweile fertig geworden. Dies der Sachverhalt, wie ich ihn in der betreffenden Versamm- lnng dargestellt habe. Es handelt sich um die Bäckerei des Herrn Lebrecht, Friedrichsberg, Warteubergsrr. 2. Franz Schneider, Müllerstr. 7 d. Arbeiter-Säiigerbnild Verliiis und der Umgegend. Vorsitzer Ad. Reumann, Bruimenstr. 150. Alle Aenderuugen im Vereinskalender und zu richten an Friedrich Kortinn, Lausitzerstrahe 33. Tonuabeud, abends 9—11 Uhr: Uebungsstmlde mrd Aufnahme neuer Mitglieder.— „Lyrauia", Göbel, Landsberger Allee 156.—„Sanges- Echo", Scholz, Naununstr. 6.—„Immergrün", Tegel, Renwer, Spandauerstr. 13.—„Glück zu", Lorisch, Pankstr. 326.-„Hand in Hand II". Fnedttchsberg, Hemeckc, Friedrich Karlstr. 11.-„Frisch auf I", Fnedttchsberg� Paul, Rummels- bnrgerstr. 45.—„Weihe Rose II", Weihensee,«orrer, Strahburgstr. 56.— „Eintracht I", Teltow, Dertz, Zehlendorferstr. 6.—„Sängerlust", Luckenwalde, Schulze, Beelitzerfir, 34,—„Septime", Drathschmidt, Skalitzerstr. 102. —„Frohsinn", Rummelsburg, Breives, Goethe- u. Kantstraßen- Ecke.— „Echo II", MarkgrafenspieSle bei Fürstenwalde. Grasnick.-„Gem. Cbor", Luckenwalde, Gerhart, Haag 5.—„Ober-Schöneweider Liedertafel", Ober- Schöncweide, Wagener, Edisonstr. 5.—„Vorwärts VII", Rummelsburg, Beutling, Goethe- u. Kanlstraben-Ecke. Arbeiter-Raucherbiind Berlins und der»ingegend. Aenderuugen im Vereinskalender sind zu richten an Engen Raichle, Rirdorf, Mahlower- praße 1, 4 Tr. Sonnabend:„Angler I", Ruppert, Zünmerstr. 59.— „Havana II", Nowawes-Neuendorf, Simon, Pttesterstrahe.—„Glück Auf", Rüdersdorf-Kalkberge, Greve, Heinitzstr. 19.—„Kuba",?? Pönitz, Brandenburgstrahe 54.—„Pappel", Dahuike, Buchholzerstr. 5.—„Arbeitcrsreundc", Dietrich, Rathenowerstr. 43.—„Havana I", Rixdorf, Philipp, Juliusstt. 59.—„Blauer Dauipf", Toye, Müllerstrahe. Arbeiter- Tnrnerbnnd. Sonnabend: Turnv.„Fichte", Berlin. abds. 8-10 Uhr: 1. Männer- Abt Fttedenstr. 37.— 3. Mäuner-Abt. Boeckhstr. 17/20- 8. Männer-Abt. Höchstestr. 36/37.- 2. Lehrlings- Abt. Skalitzerstr. 55—56.— 4. Lehrlings-Abt. Slephanstr. 3.— 5. Lchrl.-Abt. Ackerstr. 67.—„Freie Tunierschast Jobannisthal" abds. 9—10 Uhr Seilst- leben.— Tunierschast d. V.„Nereus"(gegründet 1882), Lehrlings- Abt. 8—10 Uhr abds. Reichenbergerstr. 131—132.—„Arb.-Turnv." in Adtershof, Schmailier, BiSmarckstr. 16 8'/-— lO' tz Uhr abends Gesang». Tnrn- und gesellige' Beecine. Sonnabend: Thcaicrv. „Boheniia", Schulz, Vctcranenstr. 18.— Theaters.„Normania" jeden letzten Sonnabend im Monat, Leichnitz, Fruchisir. 36a.— Bergnügnugsv.„Helgoland II", jeden Sonnabend nach dem 4. im Monat, Lehman», Lübbenerstr. 9. — Skatllub„Fortuna", Kratzat, Hutienftr. 1.— Rauchklub„Domröschen", Krüger, Fennftr. 3.— Tbcaierv.„Nordstern", Schulz, Dunckerstr. 90.— Theaierv.„Alpenrose", Badstr. 35—36.—„Vereinigung der Turnsreunde", 8>,tz— lOV. Ahr abds. Demminerstr. 56—57.— Tumv.„Osten", Turnhalle Blumenstr. 63a, R/z— 10 Uhr abds. Männer- Abt.— Ziiherllub„Erika", Müller, Hessische- niid Hannoverichestr.-Ecke.— Theaierv.„Othello 1", Nowack, Manteuffelstr. 9.— Skatklub„Hurra", Süike, Skalitzerstr. 69. — Theaierv.„Tbalia", jeden Somiabeiid nach dem 1. u. 15. im Monat, Lindeae, Andreasstr. 33.— Kegelklub„Kalte Neune", Holzmarkt str. 72.— Thcater-Gekcllschafr„Einigkeit", Bingenian», RheinSbcrgerftr. 53.— Schau- spielklub„Goethe", Koppenstr. 65.— Ziiherllub„Edetwtth", Rosenihaler- nrahe 11/12.— Rad-Renn-Klub„Allrmania", Honiey, Zorndorferstr. 20.— Vergnüginigsv.„Frisch-Ans", Köpnickerftr. 39a Bildiingsverci»„Mehr Licht," Bibliothekstunde 9—10 Uhr abdS., Gärtner, Motkenstr. 12. Böhmisch-slavischer BildungSV.„Hawlischek", Restaur. Zur neuen Post, Bcuthstr. 21. Deutscher socialdeuiokratischer Leseklub in PariS. Eafä Sc Procope, Rue de rAneienne-Eouiedie 13. Jeden Sonnabend öffentliche Ver- fammlung; reiche Bibliothek, Zeitungen, französischer Unterricht. Lviidv». Der einzige hiesige söeialdcmvkr. Verein Londons, der alte, von Karl Marx inid Friedrich Engels 1846 mitbegttindete Kommunistische Arbeiter-Bildlmgövereln befindet sich nach wie vor 49 Toueiiliam Street, Tottenhnm Court Rd., W. London Alle Ansragen in gewerkschaftlichen und parteigenössischen Angelegenheiten sind an vorstehende Adrcste unter Bereich- iiung:„An den 1. Sekretär" zu Händen des Vereinsvorstaiides", zu richten. Berel» Vorwärts» Johannisbnrg(Transvaal). Baeinsw..>l Progreh-Bierhalle, Corner of Marshall and Small Street. Freireligiöse Gemciiidc. Sonntag, den 30. Juli, von». 8l/z Uhr, im oberen Saal des„Englischen Gartens", Alexandcrstrahe L'c, Versammlung: Freireligiöse Vorlesung.— Um lO'/j Uhr vormittags eben- daielbst. Vortrag des Herr» Wilhelm Bö Ische:„Freidenlerlum und Fttedensbewcgung". Gäste, Herren und Damen, sehr willkommen. Kousiiiiivereiil„lxiutracht". Heute abends Vs� Uhr: Vortrag im Vereinslolal Aiinenftrahe 9. Tischler- Vcrci». Heule abend S'/j Uhr, Melchiorstrahe 15: Ber- saunnlung._ VevmisÄzkes- Einen DodcSsturz machte vor einigen Tagen der Berliner Artist Emil Kuutze, Sohn ciucS hiesige» Tischlermeisters, im Cirque du Nord in Kopeuhagcu, wo cr als Mitglied der Rclmupagos- Tnippc auftrat. Bei Einübung eines schivicttgeu Tricks, ivelcher darin bestand, auf mehreren übereinander gestellten Stühlen Balance zu halten, glitt cr plötzlich aus und fiel zu Boden. Seine Kameraden eilten dein Bewußtlofeitzttofort zu Hilfe und sorgten für seine Ucber- sührrmg ins.Hospital, wo die Äcrzte einen Bruch des Rückgrats kouftaliertcn. Der kluglückliche tonnte, als er wieder zum Bctvußt- sein kam, nur noch einige Worte stammeln und erlag bald darauf scincn Leiden. Die bcdaueriisiverten Eltern wurden sofort von dem traurigen Ereignis benachrichtigt. Zu dcm im U-Zuge Vcrliu-Rydtknhncii verübten Verbreche«— die russische Uuterthauin Jefchinsli hatte bekanntlich ihren Säugling während voller Fahrt aus dem Conpefeuster geworfen— wird uns weiter gemeldet, daß die unnatürliche Mutter inzwischen in das Königsbcrger Gcrichtsgefängnis als Untersuchungs- gcsangene eingeliefert wurde. Hier wurde sie in der Kranken- abteilung unter Beobachlnug gestellt und das Ergebnis war, daß der Gefäiignisarzt sie als geistesgestört erklärte. Infolge- dessen muhte die Frau nach dem städtischen Krankcnhause übergeführt tvcrdcn, um demnächst einer geeigneten Anstalt überwiese» zu werden. Die Gerichtsbehörde dürfte daraufhin die Anklage wegen Mordversuches fallen lassen. Tic Tchiffskatastrophe auf der Wolga ist nicht von so schweren Folgen begleitet gewesen, als es die erste Mitteilung schilderte. Wie jetzt amtlich berichtet wird, sind vier Personen ertrunken. Pest in Bombay. In Poona lvnrden vorgestern 151 Er- krankringen und 121 Todesfälle an der Pest gezahlt. Unter den Erkrmikten sind 4 Europäer. Briefkasten der Redaktion. Tic jimstiichc S»'»c.1>«u«de wird Ticnötiifiö, TvuucrstagS imb Frcitiigs«bcnds tiuu 6 l>iö 8]tT)i' aiigciurltc». aietf, Eisfcld. Bncfliche Antwort erteilen wir nicht. Der Schieds- mann ist durchaus im Recht. Wenn Sie einen Zahlungsbefehl erwirken wollen, so uiiissen Sic sich selbst an das Amtsgericht mit dem Antrag auf Erlag eines solchen wenden. R. P. Wahrscheinlich, allein wir verfügen über leine derartige Adresie. B. B. 100. 1. Nein. 2. Cr kann dann wegen Beleidigung verklagt werden.— Zl. T. B. 71. Ohne nähere Darlegung des Sachverhalts nicht zu beantworten.- C. 1. Ja.- P. Ti. ÄS. Sie müssen beim Amts- gericht Zablungsbefehl wegen des Restes beantragen und, falls der Be- treffende Widerspruch erhebt, klagen. Kostenpunkt etwa 2 bis 6 Mark.— (S. 100. 1. Mit der Doppelversicherung gegen Krankheit verhält es sich folgeiidennagen: Ein Krankenkassen- Versicherungs- verpflichteter kann niemals gleichzeitig zwei Orts-, Betriebs-, Fabriks-, Bau-, Jnnungs- oder iinappfchastskaucn angehören. Sowie jemand zu einer Beichäsliguiig übergeht, für welche eine Orts-, Betriebs-, Fabrik-, Bau-, In- uungs-, Knappschaftsknffe besteht, wird er kraft Gesetzes Mitglied der seiner Beschäst g ing entsprechcndeu Kraukenkaffe und verliert die Mitgliedschaft der Gemeinde-, Orts- ec. Kasse, der er früher angehört bat, auch wenn er Beiträge irrriimlich weiter zahlt. Wohl aber kann jemand einer Gemeinde-, Bau-, Orts- k. Kraukenkaffe und gleichzeitig einer oder mehreren Zuschuv- oder Hilsskassen augehören. Solchen Doppelversichertcn wird jedoch das Kranken- gcld seitens der Orts-Krantenlaffc soweit gekürzt, als dasselbe zusammen mit dem aus der Zuschuß- oder Hilfskaffe bezogenen Krankengelde den vollen Betrag des durchschnittlichen Tagelohnes des Versicherten übersteigt. In- dessen kann durch Statut der OrtS-Krankcnkaffe bestimmt weroeti, daß solche Kürzung nicht stattfinden dars. Im Kassenstatut kann auch die Ver- pflichtung der Kassenmitgliedcr ausgesprochen werden, andere Versicherungs- verhältniffe, aus denen ihnen ein Anspruch aus Krankenuntcrstützung zu- steht, binnen einer Woche nach Eintritt in die Kasse und, wenn die Ver- stcheruugen später abgeschloffeu werden, binnen einer Woche nach dem Ab- schlug dem Kassenvorstande anzuzeigen. 2. Nein.— Rauch. Unerhebliche Narbe am Hiuterkopf.— E. 1874. Unfallrentc wird auch mach Ver- heiratung des Verletzten gezahlt. Kürzung oder Aushebung kann nur ein- treten, wenn der Zustand'sich gebeffert hat. Das ist in Ihrem Fall aus- geschlossen. Müller 100. Sobald das Faß aufgestellt ist, teilen wir eS Ihnen mit; geduldigen Sie sich bis dahin. Bormann. Wenden Sie sich an die Gewerkschaft.—(£. L. Es kann Ihnen nur der für zwei Monate zu entrichtende Klebebcitrag in Abzug ge- bracht werden,— I. K. 10. Sie mühte innerhalb drei Monaten nach Eheschliehung unter Ueberrcichung der Jnvaliditätsrenten und der standeS- amtlichen Heiratsurkunde bei dem Vorstande derjerö-gerr Vcrsicherungstanstalt, an welcher zuletzt Beiträge entrichtet ip«den sind, den Antrag aus Wiedererstattung stellen.— Fuhr. Ja.— E. I. Nein. — Zwei Streitende. 1. Ja. 2. Sie könnten sich an das Vormtmdschasts- gericht unter Darlegung des Sachverhalts wenden.— Riedel. Schriftliche Antwort erteilen wir nicht. Die Beantwortung Ihrer Frage hängt davon ab, wieviel Miete Sie zahlen, ob monatliche, vierteljährliche oder jährliche Miete vereinbart ist und wieviel die jährliche Miete beträgt.— Zl. K. 100. Die Ihnen von der Anstalt erteilte Auskunft ist zutreffend: einen Anspruch auf Rückerstattung der Klebcmarkcn haben nur die Witwe und die Kinder. — vi. G.. Ripdorf. Das Gewähren wäre steuerpflichtig. Die Nicht- beachtung würde etwa 96 M. Gcwcrbestenerstrafe für eine Flasche Verlaustes und in der Bude Verzehrtes kosten.— G. H. 100. Stein. Marktpreise von Berlin am 27. Juli 48Si> nach Ermittelungen des kgl. Polizeipräsidiums. D.-Ctr. ai>tt«cri,ugsiibersicht vom 28. Juli 1800. morgens 8 llhr. Stationen Se H si O« SZ I»« Swinemde. Hamburg Berlin Wiesbaden Mimchell Wien 767SW 767 WSW 770-» 770 0 768 NW Wetter öS gö w ötationen 744 2Regen 11 774 765 771 N SW ONO 4wolkig 4' bedeckt Äbcdcckt 3 wölken! «bedeckt llchcitcr Wetter-Prognose für Sonnabend, de» 2!». Juli 180!» Ziemlich kühl, zeitweise heiter, vielfach wolkig mit leichten Regeusällen und mähigen bis frischen westlichen Winden. Berliner W e t t c r b u r e a u. Haparanda Petersburg Cork Äberdcen Paris L L Ä B 1= Welter öS Ihlb.bcd. 2 bedeckt Phlb.bed »)Wcizen »)Roggen Fntter-Gerste, Hafer gut, „ mittel ., gering Richtslroh Heu„ sstErbsen„ f)Speiscboh»en» chsLinsen„ Kartvffclw neue Rindfleisch, Keule 1 stg; do. Bauch„ ) Ermittelt pro 14,70 13,80 13,- 15,— 14,30 13,70 3,83 4,- 25,- 25,— 30,- 5,— 1,20 ].- Schweinefleisch Kalbfleisch Hammelfleisch Butter Eier Karpfen Aale Zander Hechte Barsche Schleie Bleie Krebse Ist« 60 Stück lüs per Schock 1,60 1,60 1,60 2,40 3,60 2,00 2,80 2,60 2,40 1,80 2,50 1,40 12,— 1,— 1,— 1,- 2,- 2,40 1,80 1,20 1,20 1,20 0,80 1,20 0,80 2,50 16,10 15,05 13,50 15,60 14,90 14,20 4,16 6,30 40,- 50,- 70,- 10,- 1,60 l,20l Tonne von der Centralstelle der Preith. Landwirt- schastSkaittiner— Nolieriingsslclle— und umgerechnet vom Polizeipräsidittni sür den Doppel-Centner. f) Kleinhandelspreise. Produkten markt vom 28. Juli. Die Getreideprcise haben bei Schluß des gestrigen Verkehrs noch eine leichte Abschwächung erfahren und blieben heute»»verändert. Obwohl die Tendenz infolge des trockenen Wetters, welches abschreckend auf die Käufer wirkte, eher schwach und der Verkehr sehr still war, wurde eine rückgängige Preisbewegung sür Brot- getreide dadurch verhindert, daß in den Provinzen, wie es heißt, die Re- sultate des Roggendrnsches den gehegten Erwartungen nicht entsprachen. Weizen und Roggen behaupteten am heutigen Frühmarkte das Niveau der gestrigen 2 Uh> preise. H.a f e r lag ziemlich fest, R ü b ö l leblos. Am Spiritus markt wurden 12 500 Liter 70er mit 43 M.(unverändert) gehandelt. Termine lagen still, weichend. Kartosfelfabrikate. Feuchte Kartoffelstärke per 100 Kg. brutto inkl. Sack— ,— M, Prima trockene Kartoffelstärke per 100 Kg. brutto inkl. Sack und Mehl 19,40 M., do. Siipra trockene Kartoffelmehl per 100 Kg. — ,— M., Kartoffelmehl per 100 Kg. brutto— ,— M. Prima Kartoffelmehl per 100 Kg. 19,50 M. Perband der Modelpolierer. Mittwoch, de» 2. August, bei Urban, Friedrichsbergersirnffc 11; Sitzung der Vertraueusmättuer. Die Mitglieder werden ersucht, in der öffentlichen Versammlung am Montag, den 31. Juli, bei Keller, Koppenstr. 29, pünktlich zu erscheinen. 146/10 Tee Vorstand. Möbelpolierer. Montag, den 31. Juki, abends 8 Uhr, bei Keller, Koppenstr. 29: O elfent liclie V ersauiiiilimg'. Tages-Ordnung: 1. Bericht des Delegierte», und wie stellen wir uns in Zukunft zu der Berliner Gewcrkschaftskonimission? 2. Ver- jckffedenes.— Den Kollegen zur Kenntnis, daß aus unfern Wunsch kein Llchelsdorser Bier ausgeschenkt wird. 147/1 Ter Vertrauens»»«»»: A. Niese. Achtung:"MU KT Achtung! Hranerei Arbeiter. Am Lo»»ntag, den SO. Juli, nachmittags S Uhr, im Saale dcS Herr» Cohn» Bcuthstrastc 18—21: Oeffentliche Versammlung. Tages- Ordnung: 1. Der Boykott über die Brauerei Pichelsdorf»ud die damit ver- bundcne Lohnrcduzierung, sowie Verlängerung der Arbeitszeit. 2. Dis- kussion und Verschiedenes. iW Die Direktion der Pichelsdorfer Brauerei, sowie die Jnter- esscntcn derselben werden hiermit eingeladen. 41/4 I»er Vertrauensmann. Arbeiter Nadfahrervereiu„Vorwärts" Köpenick. Sonntag, den 30. Juli, nachmittags 4 Uhr:[13/G Kmiitlillies Beismilenselll iini) Theater-Vorstellung im Lokale des Herrn G. Lindenhayn, Grünau. Sämtliche Buudesmitglieder ladet freundlichst ein Der Vorstand. Allen meinen Freunden und Bekannten die Mitteilung, daß ich Kursürsttilliamlil 126 lHalensee) Gartenlokal überiiouimen habe. Für Kremser, Fußparticu die erste Haltestation am Bahnhof Halensee. Zahlreichem Besuch entgegenschend 2246L� _ Hochachtungsvoll___ I'anl Hilpert. Schönhauser Allee HöTlOS. Neu rciiou. Garten(6000 Personen fassend) mit ncugebautcr Bühne für Vereine, Großer Tanzsaal. 201 IL« Grttsste Vniksbeiasti�nnxen ia xaa» Heriin. __ Kaffeeküche von 2 Uhr an geöffnet._ ist der schönste Ort für Herrruparticn und Aus- flüge? Auf der Insel Pichclsiverder 1671L» Jägerhaus Wo? beim alten Jrennd. _ Neue massive Taiupfer Anlegestelle. 01ier-8vhölleveiae.�L Lehöuer sehattiger Kartell, ktegeldahll, 7all2saa!. Ksileeldicli«, Ltr. 60 Pf. Bayrisch 10 Pf. Weissbier 20 Pf. fep Charlottenbnr�- Westend. Doffmonns Wlhsgotten. Kastailitn- Allee 1. Säle zu Versammlungen und Festlichkeiten. 2072»* /QJT" Zwei Kcgelbahncii— KatTeckUciie. 9U Jtti Garte» jeden Sonutag: Frei-Konzert. Täglich: Grosses Eseifahren. Tour 5 Pf. Carl HolfniaMn. Alexandcrstr. 27e(Englischer Garte»), ECAi - s-'.v.rö, r Potsdam. [20738* ö Voigts Blumengarten. Empfehle mein grobes Garten-Restaitraut allen Parteigenosse Empfehle mein grosses Garten-Restaurant und BckaiiMcn zur geneigten Beachtung. Parteigenossen •lob. llaiin. 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D i e Lage der Bergarbeiter.— Die Broschüre ist als erstes Heft einer Serie gedacht, in welcher zwecks wirksamer Ausnütznng bei der praktischen Agitation alle die Materien behandelt werden(z. B. Schulwesen, Steuergesetzgebung, Verein swesen, Justizpflege, Eisenbahn- und Verkehrswesen, Licbesgabenpolitik), welche der L a n d e s g e s e tz g e b u n g und dem Drciklasseii-Lanbtag vorbehalten sind, deren Verhandlungen aber nicht in dem Maße für die Agitation ausgenützt werden können, wie sie es, in Anbetracht des wirksamen und„aufreizenden" Materials, eigentlich verdienen. Dies hiennit möglichst nachzubolc», ist der Zweck dieser Broschüre. i Wirtshaus Schmargendorf, WanicniUnder Strasse 6.(Direkt am Gruuewald belegen.) Bringe hiermit allen Freunden und Genossen mein Lokal in empfehlende Erinnerung. Jede» Sonntag: Gi/cisZev Vttll. 19102* «assceküche von 2 Uhr ab geöffnet. Carl Baier. TppntniA/ Holllwein,s Keglersdilösschen, II UlJlUVVi Grosser seil attl{per Garten. 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Am 25. Jult starb plötzlich mein lieber Sohn, unser lieber Bruder und Schwager, der Tischler Nilhelm Sluriebecher im 47. Lebensjahre. 1558b Die Beerdigung findet am 30. Juli, 5 Uhr nachm., von der Leichenhalle des Emmaus-Kirchhoscs auS statt, Die trauernden.Hinterbliebene». Todes-Ätnzeige. Am 25. Jnli starb ganz plötzlich Ullier werter Kollege, der Tischler Wilhelm Sturzebecher. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 30. Juli, nachmittags 5 Uhr, von der Leichenhalle des Emiuaus-Kirch- hoses statt, 1559b Ehr« seinem Anbeuten! Die Kollegen d. Tischlerei von G. Olm, Kvpiiickcrftr, 127._ Umsonst! nicht, aber spottbillig, beim nur für« Ulli, versende ich gesie» Nachnahme eine große hochfeine Coneert-Aecorb-Zither mit S Manualen, 2h Saiten, elegant ausgestattet, wundervoll im Ton und in einer Stunde zu eeierue». früherer ifteis dicker tztther da» Povpette. Verjaudt komplet mit neuester Schule, Notenständer, Siimmapparat, Schlüssel, Ring und Sortoii. 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